Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVI): Die Angstverschiebung

16 10 2020
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Säbelzahnziege war nicht gut gelitten bei Ugas Sippe, hatte sie doch im Laufe eines einzigen Sommers drei vollgültige Jäger und ein Dutzend adoleszenter Gehilfen aus reiner Selbstverteidigung gerissen. Als Proteinlieferant taugte sie ohnedies kaum, geschmacklich war das Fleisch auch nicht der Rede wert, doch ihr Prestige war hoch: wer die Ziege erlegt, war hoch angesehen und musste sie nicht auch noch selbst verspeisen. So fasste sich der Älteste ein Herz und gab Order, künftig nur noch in ausreichender Schutzbekleidung diese Beute zu jagen, mit entsprechender Mannstärke und Waffen. Hatte sich die Zahl der schweren Unfälle, bei denen ein Ernährer buchstäblich auf der Strecke blieb, durch die Vorsichtsmaßnahmen messbar verringert, so war doch die Säbelzahnziege noch immer als der Hauptfeind das größte Risiko. Man hätte die Jagd auf sie einfach einstellen können; da die schwersten Jagdunfälle noch immer mit Beinschienen und Brustpanzer geschahen, wurden diese weggelassen.

Freilich wird man von frühen Gesellschaften nicht erwarten können, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse reflektieren und zum Maßstab eines vernünftigen Handelns erheben, erst recht nicht bei naturwissenschaftlichen. Kulturen, die Jahreszeiten oder Wetterphänomene von rituellen Handlungen einer privilegierten Priesterkaste abhängig machen, sind nicht per se wissenschaftsfeindlich, sie haben nur die Trennung von Wissen und Glauben noch nicht vollzogen. Beiden geht ein Erkenntnisprozess voran, der sich erst in der Wahl der überprüfenden Mittel unterscheidet. Wasser auf eine Brandstelle zu schütten sorgt für ein Verlöschen des Feuers; zwar wird es nicht durch das Wasser, sondern durch den entstehenden Dampf erstickt, der den Flammen den notwendigen Sauerstoff entzieht, aber das Ergebnis ist beliebig oft wiederholbar, lässt sich in Bezug auf die Stellgrößen verändern und überprüfen, was zur verlässlichen physikalischen Vorhersage führt. Das Experiment, durch einmaligen Verzicht auf jährlich wiederkehrende Opfergaben die Existenz von Vegetationsgeistern zu überprüfen, hätte in einer nicht hinreichend funktional ausdifferenzierten Gesellschaft fatale Folgen.

Einfach zu erklären wäre die Verschiebung der Gefahr, wirksamer ist die Verschiebung der Angst. Erst mit der aktivierenden Aversion, die erfolgreich die logischen Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung kappt, lässt sich vernünftiges Verhalten effizient umgehen. Als die Pflicht zum Tragen des Anschnallgurtes im Auto millionenfachen Protest hervorrief, obwohl die Maßnahme signifikant zum Selbstschutz der Fahrzeuginsassen beiträgt, war es zunächst abstrakte Rechtsgefahr, die den rasenden Bürgern dräute. Wer andere zu Sicherheit drängt, so kotzte die meist aus Springers braunen Tümpeln gespeiste Gasfußlobby, beschneidet die Freiheit des Volkes. Allerlei wirr zusammengeschwiemelter Müll drängelte dumpf zwischen den Synapsen der Mehrheitsknalltüten, die befürchteten, schon ein Auffahrunfall bei Schrittgeschwindigkeit würde den Lenker nun hinter dem Steuer einklemmen, wo doch ein Kfz jeden Augenblick explodieren könnte. Zur Panik schließlich führten es alte Männer, die vermutlich dank ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Büstenhalter wussten, dass der Gurt Tausende neue Fälle von Brustkrebs auslösen würde. All das wurde nie untersucht, da Autos, die im Wasser versinken, und Fahrerinnen, die gurtartige Tumore ausbilden, statistisch nie erfasst wurden, mangels Masse. Und doch, die Mär hält sich, wobei sie hin und wieder die Vorzeichen kulturell bedingten Aberglaubens etwas anpasst. Dass etwa Kinder unter normalem Mund-Nasen-Schutz, den sie beim Wintersport im Freien selbstverständlich ungefährdet tragen, aus Sauerstoffmangel zu unerwartetem Spontanableben neigen, hat eher Ähnlichkeit mit dem in Südkorea verbreiteten Aberglauben, ein Ventilator entziehe an bestimmten Stellen dem Raum die Luft und lasse eins im Schlaf in einem Vakuum versterben. Da dies Krankheitsbild offenbar nur mit Südkoreanern in Südkorea unter Anwendung südkoreanischer Elektrogeräte replizierbar war, müssen wir uns vor derartigen Gefahren nicht mehr schützen.

Lässt sich also eine Sorge nicht mehr rational begegnen, indem das Evidente zur Grundlage des Diskurses wird, projiziert der durchschnittliche Dummklumpen in ein apokalyptisches Szenario, da er damit mehr Gewicht hat. Wo auch immer sich das sogenannte Volk zusammenrottet, imaginäre Grundrechte zu verteidigen – verfassungskonform gestalteter Alkoholkonsum bis zur Leberzirrhose, gurtfreies Fahren über die Kaimauer – Bekloppte sehen selten über die eigene Person hinaus und sind schon gar nicht in der Lage, die Konsequenzen ihrer Kurzsichtigkeit vom Ende zu begreifen. Lieber lebt das geistige Prekariat in einer bleibenden Angst, die imaginär anschwillt und dabei die reale an den Rand der Wahrnehmung quetscht. Da ist nichts mehr zu holen, schon gar nicht beweisführend. Denn passen die Argumente nicht mehr zur Wirklichkeit, so wird die Wirklichkeit verändert; die Wirklichkeit, nicht die Theorie, denn das wäre ja Wissenschaft.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXV): Der missverstandene Politiker

9 10 2020
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vor der Einführung parlamentarischer Systeme war die Sache viel einfacher. Der staatliche Wille war auf eine Person fokussiert – Kaiser, König oder Häuptling – und drückte sich in dessen Vorstellung aus. Irgendwann in einer komplexer werdenden Welt traute man der Not gehorchend auch anderen zu, vernünftige Entscheidungen zu treffen, und das Amt des Ministers ward geschaffen: eine Person von Stand und Verstand, die professionell ein Ressort inhaltlich regeln kann, ohne sich zu schnell beim Herrscher zum Vollhonk zu machen, die eng gesetzten Grenzen seiner Kompetenz zu sprengen oder in der Öffentlichkeit als hirnfreie Knalltüte zu erscheinen, da dies unweigerlich auf den Souverän zurückfällt. Hier beginnt der dornige Weg des im Auftrag der Macht lenkenden Funktionärs, wenn er sich ohne Netz und doppelten Boden äußert. Er ist immer in Gefahr, missverstanden zu werden.

