Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXI): Die zerstörerischen Eliten

14 09 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Geschichte, und das wissen die königlichen Statthalter, wird immer von Lumpenproletariern geschrieben, die in ihrer fortwährenden Diktatur seit Anbeginn der Zeitrechnung aufhetzen zum unnatürlichsten aller Zustände, zum Frieden gegen den anderen. Nur kurz gelingt es den Auserwählten, die ganze Gesellschaft einmal knietief in Blutsuppe zu prügeln, und sei es nur durch vorübergehende Verwüstung vermittelst eines Bürgerkrieges, gerne auch auf den Schlachtfeldern der Missgunst, die in billigem Theaterfeuer sich erschöpft und höchstens ein paar Brandblasen am Arsch der Kanaille lässt. Nichts wäre den Mächtigen fremder als eine Welt ohne Fußvolk, denn wer sollte sonst ihre Stiefel putzen, lecken oder ins Gesicht kriegen? Das Heer der Abhängigen zu schützen und zu mehren ist ihre vornehmste Aufgabe. Allerdings auch ihre einzige.

Denn nicht Bäcker, Bänker regieren diesen Sumpf aus Trägheit und Trotz, dessen Manieren nicht reichen, um Fackeln und Mistgabeln in die Hand zu nehmen für Korrekturmaßnahmen an der Kaste der Plünderer. Denn nicht die Leistung ist für die Dicke der Konten verantwortlich, längst nicht mehr, und eigentlich ist dies nie der Fall gewesen, nur haben sich heute auch Pappnasen unterhalb des Leihadels ihr Geburtsrecht erkauft und geben die Regalien an die missratene Brut weiter – die Lizenz zum Fleddern wird wie in alten Zeiten mit dem goldenen Löffel weitergegeben und fräst sich von Dynastie zu Dynastie quer durch die Schicht, die oben auf dem Tümpel schwimmt, der Unrat mit dem verführerischen Glanz für Schmeißfliegen, der sich nicht mit dem Wasser mischt. Die Eliten aus Management und Führung sind keine Aufsteiger, sie sind nur Kinder der alten Eliten, die keiner in ihre Position gewählt hat.

Und sie sind keine globale Elite, die von einem Staat zum anderen zieht, hier einen Konzern in die Grütze kloppt, dort einer Volkswirtschaft die Kerze auspustet, sie bleiben im eigenen Lande und nähren sich unredlich. Noch reiten die Raubritter unter eigenem Wappen durch die eigenen Pissklitschen, um nicht auf fremdem Territorium das Esszimmer renoviert zu bekommen, denn nicht Ganovenehre gilt, wie bei anderen Staubsaugervertretern auch ist es schnöder Gebietsschutz, der geistig vernagelte Schwachmaten in ihrer kuscheligen Pfütze hält. Sie haben selten den Ausbruch gewagt, wohin auch – lieber sezieren und herrschen sie, weil sie die fremden Märkte, an die man mit Heftzwecken und Spucke Länder geschwiemelt hat, Länder und Menschen, nicht begreifen, ihre batteriebetriebene Logik lässt nichts anderes zu, und so schlagen wir uns mit den Problemen ihrer Dummheit herum, die ihren Status erst rechtfertigen.

Denn ihr Status besteht größtenteils aus reiner Ignoranz. Kein Manager großer westlicher Chemie- oder Textilkonzerne, wobei Übergänge von trag- und untragbaren Zuständen hier meist fließend sind, hat die geringste Ahnung davon, wie die Plempe in den Slums irgendeiner ostasiatischen Billigdiktatur von zärtlichen Kinderhänden in Plastecontainer geschöpft wird und das Zählen von Krebstoten in der Sippe zum Volkssport macht. Kein westlicher Großaktionär, der bloß durch Erben an die Kohle gekommen war, hat je gesehen, wie eine Pflegekraft in seiner an die Bilanz angegliederten Klinik sich zielgerichtet zu Grunde arbeitet, weil er bei seinem letzten Infarkt die Chefarztvisite für wichtiger hielt und in einer anderen Bude eingecheckt hat. Es ist nicht so, dass sie nicht wissen könnten, was sie tun. Es interessiert sie nicht, weil es in ihrem Weltbild keine Kategorien gibt, die dieses Denken zuließen. Was im System relevant ist, wird längst nicht mehr im System entschieden, genauer: es wurde nie in diesem System entscheiden, sondern immer nur von seinen Puppenspielern. Wie also Generale sich flugs einen Krieg aus den verkalkten Birnen popeln, erfindet das Blasen und Zusammenbrüche, um die Vakua der schwarzen Kassenlöcher mit realem Geld stopfen zu können, Geld, das man aus dem Proletariat presst, damit es nicht zu viel Kuchen frisst, wenn der Lohn fürs Brot nicht mehr langt. Sie sind systemrelevant, und mit jeder Bestätigung aus dem System, das ihre politischen Marionetten ihnen bereitwillig liefern, geben sie ihren Ernährern zu verstehen, wie irrelevant diese doch sind.

