Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVII): Der populistische Klassenkampf

18 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga und seine Sippe lebten noch im Einklang mit der Natur. Was schiefgehen konnte, ging eben schief, und am Ende starb jeder, die einen früher, die anderen früh genug, und dann kamen andere, die sich vor vornherein über eins im Klaren waren: wenn sie den Löffel abgeben, wird sich keine Sau mehr an sie erinnern. Der große Gleichmacher, jeder wusste es, nannte sich bald Schicksal und bald Vorherbestimmung, philosophische Moden und neu entdeckte Drogen brachten Götter ins Spiel – oder umgekehrt, wer weiß das schon – und mählich kam dem Hominiden ins bröselnde Bewusstsein, dass es Geworfenheit im real existierenden Surrealismus tatsächlich gibt. Sich gegen jegliche Kausalität aufzulehnen ist ähnlich sinnvoll wie der Versuch, Schuhe nach dem Mond zu schmeißen. Machen wir uns da nichts vor, was lebt, ist dem Niedergang geweiht. Auch ohne populistischen Klassenkampf.

Denn jedes klassenlose Schicksal erzürnt den Mistgabelmob am meisten. Dass die Pest sich nicht an Nationalität hielt, steuerliche Veranlagung oder Haushaltsnettoeinkommen, war die schärfste Kränkung des ständisch organisierten Verdrängers. Sein eigenes Weltbild, in dem Gott™ für jeden Trieb straft, den er selbst seinem Prototypen in die Hirnrinde gefräst hat, sollte mit Demut und Selbstverleugnung auskommen, wie das Konstrukt seiner Vernunft ihm befiehlt. Doch der gemeine Dummklumpen, der sich Universum, Gesellschaft und den ganzen Rest lieber ad hoc mit Bordmitteln zusammenschwiemelt, schmeißt auch hier alles in einen Strudel, damit zum Schluss eine Theorie aus Mutmaßungen und wirrem Verdacht hochgespült wird. Wichtig daran ist, es müssen die anderen sein. Nie trifft einen selbst die Schuld. Immer ist es die zugedachte Omega-Position, die den Sündenbock ausmacht, den Blitzableiter für Jammer, Pein und dräuend Ungemach, weil das Dasein nicht immer berechenbar ist, und wenn, dann nicht unbedingt in Übereinstimmung mit der Prophezeiung.

Kaum macht man eine Gruppe aus, die sowieso durch abweichende Religion, Pigmentierung oder sozialen Status von dem machtnahen Mainstream abweicht, der sich als Mittelschicht versteht, schon steht diese Bande mit dem Rücken an der Wand. Sie schleppen die Pocken ein, nehmen uns die Jobs weg und sind gleichzeitig arbeitslos, wollen sich in diese Gesellschaft einfach nicht integrieren und zeigen dies, indem sie durch perfide Assimilation alle Schranken zwischen echten und falschen Abendländlern einreißen, und zum Schluss, das ist Konsens, reißen sie die Weltherrschaft an sich, darunter tun sie es einfach nie. Damit dieses Modell einer intellektuellen Kontinentaldrift wirkt, muss man schon sehr viel Sand unter der Kalotte mit sich herumschleppen, aber populistische Hetzchirurgen sehen auch dies als Herausforderung. Die Gräben, die der Urgesellschaft noch fehlten, der Pass von Taka-Tuka-Land, die zahlende Zugehörigkeit zum marktbeherrschenden Metaphysik-Anbieter, sie müssen in liebevoller Kleinarbeit aufgerissen werden. Je mehr Klassen, desto besser der Kampf.

