Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXVIII): Sozialer Funktionalismus

14 06 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, einfach war es nie. Bürger betrinken sich, kaufen auf Kredit große Autos, um den Nachbarn zu imponieren – oft ist es auch nur die Nachbarin, die aber überhaupt nichts mit der Größe des Kfz zu tun hat und allenfalls als Randfigur einer aus dem Ruder gelaufenen Korrelation erscheint – oder fliegen im Ganzkörpersegelanzug mit Schmackes gegen Felswände. Sie tragen ästhetisch fragwürdige Kleider und flamboyantes Schuhwerk, und solange sie noch jugendlich sind, bewegen sie sich zu nicht minder problematischer Musik oder dem, was sie für solche halten. Nicht einmal für den nötigen Nachwuchs sorgen sie, entweder zu früh oder nicht mit dem korrekten Verantwortungsbewusstsein, dass die Frucht ihres Leibes komplett ungebenedeit werde ohne je einen Kita- und Studienplatz. Sie sind einfach nicht zu steuern, und genau das sehen sie als großen Vorteil, das macht sie zu Menschen. Und genau das nervt jeden, der den sozialen Funktionalismus propagiert.

Der Durchschnitt lebt, und sein Gesicht ist das der neokonservativen Trockenschwimmer, für die die Bevölkerung nur ein verschiebbares Potenzial störrischer Wähler ist. Das mahnt mit schneidender Stimme zu Vernunft und Verzicht und hat damit bereits der inneren Dialektik das Schnippchen in die Fresse geschlagen, den Verzicht nämlich auf jegliche Vernunft. Man darf es nicht verwechseln mit dem Homo oeconomicus, jenem alten Nutzenmaximierer, der zwanzig Jahre lang dünne Margarine in sein Knäcke kratzt, um sich vom Erlös die Mutter aller Kreuzfahrten zu gönnen. Der konsumiert mit idealer Rationalität und feiert sich selbst für seine Schmerzfreiheit. Allenfalls gerät er ins Grübeln, ob der Mensch rauchen sollte, aber er löst das pragmatisch, rettet Arbeitsplätze in der Tabakindustrie und Arbeitsplätze in der Medizin, wobei er so zeitig verstirbt, dass er auch wieder für freien Wohnraum sorgt, für einen freien Job oder einen unbelegten Heimplatz und einen vakanten Sessel im Lichtspielhaus. Leben ist für ihn stetes Entscheiden unter Risiko, und dem gemäß wählt er, womit er bisher immer gut fuhr, die Vernunft.

Doch die ist dem Funktionalismus wumpe, hier zählt allein Moral oder das, was er dafür ausgibt, in Form sogenannter Werte, gerne verbrämt mit dem Anspruch stabilisierenden Verhaltens, denn wenn das – was? das andere, was sich freie Menschen in ihrer wahnhaften Wahlfreiheit einbilden – jeder täte, dann täte das ja bald jeder, und das geht nicht. Für den Funktionalisten zählt nicht die Mitte, als die er sich selbst definiert, sondern die quasi nicht erscheinende Standardabweichung. Gleichförmig hat der Existenzteilnehmer zu sein, nicht eine Summe seiner Individualismen, und höchstens da, wo er sich die Sinnhaftigkeit seines eigenen Moralanspruchs zusammenschwiemelt, frönt er der verbotenen Lust oder doch nur dem, was sein gründlich Todestrieb davon gelassen hat. Viel ist es nicht, das meiste entschieden analfixiert. Und genau das kommt auch dabei raus.

Denn nicht eine Gesellschaft, die ihre Gärten als orthogonale Zwangshandlung gestaltet und rituell nachharkt, eine gänzlich im Habitus ubiquitärer Ordentlichkeit verstumpfte Masse nationaler Bullen ist das Ziel. Ihre Aggression richtet sich wenigstens scheinbar nach außen, denn jeder darf kontrollieren, ob der Nachbar auch brav den Rasen trimmt, wenn das am Samstag alle tun, und im Gruppendruck geriert sich eine seltsame Solidarität, als wären sie alle immer schon gerne KZ-Aufseher geworden und leben ihr kleines bisschen erlaubten Realsadismus dann wenigstens an denen aus, die sie als schwach vorgesetzt bekommen: als Randgruppen markierte Personen, die an ihrer Situation selbst schuld sind, weil sie sich nicht fest genug vorgenommen haben, als weiße Deutsche mit Facharbeiterbrief in eine heteronormative Familie mit arisiertem Grundbesitz geboren zu werden. So erhält ein Opfervolk von oben Generalabsolution, wenn es zur Tat gegen die devianten Ausreißer schreitet.

