Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIX): Das Kulturmagazin

6 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uh, wie furchtbar. Hui, wie dolle. Sieht aus wie Zoo, ist aber keiner, und ausschalten kann man es auch. Könnte man, wenn man denn wollte, aber wer sich freiwillig und meist zu später Sendezeit die Kinderstunde für Erwachsene antut – oder für die, die sich unbedingt als solche benehmen müssen – gehört zu denen, die es nicht besser verdienen. Die Besserverdiener versüßen sich den fortgeschrittenen Abend im Schlummer, beim Fußball, im Rausch, nur der verbissene Spätaufsteher, die angewachsene Oberstudienratshose, der nullogame Troglodyt mit der Hegel-Gesamtausgabe in der Schrankwand, sie alle weinen still in die Fernbedienung hinein, wenn die Trottellaterne mittelalterliches Personal in moderaten Hipsterlook näht und vor die Kamera schubst, um des Deutschen Spießers Wunderhorn zu füllen mit Dichterwort und Korkenknall. Es ist wieder Zeit fürs Kulturmagazin.

Schräglich behoste Herren und Damen mit asymmetrischen Frisurversuchen sind schon immer über die Mattscheibe geturnt, und mit etwas Glück haben sie keine Spuren im Neocortex hinterlassen, wenn der Guckreiz sich verflüchtigte. Wie aus einem Guss verquickt dieses Modell hysterischen Nachwuchs und historische Ansprüche zu pauschal penetranter Individualität, denn Kultur, zumal die massenmedial breitgequarkte, darf alles sein, nur nie Mainstream. Was an Mittelstrahl das bürgerliche Feuilleton durchplüscht, ist für die Experten nur ein Betäubungsmittel, das die letzten Reste kritischer Praxis verödet. Mokiert die halbstaatlich bestallte Redaktöse sich angesichts einer Mozart-Oper, die wie selbstverständlich im KZ inszeniert wird, dann brezelt der Gaffenstall sich frohlockend eine Provokationsvorlage aus dem Stoff, wissend, dass zwischen die Neuentdeckung venezolanischer Epik und eine Poetikvorlesung maximal ein Pils passt, denn nüchtern ist diese Mische nicht zu ertragen.

Gäbe es eine Messgröße für Selbstverliebtheit, sie läge in dieser Sendung begründet. Man kann die Protagonisten scheint’s schlecht bezahlen, denn im Entgelt inbegriffen sind offenbar bunte Pillen und das Versprechen, einmal in der Woche durch die Wohnküchen wehrloser Verbraucher zu stelzen. Sie verklappen freiwillig neorealistische Novellen und den neudeutschen Film in ihren Schimmelhirnen, unerschrocken bis schmerzresistent, letzteres wohl ein Einstellungskriterium, indem sie das Klischee der verhassten Deutschstunde auf links krempeln: das, liebe Kinder, wollte der Dichter Euch nämlich mit dem Gesabber sagen, und wir sind befugt, unser geistiges Geröll über Euch auszukippen, ungefragt und deshalb richtig.

Ab und zu schleichen sich Kulturschaffende ins Studio. Hier wird ein bekannter Komponist zur Menschenrechtslage in den Seealpen befragt, dort eine Stararchitektin zum Biopicfimmel. Für ihr Entkommen ist in der Regel gesorgt.

Schlimm, aber unausweichlich und nahezu konstituierend für das Kerngenre der intellektuellen Bespaßung ist der erhobene Zeigefinger, die Moralerektion als Monstranz des missionierenden Besserwissers im Feldzug der Verdeppten. Die Welt des Geschmacksdiktators besteht zu vier Dritteln aus Problemen, die er nicht wird lösen können, Umweltkatastrophen in Afrika, der mähliche Tod des Kastenfroschs, ein schleichender Niedergang des Schamanismus in entlegenster Gegend von Hinterasien, und alles das wird mit Sonetten und Mambo bekämpft, Nasenflötenmusik und Theater in der Badewanne als postmoderner Thespiskarre, jedoch vermutlich nur, damit ein mies bezahlter Redakteur mitsamt zweier Kabelträger sich in der kirgisischen Steppe zwei Dutzend hauptberuflicher Freizeittänzer widmen und eine Stunde Material über sie kurbeln kann, der dann als Drei-Minuten-Terrine in die Haushalte schwappt, befremdliche Bilder aus einer wirren Welt, in der man zum Glück nicht auch noch leben muss, aber schön hüpfen tun die Wilden, das ist doch auch schon etwas. So berichtet die Sendung mit dem Graus je um je von Mode aus der Altkleidersammlung, gerne auch als Buch, Film oder Podiumsdiskussion, bis sie sich dem eigentlichen Zweck des Bildschirmflirrens hingibt, dem Marketing.

