Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIII): Fertiggerichte

24 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst humpelt durch die westliche Welt, es hinterlässt Fettflecken am Türgriff, vermüllt die Landschaft, sein widerwärtiges Rülpsen lässt die Innenwände der Plattenbauten mählich bröseln. Es nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch die Dunstabzugshauben kompletter Reihenhaussiedlungen, die ohne seine Existenz nie in den ökologisch wertvollen Stadtrandboden gedroschen worden wären. Mit modifizierter Stärke lahmt das durch die Gegend, eine Vortäuschung von Leben, ungefähr so wertvoll wie ein Eimer gekauter Pappkartons, aber extrem laut und unglaublich bäh. Aus den Discounterregalen tentakelt sich das Zeug wie zufällig in die Einkaufskörbe, der unschuldige Kunde muss es unter Zwang verstoffwechseln. Es gäbe ja, ging’s nach ihm, niemals nicht gar kein Fertiggericht.

Der unter Industrieabfällen begrabene Rest aus Separatorendreck, Hühnerschlacke und Beifang, der im Polysaccharidschmodder dümpelt, ist trotzige Antwort auf den Bildungsmangel einer seicht verdeppten Ellenbogengesellschaft, Schlabber der Endzeit, Kapitulation vor den Schrecken einer bürgerlichen Gesellschaft, die der Beknackte mit der hilflos in Kitt geschwiemelten Interpretation von schnell erkennbarer Hausmannskost zu sich zu nehmen scheint. Tatsächlich würde der gemeine Hilfshonk die authentische Rindsroulade nicht einmal von ihrem hastig als Surrogat gezimmerten Zwilling unterscheiden können, wenn sie ihm das Bein wässert. Wozu auch. Er hat fertig, und mehr interessiert ihn nicht.

Denn der Bekloppte, kapitalistisch getrimmt auf kritiklosen Verzehr effektiv zusammengeklatschter Spachtelmasse, will nicht können, er will haben, und zwar sofort. Folglich pfropft er sich das knapp verdaubare Pendant zum Selfie in die durchweg geöffneten Schleimhäute: inhaltlich wertlos, man akzeptiert es nur, weil das Aussehen einem vertraut ist und der Hintergrund sowieso verschwimmt. Es schränkt nicht die Qualität ein, denn die ist hinfort ein irrelevanter Parameter: der Hunger treibt’s rein, der Ekel wieder raus, und letztlich gewöhnt man sich an alles. Mit wenigen Taschenspielertricks ist der kalorische Blitzkrieg sogar als Gehirnwäsche in der Lage, die herkömmliche Zusammenstellung aus Weißblechkonserven und Glasgemüse unpraktisch erscheinen zu lassen. In einem Arbeitsgang hebelt der Suizident überkrustete Proteine, Reisrückstand und Pflanzenteile zwischen verspätetem Abschied und Auferstehung auf den Teller, falls er den Schutt nicht gleich im Plastekryosarg in die knarzende Mikrowellenverbrennungsanlage schiebt: die Hälfte der Materie qualmt wie ein durchschnittlicher Tag in einem afghanischen Dorf nach dem Besuch der Air Force, alles andere hat noch knackigen Biss, da weiterhin kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Nicht einmal die Tütenbratkartoffel als unterstes Ende der Zivilisation, sonst der Horrorschocker unter den gutbürgerlichen Wirkungstreffern, nichts kann den Konsumenten von der Überzeugung abbringen, dass der für eine eherne Schmecke optimierte Pamps genießbar sei. Mitnichten, ist er doch nur ein grauenvoller Auswuchs der Technikgläubigkeit, die das industriell Machbare zum quasireligiösen Standard erhebt – dass es Forschern gelungen ist, Fleischkleinteile in Faserbündelgröße, molekular geschreddertes Pflanzenfett und diverse Zucker zum Heimaterdeeintopf Nazi Goreng zu komprimieren, einem Sperrfeuer aus gehärteten Glyceriden und Ballaststoffen, enthält schon die Verpflichtung, es sich in die Innereien zu stopfen.

Dabei spricht das zusammengenagelte Zeug der Selbstwahrnehmung Hohn, die Schnäppchen- und Geizkultur zur nationalen Kunstform erhoben hat. Der Bescheuerte erwartet nicht nur Gourmetware in vollendeter Qualität zum Schleuderpreis, weil ja inklusive Distribution, prekärer Personalkosten, Plasteschale, fünftklassiger Reklame und einer am Rande des Burnout torkelnde Rechtsabteilung der Krustenbraten aus der Makulatursau nicht nur ein Erlebnis an Natürlichkeit und Genuss garantiert. Dabei ist der Schleckschlamm lediglich das handelsübliche Verdickungsmittel, vorsichtshalber per Aufschrift mit fünfzig Gramm Portionsgröße auf medizinisch verträgliche Schadstoffwerte gedimmt. Das Readymade hat seine Entfremdung bis zur amorphen Asia-Pfanne mit Öko-Glutamat gesteigert, der Trickster der Entsorgungswirtschaft, der die Nahrungsaufnahme mit einer gewissen Anspruchshaltung so deformiert, dass Haltung und Anspruch in der Tonne verenden. Aber was erwartet man von einer Bausparerkaste, denen bizarre Recyclingversuche mit Fleischgeschmack sogar für Gäste außerhalb der direkten Nachkommenschaft ausreichen. Offenbar verstecken sich in der Masse genügend Ersatzstoffe für körpereigene Downer, die die Dröhnung an der Schleimhaut auspegeln. An sich hätte bei Markteinführung der orthogonalen Pizza ein enthemmter Mistgabelmob die Fabrik in Grundwasser führende Schichten einarbeiten sollen, aber was erwartet man von Querkämmern, die auf grobe Schmerzreize zu reagieren für die beste aller evolutionären Errungenschaften halten. Am Ende verkocht eh alles im einen, im letzten Brei.





