Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIV): Funktionale Barmherzigkeit

30 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Fürst war’s zufrieden. Auch in diesem Jahr hatte die Bauernschaft wieder ordentlich den Zehnt in die Scheuer gebracht, damit sich die normale Vermögensverteilung aufrecht erhalten ließ. „Nimm Er“, näselte der Potentat und streckte dem Sprecher der Gesandtschaft einen blanken Gulden entgegen, „aber nicht wieder alles auf einmal ausgeben!“ Der Hofschreiber hatte nur auf diesen Moment gewartet, und schon jubelten die Schranzen ob des Gebieters Güte und Mildtätigkeit, da er zu diesem Opfer nicht verpflichtet war. Der Geistliche betonte denn auch die besondere Bedeutung des guten Werkes, das dem Machthaber sicher ein paar Jahre weniger im Fegefeuer einbringen würde. Barmherzigkeit hatte sich wieder einmal gelohnt, konstatierte der Herr. Wie praktisch, wenn man sie als funktionalen Akt der sozialen Imagebildung benutzen konnte.

Dabei ist diese Praxis weder die erste noch die am meisten an den Glaubensgrundlagen vorbei durchgeführte Form sanftmütiger Selbsterhöhung. Überall da, wo Religion institutionalisiert auftritt und sich ins weltliche Machtgefüge einmischt, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen durchdringt, organisiert und nutzt, tritt auch dieses Phänomen auf, dass Hilfe vor allem den Helfenden zum Vorteil gereicht, während die Bedürftigen sich nolens volens instrumentalisieren lassen. Schon im Mittelalter waren es die Gutleut – im Straßenbild mehrerer süddeutscher Städte sind Straßen, Häuser und Kirchen, bisweilen ganze Viertel nach ihnen benannt – die als Aussätzige nicht mehr mit der bürgerlichen Gesellschaft leben durfte, und so blieb ihnen entweder die Verbannung aus den Mauern oder aber die Zwangsumsiedlung in Siechenhäuser, die auch vor den Toren lagen, aber doch wenigstens ein Obdach boten. Sie waren die Opfer des Handels mit Fellen, namentlich mit Eichhörnchen, die neben arteigener Putzigkeit auch den Krankheitserreger in der urbanen Zivilisation großzügig verteilten, wo es die Kreuzritter mit einschlägiger Auslandserfahrung nicht geschafft hatten. Die hygienischen Umstände der Seuchenlager taten ein Übriges, die beständigen Neuinfektionen der Ärmsten zum systemtheoretisch korrekten Kreislauf zu optimieren: Krankenhäuser produzieren vor allem Kranke, und was wäre diese Gesellschaft gewesen, wenn sie es nicht zu ihrem Vorteil ausgenutzt hätte.

Das allgemeine religiöse Korsett bürgerlichen Handelns und Wandelns forderte hier und da den Nachweis christlicher Wohlanständigkeit, die sich in gebetsmühlenartig gelesenen Seelenmessen und Kapellenstiftungen manifestierte, zunehmend in Stiftungen, da die Nachhaltigkeit der Geldanlage als Machtinstrument wohlhabender Familien attraktiv wurde, aber für die Lebenden und ihre Reputation als Prestigeobjekt und Führungsanspruch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Man gab den Armen, weil man es konnte, und nicht einmal als gottgefälligen Aberglauben setzte man darin die Hoffnung, im Jenseits mit Zinsen ausbezahlt zu werden. Die Notwendigkeit der Gutleut hielt sich vor der Reformation hartnäckig im Zentrum der Frömmigkeitsvorstellungen. Und nicht nur da.

Andere Religionen sind nicht weniger vom Glauben an eine gerechte Welt durchdrungen, die an den Lohn für gute Taten glaubt und daran, dass eine höhere Macht die Armen aus gutem Grund arm und die Kranken krank macht. Flugs schwiemelt sich der Hominide eine Täter-Opfer-Umkehr aus der verquasten Denke, und so entsteht in manchen buddhistischen Kulturen die seltsame Dialektik, die Bettelmönche seien überhaupt nur dazu da, den Laien durch die tägliche Spende in ihre Reisschale ein Werk der Nächstenliebe zu ermöglichen. Wie diese bizarre Logik kippt auch die religiöse Praxis, in einer konsumfixierten Konkurrenzgesellschaft die gar nicht mehr so darbenden Klosterbrüder statt mit Reis und Gemüse mit abgepacktem Zuckerzeug zu versorgen, ihnen eine gesundheitsschädliche, da hochkalorische Mastkur zu bescheren, weil nach Auslegung der theologischen Schriften der am meisten Meriten erwirbt, der die meisten sättigt. Nicht immer ist Proportionalität sinnvoll.

Und auch das, was wir nicht für Religion halten, obwohl es eine höchst differenzierte und perfekt organisierte Form dessen ist, nutzt die Maschinerie des Verdienstmanagements. Die christliche Tugend der Caritas heißt jetzt Charity, wo die Reichen und Schönen unter gut orchestrierter Medienpräsenz ein bisschen Kleingeld für Benachteiligte spendieren, das PR-kompatible Prekariat gelegentlich anfassen, ihnen die eingeübten Wertvorstellungen unserer kapitalistischen Gotterkenntnis in die Fresse hauen und dafür als Vorbilder abgefeiert werden. Gäbe es die Tafeln nicht, die Berufsgattinnen-schmieren-für-alleinerziehende-Mütter-Frühstücksbrote-Clubs, der ganze Schmodder würde als vorher eingepreist in der Versenkung verschwinden, und keine der dezent geschminkten Trullas würde sich aufführen können wie Mutter Teresa, die gierige Spendensammlerin im Namen der eigenen Berühmtheit, die Lepröse in ihren Immobilien verrecken ließ, während ihr Geld Zinsen abwarf. Sollte es die Hölle geben, der Teufel könnte ihr täglich eine reinhauen. Als gutes Werk.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXIII): Die lügende Macht

23 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kunibert Ohnehose lief noch der Wein aus den Mundwinkeln. Er schwankte, rülpste hörbar in den Thronsaal und fing ansatzlos mit einer der sattsam bekannten Fantastereien an: ein kariertes Einhorn habe ihn mit Traubensaft abgefüllt, der zwischen Lipp’ und Kelchesrand plötzlich fuselte, so faselte der Monarch. Der Kronrat hatte genug. Seit Jahr und Tag wusste man, dass der König im Zustand heitersten Suffs gerne Bares vom Balkon hebelte, Gaukler zu Grafen und billige Mädchen zu Damen am Hof beförderte. Die Schwierigkeit bestand nur darin, dass sie ihn nicht absetzen konnten. Oder es nicht wollten, denn Wohl und Wehe, meist Letzteres lag in den Händen eines mächtigen Hofstaates, der sich einen versoffenen Feuchtbeutel hielt, um in seinem Windschatten ein angenehmes Leben zu führen. So mussten sie also die Hirngespinste des Regenten – Angriff aus Pumpolonien, eine neue Residenz im Kartoffelfeld von Bad Gnirbtzschen, Sondersteuer für den Vollmond – für bare Münze nehmen. Denn es waren keine gruseligen Ideen des irrenden Herrschers, sondern Einflüsterungen der Günstlinge. Und so zerstören die Lügen der Macht ein ganzes Land, das sich nicht entgegenstellt.

