Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXVI): Das Recht auf Angst

23 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt und seine neuronal ungesegnete Rotte lagen auf Anstand, als es dumpf hinter ihnen schnaubte. Das Wollnashorn war’s, jene Art, die geschmort gut zu Schnuffelbeerkompott passte, meistens jedoch die Hominiden zu Blutsuppe verarbeitete und dem männlichen Nachwuchs damit den frühzeitigen Familienanschluss sicherte. Der geölte Blitz war noch nicht erfunden, hier jedoch wäre die passende Gelegenheit dazu gewesen, denn die ganze Schar fegte heulend durch die Steppe, voll auf Adrenalin, und nichts kennzeichnet die vermeintlich fähige Affenart mehr als das geplante Durchdrehen unter erwartbaren Umgebungsvariablen. Die Erleuchtung ist noch nicht greifbar, da schießen sie schon die Kronleuchter aus. Noch ist seine Zunge nur des Lallens mächtig und die Religion nicht erfunden, aber dunkel dräut ihm, er habe ein Recht auf Angst.

Denn damit wird alles besser, das arme Hascherl darf kleinkindisch in scheuer Lähmung harren, bis der starke Mann das Böse weggeräumt hat. Zwar legt der gemeine Blödkolben größten Wert auf eine zünftige Reifung, will überall mitreden, fühlt sich für jede Verschwörungstheorie aufgeklärt genug und hat sowieso das Schnittbrot im Alleingang erfunden, aber er ginge aber nie ohne Pfeifen in den Keller, es sei denn, er kann damit sein präpotentes Gehabe gegenüber dem Objekt klein a ausleben. Das gibt Halt und Hoffnung: bald ist aller Tage Abend, bis dahin kann er in geübter Starre hocken.

Denn Angst konserviert. Wer sich nicht bewegt, fühlt seine Fesseln nicht – wer daran arbeitet, eine Fesselgesellschaft zu errichten, nimmt diesen Umstand gerne mit – und richtet sich wiederum bequemer ein in einem Marionettenstaat, der die Heilmittel lieber auf die Wände malt, anstatt sie durch gezieltes Eingreifen einzusetzen. Geistige Laubsägearbeiten dieser Couleur rechnen fest mit der Panik, die sich unter der Couch einigelt, und nur die stützt durch pure Ignoranz den Abbau aller demokratischen Rechte, gegen die furchtloser Widerstand gefragt wäre. Mit Logik und tapferer Rationalität lässt sich der Schrecken bekämpfen, mit Irrationalität wird die Angst geschürt zur reinen Laberlohe, die an den Synapsen glodernde Flut anschwappt. Sie ist schließlich das perfekte Marketinginstrument für Waffen, Versicherungen, Vitaminpillen und rechtsradikale Propaganda. Wer würde dazu schon Nein sagen.

Tief greift das in die Persönlichkeitsstruktur ein, berührt die Kernbereiche der Psyche an blutenden Punkten – gelernt ist gelernt, und sozialisiert ist sozialisiert, wir schleifen das Erbe zahlloser Väter mit uns herum, sehen nicht einmal, wie wir uns von den Traumatänzern unterscheiden und pusten alles zur Panik auf, was nicht vor uns wegrennt. Von der fallenden Kokosnuss auf dem Karibiktrip die Birne zermarmelt zu kriegen ist wahrscheinlicher als das Ableben in der dschihadistischen Splitterbombe, vor allem als Einwohner von Bad Gnirbtzschen an der Schlömma, und doch schreiben die Zeitungen nie doppelseitige Farbberichte über tote Touristen in der Südsee. Vermutlich hat auch dies Methode: die geneigte Politik macht Angst zur medientauglichen Waffe, um ihren Krieg gegen die Verfassung zu rechtfertigen, und wer würde Grundrechte wegen ein paar Palmen aushebeln können. Dabei unterliegt der scheinfreie Zweibeiner einer üblen Paradoxie: er gibt seine Feigheit als zivilisatorisch errungene Notwendigkeit an, ist in Wahrheit aber doch wieder der bornierte Urmensch, der im infantilen Stadium der Abwehr von Scheingefahren bleiben will. Lauter promovierte Neger fluten sein Schlesien, die Frauen wollen ihn nicht mehr, die Kinder studieren so Sachen mit Medien, der Chef wird laut und die Entscheidung ist denkbar eng: ab in die Prärie oder dem Alten eine reinzimmern. Der Blödföhn ist physiologisch immer noch im Pleistozän. Es ist die hardwarenahe Programmierung, die das Fluchttier schockgefriert und in der selbst verschuldeten Unmündigkeit verleimt; so muss der Bescheuerte keine Aktivität ergreifen und kann sich in der Angst suhlen, die je um je sich festsetzt als Urgrund der Unfähigkeit. Wer auch immer sich die Erde untertan machen wird, diese Querkämmer schon mal nicht.

