Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLX): Das Göttliche Über-Ich

19 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das hätte sich Rrt fast denken können, er hat es aber dann doch nicht getan: die vielen Knochen mit der Jagdausrüstung seines Schwagers, der schon im letzten Sommer in die Steppe gezogen war, wo die Säbelzahnziege sich das zweibeinige Kroppzeug vom Hals hielt, dann das Wollmammut mit dem zufrieden gesättigten Gesichtsausdruck, als hätte das letzte Abendmahl noch mal die volle Punktzahl erreicht. Und dann die Geier, die erst viel, dann nur noch selten Gelegenheit hatten, den Ort des jähen Ablebens zu besuchen. Der Alte war irgendwo in den ewigen Wiesen, wo es nur noch Gras und freie Sicht auf harmlos mampfende Beute gab, keine mit Hörnern versehenen Feinde, keinen Aufsichtsrat, keine EU-Hasenerschreckverordnung. Einer musste ja die noch funktionsfähigen Geräte an sich nehmen und einer nährenden Nutzung zuführen, und wieso sollte es nicht der Hominide sein, der sie gefunden hatte. Erst dann, irgendwann später, sollte kommen, was man Moral nennen würde, ein theoretisches Konstrukt, das nicht viel half im Überlebenskampf gegen schlecht gelaunte Raubsäuger, aber einer Kaste von Metaphysikfachkräften den relativ hohen Lebensstandard sicherten, den sie bis heute haben, denn sie vertreten das göttliche Über-Ich.

Je komplexer eine Gesellschaft wird, je mehr sie an sozialen Rollen ausdifferenziert, desto mehr greifen auch deren Tätigkeiten ineinander: der eine sät das Korn, der andere erntet es, wieder andere dreschen und mahlen es, dann backt einer Brot und verkauft es, und eine bis hierhin komplett ohne Brot lebende Zusammenrottung findet plötzlich ihre Funktion darin, alles das solide mit Hokuspokus zu unterfüttern. Sie erklären dem sogenannten Volk in sachzwangreduzierter Ehrlichkeit, dass nur die mit guter Ernte rechnen dürfen, die den Elefantengott mit dem Ring im Rüssel preisen, wahlweise mit geweihten Palmblättern, die es zufällig nur im Hof des hastig aus Lehm hochgeschwiemelten Tempels zu erwerben gibt, oder gleich mit Opfersteuer als unterstützendem Faktor für den Gebetshauch. Als Priester sind sie innerhalb weniger Generationen so gut wie unverzichtbar für Gedeih und Verderb einer ganzen Zivilisation, zumindest für die kunstvollen Erklärungsmodelle, wie eins oder das andere zustande kommt. Es dauert nicht mehr lange bis zu einem komplexen Entwurf von Spezialisten für Vegetation, Jagdglück, Eindämmung von Seuchen oder reichen Kindersegen. Die Zuständigkeiten sind in allen Kulturen relativ ähnlich, nur ihre Form und Nomenklatur unterscheiden sich graduell. So wirr und erst im Nachgang systematisch organisiert der Wasserkopf spiritueller Zuständigkeiten erscheint, so gut passt er noch in eine Gesellschaft, die nicht zurück zur Natur muss.

In einem weiteren Schritt entstehen nun alle die moralischen Implikationen, die der Höhlenmensch in seiner Idealwelt aus kollektiv genutztem Besitz, Bärenfell und Bräute, schlicht nicht brauchte, denn Schuldverhältnisse wurden meist ad hoc und final ausdiskutiert. Je mehr Möglichkeiten der Sämann hatte, den Schnitter übers Ohr zu hauen, der den Müller, der den Bäcker, der wieder den Kunden, bis ein voll entfalteter Kosmos aus Kornzuchtanstalt, Bäckerinnung und Verbraucherschutzministerium seine Sternchen prangen lässt über der Stadt, desto dringender bedarf es freilich eines externalisierten Gewissens, das da sagt: Du sollst nicht töten, und wenn, kostet das so und so viel Stücke Blech zum Wert eines Tagesumsatzes. Der strafende Gott ward erfunden, damit zugleich die Doppelmoral, dass durch Lobpreis und Räucherstäbchen die fortan als Sünde deklarierte Instinkthandlung des Bekloppten wieder weggewaschen wird und post mortem nicht mehr ins Gewicht fällt – die Vorstellung der Waage mit dem Herzen in einer, einer Feder in der anderen Schale kam aus pharaonischer Zeit auf uns und ist bis heute produktiv – und endlich kam neurotisch wirkende Angst auf die, so spirituellen Schmodder für bare Münze nehmen und aus Furcht vor dem ewigen Verschwinden jedes noch so bräsige Gebot unreflektiert nachturnen.