Die Gesellschaft nutzt den Prügelknabenchor, wenn sie sich mit rationalen Mitteln nicht mehr gegen die innere Spaltung zur Wehr setzen kann – eine großartige Idee der Einpeitscher, erst recht den Riss zu fördern, damit sich der Rest als Ganzes fühlt, während er im freien Fall zur Minderheit hin gebannt nach oben starrt und reflexartig tritt, oft nach unten, ansonsten nach allen Seiten und nach sich selbst. Denn es trifft irgendwann alle, die sich dem wachsenden Totalitarismus verschreiben, wohl wissend, dass auch diese Radikalisierung sich als erstes ihre Kinder hinters Zäpfchen pfropft. Wer leicht zu identifizieren und ohnehin schon unbeliebt ist, dazu mit dem Malus mangelnder Kraft ausgestattet, wird aus dem System ausgeschlossen. Warum also nicht gleich den Rentner zum Volksfeind machen, er bietet sich doch geradezu an. Er hat technisch bedingt Ansichten von gestern und eine Sozialisation, die nicht mehr mit der utilitaristischen Internationale kompatibel sind, blockiert zu große Wohnungen und die Kasse im Supermarkt, lähmt mit seinem Wahlverhalten den Fortschritt, nimmt am Straßenverkehr nur als bewegliches Ziel teil, kostet den Sozialstaat Unsummen, hört die falsche Musik und trägt mit Absicht bei jeder Gelegenheit Beige. Es wird Zeit, ihn auszurotten, denn er ist eine nachwachsende Spezies: glückliche Fügung für Stumpfklumpen, die mit der Parole Ausländer raus bald dumm wie Braunbrot in der Ecke stünden, wären die Ausländer alle weg und die Wirtschaft läge erst recht am Boden. Wie man jedenfalls ohne Krieg aus der Nummer rauskommt, hat den Nanodenkern noch niemand verraten.

Dass jede Radikalisierung unablässig neuer Steigerungen bedarf, die es irgendwann ohne Selbstzerstörung nicht mehr geben kann, fällt ihnen erst auf, wenn man ihnen die Flinte schon ins Genick drückt. Jeder Klassenkampf aber, der doch nur ein Gezänk aufgewiegelter Knalltüten ist, hat nur ein Ziel: Solidarität zu verhindern und den Gebrauch der kritischen Vernunft. Wer den Feind wirklich erkennt, sucht ihn überm Sternenzelt.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVI): Unsinnige Pyrotechnik

11 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Ritual blieb. Alle Jahre wieder kauten die Jünglinge aus Rrts Sippe samt angrenzendes Volks vergorene Buntbeeren, bis sie erst lustig wurden und dann knapp vor doof. Der erste, der sich nur im Lendenschurz in die Steppe traute, wo die leicht genervte Säbelzahnziege in Ruhe vegetieren wollte, genoss das höchste Ansehen beim Damenflor, stets vorausgesetzt, jene Ziege gab dem kreischenden Knirps nicht eins mit den Hörnern mit, was sich auf die Familienplanung fatal hätte auswirken können. Wer überlebte, konnte sich ruhig zum Deppen machen, denn er hatte es ja überlebt. Dass diese Zuchtauswahl vorwiegend grottoid ausgestattete Vollhonks in den Genpool pinkeln ließ, machte die Evolution nicht unbedingt erfolgreicher und erklärt manche Spätfolge, unter anderem, warum so viel hässliche Flusenlutscher Stammväter ihrer Völker wurden. Und warum das Ritual blieb.

Wir haben das ja heute gar nicht mehr nötig. Statt sich Zufallsalkaloide in die Birne zu drücken, greift der professionelle Nanodenker zum Schnaps, der so wohlig die Synapsen anlöst, und holt sich im Discounter des Vertrauens das Ballerpaket zum Preis eines vergoldeten Lamms – was kann schon schiefgehen in der Kombination? Und wahrlich, sie versuchen mit akribischem Zorn auf die Materie jede noch so klinisch bekloppte Idee zu realisieren, wie man Explosionskörper zum Detonieren bringen kann. Im Ergebnis sprengen sie sich die Flossen weg, lassen Knochensplitter durch die Luft spritzen und marmeln sich mit etwas Glück den Schädel ein. Auch im nüchternen Zustand schaffen sie es, einfach konstruierte Flugkörper bodennah in der Horizontale zu zünden, damit’s dem Nachbarn die Gonaden wegzoscht oder wenigstens seinen Hund atomisiert. Früher hatte es noch gereicht, im Kampf gegen die Elemente heldenhaft der Gefahr ins Auge zu blicken, heute verliert man in einem Arbeitsgang mindestens noch ein Auge, um beim Niki-Lauda-Ähnlichkeitswettbewerb die Endrunde zu rocken. Als Sicherheitsbelehrung reicht Wer das liest ist doof ja längst aus, weil es die Zielgruppe so elegant wie vollständig abdeckt.