Und so evozieren sie immer neue Beklemmnis, Horden von Muslimen, homosexuelle Lehrer, freie Bildung, alleinerziehende Mütter, Länder ohne Grenzen und eine Gesellschaft, die die Aufklärung zur Kenntnis genommen hat. Sie haben es noch nie gesehen, wahrscheinlich würden sie die Aufklärung nicht einmal bemerken, wenn sie ihnen hinterrücks in den Nacken atmete, aber sie würden rennen, alternativ: ihre eigene Unfähigkeit in Hass auf jedes andere Objekt ummünzen, sich hilfsweise in etwas integrieren, das es ohne sie nicht geben müsste. Zur Freiheit gehört auch das Recht, die Hysterie einer Gesellschaft zu ignorieren. Aber was kümmert das die Hysterie. Und was hätte sie mehr zu bieten als Angst.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXV): Die Talkshow-Demokratie

9 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird eine Wette zwischen fünf Freunden gewesen sein, die schon zuvor komplett schmerzfrei waren. Sie hockten im Kreis, keiften einander ohne Punkt und Komma an und ersonnen peinlich bis dümmlich wirkende Injurien frühinfantiler Höhe, um sich im Gezänk der Stände wenigstens pro forma Vorteile zu erschleichen. Einer von ihnen tut ab und zu vernünftig, ein zweiter wird später als Rumpelstilzchen mythologisch verklärt. Andere lallen ein Ostinato dümmlicher Fettreste herunter. Zuschauer gibt es, sie hocken hinter einer Wand und klatschen nach jeweils drei Minuten, weil man ihnen Bananen über den Rand schmeißt. Sie nehmen sich der drängenden Fragen ihrer Zeit an: Krieg oder Frieden? und: wen interessiert das? Das Publikum seinerseits begann Steine über die Mauer zu werfen, weil ihnen das unsägliche Geschrei auf die Plomben ging. Der Geist der Tragödie gebar Schlafstörungen, die Demokratie und die Talkshow.

Da eins nicht ohne das andere mehr denkbar ist, hat sich heute der Parlamentarismus mit dem an sich gesitteten Disput aus den Kreis der Gewählten bewegt. Mag die Verlagerung einst unter dem Vorzeichen der Popularisierung geschehen sein, die dem Volk etwas wie Scheinpartizipation zu geben gewillt war, sie hat nichts erreicht, unter dem Gesichtspunkt der politischen Aufklärung noch viel weniger. Denn die windschiefe Projektion einer Zusammenkunft der Klügsten zeigt lediglich Lumpen beim Hadern mit der eigenen Borniertheit. Beide, die Quasselveranstaltung mit abgekartet und abgehangen riechenden Killerphrasen und Scheinargumenten, die von drittklassigem Personal zur besten Sendezeit verbraten wird, um möglichst viel Kohle in private Hosentaschen zu pfropfen, und das Fernsehformat, sind letztlich nicht mehr als kommunikative Hüllen, aus denen sich mit etwas Glück ein rhetorisches Talent über den Bodenstaub erhebt, um das ritualisierte Brimborium mit der Brechstange zu öffnen.

Schon die Auswahl der Themen hegt den Geist der freien Meinung sorgsam in einem rostigen Käfig ein, durch dessen Gitter man das Gehampel der zusammengecasteten Kampfhähne sieht, spontan wie die Kontinentaldrift, überflüssig wie eine Wurzelentzündung. Mit der Beschränkung von Form und Inhalt auf eine nie da gewesene Lautheit macht sich der Klamauk mit dem Untergang der Demokratie gemein, wie er billig geskriptet den Betrieb über die Rampe schiebt. Ein hektisch aus Versatzstücken geschwiemeltes Infotainment in niedermolekularer Bauweise leitet über in die Sphären der Halbwahrheit, die Halbbildung fordert und fördert – Mimesis für den Mistgabelmob, der seinesgleichen sucht und tragischerweise auch findet, wo die Wirklichkeit verendet.

Die kontroverse Debatte wird mit glitschiger Rhetorik an den Parlamenten vorbeigelotst, die ihrerseits nicht viel mehr sind als das Sprechzimmer vor den Ausschüssen: ein falsches Bild von öffentlicher Sachwaltung entsteht, wie man auch den Akten lesenden Kommissar nicht ertrüge, der einen ganzen Krimi lang ballistische Berichte oder Abhandlungen über postmortalen Mageninhalt läse. Mehrfach kippt das Konzept, zuletzt in der dümmlichen Hoffnung, der Pöbel würde die schale Inszenierung willig schlucken, nicht aber den Auftrieb der Sündenböcke, die bunt getanzten Klischees und den lauernden Populismus, wie er sich zum Gesellschaftsbild emporarbeitet, um die Differenzierungen aus der Hirnrinde zu bügeln. Nicht die kompetenten Personen, sondern die wenigen talentierten Polarisierer werden im Ringelpiez durch die Talkshows gereicht, eine Rotte Flüstertüten im Dauereinsatz, sekundiert von Steuerhinterziehern, Koksern, Sprechblasebälgern, Schwerversprechern, Handpuppen und ähnlichen Treuepunktsammlern einschließlich der obligaten Frau in Burka, ohne die keine Polemik über EU-Milchquoten mehr möglich ist. Welche Rolle aber haben die Marionettenspieler, die Schmiere sitzen in diesem Kinderquatsch für Beknackte mit der Aufmerksamkeitsspanne von in Schnaps sozialisierten Goldfischen? Und warum haben sie der Salonfähigkeit für Extremisten nichts mehr entgegenzusetzen?

