Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIX): Empörungsmarketing

14 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tidekind der Beknackte war sich sicher: vom Drachen volle Möhre ausgemöllert, das musste für ordentlich Gesprächsstoff sorgen. Schließlich war Ludeger der Ersetzbare kurz zuvor mit einer ähnlich dünnen Story in die Liga der A-Promis aufgestiegen und hatte kurzfristig dasselbe Ansehen beim Erzbischof wie Tschülperich von Dingenskirchen. Doch der Held half kräftig nach. Achsbruch durch marodierende Ostsachsen im Gelände, der von der Vollkaskoversicherung natürlich nicht übernommen wurde, die fristlose Kündigung der Schildmaid nur wegen dreier ausstehender Monatsgehälter plus Sterbegeld und Rentenversicherungsbeiträgen, zu allem Überfluss auch noch ein Zauberspruch, der in der Garantiezeit seine Wirkung einbüßte – wer würde da nicht erzürnt die Fäuste in den Äther schmeißen und Gott sowie Welt anklagen? Nur mit Empörungsmarketing, wusste unser Teilzeitheld, würde sich das Blatt wenden. Wenn überhaupt.

Gibt es überhaupt Gründe für die grassierende Aufmerksamkeitsökonomie, so ist das jäh flutende Aufkommen an Skandalisierungstatbeständen ein wesentlicher unter ihnen. Was Werbung an offenen Flanken nicht lassen konnte, was Wahlkampf und andere schöpferische Zerstörung nicht in die Hirne nageln kann, wird mit der Steigerung als einzigem Kriegsmittel erledigt. Ethische Motive sind dabei verhältnismäßig wumpe, sie finden statt, werden abgehakt, gelocht und eingedost. Was sich nicht am Leben erhalten lässt, während die Tiefe der Debatte mählich zu populistischer Grütze gerinnt, hat auch kein Recht auf Leben. Was bisher geschah: nichts. Aber das ist besser als gar nichts.

Die Kunst, den Deppen kommunikativen Brüllmüll in den Neocortex zu schwiemeln, besteht großflächig darin, ihr Interesse auf komplett irrelevanten Quark zu lenken. In Brasilien wird Kaffee ins Meer gekippt, in Hessen leiden die Schweine – freilich vor der Tötung aus humanem Interesse, denn wie sonst ließe sich das Kulturgut Rollbraten realisieren, wenn nicht durch Sau-KZ – und die Öffentlichkeit wird durch den regen Bau von Brunnen und Mädchenschulen der Armee unter Flächenbombardement darauf aufmerksam, wo sich sichere Herkunftsländer befinden. Sind Erwerbslose jährlich für den Leistungsmissbrauch zuständig, den Steuerhinterzieher auch bei Wohlverhalten schon an einem Tag wuppen, die BILD-gebenden Verfahren der sozialen Exklusion drehen ungehindert frei und wünschen den Wehrlosen Warzen und Pest. Keiner denkt an die Kinder, während die Mainstreampresse Hunderte von Kartellen offenlegt, die sich wegen der lächerlich geringen Bußgelder für jeden professionellen Schweinepriester lohnen. Es muss, wenn die Öffentlichkeit ins Spiel kommt, auch noch witzig sein. Aber lassen wir das.

Dekontextualisierung, Rekontextualisierung, die schlichte Deklaration von Fakten als Meinung – jedenfalls nicht besser als andersherum – die Werkzeuge der vulgären Demagogie sind aus steinzeitgerechtem Gussstahl, wenn überhaupt. Aber sie wirken, wenngleich rein zerstörerisch. Seit jeher kristallisiert sich aus dem weißen Rauschen der Kopfarbeitskräfte, dass halbwegs demokratisch verfasste Herden nur dann auch halbwegs demokratisch funktionieren, wenn an der Basis das Bewusstsein herrscht, einem luxuriös ausgestatteten Schmierentheater beizuwohnen, teils als Nebendarsteller, eingesprungener Antiheld oder tragisch geschminkter Chor. Keiner von ihnen käme je in die Verlegenheit des Denkens, sie leben von der suggestiven Regie, schlimmstenfalls durch die plärrenden Bettnässer vom Schnauzbartverleih, sonst von wohlmeinenden Diktatoren. Sie hegen die Bekloppten ein mit Flüstertüte und Schlagzeilen, das nächste Gezeter immer im Anschlag, damit die Hohlhupen nie das Gefühl bekommen, untätig und schweigend zu sein – sie sagen wenig, mehr ist es ein akustisches Wiederkäuen, aber nie gefährdet die herrschende Ordnung, was da von innen an die Wände schallgeschützter Echokammern suppt. Die Stabilität ist gewahrt, wo die Krücken noch fest an der Wand kleben, sich für Stützen der Gesellschaft halten und die Scherkräfte verteidigen, die ihnen gerade den Boden unter den Füßen wegzerren. Sie ließen es sich eher als mangelnde Flexibilität ankreiden, als nicht überraschend die Meinung über Bord zu hieven.