Hat die Absatzförderung schon mit Verve die Talkshows okkupiert und in ein unliterarisches Terzett neuronal überforderter Klosteinverkoster verwandelt, wie sie alle das letzte Druckerzeugnis, die letzte Leinwandarbeit, die grassierende Tour durch deutsche Gaue zum letzten Tonträger ohne Sinn und Verstand mit Hosianna vollloben, so schwiemelt sich die Produktplatzierung auch hier ins Format hinein, wo unverbindliche Larmoyanz für scheinbare Objektivität sorgt, den Daumen stets überm Preisschild, weil ja die gesellschaftliche Relevanz zählt. Dafür also hat man die Werbung unterbrochen. Aber Dranbleiben lohnt sich, denn alles geht irgendwann einmal vorbei. Vielleicht kommt ja hinterher ein vernünftiger Western.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVIII): Sofortness

29 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kann man nicht froh sein, dass der Hominide sich als Säugling nicht an die postmoderne Art des Just-in-time-Managements gewöhnen mag? Die Milch ist noch nicht ganz da, wir müssen erst noch den Betriebsrat fragen, aber da kommt noch die Veränderung der Börsenkurse – Rohstoffe haben wir, personelle Kapazitäten, die wir nicht sofort freisetzen müssen, um wieder Rohstoffe zu haben, für die wir personelle Kapazitäten bräuchten, wenn auch möglicherweise an einem anderen Ort, da sich die Subventionen immer mit der wirtschaftlichen Schwerkraft verschieben – und wir haben am Ende keine Milch, denn was nützt es uns, dass sie der Verbraucher verbraucht, wenn der Koksbaron davon keinen neuen Porsche kriegt. Sind wir am Ende das christliche Abendland? Das Baby lässt die Idee zentral gesäugter Bürger schießen und nuckelt lieber für sich, Brust statt Frust, und weiß, dass der Nährstand ihm schnellstens zur Verfügung stehen wird, da keine staatliche, wirtschaftliche oder sonst hirnfremde Institution sich dem entgegenstellt. So und nicht anders, aus dem Geist bisher gründlich versaubeutelter Strukturen, entsteht der Keim des neuen Anspruchsdenkens. So entsteht der Drang nach Sofortness.

Klar hat im Holozän nicht alles auf Knopfdruck funktioniert. Zum Beispiel gab es am Anfang noch so gut wie keine Knöpfe. Später dann hatte keiner Internet, was sich in der Jungsteinzeit kaum besserte, aber im Mittelalter auch nicht. Am liebsten hätte Columbus alle seine Brötchen online bestellt, auch wenn seinerzeit keiner wusste, was Brötchen waren, aber der Gedanke einer schleunigst aufpoppenden Lieferung hätte die Machtmenschen der Epoche fröhlich gestimmt, hungriger, ihnen die letzte Gnade genommen, kurz: sie hätten uns den Schmodder um die Ohren geklatscht, den wir heute in der Globalisierung zu dulden haben. Sie wollen die in der Sache liegenden Gründe ausblenden, die damit beschäftigten Synapsen sind nun mal mit anderem Zeugs beschäftigt, und also weimert das Konsumkind ad hoc, wenn es seine Ware nicht mit Hackengas kriegt. Die trübe Illusion einer stetigen Verfügbarkeit lockt, doch die Wirklichkeit ist nicht an die Prozesse vom Reißbrett anzubinden. Was auch immer da passiert, es wird nur über ein Bild vermittelt, wie es Reklame gemeinhin vorgaukelt. Die Ungeduld des infantilen Zeitgeizers in seiner Fixierung duldet nur die Instantbefriedigung – keiner will, keiner kann warten, weil die Hastkappe dem Deppen im Halbsekundenschlaf den Takt auf den Zehen vortanzt.

Die Echtzeit schwiemelt sich dem Blödkolben farbecht ins Stammhirn – hat auch keiner je die Verwandlung vom Ei zum Huhn gesehen, er fordert die Bestätigung unterhalb der Planckzeit, jodelndes Rotlicht und knallendes Konfetti, ein Feuerwerk der Teilchenbeschleunigung, wo das Licht kurz in die Kaffeepause geht. Paradoxerweise verlangt der Depp am Marktstand, wo fünfzig Leute um ihn stehen, das reibungslose After-Sales-Ballett – Kunden, die Obst gekauft haben, kauften auch Brot, eine Axt und viel Munition – und will im Internet ab einer Interaktionsdauer von mehr als zwanzig Sekunden, dass sich ein Krisenmanager mit Äpfeln zur Intervention auf die vegane Seite der Plattform schlägt, koste es, was es wolle, weil keiner warten will, der die anderen warten lässt. Das Reflektieren der Anspruchshaltung der anderen würde die eigene Anspruchshaltung verändern, aber was erwarten wir von grottoid begabten Ich-hier-jetzt-Clowns, deren Getrommel auf der Brust in seichte Lächerlichkeit zu kippen verspricht, wenn man es wenigstens für den Wahlkampf zu nutzen verstünde. In seinem Drang, sich eine Tütensuppenexistenz aus reinem Abfall zu schrauben, gerät der Bekloppte alsbald unrettbar in die Schnellsucht, jenen selbst sich verstärkenden Prozess, dessen Strudel nur von außen wie Fortschritt aussieht.