Die Lüge zieht sich durch die Geschichte als der Kitt bröseliger Diskrepanzen. Reiche und mächtige Männer befehlen über uns und üben Gerechtigkeit aus, weil sie reich und mächtig sind, in Wahrheit aber, weil irgendein Genomzonk mit höherem Arschlochlevel in früher Vorzeit Dörfer und Reiche zu Klump gehauen und sich deren Besitz unter die verpilzten Nägel gerissen hat. Es ist nicht in ihrem Interesse, Wahrheit und Aufklärung über die Menschen zu bringen. Und so heuchelt, täuscht und flunkert sich ein Establishment von einer Dynastie zur nächsten, denn Dreck haben alle am Stecken, und was kann eine Lüge besser verbergen als noch mehr Lügen. So verschwimmt allmählich die Grenze zur Wahrheit, mehr noch: die moralische Unterscheidung, ob und was man der Welt gerade als Tatsache auftischt.

In der Antike ersonnen, im Zeitalter der Medien zur Perfektion gebracht, hat sich die Propaganda als Kanal der dominierenden Meinung eine Autorität erschaffen, die auf stumpfer Wiederholung beruht. Nur wenig Variation ist erlaubt, um die gängigen Lügenmärchen auf niedermolekularer Ebene in die Hirnwindungen der Untertanen zu schwiemeln, die gleichgeschaltet nachplappern und marschieren, wo die Dummheit ihre Fahnen flattern lässt. Auch der vollkommene Verschwörungsmythos baut auf die Naivität der Dummdeppen, jede noch so dämliche und fadenscheinige Wirrnis inbrünstig zu glauben, zu verteidigen, am besten mit eigener Unwahrheit, und aus ihr heraus eine tiefere Weisheit zu ziehen. Was, wenn die Radfahrer wirklich unser Unglück sein sollten? Geht nicht die Sonne jeden Tag unter, weil die Klempnerinnung es befohlen hat? Ist nicht der Führer der Erlöser des Volkes, weil er ihm den Endsieg schenkt?

In der technokratisch regierten Welt, die sich als Parlamentarismus ein theoretisch unangreifbares System der Transparenz ersonnen hat, hat allein der Souverän in Gestalt der wählenden Bevölkerung die Macht und ist in der Lage, andere Ansprüche mit legalen Mitteln abzuwehren – theoretisch, denn die Kaste der Mächtigen überlebt noch die Bombe, bei der die Kakerlaken aufgeben. Um ihren Anspruch auf die fortdauernde Macht zu sichern, lügen auch sie, weil sie das eherne Gesetz der Konservierung von Herrschaft befolgen: sie nehmen für sich das Gesetz in Anspruch, halten sich aber nicht daran, während für die Untertanen das Gesetz gilt, das sie aber nicht in Anspruch nehmen können. So feiern sie rauschende Feste, versorgen sich mit Deals und Nebeneinkünften, setzen ihre Lobbyisten mit an den Verhandlungs- und den Kabinettstisch. Kippt das auf, geben sie scheibchenweise zu, was sich nicht mehr vertuschen lässt, schieben anderen dafür die Schuld in die Schuhe und suhlen sich in der Opferrolle. Der gemeine Bürger aber nimmt die Politik nur noch als Theatermaschinerie wahr, in der hin und wieder Knallchargen in der Versenkung verschwinden, während auf der Bühne immerzu das alte Stück weggenudelt wird. Wen wundert’s, dass der Souverän verdrossen das Parkett verlässt.

Letztlich zerstört die Lüge jede herrschende Macht; kann man das bei einem Diktator noch als gerechte Strafe für sein moralisches Fehlen sehen, ist es um ein demokratisches Gemeinwesen schon schlechter bestellt, wenn sich zwischen den aus Gewohnheit fabulierenden Ichlingen und der Rotte perfider Parallelexistenzen ein Schulterschluss ergibt, wer die Bürger am besten hinter die Fichte führt. Wie bei einer Währung ist die bindende Kraft nicht, was auf einem Stück Papier steht; der Kredit ist, was die Menschen an Glauben darin haben.

Es gibt nur eine Sache, die die moralisch schon komplett ausgeglittenen Darmleuchter nachhaltig übel nehmen: wenn nämlich Politiker sich trauen, öffentlich die Wahrheit zu sprechen und sich zu erklären. Das goutiert der Bescheuerte nicht, denn er weiß, wie oft und warum er selbst lügt. Die da gehören nicht zu ihm, denn die Welt will betrogen werden. Auch ein Machtanspruch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXII): Zeugen des Untergangs

16 09 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrts Schwager war freiwillig in diese große Höhle gezogen, durch die eine Wasserader floss. Der Komfort sanitärer Einrichtungen war durchaus nicht zu verachten, brachte aber auch Nachteile mit sich in Gestalt kalkhaltiger Gesteinsschichten, die mehr oder weniger regelmäßig von den Wänden bröckelten. Kleinere Brocken konnten jäh den Bestand an Nachwuchs dezimieren, und das leise Knacken an der Decke verhieß nichts Gutes. Eines Tages, so fürchteten die Alten, würde der Himmel allen auf die Schädeldecke rasseln, und dann wäre es mit dieser Sippe zu Ende, mehr noch: ihre Geschichte würde vergessen sein, keiner wäre noch am Leben, um an sie zu erinnern. Alle Warnungen wären in den Wind gesprochen, niemand hätte mehr Bedarf an einem moralischen Beispiel, wie man mit etwas Bequemlichkeit den sicheren Tod erkauft. Aber so ist nun einmal der Mensch, auch im frühen Stadium seiner Stammesgesichte überzeugte er durch Dummheit. Die Evolution, die selten ohne Grund geistige Sackgassen austestet, um bei der Perfektionierung der Arten auch die dämlichsten Fehlkonstruktionen auszuschließen, tat, was sie nun einmal tun musste. Die Schwerkraft lässt nicht mit sich diskutieren. Der Untergang hatte keine Zeugen, zumindest keine, die davon hätten sprechen können.

Wie anders stellt sich unsere Gegenwart dar, in der eine komplette Spezies den Dummklumpen nachläuft, die ihre Vernichtung generalstabsmäßig plant und organisiert, um auch ja kein Detail außer acht zu lassen. Wir gewichten unsere Interessen, die nicht selten wenig bis nichts mit dem Überleben in dieser fragil eingerichteten Umgebung zu tun haben, die wir als unseren Planeten für geräumig genug halten, unseren Dreck in die nächstbeste Ecke zu schmeißen, ohne dass es auffiele. Auch wenn die geistige Leistungsfähigkeit dieses Kopfschrottkollektivs nicht unbedingt gleich ins Auge fällt, einige verfügen über Kenntnisse von Naturgesetzen und sind zu folgerichtigem Denken in der Lage – was seinerzeit gereicht hätte, ein paar Troglodyten im Genpool zu belassen, wäre heute in der Lage, das Überleben der Menschheit zu sichern, aber es gibt Wichtigeres: mit großen Dingern, die Gase ausstoßen, in den Urlaub zu fliegen und sich dort in kleinen stinkenden Blechkisten von einem Strand zum nächsten zu bewegen, solange das Meer die Küsten noch nicht weggeschwiemelt hat. Wir können tatsächlich die letzten sein, die exotische Tiere in ihrem natürlichen Habitat besichtigen, weil wir die Generation sind, die ihre Auslöschung mit unserem Ferientrip besiegeln. Das Ganze hat einen Schönheitsfehler; wir, die gierigen Arschlöcher, die aus Gemütlichkeit die Katastrophe aussitzen, haben die rauchenden Trümmer unseren Nachfahren vor die Füße gekippt und weimern jetzt herum, wenn sie freitags nicht brav in die Schule gehen.

