Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXV): Statussymbole

20 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die älteste Überlieferung berichtete noch vom einzigen Wollnashorn, das sich in die Steppe vor der westlichen Felswand verirrt und fast die ganze Sippe aufgespießt hatte. Irgendwann musste es nach unzähligen Versuchen der Troglodyten, mit Steinen und Speeren das Tier zur Strecke zu bringen, eines natürlichen Todes gestorben sein, was jedoch die Leute in den Höhlen am Fluss nicht gehindert hatte, eine schnittige Story zu erfinden, in der ein Held das Monstrum eigenhändig er- und zerlegt, der Großen Göttin zum Opfer dargebracht und dafür den Oberschenkelknochen als Trophäe bekommen hat. Jener ist bis auf Rrts Tage Sinnbild der Macht, die der Sippenälteste ausübt, und wird übergeben mit einem Hühnergott, der physiologische Details der Gottheit darstellen soll. Der Sinn liegt tief im Mystischen, wird aber nicht angezweifelt, da er ja für die Identität des Stammes konstituierend ist. Vor der Erfindung der Krone sicherte er dem Ältesten die absolute Herrschaft über Land und Leute, und mit ihr sämtliche Wertvorstellungen, die den Klan zusammenhalten. Denn was ein Statussymbol vor allem braucht, ist Status.

Dass Distinktionsgewinn auch aus alltäglichen Gegenständen erwächst, vor allem aus denen, die man ostentativ zur Schau stellt, ist weder neu noch originell. Status ist Schichtbewusstsein, und so war in vergangenen Jahrhunderten der europäischen Gesellschaft auch nicht der Besitz von Gold und Geschmeide verpönt, sondern öffentliches Tragen von Luxusobjekten in obszön anmutender Masse. Nun bleibt der Bekloppte sich treu und schwiemelt immer neue Symptome pathologischer Prunksucht zusammen, um in der Menge aufzufallen: hohe Hüte, spitze Schuhe, tote Tiere, Schleppen, die ein halbes Dutzend Träger nach sich ziehen. So musste man nicht nach weltlichen Titeln fragen, denn der geistliche Adel trug seinen Glitzerfummel schon in beruflicher Mission – was die Reformatoren freilich ärgerte, hatte sich das Geltungsbedürfnis doch weit von der sozialen Verantwortung einer als göttlich empfundenen Ordnung entfernt, so dass auch die Regeln, wer Gold oder Purpur tragen durfte, kaum noch Gewicht hatten, weil sich die Hautevolee in nicht zu bändigenden Extravaganzen sinnlicher Macht austobte, die mit dem spirituellen Ideal einer minimalistischen Gläubigkeit so gar nichts mehr an der gehörnten Kappe hatten. Savonarola verhinderte also den Klassenkampf von oben, als er den ganzen Schmodder auf den Scheiterhaufen schaufeln ließ, und hätte er geahnt, dass sich die Abstraktion des Besitzes neue Ausdrucksformen suchen würde, die Normalsterbliche gleich gar nicht mehr zu Gesicht bekommen sollten, er wäre mit ins Feuer gehüpft.

Denn was die heute Mächtigen als Monstranz der Herrschaft vor sich hertragen, ist nur ein matter Abglanz der eigentlichen Bedeutung, da es auf den monetären Besitz verengt wird, bisweilen auch nur auf die Kreditfähigkeit, aber weder die Legitimation für den Rang noch deren Voraussetzungen spiegelt. Wer genug Scheine hat, um sich Sein zu kaufen, lässt eine unsinnig lange Yacht in irgendeinem Hafer von den Seepocken zernagen, weil er sich zwischendurch auch noch um einen Privatjet und die beiden Wohnungen in den Metropolen nicht kümmern muss. Die Währung der Hegemonie aber ist lediglich Neid, der auch in den niederen Kasten zu skurrilem Nachgeäffe führt, indem man sich mit kindischem Fimmel Zubehör fürs Imponiergehabe anlegt: Gummigucci, nachgemachte akademische Grade, zur Not ein SUV. Gerade die bröselnde Mittelschicht mit ihrer unreflektierten Nachahmung des Modischen, die sie immer wieder zu Parvenüs macht, ist so grimmig mit der Parodie ihrer selbst beschäftigt, dass sie die Folgen der Exklusivität nicht einmal merkt, wenn sie ihr ans Bein pinkelt. Sie schließt sich aus. Und wird ausgeschlossen.

So wirkt denn auch das lässige Herumwedeln mit dem Sportwagenschlüssel, die Mitgliedschaft im Poloclub oder die Armbanduhr zum Preis eines Neuwagens weniger attraktiv als beabsichtigt, da sie den gesellschaftlichen Trend der letzten Epoche repräsentiert: wer auf materiellen Besitz abhebt, ist von der restlichen Zivilisation abgehoben. Man traut der Oberschicht weniger solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Verhalten zu, sieht sie als weniger kooperativ an und traut ihnen keine echte Partnerschaft zu. Genau das aber sind evolutionär signifikante Vorteile, die bis heute in der funktional und semantisch differenzierten Welt über Gedeih und Verderb entscheiden können, völlig egal, ob die katzenvergoldete Uhr die Zeit schneller anzeigt als die billige Digitalkröte.

Ohnehin ist Zeit die letzte verbleibende Größe, die sich noch nicht im materiellen Raster verheddert hat. Sie macht Rentner, Studenten und selbst die sonst so verhassten Erwerbslosen zum Hassobjekt der hart arbeitenden Menschen, wie sie die Politik in jedem Wahlkampf aus Schmierkäse schnitzt. Es ist die Anzahl der Follower in den sozialen Medien, die sinnstiftende Arbeit, die informelle Bildung. Es ist das, was bleibt, wenn das Schmuckkästchen mit der Yacht absäuft. Oder das instinktive Wissen, dass sich eines Tages kein Schwein mehr für NFTs interessieren wird. Wozu auch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIV): Klimarealität

13 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung war absehbar gewesen. Obwohl Metuschelach im Kanaanitischen Boten eindringlich gewarnt hatte, blieben die ortsungebundenen Stämme skeptisch. Was hatte die Intelligenz ihnen nicht schon alles angekündigt: das Ende der Warmzeit, Dürren, vielleicht sogar die unabsehbaren Folgen der neolithischen Revolution. Sie aber waren für die Freiheit, sich überall und zu jeder Zeit auf neuem Territorium niederlassen zu dürfen, auch wenn das Volk sich dafür ständig die Schädel einschlagen musste und sich ohne fremde Hilfe dezimierte. Letztlich war das alles egal, die Flut kam doch. Während Noachs Kahn auf den Wogen tanzte, dämmerte es den Deppen in ihren Nussschalen, dass der Anstieg des Meeresspiegels mit dem Abschmelzen der glazialen Stauseen das Ende des Holozäns bedeutete, mehr noch: ihnen wurde der kausale Zusammenhang deutlich, und zwar deutlich zu spät. So ging Klimarealität.

