Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIV): Funktionale Barmherzigkeit

30 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Fürst war’s zufrieden. Auch in diesem Jahr hatte die Bauernschaft wieder ordentlich den Zehnt in die Scheuer gebracht, damit sich die normale Vermögensverteilung aufrecht erhalten ließ. „Nimm Er“, näselte der Potentat und streckte dem Sprecher der Gesandtschaft einen blanken Gulden entgegen, „aber nicht wieder alles auf einmal ausgeben!“ Der Hofschreiber hatte nur auf diesen Moment gewartet, und schon jubelten die Schranzen ob des Gebieters Güte und Mildtätigkeit, da er zu diesem Opfer nicht verpflichtet war. Der Geistliche betonte denn auch die besondere Bedeutung des guten Werkes, das dem Machthaber sicher ein paar Jahre weniger im Fegefeuer einbringen würde. Barmherzigkeit hatte sich wieder einmal gelohnt, konstatierte der Herr. Wie praktisch, wenn man sie als funktionalen Akt der sozialen Imagebildung benutzen konnte.

Dabei ist diese Praxis weder die erste noch die am meisten an den Glaubensgrundlagen vorbei durchgeführte Form sanftmütiger Selbsterhöhung. Überall da, wo Religion institutionalisiert auftritt und sich ins weltliche Machtgefüge einmischt, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen durchdringt, organisiert und nutzt, tritt auch dieses Phänomen auf, dass Hilfe vor allem den Helfenden zum Vorteil gereicht, während die Bedürftigen sich nolens volens instrumentalisieren lassen. Schon im Mittelalter waren es die Gutleut – im Straßenbild mehrerer süddeutscher Städte sind Straßen, Häuser und Kirchen, bisweilen ganze Viertel nach ihnen benannt – die als Aussätzige nicht mehr mit der bürgerlichen Gesellschaft leben durfte, und so blieb ihnen entweder die Verbannung aus den Mauern oder aber die Zwangsumsiedlung in Siechenhäuser, die auch vor den Toren lagen, aber doch wenigstens ein Obdach boten. Sie waren die Opfer des Handels mit Fellen, namentlich mit Eichhörnchen, die neben arteigener Putzigkeit auch den Krankheitserreger in der urbanen Zivilisation großzügig verteilten, wo es die Kreuzritter mit einschlägiger Auslandserfahrung nicht geschafft hatten. Die hygienischen Umstände der Seuchenlager taten ein Übriges, die beständigen Neuinfektionen der Ärmsten zum systemtheoretisch korrekten Kreislauf zu optimieren: Krankenhäuser produzieren vor allem Kranke, und was wäre diese Gesellschaft gewesen, wenn sie es nicht zu ihrem Vorteil ausgenutzt hätte.

Das allgemeine religiöse Korsett bürgerlichen Handelns und Wandelns forderte hier und da den Nachweis christlicher Wohlanständigkeit, die sich in gebetsmühlenartig gelesenen Seelenmessen und Kapellenstiftungen manifestierte, zunehmend in Stiftungen, da die Nachhaltigkeit der Geldanlage als Machtinstrument wohlhabender Familien attraktiv wurde, aber für die Lebenden und ihre Reputation als Prestigeobjekt und Führungsanspruch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Man gab den Armen, weil man es konnte, und nicht einmal als gottgefälligen Aberglauben setzte man darin die Hoffnung, im Jenseits mit Zinsen ausbezahlt zu werden. Die Notwendigkeit der Gutleut hielt sich vor der Reformation hartnäckig im Zentrum der Frömmigkeitsvorstellungen. Und nicht nur da.

Andere Religionen sind nicht weniger vom Glauben an eine gerechte Welt durchdrungen, die an den Lohn für gute Taten glaubt und daran, dass eine höhere Macht die Armen aus gutem Grund arm und die Kranken krank macht. Flugs schwiemelt sich der Hominide eine Täter-Opfer-Umkehr aus der verquasten Denke, und so entsteht in manchen buddhistischen Kulturen die seltsame Dialektik, die Bettelmönche seien überhaupt nur dazu da, den Laien durch die tägliche Spende in ihre Reisschale ein Werk der Nächstenliebe zu ermöglichen. Wie diese bizarre Logik kippt auch die religiöse Praxis, in einer konsumfixierten Konkurrenzgesellschaft die gar nicht mehr so darbenden Klosterbrüder statt mit Reis und Gemüse mit abgepacktem Zuckerzeug zu versorgen, ihnen eine gesundheitsschädliche, da hochkalorische Mastkur zu bescheren, weil nach Auslegung der theologischen Schriften der am meisten Meriten erwirbt, der die meisten sättigt. Nicht immer ist Proportionalität sinnvoll.

Und auch das, was wir nicht für Religion halten, obwohl es eine höchst differenzierte und perfekt organisierte Form dessen ist, nutzt die Maschinerie des Verdienstmanagements. Die christliche Tugend der Caritas heißt jetzt Charity, wo die Reichen und Schönen unter gut orchestrierter Medienpräsenz ein bisschen Kleingeld für Benachteiligte spendieren, das PR-kompatible Prekariat gelegentlich anfassen, ihnen die eingeübten Wertvorstellungen unserer kapitalistischen Gotterkenntnis in die Fresse hauen und dafür als Vorbilder abgefeiert werden. Gäbe es die Tafeln nicht, die Berufsgattinnen-schmieren-für-alleinerziehende-Mütter-Frühstücksbrote-Clubs, der ganze Schmodder würde als vorher eingepreist in der Versenkung verschwinden, und keine der dezent geschminkten Trullas würde sich aufführen können wie Mutter Teresa, die gierige Spendensammlerin im Namen der eigenen Berühmtheit, die Lepröse in ihren Immobilien verrecken ließ, während ihr Geld Zinsen abwarf. Sollte es die Hölle geben, der Teufel könnte ihr täglich eine reinhauen. Als gutes Werk.


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