Rasensprengmeisterschaft

30 11 2022

Lieblingsziel der deutschen Familie: Ballermann. Aber auch in der gemütlich kleinen Dachkammer war der erste Freitagstexter seit langer Zeit wieder eine Freude, vor allem, weil er auf große Resonanz stieß. Das macht Hoffnungen auf eine kreative, spaßige Zukunft.

Da sich das Internet gerade wieder ein bisschen verwandelt, ist es gar nicht schlecht, dass wie die alten Werte wieder einmal produktiv machen. Die Bloglandschaft mit ihrer Individualität und einer schöpferischen Vernetzung sollte den einen oder anderen guten Gedanken hervorbringen, der gerne gelesen und geteilt wird. Wozu macht man sich sonst auch Gedanken.

Aber kommen wir zum Wesentlichen: der Pokal will weitergereicht werden. Die Kommentare sind wieder so schön bunt gemischt von lang und versponnen bis kurz und trocken, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und so kommt auf den Bronzerang diesmal formschubs Erklärung, warum die Olivenbauern bis heute keine Nusspaste mögen.

Stolz präsentiert Firmenpatron Oliviero Nuccini (links) im Kreise seiner Familie die nagelneue Wunderwaffe, mit der er gedachte, der schweren Eichhörnchenplage 1883 in seiner Haselnussplantage Herr zu werden. Aufgrund der Lärmbelästigung kam es jedoch zu einer langwierigen gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem benachbarten Olivenbauern, deren Kosten ihn in die Insolvenz trieben.

Aber dann. Tücken des Gartenbaus. Die silberne Kugel schießt gbdg ab, ich zitiere daher gleich mal die intendierte Form der Unterschrift.

Sie waren unzufrieden. Eine Rasensprenganlage hatten sie sich anders vorgestellt.

Und da ich es heute mal kurz halten will, schiebe ich den Textertopf samt Podest und Beleuchtung in den Vordergrund, damit das Überreichen zur nächsten Runde klappt. Es ist Mathias Piecha, dessen fotografisches Gedächtnis vor und hinter der Linse uns den Siegerbeitrag bescherte:

4. August 1877. Das erste Mal, dass ein Fotograf rief: „Und…schieß!“

Herzlichen Glückwunsch! Am Freitag, den 2. Dezember wird der Freitagstexter dann bei Mathias Piecha ausgerichtet. Gestochen scharf.





Evolutionäre Anpassung

30 11 2022

Der Chefredakteur kotzte, genauer: er erbrach sich brüllend über seinen teuren Wollanzug. Der ganze Inhalt seines Magens rann an ihm herab, während Doktor Schruttke auf die Stoppuhr schaute. „Ich bin entzückt“, flötete der Arzt. „Es übertrifft alle unsere Erwartungen – so ein wundervolles Ergebnis!“ Und während er fröhlich seine Häkchen auf dem Block setzte, krampfte sich der Schreiber noch einmal zusammen. Das Experiment war gelungen.

Der säuerliche Geruch hing zwar überall auf der Etage, doch das störte Doktor Schruttke nicht. „ich bin das ehrlich gesagt schon gewohnt“, informierte er mich. „Unsere Versuche sind nicht immer ganz so appetitlich, das können Sie sich wohl vorstellen. Aber wir haben abwaschbare Räumlichkeiten für die Testreihe angemietet, und unsere Probanden sind selbst schuld, wenn sie speien.“ Ein Surren aus dem benachbarten Raum weckte mein Interesse, und so öffnete ich leise die Tür. Das also war die Maschine, die ein paar bekannte Gestalten aus der deutschen Publizistik zu solcher Übelkeit trieb.

„Das Versuchskaninchen ist absolut sicher auf dem Sitz festgeschnallt, es kann überhaupt nichts passieren.“ Doktor Schruttke hatte recht, wobei der leise wackelnde Apparat schon gefährlich genug aussah, auch wenn der an einem gewaltigen Hebel um die eigene Achse rotierende Sessel für eine doch recht gleichmäßige Beschleunigung sorgte. „Sie kennen das Prinzip bestimmt vom Kettenkarussell“, erläuterte der Forscher. „Die Fliehkräfte haben eine gewisse Wirkung auf den Körper, der bekanntlich andererseits auch der Gravitation ausgesetzt ist – was Folgen hat für das Gleichgewicht, das ja im Innenohr reguliert wird und sich normalerweise auf die Erde als Fixgröße in unserem Bezugssystem verlassen kann.“ Der Mann, der dort mit erheblich grünem Gesicht und verstörter Miene um die Mitte der Anlage gewirbelt wurde, hatte dem Formular zufolge Erbseneintopf genossen und Nachschlag verlangt. Das Schicksal nahm seinen Lauf, vielmehr zwang es den aus Talkshows bekannten Mann, sein Inneres nach außen zu entleeren. Doktor Schruttke nickte. „So viel anders als im Fernsehen ist es ja gerade nicht.“