Für diese Zwangshandlungsgehilfen ist auch die Entscheidung zur Ehe für alle ein Angriff auf das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts und eine Ansage zum Kampf gegen schleichende Erosion. Wo Macht ist, keilt das nach unten, in aller Not selbst mit dem Verweis auf religiöse Tradition als Letztbegründung für Werte, die man eben dieser Religion kleinteilig abgetrotzt hat. Aller Groll auf die eigene Kleinbürgerlichkeit bläht sich dabei zu Stolz, Stolz auf die eigene Borniertheit, Stolz auf das reaktionäre Fundament, als hätte man es noch selbst gegossen. Frösche hocken im eigenen Sumpf und halten die eigene Perspektive für den Blick auf das ganze Universum, der Ereignishorizont ist knapp unter der Tümpelkante, aber sie sind alle kleine Herrscher, weil sie gerade keinen Fressfeind sehen. Im Grunde sollten sie genau jetzt aus Vernunft den Klapperstorch leugnen, der doch auf natürliche Weise für Bewegung sorgen würde. Und sie schaffen es auch, denn das Wasserloch gehört ihnen. Alles, was da draußen noch sein könnte, ist böse und muss notfalls bekriegt werden. Auch der eigene Glaube, auch dessen Ethik. Auch die Vernunft. Wo kämen wir denn sonst hin.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXVII): Volksverräter

7 06 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immer vorausgesetzt, man einigt sich vorher auf diesen komplett überflüssigen Begriff – Volk, das ist die von dumpfen Idioten für dumpfe Idioten mühsam aus degeneriertem Resthirn geschwiemelte Abgrenzungsworthülse, damit das Primatenpack mit der chronischen Identitätsschwäche, die nicht einmal ausreicht, um sich vom umgebenden Dreck zu differenzieren, auch etwas hat, worauf man als genetischer Fehlversuch jenseits der tolerablen Mutationsbreite stolz sein kann. Was faktisch als Konglomerat zufälliger Kulturen innerhalb einer von zwanghaft hysterischen Heulsusen auf die Weltkarte gepopelten Demarkationslinie lebte und sich bis dato freundlich vermehrt, soll nun aus dem einzigen Zweck im absolutistischen Größenwahn faulen, damit ein paar sexuell gestörte Sackpfeifen ihre eigene Minderwertigkeit nicht erkennen und die Konsequenzen ziehen müssen, wie dies die Bettnässer der jüngeren Geschichte mit Zyankali und Faustfeuerwaffen gerade noch auf die Reihe gekriegt haben, bevor man ihre Gesichtsschädel mit einer Runde Materialkaltverformung aus dem Verkehr ziehen konnte. Ihr Volk war ihnen alles, weil sie selbst nichts waren, weil sie selbst nie mehr sein konnten als der wertlose Auswuchs komplett verwarzter Ideologie. Das einzige, wenn man diese intellektuelle Totgeburt trotz ihres Leichengeruchs noch anfassen wollte, ist doch die Definition des Volksverräters, sie ist so sinnvoll wie schlüssig.

Die Nachfahren jener Fehlinkarnationen, die Uniform tragenden Kokser, schizoide Schwuppen, Säufer, megalomane Milchmädchen, diese Rotte verdeppter Vollversager auf Niedrighirnniveau, die irgendeine bizarre Gewaltfantasie brauchten, um ihre für die Arterhaltung obsolete Existenz in all ihrer widerlichen Weinerlichkeit zu rechtfertigen, all dieses ganze gottverkackte Gezücht, das man schon aus rein ästhetischen Gründen zu Biomasse hätte werden lassen sollen, waren und sind nach den eigenen Maßstäben die Schimmelschicht, die den ganzen Volkskörper zum Erbrechen bringen, immer wieder zuverlässig und wirksam, weil nur diese zum Wurstverkäufer zu dummen Klotzköpfe das negative Idealbild der ganzen Spezies spiegeln: wenn irgendetwas am Niedergang einer ganzen Herde schuld sein muss, dann definitiv sie. So viel Scheiße passt selten in einen einzigen Schädel, aber selten heißt ja noch lange nicht nie.

Das scharfrechte Gelichter, in dem sich die Apologeten des völkischen Geplärrs finden, ist die Brut dieser Volkszersetzung: die bis in Mark korrupte, multikriminelle Resterampe, deren Gesinnung auf natürliche Art mit dem moralischen Bodensatz korreliert. Die Sumpfgeburten, Dropouts der bürgerlichen Gesellschaft, können gar nicht anders, als sich mit fragwürdigen Mitteln an der Oberfläche des Spülichts zu halten, denn ihr Geschäftsmodell ist lediglich die Bereicherung auf Kosten der Allgemeinheit, kurz: das bewusste Schädigen des Volkskörpers aus niederen Motiven.

Dass der Feldzug der Abendlandser, übelst beleumundeter Glücksritter, Eigen- und Nichtsnutz so harmonisch verbindet, ist mitnichten ein Zufall, denn was da an Aushub an die Oberfläche des Tümpels gekotzt wird, braucht Gefolge, das es fördert und finanziert, deckt und verteidigt, stets in der lächerlich irrigen Meinung, dermaleinst nach der gewaltsamen Machtergreifung auch zu den Siegern der schönen Geschichte zu gehören und auf das Recht und Gesetze zu pfeifen, die man bis dahin noch vehement umzuwerten gedachte mit der Gewalt, die dazu nötig ist. Es sind selbst ernannte Saubermänner, die zur Ausübung ihres Gewerbes zuallererst kanisterweise Dreck aus eigener Mache verkippen, aber nicht vor der eigenen Tür kehren. Sie machen sich das Gemeinwesen zur wehrlosen Beute, das sie in ihrem wirren Wahn vor dem eigenen Verbrechen retten wollen, ähnlich dem Feuerteufel, der die ganze Stadt unter dem Jubel der Biedermänner löscht, nachdem er sie zweckmäßig selbst in Brand gesteckt hat. Wenn er sich dabei auch noch als Opfer gerieren kann, das sich selbst die Klöten angekokelt hat, dann geht der Plan auf.