Wo immer ein Zusammenhang existiert: raus mit der Machete. Wichtig an der Empörung ist die Betroffenheit, vor allem da, wo der Betroffene sie sich einbildet. Im Zweifel fühlt er sich als nicht mehr dem eigenen Vaterland zugehörig und wie eine fremde Kolonialmacht gründlich ausgebombt, was bürgerkriegsähnliche Reflexe aus dem Brägen nudelt. Aber auch das lässt sich durch Schweigen steuern, durch mediale Kontrapunkte, zur Not mit mühsam in Szene gedroschenen Schandtaten, die den Brackwasserdemokraten überfordern. Krieg ist immer anderswo, deshalb demonstriert er auch nicht vor seinem eigenen Gartenzaun. Was will man als haftungsbeschränkter Rechtsstaat mehr.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVIII): Gesundheitswahn

7 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Endlich eitriger Ausschlag! Tagelang sah es nur nach einer leichten Magenverstimmung aus, die Rückenbeschwerden waren bedauerlicherweise schon nach kurzer Dauer abgeklungen – dass sie nur vom stundenlangen Stehen kamen, ist bisher sowieso ungeklärt – und der Drehschwindel wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Es müssen die verdammten Karotten gewesen sein, die es bis vor wenigen Millionen Jahren ja auch noch nicht gab. Endlich ein Grund, auf Nuss und Nudel zu verzichten, endlich Kasteiung, kalte Sitzbäder und Rutschen auf rohen Erbsen! Kniebeugen mit Essig und Luftanhalten bei vollem Hohnausgleich! Nur eins macht glücklich, der Gesundheitswahn!

Kaum beißt dem gemeinen Europäer die Erkenntnis ins Bein, dass der Aufenthalt auf diesem zweifelhaften Rotationskörper von kurzer Dauer ist und bestenfalls im ersten Drittel ohne die lästigen Degenerationserscheinungen der geistigen Reife abgeht, schon eskaliert er in alle Richtungen. Nur gesund will er sein, vielleicht innerlich deformiert, psychisch am Rande der Auflösung, verarmt von Scharlatanerie, auf dem Jahrmarkt der Quacksalber verschollen, bloß: gesund. Wenigstens so, dass er sich für gesund hielte.

Aber was heißt das schon. Der in Peru vereinzelt vorkommende rote Rübenwurm, dem man hinter vorgehaltener Hand eine Mitschuld am eruptiven Nachtschweiß gibt, muss in badischen Bäckerblättchen breitestmöglich als Gefahr für das teutonische Abendland ausgerufen werden. Erst jetzt erkennt die züchtig waltende Hausfrau, dass die je um je sommers wie auch winters grippoid die Schleimhaut verschwiemelnde Angelegenheit in Wahrheit aus Mangel an gestampften Sojakeimen rührt, was jeder weiß, der schon einmal im Anflug der Erkältung gestanden haben mag. Zack, schon pfropft eine Anzeigenindustrie ohne Furcht noch Adel ihnen Postwurf in die Pupille, die Message Iss Cola, trink Popcorn aufzusaugen, und dann keimt der Schmadder. Das glitschige Konglomerat aus Stolz und Vorurteil greift zu allerhand Hausmittelchen, schwört Gluten und Baumwollhosen ab und vertraut nach dem straffen Heilbaden auf Schrumpelhaut als untrügliches Anzeichen des plötzlichen Herztodes.

Schwierig wird’s, wenn Nachbarn, Freunde oder verbliebene Familienmitglieder den Bescheuerten beim Verzehr roher Gurke sehen, beim Stehen auf dem falschen Bein, Duschen mit zu kaltem, mit zu warmem Wasser, Wasser überhaupt, Duschen an sich, Körperpflege im Allgemeinen, Äußerungen des organischen Lebens im weiteren Sinne. Da hat früher der Russe die Finger im Spiel gehabt, jetzt sind es Mainstream und Medien, die falschen natürlich, und die Pharmalobby, die mit boshafter Einflüsterung dem Todgeweihten zu verstehen gibt, er sei im Wahrheit gar nicht magersüchtig (habe keinen Krebs, sei nicht schizophren), obwohl er pro Tag einen Kubikliter Chemtrails einatmet (Pestizide per Fruchtfliegen schluckt, Kontaktgifte mit der Apfelschale inkorporiert). Gegen diese böswillige Verkürzung höchst komplexer Zusammenhänge arbeitet ein konzertiertes Hysteriemarketing an mit der generalstabsmäßig für die Marketingschlacht eingedosten Placeboschwemme, die dem Deppen eine Vorstellung von den mittleren Höllenkreisen gibt, in denen das Verbot von Kohlehydraten und Zucker gar nicht mehr diskutiert wird. Sie verfallen in pseudoreligiöse Raserei, brägenbewölkt und im Kern des Wesens erleuchtungsfähig wie Teerpappe.

