Bruttoasozialprodukt

23 05 2022

„Das ist ja genial! Wir haben noch keine Toten, das macht die Besprechung immer ein bisschen lustiger, aber das kann ja noch kommen. Die Sachschäden sind okay, und wenn wir Deutschland weiter so in die Scheiße reiten, läuft es ganz nach Plan.

Das muss man der AfD lassen, die trauen sich, die Wahrheit auszusprechen. Je schlechter es uns geht, desto besser für die Wirtschaft, desto besser für Deutschland. Hört sich erst mal kompliziert an, ist aber so. Das ist letztlich so einfach, irgendwann hat auch Lindner das kapiert, und bis der was rafft, das kann länger dauern. Nein, Sie müssen das mal von der volkswirtschaftlichen Seite aus betrachten, dann wird Ihnen vieles klar. Für Volkswirtschaftler ist das Bruttosozialprodukt der Fetisch schlechthin, mit dem können Sie als Politik so gut wie jede Diskussion knacken. Die Leute glauben, dass diese Zahl so gut wie alles sagt, dass wir davon abhängig sind, wie hoch sie ist, und dass wir bei sinkendem Sozialprodukt automatisch verloren sind. Ehrlich, mit Arbeitslosenzahlen oder Zinsen alleine kriegen Sie das nicht mehr hin. Vielleicht noch mit Inflation und Staatsverschuldung, aber wir sind ja nicht die Union, die den Leuten Angst machen muss, damit sie wiedergewählt wird. Wir wollen Ihnen ja zeigen, dass wir gut sind für Deutschland. Beziehungsweise für die Idioten, die uns wählen, weil sie glauben, dass sie davon etwas abkriegen.

Sie denken, das Bruttosozialprodukt sagt aus, wie gut es uns geht? Dann rechnen Sie falsch. Sie müssen das Klima berücksichtigen. Also nicht die paar Kröten, die diese Ökofuzzis in Windräder und Wandsteckdosen reinstecken wollen, sondern die Folgen des Klimawandels. Letzte Woche in NRW, die Tornados – einfach hinreißend, was meinen Sie, wie wir da gefeiert haben! Fast so gut wie letztes Jahr, als das Ahrtal abgesoffen ist. Auf einen Schlag stellt man fest, die Vorwürfe, die Politik hätte sich jahrelang nicht um Deutschland gekümmert, sind vom Tisch. Eine ganze Region geht kaputt, Häuser und Verkehrswege und Brücken und Infrastruktur, und wir haben jede Menge Feuerwehreinsätze. Die Schäden werden von keiner Versicherung getragen, weil sich die Leute die gar nicht leisten können, aber jeder Rettungseinsatz wird vollständig aufs Bruttosozialprodukt angerechnet. Und jetzt denken Sie das zu Ende: was lohnt sich für die deutsche Wirtschaft mehr, Umweltschutz oder Klimawandel?

Allein die Hitzeschäden auf den Autobahnen – da werden Sie doch keinen finden, der sich traut, den Autoverkehr auszubremsen. Und das haben wir seit Jahren, die Schäden wachsen an, summieren sich und erreichen kontinuierlich einen neuen Höchststand, weil wir keine Veranlassung sehen, im Straßenbau nach neuen Materialien forschen zu lassen, wie das unsere Ideologen immer fordern. Die Schlaglöcher sind da, die müssen ausgebessert werden, die werden ausgebessert, und dann ist das Geld für Radwege, die sich die Grünen wünschen, halt futsch. Wir können nicht nur jeden Preis dafür verlangen, wir wissen auch, dass wir den Auftrag sofort in der Tasche haben. Zur Not entdecken wir den armen Rentner, der mit Herzinfarkt schnell ins Krankenhaus gefahren muss, und da können wir keine Straßenschäden gebrauchen.

Gut, die Krankenhäuser gibt’s gar nicht und für die meisten Straßenschäden zahlen die Kommunen, aber hier geht es ums Prinzip. Außerdem ist das im Wahlkampf sowieso egal.

Das ist auch gut so. Wenn wir die Zeitenwende im öffentlichen Bewusstsein schaffen wollen, dann klappt das in Deutschland nicht, indem wir alles ändern. Wir haben schon viel zu viel verändert, der Deutsche will Probleme, die er ignorieren oder von anderen ausbaden lassen kann. Und wenn man ihm dann auch noch erklärt, dass er an der Scheiße gutes Geld verdient, dann ist er richtig zufrieden und will unbedingt, dass es so weitergeht. Kann er kriegen.

Wir dürfen uns nur nicht darauf verlassen, dass das ewig so weitergeht, deshalb muss man auf mehr als eine Methode setzen. Im Bruttoinlandsprodukt, also das, was tatsächlich am Standort Deutschland erwirtschaftet wird, haben wir inzwischen auch die Schattenwirtschaft eingerechnet, oder wie Sie es ausdrücken würden: Geldwäsche. Zehn Prozent illegal, zum Beispiel über die Immobilienbranche. Fragen Sie sich mal, warum so ein Tiefbahnhof die Stimmung in der Wirtschaft nachhaltig hebt. Und das liegt nicht einmal an den Polizeieinsätzen. Das müsste man jetzt nur noch geschickt miteinander kombinieren, also ein paar neue Großflughäfen, die nicht fertig werden, nach zwanzig Jahren Umbau gleich wieder abgerissen und von Tornados platt gemacht werden – was die Reihenfolge angeht, lege ich mich noch nicht fest – und wir hätten trotz der Personalknappheit und des Baustoffmangels eine brummende Bauindustrie. Wenn Sie Ihr Häuschen im Ahrtal wieder hochziehen wollen, sind Sie zwar gekniffen, aber auf dem Schwarzmarkt und mit den richtigen Verbindungen kriegen Sie alles, und da wären wir wieder in der Schattenwirtschaft. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere.

Sollte es im nächsten Wahlkampf eng werden, werden wir uns auf die wirklich wichtigen Themen wie Terrorismusbekämpfung, Bildung und Zinsen stürzen. Denn das Wetter kann man ja nicht ändern, das haben die meisten schon kapiert. Und damit das auch so bleibt, müssen wir die Rahmenbedingungen für den möglichst linear verlaufenden Klimawandel schaffen, damit die Sache wie organisch gewachsen aussieht. Oder warum, glauben Sie, haben wir diesen bescheuerten Tankrabatt durchgedrückt?“


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