Freifahrtschein

29 08 2022

„Margarine ist das. Mar-ga-ri-ne. Die streicht man sich aufs Brot. Ja, Brötchen geht auch, aber das ist jetzt nicht der Punkt. Die steht nicht einfach so im Kühlschrank, die muss man kaufen. Im Geschäft. Für Geld. Die hat einen Preis, der steht im Regal, und den bezahlt man an einer Kasse.

Man muss mit den Leuten in der Sprache reden, die sie verstehen. Diese verhaltenstherapeutischen Sitzungen sind auch gar nicht mal so schlecht. Am Anfang gab es noch sehr viel Verwirrung, teilweise hatten wir ganz erhebliche Trotzreaktionen, aber dann haben wir auf den ersten Erfolgen aufbauen können. Die Arbeit mit Politikern ist nicht einfach, aber man kann vieles erreichen, wenn man will.

Das ist ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Man kann nicht einfach eine Tonne Margarine liefern, das ist für einen Haushalt zu viel. Ja, Sie haben bei sich im Wahlkreis ein Lager, da kriegen Sie hundert Tonnen Margarine rein, aber das ist jetzt nicht relevant. Und die ist ja auch verderblich, darum nützt so ein Kauf gar nichts. Gut, Sie können dann bei der nächsten Wahl sagen, Sie hätten hundert Tonnen Margarine gekauft, aber dann wird Ihnen jemand sagen, dass Sie den größten Teil haben entsorgen müssen, und dann nützt es Ihnen auch nichts, wenn Sie die sofortige Abschiebung von Scheinasylanten fordern oder den Bau von hundert Kernkraftwerken: das Geld ist futsch. Nein, das ist mit den Steuern wie mit der Margarine. Die wachsen nicht nach.

Der übliche Politiker ist ja dumm, wenigstens nicht im landläufigen Sinne. Manche von denen sind in der Lage, eine Kreditkarte zu benutzen, der Mitarbeiterin per Mail eine Kopfrechenaufgabe zu schicken, solche Sachen halt. Sie verfügen nur über recht beschränkte Kenntnisse von der Lebenswelt derer, die sie als hart arbeitende Bevölkerung zu bezeichnen pflegen. Manche Dinge kommen bei ihnen auch einfach nicht an, zum Beispiel, dass sie Geld für real existierende Materie halten, die immer zur Verfügung steht, und Treibhausgase für eine Art Störgröße, die man ausblenden kann, wenn einem die Rechenergebnisse nicht in den Kram passen. Die waren zu cool für Mathe und haben in Physik lieber an sich selbst herumgespielt. Es gibt diese Leute zwar überall, aber in der Wirtschaft werden die selten alt, wenn sie irgendwann etwas anderes tun müssen als Unfug erzählen. Dafür wird man von den Aktionären auch nicht bezahlt.

Oder hier, Strom – die meisten denken ja, der käme aus der Steckdose, aber bei Politikern hat man es öfter mit denen zu tun, die keine Ahnung haben, wie der in die Steckdose reinkommt. Da baut man am Wochenende mal eben ein Kernkraftwerk, die Brennstäbe kommen aus dem Heimwerkermarkt, und die Elektrofirma an der Ecke lässt alles stehen und liegen, um den Kram zusammenzuklatschen. Das Unangenehme ist, wenn einer ‚Elektrizität‘ unfallfrei aussprechen darf, wird er sofort zum Energieexperten irgendeiner Partei befördert. Dem darf man keine Stromrechnung zeigen, sonst kriegt der einen Nervenzusammenbruch, weil das Zeug ja Geld kostet.

Ja, man kann mehr als einen Becher davon im Geschäft kaufen. Das entscheidet der Ladeninhaber, was er als haushaltsübliche Menge ansieht. Nein, es ist damit nicht der Bundeshaushalt gemeint, und ja, man bezahlt das sofort. Oder auf Rechnung, wenn man mehr als nur einen Becher Margarine einkauft. Falls Sie das Prinzip nicht verstanden haben: das ist kein Alleinfuttermittel, wie Sie das nennen. Das ist ein landwirtschaftliches Erzeugnis, korrekt, aber es wird eben nicht an die Verbraucher verfüttert, wie es in Ihrem Sprachgebrauch heißt. Eine Ernährung ausschließlich mit Margarine ist weder gesund noch machbar, höchstwahrscheinlich sogar schädlich. Sie können also nicht einfach über einen Preisanreiz die Ernährung der Menschen auf Margarine umstellen, außerdem wäre das eine Marktverzerrung. Ach, das spielt bei Ihnen keine Rolle, wenn die Produzenten Ihnen dafür eine Spende rüberwachsen lassen?

Wir wollen ja noch nicht mal von Bahnpreisen reden, die meisten haben einen Freifahrtschein, aber sie lassen auch ihren Dienstwagen voll tanken, damit sie es nicht selbst machen müssen. Gerade bei denen würde ich erwarten, dass sie so ungefähr wissen, was ein Liter Sprit im Verhältnis zu einem Toastbrot kostet. Es liegt halt daran, dass sie nicht wissen, wo Toastbrot im Laden liegt. Oder wo der Laden ist. Oder was ein Laden ist.

Sie haben Ihre Arbeitsblätter fertig ausgefüllt? Dann zeigen Sie mal her. ‚Steuern sind das, was alle anderen zahlen müssen.‘ Das ist fast richtig, aber Sie haben hoffentlich an die Umsatzsteuer gedacht? Nein, das ist nicht korrekt. Das ist keine Geldstrafe für ein Einkommen, das unterhalb Ihrer Vorstellung liegt. Sie können auch nicht von der Umsatzsteuer ausgenommen werden, es sei denn, Sie ernähren sich von Rennpferden. Oder von Margarine, das ist derselbe Steuersatz. Warum auch immer.

Ja, es ist noch ein langer Weg, ich bin auch nicht sicher, ob wir das jemals schaffen werden. Und ich weiß auch nicht, ob mir nicht irgendwann der Hals platzt, wenn ich mir irgendwas über Renten, über Atomstrom, Steuern, Dienstwagen, Klimawandel, Fachkräftemangel, Sozialleistungen, Verkehr, Pflegenotstand oder die Schuldenbremse anhören muss. Was meinen Sie, was passiert, wenn dieses Land irgendwann tatsächlich in eine echte Krise abrutschen sollte? Dann sind wir verloren.“