Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVIII): Das Recht auf Idiotie

22 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Sonne, so weiß der Dichter, bringt es an den Tag. Meist genügt ein geringer Anlass, in dessen Folge den Mithominiden schlagartig klar wird, dass hier ein geistig ungesegneter Artgenosse, obgleich er das Wahlrecht ausüben, Kraftfahrzeuge durch die Vegetation bewegen und Reproduktionsversuche unternehmen darf, Handlungen unternimmt, die er als einziger unter den Anwesenden ernst nimmt. Menschen kontrollieren den Füllstand eines Tank vermittelst eines brennenden Streichholzes, nehmen ein Vollbad mit dem elektrisch betriebenen Radio an der Wannenkante oder ersticken beim Versuch, lebendige Zierfische zu verschlucken. Nichts ist so weise wie die Evolution, die den rechten Rand der Gauß-Verteilung aus dem Genpool kärchert. Was sich hartnäckig der Arterhaltung entgegenstellt, das bekommt halt seinen Willen, wenngleich etwas rascher als erwartet. Alle anderen dürfen ihr Recht auf Idiotie gerne anmelden.

Ob sie es allerdings auch ausleben dürfen, das sei dahingestellt. Es haben Klügere schon das Lob der Torheit gesungen, Witzigere und Mutigere, die dafür auch an den Galgen hätten kommen können, doch nicht alle waren auch gestraft damit, von den Deppen dieser Welt umgeben zu sein und sich die Früchte ihrer intellektuellen Fehlleistungen zu Gemüte zu führen. Durchschnittlich gelagerte Ausprägungen an Dämlichkeit gehören nach allgemeiner Überzeugung in den Normalbereich der kognitiven Grundausstattung einer Population, die insgesamt Nüsseknacken und aufrechten Gang ohne letalen Ausgang über die Bühne bringt, doch ist es nicht allein die Summe der Beklopptheiten, sondern deren Einzeltragweite. Im Gegensatz zu kollektiven Leistungen, die auch über Generationen hinweg die Entwicklung des Menschengeschlechts prägen und fördern, genügt ein einziger Dummklumpen, der im falschen Augenblick auf den verbotenen Knopf patscht, um die Zivilisation, wie wir sie kennen, rückstandsfrei auszulöschen. Manche von ihnen haben es bis in die Wirklichkeit geschafft, auch wenn sie diese meist nicht als allgemein verbindlich anerkennen, und alle wurden früher oder später an der Durchführung ihrer Pläne gehindert. Freilich hatten auch sie ein Recht auf Blödheit, aber nicht in dem Ausmaß, in dem sie es genutzt haben. Dass dies Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit gehört, ist in der gegenwärtigen Welt mit ihrem unstillbaren Drang nach Individualisierung nicht mehr bestreitbar. Fragwürdig ist aber und bleibt, wie weit es gestattet ist, diesem Recht nachzugehen – oder andere dem nachgehen zu lassen.

Intelligenz scheint die am gerechtesten verteilte Ressource zu sein; jeder glaubt, mehr bekommen zu haben als die anderen. Dass aber gerade die, die sich im Besitz höherer Weisheit wähnen, mit der größten Anstrengung der Dummheit nachlaufen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wobei es hier kaum um formale Bildung geht – auch der akademisch geschulte Pöbel vermag Ideologien zu folgen, die als gerichtsfester Nachweis der Blödheit gelten könnten – sondern um das, was dem Erhalt der Gesellschaft dient oder sie, unter umgekehrten Vorzeichen, zu schädigen geeignet ist. Idiot zu sein ist eine soziale Kategorie.

Nicht Erwerb oder Benutzung eines Panzers mit Zulassung für den normalen Straßenverkehr sind gefährlich, der Einsatz als Kompensation für einen handelsüblichen Minderwertigkeitskomplex ist ein Zeichen ausgeprägter Idiotie, die selten kompatibel ist mit der gewaltfreien Koexistenz denkender und bekloppter Zeitgenossen. Dort, wo sich die eigene Idiotie in die Vernunft anderer Menschen hineinschwiemelt, wird sei zur allgemeinen Gefahr und hat ihr Recht auf Durchsetzung verwirkt. Es gibt sie wirklich, jene Dummheit, die größer ist als von der Polizei erlaubt, und sie wird, als wäre sie es nicht ohnehin, von einem kategorischen Imperativ beschränkt, der die Verdübelten in Schach hält. Nur in Notwehr scheint die moderate Dummheit erlaubt, wenn die Schlauen auf Gelehrtheit drängen, damit sie ihren Markt mit Gebildeten bestücken können, die für ihr Kapital sorgen. Sich dumm stellen zu können ist keine Straftat, immer vorausgesetzt, man ist nicht wirklich der Hohlkopf, als der man sich ausgibt. Gleichwohl ist es aber nicht berechtigt, sich aus Berechnung der Torheit als Tarnung zu bedienen, um durch krudes Geschwätz und stumpfe Lügen, die man selbst kaum glaubte, Torfschädel aus dem Volk anzulocken und für wirres Gewäsch zu gewinnen, das den Klugen dumm, die Dummen aber noch dümmer macht.

Bereits in der Meinungsfreiheit zeigt sich das Recht auf Idiotie. Jeder hat die gleiche Chance, sich durch unverblümtes Aussprechen seiner Ideen als Feingeist zu bezeigen oder als Lackschaden im Epizentrum der Behämmerten. Wie jede Freiheit umfasst auch diese stets die Verpflichtung, mit den Konsequenzen der eigenen Verdeppung zu leben, da bekanntlich nichts umsonst ist in einer freien Gesellschaft. Wer das leugnete oder als feindliche Ideologie bezeichnete, wäre freilich ein Idiot zu nennen. Und das mit Recht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVII): Der Aluhut als Ersatzreligion

15 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann werden sie angefangen haben, sich die Welt zu erklären: warum jeden Tag die Sonne aufging, die Jahreszeiten wechselten und das Gras wuchs, wenn man Körner auf den Acker streute, unter dem die Ahnen lagen. Die ersten ethischen Fragen schienen auf. Wächst das Gras schneller, wenn wir die Verwandtschaft frühzeitig unter die Scholle schieben? Haben die Jagdtiere eine Seele, die uns für den Verzehr bestraft? Hat der Hominide in der Natur eine Sonderstellung, weil er sich für intelligenter hält als andere Wesen, die ohne seine Existenz ein wunderbares Leben hatten und es auch weiter gehabt hätten, würde er nicht immerzu seine dämlichen Griffel in alles reinstecken und es für Fortschritt halten? Irgendwann muss der Mensch die Zusammenhänge in mythologische Formen geschwiemelt, mit rituellen Handlungen verknüpft und in ein systematisches Konzept gepresst haben, das er fortan für wahr hielt, wenngleich sich diese Wahrheit nicht empirisch begründen ließ – abgesehen vom Wahrheitsbegriff, den jede Religion für sich beansprucht, die durch Götzen, Geister und Götter geformt die Opfergabe von Tierblut als unerlässlich für die nächste Ernte ansah oder den Genuss von Backwaren und Alkoholika als bindend betrachtete für ein feinstoffliches Weiterleben nach der Rückkehr des Körpers zur Biomasse. Irgendwo zeigt sich dann der Bruch, die Wissenschaft dringt jäh ein in die Zaubererzählungen, es gilt keine Geschichte vom Weihnachtsmann mehr und kein Fantasyelaborat von Männern, die übers Wasser laufen und in den Himmel reiten. Dann aber muss schnellstens Ersatz her.

