Parlamentarische Demokratie

11 04 2022

„Jetzt sagen Sie mir mal ganz ehrlich: wen soll man denn heute noch wählen?“ „Die Frage ist doch wohl eher, ob man überhaupt noch wählen soll.“ „Also da bin ich ganz entschieden dafür – es gibt Länder, da gehen Menschen bei Lebensgefahr auf die Straße und demonstrieren für freie Wahlen.“ „Wenn Sie sich die deutsche Politik ansehen, denken Sie dann, dass sich das im Ergebnis so sehr unterscheidet?“

„Sie sehen das doch an allen Ecken und Enden, die Politiker machen einfach nicht, was das Volk will.“ „Das ist weniger das Problem.“ „Sondern?“ „Die gewählte Regierung tut nicht das, wofür sie gewählt wurde.“ „So oder so, das geht doch nicht!“ „Ich nehme an, es liegt an dieser Koalition, die nicht dem Wählerwillen entspricht.“ „Dann muss man diese gelben Lackaffen endlich rauswerfen, bevor sie noch mehr Schaden anrichten.“ „Das wird allerdings ohne eine politische Umwälzung oder Neuwahlen nicht zu machen sein.“ „Meine Güte, es geht doch nicht so weiter mit einer Regierung, die sich gegenseitig auf den Füßen steht, weil ein Prolet mit Porsche seine Impotenzneurose nicht in den Griff kriegt!“ „Jetzt regen Sie sich mal ab, es steht doch jedem frei, sich selbst politisch zu betätigen.“ „Sie sind gut – laut Grundgesetz wirken Parteien an der politischen Gestaltung des Landes mit, aber von Besitzen hat da keiner etwas gesagt!“ „Wollen Sie etwa gleich eine eigene Partei gründen?“ „Was soll man denn sonst machen, wenn die sogenannten etablierten oder auch Volksparteien sich sämtliche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte unter den Nagel gerissen haben und nur noch Befehle ausführen?“ „Da ist etwas dran.“

„Sie sehen es doch momentan an jedem Thema, Impfpflicht, Tempolimit, Energiewende.“ „Die Politik kann nicht immer nach Umfragen handeln, sonst haben wir bald Zustände, als würde jeder Bauer seinen eigenen Wetterbericht bestellen.“ „Es sind aber Dinge, die das Volk seit Jahren will und immer wieder fordert, und dann kommen in jedem Wahlkampf wieder dieselben Versprechungen.“ „Da sehen Sie mal, dass Parteien auch auf ihre Wähler reagieren.“ „Dabei bleibt es dann aber auch.“ „Es hilft nichts, dann müssen Sie in die Politik.“ „Das ist nicht mein Job.“ „Probieren Sie’s doch aus, ich stelle mir das sehr amüsant vor.“ „Sie meinen, die meisten kommen neben ihren ganzen Nebenjobs in Aufsichtsräten und Beraterbuden gerade noch dazu, sich ein paar Millionen mit dreckigen Maskendeal unter den Nagel zu reißen und finden das besser als langweilige Arbeit in Ausschüssen.“ „Sie können es dann ja besser machen.“

„Ich verstehe Ihren Zynismus, aber die meisten Bürger fühlen sich von dieser Politik inzwischen nur noch im Stich gelassen.“ „Naja, Freiheit ist eins der höchsten Güter, in der Nationalhymne kommt sie auch vor, also kann’s ja so verkehrt nicht sein.“ „Es kann doch nicht unsere Aufgabe als Bürger sein, die Regierung mit wissenschaftlichen Fakten zu versorgen und zu befehlen: tut dies, tut das.“ „Ja, das liefe dem Freiheitsgedanken schon zuwider, wenigstens bei gewissen Koalitionsparteien.“ „Es ist auch nicht Aufgabe der Bürger, der Opposition zu sagen, wann und wie und wo sie die Regierung zu kontrollieren hat.“ „Macht die das denn?“ „Bis jetzt habe ich von der Bande nur hirnloses Gefasel gehört und dümmliche Hetzpropaganda, um den Bürgern möglichst effektiv zu schaden.“ „Wenn Sie eine Partei unterstützen wollen, wie wär’s dann mit der Opposition?“ „Wieso sollte ich in eine Partei, die dies Land sechzehn Jahre lang mit Korruption und Bräsigkeit in die Scheiße geritten hat?“ „Wenn Sie es dialektisch betrachten, kann eine ordentliche Oppositionsarbeit mittelbar der Regierung helfen, den Pfad der Tugend zu finden.“

„Es kann doch nicht sein, dass wir alle wissen, was getan werden muss, in der Klimakrise, in der Gesundheitskrise, in der Digitalisierung, auf dem Arbeitsmarkt und im Sozialwesen, in Verteidigung und Bildung und was weiß ich noch, und diese Partien scheren sich einen Dreck um alles das, was vernünftige Menschen und Aktivisten und Forscher seit Jahrzehnten tun und sagen.“ „Finden Sie nicht, dass man das auch mit den Mitteln der jetzigen parlamentarischen Demokratie in den Parteien auf die Tagesordnung bringen könnte?“ „Hören Sie mir überhaupt zu?“ „Sie bewegen sich gerade wieder in die Richtung, wo Sie eine eigene politische Partei für erstrebenswert halten.“ „Vielleicht wird das eh bald verboten.“ „Sind Sie jetzt auch der Ansicht, dass wir in einer Diktatur leben?“ „Nein, aber die Eigenverantwortung, die die Politik fordert, wird ja immer da abgewürgt, wo die Bürger mal das tun, was Politikern unangenehm wird.“ „Wir können ja Neuwahlen machen.“ „Sie denken doch nicht im Ernst, dass ein paar Prozent Unterschied diese Politik noch verändern würden.“ „Bei manchen könnten ein paar Prozent Unterschied schnell zum Steinschlag werden, der einen aus der Wand haut.“ „Und dann haben wir dieselbe Grütze in leicht veränderter Zusammenstellung an der Macht, jeder gibt den anderen die Schuld, dass nichts passiert, die letzte Regierung konnte gar nicht anders, die davor konnte sowieso nichts, und wer darf den Mist dann ausbaden?“ „Also wenn es nur das ist, da kann ich Ihnen einen Tipp geben.“ „Da bin ich ja mal gespannt.“ „Wählen Sie beim nächsten Mal die Alternative für Deutschland.“ „Diesen widerlichen Dreckshaufen?“ „Wählen Sie die AfD.“ „Ich bin doch nicht bescheuert!“ „Bei denen wissen Sie vorher, dass sie gar nicht in der Lage wären, auch nur ein einziges Wahlversprechen zu halten.“