Krisenwirtschaft

12 07 2022

„Es läuft momentan nicht alles nach Plan, das muss ich schon sagen. Aber es läuft beschissen, und das ist ganz fantastisch. Es läuft derart beschissen, wir können uns vor Aufträgen gar nicht mehr retten.

Wie gesagt, wir kriegen nicht alles hin. Aktuell ist das Personal in den Flughäfen weg, das heißt, die sind nicht weg, die sind nur woanders, weil die Flughäfen sie alle rausgeworfen haben, wie wir das ihnen empfohlen hatten. Kurzfristiges Ziel war eine steigende Arbeitslosigkeit, damit man die Löhne senken kann, und mit einer schnellen Erholung der Tourismusbranche konnte keiner rechnen. Darum können wir die Leute jetzt auch nicht umschulen, damit sie in den Kernkraftwerken genau das Zeug verfeuern, was es gar nicht gibt. Nicht mal, wenn sie vorher in der Pflege waren. Da ist einiges ganz schön schief gelaufen. Aber ansonsten haben wir die Krise sehr gut am Laufen gehalten.

Nein, das war jetzt kein Versprecher. Sie haben auch schon davon gehört, dass eine Menge Firmen in den vergangenen Jahren ihre Dividenden enorm steigern konnten, ohne dass wir die Arbeitnehmer mit höheren Löhnen belästigen mussten. Dazu muss man eine sehr gute Unternehmensberatung haben, nämlich uns. Wir sorgen dafür, dass Güter knapp und teuer werden, und im Gegenzug erschweren wir Ihnen, von ihren sinkenden Löhnen zu viel zu kaufen, so dass für die genug übrig bleibt, die es sich noch leisten können. Das ist ein sehr feines Gleichgewicht, und wir sind wirklich stolz darauf, dass wir das so gut hinkriegen.

Deshalb heißt unsere Branche Krisenwirtschaft – wir machen keine Wirtschaftskrisen, wir machen die Krisen für die Wirtschaft. Das klingt zunächst wie eine Verschwörungstheorie, aber wenn Sie mal genau hinschauen, dann werden Sie merken, es ist gar keine Theorie. Wir setzen das schon praktisch um. Nur so funktionieren groß angelegte Strategien, wenn man den Markt richtig unter Kontrolle haben will. Eine Kleinigkeit übersehen, Start-ups, neue Technologien oder ein Gesetz, das versehentlich das tut, was es soll, und Sie haben enorme Turbulenzen, die man kaum noch in den Griff kriegt. Stellen Sie sich mal vor, die Autoindustrie macht ernst und will keine Verbrenner mehr bauen – die Ölkonzerne sind das eine, aber die Erderwärmung könnte irgendwie ins Stocken geraten, und dann haben wir Jahrzehnte mit einer Lügenkampagne zugebracht, die sich im Endeffekt nicht auszahlt.

Wenigstens den Fachkräftemangel haben wir durch ein gutes Beratungspaket so hingekriegt, dass eine Krise haben, die sich selbst am Laufen hält. Das hätte durch die Migrationswellen auch ziemlich in die Hose gehen können. 2015 konnten wir noch gegensteuern, die Bildungsabschlüsse werden zum Teil bis heute nicht anerkannt, da uns die staatlichen Akteure unterstützen, und wir haben auch da eine ganz gute Balance hinbekommen. Es muss für die konservativen Kräfte in der Politik immer genug Abschiebepotenzial vorhanden sein, weil sonst die nächsten Wahlen gefährdet sind. Dazu braucht man natürlich Einwanderung. Wen wollen Sie sonst abschieben? Momentan haben wir ein ganz stabiles Gleichgewicht, aber gerade der unvorhergesehene Angriff auf die Ukraine bringt das in ein gefährlich aussehendes Ungleichgewicht. Das sind diesmal keine aggressiven jungen Männer, die man als feige Deserteure und potenzielle Vergewaltiger framen kann. Außerdem ist es sehr schwierig, wenn wir von Kriegsflüchtlingen behaupten, sie kämen nur für Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in die Bundesrepublik. Das macht die Sache schwierig und zwingt uns, bei einigen Dingen die Wahrheit zu sagen. Ich hätte nicht gedacht, dass wir einmal so tief in der Scheiße stecken würden.

Aber zum Glück gibt in der Politik Kunden, die die Nerven behalten. Die Mineralölkonzerne haben uns schon mit Preisverfall gedroht, noch bevor wir ausgerechnet haben, um wie viel das die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung steigern würde. Das hätte eine Katastrophe werden können, aber zum Glück kam dann der Tankrabatt, wir haben uns mit einer Marktanalyse durchgesetzt, mit der wir den Kraftstofffirmen klarmachen konnten, dass es nur um den Verkaufspreis geht. Nicht um Rohstoffe, Produktions- oder Lagerkosten, von Personalkosten sowieso mal ganz zu schweigen. Das könnte eine der klassischen Win-Win-Situationen werden, in denen wir als Organisatoren der Krise mehr als genug von den Übergewinnen der Konzerne abkriegen. Wenn das beim Benzin so gut klappt, sehe ich keine Probleme, dass wir dieselbe Nummer im nächsten Quartal mit Gas noch mal durchziehen, und da empfehlen dann 1.500% Preisanstieg. Wenn sich gute eine Million Leute erhängen, aus ihren Wohnungen rausfliegen oder pleite gehen, weil sie ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen können, dann haben wir ja letztlich auch der Wohnungswirtschaft eine kleine Gefälligkeit getan, die man bei nächster Gelegenheit einfordern könnte. Die Politik kommt in letzter Zeit auf ganz komische Ideen. Gut, nicht in Berlin. Aber sonst halte ich nichts für unmöglich.

In Klinikkonzerne würde ich jetzt allerdings investieren, das lohnt sich. Wir haben die ersten richtig heißen Sommertage vor uns, die kommende Dürreperiode wird auch mindestens so gut wie im Strategiepapier, und irgendwo müssen die Opfer des schönen Badewetters, wie die Medien das gerade nennen, ja medizinisch versorgt werden. Vielleicht bringt uns das ja wieder Zuwanderung aus Afrika, die sind solche Temperaturen ja gewohnt, und dann sinken die Löhne mit den Wasserständen um die Wette. Hört sich richtig beschissen an? Wird es auch. Außer für Sie natürlich. Sie haben ja Geld.“


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