Es hat keinen Zweck, den klinisch verseiften Dummklumpen mit dem Strafregister brüllender Schädelfräsen zu konfrontieren; sie rechtfertigen auch den Raub als Notwehr und jeglichen Terror als nationale Heldentat, ignorieren jeglichen Eid, auch den im Amt, und speien auf die Feuerwehren, die die Allgemeinheit vor den flammfrommen Frevlern zu schützen versuchen. Auch Bürgerkrieg ist ja für sie nichts anderes als der Nachweis, dass sich endlich etwas ändert im Land. Dieses Geziefer aber verrät sein Volk, wenn es dies denn gibt, wie sein Volk noch immer verriet, und wenn es führt, dann immer nur in denselben Untergang. Hinterher waren sie alle nicht schuld, sie wurden ja von innen gedrängt und von außen angegriffen, also mussten sie sich außen und innen mit Bombenhagel wehren und die eigenen Leute auslöschen zur Errettung der hehren Idee: dass das Volk alles ist, wofür notfalls auch die Menschen verrecken können.

Nur wenn das rechte Pack empfiehlt, Verräter ohne Federlesens an die Wand zu stellen, sollte man nicht zögern. Nicht diesmal und eigentlich nie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXVI): Influencer

31 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Damals lief die Sache eher schleppend. Das Gebiss der Säbelzahnziege zeichnete sich durch eine gewisse Exklusivität aus, wer es als Trophäe um den Hals hängen wollte, musste schon den Kampf mit dem Raubsäuger eingehen. Rrt hatte seitdem Schlag bei den Damen, aber auch mehrere Knochenbrüche, denn sein Vater und seines Vaters Vater – davor verliefen die evolutionären Linien eher kreisförmig oder verloren sich auf den Bäumen – hatten ihren Schmuck mit ins Grab genommen. Es gab noch keine Boutiquen, keinen Online-Handel und erst recht keine Haustürgeschäfte vor der Ein-Sippen-Höhle, nicht einmal eine der wichtigsten Errungenschaften des Kapitalismus, den Geltungskonsum. Dennoch war das Tragen der Beißer modisches Männlichkeitsgebaren und soziales Muss. Heute ließe sich das Produkt mit wenig Aufwand aus Taiwanplaste schwiemeln, echt täuschend, aber täuschend echt, und unter die Leute jubeln, die es zuvor noch nicht einmal gekannt hatten. Alles, was man dazu braucht, sind viele Deppen und ein Influencer.

Es handelt sich nicht um einen Aus-, vielmehr um einen Einbildungsberuf für alle, die sich nicht zwischen Irgendwas-mit-Medien und Unbedingt-berühmt-werden entscheiden können oder wollen. Gut frisierte Grinsebacken halten ihre Fresse ins Internet und geben sich der Illusion hin bzw. für sie her, dass der stetige Erwerb von Dingen an sich im höchsten Maße die Sinnfrage des Lebens mit Antworten stilllegen könne. Seitdem jedes Zeugs einen Markenbotschafter hat, dessen vornehmste Aufgabe es ist, der dödelnden Masse börsennotierte Namen ins Stammhirn zu pfropfen, muss auch das Produkt ins seiner existenziellen Vielfalt ans Vieh vor den Empfängern gebracht werden. Hatte weiland noch die dicke Tante Spülmittel und Bratensaft mit der Ich-Botschaft beworben, mussten in den egozentrischen Achtzigern mählich hippe Schnösel ins Reklamewesen eindringen und sich beim hedonistischen Gebrauch von Raumduft und Lightlimo abbilden lassen. Heut aber will der auf seinen eigenen Screen vereinzelte Konsument den Werber persönlich kennen und geht eine Eins-zu-eins-Beziehung mit ihm ein, in der die wirklich wichtigen Themen verhandelt werden: digitale Unterhaltungselektronik, Massenmode und biokosmetische Chemikalien.

Der gute Onkel, der seine Rübe ins Netz hält, ist nun bekannt dafür, so berühmt zu sein, sowie auch umgekehrt. Dafür baut das System auf den schon in präkapitalistischen Zeiten unziemlich ausgeprägten Verhaltensweisen wie Gier und Nachahmungstrieb, um Ware viral abzusetzen und sich dafür als den netten Experten von nebenan abfeiern zu lassen, der nichts anderes tut, als in einer stylish mit Attrappen dekorierten Wohnkulisse Tuben und Tiegel zu öffnen. Als die Bilder sich noch ausschalten ließen, hieß die Angelegenheit Teleshopping, man sah ein paar anstrengend quasselnde Blödkolben mit dem ultimativen Klappheimtrainer, der Zwölf-Tassen-Kaffeemaschine mit Hängetropffilter samt einer Mörderduschhaube, und nein, es war nicht lustig, den Niedergang der eigenen Spezies via Marketing mitzuerleben. Heute aber ist die Jugend, zumal die äußert klimaneutral eingestellte Gruppe nachhaltig konsumkritischer Nachwuchsdemokraten, komplett schmerzfrei und gönnt sich. Vielleicht sind eine matt aufgeschmirgelte Tagescreme oder ein Textil aus jemenitischer Kinderfertigung aber auch besser geeignet für eine Generation, die sich als globales Phänomen begreift und gerne in amorphen Bündeln schwärmt, weil man sich dabei für intelligent halten kann – die Illusion, sich selbst zu steuern, obwohl man nur instinktiv die Bewegungen der sieben anderen neben und über und unter sich nachmacht, ist eine der Vorgaukelungen von Freiheit, die die neoliberale Sozialisierung in den soi-disant Köpfen der Follower hinterlässt. Das Volk heißt Volk, weil es folgt und keine dummen Fragen stellt.

