Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXIX): Eigenverantwortung

26 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst fliegt herum in Deutschland, es hinterlässt unangenehme Gerüche, mehr aber auch nicht. Nichts kann verbergen, dass es sich mühsam aus einer Worthülse gepopelt hat, mit der die Politik sich die Ablufthoheit unterhalb der Stammtische sichern wollen. Seinen Ursprung hat es darin, dass sie dem ihnen unbekannten Volkswesen verordnen, ihm nichts zu verordnen. Schluss mit Verbot und Bevormundung, her mit dem Untergang, wie ihn sich der durchschnittliche Bürger nach Belieben mit Bordmitteln einbrockt. Kein Zwang sagt mehr dem Michel, wann er sich und andere zu schützen hat, keine Knute droht, wenn er, heißa! die Bude aus Doofheit selbst abfackelt. Ab sofort tragen wir alle Eigenverantwortung, koste es uns, was sie wollen.

Da entfalten wir uns jetzt alle mal ganz frei, wir entledigen uns des bürgerlichen Banns und lassen weg, was uns bisher gehindert hat, vorwiegend das, von dem wir nicht mehr verstehen, dass es zum vorausschauenden Verhalten zählt, mit dem man die gesellschaftlichen Zustände im Gleichgewicht hält und die Gefahr abwehrt, wo immer sie droht. Aber vielleicht war das ja gar nicht so gemeint, sondern als Aufforderung, sich jegliche Rücksichtnahme auf andere zu verkneifen und einfach zu leben wie die Wildsau im Tanzsaal: wozu Rücksicht, wenn’s auch mit Verlusten geht? Der Begriff passt nur in einen vollkommen pervertierten Freiheitsbegriff, der die sozialen Einhegungen des Staates in eine vernünftig organisierten Gesellschaft akzeptiert, weil sie der Mehrheit ein sicheres Leben ermöglicht, auch wenn es nicht immer ersichtlich ist. Denn das Abschieben der Verantwortung auf das einzelne Individuum, als was es hier interpretiert werden soll, bei kollektiv auftretenden Risiken, es funktioniert nicht – es sei denn, man erkennt eine Gesellschaft als solche gar nicht erst an.

So billig das Ding nun in den Raum gestellt wird, im Kern bedeutet es, dass die einzelne Person für das eigene Tun und Unterlassen einsteht und die Konsequenzen, etwa in Form von Sanktionen, dafür trägt. In einem institutionellen Rahmen muss das geregelt sein, einmal durch die Vernunft, aber auch durch durchsetzbare Regeln, denen sich einzelne nicht einfach entziehen können. Es mag sinnvoll sein, sich mit Masken im Innenraum aufzuhalten und in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Autobahn ein Tempolimit einzuhalten, bei Dürre nicht den Garten zu sprengen. Der bloße Appell an die Einsicht zerschellt aber am Egoismus, mit dem die Botschaft kommuniziert wird: die Entscheidung zum vernünftigen Handeln wird übertönt von der Vorstellung, man könne Verantwortung nur für sich selbst tragen und zugleich könne man nur selbst für sich Verantwortung tragen. Allein der Begriff ist Gewäsch, gaukelt er doch vor, es gäbe Kooperation nicht, schon gar nicht, um überhaupt auszuhandeln, was verhältnismäßig ist und was in einer freien Gesellschaft zumutbar – alles quakt von Freiheit und wie sie in der Verfassung geschützt ist, von Folklore um die Meinungsfreiheit eingewickelt, aber keiner will darüber befinden, ab wann denn der andere verpflichtet ist, und sei es auch aus Vernunft, für anderen Verantwortung zu tragen. Dazu sind wir gerade zu viel mit Selbstdenken beschäftigt – noch ein Begriff mit zwei inhaltlichen Fehlern.

Die einzige wirkliche Eigenverantwortung trägt das Subjekt, meist das wirtschaftliche, wenn es für die mit seinem Handeln verbundenen Folgen auch selbst einsteht und die Konsequenzen trägt. Wer ein fehlerhaftes Produkt auf den Markt wirft, Kunden schlampig berät oder gar völlig an der Nachfrage vorbei fuhrwerkt, bringt sich in Schwierigkeiten, die er selbst auszubaden hat – will er den Nutzen von seiner Tätigkeit einstreichen, wird er auch den Schaden tragen müssen. Nur ist mit dem neoliberal verschwiemelten Denken das Haftungsprinzip aus den Angeln gehoben worden, fröhlich streichen die Konzerne ihre Gewinne ein, sorglos sozialisieren sie ihre Verluste, die nicht selten aus Zockerei und Treulosigkeit stammen, kurz: verantwortungslosem Handeln. Denn nicht nur ist die Abschaffung des unternehmerischen Risikos mit dieser Mentalität, sich gratis am Markt halten zu können, zu einem Freibrief für Hasardeure und Waghälse geworden, jede dieser Fehlentscheidungen, die aus Dummheit und Ichlingsgebaren erwachsen, hemmungslos auf die Gesellschaft abzuwälzen, die es dann plötzlich doch wieder gibt, es zementiert auch einen Staat, in dem der alle Freiheiten genießt, der vorsätzlich ohne Verantwortung handelt.

Man kann keine Verantwortung abgeben, so wie sich auch kein Minister für die Fehler in seinem Ressort aus der Verantwortung ziehen darf; wusste er von Fehlentscheidungen, die er durch falsches Vorbild, falsches Personal, falsche Direktiven nicht verhindert hat, so ist er schuldig und muss gehen, wusste er es nicht und wusste also nicht, was in seinem Laden vor sich geht, so ist er schuldig und muss gehen, ein Drittes gibt es nicht. Von diesem Kopf her stinkt der Fisch. Das liberale Primat der persönlichen Freiheit wird von liberalen Primaten ausgenutzt, da es ihnen vor allem an Selbstdisziplin mangelt, die sie von anderen verlangen. Womit denn auch alles gesagt wäre.