Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXI): Die Mehrheitsgesellschaft

9 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann in grauer Vorzeit führte Pummi, Stammvater der Pummilonen, seinen Clan mit Kind und Kegel in die fruchtbaren Niederungen des heute als Pummilonien bekannten Siedlungsgebiets, das durch Wälder, Fließgewässer und einen nicht zu hohen Gewerbesteuersatz internationale Investoren lockt. Ein paar Lokalfürsten stellten vorübergehend ihre internen Zwistigkeiten ein, brachten den einen oder anderen Herzog professionell um die Ecke, konnten aber gegen den Herrschaftsanspruch des neuen Königsgeschlechts nicht viel ausrichten – mit Ausnahme ihres Einflusses auf die dialektale Prägung des Pummilonischen, das alsbald unter den Nachbarsprachen rückstandsfrei getilgt wurde, auch deshalb, weil Pommi, der angeheiratete Bastard der Pommilunen, hin und wider die Pummilonier zum Neubau ihrer frisch abgefackelten Residenzen zwang. Historisch hatte ein Häuptling im frühen Mittelalter einen günstigen Moment erwischt, war unter die überregional wichtigen Dynastien geraten und bekommt bis auf die heutige Tage eine Rolle in der Nationalerzählung. Was man vor seiner Ankunft schon getan hatte, Fische mit Beerenobst füllen, der Braut einen Knotenstock für lange Winterabende mit dem zugesoffenen Gatten schenken oder den stimmlosen bilabialen Frikativ als Marker für eine unmittelbar abgeschlossene Vergangenheit vor das Verb stellen, tut man dort bis heute, nur gilt es als typisch pummilonisch.

Die Mehrheitsgesellschaft ist eine Chimäre, sie hat nie existiert und kann nicht existieren. Damit wäre das Thema erschöpfend behandelt, nur nicht die Frage, was diese Zwangsvorstellung mit den Menschen anrichtet und wozu. Dass Mehrheiten sich ausnahmslos aus der Überschneidung vieler Minderheiten zusammensetzen, dass es durch die natürliche Fragmentierung sozialer Konstruktionen diese Vorstellung nur als Dominanzfantasie geben kann, ist zugleich Binsenweisheit und Drohung, die sich bestenfalls als falsch verstandene Prophezeiung selbst erfüllt. Dem Deutschen ist alles deutsch, was für die entlegensten Aneignungen gilt, Gartenzwerg und Zipfelmütze, er hat alles erfunden, auch das Mittel dagegen, und lässt es sich zufällig ein paar Jahrtausende früher in Mesopotamien nachweisen, hat er es optimiert, patentiert und im industriellen Maßstab damit die Welt vermüllt. Was innerhalb seiner Grenzen stattfindet: geschenkt, wichtig ist nur, dass es diese Grenze gibt, denn was wäre seine Identität, müsste er sie mit anderen teilen?

Es geht ja selten um Distinktionsgewinn, denn woher sollte der Bratwurstbräter, Kartoffelschäler, Biertrinker sie nehmen? Ist die kulturelle Norm, in Deutschland eingeführte Verhaltensweisen derart als internalisierte Prozesse zu behandeln, schon ein Grund, Abarten von der eigenen Abweichung als ausgrenzungswürdig zu behandeln? Immerhin hat es vergangenen Theoretikern für die Konstruktion eines christlichen Abendlandes gereicht – Spoiler: weder das eine noch das andere – um irgendeine geistige Grundhaltung postulieren zu können, auch wenn dabei allen die Einheit um die Ohren flog, die sie sich zurechtschwiemeln wollten. Das manische Reinerhaltungsgejodel der selbst eingewanderten Beutegermanen einmal beiseite gelassen, klammert sich jeder Angstbeißer an die kleinen Unterschiede, mit denen sich Ossis von Wessis, Personen mit von Personen ohne Behinderungen säuberlich trennen lassen, weil das ja notwendig ist, und wer als Angehöriger obskurer Glaubensgruppen Fuß fassen will, wo ausschließlich anständige Menschen leben, hat als Protestant in manchen Feuchtgebieten keine Chance. Hier sind wir noch nicht bei den offiziell als verboten empfohlenen Kriterien, mit denen man sich als Vermieter, Schwiegervater oder Arbeitgeber am Stammtisch beliebt machen darf, wenn es um die Dominanzkultur eines strukturellen Rassismus geht, wenn man einfach nur aus der Opferhaltung sein Dorf von den bösen Einwanderern fernhalten will, weil sonst auch in den nächsten zehn Jahren keiner mehr da den Landarzt geben will.

Nun muss man nicht denken, es würde den typischen Abwrackschnackern schon reichen, beim ersten Anzeichen von Migrationshintergrund zur Mistgabel zu greifen. Die aber warten nicht auf eine auffällige Hautfarbe, ungewöhnliche Namen oder Nachbarn, die ohne erkennbaren Grund einen akademischen Beruf ausüben. Die alte Form dieser Mehrheitsgesellschaft hätte syrische Neurologen als Allgemeinärzte akzeptiert, beim Eintritt in die Feuerwehr kein Kreuzverhör durchgeführt oder den neuen Dorfwirt schon vor der Insolvenz der neu renovierten Schenke zur Kenntnis genommen. Die heutige Form besteht aus 15% Deppen, 10% Idioten und 9% Gewohnheitslügnern, ungefähr so vielen Soziopathen mit und ohne rassistischen Neigungen, 5% Dummklumpen, 6% Drogenschmeißern und 20% Wahnwichteln. Bleiben wir bei den Deppen, wissen wir ungefähr, wer sich für die Mehrheit hält und warum. Der Rest nimmt billigend hin, dass er sich nicht mit der Integration der anderen abmühen muss. Alles andere ist nicht bekanntes Terrain, im Klartext: Feindesland. Es ist gut, wenn man es kennt, denn nur so kann man um alles eine Mauer bauen. Das hilft uns. Und nur das zählt.