Sie verfolgen dieselben Ziele. In einer hohlen Form scheppert es lauter, sie haben alle immer wieder dasselbe so nie gesagt, sagen aber, dass man das ja mal sagen müsse, weil man das ja gar nicht sagen dürfe, und das dürfe man ja wohl noch sagen. Eine Riege von Sagengestalten tingelt trotzig mit verbalem Gerümpel im Gepäck von einem Flohmarkt der Eitelkeiten zum anderen, voller Sendungsbewusstsein, immer dicht an der intellektuellen Nahtoderfahrung, manche auch nur dicht, manche nicht ganz dicht, alle etabliert und deshalb erklärte Feinde des Establishment, weil sie genau das schon immer tun wollten, was sie ihnen vorwerfen. Sie machen es für Geld. Was hätten sie sonst auch zu bieten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIV): Krieg am Arbeitsplatz

26 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich hatte es seinen Ursprung in der Stammesgesellschaft. Der große Mammutspieß musste gerade geführt werden und erforderte daher zwei Kräfte, Nggr und seinen Schwager. Jeder wollte einmal nach vorne. Damit fing das Elend an. In der Zeit, die die beiden Grützbirnen mit ihren sinnlosen Grundsatzdiskussionen verplemperten, hätte ein schlagkräftiges Duo aus wirtschaftlichen Interessen, zur Arbeitsplatzsicherung und zur Festigung des regionalen Absatzmarktes drei Arten auf dem Kontinent vollständig ausrotten können. Im Alleingang. Ohne Betriebsrat, Management und Mitarbeiterschulungen. Wie durch ein Wunder ist in diesen Jahren keiner von ihnen in den Staub der Steppe planiert worden, weil ihr dusseliges Gezänk jedes Mammut schon von Weitem in die Flucht geschlagen hat. Heute sind sie Anlagenmechaniker, Großhandelskaufleute oder Lohnbuchhalter, auf jeden Fall irgendetwas mit Bürostühlen, von denen der eine neuer und der andere bequemer ist, oder in einer Werkstatt, bei der eine Maschine näher am Fenster steht als die andere. Sie hätten genug Zeit für nobelpreistaugliche Erfindungen gehabt. Aber eben auch für einen Krieg am Arbeitsplatz.

In Phasen der ökonomischen Unsicherheit, in der Rezession oder größeren Umbrüchen, ist der beste Frühindikator das Betriebsklima. Hier und da ahnt man verdeckt getragene Schuss-, Hieb-, Stich- oder Massenvernichtungswaffen, die Kollegin hat ihr formschönes Halstuch nicht nur zum Tragen, der eine oder andere sägt aus Gewohnheit alles an, was nicht an der Decke verschraubt ist. Keiner soll dem Kapital nachsagen, es unterdrücke die Kreativität seiner Subjekte. Was allein in Schreibstuben und Warenlagern an schöpferischer Zerstörung entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht – und dabei möglichst viele kognitiv suboptimierte Knalltüten mit in den Orkus reißt, weil nur dies Platz schafft für eine Auferstehung aus hausgemachten Ruinen. Der Hominide, jene Talentdetonation am Rande der Zweckmäßigkeit, hat dafür Maßstäbe ersonnen, die für Generationen reichen, um sich und vor allem anderen den Tag zu versauen. Darf Uga an den Kaffeevollautomaten? Warum parkt Rrt seine Karre auf demselben Platz wie der Chef? Und wer bezahlt den ganzen Schmodder? Das sind die relevanten Fragen, hinter denen die Einfuhrzölle für Kakao aus Kasachstan zurücktreten müssen.

Der Beruf ersetzt in wesentlichen Teilen bereits heute die archaische Sippenstruktur. Der Treffpunkt am Wasserloch wurde elektrifiziert, kein Busch rollt mehr den Korridor entlang, aber die Aufteilung der Bude in Abteilungen, Referate, Standorte, gerne auch die intern zurechtgeschwiemelte Konkurrenz der Instanzen Ein- und Verkauf, wahlweise: Werk A und Werk B, alles bildet die Stammesgesellschaft so idealtypisch wie praktisch verwertbar ab. Wenn hier etwas wächst, dann sicher nicht an sich selbst.

