Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLII): Die X-Y-Theorie

2 12 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon wieder schlurft ein Gespenst um die Stammtische der Leistungsgesellschaft. Es riecht streng nach Braunfäule und Leichentuch, was kein Wunder ist, stammt es doch aus den Chefetagen der Arbeitgeberverbände – dort, wo man nicht viel von Arbeit versteht, da man andere für sich arbeiten lässt. Es ist diese verdammte Trägheit, die man von sich selbst kennt, und das nicht nur beim Denken, auch bei tätiger Schaffenskraft guckt der Patron in die Röhre: der Mensch an sich ist faul, obwohl es darauf kein Recht gibt, vor allem nicht in dieser unserer kapitalistischen Gesellschaft. Da irrlichtert schon das Grundeinkommen am Horizont, clever verkleidet als Bürgergeld, das gnadenlos entlarvt, wie mies der Lohn in Handel, Handwerk, Fertigung ist. Doch mit wissenschaftlicher Genauigkeit weist die organisierende Kaste dem schwerfällig am Fließband lümmelnden Proletarier nach, dass sie noch viel zu gut behandelt wird, solange man sie nicht mit der Knute zum Schaffen bringt. Sie nimmt dazu die X-Y-Theorie.

Zu Beginn der 1960-er Jahre entwickelte der US-amerikanische Managementtheoretiker Douglas McGregor die X-Theorie, die den Menschen als grundlegend unwillig beschreibt, von einer tiefen Unlust geprägt, sobald er Mühen erblickt, vor denen er sich also mit allerlei Tricks und Finten zu fliehen versucht, bisweilen durch Renitenz und Sabotage, manchmal mit höherem Aufwand, als die Erfüllung einer zu vermeidenden Arbeitsleistung erfordern würde. Allenfalls erledigt er einen Job, um nicht von ihm erledigt zu werden, aber auch das nur, wenn der Vorgesetzte ihm mit der Peitsche im Nacken sitzt. Zuckerbrot gibt’s keins, das sind die Kulis schließlich nicht wert. Nicht gekündigt ist genug gelobt, so der profitorientierte Philanthrop.

Die konträre Y-Theorie jedoch besagt, dass der Hominide zunächst einmal willig ist, da er Arbeit als Bereicherung seines Lebens empfindet, als eine Möglichkeit, die eigenen Potenziale auszuloten und sich intrinsisch zu motivieren – hat er sein Ziel erreicht, sucht er sich ein neues, das ihn zugleich anspornt als auch die anderen, mit denen er im Arbeitsablauf zu tun hat. Der arbeitenden Mensch ist nicht zuletzt Gruppenwesen, befriedigt durch die wachsende Verantwortung und Selbstbestimmung auch sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, das ihn in einer passenden Struktur schließlich die Selbstwirksamkeit spüren lässt, in der Arbeit nicht nur bezahltes Totschlagen sowieso ablaufender Zeit ist, sondern ein Kreativität und Initiative fordernder und fördernder Prozess. Die Verbesserungen, die die moderne Industriegesellschaft vorantreiben, beruhen auf diesem Denken, denn organisatorische Probleme lösen sich nicht von selbst.

Wann immer die Bestätigungsverzerrung sauber arbeitet, dass man passende Informationen, Muster und Erklärungen für plausibel hält, wenn sie die eigene Verblendung untermauern, schlägt sich der geneigte Zerebraldilettant auf die Seite dogmatisch argumentierender Mehrheitskapitalisten. Mit mehr Lohn kann man die Handlanger nicht reizen, es ist ohnehin rausgeschmissenes Geld, da nur in Schnaps und Zigaretten investiert. Also braucht es Kontrolle, am besten externe, Strafen, Zwang, Sanktionen, um die Masse überhaupt erst einmal an die Arbeit zu gewöhnen, die dann als Lebenssinn begriffen wird, wie es auch die konservative Oberschicht hält.

Dieses so hübsche Denkgebäude hat nur einen Haken, den es mit vielen anderen Vorstellungen aus Psychologie und Soziologie teilt: es ist falsch, da es zu einem Zweck verwendet wird, zu dem es nicht vorgesehen war. Die X-Theorie diente McGregor lediglich zum Beweis, dass man aus einem Haufen billiger Vorurteile und etwas wissenschaftlichem Anstrich innerhalb kürzester Zeit einen passablen und als Entschuldigung für die eigene Bräsigkeit brauchbaren Managementgrundsatz schwiemeln könne, wenn man auf die Engstirnigkeit der meisten Bosse setzt. Die Crux an der Schubladisierung ist, dass Menschen selten nur in eine Schublade passen, also wird Arbeitswelt ohne soziale Beziehungen in den seltensten Fällen denkbar sein, schon gar nicht unter Zuhilfenahme von schwarzer Pädagogik, auch wenn die das einzige Mittel ist, das Geprügelten einfällt.

Im Anwendungsfall haben wir nicht weniger als zwei selbstverstärkende Prozesse, die entweder als Sand im Getriebe oder als Motivation fungieren. Mit Kontrolle und Zucht tötet der Gebieter jedes Engagement ab lässt die Kräfte der Arbeiter stetig auf dem niedrigsten Niveau dümpeln, kurz vor dem Stillstand, immer auf Sicherheit bedacht und selten in eigener Verantwortung. Mit Freiheiten und mehr Selbstbestimmung, Wertschätzung und Raum für Kreativität fördert der Arbeitsablauf eben diese Abläufe, was ebenso regelmäßig zur Entwicklung des Personals beiträgt. Gut, dass man mit diesem System, in dem kollektive Entscheidungen zum Wohl aller Bürger, individuelle Verantwortung auf der Basis eines kollektiv gelebten Wertekanons und eine Orientierung an der tatsächlichen Arbeit statt an der Ideologie des Rechthabens berücksichtigt werden, immer noch Parteivorsitzender werden kann. Seine Socken stopft halt eine Frau. Für Geld.


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