Mit etwas mehr Lernbereitschaft hätten wir die Zeugen des Verderbens sein können, die genau wissen, was sie erwartet. Die Folgen unserer Gier, unserer politischen, ökonomischen und sozialen Unbelehrbarkeit, unserer rein größenwahnsinnigen Neigung, alles wegverhandeln zu wollen, und sei es eine physikalische Grundkraft, die sich nicht mit einem parteiinternen Konsens zweier Drecksäcke beseitigen lässt. Die Hominiden hätten sich nicht gewundert, dass ihre Hinterlassenschaften mit dem Wasser am gesamten Wohnort verteilt worden wären, die angeblich aufgeklärten Bürger, für die Wissenschaft eine Art Religion ist, die man nach Bedarf verleugnen oder falsch anwenden kann, wenn es dem Reichtum der Kaste dient, wollen es gar nicht verstehen. Sie trösten sich mit dem Gedanken, dass sie tot sein werden, wenn unser Ökosystem kollabiert und man ihre Gesichter in Stein meißeln wird, um täglich auf sie zu spucken. Die Erzählung werden andere schreiben, dann sind sie nicht mehr verantwortlich, und für eine Rotte offenporiger Darmleuchter reicht der Trost, dass sie ihre Verachtung noch ein bisschen zelebrieren können, bis sie jemand nach der Hirnembolie in die sengende Sonne rollt, wo sie so elend verrecken, wie sie sich das für den Rest ihrer Domestiken gewünscht hatten.

Leider wird niemand mehr davon Kenntnis nehmen. Das Dumme am Weltuntergang ist nun einmal, dass dabei die Welt untergeht, vulgo: das schmierige Restchen Wirtschaft, das die Zivilisation im Tod noch überdauern könnte, ist irgendwann auch weg vom Fenster, und kein Insekt dürfte sich für Börsenkurse interessieren. Hollywood dürfte für dröhnende Dystopien nur noch dann etwas übrig haben, wenn sie den nötigen Abstand zu dieser Wirklichkeit hinkriegen – wer würde sich schon die eigene Hinrichtung als Blockbuster ansehen. Und so bleibt uns zum Schluss nur die Erniedrigung, von denen verlassen zu werden, die ihre eigene Beseitigung als kollektiven Suizid inszenieren, weil sie die Mehrheit nicht als schützenswert ansieht, wenigstens nicht im Vergleich mit dem Hochgefühl, ohne Tempolimit über die Autobahn zu brettern und den Opfern mangelnde Leistungsbereitschaft zu attestieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird. Diesmal reicht es, wenn sie überleben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXXI): Die Mehrheitsgesellschaft

9 09 2022
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann in grauer Vorzeit führte Pummi, Stammvater der Pummilonen, seinen Clan mit Kind und Kegel in die fruchtbaren Niederungen des heute als Pummilonien bekannten Siedlungsgebiets, das durch Wälder, Fließgewässer und einen nicht zu hohen Gewerbesteuersatz internationale Investoren lockt. Ein paar Lokalfürsten stellten vorübergehend ihre internen Zwistigkeiten ein, brachten den einen oder anderen Herzog professionell um die Ecke, konnten aber gegen den Herrschaftsanspruch des neuen Königsgeschlechts nicht viel ausrichten – mit Ausnahme ihres Einflusses auf die dialektale Prägung des Pummilonischen, das alsbald unter den Nachbarsprachen rückstandsfrei getilgt wurde, auch deshalb, weil Pommi, der angeheiratete Bastard der Pommilunen, hin und wider die Pummilonier zum Neubau ihrer frisch abgefackelten Residenzen zwang. Historisch hatte ein Häuptling im frühen Mittelalter einen günstigen Moment erwischt, war unter die überregional wichtigen Dynastien geraten und bekommt bis auf die heutige Tage eine Rolle in der Nationalerzählung. Was man vor seiner Ankunft schon getan hatte, Fische mit Beerenobst füllen, der Braut einen Knotenstock für lange Winterabende mit dem zugesoffenen Gatten schenken oder den stimmlosen bilabialen Frikativ als Marker für eine unmittelbar abgeschlossene Vergangenheit vor das Verb stellen, tut man dort bis heute, nur gilt es als typisch pummilonisch.

Die Mehrheitsgesellschaft ist eine Chimäre, sie hat nie existiert und kann nicht existieren. Damit wäre das Thema erschöpfend behandelt, nur nicht die Frage, was diese Zwangsvorstellung mit den Menschen anrichtet und wozu. Dass Mehrheiten sich ausnahmslos aus der Überschneidung vieler Minderheiten zusammensetzen, dass es durch die natürliche Fragmentierung sozialer Konstruktionen diese Vorstellung nur als Dominanzfantasie geben kann, ist zugleich Binsenweisheit und Drohung, die sich bestenfalls als falsch verstandene Prophezeiung selbst erfüllt. Dem Deutschen ist alles deutsch, was für die entlegensten Aneignungen gilt, Gartenzwerg und Zipfelmütze, er hat alles erfunden, auch das Mittel dagegen, und lässt es sich zufällig ein paar Jahrtausende früher in Mesopotamien nachweisen, hat er es optimiert, patentiert und im industriellen Maßstab damit die Welt vermüllt. Was innerhalb seiner Grenzen stattfindet: geschenkt, wichtig ist nur, dass es diese Grenze gibt, denn was wäre seine Identität, müsste er sie mit anderen teilen?

Es geht ja selten um Distinktionsgewinn, denn woher sollte der Bratwurstbräter, Kartoffelschäler, Biertrinker sie nehmen? Ist die kulturelle Norm, in Deutschland eingeführte Verhaltensweisen derart als internalisierte Prozesse zu behandeln, schon ein Grund, Abarten von der eigenen Abweichung als ausgrenzungswürdig zu behandeln? Immerhin hat es vergangenen Theoretikern für die Konstruktion eines christlichen Abendlandes gereicht – Spoiler: weder das eine noch das andere – um irgendeine geistige Grundhaltung postulieren zu können, auch wenn dabei allen die Einheit um die Ohren flog, die sie sich zurechtschwiemeln wollten. Das manische Reinerhaltungsgejodel der selbst eingewanderten Beutegermanen einmal beiseite gelassen, klammert sich jeder Angstbeißer an die kleinen Unterschiede, mit denen sich Ossis von Wessis, Personen mit von Personen ohne Behinderungen säuberlich trennen lassen, weil das ja notwendig ist, und wer als Angehöriger obskurer Glaubensgruppen Fuß fassen will, wo ausschließlich anständige Menschen leben, hat als Protestant in manchen Feuchtgebieten keine Chance. Hier sind wir noch nicht bei den offiziell als verboten empfohlenen Kriterien, mit denen man sich als Vermieter, Schwiegervater oder Arbeitgeber am Stammtisch beliebt machen darf, wenn es um die Dominanzkultur eines strukturellen Rassismus geht, wenn man einfach nur aus der Opferhaltung sein Dorf von den bösen Einwanderern fernhalten will, weil sonst auch in den nächsten zehn Jahren keiner mehr da den Landarzt geben will.