Dass in diesem Selbstbedienungssaftladen kaum Demokratie und Menschenrechte gedeihen, wird keinen wundern. Doch wenigstens funktionieren im postdemokratischen Spießbürgerstaat die Ampeln, die Alarme, die Zäune, die Schlagbäume. Wir sind sicher, und bis wir begreifen, dass sich damit die Eliten vor dem Heer der Tagelöhner schützen, haben sie sich ein weiteres Mal an uns bedient. Die Sicherheit eines Gefängnisses lässt sich einfach definieren, es kommt nur darauf an, ob man gerade im Inneren sitzt oder nicht. Die innere Sicherheit, die sie uns bescheren, haben jedenfalls nicht die Handwerker erfunden, die Fabrikarbeiter, die Kulis. Sie nutzten sie auch nicht, weil sie ihnen nichts nützt. Das reden sie uns ein, und wir glauben es. Warum, das ist die Frage. Sie ist zu stellen.

Advertisements




Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXX): Volksfeind Zucker

7 09 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss frustrierend gewesen sein für Uga. Alle waren so durchschnittlich in der Sippe, und man brauchte schon eine stattliche Narbe von der Jagd auf die Säbelzahnziege, um bei den Frauen zu landen. Hätte sein Schwager größere Fortschritte gemacht mit der Zähmung von Schafen in der großen Ebene am Fluss, hätten sie irgendwann von einer total hippen Krankheit berichten können. Aber es war frustrierend, keine Laktoseintoleranz für Uga. Überhaupt war der Speisezettel farblos und wenig einladend, außer dem Buntbeerenstrauch vor dem Höhleneingang gab es nichts Süßes, und auch der lieferte nur säuerlichen Wuchs in regnerischen Sommern. Einige kauten Bienen. Nicht mal den großen Feind der vorzivilisatorischen Gesellschaft konnten sie für alles verantwortlich machen, was in ihrem Leben schief lief. Sie hatten keinen Zucker.

Was geht es uns heute schlecht. Der gut sortierte Einzelhandel bietet dreiundsiebzig Sorten Bonbons an, und alle bestehen zu vier Dritteln aus Glukose, im Gegensatz zum bei Kleinkindern ungleich beliebteren Graubrot. Längst hat eine Schicht, die in der eigenen Kindheit noch mit messerrückendick Nuss-Nougat-Schuhcreme auf Toast in die Breite gemästet wurde, die gemeine Erdbeerkonfitüre als ernährungsphysiologischen Störfaktor des Teufels erkannt und boxt alle Eltern im Szenekiez blutig, die ihre Blagen mit Marmeladenbrot im Tornister zur Regelschule schicken. In ihrer Parallelwelt, einer von Dämonen und aufgeblähten Monstern durchwehten Nacht voller Saccharin, schwiemeln böse Zwerge ihren Emmas und Pauls verstrahlte Gummibärchen in die mit Sojakäse beschmierten Dinkel-Chia-Krüstchen, damit sie unkonzentriert werden, im Sachkundeunterricht hibbeln und auf einem zweitrangigen Gymnasium erleben müssen, wie Chiana und Kevin in Physik an ihnen vorbeiziehen, einen Studienplatz in Medizin an der angesagten Hauptstadtuni bekommen, die zweimal pro Woche Kulisse für wirre Arztseifenopern ist, und ihnen später völlig zu recht die Transplantation von Leberlappen wegen vorsätzlich fehlgeleiteten Lebenswandels verweigern. Früh krümmt sich, was am Haken hängen will.