Denn nichts anderes ist die Kulturideologie für Dumpftüten, die für eine vernünftige Psychose nicht genug Vorbildung besitzen. Sie wollen ihre eigene Endlichkeit jenseits jeglichen Verfalls in die Transzendenz wuppen, koste es, was es wolle, auch und vorwiegend unter komplett bescheuerten Umgebungsvariablen einschließlich einer Askese, die die Restbestände des vegetativen Handelns für intellektuell zurechnungsfähige Dritte nicht mehr wie Leben aussehen lässt. Das Kreisen im denkfreien Raum macht vorsichtshalber alles zur Krankheit, damit spirituelle Ausfallerscheinungen es wieder ausgleichen können – Heilung to go, Jesus muss sich angesichts der komplett verseiften Pauschalpropheten vorkommen wie ein Gesundbeter aus dem Anzeigenblättchen. Hätte er wenigstens schon Wein in Milchzuckerkügelchen verwandelt, die Nummer wäre in die Geschichte eingegangen. Ja, die Lage ist aussichtslos, aber immer noch nicht ernst genug. Schauen wir den Kranken zu, wie sie joggen, auf Mehl verzichten, Bäume rechtsdrehend umarmen und lösungsmittelfrei gebatikte Tapeten an die Wand vom Meditations- und Bügelzimmer tackern. (Leim ist halt nicht vegan.) Irgendwann sind sie derart mies überdosiert, dass sie sich schon wieder gesund fühlen. Und dann plötzlich sterben sie. Alle. Was ist das für eine Welt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVII): Die gute alte Zeit

31 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist dieser leichte Phantomschmerz, der einen an eine Vollmöblierung unter der Kalotte denken lässt, wobei doch nur die Reflexe den Hirnschmerz auslösen. Was die halbwegs nüchternen Augen noch wahrnehmen, passt nicht mehr zu den Zerrbildern, die sich die Erinnerung zurechtgeschwiemelt halt. Damals, da kostete das Brötchen noch drei Pfennige und schmeckte, wie Brötchen heute nicht mehr schmecken. Da hatte Örckelschwick noch einen annehmbaren Ortskern – das Hitlerstandbild war gut auf dem Marktplatz zu entdecken, auch für die sehgeschädigte Generation aus Stalingrad – und nicht diese Glaspaläste mit Betonfuß, wie man sie in jeder besseren Kreisstadt in den Morast pfropft, sobald sich der Baukredit verabschiedet hat. Und natürlich war die Musik besser. Roy und die roten Rhythmikboys hatten gerade die Ukulele entdeckt, und wer würde das vergessen? die gute, alte Zeit?

Natürlich war da alles besser, denn es war gut. Das Gute, so viel hat sich verfestigt, ist ja immer der Feind des Besseren, manchmal hat es sich auch als umgekehrt herausgestellt, noch öfter hat diesen Zusammenhang schlicht niemanden interessiert. Wer aus dem fahrenden Bus herauskrähen konnte, hatte recht. Beim Betrachten der alten Bilder aus dem Familienalbum pilzt es sanft rosa vom Papier, die seligen Tanten rollen unter dem Schönheitsideal von 1960 durch, quasi körperlos, die reine Eitelkeit gibt sich auf für eine Illusion. Jeder gibt sich auf für einen großen Traum, immer vorausgesetzt, es leben in dieser verwalteten Welt Renaissancehelden ohne Geschäftsbereich.

Vor allem durfte man damals noch ohne denn allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz jeden maximal pigmentierten Akademiker aus Nigeria als Scheißneger bezeichnen, der nur nach Deutschland gekommen ist, um einer Rotte kahlrasierter, geistig minderbemittelter Verlierer im DNA-Roulette den Förderschulabschluss mit Promotionsstipendium zu klauen, denn das wollen die Säufer: unbedingt am Elektronensynchrotron Teilchen zählen. Da war der Typ aus Afrika vollkommen falsch, und wir hatten das wieder auszubaden, dass wir größtenteils zu dämlich waren, um einen Schraubendreher in die richtige Richtung zu halten. Gut, dass diese Zeiten nie vorbeigingen.

Wahrscheinlich turnten bis zu diesem Augenblick noch Dinosaurier durchs Bild, wie sie bis ins hohe Mittelalter zur Rettung harmloser Jungfrauen etatmäßig vorgesehen waren. Jedenfalls hatte die Welt keine scharfen Kanten, keinerlei Konservierungsstoffe, die Eisenbahnen fuhren pünktlich und der Schaffner hatte immer einen robust ausgeführten Schnurrbart. Autos fuhren nur am Sonntag oder aus Versehen.