So geht sie noch heute, mit dem Ergebnis, dass die dümmsten Brauchtumsterroristen unmittelbare Auswirkungen des Wandels nicht einmal sehen würden, wenn sie ihnen das eigene Haus unterm Hintern wegschwimmen ließe. Natürlich steigt die Erdtemperatur ab und zu an, dummerweise nur nie so schnell und konsequent in der Geschichte des Planeten. Dass Naturkräfte die Küsten der Welt geformt habe: geschenkt, nur haben die Deppen da noch nicht im Binnenland gebaut und klagten über gleichzeitigen Grundwassermangel. Die Erkenntnis von einer multikausalen, sich selbsttätig von einem Kipppunkt zum nächsten hochschaukelnden Serie von Katastrophen kommt auch heute nicht, und erst recht bleibt das Begreifen aus, dass wir nicht an der Schwelle zum Untergang stehen. Wir sind längst mittendrin und wollen es nicht sehen.

Es brennt gerade so nett in Sibirien, in Ostafrika und Indien verdorrt die Erde, verursacht immense Hungersnöte und Flüchtlingsströme, aus denen der SUV-fixierte Egoleptiker sich die Horrorvision vom Konsumverzicht herbeifantasiert, um mit ruhigem Gewissen kernkorrupte Klötenkönige zu wählen, die sie noch mit fadenscheinigen Lügen zukleistern, wenn die deutschen Mittelgebirge abfackeln. Die unbeholfenen Versuche, allgemein sichtbare Folgen der Überhitzung zu leugnen, sind trotzige Manöver, von einem rotierenden Karussell abzuspringen, indem man die Trägheit der Masse ignoriert. Leider kippt dabei nicht nur das Kompetenzimitat aus der Politik auf die soi-disant Gesichter, wir alle baden es ja jetzt schon aus.

Leider, und das muss stimmen, wenn es uns die Staatslenker einreden, ist der Kapitalismus nicht mit Fahrrädern zu retten, weil irgendwo in einem Dörfchen diese eine Beamtenwitwe lebt, die es mit dem Omnibus nur einmal am Tag zum Einkaufen schaffen würde. Müsste sie auf frische Brötchen verzichten, sie würde sofort eine der unzähligen linksextremistischen Terrororganisationen mit der mühsam von den Hedgefonds abgesparten Pension unterstützen, und das kann doch keiner wollen. Die steigenden Außentemperaturen bekommt auch sie zu spüren, und kann sie ihren Garten nicht mehr wässern, weil zum Wohle der Aktionäre der ganze Landstrich für eine Autofabrik draufgeht, dann ist das ein Opfer fürs Vaterland. Gestorben wäre sie ja früher oder später sowieso. Mit dem Wassermangel gehen auch die Ernten flöten, der deutsche Wein wird knapp, die Freibäder trocknen aus, da sich die Rechnung keine Gemeinde leisten wird, der in jeder Stadt wohlgelittene Springbrunnen ist passé, und es fällt jedem braunblauen Klosteinverkoster leicht, die ökoversifften Umweltextremisten für das eigene Versagen hinzuhängen, da sie es immer so machen: alle anderen von der Klippe schubsen in der festen Überzeugung, irgendwer würde bis zum Aufprall aus dem Inhalt seiner Hosentaschen den perfekten Fallschirm zusammenschwiemeln.

Längst sind wir so weit, wir wollen es nur als Fehler in einem ganz anderen Erdteil entschuldigen, der auf uns keine Wirkung hat. Überhitzte Meere führen dazu, dass die Korallenriffe die färbenden Algen abstoßen und ausbleichen – ein Ökosystem verendet still und quasi als ästhetisches Problem, wie alles, was uns wumpe ist: das Insektensterben, die steigenden Meeresspiegel, Extremwetter, der tauende Permafrost und die daraus resultierende Freisetzung von Kohlendioxid, die den ganzen Krempel nochmals triggert. Schon hört man das Gejodel der Stumpfstullen, die die Wissenschaft der Lüge bezichtigen, weil die Folgen alle eintraten, aber viel früher als befürchtet.

Wir sollten agieren, solange Zeit ist, denn viel Zeit zum Reagieren bleibt uns nicht. Die Meere werden die Seychellen als Urlaubsparadies vom Markt nehmen, bevor Sylt von der Karte radiert wird. Eines Tages heißt es: Imrhein-Westfalen. Mit dem Jetski über Venedig zu cruisen wird cool sein. Aber die Nachfahren werden uns fragen, warum wir diese klinisch bekloppten Kurzstreckendenker nicht einfach an die Wand gestellt haben. Wir haben, sagen wir, auf warmes Wetter gewartet, sie in die Sonne geschoben, den Dingen ihren Lauf gelassen, und schon war die Sache erledigt. Es war ja, sagt man, von Anfang an absehbar gewesen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXIII): Die Fassadentheorie

6 05 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Šamši und Salmānu-ašarēd waren wie Brüder, mehr noch: sie waren Brüder, und damit begann das Problem. Als Vormund für den Jüngeren musste der Erstgeborene sein Geschwister gegen die damals übliche Praxis des Verwandtenmordes beschützen, die unangenehme familiäre Konstellationen schnell und unbürokratisch für die konzentrierte Machtfülle klärte. Aus politischen Gründen hatte er für die Vermählung mit der scharfen Yâba zu sorgen, die kaum über eine geistige Grundausstattung verfügte, aber ordentlich Asche und ansehnliche Kurven mit in die Ehe brachte – für den Prinzregenten eine Qual sondergleichen, da er schon der schielenden Schwester versprochen war, die Land und Sklaven hatte, Macht und Ansehen, aber nur den Charme einer Spaltaxt. Als nun Salmānu-ašarēd in Qarqar als General den Speer schwingen sollte, platzte seinem Bruder die Halsschlagader; er stellte ihn in die erste Schlachtreihe, sah seiner Zerfleischung bei einem temperierten Trunk zu und krönte sich nach drei Tagen Staatstrauer zum Alleinherrscher. So weit die Überlieferung, was der dünne Firnis der Zivilisation – so man in diesem Stadium davon sprechen darf – von unserer Triebsteuerung bremst.

Der Mensch ist, so die einschlägige Theorie, nur seine Fassade, eine hübsch verklinkerte Maskerade vor dem Hormonfeuerwerk, das auch nicht vor der Selbstzerstörung Halt macht, wenn man irgendeine Störgröße damit wegschmirgeln kann. Was uns mit kodifiziertem Recht und einer moralisch fundierten Erziehung zu mündigen Bürgern Tag für Tag davon abhält, die gesamte Menschheit über die Wupper zu schicken, ist ein fragiles Konglomerat aus Vernunft, Impulskontrolle und dem, was wir Gewissen nennen – die Angst, dass bei einem Ausbruch des Es das Ich die Zeche zahlen wird. Wie hinlänglich im Leviathan beschrieben ist er, der angebliche Herrscher der Schöpfung, sich selbst ein Wolf, wobei sich der Canide nicht ansatzweise so beschissen benimmt wie der Versager, der sich allen Ernstes für das Ebenbild jenes höheren Wesens hält, das wir verehren.

Doch nicht die Extremsituationen, in denen der Kampf um das nackte Überleben nette Nachbarn, die im Treppenhaus immer gegrüßt haben, zur reißenden Bestie macht, nicht der Weltuntergang oder die schwere narzisstische Kränkung lassen uns zu Arschgeigen mutieren, es ist der Egoismus an sich, die treibende Kraft der kräftigen Triebe, von denen jeder einzeln destruktiv genug ist, um eine ganze Gesellschaft zu zerstören. Schon die Tragik der Allmende zeigt, dass wenige Ichlinge reichen, um eine ganze Gemeinschaft zu destabilisieren. Was auch immer ein ethisches Gerüst gegen die tobende Verheerung der Selbstsucht ausrichten kann, es muss fortwährend neu ausgehandelt, neu verteidigt werden gegen die Zerstörung aus dem Inneren. Das Problem ist nicht, dass es Eigennutz gibt; das Problem ist, dass er zum moralischen Wert erhoben wurde.