Spätestens durch den Einbruch protestantischer Tugendethik, die mühsam als Markt verkleidet die Gesellschaft mit ihrem Selbsthass terrorisiert, ist der Glaube eine säkularisierte Veranstaltung, die nur noch aus Gründen der Opportunität stattfindet. Ostern und Zuckerfest sind ökonomische Marker im Einzelhandelsjahr, Platzanweiser für korrekten Konsum und ansonsten private Events, die unter Beobachtung des sozialen Nahbereichs ablaufen. Die ordnende Kraft des Religiösen, die das Glauben an sich bestimmt, ist fundamentalmaterialistischen Anschauungen gewichen, unter denen sich auch moralische Ansprüche kommod verstauen lassen. Ob die Risse im Gebälk der Aufklärung auch die Unsicherheit zeigen, mit der sich die realistische Geisteshaltung der Postmoderne herumschlägt? Wir sind uns dessen zumindest nicht bewusst, neigen zu Übersprungshandlungen und Übertreibungen.

Eine der psychologisch wichtigen Aufgaben von Religion ist die Bewältigung existenzieller Krisen; der Verlust eines Länderspiels, lebensbedrohliche Erkrankungen oder die Aussicht auf das eigene Ableben sind Grenzerfahrungen, mit denen wir nur ungern konfrontiert werden. Geht uns nun der stabilisierende Rahmen des Grundvertrauens in eine metaphysische Ordnung verlustig, was zusätzlich eine geistige Krise provoziert durch den Einbruch des nicht mehr Fassbaren – ein Paradox, das sich bei Verfügbarkeit strafender Gottheiten gar nicht erst zeigt und bei gleichzeitig barmherzigen in ein lustiges Logikwölkchen löst – bedürfen wir rasch eines tauglichen Substitutionsgutes. Hier kommt die Verschwörungsideologie in ihrer praktischen Form des leicht Begreifbaren ins Spiel, beispielsweise in Gestalt des Aluhutes, Querbommels oder einer beliebigen Flagge, die man beliebig hochhält.

Die faktische Kraft des Irrationalen erlaubt uns, alle möglichen Sperenzchen zu einem Synkretismus aus geistigem Bauschaum und sozialverträglichen Wahnvorstellungen zu vermengen, der gleichzeitig die Schuldfrage klärt, wenn wir für unsere eigene Beklopptheit nicht bestraft werden wollen, und die Irritation unserer elementaren Überzeugungen durch Externalisierung auf böse Mächte schieben lässt. Sinn stiftet das nicht, aber darauf kommt es vorrangig nicht an; es erlaubt dünn angerührten Kaspern, sich an der selbst zusammengekloppten Krücke einigermaßen durch den Morast der eigenen Ängste zu schleppen, ohne übermäßig rational zu werden, da dies Rechenkapazität zieht und die hedonistisch geprägten Gewohnheiten durch lästige Fragen stört. Hat sich die Schwurbelgurke erst einmal mit der Problematik beschäftigt, welche Konsequenzen sein normiertes Spießerdasein mit sich bringt, für ihn und für andere, besteht immer die Gefahr, dass die Fragen nicht mehr aufhören. Beten und Büßen wären eine nette Übung, sich zu exkulpieren, leider ist die himmlische Instanz gerade im Nirwana verdampft.

So unternehmen die Rotte der Stumpfstullen wütende Wallfahrten, latschen pöbelnden Priestern hinterher und spenden eine Menge Kleingeld für eine Erlösung, die man nicht sehen kann und an die man besser nur glaubt, nachdem man sie als absurd anerkannt hat. Wir sind verloren, wenn wir nicht begreifen, dass diese Ansammlungen fanatischer Flusenlutscher der Untergang der freien Welt ist, wenn wir sie nicht in ihre Löcher zurück stopfen. Die Erleuchtung kam noch nie aus dem Dreck, und die Auffassung allein, dies als legitimen Glauben zu tolerieren, macht nichts besser. Nicht einmal da, wo das Pathos des Unbedingten wirkt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLVI): Demagogie als Geschäftsmodell

8 01 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manches begann mit der Ausbreitung der Pest. Während das gemeine Volk trüb aus der Wäsche guckte, hatten die Händler des Heils schon Arznei aus fernen Ländern parat. Allerlei Krauts, Beeren und krümelartige Substanz wechselte den Besitzer, wobei ein Part des Geschäfts zutiefst überzeugt von der Wirkung des Therapeutikums war – bei Kunden aus dem Publikum teils auch beide. Das tat nun der Verbreitung derartiger Wundermittelchen keinen Abbruch, im Gegenteil: da die Gesellschaft mit dem Intellekt von Zahnbelag ausgestattet war, graste ein Scharlatan nach dem anderen die Lande ab und ließ seiner Konkurrenz die übrig, die das Spektakel so weit überlebten, dass ihnen die Kreuzer noch lose im Beutel saßen. Möglicherweise schwiemelte sich der zweite Zocker eine ganz andere Story zurecht, doch wen störte das, solange sie Pülverchen, Pillen und anderen Schnickschnack kauften? Esoterik als Geldquelle ist bekannt, seitdem Hominiden Geister und Dämonen in eine institutionelle Ordnung mit konstantem Finanzierungsbedarf überführt haben. Warum sollte dieses Geschäftsmodell nicht auch für Demagogie funktionieren?

Zwar kommen die Wirkstoffe heute größtenteils aus Parallelwelten, aber ein Unterschied ist das nicht. Die Mehrheit weiß, dass es mehr als einen Kontinent gibt, und eine Minderheit hält die Erde wieder für eine Scheibe. Durch Alphabetisierung haben die westlichen Ausbeuternationen immerhin die Lesekompetenz so weit gesteigert, dass der durchschnittliche Knalldepp seine Kröten für wirre Wahnergüsse in debilen Traktaten ausgibt, die die Denkfähigkeit des Kunden nach dem Erwerb nicht zwingend erfordern. Hauptsache, der Führer hat mit einem Haufen Papier oder anderweitigen Medien über seinen Kampf in Kenntnis gesetzt, wer bisher noch keine Erleuchtungsmöglichkeit für seine Rübe zu finden vermochte. Ein Amulett mit Bildnis der Heiligen Stultitia hätte es auch getan, leider kann man den Bommel nur einmal verticken. Der Absatz erfordert also Märkte, die sich verstetigen lassen, düster verquaste Abomodelle, Lizenzen, Vereine, kurz: alles, was sich mit etwas menschenfeindlicher Energie der Gier dienstbar zur Seite stellt, um die Realitätsallergiker systemkonform ausbluten lässt.

Lustigerweise nutzen diese Klötenkönige genau das System und seine rechtlichen Statuten, die sie an anderer Stelle bekämpfen oder wenigstens tapfer ignorieren, um nicht von unerlaubterweise geistig gebildeten Quertreibern argumentativ am Kopf erwischt zu werden. Aber wie es auch Beamte gibt, die heulend ihr Gehalt einklagen von einem Staat, der für sie gar nicht existiert, ist Habgier stets ein zuverlässiges Mittel, um jeden Anstand streifenfrei zu entfernen.

