Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIV): Das Geduze

18 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir wissen es nicht. Sicher war die Sprache der Hominiden im Grundausstattungsbereich eher an der lebensnotwendigen Körperfunktionen orientiert. Die Standesgesellschaft lag noch in einer halben Dimension herum, das Grunzinventar innerhalb der Sippe differenzierte sich nach Lautstärke, aber die wesentlichen Dinge kriegte das Volk schmerzfrei auf die Reihe. Ab einer gewissen Dialektvielfalt wurde es schwierig. Mit der Idee eines höheren Wesens kam vorübergehend die Komplexität der Anrede, aber das währte nicht lang. Manche in der Geschichte verwehte Epoche setzte auf Höflichkeit und teils gekünstelten Affekt, aber was war das alles schon gegen die Vorteile der gewaltfreien Kommunikation. You can say you to me. Es begann das Geduze.

Mit der allgemeinen Planierung der ästhetischen Distinktion durch mangelnden Anstand und dem pseudopolitischen Getöse der Theoretiker wucherte eine egalitäre Pest aus dem soziologischen Gulli, die ihre Tentakeln in die Nasenlöcher einer fast noch Babypuder riechenden Schicht von Hipstern stopfte, ihnen ansehnliche Teile der Großhirnrinde verödete und ihnen das Du einkokelte, wo sonst der Brechreiz verortet sitzt. Pfarrer, Richter, Dealer, alles wurde seiner respektablen Position entkorkt, man duzte nur noch, aber nicht auf die brüderliche Art, wie es auf den ersten Biss den Anschein hätte haben können. Wo die Fremdwahrnehmung eines intakten Miteinanders komplett in die Grütze ging, musste das narzisstische Selbsterleben bunte Blüten schlagen – so kam es, und das war das Problem.

Das brägenreduzierte Gesellschaftskonglomerat duzt einander, als hätte man das Sie durch standrechtliche Exekution beseitigt. Der formlose Umgang zeigt eben das: das kaum in Konturen schwiemelbare Kompott, das amorph in die Ritzen der Selbstachtung sickert, ignoriert jegliche Individualdistanz, kumpelt sich an, als wären alle in kollektiver Besoffenheit, und verursacht der Menge einen Grad an Enthemmung, der gebraucht würde, um die Belegschaft vollständig degenerieren zu lassen. Mit dem Schwinden der Scham setzt der Schwachsinn ein, hier schaltet er bereits röhrend in den dritten Gang.

Stil ist für die meisten Bekloppten nur die greifbare Seite des Besens. Davon abgesehen führt die große Gleichmacherei, die jeden Blödföhn auf die eigene Stufe zerren will, zum großen Einebnen von oben nach unten. Schon schleimt sich der erste Katalog aus dem geistigen Flachland mit der zweiten Person Singular ins Beziehungsgefüge: wir sind alle eine große Familie, schwallt der Schwede, und Du bist das Kind. War ‚Du‘ bisher natürlicher Ausdruck von gewachsener Vertrautheit und Nähe, ist es nun lediglich klebriger Aufpapper einer strikt verordneten Sympathie, die auch für die größten Arschlöcher zu gelten hat.

Einige Fremdsprachen, insbesondere die im deutschen Artikulationsraum verbreiteten, nehmen das ‚Ihr‘ des Mittelalters bis in die Gegenwart in Gebrauch und fahren nicht schlecht damit. Einmal planiert, schon schwinden sämtliche Gefälle, die in der Wirklichkeit sinnvoll sind und produktiv. Wo sich Vorstandsvorsitzende und Azubis gegenseitig das Dumm-Du um die Backen hauen, entsteht eben keine Professionalität, wie Modernisierer meinen, sondern ein schmerzbefreites Gemansche, als sei die traditionelle Form des Stammbaums in diesem Familioiden ein Kreis. Was als infantile Auflehnung gegen vermeintliches Spießertum das gegenüber liegende Extrem zum allein seligmachenden Dogma erhob, mutet einer systematisch strukturierten Welt den Terror des Egalitären zu, indem es ihn einfach als kommunikativen Befreiungskampf und zugleich als dessen Ergebnis präsentiert. Der Schüler aber, der seinen Pauker nicht siezen muss und trotzdem von ihm Noten kassiert, ist auch Mittel, Zweck und Folge eines Irrwegs, in den sich falsche Liberale mit Anlauf und Ansagen verrennen. Sie werden uns befreien, ob wir wollen oder nicht.