Die Kontrolle sämtlicher sozialer Spielregeln hätte funktioniert, doch jene Clique professioneller Religioten wollte auch essen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Und so erfanden die Trittbrettfahrer den Kult, mit dem nach eingeübtem Ritual aus Troglodytenzeit alle den Geistern opfern mussten unter Anleitung von Showzauberern, die das jenseitsgesteuerte Überwachen und Strafen als notwendige Kontrolle der oberen Instanz verkaufen, um neben dem üblichen Schöpfungsmythos auch die gesellschaftliche Hierarchie zu zementierten. Der Gedanke gewaltsamer Rache als Privileg der Herrschaft stammt nicht versehentlich aus diesem Goldgrund, die säkular wie religiös dasselbe Ziel verfolgte: Menschen gemütlich paranoid zu machen mit der Vorstellung, sie seien ab Werk moralisch minderwertig und müssten dafür nun bis in alle Ewigkeit büßen. Nicht fair, aber praktisch.

Hätten sich die Stammesgesellschaften auf eine ordentliche Strafgerichtsbarkeit geeinigt, die sich bis heute stringent durchzöge, uns wäre viel Leid erspart geblieben. Oder wir hätten eine zweite Priesterschicht mit konkurrierender Talarmode.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIX): Partnerlook

12 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Geschlechtsdimorphismus hat auch seine guten Seiten. Zwar degradiert manche Fischart das Männchen zum Reservoire für genetisches Material mit praktischer Anklettfunktion am Bauch des Weibchens – wo denn auch sonst – aber wenigstens findet sie ihn dann auch wieder, wenn sie keine besondere Neigung zur Ordnung hat. Alternative Möglichkeiten sind Anketten, Einmauern oder am Boden festnageln, wobei Letzteres gerade am Meeresgrund auf verfahrenstechnische Probleme stoßen könnte. Wie viel einfacher ist doch der Hominide gestrickt, sogar bei Baureihen nach der Steinzeit: auch außerhalb der Wohnhöhle lässt sich der Vater leicht lokalisieren, ohne Ortungsfunktion oder Implantat, wenngleich auch mit einer Kombi aus Instinkt-Dressur-Verschränkung und Hardwareunterstützung. Sie nennen es Partnerlook.

Was als textile Zwangshandlung an der unschuldigen Kollateralbekinderung von n größer gleich zwei einigermaßen funktioniert, zumal bei Zwillingen, fußt bei Paaren auf Handlungszwang. Auch im dichten Gedränge findet man gerne den anderen Teil der Zugewinngemeinschaft wieder, Anleinen ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert, also entscheidet sich gerade der dominante Part zur rigorosen Farbwahl. Der Klempnermeister geht nur in pinkem Pantherprint zum Möbelschweden, weil er sonst am Samstag garantiert zwischen Eingang und Getränkestützpunkt den Anschluss zur Gruppe verlöre. Was auch immer die Neigung hervorbringt, sich öffentlich zum Obst zu machen, es muss mehr sein als der Hang zum theatralischen Scheitern vor wehrlosem Publikum, sonst gäbe es nicht eine Industrie, die Viskose zu ästhetischem Gerümpel schwiemelt, auf dass sich alles außerhalb der fokussierten Zweierbeziehung schon aus Gründen des nervlichen Selbstschutzes für ausgeschlossen erklärt. Nicht jeder mag Grellorange in Verbindung mit frechen Mohairapplikationen, nicht einmal jeder Klempnermeister.

Eigentlich hat die Individualisierung, besser: der Zwang zu ihr jeglichen Wunsch nach Konformität zur Banalität des Blöden degenerieren lassen, und die Einzigartigkeit treibt Blüten sonder Zahl. Reicht es hier und da noch, sich mit unangepasstem Haarschnitt und flamboyantem Schuhwerk nebst den üblichen Metallwaren im Gesichtsbereich plus Ganzkörpertattoo als Teil einer Jugendbewegung zu gerieren, geht erst der Partnerlooker so recht in der Masse unter wie ein durchschnittlicher Uniformträger auf dem Feuerwehrball. Ist also der Versuch, einander selbstähnlicher zu sein als zwei Schlümpfe, die immerhin funktionales Beiwerk mit sich durch den Comicstreifen schleppen, eine falsch verstandene Integration in eine Parallelwelt, die noch unmöglicher existiert als das gezeichnete Ich?

Es ist das niedermolekulare Zusammenwachsen zweier wohl einzeln nicht mehr überlebensfähiger Organismen zu einer größeren Einheit, ähnlich den Polypen, die sich erst in der Kolonie als handelnde Gebilde verstehen. Das wirkt so überflüssig, wie es auch überflüssig ist. Zwischen Verstörung und Selbstaufgabe pressen sich zwei Personen in denselben Phänotyp, als wollten sie krampfhaft ihre durch die Beziehung und andere Abhängigkeiten gewachsene Identitätskrise nach außen krempeln, Abziehbilder ihrer selbst in einer Dialektik, die nicht einmal mehr Schielen erlaubt – einmal nicht aufgepasst, und man legt an auf den falschen Vogel.

Wo sich Paare finden, am Arbeitsplatz, in der religiösen Ausübung oder im offenen Vollzug, sie teilen zunächst ihre Gemeinsamkeiten, um nicht gleich über die Differenzen streiten zu müssen. Gut möglich, dass es zur Bildung einer Persönlichkeit einen gewissen Grundsatz an psychischer Stabilität braucht, aber man kennt das von der Steuer: die Veranlagung geht auch gemeinsam. Und just so kommt es zur Oberbekleidung, die nach einer Doppelblindstudie schreit, gemeinsam produktiv genutzter Stressbewältigung an der Außenhülle zur Innenwelt, die nicht mehr sieht als eine gründlich gespaltene Persönlichkeit. Es ist noch Luft, aber nicht unbedingt nach oben.