Grundsätzlich befinden sich Politiker, die in der Umlaufbahn des Sozialentzugs geparkte Kaste von Parallelexistenzen, in der verzwickten Lage, eine amorphe Masse mit Dünnsinn zu beschallen, wobei ihnen zwei Fehler unterlaufen können. Einerseits droht ihnen Verdünkelungsgefahr, wenn sie ihr intellektuell oberhalb des Durchschnitts angesetztes Verbalglutamat zum Maß aller Dinge erheben und beim Volk den Eindruck eines abgehobenen Lurchs erwecken, der sich selbst für seine Schnackerei abfeiert; die nicht mit juristischen Staatsexamina ausgestatteten Simpel fragen sich angesichts von Kompetenzkompetenz, ob die Dosis das Problem war oder die Pillen. Andererseits läuft Gehirngestrüpp durch die Gegend, das hechelnd den Juristen unter seinen Untergebenen zu erklären versucht, dass man Gesetze möglichst verworren aus der Kalotte kloppt, damit keiner mehr weiß, was eigentlich Phase ist. Diese Fachkräfte fragen sich eher, wie ein Klosteinverkoster mangelhafter Impulskontrolle in die Nähe eines Regierungsamtes hatte gelangen können. Nichts von beiden nährt das Vertrauen in den Rechtsstaat, den beide sich aus wirrer Eigenleistung kognitiv hinschwiemeln, als wäre das Grundgesetz ein rückwärts gejodeltes Wunschkonzert. Nur eines zählt für sie, nämlich die Erkenntnis, dass alle sie verkannt haben, bösartig missverstanden gar, aus drei Gründen: Dummheit, Abgehobenheit oder charakterlichen Defiziten.

Am einfachsten ist stets die Erklärung, einen Kandidaten der erfolgreichen Hirnverödung vor die Mikrofone geholt zu haben. Torheit steht in manch finsterem Landstrich offenbar noch immer für die größtmögliche Volksnähe und wird nicht minder von der bodennahen Reiterei beklatscht. Leider sind es auch nur selten andere, die über Gedeih und Verderb dieser Ausfälle richten: das fachfremde Gelaber auf Niedrighirnniveau dient nicht selten dem allgemeinen Bild der leitenden Politik, dass man dem gemeinen Mann nur oft genug denselben Schmodder ums Maul schmieren muss, um ihn von der rationalen Weltsicht zu entkoppeln. Statt den plumpen Populisten zum Schweigen zu bringen, lässt man ihn aus der verengten Brackwassersuppe Blasen werfen und freut sich, dass ein Depp zu den anderen gefunden hat.

Häufiger schon ist der weltfremde Bekloppte, er deliriert frei in der Landschaft herum, weiß nicht mehr, in welcher Wirklichkeit er sich befindet, und nässt die Allgemeinheit mit seinem Seich ein. Ob sich der gemeine Dummklumpen als Außenminion gegen Arbeitslose wendet, denen er unentgeltliches Schneeräumen auf Privatgrundstücken empfiehlt, oder als Besitzer eines Privatjets zur Mittelschicht gehören will, koste es dieses Steuerzahlerpack, was es wolle, sie werden mit tödlicher Sicherheit nach einem Tag die Presse vollpöbeln, wenn sie ihr bisschen Gemächt zu weit haben hängen lassen. Die anderen sind schuld, in ihrer Schicht wäre keiner auf die Idee gekommen, sie falsch zu verstehen.

Am deutlichsten erkennbar sind die von der Macht korrumpierten Darmleuchter, die mit ihrem Schmonz den Rest der Population veralbern, als sei der gemeine Hirnschadensympathisant gewohnt, dem rhetorischen Tischfeuerwerk rechtslenkender Hohlschwätzer zu folgen, bis der Neurologe bei Null den Knopf drückt. Die entscheidenden Deppen also hocken auf den Schlüsselstellen der Stärke, um ihre autoritär verwarzten Persönlichkeitsreste in den Diskurs zu schlenzen. Nicht nur weltentrückt und intelligenzfremd ist die Parallelabteilung zum gemeinen Mann, sie reklamiert für sich auch stets das Rechtgehabe, das nur da unangenehm auffällt, wo es plötzlich auf Widerspruch stößt. Möglich ist es immerhin, dass sie – bestimmte Neigungen vorausgesetzt – aus reiner Lust an der Provokation Zweideutigkeiten vom Stapel lassen, aber das ist eine andere Geschichte. Sie sind Opfer, die mit dem Gelegenheitsverkehr auf dem geistigen Standstreifen überfordert werden, weil ihnen keiner richtig zuhört. Nie. Was braucht ein Charismatiker schon außer Publikum, das ihm das Wasser reichen kann, auf seinem Niveau ist und auch sonst alles so begreifen würde wie er, wobei: nein, Moment mal…





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIV): Das Weinfest

2 10 2020
Gernulf Olzheimer

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Die ersten Spuren des Anbaus sind schon in der Jungsteinzeit nachweisbar, die frühe Meisterschaft des Kelterns entstand an den Gestaden des Schwarzen Meers. Während im Zweistromland die Angestellten der Gottkönige noch am Dünnbier nuckelten, quetschte man am Kaukasus Trauben, um sich mit Hilfe von Biochemie vor einem Tag mit Kopfschmerzen aus der Hölle wenigstens noch einen lustigen Abend zu machen. Bis heute hält sich hartnäckig die Ansicht, der Konsum von Wein sei eine einigermaßen kultivierte Angelegenheit, zu der bereits ein durchschnittlicher Supermarkt das erforderliche Zubehör liefere. Zwar schädeln Bordeaux & Co. nicht so schlimm wie der gute alte Schnaps, vor allem lässt sich die gewünschte Blutalkoholkonzentration leichter und über einen längeren Zeitraum hochpegeln, aber der Nachschub ist mit einer größeren Menge an Altglas verbunden, die aus mehreren Besuchen beim Dealer resultiert. Immerhin ist die Kombination von Roggenkorn und Seezunge oder Wodka zum gemischten Salat in der bürgerlichen Gesellschaft nicht ganz so populär geworden – in Ausnahmefällen darf man zu rotem Fleisch auch klaren Fusel reichen – und wurde nie ganz durch die Konventionen ersetzt, die man für gewöhnlich mit der besseren Gesellschaft assoziiert oder zumindest noch vage in Erinnerung hat. Unangenehm nur, dass Gesellschaft stets irgendwas mit Menschen zu tun hat, mit denen man sich trifft. Zum Beispiel auf dem Weinfest.

Diese unangenehme Jahreszeit, in der es inzwischen nicht mehr so heiß ist, dass man unter dem Vorwand gesundheitlicher Vorsorge ganztags in der eigenen Wohnung bleiben darf, ebendieser Spätsommer bis Frühherbst ist überliefert als Zeit der Lese, was in dieser industriell geprägten Epoche auch nichts anderes heißt, als dass Erntehelfer aus wirtschaftlich abgeschlagenen Halbdiktaturen für ein paar Wochen in verwarzten Baracken ihre aus der Heimat eingeschleppten Infektionen auffrischen und nebenbei durch die auf Ertrag optimierten Steilhänge kriechen, um tonnenweise Trauben in die Vergärungsmaschinerie zu pfropfen. Doch das alles will der mittelmäßige Gelegenheitssäufer nicht wissen, in seiner Vorstellung sind’s noch immer die ländlich-sittlich gekleideten Winzer, wie man sie aus der Klischeefabrik des Tourismus kennt, die die Frucht wacker in den Bottich schlenzen und mit eigener Mauke zusammenstampfen. Dann also lockt auf jeder verfügbaren Freifläche, die vom Stadtmarketing nicht rechtzeitig für anderweitige Allotria reserviert werden konnte, ein gar lustiges Durcheinander aus billigen Bänken, erzeugerseitig zusammengeschwiemelten Buden regionaler Art und Anmutung sowie das nackte Grauen an Deko, wie sie nur im rieslinggeschwängerten Halbschlaf der Vernunft ersonnen wird. Als kulinarisches Angebot fungiert ein Ensemble vorgetrockneter Käsereste, ergänzt von Flammkuchen, wie man sie aus dem Discounter kennt und schätzt, wenngleich sie dort etwa 280% weniger teuer sind. Es soll ja, man kennt dies von Oktoberfest und Adventsmarkt, am Ende etwas rauskommen.