Der Jäger trifft schmerzhaft auf den Sammler; der Kampfduzer stolpert jäh auf fortgeschrittene Schreibtischvermüllung, Holunderlimonadeflaschen im Gegenwert eines vergoldeten Flugzeugträgers, gut erhaltene Kalender aus der Zeit, als Nofretete noch Zähne hatte, und eine Teebeutelsammlung auf Weltniveau. Der Klassiker, die private Zufuhr von Nahrung im einsehbaren Nahbereich, wird flexibel von Elementen der psychologischen Kampfführung unterstützt, zu denen strategisches Lüften, heimlich verstellte Heizungsventile und Jalousien zählen. Kein Mitarbeiter, der in der Adventszeit durch Aufreißen eines Doppelfensters witterungsbedingte Schäden an einem Gesteck mit Kerzen verursacht, hat Anrecht auf Kranzschleifen bei der anderntags stattfindenden Gedenkfeier, so will es das Gesetz. Eher duldet der gemeine Vertriebssachbearbeiter, dass ihm der Hausmeister die Rosinen aus der Bio-Nussmischung wegkaut. In dieser Liga spielt nur das billige Parfüm, das der Juniorchef zielsicher vor dem Auftritt vor den Schreibkräften ausdieselt.

Honigtöpfe wie der Gemeinschaftskühlschrank hätten die großen Religionskonflikte des Planeten nicht besser anzetteln können, eine angebrochene Packung reicht für epische Schlachten, in denen die Hälfte der Seelen hinein in die finstere Nacht des Todes marschiert. Der schreiende Controller tut sein Bestes, um eine ganze Etage konstant auf Adrenalin zu halten. Ein einzelnes, hastig vernuscheltes Mahlzeit reicht dann, die Kernschmelze einzuleiten. Keine Weihnachtsfeier mit russischem Pinselreiniger als Longdrink kriegt diese nachhaltig verheerende Wirkung hin, Betriebsversammlungen vor der Werksschließung sind weit abgeschlagen. Man hasst, was man am besten kennt, denn erst hier wird die chronische Abneigung effektiv. Wie ganze Völkerscharen sich selbst hassen, den kollektiven Untergang durch implodierende Diktaturen ohne Zögern selbst organisieren, so manövrieren sich Unternehmen in einen aufreibenden, qualvoll sich selbst am Laufen haltenden Partisanenkampf gegen die eigene Existenz. Immerhin, jeder Depp kann dabei zu einiger Größe kommen. Das ist doch schon genug Fortschritt für die Menschheit.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIII): Subjektive Intelligenz

19 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einer dieser schwierigen Tage, an denen Uga nicht ganz mitkam. Die anderen hatten die junge Birke schon nach unten gebogen und die Kokosnuss justiert, er aber pfriemelte lustig an der Liane herum und ließ sich weder durch lauthals geäußerte Warnungen noch durch leises Knacken in der Knotenstruktur aus dem Konzept bringen. Die anderen sahen ihn binnen Sekundenbruchteilen durch die laue Frühlingsluft schwirren, dem Adler gleich, der sich sämtliche verfügbaren Knorpel an der westlichen Felswand zermarmelt. Man könnte es bedauern, aber eigentlich gibt es keinen Grund. Nichts ist so subjektiv wie die Intelligenz, ganz abgesehen von deren Wahrnehmung.

Mit der Dummheit ist es wie mit dem Tod: man selbst bekommt von der Sache nichts mehr mit. Für unbeteiligte Personen sieht das schon anders aus. Die Metakognition, jene Tätigkeit, bei der die eigene Intelligenz beurteilen soll, wie die eigene Intelligenz zu beurteilen sei, scheitert üblicherweise an der metakognitiven Erkenntnis, dass sie, die eigene Intelligenz, sich qua Transzendenz nie kognitiv wird erfassen können. Wie ein Mensch sein Gehirn nicht mit dem eigenen Gehirn und seine Sprache nicht in seiner Sprache wird beschreiben können, vermag er sich beim besten Willen nicht selbst auf den Scheitel blicken. Allein grottoid anmutende Versuche gehen mit einiger Verve als intellektuell gelungen durch, während sie in Wahrheit ihre Selbstgewissheit nur aus gründlich missverstandenen Einschätzungen und Gedanken zusammenschwiemeln. Jene von Dunning und Kruger ganz trefflich beschriebene kognitive Verzerrung zeigt, dass die Deppen nicht einfach dumm sind, sondern eben so dumm, dass sie zu dumm sind, um zu verstehen, dass sie Deppen sind.

Das Erkennen einer richtigen Lösung ist nicht schwierig: Stein trifft Scheibe, Faust macht blau – erst das Erkennen von Mängeln und ihrer möglichen Ursachen erfordert Rechenkapazität unter dem Pony. Wer weiß, dass er nicht weiß, ist immerhin schon einen gewaltigen Schritt weiter als der, der das nicht einmal erkennen würde, liefe es hupend über die Straße. Eben jene Metakognition ist der erste Schritt zur Besserung, stößt sie doch das Tor auf zur grundlegenden Erkenntnis, dass der Schaden innerhalb des eigenen Schädels lokalisiert ist.