Das technische Gerät muss nach dem Anknipsen gleich benutzbar sein, jede Bestellung Momente nach der Tat im Briefkasten landen. Der Schmerz soll Sekunden nach der Pille verschwinden, das Glück per Tinderwisch aus der Fläche poppen. Wir sind so genügsam geworden, dass wir alles verlernt haben, uns auf die entscheidenden Dinge zu freuen, und wenn, schludert sich das Schöne vermatscht zwischen zwei Reizleitungspotenziale – ein neuer Markt für die Burnoutbranche, Fastfood für Flache, eine Weltreise im Überschallmodus, durch alle Kontinente gezappt auf der Suche nach verlorener Zeit, die sich weder ansparen lässt noch Zinsen abwirft, mangels Bodenhaftung kaum flüchtige Spuren im Sand und keine blauen Flecken auf der Seele, die sich im Mehrschichtbetrieb immer neue Wünsche aus dem Brägen popelt, ein Friedhof der Totgeburten, den man sich am besten dauerhaft aus der Perspektive säuft, bis sie weich hinter dem Horizont verschwimmt. Ein gutes Pils dauert drei Minuten. Schrecklich.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVII): Alles gut

22 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

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Vermutlich hat es einen namenlosen Deppen getroffen, der mit dem Brezelkorb über den Markt gestolpert kam und nichts Besseres zu tun hatte, als den Prinzen vollzukrümeln. Der Brezelknecht war ein welterfahrener Mann, gediegen grobschlächtig und kaum mit bloßer Hand zu bändigen, der Typ mit den manikürten Griffeln jedoch standestypisch als Weichei sozialisiert, nicht mit der Ausübung von Macht vertraut und dementsprechend neben der Spur. Herr und Diener scheint’s tauschen die Rollen auf der Kampfbahn, der Fürst klaubt sich Brosamen aus dem Hermelin, während seine Knie wie Lurchlaich wabbern, und mit Bibber in der Stimme wanzt er die Mehlmütze an: alles gut. Alles, alles gut. Nie war eine Deeskalation beknackter, so fehl am Platz wie hier, so wertlos, kontraproduktiv und für die Tonne.

Nichts ist gut. Denn keiner würde im Ernst behaupten, diese kindische Sprachausstanzung sei auch nur ansatzweise Sympathieträger und nicht der Marker der drohende Katastrophe, kurz bevor der Stillstand der Dinge sich wieder in Wohlgefallen löst. Alles klar, alles paletti, kann man machen, aber gut war noch nie etwas, schon gar nicht im engeren Sinn, und mit scheinbar beschwörendem Gestus, dabei doch inwendig voller Schreckgespenstern windet sich das Ding eine prästabile Harmonie aus dem Hinterausgang, wo und wie auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt nach dem Urknall.

Die hündische Ergebenheitsformel, die aus den therapieverschwiemelten Schimmelhirnen schwappt, spiegelt die neoliberal konditionierte Not in den Köpfe der Mehrheit. Wer auf der Sonnenseite hockt, kann die Regeln bestimmen und seine schlechte Laune zum Maßstab der Bewertung machen; wer dagegen zur Renditensicherung täglich buckelt, der hat die Kröten zu schlucken, und nichts wird diesen Konsens der Knallfrösche je in Frage stellen. Gutsherrenmentalität bestimmt die zur Dienstleistung degenerierte Masse. Wer da an Häubchen oder Uniform, kurz: an schnöder Erwerbstätigkeit zu mutmaßlich spätrömischem Salär erkennbar ist, hat keine Ansprüche zu stellen, auch wenn ihm der Gast aus Langeweile in die Suppe haart.

Früher, als es noch eine Gesellschaft gab, die diesen Namen auch verdiente, erkannte man den echten Herren daran, dass er aus Verantwortung die Diener mit Achtung behandelte, heute, da nur mehr feucht-völkischer Sott und intellektuelle Pausenclowns die Freiräume besiedeln, besudeln ihre degenerierten Sprösslinge die Lücken. Joviales Gepopel lässt der Adel linker Hand auf die anderen nieder: alles gut, der Domestike soll sich nicht so haben, er stört unser ff. Dasein. Wie glitschig auch immer das über die echte Menschheit hinweggeht, es ist eine Waffe, die die Schnöselschicht erst an den Bediensteten ausprobiert hat, um sie dann wieder für sich zu reklamieren.

Von beiden Seiten also wird in restringiertem Code die deppenkompatible Losung in die Runde gekleckert, wenigstens die Hoffnung nicht gleich aufzugeben, nicht ganz, nicht nachhaltig. Was auch immer sich an Konflikt aus dem Dunst kristallisiert, ist per se falsch, denn es kann ja nicht alles gut sein, was sich entwickelt – das Bessere, weiß der Dialektiker, muss ein Feind des Guten sein, das wie in einer fatalen Kettenreaktion die esoterischen Selbstheiler auf den Plan ruft, sich mit planlosen Deeskalationen einen Trampelpfad durchs Dunkel zu schlagen. Wir denken wie die Säuglinge, deren zeitlich-räumliche Perspektive erfreulich eng an der Innenseite der Kalotte haftet, handeln entsprechend infantil und wundern uns über die Verbindlichkeit der verbalen Nullstellen, als würde die Realität gar nicht mehr zählen. Funfact: sie tut’s auch nicht.