Wahrscheinlich war auch jeder zweite Nachbar arbeitslos, hatte Krätze oder Masern, beherrschte die Muttersprache dank teutonisch dominierten Genmaterials nur rudimentär und wusste nicht, wer Hegel war. Aber immerhin hatten wir den letzten Krieg gewonnen, vielleicht auch nur die letzte Schlacht, und schon rülpst der Furor sich zurück in ein ewiges Präsens mit Schimmelecken, wie sie die Koordinaten aus dem intellektuellen Untergeschoss an jeder rechtwinkligen Biegung erwartet hatte. So toll war die Zeit auch wieder nicht, alt ja, gut nein, aber dies schuf wenigstens Platz für persönliche Abneigungen: alles doof außer Mutti.

Die Neugestaltung des Alten malt nicht umsonst in unbunten Farben, verzerrt die Linien und kitscht munter drauflos, damit der gründlich verstörte Unsinn in die Matrix eines annehmbaren Schülers mit durchschnittlicher Denkschwäche passte – es wird ja nicht besser, nur weil der Abstand zwischen Einwohnern und mobilem Wissenspotenzial doch anwächst. Es muss freilich daneben auch die klar strukturierten Zeitgenossen geben, die sich um das luxuriöse Problem eines sozialen Status ernsthafte Gedanken machen konnten, aber kaum dazu kamen.

Wir hatten kein Internet, die Autos kippten noch ohne serienmäßigen Prallschutz vom Band, der Fernsprecher hatte eine Schnur, stand öfters in der gelben Zelle am Waldrand, Schlager verkündeten die Zukunft, wie sie die Tarifautonomie und die Sesamstraße nicht schöner hätten feiern können. Das waren die goldenen Zeiten, Blattgoldauflage, wahrscheinlich eher Bronze. Aber auch diese Bilder rufen noch immer Schnappatmung hervor, denn das Aussetzen der Blödklumpen vom Spielfeld fällt unter die fakultativen Gedächtnisleistungen. So ist die Vergangenheit immer porentief rein, wo sie doch objektiv betrachtet als eine Sammlung blauer bis brauner Flecken in die Geschichte eingegangen ist. Denn der Bekloppte ist ein großer Verdränger, er stapelt sich seine eigene Vergangenheit aus dem vorhandenen Material zurecht, und das nicht einmal ohne Geschick. Die eigenen Erinnerungslücken sind das Paradies, aus dem einen nicht einmal die Fakten vertreiben können. Auch wenn sie es wieder und wieder versuchen werden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVI): Home Office

24 03 2017
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früh am Abend stand brüllend der Bulle vor dem Eingang zur Eigentumshöhle. Auf der Jagd war wieder etwas schief gegangen, natürlich nicht zum ersten Mal, und die züchtig waltende Hausfrau hatte wieder den ganzen Schlamassel. Immer dasselbe. Ständig brachte sich Ngg Arbeit mit nach Hause. Vermutlich entstand so das Home Office.

Während die Milch überkocht, darf Mutti die Quartalszahlen aufbügeln und auf den Rückruf des subalternen Controllingfuzzis warten, der noch nicht einmal bemerkt, wann die Kollegin außer Haus ist, und ihr gewohnheitsmäßig einen Festmeter Papier auf den Schreibtisch klotzt, den sie bei wöchentlicher Rückkehr mit steigendem Interesse an Zimmerbränden mustert. Seine externe Duftmarke setzt der Betrieb jeden Tag, und sei es durch unsinnige Kontrollaufträge, die die Fernkraft wie gewohnt abarbeitet. Wann immer der Piepser anschwillt, pfeift proportional der Blutdruck durchs Innenohr der externen Angestellten. Doch hier draußen hört einen keiner schreien.

Das Urbild der Werkstatt, da der Meister mit Familienanschluss zünftig schafft, es geistert noch durch dumpfe Schädel der bis heute amtierenden Vergangenheiten – das Einbrechen industrieller Produktion, den Wandel vom staubigen Kontor zum aseptischen Großraumgulag verdrängen sie, wo es in den Kram passt – und wird mit ebenso nebulösen Vorstellungen von technischem Fortschritt zu einem Brei von daher notwendiger sozialer Progression verschwiemelt. Sie ist im Grunde jedoch nicht viel mehr als die Verlagerung von Machtstrukturen ohne den notwendigen Ausgleich.

