Gernulf Olzheimer kommentiert (DCIX): Soziale Teilhabe

8 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hin und wieder steht religiöses Brauchtum auf dem Programm, ergänzt durch Konsumfesttage, an denen Schnittblumen und Süßwaren eine tragende Rolle spielen, weil sonst der Einzelhandel greint. An Ostern und Halloween haben wir uns gewöhnt, an Mutter- und Vatertag, Sankt Grobian wird sicher demnächst mit Alkoholrabatt begangen, kurz: das Bürgertum ergeht sich im Kaufrausch, der Tradition wird und allerhand Begehrlichkeiten weckt. Bald ist einfache Vollmilchschokolade zu Pfingsten nicht mehr standesgemäß, und eifrig ballert die Industrie kostspielige Produkte ins sonntägliche Heftchen, das den Umsatz ankurbeln soll. Alles schenkt, nur einer macht wieder nicht mit, der Erwerbslose, die Grundsicherungsempfängerin, der nur aus Pietät zur Party geladene Paria. So schnell macht man sich in einer Wohlstandsnation unbeliebt, wenn man nicht die soziale Teilhabe für sich beanspruchen kann.

Der technokratische Schwammbegriff umfasst für die etablierte Mittelschicht alles, was es den im Kapitalismus notwendigerweise Abgehängten mit Eigenverantwortung und Motivation erlauben soll, ihr Recht auf Gleichbehandlung wahrzunehmen. Es funktioniert wie die formschöne Rampe, die man an die Front eines öffentlichen Gebäudes schwiemelt, um Rollstuhlbenutzern noch einmal freundlich in Erinnerung zu rufen, dass sie ohne fremde Hilfe das Ding nicht hochkommen – wer nicht ständig selbst seine existenziellen Bedürfnisse organisieren kann, darf gerne draußen jammern. Das Andersartige von Menschen, die ersichtlich nicht derselben Schicht angehören, führt unweigerlich zu dem Schluss, sie würden so lange an das Gefühl der Ausgrenzung gewöhnt, bis sie es als gegeben hinnehmen, nicht mehr hinterfragen und sich entsolidarisieren, wie es das System voraussetzt.

Zunächst wird die Offenheit des Begriffs für ein möglichst umfassendes Potpourri zivilisatorischer Komponenten genutzt, die als Basis des lebendigen gesellschaftlichen Miteinanders Selbstwirksamkeit erzeugen: sozialer Kontakt, Familie, Freundschaft, Kultur und Alltagsästhetik, Mobilität, Religion und schließlich die Interessenwahrnehmung im politisch organisierten Leben. Je mehr inkludiert wird, desto mehr kann man aber aus den üblichen pragmatisch vorgeschobenen Moralgründen ausschließen. Muss ein Erwerbsminderungsrentner Heimtiere haben? Ist Langzeiterwerbslosen nach der Sozialbestattung noch eine Grabstelle zu zahlen, wo sie doch selbst davon gar nichts mehr haben? Und welche Wirkung hat das auf Gesundheit und Resilienz Betroffener, die schon zu Lebzeiten wissen, dass sie danach eine lästige Kostenstelle bleiben?

In der kapitalistischen Gesellschaft ist sozialer Austausch immer Warenaustausch – inbegriffen die Zeit, die für die bedarfsgerechte Lebensführung der finanziell benachteiligten Haushalte gerade unter prekären Umständen aufläuft, die aber auch mit der reinen Verwaltung ihrer Bedürftigkeit mitunter ein Ausmaß annimmt, das nur den Schluss zulässt, es sei der Vorstellung sadistischer Trottel entsprungen, die ihre anale Phase nicht verdaut kriegen. Mit den Instrumenten einer durchgängigen Segregation wird die Klientel der Benachteiligten aus der Optik, dann aus dem Diskurs geschoben, bis man sie nur noch hervorzerrt, um Sozialpornos und Schauermärchen mit ihnen zu besetzen: quarzende Suffköppe, die am Spielplatzrand hocken, obwohl sie doch früher noch so gerne ins Kammerkonzert gegangen sind. Wehe, sie sind zur Hochzeit eingeladen, haben aber keine vorzeigbaren Schuhe, weil sie nichts ansparen konnten wegen der kaputten Waschmaschine von vorletztem Jahr. Dann waren sie sicher nur nicht kreativ genug, um in Badeschlappen in den Wald zu latschen wegen Frischluft und Bewegung.

Das Problem ist, dass die Reichen die Maßstäbe bestimmen, nach denen Teilhabe gerechnet wird – und die Distanz, die sich in Lohnabstandsgebot und Gutscheinen misst, mit denen man im Supermarkt den antrainierten Akt der Erniedrigung vollziehen muss, für den findige Politikerinnen gerne auch ein Unternehmen gründen lassen, in denen Schwager und Brüder sich die Nase vergolden lassen, damit wenigstens die Abrechnung der Armenhilfe schnell in die Kassen der Konzerne findet. Ausgrenzende Teilhabe ist nichts anderes als ein Dauerlockdown, ein kafkaesker Strafantritt aus Mangel an Beweisen für die Unschuld, weil sich die sogenannten Stützen der Gesellschaft einreden lassen, Freiheit sei nur, was anderen schade.

Wie weit sich die Besitzverhältnisse von der realen Produktivität abgekoppelt haben, zeigt nicht nur die Ungleichheit. Alle Versprechen, aus der Marktwirtschaft ein soziales System zu formen, das auch die Zivilgesellschaft stützt und im Gegenzug von ihr gestützt wird, gehen aus immer neuen Sachzwängen über Bord. Je weiter sie in höhere Schichten vordringt, desto größer ist ihr Bestreben, unsichtbar zu sein. Die Bewältigungsmuster aber, mit denen sie die Gefährdeten konditioniert, sind stets dieselben. Auch hier entwickelt sich die an inneren Konflikten orientierte Schuld- in eine an äußeren Maßstäben ausgerichtete Schamkultur. Die Autorität ersetzt das Gewissen. Was soll schon schiefgehen in einer perfekten Demokratie.


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