Trefflich eignen sich moderne Dienstleistungen für den Vertrieb, etwa Wallfahrten zum Auflauf der Heckenpenner, touristisch aufgemotzt zum Event unter medialer Begleitung, die als Werbesperrfeuer auf sämtlichen Kanälen nicht nur das Begehren weckt, selbst unter den dümmsten Zufallsgeburten durch die Gegend zu stolpern, sondern auch ein veritables Markenbewusstsein generiert, im Namen des ausgegebenen Produkts Botschafter zu sein für die Unterkellerung des Niveaus, für die man freudig abgelascht hat. Unter den Triefaugen des obersten Aasgeiers lassen sich die kognitiv suboptimierten Aluhütchenspieler zu Allotria treiben, an denen sie natürlich selbst schuld sind. Der Demagoge tut nichts, der will nur am Spiel verdienen.

Anfänger verticken nun den billigen Tinneff, Mitgliedsausweise, Teilnahmebescheinigungen für den Tag X, an dem die eigene Blödheit gegen das Recht verteidigt wird, die Profis versprechen schon die gehobenere Klientel an, die sich mit Vernunft nicht mehr abfindet. Früher besorgte man liquiden Fürsten Einhörner, dem Volk getrockneten Mist derartiger Fabeltiere, immerhin: die Kasse klingelte. Heute tut’s schon ein Wisch mit ärztlichem Testat, die Restwelt nicht mit seinem Gesichtsübungsfeld belästigen zu müssen, sinnvoll wie ein Brennholz-Verleih, rechtssicher wie ein Lottoschein, der nach der Ziehung ausgefüllt wird. Denn die Welt ist so einfach, wie sie kompliziert aussieht; an jedem Tag steht ein Dummklumpen mehr auf, als zuvor von ihnen auf die Nase gefallen sind. Der Tisch ist also auf Dauer reich gedeckt.

Früher mussten pseudoreligiöse Extremisten noch öffentliche Hexenverbrennungen organisieren, um ihren Machtanspruch vor den Grützbirnen zu zementieren, heute geben Verschwörungsterroristen einfach eine ausländische IBAN an und lassen sich am Fiskus vorbei die arbeitsscheue Parallelexistenz mit einer luxuriösen Apanage polstern, um vor den Stumpfstullen auf der Straße und im Internet als erfolgreich, also rechtschaffen dazustehen. Es ist nichts als die konsequent zu Ende gedachte Praktik des Spätkapitalismus, nicht für jeden Profit Leichen suchen zu müssen, über die man gehen kann, wenn es auch in entgegengesetzter Richtung klappt. Denn jeder, der ins Gras beißt, hinterlässt ein bisschen Geld, und den Prozess gilt es zu beschleunigen. Wäre es nicht so elegant und schlüssig, man hielte es für einen perfiden Verschwörungsmythos. Aber was sagt das schon.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLV): Die Unbelehrbaren

18 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Ansicht des Riesenpanzernashorns, und Ugas Sippe wusste dies aus eigener Anschauung, gab es nur eins zu tun: schnell, am besten schreiend die Flucht zu ergreifen und sich nicht auch noch umzudrehen, da dies wertvolle Sekunden kosten würde, die das Tier in seiner Wut besser zu nutzen wüsste als der rennende Jäger. Mit dem Aufkeimen der Vernunft im Hominidenschädel brannte sich die Erkenntnis ein, dass die Warnung der Alten nicht allein aus gekränkter Eitelkeit gegenüber den nachwachsenden Generationen stetig und wieder geäußert wurde. Die Mehrheit, die nicht nur aus reiner Arterhaltung am Leben hing, verinnerlichte die Botschaft schnell und flocht sie ins Programm zur Nachwuchsschulung ein, um die Manpower bei der Proteinbeschaffung nicht nachhaltig durch Betriebsunfälle zu schmälern. Wer aber keinen nennenswerten Beitrag zum Genpool leisten konnte oder wollte, versuchte es eher durch individuelle Leistungen, wenngleich noch keiner wusste, an welchem Ende der Glockenkurve sie zu finden sein würden. Fanden sie das Riesenpanzernashorn gar nicht erst vor, überlebten sie ihren Anblick, so ließ sie der glückliche Zufall die Warnung vergessen. Nur der fatale Ausgang des Erstkontakts schuf die stochastisch eindeutige Ruhe und Klarheit: wer die Gefahr sucht, kommt darin um. Alle anderen sind auf Dauer unbelehrbar.

Der durchschnittliche Depp, der nicht gerade aus reiner Hirnverdübelung mit der Schere in der Steckdose herumstochert, sondern als Zeichen der Expertise mit elektrischen Leitungen sehr wohl das Risiko eines Stromschlags abschätzen zu können meint, wird sicher einen allgemeinen Eindruck von der Wahrscheinlichkeit bekommen, die irgendwann auch bei ihm zuschlägt. Vielleicht jagt es beim ersten Mal nur die Sicherungen im Erdgeschoss raus – nicht in seinem – und er kommt mit ein paar angesengten Bartspitzen wieder zu sich. Unter Umständen hallt die Kopfnuss auch ordentlich in seinem Schädel nach. Bis dahin jedoch gilt jeder Versuch als erfolgreich, bis irgendwann der Arzt seinen Schnörkel unter den Schein setzt, der akutes Ableben attestiert. Jeder wird es dem Hohlpflock erklärt haben, dass die Wahrscheinlichkeit, mit dem Leben davonzukommen, bei einem Versuch so hoch ist wie bei allen anderen, doch die Hybris wird mählich zunehmen, wenn man sie genügend zu kennen glaubt. Wer eine Bombe mit ins Flugzeug nimmt, weil die Chance geringer ist, in einem Flieger mit zwei Bomben gleichzeitig zu sitzen, irrt. Die Wahrscheinlichkeit bleibt; die zweite Bombe ist nur eine weitere Gefahr, die sich nicht klein rechnen lässt, auch wenn man es versucht.

So hängt sich auch die geistige Ausschussware auf Rollerskates an die hintere Stoßstange des Rennwagens und lässt sich aus der Kurve tragen, damit die Organspenden florieren. Sie hüpfen an dünnen Gummiseilen in den Abgrund, damit sie die Inkontinenz früher erleben, schmeißen sich im Flughörnchenkostüm mit Werbeaufdruck von der Felswand oder lassen sich in der Rakete ein paar hundert Meter hochschießen, damit sie sich auf dem Parkplatzasphalt die Rübe einballern können. Jedes Stadium ihres Versuchs hätte vernunftmäßig mit einer Fanfare der Ablehnung enden können, der ihr fröhliches Weiterleben gesichert hätte. Aber waren nicht lernfähig. Was nutzt da die Urteilskraft.

Eine zusammengeschwiemelte Selbsttäuschung ist die Tendenz des Aluhütchenspielers, alles kontrollieren zu wollen – und sich vor allem der Illusion hinzugeben, man könne es kontrollieren. Lustige Zahlenmuster nötigen uns regelmäßig, die sauer verdiente Kohle zu setzen; wir nennen es Lotto und sind enttäuscht, wenn die Zahlen unserer Geburtstage (eins bis zwölf verstärkt, sonst bis 31) in den 49 Kugeln nicht angemessen oft erscheinen. Die Absolventen des Bausparerabiturs jedoch sind nicht in der Lage, den Fehlschluss zu verstehen, und versuchen es verbissen weiter, bis die Finger ausbluten. Anscheinend ist der mangelnde Erfolg derselben Handlung auch nach quasi-unendlicher Wiederholung nicht ausschlaggebend für die Erkenntnis, dass die Abwechslung von Versuch und Nachdenken lohnenswert sein könnten. Oder überhaupt der Versuch des Nachdenkens.

