Der Jahrkreis (IV). April

11 04 2021

Der Sonnenschein ist nicht von langer Dauer.
Ein Schelm, wer ohne Schirm das Haus verlässt.
Fast stündlich warten auf uns Regenschauer,
von denen jeder einzelne durchnässt.

Was man heut weiß, ist keinesfalls beständig.
Woran man glaubt, hat beinah mehr Bestand.
Ein jedes Ding ist durchweg wetterwendig.
Was sich nicht ändert, ist noch unbekannt.

Doch liegt darin ein Reiz. Die Regen waschen
die ganze Welt fein sauber, und sie blüht.
So kann ihr Anblick uns noch überraschen,
wenn man zum ersten Mal sie wieder sieht.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXVIII)

10 04 2021

Es züchtete Paul in Mühlgraben
erst Esel, dann Pferde, dann Raben.
Dort blieb manches hängen,
man hört noch die strengen
Geräusche der Vögel beim Traben.

Ernesto schwingt in Fenestrelle
beim Putzen recht träg seine Kelle
und lehnt auf ein Pläuschchen
sich an für ein Päuschen.
Die klebt nun recht fest an der Stelle.

Es lag Othmar gern in Kitzladen
im Sommer an Badegestaden.
Dort war er fast immer,
denn er war Nichtschwimmer.
Er schritt nur rein bis zu den Waden.

Umberto, der lebt in Beinette
beinah ohne Zucker und Fette.
Er nimmt nur Gesundes
ins Rund seines Mundes
und raucht dann eine Zigarette.

Man kann Emmi in Eisenzicken
beim Häkeln und Stricken erblicken,
doch am Wochenende
zieht sie’s aufs Gelände.
Dort wird sie dann stundenlang kicken.

Es sorgt sich Ottavio in Coazze.
„Am Sitzpolster find ich die Katze,
die meist ganz unschuldig.
Ich bin ungeduldig,
dass ich selbst das Auto zerkratze.“

Es pflegt Hermann stets in Großmutschen
am Spielplatz drei Runden zu rutschen,
mit Zuckerln versehen
nicht zu widerstehen,
dieselben beim Rutschen zu lutschen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXVII)

3 04 2021

Pauline ist beim Laufen in Puxe
mit ihren zwei Hunden recht fix.
Der eine, der wartet
erst ab, wenn sie startet,
und überholt sie hinterrücks.

Kocht Agathon trefflich in Oberschrot,
so sieht er doch oft, dass der Ober droht,
ein Trinkgeld zu kriegen.
Da bleibt oft nichts liegen,
er bringt nicht einmal einem Lober Brot.

Jean-Pierre züchtet in Riquewihr
Chamäleons, denn so ein Tier
wollt sein Weib sich halten.
Es bleibt doch beim Alten,
sie sind jetzt bei ihm statt bei ihr.

Renata ist ernstlich in Billens
das Kleinkind beim Singen nicht willens
kurz hungern zu lassen.
Man sieht, schwer zu fassen,
Aida auch während des Stillens.

Recht ungern gräbt Georges in Saint-Max
den Garten um. Doch ist’s ein Klacks,
mit Hilfe von Tieren
dies Werk auszuführen.
Ihn unterstützt dabei ein Dachs.

Es bügelte Carl in Rechthalten.
Das Eisen will ständig erkalten,
so kann er beim Linnen
stets neu auch beginnen.
Die Wäsche war stets frei von Falten.

Gérard kennt man, wie er in Rupt
ein Brötchen in Milchkaffee stippt,
samt den Konfitüren
zum Munde zu führen,
worauf er den Kaffee dann kippt.





Der Gutenabend

28 03 2021

für Wilhelm Busch

Es war vor langer Zeit… zu später Stunde
lehnt an der Brücke stumm ein blasser Mann,
und ging im Mondschein eins noch seine Runde,
so sprach er einen jeden leise an,

indem er artig „Gutenabend“ sagte –
so mancher stand voll Angst und wie gebannt.
Der Alte blickt, als ob ihn etwas plagte.
Man hat „den Gutenabend“ ihn genannt.

Wenn man ihm aber spottete und zischte,
so wurde die Verbeugung drauf recht fein.
Als ob er in die Nacht noch Tinte mischte,
stand man auf kahlem Feld und war allein.

So einige, die fand man fast verdorben,
zerrissen und verhungert, bleich und dumm,
und manche, sagt man, sind am Schreck gestorben.
Er aber stand am Graben, still und stumm.

Da war der Meier. Er ritt ohne Knechte
und ließ dort zum Beschlagen auch sein Pferd.
Wie er sich dann am Abend gut bezechte,
kam’s, dass er sich um keine Stunde kehrt.