Nachdem die gründliche Fehlannahme sich in der Bevölkerung festgefressen hatte, alles mit zwei Fingerbreiten Abstand vom Mindestlohn sei bereits Mittelschicht, setzt sich diese Klientel auf morsches Gebälk und schunkelt unter Druckbetankung, oft in sensorischer Unkenntnis der jeweiligen Produkte, die gerade ausgeschenkt werden. Nicht eben selten prangen auf den Plastekanistern Klebeschildchen wie Silvaner, Rivaner, Grauburgunder oder Bitte erst durchspülen, am Morgen eines neuen Tages vom Patron lotteriemäßig aus der Schürzentasche gekramt. Kein Sommelier könnte im Halbdunkel und unter schwerem Einfluss von Kölnisch Wasser aus der Transpiration vorgerückter Alterskohorten die Flüssigkeiten an der Konsistenz erkennen, an der Farbe schon gleich gar nicht. Da zeitgemäße Events auch dieser Art inzwischen unter ballernden Beats aus der Elektrokonserve stattfinden, hat sich die genießerische Qualitätseinschätzung der Ware mit einem abrupten Nachmöpseln verabschiedet.

Zugleich ist das Weinfest die harmlose kleine Schwester der Bierveranstaltungen, mit denen zwischen Ende und Anfang des Bodenfrostes unter freiem Himmel drogeninduzierter Kontrollverlust als traditionelles Brauchtum verkleidet gefeiert werden dürfen. Sich gepflegt einen hinter die Binde zu bembeln und dabei wildfremden Personen in die Epidermis zu rutschen, das macht den speziellen Reiz der Leberrallye aus. Drei Tage, zwei Wochen oder irgendwas dazwischen treffen sich ganze Soziotope zum Synchronlallen. Es schweißt alles zusammen, was unter normaler Betrachtung noch nie zusammengehören wollte. Immerhin fügt sich dieser Veranstaltungstyp bestens in die Mentalität der Teutonen ein, die aus historischer Perspektive sonst nur Geplärr im Hopfenkoma als Ruhestörung an die Polizei melden und dafür die Prügelstrafe fordern. Und eines muss man dem Weinfest zugutehalten: es gab und gibt nirgends, nicht und nie eine einzige Blaskapelle bei diesem Bums. Keine. Mehr Kultur kriegen Deutsche nicht hin.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIII): Podcasts

25 09 2020
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die größte Herausforderung an menschlicher Kommunikation ist ihre Gegenseitigkeit. Getreu dem pragmatischen Axiom, man könne nicht nicht kommunizieren, schwafelt nun eins den anderen an, und wie Menschen nun einmal miteinander reden – aneinander vorbei nämlich – ist ihnen jeder Inhalt gleichgültig, Hauptsache: ein mäßig moduliertes Grundgeräusch verlässt das Gehege der Zähne, fernab von Verstand, Verständigung und Verständlichkeit. Wer aus reiner Gewohnheit zur Fröhlichkeit neigt, wird sich auf einer Cocktailparty dem verbalen Sperrfeuer des Nuscheltierzoos aussetzen, um Alkohol in die Birne zu kriegen, während masochistisch Veranlagte sich auf der Familienfeier bei Torte und Schnaps die amorphen Tiraden zwanghafter Laberer antun. Nach dem dritten Durchgang von Opa, der wieder vom Krieg erzählt, einer endlästigen Erbtante, deren einziges Interesse scheint, ob die jüngeren Clanmitglieder schon im Reproduktionsmodus sind, sowie einer frustrierten Hausmeistergestalt, die nach drei Scheidungen und Bewährungsstrafen im niedrigen zweistelligen Bereich argumentativ in die Ecke gedübelt noch lauthals verkündet, dass die arbeitslosen Ausländer uns die Frauen wegnehmen, irgendwann dann schalten sich die Synapsen auf Null und löschen, was auch immer vorher darin festgeklebt war. Ähnlich spannend ist nur noch die Bedienungsanleitung ältlicher Haushaltskleingeräte, vorgetragen mit der Anmut einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin. Oder eben ein Podcast.

Brecht hatte recht, als er seine Radiotheorie der leidenden Hörerschaft vortrug: schlimm ist, wenn einer etwas zu sagen hat und keinen hat, der ihm zuhört, und schlimmer, wenn einer zuhören will und nur solche findet, die nichts zu sagen haben. Der Konservenfunk geht stolpernd eine kleine Stufe weiter, da auch hier irgendjemand nichts sagt, meist mehrere Stunden lang und gerne mehrmals, und es ist ihm von Herzen wumpe, wer alles weghört. Im Gegensatz zum Hörspiel, das neben literarischem Anspruch öfter durch Inhalte auffällt, quillt die Hörsuppe unstrukturiert aus dem Netz, das als Ort des unbefleckten Empfangs heute jedem technisch unbedarften Freizeittalent die Möglichkeiten bietet, beliebigen Schmodder zu speichern und bis zum endgültigen Abschmelzen der Polkappen kostenfrei bereitzuhalten. So weit, so hübsch.

Wie der digitale Druck jede Menge Schmodder auf den Markt geschwiemelt hat, weil plötzlich jede Fußhupe meint, die Kunst des Erzählens zu beherrschen, so schwadroniert auch eine Heerschar intellektabstinenter Erklärbären plötzlich Mengen an schwer verdaulichem Schall auf die Festplatten dieser Kohlenstoffwelt, für die sich das Anwerfen einer Schreibmaschine meist nicht gelohnt hätte. Die thematische Vielfalt übersteigt nur selten den Radius des eigenen Nabels; wozu auch, wird das Elaborat doch meist nur von kleinem Klüngel konsumiert, der sich für den Inhalt – Backen, Weltpolitik, irgendwas mit Medien – sowieso nicht interessiert, aber irgendetwas zum Einschlafen braucht. Wie auf dem weiten Feld der Printprodukte übersteigt die Zahl der angebotenen Titel längst die verfügbaren Verbraucher, die statistisch 25 Stunden am Tag die Lauscher gestopft bekommen müssten, um den ganzen Krempel zu Lebzeiten wegzuhören. Aber wer will das schon.

Zumal es kaum möglich wäre, weil an anderen Fronten ähnlich geballert wird. Videodienste und Streamingplattformen buhlen mit dem Rundfunk um ungeteilte Aufmerksamkeit, während sich das lineare Fernsehen vor der finalen Grätsche rettet. So verlockend die emanzipatorische Funktionalität der digitalen Kanäle auch ist, sie wird auch hier nur als Einbahnstraße genutzt. Einer redet, den anderen fallen die Augen zu. Wer Schule lustig fand, wird Podcasts lieben. Und macht vermutlich selbst einen.