Was gaukelt uns in dieser Simulation von Stall- und Nestwärme nicht alles die große, erlösende Liebe vor – weg mit Schlips und Kragen, ein Hoch auf die Berufsjugendlichkeit, die bis zum Schluss fit und leistungsfähig bleibt und nie so wird wie ihre Eltern, vermoost und verknöchert, nur eben verharzt sie obenrum, dreht eher frei, als frei zu sein und deliriert sich einen Schmarrn von Selbsthass mit gelebter Erniedrigung bunt. Denn sie ertragen den ganzen neoliberalen Schrott nur, wenn sie den anderen genauso herablassend behandeln, wie sie selbst in dieser Ansammlung von Kontrollverlust und reziproker Verachtung behandelt werden. Mach platt, was Dich platt macht, dröhnt’s aus dem Maschinenraum. Hier bröseln die Reste einer bis dato noch intakten Intimsphäre. Wer braucht die noch in einer Welt, in der wir uns selbst vermessen und die Ergebnisse hautnah ins Netz stellen. Eine Armlänge Abstand täte uns gut. Es würde so vieles wieder funktionieren, wie es gedacht war. „Wir duzen uns hier alle“, informiert mit Nachdruck und dem Finger am Abzug der Depp seine Umwelt, und die einzig richtige Antwort ist und bleibt: „Schön für Sie.“

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIII): Die Warteschlange

11 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ob Zellalterung, Säbelzahnziege oder ein Blitz aus heiterem Himmel für die Rückführung in die majestätisch schweigende Biomasse sorgen, am Ende ist alles sterblich. Vor allem der Hominide, der seinen eigenen Verfall zwar nicht direkt mit einem Datum versehen kann, aber dessen generelle Existenz auch nicht bestreiten wird – eben das macht ihn zu der herausgehobenen Affenart, die ihr Erbgut und ihre architektonischen Verwirrungen in die Zukunft klotzen, als gäbe es diese überhaupt – er fühlt die Zeit, wie sie dem Sande gleich zwischen den Fingern ins Ungewisse rinnt, rasch im Wind verteilt und körnchenweise zu Entropie verklappt, die alles, was je zuvor war, zunichte macht. So stand Rrt vor der Höhle der potenziellen Partnerin, die nur noch eben die Nagerzahnkette suchen und ein Pfund Beeren sortieren wollte, und vor ihm war nur noch der Vater einiger ihrer Kinder an der Reihe, die Keule lässig in der Hand, um einige familiäre Kleinigkeiten abzuklären. Momente wie diese lassen die Philosophie entstehen, das Ding zur Bewältigung des Sinnlosen, die Sprache, vielleicht Kunst und Poesie als spielerischen Zeitvertreib im losgelassenen Hier und Jetzt. Oder eben die Warteschlange.

Der Mensch sitzt, und damit fängt der Mist an. Die einzig erträgliche Position des Verharrens, die stehende, bietet im Regelfall den direkten Blick auf das Ersehnte, den Aufzug, der langsam aus dem dreizehnten Stockwerk eintrullert, den Verkäufer am Postwertzeichenschalter, der mit zentauglicher Zeitlupe den Stempel von ganz links nach links und dann nach rechts stellt, seinen Sekundenschlaf der Vernunft absolviert, den Stempel von rechts nach links und dann wieder nach ganz links schiebt und dabei in akzentfreiem Dialekt der Belegschaft zu wissen gibt, wie das am letzten Wochenende war, als er sich die Nasenhaare blondiert hat. Ist man als Kunde, als natürlicher Feind der Kreaturen auf der anderen Seite des Schalters, als Verurteilter in der Reihe gefangen, so sieht man trotz aller sich im Ablauf verschwiemelnden Hemmnisse, trotz der Mehrzahl der Mitarbeiter, die den Raum bloß als optische Störsignale bevölkern, doch das Ziel sich nähern. Schon steht es vor Augen. Da ist es.

Was nun im Sitzkreis, der amtlichen Form des Gruppenstrafvollzuges auf verkeimtem Mobiliar, völlig anders sich verhält. Hier ist die Tür zu, sie bliebe auch verschlossen, wenn Kafkas Torwächter beim Gang in die Mitarbeiterkantine noch einmal umkehren und den Kloschlüssel holen wollte. Es gibt hinter dieser Barriere keinen Ereignishorizont. Starr schwitzt der Verängstigte in der Sitzschale aus schlagfester Widerwärtigkeit, ob er für die Ein- und Ausfuhrgenehmigung schwedischer Schildläuse in Hessisch-Kappadokien auch die nötigen Papiere mit Siegel und Zehenabdruck eingesteckt hat. Jeder Überlebende, der aus der Kammer des Schreckens entweicht und die Flucht antritt, nährt in ihm eine quasireligiöse Hoffnung, jede Mistmade, die vorher eine Nummer gezogen hatte, den Wunsch zu töten. Auch hier schleicht beschäftigungslos eine amorphe Masse dienstunbarer Geister über staubige Flure, doch die Verwaltung ist gewarnt. Kein operierender Honk mit Aktendeckel gerät versehentlich in das Gesichtsfeld der Wartenden, spontan aufflammende Gewalt wird dadurch auf ein unvermeidbares Maß reduziert – der Büroschlaf ist noch einmal gerettet.