So sind es auch die demonstrierenden Deppen in der Seuchenverbreitung, deren kontinuierliche Aussetzung die Gefahr nicht mindert, nur weil sich die Infektion nicht gleichmäßig über die Rotte verteilt beim ersten Versuch zeigt. Die Einsicht in die kaum beeinflussbaren Mechanismen der Natur lässt sich nicht erzwingen, wohl aber die Folge der Beklopptheit. Die Beratungsresistenten nehmen sich die Freiheit, andere damit zu bestrafen, dass sie aus ihren eigenen Fehlern nicht lernen wollen, und spucken vor ihrer Abschiedsvorstellung der Evolution noch einmal kräftig in die Suppe. Leider ist es nicht getan mit einer sturen Horde, die tapfer jeden Anflug von Wirklichkeit ignoriert, bis sie wütend vor ihnen steht, zum Beispiel in Gestalt des Riesenpanzernashorns. Selbst das würden sie für einen miesen Propagandatrick halten, da das Tier bekanntlich seit Jahrtausenden ausgestorben ist. Gut, dass das Riesenpanzernashorn das nicht weiß.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIV): Kolonialismus

11 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Rrt waren die Verhältnisse noch recht einfach. Die Jagdgründe reichten von der großen Felswand bis zum Fluss, der beim unvorsichtigen Überqueren einen fantastischen Blick über die große Steppe im Tal bot – allerdings nur so lange, bis man am Fuße des Wasserfalls auf den felsigen Klippen aufschlug. Was sich am anderen Ufer befand, interessierte nur am Rande. Natürlich sah man auch dort Jäger, die mehr oder weniger freundlich mit ihren Speeren herüberwinkten. Aber es kam nie zu größeren Auseinandersetzungen, zu politischen Gesprächen schon gar nicht. Das Gebiet eines jeden Stammes wurde von einer Generation an die nächste übergeben, die friedliche Koexistenz der Gruppen galt als gesichert. Zumindest bis zu dem Tag, an dem der findige Schwager eine Art Pontonbrücke ersann, mit der sich die ganze Rotte auf die andere Seite des Stroms bewegen und die erbeutete Säbelzahnziege wieder an die eigenen Gestade schleppen konnte. Krieg lag in der Luft. Die Macht spürte eine Erschütterung. Aber wo war ihr Zentrum, und warum brauchte es unbedingt mehr Land? Und brauchte es unbedingt mehr Land?

Der Kolonialismus beruhte auf der wahnhaften Vorstellung, der weiße Mann sei mehr wert als der sogenannte Wilde – jene Menschen außerhalb des europäischen Dunstkreises, motiviert durch den religiösen Unfug, eine Entität mit Rauschebart hätte sie als Arbeitstiere zum höheren Ruhme der Altweltrassen erschaffen. Seitdem die blindwütige Expansionssucht der Renaissance den Protzköpfen das Wetteifern um widersinnigste Statussymbole geradezu befahl, fuhren ihre Eroberer um die ganze Welt und ballerten an jeder Küste auf alles, was sich bewegte, um den Einwohnern ihre Länder zu stehlen, oder besser: ihnen auf Latein zu erklären, dass sie sowieso den Adelshäusern in Spanien und Portugal gehören würden. Die also aus Kopfschrott zusammengeschwiemelten Rechtsakte waren ad hoc gültig und blieben es für lange Zeit. Nur wozu?

Um Europa nicht mehr in Verruf zu bringen, als es unbedingt noch nötig wäre, nicht nur dieser Kontinent hat sich die Erde mit der Knute untertan gemacht. Ein halbes Jahrtausend haben ägyptische Pharaonen andere Völker ausgebeutet, für mehrere Jahrhunderte hielten Perser und Römer ein Reich mit Außenposten am Leben, länger als die Gebilde der Neuzeit. Eins der größten Konstrukte war das Osmanische Reich, gegen das selbst Wilhelm II. ein blasses Bürschchen blieb. Dass der Sklavenhandel in seiner brutalsten Form für zwölfhundert Jahre die Domäne der Araber war, nur ganz am Rande.

Aber es gab Gold und Silber zu holen. Der Handel mit Öl, Kohle und Bananen wurde erst mit dem Niedergang der Kolonialmächte wirtschaftlich relevant, während die meisten Rohstoffe unter den europäischen Ländern getauscht wurden. In einem Zeitalter, das ohnehin vom Bestreben nach Autarkie geprägt war, kamen die sich industrialisierenden Staaten bestens ohne Einfuhren zurecht, und was Kohle anging, die konnten sie sogar exportieren. Der Krieg, der 1914 das mit heißer Nadel genähte System fragiler Trutzbündnisse explodieren ließ, schnitt auch die Einfuhr dieser Waren noch ab, was zur schnellen Entwicklung von Ersatzprodukten führte. Waren also alle Exportweltmeister?

Etwa acht Prozent der Ausfuhren gingen in die europäischen Kolonien, gemessen am BSP etwas mehr als ein halbes Prozent. Die Täuschung beruht auf der Sicht der Kolonialisten, die vom Außenposten aus die Exporte als Einfuhren wahrnahmen. Von 100.000 Traktoren gingen etwa 500 in die Ländereien, die damit ihren Bedarf auch vollkommen decken konnten; aus der Sicht des Farmers in Deutsch-Südwest kam also die gesamte Technologie aus dem Kaiserreich, die nach dem Verlust der Kolonien durch das übliche Wachstum die Produktion innerhalb weniger Jahre wieder in der alten Größe aufnahm. Es kann also nur am Wirtschaftswachstum gelegen haben.

Was ebenso falsch ist, denn im Gegenteil hatten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien und Frankreich durch ihre überseeischen Gebiete nichts als Nachteile. Selbst Belgien, ökonomischer Musterschüler des späten 19. Jahrhunderts, brach nach der Annexion des Kongo fast zusammen. Erst nach dem Verlust der indonesischen Gebiete kam in den Niederlanden so etwas wie ein Aufschwung zustande. Die Verschwendung unternehmerischer Energie bei gleichzeitigem Stillstand der Innovation und der Wahn, einen hervorragend bezahlten, aber komplett überflüssigen Bürokratieapparat auf die Kolonien zu übertragen, wo Oberbeamten mit einer erklecklichen Clique von Unterbeamten über je eine Harke im Urwald regieren durften, selbstredend in fürstlichen Palästen mit Schnaps und Käse aus der Heimat, diese Großmannssucht kostete Europa Jahr für Jahr eine Stange Geld. Die Kolonien waren der SUV der Nationalstaaten, überflüssig wie ein drittes Nasenloch, schlecht zu steuern, schweineteuer, als Statussymbol untauglich, sobald jeder sich dasselbe in den Vorgarten klotzen kann, und am Ende fährt einen die Karre an die Wand. Nur ins All kommt man mit den Dingern nicht. Aber dafür leisten wir uns ja heute die Raumfahrt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIII): Der Banause

4 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Seitenlinie von Ugas Sippe war tatsächlich speziell. Auch andere trugen Bärenfell mit kleinen Erdmännchenapplikationen, dekorierten den Eingang ihrer Wohnhöhle mit Ensembles aus Schneckenhäusern und Biberzähnen oder hängten apart geflochtene Bastmatten über die Feuerstelle, die interessante Schatten an die Höhlenwände warfen, zu denen es sich nach der warmen Mahlzeit trefflich philosophieren ließ. Nur der ästhetisch äußerst wertvolle Versuch, vermittels Erdfarben ein figürliches Fresko an die Felswand zu pappen, gab der Heimstatt ein geradezu luxuriöses Ambiente. Manche überlegten, ob sie auch ihren zackigen Granit mit Ocker aufpimpen sollten. Andere boten dem Künstler Teile von Jagdbeute, abkömmliche Nebenfrauen oder allerlei praktisches Werkzeug an. Die Raumausstattung wurde zum festen Bestandteil der eleganten Troglodytengesellschaft, wer etwas auf sich hielt, dinierte, schlief und lauste sich unter geometrisch-abstrakten Mammutskizzen. Nur nicht Uga. Der Alte fand es einfach albern, und wenn er Tiere sehen wollte, dann ging er in die Steppe. Wie Banausen eben so sind.