Inzwischen haben sogenannte Prominente das Medium für sich entdeckt – mäßig begabte Knalltüten, die gestern noch keiner kannte und jeder morgen vergessen haben wird – und casten fleißig pod, dass es seine Bewandtnis hat. Wer nicht bedeutend genug ist, seinen Nachnamen auf eine Zeitschrift tackern zu lassen, muss halt regelmäßig vor einem Mikrofon sitzen und Belanglosigkeiten in die Umgebungsluft plappern. Ab und zu peppt sich einer der Profilneurotiker durch Gäste auf, die auch nur Nebensächliches quasseln und das Zeug nicht besser machen. Mangels messbarer Kompetenz wird so jedes Format von bröselndem Smalltalk verschüttet, einem Verbalglutamat, das bereits im Ansatz sinnvolle Strukturen verpappt und verpopelt, ob im astrophysikalischen Kontext oder in Spiel, Sport, Mord. Vielleicht taugt es ja, um die drei Stunden Stau auf dem Weg zum Arbeitsplatz angenehm zu gestalten, vielleicht es aber gerade an der sittlichen Verrohung im Straßenverkehr schuld: wer ständig Schrott hört, will ihn irgendwann auch sehen. Die Hoffnung bleibt, dass sich das Klangbad irgendwann als akustische Meditationskulisse zur endgültigen Aushöhlung der Kalotte etabliert, und dann folgen Erleuchtung, Liebe und Frieden. Aber das wollte Opa sicher auch, und dann hat er wieder nur vom Krieg erzählt. Bis zum bitteren Ende.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXII): Die wissenschaftliche Sprachbarriere

18 09 2020
Gernulf Olzheimer

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Eines schönen Tages, der so finster gar nicht war, wie man sich heute das Mittelalter vorstellt, da schlug Meister Godehard seinem Lehrjungen auf die Schulter und machte ihn mit der wichtigsten Weisheit des Gewerks vertraut, das bis auf unsere Tage seine Gültigkeit besitzt: querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Seither haben wir die Kernkraft entdeckt, sind zum Mond geflogen, bestellen Obst und Fahrräder im Internet, sehen ein paar Deppen dabei zu, wie sie hauptberuflich mit Autos immer im Kreis herumfahren, und kippen unseren Müll ins Meer. All dies geschieht aus tiefem Unverstand, da wir die Zusammenhänge des Lebens nicht recht kapieren. Doch kein kluger Mann, kein Handwerker und keine Professorin, würde aus heiterem Übermut je auch nur eine querstiebige Wunze nach Gefühl und Wellenschlag abknörzen. Die Folgen wären immens, nicht sofort ersichtlich, mittelbar aber katastrophal. Wie viel Jammer, Pein und Ungemach ließe sich verhindern, würden wir die klaren Worte der geistigen Vorbilder für Gelehrtheit halten, statt ihnen Simpelei zu unterstellen? Sind wir nicht alle Opfer der wissenschaftlichen Sprachbarriere?

Wo immer Fachleute sich auf einem Haufen befinden, müssen sie sich über die wichtigsten Dinge auf diesem Planeten unterhalten. Erst durch eine lebhafte Diskussion, dass das Geräusch dem gehört, der das Federwild aufbricht, wird die an sich selbstverständliche Regelung vom Waidmann zum anderen nochmals bekräftigt – regelmäßig, wie der Jurist anmerkt, da es überdies billig ist. Der Heizungsbauer denkt sich seins, während Koch und Coiffeur um die Wette blondieren, der Bergmann eine Pfeife bohrt. Nichts ist für den Zusammenhalt in der Gruppe besser als gemeinsames Vokabular, das Sinn stiftet und bisweilen die Zaungäste, die mitreden wollen, es aber nicht können, ausschließt. Außerdem würde es dem Arzt maximal auf die Plomben gehen, statt ‚Hypovolämischer Schock‘ jedes Mal eine Kurzgeschichte zu erzählen, damit die Pfleger wissen, ob es sich noch lohnt, die Ärmel hochzukrempeln. Die Sprache ist eine Übereinkunft synchron tickender Individuen, die sich die Welt ein bisschen einfacher machen wollen, etwas genauer und nicht ganz so unsicher. Ein wesentlicher Prozess der Wissensdifferenzierung besteht darin, unterschiedliche Sachverhalte mit unterschiedlichen Begriffen zu benennen, auch wenn die Alltagssprache regelmäßig die juristische Regelmäßigkeit verkennt. Sie stellt ein Modell her, mit dem sich die Welt erkennen und beschreiben lässt, und sei sie noch so theoretisch.

Der Zwang gewisser Kommunikationslurche jedoch, möglichst verworrenen Schmodder zur Verdeckung von Nullinformation in die Gegend zu schreiben, ist nicht neu und hält an. Wen würde es wundern, beschlösse irgendwann eine ganze Generation, eine Wissenschaftsdisziplin mit voller Ignoranz in die Endablagerung zu befördern, weil ihr zum Mysterium aufgeblasenes weißes Rauschen jeden Versuch im Keim erstickt, sich ernsthaft damit zu beschäftigen? Ist dann der Zweck dieser Beschäftigung mit intellektuell niederschwelligen Angeboten auf einem künstlich hochgeziegelten Niveau nur das Bedienen der Heißluftposaune, um sich selbst unfassbar klug zu fühlen? Jahrhunderte haben die großen Denker um Klarheit gerungen, in den Gräben des Geistes dümpeln lediglich trübe Tümpel vor sich hin. Die Unverständlichkeit wird zum Fetisch, wo sie umgekehrt proportional zum Erkenntnisgewinn der Schwurbelei nur ein Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana liefert.

Der Verdacht erhärtet sich zusehends, dass gewisse Disziplinen wie die Soziologie nur dazu erfunden wurden, damit man eine verschwiemelte Terminologie überhaupt verwenden könne, denn wer sonst hätte für den verbalen Bauschaum in flamboyantem Gepränge noch Verwendung als ein Pausenclown, der hysterisch sein Spiegelbild anbalzt. Größtmögliches Getöse liefern sonst nur die heideggernden Hilfshegel, die sich in ihrer Welt als Wille und Zwangsvorstellung heillos verkanten. Wozu auch immer diese Protzbrocken sich ein Rangabzeichen an die eigene Brust tackern, sie erweisen der Suche nach Wahrheit einen Bärendienst. Wie das Sozialgerümpel langfristig als Intelligenzsimulation durchgeht, interessiert nur die im luftleeren Raum, die sich nicht mit anderen Personen abgeben, weil es ihnen objektiver scheint. So wird nun also geworfene Dunkelheit des Soseins im Gewese des Dinglichen ein Ist-Status, dessen sich vorweg befindlicher Entwurf als Eigentlichkeit des Weltbezugs vorweg ist, je nach Vorlauf auch im Gegenteil oder mit Blümchen. Schlimm wird es nicht, wenn einer der Heißluftschlümpfe es nicht durchdringt, richtig schlimm wird es, wenn einer von ihnen vorgibt, den Müll zu verstehen. Mehr Schaden wird nie sein, als wenn Scheinriesen auf den Schultern von Zwergen herumstelzen. Man soll querstiebige Wunzen immer schöllig abknörzen, weil sonst die Raufen sich verhuddern. Mehr reine Hermeneutik geht nicht. Der Rest ist hoffentlich Schweigen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXI): Tierdokumentationen

11 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nicht alles schlecht. Das Buntkehlchen zwitscherte morgens durch den kleinen Wald, der Erdpuschler warnte mit Gejiekel und Gefiep vor der Säbelzahnziege, anmutig düngte das gemeine Reh den Boden. Ab und zu schmeckte das Buntkehlchen als Beilage zum Fruchtmus, ab und zu regulierte die Säbelzahnziege den Bestand an Hominiden in der Siedlung am Rand der Savanne. Die Berichte von Einhörnern waren möglicherweise übertrieben, vor allem die hinreißenden Malereien späterer Generationen, nachdem die Art wegevolutioniert worden war. Dann baute der Mensch Kathedralen und Fabriken, planierte die Vegetation für mehr Parkplätze und stellte bekümmert fest, dass er die Erinnerung an früher langsam verlor. Nichts half. Erst die Erfindung des Fernsehens brachte Rettung, wenn welches Medium sollte sich sonst eignen für die gemeine Tierdoku?

