Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXII): Zeugen des Untergangs

16 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrts Schwager war freiwillig in diese große Höhle gezogen, durch die eine Wasserader floss. Der Komfort sanitärer Einrichtungen war durchaus nicht zu verachten, brachte aber auch Nachteile mit sich in Gestalt kalkhaltiger Gesteinsschichten, die mehr oder weniger regelmäßig von den Wänden bröckelten. Kleinere Brocken konnten jäh den Bestand an Nachwuchs dezimieren, und das leise Knacken an der Decke verhieß nichts Gutes. Eines Tages, so fürchteten die Alten, würde der Himmel allen auf die Schädeldecke rasseln, und dann wäre es mit dieser Sippe zu Ende, mehr noch: ihre Geschichte würde vergessen sein, keiner wäre noch am Leben, um an sie zu erinnern. Alle Warnungen wären in den Wind gesprochen, niemand hätte mehr Bedarf an einem moralischen Beispiel, wie man mit etwas Bequemlichkeit den sicheren Tod erkauft. Aber so ist nun einmal der Mensch, auch im frühen Stadium seiner Stammesgesichte überzeugte er durch Dummheit. Die Evolution, die selten ohne Grund geistige Sackgassen austestet, um bei der Perfektionierung der Arten auch die dämlichsten Fehlkonstruktionen auszuschließen, tat, was sie nun einmal tun musste. Die Schwerkraft lässt nicht mit sich diskutieren. Der Untergang hatte keine Zeugen, zumindest keine, die davon hätten sprechen können.

Wie anders stellt sich unsere Gegenwart dar, in der eine komplette Spezies den Dummklumpen nachläuft, die ihre Vernichtung generalstabsmäßig plant und organisiert, um auch ja kein Detail außer acht zu lassen. Wir gewichten unsere Interessen, die nicht selten wenig bis nichts mit dem Überleben in dieser fragil eingerichteten Umgebung zu tun haben, die wir als unseren Planeten für geräumig genug halten, unseren Dreck in die nächstbeste Ecke zu schmeißen, ohne dass es auffiele. Auch wenn die geistige Leistungsfähigkeit dieses Kopfschrottkollektivs nicht unbedingt gleich ins Auge fällt, einige verfügen über Kenntnisse von Naturgesetzen und sind zu folgerichtigem Denken in der Lage – was seinerzeit gereicht hätte, ein paar Troglodyten im Genpool zu belassen, wäre heute in der Lage, das Überleben der Menschheit zu sichern, aber es gibt Wichtigeres: mit großen Dingern, die Gase ausstoßen, in den Urlaub zu fliegen und sich dort in kleinen stinkenden Blechkisten von einem Strand zum nächsten zu bewegen, solange das Meer die Küsten noch nicht weggeschwiemelt hat. Wir können tatsächlich die letzten sein, die exotische Tiere in ihrem natürlichen Habitat besichtigen, weil wir die Generation sind, die ihre Auslöschung mit unserem Ferientrip besiegeln. Das Ganze hat einen Schönheitsfehler; wir, die gierigen Arschlöcher, die aus Gemütlichkeit die Katastrophe aussitzen, haben die rauchenden Trümmer unseren Nachfahren vor die Füße gekippt und weimern jetzt herum, wenn sie freitags nicht brav in die Schule gehen.

Mit etwas mehr Lernbereitschaft hätten wir die Zeugen des Verderbens sein können, die genau wissen, was sie erwartet. Die Folgen unserer Gier, unserer politischen, ökonomischen und sozialen Unbelehrbarkeit, unserer rein größenwahnsinnigen Neigung, alles wegverhandeln zu wollen, und sei es eine physikalische Grundkraft, die sich nicht mit einem parteiinternen Konsens zweier Drecksäcke beseitigen lässt. Die Hominiden hätten sich nicht gewundert, dass ihre Hinterlassenschaften mit dem Wasser am gesamten Wohnort verteilt worden wären, die angeblich aufgeklärten Bürger, für die Wissenschaft eine Art Religion ist, die man nach Bedarf verleugnen oder falsch anwenden kann, wenn es dem Reichtum der Kaste dient, wollen es gar nicht verstehen. Sie trösten sich mit dem Gedanken, dass sie tot sein werden, wenn unser Ökosystem kollabiert und man ihre Gesichter in Stein meißeln wird, um täglich auf sie zu spucken. Die Erzählung werden andere schreiben, dann sind sie nicht mehr verantwortlich, und für eine Rotte offenporiger Darmleuchter reicht der Trost, dass sie ihre Verachtung noch ein bisschen zelebrieren können, bis sie jemand nach der Hirnembolie in die sengende Sonne rollt, wo sie so elend verrecken, wie sie sich das für den Rest ihrer Domestiken gewünscht hatten.

Leider wird niemand mehr davon Kenntnis nehmen. Das Dumme am Weltuntergang ist nun einmal, dass dabei die Welt untergeht, vulgo: das schmierige Restchen Wirtschaft, das die Zivilisation im Tod noch überdauern könnte, ist irgendwann auch weg vom Fenster, und kein Insekt dürfte sich für Börsenkurse interessieren. Hollywood dürfte für dröhnende Dystopien nur noch dann etwas übrig haben, wenn sie den nötigen Abstand zu dieser Wirklichkeit hinkriegen – wer würde sich schon die eigene Hinrichtung als Blockbuster ansehen. Und so bleibt uns zum Schluss nur die Erniedrigung, von denen verlassen zu werden, die ihre eigene Beseitigung als kollektiven Suizid inszenieren, weil sie die Mehrheit nicht als schützenswert ansieht, wenigstens nicht im Vergleich mit dem Hochgefühl, ohne Tempolimit über die Autobahn zu brettern und den Opfern mangelnde Leistungsbereitschaft zu attestieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird. Diesmal reicht es, wenn sie überleben.