Er schob mich sanft, aber entschieden aus dem Raum. „Ich nehme an, dass Sie als medizinischer Begleiter für die Luft- und Raumfahrt zuständig sind?“ „Richtig“, freute sich der Leiter. „Absolut korrekt, daher haben wir auch viele Anordnungen übernehmen können, mit denen wir simulieren, wie sich der menschliche Organismus an die besondere Situation bei Start und Landung einer Rakete, beim Aufenthalt im Weltall und in einer Raumstation anpassen kann – oder eben auch nicht.“ Ein leises Stöhnen kam aus dem Raum, dessen Tür wohl nicht absichtlich offen stand. Dort hatte man eine Frau mit dem Kopf nach unten in einem Rad befestigt. Es hatte ein bisschen von einer mittelalterlichen Foltermethode. „Oh, das täuscht“, winkte Doktor Schruttke ab. „Tatsächlich geht es hier weniger um die räumliche Orientierung, wir wollen lediglich die zeitlichen Abläufe erforschen.“ Ich verstand nicht gleich. „In Bezug auf den Kreislauf natürlich, denn das Blut steigt dabei in den Kopf, oder vielmehr: es fällt.“ Auch dieser Befund erlaubte Rückschlüsse auf die körperliche Gesundheit der Probandin. „Es ist mit zunehmendem Alter schwierig, sich an diese Situation anzupassen, weshalb wir ja auch schon vor der Versuchsreihe sehr skeptisch waren.“ „Aber Sie schicken ja auch Astronauten ins All, die etwa in ihrem Alter sind.“ Doktor Schruttke lächelte. „Sie haben eine gute Auffassungsgabe, aber nicht die richtigen Voraussetzungen für Ihr Urteil. Wir erforschen hier nicht die körperlichen und geistigen Erfordernisse für die Raumfahrt, wir forschen über die Folgen des Klimawandels.“

In einem Schwimmbecken watete ein Dutzend Männer mit Gewichten an den Füßen durch das langsam steigende Wasser, wobei es kein klares, leicht gechlortes Wasser war, wie man es in einer öffentlichen Schwimmhalle erwarten konnte, im Wellnessbad oder im privaten Pool. Die bräunliche Brühe roch gar nicht gut, war unangenehm kühl und wurde von einigen Düsen in leichte Bewegung versetzt, die einer Flussströmung ähnelte. „Das ist ein ganz neuer Versuchsaufbau“, erläuterte Doktor Schruttke. „Hier haben wir einige nicht so wichtige Politiker, die sich dafür ausgesprochen hatten, dass wir uns an den Klimawandel anpassen, und wir geben ihnen gerade die Gelegenheit dazu.“ Wie ich jetzt sah, mussten die Durchnässten, die ja alle in dicken Winterjacken durch dieses Becken stapften, auch noch schwere Behältnisse gegen die immer stärker anschwellende Strömung tragen. Würden sie gerettet, wenn einer von ihnen in der Mitte des Bassins ausglitte, in diesem Matsch, in den man als Retter selbst kaum gefahrlos hineingehen konnte?

„Evolutionäre Anpassung ist eine interessante Sache“, dozierte Doktor Schruttke. „Leider bleibt uns kaum Zeit, bis wir die Auswirkungen dieser globalen Katastrophe in ihrer ganzen Kraft spüren werden – die an Land lebenden Vorläufer der Wale hatten immerhin fünfzig Millionen Jahre.“ Und er führte mich in einen kleinen Raum, in dessen Wand ein Fenster eingelassen war. Zumindest schien es so, denn in Wirklichkeit handelte es sich um einen Spiegel, dessen Hinterseite durchsichtig war. In einem Fernsehstudio saßen Männer und schwitzten. Es war eine unangenehme Wärme, die Luft war vollkommen trocken, da jede Flüssigkeit sofort von außen abgesaugt wurde. Die Tür ließ sich nicht von innen öffnen. „Sie sitzen dort drinnen, weil sie es so wollten.“ Doktor Schruttke knipste das Licht aus. „Merken Sie sich die Gesichter nicht. Wozu auch.“