Nun muss man nicht denken, es würde den typischen Abwrackschnackern schon reichen, beim ersten Anzeichen von Migrationshintergrund zur Mistgabel zu greifen. Die aber warten nicht auf eine auffällige Hautfarbe, ungewöhnliche Namen oder Nachbarn, die ohne erkennbaren Grund einen akademischen Beruf ausüben. Die alte Form dieser Mehrheitsgesellschaft hätte syrische Neurologen als Allgemeinärzte akzeptiert, beim Eintritt in die Feuerwehr kein Kreuzverhör durchgeführt oder den neuen Dorfwirt schon vor der Insolvenz der neu renovierten Schenke zur Kenntnis genommen. Die heutige Form besteht aus 15% Deppen, 10% Idioten und 9% Gewohnheitslügnern, ungefähr so vielen Soziopathen mit und ohne rassistischen Neigungen, 5% Dummklumpen, 6% Drogenschmeißern und 20% Wahnwichteln. Bleiben wir bei den Deppen, wissen wir ungefähr, wer sich für die Mehrheit hält und warum. Der Rest nimmt billigend hin, dass er sich nicht mit der Integration der anderen abmühen muss. Alles andere ist nicht bekanntes Terrain, im Klartext: Feindesland. Es ist gut, wenn man es kennt, denn nur so kann man um alles eine Mauer bauen. Das hilft uns. Und nur das zählt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXX): Anstand

2 09 2022
Gernulf Olzheimer

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Der Kriegsgrund waren die Buntbeeren. Waren die Jungen noch voller Respekt vor dem Alter, so griff der Älteste in der Einsippenhöhle ungeniert in den Trog, in dem die Früchte lagen. Am ärgsten aber trieb es Uga, sobald nur noch ein paar saftige Beeren übrig waren auf dem Boden. Gerecht oder nicht, die Gier siegte über jeden Verstand, und so wurde er allmählich zum abschreckenden Beispiel für die kommende Generation. Vielleicht würden ja auch sie einmal das soziale Privileg des Alters an der Kalorienausgabe für sich beanspruchen. Vorerst jedoch begnügten sie sich, denn sie wollten keinen Verlust ihres Anstands kundtun. Wir hätte das denn ausgesehen.

Auf Anstand liegt der Jäger nur, damit er mit scharfem Auge entdecken kann, was nicht anständig ist. Schickliches Benehmen, kurz: was sich mit der gesellschaftlichen Stellung der Figur vereinbaren lässt, ohne es beanstanden zu müssen, entgeht den Schnöseln, nur ein Makel nicht. Und so ist es bis heute die Daseinsberechtigung der wohlanständigen Bürger, mit dem Finger auf die Fehler der anderen zu zeigen, damit die eigene Kaste sauber bleibe, achtbar, gediegen. Indes der Mangel liegt nicht im Detail.

So ist Anstand kein Wert für sich, sondern nur der durch Sozialisation in einer bestimmten Umgebung erworbene Kodex an Verhaltensweisen, die eine Person nicht als Außenseiter in einem moralischen Gerippe offenbaren – wer weiß, wie Moral aus zeit- und kulturabhängigen Stellgrößen zusammengeschwiemelt wird, so dass sich beinahe jeder schmerzfrei noch eine zweite leisten kann, der wird über die Verwendung des Begriffs kaum süße Illusionen haben. Gemeinhin verwechselt der reine Tor Anstand und Sitte in Unkenntnis dessen, dass mit dem korrekten Aufhebeln von Krustentieren die Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft bemüht wird und nicht die intrinsischen Wertvorstellungen des guten Menschen eine Rolle spielen, und so bleibt alles in schönster Harmonie: die akzeptierte Moral spiegelt sich in der Verwendung des rechten Bestecks, die Ansichten des Freiherrn von Knigge werden auf hygienische Hacks heruntergebrochen, die fein in eine Tanzstunde passen, und schon bleiben die Anständigen wieder unter sich.

Pustekuchen. Es ist kein Wunder, dass in einem von Gier und Verrohung triefenden Zeitalter – der Effekt des Herabtropfens ist hier übrigens korrekt beschrieben, das Gesindel hockt an der Spitze der Gesellschaft – der Ruf nach Anstand lauter wird, gerade von denen, die die angeblich guten Sitten als Ausdruck tradierter Wertvorstellungen hochhalten. Wer sich schamlos bereichert, lügt und betrügt, dem wird mangelnder Anstand vorgeworfen, was genau bedeutet: wenn man schon auf den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft herumkoten muss, dann doch bitte nicht öffentlich. Derlei Verhalten erregt öffentliches Ärgernis, und keiner will, dass es öffentlich sei.

Denn im Grunde ist eine ganze Gesellschaft verroht, wenn sich materiell unterfüttertes Streben nach Macht zum Konstruktionsprinzip entwickelt hat. Fordert eine auf die korrekte Inszenierung der Geschichte erpichte Klasse nun ordentliches Benehmen, ist es so, als habe man ja nichts gegen Wohnungseinbrüche, wünsche sie aber in seiner Nachbarschaft aus Lärmschutzgründen nur am frühen Nachmittag. Ausgewählten moralischen Prinzipien wird Genüge getan, man denkt dabei an die Allgemeinheit, sogar an die Kinder, ansonsten darf jede Schweinerei auf eigene Faust stattfinden. Sicher ist nur, dass vor allem privates Betragen eine gute Note erhält, weil Rocksaum und Haarschnitt wenig Anlass zum Skandal geben. Den Charakter aber zeigt es nicht, wie auch Höflichkeit, die täuschend ähnliche Schwester der Freundlichkeit, vor jeder Arschgeige artig knickst, bevor sie ihr eins über die Rübe zieht.

In einem Gemeinwesen, das sich, ganz auf die Außenwirkung bedacht, eine preziöses Fassade vor die Fratze hält, ist die Sittlichkeit längst zu einer lächerlichen Übung geronnen, zur kategorischen Invektive gegenüber der praktischen Vernunft. Wie das Böse als Freiheit verstanden wird, und so wird es verstanden, besteht der Umgang des Menschen mit sich selbst nur aus Etikette und Schwindel, was als identitätsstiftendes Zeichen jedoch immer schon genug war. Die Hauptsache ist, wir werden dabei anständig verladen und kriegen ordentlich eins auf die Mütze. Inzwischen hat sich die Kinderstube bis auf das Terrain der Kriegsdiplomatie ausgeweitet, und mit stilisiertem Entsetzen blicken wir auf das Unzivilisierte, als könnten wir es bannen. Wer mit dem Finger zeigen kann, reklamiert noch immer den Anstand für sich, die Moral, die Sittlichkeit. Immerhin bleiben wir innerhalb unserer üblichen Wertvorstellungen, und es ist immer gut, wenn sie nicht einer aus dem Wandschrank holt, der sie auch verstanden hat. Wie praktisch, dass das so selten geschieht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXIX): Eigenverantwortung

26 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst fliegt herum in Deutschland, es hinterlässt unangenehme Gerüche, mehr aber auch nicht. Nichts kann verbergen, dass es sich mühsam aus einer Worthülse gepopelt hat, mit der die Politik sich die Ablufthoheit unterhalb der Stammtische sichern wollen. Seinen Ursprung hat es darin, dass sie dem ihnen unbekannten Volkswesen verordnen, ihm nichts zu verordnen. Schluss mit Verbot und Bevormundung, her mit dem Untergang, wie ihn sich der durchschnittliche Bürger nach Belieben mit Bordmitteln einbrockt. Kein Zwang sagt mehr dem Michel, wann er sich und andere zu schützen hat, keine Knute droht, wenn er, heißa! die Bude aus Doofheit selbst abfackelt. Ab sofort tragen wir alle Eigenverantwortung, koste es uns, was sie wollen.