Für diese Klasse findet die Bedürfnispyramide vor allem im unteren Teil statt, bei einer Handvoll Buntbeeren statt in der Selbstverwirklichung. Nicht ohne Spott benutzt es der Bildungshuber, der mit Kultur im weiteren Sinne aufwuchs und sie als das äußere Zeichen jeglicher Zivilisation begreift, die ja etwas hinterlassen muss, materiell oder ideell, wenn von ihr nach dem Zusammensinken der an sich auf Dauer gedachten Reiche und Fürstentümer noch irgendetwas übrigbleiben soll. Paradoxerweise ist diese Kultur das, was von einer Generation zur nächsten weitergegeben und schließlich Tradition genannt wird, während sich der chronische Ignorant ohne derlei Gedöns durchs Dasein ödet, indem er alles so macht, wie er es immer schon gemacht hat. Der Widerspruch fällt nicht auf, aber mit dem Denken hat er’s eh nicht.

Der Banause ist dem Wort folgend eigentlich der am eigenen Herd arbeitende Handwerker, der die Außenwelt nicht freiwillig wahrnimmt oder sie gar nicht bemerkt, da er das Gehäuse ja nie verlässt. Aus der Unkenntnis des Geistigen, die zunächst nur mit dem stark beengten Lebenswandel einhergeht, schrumpft allmählich der intellektuelle Horizont zu einem Punkt zusammen, der feststeht, aber kaum noch eine Welt bewegt. Als Subjekt der Kulturpolitik ist er schnell verloren, da er selbst den ganzen Betrieb meidet und ihn daher gleich für vollkommen überflüssig hält. Was er nicht kennt, ist auch nichts für andere.

Mit leiser Ironie könnte man behaupten, dass der Banause seine unreflektierte Ablehnung aller Künste selbst noch kultiviert, um wenigstens eine Kokarde an den Hut stecken zu können, die ihn kenntlich macht. Unklar ist, ob die Schmollecke ihm als heimliches Verbannung oder tatsächliche Heimat gilt, denn wo immer er über die Schwelle tritt, tönt’s ihm entgegen: Kulturnation! Land der dichten Denker! Hier nix Banause! Wer da sein inneres Exil finden will, der muss entweder dicke Wände mauern oder tief graben. Beides führt in die Geschichte hinab, die den Kern der Zivilisation freilegt. Es ist ein Kreuz.

Doch tut man dem Banausen auch Unrecht. Er ist mehr als andere eine Stütze der Gesellschaft, da er sich nicht allein mit den banalen Dingen des Lebens beschäftigt, sondern auch zu bürgerlichen Sekundärtugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit neigt, die dem Kulturbold den Rücken freihalten, wenn dieser sich in dünner Höhenluft Hirngespinste zusammenschwiemelt. Seine Kleingeist erzeugt den Kaufmannssinn, der mit Beharrlichkeit und grober Verachtung jeder Gaukelei Werte schafft, mit denen er Städte errichtet, die er mit Domen und Palästen zupflastern kann. Im Gegensatz zum Blendwerk der Berufsirren braucht er keinen Applaus von den Tumben, arbeitet nicht auf Zuruf und wird nicht aus einer Laune heraus verjagt. Er zieht seinen Stolz aus der eigenen Tätigkeit, und in den großen Gestalten der Kunst sogar, Mozart etwa, findet sich der Banause, der vom Erwerb abhängig blieb, um die Gunst naiver Besserwisser an den Fürstenhöfen nicht zu erdulden.

Wenn sich der Banause ein eigenes kulturelles Konglomerat erschaffen hat, dann in Eiche gebeizt mit Gartenzwerg hinterm Jägerzaun, Filzpantoffeln, Einlasskontrolle und Ersatzkaffee. Der ansonsten stabile Bürger steht leise zweifelnd davor und hat keine Ahnung, wie man das über ein ganzes Leben hinweg normal finden, ja noch gegen alles andere verteidigen kann, was im Rest der Welt passiert. Es scheint mehrere objektive Wirklichkeiten zu geben, die einander ausschließen, sich aber in wesentlichen Bestandteilen überschneiden, ohne dass wir, Banausen oder nicht, es bemerken würden. Möglich immerhin, dass man in einer fernen Zeit Artefakte an unseren Wänden findet und unsere gesamte Zivilisation für eine Horde durchgeknallter Deppen hält, die Filzpantoffeln hasste, sie in erheblicher Menge jedoch gleichzeitig produzierte und trug. Es ist ein Rätsel. Man müsste das eigene Haus, die eigene Welt dafür verlassen. Wer will das schon.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLII): Déformation professionnelle

27 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab damals noch keine Berufe wie Klempner oder Architekt. Die Vielzahl der haushaltsüblichen Tätigkeiten griff noch ineinander. Wer wie Rrt gern Sachen an andere Sachen hieb, wurde als Dengler beschäftigt. Der Sippenälteste kloppte Steine auf allerlei Holz, Holz auf noch weicheres organisches Material, bei unausweichlichen Gelegenheiten auch auf lebende Organismen – ausgenommen die Sippe, die sonst nicht unbeschadet überlebt hätte – und gab seine Fähigkeiten an die nächste Generation weiter, die sie einigermaßen beizubehalten, wenn nicht gar zu verbessern suchte. Manches klappte, wie zum Beispiel Metallerzeugung und Bäckerhandwerk, und vieles, Juristerei, Betriebswirtschaftslehre oder Suchmaschinenoptimierungswesen, lief gewaltig aus dem Ruder. Nichts aber blieb ehern wie die Überzeugung, dass jedes Wissen seine ewige Bedeutung für den schäbigen Rest des Weltenlaufs werde entfalten können, so sich nur niemand mit mehr als nötigem Durchblick in den Weg schmisse. Die Déformation professionnelle hatte freien Lauf.