Vergleichen erregte Erziehungsberechtigte den Zucker mit den chemisch nicht ganz unverwandten Alkohol, so ignorieren sie die Tatsache, dass es sich beim Schnaps mitnichten um organisches Material handelt. Auch vom Glücksspiel kann man abhängig werden, aber noch kein Volkspädagoge hat vor einer Mensch-ärgere-Dich-nicht-Szene in den Seitengassen des Bahnhofsviertels gewarnt, wo die charakterlich aus dem Elternhaus vordeformierten Soziopathen langsam aber sicher über Schnick-Schnack-Schnuck ins Dauermonopoly abrutschen, um am Schluss kniffelnd in der Psychiatrie zu verdämmern. Die einfache Gleichung funktioniert nicht, und zwar ausnahmsweise deshalb, weil es keine Ausnahmen gibt: monokausale Erklärungen sind monokausal, erklären aber nichts außer den Bildungslücken des Erklärenden.

Wie gelegentliches Joggen oder eine Tasse Kaffee am Morgen noch kein Missbrauch sind, ist das Verabsolutieren von Zucker als diabolischem Allzweckkrankmacher, der Diabetes und kariöse Ausfallerscheinungen befördert, der billige Versuch einer Umschuldung helikopternder Perfektionisten, die den Fehler gemacht haben, Nachwuchs in die Welt zu setzen, weil damit wertvolle Zeit zur Optimierung der eigenen Schädelhohlkörper flöten geht. Wer seine Blagen mit Zuckerzeug abspeist, sich generell für ihre Ernährung und Erziehung nicht interessiert, weder Art noch Umfang ihrer Nahrungsaufnahme organisatorisch im Blick behält und schon gleich gar nicht die Wechselwirkung mit diversen anderen Einflussgrößen wie Fett oder Bewegungsmangel berücksichtigt, taugt immerhin noch zum schlechten Vorbild für die dicken Kinder im Unterschichtenfernsehen. Der protestantische Versuch, der Ernährung durch den Wegfall von Zucker stromlinienförmige Gottgefälligkeit zu verschaffen, fällt sicher auch nur denen ein, die aus fetischistischen Gründen Schulen zu Brutstätten für Stevia-Taliban machen wollen, damit ihre Ideologie der Distinktion, in der sie selbst schon versagt haben, wenigstens ihren Kindern das restliche Leben versaut. Hier wäre der zeitnahe Eintritt in eine Sekte, die körperlicher Gewalt gegenüber ein entspanntes Verhältnis pflegt, der einfacherer Weg. Vermutlich ist die von Sicherheitsdenken und kompletter Realitätsferne bei grundlegenden Aspekten menschlichen Zusammenlebens seicht in die Tiefenbeklopptheit abgedriftete Masse der Genspender längst auf Koks. Sonst würde sie nicht tapfer ihre Muttermilch, die Oligosaccharidbombe par excellence, als natürlichste Fütterungsform lobpreisen. Warten wir ab, bis sich die ersten Demonstrationen durch die Metropolen fräsen, die Weißmehl und Margarine unter Todesstrafe stellen wollen. Was ein paar bunte Pillen im Mistgabelmob anrichten, wird jedenfalls nie langweilig.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIX): Das Backwarenangebot

31 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer auch immer das Zeugs aus zermanschtem Korn, Wasser und mehr oder weniger wirksamem Triebmittel entdeckt hat – bis heute gibt es noch einige Gesellschaften, wo die Knifte, wahlweise mit Margarine und einfachem Belag für Schule, Betrieb und anderen Tagesaktivitäten – Politik, rechte Hetze, möglicherweise auch beides, aber Hirnzellen verbraucht ja nichts davon – das Geschehen dominiert. Ernährungsphysiologischer Wahn wird je nach Jahrzehnt in die Brotbox geschwiemelt, das Salatblatt, das den Käse zu Schmadder schmoddert, die Kresse, die das kindliche Gemüt verstört, ganz am Ende die geradezu barbarische Erdbeere, die nur mit dem Erzfeind Zucker eine unheilige Allianz in die Physiologie schmuggelt. Dass unbescholtene Familien sich das antun, ist schwer verständlich, aber was erwartet man nun mal von den Überresten einer zielorientierten Herde, die sich beim Essen in die Haare kriegt, weil sie sonst keine Sorgen hat. Die Menschheit ist aus Stressfaktoren erzeugt und braucht jenen Mutterlaut, um sich zu nähren. Das Bäckerhandwerk hilft da gerne mit einer Auswahl, die alles anspricht, aber nicht die Vernunft.