Bereits die Überwucherung der Arbeitswelt mit Teilzeitstellen schafft eine Form von Ausgrenzung, die jeden vernünftigen Betriebsablauf in ein Fest des Getriebesands verwandelt. Wer nichts vom Kollegen auf der anderen Schreibtischseite erfährt, weil er nachmittags nicht mehr im Büro ist, hemmt die reibungslose Kommunikation und ist nach Ansicht der meisten Unternehmensberater auch noch selbst schuld an seinem Dilemma – er könnte ja acht Stunden lang den Drehstuhl wärmen und jeden Atemzug des Vorgesetzten im Nacken spüren. Durch die Auslagerung auf entfernte Kontinente ist die Verständigung endgültig gekappt, unerreichbar weit hockt ein einzelner Mensch am Küchentisch und liest schütteres Wortkompott, muss sich jede Nachfrage über den Fernsprecher erkämpfen – daher Telearbeit – und harrt aus in verröchelnder Motivation, von der bald nur noch karger Schatten bleibt. Horden von Fachkräften kauern im fleckigen Feinripp, in unfarbenen Pyjamas oder kratzigen Bademänteln vor ihren digitalen Endgeräten, tippen die Apokalypse ein und wissen, dass sie niemals aus der Isolationshaft herauskommen werden.

Natürlich freut sich die Wirtschaft über den Segen am anderen Ende der Leitung. Billige Arbeitskraft zu schlechten Konditionen wird als gut verkauft, wo immer Löhne nicht ausufernd steigen, das heißt: gar nicht. Die Politik ist entschlossen, den Schmodder noch zu fördern, vor allem da, wo sie damit gleichzeitig fordern kann. Dumpfdüsen jeglicher Couleur aus dem Regierungslager jodeln jahrein, jahraus das Loblied von noch mehr, immer mehr Fernarbeit, wohl wissend, dass nur die wenigsten Gewerke überhaupt Arbeit in die eigene Butze mitschleppen können. Macht aber nix, für den Wahlkampf reicht dann die launige Mär von der geplanten Steigerung, meist mit ausgedachter Quote derer, die angeblich unbedingt und sofort eine komplette Registratur im Bügelzimmer aufbauen wollten. Die Work-Life-Balance, jene Drahtseilnummer für hoffnungslose Romantiker, kippt aus reiner Gerechtigkeit auf die Restfamilie, die mit einer Halbgestalt zurechtkommen muss und nur widerwillig akzeptiert, dass Vati auch samstags nicht dem Nachwuchs gehört. So werden schon in jungen Jahren unschuldige Kinder Komplizen des übergriffigen Outsourcing, das sich bis ins traute Heim tentakelt. Samstags gehört Vati eben doch dem Controlling, und wenn nicht, ist er bald noch viel öfter tagsüber zu Hause. Aus dem einfachen Spagat wird mählich eine Doppelbelastung, die alle Knochen bricht.

So verausgabt sich ein selbstausbeuterischer Teil der Schäfchenherde in vorauseilendem Gehorsam für eine Arbeitgeberschaft, der das völlig wumpe ist. Ehen werden zerschmirgelt unter den Steinen der Freiheit, die sich andere nehmen, Karrieren im Morast des beharrlichen Schweigens versenkt, das sich spiralförmig ausweitet bis in den Schlaf der Vernunft. Früher gab es noch Kriegerwitwen die im Schlafraum Kugelschreiber schraubten, heute pinnt die Zielvereinbarung den Erfolg am Horizont fest. Wer hier allein ist, wird es lange bleiben. Wie an der Nabelschnur hängen seufzend die Erniedrigten an der Netzwerkstrippe, allein dies ist Hoffnung für die Schlachtopfer der technischen Machbarkeit. Denn angesichts der verhunzten Digitalisierung weiß der gemeine Mann: ohne vernünftiges Internet wird das sowieso nichts. Alles richtig gemacht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXV): Pseudointernationalität

17 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

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Es muss im späten Mittelalter gewesen sein. In Bad Gnirbtzschen gab es höchst selten auswärtige Besucher, und wenn, dann kamen sie nicht in friedlicher Absicht. Ein durchreisender Irrer auf der Suche nach einer Ware des täglichen Bedarfs hatte seinen Wortsalat einem der ortsansässigen Händler in die Gehörgänge gepfropft – man schrieb, wie man sprach, nur konnte kaum jemand schreiben – und meinte nun, das gewünschte Butterbrot würde in fremder Zunge mit akzentuiertem Geschnalze tituliert, das zur Steigerung der Produktakzeptanz als neuer Produktname herhalten könne. So brachte der Bäcker seine Bemme fortan als bröselnden Steinbruch enthemmter Konsonanten auf den Markt und freute sich am Volk, das sich täglich beim Kauf das Zungenbein prellte. Geboren ward die heute zur vollen Blüte geschwollene Pseudointernationalität.

