Doof bleibt doof

23 04 2017

für Kurt Tucholsky

Apotheker Doktor Kroll,
ein Jahr noch zur Rente,
weiß schon, was er wissen soll –
die Medikamente
helfen größtenteils sogar,
Mumps und Ohrenrauschen
gehen weg ganz sonderbar
beim Rezeptvertauschen.
Kroll gibt, was der Arzt verschreibt,
manchmal jedoch nicht,
wenn die Wirkung ganz ausbleibt.
Dann steht er und spricht
ganz zu sich und nur im Stillen:
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Henriette, hübsch und fein,
hat gar viel Verehrer,
fällt auf alle reihum rein
und macht sich’s noch schwerer.
Wenn die Ehe man verspricht,
hält’s die junge Dame
länger in der Stube nicht.
Ach, es lockt der Name,
den die Hochzeit mit sich bringt.
Sie probiert ihn aus,
wenn auch Muttchen in sie dringt,
sie schreibt ihn ans Haus.
Seufzend lässt sie ihr den Willen.
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Mancher Bürger weiß Bescheid
über die Geschichte,
liest, wie eine dunkle Zeit
Hoffnung macht zunichte.
Liest auch nicht nur, was ihn lockt,
sieht auch andern Ländern
schweres Unheil eingebrockt,
und will doch nichts ändern.
Stärke ist ihm, wenn er dann
Schwächere bedroht,
nicht sieht, was er ändern kann,
und dabei verroht.
Hört Ihr ihn nach rückwärts brüllen?
Doof bleibt doof.
Da helfen keine Pillen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXXIX)

22 04 2017

Mathieu klagte: „Wenn ich in Rennes
nach mühvoller Arbeit mal penn,
dann gucken die Damen
im Fernsehen Dramen –
ich wach dann auf vor dem Geflenn!“

Enrico, der plante in Rom
ein neues Konzept für den Strom.
Er schnitzt ganz verträglich
und spaltet dann kläglich
per Hand sich Atom nach Atom.

Der Joschi, der strahlte in Linz
und sagte verbindlich: „Ich bin’s,
recht gut zu erkennen,
stets fröhlich zu nennen.
Ich lutsche stets ein Pfefferminz.“

Da Dragan die Nächte in Split
mit Rauchen und Billard bestritt,
zunehmend auch trinkend
in Schulden versinkend,
kam er in der Schule nicht mit.

Maria verkauft in Venedig
an Bräute recht preiswert und gnädig
die schönsten Toiletten,
die Hochzeit zu retten.
Sie selber indes ist noch ledig.

Chrestien, sagt man, sei in Bordeaux
als Weinhändler gar nicht mal froh.
Er kann hier nichts reißen,
er mag allein Weißen –
doch den findet man anderswo.

Laetitia, die Nonne aus Mailand,
schrieb Bücher, doch nicht um den Heiland,
sie sorgt um Chemie sich.
Ihr Wissen ist riesig,
sie hat ja studiert dies Fach weiland.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXXVIII)

15 04 2017

Wenn Zdzisław beim Training in Mantel
Gewicht vermisst samt der Hantel,
dann kommt es wie immer
meist harmlos, oft schlimmer
zu Wutanfall, Zorn und Gegrantel.

Jean-Paul kocht für Gäste in Y.
Den wahren Geschmack trifft er nie,
sie finden es salzig,
zu fade und schmalzig.
Sie sind halt aus der Normandie.

Es ärgert Marie in Neuwedel
beim Nähen das trotzige Mädel.
„Sie ist bei den Stichen
recht langsam, verglichen,
und will auch noch, dass ich einfädel!“

Umberto, der wusch sich in Nals
die Ohren, jedoch nie den Hals.
Die Sorge, sie packte
ihn, dass es dort knackte
beim Wenden. Das ging keinesfalls.

Für Paweł, den Müller in Sager,
war nichts so schön wie seine Lager.
Hier schaufelt das Korn er
von hinten nach vorn her
und züchtet sich Katzen und Nager.

Es wühlt Léon in Liedekerke
sich durch die gesammelten Werke
von Friedrich von Schiller,
wird stiller und stiller –
die Klassik ist nicht seine Stärke.

