Rechtsnachfolge

3 11 2022

„Bloß nicht verbuddeln, das hat man ja früher so gemacht. Das hat irgendwie etwas Unhygienisches, fast Gruseliges, als wenn das irgendwann wieder hochkommen könnte, wenn man es am wenigsten gebrauchen könnte, Herr Merz. Nein, dann lieber eine Feuerbestattung. Da weiß man, was man hat. Das ist viel zweckmäßiger, wenn man die Reste verbrennt, dann lässt sich hinterher auch so gut wie nichts mehr nachweisen.

Das ist der Lauf der Welt, Herr Merz. Die CDU ist nun mal schon ziemlich alt, das lässt sich nicht mehr leugnen, und irgendwann stellen sich die Anzeichen ein, dass sie es nicht mehr lange macht. Ganz am Ende kommen noch mal die trügerischen Hoffnungen, sie könnte es vielleicht doch noch schaffen, aber das ist alles nur schöner Schein. Da muss man den Tatsachen ins Auge sehen, und wenn es nicht genug Tatsachen gibt, findet man eben welche. Das machen viele so, Herr Merz. Lassen Sie sich da nicht irritieren.

So eine Sterbegeldversicherung, die ist ja in den letzten Jahren total aus der Mode gekommen. Wie gut, dass Sie die noch entdeckt haben, sonst müsste die CDU jetzt für ihre eigene Beerdigung zahlen. Tut sie? Und wo landet jetzt die Kohle, die dafür eigentlich vorgesehen war? Nein, sagen Sie es nicht – ich will mir das gar nicht vorstellen. Aber Sie können das Geld sicher gut gebrauchen, für eine Stiftung beispielsweise. Haha, kleiner Scherz! Ich wusste doch, dass Sie Spaß verstehen!

Gut, dann eben nicht. Sie möchten das auf eine preiswerte Art, ich meine, es soll doch alles billig werden, oder nicht? Wenn es Sie nicht stört, dass es dann auch alles billig aussieht, dann machen wir das so, Herr Merz. Leiche ist Leiche, und wenn der Sarg erst mal geschlossen ist, dann regt sich über das fehlende Totenhemd sicher niemand mehr auf. Was Sie den Angehörigen erzählen, das ist uns im Zweifelsfall auch völlig egal. Es wird ja am Grab viel gelogen, da macht Ihnen niemand etwas vorm und da haben Sie nun wirklich zu Lebzeiten der CDU schon jede Menge Erfahrung gesammelt. Es ist nur so, dass wir das ja als Gesamtauftrag sehen, und wenn Sie jetzt beispielsweise in der Anzeige schreiben, die Partei sei nach langer, schwerer und geduldig ertragener Krankheit friedlich von uns gegangen, dann können Sie am Grab nicht vom Meuchelmord durch linksextremistische Klima- und Einwanderungsterroristen sprechen und blutige Rache androhen. Da muss man ausnahmsweise mal vorher wissen, was man sagt. Nur so als Tipp.

Ich würde das natürlich eher schlicht halten. Die Kränze nicht zu groß, die Schleifen eher mit den üblichen Worthülsen. Da findet sich bestimmt noch ein bisschen Zeug im Fundus. Und lassen Sie bloß das Christliche nicht so sehr raushängen, das wirkt am Ende eher peinlich. Nein, nur kein Theater, Herr Merz. Sonst fragt Sie am Ende noch einer, was die Lieblingstugend der CDU war, und dann sind Sie plötzlich mitten in einem Fachgespräch über Gott. Das hat uns ja gerade noch gefehlt.

Das Testament würde ich erst mal ausklammern. Die Leute kommen früh genug und wollen wissen, ob es da etwas zu holen gibt, dann schnüffeln die im Keller herum, und was sie da finden – nein, das machen Sie schon richtig, Herr Merz. Wenn die alte Dame abgekratzt ist, fängt man gar nicht erst mit Transparenz oder Vergangenheitsbewältigung an. Sie müssen den Ruf der CDU rein erhalten. Was sich da in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, das können Historiker irgendwann mal aus den Archiven kratzen, wenn es dann nicht schon weg sein sollte, aber jetzt ist es definitiv zu früh. Das machen Sie ganz richtig.

Vor allem, dass Sie sich entschlossen haben, den letzten Weg der alten Dame so ganzheitlich zu begleiten, das nötigt uns schon einen gewissen Respekt ab. Palliativbegleitung, Sterbehilfe, dann die Beisetzung, und da Sie sich vielen völkischen Verfassungsfeinden freundschaftlich verbunden fühlen, gehe ich davon aus, dass Sie sich auch um die Rechtsnachfolge kümmern werden, Herr Merz.

Grabschmuck? Wie ich die CDU in Erinnerung habe, hätte sie gegen Eichenlaub bestimmt nichts einzuwenden gehabt. Lorbeer vielleicht? Ach so, den haben Sie für sich selbst reserviert. Am besten machen wir es ein bisschen hübsch und ordentlich, vielleicht noch ein anrührendes Arrangement aus seltenen Blüten – da buddelt keiner, um zu gucken, was da noch alles mit in die Urne reingerutscht ist. Mit Asche kennen Sie sich ja aus, oder?

So etwas wie Verstreuen oder Waldbestattung kann ich Ihnen jedenfalls nicht empfehlen. Bei dem einen hätten Sie natürlich den Vorteil, dass sich die Umweltaktivisten über Feinstaubbelastung durch die Hinterlassenschaften der CDU beschweren, und bei dem anderen haben Sie eine sehr große Nähe zu den Grünen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie das wirklich gut finden, Herr Merz. Dann lieber ein Loch in den Boden und weg mit dem Scheiß, nicht wahr? Das ist der Pragmatismus, für den Sie so geschätzt werden, Herr Merz, und das sogar bis in die CDU hinein. Hindernisse muss man beseitigen, vor allem dann, wenn man nicht selbst die Konsequenzen trägt. Erinnerungsgottesdienst? Ach so, wir wollten es ja nicht christlich. Ist wohl auch besser so, wenn man die Partei langfristig vom Radar verliert. Vergessen kann man sie jetzt schon.

Dann sollten wir alles haben, Herr Merz – Sie rufen kurz durch, wenn die Alte platt ist, dann sind wir da und kümmern uns um den schmutzigen Rest. Aber eine Frage habe ich noch, nur zur Sicherheit, falls doch etwas dazwischenkommt. Wenn etwas mit Ihnen sein sollte, an wen wenden wir uns da?“