Natürlich kennen wir heute den beruflich leicht getrübten Blick, der die Gewerke in ihrem kleinen, beschränkten Stolz auszeichnet. Der Installateur mag beim Anblick der Gästetoilette denken, dass der Mitbewerber für schmierige Spannen eine grob verdengelte Querschlonzmuffe angedreht hat, die noch nicht einmal ein Durchflusslutschstück zum zölligen Druckvorentschnatzen bietet. Soll sein. Bei einem bündigen Ebenenversatz in dimensionaler Fugendrift lässt er den Fliesenleger trotzdem die Platten in die Horizontale schwiemeln, weil er weiß: wenn man die falsche Ausbildung hat, ist Klappehalten immer eine wertvolle Option. Doch nicht nur die historisch angewachsene Basis des Know-hows ist bedeutsam, sie greift geradezu auf die Gebiete aus, die Wissen, wie auch immer es aussehen mag, zur entscheidenden Basis unserer Intelligenzgesellschaft erhebt. (Vermutlich würde diese Aussage auch andersherum funktionieren. Vielleicht aber nicht besser.)

Wer einmal als Lehrer gelernt hat, mit Kindern und Jugendlichen die Untiefen ihrer Defizite zu durchgraben, fühlt sich nicht unbedingt beschränkt, wenn nur Physik oder Erdkunde als Ventile ihres professionellen Belehrungsdrangs sich in ihre Biografie geschwiemelt haben. Hier und da labert eins in der Gemüseabteilung auch als verstrahlter Grünzeugguru über die national-spirituellen Effekte der Brokkolizucht voll, ohne sich an Regeln von Anstand und Sozialverträglichkeit zu halten, die die durchschnittlichen Grützbirnen bei völlig normaler Schwankung im Gleichgewichtshaushalt hinnehmen, weil die Gaben eher gießkannenmäßig verteilt wurden. Jedes durchschnittliche Grillfest unter unschuldigen Anrainer, schuldlos auch über Gemarkungsgrenzen hinweg, endet in brüllendem Brechreiz, sobald ein Grundschulerzieher der Gesellschaft beibringt: wer mit der ersten Wurst fertig ist, legt die Hände auf den Kopf. Wer dann noch weiterredet, kriegt keinen Salat mehr. Wer diskutieren will, schneidet die Ananas und geht dann nach Hause.

Es geht immer noch schlimmer, deshalb saugt eine Reihe von Berufen ihre Sicht auf die Dinge ein und lässt an den Gebrauchsmöglichkeiten kaum eine nennenswerte Chance. Jeder Friseur würgt beim Anblick der Schädel, bevor der Kronleuchter im Theatersaal verlischt. Jeder Zahnarzt bricht in Schweiß aus angesichts grinsender Kanzleretten aus dem sauerländischen Abraum. Doch nicht nur das Fachidiotentum, die gesamte Population ohne eine Perspektive, die auch nichts mehr erklärt, macht die Verbildung greifbar: wer sein ganzes überflüssiges Leben lang gedacht hätte, als Politikaster eine wie auch immer wichtige Rolle zu spielen, fliegt mit Schmackes aus der Reality Soap. Es blubbert auch ohne ihn weiter.

So seiern Verkehrspolizisten unaufhaltsam von der Ordnungswidrigkeit weiter, weil sie ihr ganzes Leben nicht viel mehrgesehen haben. Soziologen quaken ihre Umwelt voll. Anwälte ertränken ihre schuldfreie Hominidenumgebung mit pladdernden Plädoyers und dehnbaren Einschätzungen, ob das Huhn die Straße mit hinreichendem Tatverdacht auch tatsächlich freiwillig überquert haben könnte. Man weiß es nicht. Man hält es irgendwie aus.

Kritisch wird es, wenn die Bekloppten sich zu Experten entwickeln in einer Profession, von der sie keine wie auch immer geartete Ahnung haben. Mehrere tausend Knalltüten, siegesgewiss und in ihrer Kompetenz weltweit ungeschlagen, wissen viel mehr als der Bundestrainer, weshalb er auch nicht gewonnen hat. Nach einem kurzen Abstecher in die Atomphysik haben wir uns an die allgemeine Habilitation im Fachgebiet der Seuchenmedizin gewöhnt und sehen eine Ausbildung als Paketbote, Bankkaufmännchen und Ich-hatte-da-gar-keine-Zeit als gleichwertig an. Man kann ruhig Schuster sein, man darf nur nicht unbedingt bei seinem Leisten bleiben. Wer ist schon gegen interdisziplinäres Denken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLI): Das Recht auf Bildung

20 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manche meinen, es sei Luitpolt der Ausgeleierte gewesen, dem der Gedanke zuerst unterlaufen sei, andere halten Rudolf den Ersetzbaren für den Vater der Idee. Tatsächlich hatten die Soldatenkönige in Preußen einen ihrer philanthropischen Momente, als sie das von dem beliebten Menschenfreund und Befreiungstheologen Martin Luther angedachte Gebot christlicher Pädagogik mit sozial engagierter Verve in die Tat umsetzten – waren seit dem Mittelalter nur wenige angehende Kleriker und die für den Kaufmannsstand ausgewählten Söhne der betuchten Patrizierfamilien in den Genuss eines geregelten Unterrichts gekommen, so pochte 1717 Friedrich Wilhelm I. zeitgleich mit dem kulturellen Kahlschlag auf die Aufstallung der Landeskinder in Bildungsanstalten. Zwar war höchstens die Hälfte des Nachwuchses auch wirklich in den öffentlichen Schulen registriert, aber dafür bekam man dann wenigstens sechs Jahre rudimentär Lesen, Beten und Schreiben eingetrichtert, falls sich in den katholischen Landstrichen nicht der Lehrplan auf Gottesfurcht beschränkte oder aus Angst vor zu viel Gelehrtheit gleich wegfiel. So stolz ist man auf die allgemeine Schulpflicht bis heute, dass noch heute der allwissende Staat sie Landesgesetzen zum Trotz als nationalheilige Kuh anhimmelt. Ein Recht auf Bildung, schwiemelt’s aus dem Wald, ist unser Garant für ein Land der Dichter und Denker.

Wobei manche nicht denken und andere nicht ganz dicht sind, denn die Sache hat historisch einen viel praktischeren Hintergrund. Kinderarbeit, wie sie im damaligen Europa Normalfall war, hinterließ unangenehme Spuren, hielten die ohnehin nicht besonders hohe Lebenserwartung der bäuerlichen Schicht zuverlässig auf niedrigem Niveau und sorgte dafür, dass mit dem Eintritt des Mannesalters ein Großteil der Untertanen körperlich bereits verbraucht waren. Was also tun, wenn man eine der besten Armeen des Kontinents aufbauen und dazu jede Menge Kerls im wehrfähigen Alter verheizen will? Man verbietet die Kinderarbeit, kontrolliert es halbherzig und setzt das Verbot nicht um, und führt den Schulzwang ein, um die Kurzen von der Straße wegzukriegen. Für die Bauern nicht unbedingt eine Win-Win-Situation, aber wenn die Burschen dann mit etwas Einmaleins aus der Penne kamen und zur Truppe stießen, konnte aus ihnen wenigstens etwas werden. Falls sie es einigermaßen überlebten.