Mag es sein, dass Konfliktvermeidung zum Doppelerwerb der Hosen geführt hat, generell sind die multiplen Outfits tatsächlich ein schrilles Signal in die vereinzelte Welt: wir tragen Gelb, wir lieben den Affenarmschnitt, wir haben jeglichen Anflug von Scham weit hinter uns gelassen und schauen dem Einsetzen des Schwachsinns relativ gelassen entgegen, und zwar alle beide. Hier verläuft der schmale Grat, ab der die Symbiose beginnt, aber als Krankheit. Nicht selten endet der anschließende Kontrollwahn in einer lustigen Katastrophe, weil man die Überreste anhand ihrer Verpackung nicht mehr als einzelne Proteinhaufen separieren kann. Aber was soll’s. Nach dem Feuerwehrball hätte man sie auch nicht mehr identifizieren können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVIII): Sterneküche

5 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann einmal müssen dem Koch eines gut beleumundeten Lokals sämtliche Vorräte zur Neige gegangen sein. Oder er hatte sich vorgenommen, die Hülsenfrucht an sich derart zu transzendieren, dass das Ergebnis seines Geschmors eine bis dato nicht vorgekommene aromatische Nuanciertheit ans Zäpfchen zaubert, die ihn weltberühmt macht. Oder er hatte sich zu oft die hängenden Bratpfannen an die Birne gekloppt und delirierte am Herd frei vor sich hin, Erbsen zählend, Erbsen kochend, bis am Ende eine einzige übrig blieb, die er mit etwas Beiwerk auf einem monströsem Teller dem Gast auftrug, der erstaunt feststellen musste, eine derartige Erbse bisher nie verzehrt zu haben. Da der Hominide zu drei Vierteln aus Ruhmsucht besteht, bewarb der Maître alsbald seine Erbse und gewann einen Preis dafür, den er stolzgeschwollen ins Fenster klebte. Die Sterneküche ward geboren.

Jene Form der Gastronomie hat sich komplett von ihren Wurzeln entfernt, aus essbaren Produkten eine mehr oder minder warme Mahlzeit zu erstellen und sie dem Gast zu kredenzen, der aus Hunger und Gaumenfreude ein- und wiederkehrt, um den Laden am Laufen zu halten. Hin und wieder verzeiht der zahlende Esser dem Koch wirr auf den Teller geschwiemelte Experimente, doch ist jenseits von Pfefferminzcurrywurst mit Sauerkraut meist schon die Suppe gelöffelt, denn was die geschmacksfreie Inszenierung von Einzelteilen mit verzweifeltem Aufwand hervorbringt, steht in keinem Verhältnis mehr zum Eigentlichen.

Und so schmurgelt der Chef aus einem Korb Modegrün – Algen, Bärlauch, japanischer Spinat – einen Topf voll Pampe, die nachlässig unter zwei Gemüsescheibchen getupft oder mit dem Löffel aufs Porzellan gekleistert die besondere Note des siebten Gangs ausmachen soll. Passt nicht zum halb rohen Fisch, also muss es sich um einen gekonnten Kontrast handeln, taucht aber zu Bauschaum verstärkt als orthogonaler Festkörper neben einer gekleckerten Sauerampfer-Senfsaat-Emulsion auf dem Kolibrispiegelei wieder auf. Der Wareneinsatz beträgt eins zu eins – eine Tonne Grünzeug, ein Löffel Püree – und besonderen Wert legt das Haus auf exklusive Zutaten. Während andere noch ihre regionalen Wurzeln betonen, sucht der Hochgastronom seine in gelblichem Dunkellila schimmernden Babykarotten ausschließlich in einem Biobetrieb rechts neben dem Regenwald, da hier die Nussaromen im Rohzustand noch eine kleine Idee mehr Bitterstoffe zu haben scheinen als in der mauretanischen Möhre, die nur noch die Konkurrenz verkocht. Hier hebelt eine Fachkraft in Dinkelplätzchenpanade frittierte Hühnerfüße auf drehsymmetrische Lotoswurzelquerschnitte, die zuvor eine Nacht lang in einer Ziegenkäse-Fenchel-Marinade geruht haben, bevor die Küchenhilfe sie mit Andenfelsquellwasser durchspült und auf einem Lamapullover trocken tupft. Kenner können in drei von fünf Fällen sofort erkennen, ob es sich um die begehrten Pflanzenteile der Silberbaumartigen oder um lappigen Discountertoast handelt, wenn auch nicht am Geschmack.

Ursprünglich waren die Sterne erfunden worden, um Automobilisten, die durch die Gegend dieselten, standesgemäß zu verköstigen. War doch das Kraftfahrzeug eher eine Angelegenheit der obersten Zehntausend, die natürlich nicht mit jedem Dorfgasthof zufrieden sein durften, um nicht ihren Ruf als Kilometerfresser zu beschädigen – ein Stern bedeutete passable Speise am Wegesrand, für zwei durfte ein Umweg einkalkuliert werden. Drei Sterne jedoch, und es handelte sich tatsächlich um ein kostspieliges Vergnügen, waren der Anlass zu einer eigenen Fahrt über Land. Bis heute hat sich wenig geändert an diesem Bezug. Die Extremküche ist gestartet als Rennen, in dem die Bestplatzierten einen Pokal abkriegten, den sie ins Fenster stellen konnten, um ihre Dominanz in einem halbwegs tauglichen Wettbewerb zu demonstrieren, hat sich inzwischen aber zur komplett abgehobenen Show gewandelt, in der ein paar elitäre Selbstdarsteller ihre fahrphysikalisch sinnfreien Tuningexzesse zelebrieren, eine Leistungsschau von Frontschürzen und Heckspoilern, die der eine oder andere mit Fuchsschwanz an der Antenne ausgestattete Zaungast noch ehrfürchtig für bare Münze nimmt. Was als notwendig deklariert wird, die im tiefsten Winter aus Neuseeland eingeflogene Waldbeere mit Ananasgeschmack, die zu zentimetergroßen Rauten geschnitzt mit der Pinzette auf den Tellerrand gehebelt dem Serviergut allenfalls den optischen Touch von Einzigartigkeit verleiht, weil alle es tun, steht in einigermaßen krassem Missverhältnis zur betriebswirtschaftlich vernünftigen Tätigkeit. Die Köche könnten ihren Schmodder auch gemütlich in Kunstharz gießen und in die Galerie hängen, das Ergebnis ist dasselbe: der Esser findet in diesem Schauprozess nicht mehr statt.

Schon wenden sich die ersten Köche ab vom Getöse, schalten einen Gang herunter und geben alle ihre Auszeichnungen zurück, um sich auf eine vernachlässigte Fertigkeit zu stürzen: auf das Kochen. Allein das geht nicht, denn das Totholz hat die Auszeichnungen nun einmal veröffentlicht und nimmt sie nicht wieder mit. Das Urteil der Jury kümmert sich weder um Koch noch Kellner und um den Gast schon gleich gar nicht. Wer den Preis verleiht, ist der eigentliche Star, was auf dem Tisch passiert, allenfalls schmückendes Beiwerk einer Marketingaktion. Wie hätte man darauf nur kommen können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVII): Der Rückzug ins Irrationale

29 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet. Die breite Masse ließ den Glauben an Geister und Dämonen und begann, wenn auch in beschränktem Maße, da es sich nicht einfach einstellte, zu denken. Messen, Zählen und Wiegen bestimmten den Umgang mit den Dingen, der Hominide hörte auf, sich die Welt nach vorgefertigten Erklärungen zu deuten, und gewöhnte sich an die Vorstellung, dass das Wissen begrenzt, aber ausbaufähig ist, während das Glauben vornehmlich transzendente Welten zu bieten hat, die nicht zu verstehen sind und daher den Trost der Machtlosigkeit bieten. Kein Mensch muss sich um die Dinge sorgen, die er nicht ändern kann, lautet das besänftigende Credo vor der Wende, und ihrer sind viele. Dass die zunehmend komplexe und ins Unordentliche treibende Welt als Vorstellung trotzdem dem Willen sich entzieht und nicht wie der Baukasten eines sich selbst ermächtigenden Schöpfers planbare Strukturen offenbart, sorgt für die Reprise des Dämlichen; die Aufgabe, Freiheit auszuhalten, braucht ein solides Fundament auf den Gründen der Humanität, und wo sie nicht ist, wird auf Sand gebaut. Nichts ist so logisch in dessen Folge wie der galoppierende Rückzug ins Irrationale.

Nicht die Globalisierung ist das Feindbild der Ängstlichen, sondern die Vorstellung einer gänzlich liberalen Welt, in der jede Entscheidung nicht auch noch hinterlegt werden muss mit dem Goldgrund moralischer Werte; zwar bietet das Bröckeln der ethischen Unterfütterung in Staat und Wirtschaft auch eine gute Vorlage für die Frustration der Massen, doch das ließe sich durch Gegenwehr kompensieren. Allmählich wird es zum sich selbst organisierenden Prozess, dass die Bürger in einer zu sehr verwalteten Welt sich plötzlich besorgen und nach Ordnung schreien, aber nach einer alten, die sie bereits im Scheitern erlebt haben – sie bleiben unbelehrbar, aber wie im Drang, die vertrauten Fehler noch einmal zu perfektionieren, denn der Abgrund, auf den sie zusteuern, ist doch wenigstens bekannt. Und so füllen sie das Vakuum mit neuen Ängsten, die nach altem Muster funktionieren: die Übermacht des Ungewohnten bietet angenehme Machtlosigkeit, in der sich Unterwerfungsfantasien zusammenbasteln lassen, der Sekundenschlaf der Vernunft gebiert Ungeziefer, die subkutan ins Hirn kriechen und ein Weltbild vorfinden, in dem sich allerlei Unfug schwiemeln lässt: homöopathische Ersatzreligionen aus Rassen-, Verschwörungs- und unkritischer Theorie, Führerglaube und das Recht des Stärkeren, kurz: der konzertierte Rückfall in die offenporige Anschauung des Vormodernen, die ein unbeschränktes Dunkel lieferte, um Spielraum für wirre Deutungen zu schaffen. Die liberale Welt, die jedem Deppen die grundsätzliche Freiheit lässt, sich als intellektuelle Randerscheinung zu erfinden und zu benehmen, macht diese Sache nicht einfacher, sie scheint nur so, wenn man sie nicht hinterfragt, und wer, der sich freiwillig für die Rolle des Narren entscheiden würde, täte das schon.

Längst haben ideologische Erfüllungsgehilfen sich zu dem aufgeschwungen, was sie für Macht halten, damit sie anderen die befreiende Sklaverei anbieten können. Dass sie die Erscheinungsformen der neuen Bedrohung nicht nutzen, kommt nicht von ungefähr; natürlich könnten sie die drohende Klimakatastrophe zur Ersatzreligion aufpusten, doch wer würde schon eine Eschatologie der Ohnmacht entwerfen, die komplett ohne Hoffnung auskäme. Sie setzen auf alternative Verfahren und heilen durch Handauflegen, wobei sie trickreich den neoliberalen Turn ausnutzen, dass der nicht geheilt wird, der zu wenig an die Therapie glaubt. Zum Ausgleich ängstigen sie sich vor Chemtrails als Emanation eines infernalischen Machtapparats wie die Steinzeitler beim Anblick des Wetterleuchtens, denn ohne Teufels Beitrag ist die Ordnung einfach nicht zu deuten, wenn sie hinreichend komplex sein soll. Das Böse erfüllt seinen Zweck, wenn es nur genügend abstrakt sein kann, und was wäre besser geeignet als eine Idee, die allein zu diesem Zweck entworfen wird. Als das Fremde, als unbekannte Variable, beliebig einsetzbare Störgröße oder von den selbstverständlich bösen Machthabern verfügte Setzung ist sie der letzte Grund, auf dem sich noch bauen ließe: die Opferrolle lässt den Bekloppten wieder in beschaulicher Ruhe klagen, dass er die Dinge nicht ändern kann, die er gar nicht ändern will, weil er auch gar nicht wüsste, wozu. Aber er hat ein Motiv, sich zu beklagen, und allein das reicht aus, um es laut zu tun, hinter der Monstranz der eigenen Machtlosigkeit schreitend und den gewohnten Abgrund fest im Blick. Dass die Menschheit sich abschafft, ist ausgemacht, es steht nur zu fragen, wie lange sie dazu braucht. Wer daran schuld sein wird, ist eine müßige Überlegung, denn wer wäre hinterher noch da, um es wissen zu wollen. Aber vielleicht hocken wir dann ja alle gemütlich in der Hölle und wundern uns, dass wir nicht eher auf den Gedanken gekommen sind, in einem mies geplanten Gedankenexperiment zu existieren. Jemand muss Schnaps in das Fass gegossen haben, als unsere Gehirne schon darin lagen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVI): Die Krankenhausserie

22 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Erst kam die Felszeichnung, dann Papyrus, zwischendurch kurz Kintopp, davor das klassische Drama mit Trallala und Katharsis, irgendwann hat die Menschheit darauf verzichtet, die Kurve zu kriegen, und erfand als Vorstufe zum Untergang die Fernsehunterhaltung. Ans Lesen dachte da schon längst keiner mehr. Wozu auch, die meisten Dinge waren sowieso verfilmt, und was da nachproduziert wurde, bedurfte bis heute keiner besonderen Aufmerksamkeit. Das Triviale hatte die Oberhand, Gilgamesch und die Nibelungen waren kurzerhand abgemeldet – kein Wunder, waren ihre Abenteuer auch so fürchterlich unvorhersehbar für offenporige Hühnerbirnen – und die Lücke des Existenziellen zwischen Leben und Tod musste mit anderem Zeug gestopft werden. Nach waren Denkgewohnheiten mehr an der Gewohnheit orientiert, Denken fand vorsichtshalber nicht statt, und die Zerstreuung hinterließ gröbere Partikel im öffentlichen Raum. Null Chance, der soi-disant Arztroman hat längst ausgedient, es bleibt die Klinikserie.

Bis heute hält sich in den hinteren Ecken der Totholzdistribution für banale Bedürfnisse der Doktor-Kliebenschädel-Novellenklumpatsch, der aus Surrogat geschwiemelten Schmonzes in die Druckerpresse schwallt: pilchersches Blech in hehrem Weiß, kochbar, ausgestattet mit dem ganzen Paket Gender- und Rollenstempelmaterial, das sich seit der Entwicklung einer modernen Wissenschaftsmedizin zurechtgeknöchert hat, der über den Wolken der bürgerlichen Gesellschaft schwebende Chefarzt und seine selbstvergessene Sprechstundenhilfe, die klaglos den Onkel Doktor bedient wie die Haushälterin den alkoholisierten Pfarrer, damit er an imaginierten Pickeln leidende Komtessen wieder in ihre Sphären aus Spulwurm und Größenwahn zurückschicken kann.

Dumm nur, dass es heute keiner mehr versteht. Der Arzt hat an Charme verloren und ist nur ein Dienstleister unter vielen, man kennt seine Aufgabe in einer vom Profit regierten System und braucht auch keinen überhöhenden Faktor mehr. Allenfalls einigt sich die Medienindustrie auf die Klinik als Lieferanten für Konflikt und Getöse, wie es besser kein Klempnerbetrieb sein könnte. Und schon hat die Serie als betriebswirtschaftliches Instrument für generatives Storytelling die Konsumopfer eingeseift und abrasiert, denn wo sonst lohnt sich noch die Charakterzeichnung als im Kontext, der als die Wiederholung der Wiederholung Ewigkeit im Sinne Nietzsches fordert und fördert, tiefe, tiefe Ewigkeit?

Wie putzig, dass in der ganzen Klischeepampe keine chronische Erkrankung vorkommt, die von den behandelnden Halbgöttern als Privatvergnügen abgekanzelt und zu Selbstzahlung verdonnert wird. Kein garstiges Leiden, Leberzirrhose dank Schnaps und Wein, Darmverschluss oder Thrombose, nichts kommt in der schröcklichen Welt drohlicher Dinge unter und setzt das Leben gesetzlich Versicherter aufs Spiel – nicht einmal ein eingewachsener Fußnagel tritt in den frisch gefeudelten Kliniken auf, die bis in die Ecken antiseptisch riechen und keine entnervte Teilzeitkraft an der Aufnahme kennen, keine Pflegehelferin mit permanenter Doppelschicht, keinen Praktikanten, der von den dementen Gallenleidern permanent aufs Maul zu bekommen droht. Hätte man ominöses Gedöns wie Schwindsucht und Frieselfieber nicht aus dem Inventar der Medizin gekärchert, noch immer litte die Hälfte der wohlweislich adeligen Zippen an Auszehrung oder Rotlauf. Was immer den fachlich festgedengelten Hintergrund des Personals angeht, schwatzt ab und zu eine Chirurgendarstellerin von kardiopulmonalem Links-Rechts-Syndrom, bevor sie die Blutwerte bekommt, weil sofort ein OP frei ist. Mit Glück findet die Röntgenuntersuchung gleich auf dem zufällig vorbeidüsenden Raumschiff statt, da Assistenzärzte ihre üppig bemessene Freizeit sowieso in der Erdumlaufbahn verbringen, wenn der Golfplatz gerade nicht geöffnet hat.

Dass noch keine Produktschmiede für seichten Kommerzschrott auf die Idee gekommen ist, das wahre Leben angehender Fachkräfte als hässliches Beispiel für die kognitive Grätsche zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schildern und die Intellektverweigerung der politischen Steuerung im Gesundheitswesen in den Diskurs einzubringen, lässt sich nur als großen Verlust empfinden, fragt sich bloß, für wen genau. Letztlich braucht es nicht mehr als das permanent um sich selbst kreisende Groschenheft, das aus der literarischen Mikrowelle poppt und die Todessehnsucht der ästhetisch Amputierten kleckerweise in einem Stillstand aus Entwicklungslosigkeit und Bauschaum-Content festzementiert. Nicht einmal das Ausweichen in historische Inszenierung vermag uns die Lust am heldenhaften Heilen vermiesen, jene naive und sentimentalische Undichtung, aus der die Abwässer unserer Wunschvorstellungen rinnen. Das Leben ist schwer genug, wozu brauchen wir dann noch die Wahrheit. Doktor Schiwago, übernehmen Sie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLV): Die Rückkehr des Autoritären

15 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Uga war die Sache einfach. Er befahl, der Rest folgte, weil er zu folgen hatte; das war das Gesetz, oder zumindest natürliches Recht, bevor es Gesetze gab. Das bedeutete das größte Stück Fleisch (für Uga), uneingeschränkte Zuneigung seitens der Frauen (für Uga) und das Recht auf eine bevorzugte Behandlung bei der Aufteilung von Beutegut (für Uga). Die anderen Mitglieder der Sippe dagegen profitierten davon, dass sie einen Führer nicht zeitraubender Einzelkritik unterziehen mussten, sondern seine Entscheidungen als gut und nützlich akzeptieren konnten. Hätte sein Schwager nicht bei der Verteilung der von ihm erbeuteten Säbelzahnziege dem Gebieter eins auf die Lichter gekloppt, die Sache wäre gut gelaufen (für Uga). So aber einigte sich die Höhlengemeinschaft auf die Etablierung der Herrschaft eines großen Egos, was auch Vorteile mit sich brachte. Sie konnten alle ein bisschen lockerer mit der Evolution umgehen, denn für dieses Gesellschaftsmodell braucht es bis heute nicht viel Rechenleistung zwischen den Ohren. Die turnusmäßige Rückkehrt des Autoritären profitiert jedes Mal wieder davon.

Denn sie fußt exakt darauf, dass ein sehr lautes Männchen die Population gut vorhersehbar in die Scheiße reitet. Für Jahrzehnte haben sich diverse Formen von Zivilisation und Demokratie gehalten, möglicherweise sind sie so weit Folklore geworden, dass ihr Wegbröseln selbst als ein Zeichen von Modernisierung gedeutet wird, jedenfalls als der Aufbruch und das große Abenteuer Zukunft, die sich nicht mehr in erstarrten Formen von sozialer Praxis ergehen will. Die Geschichtsallergiker haben den Frieden so weit verinnerlicht, dass sich die herrschende Kaste langsam etwas anderes ausdenken muss, um noch sinnvoll unterdrücken zu können, was sich an selbst organisierten Prozessen im Kollektiv abspielt. Zwei Dinge helfen ihnen beim Herrschen, die mangelnde Reflexionsfähigkeit der Masse und ihr Bedürfnis nach Schwäche.

Hat der Grad der Komplettverdeppung eines ganzen Volkes pathologische Formen angenommen und ist der Opportunismus in der bräsigen Bande zu Hochform gediehen, so haben die Kriegsverkäufer Konjunktur und können ihrem Gefolge jedes Gepopel als eherne Wahrheit vorkauen, es wird schon geschluckt. Gerne setzt das dem erkennbar offenporigen Intelligenzprekariat Botschaften von an den Zähnen schmerzender Beklopptheit vor, dümmliche Erklärversuche aus hastig in die Luft geschwiemeltem Dünnsinn, gerne in Gestalt von gruppenbezogenen Gewaltfantasien, was zugleich die Identität stärkt durch Ausgrenzung, die als brutale Selbstermächtigung begriffen wird, denn sie ergibt sich aus wirr geronnenen Denkmustern: wer etwas besitzt, wird auch immer Neider haben, und wer Neider identifiziert hat, muss sie möglichst präventiv unschädlich machen. So lassen sich je nach Interessenlage Völkerscharen gegeneinander aufhetzen, wenn es zur Mobilisierung der geistigen Nichtschwimmerschaft dient. Dass überhaupt eine Selbstermächtigung notwendig ist, muss zwar dem Brüllmüll durch explizite Machtlosigkeit erst beigebracht werden, doch ist sein Bedürfnis nach Schwäche die wichtigste und ideale Voraussetzung dafür, von einer Clique kreischender Suppenkasper vorgeführt zu werden.

Die Geschichte wiederholt sich nicht als Farce, sie sieht erst im Rückblick aus wie eine gründlich versaubeutelte Neuinszenierung beschissener Vorlagen von Sekundenschlaf am Abgrund. Immer und immer wieder tapert die sogenannte Nation in denselben Dreckhaufen, fühlt sich wohl in der stinkenden Wärme, die ihnen noch als Stallgeruch angepriesen wird, und feiert sich selbst für seine Heldentaten: sie sind irgendwo geboren, wo sie aus Zufall immer noch leben, weil die geologischen Verhältnisse ihnen noch nicht den Garaus gemacht haben. Im Laufe der Jahrtausende ist das keine nennenswerte Leistung, im Takt messbarer Historie nicht einmal ein Achtungserfolg. Aber wer schwach ist, lebt von dünner Kost; nicht in Dingenskirchen zu wohnen, das scheint manchen von ihnen schon als geradezu göttliches Privileg. Redet man ihnen jetzt noch ein, dass der charismatische Alte an der Spitze dieser verkoksten Rotte ihnen das verschafft hat, sie rennen dem unsortierten Wortdurchfall der Schnackbratzen blindlings nach. Gerne beugt das sein restliches Rückgrat, lauscht Drohung und Versprechen, denn der emotional flexible Anhang dieser Blödföhne weiß, man gehört lieber zu den Siegern, sonst wird man von der Geschichte und ihren Akteuren zum Verlierer gemacht.

Es wäre leicht, das Autoritäre, den Führerstaat, die absolute Monarchie der Darmleuchter und ihren Hass auf das Aufgeklärte als Kompensation von Ängsten zu deuten. Es lebt aus dem Paradox, die eigene Schwäche mit noch mehr Machtlosigkeit zu verrechnen, damit wenigstens einer Verantwortung tragen kann. Wohin er sie trägt, wo er sie reinwirft und was dabei rauskommt – das wollen wir nicht mehr wissen, denn das ist Zukunft und damit böse. Suhlen wir uns in der Vergangenheit, in ihr liegt, scheint’s, Heil. Auch wenn es meistens gerade andersherum kam. Und nicht als Farce.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIV): Das Skandalbuch

8 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nichts in Stein gemeißelt, denn das musste für länger halten. Das Papier war unsagbar teuer, weil es noch niemand erfunden hatte. Die wichtigen Dinge merkte man sich, was irgendwie heilig war, wurde in weiches Wachs geritzt oder in Ton gestichelt, und ganz ab und zu ließen sich durchgeknallte Herrscher mit ihren Heldentaten – zehn Völker ausgerottet, Hunderten von Frauen die Hasenscharte beim Nachwuchs angedreht, das halbe Land versklavt und die Bevölkerung beim Bau sinnloser Prachtbauten systematisch zu Tode geschunden – in Metallguss bringen. Den Klatsch aller Generationen aber hat keiner auch nur auf Palmblätter gekritzelt, auf Pappe gestempelt, in Runen gekerbt. Erst mit der Erfindung des Buchs als Verbrauchsmedium für die soziale Couture schälte sich aus der holzigen Rinde heraus, was man zu tragen hatte, in Dünndruck oder unter dem Arm; was es nicht ins Feuilleton schaffte, in den pseudoelitären Schwafelbla, über den man reden musste, weil es alle taten, wurde kurz zerkaut und wieder ausgespieen, aber nicht bis in die Kultur durchgereicht, schon gar nicht in die Bizarrerie der Literatur. Je mehr das Totholz zum Leitbesitz der Hochglanzgrobiane wurde, war das Skandalbuch ein Distinktion stiftendes Must-have.

Der zweifelhafte Ruf des Machwerks für das hirnentkernte Unterschichtengeklump beruht auf der in die müde Luft posaunten Schockwirkung, die ungefähr so nachhaltig schockiert wie ein Sandkorn am Badestrand. Uh, Marsmenschen essen keine Marmelade! Ah, Hitler hat echt geatmet! Jene stammelnde Hängefresse muss nur Deutsche, tötet alle Ausländer, weil alle Ausländer nur leben, um Deutsche zu töten! auf den Bierschiss in Halbleinen kleben, und mit einem IQ unterhalb von Fußpilz kauft das jede Fehlinkarnation. Der aus grobem Schmodder geschwiemelte Plan, mit etwas Sex, Empörung oder Ekel – die Übergänge sind fließend, meistens hebt sich das geistige Niveau sowieso nicht vom Boden ab – die niedersten Instinkte der offenporigen Kriechschicht am Rande der Gesellschaft zu tangieren, er verfängt meist nur da, wo mit intellektueller Auseinandersetzung eh nichts zu holen ist, das größer als null wäre. Etwas Theaterblut und Tütenkotze, Readymades aus dem Effektendiscounter, schon pufft die Provokation in sich zusammen wie ein fiependes Gummischwein mit Bisslöchern. Für Hunde mag das reichen.

Die Entstehung ist ja selten ein Geheimnis, da sich keiner der Brüllanten je literarischer Leistung verdächtig gezeigt hat, zuvor und hernach. An der Zastertanke herrscht Vollflaute, Taxifahren ist auch keine Alternative, und das Sein lässt sich vom Sendungsbewusstsein nicht groß beeindrucken, also greift der Klötenkönig tief in den Eimer mit dem verbalen Bauschaum, aus dem sich jedes Gedöns schnitzen lässt, Hohlraum sei Dank. Wer, wenn nicht die in kalkuliertem Tabugebrösel geschulten Deppen sollte diese Verquastheit aus Igitt und streng nach Vertrag geliefertem, lektoriertem und in betriebswirtschaftlicher Hyperkorrektur geplantem Stillstand der Dinge noch eine zäh angehobene Wimper schenken, wenn nicht die reizhysterischen Rumpelköppe, die jeden Tinneff aus der Lieferung für Heckenpenner hochjagen zum Ereignis, wenn auch nur für negative Euphorie? Schreibt nicht das gemeine Müllbeutelimitat in Strumpfhosen einen Erlebnisbericht nach dem anderen aus der komplett verquarkten Biografie, mit verkorksten Ehen und finanziellem Desaster, lustigen Szenen aus der Knastdusche und ähnlich dünn angerührtem Dreck, um sich bei den publizistischen Wurmfortsätzen der national führenden Primatenpostillen tief in die Ausgangsschleimhaut zu fräsen? Der Schmerz ist geduldig, kommt es doch nur darauf an, ihn möglichst schnell zu versilbern.

Das Skandalbuch ist eigentlich keins. Es wird nur von hysterischen Behämmerten aus panischer Angst vor der grauen Vorstellung, jeder könnte den Schmodder aus Vernunft ignorieren, zum Geschrei gemacht, bar jeder sozialen Indikation, die von außen auf den Papierstapel einwirkte. Eine krude Werbeindustrie verjuxt unbarmherzig Lebenszeit von Idioten, die sich zur Lektüre herablassen, kurz feststellen, dass ihnen beim Durchblättern bereits das Gesicht eingeschlafen ist, und dann doch nicht zugeben können, dass sie sich mit des Kaisers neuen Kleidern die Schuhe abgeputzt haben. Uh, Marsmenschen! Hitler, ah! Wie viel besser wäre die Welt, und wir würden diesen zusammengekehrten Hirnschorf einfach ignorieren, wie wir dieses größenwahnsinnige Pack ausgeblendet haben, als es uns noch nicht mit derartigem Geschreibsel auf die Plomben ging. Das Fallobst, das die Zeitungen füllt, reicht für soliden Ekel schon aus, man muss nicht auch noch so tun, als kümmerte einen die rüde Ruhmsucht dusseliger Blähboys. Weg mit dem Mist. Der Container reizt zur deutschesten aller Heldentaten, und ist der Müll einmal getrennt, ließe sich aus dem Brei allerlei machen. Auch auf Rollen. Es wäre dem Elaborat endlich, endlich gerecht.