Es liegt auf der Hand, ohne diese Erkenntnis geht es dem Blödkolben gut. Wer eben nicht weiß, wie dumm er ist, lebt entscheidend ruhiger, muss sich nicht mit seinen eigenen Defiziten plagen und schiebt deren Folgen nicht auf sich selbst. Von der eigenen Blödheit wie von einem Schleier sanft aus der Realität entfernt, die aus lauter Geisterfahrern besteht, so geborgen in der eigenen Inkompetenz braucht es nur einen Schritt bis zur Erkenntnis, dass an der Mangelhaftigkeit der Welt, insbesondere an den Folgen der eigenen Dämlichkeit, ausschließlich die anderen schuldig sein können. Der Stein trifft die Scheibe, also macht er sie kaputt. Das entlastet ungemein, denn wer derart Druck vom Kessel nimmt, schafft auch komplexe Prozesse – Atmen, aufrechter Gang, Grunzlaute, Mitgliedschaft in einer völkisch-nationalen Bewegung – mit dem zur Verfügung stehenden Weichteilrest schmerzfreier als unter normalen Bedingungen.

Der Schlaf der Vernunft gebiert manches Ungeziefer, Verstörungstheorien, die Überzeugung der eigenen Unverwundbarkeit oder schlicht die Annahme, unfehlbar zu sein. Ganze Spitzenämter werden aus diesem fadenziehenden Gemisch gehäkelt, manche lassen sich ohne einen soliden Hau an der Birne gar nicht erst führen. Die eigene Dummheit zu gefährden könnte also sogar einen enormen strategischen Nachteil bedeuten – kein Wunder, dass die meisten Bescheuerten mit dem Denken gar nicht erst anfangen wollen, denn wer holt sich freiwillig die Blaupause für schönes Scheitern ins eigene Hirn.

So bizarr alles auch klingen mag, die Lösung für das Auftreten dieser Diskrepanz ist ein Zeichen der kritischen Vernunft, wie sie letztlich nur von der Evolution ins Spiel gebracht werden kann. Mit sinkender Intelligenz steigt antiproportional die Blindheit des Bekloppten, der bereitwillig in die Vernichtung seiner arttypisch nicht notwendigen Basensequenzen einwilligt, um zu verhindern, dass jede Schädelvollprothese in den Genpool der Hominiden seicht. Bedauerlich genug, dass durch Zufall und Fremdverschulden ganz ordentliche Zweibeiner vor ihrer Zeit über die Wupper müssen. Da ist es ein Trost, dass wenigstens am unteren Rand die Natur noch eine Korrektur einflicht und nur die Hohlrüben entsorgt, die wirklich außer mit Schmackes abzuleben keinerlei sozialverträgliche Tat mehr hinkriegen könnten. Das Leben, es währt nicht ewig, und manchmal ist das für nicht direkt Beteiligte durchaus ein Trost, wenn die anderen das Ergebnis ansehen und sagen: dumm gelaufen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXII): Leitkultur

12 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war es einer der Abende, an denen erst der Schnaps zu schnell leer war und dann doch noch eine Flasche auftauchte. Tapfer hatte sich die versammelte Nacktmullzucht alles in die Birne gebembelt, was von lästigen Angewohnheiten wie aufrechtem Gang, artikulierbarer Muttersprache oder Atmen als ISO-zertifiziertem Prozess direkt in die Freiheit von sämtlichen Gedanken führte. Hier wurde keiner überfordert, intellektuell schon gleich gar nicht. Ein Rest Pinselreiniger mag eine tragende Rolle bei der Begriffsbildung gespielt haben, das Gegenteil lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls hieß der Schrott dann Leitkultur und roch dementsprechend.

Es ist ein biologistischer Begriff wie Parasit und Schmarotzer, und er zeichnet seine Verwender wie der Rest aus der Schädelvollprothese aus als das, was sie eingestandenermaßen sind: brauner Dreck. Die Benutzung heißt Ehre für Treuepunktesammler, falls gerade die Preise für Hakenkreuztattoos im Gesicht wieder anziehen, denn es geht auch billig, wenn man sich zum Zielgruppenkuscheln mit den anderen Arschlöchern Abgrenzungsbegriffe wie Abendland herauslegt, gern in der Variante christlich-jüdisch – als wäre ansatzweise christlich, was diese zivilisatorische Ausschussware mit dem jüdischen Teil unter dem eingekoteten Mäntelchen der Geschichte getrieben hat. Der Ächzstaat müht sich ab, dass die Fangzähne seines Sprachgebrauchs ad usum Adolphini keine Sau bemerkt.

Sie verkaufen es als Wertekonsens, und doch ist es eine hastig zusammengeschwiemelte Wirrnis von Klischees, Händeschütteln und Bratkartoffeln, Jäger aus Kurpfalz und miserabler Allgemeinbildung. Die Knalldeppen, die von einer in langen Jahrhunderten zusammengewachsenen Kultur salbadern, haben im Dreißigjährigen Krieg den Schulbesuch für müßig erklärt und sich nur noch mit Landserheftchen wach gehalten. Da sie den üblichen Sott aus der gelben Ecke im Schnee, eine aus Ethnizität gespeiste nationale Identität, mit feucht-völkischem Getöse tatkräftig unterstützen, brauchen sie sich hernach über Brandsätze nicht zu wundern. Aber vielleicht ist das auch gut so, wenn selbst für Erstsemester der Geschichtswissenschaft nicht mehr als ein peinlich berührtes Grinsen herausspringt, während sich die Reichsideologen aus Glaubwürdigkeit gegenseitig an die Weichteile packen.