Morgens in der Schlange, die Schildchen liegen in der erleuchteten Theke; offenbar wurde ein mental überforderter Texter nachts durch den Laden geschleift, der die Klumpoiden des jüngsten Produktionsdurchlaufs nach Hässlichkeit und Zielgruppe sortieren und für die Statistik mit verbalem Sperrmüll behängen sollte. In der gesitteten Zone toben sich die Fachkräfte noch am Dinkelkrüstchen aus, das auch den Mainstream der transnationalen Backshops erreicht hat. Hier gibt es keinerlei Raum für Experimente, allein die Verkaufszahl ist Herr über Leben und Tod, allenfalls der blutige Endkampf um Berliner, Krapfen und Pfannkuchen hinterlässt noch Spuren von Emotion auf den Schreibtischen der Controller, die sonst von Industrieware verkrümelt auch auf dem Mond stehen könnten, da sie der Wirklichkeit nicht bedürften. In der wirklich freien Wirtschaft aber, wo noch stirbt, wer nicht wirbt – wer aber wirbt, wie er sich in Schnaps- und Fieberträumen Werbung darstellt, begeht oft Suizid aus Angst vor dem Ableben – greifen die Mehlmützen längst zu ganz anderen Maßnahmen. Es wird zurückgebacken und benamst, bis der Arzt wieder geht.

Das gesunde Graubrot kann derzeit nicht als Weltmeister in den Verkauf gehen, Papst ist auch aus, aber hey: Deutschland geht immer. Schnell noch ein Zwei- bis Mehrkorn durch die Backstube geschlenzt, schon haben die Glyx- und Sommer-, die Krustenfaschisten und andere Kauboys das Nachsehen. Hossa, die Unterscheidbarkeit der aus Sauerteig gekloppten Rohlinge ist dem Backwahn erlegen! Die Laibesübungen fördern Pönnemanns Goldstücke, Zippelweggerla, Knörzelbömmel und Schlemmerschrippe zutage, jedes auch mit Papst denkbar, saisonal als Sommersemmel oder Winterweck im Angebot, ab August gerne im frühweihnachtlichen Design neben Stollenstulle und Laberlebkuchen. Was sich da an Drei- und Grobkorn kombinieren ließe, nicht auszudenken. Leider wird es ausgedacht, täglich praktiziert und auf dem geschundenen Rücken der Konsumenten ausgebacken. Ohne Gnade.

Je nach Bekenntnis zur Schmerzgrenze tobt die Fitness durch den Mehlsack, dem Joggingsemmel und Radlers Rundstück entkrauchen wie Geziefer auf zu viel Beinen, das auf der Torte kopuliert, so widerwärtig anzusehen, dass man einfach nicht weggucken kann, Roggenschlümpfe des Grauens, die kommende Generationen aus zertrümmerten Warenlagern archäologisch freipinseln werden, denn wir hatte ja nichts – wir mussten den Low-Carb-Glutenfrei-Toast ohne künstliche Zusatzstoffe noch in einem Kuhstall haarscharf hinter Bad Gnirbtzschen holen, die Industrie hatte nur Vollkorn im Angebot, und das klang irgendwie zu gesund und arm, aber nicht sexy.

Warum nicht mal BER-Bollen, bleibt flach auf dem Teller und hebt niemals ab, da nicht ganz fertig gebacken, oder Stuttgarter Stulle aus ordentlich Gips und unterirdisch gut, saftig wie ein Wasserwerfer? Warum nicht Chemnitzer Prügel, von deutscher Heißluft gebläht, der nationale Snack in anheimelndem Braun, dass die Vorderzähne krachen? Es gäbe so viel zu versuchen, Hartz-Hippen zum Sonderpreis, Kapitalistenknackerli für den Bänker mit Feile drin, das CSU-Schrumpfbrot mit minus zehn Prozent Volumen, die Kfz-Knödel fürs Handschuhfach, der vorverweste Teigling, der in der Brotdose nur sechs Wochen Sommerferien braucht, um in die Wiederauferstehung zu stolpern – nicht mit dem Papstkrusti verwechseln, das ist gründlich tot und schmeckt auch so – und das aus Kimme und Korn gefaltete Objekt, wo so in der Auslage liegen tut, bis der gewaltig genervte Kunde mit dem Zeigefinger seine Bestellung artikuliert und die Fachverkäuferin instruiert: „Eins von denen da.“ Wozu also der ganze Zinnober.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVII): Die europäische Abschottung