Hat der durchschnittliche Sprechblasebalg der postfaktischen Gesellschaft den Zusammenhang zwischen Handlung und Konsequenz erst einmal erfolgreich verdrängt, dann geht es eigentlich. Dann, nur dann ist alles gut. Vorher aber ist die Multifunktionsworthülse aus der Ja-hallo-erstmal-Tube nichts als ein Schuldeingeständnis, dass die ganze existenzielle Auseinandersetzung nicht viel mehr ist als die Bewegung heißer Luft im Kreis um einen zwanghaft gedachten Mittelpunkt. Nichts ist gut, was ist, und ist etwas, wie soll einer überhaupt beurteilen, ob es für den anderen gut sein könnte? Schon während der billigen Alltagssituation braut sich hinter einer Verschwörung schon die nächste zusammen, möglicherweise ist es auch keine gute Wahl gewesen, gerade jetzt zu lesen, aber zack! ist alles Schicksal, und wer will das beurteilen?

Nein, das ist nicht der Flow, mit dem die ganze Welt in Richtung Flussabwärts murmelt, und mit etwas Glück wird es auch nie Dialekt. Dann befleißigte sich jeder einer offenen Sprache in gewaltfreier Kommunikation, hörte mit vier bis acht Ohren auf die Intentionen, hielte seine Klappe, wenn er nichts zu sagen hätte. Alles wäre gut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVI): Die Hochzeit als Hochleistungsevent

15 09 2017
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Grunde war die ganze Sache früher recht einfach. Hans und Grete Mustermann schmissen ihre Klamotten zusammen, kauften sich zusätzlich ein halbes Dutzend Pressspanregale mit aramäisch-hieroglypher Aufbauanleitung, Sechskantschlüssel und Verbandskasten, zogen in eine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Butze am Stadtrand oder im angesagten Szeneviertel, machten das mit der Reproduktion, warteten auf das Nachlassen des Bindegewebes und sahen den Nachkommen zu, wie sie den ganzen Schmodder nachturnten. Nur die Liebe zählte. Bis sich die Brut bildungsbürgerliches Gezicke lieferte mit- und unter- und gegeneinander, indem sie sich erinnerten, dass vergangene Jahrhunderte und zu Recht ausgestorbene Kreaturen sich die Mütter aller Materialschlachten lieferten, wenn ihre Blagen in den heiligen Bund der Ehe traten. So auch heute, wo die Hochzeit zum Hochleistungsevent wird.

Was hier und dort noch als verschämter Tausch von Blick und Ringen nebst Weingeruch in einer winzigen Dorfkirche durchgeht, im kleinsten Kreis und damit quasi sozial stigmatisiert, wäre in einer durchschnittlichen Beziehung zweier in Arbeit und Kegelverein integrierten Steuerleister nebst obligat auftretender Kollateralbekinderung kaum noch zu bewerkstelligen. Natürlich kann man die Kollegen – alle, auch Miss Mundgeruch aus dem Vertrieb und die dicke Tante aus Bad Gnirbtzschen – nach der standesamtlichen Trauung zu körperwarmem Prosecco und abgezähltem Käsegebäck einladen, aber sich als Kannibale zu outen wäre im Vergleich dazu einfacher. Man macht das in einer total süßen Holzkirche in der Eifel, in der Mongolei oder auf Sardinien, die Braut in einen Schlauch aus original florentinischer Krötenseide eingenäht, verziert mit drölfzig Schrilliarden Pailletten, mundgeklöppelt aus zentraltaiwanesischen Goldfischschuppen. Der Bräutigam, so er denn nötig ist, trägt Maßfrack, aber nicht ironisch, und bietet zehn Sorten Bourbon an, um die Nervosität der wichtigsten Gäste nicht schon vor dem Vollzug überkochen zu lassen.

Abgefeimter Pausenclowns, denen der Job als Investmentbanker noch zu viel mit Moral zu tun hatte, schleichen durchs Land, veranstalten Messen für Beutelschnitt und Hirnfasching, und bringen die ohnehin von Hormonrausch und Gruppenzwang in die Ecke gedrängten Hochzeiter endgültig zum Wahnsinn. Mindestens unter Wasser, wenn nicht als Mottohochzeit „Robin Hood meets Star Wars“ mit einer Motorrollerfahrt durch die Lüneburger Heide im Tiefschnee muss der allerschönste Tag abgehen. Hundert Brieftauben mit kostenloser Vogelgrippe, Feuerwerk, ein Zentner Altmetall qua Schlössern an jeder in den Landkreis geklotzten Brücke, während die Gäste vor dem Elf-Gänge-Menü aus Tütensushi und einem Horizontalmeter Tiefkühltorte noch eine Nackenmassage durchmachen. Aus derlei Gesülz schwiemelt sich das Paar den begehbaren Albtraum in die Biografie, den Tag, der absolut unvergesslich sein wird. Mit einem Verkehrsunfall hätte das auch geklappt, und da gucken wenigstens mehr Leute zu.