Hat sich heute und unter den Vorzeichen eines von Krise zu Krise stolpernden Kapitalismus etwas an den Verhältnissen geändert, dann höchstens der inzwischen zivile Verbrauch von Menschenmaterial zur Ertragssteigerung der Industrie. Militärische Konflikte sind für die westlichen Wirtschaften zwar immer noch ein nicht zu unterschätzender Garant auf ein stetig wachsendes Bruttoinlandsprodukt, der Verbrauch von Rüstungsgütern wurde allerdings in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend in die ärmeren Staaten ausgelagert, deren postkoloniales Hadern mit dem Ist-Zustand ein dauerhaft nutzbarer Rohstoff bleibt, wenn man ihn nur sorgfältig genug pflegt. In unseren Alphastaaten bauen wir lieber Autos, verpesten die Luft mit diversen fossilen Energieträgern und verkaufen allerlei überflüssigen Schnickschnack, der schlecht bezahlte und dafür gut verfügbare Logistiklohnsklaven verheizt. Ab und zu verirrt sich ein halbwegs vernünftiger Mensch in systemrelevante Berufe, die allerdings nur dann als solche anerkannt und mit frenetischem Geklatsche bedacht werden, wenn man sich die Bruchstellen dieser Gesellschaftsarchitektur nicht mehr unfallfrei schön koksen kann; kehrt wieder Ruhe ein, dann merkt die Mehrheit, dass Relevanz bloß Investmentbänkern und Börsenspekulanten, allenfalls noch einem Zahnarzt zugesprochen wird, wenn er regelmäßig einen neuen Sportwagen kauft.

Damit die werktätige Bevölkerung für stetig rauchende Schornsteine zumutbarer Beschäftigung nachgehen kann, kämpfen ihre Knirpse an der Klassenarbeitsfront um Betreuung – Hauptsache gut verwahrt, jede Schule, in der sich Kinder und Lehrkörper infizieren, ist einer dieser vielen, vielen Einzelfälle, die man gar nicht zählen oder in einen Zusammenhang bringen darf, weil es dann nämlich keine Einzelfälle mehr wären, und so funktioniert ja unser System nun mal nicht. Die besondere Gewalt gegenüber den Zöglingen zeigt sich schon darin, dass sie nach jahrhundertlang bewährtem Prinzip ausgeübt wird, und was so lange irgendwie noch immer gut ging, kann ja verkehrt nicht sein. Wozu also sollte Bildung, die in erster Linie der widerstandsfreien Durchsetzung eines staatlichen Auftrags zur leistungskontrollierten Sicherung von wirtschaftlichen und sozialkonformen Regularien durch Frontalunterricht dient, auch sonst an die technische und gesellschaftliche Wirklichkeit angepasst werden. Am Ende verhindert sie den Eingang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, der zu einer nicht mehr beschulbaren Kaste von Berufspolitikern führte, die die Verwahranstalten mit Abgangszeugnis für die Kategorisierung in die vorhandenen Verwendungszwecke so dringend brauchen, weil sie sonst überflüssig wären. Hätten sie mal etwas Anständiges gelernt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXL): Urlaub im Wohnmobil

13 11 2020
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution hat den Hominiden ziemlich karg ausgestattet. Seine Körperbehaarung fällt eher überschaubar aus, dazu muss er durch beständigen Werkzeuggebrauch seine physischen Unfähigkeiten ausgleichen. Sich zweckdienliche Aufenthaltsorte zu bauen, wie es Biene und Ameise tun, wie allerlei Weichgetier ein eigenes Haus mit sich führen, das geht ihm ab. Nicht einmal die Begabung findiger Krebse besitzt er, sich fremde Kalkausscheidungen oder ähnliche Gehäuse zu eigen zu machen, und so muss er mehr oder weniger vergänglich Laubhaufen in die Flora kippen, Erdhöhlen buddeln, sich in die Kavernen oberhalb der Erdkruste oder unter die troglodytentauglichen Felsformationen zu hocken, um einigermaßen geschützt zu sein vor Gefahr und Witterung. Doch was passiert, wenn sich die ganze Sippe auf die Wanderschaft macht, die Steppe im Sturm durchquert und sich auf einen Aufenthalt in der Fremde einrichtet? Man nimmt Sack und Pack mit, weil der eigene Hausstand ja auch ein Stück Heimat bedeutet, und sei es nur der Dreck unter den Fußmatten, auf den man nicht verzichten will. Ob die Völkerwanderung auch so begonnen hat, weiß keiner mehr, doch es liegt nahe, dass der Urlaub im Wohnmobil so seinen Anfang nahm.

Mindestens einmal im Jahr will der Jetztzeitler im sterbenden Kapitalismus den Schadstoffausstoß pro Nase auskosten und ballert per Jet oder SUV ein paar Tonnen Gas in die Atmosphäre, damit es seine Kinder mal wärmer haben als er – es besteht keine Notwendigkeit für touristisches Reisen, das ja auch nur so heißt, weil man um den Globus rast, damit man um den Globus rasen kann, um hernach zu verkünden, man sei um den Globus gerast. Die Erweiterung des Horizonts spielt allerdings nur eine untergeordnete Rolle, allenfalls kümmert es den Hohlpflock, wenn er seine Gesichtsprominenz in Form eines Selfies vor die Wahrzeichen dieser Welt tackern kann, damit man seine temporäre Flucht aus der Heimatgemeinde als beglaubigt betrachtet. Je weiter, desto besser die Reise – Bekloppte in Bilbao sind gut, Bescheuerte in Beijing besser, und wer es dreimal um den Rotationsellipsoiden schafft, kriegt die Ananas am Band verliehen – doch wir nehmen halt die Sehnsucht nach Geborgenheit mit uns, wo immer wir uns aufhalten. Bei den typischen Deppen der Flusenlutschergeneration äußert sich dies halt in Schreikrämpfen, wenn in einer kleinen beninischen Pension nicht die Zuckerflocken von Schwuppi-Süd auf dem Frühstückstisch stehen. Wir suchen das Abenteuer, aber es muss vollklimatisiert sein.

Einfachere Kaliber lassen die Eigentumsbude in der Eifel zurück und verwahrlosen in der Eifel, wo sie in einem semipermeablen Unterschlupf nach Bauart einer NVA-Schlichtbehausung auf nassem Grund sachte durchmatschen, dem Gaskocher beim epischen Versagen zusehen, ihren zivilisatorischen Status mählich auf die Jungsteinzeit zurechtstutzen und sich wieder nach kalten Dosenbohnen sehnen, wie man es in ihrer Elterngeneration kannte. Der Heldenmut wird meist mit Hautabschürfungen und einem kleinen bakteriellen Souvenir belohnt, aber das ist nicht das Ende der Geschichte.

Die Wohnhöhle als beengtes Bewegtbehältnis macht die eklatante Verlotterung des Freizeiters erst perfekt. Schwiemelt er sich vor Reiseantritt die rohe Botschaft zurecht, Freiheit und Unabhängigkeit in fernen Gefilden zu spüren, hier darf er unbeugsam wie Halbfettmargarine in Konfrontation mit der Realität hadern. Die Parkplätze sind besetzt, sein Nachtlager ist minimal ungemütlicher als auf dem herkömmlich ausgewiesenen Camping-Areal, wo Frischwasser, sanitäre Einrichtungen und allerhand Einzelhandel sein Wohlbefinden suchen. Natürlich spricht seine fahrbare Butze jedem Anspruch an die Bedeutung von Wohnen brachialen Hohn – der aus Geschäftstüchtigkeit aufgekommene Streich, Buden aus Sperrholz mit dem Rauminhalt von Särgen als Eigenheim zu verkaufen, hatte eine Basis. Die Pirouette hat hier ihren Ursprung genommen, denn wo sonst muss man einatmen und die Arme an sich quetschen, wenn man sich einmal um seine eigene Achse drehen will. Der Beknackte bolzt mit dem Schädel gegen Schrankfronten, knickt Knochen ein und zerrt sich die restmuskuläre Masse, wo immer er Verrichtungen versucht. Er schläft beschissen, da er es so haben wollte, ernährt sich von Dingen, die wie mittelalterliche Strafen schmecken, nimmt von seiner Umgebung eigentlich keine nennenswerte Kenntnis mehr und muss demgemäß auch nicht als Opfer seiner Selbstzerfleischung leiden; er ist der Täter, also verdient er es nicht anders.