Die Steigerung dieser Zumutung ist die Warteschleife, jene intellektuelle Nahtoderfahrung, die hin und wieder für Massenmorde oder den Ausbruch militärischer Konflikte sorgt. Während dem Bekloppten die Trommelfelle mit schmieriger Konservenmelodei zugeschwallt werden, klemmt sich in Dreißig-Sekunden-Intervallen eine joviale Schleimstimme dazwischen und verkündet dem längst aus allen Ventilen vor Adrenalin pfeifenden Maniaken, dass die Wartezeit drei Stunden lang nur noch acht Minuten beträgt. Wer diese Flegelei wegen eines falsch oder gar nicht gelieferten Pakets oder der komplett verwarzten Rechnung seines Telekommunikationsanbieters über sich ergehen lässt, ist ohnedies geneigt, Konflikte mit physischen Mitteln zu bearbeiten, kann aber gerade keinem eine reinhauen, bis die Durchblutung aussetzt. Jede Kontrollmöglichkeit ist durch die technischen Gegebenheiten genommen, das anonyme Opfer in der virtuellen Reihe wähnt sich verraten, verkauft und verarscht, als wäre der Bittsteller der einzige, der nicht wüsste, dass alle anderen sich nach Lust und Laune vordrängeln könnten, nur eben nicht der entnervte Anrufer. Während Verbitterung und Pläne zur Vernichtung dieses Rotationsellipsoiden sich noch die Waage halten, dudelt Saccharinpop mit höhnischem Frohsinn aus dem Endgeräteloch. Das macht die Sache nicht besser.

Bald, wenn wir alle legale Schusswaffen haben, um gegen Arschlöcher mit legalen Schusswaffen in Stellung zu gehen, wird in einem Callcenter die Tür auffliegen, ein völlig verseifter Attentäter wird sich den Weg bis in die letzten Fress-Lüge-Boxen frei ballern und tobsüchtig fordern, dass er in acht Minuten endlich seinen verdammten Mitarbeiter an der Strippe hat. Sie werden es ihm versprechen. Hoch und heilig. Stundenlang.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXII): Die Verantwortungsdiffusion

4 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang sah es noch recht lustig aus, wie Uga, bis zu den Knien in Schlingpflanzen, kopfüber vom Baum hing. Die Nachbarn grüßten freundlich, auch noch am zweiten Tag. Irgendwann wurde es dann ein bisschen langweilig. Nach einer Woche kamen die Kinder zum Gucken. Als nach zehn Tagen die Lianen endlich nachgaben und Uga entkräftet ins Unterholz fiel, fand er sich im trauen Familienkreis wieder. Manche waren der Ansicht, er hätte ein dickeres Fell anlegen müssen, gerade nachts und zu dieser Jahreszeit. Andere sagten, er sähe abgemagert aus, bei seinem Lebenswandel sei das auch kein Wunder. Was entstand nicht alles in dieser Sternstunde der Menschheit, Spieltheorie, schlechter Geschmack, postmodernes Management. Und natürlich die Verantwortungsdiffusion.

Einer liegt auf dem Boden, die anderen sind mit guten Ratschlägen immer dabei. Je mehr sich an die Ecke stellen, desto mehr glubschen in die Luft, auch wenn der letzte, der noch wusste, was da passiert, seit Stunden wieder verschwunden ist. Unsere Empathie ist vorwiegend dem eigenen Empfinden gewidmet, und das ist auch gut so. Nur die Tatsache, dass sie inzwischen ausschließlich Nabelschau betreibt, ist die Pickelpest, an der das Ding, genannt Gesellschaft, so krankt. Der real existierende Egoismus in einer Gesellschaft, die es nach ihrer kapitalistischen Selbstzerstörung nicht mehr gibt, ist gruppendynamisches Hallenhalma mit zementierten Regeln – alle Phasen-, sämtliche Phrasenmodelle haben sich auf dem Weg in die Grütze erledigt.

Die pluralistische Ignoranz greift tief in die Reste des individuellen Bewusstsein ein, die sich vor dem kollektiven Ersatz verkrümeln. Jeder denkt, die schweigende Mehrheit sei im Recht, weil sie schweigt, und stimme einer Sache zu, die dabei doch jeder einzelne ablehnt. So wird dem gemeinen Deppen eine Norm ins Hirn gestempelt, die er als konstituierend gutheißen, der nächsten Generation ins Lehrbuch schwiemeln und im ethischen Kanon versenken kann. Ein Grundeinkommen wird es solange nicht geben, wie die kollektive Masse meint, keiner – außer man selbst natürlich – würde dann mehr arbeiten wollen. Der Hominide ist ein Beobachter und lernt, wenn überhaupt, aus reiner Nachahmung. Im durchschnittlichen Fall äffen die Affen den dümmsten Anwesenden nach, weil seine Impulskontrollsteuerung zu wenig Arbeitsspeicher bekommt. Dass der evolutionäre Vorteil in einer auf Werkzeuggebrauch und intellektuell eingesetztem Distinktionsgewinn beruhenden Welt nur bedingt zum Tragen kommt, ist eine der Folgen, eine andere, dass das Gruppendenken auf zwei falschen Schlüssen beruht: es gibt keine Gruppen, und sie denken nicht.