Da entfalten wir uns jetzt alle mal ganz frei, wir entledigen uns des bürgerlichen Banns und lassen weg, was uns bisher gehindert hat, vorwiegend das, von dem wir nicht mehr verstehen, dass es zum vorausschauenden Verhalten zählt, mit dem man die gesellschaftlichen Zustände im Gleichgewicht hält und die Gefahr abwehrt, wo immer sie droht. Aber vielleicht war das ja gar nicht so gemeint, sondern als Aufforderung, sich jegliche Rücksichtnahme auf andere zu verkneifen und einfach zu leben wie die Wildsau im Tanzsaal: wozu Rücksicht, wenn’s auch mit Verlusten geht? Der Begriff passt nur in einen vollkommen pervertierten Freiheitsbegriff, der die sozialen Einhegungen des Staates in eine vernünftig organisierten Gesellschaft akzeptiert, weil sie der Mehrheit ein sicheres Leben ermöglicht, auch wenn es nicht immer ersichtlich ist. Denn das Abschieben der Verantwortung auf das einzelne Individuum, als was es hier interpretiert werden soll, bei kollektiv auftretenden Risiken, es funktioniert nicht – es sei denn, man erkennt eine Gesellschaft als solche gar nicht erst an.

So billig das Ding nun in den Raum gestellt wird, im Kern bedeutet es, dass die einzelne Person für das eigene Tun und Unterlassen einsteht und die Konsequenzen, etwa in Form von Sanktionen, dafür trägt. In einem institutionellen Rahmen muss das geregelt sein, einmal durch die Vernunft, aber auch durch durchsetzbare Regeln, denen sich einzelne nicht einfach entziehen können. Es mag sinnvoll sein, sich mit Masken im Innenraum aufzuhalten und in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Autobahn ein Tempolimit einzuhalten, bei Dürre nicht den Garten zu sprengen. Der bloße Appell an die Einsicht zerschellt aber am Egoismus, mit dem die Botschaft kommuniziert wird: die Entscheidung zum vernünftigen Handeln wird übertönt von der Vorstellung, man könne Verantwortung nur für sich selbst tragen und zugleich könne man nur selbst für sich Verantwortung tragen. Allein der Begriff ist Gewäsch, gaukelt er doch vor, es gäbe Kooperation nicht, schon gar nicht, um überhaupt auszuhandeln, was verhältnismäßig ist und was in einer freien Gesellschaft zumutbar – alles quakt von Freiheit und wie sie in der Verfassung geschützt ist, von Folklore um die Meinungsfreiheit eingewickelt, aber keiner will darüber befinden, ab wann denn der andere verpflichtet ist, und sei es auch aus Vernunft, für anderen Verantwortung zu tragen. Dazu sind wir gerade zu viel mit Selbstdenken beschäftigt – noch ein Begriff mit zwei inhaltlichen Fehlern.

Die einzige wirkliche Eigenverantwortung trägt das Subjekt, meist das wirtschaftliche, wenn es für die mit seinem Handeln verbundenen Folgen auch selbst einsteht und die Konsequenzen trägt. Wer ein fehlerhaftes Produkt auf den Markt wirft, Kunden schlampig berät oder gar völlig an der Nachfrage vorbei fuhrwerkt, bringt sich in Schwierigkeiten, die er selbst auszubaden hat – will er den Nutzen von seiner Tätigkeit einstreichen, wird er auch den Schaden tragen müssen. Nur ist mit dem neoliberal verschwiemelten Denken das Haftungsprinzip aus den Angeln gehoben worden, fröhlich streichen die Konzerne ihre Gewinne ein, sorglos sozialisieren sie ihre Verluste, die nicht selten aus Zockerei und Treulosigkeit stammen, kurz: verantwortungslosem Handeln. Denn nicht nur ist die Abschaffung des unternehmerischen Risikos mit dieser Mentalität, sich gratis am Markt halten zu können, zu einem Freibrief für Hasardeure und Waghälse geworden, jede dieser Fehlentscheidungen, die aus Dummheit und Ichlingsgebaren erwachsen, hemmungslos auf die Gesellschaft abzuwälzen, die es dann plötzlich doch wieder gibt, es zementiert auch einen Staat, in dem der alle Freiheiten genießt, der vorsätzlich ohne Verantwortung handelt.

Man kann keine Verantwortung abgeben, so wie sich auch kein Minister für die Fehler in seinem Ressort aus der Verantwortung ziehen darf; wusste er von Fehlentscheidungen, die er durch falsches Vorbild, falsches Personal, falsche Direktiven nicht verhindert hat, so ist er schuldig und muss gehen, wusste er es nicht und wusste also nicht, was in seinem Laden vor sich geht, so ist er schuldig und muss gehen, ein Drittes gibt es nicht. Von diesem Kopf her stinkt der Fisch. Das liberale Primat der persönlichen Freiheit wird von liberalen Primaten ausgenutzt, da es ihnen vor allem an Selbstdisziplin mangelt, die sie von anderen verlangen. Womit denn auch alles gesagt wäre.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVIII): Gratismentalität

19 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Verteilungskämpfe in der Einsippenhöhle waren in vollem Gange. Als beratender Chefjäger hatte Uga die verantwortungsvolle Aufgabe, auf der Pirsch durch körperliche Anwesenheit das geballte Fachwissen mehrerer glücklicher Speerwürfe in der Vergangenheit zu repräsentieren, das jedoch den anderen nicht viel nützte, auch wenn er sie im Brustton der Selbstgewissheit äußerte, der keine Kritik zuließ. Objektiv betrachtet stand er lediglich im Gelände herum und allen überproportional oft im Weg, was ihn aber nicht davon abhielt, seine Betrachtungen für objektiv zu halten. Traf die Waffe, so war es sein Verdienst, traf sie nicht, so hatte die Jagdgesellschaft einfach noch Defizite in der Umsetzung. Im Glücksfall kam die Truppe mit einer Säbelzahnziege zurück, dann erst entbrannte der Krach, da Uga als quasi sozial höhergestellte Fachkraft mit Personalverantwortung stets die besten Stücke für sich beanspruchte. Er hatte die Führungsrolle, zumindest beanspruchte er sie. Und so schmarotzte er sich bis ins hohe Alter von fast dreißig durch sein dekadentes Leben, bis er aus patriarchalem Übermut einem Jungspund die korrekte Verwendung des Wurfgeräts demonstrieren wollte. Man behielt ihn nicht unbedingt lange in Erinnerung, erst recht nicht in guter, aber sein Vorbild blieb. Ab und zu wurde es benutzt, wenngleich nicht unbedingt von den Jungmannen, sondern von den Ältesten, die es nicht vertrugen, wenn eins seinen gerechten Anteil forderte. Oder ihn nur so benannte. Sie lehnten es ab, denn es ist Gratismentalität.