Ganzheitliche Zubereitung

8 02 2017

„Irgendwie muss sich der Deckel gelöst haben“, mutmaßte Herr Breschke. „Zum Glück stand das Gerät hier unterhalb der Hängeschränke. Sonst wäre das ganze Zeug bestimmt durch die ganze Küche… ach, ich möchte gar nicht daran denken!“ Tapfer wischte er die hartnäckigen Anhaftungen von der Unterseite des Geschirrschranks. So wie er selbst, so stur war dieser Grünkohl.

„Die Bedienungsanleitung ist wieder einmal nur auf Englisch und mit diesen komischen Zeichen“, klagte der Hausherr. „Aber auf den Bildern stand nicht, ob man den Deckel extra befestigen muss.“ Ich nahm das elektrische Objekt in Augenschein. Auf dem Schraubdeckel des Smoothiebereiters, um den handelte es sich nämlich, wies ein runder Pfeil auf die richtige Befestigung hin. „Sie müssen den Deckel im Uhrzeigersinn festschrauben“, erklärte ich dem Hausherrn, „man sieht das auch an diesem Gewinde im Mixglas – haben Sie den einfach so draufgesetzt?“ Er nickte. „Normalerweise sollte das doch halten, und ich habe das Glas auch gar nicht so voll gemacht.“ Immerhin hatte es dafür gereicht, mehrere Quadratmeter Kacheln und Holz mit einem fein gesprühten Grünton ein frühlingshaftes Dekor zu verpassen. „Es klebt so fürchterlich“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber man kann den Kohl ja nicht so trocken durchmixen, ein paar Zutaten müssen schon rein.“ „Was genau klebt denn so fürchterlich“, argwöhnte ich. „Zucker“, stöhnte er und schrubbte an der Wand lang, „und die Sahne wird wohl auch ein bisschen pappig sein.“ „Sie haben was in diese Maschine getan!?“ „Meine Frau gibt immer einen Löffel Zucker an den Grünkohl“, begehrte er auf. „Und Gemüse muss man mit einem bisschen Fett zu sich nehmen, wegen der Vitamine. Also das weiß man doch!“ Seufzend rieb er weiter. „Pürieren Sie doch mal ein Stück Wurst“, riet ich ihm. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. „Sie sollen mich nicht aufziehen“, schimpfte Breschke, „Sie könnten es nämlich mit dieser Anleitung auch nicht besser! Und wenn Sie auch viel vom Kochen verstehen mögen, von ganzheitlicher Zubereitung haben Sie sicher auch keine Ahnung!“

Immerhin passte der Deckel, wenn man ihn gut festschraubte, sah der Obstquirl auch einigermaßen stabil aus. „Nur dieses Englische“, moserte Horst Breschke. „Die hätten da doch ein bisschen mehr an uns ältere Benutzer denken können.“ „Wo es sich um ein deutsches Markenfabrikat handelt“, gab ich zu bedenken – die Aufschrift KRUBS auf dem Gehäuse ließ keinen Zweifel zu, dass seine Tochter wieder einmal einen sehr guten Fang auf dem taiwanesischen Markt gemacht haben musste.

„Ich werde jetzt erst einmal nur noch Obst in die Maschine tun“, kündigte Herr Breschke an. „Wenn man im Supermarkt mittlerweile Karottensaft und flüssige Rote Beete bekommt, muss ich das ja nicht auch noch machen.“ „Wenngleich im Sinne der Ganzheitlichkeit so ein selbst fabriziertes Püree bestimmt besser ist als industriell gefertigte Ware“, wandte ich ein. „Da ist etwas dran“, grübelte er. „Da ist wirklich etwas dran, aber es gibt so viele Gemüse, die sich nur schwer verarbeiten lassen. Denken Sie bloß mal an Rosenkohl.“ Vor meinem geistigen Auge blätterte der alte Herr Kohlköpfchen in den Mixer, goss Sahne darauf und häckselte die Mischung zu Fußballrasen à la crème. Wie gut, dass ich mich im vergangenen Jahr nicht zur Abnahme des Rührgeräts von Kennwutt hatte entschließen können, obwohl es so spottbillig war.