Der augenfälligste Auswuchs sind grassierende Gaffer, die überall aus dem Boden wachsen, wo sich menschliches Leid ereignet. Nicht der reine Voyeurismus, der ein bisschen Reizleitungen erregt und für einen zeitlosen Moment aus seiner dumpfen Welt heraustritt, ohne sich gleich transzendieren zu müssen, sondern eine in Instinkt und Dressur längst verschränkte Tätigkeit wie ein Beerdigungsritual: der Bescheuerte glotzt sich ausgiebig am Leid der anderen satt, damit er seine eigene Unversehrtheit im Umkehrschluss bestätigt bekommt. Ihm ist’s noch mal gut ergangen. Unbarmherzige Samariter stehen sich die dicken Beine in den Bauch, wo der Rettungswagen eigentlich durchfahren müsste, und spucken Polizisten an, die das Stillleben mit brennendem Kraftfahrzeug abschotten wollen, solange noch nicht jeder ausreichend Erinnerungen ins Endgerät geknipst hat.

Die kathartische Funktion des entschlossenen Erlebens wird gerne damit entschuldigt, dass die Mehlmützen durch Anschauung des Unerträglichen den Umgang damit erlernen, als würde ritualisiertes Schau-Spiel mehr als Abstumpfung erzeugen. Doch das ist nicht der einzige Fehlschluss, der mediale Trichter vergrößert das Getöse ja noch in Richtung Sozialporno und Selbstgerechtigkeit. Wie gut, rülpst der Aufgeklärte. Wie doppelplusgut, dass wir endlich einen Mechanismus gefunden haben, der einmal pro Woche ins die Röhre reihert, dass die Verwender von Kleinsthirnen sich als Zielgruppe noch nicht total diskreditiert haben. Wenn erst die Überlegenheit des Unterdurchschnittlichen eine Wirtschaft, Gesellschaft oder, soi-disant, Kultur in den feuchtfingrigen Griff gekriegt hat, kann man den Rest auch in die Wertstofftonne kloppen. Sobald aber der Zusammenhalt alles zum Feind erklärt, brauchen wir die Leitplanken nur noch zur Zieleinfahrt: der kollektive Gewinn eines nicht einmal näher definierten Glücksspiels, das sich kaum ereignet. Aber wozu sollten wir uns dazu noch Gedanken machen. Eine Gesellschaft gibt es ja sowieso nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXI): Flohmarkt

27 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann, und es muss ein sehr großes Haus gewesen sein, hinterließ ein sorgloser, durchaus wohlhabender Adliger, wahrscheinlich eher ein Erbe, und er wird einer heruntergekommenen Sippe entstammt gewesen sein, kein Geldadel jedenfalls, eine Wagenladung, eher eine bis zwanzig davon, mit Krempel im engeren Sinne, Hinterlassenschaft eines müßigen Lebens, wie es keiner geführt haben will, auch wenn die Zivilisation voll ist mit derart Überbleibseln in ungeordneter Form und Farbe, und es gibt nur eine halbwegs logische Erklärung für die kulturhistorischen Implikationen: so entstand der Flohmarkt.

Die Veranstaltung heißt erwiesenermaßen so, da man sich neben der Kleidung auch antiquarisches Ungeziefer ins Haus holte – aus zweiter Hand gekauftes Wams war meist belebt und aristokratisch ungewaschen, was für die ganze Idee des Getrödels steht: was die Besitzenden ennuyiert, darf das gemeine Volk entzücken, bis auch dies sich im Ekel gepackt abwendet und die Ware unter ihresgleichen distribuiert. Unter dem Vorwand sozialen Konsums, der die Ressourcen schont, erscheint es den gemeinen Nachtjacken bequem, Rost und Schmodder zum vermeintlichen Schleuderpreis zu erstehen, wenn nur der Händler dabei freundlich grient. Ein kapitalistisch schlechtes Gewissen will beim Konsum gar nicht erst aufkommen, und also wird die Recyclingveranstaltung zum alternativen Event aufgeschwiemelt, krisensicher gegen alle konsumkritischen Sprechchöre aus der Linkskurve gepolstert. Aber das täuscht.

Die Ansammlung an Krims und Krams bringt die zusammen, die längst jede Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Regelmäßige Undercover-Veranstaltungen für aktiv praktizierende Messies geben der Sucht ein Gesicht, sich den schlechten Geschmack in Gestalt von nostalgischem Müll ins Haus zu tragen, als würde eine gesamte Gemeinde von Staubfetischisten sich gegenseitig den Kruscht in die Bude kübeln. Der rituelle Charakter des Auf- und Ausstellens von Töpfen, Tiegeln, Glas und Spitze ist noch nicht hinreichend erforscht, doch entsteht bereits beim flüchtigen Anblick des mit der Schaufel auf Tapeziertisch und Stellage gekloppten Geklumps der Eindruck: genau das ist es. Kein Arrangement ist nötig, die Ware west flächig vor sich hin; vermutlich würde bei unsachgemäßer Umschichtung jene feine Schicht aus Patina und Flusen verlustig gehen, die dem Fetischisten jenes Geruchserlebnis in die Schleimhaut zaubert, über das er mit den harmloseren Vertretern der Zunft nur hinter vorgehaltener Hand sprechen kann.