So klobig der Karosserieklotz um die Ecke schrammt, so ungelenk ist auch sein Lenker. Zwar mimt er mutig Autarkie, kann auf dem Feldweg Fischstäbchen brutzeln dank Akkumulator, doch relativiert sich dies schlagartig, sobald der Reisende auf die Schüsselsitzgelegenheit angewiesen sein sollte. Spätestens nachts zeigt sich der große Vorteil des Gefährts. Wer einmal nach dem klärenden Gespräch mit der internistischen Einheit Probleme bezüglich körperlicher Stabilität hatte, weiß den Personentransporter durchaus zu schätzen. Ohne Genehmigung fällt darin keiner um. Und genau das wird es sein, was die Reisenden erleben: es ist die Hölle auf Rädern. Wer nach der Tour lebend wieder seine Meldeadresse erreicht, fühlt sich spontan zu Hause und erholt. Im Sinne der Volksgesundheit ist das nicht zu unterschätzen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXIX): Vom Übergeneralisieren

6 11 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich sind alle Kreter Lügner. Das weiß man doch. Schließlich schaffte es dieses putzige Paradoxon dank Paulus – der ja selbst irgendwann seine Fake-News-Phase überwunden hatte – bis in die Bibel, genauer: in den von einem rassistischen Fundamentalisten verfassten Titusbrief, der bereits in der frühen Entwicklung dieser Sekte ein klares Licht auf den Charakter des korrupten Drecksacks warf, der unter dem Verdacht religiöser Wandlung stehende Nachbarn von der Straße fangen, zu Tode foltern und ihre bewegliche Habe in seine privaten Besitztümer zu überführen pflegte, um sich bei jenem höheren Wesen, das er verehrte, lieb Kind zu machen. Objektiv und nach starker Lesart heißt dies für uns, dass nie und nirgends auch nur ein Kreter vertrauenswürdig sein könnte, da sie niemals den Grad der Schwindelfreiheit erreichen, wobei diese Objektivität nur von außen zu erreichen ist, denn was wäre eine Aussage über Kreter, wenn die selbst in die Suppe spucken?

So ist es mit allen Vorurteilen, wenn sie nicht durch das Paradox der galoppierenden Dummheit verunreinigt werden. Man muss sie zwingend von außen einer Stichprobe der Gesamtpopulation überstülpen, sonst wird man sie auf die Eigenschaft, die sich negativ auswirken soll, nie reduzieren. Dass Bayern mit einem Alkoholproblem geboren werden, Radfahrer asoziale Verkehrsrowdys sind und Bestatter allesamt von Betrug leben, lässt sich nur aus einer einzigen Perspektive glaubhaft zeigen. Man darf keinem dieser Segmente angehören.

Engstirnigkeit ist ein weites Feld, und man darf niemals seine Borniertheit auf Dinge gründen, die sich zu geschmeidig in die Materie einpassen. Wäre ein Befangenheitsgrund, dass man Griechen als faul und bestechlich wahrgenommen hat, ohne aber je den Fuß auf Kreta gesetzt zu haben, taugte das Urteil nicht einen Buchstaben. Es ließe sich allemal ein deppentaugliches Stereotyp für allerlei Gewitzel und Gehetz daraus matschen, aber auch das ist nicht abendfüllend. Würde man trotz alledem behaupten, die Kreter seien verlogen, weil sie Griechen seien, hätte man sich bereits den hermeneutischen Zirkel ins Auge gestochen; Kreter zu sein impliziert die Zugehörigkeit, ein Urteil darauf aufzubauen wäre ungefähr so sinnvoll, wie veganen Kettenrauchern eine vorbildliche Lebensführung zu unterstellen, weil sie keine Fleischmasthormone anlagern.

Folglich sortieren wir aus Schutzgründen und nach sorgfältig zusammengeschwiemelten Regeln die Umgebungshominiden nach grobem Raster als Entweder-oder-Kandidaten: notorische Autofahrer oder unverbesserliche Radler, Kinderhasser oder Mutterglucken, kranke Bewegungssoziopathen oder asoziale Sofafettecken. Am Oberflächenlack zu kratzen wäre nicht dienlich, es könnte die Untiefen einer Differenzierung mit sich bringen, und wer will diese intellektuelle Herausforderung erdulden? Es gibt tatsächlich Mieter (dieses Gesindel, das den Mietzins jahrlang nicht zahlt, Handwaschbecken durch geschlossene Fenster kloppt und die Etage dann fluchtartig als Messie-Trainingscamp verlässt) und Vermieter (Kapitalistenschweine, die für eine Besenkammer eine Niere als Sicherheit und tausend Euro pro Quadratzentimetern fordern, die Heizung im Winter ausbauen lassen und beim Rohrbruch das austretende Wasser zum doppelten Preis zuzüglich Vergnügungssteuer abrechnen), und es gibt diese schreckliche Wirklichkeit, in der jemand beides sein kann. Der nicht unwahrscheinliche Mensch ist durch den Genuss einer größeren Hinterlassenschaft in Besitz eines Gebäudes geraten, in dem diese und jene Hausstände ihr Obdach haben; er ist folglich Vermieter. Zugleich hat er einen Betrieb, den er mit wirtschaftlicher Verantwortung führt, vor seiner Nase sitzt allerdings auch ein Vermieter, der auf die monatliche Entrichtung achtet und sich nicht auf Freundlichkeiten verlässt. Wären nun alle Mieter oder Vermieter gewissenloses Gerümpel im Wald der sozialen Verantwortung, wie könnte solch eine Konstellation auch nur einen Tag überleben?

Und so sortieren wir in Gut und Böse weg, was uns nicht schnell genug vor der Flinte flieht. Alle Taxifahrer sind schwatzhafte Schweine, die sich mit Umwegen den Lohn aufpolstern. Ärzte haben nur Medizin studiert, um sich beim Segeln und auf dem Golfplatz über die Patienten zu mokieren. Wer als Informatiker sein Leben in dunklen Kellern fristet, ist niedermolekular in einem wirr karierten Hemd festgewachsen, zeichnet sich durch Bartwuchs und unangenehmen Körpergeruch aus und ernährt sich von Fertigpizza. Klempner haben, wenn man von ihren Rechnungen ausgeht, einen 90-Stunden-Tag. Fünf US-Amerikaner reichen, um einen Pudel mit Hirnmasse auszustatten. Nicht grob falsch, aber im Einzelfall zu widerlegen. Wann immer die Aussage über alle anhebt, die da alle sind, ist sie mindestens doppelzüngig, denn wer weiß schon, was auf der anderen Seite als verbergenswertes Manko gilt. Sind die Jäger, die den Klavierspielern mangelnde Reinlichkeit im Sanitärbereich vorwerfen, wirklich unverbesserliche Warmwasserverschwender? Es ist ein, hähä, Kreuz. Psalm 116 hilft. Alle Menschen sind Lügner. Schöne Scheiße. Aber immerhin hätten wir das mal geklärt.