Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXI): Schwammintelligenz

1 07 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte kurz Kopfweh. Dann delirierte er ein wenig von alten Männern in Frauenkleidern, die mit einer qualmenden Handtasche durch große Höhlen liefen und dabei fromme Gesänge absonderten, und dann schaltete sein Betriebssystem auf Durchzug. Er war stundenlang durch die Steppe gestreift auf der Suche nach schmackhaften Schuppenrüsslern, die sich hitzebedingt lieber unterhalb des sandigen Bodens aufhielten, und hatte sich dabei die Kalotte verkocht. War es seine Dummheit oder sein tief im männlichen Ego wurzelnder Urtrotz – wobei diese beiden Faktoren sich nicht richtig trennen ließen – er hatte sich in die ewigen Jagdgründe verzogen, statt auf die Warnungen seiner jungen Gefährten zu hören, dass eine Wanderung ohne Wasser oft eine Wanderung ohne Wiederkehr ist. Jahre vor dem Bau der hängenden Gärten, der üppig begrünten Paläste der Antike und der Neuzeit wussten die klimatisch herausgeforderten Wüstenbewohner, dass es nicht ohne Flüssigkeitsregulation geht. Was uns heute fehlt, ist ihre Schwammintelligenz.

Das Wunschbild der bürgerlichen Nachtmützen ist bis heute das Häuschen im Grünen, vulgo: die Readymade-Idylle in pseudoindividueller Bauweise am Arsch der Welt, nur erreichbar durch Kilometer von Autobahnen und Schnellstraßen, ordentlich in drei Spuren durch die Landschaft gefräst, damit der Pendler privat und eigenverantwortlich ein paar Quadratmeter Natur bastelt. Zum Ausgleich wird hektarweise Wald wegplaniert, der beim Gasgeben stören würde. In den Städten blieb dafür das eine oder andere Stück Rasen übrig, das den Reichtum der Feudalgesellschaft demonstrierte: Landbesitz, der nicht wirtschaftlich genutzt wurde, sondern wie drohend nur der Repräsentanz diente. Mit dem Sieg der Bourgeoisie mehrten sich Lustgärten, bald auch dem gemeinen Volk zugänglich, doch was sich im Zeitalter der Industrialisierung an Treibhausgasen in der Atmosphäre ballte, bekamen auch Park und Prater nicht mehr weg. Die Stadt trocknete aus.

Dabei gibt es kurzfristig wirkende, langfristig den Wohnwert des urbanen Umfelds steigernde Mittel, um den Wasserhaushalt und damit die Hitze zu regulieren. Begrünte Dächer, vertikaler Wuchs, Drainage zur Speisung der Baumwurzelschicht, die Stadt der Zukunft ist porös und hat eine vielfach vergrößerte Oberfläche statt eines zentralistischen Abflusssystems, die Wasser größtenteils am Ort seines Bodenkontaktes speichert und nutzt. Das ist nicht getan mit drei Handbreit Grünstreifen, die im Zweifel doch von Blechlawinen überrollt werden, und nicht gesichert mit regelmäßig ausgetauschten Bäumchen, die direkt über Regenwasserkanälen zum Verdorren aufgestellt werden. Die natürliche Verzögerung, mit der Feuchtigkeit aus den oberen Bodenschichten in die Tiefe sinkt, macht sie auch länger nutzbar. Der immer noch auf den Straßen produzierte Dreck, wasserlöslich oder wenigstens schwemmfähig, sickert nicht in die Kanalisation und dringt nicht ins Grundwasser ein. Aber das geht ja nicht, weil das welkende Schimmelhirn seinen Straßenpanzer unbedingt drei Schritte von der Tür der gefäßchirurgischen Praxis parken muss, weil seine Nudel weich bleibt.

Auch die punktuellen Wolkenbrüche, die den periodischen Niederschlägen den Rang ablaufen, verlieren durch die Verhinderung einer Überflutung ihre Schrecken – nicht ganz, dazu hat die idiotische Gier der Menschheit den Karren schon zu weit in die Grütze geritten. Wie man Schwemmflächen und natürliche Rückhaltebecken mit Flussbegradigung und -bettvertiefung zur verkehrsoptimierenden Landschaftsvergewaltigung durchgedrückt hat, so rächt sich der Flächenversiegelungswahn, der die Wassermassen auch in noch so großen unterirdisch angelegten Kavernen nicht halten kann, völlig egal, woher sie strömen. Wir könnten, aber es wäre viel zu schön, um wahr zu werden.

Allein die autofixierte Hochglanztristesse, die sich von mürben Metropolen bis in die piefigste Provinz schwiemelt, um das Programm Unser Dorf soll schnöder werden mit Verve in die Netzhaut wehrloser Anwohner zu prügeln, besteht aus Fahr- und Standflächen, zwischen denen sich ungeschlechtlich Straßenbegleitgrünantäuschung mit Waschbeton paart, Kübel auf Kübel klinisch sauber vom Erdreich getrennt, damit nichts den verkehrstechnischen Nutzfaktor torpediert, und es ist wahr: wer das täglich sieht, kann nur schnell das Elend hinter sich lassen wollen. Der Städtebau der Zukunft wird vermutlich weniger Tankstellen und mehr Ladestationen haben, weniger störende Wege für lästige Läufer oder renitente Radler, weil ein paar gierige Arschgeigen die Sache durchgerechnet haben: bei normaler Lebenserwartung privilegierter Großkapitalisten dürfte ihr Ableben ungefähr dann stattfinden, wenn die Katastrophe alle Kipppunkte genommen hat und der Planet nicht mehr zu retten ist. Mit etwas Pech könnte man sie zwischendurch an die Wand stellen, aber wahrscheinlicher ist, dass sie dereinst im Pflegeheim irrtümlich in die Sonne geschoben werden, auf einen Weg ohne Schatten, ohne Wasser, ohne Wiederkehr. Da sie bisher wenig Sinnvolles abgesondert haben, wird der Hitzschlag kaum jemandem auffallen.


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