Wie diese Steilvorlage für die Rechten, die den Begriff mit jeder beliebigen Jauche anfüllen, zu immer neuen Raumkrümmungen führt, in denen Hautfarbe, Religionszugehörigkeit der Eltern oder Bildungsabschlüsse eine tragende Rolle spielen, das sucht seinesgleichen. Letztlich ist das alles nicht viel mehr als ein im Wahlkampf aufgepumptes Druckmittel angeblich verfassungstreuer Eliten gegenüber einer postulierten Unterschicht, für die Bier und Schweinsbraten als xenophobes Theater plötzlich nicht mehr ausreicht. Auch hier, geübt und gebimst durch die Generationen, war plötzlich der Stein schuld, bevor in einem letzten Schritt von freiheitlicher Rhetorik die Fensterscheibe selbst die Verantwortung trug für ihren Schaden als der Volks-Wirtschaft. Wer mehr wissen will, blättert durch die Buchführung des vergangenen Jahrhunderts, das keinen Sollwert schuldig blieb. Vernunft wird vor Religion gestellt – mit dem jüdisch-christlichen Erbe verbinden sich historisch ganz andere Haufen von Schutt und Scheiße, als man sie heute zu sehen bereit wäre.

Aber wen in der klinisch bekloppten Zielgruppe interessiert das noch. Die Fahnehochhalter fordern im Zeichen ihrer Identitätskrise Toleranz als Mittel, um Toleranz als Schwäche zu bezeichnen, einer der gröber gestrickten Kniffe der Moorleichenlehrlinge, und erfinden gemeinsam mit den Stützen ihrer eigenen Parallelgesellschaft den Assimilationsdruck als Peitsche gegen alles Andersartige. Ob auch der Japaner jetzt ironiefrei Lederhose tragen muss? Wird der Neger je in den Schwarzwald integriert? Man weiß es nicht, hofft aber kollektiv, dass die Parallelgesetzgebung nicht für Katholiban und andere grundrechtsfeindliche Terrororganisationen gilt. Denn fremdenfeindliche Gewaltherrschaft, das wissen wir aus absolut sicherer Quelle zeigt ja stets, dass die vermeintlich Integrierten untauglich für die Leitkultur sind. Ob damit freilich alle Hessen oder gleich die ganze Bundeswehr gemeint ist, das will niemand wissen.

Es kommt der Tag, da waren wir schon immer gegen alle Rothaarigen, die vor dem Fernseher nicht ausreichend brandenburgisch aussahen oder altkatholische Gürkchen aßen. Hymne, Fahne und andere Staatssymbole werden uns nicht darüber hinwegtäuschen können, was die Führer jener Tage zur Minderheitenfrage sagen: wer integriert ist, bestimmen wir. Wie gut, dass wir wenigstens die Vergangenheit bis dann hinter uns gelassen haben werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXI): Moralische Panik

5 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war es vermutlich ein Zwerg mit roten Haaren. Lederjacken kamen später, Pilzköpfe erst danach. Vielleicht war der eine oder andere Typ schon seltsam dunkel, man kann ja nie wissen. Aber die moralische Panik suppte erst dann über die Gesellschaft, als die sich schon für aufgeklärt hielt.

Es ist so einfach. Wer sich selbst nicht sofort als Beleidigung für den Durchschnitt begreift, sucht sich eine möglichst artfremde Eigenschaft wie Schmalztolle, Hautfarbe oder Migrationsstatus, erklärt sie zum quasi-heterogenen Gruppenmerkmal und bezeichnet sie als bedrohlich – so bedrohlich, dass man ihr unterstellen kann, die moralische Ordnung einer ganzen Zivilisation untergraben zu wollen. Im guten Fall entwickelt sich eine hübsche Raserei, die nach einzwei Anschlägen in dumpfes Brüten abkippt, aber keine Hysterie, die weite Teile der Bevölkerung energetisch überfordert. Nur die soziale Kontrolle soll verstärkt werden, und zwar mit einer pfeifenden Rückkoppelung auf negative Werte, damit alles wieder so wird, wie es nie war.