Wie tröstlich, dass auch die Influencer nur eine betriebswirtschaftliche Stellgröße im Marketing-Mix sind, austauschbar wie eine Verpackung oder die Stellung in der Produktfamilie. Auch sie sind nur gecastete Püppchen, die mit ein paar Millionen Klicks zufrieden sind, die kurz reich werden und dann lange vergessen, weil der nächste berühmt werden will und berühmt werden wird und dann ebenso verweht und vergessen. Denn wer erinnert sich nach all den Jahren noch an egoman grienende Popper, wie sie rauschhaft im Cabrio durch eine gepflegte Landschaft kreisten, das Trendgetränk permanent in Reichweite. Auch Mundpropaganda leidet unter Zahnausfall, und dann hat die Zunge freies Spiel. Der aufgeklärte Verbraucher, der sich so gerne als Alter Ego des mündigen Bürgers über die Verdeppungsförderung der Wirtschaft aufregt, hier könnte er fündig werden. Doch fehlt ihm schon der Glaube, so hört er doch wenigstens die Botschaft. Man kauft sich ja sonst nichts.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXV): Der Generalsekretär

24 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt viele Gründe für junge Menschen, in die Politik zu gehen. Manche von ihnen sind getrieben vom unbändigen Drang, berühmt zu werden ohne jede Begabung, manchen mangelt es an Bildung und Anstand, die für eine zivile Karriere nötig wären. Einige reut schon nach dreißig Semestern das Vorhaben, Rechtswissenschaft zu studieren, einen Taxischein werden sie nach menschlichem Ermessen jedoch auch nie schaffen. Wo vieles aber zusammenkommt, um sich idealiter in einem Amt zu verquicken, das mit Engagement für Staat und Gesellschaft nichts zu tun hat, da haben wir mustergültig das Talent einer politischen Position, wie sie politischer im Sinne von Politik nicht sein könnte. Es ist der Generalsekretär.

Dieser Posten fordert und fördert, was ansonsten von der Gesellschaft nicht als satisfaktionsfähig verstanden und in die Kreise aufgenommen würde, in denen man seine niederen Instinkte ohne Rücksicht auf Verluste ausleben kann – Priester, Manager, das Kroppzeug halt, für das eine ordentliche Neigung zum Soziopathen eher nicht hinderlich ist, solange man keine körperlichen Schäden bei anderen anrichtet oder sich wenigstens nicht dabei erwischen lässt. Der gesamte Brüllmüll von der Resterampe, der freudig auf Drogen verzichtet, weil er jeden hastig zurechtgedachten Quark für die Wahrheit hält, sie anerkennt und mit seinem Blut verteidigt, der fanatisierungsfreudige Pausenclown mit dem Radiogesicht, dessen eigene Denkenge sich nicht einmal mit dem Schlagbohrer weiten ließe, er sucht sich die geistig nicht so ganz gesegneten Mitläufer, um überhaupt Publikum zu haben, und spricht zu ihnen, als habe er mehr zu verkünden denn Dumpfluft, ideologischen Schmodder aus dem Gärkeller, den man glaubt, wenn man mit dem Problembewusstsein eines mittelgroßen Holzklotzes zufrieden ist und keine Schmerzen hat, weil nichts da ist, womit man Schmerzen haben könnte. Vordergründig handelt es sich um ein aus der Parteisoldateska rekrutiertes Kläfferchen, das die Fortbildung zum Büttenredner erfolgreich abgebrochen hat und nun wegen der miserablen B-Note auffällig geworden auf der Besetzungscouch lümmelt, dass ein jedes weiß: für seine Vernunft und seinen Sachverstand hat man das jedenfalls nicht eingekauft.

Anders als die Krawalleros, die das Parlament mit einer dicklichen Schicht an verbalen Gerümpel zuschütten, das sie sich in mühseliger Kleinarbeit aus den Tiefen ihres Geltungsdrangs geschwiemelt haben, nimmt der Inhaber dieser Funktion für sich in Anspruch, die richtige Richtung zu kennen und das einzig wahre Marschtempo, mit dem die Abteilung kurz vor der Wand noch einmal Gas gibt. Dass es sich meist um proktologisch aufgestockte Vertreter handelt, die sich als Ausstieg aus der Spaßgesellschaft anbieten, macht die Sache nicht angenehmer. Der Generalsekretär kennt seinen Job, mehr ist meist auch nicht drin. Für alle weiteren Anwendungsbereiche, bei denen er sich mit den scharfkantigen Teilen irgendeiner Realität auseinandersetzen müsste, nähme man jedenfalls nicht ihn, aber das muss man ihm ja nicht sagen. Er würde es eh nicht kapieren. Sein Job ist es, die Masse mit vorgefertigtem Antwortgranulat zu versorgen, denkfreie Räume mit Schwafelsäure zu tapezieren und nach dem plumpen Geballer alle Worthülsen vom Tatort einzusammeln. Die Partei, die Partei, die braucht ihn, auch wenn sie es nie zugeben würde.