17 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die erste Grenze bestand aus einem Haufen unbehauener Steine, die Uga mit den Seinen in die Steppe schleppte. Es sah imposant aus, wenigstens dann, wenn man unmittelbar davor stand. Mit etwas Distanz schwand der Eindruck, denn die Schwäche des Projekts wurde rasch offenbar. Man konnte die Maue mühelos umgehen. Was mit einem kleinen Stück Grasland zwischen einem Tümpel und einer Felswand mühelos funktionierte, nämlich den Beweis zu erbringen, dass die Abschottung nur in den grottoiden Gedanken tiefstbegabter Choleriker sinnvoll ist, lässt sich ebenso einfach auf ganze Kontinente übertragen, vornehmlich auf Europa, den angeblich von Werten zusammengehaltenen Flickenteppich kriegsdurstiger Völker, die vom letzten Durchgang genug Hass in der Schublade haben, um dem Nachbarn eins über die Rübe zu ziehen. Die Zäune hoch, die Reihen fest geschlossen – billiger ist das nicht zu haben.

Man stelle sich vor, eine internationale Behörde, den Resten des weströmischen Reichs entsprungen, hätte während der Völkerwanderung Pässe und Nationalitäten kontrolliert. Wo man heute oft weder an der Kenntnis der jeweiligen Hochsprache noch der dazu gehörigen Kultur den Dänen, Deutschen oder Polen erkennt, war dem Cherusker seinerzeit reißpiepenegal, ob der Chatte oder Chauker in der Grenzregion Dialekt sprach. Er verstand ihn eh nicht. Bis in die Gegenwart fräst sich der Mythos in den Stammhirnen fest, die Vandalen seien mit Sack und Pack in einem langen Feldzug plündernd und brandschatzend über Land gewalzt, die Blaupause für das, was der geneigte Nationalsozialist heute als Umvolkung bezeichnet. Krieg haben alle geführt, alle gegen alle, aber wie den anderen schlossen sich auf Geschäftsreise manche durchziehenden Horden an, kamen ein bisschen später dazu, stiegen etwas früher wieder aus, und dieser bunt verschwiemelte Haufe, der für außenstehende Historiker amorph und also vollkommen einheitlich aussehen musste, erreichte tatsächlich die afrikanische Nordküste. Es fällt leicht, sich auszumalen, dass die heutige Migration die einen oder anderen DNA-Bestände osteuropider Herkunft über das Mittelmeer wieder an seinen Ursprungsort zurückführen, aber das wollen genetikbekiffte Blut-und-Boden-Deppen ja lieber nicht hören. Sie glauben an ein historisches Konstrukt, das war schon immer einfacher.

Was folgt, ist die konsequente Demontage der Souveränität. Die regierenden Heißdüsen in den bisher noch demokratisch angestrichenen Staaten schleifen sich ungezwungen selbst, sägen ihr Recht in handliche Stücke, die sich leichter verklappen lassen als die noch existierenden Verfassungen. Um Grenzen durch Europa zu ziehen, setzen die politischen Konglomerate enorme Geldmengen ein, die ihnen angeblich durch die Aufnahme fremder Menschen verlustig ginge. Um eine europäische Wertegemeinschaft vor dem Einfall minderwertiger Migranten zu schützen, schaffen die herrschenden Schädelvollprothesen jeden Anflug von Werten, die mit den Waffen der Aufklärung gegen Mittelalter und Feudalismus erkämpft worden waren, einfach ab, um sich in der vorsintflutlichen Gesellschaft wiederzufinden, deren infektiöse Wirkung man den Migrierenden in die Schuhe schieben wollte. Sie hängen mit dem Hals im Eisenzaun fest, die Säge in der Hand, und entfernen zur Sicherheit den Kopf.