Nicht erst durch die Einwirkung totalitärer und menschenverachtender Mächte schwiemeln sich die heimlich Bösen Entschuldigungen zurecht, mit denen sie als Mitläufer, Befehlsempfänger oder im großen Chor der Drecksäcke ihre Nächsten quälen wie sich selbst. Schon durch das Marktprinzip, das als Modell auf soziale Beziehungen übertragen und zur Richtschnur erfolgreichen Handelns gemacht wird, unterscheiden wir andere nach Nützlichkeit. Wir helfen, erwarten aber eine Gegenleistung. Bleibt die aus, lassen wir das aufgeschraubte Lächeln in der Westentasche verschwinden und räumen mit dem anderen auf. Noch den Trost für die Beschädigungen des Mitmenschen spendet der Egoist erst, wenn er sich im Licht seiner eigenen Großherzigkeit sonnen kann, weil das sein Ansehen entscheidend stärkt. Er wahrt sein Gesicht, auch wenn er gar keins mehr hat.

Bei Primatenforschern stieß die Fassadentheorie jüngst auf Kritik, da sich Empathie als evolutionär vorteilhaft für die Anpassung an gruppenspezifische Entwicklungen herausgestellt hat. Leider verfügen Bonobos im Gegensatz zu moralisch geschulten Arbeitnehmern, Wählern und Autofahrern nicht über den Intellekt, der es ihnen erlauben würde, zur Steigerung eines Börsenkurses den Lebensraum einer ganzen Ethnie platt zu machen, weil sie da eh nicht hinfahren würden, solange man die Rohstoffe mit dem Containerschiff nach Europa holen kann. Schimpansen sind auch nicht dafür bekannt, zur Durchsetzung ihrer politischen Ideale Arbeitslager zu errichten. Einige geistig hochstehende Arten verfügen neben der Anlage zum Humor auch über die Fähigkeit, einander anzulügen. Dass sie sich selbst belügen, und das aus strategischen Gründen, wurde bisher nicht entdeckt. Sollten sich Affen und Delfine verabreden, diesen ganzen Planeten in die Tonne zu treten, sie hätten unser Verständnis, falls sie damit den Menschen als permanenten Störer loswerden wollen. Vielleicht schaffen sie es als Meister der Kooperation ja auch, uns als einzig überflüssige Spezies abzuschaffen. Die Welt ohne Menschen wäre ein besserer Ort, nicht unbedingt ein friedlicher, aber eine perfekte Balance, in der es keine Masken bräuchte. Und keine Masken gäbe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXII): Der Parkplatz

29 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als der Hominide anfing, sich aus seinem seit Zehntausenden von Jahren angestammten Habitat herauszubewegen, stellte sich mittelfristig die Frage nach dem Transport unhandlicher Objekte. Pferd, Esel und Kamel waren nur drei Möglichkeiten, mit Sack und Pack über schwieriges Gelände zu ziehen, falls sich Ausgangs- und Zielpunkt nicht auf dem Wasserweg verbinden ließen. Da lag die Nähe zum Nutztier noch in praktischen Erwägungen begründet – Haus und Stall waren nicht selten unter einem Dach, was in kalter Witterung auch Wärme lieferte. Doch schon mit der Kutsche schwand die Fühlung, zumal sie nur von einer begüterten Minderheit als Fortbewegungsmittel unterhalten wurde. Die engen Gassen der Stadt waren verkehrstechnisch gar nicht auf derartige Konstruktionen vorbereitet, zumal dann nicht, wenn sie aus Platzgründen eine Menge Leute für Handel, Handwerk und allerlei krumme Geschäfte aufnehmen mussten. Keiner war an den ratternden Kästen interessiert, die geräuschvoll auf dem Pflaster holperten, an Hausecken stießen und die natürliche Gangart des Menschen störten. Was also brachte uns auf den bescheuerten Gedanken, das mit Parkplätzen zu versuchen?

Deutschland hat grob gerechnet zwei davon pro Einwohner, obwohl nicht einmal jeder ab legalem Alter ein Kraftfahrzeug besitzt. So ist durch das Auto, das vor der Wohnung, dem Arbeitsplatz, dem Supermarkt oder dem nächstgelegenen Bahnhof steht, im Naherholungsgebiet, in der Tiefgarage, an der Autobahnraststätte oder vor dem Friedhof, eine immense Fläche sinnlos verkloppt, zuzüglich der gefühlten fünf Viertel Standstreifen in den Städten, die als Reservoir für die sich langsam leerenden Asphaltareale dienen, die ihre Blechlawine jeden Tag wieder in die Landschaft schwiemeln. Diese simultane Verkehrs- und Bauzerstörung, die das als christliches Abendland geplante Gepräge westlicher Gestaltung unter dem Vorwand der Verwertung von Mensch und Maschine, letztlich aber nur der des Kapitals, in verfüg- und verschiebbare Materie wandelte und noch wandelt, macht aus Metropolen schnell durchfahrbare Klappkulisse, die sich easy vermarkten lässt, wo immer man aussteigen kann.

Im Grunde ist der Parkplatz der natürliche Feind des zwangsautomobilen Menschen. Nie ist er da, wo man ihn braucht, meist gibt es davon zu wenig, weil der Autoverkehr mit der linearen Anlage von Stellplätzen exponentiell anschwillt, sie sind zu eng und zu klein, nicht barrierefrei und konstanter Quell der Frustration für alle Kfz-User. Wie es der Markt nun einmal vorschreibt, zocken Körperschaften und Konzerne mit Fleiß den ruhenden Verkehr ab, mit Parkuhren, Parkscheinen, Höchstparkdauern, alles im Preisbereich, der für andere Dienstleistungen ohne nennenswerten Kundenvorteil dem Deppen in die Nähe einer Hirnembolie treiben. Zwar kann er auf der Suche nach einer Freifläche zehnmal um den Häuserblock heizen, um danach seine Einkäufe doch wieder eine Stunde lang durch die Gegend zu schleppen; er kann aber auch kurz die Zeit aus den Augen verlieren, voll in die Bußgeldfalle tappen und Spaß mit saftigen Strafgebühren haben. Der Gourmand der Schotterverschwendung plant für den Besuch im Shopping Center gleich drei volle Stunden ein, um sich den Nasenstüber zu ersparen, und berappt für den Sicherheitspuffer doppelt. Dazu kommen Kraftstoff- und Nutzungs-, Umwelt- und Arbeitszeitkosten, die allein die Jagd nach der Parkbucht verursachen: jährlich 40 Milliarden. Gut, dass das auch alle Radfahrer subventionieren.

Hat der Blechdödel die leere Lücke erst einmal entdeckt und zwängt den modischen Straßenpanzer hinein, stellt er nicht selten fest, dass in den Jahren nach dem letzten architektonischen Upgrade die Seitenstreifen nicht gerade breiter wurden – das hat der Führer nach dem Krieg also nicht viel größer und schöner aufgebaut, Volkswagen hin oder her. 40% der Autounfälle entstehen beim Rangieren auf dem Terrorterritorium piepend rückwärts fahrender Stahldinger, durchschnittlicher Vollkaskoschaden: 2.200 Euro. Etwa 42 Stunden Lebenszeit verbringt der Bekloppte mit dem schmerzhaften Prozess der Parkplatzfindung, Ein- und Ausfahren, und dem lieblichen Knirschen am Kantstein, wenn die Felge ein letztes Mal Lebenszeichen von sich gibt.