Der Beknackte sieht es, sobald er auf der Suche nach einem Coffee to go das City Center shoppend durchquert, wobei er sich zunächst auf einer ganz normalen Anglizismendeponie wähnt. Doch der blecherne Überzug der Angelegenheit täuscht. Es reicht den Buinessleuten nicht mehr, dass der CEO sich asap committet, sie müssen sich eine neue Lebenswirklichkeit schnitzen – nicht einfach, wenn nur noch Magerquark im Kühlschrank dümpelt.

Wie ein aus durchgekautem Geschenkpapier geschwiemelter Goldgrundersatz orgelt sich der ins Dummdeutsche eingeschriebene Service Point in die Ohren wehrloser Reisender: was weniger als nichts bedeutet – darin übrigens dem Service-Versprechen des Transportunternehmens mit den vielen Zügen durchaus vergleichbar – und in der englischen Hochsprache nicht einmal entfernt vorhanden ist, führt ein deutsches Eigenleben aus fadenscheinigen Gründen. Der Teutone quakt so perfekt auswärts, dass er sogar die Einheimischen anderer Herren Länder in die Tasche zu stecken versucht. Es bleibt beim Versuch, aber der sieht schon peinlich genug aus, um das weltmännisch gemeinte Verbalgehampel in einen Schuss vors Knie zu verwandeln.

Inzwischen haben die Parallelgesellschaften sich wie Mehltau über die einstmals reibungslos funktionierende Kommunikation gelegt. Während die durchschnittliche Schnitzelbude erst einmal nur auf Verlangen ihre Speisekarte auf Englisch vorlegt, ist das Bodenpersonal schon weiter und begrüßt in den höheren Etagen der Hauptstadt fremdsprachig, auch wenn es sich nachweislich um einheimische Kunden handelt. Die Strategie ist nicht so ganz ungeschickt, kann man doch durch beharrliches Ausgrenzen den lokalen Sott elegant vor die Tür ekeln, wenn er seine Austern dialektfrei hinters Zäpfchen kippen will.

Jenes auf höherem Level geistig gestörte Personal, das mit seinem grotesken Sprechmatsch die Liste der intellektuellen Unterkellerung knapp anführt, wird dicht gefolgt von einer Beschilderung auf Flughäfen, deren Verbrauch selbst bei einer Inlandsreise nicht ohne ein Cambridge-Zertifikat möglich scheint. Müde fischt ein Senior Junk and Trash Management Assistant die ausgelutschten Dosen aus der Reststoffbowle, damit man merkt: ja, wir sind immer noch in good old Europe. Denn so professionell wie selbstvergessen spiegelt nur der Deutsche eine Weltläufigkeit vor, die er nicht einlösen kann, da der gemeine Mann außer Rad nichts zu brechen vermag. Lustigerweise sind es genau die Spezialisten, die den dentalen Frikativ gründlich versabbern, mit denen sich unschuldige Personen herumärgern müssen, die anderer Sprachen sogar mächtig wären, aber dem Geseier der Großmannssüchtigen einfach nie Herr werden. Je miserabler man eine Fremdsprache beherrscht, desto eher wird sie rücksichtslos als Distanzwaffe eingesetzt.

Vermutlich wird demnächst in einem beliebigen Kurzwarengeschäft dem Kunden mit aushäusigen Brocken die Tür aufgesperrt, weil sich die Leute dazu durchgerungen haben, nur noch von Touristen zu leben, die zum Nähgarnkauf nach Deutschland kommen. Als Instrument im Standortmarketing ist die Idee selten beknackt, aber manche tun es ja auch für die nachhaltige Blamage. Wenn man schon eine Liste anführen kann, ist es auch schon egal, welche es ist.

Werden sämtliche Integrationsleistungen bald eingestellt? oder verlangt man von neuen Bürgern dieses Landes auch schon, dass sie in fließendem Englisch ihr Butterbrot einkaufen? Wenn ja, dann wäre wenigstens die Spaltung dieser Gesellschaft schneller überwunden, da die meisten Einwanderer des Englischen mächtig sind, meist mächtiger als das deutsche Empfangskomitee. Und damit beginnt die schleichende Zerstörung unserer Muttersprache. Man wird sich keine Bratwurst auf Hessisch mehr kaufen können. Kein Taxifahrer versteht dann den Dresdner in Leipzig, nicht mal auf Englisch und erst recht nicht umgekehrt. Eines Tages wird man nichts ahnend in einen Fernzug einsteigen, im Abendlicht verschwindet die Bahnhofshalle mit dem verwaisten Auskunftsschalter, und eine Stimme plörrt durch die dicke Luft: Ssänk ju foa träwwelink uiß Deutsche Bahn.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIV): Religion als Ventil

