Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVI): Muße und Müßiggang

5 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Welch eine skandalöse Wirkung muss es gehabt haben, als sich der erste junge Jäger aus Ugas Sippe entschloss, die anderen für sich arbeiten zu lassen. Die Alten, am Ende des dritten Lebensjahrzehnts, genossen dies Privileg mit gewisser Nonchalance, da ihnen körperlich nicht viel anders übrig blieb, auch wenn sie an Erfahrung den Jünglingen überlegen waren. Die aber, zumal vor der Einführung der Klassengesellschaft, hatten noch kein Recht auf ihre Jeunesse dorée erworben, schon gar nicht durch Werke (was so bleiben sollte) oder gar Abstammung (was blieb und bleibt). Der kühne Kerl wollte hauptsächlich künstlerisch tätig werden, träumte von einer Einzelausstellung in Lascaux und bekam die erste Kritik aus der Familie: Müßiggang. Wer nicht für das Kollektiv arbeitete, sollte auch nicht im Kollektiv essen. So begann die Geschichte der schöpferischen Untätigkeit, der Muße.

Die ursprüngliche Bedeutung von Muße ist: Möglichkeit, die Gelegenheit, aus dem täglichen Trubel, dem otium, in die ungleich freiere Weltsicht auszusteigen und zumindest gedanklich die Fesseln eines vegetierenden Daseins hinter sich zu lassen, sich im Sinne der σχολή zu bilden und Potenziale zu entfalten. Als Wert an sich begreift das der protestantisch verbogene Mensch nicht, erst recht nicht die neoliberale Überzüchtung; allenfalls als herbeifantasierte Supertechnologie, die noch ein paar Generationen lang zum finalen Versauen des Klimas herbeischwiemelt, lässt der Turbomaterialist durchgehen. Freiheit, die diese mehr oder weniger zivilisierte Gesellschaft auf die Schultern von Giganten gestellt hat, erkennt er nicht, was er für Freiheit hält, gesteht er nur sich selbst zu, koste es die anderen, was es wolle. Wer sich die Freiheiten nimmt, auch die legitimen, wird von ihm des Müßiggangs geziehen, der endgültigen Todsünde in einer überzogenen Leistungsdruckgesellschaft.

Der Dünkel der intellektuell bessergestellten Schicht verwehrt es der Plebs, sich ohne erkennbare körperliche Anstrengung durch eine Existenz zu manövrieren, die auch dem äußeren Anschein nach an Bürgerlichkeit grenzt. Das kennt nicht das antike Ideal des mittellosen Philosophen, der auch durch Spenden der Aristokratie geistige Überlegenheit kultivieren konnte. Heute aber sieht das aus wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nur den Leistungsträgern zugute kommen sollte, weil sie es im Gegensatz zum Prekariat gut anlegen würden. Mit allerhand Bedürfnispyramiden versucht man physiologische Nöte, Hunger und Obdachlosigkeit für wichtiger zu erklären, und kann man die in der nach oben umverteilenden Gesellschaft nicht aus dem Weg räumen, wird’s halt nichts mit Kunst und Kultur. Dass Reiche für ihre Selbstverwirklichung im Himalaya auf annehmbare Außentemperaturen, komfortablen Sauerstoffgehalt und Sterneküche verzichten: geschenkt.

Überhaupt gilt ein nicht durchgetaktetes Leben bereits für die Mittelschicht als unproduktiv, nicht aufstiegsorientiert, hoffärtig. Erfolgreiche Typen sind stets in Bewegung, bis sie den sozialen Status erreichen, an dem sie das Leben der anderen nur noch einen feuchten Fisch interessiert. Auch gucken sie sich Kunst an, wenn sie mit prestigeträchtigen Namen verbunden, gerade eben noch mit einem Pkw verlastbar und mit Aussicht auf Preisanstieg käuflich ist. Wer im Schweiße seines Angesichts sein Brot nagt, der darf wohl auch einmal feiern. Aber doch lieber im Mäßiggang.

Arbeit muss die köstliche Angelegenheit sein, als die sie missverstanden wird, und man überlässt sie aus lauter Freundlichkeit den Armen, damit sie nicht zu sehr ins Nachdenken kommen. Anders ist es ja nicht zu erklären, warum man die Unterschicht zwanghaft in Bewegung halten will. Allein Muße ist Quelle des Guten und der Inspiration – wer da nicht aufpasst, hat ganz schnell die Revolution am Hals oder wenigstens Sklaven, die erkennen, dass sie Sklaven sind. Her mit der Moralkeule, um dem sündigen Faulpelz eins überzubraten, man wird mit der Todsünde im Katholizismus so gut bedient wie bei den Lutheranern mit der hintenrum für gottlos erklärten Faulheit. Wie weit das in die Oberschicht abstrahlt, merkt man an den ausgedehnten Urlauben und Landpartien, heute: Wellness, die man nur der Gesundheit zuliebe auf sich nimmt, weil sich keiner ertappen lassen will, wie er gegen das Gebot der Lustfeindlichkeit verstößt. Bewusst ihre Seelenruhe herzustellen käme auch ihnen nicht in den Sinn, metaphysisch entwurzelt, wie sie nun einmal sind. Immerhin kann die Elite noch darauf vertrauen, dass aus mangelnder Bildung kaum ein Arbeiter auf den Gedanken käme, ein Œuvre von proustschen Dimensionen in seiner Freizeit herzustellen. In einer kapitalistischen Welt, in der Freizeitgestaltung einen kommerziellen Nutzen haben muss, gilt einer, der genussvoll Löcher in die Luft starrt, bereits als subversives Element. Hüten wir uns.

Und so bleibt das Begriffspaar gemäß führender Mode streng geteilt, und der obere Mittelstand ruft einander zu: tuet Muße, aber weltlich. Seid nur kein Vorbild, denn sonst wollen alle so sein wie Ihr, und aus der Nummer kommt Ihr nie wieder raus. Es gibt kein Recht auf Faulheit. Also nicht für alle.


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