Nur eins bringt den Nanodenker kurzfristig in den Zustand der Zurechnungsfähigkeit, und das ist das Hindernisrennen für alle, die gerade aus dem Auto ausgestiegen sind und sich wundersamerweise in fluchende Fußläufige verwandeln, die von Honks ohne Sinnesorgane und einer Reaktionszeit auf der Minutenskala fröhlich zu artistischen Übungen auf dem Gehweg getrieben werden. Die Vergeudung des urbanen Raums feiert sich gerne mit Blutopfern und Hässlichkeit, während die Mobilpest von einer Standfläche zur nächsten bollert, um dort wieder in hoheitsvoller Bewegungslosigkeit zu vegetieren. Im Falle von Kamel und Pferd, Esel und Kutsche wäre das wenigstens ästhetisch erträglich, würde weniger Todesopfer fordern, weniger Feinstaub und Gestank verursachen und besser sein für das, wofür wir die Städte überhaupt gebaut haben. Aber dann gibt’s ja Beknackte, die das Auto brauchen, weil sie deshalb aufs Land gezogen sind. Wegen der Parkplätze.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXI): Das Ende des Wegwerfens

22 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da hatte Rrt gerade noch einmal Glück gehabt. Ein winziger Funke war auf sein verhasstes Fell gesprungen und hatte ein kleines, aber sehr gut sichtbares Löchlein gebrannt, so dass er den Pelz sofort ausziehen musste. Auch die Hauptfrau war’s zufrieden, hatte ihr Ernährer sie doch in einem viel prächtigeren Aufzug gefreit. Ersatzteile waren rar für Säbelzahnziegeneinteiler, Recycling war noch nicht erfunden, also musste den Fummel fortan der dümmliche Schwiegersohn auftragen. Immerhin hat keiner den Anzug entsorgt, wie wir es heute täten, auch wenn wir das Ding billig im Schlussverkauf geschnappt und nie getragen hätten. Es gab sie noch nicht, die immanente Notwendigkeit, jedes Objekt wegzuwerfen, weil sonst ein ganzes Modell an Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft nicht mehr richtig funktionieren würde. Das Ende könnte auch heute nah sein, wir haben es in der Hand.

Der typische Produktlebenszyklus elektrischen Kleingetiers mit Schnur und Schalter sieht heute so aus, dass das Design einzwei neue Schnörkel in die Oberfläche kratzt, wichtige Funktionen durch ein Potpourri unsinnigen Schmodders ersetzt und den Gegenstand gerade so lange überleben lässt, bis die nächste Generation an Zahnbürsten, Rasierern oder Haartrocknern am Markthorizont erscheint, wenn die Kabelführung morsch und das Gehäuse aus schlagfester Plaste unelegant gesplittert sind. Die einzelnen Komponenten lassen sich nicht ersetzen, nicht einmal das bröselnde Kabel durch einfaches Anstecken einer neuen Verbindung tauschen, und hat der Hersteller alles richtig gemacht, dann geht die Maschine in die ewigen Jagdgründe ein, weil der fest verbaute Akku abratzt. Dies freilich ließe sich mit etwas technischem Sachverstand, wenig Werkzeug und ruhiger Hand wieder reparieren, doch will das der Produzent?

Die meisten Gebrauchsobjekte sind bereits so entworfen, dass nur noch der Gang zur Tonne als schmerzfreier Akt vor dem Neukauf bleibt. Bisher haben nicht einmal drohende Rohstoffmängel, die vom Taschenrechner bis zum Smartphone jede neue Entwicklung irgendwann in die Sackgasse führen, die Industrie zum Umdenken durch groß angelegtes Recycling getrieben. Während in Entwicklungs- und Hungerländern unter unsäglichen Bedingungen die Rohstofffirmen unter Einsatz von Sklavenarbeit den Planeten geradezu auswringen, gefällt sich der Konsumismus in seiner Kampfstimmung gegen die Nachhaltigkeit – Pfeifen im Keller, weil sonst die aus kapitalistischer Religiosität und brachialer Beklopptheit geschwiemelte Zukunftsvision in dünnen Rauch aufgeht. Nicht einmal die rapide Verteuerung und eine mögliche Verknappung der Güter schrecken die Unternehmen, wenn man mit steigenden Preisen das für Aktionäre notwendige Wachstum vorspiegeln kann.

Natürlich kann die EU den Verbraucherschutz mit einem Recht auf Reparatur schärfen, aber am längeren Hebel sitzen die Hersteller, die sich das Geschäft kaum von ein paar aufgeregten Beamten vermiesen lassen werden. Kleingetier wie den flanschbaren Gummiwulst A38/II sieben bis zehn Jahre als Austauschware vorzuhalten macht die Waschmaschine nicht besser, wenn das ganze Gerät nicht am Ende des Motorlebens komplett in seine Einzelteile zerlegt und in den Kreislauf gebracht werden kann. Wenn die Trommelaufhängung nur vom fürstlich entlohnten Werkskundendienst mit dem Spezialhämmerchen festgedengelt wird, weil man dem Verbraucher die Neuanschaffung einfach nicht schmackhaft machen kann, hat die Industrie auf lange Sicht ihr Desinteresse an nachhaltigem Wirtschaften durchgesetzt. Hier hilft keine lauthals beschworene Eigenverantwortung, vor allem nicht, wenn der größte Teil der Waren aus chinesischer Fertigung auf den westlichen Markt quillt und nach kurzem Flackern afrikanischer Sondermüll wird.

Solange der Markenfetisch für digitales Gedöns grassiert und jeder Multifunktionsstaubsauger faxt, toastet und fotografiert, bis er nicht mehr faxt, aber dafür auch nicht mehr toastet oder saugt, solange wir uns als Verschleißjunkies mit allerhand Schrott zuballern, wird sich nichts ändern. Zum Glück ist der Fachkräftemangel die wohlfeile Entschuldigung fürs Aufrechterhalten dieses Zustandes, denn wer soll den auf eine einzige Platine gelöteten Fernseher noch mit handwerklichem Einsatz retten, statt ihn schwungvoll in den Container zu schlenzen.

Allein es gäbe einen Ausweg. Um eine richtige Kreislaufwirtschaft in Gang zu setzen, bräuchte es einfach eine Verlängerung der Herstellergarantie auf fünf bis zehn Jahre. Macht der Quirl innerhalb der Phase der geplanten Obsoleszenz die Grätsche, geht’s am Stück zurück nach Hause, bis das Ding wieder rührt. Dazu käme fallweise ein verkürzter Gewährleistungszeitraum, wenn sich die Reparatur nicht oder nur unter unverhältnismäßig hohem Aufwand umsetzen ließe. Früher kauften sich die Menschen pragmatisch teure Dinge in hässlicher Haltbarkeit, die bei guter Pflege vererbt zu werden drohten. Keiner käme heute auf die Idee, einen Radiowecker anzuschaffen unter der Prämisse, dass die Uhr auch in fünfzig Jahren zuverlässig den Morgen zerstört. Eigentlich schade.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCX): Das dumme Tier

15 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eigentlich verlief sich Uga selten im Wald, aber wenn, dann gründlich. Zwei Sonnenuntergänge lang musste er nun durch die Vegetation stapfen, weil er die Orientierung verloren hatte. Schließlich begann sein Magen zu knurren, und als er einige Portionen Protein auf dem Boden krabbeln sah, überlegte er nicht groß, sondern griff zu. Tierische Nahrung im Snackformat war ihm sonst fremd, bisher musste er immer mit Speer und Keule auf ungehaltene Säuger losgehen. So aber knusperte er eine Handvoll Käfer und überlegte schon, wie er die süßlichen Dinger in seinem Beutelchen in die Einsippenhöhle würde transportieren können. Er hätte zu gern gewusst, ob der jüngst gezähmte Wolfshund das Geziefer mit Schwanzwedeln und Appetit annehmen würde. So aber blieben ihm nur Beeren, ein wenig Moos und der Gedanke, ob er dem Heimtier vielleicht durch ein paar Knochen eine Freude machen könnte. Es war schließlich ein ganz besonderer Hund.

