Bis einer weint

19 09 2022

„Zwei Paar Schuhe? Die schwarzen sehen ja noch halbwegs anständig aus, die kommen dann weg. Ach, ich verstehe – Sie hatten die Maßnahme vom Inhalt her nicht begriffen. Sie haben die Struktur nicht verinnerlicht. Na, das wird sich ändern. Wir werden Sie langsam einnorden. Ganz langsam. Sie haben sich für Bürgergeld entschieden, und jetzt kriegen Sie Bürgergeld. So einfach ist das.

Sie brauchen ein Paar anständige Schuhe, um sich für den nächsten Job zu beweben? Das ist jetzt irgendwie lustig. Nein, das klingt wirklich putzig, wenn Sie meinen, Sie hätten die Schuhe für teures Geld vor Jahren angeschafft. Das interessiert hier keinen, weil es völlig egal ist, ob das Bürgergeld heißt oder Hartz IV, ALG II, wie auch immer. Diese Leistung wird nach Ihrer Ansicht zu Unrecht an Bedürftige ausgezahlt, das haben Sie selbst ausgesagt, und nach statistischem Mittel haben Sie die Schuhe jetzt so lange, dass Sie sowieso nur ein Paar besitzen dürften. Wir lassen jetzt mal beiseite, dass Sie in den Lederschuhen nur gesellschaftlich relevante Termine wahrnehmen und auf Ihre äußere Erscheinung achten würden. Das ist ja auch Teil des Konzepts. Wenn Sie lange genug vom Bürgergeld profitiert haben, das Sie ja jetzt als viel zu üppig kritisieren, soll man Ihnen auch ansehen, dass Sie zum gesellschaftlichen Dreckrand gehören.

Sie betrachten das als vorübergehend, da wird sich für Ihren Lebensstandard nicht viel ändern, das war doch Ihr Ansatz? Wir sprechen uns wieder in fünf Jahren, wenn Sie Ihre Nachbarn nicht mehr kennen, weil Sie sozialen Kontakten lieber aus dem Weg gehen. Nicht nur wegen Ihrer Kleidung. Ihre Tagesfreizeit wird unangenehm auffallen. Sie haben dann einen etwas anderen Körpergeruch. Ja, auch Seife kostet Geld. Was meinen Sie, wie viele nicht mit diesem so großzügig bemessenen Regelsatz zu Rande kommen, obwohl die Kohle ja pünktlich aufs Konto kommt. Sie dürfen durchaus ein Jahr lang von Ihren Ersparnissen leben. Das ist okay, und wenn Sie die Trüffelsalami und Breitreifen für den SUV irgendwo billiger kriegen, dann ist das schön. Sie wären auch nicht der erste, bei dem ein paar zehntausend Euro weg sind, weil gewisse Dinge im Regelsatz einfach nicht enthalten sind.

Wie Sie die Miete für Ihre Fünf-Zimmer-Wohnung auf die Reihe kriegen, das ist auch ein Problem, aber nicht unseres. Sie wollten, dass die Solidargemeinschaft schnellstmöglich durchgreift. Da muss man Bedürfnisse der Leistungsempfänger auch mal kritisch überdenken. Zum Beispiel die Tatsache, dass Sie jetzt ohne Auto gar nicht mehr so verkehrsgünstig wohnen und sich im Verhältnis dazu den Bus nicht leisten können, obwohl der ja sogar dreimal am Tag fährt. Ihr letzter Arbeitgeber hätte Ihnen ein Jobticket spendiert, Sie wollten die Pendlerpauschale, jetzt können Sie sich aussuchen, was Sie als erstes nicht kriegen. Wenn Sie von der Ihnen jetzt zur Verfügung stehenden Summe nicht mehr Ihren Lebensunterhalt bestreiten können, liegt das nicht unbedingt daran, dass Sie zu viel Geld auf dem Konto haben. Wie gesagt, Sie wollten das so.

À propos Bedarfsgemeinschaft, Sie hatten wohl im Eifer des Gefechts vergessen, dass wir andere Haushaltsmitglieder noch schlechter behandeln. Zu zweit wird man bekanntlich schneller satt, muss dieselbe Waschmaschine nicht zweimal reparieren – anschaffen dürfen Sie die von Ihrer Altersvorsorge, oder Sie haben eben keine – und gewöhnt sich auch schneller an die Umstände. Glauben wir. Ob Sie das auch glauben, ist auch eine dieser Sachen, die uns nicht interessieren. Ich würde Ihnen in künftigen Stresssituationen auch nicht raten, Ihre derzeitige Bedarfsgemeinschaft durch eine Trennung zu gefährden, obwohl das durch Stressfaktoren wie den Kontakt zu uns durchaus passieren kann. Nicht jeder geht mit mehreren amtlichen Schreiben pro Woche wirklich gut um. Sollte das bei Ihnen nicht funktionieren, haben Sie ein Problem.

Übrigens, Papier: selbstverständlich ist bei uns das Rückgrat einer funktionierenden Verwaltung der Aktendeckel, und was da nicht enthalten ist, hat rechtlich gesehen keine Bedeutung. Sie werden in den interessantesten Momenten merken, dass das hier Deutschland ist. Ob Ihr Name für mich nicht ganz geheuer klingt, ob Ihre Hautfarbe irgendwie in dem Zusammenhang ein merkwürdiges Gefühl macht, vielleicht werde ich Ihre Unterlagen trotz des Eingangsstempels versehentlich schreddern. Mehrmals. Wir machen das auf professionellem Niveau. Bis einer weint.

Selbstverständlich können Sie jederzeit aus dem Spiel aussteigen. Bedenken Sie aber, dass schon die Tatsache, als arbeitssuchend gemeldet zu sein und bei uns ein Profil zu haben, das nicht unbedingt mit viel Sachverstand gepflegt wird, Sie bei sämtlichen potenziellen Arbeitgebern unattraktiv macht. Sollte es einen Job geben, für den sich eine Bewerbung lohnt, gehen Sie davon aus, dass wir Ihre Daten im Vorfeld übermitteln, um Sie als Bewerber zweiter Klasse zu framen. Das passiert gar nicht aus böser Absicht, aber wir leben davon, dass es immer genug Erwerbslose gibt. Und wir machen uns nicht ohne Not selbst arbeitslos. Erwarten Sie also keinerlei Unterstützung von uns. Im Gegenteil.

Ja, Arbeit lohnt sich, das merken Sie spätestens dann, wenn Sie selbst ein bisschen dazuverdienen. Arbeit lohnt sich nur dann nicht, wenn wir Ihnen den Lohn gleich wieder zum großen Teil anrechnen und vom Bürgergeld abziehen. Und rechnerisch werden Sie schnell merken, dass sich Arbeit vor allem dann nicht lohnt, wenn sie beschissen bezahlt wird. Aber keine Sorge, Sie werden das merken. Mal sehen, wie lange Sie brauchen.“