Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIII): Die Fassadentheorie

6 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Šamši und Salmānu-ašarēd waren wie Brüder, mehr noch: sie waren Brüder, und damit begann das Problem. Als Vormund für den Jüngeren musste der Erstgeborene sein Geschwister gegen die damals übliche Praxis des Verwandtenmordes beschützen, die unangenehme familiäre Konstellationen schnell und unbürokratisch für die konzentrierte Machtfülle klärte. Aus politischen Gründen hatte er für die Vermählung mit der scharfen Yâba zu sorgen, die kaum über eine geistige Grundausstattung verfügte, aber ordentlich Asche und ansehnliche Kurven mit in die Ehe brachte – für den Prinzregenten eine Qual sondergleichen, da er schon der schielenden Schwester versprochen war, die Land und Sklaven hatte, Macht und Ansehen, aber nur den Charme einer Spaltaxt. Als nun Salmānu-ašarēd in Qarqar als General den Speer schwingen sollte, platzte seinem Bruder die Halsschlagader; er stellte ihn in die erste Schlachtreihe, sah seiner Zerfleischung bei einem temperierten Trunk zu und krönte sich nach drei Tagen Staatstrauer zum Alleinherrscher. So weit die Überlieferung, was der dünne Firnis der Zivilisation – so man in diesem Stadium davon sprechen darf – von unserer Triebsteuerung bremst.

Der Mensch ist, so die einschlägige Theorie, nur seine Fassade, eine hübsch verklinkerte Maskerade vor dem Hormonfeuerwerk, das auch nicht vor der Selbstzerstörung Halt macht, wenn man irgendeine Störgröße damit wegschmirgeln kann. Was uns mit kodifiziertem Recht und einer moralisch fundierten Erziehung zu mündigen Bürgern Tag für Tag davon abhält, die gesamte Menschheit über die Wupper zu schicken, ist ein fragiles Konglomerat aus Vernunft, Impulskontrolle und dem, was wir Gewissen nennen – die Angst, dass bei einem Ausbruch des Es das Ich die Zeche zahlen wird. Wie hinlänglich im Leviathan beschrieben ist er, der angebliche Herrscher der Schöpfung, sich selbst ein Wolf, wobei sich der Canide nicht ansatzweise so beschissen benimmt wie der Versager, der sich allen Ernstes für das Ebenbild jenes höheren Wesens hält, das wir verehren.

Doch nicht die Extremsituationen, in denen der Kampf um das nackte Überleben nette Nachbarn, die im Treppenhaus immer gegrüßt haben, zur reißenden Bestie macht, nicht der Weltuntergang oder die schwere narzisstische Kränkung lassen uns zu Arschgeigen mutieren, es ist der Egoismus an sich, die treibende Kraft der kräftigen Triebe, von denen jeder einzeln destruktiv genug ist, um eine ganze Gesellschaft zu zerstören. Schon die Tragik der Allmende zeigt, dass wenige Ichlinge reichen, um eine ganze Gemeinschaft zu destabilisieren. Was auch immer ein ethisches Gerüst gegen die tobende Verheerung der Selbstsucht ausrichten kann, es muss fortwährend neu ausgehandelt, neu verteidigt werden gegen die Zerstörung aus dem Inneren. Das Problem ist nicht, dass es Eigennutz gibt; das Problem ist, dass er zum moralischen Wert erhoben wurde.

Nicht erst durch die Einwirkung totalitärer und menschenverachtender Mächte schwiemeln sich die heimlich Bösen Entschuldigungen zurecht, mit denen sie als Mitläufer, Befehlsempfänger oder im großen Chor der Drecksäcke ihre Nächsten quälen wie sich selbst. Schon durch das Marktprinzip, das als Modell auf soziale Beziehungen übertragen und zur Richtschnur erfolgreichen Handelns gemacht wird, unterscheiden wir andere nach Nützlichkeit. Wir helfen, erwarten aber eine Gegenleistung. Bleibt die aus, lassen wir das aufgeschraubte Lächeln in der Westentasche verschwinden und räumen mit dem anderen auf. Noch den Trost für die Beschädigungen des Mitmenschen spendet der Egoist erst, wenn er sich im Licht seiner eigenen Großherzigkeit sonnen kann, weil das sein Ansehen entscheidend stärkt. Er wahrt sein Gesicht, auch wenn er gar keins mehr hat.

Bei Primatenforschern stieß die Fassadentheorie jüngst auf Kritik, da sich Empathie als evolutionär vorteilhaft für die Anpassung an gruppenspezifische Entwicklungen herausgestellt hat. Leider verfügen Bonobos im Gegensatz zu moralisch geschulten Arbeitnehmern, Wählern und Autofahrern nicht über den Intellekt, der es ihnen erlauben würde, zur Steigerung eines Börsenkurses den Lebensraum einer ganzen Ethnie platt zu machen, weil sie da eh nicht hinfahren würden, solange man die Rohstoffe mit dem Containerschiff nach Europa holen kann. Schimpansen sind auch nicht dafür bekannt, zur Durchsetzung ihrer politischen Ideale Arbeitslager zu errichten. Einige geistig hochstehende Arten verfügen neben der Anlage zum Humor auch über die Fähigkeit, einander anzulügen. Dass sie sich selbst belügen, und das aus strategischen Gründen, wurde bisher nicht entdeckt. Sollten sich Affen und Delfine verabreden, diesen ganzen Planeten in die Tonne zu treten, sie hätten unser Verständnis, falls sie damit den Menschen als permanenten Störer loswerden wollen. Vielleicht schaffen sie es als Meister der Kooperation ja auch, uns als einzig überflüssige Spezies abzuschaffen. Die Welt ohne Menschen wäre ein besserer Ort, nicht unbedingt ein friedlicher, aber eine perfekte Balance, in der es keine Masken bräuchte. Und keine Masken gäbe.


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