Mittlerweile hatte Breschke den Schlitzwender gezückt, um die Reste der Kohlexplosion von den Schränken zu entfernen. „Wussten Sie eigentlich“, ächzte er, „dass man mit diesen Schmusies viel schneller abnimmt?“ Leise rieselten die Krümel auf den Herd, und es war nicht unbedingt klar, dass es sich dabei um Gemüsereste handelte. „Sie meinen, je mehr Grünkohl, desto schlanker werden Sie davon?“ Er nickte, wenigstens machte es den Eindruck, wie er schräg unter dem Schrank hing. „Interessant“, überlegte ich, „wenn ich das mit Zucker und Sahne auf meinen Kaffee umrechne, der ja so gut wie keine Kalorien hat – ich müsste pro Tag ein Kilogramm abnehmen.“ „Das meinte ich auch“, quetschte er hervor. „Aber meine Frau glaubt mir ja nicht, und deshalb werde ich jetzt den Beweis antreten mit frischem Obst.“ Dabei deutete er auf die Schale, die sich auf dem Küchentisch befand. „Ich habe da neulich beim Frisör einen Artikel gelesen, es ging um innere Entschlackung, wie nennt man das doch gleich?“ Mir blieb nur ein fragender Blick, aber er hatte die Antwort schon. „Eine Botox-Kur, genau – wenn man sich von innen ausreichend reinigt, führt man ein besseres Leben, nicht wahr? Und genau deshalb werde ich mich jetzt ganz auf Obst konzentrieren.“

Ich hätte ihn warnen wollen, aber so geschwind griff er in die Schale und stopfte das Mixglas voll, setzte den Deckel auf und schraubte ihn vollendet vorschriftsmäßig fest, dass ich mich nur trocken räuspern konnte. In der Tat brachte ich keinen Ton heraus, während Breschke nach dem Zuckertopf griff, und als er nach dem Einschaltknopf langte, war es zu spät. Meinen mangelnden Kenntnissen der Comicliteratur geschuldet wusste ich nicht, ob dieses Geräusch am Ende des sonoren Röhrens, das freilich auch nur Sekunden angehalten hatte, besser mit Knarz, mit Kröchz oder Rattatakrubs wiedergegeben wird. „Immerhin ganzheitlich“, tröstete ich Herrn Breschke, der fassungslos die dünne Rauchsäule betrachtete. „Und beim nächsten Versuch nehmen Sie einfach die Steine aus den Zwetschgen heraus – vor dem Pürieren.“





Grünzeug

7 12 2016

„… sich die Bundesregierung für eine gesündere Ernährung ausgesprochen habe. Mehr Aufklärung über falsche Essgewohnheiten führe zu einer klar verbesserten Gesundheitssituation für Bürgerinnen und Bürger. Mit scharfem Protest habe dagegen der Bundesverband der Wurstfabrikanten den…“

„… das Gesundheitsministerium die Kritik der Hersteller zurückgewiesen habe. Kein Mitarbeiter des Ressorts habe ein Verbot von Fleisch- und Wurstwaren gefordert, vielmehr müsse eine ausgewogene Ernährung beide Bestandteile…“

„… die deutsche Wurst als typischen Wert des christlichen Abendlandes bezeichnen könne, wie er zu dieser Jahreszeit auf allen Weihnachtsmärkten gefeiert werde. Man sehe daran, dass deutsches Handwerk bereits seit zweitausend Jahren im…“

„… es im Gegensatz dazu Brokkoli, Kohlrabi, Rosenkohl, Sellerie, Artischocken, Kürbis und Petersilienwurzel gebe. Keines dieser Lebensmittel aber habe beispielsweise mit einem Deutschen Brokkoliverband eine eigene…“

„… die Bundesregierung bewusst in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unterschlage, dass auch ausländische Spezialitäten wie Wiener Schnitzel aus Fleisch zubereitet würden. Die zunehmend einseitige Ausrichtung auf fleischlose Produkte sei daher geeignet, dem Ansehen Deutschlands in der internationalen Staatengemeinschaft erheblichen…“

„… einen Aktionstag gegen Fleischverzicht in allen deutschen Einzelhandelsgeschäften plane. Die Bundesregierung werde diesen nicht unterstützen, was nach Ansicht der Wurstfabrikanten eine unerlaubte Bevorzugung der Pflanzenproduktion und ein Verstoß gegen europäisches…“

„… schon 1769 deutsche Wurst nach Indien und in die Türkei verkauft worden, was als früher Beleg für Deutschlands Rolle als Exportweltmeister gewertet werden könne. Die Bundesregierung sei jedoch erst seit 2013 im Amt und dürfe daher keine eigene…“

„… auch um viele Arbeitsplätze gehe. Der Bundesregierung sei das jedoch im Vergleich zu den Wurstherstellern gleichgültig, da ihre Jobs ja alle vier Jahre automatisch…“

„… erstmals in die Offensive gehe. Zwar habe die Bundesregierung noch nicht verlauten lassen, dass verarbeitetes Fleisch ein maßgeblicher Faktor für die Entstehung von Armkrebs sei, die Industrie werde dies allerdings im Fall einer öffentlichen Debatte sofort juristisch…“

„… die deutsche Kochwurst im Gegensatz zu zahlreichen Mitgliedern der Bundesregierung noch nie eine politische Krise verursacht habe. Deshalb sei sie der Bundeskanzlerin weit überlegen und könne jederzeit…“

„… würden die deutschen Wurstfabrikanten es ablehnen, wenn man ihre Produkte in einem Atemzug mit Tabakwaren und Asbest nenne. Abgesehen von einigen regionalen Spezialitäten seien sie im Regelfall geschmacklich auch sehr…“

„… nochmals klargestellt habe, dass es der Bundesregierung nicht um den Verzicht auf Fleisch-und Wurstwaren deutscher Herkunft gehe. Diese seien lediglich in guter Ausgewogenheit mit anderen Erzeugnissen wie…“