Der Staat lässt blindlings geschehen, dass sich die Zivilgesellschaft in seine ureigensten Aufgaben einmischt, um beknüppelt und in paramilitärischer Formation durch die Landschaft zu ziehen, echte und ausgedachte Marken zu verteidigen als vom Gesetz nicht vorgesehene Bürgerwehren. Dass auch waffenrechtlich kritische Auftritte gern gesehen werden, hat seinen Grund, drischt die Mischpoke doch in einem eh als rechtsfrei deklarierten Raum sich lustig den Volkswillen aus der Birne. Nur da, wo wirklich Werte betroffen sind, wo Menschen im Meer ertrinken oder auch nach dem verquasten Rest an Asylrecht noch bleiben dürften, schreiten die Realitätsallergiker ein – sie meinen damit das letzte Stück Rechtsstaat wiederherstellen zu können, das ihnen der braune Mob längst unter dem Hintern hat wegziehen können, um sich in Parlamenten und Staat gemütlich einzurichten auf die nächste Runde Gulagsuppe für die ganze Belegschaft.

Der geistig längst wieder im Militarismus der Nationalstaatsepoche angekommene Hominide preist seinen Bunker für die Blümchentapete auf Staatskosten. Mehr bleibt ihm nicht, denn der Rest geht für seine innere Sicherheit drauf. Solange er nicht vor die Tür muss, ist draußen alles Feind, und es scheint ihn nicht mehr zu kümmern, dass die Grenze in zwei Richtungen wirkt. Wer einmal hier ist, seine Freiheit aber massiv eingeschränkt sieht, wird nicht gehen, um wiederzukommen. Er passt sich an, ohne sich zu integrieren, denn ein eigenes Gefängnis findet sich schnell. Der Kriegszug der marodierenden Völker bleibt aus, wie er auch in der Antike an der Schwelle zum frühen Mittelalter ausblieb. Kommende Generationen werden den täglichen Ausnahmezustand als Schmierenkomödie erkennen. Fraglich ist, ob ein ordentlicher Krieg die bisherigen Maßnahmen rechtfertigen könnte. Aber wer wissen will, wie sich Geschichte wiederholt, sollte nicht die Geschichtsschreiber fragen. Sie sind zu dicht dran.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVI): Bereicherungsökonomie

10 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Betreiber des üblichen Profit Centers, für gewöhnlich ein konditioniertes Meerschweinchen, wird seine Umgebung stets als Minenfeld sehen. Macht er nur einen Dukaten Verlust, während seine internen Konkurrenten anderthalb Penunzen im Plus sind, zusammen übrigens, dann sägt die Säge. Das ist zunächst weder ungerecht noch böse, es entspricht den Spielregeln: wer mehrt, statt zu mindern, ist ein guter Kaufmann. Die Gefahr erwächst aus der Konkurrenz, die das Geschäft bis zum Mörderischen belebt. Dass aber nicht der Markt die Regeln bestimmt, sondern eine Schicht, die am Markt teilnimmt, und also den Ausgang des Spiels signifikant beeinflusst, ist neu. Es entsteht die Bereicherungsökonomie.

Die Industrialisierung hat irdische Heerscharen auf die Schlachtfelder der Produktion getrieben, in die Städte, in ein elend stolzes Proletariat, das sich gern vereinigt hätte, wären nicht unterschiedliche Steuerklassen gewesen. Immerhin hat es ihnen Brot gebracht, bisweilen Spiele, bisweilen Krieg, aber billiges Brot und billige Schuhe, weil die Wirtschaft für ihr Produkt auch gleich den Kunden generiert hat, der in der Fabrik Luxuslimousinen baut, um sich privatim einen Kleinwagen zu leisten. Der Konsum erhält den Kreislauf am Leben, nicht immer sind Produktion und Verbrauch in derselben Schicht gelagert, doch wesentlich wird, dass der Wohlstand, wie ihn sich die Ökonomie auf die Fahnen schreibt, alle Schichten zu erreichen sucht.

Wie anders die Bereicherungsökonomie. Die trojanische Deindustrialisierung findet nicht statt. Die Fließbänder sind nicht weg, sie stehen nur woanders. Noch schwiemelt der fleißige Asiat das Schuhwerk für den saturierten Europiden, schon regt sich am rechten Rand Krawall, weil es einige der Leute aus Südsüdost in die Welt zieht, um dem Arbeiter die Villen im Tessin zu putzen. Käme man ihnen, den Personen mit Pech beim Denken, auch noch mit Logik, sie wären dafür, man schaffte die Villen zum Putzen nach China und büke dort gleich noch das Brot. Nicht das Produkt, die Produktion ist austauschbar geworden und nur noch ein Faktor in der Berechnung. Wer heute Schuhe näht und nagelt, kann schon morgen Brot backen, alles verkaufen und nur noch Villen putzen. Die Ware hat nicht nur ihren Fetisch, sie hat jeden Charakter verloren. Was zählt, ist das Geld, mittlerweile im reflexiven Sinne.