Nur mangelhafte Befriedigung verschaffen dem Vergangenheitsfreund jene blitzblank polierten Spiegel, Löffel und Schuhe, denen man nicht sofort ihren Alterungsprozess und den damit dialektisch eingeschriebenen Wertgewinn ansieht; geputztes Silber lässt ihn noch milde aufstöhnen, eine mit Stahlwolle zum Reflektor umfunktionierte Kanne versetzt ihn in Angstzustände, dass die aus fernen Tagen auf uns gekommene anorganische Materie eher den Verjüngungsprozess schafft als er selbst. So hat er sich das nicht vorgestellt – damals.

Längst sind Handeln und Feilschen, ist quasi sinnfreies Kaufen zur Freizeitbeschäftigung geraten, ein mit dem Zielobjekt gar nicht mehr ernsthaft assoziierter Vorgang der sozialen Interaktion, ein metaphysisch aufgepumpter Grabbeltisch des mikroökonomischen Grauens – offenbar ist die ritualisierte Komponente nicht aus der Luft gegriffen, da der absichtlose Besitz des Dings an sich bar jeder rationalen Überlegung noch jeden Preis für den beklopptesten Kruscht gefordert und dann erhalten hätte. Die Vorstellung, auf der Parallelebene das Traumgeborene in Gestalt eines zerbogenen Zuckerdösleins zu erhaschen, ist Balsam für die geschundene Seele des Verbrauchers und hilft über zeitgenössisches Industriedesign hinweg, Damenmode oder schwer abbaubares Spielzeug aus schlagfestem Kunststoff. Was lange währt, liegt irgendwann auf den Tapeziertischen des Vorortes, gammelt unter graublauem Himmel vor sich hin, wird von glubschenden Fetzensammlern in Augenschein genommen und eingetütet.

Nein, es sind nicht die Neuwaren, die die Flohmärkte erobern, fabrikneu zum Schlussverkauf georderter Killefit, der neben Grillwurst und Bier feilgeboten wird und der Idee des Ramschens mit geballter Gehässigkeit zuwiderläuft. Es ist mühsam auf alt getrimmter Schund und Plunder aus der vergessenen Welt, Teetassen aus den hinteren Karpaten, denen zwanzig Maschinenwäschen den Goldrand weggeätzt und die Blümchen ausgedünnt haben, bis sie wie Vorkriegsware aussahen, die mit dem Bollerwagen aus dieser Region gescheppert kam. Die Altwarenkonzentration ist das Sinnbild für Konsum und Religion, zu gleichen Teilen und gehässig verquickt, damit man den Gewinn der interessierten Parteien im Hintergrund auch recht versteht: hinter einer Lüge muss sich nicht die grausame Wahrheit verbergen. Meist steckt eine weitere Lüge dahinter.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDX): Die Helden der Arbeit

20 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es der Typ, der das Klo repariert hat. Kurz danach wurde das Klo erfunden und der Typ hier Klempner. Dann der Sanitärinstallateur. In der Spätphase des Kapitalismus etablierte sich dann der Anlagenmechaniker Gas Wasser Biomasse. Eine Rohrzange können sie alle nicht halten. Manche wissen nicht, wie ein Klo aussieht. Aber sie sind als Klimafachingenieure längst die dickste Hose von Doktor Haus und seinen Kellerasseln. Es folgt in Kürze der Senior Rohranflansching Master of Metal Science, wenn es nicht schon ein Executive Leader Ausguss Management ist. Mit nur einer Promotion wird’s langsam eng, da kann man höchstens noch Neurochirurg werden. Oder Astrophysiker. Aber den Leuten die Brühe aus der Schüssel pümpeln? Nix da. Die Helden der Arbeit wissen, wie das geht.

Vor allem, wie sich der Schmodder halbwegs professionell anhört. War man früher noch geneigt, die Qualifikationen eines Hand- oder Kopfwerkers ins Kalkül zu ziehen, zählen heute dank der rapide absinkenden Wertschätzung für so manche Berufe allein die Schildchen an der Tür, die Aufsteller auf dem Tresen, die kryptische Stickerei auf Blaumann und Kittel, um dem Kartoffelschäler ein halbwegs ehrenvolles Dasein zurechtzuschwiemeln, wie es ohne preziösen Verbalschaum kaum ginge. Sie sind Glücklichmacher, Pizzaspeedy oder Quasselbacken, auch wenn sie Reklamationen bearbeiten, seifigen Teig in minderwertiger Pappe schichtbedingt über die rote Ampel jubeln oder dementen Rentnern im Callcenter Lebensversicherungen andrehen. Nur zu Superhelden aufgebrezelt scheinen sie ihr eigenes Elend zu ertragen, das sich in der kompletten Sinnlosigkeit ihres täglichen Tuns ergießt – fiele ihr Beruf durchs Raster, man würde sie vermissen wie Nagelpilz oder Investmentbanker.