Und genau da liegt das Dilemma, dass der Apparat einen offenporig Dummheit ausdünstenden Knalldeppen braucht, um gegen die anderen Absonderungskombinate anzustinken. Was den intellektuellen Anspruch des durchschnittlichen Wählers mit Anlauf und Ansagen beleidigt, kann ja so verkehrt nicht sein – die eigentliche Zielgruppe ist ja der Unterkellerung des Niveaus verschrieben und erwartet lediglich geistige Höhenflüge in Höhe der Ackerkrume. Die liefert der Generalsekretär, stetig die Schmerzgrenze der eigenen Anhängsel ausleiernd mit standardisierter Schwatzarbeit und gängigen Klischees, um die Denkungsprothese nie an die aktuelle Wirklichkeit anzupassen. Was für ihn existiert, und dazu braucht er nicht aus der Höhle zu kriechen, das ist auch gewisslich wahr. Es gab schon liberalere Päpste, hin und wieder auch echte Denker, die ihre Meinung geändert haben, weil sie eine eigene hatten.

Ab und zu entkommt eine der Zufallsgeburten und hangelt sich im Innern der Partei hoch bis in die interessanteren Ränge; da ist man noch häufiger in den Abendnachrichten, darf schon ganze Sätze sprechen und bekommt andere Standardfragen vorgesetzt. Hin und wieder wird einer von ihnen nach dem Peter-Prinzip bis ganz zur Spitze durchgereicht, wo er nichts mehr falsch machen kann, weil der Laden eh nicht mehr für Programm, sondern nur noch für Propagandagepopel steht und jedes Gehirngestrüpp im Chefsessel aushält. Die Tragik ist, dass für den Posten des Generalsekretärs nun jemand vonnöten ist, der noch lauter kreischt, ohne etwas zu sagen. Aber das ist eine andere Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXIV): Das Essensfoto

17 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann hatte Rrt so halbwegs den Bogen raus und begann mit der dunklen Matsche vom Ufer des Tümpels figürliche Muster an die Wand der Großfamilienhöhle zu malen – halbwegs figürlich, da nur der Eingeweihte wirklich wissen konnte, ob es sich bei den seltsamen Formen tatsächlich um die Säbelzahnziege handelte oder um das ominöse Raumschiff, das Jahrtausende später Experten für Präastronautik aus dem Gekrakel würden erkennen wollen. Ehrlich gesagt handelte es sich seinerzeit um eine Art Beschwörung, nicht zu sagen eine sehr historische Form der Speisedarstellung, die den Gästen signalisierte: es gibt Geiß, Baby. Vorab malte der Hausherr an den Felsen, was tags darauf im Feuer gemütlich schmurgeln und den Gaumen der Verwandtschaft delektieren sollte. Hätte man den Hominiden ein digitales Endgerät in die Hand gedrückt, vielleicht hätten sie die Reihenfolge auch schon umgekehrt – erst Kochen, dann Malen. Aber auch heute bildet man erst ab und isst danach, was übrigbleibt. Warum auch immer. Das Essensfoto bleibt eines der soziokulturellen Geheimnisse der Gegenwart.

Zum Beispiel die Frage, warum und wann und in welcher Form man es überhaupt anfertigt, im Netz an unschuldige Opfer verschickt und dafür eine Reaktion erwartet, die das ahafreie Erlebnis übersteigt. Vordergründig knipsen Menschen Salat und Bohnensuppe, um zu zeigen, dass sie es können – sie sind in Besitz eines digitalen Endgeräts und wollen ihre Abhängigkeit an die Kommunikations- und Speichermaschine schlechthinnig zeigen, eine krude Mixtur aus Credo und Mea culpa, zeitgleich der Nachweis einer Zugehörigkeit zur Welt, die ja außerhalb der allwissenden, allumfassenden und allgegenwärtigen Müllhalle nicht mehr stattfindet, es sei denn außerhalb des platonischen Gehäuses, und was sich da an Gebilde an die Höhlenwand schwiemelt, mag sich der Abhängige lieber gar nicht erst vorstellen. Er gehört dazu, mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen.