Der Traum, rücksichtlos mit der Kettensäge im Anschlag durch ein Wohnviertel zu delirieren, fasst die hart unterdrückten Männlichkeitsfantasien der kernbescheuerten Torfatmer geradezu idealtypisch zusammen: warum sollen nicht auch andere zünftig aufs Maul kriegen, wenn der Dumpfklumpen selbst in einer komplett ersetzbaren Randexistenz vor sich hindümpelt? Schwillt dem Trottel der Kamm, so nähert er sich asymptotisch zutiefst verinnerlichten Selbstvernichtungsbildern, denen die majestätische Ruhe des ehemals Organischen folgt, die Stille nach dem Stuss, wenn sich blässlich die Sonne hebt über den Haufen aus Böller, Bein und Blutopfern. Nichts davon ist neu.

Die Psychoanalyse versucht den Holzschnitt des bornierten Urmenschen zurecht zu schwiemeln, der in Naturgeisterfurcht wilde Heere mit allerhand Gedöns vom Himmel feuern will und postmodern überformt seine alte Heidenangst im Abendland zu kultivieren versucht. Ganz nebenbei erliegt er dem Guckreiz und ästhetisiert seine Angst bis zum kollektiven Knalltrauma. Natürlich braucht der heutige Hominide die Rationalisierung, doch die funktioniert nun einmal nur mit den Zombies auf dem Hirnfriedhof, dem wimmernd verdrängten Grausen, das jammerläppische Zärtlinge treibt, wie sie im Vollbesitz präpotenter Willenskraft Mut proben. Etwas weniger deformierte Protzbrocken reagieren saisonunabhängig ihre Mannhaftigkeit am Kugelgrill ab, andere lassen sich auf Rollschuhen am Rennwagen nachschleifen, bis die Schädelbasis schmackig am Betonboden aufknuspert, doch nur Feuerwerk bietet den Spaß für die ganze Familie, die bei einem Druckstoß die Stratosphäre füllt. Der heimliche Bombenbürger denkt auch an Renommee und Ehre, wenn er dem Sprengsport nachgeht.

Denn unsinnige Pyrotechnik ist mitnichten nur Ausdruck eines grob gestrickten Egos, das gerne die Umwelt kaputt macht, damit es nicht alleine in der Versenkung verschwindet, sie ist ein solide an der Schädelinnenseite festgepfriemelter Marker für soziale Distinktion. Höher, greller, lauter muss es sein, wenn man die Kasper aus der Nachbarbutze in die Schranken weisen will – wer mehr Kohle in die Feinstaubproduktion investieren kann, um die Welt für seine Kinder zu versauen, demonstriert damit Überlegenheit, noch dazu mit einer Ware, die stets der herrschenden Klasse vorbehalten war. Und so zeigen sich Jahr um Jahr Herden verstrahlter EEG-Nullkurven, dass sie die Ausbildungsvorsorge für ihre Brut in den Himmel schießen können, denn nur so nimmt man sie als elitäre Zusammenrottung an der Spitze der Einwohnerpyramide ernst. Man könnte das einfacher haben, aber wer brettert schon mit Absicht seinen SUV in die Leitplanke, um in einem epischen Lichtblitz zu verenden. Die Geister geht es nichts an, sie kennen das Gesülze von der freien Entfaltung der Persönlichkeit in der unmännlichen Gesellschaft, so vorhersehbar ist die Schar derer, die zum Schluss im Do-it-yourself-Armageddon abtreten wollen. Darwin, übernehmen Sie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLV): Die Krise der Mobilität