„… warne der Verband der Wurstfabrikanten bereits vor einer öffentlichen Verfolgung deutscher Fleischesser mit Billigung der Bundesregierung. Es gebe vereinzelt vegetarische Gaststätten, in denen keine deutsche Wurst gereicht werde, was als Verstoß gegen die Menschenrechte ein extremer…“

„… als Volksverdummung bezeichnet habe. Man könne nicht den Verzehr von Milch und Eiern gutheißen, wenn man die dazu produzierten Tiere nicht auch als deutsche Wurst…“

„… in der Bundesrepublik täglich mehr Wurst als Walzstahlhalbzeuge verzehrt würden, was die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche auf eindrucksvolle Weise unterstreiche. Die Hersteller von Fleisch- und Wurstwaren seien nicht mehr bereit, ihre Produkte freiwillig in Staaten zu liefern, die als Stabilitätsanker in Krisenregionen …“

„… versäume die Regierung, den Verzehr von Kartoffelchips wegen darin enthaltener Nitrosamine als lebensgefährlich zu bezeichnen. Bereits wenige Zentner Chips pro Tag könnten langfristig für eine irreversible…“

„… viele Sportler für Fleisch- und Wurstwaren Reklame machten, jedoch keiner für Zwiebeln. Man sehe hier, dass die Auffassung der Konsumenten eine völlig andere sei als die von Merkel und…“

„… werde eine Bundesregierung, die für die Kriminalisierung der Wurst eintrete, zwangsweise Weihnachtsmärkte mit Bratgemüse und…“

„… habe sich die Justiziarin des deutschen Wurstfabrikantenverbandes gegen den Vorwurf verteidigt, gegen eine genaue Kennzeichnung von Lebensmitteln auch auf der EU-Ebene zu kämpfen. Es gebe ihrer Ansicht nach Inhaltsstoffe, die einen der Teil der Bevölkerung nur…“

„… es der Wissenschaft bereits gelungen sei, Fleisch aus Muskel- und Fettzellen im Labor zu züchten. Da dies mit Fenchel oder Radieschen nie gelingen werde, stehe für die Wurstfabrikanten die klare Überlegenheit ihrer Produkte im…“

„… erhebliche Umsatzeinbußen, die die stetig sinkende Qualität der in Massentierhaltung erzeugten Fleisch- und Wursterzeugnisse mit sich bringe. Der Bundesverband der Wurstfabrikanten zeige sich zuversichtlich, dass die Regierung die Arbeitsplätze in ihrer systemrelevanten Branche mit einem Rettungsschirm…“





Schnelle Welle

30 11 2016

Petermann blickte verlegen in den Korb. „Das kann ich dem Chef nicht zeigen.“ Das Sammelsurium aus Tüten und Beuteln hinterließ keinen besonders guten Eindruck, höchstens den Hauch von Sterilität. Was aber sollte man mit dem Krempel anfangen in einem Landgasthof?

„Ich wollte ihn ja absagen“, stammelte Hansi, der jüngere Bruder und eigentlich für den Service zuständig, während Bruno, von Freund und Feinden Fürst Bückler genannt, wie er Ente in Sauer und Schwarzsauer auftischte, die Küche unter sich hatte. „Und dann habe ich die Nummer nicht mehr gefunden, und dann stand er plötzlich einen Tag früher als verabredet hier, und…“ Er tupfte sich den Schweiß mit einer Serviette ab, während Herr Pläntzke, seines Zeichens Handlungsreisender der Fixikoch GmbH, die Brust heraus bog. „Sie werden nie wieder so ein schnelle Béarnaise zubereiten“, tönte er und griff nach dem Tütchen. „Eine Hälfte Wasser, eine Hälfte Sahne, kurz aufkochen, fertig!“ Petermann rümpfte die Nase. „Er hat recht“, gab ich zu bedenken. „Einmal diese Pampe aufkochen, und dann garantiert nie wieder.“

Natürlich hatte der Fertigwarenvertreter in seiner Aktentasche – es gab also Aktentaschen mit Kühlfach, man lernt nicht aus – noch mehr gruselig eingeschweißtes Zeug mitgebracht. „Die hochfeine Rindsroulade Roma mit westfälischem Rauchschinken und anderthalb Prozent getrockneter Essiggurke wird im gutbürgerlichen Segment sehr gerne genommen“, schwafelte Pläntzke, während er einen braungrau schimmernden Klops in Folie zwischen den Fingern drehte. „Wir bieten dazu ein portioniertes Selleriepüree an, einfach mit heißer Milch zubereitet – haben Sie zufällig ein bisschen Milch da?“ Petermann, Entremetier und seit Jahren die rechte Hand des Küchenchefs, widmete dem aufdringlichen Vertreter einen eindringlichen Blick. „Dies ist keine Kantine“, sagte er langsam, jedes Wort schwer betonend, „und ich weiß nicht, warum Sie uns mit Ihrem Plastikfraß immer noch auf die Nerven gehen.“ Jeder andere wäre empört gewesen oder wenigstens beleidigt, nicht aber Pläntzke; er hatte ein dickes Fell. „Weiß ich doch“, zwitscherte er, „weiß ich doch – aber wollen wir es uns nicht alle mal leicht machen, damit die Arbeit schnell von der Hand geht? Gucken Sie, ich habe da eine tolle Pasta-Variation für die Mittagskarte.“ Er zog ein aufdringlich gelbes Päckchen aus der Thermotasche heraus. „Jetzt neu im Sortiment, die Nudelserie Schnelle Welle: Fertigpasta mit Frischei und optionaler Sauce, dabei kombinieren Sie völlig frei Nudel- und Saucensorte!“ „Ein technologischer Durchbruch“, gab ich zu bedenken. „Darauf wartet man in der Gastronomie ja seit Jahrhunderten.“