Anders als der gemeine Anorektiker, der einen leeren Designerteller gepostet hätte, schmaddert der Durchschnittslurch Schnitzel ins WLAN, als gäbe es dafür Anerkennung. Die Darreichungsform ist so demonstrativ wie verzweifelt, denn was hätte der Esser auf Sozialentzug zu bieten außer vorgefertigter Ware, wie sie jede beliebige Gasterei dem Vorübergehenden liefert. Anders wird es nur, lichtet der Esser selbst gehobelte Kartoffeln mit Öl und Essig ab, was aber nur dokumentiert, dass er Kartoffeln kaufen kann und in Besitz eines Hobels ist, beides so spektakulär wie ein Fahrrad in China. Größtenteils ersetzt das Teilen die Gemeinschaft zu Tisch, die sich mitesserfreie Kalorienverbraucher in jenen Situationen wünschen, wo sie gegen die Zeit gabeln, Endpunkte eines Netzwerks, in dem alle alleine am Zipfel ihres Hungertuchs hocken. Die mediale Form der Zwangseinladung gerinnt mit der Zeit zur stereotypen Postkarte, wie sie der Tourist aus Leidenschaftslosigkeit an den Rest der Familie sendet: es gibt Betten, das Essen ist gut, das Wetter findet statt, Grüße, aus.

Als Präsident mit Kinderwertigkeitskomplex zeigt man gerne das Ergebnis seiner Verrichtung, der traurige Tellerkauer muss die verrinnende Zeit festhalten, die er für einen knappen Moment im sozialen Milieu seiner Wünsche verbracht hat, eine Mittagspause im Kantinenalltag, Gemeinsamkeit im Szeneviertel, die er ins Medium pfriemeln muss, um aus seiner Existenz überhaupt eine Botschaft zu erhalten. Was sich nicht abbilden lässt, so das Netz in ehernem Diktat, hat gar nicht stattgefunden, und was nicht stattgefunden hat, gibt keine Punkte. Wer sich einmal dazu entscheidet, auf dem Zeitstrahl in Richtung Ego zu surfen, stellt fest, dass das Ding ihm aufwärts zu schwimmen gebietet; es erfordert permanente Energiezufuhr, der Moloch will stetig gefüttert werden, auf dass die Person hinter ihrem Account überhaupt ist. Man stelle sich vor, Prozess und Technik wären noch nicht erfunden, zweidrei Leutchen, die irgendwas mit Medien machen, zücken beim Anblick der Käsestulle hysterisch ihre Schmalfilmkamera, kurbeln knatternd eine Spule herunter, die entwickelt und umgekehrt wird, in Streifen geschnitten und geklebt, überblendet, mit Gabelgeklapper und Gläserklang nachvertont, und doch bleibt nur gelbstichig ruckelnder Bildschrott, der nach drei Wochen müde dem Zerfall entgegen im Keller rottet, weil kaum jemand sagte: wollen Sie mal Frollein Müllers Schwarzbrot sehen? In der Summe entsteht vielleicht der Eindruck, für das bisschen Pudding geliebt zu werden, doch nur ein klein wenig von jedem, nicht messbar, da zu viele zu oft zu viel teilen. Wenn jeder sein täglich Brot in den Äther klotzt, sind alle anderen überfüttert. Danke, satt, Amen.

Wie anders wäre die Geschichte gelaufen, und es hätte beim letzten Abendmahl schon Instagram gegeben. Sehet her, dies ist mein Gemüse, dies ist mein Chardonnay, zehn von zehn Punkten, ein Bild für die Götter. Das letzte Bild, so sagt man, nimmt man mit, vermutlich auch in die Cloud, oder es wird in der Netzhaut gespeichert. Ob das Turiner Tuch Saucenflecken hat? Man weiß es nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXIII): Grenzgänger

10 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für sein Volk war es ein Initiationsritus: einmal der Bestie bis auf Armlänge gegenüberstehen, ihren heißen Atem spüren, dem Tod ins Auge blicken – oder zumindest der realen Chance, mit ansehnlichen Fleischwunden in die Höhle am Rande der großen Felswand zurückzukehren und dann gewaltig Schlag beim weiblichen Geschlecht zu haben. Die Säbelzahnziege kannte dies; instinktiv hatten sie und ihre Umwohner die Entwicklung der letzten hunderttausend Jahre beobachtet, in denen sich die Trockennasenaffen ausgebreiteten und mit ihrem Müll und Lärm jede ökologische Nische besetzten, in der andere Arten gedeihlich koexistierten. Zwar wurde auch hier gelegentlich gekämpft und der eine oder andere gefressen, doch keiner sah sich dem Versuch ausgesetzt, als komplette Art ausgerottet zu werden. Die Dominanz der Hominiden hatte dies mit sich gebracht, in ihrer reinsten Ausprägung in der Gestalt des Grenzgängers.

Es sind paradoxe Wesen: auf der einen Seite ist ihnen die Sterblichkeit rudimentär bewusst, zum Teil schwiemeln sie sich aus Versatzstücken von Naturbeobachtung und Drogenrausch eine erste Religion zusammen, die ihr bisschen Sein im Ansatz transzendiert, doch statt sich in den Zentren der Existenz auszubreiten, suchen sie die Ränder auf, an denen das Unbekannte lauert. Es ist nicht der Forscherdrang, der sie unbekannte Früchte ausprobieren lässt, von denen man lustig wird oder doof, gerne auch in umgekehrter Reihenfolge; es ist das rücksichtslose Selbstexperiment, in dem der Dummschlumpf herausfinden will, ob man den Sprung von der Klippe an einem aus Nasenhaar verdrillten Seil um die Füße überlebt. Scheitert er, so wird der Bekloppte zwar einen Beweis erbracht haben, den er jedoch selbst nicht mehr verwenden kann – für manche hinreichend deutlich, dass der Mensch schon im frühen Stadium als Art handelte und über die eigene Anschauung hinweg die Welt begriff, für andere noch ein Indiz, wie dämlich der Primat sich verhielt und noch verhält.