Denn mit nichts mehr, nicht mehr mit dem mobilen Champagnerstand, Schunkeldisko to go oder einer Schlägerei vor dem Traualtar, aber als Musical, kann man noch Eindruck schinden. Die Schraube der inflationären Entwicklung ist längst durchgedreht, nach fest kommt lose, nach müde doof, und mit keiner Veilcheneiswürfelbrause kann man den Durchschnittsgast noch davon überzeugen, dass er die zwölf Stunden nicht besser mit der Fernbedienung solo im Bett verbracht hätte. Trotz Jahrgangswurfreis und veganen Luftballons. Es war alles schon einmal da, und das nicht ohne Grund. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, in der Erwachsene sich mit ihrem Mandalamalbuch vor der Globalisierung abschotten und eine Eheschließung in Achterbahn mit anschließendem Minigolfturnier für angetrunkene Monosynapsen für geistig gesegnet halten. Im Indien des 16. Jahrhunderts wäre keiner auf derlei Quark verfallen.

Demnächst werden sie ihr preziöses Gepopel mit Kutschenrennen im Zirkuszelt, Gleitschirmflug vom Ulmer Münster, Donutwettfressen vor einem brennenden Kinderheim, von Christo verpackten Gästeklos oder Nacktbaden im Klärwerk fortsetzen, immer auf der Suche nach der beknacktesten Idee des Jahrhundert, die ein störungsfrei arbeitendes Gehirn angewidert verdrängt. Romantizismus pur trieft aus der Hochglanztristesse, die doch nur inszeniert wird, um als Fotostrecke, besser noch als zusammengehauenes Video Neider und Nachwelt von der Leistungsschau der Geltungsneurotiker zu überzeugen, dass die Sippen vor lauter Geld nicht mehr laufen konnten und ihnen kein ordentliches Abschreibungsmodell eingefallen war. Noch die individuell gefertigten Schokoladenkekse an der Kaffeetafel mussten mit Blattgold auf Blinkmodus schalten, damit sich der letzte Proll wie zu Hause fühlte. So feiert sich nur die echte, wahre Liebe. Warum auch immer man für zweidrei Jahre Tisch und Bett dieses Gehampel veranstalten muss. Für eine anständige Scheidung ist dann nämlich kein Geld mehr da. Sagt einem ja auch keiner.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXV): Helikoptereltern

8 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt hatte alles im Griff. Zwei Nachkommen waren im Vollkontakt mit der Säbelzahnziege zu Biomasse geworden, zwei weitere hatten sich mit gängigen Vorgartenpflanzen ins Nirwana gekaut. Die Gattin ließ die Brut kaum an den Steilhang jenseits der großen Schuttfläche, denn dort lauerten die wirklichen Gefahren: Sonnenbrand, Käferbiss und Brennnesseln ohne dreisprachige Warnschilder. Noch hielt die Reproduktion keine besonderen Erfordernisse bereit. Weiter so, das war die Devise. Aber schon bald sollte sich das Blatt wenden. Die Zivilisation ließ nicht mit sich spaßen. Dunkel rattert es am Horizont entlang: die Helikoptereltern.

Bereits der durchschnittliche Kinderspielplatz bringt Pädagogen an die Grenze der Hirnembolie. Im Windschatten modisch vermummter Latte-macchiato-Väter und teilbartfreier Hipstermütter bohrt die nächste Runde im Generationenvertrag Dellen in den Sand, hektisch beobachtet von auf primäre Pädagogik gedrillten Hysteriefachkräften, denen kein armageddonöses Szenario zu blöd wäre für eine prätraumatische Belastungssimulation. Alle sind sie überdurchschnittlich höchstbegabt, ohne Ausnahme für Frühkantonesisch und Fagott, den Bundesliga-Kurs und ein Diktatorentraining beim Dieselkonzern geeignet. Kinder, rülpst das üble Gewissen, an die Macht. Weil die meisten der als Eltern firmierenden Schädelvollprothesen sich nicht imstande sehen, das Ergebnis ihrer genetischen Laienexperimente zu akzeptieren, leidet eine ganze Generation unter ihren verquasten Vorstellungen von Perfektion, die dann doch wieder nicht reicht.

