Gernulf Olzheimer kommentiert (DCX): Das dumme Tier

15 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eigentlich verlief sich Uga selten im Wald, aber wenn, dann gründlich. Zwei Sonnenuntergänge lang musste er nun durch die Vegetation stapfen, weil er die Orientierung verloren hatte. Schließlich begann sein Magen zu knurren, und als er einige Portionen Protein auf dem Boden krabbeln sah, überlegte er nicht groß, sondern griff zu. Tierische Nahrung im Snackformat war ihm sonst fremd, bisher musste er immer mit Speer und Keule auf ungehaltene Säuger losgehen. So aber knusperte er eine Handvoll Käfer und überlegte schon, wie er die süßlichen Dinger in seinem Beutelchen in die Einsippenhöhle würde transportieren können. Er hätte zu gern gewusst, ob der jüngst gezähmte Wolfshund das Geziefer mit Schwanzwedeln und Appetit annehmen würde. So aber blieben ihm nur Beeren, ein wenig Moos und der Gedanke, ob er dem Heimtier vielleicht durch ein paar Knochen eine Freude machen könnte. Es war schließlich ein ganz besonderer Hund.

Etwas weiter östlich hatten ähnliche Stämme Hund, Katze, Marder oder Wiesel gleichfalls zum Fressen gern, obgleich auf weniger metaphorische Art. Bis heute ist das Verständnis der Menschheit von Biodiversität das Verlangen der Bescheuerten, sich möglichst schnell möglichst viele Arten in den unterschiedlichsten Garzuständen reinzupfeifen, außer eben wegen religiös-kultureller Tabus, sozial gewachsener Nähe oder Brechreiz auslösenden Ekels ausgenommenen Lebewesen, wobei auch hier fast jede Weigerung erlernt wird – würde sich der gemeine Allesfresser weigern, potenziell gefährlich oder degoutant wirkende Kalorienträger ins Gesicht zu drücken, die Erfindung der Fast-Food-Ketten wäre eine kurze, erfolglose Geschichte geblieben. Dass ein Teil der monotheistischen Religionen den Verzehr von Schweinen ablehnt, hat mehr als einen Grund. Die Erkenntnis, dass das Hausschwein den geistigen Entwicklungsstand eines gut zweijährigen Menschen besitzt, differenzierte Sozialbeziehungen zu Artgenossen unterhält und Emotionen wie Angst, Freude oder Neugier in individueller Ausprägung fühlt, spielt hier jedoch keine größere Rolle. Ein Schnitzel, das „Ich“ sagen kann, möchte man sich lieber nicht vorstellen, und so schwiemelt sich der Grützkopf eine Natur zurecht, in der seine positiven Gefühle artgerecht befriedigt werden: Delfine sind kluge Meeressäuger, die miteinander Spaß haben, Hunde die treuen Gefährten, die das Herrchen auch über unglaubliche Distanzen wiederfinden. Das an uns unverzichtbarste Bauteil ist die Tränendrüse.

Schwieriger wird dieser Subjekt-Objekt-Bezug durch eine neue Kategorie, den Affekt. Er ist nicht nur verhaltenssteuernd, greift weit über instinktives Reagieren hinaus und stiftet ein komplexes System aus Interaktionen innerhalb und außerhalb dessen, was das Ich als Selbst begreift. In ihm entsteht die kognitiv verarbeitete Erkenntnis der Wesenheit, die sich zu anderem und anderen verhält, paradox auch darin, dass die Kommunikation mit anderen Spezies dem scheinbar dummen Tier besser glückt als dem scheinbar intelligenten Menschen. Wie unglücklich muss diese Menschheit sein, wenn sie erkennt, dass nicht nur die vertrauten Freunde – wenngleich diese Freundschaft nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht – wie Hund, Pferd, Katze Schmerz kennen, sondern auch Knochenfische, Mollusken, Bienen. Noch bis in die 1980er-Jahre sah man Säuglinge vor dem Erlernen von Sprache als empirisch gut messbarem Indikator für Intelligenz als nicht in der Lage, Schmerz zu empfinden, und operierte mit geringer dosierter oder ganz ohne Narkose.

Was also den Hominiden auszumachen scheint, komplexe Intelligenz, Sozialstruktur und Emotion, leugnet er aus pragmatischen Gründen bei anderen Arten, wo es ihm vorteilhafter erscheint, als sich die existenziellen Kosten seines Organismenkonsums vor Augen zu halten. Zwar gibt es für Operationen bei Kleinkindern inzwischen Anästhesie, aber keine kognitive Dissonanz zwischen putzigen Kraken im Zoo, wie sie den Pfleger an der Hand erkennen, und ihren in Frittenfett ausgebackenen Armen, die wie Reifengummi in Bierteig auf der Peloponnesplatte dümpeln, damit man mehr Ouzo hinters Zäpfchen gießen kann. Anfassen würde man die Weichtiere sicher nicht, aber Verbrauchen ist okay.

Sträuben sich zusehends weniger, wenn man die Persönlichkeitsrechte des Menschen auf die nahen Verwandten innerhalb der Primaten übertragen will, haben wir bei Meerschweinchen, Ratte und Hase schon eindeutig mehr Ambivalenz. Nicht einmal die Kängurus sind sicher, geschweige denn Tierkinder. Aber die Fähigkeit des Verdrängens scheint eine der Stärken zu sein, die Zivilisation zusammenzuhalten und sie gegen die eigenen ethischen Prinzipien zu verteidigen. Nach dem Fressen kommt keine Moral, vorher sowieso nicht. Wie die Überlegenheit der Art Homo sapiens sapiens (sic!) auch die Zerstörung des Planeten als unangenehmen, aber in die Folgen der Marktwirtschaft eingepreisten Nebeneffekt des Spätkapitalismus hinnimmt, noch viel mehr dulden lässt, dürfte klar sein, dass diese Moral einen Preis hat. Wer ihn zahlt. Und für wen. Die Menschheit hat oft genug bewiesen, was sie ist: schmerzfrei. Wer denkt schon an die Kinder.