Etwas weiter östlich hatten ähnliche Stämme Hund, Katze, Marder oder Wiesel gleichfalls zum Fressen gern, obgleich auf weniger metaphorische Art. Bis heute ist das Verständnis der Menschheit von Biodiversität das Verlangen der Bescheuerten, sich möglichst schnell möglichst viele Arten in den unterschiedlichsten Garzuständen reinzupfeifen, außer eben wegen religiös-kultureller Tabus, sozial gewachsener Nähe oder Brechreiz auslösenden Ekels ausgenommenen Lebewesen, wobei auch hier fast jede Weigerung erlernt wird – würde sich der gemeine Allesfresser weigern, potenziell gefährlich oder degoutant wirkende Kalorienträger ins Gesicht zu drücken, die Erfindung der Fast-Food-Ketten wäre eine kurze, erfolglose Geschichte geblieben. Dass ein Teil der monotheistischen Religionen den Verzehr von Schweinen ablehnt, hat mehr als einen Grund. Die Erkenntnis, dass das Hausschwein den geistigen Entwicklungsstand eines gut zweijährigen Menschen besitzt, differenzierte Sozialbeziehungen zu Artgenossen unterhält und Emotionen wie Angst, Freude oder Neugier in individueller Ausprägung fühlt, spielt hier jedoch keine größere Rolle. Ein Schnitzel, das „Ich“ sagen kann, möchte man sich lieber nicht vorstellen, und so schwiemelt sich der Grützkopf eine Natur zurecht, in der seine positiven Gefühle artgerecht befriedigt werden: Delfine sind kluge Meeressäuger, die miteinander Spaß haben, Hunde die treuen Gefährten, die das Herrchen auch über unglaubliche Distanzen wiederfinden. Das an uns unverzichtbarste Bauteil ist die Tränendrüse.

Schwieriger wird dieser Subjekt-Objekt-Bezug durch eine neue Kategorie, den Affekt. Er ist nicht nur verhaltenssteuernd, greift weit über instinktives Reagieren hinaus und stiftet ein komplexes System aus Interaktionen innerhalb und außerhalb dessen, was das Ich als Selbst begreift. In ihm entsteht die kognitiv verarbeitete Erkenntnis der Wesenheit, die sich zu anderem und anderen verhält, paradox auch darin, dass die Kommunikation mit anderen Spezies dem scheinbar dummen Tier besser glückt als dem scheinbar intelligenten Menschen. Wie unglücklich muss diese Menschheit sein, wenn sie erkennt, dass nicht nur die vertrauten Freunde – wenngleich diese Freundschaft nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht – wie Hund, Pferd, Katze Schmerz kennen, sondern auch Knochenfische, Mollusken, Bienen. Noch bis in die 1980er-Jahre sah man Säuglinge vor dem Erlernen von Sprache als empirisch gut messbarem Indikator für Intelligenz als nicht in der Lage, Schmerz zu empfinden, und operierte mit geringer dosierter oder ganz ohne Narkose.

Was also den Hominiden auszumachen scheint, komplexe Intelligenz, Sozialstruktur und Emotion, leugnet er aus pragmatischen Gründen bei anderen Arten, wo es ihm vorteilhafter erscheint, als sich die existenziellen Kosten seines Organismenkonsums vor Augen zu halten. Zwar gibt es für Operationen bei Kleinkindern inzwischen Anästhesie, aber keine kognitive Dissonanz zwischen putzigen Kraken im Zoo, wie sie den Pfleger an der Hand erkennen, und ihren in Frittenfett ausgebackenen Armen, die wie Reifengummi in Bierteig auf der Peloponnesplatte dümpeln, damit man mehr Ouzo hinters Zäpfchen gießen kann. Anfassen würde man die Weichtiere sicher nicht, aber Verbrauchen ist okay.

Sträuben sich zusehends weniger, wenn man die Persönlichkeitsrechte des Menschen auf die nahen Verwandten innerhalb der Primaten übertragen will, haben wir bei Meerschweinchen, Ratte und Hase schon eindeutig mehr Ambivalenz. Nicht einmal die Kängurus sind sicher, geschweige denn Tierkinder. Aber die Fähigkeit des Verdrängens scheint eine der Stärken zu sein, die Zivilisation zusammenzuhalten und sie gegen die eigenen ethischen Prinzipien zu verteidigen. Nach dem Fressen kommt keine Moral, vorher sowieso nicht. Wie die Überlegenheit der Art Homo sapiens sapiens (sic!) auch die Zerstörung des Planeten als unangenehmen, aber in die Folgen der Marktwirtschaft eingepreisten Nebeneffekt des Spätkapitalismus hinnimmt, noch viel mehr dulden lässt, dürfte klar sein, dass diese Moral einen Preis hat. Wer ihn zahlt. Und für wen. Die Menschheit hat oft genug bewiesen, was sie ist: schmerzfrei. Wer denkt schon an die Kinder.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCIX): Soziale Teilhabe

8 04 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hin und wieder steht religiöses Brauchtum auf dem Programm, ergänzt durch Konsumfesttage, an denen Schnittblumen und Süßwaren eine tragende Rolle spielen, weil sonst der Einzelhandel greint. An Ostern und Halloween haben wir uns gewöhnt, an Mutter- und Vatertag, Sankt Grobian wird sicher demnächst mit Alkoholrabatt begangen, kurz: das Bürgertum ergeht sich im Kaufrausch, der Tradition wird und allerhand Begehrlichkeiten weckt. Bald ist einfache Vollmilchschokolade zu Pfingsten nicht mehr standesgemäß, und eifrig ballert die Industrie kostspielige Produkte ins sonntägliche Heftchen, das den Umsatz ankurbeln soll. Alles schenkt, nur einer macht wieder nicht mit, der Erwerbslose, die Grundsicherungsempfängerin, der nur aus Pietät zur Party geladene Paria. So schnell macht man sich in einer Wohlstandsnation unbeliebt, wenn man nicht die soziale Teilhabe für sich beanspruchen kann.

Der technokratische Schwammbegriff umfasst für die etablierte Mittelschicht alles, was es den im Kapitalismus notwendigerweise Abgehängten mit Eigenverantwortung und Motivation erlauben soll, ihr Recht auf Gleichbehandlung wahrzunehmen. Es funktioniert wie die formschöne Rampe, die man an die Front eines öffentlichen Gebäudes schwiemelt, um Rollstuhlbenutzern noch einmal freundlich in Erinnerung zu rufen, dass sie ohne fremde Hilfe das Ding nicht hochkommen – wer nicht ständig selbst seine existenziellen Bedürfnisse organisieren kann, darf gerne draußen jammern. Das Andersartige von Menschen, die ersichtlich nicht derselben Schicht angehören, führt unweigerlich zu dem Schluss, sie würden so lange an das Gefühl der Ausgrenzung gewöhnt, bis sie es als gegeben hinnehmen, nicht mehr hinterfragen und sich entsolidarisieren, wie es das System voraussetzt.