Wir werden alle zu tränendrüsigen Deppen, die sich vor dem Brüllgerät scharen, wenn Eich- und Streifenhorn putziglich ihr Nüsslein knabbern, die Katz ihr Kindchenschema in die Kamera drückt und der Eisbär, kurz vor der Ausrottung zugunsten des deutschen Menschenrechts auf einen Diesel-SUV, glücklicherweise in Gefangenschaft seinen Hering wegmüffelt. Überhaupt pelzig, drall, schnuckelig oder wild, gefährlich und trotzdem populär – kein Zuschauer hat Bock auf die Klapperschlangen-und-Giftfrösche-Show – schon tritt die gewünschte Serotoninauskippung im Betrachter ein, mit der die beiden gewünschten Effekte kommen. Zum einen ist jedes Tier lieb.

Wer sich schon einmal die Mückenstiche einer lauen Sommernacht blutig gekratzt hat, darf gerne die alternative Wahrnehmung bemühen. Auch die Besiedelung eines Bordeauxschwenkers mit der szenetypischen Fruchtfliege, die aus den Resten der Radieschen im Küchenkübel entstammt, trägt nicht zur Akzeptanz des Geziefers bei. Nachbars Mieze ist so lange süß, bis sie vor versammelter Meute einen Singvogel in seine anatomischen Einzelteile zerlegt. Der Quotendackel, der für treue Augen und phlegmatischen Move dem Flachdachscheitelbürger ans Herz wuchert, erledigt mit dem Hamster zwei Türen weiter auf dem heimischen Rasen dasselbe Gemetzel: Leben und sterben lassen. Das mählich von Internetvideos aufgeweichte Resthirn sieht eine Katze mit einem Dutzend Küken und wundert sich, warum hier kein Splatterzeugs abläuft. Vermutlich hatte Muschi zwischendurch Streicheleinheiten, was direkt zur nächsten Baustelle führt.

Tiere werden grundsätzlich vermenschlicht. Da guckt die Großkatze noch mal über den eigenen Nachwuchs, und schon haut es die Jungen des vorherigen Abteilungsleiters weg. Es dient natürlich nur der Arterhaltung durch genetische Dominanz, wird aber trotzdem selten gezeigt. Ebenso wird die schnuckelige Anhänglichkeit der Heuler als Image des Säuglings verkauft, der ohne industriell-militärischen Komplex in Ruhe durch die Nordsee paddelt, aus dramaturgischen Gründen aber die Medienpräsenz vorzieht. Kein Hirnzellensolist ist in der Lage, sich die Notwendigkeit einer Aufzucht zu wünschen, für die Heimtiere aber haben wir die erforderliche Nähe bereits hergestellt, um die Biester zu funktionalisieren – immer schön, wenn das Frettchen im Bettchen pennt, der Hase im Drahtknast an Unterforderung wegsackt und die Schildkröte ihre letzten hundert Jahre in gepflegter Ignoranz verbringt. Die uns eingeschwiemelte Vorstellung kriegen wir nicht mehr raus. Auch nicht, wenn man die Viecher im Zoo filmt, satt und sauber und verdächtig kritiklos, bevor man sie wie unsere Senioren in die Endablagerung schickt. Sehr viel lustiger wäre es, alle Scheuerstellen im Ansatz zu zeigen, wie wir mit anderen Spezies umgehen.

Abgesehen vom üblichen Sozialporno könnte eine Dauerserie durch die Kanäle suppen, die Tierrechte thematisiert, das Artensterben (gerne ohne die sonore Erzählerstimme, die das Abnippeln des Klappschenkelwalrosses lakonisch weglabert), vor allem die Massentierhaltung, mit der sich die Hominiden schon das Grab geschaufelt haben. Wir waren ja bei den Menschenrechten, und keiner Sau kann man klarmachen, warum man Quokkas oder Faultiere nicht einfach ausblenden darf. Man darf das natürlich. Aber nur aus Gründen.

Wir selbst sind die Antwort. Sinnvoller wäre es, die Dummklumpen unserer eigenen Spezies in der Fülle ihrer tierischen Beklopptheit zu zeigen, ein Minderheitenprogramm zwar, aber sehenswert, wie wir bei Aufzucht und Hege des Nachwuchses aus reiner Eigensucht kläglich versagen, auf kleine bunte Bildschirme glotzen, während wir uns die Birne mit allerlei Lösungsmitteln zuziehen, über betonierte Pisten durch die weggeklappten Wälder heizen, das planetare Klima aufschaukeln und die anderen Arten ausradieren. Der entscheidende Störfaktor sind wir, die aus dem Ruder gelaufene Laune der Natur, die als erste Besiedelung ihr komplettes Habitat in die Tonne treten kann und das auch lustvoll tut. Immerhin, wir haben dabei eine nostalgische Liebe zur Kreatur entwickelt. Denn wo hat es der Eisbär so schön wie im Zoo?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXX): Die konformistische Revolte

4 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Üblicherweise erkennt man sie an nicht mehr akzeptablen Haartrachten, Kleidern außerhalb des gesellschaftlich tolerierbaren Geschmacks oder den falschen Drogen. Sie heben sich demonstrativ ab von dem, was sie Mainstream nennen und was innerhalb dieses Mainstream normal heißt. Ihr jugendliches Alter verleiht ihnen neben einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber den Alten, die ihnen diese ganze Scheiße eingebrockt haben, auch ein hoffnungsvolles Zeitfenster, um die ganze Scheiße zu beseitigen. Die Revolte widersetzt sich dem Zustand, je nach Standpunkt wird aus einem Aufwiegler im mählich schwindenden Licht der Geschichte ein Freiheitsheld, der als Anker im gesellschaftlich zementierten Zeitgeist für die Beharrung steht, gegen die spätere Generationen von Halbstarken trefflich randalieren können. Was aber, wenn die Krawalleros den Krieg für noch mehr Scheiße anzetteln?

