Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXI): Das Ende des Wegwerfens

22 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da hatte Rrt gerade noch einmal Glück gehabt. Ein winziger Funke war auf sein verhasstes Fell gesprungen und hatte ein kleines, aber sehr gut sichtbares Löchlein gebrannt, so dass er den Pelz sofort ausziehen musste. Auch die Hauptfrau war’s zufrieden, hatte ihr Ernährer sie doch in einem viel prächtigeren Aufzug gefreit. Ersatzteile waren rar für Säbelzahnziegeneinteiler, Recycling war noch nicht erfunden, also musste den Fummel fortan der dümmliche Schwiegersohn auftragen. Immerhin hat keiner den Anzug entsorgt, wie wir es heute täten, auch wenn wir das Ding billig im Schlussverkauf geschnappt und nie getragen hätten. Es gab sie noch nicht, die immanente Notwendigkeit, jedes Objekt wegzuwerfen, weil sonst ein ganzes Modell an Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft nicht mehr richtig funktionieren würde. Das Ende könnte auch heute nah sein, wir haben es in der Hand.

Der typische Produktlebenszyklus elektrischen Kleingetiers mit Schnur und Schalter sieht heute so aus, dass das Design einzwei neue Schnörkel in die Oberfläche kratzt, wichtige Funktionen durch ein Potpourri unsinnigen Schmodders ersetzt und den Gegenstand gerade so lange überleben lässt, bis die nächste Generation an Zahnbürsten, Rasierern oder Haartrocknern am Markthorizont erscheint, wenn die Kabelführung morsch und das Gehäuse aus schlagfester Plaste unelegant gesplittert sind. Die einzelnen Komponenten lassen sich nicht ersetzen, nicht einmal das bröselnde Kabel durch einfaches Anstecken einer neuen Verbindung tauschen, und hat der Hersteller alles richtig gemacht, dann geht die Maschine in die ewigen Jagdgründe ein, weil der fest verbaute Akku abratzt. Dies freilich ließe sich mit etwas technischem Sachverstand, wenig Werkzeug und ruhiger Hand wieder reparieren, doch will das der Produzent?

Die meisten Gebrauchsobjekte sind bereits so entworfen, dass nur noch der Gang zur Tonne als schmerzfreier Akt vor dem Neukauf bleibt. Bisher haben nicht einmal drohende Rohstoffmängel, die vom Taschenrechner bis zum Smartphone jede neue Entwicklung irgendwann in die Sackgasse führen, die Industrie zum Umdenken durch groß angelegtes Recycling getrieben. Während in Entwicklungs- und Hungerländern unter unsäglichen Bedingungen die Rohstofffirmen unter Einsatz von Sklavenarbeit den Planeten geradezu auswringen, gefällt sich der Konsumismus in seiner Kampfstimmung gegen die Nachhaltigkeit – Pfeifen im Keller, weil sonst die aus kapitalistischer Religiosität und brachialer Beklopptheit geschwiemelte Zukunftsvision in dünnen Rauch aufgeht. Nicht einmal die rapide Verteuerung und eine mögliche Verknappung der Güter schrecken die Unternehmen, wenn man mit steigenden Preisen das für Aktionäre notwendige Wachstum vorspiegeln kann.

Natürlich kann die EU den Verbraucherschutz mit einem Recht auf Reparatur schärfen, aber am längeren Hebel sitzen die Hersteller, die sich das Geschäft kaum von ein paar aufgeregten Beamten vermiesen lassen werden. Kleingetier wie den flanschbaren Gummiwulst A38/II sieben bis zehn Jahre als Austauschware vorzuhalten macht die Waschmaschine nicht besser, wenn das ganze Gerät nicht am Ende des Motorlebens komplett in seine Einzelteile zerlegt und in den Kreislauf gebracht werden kann. Wenn die Trommelaufhängung nur vom fürstlich entlohnten Werkskundendienst mit dem Spezialhämmerchen festgedengelt wird, weil man dem Verbraucher die Neuanschaffung einfach nicht schmackhaft machen kann, hat die Industrie auf lange Sicht ihr Desinteresse an nachhaltigem Wirtschaften durchgesetzt. Hier hilft keine lauthals beschworene Eigenverantwortung, vor allem nicht, wenn der größte Teil der Waren aus chinesischer Fertigung auf den westlichen Markt quillt und nach kurzem Flackern afrikanischer Sondermüll wird.

Solange der Markenfetisch für digitales Gedöns grassiert und jeder Multifunktionsstaubsauger faxt, toastet und fotografiert, bis er nicht mehr faxt, aber dafür auch nicht mehr toastet oder saugt, solange wir uns als Verschleißjunkies mit allerhand Schrott zuballern, wird sich nichts ändern. Zum Glück ist der Fachkräftemangel die wohlfeile Entschuldigung fürs Aufrechterhalten dieses Zustandes, denn wer soll den auf eine einzige Platine gelöteten Fernseher noch mit handwerklichem Einsatz retten, statt ihn schwungvoll in den Container zu schlenzen.

Allein es gäbe einen Ausweg. Um eine richtige Kreislaufwirtschaft in Gang zu setzen, bräuchte es einfach eine Verlängerung der Herstellergarantie auf fünf bis zehn Jahre. Macht der Quirl innerhalb der Phase der geplanten Obsoleszenz die Grätsche, geht’s am Stück zurück nach Hause, bis das Ding wieder rührt. Dazu käme fallweise ein verkürzter Gewährleistungszeitraum, wenn sich die Reparatur nicht oder nur unter unverhältnismäßig hohem Aufwand umsetzen ließe. Früher kauften sich die Menschen pragmatisch teure Dinge in hässlicher Haltbarkeit, die bei guter Pflege vererbt zu werden drohten. Keiner käme heute auf die Idee, einen Radiowecker anzuschaffen unter der Prämisse, dass die Uhr auch in fünfzig Jahren zuverlässig den Morgen zerstört. Eigentlich schade.


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