Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXV): Statussymbole

20 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die älteste Überlieferung berichtete noch vom einzigen Wollnashorn, das sich in die Steppe vor der westlichen Felswand verirrt und fast die ganze Sippe aufgespießt hatte. Irgendwann musste es nach unzähligen Versuchen der Troglodyten, mit Steinen und Speeren das Tier zur Strecke zu bringen, eines natürlichen Todes gestorben sein, was jedoch die Leute in den Höhlen am Fluss nicht gehindert hatte, eine schnittige Story zu erfinden, in der ein Held das Monstrum eigenhändig er- und zerlegt, der Großen Göttin zum Opfer dargebracht und dafür den Oberschenkelknochen als Trophäe bekommen hat. Jener ist bis auf Rrts Tage Sinnbild der Macht, die der Sippenälteste ausübt, und wird übergeben mit einem Hühnergott, der physiologische Details der Gottheit darstellen soll. Der Sinn liegt tief im Mystischen, wird aber nicht angezweifelt, da er ja für die Identität des Stammes konstituierend ist. Vor der Erfindung der Krone sicherte er dem Ältesten die absolute Herrschaft über Land und Leute, und mit ihr sämtliche Wertvorstellungen, die den Klan zusammenhalten. Denn was ein Statussymbol vor allem braucht, ist Status.

Dass Distinktionsgewinn auch aus alltäglichen Gegenständen erwächst, vor allem aus denen, die man ostentativ zur Schau stellt, ist weder neu noch originell. Status ist Schichtbewusstsein, und so war in vergangenen Jahrhunderten der europäischen Gesellschaft auch nicht der Besitz von Gold und Geschmeide verpönt, sondern öffentliches Tragen von Luxusobjekten in obszön anmutender Masse. Nun bleibt der Bekloppte sich treu und schwiemelt immer neue Symptome pathologischer Prunksucht zusammen, um in der Menge aufzufallen: hohe Hüte, spitze Schuhe, tote Tiere, Schleppen, die ein halbes Dutzend Träger nach sich ziehen. So musste man nicht nach weltlichen Titeln fragen, denn der geistliche Adel trug seinen Glitzerfummel schon in beruflicher Mission – was die Reformatoren freilich ärgerte, hatte sich das Geltungsbedürfnis doch weit von der sozialen Verantwortung einer als göttlich empfundenen Ordnung entfernt, so dass auch die Regeln, wer Gold oder Purpur tragen durfte, kaum noch Gewicht hatten, weil sich die Hautevolee in nicht zu bändigenden Extravaganzen sinnlicher Macht austobte, die mit dem spirituellen Ideal einer minimalistischen Gläubigkeit so gar nichts mehr an der gehörnten Kappe hatten. Savonarola verhinderte also den Klassenkampf von oben, als er den ganzen Schmodder auf den Scheiterhaufen schaufeln ließ, und hätte er geahnt, dass sich die Abstraktion des Besitzes neue Ausdrucksformen suchen würde, die Normalsterbliche gleich gar nicht mehr zu Gesicht bekommen sollten, er wäre mit ins Feuer gehüpft.

Denn was die heute Mächtigen als Monstranz der Herrschaft vor sich hertragen, ist nur ein matter Abglanz der eigentlichen Bedeutung, da es auf den monetären Besitz verengt wird, bisweilen auch nur auf die Kreditfähigkeit, aber weder die Legitimation für den Rang noch deren Voraussetzungen spiegelt. Wer genug Scheine hat, um sich Sein zu kaufen, lässt eine unsinnig lange Yacht in irgendeinem Hafer von den Seepocken zernagen, weil er sich zwischendurch auch noch um einen Privatjet und die beiden Wohnungen in den Metropolen nicht kümmern muss. Die Währung der Hegemonie aber ist lediglich Neid, der auch in den niederen Kasten zu skurrilem Nachgeäffe führt, indem man sich mit kindischem Fimmel Zubehör fürs Imponiergehabe anlegt: Gummigucci, nachgemachte akademische Grade, zur Not ein SUV. Gerade die bröselnde Mittelschicht mit ihrer unreflektierten Nachahmung des Modischen, die sie immer wieder zu Parvenüs macht, ist so grimmig mit der Parodie ihrer selbst beschäftigt, dass sie die Folgen der Exklusivität nicht einmal merkt, wenn sie ihr ans Bein pinkelt. Sie schließt sich aus. Und wird ausgeschlossen.

So wirkt denn auch das lässige Herumwedeln mit dem Sportwagenschlüssel, die Mitgliedschaft im Poloclub oder die Armbanduhr zum Preis eines Neuwagens weniger attraktiv als beabsichtigt, da sie den gesellschaftlichen Trend der letzten Epoche repräsentiert: wer auf materiellen Besitz abhebt, ist von der restlichen Zivilisation abgehoben. Man traut der Oberschicht weniger solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Verhalten zu, sieht sie als weniger kooperativ an und traut ihnen keine echte Partnerschaft zu. Genau das aber sind evolutionär signifikante Vorteile, die bis heute in der funktional und semantisch differenzierten Welt über Gedeih und Verderb entscheiden können, völlig egal, ob die katzenvergoldete Uhr die Zeit schneller anzeigt als die billige Digitalkröte.

Ohnehin ist Zeit die letzte verbleibende Größe, die sich noch nicht im materiellen Raster verheddert hat. Sie macht Rentner, Studenten und selbst die sonst so verhassten Erwerbslosen zum Hassobjekt der hart arbeitenden Menschen, wie sie die Politik in jedem Wahlkampf aus Schmierkäse schnitzt. Es ist die Anzahl der Follower in den sozialen Medien, die sinnstiftende Arbeit, die informelle Bildung. Es ist das, was bleibt, wenn das Schmuckkästchen mit der Yacht absäuft. Oder das instinktive Wissen, dass sich eines Tages kein Schwein mehr für NFTs interessieren wird. Wozu auch.


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