Das Subjekt der postmodernen Wirtschaft ist das Geld, wenngleich in einem vollkommen neuen und abstraktren Sinn. Es wird nicht mehr durch die Wertschöpfung erzeugt, zu der es Brot braucht und also Esser von Brot, es entsteht im Geblubber innerhalb der Blasen und wird weiter ins Wertfreie abstrahiert. Aus Geld und von Geld entsteht neues Geld, das aber mangels Produktion nicht mehr in diese zurückfließen kann, und die armen Reichen sind gezwungen, durch das Tessin zu tingeln und Villen einzusammeln, damit die Nullen auf den Nummernkonten nicht frieren. Da trifft es sich gut, dass auch die Schuhfabriken nicht mehr auf dem Kontinent stehen, denn was wäre so ein schmuckes Immobil ohne Hausmeister? Auch die soziale Ader der ökonomisch Bereicherten hat ein bisschen Blut gelassen, vielleicht dekorativ, und die Geschichte geht gut aus. Einigermaßen gut.

Denn in den unteren Etagen kommt nichts an, wie auch. Sie finden in der Bereicherungsökonomie nicht statt, schon gar nicht durchs Tessin ziehende Wischmobs, die ihre Besen jederzeit durch reine Flexibilität zu Mistgabeln umfunktionieren können, und das identitäre Moment von oben gesteuerter Nostalgie – damals, als nur die kleinen Häuschen am Hang in der Landschaft blühten, in einer Zeit vor der Industrialisierung, da war die Welt noch in Ordnung – beginnt sich außerhalb des Marktes zu etablieren. Fort ist das Proletariat, und fort sind die Ansprüche an eine soziale Marktwirtschaft. Mit der Standardproduktion verschwand die Notwendigkeit, Menschenmengen zu akkumulieren in humanen Kapitalen. Der Staat nachtwächtert noch etwas an der Urbanisierung vorbei, guckt gerne zu, wenn aus Not – so viele Villen hat’s auch nicht im Tessin – der rationierte Wohnraum aufgekauft werden muss, um die teuren Hausmeister bezahlen zu können, und fertig ist die Sache. Nicht die Entfremdung ist das Problem des Kapitalismus, sondern die nackte Anreicherung des Kapitals an Friedhöfen, fernab der Produktivität, Entwicklung ausgeschlossen. Aber da geht etwas. Der Zug ist nicht abgefahren, er bewegt sich, man kann aufspringen, vielleicht weiß man auch schon, wohin er fährt. Vielleicht wird alles ganz anders. Vielleicht fertigen wir bald wieder Schuhe. Falls die Chinesen sie wollen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXV): Der Kundenservice

3 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Damals waren die Geräte ja noch einfach. An einem Faustkeil war nicht viel zu reparieren, wenn die entscheidenden Teile im Eimer waren. Man schmiss das Ding weg, wenn der entscheidende Zinken abgebröselt war. Keine Buschtrommel mit Vorwahl verband einen mit dem Support Center Neandertal, zweimal bummern für Garantiefälle und dreimal für Ersatzteile, worauf der Senior Flint Tool Assistant mit dem Repair Kit vorbeikam und nach dem Kostenvoranschlag – drei Eberzähne oder eine Schüssel Grünbeeren, je nach Reparaturstatus – sofort mit dem Nachschliff des Keils begann. Die Firma hätte sich nicht gehalten, denn Hirn und Stirn sind weich, dito der unverwüstliche Stein, dessen Halbwertzeit ihn als Verbrauchsmaterial scheinen ließ, mehr Schein als Stein eben, und wer verleiht schon Brennholz oder Wasser? Der Kundenservice, klar. Keiner käme auf so hinlänglich etablierten Bockmist, wäre da nicht die doppelte Tücke der aufstrebenden Menschheit: jeder ärgert sich gerne. Und alle anderen haben das auch. Schade.