10 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang mag der Schnaps gewesen sein, oder Rrt hatte einfach einen besonders schlechten Tag. Der Hund hörte nicht, die Hauptfrau kriegte schon wieder ein Kind, von wem auch immer, und langsam reichte es ihm, dass selbst in seinem Teich stetig fremde Köder herumdümpelten. Er brüllte den ganzen Abend lang in der Höhle herum, dann drohte er schließlich den versammelten Nachbarn: wer noch einmal an seine Fische ginge, würde gleich mit in der Brühe verschlammen. Dabei berief er den großen Donnergott, der eigentlich für Fragen der Vegetation gar nicht zuständig war, und gab dem erstbesten Verdächtigen kräftig eins in die für Gesichtsinhalte vorgesehen Fläche. Mit Hilfe des Medizinmanns stellte dieser nun klar, dass es sich um eine eklatante theologische Fehlleistung gehandelt hatte, mit dem Ergebnis, dass auch der Heiler eins auf die Nase bekam. Die nun folgenden Glaubenskriege waren evolutionär erfolgreich, da mindestens ein Drittel der Beteiligten sich nicht mehr an der weiteren Degeneration des Genpools beteiligten. Was doch Religion als Ventil ausmacht.

Zunächst ist Religion, die regelmäßig in der Theorie als friedensstiftendes Mittel postuliert, in der Praxis jedoch als fadenscheiniger Kriegsgrund gepriesen wird, nur Mittel zum Zweck; selten ist sie in der Lage, ihn überhaupt zu heiligen. Was sie aber dann mit dürrer Maskerade zu kaschieren versucht, die Gier nach Macht und Reichtum, Mordlust und Besessenheit nach territorialen Ansprüchen und Zerstörung, lässt sich nicht einfach verstecken. Wie bei allen anderen Spielarten des Terrorismus, so ist auch in der spirituellen Spielart von Menschenhass der Sakralgehalt der Schmucktapete nicht erheblich.

Als böte ein geschlossenes Wahnsystem nicht schon genug intellektuellen Bauschaum für auf höherem Level geistig gestörte Knalltüten, jede in sich fein säuberlich auf Widersprüchlichkeit gesägte Nullinformation hält für jede Lebenslage einen Ausweg parat, wo auch immer die Störung der Impulskontrolle Befriedigung sucht. Ob materielle oder geistige Armut, schlechtes Trinkwasser, Krieg oder eine beschissene Regierung, das weise Rauschen übertönt die Stimmen der Vernunft mit der Kraft der Flüstertüten. Und das wirkt: noch kein Paradies-Provider musste sein Angebot plötzlich wieder in die Tube drücken, weil man das mit den Jungfrauen, den gebratenen Tauben und Milch und Honig nicht mehr gut genug fände. Was sich noch verkaufen lässt, wird auch dann noch verkauft, wenn es keiner mehr braucht.

Weil Religion, ob systematisch betrieben oder nicht, die perfekte Brückentechnologie ist, um den Schmodder in der eigenen Schädelvollprothese gegen sich selbst zu rechtfertigen. Sie nagelt nicht nur aus beliebigem Restmüll moralische Gehhilfen zusammen, malt rote Linien mit durchlässigem Strich, auf den jeder Aberglaubensbruder geht, schwiemelt sich je nach Anlass mit Dokumenten, Grabsteinen und genealogischen Aufzählungen aus der verebbenden Bronzezeit ein gegen jede rationale Erklärung immunes Bild vom Universum und dem ganzen Rest, sie tackert auch vor die Eintrittsöffnung in den Denkapparat den ultimativen Filter für die Selbstwahrnehmung: wer den Quark glaubt, ist gut, alle anderen sind böse.

Was in der Glockendisko und den anderen Hirnwaschanlagen jahrhundertelang dem Volk in die Rübe gepfropft wurde, das spielt in einer Lustigkeitsliga mit Nagelpilz und Nasenbluten. Erst der nochmals völlig überzogene Remix an sich ideologisch abbaubarer Fehlleistungen, im guten Fachhandel meist als Fundamentalismus erhältlich, ist für Wutbrüder und Blutsbürger der neue heiße Scheiß, dem der Lemming nachzulaufen hat – im Zweifel hört er zwar den Knall, weiß aber nicht, dass er aus dem eigenen Schädel kommt, und rennt lachend ins Trommelfeuer, weil es für die höhere Idee ist. Je hirnrissiger der Ausweg scheint aus einer Welt ohne differenzierende Sachlichkeit, desto eher geben Glaubende Vollgas.