Gegen jedes Problem, sei es wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Natur, in letzter Zeit auch als geballte Konsequenz der spätkapitalistischen Zerstörung des planetaren Lebensraums, haben die Aluhütchenspieler am rechten Rand die Antwort parat: finde eine Minderheit, der man die Schuld in die Schuhe schieben kann, ignorier das Problem in allen seinen Voraussetzungen und Folgen, und wenn es damit komplett in die Grütze geht, dann kommt nach dem großen Knall und ein paar Toten mehr als geplant sicher wieder eine Jugend, die sich nicht mit dem Narzissmus der konformistischen Revolte zufrieden gibt. Vorerst aber jodeln die autoritär gepolten Schlümpfe nach der Regression, weil sie gegen ihr demoliertes Ego treten, um sich danach in der typischen Opferhaltung der infantilen Omnipotenz zu suhlen. Sie wollen Teil der Macht sein, am liebsten der Allmacht, noch lieber aber sich ihr bedingungslos unterwerfen. Wir überaus praktisch, dass die verklemmten Parallelexistenzen mit ihren blutiggebissenen Fingernägeln als feiges Streberpack noch gesellschaftlich integriert werden, da analfixierte Schwachmaten für den Mittelbau der Diktatur unersetzliches Schleimbeutelmaterial sind.

Regelmäßig fällt dieses Gebaren zurück auf geistige Gehhilfen wie nationale Identität und rassistische Feindbilder (ohne die populistisch-identitäre Politik niemals überlebensfähig wäre), damit sich die Waschlappenkaste Allmacht und Potenzgefühl zusammenfantasieren kann. Sie sind nicht handlungsfähig als Subjekte der sozialen Ordnung, als deren Opfer sie sich begreifen, da ihr gesellschaftlicher Platz nach eigener Einschätzung nur am Ende der Nahrungskette sein dürfte – wo sie sich in einer zunehmend komplexeren Welt nicht aus Gnade an der Autorität berauschen dürfen, die ihnen vollkommene Befehlsgewalt verleiht, erleben sie ihre narzisstische Kränkung täglich neu, indem sie andere als gleichgestellt erleben, als nicht mehr per se unterworfen und minderwertig, und flugs leiten sie daraus das Bestehen einer tiefen und bösen Ungerechtigkeit ab, die nur mit Hilfe von struktureller Gewalt und radikaler Vereinfachung beseitigt werden kann.

Damit der angeblich revolutionäre Impetus noch ein bisschen aus der Urne stauben kann, schwiemelt sich der ideologische Bodensatz aus den üblichen Versatzstücken traditionell bestehender Gruppen, Rassen oder Völker eine erneuernde Wirkung zusammen, großdeutsch oder panslawisch, bei mangelnder Impulskontrolle gerne auch christlich-abendländisch, damit keiner riecht, welch ein Aufstand der Gartenzwerge hier von Aposteln der Unterkomplexität verkündigt wird. Noch in der Verniedlichungsstufe einer geistig-moralischen Wende, mit der die Kamarilla um den oggersheimer Gesäßtaschenspieler die soziale Segregation, das Familienbild katholischer Klemmschwestervereine und die Tiefenzerstörung aller ethischen Wert der europäischen Aufklärung zum Staatsauftrag werden ließ, zeigte sich die manische Wut der Versager, dass sie das Rad der Geschichte nicht einfach anhalten, besser: demontieren können, damit keiner das Scheitern der Entsolidarisierung auch nur als unausweichlich bemerken würde.

Die Flachdachscheitelbübchen mit den scharfen Bügelfalten, die ihre ersten Masturbationsübungen unter einem Kanzlerstarschnitt absolviert haben, sind nie in Konflikt geraten mit den Herrschern, die sie doch am liebsten mit dem Schlagring vom Thron befördert hätten – sie haben abgewartet, sich in der Zwischenzeit radikalisiert und nie ihre Idole in Frage gestellt. Sie haben geschossen, aber nur nach unten, um ihre Reputation in der Bourgeoisie nicht durch Lackschäden zu gefährden. Ab und zu haben sie zugebissen, wenn eine der Mächtigen nicht mehr zu halten war; dann mussten sie zu den Siegern gehören, denn keiner mag die, die einen Gestrauchelten im Zweifel verteidigen. So sauber gewaschen und adrett frisiert dieser Aushub sich dem sogenannten Volk andienert, er will nicht als eine amorphe Masse, die ihn wählt, bis es nichts mehr zu wählen gibt. Sie wählen ihn und sie geben ihm die Macht, es zur Schlachtbank zu führen. Sie versprechen uns Scheiße, und keiner kann sagen, sie hätten ihr Versprechen je gebrochen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXIX): Die Theorie der kulturellen Phasenverschiebung

28 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein unverzichtbarer Inhalt der Ausbildung zum Jäger und Sammler war der professionelle Umgang mit der Keule, wie sie Ugas Vorväter schon mit einigem Geschick bedienen konnten. Dies umfasste Fertigung und Wartung des Gerät, den Einsatz und die dazu notwendigen körperlichen Fähigkeiten, die meist am Kleingetier trainiert wurden, bis sich zur Jagdprüfung der jugendliche Absolvent einzeln an die Säbelzahnziege wagen sollte. Überlebte er das Examen, und das war nicht ausgeschlossen, so gab es in den folgenden Tagen gleich noch schmackhaft zubereitetes Wildbret. Leider ging allmählich das Wissen um die Keulenjagd unter, obwohl sich noch immer alle Heranwachsenden ans Schnitzen und Ballern machten, um in der Sippe einen Platz als vollwertige Mitglieder zu erlangen. Nur war die Säbelzahnziege inzwischen rar geworden, der Löwe hatte es sich am Ende der Nahrungskette bequem gemacht und fand das Habitat der Hominiden recht wohnlich. Wobei ihn die Hominiden ein bisschen nervten, da sie alle paar Tage mit ihren albernen Keulen ankamen, Lärm machten und dann nicht einmal sättigten. Andere Bewohner des Landstrichs kamen irgendwann auf die Idee, das Jagdgerät an die Beute anzupassen und den vom Fischfang als geeignetes Instrument bekannten Speer auch zum Werfen zu benutzen. Uga aber dachte langsam und an der Problematik vorbei. Was nicht heißt, dass mit ihm die Theorie und Praxis der kulturellen Phasenverschiebung ausgestorben wäre.

Natürlich treibt der technische Fortschritt unsere Gesellschaft an. Täglich schwiemeln sich mehr oder wenige kluge Köpfe neue Erfindungen zusammen und schmeißen sie auf den Markt, um das Leben als solches schöner, bunter, sicherer oder wenigstens für andere weniger angenehm zu machen. Dabei zeigt jedoch die Geschichte, dass die Menschheit zuverlässig zu blöd ist, um damit auch umgehen zu können – in vielen Fällen ist unsere an Bedürfnisse voraufgegangenen Generationen angepasste Welt nicht geeignet, mit der Veränderung umzugehen. So fahren wir heute nicht mehr mit kleinen, wendigen Autos durch die Innenstädte, deren Planung und Bau meist Jahrhunderte her ist, der gemeine Depp walzt im Straßenpanzer durch enge Gassen und nervt mit dem ewigen Gejammer, dass er auf dem Parkplatz nicht mehr aussteigen kann, weil neben ihm dasselbe Monstermodell steht und das Öffnen der Fahrertür zwangsläufig Blechschäden macht. Ab und zu löst ein Krieg die Situation, dann bombt der ehemalige Wirtschaftspartner das historische Ensemble zu Schutt und ermöglicht den Neubau in kraftfahrzeuggerechten Dimensionen. Was so flink und praktisch erscheint, ist jedoch wegen der nicht nur angenehmen Nebenwirkungen unbeliebt und lässt sich auch politisch nur mühevoll durchsetzen.