Zunächst wird die Offenheit des Begriffs für ein möglichst umfassendes Potpourri zivilisatorischer Komponenten genutzt, die als Basis des lebendigen gesellschaftlichen Miteinanders Selbstwirksamkeit erzeugen: sozialer Kontakt, Familie, Freundschaft, Kultur und Alltagsästhetik, Mobilität, Religion und schließlich die Interessenwahrnehmung im politisch organisierten Leben. Je mehr inkludiert wird, desto mehr kann man aber aus den üblichen pragmatisch vorgeschobenen Moralgründen ausschließen. Muss ein Erwerbsminderungsrentner Heimtiere haben? Ist Langzeiterwerbslosen nach der Sozialbestattung noch eine Grabstelle zu zahlen, wo sie doch selbst davon gar nichts mehr haben? Und welche Wirkung hat das auf Gesundheit und Resilienz Betroffener, die schon zu Lebzeiten wissen, dass sie danach eine lästige Kostenstelle bleiben?

In der kapitalistischen Gesellschaft ist sozialer Austausch immer Warenaustausch – inbegriffen die Zeit, die für die bedarfsgerechte Lebensführung der finanziell benachteiligten Haushalte gerade unter prekären Umständen aufläuft, die aber auch mit der reinen Verwaltung ihrer Bedürftigkeit mitunter ein Ausmaß annimmt, das nur den Schluss zulässt, es sei der Vorstellung sadistischer Trottel entsprungen, die ihre anale Phase nicht verdaut kriegen. Mit den Instrumenten einer durchgängigen Segregation wird die Klientel der Benachteiligten aus der Optik, dann aus dem Diskurs geschoben, bis man sie nur noch hervorzerrt, um Sozialpornos und Schauermärchen mit ihnen zu besetzen: quarzende Suffköppe, die am Spielplatzrand hocken, obwohl sie doch früher noch so gerne ins Kammerkonzert gegangen sind. Wehe, sie sind zur Hochzeit eingeladen, haben aber keine vorzeigbaren Schuhe, weil sie nichts ansparen konnten wegen der kaputten Waschmaschine von vorletztem Jahr. Dann waren sie sicher nur nicht kreativ genug, um in Badeschlappen in den Wald zu latschen wegen Frischluft und Bewegung.

Das Problem ist, dass die Reichen die Maßstäbe bestimmen, nach denen Teilhabe gerechnet wird – und die Distanz, die sich in Lohnabstandsgebot und Gutscheinen misst, mit denen man im Supermarkt den antrainierten Akt der Erniedrigung vollziehen muss, für den findige Politikerinnen gerne auch ein Unternehmen gründen lassen, in denen Schwager und Brüder sich die Nase vergolden lassen, damit wenigstens die Abrechnung der Armenhilfe schnell in die Kassen der Konzerne findet. Ausgrenzende Teilhabe ist nichts anderes als ein Dauerlockdown, ein kafkaesker Strafantritt aus Mangel an Beweisen für die Unschuld, weil sich die sogenannten Stützen der Gesellschaft einreden lassen, Freiheit sei nur, was anderen schade.

Wie weit sich die Besitzverhältnisse von der realen Produktivität abgekoppelt haben, zeigt nicht nur die Ungleichheit. Alle Versprechen, aus der Marktwirtschaft ein soziales System zu formen, das auch die Zivilgesellschaft stützt und im Gegenzug von ihr gestützt wird, gehen aus immer neuen Sachzwängen über Bord. Je weiter sie in höhere Schichten vordringt, desto größer ist ihr Bestreben, unsichtbar zu sein. Die Bewältigungsmuster aber, mit denen sie die Gefährdeten konditioniert, sind stets dieselben. Auch hier entwickelt sich die an inneren Konflikten orientierte Schuld- in eine an äußeren Maßstäben ausgerichtete Schamkultur. Die Autorität ersetzt das Gewissen. Was soll schon schiefgehen in einer perfekten Demokratie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVIII): Wundertechnologie

1 04 2022
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eine Handvoll Buntbeeren aus dem Schälchen, das Rrt gerne in der Hinterecke der Einsippenhöhle vergaß, bis der Inhalt sichtlich blubberte, und schon wurde dem Jungvolk abends am Feuer wundersam duselig in der Birne. Manch einer prahlte von irren Jagderfolgen, andere brüsteten sich damit, wie sie die attraktivsten Frauen aus dem Nachbarstamm am anderen Steppenende beeindrucken würden, hätten sie erst ein präsentables Ausgehfell. Der Alte aber nahm noch ein paar vergorene Früchte, um seine oft erzählte Vision aus der Hirnrinde zu schaben, wie er nämlich dereinst mit Strahlen vom Großen Faultier die Säbelzahnziege erlegen würde. Die Jugend sah mit Bedauern auf ihn, der beharrlich den Totemlaser beschwor, ohne dass es irgendeinen Weg geben würde, dies Ding zu erfinden. So blieb die Waffe, was ein Großteil der für jedes Problem antizipierten Patentlösungen heute noch ist: Wundertechnologie, jenseits des Denkbaren, fern jeder Machbarkeit.

Gebannt starren die Grützbirnen auf das Gelaber neoliberaler Realitätsallergiker, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass Naturgesetze nicht mit der Parteiideologie wegzubeten sind. Wichtig wirkende Wichtel sondern reflexhaft denselben Sums ab, der aus allen Ritzen eines mühsam aus Versatzstücken zusammengeschwiemelten Halbwissens quillt: mit der Schwerkraft werden wir auch noch fertig, bis zur nächsten Wahl können wir Quanten klonen, mit der Steuersenkung finanzieren wir die Reise unter den absoluten Nullpunkt. Bisweilen wundert es nur, dass nicht allen Dummdeppen in Schallweite die Fußnägel einzeln hochklappen, aber dann ist da ja auch noch der allgemeine Bildungsmangel, der es nicht unwahrscheinlich macht, dass alle glauben, was der dumme Onkel da oben unter sich lässt. Wahrscheinlich glauben es Blinde mit chronischer Technikbegeisterung selbst, was sie da schwafeln, anders ist der kollektive Hirnschrott kaum denkbar.

Offenbar dringt nicht immer in die Denkwatte, wie Wissenschaft arbeitet: in kleinen Schritten, von der Beobachtung über die Grundlagenforschung bis zur prototypischen Anwendung, die mit Glück in Serie geht und nicht nur unter Laborbedingungen den beabsichtigten Effekt erzielt. Was die Deppen in den Elfenbeintürmen der Politik jedoch wollen, sind Alchimisten, die es mit ein bisschen Voodoo regnen lassen und Stroh zu Gold spinnen können, damit ihre Gier hinreichend befriedigt wird. Die Zauberer in den jetztzeitlichen Hexenküchen sind die externalisieren Erfüllungsgehilfen der Allmacht, mit der sie sich gerne ausgestattet sehen würden. Schade nur, dass auch mit viel Brimborium die Machtverhältnisse sich nicht ändern.