Die allzeit bereiten Verziehungsgerechtigten sind nach eigener Aussage in der Pflicht, das Balg möglichst schnell zu makellos funktionierendem Gesellschaftsmaterial reifen zu lassen: ohne jede Auseinandersetzung mit Umwelt oder Staunässe, Wind und Mückenstichen. In der Grundschule wirkt es ja noch putzig, wenn der Abkömmling mit dem SUV ins Institut gekarrt wird, weil auf den Straßen zu viel gefährlicher Autoverkehr herrscht, doch spätestens im Hauptseminar II über Riemanns wirre Vermutungen sind alle väterlichen Versuche als überwältigend niveaulos zu betrachten – sollte sich der Jungmann irgendwann einem signifikanten Anderen nähern, hier wohl Objekt klein a kursiv, sind Mangel und Begehren aus der Illusion des Bekloppten schnell zusammengeschwiemelt und erklärt. Der Fötus hat nach Maßgabe der Alten stets die embryonale Stellung einzunehmen, aus der die Ernährungsberechtigung erwächst, ohne Rücksicht auf Verluste. Was kann eine Konserve, was diese Blödkolben nicht könnten?

Man kann seinen Kindern jedenfalls nicht klarer kommunizieren, dass man sie für grundsätzlich voll verkackt per Design hält, unfähige Würstchen im Strafrock, die schon als Ausschuss auf die Welt gekommen waren, um sich hernach noch einmal stattlich zu blamieren. Das Grundbedürfnis nach Kompensation ist bei den Erzeugern offenbar derart dominant, dass man den Ablösungskonflikt sogar ohne Drogeneinsatz an die Wand möllert – an der Reife von Reis und Blüte erkennt der Bescheuerte dumpf den Fortschritt des eigenen Welkens, der unweigerlich in nicht mehr behandlungsbedürftige Formen des Schweigens mündet. Alles hat ein Ende, nur will das keiner hören. Das Blag als die letzte Aufgabe fürs gelungene Projektmanagement voller kritischer Fluchtpunkte ist auch nur eine eigene Form der Hilflosigkeit, die ausnahmsweise keinen eigenen Namen mit sich herumschleppt. Die wird flockig an die neurotische Kreatur vererbt wie eine Laktoseintoleranz, wie Leistungsdruck im Gewand einer gnadenlosen Auslese, der die Alten nicht ansatzweise mithalten könnten. Lediglich ihre missratenen Methoden prägen das Erlebnis von Entkräftung und Selbsthass, der sich entweder in billiger Stereotypie durch die Vita kotzt oder im einfachen Fall ein sauber zersägtes Ich hinterlässt. Beides kann auch amüsant sein, wenngleich nur in Ausnahmefällen.

Man kann diese Eltern nicht aus Versehen als personifiziertes Heftpflaster am Hosenboden der Nachkommenschaft sehen, sie schädigen noch über die eine Fruchtfolge hinaus jegliche Autonomie, die sie dem Flaschenwuchs opfern, die sterile Kopie der Knalltüten mit der Anlage nämlicher Blödheit. Glücklich ist, wer aus diesem Kindergarten mit roher Gewalt ausbricht, knöchelhoch verbrannte Erde hinterlassend, wo üblicherweise die Kombination aus Nägelkauen und Bettnässen ausreichen würde, um die Problemkinder zu identifizieren. Mit etwas Glück verebbt das im Burnout, weil es die Eltern der Sandkastenfreunde mit Securitate-Methoden durchfilzen und danach der Steuerfahndung zuführen muss. Mit etwas mehr Glück geht das über die Wupper, wenn sich die Söhne und Töchter ihre etatmäßigen Kopfläuse an der Theke abholen und das eigene Immunsystem die finale Grätsche macht. Die Natur würfelt nicht. Sie hackt ungehindert Kerben in die vorhandene Materie. Weil sie es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIV): Mittelaltermärkte

1 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kunigunde schmollte. Da war sie nun mal vom Kurhessischen Kurtisanenverband als anerkannte Kemenatenputze in die Fläche geschickte Fachkraft für Eventgedöns, und dann sagte ihr der Büttel im Amt für Mühsal und Plage, dass ihre Dienstleistung für die nächsten Jahre nicht gebraucht würde. Oder vielleicht Jahrhunderte, keiner weiß das so genau. Sie fand sich nach wirrem Traum erweckt zwischen Dosenbier und Bockwurst, im Hintergrund dödelte ein Elektrozeugs nach alter Minneweise, und sonst hatten alle die Medikamentenausgabe verpennt. Es war in einer Kleinstadt im Spätfrühling, und es war Mittelaltermarkt.

Egal, soll sich die Industrie doch irgendwas aus den Synapsen quetschen, um Separatorenfleisch und billige Alkoholika unter die Masse zu jubeln, es wird nur nicht weniger langweilig, wenn man es im Gewand des historischen Reenactments in wehrlos zuckende Innenstädte quarkt, die ansonsten jedem Konsum willig die Beutel weiten. Auch Menschen haben ihren Stolz, wenigstens meinen verschüttete Sprichwörter derlei. Wie alle pseudotraditionellen Verkaufsaufmärsche schwiemelt das Gaukel- und Schaukelgerülps nicht mehr in den Waschbeton als drittklassige Stilbruchrechnung, die unterm Strich wenigstens die geplättete Meute anlockt und auf die großen Kalorien- und Stromverbrauchsfestspiele trainiert, vulgo: den Jahrmarkt zu Plundersweilern.