Seitdem kompliziertere Geräte auf dem Markt sind, Besen, Schraubenzieher, Mondraketen, kommt als entscheidende Motivation dazu, dass keiner gerne einmal erworbenes Gut wegschmeißen will, wenn es noch preisgünstig und fachgerecht zu reparieren ist. Zur Reparaturannahme sucht der Beknackte folglich unbedingt jenen Service auf, der keiner ist, schon gar nicht für die Kunden. Tödlich gelangweilte bis professionell somnolente Kippfiguren schlingern um eine Theke, hocken auf den Folterstühlen eines Call Centers, um die Demütigung des Verbrauchers am Telefon zu zelebrieren, oder erledigen den Käufer inzwischen online in einem Chatraum.

Da klingelt auch schon die Alarmglocke, eine Grützbirne traut sich in die Leitung nach dem Erwerb eines Rasenmähers, so formschön wie elektrisch, nur birgt das Gerät einen entscheidenden Nachteil, indem es nämlich den Rasen nicht mäht. In weiser Voraussicht haben die Hexer alle Bedienungs- und Reparaturanleitungen, technische Dokumentationen und Verpackungsbilderchen zu diesem Modell und seinen drölfzig Vorgängern aus dem Fundus der Berater geschwiemelt, um ihnen zu vermelden: Ihr aber sitzet in einem Boot, schmiert Dein Kunde ab, so schmierest auch Du, und wir nennen es Service, und siehe, es war gut. Die Sache muss sich bewährt haben, zumindest machen es alle so.

Im Schnitt haspelt sich die Fachkraft für Inkompetenz und firmenzentrierte Kommunikation eine Viertelstunde durch den Fragenkatalog – wann gekauft, wo gekauft, warum eigentlich – und verstärkt damit die Sogwirkung der beiden Tage, in denen der geprellte Konsument sich ganz auf seinen Bartwuchs hatte konzentrieren können, weil die Warteschleife nur noch maximal drei Minuten dauern sollte; analog dazu wühlt sich eine heftig transpirierende Hilfskraft durch zerlesene Broschur, während die Schlange sich bereits zum dritten Mal ums Einkaufszentrum mit den beiden Baumärkten, dem Autohaus, dem Möbelmann und eben dieser zentralen Reklamationsbude ringelt, vorne bereits leicht sediert, in der Mitte noch von Angst- und Wahnideen aufgepeitscht, während gegen Ende hin die Weltrevolution angezettelt wird. Vermutlich mit einem defekten Faustkeil.

Der Kundenservice hat zwei Abteilungen, dies wird dem Kunden schnell signalisiert: die eine Hälfte kann nicht weiterhelfen, größtenteils aus Gründen der Machbarkeit. Wer würde schon einen simplen Raketentechniker ohne Weltraumerfahrung an die Reparatur eines Besens lassen. Die andere Hälfte, jene Spezialisten, die alles schon gesehen, alles schon gefixt, alles schon wieder zum Laufen gebracht haben, sind nicht da. Ob sie überhaupt existieren, und wenn, dann nicht nur als Planstellen in einem streng gehüteten, nie ausgedruckten Organigramm eines Personalchefs, der sich besser tarnen kann als Ethan Hunt in der Rolle des 007 und deshalb als Hausmeister mit Walkie-Talkie durch die Gänge schleicht, durch Regale diffundiert und alle Kunden blitzdingst, die mit geringer Erfahrung, etwa einem Studium der Elektrotechnik mit anschließendem Dr.-Ing. in Harvard, den exakt richtigen Ansatz zum Lösen der Gewindemutter F3 erahnen und den Deppen hinter der Theke damit auf ein Niveau heben, das ihm etatmäßig gar nicht zusteht, nein, ob sie existieren, das weiß keiner. In finsteren Kellern von Unternehmensberatungen hört man bisweilen leises Kichern, weil der Plan so gut klappt. Es kichern die Berater selbst, die nie mehr als das nötigste an Beratungswissen preisgeben, und also ihre Auftraggeber, Chefs und Manager und den ganzen Vorstandsvorsitz, der sich unterfordert fühlt, in die kleinen Boxen im Eingangsbereich der Technikkaufhäuser, Heimwerkermärkte und Kfz-Zubehör-Megastores sperrt, sie der geballten Wut der feindlichen Kundschaft aussetzt und damit die traumatisierende Erfahrung schafft, die schlechthin konstituierend ist für das Wesen der deutschen Wirtschaft. Irgendwo muss die Beratungsresistenz ja herkommen.