Abgesehen von der unethischen Verwendung technischer Neuerungen – dieselbe Kernspaltung erzeugt Elektrizität und unbewohnbares Terrain, mit künstlicher Intelligenz sind Blutdruckmessgeräte möglich, die vor einem Herzinfarkt warnen oder den Träger ausspionieren – schafft sich der Kult um die Supermodernität einen Maschinenpark mit fatalen Nebenwirkungen. Haben wir schon durch die industrielle Revolution die Verarmung weiter Gesellschaftsschichten geduldet, die als Proletarier vom Kapitalismus ausgespuckt wurden, wird die Durchsetzung des Verbrennungsmotors in seinen vielen Gestalten uns ein paar Meter Meeresspiegel unter der Gasglocke kosten. Was immer wir noch erfinden werden, verhindert keinen Weltenbrand, es lässt höchstens etwas Spielraum beim Löschen.

Die Herausforderungen der Zukunft werden viel komplexer sein als bisher angenommen, wenn erst einmal Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Katastrophen sich voll entfalten: Erderwärmung, Wassermangel, Bodenerosion, Pandemien, dazu soziale Verwerfung durch demografischen Wandel, Bildungsversagen, Migrationsbewegungen und die militärischen Kurzschlusshandlungen lange auf Rosen gebetteter Diktatoren. Längst hätten wir auf den Lärm der Alarmglocken reagieren müssen mit panischem Geschrei, aber wir warten noch ab, bis die selbstgerechten Koksgnome ihre Egoshow zu Ende abgezogen und uns goldene Landschaften vorgetanzt haben. Dann fangen wir gleich an.

Das Wunder aber, diese religiöse Verheißung der kapitalistischen Kirche des börsennotierten Todeskults, es wird nicht kommen, völlig egal, wie lange wir darauf warten. Und während wir darauf harren, während uns von den Einsichtigen mit der Keule gedroht wird, das leckgeschlagene Schiff mit Bordmitteln leer zu schöpfen, statt auf himmlische Hilfe zu hoffen, passiert: nichts. Wir sind zu sehr beschäftigt, uns utopischen Schmodder auszumalen, der uns retten wird, dass wir mit Scheinlösungen und Placebos zufrieden sind. Wie dem Gaul hängt uns die Möhre vor der Nase, aber sie ist uns nicht gut genug. Und da irgendwann der Apparillo gebaut wird, mit dem man CO2 einfach wegzoscht, bollern wir bald autonom im SUV bei Tempo 300 über die Autobahn und lesen dabei das Gehetz, mit dem man uns das Grillsteak als letzten Ausdruck menschlicher Würde abschnöden will. Das Leben ist doch schon so kurz, da kann man auf manche Errungenschaft nicht so leicht verzichten. Denn sterben müssen wir alle. Dagegen sollte mal einer etwas erfinden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVII): Das Märchen vom sozialen Faulenzen

25 03 2022
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Frühling kam ins Land. Schon schossen im Wäldchen am Rande der westlichen Felswand die Kräuter aus dem Boden, die Ngrr und seine Leute so nötig hatten, um sich gegen die Erscheinungen des vitaminarmen Winters zu wappnen. Die Jungen bekamen ihre Körbchen, um fleißig Grünzeug zu sammeln, Snackhörnchen und Vorspeisenvögel in günstigen Momenten zu erbeuten und die Vorräte in der Sippenhöhle aufzufüllen. Doch nicht immer gab es genug. Alle waren beschäftigt, fröhlich zog die Riege von Hang zu Hang, aber mancher Korb blieb leer. Schon hatte der Älteste die Lösung und pfiff die scheinbar Müßigen an: ohne abendliches Eiweiß ab unters Bärenfell. Strafe musste sein. Viel eher war er damit dem Märchen vom sozialen Faulenzen aufgesessen.

Den angeblichen Motivationsverlust bei einer gemeinsamen Aufgabe hatte der Ringelmann-Effekt noch mit dem Tauziehen experimentell zu erklären versucht: je mehr Probanden am Seil ziehen, desto weniger Kraft wirkt tatsächlich. Schließlich wissen wir, dass Team die Abkürzung ist für ‚Toll, ein anderer macht’s‘. Aber die Sache ist, rein physikalisch betrachtet, ein sauberer Fehlschluss, in dem die Psychologie der Motivation nur am Rande eine Rolle spielt. Nicht nur ist die Zugkraft stark vom Impuls abhängig – zieht mal der eine, mal der andere, mal ein paar vorne und hinten, so lässt sich eine Kraftübertragung kaum sauber definieren – sie ist auch vom Vektor abhängig, so dass links und rechts gleichzeitig zerrende Muskelmannen sich in ihrer Stärke buchstäblich auslöschen. Ob nun einer, ein halbes oder ein ganzes Dutzend Honks an der Leine zerren, ist dabei vernachlässigbar, da sich ein linearer Leistungsabfall auf die Art nicht errechnen lässt. Die psychologische Erklärung ist also mit viel Selbstvertrauen zusammengeschwiemelt, zielt auf die Außenwirkung einer pseudowissenschaftlichen Schwindelei und ergibt eine billige Ausrede, die sich im Management nach Belieben verbraten lässt.

Denkbar ist immerhin, dass auch bei nicht rein körperlichen Anstrengungen der Hominide ohne ein klares Leistungsquantum im Gruppenprozess auf Schonbetrieb schaltet, wenn sein eigener Anteil am Ergebnis nicht identifizierbar ist – wo alle Rüben gleich auf dem großen Haufen landen, lassen sich Fleiß und Ausdauer nicht mehr vom Hintergrund der Gruppe lösen. Wir sind hier also bereits in der Selbstmotivation, die aus der positiven Bewertung der eigenen Leistung rührt, wenn nicht aus der Anerkennung durch Dritte, etwa durch kollektives und individuelles Lob, Wertschätzung und einen angemessenen Lohn für die Anstrengung, die über ein erwartbares Maß hinaus der Sache diente. Wer die Notwendigkeit für etliche Arbeitsbereiche in der aktuellen Gesellschaftssituation erkennt, darf gerne danach handeln. Theorie macht nichts besser.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten, muss aber nicht immer der Einzelne schuld sein. Vielmehr hat die Organisation der Arbeit entscheidenden Anteil am Gelingen, da Rollen im Gruppenprozess definiert und ihre Bedeutung für das Gesamtergebnis erklärt werden müssen, weil ein Großteil der Effektivität in der Koordination liegt. Schon die empfundene Unwichtigkeit der Arbeit würgt zuverlässig jede Art von Anreiz ab, ein konstantes Niveau zu halten oder es zu steigern, und dies gilt nicht nur für sinnfreies Sandschaufeln oder Bullshit-Jobs, die auch ein gut dressierter Papagei für genügend Nüsse erledigen würde. Berufsfelder, die im öffentlichen Diskurs als höchst relevant abgefeiert und dann systematisch zum Schmuddelkindergarten tituliert werden, sind ebenso betroffen, und die Folgen lassen sich nicht auf die Arbeitnehmer abwälzen, wenngleich gerade dies reflexhaft geschieht, weil sonst die simplen Rechtfertigungsmuster nicht mehr funktionieren.

