Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXX): Anstand

2 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Kriegsgrund waren die Buntbeeren. Waren die Jungen noch voller Respekt vor dem Alter, so griff der Älteste in der Einsippenhöhle ungeniert in den Trog, in dem die Früchte lagen. Am ärgsten aber trieb es Uga, sobald nur noch ein paar saftige Beeren übrig waren auf dem Boden. Gerecht oder nicht, die Gier siegte über jeden Verstand, und so wurde er allmählich zum abschreckenden Beispiel für die kommende Generation. Vielleicht würden ja auch sie einmal das soziale Privileg des Alters an der Kalorienausgabe für sich beanspruchen. Vorerst jedoch begnügten sie sich, denn sie wollten keinen Verlust ihres Anstands kundtun. Wir hätte das denn ausgesehen.

Auf Anstand liegt der Jäger nur, damit er mit scharfem Auge entdecken kann, was nicht anständig ist. Schickliches Benehmen, kurz: was sich mit der gesellschaftlichen Stellung der Figur vereinbaren lässt, ohne es beanstanden zu müssen, entgeht den Schnöseln, nur ein Makel nicht. Und so ist es bis heute die Daseinsberechtigung der wohlanständigen Bürger, mit dem Finger auf die Fehler der anderen zu zeigen, damit die eigene Kaste sauber bleibe, achtbar, gediegen. Indes der Mangel liegt nicht im Detail.

So ist Anstand kein Wert für sich, sondern nur der durch Sozialisation in einer bestimmten Umgebung erworbene Kodex an Verhaltensweisen, die eine Person nicht als Außenseiter in einem moralischen Gerippe offenbaren – wer weiß, wie Moral aus zeit- und kulturabhängigen Stellgrößen zusammengeschwiemelt wird, so dass sich beinahe jeder schmerzfrei noch eine zweite leisten kann, der wird über die Verwendung des Begriffs kaum süße Illusionen haben. Gemeinhin verwechselt der reine Tor Anstand und Sitte in Unkenntnis dessen, dass mit dem korrekten Aufhebeln von Krustentieren die Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft bemüht wird und nicht die intrinsischen Wertvorstellungen des guten Menschen eine Rolle spielen, und so bleibt alles in schönster Harmonie: die akzeptierte Moral spiegelt sich in der Verwendung des rechten Bestecks, die Ansichten des Freiherrn von Knigge werden auf hygienische Hacks heruntergebrochen, die fein in eine Tanzstunde passen, und schon bleiben die Anständigen wieder unter sich.

Pustekuchen. Es ist kein Wunder, dass in einem von Gier und Verrohung triefenden Zeitalter – der Effekt des Herabtropfens ist hier übrigens korrekt beschrieben, das Gesindel hockt an der Spitze der Gesellschaft – der Ruf nach Anstand lauter wird, gerade von denen, die die angeblich guten Sitten als Ausdruck tradierter Wertvorstellungen hochhalten. Wer sich schamlos bereichert, lügt und betrügt, dem wird mangelnder Anstand vorgeworfen, was genau bedeutet: wenn man schon auf den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft herumkoten muss, dann doch bitte nicht öffentlich. Derlei Verhalten erregt öffentliches Ärgernis, und keiner will, dass es öffentlich sei.

Denn im Grunde ist eine ganze Gesellschaft verroht, wenn sich materiell unterfüttertes Streben nach Macht zum Konstruktionsprinzip entwickelt hat. Fordert eine auf die korrekte Inszenierung der Geschichte erpichte Klasse nun ordentliches Benehmen, ist es so, als habe man ja nichts gegen Wohnungseinbrüche, wünsche sie aber in seiner Nachbarschaft aus Lärmschutzgründen nur am frühen Nachmittag. Ausgewählten moralischen Prinzipien wird Genüge getan, man denkt dabei an die Allgemeinheit, sogar an die Kinder, ansonsten darf jede Schweinerei auf eigene Faust stattfinden. Sicher ist nur, dass vor allem privates Betragen eine gute Note erhält, weil Rocksaum und Haarschnitt wenig Anlass zum Skandal geben. Den Charakter aber zeigt es nicht, wie auch Höflichkeit, die täuschend ähnliche Schwester der Freundlichkeit, vor jeder Arschgeige artig knickst, bevor sie ihr eins über die Rübe zieht.

In einem Gemeinwesen, das sich, ganz auf die Außenwirkung bedacht, eine preziöses Fassade vor die Fratze hält, ist die Sittlichkeit längst zu einer lächerlichen Übung geronnen, zur kategorischen Invektive gegenüber der praktischen Vernunft. Wie das Böse als Freiheit verstanden wird, und so wird es verstanden, besteht der Umgang des Menschen mit sich selbst nur aus Etikette und Schwindel, was als identitätsstiftendes Zeichen jedoch immer schon genug war. Die Hauptsache ist, wir werden dabei anständig verladen und kriegen ordentlich eins auf die Mütze. Inzwischen hat sich die Kinderstube bis auf das Terrain der Kriegsdiplomatie ausgeweitet, und mit stilisiertem Entsetzen blicken wir auf das Unzivilisierte, als könnten wir es bannen. Wer mit dem Finger zeigen kann, reklamiert noch immer den Anstand für sich, die Moral, die Sittlichkeit. Immerhin bleiben wir innerhalb unserer üblichen Wertvorstellungen, und es ist immer gut, wenn sie nicht einer aus dem Wandschrank holt, der sie auch verstanden hat. Wie praktisch, dass das so selten geschieht.