Was sich mit Wikingerpelz, fein venezianischem Zwirn oder Gugel in der City tummelt, ist dumpf riechender Abklatsch der TV-Umnachtung, die mit nachhaltigem Klebeeffekt das Bild der Scifi-Wilden zur Game-of-Klons-Ausscheidung gerinnen lässt. Einträchtig saufen Erik der Schädelspalter und Ratsherr Dummbold von Spackbacke ihre Limo am Ich-muss-noch-die-Kutsche-ausparken-Stand, denn lächerlicher geht’s einfach nicht. Schaube und Schamkapsel, Knebelbart und Kyriss aus rostfreiem PVC ballert sich das intellektuell gut belüftete Volk in die Birne, weil ihnen das Versandhaus für jeglich derley Schamott nur im Kleingedruckten verriet, dass es sich um Zubehör aus dem 15. Jahrhundert handelt. Weiter geht’s dann beim elenden Sprachgepansch, linguistischen Blödkolben mit Mustererkennungsschwäche, die vor zugegeben ottonischer Kulisse spätlutherisches Kanzleisprech vom Stapel lassen. Sey ein holdes Frauenzimmer in der Harrenden Schlange, so löhne sie zween Taler, dass sie der Gaukeley Freude rasch werde gewahr. In zünftigem Schwung den Schwatzbold mit der schlichten Axt seiner Beißer zu entledigen möge des Schergen Werk sein, sagt darob der Schwulst. Der Rest ist Lautverschiebung. Oder Kieferbruch.

Vor diesem Setting ergießt sich das Hauptwerk, der Zuber der Quellkörper, wie er dreist dem gemeinen Volke sagt: damals haben sie alle noch, Männlein und Weiblein, in einem Pool gelegen. Die dem rein körperlichen Gewerbe zuzuordnenden Abbildungen der Zeit übersieht man leicht, und noch heute verklärt sich die Epoche als ständiger Vollsiff im Vollsuff, sinnbildlich sichtbar im Zuber, der als Fettabscheider der bürgerlichen Gesellschaft physische Verhältnisse stolpern lässt. Schmiede und Bäcker, beide feuerbewehrte Gewerke, schwingen ihr Gerät in der kaufmännischen Sphäre, wo auch Töpfer ihr unehrliches Gewerbe treiben. Städtisches Gemäuer schwurbelt optisch, sozial und rechtlich in einer Erzählung herum, die von Maiden in Haube und Drachenschmalz zu tun hat, edlen Rittern mit Langschwert, Turnier auf den Tod und Bänkelsang, letzterer eine Erfindung des Spätbarock.

Es fehlen an dem Murks die Zahnlosen und deutlich Unterernährten, die verlausten Kinder und der Abdecker, der die Pestkranken in die Grube fährt. Es fehlen die warmen Jahre, in denen das Volk in kollektiver Hysterie religiösen Dummfug für bare Münze nahm und die überschüssige Kraft auf nationalbesoffene Plumpschlümpfe projizierte, deren einzig zukunftsgewandte Perspektive darin bestand, dass sie die Beklopptheit ihres Gefolges zur Errichtung eines Verwaltungsmolochs nutzten, der in seinen Ausläufern bis heute in der westlich dominierten Welt seine Zähne zeigt. Die anderen, die in Erwartung von Buchdruck und Reformation ihr kärgliches Vollkornbrot fristeten, wurden sicher im deutschen Sprachraum – wo man sich Bibelbla abgewöhnt hat – auf dumpfes Mittelmaß sozialisiert und gut abgerichtet, aber wer kann das schon sagen. Die Verklärung hatte ihre Lücken, und das muss die Geschichte tragen. Wie sonst würde das Zeitalter, das sich einer regelmäßigen Besichtigung stellt, mit den Realitätsallergikern genügend Gewinn machen. Vermutlich hat das Abendland aus aufkeimender Panik bereits eine betriebliche Altersvorsorge als allgemein verbildlichen Konsens ins Auge gefasst, schon aus einer Vorstellung von Solidarität, die dem kapitalistischen Scheißdreck der Neuzeit gründlich widersprach. Die neuen Rebellen wissen immerhin, wie sich wehren können. Sie sind sprachlich anders und stehen dazu, außerdem tragen sie Waffen. Tandaradei.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIII): Boulevardmagazine

18 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war die dritte Zweitfrau von Rrt schuld. Sie war dumm, hatte aber bemerkenswert dreidimensionale Fettreserven – dem damaligen Schönheitsideal lief das nicht gerade entgegen – sowie den unerschütterlichen Drang, sich vor der Siedlergemeinschaft an der westlichen Wand zu blamieren. In jeder Höhle wurde ihr Geschwabber zum allfälligen Tagesgespräch. Was sie aus den Resten einer Säbelzahnziege an Schurz und Röcken schwiemelte, fand zunächst keiner statthaft, der sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit beschäftigte, die zu regem Kontakt mit halb unbekannten Hominiden aus dem Umland führen musste, und doch wurde der Fummel mit allerlei Applikation von Knochen und Gehörn nachgeahmt, verfeinert und schließlich, wenn das noch möglich sein sollte, proletarisiert. Auch heute sollte uns dies Interesse nicht zu sehr verwundern, haben wir doch einen florierenden Medienzweig geschaffen, dem Nullinformation aus dieser Richtung ein gutes Auskommen macht. Die Boulevardmagazine beleben den Schlamm, der sich unter der Gesellschaft wälzt.