Außerhalb wirtschaftlicher Verwertbarkeit zu denken fällt Realitätsallergikern gewohnheitsmäßig schwer. Schon bei der Eigenverantwortung in der Pandemie holt sie ihre Scheuklappenroutine ein, mit der sie großspurig Ziele definieren, die für alle gemeinsam gelten sollen, die sie aber lieber der intrinsischen Motivation der Betroffenen überlassen wollen, weil eine Erklärung zu viel Arbeit machen würde. Wüsste jeder, dass die bunten Schilder am Straßenrand nicht zur ästhetischen Aufwertung der Landschaft dienen, hätten wir kein Verkehrsunfälle durch unangepasste Fahrgeschwindigkeit. Nicht nur die heilige Produktivität, auch das Überleben und die damit verbundenen Qualitätskriterien werden von der Tendenz zur Verantwortungsabgabe stark beeinflusst. So treiben wir nun auch die Gutwilligen in die soziale Nahtoderfahrung, weil wir ihre immer wieder gezeigte Kooperationsbereitschaft in die Tonne treten, da wir sie für einen nachwachsenden Rohstoff halten.

Die gegensätzlichen Annahmen der XY-Theorie, der Mensch sei entweder grundsätzlich faul oder grundsätzlich fleißig, sind nur eine selbsterfüllende Prophezeiung, die eine auf Menschen projizierte Haltung verstärkt. Sie erklären wenig und beweisen nichts, aber Hauptsache, wir haben eine einfache Steuerung für die humanoide Verfügungsmasse. Ein Knopf reicht. Wir wollen ja dem Führungspersonal nicht zu viel Umstände machen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCVI): Der Korrumpierungseffekt

18 03 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das musste man Uga lassen: er war ein fleißiger Pflücker von Buntbeeren, der schon in aller Frühe die Einsippenhöhle verließ und stets mit dem Korb voller Früchte zurückkehrte, während man seinen arbeitsabstinenten Schwager nur unter Androhung körperlicher Gewalt dazu bekam, seinen eigenen Müll wegzuräumen. Das temporäre Anwachsen der Population, sicher auch durch bessere Versorgung mit Vitaminen und Antioxidantien begünstigt, ließ auch den Bedarf an Pflanzenkost steigen, was aber den Faulpelz nicht dazu bewog, den tatkräftigen Verwandten zu unterstützen. Erst der Älteste sorgte für einen organisatorischen Ausgleich, indem er die Fleischportionen des phlegmatischen Dödels um ein paar Bissen aufstockte – und aus Gründen der Gerechtigkeit Ugas Anteil gleichfalls. Es kam, wie es kommen musste. Während der träge Troglodyt für etwas Eiweiß jeden Tag in die Büsche ging, lag nun Uga auf der faulen Haut, weil er einfach keinen Bock mehr hatte. Er war nicht unsozial geworden, der Korrumpierungseffekt hatte zugeschlagen.

In der Erwerbsarbeit läuft es nicht anders. Wer für die Tätigkeit, die er aus intrinsischer Motivation begann, nun mit ausreichend hohem materiellen Anreiz belohnt wird, wird diese Beschäftigung zwar beibehalten, aber eben als Job und nicht aus Berufung, so dass die Qualität seiner Arbeit nach und nach auf ein akzeptables Mindestmaß sinkt, während sie bei einem anderen Arbeitnehmer, der die gleiche Verrichtung rein des Geldes wegen auf sich nimmt, mit stumpfer Routine abläuft, die nicht einmal das limbische System aus dem Schlaf holt. Wird nun der äußere Anreiz, kurz: das Gehalt, an das sich beide gewöhnt haben, gekappt oder steigt es nicht proportional zur Belastung an, so ist der rein extrinsisch Motivierte im Vorteil, denn nur der ursprünglich aus eigenem Antrieb Tätige spürt den Verlust von Selbstwahrnehmung und -wirksamkeit, die er für ein bisschen Kohle eingetauscht hat. Es handelt sich schlicht um einen Gewöhnungseffekt, da Lohn meist als Kompensation begriffen wird – der Begriff hat es bis ins Fachdenglisch geschafft – und in Komplexstrukturen aus leistungsbezogenen Boni, Incentives und Krimskrams enden, aus denen sich der Bekloppte seinen Gehaltszettel schwiemeln kann, immer in der Hoffnung, dass der Kollege vor Neid auf Firmenkarre und Kantinenfraßzuschuss detoniert. Doch dem ist nicht so.

Ab einer gewissen Höhe setzt die natürliche Trägheit der Denkmasse ein, und sie wird bei dieser wirtschaftspsychologischen Bastelstunde mit dem Holzhammer auch die Unternehmer erwischt haben. Haben sich die flexibilitätsbekifften Erfinder von Cafeteriamodell und Zuschusshölle blenden lassen von pseudokonfuzianischen Kalendersprüchen, dass der, der sich einen Beruf sucht, den er liebt, für den Rest seines Lebens nicht mehr arbeiten müsse, so haben sie eins der so zahllos wie überflüssigen Anreizsysteme erschaffen, die ausschließlich mit Geld funktionieren und deshalb eben gar nicht. Wer sein Hobby zum Beruf macht, der ist danach sein Hobby los. Aber wer verlangt von Knalltüten mit Triller unterm Toupet, dass sie denken. Und wozu.

Die bereits ins Gehalt kalkulierte Belohnung in Form von Boni oder Gratifikationen sind nur mehr ein etwas anders lackierter Lohnteil, sie befriedigt das Bedürfnis nach Autonomie oder Anerkennung ungefähr so wie ein Lehrer, der den Klassenprimus lobt, weil er der Beste ist, und der Klasse erklärt, dass er das von ihm auch erwarte. Leider sind die Kompetenzen unter Führungskräften nur selten so ausgeprägt, dass sie sie auch anderen zugestehen, geschweige denn sie dafür anerkennen würden. Sie erwarten Wachstum von irgendwas, das dann aber kompensiert werden muss, weil sonst ihre einfache Rechnung nicht mehr aufgeht. Und so trampeln sie mit der Waffe der Bewertungsangst in einem von Konkurrenzdruck geprägten Umfeld lustig auf dem Antriebsverhalten ihrer Mitarbeiter herum.

Schließlich muss dieser logische Fehlschluss auch für einen psychologischen Kardinalfehler des Kapitalismus herhalten: die belohnungsgesteuerte Leistung ist für die Organisatoren der Ökonomie die einzig denkbare Grundlage. Nie käme ihnen in den Sinn, ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre die Lösung, eine dauerhaft selbstwirksame intrinsische Motivation zu erhalten, die nicht mehr korrumpierbar ist durch Stimuli, die kontinuierlich erhöht werden müssen, weil das heilige Wachstum es so verlangt. Eine anreizgesteuerte Arbeitswelt wäre letztlich die fortwährende Freisetzung von Kräften, die zudem noch die Selbstermächtigung fördert, eine zusätzliche extrinsische Motivation so auszuhandeln und anzunehmen, dass sie anderen Ansporn nicht mehr zerstört. Der gemeine Mann wäre zufriedener, die Qualität seiner Arbeit nicht geringer als heute, aber er wäre nicht mehr durch ein paar Standardmechanismen zu kontrollieren. Das bereitet freigiebigen, gutherzigen Managern so richtig Kopfweh, auch wenn nur Phantomschmerz dabei auftritt. Im fahlen Glanz einer Dienstreise mit der auch privat genutzten Firmenlimousine müssen sie Lösungen finden, und sie finden Lösungen. Sie erhöhen ihre Boni, damit sie irgendwann Lösungen finden. Korrumpierbar ist schließlich jeder.