Dabei wäre diese Lösung tatsächlich hilfreich, wenigstens in Form einer mittleren Katastrophe oder Revolution ist manches denkbar. Zog einst die Industrialisierung Arbeitskräfte zusammen und ließ sie in der Fabrik werkeln, so verharrt doch die Rolle der Frau noch heute im ausgelutschten Klischee als Gattin und Mutter, die zwar irgendwann wieder in den Beruf zurückkehren darf, aber höchstens in der Teilzeitfalle, falls sie überhaupt eine Betreuung für die Blagen bekommt und nicht alleinerziehend den Zorn der Selbstgerechten auf sich lenkt. Auch hier haben militärische Ereignisse die Einbindung der Frau in den Wirtschaftsprozess gefordert und stark beschleunigt, mit dem Ergebnis, dass das im Biedermeier eingekrustete Geschlechterstereotyp gründlich wegplatzte. Insofern wäre sicher eine von den Folgen des Klimawandels getriggerte Havarie ein gewaltiger sozialer Kipppunkt.

Dass wir noch nicht genug von der Gegenwart kapieren, um über die Zukunft urteilen zu können, zeigt der Kopfschrott, der in der aktuellen Krise zum Thema Digitalisierung aus den Luken quillt, hinter denen man Bildungsexperten vermutet, obwohl ihr intellektueller Output daran zweifeln lässt. Selbstverständlich erwarten wir von Kindern und Jugendlichen digitale Kompetenzen, um in der Arbeitswelt anzukommen, während gleichzeitig die pädagogischen Angebote auf dem Niveau von Kasperletheater herumdümpeln, sekundiert von der dünkelhaften Aggression gegen das Smartphone, das lediglich als Suchtfaktor betrachtet wird, oder E-Sport, den durchschnittliche Hobbypsychologen als sicheren Weg in den Terrorismus betrachten. So überzeugt sind wir von den Wundern, die uns die moderne Technik irgendwann bescheren wird, dass wir gar nicht daran denken, die Folgen der digitalen Revolution auf dem Arbeitsmarkt, in Medien und Industrie konsequent zu Ende zu denken. Es wird nicht mehr reichen, Megastores mit Gigaparkplatz auf die grüne Wiese zu klatschen, damit alle für ein Sträußchen Petersilie zehn Liter Diesel in die Luft pesten können. Früher oder später lässt sich ein nicht mehr zu ignorierender Teil der Konsumenten das im Netz georderte Zeug ins Haus liefern. Aber vielleicht ist das unrealistisch, weil wir schon jetzt in den Metropolregionen eine digitale Infrastruktur haben, die in manchem ostasiatischen Fischerdorf um Längen besser ist. Der Krieg findet nicht statt. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVIII): Spruchweisheiten

21 08 2020
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss an einem klimatisch suboptimalen Tag im Winter gewesen sein, als Rrts Sippe nach der Suppe noch um die Feuerstelle saß, um sich zu wärmen. Einer der jungen Jäger wusste nicht, wie er seine eisigen Pfoten wieder beweglich kriegen sollte, und so hielt er sie gefährlich nah an die Flammen, näher und immer näher, bis er nach dem kurzen Moment des gerade noch Erträglichen mit einem markerschütternden Schrei aufsprang, denn er hatte sich, der geneigte Leser der Gegenwart ahnt es wohl, die Finger verbrannt. Die Gefährten halfen schnell, doch der Alte, der seinerzeit persönlich die Säbelzahnziege am Hang beim kleinen Flüsschen erlegt hatte, fasste das Geschehene für alle anderen noch einmal didaktisch aufbereitet zusammen in moralisch wirksamen, leicht zu memorierenden Grunzlauten, wie sie bis zur Entwicklung der ersten Grammatik üblich waren: Wer die Hand zu nah ans Feuer hält, verbrennt sich die Finger. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf, die Spruchweisheit als Nerven schmirgelnde einfache Form ward geboren und ist bis heute lebendig ohne Hoffnung auf ein nachhaltiges Ende.

Noch heute leiden wir unter den Ereignissen in jener Behausung; von Mesopotamien bis Peru ist der altkluge Verbalbauschaum aus der Hüfte locker verschießbar und trifft jeden in Kopfhöhe, der sich nicht rechtzeitig in Deckung begibt. Auch wenn im Landkreis Bad Gnirbtzschen noch vereinzelt die Kinder mit Rot – heiß – aua erzogen worden sind – auf mittelalterliche Streubelege hin wurde die Erfindung der Mischbatterie hier verortet – so hielt sich doch die drohende Nachricht von der Gefahr exothermer Reaktionen hartnäckig und gab damit den Subtext weiter, auf den es immer ankam: die Altvorderen haben grundsätzlich recht, es gibt keine Möglichkeit, sich ihrem moralinsauren Urteil gewaltfrei zu entziehen, und das nicht reflektierte Nachschwatzen von derlei Intellektglutamat war der erste Schritt zur Aufnahme in die Gruppe der Alten. Dass Bildung oder Wissen bei dieser Gelegenheit weder gefordert noch gefördert wurden: geschenkt. Der Gruppendruck zählt, der das gemeinsame Bewusstsein verankert, und sei es lauter Unsinn.

In den Niederungen des Volksmundes wurde der aphoristischen Form freilich fleißig gedacht, aber was blieb, war größtenteils Abortwandpoesie des Herzens. Dass, wer nicht sein eigenes Feld bestellt, auch nicht ernten wird, hielt sich erst recht nach der protestantischen Entwertung von Arbeit als ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘ – die Arbeitsteilung hatte schon stattgefunden, die soziale Verantwortung trug aber weiterhin der Leibeigene für den Arbeitgeber, und wer nicht bis heute im Wachkoma gelegen hat, weiß auch, dass es bis heute so ist. Als würde die Obrigkeitsgesellschaft ihre Premiumdämlichkeiten nicht schmerzhaft in die Alltagskultur hämmern, damit sich keiner beim Denken erwischt.

Merklich abgesackt erwischt die formunschöne Sprachverschwiemelung auch den Sinnspruch, das gummierte Spuckbildchen für Poesieabladestation und WhatsApp-Status. ‚Hab Sonne im Herzen‘, quarrt der Sprechdurchfall, ‚sonst wird Dich der Jäger holen‘. Ganze Industrien haben sich um diese klinisch verseifte Absonderung gebildet. Manche sticken den Schmodder auf Paradekissen, um am Sonntag einen Karatekniff reinzusemmeln, manche drucken den Rotz auf Bilder, rahmen ihn, hängen das Zeug in unschuldige Privaträume und sehen den Bewohnern bei Aufzucht und Hege einer passiv-aggressiven Psychose zu. Manche verteilen alles auf Postkarten, die sich infektiös vermehren durch soziale Missverständnisse der Kommunikation in Bezug auf deren rechtlichen Rahmen und das nicht zu unterschätzende Verständnis, jemandem das Licht auszupusten, wenn er mit derlei Botschaften die Schmerzgrenze austestet.

