Interdisziplinär

13 04 2022

Sie standen in kleinen Grüppchen zusammen und redeten leise aufeinander ein. Die meisten waren mittelalte, mitteldicke Männer. Nur vereinzelt ging einer von ihnen durch die Halle, blickte ab und zu in einen Schnellhefter oder murmelte vor sich hin. „Wir haben regen Zuspruch“, freute sich Doktor Eckermann. „Das Bildungswesen ist doch gar nicht so schlecht, wenn man es privat betreibt.“

Das viersemestrige Aufbaustudium stand jedem zur Verfügung, hieß es im Informationsfaltblatt. „Worauf baut denn dieses Studium auf?“ Der Chef des Instituts wiegte den Kopf. „Das kommt darauf an, so einfach lässt sich das nicht sagen. Aber wir geben uns im Regelfall mit einem Schulabschluss und einem Aufnahmegespräch zufrieden.“ Ich sah in den Lehrplan. „Sie verlangen eine Menge von den Absolventen“, mutmaßte ich, „auch wenn es sich größtenteils um Theorie handeln dürfte.“ Er nickte. „Das Studium der Expertologie ist neuartig und verspricht große Erfolge, außerdem ist es in der deutschen Bildungslandschaft geradezu großartig integrationsfähig.“ Das verstand ich nicht. „Nun“, lächelte Eckermann, „damit man Ihnen irgendetwas abnimmt, reichen zwar theoretische Kenntnisse, aber doch nicht ohne einen offiziellen Titel.“

Der erste Kandidat stand nun also vor unserem langen Tisch und wartete aufgeregt auf die so lange vorbereitete Zwischenprüfung. „Bitte fangen Sie an“, forderte die Beisitzerin ihn auf. „Wir erwarten einen Vortrag über die deutsche Wirtschaft.“ „Die deutsche Wirtschaft ist natürlich zuallererst die der Bundesrepublik Deutschland“, brach es aus den dicklichen Kahlkopf heraus. „Als rohstoffarmes Land müssen wir deshalb vor allem Subventionen in neue Technologien stecken, die aber nur durch fossile Energieträger…“ Er stockte. Eckermann malte zwei kleine Häkchen auf das Blatt. Offenbar hatte der Prüfling das Thema verstanden und ein paar sehr allgemeine Allgemeinplätze verwendet. „Und?“ Der Dicke sah verwirrt in die Runde. „Die Wirtschaft ist ja so“, mühte er sich, „der Mittelstand ist am wichtigsten für den Umsatz, aber am meisten Geld ist in der Industrie, die deshalb nicht ohne Kleinunternehmen…“ Die Beisitzerin lächelte. Auch der Chef war zufrieden. „Sehen Sie“, flüsterte er, „es geht doch. Damit gehen Sie in der normalen deutschen TV-Talkshow als Profi durch.“

Der nächste Examinand hatte bereits sehr gute Kenntnisse im Einzelhandel, wurde folglich also in Infektionsbiologie geprüft. „Mut zur Lücke“, sagte Doktor Eckermann. „So eine Ausbildung soll ja das Ziel haben, dass auch interdisziplinäre Forschung in die Gesellschaft getragen wird.“ „Ich kann es mir vorstellen“, antwortete ich. „Einen Virologen, der gleichzeitig einen Supermarkt betreiben kann, wird man ja kaum finden.“ Er musste es überhört haben. „Wir haben es bei Grippe vor allem mit Influenza zu tun“, dozierte der junge Mann. „Das heißt, dass die Sekundärinfektionen, und dazu zählen auch die, die erst nach einer Infektion, und das bedeutet dann, dass man nicht an, aber mit Influenza, die aber nur eine normale Grippe ist.“ Die Beisitzerin setzte ein Häkchen nach dem anderen. „Viele Absolventen bekommen gleich nach dem Abschluss attraktive Angebote aus der Wirtschaft“, erklärte Eckermann. „Der hier ist bereits als hoher politischer Beamter für die FDP im Gespräch.“ Er enttäuschte auch in der zweiten Hälfte nicht. „Wenn Gletscherschwund durch die sogenannte Erderwärmung immer nur als Problem betrachtet wird, dann ist das natürlich nur ideologischer Blödsinn, weil wir gleichzeitig daraus grünen Wasserstoff machen können.“ Ich war schwer beeindruckt. „Er soll vorher zweimal aus einem Rhetorikkurs geflogen sein – großartig!“

Ungefähr ein Drittel der Prüfungsgespräche war geschafft. Doktor Eckermann goss sich einen Tee aus der Thermoskanne ein. „Wenn Sie den Lehrplan einmal genau betrachten, fällt Ihnen sofort auf, dass wir keins der üblichen wissenschaftlichen Verfahren zur Theoriebildung bevorzugen.“ Ich sah auf das Faltblatt. „Genauer gesagt, Sie lehren gar nicht erst wissenschaftliches Arbeiten.“ Eckermann nickte. „Wer sich damit gar nicht erst belastet, fällt in der Praxis auch nicht durch vermeintliche Fehler auf.“ Das machte mich stutzig. „Aber heißt das nicht im Umkehrschluss, dass diese Experten einfach nur ein Sammelsurium zusammenhanglosen Wissens in die Öffentlichkeit tragen?“ „Das ist richtig“, bestätigte er. „Aber sehen Sie sich nur mal unsere moderne Kommunikation an, die sozialen Medien – ohne die Experten könnte man das ganze Internet zumachen, vor allem die öffentliche Meinung, Kommentare und Spezialwissen zu aktuellen Themen, über die es einfach noch keine fundierten wissenschaftlichen Analysen gibt.“ Das war natürlich richtig, denn wie sonst sollte man etwa einen gerade erst begonnenen Krieg beurteilen, wenn man darüber in der Schule noch nichts gelernt hatte.

Der nächste Prüfling war schon in den Raum gekommen. Die Beisitzerin legte die Papiere auf den Tisch, der Kandidat räusperte sich noch einmal und wollte beginnen. „Nicht so schnell“, unterbrach Eckermann, „Wir wollten eigentlich erst die Fragen zum Themenkomplex Straßenverkehr und Chemie stellen.“ Der Mann blickte konsterniert zu Boden. „Eigentlich hatte ich mich jetzt nur auf Fußball vorbereitet, und meiner Meinung nach hätte statt Klinsmann damals gleich Lothar Matthäus Trainer werden müssen, dann wären wir 2006 Weltmeister geworden.“ Die Beisitzerin nickte und Eckermann klappte den Aktendeckel zu. „Ja, das kann man gelten lassen. Mehr wissen die anderen auch nicht.“


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2 responses

13 04 2022
Uli

Das trifft es perfekt. Einverstanden.

13 04 2022
bee

Früher hieß das mal Allgemeinbildung, heute sind es meist Allgemeinplätze.

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