Nichts daran ist neu, was dem geneigten Bourgeois nur zu der Gewissheit verhilft, es müsse damit seine Richtigkeit haben. Kurz gesagt ist dies die traditionelle Chefhaltung, ihre Mildtätigkeit stets an Gegenleistungen zu knüpfen, Applaus oder Wählerstimmen, Leumundszeugnis, Alibi, billige Lüge. Brennt durch ungeschickte Politik der Palast, dürfen sich die Untergebenen durch freiwillige Dienste der Gunst ihres Herrn versichern, saufen Dörfer ab und meist damit die gesamte Habe, steht der Klötenkönig feixend daneben und verspricht ein bisschen Blaues vom Himmel, bevor er sich vom Acker macht. Früher hätte man den Bauern allerlei geistlichen Beistand geboten, heute tut’s offenbar auch ein zinsgünstiger Kredit. Unter welchem Umständen auch immer, aus eigener Hände Arbeit sind noch die wenigsten reich geworden, denn sie müssen auf kurzlebige, niedrigpreisige Güter ausweichen, wo die Begüterten mit finanziellen Reserven sich nachhaltige Investitionen leisten können, meist zum Freundschaftspreis, denn man weiß ja, wer’s hat. Um den dünnen Firnis einer methodischen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, verlegen sie sich auf religiöse Überzeugungen und führen ein bigottgefälliges Leben, die Quintessenz des enthemmten Protestantismus: arm zu sein ist kein Zufall, und ist es ein Zufall, dann nennt man es Prädestination – immerhin wird man im Jenseits satt. Vielleicht.

Die Ambivalenzfalle, die aus Vermögensaufbau durch geschicktes Wirtschaften Schnorrerei macht, ist in einem der ältesten Geschäftsmodelle der Zivilisation verankert: quod licet Iovi non licet bovi. Verbunden ist das in Moralwatte gepolsterte Verbot mit dem Aufstiegsversprechen, das sich ernsthaft dem gemeinen Volk empfiehlt, sich durch genug ethisch zweifelhaftes Verhalten bis zur Spitze hochzuboxen, um eins der arrivierten Arschlöcher zu werden, die für den Protest der neunundneunzig Prozent nur Verachtung übrighaben. Dialektisch ist es kein Versprechen, sich – wie denn auch – hochzuarbeiten, nur eine billige Entschuldigung der Emporkömmlinge für ihr, naja, Verhalten.

Sozialgeschichtlich haben sich die Kipppunkte der Verteilungsungerechtigkeit immer schon als Trigger für allerlei Revolutionen erwiesen, die einmal mäßig gut ausgingen, einmal in die alten Verhältnisse zurückführten, nicht selten aber die alten Verhältnisse in neuen Strukturen zementierten. Dabei ist es herzlich egal, ob die kommende Clique imperial, faschistisch oder einfach aus den Erben geschwiemelt ist, die in jedem Staatsgebilde als Fettaugen auf der Suppe treiben würden. Dabei ist es ziemlich egal, ob sich Präsidenten zum Kaiser krönen, als Zaren entpuppen oder den Familienclan mit dem Verschleudern der Staatseinnahmen beauftragen, das Ergebnis ist ein Bürgerkrieg, der im Geldbeutel der Bevölkerung geführt wird als Kassenkampf von oben. Um von einer Bank Geld zu bekommen, muss man Geld mitbringen, braucht man es hingegen, kriegt man es nie. Immerhin gibt es noch die Möglichkeit, in den eigenen Schulden abzusaufen, damit man von der Bank gerettet wird, aber das weiß der Staat nur, wenn die Pleitiers freigekauft werden wollen. Bei den Bürgern vergisst er es schlagartig.

Vermögensaufbau durch Ansparen wird im mathematisch waghalsigen Modellen angepriesen, bis der Normalverbraucher plötzlich feststellt, dass sein Geld systembedingt nach oben fällt und genau denen in den Schoß, die vom anstrengungslosen Wohlstand profitieren, den sie bei anderen als Gier anprangern. Ist nämlich der kleine Arbeitnehmer, der wenigstens durch Verbrauchssteuern das ganze Schmierentheater finanziert, plötzlich durch den ominösen Markt und seine Mechanismen, vulgo: zockende Spekulanten, gierige Großkapitaleigner und eine reichenfreundliche Verteilungspolitik, in die Klemme geraten, so macht ihm die Regierung Mut. Er kann sich doch am eigenen Zopf aus der Scheiße ziehen, ganz bestimmt klappt das diesmal, und es kostet die Gemeinschaft, zu der ja auch die unschuldigen Vermögenden gehören, ihre wohlverdienten Zinsen, die das hart arbeitende Geld draußen im Lande erwirtschaftet.

Die Funktionsfähigkeit dieser Komödie ist nicht zu hinterfragten. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren, das klappt aus dem Handgelenk und hat nach Ansicht der Herrschaftspresse für Banken, Volk und Vaterland stabilisierende Wirkung. Für die Handlanger in der politischen Industrie ist allein bedeutsam, dass sie selbst uns glauben machen, der hinlänglich widerlegte Trickle-down-Effekt mache sie irgendwann reich. Kein Examensversager im Ministrantenamt hat das je erreicht, Hoffnung hin, Hoffnung her. Dass sich dieser Hirnschrott nach jedem selbst verursachten Super-GAU vom Staat raushauen lässt, nennt man Vollkaskomentalität. Aber das ist etwas ganz anderes.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVII): Die Verschandelung der Landschaft

12 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwo musste man die Felle zum Trocknen aufhängen, auch wenn die Sippe sich immerzu über den Anblick empörte. Links neben dem Höhleneingang würde der Aasgeruch früher oder später Tiere anlocken, die sich auch über den Buntbeerenstrauch hermachten, rechts daneben stand in regelmäßigen Abständen die Skulptur der Großen Mutter, die Rrts Sippe aus Gründen der Fruchtbarkeitssteigering anzubeten pflegte. In der Mitte versaute das Gestell der Belegschaft die Aussicht. Stress im Paradies! Ästhetisches Empfinden oder wenigstens die Vorstufe einer moralischen Selbstbespiegelung traf auf die praktischen Notwendigkeiten eines Lebens in der Gemeinschaft, die schafft und entsorgt. Wir können diese Welt kaum noch verändern, wir hatten sie, als wir ihre Oberfläche betraten, ja gründlich verändert vorgefunden. Woher also dieser Furor, das zu verhindern, und: wozu?

Selten las man, Dome und Kathedralen seien wichtig, wenn man darunter ganze Dörfer, ganze Landschaften wegklappen könne für Braunkohle, aber ein popeliges Kernkraftwerk darf man in die Gegend kloppen, Schnellstraßen, Klärwerke, als seien die Tempel der Abwasserentsorgung von Karl dem Großen persönlich geplant, entworfen und gebaut worden. Plötzlich und unerwartet mutieren die Apologeten des Fortschritts, die sonst an jeden Abwasserkanal einen Reaktor schwiemeln würden, wenn sie dafür einen Aufsichtsratsposten in die Rippen gestopft bekämen, zu Heimatschützern. Vernachlässigbare Hügel, ab und an mit Nadelwald begrünt, sind in der ad hoc kodifizierten Geschichte der Samtgemeinde Bad Gnirbtzschen schon immer eine Stätte der Naturschönheit gewesen, die jährlich bis zu anderthalb Wanderer aus dem Nachbarkreis anzieht, der noch nichts weiß von der Legende des Heiligen Humpelbert, dem einst ein sprechender Elch über den Weg gehumpelt sein soll – vielleicht sind sie am Stammtisch an dieser Stelle auch schon voll auf LSD, und wo sie schon einmal dabei sind, stricken sie fix die Historie der Perserkriege fertig, Da geht’s um höhere Interessen, Generationen übergreifendes Kulturgut, mindestens nationale Identität. Was nützt dagegen schon ein Windrad?