Dabei passt der Inhalt weder zur heutigen Form noch zu den Inhalten der Kommunikation. Würde man die ursprünglichen Botschaften ohne jede Änderung unter das geplagte Volk jubeln, wir sagten heutzutage wohl ‚Wenn sonntags die Tomatenfanfare rechts überholt, wird es ein gutes Jahr für Großtanten an der Heißmangel‘ oder ‚Je fleckiger der Vollmond, desto lauter kegelt der Buckelwal‘. Angepasster an die Gegenwart hätte die Spruchweisheit viel mehr Chancen, sich den Respekt der Kulturgemeinschaft zu verschaffen. ‚Wenn die Kuh jodelt, ist die Hormondosis aus dem Ruder gelaufen‘ und ‚Ausländer, Linke oder Personen mit dunkler Hautfarbe brauchen in der Kleinstadt ihre Adresse nicht extra der Polizei zu verraten‘ sollten in der rezenten Volkskunde nicht fehlen, schon gar nicht da, wo sie gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur widerspiegeln, sondern auch dialektisch verändern können. Ordnung ist ja das halbe Leben, nachts sind alle Katzen grau und jeder ist seines Glückes Schmied, wie ja auch jeder sein Feld bestellt hat, um danach von der Ernte alleine zu leben, ohne irgendeinen Herrscher über sich zu dulden, der nur durch seine sozialen Stellung essen durfte, ohne je in die Nähe von Arbeit gekommen zu sein. Er hätte sich dabei vermutlich auch die Finger verbrannt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXVII): Heimwerker

14 08 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Anfänge waren existenziell. Kaum hatte der Hominide das Konzept der Sesshaftigkeit für sich entdeckt, da wurde er auch schon mit den Zwängen der Materie konfrontiert. Eine Sippenhöhle bot den besten Schutz für die gesamte Nachkommenschaft, war aber wesentlich schwerer zu finden als ein Bauplatz für eine Blätterhütte. Eine Erdhöhle war in wenigen Stunden ausgehoben und mit Astwerk lose bedeckt, bot aber nur Deckung bis zum nächsten Wolkenbruch. Immerhin musste der Frühmensch noch nicht täglich Geschirr spülen – wo hätte er nur das Handtuch zum Trocknen aufhängen sollen. Bis zum Pfahlbau blieben noch ein paar geschmeidige Jahrtausende, in denen er seine Fertigkeiten in die Entwicklung des Handwerks stecken konnte, in den Bau von Werkzeugen, mit denen er dann sein erstes Eigenheim errichten sollte. Mit dem letzten Schlag des Hammers aber begann die Katastrophe, die bis heute anhält: wer es nicht bis ins Handwerk schafft, der wird Heimwerker.

Die Verkleidung aus gehobelter Fichte in Beize Nummer 34 ist noch nicht lotrecht an der tragenden Außenwand der Nasszelle angeschwiemelt, da geht der Werkstoff auch schon in organisch anmutende Wellenbewegung über – hätte man imprägnieren oder zumindest einmal matt überlackieren können, aber schließlich stand davon nichts in der für den Freizeitmaestro gedachten Zeitschrift, nach deren Erwerb man alles, in Worten: alles selbst machen kann, was andere während ihrer Arbeitszeit tun müssen. Der Hobbyinnenarchitekt überlegt kurz, kleistert den Lack in rudimentärer Kenntnisnahme der Schwerkraft mehrlagig auf die Balken, feudelt die Reste vom gefliesten Boden auf, während der dazu verwendete Lappen bereits niedermolekular mit dem Alkydharz sowie der Trittfläche eine feste Einheit zu bilden beginnt, und freut sich über die am Fliesengrund entstehende Raumkunst, die auch seine Arbeitshandschuhe dauerhaft zur Geltung bringt. Doch der Tag ist noch jung; es bleibt noch Zeit, das Versagen an der Kreuzschlitzkopfschraube zu zelebrieren, die zwei auseinandergesägte Stühle zu einer formunschönen Garderobe vereinen und die Summe der einzelnen Teile an die Vertikale montieren sollten. Immerhin löst sich das bizarre Ensemble am Stück von der Tapete, von der es die geschmackvoll unregelmäßigen Risse gleich mit in die Tiefe nimmt, und zerlegt sich erst am frisch versiegelten Parkett aus dem Do-it-yourself-Markt wieder in seine Vorprodukte. Die sichtbar wellig an die Mauer gedengelte Spiegelfliesenfront, die durch mangelnde Ausrichtung ein Bild zurückwirft, wie es die gemeine Stubenfliege nicht besser könnte, ist nicht in Mitleidenschaft gezogen. Die fachgerecht aus mehreren zu kurz und splittrig abgeschnittenen Fußleistenstücke lösen sich unter der Vibration von der Wand, doch das tun sie auch bei zu heftiger Atmung im Nebenzimmer. Wozu also dies alles?

Wie die Zubereitung industriell vorgefertigter Tierprodukte über offenen Feuer, als wäre der durchschnittliche Bescheuerte keine Bürokraft, sondern Holzfäller im Sondereinsatz, scheint die Heimwerkerei als triebbedingte Ersatzhandlung, die atavistische Neigungen sozialverträglich ausleben lässt. Man fühlt sich enthemmt und befreit von den Zwängen der Zivilisation, die übliche Methode von Versuch und Irrtum muss auch auf größere Verluste keine Rücksicht mehr nehmen, und da es dennoch im gesellschaftlich geschützten Raum stattfindet, ist auch das Schamgefühl der Kandare entflohen. Wer das handwerkliche Talent einer Seegurke mit sich durchs Leben trägt, aber mit dem absturzsicheren Selbstbewusstsein eines nordrheinwestfälischen FDP-Führers gesegnet ist, möllert schlankerhand den Lotto-Jackpot für eine Bandsägensammlung raus, mit der die grillenden Steakfresser sonst die kahl gehauene Sahara zu Fertigparkett, Fußleisten und Pressspan verarbeitet hätten, und pflanzt sich ein Monument in den Vorgarten, bei dem Horaz sich grinsend den Lorbeer zurechtrückt.

Empirisch betrachtet ist Handwerken lediglich die ergebnisbezogene Ewigkeitsvorstellung derer, bei denen es – vom Handwerksberuf abgesehen – nicht zur großen Kunst nicht gereicht hat, die bis zum klimabedingten Tsunami in der musealen Stille und Erhabenheit austrocknen, während das Gebein des Schöpfers den Weg des Recyclings geht, wie es auch anderen in der Kohlenstoffwelt droht. Sie wollen sich erzgleich dauerhaft ins Bild der jeweils betroffenen Region prägen, ob mit gemauertem Kamin aus Feldstein oder komplett verschindelter Fassade: sieht scheiße aus, hält aber ewig. Sollte intelligentes Leben in einem Moment der Schwäche diese Galaxie einmal nicht weiträumig umkreisen, sie werden den Schmodder finden, da er sämtlichen kosmischen Grundkräften standhalten wird.

Vielleicht aber ist es auch nur der Drang, Nachbarn und Kollegen neidisch zu machen, indem man die Bude minimal über das Niveau des total Unbehausten hinaus hievt und mangels wirklichem Kontakt den Beweis für einen selbst gegossenen Estrich schuldig bleibt, der nicht als Buckelpiste die Weltmeisterschaft einstreichen würde, fielen nicht die Dachbalken donnernd nach Vollendung darüber zusammen. So verkehrt war die Blätterhütte nicht.