Zunächst interessiert sich derlei grell bedrucktes Zeugs für den Klatsch intellektueller Heckenpenner, wie sie auf Sozialentzug vegetieren und sich nicht um die faktischen Zusammenhänge kümmern. Im Gegenzug sind es wieder diese Parallelexistenzen, denen man mit etwas zusammengekratztem Schrott das bisschen Wartezeit vor der Endablagerung zu verkürzen versucht, die moralfrei abgerissenen Jahre zwischen Hirnverlust und Biomasse. Wer da Glamour schwitzt, Glitzer und Lärm, der taugt automatisch zum Vorbild der Kriecher, und sei es ein epochenübergreifend degenerierter Adelszweig, dessen Blödheit langsam zum Markenzeichen wird. Gerne gesehen sind Filmgrößen, ab und zu die trällernde Zunft, ansonsten speist sich das aus niederschwelligen Angeboten der grassierenden Hirnkirmes, dümmliche Dödel im steten Kampf um die größtmögliche Beknacktheit, die mit klinischen Mitteln nachzuweisen ist. Natürlich interessiert den Deppen in erster Linie der Phänotyp, gründlich misslungene Diäten, schlampiger Hautschmuck auf welker Epidermis, völlig verseifter Nachwuchs, das Armageddon der Oberbekleidung in zu kleinen Größen bei künstlicher Beleuchtung. Wer könnte es den Nachtjacken verdenken, das ärmliche Theater der angeblich wichtigen Gartenzwerge für voll zu nehmen. Wer täte das schon. Und warum.

Die kognitiv naturbelassene Schicht, die ihre Bildung auf ebendiesem Pflaster bezogen hat und seltener in möblierten Räumen, sie braucht einen Anlass, nach oben zu blicken, und was ist von dort aus nicht alles oben. Nicht viel bleibt vom Gewölle in Hirnhöhe, was nicht durch niederste Instinkte motiviert wäre, Guck-, Juck- und Spuckreiz, eine von Fettfingern gründlich begriffelte Mangelmoral, da sie die zu Ikonen lackierten Wassersuppenkasper auch nur braucht, um sie auf sein erbärmliches Niveau herunterzuzerren. Was sich als artifiziell aufgepumptes Wunschbild hat an die Wand nageln lassen, wird phasenweise verehrt und mit Biomasse beschmissen, teils auch simultan, denn nichts braucht ein adipöser, schielender Knalldepp so sehr wie den millionenschweren Promi, den er als adipösen, schielenden Knalldeppen entlarven kann, und sei es nur in seiner schmutzigen Vorstellung, die das auf Halbwahrheiten abonnierte Schmierblatt zum Vorzugspreis liefert. Sie zerren uns die Idole wieder zurück in den Staub, zeigen Orangenhaut und Plattfüße, als sei der gemeine Filmstar alterslos ohne regelmäßig reingedrücktes Nachfüllpack aus der Änderungsfleischerei.

Wer behauptet, es ginge den Sternchen auf die Plomben, für die Fotografen immerzu heile Welt zu mimen, der weiß nichts von deren schlechthinniger Abhängigkeit zu Wille und Zwangsvorstellung. Nichts ist ihnen verhasster als die ewig dienernde Menge, mit einer Ausnahme: die amorphe Masse, die sie ignoriert, weil sie sich das mühsam auf Gesicht geschminkte Epithel einfach nicht merken kann. Dies Spiel kennt keine Gewinner, höchstens den, der die Schmonzetten turnusmäßig mit hanebüchenem Quark bestückt, kein Gericht und keinen Geschmack fürchtet und sowieso einen allgemeinen Hass auf die Menschheit hegt, weil er sonst nicht so planmäßig an ihrer kompletten Vertrottelung mitarbeiten könnte.

Noch immer kauft sich der Dummbatz die Heftchen, Woche für Woche, und ist für Schläge auch nicht davon abzubringen, denn was wäre er ohne plumpe Flunkereien, die er am Wasserloch bereitwillig als Früchte seiner eigenen Narrheit zum Besten gibt. Lassen wir sie in ihrem Geblubber allein, keiner wird ihre Fabulierexzesse ernst nehmen, geschweige denn sie weitertragen. Und sollte es wirklich, wirklich einmal den geistig noch halbwegs gesunden Zeitgenossen nach Schmadder unterster Kajüte gelüsten: der Gang zum Zahnarzt steht jedem frei. Wenigstens ins Wartezimmer.