Desintegration

1 12 2022

„Kommen Sie rein, nehmen Sie gar nicht erst Platz, wir haben uns bereits gegen Sie entschieden. Den Bundespersonalausweis in diese Tonne, und dann bekomme ich jetzt Ihre Fingerabdrücke. Für die Ausbürgerungspapiere.

Meine Güte, was hatten Sie jetzt erwartet? In Ihrem Fall war das relativ einfach, Sie haben als Bundesminister jahrelang Geld verbraten, vor dem Untersuchungsausschuss gelogen, dass sich die Balken bogen, Sie haben Ressourcen vergeudet und Personal mit Ihren Kinkerlitzchen beschäftigt, und jetzt finden Sie das auf einmal ungerecht? Glauben Sie ernsthaft, so etwas Kostbares wie die deutsche Staatsbürgerschaft würden wir an einem Hallodri wie Ihnen verschwenden? Sie müssen zugeben, das wäre schon etwas lächerlich.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Sie sind ein kernkorruptes, kleptokratisches Element, das den Bundeshaushalt geplündert hat, um damit ein paar Freunden aus Ihrem Wahlkreis und Ihrer unfähigen Regionalpartei die Taschen voll zu stopfen. Das fassen wir nicht als Verfassungstreue auf, also haben wir hier schon mal einen weiteren Punkt, der für Ihre Ausbürgerung spricht. Gucken Sie nicht so kariert, das zieht bei uns nicht. Wenn wir die Einbürgerung erleichtern und dazu das Konzept der Staatsbürgerschaft neu denken, etwa im Hinblick auf die Integrationsfähigkeit in unser Wertesystem, dann gelten für alle natürlich dieselben Rechte und Pflichten. Ja, die Pflichten. Das vergessen manche immer gerne, wenn es unangenehm wird.

Einen Ihrer Kollegen haben wir noch ein bisschen leichter von der Backe gekriegt. Diese Maskendeals, die waren ja offiziell nicht strafbar. Aber wir werten das folgerichtig als vorsätzliche Desintegration, da von solchen Handlungen immer ein spalterischer Effekt auf die ganze Gesellschaft ausgeht. Am Ende haben wir durch Sie hier eine Art Parallelgesellschaft, die sich ihre eigenen Gesetze gibt. Da haben dann staatliche Ermittlungsbehörden nichts mehr zu suchen. Ich sehe das schon vor mir, wenn die Steuerfahndung bei einem wie Ihnen einrückt, dann werden die Beamten mit scharfer Munition empfangen. Auf Leute schießen, die ihnen nicht in den Kram passen, das können Sie ja gut.

Sie müssen jetzt nicht meckern, Sie haben sich das ja selbst eingebrockt. Und da reden wir noch nicht einmal von der Verwertbarkeitslogik, mit der die Konservativen jede Debatte über Migration entgleisen lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sind unverschuldet in Not geraten, beispielsweise hatten die in der Pandemie einfach den falschen Beruf, und da mussten sie eben ihr Erspartes verbraten. Manche haben das tatsächlich gemacht, weil sie sich nämlich nicht mit dem Stigma der Abhängigkeit von Transferleistungen belasten wollten – dahin hat dieser Sozialstaat die Bürger gebracht. Was ja netto durchaus als Entlastung für den Haushalt wirkt. Das heißt jetzt noch nicht, dass wir jeden gleich rausschmeißen, nur weil er uns zu teuer wird. Wir müssen ja einen Großteil der Leute trotzdem alimentieren. Es ist nur für die Bildung einer Klassengesellschaft wesentlich einfacher, wenn wir möglichst mehrere Segmente haben, die man gegeneinander ausspielen und aufhetzen kann, und es eignet sich auch sehr gut, um Abstiegsängste zu schüren.

Allerdings sind Sie ja schon eine ganz andere Hausnummer. Bei Ihnen würde ich nicht einmal von gescheiterter Integration reden, Sie haben die ja verhindert, wo Sie nur konnten. Und da sie inzwischen Ihre Verachtung für den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Verfassung offen ausleben, sehe ich nicht, Warum wir Sie besser behandeln sollten als einen dahergelaufenen Reichsideologen. Wir sind ein großes, weltoffenes und tolerantes Land, und damit das so bleibt, bürgern wir viele leistungswillige, friedliche Menschen ein und gewaltbereite Arschlöcher wie Sie eben aus.

Wie gesagt, die neofeudale Klassengesellschaft ist schon eine sehr gute Idee, und wenn wir nicht ausreichend Bremser und Blockierer aussortieren, ist am Ende nicht genug Platz für die neue Elite. Sie gehören schon mal nicht dazu, denn mit Verlaub, Sie hatten doch nicht ernsthaft geglaubt, wir würden jeden Deppen bis zum bitteren Ende mit durchschleppen. Rechnen Sie sich das mal aus, die Zukunft kostet ein Schweinegeld, wir können uns Dampfplauderer wie Ihresgleichen einfach nicht mehr leisten. Stellen Sie sich mal vor, wir würden alles so lassen, wie es jetzt ist. Eine moralisch komplett verrottete Politik, in der jeder sich mit Fossilsubventionen eine goldene Nase verdienen kann, eine marode Gesellschaft, in der lauter Idioten von der rechtsnationalen Resterampe den Ton angeben, die sich nach Belieben von Diktatoren erpressen lässt, Entscheidungen danach trifft, wer einen am besten dafür bezahlt, und sich dann sämtliche Konsequenzen schönlügt. Kein Topmanager würde mehr herkommen, kein Pfleger, kein Ingenieur, der Solaranlagen entwirft oder Gezeitenkraftwerke. Den Mist haben Sie uns eingebrockt, und jetzt bezahlen Sie halt dafür.

Es gibt keine bayerische Staatsbürgerschaft? Was Sie nicht sagen. Dann müssen Sie jetzt eben ohne hier leben, falls man Sie noch hier leben lässt. Wie gesagt, der Volkszorn, den Sie immer so schön geschürt haben, der arbeitet sich meist als erstes an den Minderheiten ab. Und da Sie ja bald auch nicht mehr zu den finanziell Bessergestellten gehören dürfen, ist Ihr Absturz nur noch eine Frage der Zeit. Das hätten Sie sich früher überlegen müssen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, was meinen Sie, wen ich heute noch alles rausschmeißen muss.“