Bruno hatte mich beiseite gezogen. „Ich kenne diese Sorte Vertreter“, flüsterte er. „Spätestens zehn Minuten, dann hat er Petermann weich gequatscht und verkauft ihm Heizdecken. Wir müssen etwas unternehmen.“ „Hol Bruno“, flüsterte ich zurück. „Ich halte den Schlawiner inzwischen in Schach.“

Pläntzke hatte unterdessen die Vorzüge des in Plastik mumifizierten Schnitzels gepriesen, als ich ihm ins Wort fiel. „Was empfehlen Sie als Beilage? haben Sie eine adäquate Tütenbratkartoffel oder leicht pappige Pommes im Programm?“ Ich wühlte im Präsentkorb herum. „Da sind ja kaum künstliche Aromastoffe drin“, stellte ich fest. Schon blähte der Verkäufer seine Brust wieder auf, da schmiss ich ihm das Tütchen vor den Latz. „Meine Güte! das erwartet der Konsument, dass er mit chemischem Gedöns vollgepfropft wird, und Sie lassen uns hier mit Ihrem Biokrempel alleine? Nicht mal richtige Farbstoffe, kein Geschmacksverstärker, skandalös!“ Er war nachhaltig verwirrt. Ich ging langsam drei Schritte auf ihn zu und beugte mich so weit zu ihm vor, bis ich sein billiges Rasierwasser riechen konnte. „Haben Sie keine Fertigbrühe“, fragte ich mit rauer Stimme, „der man trauen kann?“

Mit einem Knall flog die Tür auf, herein trat Bruno, dessen aufgezwirbelte Schnurrbartspitzen an einen schlecht gelaunten Hummer erinnerten. „Was wollen Sie“, schrie er, „und warum sind Sie immer noch nicht weg?“ „Wir sind gerade erst beim Schnitzel“, stammelte Pläntzke. „Sehen Sie, das ist vielleicht nicht ganz Ihre gewohnte Produktgruppe, aber wenn ich mir die Mitbewerber ansehe – ich war vorhin in einem kleinen Gasthof, hier an der Kaiserlinde rechts ab und dann…“ Der Bart zitterte gefährlich. „Mit dieser Kaschemme vergleichen Sie mein Restaurant?“ Jeden Moment musste seine Hand wie von selbst nach den Messern greifen. Ich sah versonnen auf das Fertigtütenhäufchen. „Da ist es ja auch sinnvoll eingesetzt“, erklärte ich. „Wenn die Gäste in solche Etablissements gehen, dann wollen sie halt, dass es genau wie zu Hause schmeckt, stimmt’s?“ Pläntzkes Knie erweichten sichtlich. Er hielt das Schnitzel wie einen Schild vor sich. „Man kann es traditionell zubereiten“, wimmerte er, „oder es für größere Gesellschaften in der Mikrowelle…“ Mit einem Wutschrei griff Bruno nach der Aktentasche, rannte durch die offene Tür in den Hof und schleuderte das Ding auf den Wagen des Vertreters. Mit tiefrotem Gesicht kehrte er in die Küche zurück, aber Pläntzke war schon durch den Gastraum verschwunden. Man hörte die Reifen quietschen, dann war er endgültig weg. „Und jetzt lass das verschwinden“, knurrte Bruno seinen Bruder an, „aber ungeöffnet! Wenn das jemand in meinem Müll entdeckt, sind wir geliefert!“





Allergo moderato

16 06 2016

Bruno war am Ende. Seine Schnurrbartspitzen vibrierten bedenklich. „Ich mache den Laden zu“, stöhnte er, „das kann doch kein Mensch kochen!“ Keiner wagte ein Wort zu sagen. Dicke Luft.

„Vor allem, wir haben dreißig Gedecke.“ Hansi, der Serviceleiter der beiden Bückler-Brüder, kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Das alles aufzutragen ist ja schon unmöglich.“ „Und wenn wir einfach eine Gemüseplatte mit…“ Petermann verstummte. Bruno, von Feinden wie Verehrern Fürst Bückler genannt, wie er im Landgasthof mit Schwarzsauer und Aal in Gelee sein legendäres Regiment führte, war nicht zu Späßen aufgelegt. „Herr Generalmajor Itzenplitz hat uns eine Liste geschickt, um das Dienstjubiläum entsprechend zu bekochen.“ Petermann konnte es nicht lassen. „Dann koche wir Preußens Gloria“, kicherte er, „am besten Bismarckhering und…“ Da knirschte Bruno mit den Zähnen. Jedes weitere Wort wäre zu viel gewesen.

