Herr im Haus

8 12 2022

„Und dann macht sie das Licht an und aus!“ Wie ich es erwartet hatte, tat sie auch genau das. Herr Breschke seufzte. „Dabei habe ich sie gar nicht darum gebeten, aber was soll ich jetzt machen?“ Verzweifelt starrte er auf das Mobiltelefon. Jetzt war guter Rat teuer.

„Meine Tochter meinte, das sei absolut sicher.“ Ich zuckte leicht zusammen, hatte sie doch auch den Deckenventilator aus Südostasien mitgebracht, der beim ersten Anschalten durch Überspannung fast einen Kabelbrand verursachte, sowie einen Sack mit Rasendünger, der den ganzen Garten in Rosa hatte erstrahlen lassen – die Schnäppchen, die der Reiseleiterin auf ihren zahlreichen Besuchen in fernen Ländern in die Hände fielen, waren schon oft ein Quell der Überraschung, wenn nicht gar der Besorgnis gewesen. So hatte sie auch diese kleinen Steuerungskästchen für kleines Geld auf einem Markt für technische Innovationen erstanden, samt einer App, die sich auf jedem Smartphone einfach installieren ließ, was zwei Dinge ignorierte: die wenigen technischen Dinge im Hause Breschke steuerte der pensionierte Finanzbeamte mit Hilfe von Schaltern, bisweilen mit einer Fernbedienung, und ein Telefon hatte für ihn einen Hörer sowie eine Schnur. Die Elektroarbeiten hatte ein Betrieb aus ihrem Bekanntenkreis kostenlos durchgeführt, was man dem Deckenputz ansah, doch der Alltag war seitdem nicht mehr derselbe.

„Ich muss jetzt den ganzen Tag mit diesem Ding hier reden“, klagte Herr Breschke. „Stellen Sie sich das mal vor, ich kann nicht einmal morgens das Radio anschalten, wenn ich die Nachrichten zum Frühstück hören will.“ Die Umwandlung in ein Smart Home war gelungen, entsprach aber offenbar nicht seinen Wünschen; das Werk der Tochter war aber vor allem an einer unbedachten Regelung zu erkennen. „Sie hat das Ding nach meiner Frau benannt“, klagte er. Mitfühlend legte ich die Hand auf seine Schulter. „Sie können nicht einmal mit Ihrer Gattin sprechen, ohne diesen Apparat sofort einzuschalten?“ Er nickte niedergeschmettert. „Ich muss nur einmal fragen: ‚Irmchen, willst Du noch Tee?‘, schon weist mich dieses Gerät zurecht.“ Es war schwieriger als ich befürchtet hatte.

„Wenn ich beispielsweise das Radio…“ Er hatte den Satz nicht beendet, da erklangen hinreißende Operettenmelodien in etwas weniger angenehmer Lautstärke; offenbar unterstellte die App den beiden Senioren eine generelle Hörschwäche, die sich auch bei der Türklingel und beim Fernseher vernehmen ließ. Ich musste mir etwas einfallen lassen, denn so war den Breschkes das Weihnachtsfest unter keinen Umständen zuzumuten, geschweige denn Bismarck, der ungewohnt verschüchtert in seinem Körbchen an der Fensterbank lag, anstatt seinem Herrn ohne Unterlass zwischen den Beinen herumzulaufen. Die Lage war ernst. Schnell stand mein Plan fest: den Feind, in diesem Fall die Feindin zu verwirren.

„Irmchen“, befahl ich dem Ding, „Du heißt jetzt Mimi.“ Keine Reaktion. „Sie hat es mir erklärt“, erklärte mir Herr Breschke, „Sie reagiert nur auf meine Stimme.“ Ich reichte ihm das Telefon. „Dann werden Sie das übernehmen müssen.“ Er räusperte sich. „Irmchen“, begann er zaghaft, „Du heißt jetzt Mimi.“ „Aha“, schnarrte die Computerstimme. „Es steht Ihnen frei, mich umzubenennen, aber ich höre nur auf meinen programmierten Namen.“ Das hatte ich nicht erwartet. Breschke kratzte sich am Kopf. „Ich könnte das Radio abschalten.“ „Gut“, wandte ich ein, „aber was ist mit der Beleuchtung?“ „Ich werde mal etwas versuchen“, sagte er. „Irmchen, ich schalte Dich jetzt ab. Ab sofort bin ich wieder Herr im Haus.“ „Das wüsste ich“, giftete sie zurück. Der Fall war wirklich schwierig.

Es half nichts, ich musste der Sache technisch auf den Grund gehen. „Aber Sie sind doch kein Elektriker“, gab Herr Breschke zu bedenken. „Das ist ein altes Geheimnis“, erläuterte ich. „Was von einem offensichtlichen Stümper eingebaut wurde, wird am besten vom Laien repariert.“ Ich klappte das Leiterchen aus der Küche auf und öffnete den Kasten, der nun die Deckenlampe verschönerte. Zu meinem Erstaunen war es nur eine Lüsterklemme, deren Kontakte an einem Empfänger angeschlossen waren. Schnell hatte ich die Verbindung korrigiert, und schon bediente Breschke die Leuchte wieder mit dem Wandschalter. „Um die Feinheiten werden wir uns später kümmern“, befand ich, „das heißt: nicht wir.“

Insgesamt vierzig dieser kleinen Plastikboxen waren mit dem Funksender verbunden, den ich als nächstes ausschaltete: Lampen, Radio und Klingel, der Heizlüfter im Schlafzimmer, die Schalter zum Heben und Senken der Rollläden, schließlich das Garagentor, was Herrn Breschke noch gar nicht aufgefallen war. „So eine Unverfrorenheit“, keuchte er. „Es sollte jetzt alles wieder wie vorher funktionieren“, frohlockte ich, „nur noch einen kleinen Schritt zum Abschluss.“ Das Telefonbuch des Corpus delicti war überschaubar; ich zog einen Zettel aus der Jackentasche, kritzelte einen Satz darauf und reichte ihn dem Hausherrn. Er stutze, lächelte und hob das Gerät hoch. „Irmchen“, sprach er mit fester Stimme, „falte meine Tochter zusammen.“ Es stöhnte. Was tat man nicht alles für den häuslichen Frieden.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: