Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCIII): Der freundlich grüßende Mann

6 12 2019
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unvorhergesehene Dinge haben einen großen Nachteil: sie geschehen unvorhergesehen, das heißt, keiner hatte zuvor ihre Dynamik auf dem Schirm oder wusste, woraus sie sich entwickeln würden. Sind Erdbeben, Supervulkane oder das Verglühen der Sonne zum Weißen Zwerg noch einigermaßen berechenbar, weil sie Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur selten dem Charme eines plötzlichen Meinungs- oder Verhaltensumschwungs in sich tragen, so ist alles, was mit dem hochlabilen Faktor Mensch in Berührung kommt, von rein chaotischer Prägung. Es ist ja richtig, hier und da steigt inmitten eines Staus auf der Schnellstraße ein vertrauenswürdig in Breitcord und Polyester gekleideter Familienvater mit Flachdachscheitel und dezenter Sehhilfe aus dem steuerbegünstigten Kraftfahrzeug und zückt eine halbautomatische Schusswaffe, um ein halbes Dutzend Personen im Feierabendstoßverkehr über die Wupper zu ballern. Natürlich haben sie alle es kommen sehen, irgendeiner musste es ja mal tun, es war nur noch eine Frage der Zeit. Aber warum er, der letztes Jahr nach der Geburt des dritten Kindes mit einem Kredit die Renovierung einer kleinen Vorstadtimmobilie begonnen hatte, in die er trotz nicht zu leugnender Beziehungsprobleme dann doch einziehen wollte, auch wenn sich die Fahrzeit zur Arbeit sowohl für ihn als auch für seine Frau dadurch erheblich verlängerte. Keiner hatte eine befriedigende Antwort. Und er hatte auch immer so freundlich gegrüßt.

Profiler und Fernsehkommissare schleichen mit der Lupe im Anschlag durch diese Stadtviertel und schnüffeln nach passiv gehemmten Psychopathen, die auch bei optimalen Umweltbedingungen – laue Frühlingsluft, Brückentag in Sicht, letzten Samstag haben die Bayern aufs Maul gekriegt – ganztägig die Morgenmuffelfresse nicht abschrauben, an der roten Ampel ein Hupkonzert veranstalten, auf die Regierung schimpfen und die Klobrille gar nicht erst herunterklappen, weil sie sich sonst nicht ausreichend ärgern können. Nur diese Kombination verheißt Jagdglück, wenn man einen Terroristen, einen Serienkiller, wenigstens einen Bankräuber auf frischer Tat ertappen will. Alle die netten Menschen von nebenan, denen man nie zutrauen würde, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Splitterbomben bauen, um das Vierte Reich mit einem kleinen, aber feinen Staatsstreich herbeizuschwiemeln, die sind es sicher nicht – würde so ein Attentäter nicht wenigstens einmal die Hakenkreuzflagge zum Lüften über die Balkonbrüstung hängen lassen?

Selbstverständlich haben die rundgelutschtenen Daueranpasser, die krampfhaft Frühstücksbrötchen über der Küchenspüle aufschneiden und Unterhosen bügeln, blutige Gewaltfantasien, die sich nur nicht im Alltag zeigen, sonst würden sie die Kotzbeule, die ihnen im Supermarkt schon zum dritten Mal den verdammten Wagen in die Hacken karrt, mit der Machete waidgerecht er- und zerlegen, faselnden Realitätsallergikern am Stammtisch das Gesicht rhythmisch in die Tischecke drücken oder dem Blödföhn im Finanzamt die Materialkaltverformung im Schädelbereich spendieren. Sie haben sich im Griff, eisern und nicht immer ganz schmerzfrei, und erweisen damit der zivilisierten Gesellschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst, denn sonst wären die täglichen Abendnachrichten ein fröhliches Blutbad. Doch es kommt der Tag, da will die Säge sägen, und dann gerät die Sache außer Kontrolle. Der eben gerade noch zwanghaft nette Mensch am Kassenschalter dreht plötzlich frei, wechselt einfach das Programm und schaltet in den Massakermodus.

Es sind nicht die durchschnittlichen Typen mit dem kleinen Hieb, die mit Bordmitteln eine ganze Wohnsiedlung in die Luft jagen, weil ihnen der Hund des Etagennachbarn mit seinem nächtlichen Gekläff auf die Plomben geht. Es ist auch nicht der bösartig bärtige Austauschstudent, der die Tür von beiden Seiten mit der Zahnbürste schrubbt und die Schuhe geometrisch präzise an die Vorderkante der rechtwinklig platzierten Fußmatte stellt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ab und zu ist ein Waffennarr, der von der Weltverschwörung der Reptiloiden murmelt und die Fäuste schüttelnd in heiserem Ton verkündet, man werde noch von ihm hören, nicht einfach nur ein Polizist, dem seine Psychopharmaka nicht bekommen. Hin und wieder sind Männer, die ihre Frau mehrmals krankenhausreif schlagen, nicht nur durch eine schlechte Kindheit so geworden. Doch selbst hier ist nicht auszuschließen, dass sie außerhalb ihres Wohnbereichs, beispielsweise beim Autowaschen, leutselig und im Unterhemd an der Straßenkante stehen, die Hartwachsdose in der Linken, und unbedacht, wie aus dem Unbewussten herausbrechend vergessen sie jede Vorsicht im Verkehr mit den anderen Menschen, sie lassen sich hinreißen und tun, was diesen unschuldig eben noch ans Gute Glaubenden das Blut schockartig in den Adern gefrieren lässt: sie grüßen. Freundlich. Ab hier helfen nur die Flucht, hermetisches Abriegeln ganzer Landstriche, militärische Mittel, zuletzt nur noch Beten. Denn wo man freundlich grüßt, da kann der Abgrund des Bösen nicht fern sein. Es soll uns zur Warnung gereichen. Wir werden es dann nämlich gleich gewusst haben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCII): Detox

29 11 2019
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jetzt gurgeln sie wieder. Ab und zu schluckt die alternativmedizinisch vorverseuchte Doppelnamen-Zweitgattin von dem Ingwer-Yuzu-Mondwasser in der mundgetöpferten Inkaschale, aber nur in ganz geringen Dosen, weil sonst der Säuregehalt in der Innenauskleidung abkippen könnte. Ästhetisch ist das kein Genuss, vor allem nicht, wenn die Corona anthroposophisch-dynamischer Hausfrauen dazu in konzentrischen Kreisen über den Waldboden hüpft, als hätten verwesende Pflanzenteile nicht auch eine zu berücksichtigende Restwürde. Die Jahreszeit des Winterspecks löst das Quartal des Selbsthasses ab, in dem das Spiegelbild der Bikinifigur entzündete Mittelfinger zeigte. Bald ist es wieder so weit und der Schweinehund wird ganz kurz aufgeweckt, mit Einfachzuckern, gesättigten Fettsäuren und Schnaps beschmissen, los geht die wilde Fahrt: ab jetzt nur noch gesunde Lebensführung. Trennkost. Detox.

Da hat sich das Schulwissen ein gemütliches Loch im Oberstübchen geschaufelt und döst vor sich hin, während die Synapsen wegklappen. Dass die Pizza vom letzten Wochenende noch als Rest durch die Zellen geistert, treibt die Giftfetischisten in reine Verzweiflung. Wobei noch nicht einmal bekannt ist, woraus jene Schadstoffe überhaupt bestehen, was sie schädigen und ob es ein sicheres Konzept gibt, sich die Schrottstoffe wieder aus der Anatomie zu schmirgeln. Spätestens beim jähen Übergang vom Kräutersud zum Stärkungsshampoo für toxisch herausgeforderte Locken wir dann klar, wer diesen Brauchtumsterrorismus erfunden hat: die Heißdüsen der Füllstoffindustrie.

Das Ergebnis dieser magisch-mechanistischen Weltsicht beginnt bei der kruden Vorstellung, die Homöopathie hinterlasse über nicht existierende Stoffe ein Gedächtnis in Wassermolekülen, und sie führt zur mittelalterlich anmutenden Auffassung, dass unerwünschte Stoffe im Körper stets etwas wie Säure sein müsste, die selbstverständlich immer sofort in Blut gelangt und durch geheimnisvolle Teebeutel wieder ausgewaschen werden kann. Als könne man einen Neurotransmitter, der durch die Mitochondrien schwappt, per Funktionskaugummi aus der Blutbahn schwiemeln. Gäbe es die Methode für real existierende Wirkstoffe, die Pharmabranche hätte sich längst den Arsch vergoldet – so aber weiß jeder, die Pillen gibt es, weil sie noch keiner jemals gesehen hätte, und sie werden um keinen Preis verkauft. Alles andere ist bestimmt Märchenwald oder Lügenpresse. Oder Reptiloidenfachwissen.

Wenn diese Entgiftung – vorausgesetzt, die Werbung hält sich an Jahrtausende altes Wissen statt an hastig zusammengeklöppelten Bullshit aus dem Marketing-Aushub – nun tatsächlich natürlich sein soll, warum sind die Mechanismen nicht längst bekannt? Warum werden evolutionär relativ junge Schädigungen wie Alkohol, Nikotin oder allseits beliebtes Mikroplastik, das sich übrigens nicht mit dem Stoffwechsel ins Benehmen setzt und eh nicht durch Pflanzenaufguss ausgekärchert wird, durch die seit babylonischer Weisheit bekannten Mittel behoben? Sind körpereigene Stoffe wie Eiweiße oder Basen weniger gefährlich für den normalen Metabolismus, und wenn ja, warum werden sie dann unter normalen Umständen regelmäßig aus dem Stoffkreislauf entfernt? Merkt die esoterisch verdübelte Schwurbelgurke irgendwann, dass sie sich in ihrer versaubeutelten Deppenroulette auf die falsche Kugel gesetzt hat? Haben Leber-, Nieren- und Hirnentlastung gleichzeitig die finale Last der Blutversorgung aus lebenserhaltenden Maßnahmen entfernt und der Brägen klötert vor dem Fest schon mal fröhlich ins Nirwana? Gar nicht zu fragen, fräst uns die Entgiftungskirmes auch Pestizide aus der Milz? Bollert’s die Hormone aus der Aorta? Nicht!?

So aber ist der ganze Säuberungswahn, der die Abführmittel- und Schlankheitsparanoia der letzten Jahrhunderte auf die Spitze schraubt, nicht mehr als eine willkommene Programmerweiterung für das drittklassige Programm der Frauenzeitschriften, die mit Melonendiät und Bio-Botox eine greinende Herde intellektueller Hinterwandinfarktopfer durch Hokuspokus von feixenden Scharlatanen an die Kasse dirigiert: Selbstoptimierungsgeballer, dessen Schuld nach alter Rezeptur natürlich die Opfer tragen, denn man hat ihnen nichts befohlen, man hat ihnen nur deutlich erklärt, dass sie ohne diesen Firlefanz nicht mehr würden überleben können. Sie pumpen sich halt ihr bisschen Restego auf, und wen solle es schon stören. Es ist der säkularisierte Ersatz einer Fitnessreligion, er funktioniert exakt wie ein interventionistisches Stoßgebet, das vor allem das Gewissen beruhigt – nur für den Augenblick, aber was erwartet man schon von einer religiösen Vorstellung. Irgendwann im Kalender stellt man fest, dass eine vordefinierte Art von Fehlverhalten durch Leistungsdruck kompensiert werden muss. Die einen greifen zum Superfood, die anderen zum Strick. Manche hauen sich Avocado in die Figur. Da wäre die Gesichtsmaske der schmerzfreiere Weg gewesen. Oder man gurgelt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCI): Das imaginierte Sprechverbot

22 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch ist doch unzulänglich ausgestattet. Abgesehen davon, dass er nicht einfach die Ohren verschließen kann, wenn irgendein Dummklumpen die Umgebungsluft mit Verbalgranulat vollatmet, hat er eine zivilisationsbedingt schnell einsetzende Impulskontrolle, die ihn in den entscheidenden Momenten davon abhält, mit der stumpfen Seite der Axt für nachhaltige Ruhe zu sorgen, von der auch seine Mithominiden etwas haben. Zu oft und viel zu penetrant geht ihm die Faselei der intellektuellen Ausschussware auf die Plomben, wie sie ihr ewiges Geweimer zelebrieren, ihr kindisch präpotentes Machtgehabe der Herrenfigurine für den Moment vergessend, weil sie sich ja gerade im Opferblut suhlen müssen, um Mitleid zu erregen. Vielleicht hat man ihnen in der Kindheit nur einmal zu wenig die Frontzähne mit dem Kantholz reguliert. Anders ist es kaum noch zu verstehen, wie sie geistigen Sondermüll hervorbringen wie das imaginierte, wenn nicht gar herbeihalluzinierte Sprechverbot.

Die Grundthese bleibt bestehen, dass der rechte Abschaum jeden wirr zusammengenagelten Hirnkot benutzt, um die beschränktesten Klopsköpfe in seine Reihen zu treiben. Denn wer die Erde für eine Scheibe hält, an Chemtrails glaubt oder an die Mär, Asylbewerber erhielten vom Steuerzahler monatlich einen Gutschein für den Bordellbesuch – was nicht so sinnlos wäre, als würden pickelige Braunalgen mit mehr Hirn in den Filzläusen als im Hohlschädel das Etablissement durch ihre reine Anwesenheit beleidigen – latscht auch für Mord und Totschlag hinter jeder beliebigen Fahne her. Wer bei jeder sich bietenden Gelegenheit plärrt, das, was er da ständig rauskotze, das dürfe man ja gar nicht mehr äußern, redet über seine feucht-völkische Hybris, nicht aber über Meinungsfreiheit, denn die hat mit dem Gespeichel der braunen Brut nichts zu tun.

Meinungsfreiheit ist Staatsrecht. Als solches ist es doppeltes Abwehrrecht des Souveräns gegenüber einem Staat, der eine Meinung vorschreibt oder eine andere unterdrückt. In einem Land, in dem der degenerierte Auswurf öffentlich jodeln kann, er lebe in einer Diktatur, herrscht Meinungsfreiheit, sonst hätte ein Trupp pflichtbewusster Amtsträger ihm zeitnah mit dem Gewehrkolben den Weg in den Gulag gezeigt. Offenbar ist es der Hass, dass die Meinungsfreiheit herrscht und nicht etwa die, die sie bestreiten. Was sie abschaffen wollen, ist also die Meinungsfreiheit, aber so weit geht der Mut zur Wahrheit bei ihnen nicht.

Während die geifernden Gnome sich lauthals über die Einschränkung des Rederechts aufregen, fordern sie in Wahrheit nur Widerspruchsfreiheit, die es logischerweise nur ohne Meinungsfreiheit geben kann. Sie schwiemeln sich einen Sumpf aus sozial unerwünschter Hetze zusammen, um das Fenster des Sagbaren gewaltbereit auszuleiern und jeden reflexartig als Täter zu brandmarken, der ihr gruppenbezogenes Wahngewichtel nicht mehr brechreizfrei erträgt. Längst leidet die verkalkte Zusammenrottung an einer Zwangserkrankung, unentwegt abseitigen Dreck in die Umgebung zu kotzen – Ich spinne, also denk ich – und dann zu greinen, wenn ihnen keine Sau mehr zuhört. Nicht auszuschließen, dass hier die anale Phase sich ein Ventil gesucht hat, die gesammelte Scheiße oral wieder zu entsorgen.

In Wellen kommt hier und da das Zensur als Reizwort in den larmoyanten Schwall des bräsigen Gedümpels gekleckert. Weder existiert für die Krawalleros eine Vorzensur, die ihre absurden Synapsenverrenkungen mit dem Finger am Abzug begleitet, noch gibt es eine Nachzensur, die mit schöner Regelmäßigkeit den nicht justiziablen Rest ihres Gerümpels kassiert. Dass sie es als Angriff auffassen, wo sie beim Lügen, Fälschen und Pöbeln ertappt werden, liegt auf der Hand, ihr Umgang mit der Zensur ist so wunschhaft wie die Projektion der abgeschafften Redefreiheit. Maulkorberlass und Publikationsverbot, stets eine Bankrotterklärung der staatlichen Ordnung, sind ihr sehnliches Begehren, und in magischer Verhaftung winselt das die Überwachung herbei, als könne das anschließende Stolpern in den Totalitarismus nur Freiheit sein, weil diese genetisch Geschädigten in ihrem Sinn die beleidigen und bedrohen können, die sich jetzt aus dem unliebsamen Recht einer Verfassung noch zur Wehr setzen können. Dass sie sich vermehrt in der Öffentlichkeit äußern, die der rechte Dreckrand sowieso für sich beansprucht, heizt noch mehr ihre Wut an, und putzigerweise wehrt sich das elende Geschmeiß gegen jeden Wahrheitsbeweis mit den Mitteln des Rechtsstaates, den es doch abschaffen will.

Das mühsam herbeigeredete Redeverbot ist nur eine Variante von Lackmustest auf der Leimrute für die dümmsten Grützbirnen, die man in Treue fest an sich bindet. Wer in seiner Wut auf alles und sich selbst dieser Hysterie verfällt, bis er sie für wahr hält, der übersieht, dass ihm die Abschaffung der Meinungsfreiheit schon gelungen ist: der eigenen Freiheit, andere Meinungen zu hören. Ignorieren wir sie, solange sie nicht übergriffig werden. Für den Fall gibt es immer noch die stumpfe Seite der Axt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXC): Selbstmanagement

15 11 2019
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich geschieht dies tausendfach in einer beliebigen Großstadt der westlich-kapitalistischen Welt, bevor Ersatzteile des mittleren Managements in ihre Polyesteranzüge schlüpfen und den ersten Angstschweiß des Tages aus dem angekrampften Gesicht wischen. Mancher murmelt sein Mantra, andere regulieren noch schnell ihre verbliebenen Emotionen auf ein Verträglichkeitslevel, das nicht mit der Vision des Arbeitgebers kollidiert. Ein paar Individualisten, geübt in praktischer Soziopathie, ballen die Faust vor dem Spiegel, bevor sie dem Feind eine reinzimmern. Die meisten setzen sich ein sinnvolles Ziel: den Tag überleben. Mit etwas Selbstmanagement könnte das realistisch sein.

Es beginnt ganz harmlos mit der To-Do-Liste, dem Einkaufszettel zwanghaft-ängstlicher Personen zur Bewältigung eines Alltags, der auf die stetige Vereinfachung setzt. So schwierig die Existenz sein mag, mit ein paar professionellen Tipps aus der Beraterkiste – immer absolut authentisch bleiben, immer den Plan umsetzen, immer das Erreichen der Ziele kontrollieren und dokumentieren – kriegt noch der unterbelichtete Honk es hin. Einfach ganz authentisch aus dem Haus gehen, ganz entschieden dokumentieren, ob man den Bus gekriegt hat, und dann erfolgsorientiert den Betrieb ausfeudeln, um die persönlichen Ziele zu fokussieren. Mega! Der Lerneffekt, damit sein Leben voll in den Griff zu bekommen, wird immens sein.

Immer vorausgesetzt, es kippt kein Mehlsack um und der Bus kam pünktlich. Was auf eisenharter Planung basiert, und was im Controlling täte dies nicht, wird dem Leben nicht gerecht. Kann es auch gar nicht, da dies auf einer Verkettung reichlich unabhängiger Zufallsgrößen besteht, die sich ohne Rücksicht chaotisch ineinander schwiemeln. Vorab strikt durchorganisiertes Werk, das den Ansprüchen einer Betriebsführung genügen soll, kennt keine Konflikte, schon gar nicht die Interaktion mit der Störgröße Mensch, die ganz überraschend immer auch außerhalb des eigenen Körpers auftritt. Die sture Ichwelt betoniert ihre Flexibilität zu Boden und gibt damit das entscheidende Signal: die Theorie kann sich nicht irren, alles andere ist falsch, nur Verlierer setzen sich nicht durch. So entsteht die Frustration, die immerwährend das Verhältnis des zwanghaft motivierten Kämpfers zu seinem Peiniger bestimmt: zu sich selbst.

Dieser doppelte Selbstvorwurf, der in der Trennung von Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv liegt, ist die Waffe gegen den Menschen. Subjekt und Objekt der Führung, so lautet der Tadel aus der projizierten Außenwahrnehmung, haben sich beide nicht im Griff. Die Verantwortung wird also stets auf dieselbe Person geworfen, einmal als die führende, die sich nicht gegen die niederen Instinkte des kontraproduktiven Unterworfenen durchzusetzen vermag, einmal als die geführte, die gegen die Notwendigkeit und ihre Einsicht darin rebelliert. Unter der Maßgabe, in der Tretmühle der vollständigen Entfremdung nicht funktionsgerecht die Aufgabe zu übernehmen, die mit der Division in zwei Willenskräfte einhergeht, ist die Revolte als Todsünde der gegen die gesellschaftliche Ordnung das letzte Verbrechen. Der Mensch hat doppelt seinen Sinn und sein Ziel verfehlt, eigentlich ist er längst Ballast für den willigen Rest.

Überhöhte Kategorien, zum Beispiel Schicksal, sind nur noch in banalen Alltagsentscheidungen des sozialen Umgangs zu finden, denn die unfehlbare Planung lässt unvorbereitete Abweichungen nicht zu. Der scheinliberale Perfektionswahn bedient sich der einfacheren Mittel, etwa der Aufladung mit Schuld, die stets individuell bleibt: wenn der Bus nicht kommt, der Mehlsack kippt, muss es an schuldhaftem Handeln liegen, wie es die kausale Maschinerie verlangt. Schuldverlagerung ist der Schlüssel zum Abbau der zivilisatorischen Rechte des Individuums, das nach einem vordefinierten Modell zu funktionieren hat – oder sein Recht auf Funktion verwirkt.

So entsteht irgendwann beim Schwinden der Kräfte der endgültige Selbstvorwurf, die falsche Haltung eingenommen zu haben; wer aktiv war, hat noch immer nicht den Posten als Generaldirektor, Chefarzt oder Bundeskanzler erreicht, wer passiv blieb, ist so lange vor seinen Schwächen geflohen, bis sie ihn unter sich begraben. Die Krise ist absehbar, und sie ist selbst verschuldet.

Man kann auf sie verzichten, und damit verzichtet man auch auf die feindliche Übernahme des eigenen Lebens. Den Bus fahren und den Mehlsack liegen lassen, die Erkenntnis, dass der tiefere Sinn sich nicht daraus ergibt, was man mit markigen Worten auf einen Zettel schmieren kann, der morgens am Spiegel klebt. Konsequent dem Versuch widerstehen, ein paar Arschgeigen in Polyesteranzügen ernst zu nehmen, die Philosophie von der Stange verkaufen und in Wahrheit nur kämpfen, einen Tag lang nichts auf die Fresse zu kriegen. Sie geben lediglich ihre Defizite weiter, den Kinderglauben an esoterische Sprüche, billige Patentrezepte, Angst als Ratgeber und ihren elenden Mangel an Selbstmanagement.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIX): Das Paradoxon des Glücks

8 11 2019
Gernulf Olzheimer

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Man sagt, es gebe überhaupt nur eine ehrliche Form von Bewunderung: Neid. Er war stets und ist noch die große Triebfeder, die den Hominiden mit immerhin tatkräftiger Aggression ertüchtigt, ein besseres Dasein anzustreben, Güter zu mehren, nicht eher zu ruhen, als die Übererfüllung des Plans es zuließe, um wiederum den Nachbarn, dem er nie das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt hat, vor Eifersucht in die Nähe einer Hirnembolie zu befördern. Das vom jeweiligen Sozialgefüge auf die eigene Person projizierte Prestige kommt fallweise noch dazu, bisweilen auch die Einbildung, es gäbe dieses Sozialgefüge überhaupt, kurz: einen Großteil der negativen Energie kanalisiert der gemeine Depp mit der unablässigen Tätigkeit, seine Nächsten aus reiner Bosheit auszustechen und sich selbst in den Vordergrund zu drängen, vollkommen gleichgültig, warum. Doch ist dieser Wohlstandsdrang je einmal ins Gegenteil umgeschlagen? Und funktioniert er in allen Fällen produktiv, wie es die Theorie fordert? Die Antwort ergibt sich aus der Frage.

Nicht jeder Wohlstand, sei er rein materiell als Vermögen oder fahrendes Gut greifbar, als Macht und Titel, Geltung oder Einfluss, macht auch so glücklich, wie es den Anschein hat; ab einer gewissen Stufe nivelliert sich das Seelenheil, es lässt sich nicht linear steigern wie der Umsatz eines Geschäfts, ja nicht einmal willentlich überdosieren. Bis zu einer gewissen Steigerung ist man glücklich, danach unglücklich, dass man nicht glücklicher wird. Noch sind die irdischen Ziele nicht gänzlich ausgeschöpft, der Fünft-SUV vor dem Dritthaus könnte noch immer mehr PS haben, die zehnte Zweitfrau einen teureren Drittpelz tragen oder besser zum Viertpelz der Drittfrau passen, aber es vermag die Liebe nicht zu vermehren, schon gar nicht die Zuneigung zu sich selbst.

Statt die Integration in die nächsthöhere Schicht anzustreben, weil man noch immer an das Märchen von der uneingeschränkten sozialen Mobilität durch hinreichenden Fleiß glaubt, beginnt der Depp sich nun weiter nach unten abzugrenzen und alles, was seine bisherige Situation ausgemacht hatte, mit System schlecht zu reden. Jeglicher Wohlstand, das Zufriedenheitsgefühl des Arrivierten zählt nun nicht mehr, weil die leise Ahnung dräut, dass es oben auf dem Berg irgendwann eng werden könnte, wenn es dort noch mehr Menschen mit nicht zu steigerndem Wohlsein geben sollte. Vor allem beginnt hier das Paradoxon zu wirken, die anderen, die nicht unter ähnlichen Bedingungen und möglicherweise mit mehr Anstrengung dasselbe Glück erlangt hätten, seien nicht durch Gerechtigkeit in diesen Zustand gelangt, sondern eben – durch Glück. Wer in einer kapitalistischen Weltordnung lebt, sollte nicht ganz ausblenden, dass rastlose Arbeit durchaus großen Reichtum erzeugt, allerdings nicht bei dem, der arbeitet. Besitz entsteht durch wenige, kurze Akte der Akkumulation, nicht selten durch den Vorteil, zur richtigen Zeit versterbende Verwandte in der Familie vorzufinden.

Nichts erklärt trefflicher, warum sich die Klötenkönige trotz einer stabilen wirtschaftlichen Lage sich nicht nach einer gesellschaftlichen und politischen Festigung sehnen, sondern Bürgerkrieg und Rassismus als Formen des selbstzerstörerischen Hasses zu einem Abwehrmodell gegen die eigene Lebenswelt schwiemeln. Wer mindestens seinen Zweit-SUV vor dem teilfinanzierten Einzelhaus in den autark zusammengezimmerten Carport stellen kann, der regt sich nicht über die Fettkarre vor der Nachbarwohnung auf; er schmeißt Brandsätze, weil er seine Weihnachtsreifen in der entchristlichten Abendlandswelt als Winterreifen kaufen muss. Es geht ihnen viel zu gut. Wohlstandsverwahrloste Waschweiber jammerlappen sich das bisschen Gemächt wund, weil sie langsam begreifen, dass die hedonistische Tretmühle sie um jede Steigerung ins Unermessliche zuverlässig bescheißt: es gibt keinen Weihnachtsmann, nicht jeder gewinnt in der Lotterie, wir werden alle sterben. Während der spätkapitalistische Hohlpflock noch weinend vor Wut tritt und tritt, sieht er die Unbilligkeit des Daseins, wie sie ihm in den dünnen Bart spuckt: der Bürgerkriegsflüchtling ist angstfrei, Erwerbslose schlafen unter der Woche aus, ein Aussteiger steigt einfach aus und ist nicht einmal mehr auf den Erst-SUV irgendeiner Knalltüte in Führungsposition neidisch. Hass!

Mit der Stillung grundlegender Bedürfnisse, die in der jeweiligen Situation auch als solche erkannt werden, lässt sich Wonne nicht mehr vermehren. In dieser existenziellen Erschütterung beenden viele ihre bürgerliche Existenz, meist durch Marschieren in die falsche Richtung, indem sie die alles umgebende Gesellschaft zu Klump hauen. Gut, auch so lassen sich in der Nähe zum Nullpunkt wieder ausgeglichene Verhältnisse herstellen. Am konsequentesten wäre es, diesen arg zweifelhaften Rotationsellipsoiden noch vor dem Durchschlagen der Klimakatastrophe kerntechnisch zu verseuchen. Keiner erbt mehr, ohne etwas dafür getan zu haben. Und seien wir ehrlich, wem würden das peinliche Selbstmitleid dieser Unglückspilze fehlen?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXVIII): Gruppennarzissmus

1 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Wirklichkeit ins trübe Auge: Rrt und seine Sippschaft waren elende Feiglinge. Dass die Evolution sie nicht umgehend in die Sackgasse hat laufen lassen, wo sie mit ihrem Aussterben dem Rest der Hominiden einen Gefallen erwiesen hätte, mag man im Nachgang für Ironie halten, wenn es nicht gar sadistische Züge hätte. Diese weinerliche, zu Haarausfall und Gesichtsvollgrätsche neigende Mischpoke lebte sozial isoliert – es gab auf der anderen Seite der großen Felswand durchaus höhere IQ-Werte mit praktischer Vernunft – und hätte nach Betrachtung der Wirklichkeit allen Grund gehabt, für den Rest ihrer erfreulich kurzen Existenz mit Vergnügen Trübsal zu blasen. Doch dem war nicht so. Sie wickelten sich in wirre Fellreste, hängten Tand und Plunder darum um marschierten durch die Steppe wie von der Sonne auserwählte Helden, wenn sie nicht gerade vor dem Schatten einer Säbelzahnziege auskniffen. Sie waren Könige und Herren der ganzen Gegend, auch wenn sie als einzige dieser festen Überzeugung blieben. Der Gruppennarzissmus hatte voll zugeschlagen.

So geht es gewöhnlich den ärmsten Würstchen, dass sie nicht einmal selbst etwas haben, mit dem sie vor dem Außenspiegel posieren können: Haar, Hintern, Hauer, Habe oder Potenz. Objektiv wird der Typ mit dem feistesten Bauch weniger Geld auf dem Konto haben als andere, während der Reichste vor allem an schwerkraftgeplagtem Bindegewebe leidet. Wie viel angenehmer ist doch das gemeine Gruppendenken, in dem sich abgesehen von den üblichen Idealen wie Auswahl der Götter, temporär vorherrschende Moralvorstellung oder politische Wertmaßstäbe auch jede andere scheinbar mit Doppelplus behaftete Zufälligkeit zum Abbild der Vollkommenheit hochstilisieren lässt. Ist in einer an und für sich nicht weiter auffälligen Kohorte eine bestimmte Haarfarbe vorherrschend, braucht es nur marginale Anlässe, um sie mit allerlei genetischem Märchenmaterial aufzupumpen, bis der blonde Held dem lila Nachbarn auch in aller anderen Beziehung definitionsgemäß überlegen sein muss, weil das so sein muss: das Selbstwertgefühl, das Blondiertheit ab Werk mit sicht bringt, ist von eherner Stabilität, da es nie in der Empirie auf Mängel untersucht werden musste.

Billig wird das preziöses Gepopel, wo es aus der zurechtgestrickten Ersatzteilphilosophie eine für alle Belange wasserfeste Erklärung liefert. Die eigene Gruppe ist immer überlegen, weil nur sie die einzigartige Kombination aus Religion, Hautfarbe und Sprache hat. Der einzigartige Kombinationen haben sämtliche sieben Zwerge hinter den sieben Bergen auch, meist müht sich der Bekloppte nur um eine Zutat wie Schicksal oder ähnlich gelagerten feucht-völkischen Unfug, damit die intellektuelle Ausschussware etwas hat, an dem entlang sie glauben kann, bis der Krieg kommt.

Der angenehmste Effekt aber ist immer noch, dass sich jeder als mitgemeint betrachten kann, und so wird auch der adipöse Meister des Mundgeruchs sich für einen Mustermenschen halten, den nur der Genpool seiner gesegneten Vorväter hinbekommen konnte. Eine Rotte geistig unter ε dümpelnder Darmleuchter quetscht sich vorsätzlich in eine Tradition großer Denker, weil sie alle innerhalb eines zufällig durch Flusslandschaften begrenzten Territoriums geboren wurden und – die einen mehr, die anderen gar nicht – dieselbe Sprache erlernt haben. Dass die Pausenclowns nie eine Zeile der Geistesgrößen gelesen haben geschweige denn sie verstünden, schlüge man sie ihnen in Kunstharz gegossen in die Frontzähne, tut hier nichts zur Sache. Die Ichlinge, hier im Wirlingsgewand, also auch noch ohne eigene Hose, sie sind das perfekte Beispiel für eine neidbehaftete Weltsicht, aus der sie nur durch konsequente Selbstüberhöhung entrinnen können, eine Steigerung, die sich durch die parallel verändernde Gruppe unabänderlich in eine Parallelwelt schwiemelt und die Türen hinter sich luftdicht verschließt. Wer sich als Krone der Menschheit sieht und der Anbetung durch den Rest bedarf, sollte nicht alle anderen abwerten, schon gar nicht dadurch, dass er sie für unfähig erklärt, seinem Vorbild überhaupt folgen zu können. Aber es war schon immer etwas ganz Besonderes, mit nationalbesoffenen oder fundamentalistischen Knalltüten, die auf dem winzigen Fleck Landmasse eingeklemmt die Weltherrschaft herausbrüllten, auf logische Art zu diskutieren. Man kann es lassen.

Letztlich ist es allenfalls putzig zu beobachten, wie sich der Selbsthass in seiner Vereinzelung auch innerhalb der Gruppen Bahn bricht und die einen gegen die anderen aufreibt, so dass zum Schluss wie in einem guten Verein die einen sich als neue Opposition abspalten, die anderen mit der Faust in der Tasche weiter mitmachen, weil sie selbst sich als Anführer sehen. Die Führer jedoch leben nicht besser, meist sind es besonders groteske Unfälle der allgemeinen Entwicklung, die man nach deren eigener Moral längst hätte abservieren müssen. Wir kommen vielfach zu spät. Man hätte sie einfach aussterben lassen können, aber wer weiß das denn vorher.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXVII): Die beschissene Mittelschicht

25 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Allons enfants de la Patrie. Möglicherweise haben Sie den Bus um ein paar Jahrhunderte verpasst, aber das macht nichts. Hinter Ihnen steht noch immer der Soziologiebeauftragte und bringt Ihnen schonend bei, dass Sie zwar irgendwie schuld sind, aber letztlich doch nichts dafür können. Sie vegetieren zwar zwischen Baum und Borke, nicht Hartz IV und nicht Ferrari, aber das hat Ihnen so keiner erklärt. Zu viele Fremdworte: Gesellschaft. Leben. Welt. Da kann man schon mal ins Schleudern geraten, wenn einem plötzlich Kollege Schwerkraft die Regeln vorturnt. Am Ende wird nun mal bezahlt, und wer soll schon bezahlen? Natürlich die Mittelschicht.

Grimms Märchen haben einen Nachfolger von Format gefunden: die Aufstiegslüge, nach der sich jeder bis zum Grad seiner endgültigen Kompetenz hochdienen kann, gespiegelt im Gehalt. Die Realität sieht meist nur den Aufstieg von Soziopathen vor, die sich mit dem verschwiemelten Aufbau und seinen Schleimstellen verbunden haben, aber das macht die Sache keineswegs besser. Was die im eigenen Status wurzelnde Arbeiterschaft angeht, so hatte sie nie den Dünkel des flachen Managements, das sich herausgehoben fühlte, wo es nicht sofort wieder in den Grund getreten wurde. Jeder von ihnen aber war antidiskriminiert: endlich nicht mehr als Arbeiter, als Bodensatz behandelt, endlich nicht mehr mit dem Verdikt überflüssiger Masse auf Schritt und Tritt konfrontiert. Wer nicht täglich vor der Mannschaft angepöbelt wird, bildet sich auch langsam Führungsqualitäten ein.

Die Tragik des allgemeinen Besitzes zeigt sich, dass auch hier nur die Großbürger an ihren anstrengungslosen Wohlstand glauben – wer andere beschimpft, nutzt ja nur das Vokabular, bei dem die eigene Claque steil geht – und also nur nach unten treten, während sie geflissentlich ausblenden, dass es auch oberhalb ihrer Schicht einen repressiven Keil gibt, der sie auseinander treibt. Natürlich macht man die Unterschicht verantwortlich für ihre eigene Lebensqualität, und flugs folgt das Mantra, sie sollten gefälligst etwas dafür tun.

Und so auch in der anderen Etage. Die von der neoliberalen Entwertung des gemeinen Individuums durchgezogene Propaganda, dass natürlich nicht die Erwerbsarbeit, sondern nur der im Shareholder Value durch die Schönheitsoperationen scheinende Flitter wirksam sei, trifft ausschließlich die untere Schicht; wenigstens scheint es so, denn nur die wird ausgetauscht, wenn die Zahnräder des vom Kapital gesteuerten Verschleißsystems nicht mehr im Takt quietschen. Sie kranken an den Symptomen, die die Zivilisation als Syndrom mit sich trägt, und das wird sich nicht ändern. Mit dem mitgemeinten Blick interessiert sich die Mittelschicht einen feucht interpretierten Fisch um die Mechanismen, sie stiert gläubig wie gelernt nach oben und lernt: nichts.

Wie sich noch Abgehängte in verdübelter Lage für kleckernde Ausläufer der Mittelschicht halten, so meint auch der durchschnittliche Steuerzahler, seine Last sei anerkannt, da er nicht zu den Kulis des Turbokapitals zählen will, obwohl er genau die Aufgabe hat: zu sein, als ob. Die konsumistische Gesellschaft erlaubt ihm ein kleines Glück, das durch Schnäppchen, Subventionen und allerlei Ersatzhandlungen atmungsfähig bleibt, gleichzeitig wird bei ihr abkassiert, und hier beginnt die Hetze der neoliberalen Eliten zu wirken. Während sie sich noch im Glauben, ein erfolgsunwilliges Prekariat in die Dekadenz zu mästen, abstrampeln um den Trostpreis, fällt ihr Erspartes wie durch Zauberhand stets nach oben, denn sie kann sich ihren Verpflichtungen nun einmal nicht entziehen. Auch Reiche fahren mit ihrem kostspielig betankten SUV auf den Straßen, sie ziehen es nur vor sich an deren Finanzierung nicht übermäßig zu beteiligen, denn nur so haben sie noch ausreichend Mittel, um sich Privatschulen für ihren Nachwuchs zu leisten. Um sich an krummen Geschäften zu beteiligen, die Steuerfahndung und Staatsanwalt eher zuckungsfrei durchgehen lassen, um nicht sofort nach unten durchgereicht zu werden, reicht nicht einmal das Ersparte, wenn es das überhaupt geben sollte. Kein Investmentdienstleister würde dem Klempner mit drei Angestellten einen verschachtelten Deal mit eingebauter Straftat vorrechnen, weil es sich für ihn nur lohnt, wenn die Fallhöhe erheblich über der Bordsteinkante liegt. Er will ja für den Rest seines Lebens Mittelschicht bleiben.

Der Mythos vom Geld, das arbeitet, hat ganze Generationen verdorben; nicht das Geld, seine Leibeigenen buckeln für die Dividenden, die die Vermögenden vermögend machen. Schon preist man der Mittelschicht den Lebensstil der Reichen an: seien Sie einfach wohlhabend, dann passt es schon. Verzichten Sie auf Brot und Butter, dann können Sie sich eine Eigentumswohnung leisten, die dann zwar nicht Ihnen gehört, aber so geht’s in einem durchschnittlichen Casino nun mal zu: am Ende gewinnt immer die Bank. Faites vos jeux. Rien ne va plus.