Den Religionen eigen ist, dass sie die bigotte Bizarrerie ihrer Einfälle gerne auf wunderlichen Details kochen, denen der Bescheuerte blind zu glauben hat – die sechsfingrige Prophetin hatte sechs Finger, gute Nacht. Legitim und historisch bewährt als Grund, seinem jeweiligen Bruder den Schädel zu spalten, ist noch immer der Disput, ob es sich um zwei Mittel- oder zwei Ringfinger gehandelt hat. Zwei Schulen gründen sich, die sich bis aufs Messer bekämpfen, nebenbei politische Organisationen samt Staaten und Volkswirtschaften gründen und dann endlich einander mit Bomben überziehen. Als Kriegsgrund dient jeweils die Anschuldigung, die andere Seite habe die Prophetin gelästert. So steigern sich Verschwörungstheorien, denn um nichts anderes handelt es sich bei den dazu verwendeten Religionen, in eine Zerstörungswut hinein, die man nur aus einem Grund erträgt: man zählt ja zu den Guten. Aber wer glaubt das schon.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIII): Fertiggerichte

24 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

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Ein Gespenst humpelt durch die westliche Welt, es hinterlässt Fettflecken am Türgriff, vermüllt die Landschaft, sein widerwärtiges Rülpsen lässt die Innenwände der Plattenbauten mählich bröseln. Es nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch die Dunstabzugshauben kompletter Reihenhaussiedlungen, die ohne seine Existenz nie in den ökologisch wertvollen Stadtrandboden gedroschen worden wären. Mit modifizierter Stärke lahmt das durch die Gegend, eine Vortäuschung von Leben, ungefähr so wertvoll wie ein Eimer gekauter Pappkartons, aber extrem laut und unglaublich bäh. Aus den Discounterregalen tentakelt sich das Zeug wie zufällig in die Einkaufskörbe, der unschuldige Kunde muss es unter Zwang verstoffwechseln. Es gäbe ja, ging’s nach ihm, niemals nicht gar kein Fertiggericht.

Der unter Industrieabfällen begrabene Rest aus Separatorendreck, Hühnerschlacke und Beifang, der im Polysaccharidschmodder dümpelt, ist trotzige Antwort auf den Bildungsmangel einer seicht verdeppten Ellenbogengesellschaft, Schlabber der Endzeit, Kapitulation vor den Schrecken einer bürgerlichen Gesellschaft, die der Beknackte mit der hilflos in Kitt geschwiemelten Interpretation von schnell erkennbarer Hausmannskost zu sich zu nehmen scheint. Tatsächlich würde der gemeine Hilfshonk die authentische Rindsroulade nicht einmal von ihrem hastig als Surrogat gezimmerten Zwilling unterscheiden können, wenn sie ihm das Bein wässert. Wozu auch. Er hat fertig, und mehr interessiert ihn nicht.

Denn der Bekloppte, kapitalistisch getrimmt auf kritiklosen Verzehr effektiv zusammengeklatschter Spachtelmasse, will nicht können, er will haben, und zwar sofort. Folglich pfropft er sich das knapp verdaubare Pendant zum Selfie in die durchweg geöffneten Schleimhäute: inhaltlich wertlos, man akzeptiert es nur, weil das Aussehen einem vertraut ist und der Hintergrund sowieso verschwimmt. Es schränkt nicht die Qualität ein, denn die ist hinfort ein irrelevanter Parameter: der Hunger treibt’s rein, der Ekel wieder raus, und letztlich gewöhnt man sich an alles. Mit wenigen Taschenspielertricks ist der kalorische Blitzkrieg sogar als Gehirnwäsche in der Lage, die herkömmliche Zusammenstellung aus Weißblechkonserven und Glasgemüse unpraktisch erscheinen zu lassen. In einem Arbeitsgang hebelt der Suizident überkrustete Proteine, Reisrückstand und Pflanzenteile zwischen verspätetem Abschied und Auferstehung auf den Teller, falls er den Schutt nicht gleich im Plastekryosarg in die knarzende Mikrowellenverbrennungsanlage schiebt: die Hälfte der Materie qualmt wie ein durchschnittlicher Tag in einem afghanischen Dorf nach dem Besuch der Air Force, alles andere hat noch knackigen Biss, da weiterhin kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Nicht einmal die Tütenbratkartoffel als unterstes Ende der Zivilisation, sonst der Horrorschocker unter den gutbürgerlichen Wirkungstreffern, nichts kann den Konsumenten von der Überzeugung abbringen, dass der für eine eherne Schmecke optimierte Pamps genießbar sei. Mitnichten, ist er doch nur ein grauenvoller Auswuchs der Technikgläubigkeit, die das industriell Machbare zum quasireligiösen Standard erhebt – dass es Forschern gelungen ist, Fleischkleinteile in Faserbündelgröße, molekular geschreddertes Pflanzenfett und diverse Zucker zum Heimaterdeeintopf Nazi Goreng zu komprimieren, einem Sperrfeuer aus gehärteten Glyceriden und Ballaststoffen, enthält schon die Verpflichtung, es sich in die Innereien zu stopfen.

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