4 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Schönste war ja die Verlässlichkeit: suchte man Rrt und seine Sippe, man fand sie genau da, wo sie alle geboren worden waren. Mit etwas Glück würden sie auch nach erfolgreicher Reproduktion hier ableben, falls nicht die vom Hominidenbefall entnervte Fauna zwischendurch für evolutionäre Tatsachen sorgen sollte. Keiner war je vom Tümpel im Tal weggezogen, hatte den Horizont der Steppe hinter sich gelassen, den großen Fluss jenseits der Höhenzüge entdeckt, niemand litt an Fernweh oder war vom Wunsch besessen, unter Vollverpflegung marodierend durch eine Mittelmeerinsel zu fräsen. Der Hominide nährte kümmerlich, aber artgerecht seine Sippe, die er sich eingebrockt hatte. Erst die Spätgeborenen sollten fremde Kontinente, den Tourismus und das Ozonloch mit eigenen Augen sehen, das Meeting in Bombay, Boston und Bad Bevensen, den Shopping-Trip nach London, die Busreise über die Wupper nach Wladiwostok auf der durchgehenden Autobahn, für die Generationen im Kampf gegen Sinn und Verstand fielen. Die Erde, so ihr Credo, ist rund, damit der alte weiße Mann Gas geben kann.

Alle anderen auf der Zielgerade zur Biomasse hocken in der Ecke und fragen sich, wie das alles so plötzlich gekommen ist. Einmal nicht aufgepasst, nur fünfzig Jahre das Schienennetz verrotten lassen, zack! merkt der mit Bausparerabitur ausgestattete Steuerzahler, dass es zwischen Streckenstilllegung und bröselnden Brücken so viele Züge mit Neigung zur Hochgeschwindigkeit geben kann, wie es will, dass aber bei einer Bahn, die von Dumpfschlumpf zu Dumpfschlumpf im Ministersessel sich nur dem Niveau ihrer Behördenleitung angepasst hat, alle Räder stillstehen, auch wenn gar keine Witterung existiert. Humpelt eine soziale Zusammenrottung in Richtung Flughafen, um sich turnusgemäß in den Süden abzusetzen, stehen die Chancen gut, dass der Vogel am Boden bleibt. Eine zünftig ausgedünnte Flugsicherung, fehlerhaft bestellte Windrichtungen, mit denen Piloten am Rande des Existenzminimums geistig nicht fertig werden, Arbeitsniederlegungen in der Kabine sorgen für nachhaltiges Heimatgefühl ohne Ruine im brandenburgischen Baggermatsch, die sicher für schlimme Zeiten aufgetakelt wird, wenn es dem Transportwesen überraschend zu gut gehen sollte. Unten bleiben sie immer.

Der gemeine Hohlrabi, der vor allem Angst hat, dass er sich am Viagra verschluckt, bollert mit dem SUV dann nicht nur zum Bio-Supermarkt, wo es die guten Freilandgurken in doppelt PVC-Folie zum Sonderpreis gibt, sie heulen sich gewohnheitsmäßig in den Schlaf, weil sie mit dem Bodenhobel immer noch nicht nach Australien fahren können. Schuld an der Misere sind natürlich hochmoderne Nationen wie Albanien, die nicht mit teutscher Gründlichkeit hundert Milliarden zur Errichtung der Korruption als Staatsreligion investieren und Generationen an Ingenieuren brauchen, um die Idee eines Flugtaxis mit beispielhafter Präzision in die Grütze zu reiten, während der balkanische Erzfeind fernostischen Vorbildern folgt, das christliche Abendland mit der perfidesten List zu schänden: Fachleute einsetzen, statt jahrzehntelang im Rudelkoma das Gesabber der EEG-Nullkurven zu erdulden, bis der Blutdruck sich unters Laminat schwiemelt. So kann das jeder.