„Eine moderne Familie“, stellte ich fest. „Jeder schleppt seine eigene Nahrungsmittelallergie mit sich herum.“ Hansi blätterte einen Schnellhefter durch. Es sah aus, als hätte er sich das Internet ausgedruckt „Ich habe grob vorsortiert“, berichtete er, „die Kinder essen sowieso kein Gemüse, die bucklige Verwandtschaft kommt mit Pommes frites zurecht, aber sonst müssen wir für jeden extra die Beilagen auswürfeln.“ Direktor Itzenplitz nebst Gattin vertrugen weder Möhren noch Nüsse, die Tochter hatte eine schwere Histamin-Intoleranz – „Wahrscheinlich war die Mutter zu oft in Bordeaux“, meinte Petermann – und alle bekamen Nesselsucht von Soja. „Dann nehmen wir eben echte Milch.“ „Tofu geht auch nicht“, brachte sich Hansi in Erinnerung. „Es ist zwar ein älterer Onkel, aber ein Erbonkel.“ „Wenn wir ihm vorsätzlich Tofu verabreichen“, grinste Petermann, „dann ist es sogar ganz bestimmt ein…“ Bruno hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das ist nicht mehr komisch“, schrie er. „Die eine Hälfte isst kein Schweinefleisch, die andere keinen Fisch, dann wollen sie etwas ohne Erdnüsse, Erbsen und Milch, und dieser verdammte Major verlangt von mir eine kalorienarme Vorspeise – bin ich denn im Zoo!?“

Längeres Blättern brachte zutage, dass auch Selleriesalat ausfiel. Schneckenragout wäre ohnehin viel zu teuer gewesen, hätte aber der angeheirateten Schwippnichte Dorothea zu schweren Beschwerden geführt. „Warum essen diese Leute nicht à la carte“, fragte ich verwundert, aber Hansi musste es mir gar nicht erklären. „Wenn ich dreißig Gästen je drei Gänge auftrage, und geschätzt hat jeder zweite noch einen Sonderwunsch, dann ist bei dem einen das Dessert, während der andere noch auf die kalte Suppe wartet.“ Das leuchtete ein. Immerhin hatte ich nicht gefragt, warum die Gesellschaft überhaupt in ein öffentliches Lokal gingen und sich nicht ihre eigenen Stullen mitbrachten.

„Vielleicht könnte man aus Kartoffelschalen einen Sud kochen.“ Petermann, Entremetier und seit Jahren Brunos rechte Hand, versuchte die Situation zu retten. „Oder aus Pilzen?“ „Viel zu teuer“, knurrte Hansi. „Dann sollten wir lieber den Blumenkohl von gestern zu Brühe verarbeiten.“ „Fräulein Haubenstockler, die Zukünftige von Itzenplitzens zweitem Sohnemann, verträgt keinen Muskat.“ Bruno war schon im Trockenlager. Vielleicht ließ sich aus glutenfreiem Hafermehl eine Pampe anrühren, mit der man die Sippe satt bekam.

„Überhaupt“, überlegte Hansi, „wir haben doch eine Tagessuppe.“ „Aber die kochen wir frisch“, gab Bruno zurück. „Ich will hier keinen Tütenkram in meiner Küche sehen, auch nicht ausnahmsweise und nicht einmal püriert!“ Sein Bart ließ keinen Zweifel, es war ihm ernst. „Außerdem dürfen keine Erbsen drin sein“, erinnerte Petermann. Bruno Bückler explodierte. „Soll ich diesen Idioten heißes Wasser servieren“, schrie er, „und ein Foto von einer halben Scheibe Toastbrot!?“ „Vegan!“ Doch Petermann verwarf seinen Gedanken ebenso schnell wieder. Das alles war eine ausgesprochene Schnapsidee, und keiner wusste wirklich weiter. Doch dann hatte ich eine Idee. „Ich brauche eine halbe Stunde“, verkündete ich, „und Hansi kommt mit.“ Bruno seufzte ergeben. Was sollte er auch tun.

„Das Süppchen kommt sehr gut an“, berichtete Hansi, „der Jubilar und sein Schwager Holzhändler Itzenplitz haben soeben Nachschlag geordert.“ „Das spricht nicht für die Offiziersmesse“, antwortete Petermann trocken. „Aber jetzt etwas Vorsicht mit den Bratlingen, die Sauce nur ganz leicht übergießen, und das Gelee an den Tellerrand.“ Die Köche zirkelten, die Kellner hebelten einen Teller nach dem anderen in den Saal. Bruno tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Wenn das rauskommt, bin ich geliefert.“ „Ach was“ tröstete ich ihn. „Gesunde Zutaten, schonend gegart – wen wir lieben, dem geben wir nur das Allerbeste.“ Er starrte auf das Etikett mit dem bemerkenswerten Spruch. Das letzte verbliebene Gläschen Muckis Babykost Hypoallergen. „Nicht aus der Tüte – und so lecker!“





Laktoseintolerant

22 03 2016

„Eine Kartoffelunverträglichkeit!“ Bruno tobte. „Madame haben eine Unverträglichkeit gegenüber gekochten Kartoffeln!“ Petermann zog den Kopf ein. „Obacht“, zischte er. Schon sauste eine Suppenkelle knapp über unsere Köpfe hinweg.