Obwohl, nein – es hat ja nichts mit ihrem Tun zu tun. In den Arbeitsverträgen steht immer noch, dass sie subalterne Mitglieder einer Drückerkolonne sind, die wöchentlich die halbe Nation der komplett verdeppten Dämlacks mit Ziervogelhaftpflicht und ähnlichen Perlen der Versicherungsproduktion zu beglücken haben. In der Stellenanzeige hatte es noch Kommunikationskings und Rhetorikrambos gebraucht, Vertriebstennos und Supermänner der angewandten Beschisstechnik. Und Helden, vor allem: Helden. Weil ein derart beknackter Dreckjob nur dann zu überleben ist, wenn man sich nach dem psychisch bedingten Rauswurf in die nächste Runde stürzt und die Spirale einmal weiterdreht. Es geht nur noch um Superduper und Professionals, Genies und Götter, wo in Wahrheit Monster, Mumien und Mutationen sich die Klinke in die Pfote drücken.

Neben der grassierenden Verachtung für die Zielgruppe, die von einer insolventen Pissbude – neudeutsch: Start-up – zur nächsten tippelt, wird alles ab dem gesetzteren Alter aus der Schusslinie getreten. Wer würde sich als Silversmurf schon mit einer degenerierten Horde von TV-Glotzern messen im Superkräfte ablabern, als Media Information System Accountant der Cultural Approach Group? Ob letztere die Abreißkärtchen zum Museum locht oder soziologische Literatur abstaubt, will letztlich keiner mehr wissen. Solange das Branding stimmt, die von den Junior Pillpalle & Killefit Supervision Heroes in die Frontallappen tätowierten Muster des öffentlichen Drucks, jeden Scheißjob anzunehmen, um sich nicht mit dem gelangweilten Sadisten auf der anderen Seite des Arbeitsamtsschimmels zu belasten, solange wird der Wahnsinn als Methode gefeiert und die intellektuelle Nahtoderfahrung des Stellenmarktes als Normalzustand in einer Welt, die schon deshalb Roboter nicht als Arbeitnehmer für einfache Tätigkeiten nehmen könnte, weil sie dann niemanden mehr hätte, auf den sie angewidert herabschauen könnte.

Während es die Putzfrau über die Raumpflegerin bis zur Gebäudeunterhaltsreinigerin gebracht hat, dreht der Luftdruck ins Negative: die Schmutzfachkraft wird als wischendes Gewerbe an den Rand des öffentlichen Interesses gedrängt, als Junk & Trash Removal Assistant Manager gemoppt und gefeudelt, aber keiner wundert sich, warum er fürderhin seinen Mist selbst aufharken kann. Sie sind alle längst Social Media Consultants, die zu drölfzig Mann Bilder posten, wie ein Klempner das Rohr verdengelt, einer haut’s in WhatsApp, einer schmiert bei Facebook, einer twittert und einer weint, weil es allen anderen gewaltig an der Sitzfläche vorbeigeht. Sie verdienen alle nicht ansatzweise so viel wie der Anlagenmechaniker, werden nicht nach drei Tagen durch ein krähendes Jüngelchen ersetzt, das noch keine Kündigung für möglich hält, und sind trotzdem froh, trotz ihres makellosen Studienergebnisses in BWL und des Motorsägenscheins ab sofort im Kundencenter zu hocken. Tag für Tag. Um Langzeitarbeitslosen unter Abschlussdruck goldene Uhren zu verticken. Als Lieferhelden. Jippie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIX): Die Unterschreitung der Individualdistanz

13 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss nicht zwingend im Pleistozän begonnen haben, aber damals gab es halt noch keine Tram. Die Hominiden lagerten um das nach diesem Zweck benannte Feuer, beschützten sich gegenseitig und reihum, betrieben einen Großteil der Körperpflege in gemeinsamem Verbund und nahmen Mahlzeiten aus obskurem Krimskrams so gut wie aufeinander hockend ein, kurz: ein bisschen wie Japaner, nur ohne diese abstoßend süßliche Popmusik. Manchmal brach einer aus, rannte für ein paar Tage in die Steppe, um nicht komplett durchzudrehen, aber auch das war schnell erledigt. Die typischen Beutetiere waren daran gewöhnt, von mehr als einer mangelhaft behaarten Grützbirne angegriffen zu werden, und so war auch die Jagd fest verlötet im Programm des Nacktaffen: nicht allein, es sei denn, man hatte nichts gegen frühes Ableben mit Überraschungseffekt. Noch war die Unterschreitung der Individualdistanz fremd, denn sie blieb phylogenetisch ähnlich sinnlos wie ein Stimmzettel für Nazis.

