Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIV): Klimarealität

13 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung war absehbar gewesen. Obwohl Metuschelach im Kanaanitischen Boten eindringlich gewarnt hatte, blieben die ortsungebundenen Stämme skeptisch. Was hatte die Intelligenz ihnen nicht schon alles angekündigt: das Ende der Warmzeit, Dürren, vielleicht sogar die unabsehbaren Folgen der neolithischen Revolution. Sie aber waren für die Freiheit, sich überall und zu jeder Zeit auf neuem Territorium niederlassen zu dürfen, auch wenn das Volk sich dafür ständig die Schädel einschlagen musste und sich ohne fremde Hilfe dezimierte. Letztlich war das alles egal, die Flut kam doch. Während Noachs Kahn auf den Wogen tanzte, dämmerte es den Deppen in ihren Nussschalen, dass der Anstieg des Meeresspiegels mit dem Abschmelzen der glazialen Stauseen das Ende des Holozäns bedeutete, mehr noch: ihnen wurde der kausale Zusammenhang deutlich, und zwar deutlich zu spät. So ging Klimarealität.

So geht sie noch heute, mit dem Ergebnis, dass die dümmsten Brauchtumsterroristen unmittelbare Auswirkungen des Wandels nicht einmal sehen würden, wenn sie ihnen das eigene Haus unterm Hintern wegschwimmen ließe. Natürlich steigt die Erdtemperatur ab und zu an, dummerweise nur nie so schnell und konsequent in der Geschichte des Planeten. Dass Naturkräfte die Küsten der Welt geformt habe: geschenkt, nur haben die Deppen da noch nicht im Binnenland gebaut und klagten über gleichzeitigen Grundwassermangel. Die Erkenntnis von einer multikausalen, sich selbsttätig von einem Kipppunkt zum nächsten hochschaukelnden Serie von Katastrophen kommt auch heute nicht, und erst recht bleibt das Begreifen aus, dass wir nicht an der Schwelle zum Untergang stehen. Wir sind längst mittendrin und wollen es nicht sehen.

Es brennt gerade so nett in Sibirien, in Ostafrika und Indien verdorrt die Erde, verursacht immense Hungersnöte und Flüchtlingsströme, aus denen der SUV-fixierte Egoleptiker sich die Horrorvision vom Konsumverzicht herbeifantasiert, um mit ruhigem Gewissen kernkorrupte Klötenkönige zu wählen, die sie noch mit fadenscheinigen Lügen zukleistern, wenn die deutschen Mittelgebirge abfackeln. Die unbeholfenen Versuche, allgemein sichtbare Folgen der Überhitzung zu leugnen, sind trotzige Manöver, von einem rotierenden Karussell abzuspringen, indem man die Trägheit der Masse ignoriert. Leider kippt dabei nicht nur das Kompetenzimitat aus der Politik auf die soi-disant Gesichter, wir alle baden es ja jetzt schon aus.

Leider, und das muss stimmen, wenn es uns die Staatslenker einreden, ist der Kapitalismus nicht mit Fahrrädern zu retten, weil irgendwo in einem Dörfchen diese eine Beamtenwitwe lebt, die es mit dem Omnibus nur einmal am Tag zum Einkaufen schaffen würde. Müsste sie auf frische Brötchen verzichten, sie würde sofort eine der unzähligen linksextremistischen Terrororganisationen mit der mühsam von den Hedgefonds abgesparten Pension unterstützen, und das kann doch keiner wollen. Die steigenden Außentemperaturen bekommt auch sie zu spüren, und kann sie ihren Garten nicht mehr wässern, weil zum Wohle der Aktionäre der ganze Landstrich für eine Autofabrik draufgeht, dann ist das ein Opfer fürs Vaterland. Gestorben wäre sie ja früher oder später sowieso. Mit dem Wassermangel gehen auch die Ernten flöten, der deutsche Wein wird knapp, die Freibäder trocknen aus, da sich die Rechnung keine Gemeinde leisten wird, der in jeder Stadt wohlgelittene Springbrunnen ist passé, und es fällt jedem braunblauen Klosteinverkoster leicht, die ökoversifften Umweltextremisten für das eigene Versagen hinzuhängen, da sie es immer so machen: alle anderen von der Klippe schubsen in der festen Überzeugung, irgendwer würde bis zum Aufprall aus dem Inhalt seiner Hosentaschen den perfekten Fallschirm zusammenschwiemeln.

Längst sind wir so weit, wir wollen es nur als Fehler in einem ganz anderen Erdteil entschuldigen, der auf uns keine Wirkung hat. Überhitzte Meere führen dazu, dass die Korallenriffe die färbenden Algen abstoßen und ausbleichen – ein Ökosystem verendet still und quasi als ästhetisches Problem, wie alles, was uns wumpe ist: das Insektensterben, die steigenden Meeresspiegel, Extremwetter, der tauende Permafrost und die daraus resultierende Freisetzung von Kohlendioxid, die den ganzen Krempel nochmals triggert. Schon hört man das Gejodel der Stumpfstullen, die die Wissenschaft der Lüge bezichtigen, weil die Folgen alle eintraten, aber viel früher als befürchtet.

Wir sollten agieren, solange Zeit ist, denn viel Zeit zum Reagieren bleibt uns nicht. Die Meere werden die Seychellen als Urlaubsparadies vom Markt nehmen, bevor Sylt von der Karte radiert wird. Eines Tages heißt es: Imrhein-Westfalen. Mit dem Jetski über Venedig zu cruisen wird cool sein. Aber die Nachfahren werden uns fragen, warum wir diese klinisch bekloppten Kurzstreckendenker nicht einfach an die Wand gestellt haben. Wir haben, sagen wir, auf warmes Wetter gewartet, sie in die Sonne geschoben, den Dingen ihren Lauf gelassen, und schon war die Sache erledigt. Es war ja, sagt man, von Anfang an absehbar gewesen.


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