„Kartoffelunverträglichkeit! Wer hat so einen Unfug jemals gehört?“ Die aufwärts gezwirbelten Spitzen seines Schnurrbarts zitterten bedrohlich, während Bruno, genannt Fürst Bückler, durch die Küche des Landgasthofs stampfte. „Letzte Woche war sie auf einmal laktoseintolerant und davor hatte sie schwere allergische Reaktionen auf Pilze!“ Ich fischte den inzwischen gelandeten Schöpfer unter der Stellage hervor. „Und wenn sie tatsächlich keine Pilze verträgt?“ Petermann, als Entremetier seit langen Jahren die rechte Hand des großen Küchenmeisters, winkte träge ab. „Sie isst aber das Champignonrahmsüppchen. Besonders lange haben es die Allergien nicht ausgehalten bei ihr.“ „Wenn ich eine Allergie wäre“, knurrte Bruno, „ich würde es auch nicht lange in dieser…“

„Ich auch nicht.“ Hansi schlenzte beleidigt den Vorspeisenteller auf den Tisch. „Denn Blattsalat hat sie genommen, die Nüsse waren diesmal auch okay, und dann haben wir heute ein Problem mit Speck.“ Die Würfelchen lagen akkurat aufgereiht auf dem Tellerrand. „Vielleicht tut sie nur etwas für ihre schlanke Linie“, überlegte ich. „Natürlich“, spottete Hansi, der jüngere Bückler und Herr über den Service, „sie bestellt sich extra einen Salat mit Speck und trainiert dann die Oberarme mit dem Rauspicken.“ Petermann guckte auf die Bestellung. „Wenn sie bis zum Hauptgang eine Fischphobie entwickelt, reicht es doch, wenn wir ihr einen Teller hinstellen, oder?“

Keiner wusste übrigens, warum Frau Birneimer jede Woche einmal einkehrte, mit großem Getöse das Menü durchging und alles für komplett ungenießbar erklärte, bevor sie sich herabließ, doch noch etwas zu bestellen, meist mit Sonderwünschen und Tamtam, selbstverständlich aber ohne große Neigung, die Extras auch zu bezahlen. „Es ist halt ihre Leidenschaft“, seufzte Hansi. „Der alte Herr Direktor Birneimer konnte sich nirgends mehr mit ihr blicken lassen und hat ihr schließlich ernsthaft mit Scheidung gedroht. Man erzählt sich, er habe bereits einen Termin beim Anwalt gehabt, und im allerletzten Moment hat ihr sein Herzanfall das Vermögen gerettet.“ Es stand zu befürchten, dass sie einfach gerne die Kellner umherschubste und an der Küche meckern wollte. „Und jetzt will sie den gedünsteten Fisch.“ Bruno griff schon wieder zur Fleischgabel. „Wenn sie den zurückgehen lässt, dann werde ich sie frittieren! Eigenhändig!“

Da hatte ich eine Idee. „Gib mir mal eine Weste“, bat ich Hansi. „So lange ist es ja nicht her, dass ich ausgeholfen habe.“ Er grinste schief. „Und Du hast Deine Sache gut gemacht. Keiner der Gäste ist je wiedergekommen. Was hast Du denn vor?“ „Suppe“, antwortete ich, „die Tagessuppe.“ Und schon war ich draußen.

Die Witwe Birneimer saß am Tisch und tupfte sich affektiert die Lippen. „Schaumsüppchen vom Agaricus“, dienerte ich. „Wünsche wohl zu speisen.“ Sie roch missbilligend an der Tasse. „Aber ich hatte etwas ohne Laktose bestellt, hat man das in der Küche nicht ausgerichtet?“ Ich bemühte mich um ein ganz leicht herablassendes Lächeln, und ich bekam es sogar hin. „Unsere Agaricuskulturen werden vollständig ohne Laktose gezüchtet“, informierte ich die Dame. „Wir lassen nicht einmal eine unserer laktoseintoleranten Kühe in die Nähe der Eichenhaine.“ Entgeistert ließ sie den Löffel sinken. „Laktoseintolerante Kühe? Was binden denn Sie mir für Märchen auf?“ „Mitnichten“, gab ich zurück. „Glauben Sie denn, eine laktoseintolerante Kuh gäbe laktosehaltige Milch?“ Sie setzte an zu einer Antwort. Dann sah sie die Suppe an, dann mich, dann wieder die Suppe. Seufzend rührte sie um. Ich verschwand.

Hansi war erstaunt. „Sie hat die ganze Suppe ausgelöffelt“, befand er. „Und es sieht so aus, als hätte sie es überlebt.“ „Gut!“ Ich legte das obligate Tuch über den Arm. „Petermann?“ „Moment“, scholl es aus der Tiefe der Küche zurück, bevor ein sonores Röhren ertönte. „Wie sieht das aus?“ „Grauenhaft“, lobte ich. „Noch etwas Petersilie, und dann kann der Fisch drauf.“

Bruno musste schon hinter der Tür gelauert haben, denn ich hätte sie ihm fast an die Nase geschwungen. „Du hast diesen Matsch doch nicht etwa an den Gast gebracht?“ Ich wollte gerade antworten, aber diesmal hatte er den großen Schaumlöffel in der Hand. „Mit dem Pürierstab“, stöhnte er. „Mit dem Pürierstab! Diesen Kleister kann doch kein normaler Mensch mehr essen!“ Ich setzte den Teller ab; bis auf ein Stückchen Zitrone hatte die Birneimerin nichts zurückgelassen. Petermann machte große Augen. „Und was hat sie gesagt?“ „Nichts.“ Ich schmiss das Besteck in den Bottich. „Sie wollte nur unbedingt das Rezept haben von dieser exzellenten Grumbeerenmousse.“ Brunos Bartspitzen kamen wieder gefährlich ins Vibrieren. „Keine Sorge“, tröstete ich ihn. „Natürlich habe ich ihr nichts verraten. Sie wird bestimmt nächste Woche wiederkommen. Aber erst will sie einen Milchkaffee. Von der laktoseintoleranten Kuh.“





