Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXII): Zurück zur Natur

8 07 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immerhin das hatte Rrt kapiert: wenn man seine Abfälle auf einen großen Haufen schmeißt, lockt es allerhand Getier an, das den Geruch von Aas nicht als Belästigung empfindet. Dass aber die einmal abgerissenen Süßgräser so schnell nicht wieder am Flussufer wachsen, entdeckte er erst nach mehreren Jahren, in denen er auf Buntbeeren und Holzschliff ausweichen musste. Noch waren er und seine Sippe Jäger und Sammler und die Proteinzufuhr reichte gerade zur Erhaltung der Sollstärke. Die für ein tieferes Verständnis von Vegetationszyklen nötige Rechenkapazität gab das noch nicht her. Dabei hatte es der Hominide in dieser frühen Epoche noch recht einfach, sich die Vorgänge in Feld und Wald durch empirisches Gucken oder Versuch und Irrtum zu erschließen; er musste dafür keinen Outdoorurlaub buchen, die Dinge geschahen unmittelbar außerhalb seines Kopfes. Und da sind sie auch heute noch, wo der durchschnittliche Depp zurück zur Natur will.

Zu den unangenehmsten Erkenntnissen zählt, dass wir auch nach Jahrtausenden systematischer Beobachtung noch immer nichts verstanden haben, vielmehr: nicht einmal verstehen wollen. Wir haben kaum Ahnung von Wolken, stehen bei der Erforschung der Tiefsee ganz am Anfang und sind von der Tatsache überrascht, dass nicht nur Tiere und Pflanzen zur Arterhaltung, Verbreitung und Abwehr miteinander kommunizieren, sondern auch Pflanzen untereinander. Wenig drückt die Hybris der Menschheit so sinnfällig aus wie die Annahme, der Hominide sei der einzige, der in Netzwerken denken, nachhaltig organisieren und sozial handeln könne. Kurz und ungut, wir sind die Art, die gerade dies am meisten verlernt hat, wenn wir es jemals vermocht haben sollten.

Spätestens mit der festen Absicht, sich die Erde untertan zu machen, was als reines Machtstreben über den beherrschbaren Untertanen in Gestalt des Heimatplaneten endete, schwand das Bewusstsein, dass undertæne die Schutzbedürftigkeit impliziert, die der ökonomisch durchgedrehte Mensch ihr aus Profitgründen sofort entzog, um komplett in der Diesseitigkeit aufzugehen, die ihm die Gier verordnete, seine neuer Religionsersatz. In diesem verschwiemelten Verhältnis von Haben und Sein behandelte er selbstverständlich die Natur, wie er zuvor seine bürgerliche Metaphysik behandelt hatte: als tugendhaften Schild der Anständigkeit, den man gerne vor sich trug, um dahinter die Hosen herunterzulassen. Nur manchmal, in romantischen Anwandlungen oder bei der bangen Ahnung, dass dieser ganze kapitalistische Mist minutiös geplanter Massenmord an allen möglichen Lebensformen ist, einschließlich der eigenen, entdeckt der Trottel die Tröstung des Mystischen, überwiegend in Form von Sonnenaufgängen, Meer oder Mischwald, vage nur ahnend, dass er sie für sein Menschenrecht auf Billigwurst aus Separatorendreck täglich in die Tonne tritt. An vereinzelten Tagen merkt er, was er durch seine reine Existenz angerichtet hat. Dünkel und Stolz schirmen ihn ansonsten davon ab, die enorme Widerstandsfähigkeit seines bekloppten Verhaltens auch nur zu ahnen.

Denn jetzt passiert, wovor die Wissenschaft seit Jahrzehnten warnt: wenn wir nicht endlich die Natur wieder als komplexe Ordnung sehen wollen, dann kommt sie zu uns in Form von Überflutung und Dürre, Extremkälte, Windgeschwindigkeiten jenseits unserer Kenntnisse, Erosion und Feuer. Es wird dennoch eine große Überraschung sein, weil ja niemand damit gerechnet hat, außer eben denen, die uns damit ewig in den Ohren gelegen haben. Natur und Technik, Natur und Gesellschaft, Natur und Zivilisation wurden von jeher als Gegensätze aufgebaut und verstanden, was nur insofern verkehrt ist, als dass die Natur immer als Ausnahmezustand betrachtet wurde und wird. Wir haben uns nie mit Stadtentwicklung und Tourismus, Ernährung, Sport und Freizeit, Mode oder Logistik beschäftigt, nicht als Antagonisten zur Natur, nicht als Trigger der großen Beschleunigung, die früher oder später das Leben großflächig abschaffen. Wir haben die Atmosphäre zerstört, die Biosphäre hat bereits an ihrer Auslöschung mitgewirkt, aber wir sind unbeugsam, wenn nicht gerade hausgemachter Mist wie Viren oder Kriege die Zweckbestimmung des Blödföhns einschränkt, zur Produktion diverser Krebsarten auf eine Insel zu jetten, als hinge davon das soziale Überleben der Ersten Welt ab, was auch nicht ganz verkehrt ist. Sinnvoller wird es davon allerdings auch nicht.

Die Industrialisierung der Fortwirtschaft hat die Wälder von der Landkarte gekloppt, Arten in den Orkus gejagt und die Konsequenzen für die eigene Besiedelung der Gemarkungen nicht beachtet, da er sie nicht wahrnahm. Nach und nach kehrt nun das ökologische Gleichgewicht zurück, wo es durch die politischen Anstrengungen wieder zugelassen wird. Kehrt nun aber als Zeichen einer intakten Umwelt der Wolf zurück, wesentlich länger hier beheimatet als die Zweibeiner, die sich die Birne wegbembeln, Wassersuppenkasper zu ihren Anführern machen und sich für die Zerstörung ihrer Unterkunft feiern, reagiert der Mensch mit Aggression. Gut so. Wir wissen wenigstens, woran wir untergehen werden.


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