Die Evolution hat uns zu Herdentieren gemacht, genauer: zu Kleinherdentieren, denen große Massen an ähnlich verdeppten Zweibeinern zutiefst suspekt sind, falls nicht neurologisch degenerative Zustände – Ecstasy, Krieg, CSU-Parteitage – für jähen Druckabfall unter der Schädeldecke führen. Wo die Hirnlappen plötzlich frei schwingen, wird ja keiner auf den Gedanken kommen, seine DNA sei für die Arterhaltung notwendig. Doch der gemeine Bürger auf durchschnittlicher Lebensbahn verteidigt sein Revier auch da, wo er keins mehr hat, weil es eben keins mehr gibt. Großraumbüros, Radwege, auf denen der Besserverdiener auch mit dem SUV parken kann, die Schnellbahn zwischen halb sieben und halb neun, wir sind förmlich in eine Büchse gepfercht, die durch die Fährnisse des Alltags flutscht, und zwar ohne jede Chance, dass jemand sie plötzlich von außen aufzöge, uns freizulassen – was die eigenverantwortlichen Maßnahmen wie Zen oder Nationalismus angeht, Sekundenschlaf oder gezieltes Weglasern von kognitiven Zentren, es ist noch nichts so gut erforscht, als dass man es als wirksam bezeichnen könnte, und wenn, so bleibt es doch nur Trost, der eine subjektive Parallelwelt ohne die Dummdeppen da draußen beschreibt, reine Einbildung, und nichts davon könnte den Nebenmann im Vorortzug vergessen machen, der einem ständig die Ellenbogen in die Rippen drischt, um kostenlos einen neuen Gesichtsschädel zu ergattern.

Denn es handelt sich gerade hier um die am wenigsten sozial befriedete Zone, die auch mit akustischer Verblendung unerträglich wird, weil immer noch Geruch und Anblick beleidigend wirken durch ihre physische Präsenz, während sich der Normalnappel an die Vorstellung klammert, in drei Haltestellen spätestens wieder alleine zu sein. Man ist bisweilen von Idioten umgeben, ab und an von beängstigendem Volk, aber meistens verursacht einem die Umgebung einfach nur Widerwillen. Wie klug hat es die Natur eingerichtet, dass man von den Knalltüten hier und da eine Armlänge Abstand halten kann. Keiner muss sich Gründe häkeln, es ist ein Menschenrecht und gesetzlich geregelt, dass niemand uns zu nah auf die Pelle rückt.

Dennoch schwiemeln einem kulturspezifische Ausnahmen eben diese Verhältnisse entgegen. Es mag nicht besser sein, wenn man sich die Intimzone durch niedrigen Status oder Geburt in einer eher komplizierten Kultur verrammelt, um dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen – die Verspannung löst sich danach meist in einer unglücklichen Bewegung am Abzug, beim nächsten Kontakt mit dem Schlagring oder in der Wahlkabine, wo einem das Fremde noch einmal überdimensional auf die Zehen latscht. Warum wohl brauchen Vorgesetzte, die vor nichts Angst haben, einen monströsen Schreibtisch, patschen aber jedem Handwerker auf die Pranke auf die Schulter?

Am einfachsten, auch im Sinne der Hygiene, wäre es freilich, wir ließen einander alle los. Man kann noch einen fernen Punkt fixieren, den Dreck auf der Omnibusscheibe oder die die zweitunterste Kachelreihe in der Warteschlange vor dem Dreimeterbrett, was kein kontemplativer Ersatz ist für den Akt zwischen Flucht und Vertreibung, aber es wäre gesellschaftlich sicher besser aufgenommen als eine Massenschlägerei um die Entscheidung, wessen Fuß wann wo oben stand.

So wie man dem Bürger nicht einfach in die Bude einbricht, traumtisiert man ihn nicht wissentlich durch die moderne Zivilisation. Es sei denn, Die Folgeabschätzung kam zustande, wie sie immer entstanden ist bisher: man nahm an, es würde schon nicht so schlimm werden. Vermutlich wird die geschundene Menschheit ihre seelischen Bedürfnisse demnächst mit einer Demonstration einfordern. Massenhaft, Seit an Seit. Was verdammt eng werden könnte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDVIII): Irgendwas mit Hitler

6 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Mosambik kann man abends die Glotze anknipsen und bekommt eine astreine Telenovela. In Litauen wird’s nicht anders sein, es hängt halt vom Anbieter ab. Auch in Österreich besteht noch Hoffnung, beschränkt, aber Hoffnung. In der BRD hockt man vor der Mattscheibe und drischt sich unmittelbar die schönsten Bilder aus dem Bunker in die Birne. Ohne Gnade wird jede Sendelücke mit dem Bettnässer aus Braunau verfüllt. Ob als Sand- oder Gasmännchen, Architekt und Kanzelredner, bis zum weißen Rauschen in der Rinde wird der Deutsche zu einer seltenen Form von Selbstverletzung angehalten, sieben Tage in der Woche, ständig, es gibt ja genügend Sender für den ganzen Müll. Wenn gar nichts mehr geht, geht immer noch irgendwas mit Hitler.