Wie ein einziger Zeitzeuge der Geschichtsschreibung den Teppich unter den Füßen wegziehen kann, ist auch das Phänomen der konservativen Raumordnung historisch sattsam bekannt. Auch gegen städtische Umbauten des Mittelalters haben sich die Bewohner beschwert, zumal dann, wenn sie für irgendeinen Bischofssitz ihre Wohnquartiere schleifen lassen mussten. Die Proteste wurden zwar von Kirche und weltlicher Obrigkeit geschmeidig weggeknüppelt, aber die Investitionen blieben, und wer bezahlte schon für die Architektur, wo noch nicht einmal klar war, dass sich halbes Jahrtausend später eine ganze Industrie an der puren Anwesenheit religiöser Zweckbauten bereichern würde. Wäre es nach landschaftlichem Nutzwert gegangen, sogar nach vorromantischen Kriterien hätte ein hübsches Haufendorf gegen das Trockenlegen von Sümpfen oder die Anlage von Stadtmauern gewonnen, die sich nur mit Mühe zurückbauen lassen, wenn jahrzehntelang kein Verteidigungsfall drohen will. Die Bauruine, die die Köln zum Improvisationsnotfall machte, hätte man nach heutigen Maßstäben für die beliebte Leerstandskombination aus Shoppingcenter mit Büroflächen plus Tiefgarage gecancelt. Irgendeiner muss ja daran verdienen, wenn es schon keiner bezahlt.

Wo schon vom Fremdenverkehr die Rede war, gibt es Lokalpolitiker auf Stimmenfang, die einen Kreuzzug gegen Ampeln und Verkehrsschilder ankündigt haben, weil Senioren aus dem Umland beim Fotografieren von St. Mandy immer dieses Einfahrtsverbotszeichen vor der Linse haben? Schleift der Dezernent für freiheitliche Stadtsilhouetten am Friseursalon Schni-Schna-Schnippi das Schild, weil der Bömmel immer vor das Standbild von Erzherzog Paul dem Beschränkten ragt? Was ist mit Umgehungsstraßen, die das Landschaftsbild für Umwohnende nicht nur optisch, sondern auch akustisch und olfaktorisch zur Steißgeburt des schlechten Geschmacks adeln?

Der Hominide hat komische Angewohnheiten. Baut er einen Turm, um zu beweisen, dass sein Volk die höchsten Türme von allen bauen kann, gereicht das seiner klebrigen Narzisstenseele zur freudigen Genugtuung; jodeln Klänge vom Turm herunter, die mit seinem Lokalgeschmack nicht korrelieren, wähnt er das Ende seiner Kultur, zumindest aber die Implosion des Universums. Stellt er sich einen Mast auf, um in seiner Butze Lampen anzuknipsen, ist das unaufhaltsamer Fortschritt. Baut eins bodennah Platten an den Hang, damit der Gegenwartsmensch überhaupt etwas hat, was er aus der Leitung saugen kann, bedeutet es das Ende der siebzigjährigen Geschichte der Arbeitersiedlung Schaffenslust. Was auch richtig ist, der Bau der Kanalisation machte ja auch dem Brauch den Garaus, nach Sonnenaufgang seine Fäkalien aus dem Fenster zu kippen. Aber wer sind wir Zeitzeugen schon. Und was ist dagegen die Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVI): Muße und Müßiggang

5 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Welch eine skandalöse Wirkung muss es gehabt haben, als sich der erste junge Jäger aus Ugas Sippe entschloss, die anderen für sich arbeiten zu lassen. Die Alten, am Ende des dritten Lebensjahrzehnts, genossen dies Privileg mit gewisser Nonchalance, da ihnen körperlich nicht viel anders übrig blieb, auch wenn sie an Erfahrung den Jünglingen überlegen waren. Die aber, zumal vor der Einführung der Klassengesellschaft, hatten noch kein Recht auf ihre Jeunesse dorée erworben, schon gar nicht durch Werke (was so bleiben sollte) oder gar Abstammung (was blieb und bleibt). Der kühne Kerl wollte hauptsächlich künstlerisch tätig werden, träumte von einer Einzelausstellung in Lascaux und bekam die erste Kritik aus der Familie: Müßiggang. Wer nicht für das Kollektiv arbeitete, sollte auch nicht im Kollektiv essen. So begann die Geschichte der schöpferischen Untätigkeit, der Muße.

Die ursprüngliche Bedeutung von Muße ist: Möglichkeit, die Gelegenheit, aus dem täglichen Trubel, dem otium, in die ungleich freiere Weltsicht auszusteigen und zumindest gedanklich die Fesseln eines vegetierenden Daseins hinter sich zu lassen, sich im Sinne der σχολή zu bilden und Potenziale zu entfalten. Als Wert an sich begreift das der protestantisch verbogene Mensch nicht, erst recht nicht die neoliberale Überzüchtung; allenfalls als herbeifantasierte Supertechnologie, die noch ein paar Generationen lang zum finalen Versauen des Klimas herbeischwiemelt, lässt der Turbomaterialist durchgehen. Freiheit, die diese mehr oder weniger zivilisierte Gesellschaft auf die Schultern von Giganten gestellt hat, erkennt er nicht, was er für Freiheit hält, gesteht er nur sich selbst zu, koste es die anderen, was es wolle. Wer sich die Freiheiten nimmt, auch die legitimen, wird von ihm des Müßiggangs geziehen, der endgültigen Todsünde in einer überzogenen Leistungsdruckgesellschaft.

Der Dünkel der intellektuell bessergestellten Schicht verwehrt es der Plebs, sich ohne erkennbare körperliche Anstrengung durch eine Existenz zu manövrieren, die auch dem äußeren Anschein nach an Bürgerlichkeit grenzt. Das kennt nicht das antike Ideal des mittellosen Philosophen, der auch durch Spenden der Aristokratie geistige Überlegenheit kultivieren konnte. Heute aber sieht das aus wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das nur den Leistungsträgern zugute kommen sollte, weil sie es im Gegensatz zum Prekariat gut anlegen würden. Mit allerhand Bedürfnispyramiden versucht man physiologische Nöte, Hunger und Obdachlosigkeit für wichtiger zu erklären, und kann man die in der nach oben umverteilenden Gesellschaft nicht aus dem Weg räumen, wird’s halt nichts mit Kunst und Kultur. Dass Reiche für ihre Selbstverwirklichung im Himalaya auf annehmbare Außentemperaturen, komfortablen Sauerstoffgehalt und Sterneküche verzichten: geschenkt.

Überhaupt gilt ein nicht durchgetaktetes Leben bereits für die Mittelschicht als unproduktiv, nicht aufstiegsorientiert, hoffärtig. Erfolgreiche Typen sind stets in Bewegung, bis sie den sozialen Status erreichen, an dem sie das Leben der anderen nur noch einen feuchten Fisch interessiert. Auch gucken sie sich Kunst an, wenn sie mit prestigeträchtigen Namen verbunden, gerade eben noch mit einem Pkw verlastbar und mit Aussicht auf Preisanstieg käuflich ist. Wer im Schweiße seines Angesichts sein Brot nagt, der darf wohl auch einmal feiern. Aber doch lieber im Mäßiggang.