Weil Bogdan sich wundert in Mehlsack,
sagt er: „Wohin ich auch das Mehl pack,
es ist immer fort, wenn
ich’s suche – auf Wort, denn
man weiß, dass ich nie ohne Mehl back.“





Selbstbildnis mit Zubehör

9 04 2017

für Robert Gernhardt

Man erkennt den Maurer schnelle
einerseits am Grau,
andrerseits schwingt er die Kelle
flink und recht genau.

Ärzte identifiziert man
flink am Stethoskop.
Dieses Ding, man weiß es, führt dann
zum Patientenlob.

Knipst ein Depp auf Armeslänge
sich am andern End,
sieht man zügig: das Gestänge
treibt die Ausflucht in die Enge,
wenn er damit rennt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXXVII)

8 04 2017

Virginia verkauft in Van Buren
manch billigen Schmuck sowie Uhren,
was oft dazu führte,
dass sie importierte.
Die Kunden (zum Glück) nichts erfuhren.

Wenn Remo samt Brüdern in Olten
am Spielfeldrand stand, wo sie schmollten,
dann waren sie leidlich
zufrieden. Vermeidlich
sind Spieler, die am Boden rollten.

Es schneiderte Brooke sich in Oden
ein Kleid sowie sämtliche Moden
aus süddeutschen Stoffen.
Sie war auch recht offen
für Dirndl, zum Beispiel aus Loden.

Abdoulie, empört in Kerr Batch,
sieht Freilufttheater im Matsch.
„Beim Preis dieser Karten
soll keiner erwarten,
dass ich nach der Vorstellung klatsch!“

Dass Dick sich, sobald in Fort Kent
am helllichten Tage es brennt,
des Löschers bemannte
und schnell dorthin rannte,
erklärt, dass ihn jeder dort kennt.

Voll Zorn fragt sich Brahim in Tamasint:
„Wer weiß, wo ich heute ein Lama find?“
Zumal ihm bewusst war,
trotz großem Verlust ja,
dass diese anscheinend sein Karma sind.

Zu Denzel in Oliver Springs
sprach Kellner Joe: „Dieses Bier, bring’s
dem Gast an den Tisch. Dann
trinkt er’s, weil es frisch, wann
er’s nicht mehr will, nimm es. Und trink’s.“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXXVI)

1 04 2017

Recht oft buk sich Sándor in Jood
mit dem, was noch da war, sein Brot.
Bald sind die Vorräte
nur Mehl, Hefe, Bete –
es ging, doch der Laib wurde rot.

Norberto in Villa Gesell
fand morgens am Zaun etwas Fell.
Ein Fuchs war’s nicht, eher
ein Hund. Sah man’s näher,
erkennt man den Nerzmantel schnell.

Es kaufte sich Gábor in Gieck
ein Bett. „Wenn ich jetzt darin lieg,
werd ich schnell verdächtigt,
von dem, der nicht nächtigt,
dass ich mich beim Liegen verbieg.“

Gonçalo kauft ein in Alhais.
Sehr günstig erschien ihm der Preis
am Großmarkt. So kauft er,
die Haare dann rauft er.
Was soll er mit zehn Tonnen Reis?

Wenn Kálmán zur Fasnacht in Doone
als König ging, trug er stets Krone.
Jetzt fand er das Ding nicht.
Entweder er ging nicht –
das ging nicht – so ging er halt ohne.

Man wusste, wenn Åskjell in Horten
im Laden mit fünferlei Torten
den Sonntag verbrachte
und kaum Werbung machte,
verkaufte er dreierlei Sorten.

Dass György auf dem Jahrmarkt in Gant
am Fruchtsaft- und Eiswasserstand
zwar kräftig ausschenkte,
doch pleite ging, lenkte
sein Denken auf eins: Gläserpfand.





Miraculum 1452

26 03 2017

Ein Knabe, gleich wie er wohl hieß,
mit eines Apfels Spiel,
dem eines Tages dies zustieß,
dass Holz vom Stapel fiel:

die dicken Bretter krachten laut,
begruben unter sich
den Jungen, der so ganz vertraut
nicht von der Stelle wich.

Man meinte wohl, das Kind sei tot
und hob die Pfosten an.
Da saß er, lachte ohne Not.
Es war ein Wunder dran.