Vermutlich werden um den Gruselclown mit der Zahnbürste im Gesicht ganze Kulturlandschaften in die Geschichte gefräst. Anders ist nicht zu erklären, dass der Diktator sich zum Protagonisten eines ganzen Genres gemausert hat – die Wunderwaffe aus Archivdreck und pseudomoralischem Klarlack über den dialektischen Rissen treibt noch immer die Deppen auf die Couch. Religion und Sport müssen schweigen, wo das Geschwiemel über den Gröfaz jede Dino-Doku plättet. Sie haben die Zuschauer im Blitzkrieg um Marktanteile erobert, jetzt bauen sie eine Festung gegen den angeblich linken Zeitgeist, der sich auch nur noch mit Adolf abgibt, aber von der Unterseite.

Da Hollywood vor dem schreienden Scheitel nicht Halt macht, wurden wir langsam, dafür umso nachhaltiger konditioniert, auf die Wiederkehr des Braunen zu achten in vielerlei Gestalt. Manche Apokalypse des miserablen Geschmacks hätte man durch frühzeitiges Wegbomben noch verhindern können, doch die Brut hat im kortikalen Flokati die ersten Muster eingescheuert. Ein Volk, ein Reich, ein Guckreiz für die Schimmelhirne, die ihre tägliche Gleichschaltung nicht einmal merken.

Dabei ist die Sache doch ein ganz hübscher Wirtschaftsfaktor geworden, dem die Nation blendende Umsätze verdankt, immer neu verpackter Braunbrei in der alten Geschmacksrichtung für nachwachsende Generationen, deren Rezeptoren immer weiter gerundet werden, abgestumpft, ausgelaugt, so dass nur höhere Dosen helfen, mehr Brei, mehr Hitler in allen Variationen. Aus jedem Buch ein neuer Film, aus jedem Film ein neues Buch, das dann, ganz im Sinne einer historisch-unkritischen Aufarbeitung, wieder neu analysiert und eingeordnet und diesmal aber wirklich ganz und gar abschließend beschieden, wie der Führer seinen Pudding aß. Gäbe es für die Abhandlungen über bayerischen Brückenbau, die Schwanzlurche auf der Nordhalbkugel und die Geschichte der deutschen Damenmoden kein Marktpotenzial, mit Hitler und… wächst zack! dem Ding ein Barscheck aus den Rippen, Stoff für drei neue Folgen auf dem Spezialsender oder mindestens eine spektakuläre Headline in der Zeitung mit den dicken Buchstaben.

Manches aus diesem Mustopf wird gar als investigativer Journalismus verkauft, der muffelnde Unterton fix sandgestrahlt und überlackiert, schon steht das komplette Elaborat als stundenlanger Dokuseifenschaum der Schmodderanstalten im Nachmittagsprogramm. Wer dann Zeit hat, sich den Krempel in die Hirnrinde zu drücken, hat diese nicht ohne Grund. Einher geht mit der intellektuell eher schlicht möblierten Dachkammer auch eine Nähe zu zerfahrenem Synapsengebrauch: hätte der Führer Fisch gefressen, vielleicht wäre der Russe an der Elbe stehen geblieben. Der arische Aluhut, das ist mal sicher, wusste immer schon, dass wir in Stalingrad eigentlich gewonnen haben. Aber das darf man ja nicht mehr sagen.

Zumindest nicht in diesem, unserem Lande. In anderen Staaten geht man mit dem Nazi noch scheulos um: sie zeigen, dass es Arschlöcher waren, Schicklgruber inklusive, und pusten sie nicht auf zu Dämonen, die vom Himmel fielen, uns alle in den Untergang gezwungen haben, unter denen nicht alles schlecht war und die wir demnächst dringend wieder brauchen. Zum Aufräumen. Kein lähmender Bannstrahl trifft das Publikum. Es herrscht kein Bildverbot, davon abgesehen wird keine aus reinem Riefenstahl geschmiedete Farbkulisse hinter der Ostfront vorbeigezogen, keine Aufmarschmusik schmettert sich das Zäpfchen wund – diese wohlige Angst, dass das, was wir alle so gern wieder hätten, tatsächlich noch mal alle Maschinen auf Todestrieb umstellen könnte, diese Gänsehautkrankheit kennt nur der Deutsche, der sich höchstens noch dagegen wehrt, dass man seine Hitlerverehrung gleich als nationalsozialistisch auslegt. Er will die intimen Momente, die alltäglichen, in denen er Krieg und KZ ausblenden kann, ewigen UFA-Eintopfsonntag, menschelnden Kitsch im Säurebad. Karies aus der Tube. Der nette Drecksack von nebenan. Man sollte mal etwas machen, um ihm als Individuum näher zu kommen. Vielleicht ein Tagebuch.