Arbeit muss die köstliche Angelegenheit sein, als die sie missverstanden wird, und man überlässt sie aus lauter Freundlichkeit den Armen, damit sie nicht zu sehr ins Nachdenken kommen. Anders ist es ja nicht zu erklären, warum man die Unterschicht zwanghaft in Bewegung halten will. Allein Muße ist Quelle des Guten und der Inspiration – wer da nicht aufpasst, hat ganz schnell die Revolution am Hals oder wenigstens Sklaven, die erkennen, dass sie Sklaven sind. Her mit der Moralkeule, um dem sündigen Faulpelz eins überzubraten, man wird mit der Todsünde im Katholizismus so gut bedient wie bei den Lutheranern mit der hintenrum für gottlos erklärten Faulheit. Wie weit das in die Oberschicht abstrahlt, merkt man an den ausgedehnten Urlauben und Landpartien, heute: Wellness, die man nur der Gesundheit zuliebe auf sich nimmt, weil sich keiner ertappen lassen will, wie er gegen das Gebot der Lustfeindlichkeit verstößt. Bewusst ihre Seelenruhe herzustellen käme auch ihnen nicht in den Sinn, metaphysisch entwurzelt, wie sie nun einmal sind. Immerhin kann die Elite noch darauf vertrauen, dass aus mangelnder Bildung kaum ein Arbeiter auf den Gedanken käme, ein Œuvre von proustschen Dimensionen in seiner Freizeit herzustellen. In einer kapitalistischen Welt, in der Freizeitgestaltung einen kommerziellen Nutzen haben muss, gilt einer, der genussvoll Löcher in die Luft starrt, bereits als subversives Element. Hüten wir uns.

Und so bleibt das Begriffspaar gemäß führender Mode streng geteilt, und der obere Mittelstand ruft einander zu: tuet Muße, aber weltlich. Seid nur kein Vorbild, denn sonst wollen alle so sein wie Ihr, und aus der Nummer kommt Ihr nie wieder raus. Es gibt kein Recht auf Faulheit. Also nicht für alle.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXV): Sauftourismus

29 07 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wann auch immer es schiefgelaufen sein wird: es war früh. Rrt musste jede Menge Buntbeeren kauen, die Mesopotamier sauber Bier wegeimern, in den Klöstern wurde der Stoffgehalt optimiert, doch erst der moderne Mensch kann sich seinen Filmriss mit der gewünschten Dosis ansaufen. Kein Wunder, dass moderne, auf Performance gedrillte Grützbirnen aus dieser geradezu langweiligen Hölle des Hirnlösungsmittelkonsums ausbrechen wollen, die ihnen nur den kalkulierbaren Absturz bietet, der spätestens nach einem ganzen Tag Nüchternheit wieder in die wirtschaftliche Verwertbarkeit führt. Es gibt einen Ausweg, der so ähnlich funktioniert wie des Moralisten Neigung, den eigenen Garten sauber zu halten, indem er den Müll über den Zaun schmeißt. Man gibt sich dem Sauftourismus hin.

Manche Völker sind sich auch ohne militärische Ambitionen sicher, dass Reisen alleine nicht halb so befriedigend ist, wenn man nicht anderer Leute Hab und Gut in Schutt und Asche legen kann. Erst das Bewusstsein, in einem anderen Land als besonders widerlicher Zerebraldilettant aufzufallen, löst jene Befriedigung aus, die sich zu Hause einfach nicht einstellen will, auch wenn die Muster ähnlich sind. Wie der Spießbürger reflexartig zum Lachen in den Keller steigt, weil er da sein übliches Grundniveau wiedertrifft, lagert er seine gesamten Peinlichkeiten gerne in anderer Herren Länder aus – die Gefahr, in der eigenen Nachbarschaft als zivilisatorischer Fehlversuch erkannt zu werden, ist sofort gebannt. Dass derartige Enthemmung stets im Kollektiv stattfindet, ist kein Zufall. Ein gruppendynamischer Prozess nutzt die Nähe des Gleichartigen, um eine Homogenität des Handelns zu erzeugen, und sei es die Veranlagung zum Verwahrlosen in einer Art und Weise, wie sie andere Urlaubsgestaltungen, allen voran Camping, an Intensität und Geschwindigkeit nie wird bieten können.

Wo sich der Durst als Grundemotion einer tiefenbescheuerten Gesellschaft Bahn bricht, ist der ritualisierte Drogenkonsum nicht weit. Zwar wissen geübte Trinker auch die physische Nahtoderfahrung eines Volksfestes zu schätzen, doch beschränkt sich der Besuch auf der Bierwiese meist auf ein bis zwei Tage zuzüglich An- und Abreise zu festen Terminen und unter erheblichem logistischen Aufwand sowie unter finanziellen Belastungen, die man sich auch nur einmal im Jahr leisten kann. Die eine bis zwei Wochen dauernde Druckbetankung am Strand der einschlägigen Ferienparadiese jedoch kennt weder Einlasszeiten noch Sperrstunde, erfordert keine als standesgemäß erkennbare Kostümierung, die den gemeinen Klötenkönig in etwas noch Hässlicheres verwandelt, und findet weitegehend unter Negation aller bis dahin bekannten sozialen Normen statt. Kleinere Konflikte werden ad hoc mit Fausthieben geklärt, danach liegt man sich wieder lallend in den Armen und feiert seine eigene Verrohung.

Schon wehren sich die einschlägigen Inseln gegen den Einfall hedonistischer Horden, die außer Urin und Ruin nichts hinerlassen. Doch helfen die Appelle, sich an der Düne nicht die Kante zu geben und kein obszönes Liedgut zu grölen, nicht wirklich weiter, so dass den Einheimischen nur die Bremse bleibt: kein Suff im Sand, Geldbuße beim Verstoß gegen die Verordnung, Platzverweis, Einreiseverbot im Wiederholungsfall. Da tost des Teutonen Blut im Schädel, wird er doch behandelt, wie man das sonst zu Hause nur mit Ausländern machen würde. Von Abkanzelkultur schwiemelt er sich’s zurecht, von Rassismus gegen Reisende. Doch da sind den Gastgewerbetreibenden die Treudeutschen lieber mit grauer Socke in der Trekkingsandale, die noch zünftig Kohle ins Land tragen und es nicht zum Aufmarschgebiet ungehemmter Randaleros verkommen lassen. Die einschlägigen Kneipen sind inzwischen genau so dicht wie ihre ehemaligen Gäste, doch nicht einmal die Pandemie hat das Rudel der Blödföhne vertreiben können.

Denn die Knalldeppen auf der anderen Seite des Tresens haben es den Eimertrinkern leicht gemacht. Wer einmal mit Freibier angefüttert wird, sich die Birne komplett zuzulöten, mutiert nicht plötzlich zum kulturbeflissenen Wanderer, der individualreist und die malerische Zwei-Sterne-Pension mit ohne Frühstücksangebot bucht, um der Zwangsjacke des Gymnasialpädagogen (Deutsch, Geschichte) für vierzehn Tage ledig zu sein. Währenddessen zerlegt das Gehirngestrüpp im Furor die Inklusivhotellerie, wo man erst beim Einchecken erfährt, dass es die Alkoholika nicht mehr kostenfrei gibt oder nur noch in Mengen, die nüchtern nicht zu verkraften sind. So ist nun die Abstinenz der Untergang der trinkenden Klasse, die nicht genug Barschaft am Mann trägt, um den komatösen Dauerzustand zu erhalten. Tragödien spielen sich ab an der Bar, in Tränen aufgelöste Zecher bembeln sich auf Zeit die Reisekasse hinters Zäpfchen, damit sie nach einem Tag Alkoholvergiftung den Rückflug antreten können. Gut, dass das die Champagnerleichen in Ischgl nicht sehen müssen, aber da ist sich die Mittelschicht einig. Das ist natürlich etwas ganz anderes.