So schlich er, wankte, schwankte an die Brücke.
Da stand der Gutenabend frohen Muts.
Er maß ihn wohl mit einem klaren Blicke
und fasste an die Krempe seines Huts,

und sagte „Gutenabend“, mit Verbeugung –
der Meier schaukelt noch ein kleines Stück.
Dann aber gab er diese Ehrbezeugung
mit ebensolcher Freundlichkeit zurück.

„Bedankt“, sprach er. „und außerdem uns beiden
ein ewiges Gedenken, guter Mann!“
Der Alte aber strahlt in hellen Freuden.
„Darauf wart ich, seit dieser Spuk begann!“

Und fort war dies Gespinst, wie es gekommen.
Nun schreitet man des Nachts ohne Gefahr.
Seitdem hat keiner je den Laut vernommen,
der „Gutenabend“ wünscht, wie es einst war.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXVI)

27 03 2021

Es kultiviert Ambrose in Eitzen
seit Jahren schon den besten Weizen,
jedoch nicht zum Backen.
Um kein Holz zu hacken,
pflegt er mit Getreide zu heizen.

Trainierte Cornelis in Lemmer,
benutzte er Zangen und Hämmer,
bei sich in der Werkstatt,
damit er sich stärk, statt
am Rohr wie ein Gewichtestemmer.

Es knobelte Torby in Dunn,
wobei er auch meistens gewann.
Das machte die meisten
recht stutzig, die Dreisten
verdächtigten gar diesen Mann.

Jans Flieger hat in Hantumhuizen
sowohl links als rechts je zwei Düsen.
Die nutzte er feste
zum Wohle der Gäste
zum Wärmen für beide Kombüsen.

Es radelt Roberta in Ihlen
am Tag an die zweihundert Meilen,
um kurz vor dem Ende
auf kahlen Gelände
ein Viertelstündchen zu verweilen.

Es nagelte Tessa in Sneek
am Fluss Bretter zu einem Steg.
„Es ist deren Länge,
dass ich mich anstrenge.
Dann geh ich ins Wasser und säg.“

Man sah Joe und Jim, die in Kinston
am Fenster der Nachbarin linsten.
Keiner will gestehen,
da gab’s nichts zu sehen,
obwohl beide dennoch breit grinsten.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXV)

20 03 2021

Didier keltert fleißig in Stonne
und gießt seinen Wein in die Tonne.
Dort will er den Trauben
viel Ruhe erlauben.
Daraus trinkt er danach mit Wonne.

Den Pudding buk Carol in Brundall
stets mit einer einzigen Mandel,
die sonst nie verwendet,
was dann darin endet:
sie kaufte sie einzeln im Handel.

Jeans Brüder kennt man in Reichshoffen,
die stets zu Haus saßen und soffen.
Sie sind ungelogen
von dort nie verzogen.
Man hat sie sonst nirgends getroffen.

„Wohlan“, sprach Scott, Mime in Tring,
„wenn man mir nur Stichworte bring,
so bin ich gewogen
zu viel Monologen –
die größeren Reden ich schwing.“

Émile ärgert’s in Ueberstrass.
„Dem Nachbarn ich oft überlass
viel Werkzeug und Pflanzen,
doch wenn ich beim Tanzen
zur Nachbarin hinüber fass?“

In Christophers Zimmern in Letton
lag alles noch spät in den Betten.
„Fürs Fest muss ich sorgen
bis weit in den Morgen.
Die schlafen noch fest. Wolln wir wetten?“

Es hatte Paul in Stiring-Wendel
die Standuhr mit Zapfen und Pendel,
die recht ungenau war,
weil’s für seine Frau war:
daran schwang zum Trocknen Lavendel.





Der Jahrkreis (III). März

14 03 2021

Ein letzter Schnee zerschmilzt. Die harte Krume
liegt an den blassen Tagen wie im Schlaf.
Ein weißer Punkt erscheint. Die erste Blume,
und dort am Himmel hüpft das erste Schaf.

Noch ist es kalt. In sonderbarer Milde
entsteht die neue Welt. Die Luft ist weich
und führt bestimmt viel Freundlichkeit im Schilde,
weil sie es kann. Und Tag und Nacht sind gleich.

Erinnert Euch, erkennt Ihr dieses Blühen?
War’s nicht einmal, saht Ihr es nicht schon oft?
So wird’s auch sein mit allen Euren Mühen.
Es ist nichts ausgeschlossen, wenn man hofft.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXIV)

13 03 2021

Felipe in Laguna Yema,
der dichtete zu jedem Thema.
Ob Liebe, ob Schmerzen,
ein Haus voller Kerzen,
er hatte für alles ein Schema.

Es schneidet Raúl in San Roque
den Damen so manch lange Locke,
nur unten, beim Beugen,
man kann es bezeugen,
geht er lieber ganz in die Hocke.