Denn nichts hat sich verändert, im Gegenteil. Noch immer und stärker denn je hat es sich der Mensch an den Außengrenzen seiner kleinen Welt gemütlich gemacht und dehnt sie empirisch aus über jede Schmerzschwelle hinweg. Wo in der Frühgeschichte noch primitive Waffengänge als Mutprobe galten, muss sich der brägenbevölkte Volldepp der Gegenwart auf Rollerblades an einen Rennwagen hängen, um die Fliehkräfte zu testen. Im Regelfall, wie ihn Festkörperphysik und Stochastik definieren, haut es den Klotzkopf aus der Bahn, er schmirgelt sich den Gesichtsversuch auf dem Asphalt zu einer Art Freestyle-Körperkunst, mit der er zwar nicht mehr geeignet ist, seine Gene produktiv weiterzugeben, aber die Individualität siegt, denn wer sieht schon so aus. Dialektisch betrachtet ist derlei das Bekenntnis zu Darwins Gedankengebäude, eingeschrieben ins Erbgut von Homo sapiens, das dieser bereitwillig ausübt als konstante Zwangshandlung, die Nanodenker aus dem Genpool auszusondern. Im Widerspruch dazu steht die Neigung der meisten Remidemmiurgen, das gezielte Beschädigen zentraler Funktionen von Körper und Restintellekt zu zelebrieren. Sie nennen es Risikosport oder integrieren es in den täglichen Anfahrtsweg über die Autobahn, der ihnen wie eine permanente Seinsvergewisserung vorkommt: wenn sie es überleben, ohne sich und andere an die Leitplanke zu scheuern, haben sie einen ganzen Tag gewonnen, der ihnen über die Absurdität hinweg Sinn stiftet in einer Welt, die ihrer nicht bedarf.

Und so basteln die harmloseren unter ihnen den Köln Dom im Maßstab 1:1 aus bulgarischem Quark nach oder erkennen dreißig Kühe am Rülpsen, um einmal in einer Samstagabendshow vor Millionen von Zuschauern die Rübe in die Kamera zu halten, doch es bleibt ja nicht dabei. Wer nicht dräuende Felsspalten im Hochgebirge auf einem leiernden Gummiseil ohne Sicherung überquert oder hundert Kilometer durch die Sandwüste joggt – beides nicht schlimm, da nur jeweils ein Chromosomensatz aus dem Bestand entfernt wird – surft auf der S-Bahn oder klettert die Glasfassade einer Großbank herauf, von wo er jederzeit unbeteiligten Passanten auf den Schädel möllern könnte. Doch das ist ihnen wumpe, ihr bisschen Bewusstsein macht ja innerhalb der Grenzen Schluss, die sie ausdehnen wollen, und das geht bei ihnen nicht ohne Gewalt gegen sich und alle anderen.

Als Spezies hat er der Mensch jedenfalls gut in die Wege geleitet, sich einem kollektiven Urteil zu unterziehen, ob er dieses Ordal überlebt. Wir zerstören mit hohem technischem Aufwand unseren Planeten und testen kollektiv aus, ob es uns gelingt, die komplette Zivilisation über die Wupper zu schaffen. Die Chancen stehen nicht schlecht, auch wenn es hin und wieder Nachwuchs gibt, der von geistig normalen Erzeugern abstammt und den Schwindel durchschaut. Doch wir hören ihre Warnung nicht, sie erricht uns nicht im Grenzgebiet zwischen Lebensgier und Todessehnsucht. Es hätte in den früheren Zivilisationsstufen kein Tabu sein dürfen, sich bei chronischem Lebensüberdruss die Kugel zu geben, das hätte langfristig die Art erhalten. Wir hätten möglicherweise die Geschichte neu schreiben müssen, auch das wurde und wird praktiziert. Aber wir wären gezwungen gewesen zum Umdenken, und da sind sie wieder, die Grenzen unserer Welt. Wir wissen eben, bis wohin wir zu weit gehen können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXII): Empörialismus

3 05 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nein, es ist nicht der Skandal, jene aus sozialen oder ästhetischen, manchmal aus beiden Gründen jäh stattfindende Implosion des gesamten Umfeldes, warum man die unverhüllte Brust der Milchfrau mehr beschreit als die ordensbekleckerte Brust eines Generals, der das ganze Lametta nur für Mordübungen bekommen hat. Schräge Musik mit windschiefen Quartakkordfolgen sorgte einst für veritable Massenschlägereien, an denen manch ein Zahnarzt seine helle Freude hatte – man konnte von den Honoraren einen ganzen Reitstall bezahlen, und heute wäre es immerhin die linke Flügeltür eines nur zum Protzen gebauten Sportwagens, der nie anders als in Rot ausgeliefert wird – und die Bilder es aufkommenden Surrealismus hatten auch ihren Anteil an der Geschichte der Saalschlachten. Es geht letztlich immer und selbst in den absurden Momenten der Erklärung um die Wertvorstellungen einer Mehrheit, was einerseits die Existenz von Werten im engeren Sinne voraussetzt, andererseits auch das Bewusstsein einer Mehrheit, die sich nicht als terrorisierendes Gegengewicht der Wenigen verstünde. Die wenigen, die dann auch noch laut werden, da sie sonst das Bild von der schweigenden Mehrheit nie transportiert bekämen. Sie brauchen die Lautstärke als Luftdruck, um sich gegen die Standfesten zur Wehr zu setzen. Sie leben nicht in der Gegenwart und erst recht noch weniger in der Wirklichkeit. Sie sind Jünger des Empörialismus.