Die Zutaten sind bereitet für eine überwältigend niveaulose Inszenierung, die die Medien für den Mistgabelmob erledigen. Was objektiv auch beim schlechtesten Willen niemals bedrohlich ist und nichts sozial verschiebt, etwa langhaarige Burschen oder Erwerbslose, gerät in den Hallraum einer auf Moral montierten Maschine, die Lärm erzeugt, um ihn gewinnträchtig zu verkloppen. Alle sind sie dran, Verbrecher aus verlorener Ehre, Personen, die andere Drogen konsumieren als die Oberschicht, schließlich: der Fremde. Die Mechanik vergrößert, vergröbert und verzerrt, verkauft ihr eigenes Drama und schwiemelt aus vorhandenen Versatzstücken die Lüge zurecht, die zum konsistenten Weltbild gestapelt wird, gut verlastbar, ein Mitnahmeprodukt für den Einzelhandel. Was der Apparat auskotzt, bewirbt er mit der eigenen Schallentfaltung: zur Absatzsteigerung entwerfen Ressentimentsorgane dystopische Zustände aus der Fertigbackmischung. Sie prognostizieren den Weltuntergang, wenn nicht gar Steuererhöhungen oder die Eroberung der westlichen Welt durch böse Neger, wenn es in Bad Gnirbtzschen drei Einbrüche pro Jahr gibt. Die Stützen der Gesellschaft hängen sittlich gestärkt über dem elektrifizierten Gartenzaun, Waschweiber der eigenen Totenhemden, aber untenrum.

Was da knirscht, muss zwanghaft kultiviert sein, also entwerfen die Fachblätter für soziale Exklusion eine esoterisch anmutende Symbolik. Was früher bösartige Kutten waren und die spitzen Schuhe des Satans, ist uns heute die direkt im Höllenfeuer geschmiedete Burka, Abzeichen des Butzemanns höchstselbst, das in Europa so gut wie nie gesichtet wurde, nur an der weiblichen Begleitung saudischer Geschäftsfreude, die ihre Waffendeals gerne selbst durchziehen. Wie jede Allegorie lebt auch dieses hastig zusammengezimmerte Hassfigurenkabinett von der Verkürzung und gleichzeitiger Ignoranz ihr gegenüber. Nur zu gerne greift der stinkende Sumpf aus Politik und besorgten Bürgern die Zutaten für eine Schockstarre auf und schnitzt sich daraus eine repressive Grundhaltung, alles, jeden anprangernd, um nach Belieben eine Hexenjagd improvisieren zu können. Natürlich spielt die Schuldumkehr dabei eine herausragende Rolle. Wie auch sonst sollte der brave Bürger den Bimbos Brandsätze in die Bude schmeißen, wenn diese durch marktkonformes Verhungern in ihrer rohstoffreichen Heimat diese eklatante Störung des öffentlichen Friedens hätten verhindern können.

Die Getöseproduzenten suchen sich sorgfältig aus, worüber sie berichten, bestimmen Wortwahl, Inszenierung, Bilder, dramatische Strukturen und Themenmanagement. Damit machen sie sich zum Anwalt der öffentlich-rechten Sache; welches Schmierblatt fragt nicht in akkurat einstudiertem Affekt, ob das Volk neben Einwanderern leben will, weil denen ja bekanntlich alles zuzutrauen ist. Die schrille Abwärtsspirale aus Schuldzuschreibung und Tollwut beißt sich in den eigenen Arsch, dreht sich immer schneller und verliert irgendwann die selbst postulierte Mitte. Mit tödlicher Sicherheit kommt es unter klammheimlicher Freude zu den gewünschten Gewaltausbrüchen, aber daran ist das Opfer schuld. Besorgte Bürger speicheln sich selbst ein Feindbild zurecht, grenzen sich im Krampf von allem ab, was ihnen symbolisch nicht entspricht oder entsprechen sollte, und wissen: wir sind anders. Mit letzter Kraft hat sich der Bourgeois in die Ecke gemalt, er steht mit dem Rücken zur Wand. Endlich sicher!

Natürlich erkennt der objektive Beobachter die ans Lächerliche grenzende Disproportionalität, die zwischen Lederjacke oder Kopftuch und dem Fortbestand des Rechtsstaates herrscht. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn jemand endlich mal den Mut zur Wahrheit hat. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen oder, weil anständige Leute diese Worte nicht in den Mund nehmen dürfen, lesen wollen. Wo wären wir achtbaren Leute nur ohne einen Täter-Opfer-Ausgleich.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXX): Veganismus als Religion

28 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In Plastikplane gehüllte, großflächig tätowierte Rauschebärte ziehen durchs Hipsterviertel, vor sich her tragen sie die Monstranz ihrer Zwangssegnung, den Heiligen Tofu, begleitet von Friedensgruß und ohrenbetäubendem Kriegsgeschrei. Äpfel, Nuss und Kürbiskern säumen ihren Weg. Im Tabernakel ihrer mit Polyesterpelz ausgeschlagenen Großküche ruht eine Alge, eingebettet in Schichten von Analogkäse und getrocknetem Ingwer. Hier wurde einst ein abtrünniger Mönch bei Verzehr hart gekochter Eier zu Schleifpaste verarbeitet. Man merkt angesichts weniger, aber signifikanter Merkmale, dass es sich bei der Talibanvariante des Veganismus um eine ausgewachsene Religion handelt.