Er fiel Jorge in Pichanal
das Haar aus. Er war beinah kahl
und trug schon für Jahre
nur künstliche Haare.
Ihm blieb dabei kaum eine Wahl.

Rodolfo, der schaut in Lavalle
am Morgen stets zur Mausefalle.
Die Gattin, die klagte,
wenn’s irgendwo nagte.
Er macht’s, doch befreit er sie alle.

Serena in General Güemes,
die fragte beim Sperrmüll stets, wem es
zuvor mal gehörte.
Wenn keinen das störte,
so packt sie’s ein und sprach: „Ich nehm es.“

Es sammelt Hans in Sierra Grande
viel Orden an Spangen und Bande,
doch nicht, um mit Stücken
sich eitel zu schmücken.
Er ziert nur sein Haus als Girlande.

Belén beurteilt in Corrientes
die Schüler nur ob des Talentes.
Sie pfeift auf Zensuren,
und sieht sie nur Spuren
von Eignung, bei Gott! sie erkennt es.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXXXIII)

6 03 2021

Man hört es, wenn Patrick in Cong
in seinem Hotel zur Saison
so oft wie nur möglich
statt dreimal ist täglich.
Dann tönt durch die Küche der Gong.

Macht Chahryar in Fereydunschahr
sich Schuhe, dann nicht nur ein Paar.
Er nimmt von dem Leder
den Schnitt dann in jeder
der Farben, dass er Arbeit spar.

So klagt Stephen oftmals in Boyle:
„Erst kommt so ein schlimmes Geheul,
der Sohn hat den Wagen
ans Tor angeschlagen –
dann wartet er, bis ich’s ausbeul.“

Es wartete Saeed in Chanke
zwei Stunden wohl hinter der Tanke.
„Was ‚Durchgehend offen‘
heißt, kann man nur hoffen –
vermutlich ‚Geschlossen‘. Na danke!“

Mick stört es, wenn in Passage East
der Papagei Zeitung mitliest.
Nicht nur, dass er meckert
und pfeift, schnalzt und keckert,
er kommentiert auch noch, das Biest!

Es friert Folvio in Girasole,
so geht er zum Keller, holt Kohle
und sieht, seine Schöne,
die Gattin, trug jene
schon weg, damit er sie nicht hole.

Paketschnur hat Percy in Bandon
verknotet fest an beiden Enden.
Er sammelt die Fäden,
auch kurze, nun: jeden
und wird sie noch einmal verwenden.





Der Dümmste

28 02 2021

für Kurt Tucholsky

Der Schachverein trägt Trauer
um Doktor Zitterbart.
Das war so gar kein Schlauer,
drum wurd er Kassenwart.
Da gibt es einen Richter,
der hat nur selten Zeit,
ein Anwalt, einen Dichter,
nur sind die nicht bereit.
Da sagt der Vorstand: „Wählen
wir den, der sich nicht wehrt.
Darauf kann man schon zählen,
wenn keiner sich beschwert.
Da nehmen wir den Dümmsten
  den Dümmsten
    den Dümmsten,
da weiß man doch, was der verspricht –
das wird vielleicht am schlimmsten
  am schlimmsten
    am schlimmsten,
das wird vielleicht am schlimmsten –
doch schlimmer wird’s dann nicht!“

Es tagten in der Innung
zwölf Metzger, grob und feist,
um die Nachwuchsgewinnung,
für die man sich oft preist.
Nur will die jungen Knaben,
die an Verstand recht knapp,
im Laden keiner haben,
denn das wirft wenig ab.
„Ach was“, ruft da ein Schlachter,
der’s auf den Nagel trifft:
aus solchen Buben macht er
den willenlosen Stift.
„Da nehmen wir die Dümmsten
  die Dümmsten
    die Dümmsten,
da weiß man doch, was das verspricht –
das wird vielleicht am schlimmsten
  am schlimmsten
    am schlimmsten,
das wird vielleicht am schlimmsten –
doch schlimmer wird’s dann nicht!“

Es sind drei Kandidaten
und nur eine Partei.
Wer ist da reingeraten?
Das ist schon einerlei.
Der eine ist so bieder,
so grau und kleinkariert,
der andere will wieder,
dass er mal nicht verliert,
und dann ist da der dritte –
wie fett er wieder lacht
aus seiner eignen Mitte.
Er will nur eins: die Macht.
Da nehmen sie den Dümmsten
  den Dümmsten
    den Dümmsten,
da weiß man doch, was der verspricht –
das wird vielleicht am schlimmsten
  am schlimmsten
    am schlimmsten,
das wird vielleicht am schlimmsten –
vielleicht wird es noch schlimmer dann,
und immer schlimmer irgendwann –
doch schlimmer wird’s dann nicht.