Man gebe ihnen einen Punkt, und sie lassen aus jedem Anlass die Welt darum rotieren, die Richtung ist egal, und es geht ihnen, den kleinen wütenden Trollen mit den Schrillstimmen, niemals um eine Art von Solidarität mit den Opfern von Tat oder Unterlassung. Dass in Bad Gnirbtzschen kleine Kinder zu Fuß gehen müssen, während daneben der kostenlose Omnibus täglich leer von klein A nach klein B gurkt, reicht allenfalls für einen Protestchor mit Flötenbegleitung, aber die Kinder sind ihnen wumpe. In den besten Momenten, wo sich der Spießer für nichts mehr schämt, würde er auch wohnungslose Landwirte aus Entwicklungsländern beweinen, die uns Ananas zum Selbstkostenpreis liefern müssen, weil das Nähere von einem Bundesgesetz geregelt wird, jedes aus Schmierkäse geschwiemelte Motiv wäre billig genug für einen zünftigen Shitstorm, wenn sich nur eine möglichst wirre pseudomoralische Implikation daraus ableiten ließe: Du sollst zwar weiterhin subventionierte Ananas kaufen, weil das ein Zeichen neoliberalen Freiheitsdenkens ist, denn keiner kann uns dafür verantwortlich machen, dass wir in einer der reichsten Industrienationen auf diesem zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden geboren wurden, aber wehe, Du regst Dich nicht künstlich über die vorsintflutlichen Zuchtbedingungen auf. Der Verbraucher kaut heulend vor Wut Flugfrucht um Flugfrucht, er hat für den Moment fast den Sinn des Lebens gefunden. Das reicht. Es verpflichtet ihn ab sofort zu nichts mehr.

Gerne echauffiert sich der gemeine Knalldepp über das, was er nicht versteht – so geht er gleich im Vorfeld jeder sinnvollen Diskussion aus dem Weg und kann sich als teilautonomer Ein-Personen-Widerstand quasi argumentationsfrei mit einer fertig gestanzten Meinung an die Rampe stellen, die sein Geplärr weit in den Raum schickt, ohne dass es einer weiteren Handlung bedürfte, denn das ist ja das Schöne am Krawall: es verpflichtet zu nichts, man hat auf das Schlechte dieser Welt hingewiesen, den Schmodder beseitigen dürfen alle anderen. Gegebenenfalls regt sich der Dummschlumpf noch einmal auf, dass dein verbales Gerümpel weiterhin in der Gegend herumliegt, aber dann zieht er wieder die Nachtmütze auf und knipst das Licht aus.

Empörung ist nicht viel mehr als negative Schadenfreude, jene urdeutsche Tugend, sich am Unglück des anderen pharisäernd zu erfreuen, weil man sonst so wenig Gelegenheit findet, sich über andere zu erheben. Der Ereignistyp bleibt gleich, aber der teutonische Torfschädel verquickt es geschickt gleich mit der Neigung, sich über alles ärgern zu wollen, was er nicht ändern kann, und sei es nur das Wetter, das ausgerechnet an seinem freien Wochenende falsch bestellt ist. Gar heitere Verschwörungstheorien lassen sich aus dem Garn stricken, Kristallisationspunkte für kursives Denken und vorbildlichen Hirnverlust, denn Gesellschaft braucht Bewegung, und sei es sinnfreies Stampfen in konzentrischen Kreisen, wie es der Nationalheld Rumpelstilzchen tat. Die cholerische Natur braucht ausreichend Futter, sonst steht sie auf der Stelle.

Längst hängen sich die Entrüster das dünne Mäntelchen einer Empörungskultur um, als besäßen sie überhaupt eine; denn die meist nur medial geschlagenen Wellen bestehen größtenteils aus Schaum, der sich an den Innenwänden des Internets bricht und die Botschaft transportiert: ich war auch dabei. Dies freilich nur innerhalb der Blase, zwar sichtbar von außen, aber dabei bleibt es auch. Wir haben so viel zum Aufregen, dass wir es auf Dauer gar nicht schaffen, die wirklichen Probleme unserer Welt zu analysieren oder, sollte dies bereits geschehen sein, nach den Ergebnissen dieser Analyse zu leben, und so wird sich billigerweise auch in mittlerer Zukunft, also vor dem Einschlag des verheißenen Kometen, nichts ändern, und wir alle werden es als tröstlich empfinden, weil wir es ja gar nicht anders haben wollen, denn sonst wäre es ja alles verändert. Eigentlich schlimm. Darüber sollte sich mal einer aufregen, aber so richtig.