Sterbebegleitung

5 09 2022

„Und das soll jetzt der große Wurf sein?“ „Sie hatten etwas von Wucht gesagt.“ „Lächerlich.“ „Da stellt sich doch jetzt die Frage, wer das alles bezahlen soll.“ „Die Mittelschicht.“ „Sie hatten die Frage nicht verstanden: nicht, wem man das alles bezahlt.“ „Und Sie verstehen hoffentlich bald die Antwort.“

„Wir könnten ja auch mal über alternative Maßnahmen nachdenken.“ „Noch mehr?“ „Wer soll das denn alles bezahlen.“ „Es geht eben nicht mehr um zusätzliche Entlastungen, sondern um die, die viel mehr bringen und nicht ständig mit einer neuen Einmalzahlung erkauft werden müssen.“ „Sie meinen jetzt komplizierte Konstruktionen, dass man Eltern im ALG-II-Bezug nicht das Kindergeld als Einkommen wieder wegnimmt.“ „Das wäre ja auch ungerecht, wenn man solche Leute dafür belohnt, dass sie Kinder bekommen, obwohl sie es sich gar nicht leisten können.“ „Nein, wir brauchen eine ganz andere Herangehensweise, die endlich eine Gesamtsituation, multikausale Fehlentwicklungen und eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung sieht.“ „Gesamtgesellschaftlich?“ „Das heißt, dass die Menschen, die mit Geld umgehen können, auch weiterhin für die zahlen dürfen, die’s nicht können.“

„Man könnte ja ab Oktober das Neun-Euro-Ticket wieder einführen.“ „Mir ist kein einziger Aufsichtsratsvorsitzender oder Chefarzt bekannt, der das bräuchte.“ „Sehen Sie’s mal so, wenn die prekär Beschäftigten 520 Euro im Monat kriegen, dann können sie das bald von ihren Steuern wieder mitbezahlen.“ „Und die Reichen?“ „Ach, man nimmt, was man kriegt.“ „Trotzdem würden sie es nicht nutzen.“ „Dann sollen sie es eben nicht kaufen.“ „Was nicht gekauft wird, ist für den Markt auch nicht notwendig.“ „Das könnte man dann von Sportwagen aber auch sagen.“ „Es gibt immerhin eine ganze Industrie, die die herstellt.“ „Und die Händler!“ „Außerdem würden die Leistungsträger bald in andere Länder abwandern, wenn es hier keine Sportwagen mehr gäbe.“

„À propos Sportwagen…“ „Sie hatten jetzt eine Kaufprämie für SUVs erwartet?“ „Die gibt’s schon.“ „Warum?“ „Weil dafür immer Geld da ist.“ „Nein, ernsthaft: wir brauchen ein Tempolimit.“ „Sind Sie noch ganz bei Trost!?“ „Dann kauft sich doch keine Sau mehr einen Sportwagen!“ „Das ist mal wieder so eine typisch ideologische Hassidee, die Sie als verkappter Stalinist nur benutzen, um den Leistungsträgern…“ „Also Krankenpflegern und Polizeibeamten?“ „Das sind doch keine Leistungsträger!“ „Weil sie so selten Sportwagen fahren?“ „Verzicht ist ja gut und schön, aber dann auch für alle und nicht nur für die, die sich ein Auto leisten können.“ „Dann könnten wir ja auch wieder Klassenjustiz und Klassenwahlrecht einführen.“ „Das würde uns wenigsten vor linken Spinnern in der Regierung schützen.“ „Wenn Ihnen Atomstrom lieber ist, wie wäre es mit Neuwahlen?“

„Zum Glück haben sie uns diesen Quatsch mit der Steuerersenkung auf pflanzliche Lebensmittel erspart.“ „Davon profitieren ja auch wieder nur die Linken!“ „Wieso nur die Linken?“ „Die sind doch alle Veganer.“ „Lassen Sie uns doch lieber Fleisch teurer machen.“ „Sind Sie wahnsinnig!?“ „Am Ende darf ich mit meinem Steak auch noch ihre Grünkernscheiße subventionieren!“ „Das wäre doch nur logisch, wenn die CDU inzwischen mit den Gewinnen aus erneuerbarer Energie Gaskraftwerke fördern will.“ „Davon wird ja auch das Gas billiger und wir müssen nicht ständig Entlastungspakete beschließen.“ „Je weniger Ressourcen wir damit verbrauchen, desto besser für die Umwelt.“ „Es geht hier aber gerade nicht um die Umwelt, können Sie mit Ihrer verdammten Ideologie nicht endlich mal in der Realität ankommen?“ „In der Realität sind wir gründlich falsch abgebogen und haben das, was wir Wohlstand nennen, durch einen komplett aus dem Ruder gelaufenen Energieverbrauch von den ärmeren Ländern finanzieren lassen.“ „Ich lasse mir doch mein Steak nicht auch noch von den Überschwemmungen in Pakistan vermiesen!“

„Und die kalte Progression?“ „Das wird die CDU aus Prinzip im Bundesrat verhindern.“

„Immerhin kommen Sie uns nicht mit einer Übergewinnsteuer.“ „Die heißt nur anders.“ „Ich tippe, da musste jemand sein Gesicht wahren.“ „Für die Zeit nach der Politik?“ „Das sind ja bloß wenige Jahre.“ „Und Zufallsgewinne, das klingt ja auch irgendwie total gerecht.“ „Am Ende steht dann in der nächsten Putin-Kampagne, dass die Regierung Erben mit 100% besteuern will.“ „Das wird in der Bundesrepublik kein vernünftiger Mensch fordern.“ „Erzählen Sie das den Querpfeifen.“ „Also die, für die ein Großteil dieser populistischen Politik gerade die globale Sterbebegleitung veranstaltet?“ „Warum sind Sie immer so kritisch?“ „Weil das alles zu spät kommt.“ „Hätte Putin den Krieg Ihrer Meinung also einfach früher beginnen sollen?“ „Nein, aber wir die Energie- und die Verkehrswende.“ „Jetzt warten Sie’s doch erst mal ab.“ „Sie sind gut, wir warten auf eine Strompreisbremse, von der keiner weiß, wie sie rechtlich funktioniert, was sie bringt und ob sie in den nächsten Jahren überhaupt realisiert wird, und dazu wird die CO2-Bepreisung nicht mehr angepasst, damit wir noch mehr Energie verschleudern, um die Folgen des Klimawandels in den Griff zu kriegen.“ „Meinen Sie denn, da kann man noch was mache?“ „Da bräuchten wir eine dauerhaft veränderte Politik, dann müssten wir uns nicht ständig Einmalzahlungen ausdenken.“ „Dazu müsste die Regierung vielleicht einmal ihren Job machen. Einmal.“