Nazi Goreng

12 08 2015

„Sä habän räsärväert!?“ Das Zahnbürstenbärtchen passte nicht eben schlecht zu dem vor Erregung bibbernden Männchen, das da am viel zu großen Stehpult den Eingang verteidigte. Fast hatte man den Eindruck, in Deutschlands großer Zeit einen Pausenclown gefunden zu haben, da regte er sich auch schon ab. „’tschulligung, Sie hatten ja wirklich durchgerufen. Tisch neun, wenn ich bitten darf?“

Das Haus war selbstverständlich in Eiche rustikal eingerichtet, ein begehbarer Sarg mit Sitzmobiliar. Auf weißer Tischwäsche standen Römer und dergleichen folkloristische Trinkware, einen Kronleuchter auszuschmeißen. Besteck, poliert bis zur Erschöpfung, harrte des Einsatzes. Dies Haus also bot im Gegensatz zur guten, bürgerlichen Küche eine deutschnationale. „Wir legen größten Wert auf die Herkunft unserer regionalen Produkte“, tönte Justin Szczukinsky, Küchenchef und kreativer Kopf des Gastbetriebes. Ich war sofort gewillt, es ihm zu glauben.

Das Wiener Schnitzel auf der Speisenkarte war noch zu verschmerzen; dass der Anschluss nicht geklappt hatte, musste noch Haider verwundet haben. Ansonsten bot die Auswahl viel Vertrautes. „Sie verwenden viel Schwein“, bemerkte ich. „Das Schwein“, dozierte der Chef, „ist schließlich die zweite Natur des Deutschen.“ Ich hatte meine Zweifel, schließlich ist das Borstenvieh von reinlicher Natur und durchaus sozial eingestellt, aber ich wollte keine unnötige Diskussion beginnen. Die Zigeunervariante hatte sicher genug Diskussionsbedarf in sich, und das nicht nur, weil die Rezeptur bestimmt keine Paprika aus der Nordheide vorsah.

Die Küchenhilfen schoben Würstchen hin und her. „Zum deutschen Sauerkraut“, kündete der Führer, „gibt es ja nichts Besseres als die deutsche Wurst. Wer will da anderer Meinung sein?“ „Meiner Erinnerung nach“, erinnerte ich mich, „hat ja der gute Homer schon den Darm beschrieben, in den man Blut und Fleisch stopft. Keine neue Erfindung also.“ Der Schnauzbart stutzte nur wenig. „Dann waren es also die Griechen. Auch ein rassereines Volk, und Wurst wird ja überall gemacht.“ „Genauer“, fügte ich an, „waren es die heutigen Türken, von denen wir auch die Mützen der deutschen Gartenzwerge kennen. Aber egal, es handelt sich in letzter Konsequenz um den Pfälzer Saumagen, bis auf die Kartoffeln. Die sind ja aus Lateinamerika.“ Die Küche werkelte. Das Interesse an den Bratkartoffeln hatte nicht nachgelassen, aber die Geräusche wurden merklich leiser. Vielleicht zweifelte einer der Beiköche gerade die nationale Identität des Kümmels an. Tirol stand zwar außer Frage, aber das Land, wo der Pfeffer wächst, war schon rhetorisch sehr gebraucht.

„Das deutsche Sauerkraut“, und damit öffnete der Chef eine deutsche Dose, in der es wohl aus Südwest oder ähnlichen Kolonien deportiert worden war, „das deutsche Sauerkraut ist eine deutsche Erfindung.“ Ich widersprach ihm da nicht; das französische Sauerkraut war zweifelsohne eine französische, aber das tat ja nichts zur Sache. „Das deutsche Sauerkraut wird von uns angeboten als deutsches Nationalgericht.“ „Ein Deutschnationalgericht sozusagen“, merkte ich an. „Interessant daran ist ja, dass die Milchsäuregärung eine Erfindung der slawischen Völker war und sich mit der jüdischen Besiedelung Europas ausbreitete.“ Wie gut, dass ich die Küche sofort verlassen konnte. Der Chef kochte.

„Gerne wählen unsere Gäste ja das Rahmgulasch“, informierte der Oberkellner. Eine braune, undefinierbare Pampe auf dem Teller überzeugte mich, hier wurde national gekocht. „Ich gehe davon aus, dass Sie ausschließlich deutsche Zitronenschale verwenden“, fragte ich, „Sie wussten doch, dass es sich um eine germanische Züchtung aus der Völkerwanderung handelt?“ Er wusste es nicht. Immerhin bekam man in diesem Laden einen Nachtisch mit Banane. „Deutsche Ware hoffentlich“, hakte ich nach. Ich hätte es nicht tun sollen.

Die Kinder am Tisch quengelten und bekamen Spaghetti serviert. „Migrantenkost“, lobte ich den Kellner, „sehr gut! Wenn Deutschland schon untergehen muss, dann muss das gut vorbereitet sein. Setzen Sie am besten noch eine anständige Pizza auf die Karte, damit locken Sie die unsicheren Kantonisten. Und Döner. Und vielleicht etwas Asiatisches wie Nazi Goreng.“

Die Bratwurst schmeckte ausgezeichnet. „Hausgemacht“, schwor Ali, „kommen nur die besten Zutaten rein.“ Dafür stand der Imbisswagen auch ausgesprochen günstig.