Und nicht etwa nur als Religionsersatz, wie es sich für einen Trend unter vielen gehört, der mit Bausparen und Fremdenhass, Homöopathie oder Leistungssport mithalten muss, sondern um ein komplett gegen Fremdeinflüsse immunisiertes Denkgebäude, mit Pech und Ethik verkalfatertes Luftschiff auf Rädern. Jegliche Kritik verwandelt die Pflanzenköstler ansatzlos in einen kreischenden Mistgabelmob, ungefähr in einer Toleranzklasse mit Stalin, Höcke und Opus Dei, moralinübersäuerte Gotteskrieger ohne jede Bedeutung außerhalb ihrer eigenen Welt. Ihr Kampfbegriff statt Abendland ist die sattsame Sittsamkeit, denn es geht ihnen nicht bloß um Abgrenzung, sie ziehen von Tür zu Tür und versprühen Schuldgefühle mit einer Ekstase, wie es normale Metaphysikanbieter gar nicht mehr hinkriegen. Das muss ihnen der Neid lassen, die missionarische Tätigkeit hat Weltniveau.

Kein Veganer ist in der Lage, seine Einstellung in Anwesenheit anderer Hominiden länger als eine Planck-Zeit für sich zu behalten. Da beißt einer in die Butterbemme, und zack! quillt ein Festvortrag aus des Predigers oberer Verdauungsöffnung, die Heiden zu bekehren. Honig, lieben Brüder, ist aus Massentierhaltung und damit des Teufels, Fallobst hingegen scheint politisch korrekt in evolutionäre Zusammenhänge zu passen. Der Redeschwall lässt auf Zirkularatmung schließen, sonst wären sie zu stundenlangen Bekehrungen schon körperlich nicht in der Lage. Fast nötigte es einem Respekt ab, dass sie diese Aposteltätigkeit im Angesicht ständiger Lebensgefahr ausüben, immer dessen gewahr, dass ihnen im nächsten Augenblick ein geistig gesunder, zurechnungsfähiger Bürger eine reinzimmert, weil ihm dieses kognitiv suboptimierte Gefasel auf die Plomben geht.

Dabei mangelt es den Religions-Losern nicht an der produkttypischen Irrationalität, die sich vor allem durch Totalausfall sämtlicher Bestandteile formaler Logik auszeichnet. Wie sämtliche anderen metaphysisch überschaubaren Angebote verlangt der Veganismus den strikten Glauben an arteigene Erfordernisse, die ein offenbar höheres Wesen zwar so nie formuliert hat, die qua Gruppenzugehörigkeit aber zum Konsens gehören, die gehorsam und mit Demut zu befolgen sind. PVC-Schlappen sind dem Menschen als Krone der Schöpfung gemäß, um in Frieden und Eintracht mit Mutter Natur zu leben, wo der konsumgefütterte Kapitalistenspross es aus mangelhafter Kenntnis nicht mehr schafft, sich von Bast und Rinde Sandalen zu schwiemeln. Eisen und Vitamin D, wie sie heimlich in Pillenform in die Figur gekloppt werden, sind die Sollbruchstelle der vollkommenen Dogmen, in historischer Dimension nicht einmal mythenfähig – bisher wurde keine altsteinzeitliche Apotheke freigelegt – und daher von fundamentaler Bedeutung fürs Frömmeln: was vollkommen bekloppt ist, kann man nur glauben.

Längst sind die Biomärkte, jene esoterisch bunt bewimpelten Schrumpelgurkenumschlagplätze mit ideologischer Leitfunktion, zu Kirchen des festen Glaubens geworden, wie man die Welt rettet. Vor allem der Lifestyleveganer, der allerhand exotisches Gemüse, Flugmango und Chiasamen in den Napf hebelt, verstößt gegen die grundlegendsten Gesetze ökologischen Wirtschaftens: natürlich kann man die Pfefferschoten mit Andenwasser gießen, es macht dann aber keinen Sinn mehr, das Zeug einmal um den halben Erdball zu karren, damit der Egoleptiker in Wilmersdorf sich den Krempel hinters Zäpfchen schieben kann. Im Zweifel ist die plakativ durch die Straßen getragene Sittenlehre eben nur Sittenleere, ist das Hemd näher als die Hose und der liebe Gott ein guter Mann.

Und was soll es schon nützen. In allerhand Ritualen, die sich letztlich nur aus Gruppenzwang speisen, lassen die Eingeschworenen schließlich Hund und Katze Kohlrabi und Körnerkeks fressen, evolutionär so sicher nicht abgesegnet, und dabei in der Kürze des Lebens noch eine Ecke greifbarer, wie sich die eschatologische Ausrichtung ins eigene Fleisch schneidet: auch wer den Tod der anderen tapfer ausblendet, bleibt sterblich. Eins aber tröstet: sie rauchen, sie schütten bei jeder sich bietenden Gelegenheit Alkohol in sich hinein, sie kanalisieren irdische Gelüste durch ganz normale Aggression, wie sie jeder Fußballnazi oder Freizeitrennfahrer in der Innenstadt auch an den Tag legt, und erkälten sich, sobald ihr Immunsystem versagt. Weiß denn keiner von ihnen, wie man korrekt dagegen anbetet?