Genau deshalb lassen wir es auch, sehen den Resten beim Rosten zu, die Schlaglöcherlotterie auf durchschnittlichen Umgehungsstraßen macht mehr Millionäre als das passende Parteibuch, und schon haben wir die Patentlösung für alles, was nicht bei Rot über die Ampel ist: Elektromobilität. Als wäre der Stromzug je ansatzweise pünktlich gewesen, hauen die Jodelkasper wie hospitalisiert an den Beton, damit sie es glauben: Elektroautos stehen nie im Stau. Können sie gar nicht. Man kommt damit nach Amerika. Zumindest in den Weltraum.

Wahrscheinlich hilft nur noch die Trennung der Menschheit in Tanzbereiche: wer in Bad Bevensen geboren wurde, hat in Bombay nichts zu suchen – umgekehrt tönt es oft genug aus der Richtung, warum sollte man den Gedanken nicht global zu Ende denken. Wir sind auf dem Rückschritt, es gibt genug anständige Bilder vom Grand Canyon und dem Riesengebirge, als dass sich jeder Querkämmer das noch selbst antun müsste. Der Klimawandel ist weit genug fortgeschritten, Hautkrebs kriegt der Patriot auch am Steinhuder Meer, die Balearen sind obsolet – wer sein Aggressionspotenzial hingegen aus der Blechlawine auf der Bundesautobahn zieht, wo er täglich ein Rudel Mitgeschöpfe bis kurz vor der Hirnembolie anplärrt, darf die Binnenwirtschaft steigern, auch energietechnisch, und wird einfach Pendler. Zwei Stunden Anfahrt, drei Stunden nach Hause, schon wird aus dem postmodernen Bürger wieder die humanevolutionäre Montagsproduktion, die alles hasst und töten will, das mit derselben Geschwindigkeit in die Leitplanke rauschen könnte, wenn links frei wäre. Es wäre so einfach, aber wir erinnern uns, die Erde ist rund. Auf einer flachen Welt hätten wir das Problem nicht, denn sie gäben Gas, auch am Rand der Scheibe. Vor allem da. Weil sie es können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLIV): Die Hufeisentheorie

14 12 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hurra, Extremismus! Alles, was sich gegen die herrschende Ordnung auflehnt, ist Extremismus, wobei noch nicht ganz klar ist, ob und warum die Ordnung überhaupt herrscht, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die herrschende Ordnung ist für die ordentlichen Herrscher zum Beispiel in Gefahr, wo sich Chaoten, Pack ohne Zugehörigkeit zu einer regierungsamtlichen Stelle, meist ohne Aktienbesitz und selten verbeamtet, an Bäumen fest ketten und dann sich weigern, von der Polizei rechtskonform ins Krankenhaus geprügelt zu werden. Was ist da schon der Anschlag auf ein Wohnhaus, in dem vorwiegend Migranten, sprich: Personen dritter Klasse wohnen. Nicht schön, aber da auch keiner zu Schaden kam, lässt es sich aufrechnen, wenn nicht gar zurecht kürzen – schließlich gerät durch einen Mordversuch die staatliche Autorität nicht gleich ins Wanken. So weit die allseits anerkannte Form, Extremismus zu entschuldigen, die Hufeisentheorie.

Grob gesagt setzt das Konstrukt eine normative Modelldemokratie mit unveränderlichen Extremen voraus, ohne die keine Polarisierung auskäme. Die professionellen Scharfmacher haben natürlich ihre Zwangsvorstellung sorgfältig internalisiert, schon beim kleinsten Angriff auf einen jüdischen Friedhof warnt das vor dem Ausbruch der Räterepublik und schickt zur Vorsicht ein SEK in den Stadtteil mit den billigen Abbruchhäusern. Gewalttätigkeit ist die Mutter der Porzellankiste, nicht, dass uns die Trotzkisten den nächsten Holocaust einbrocken.

Wie jede andere sektiererische Sonderrealität ist auch die Extremismusforschung stets strebend bemüht, sich gegen jede Kritik zu imprägnieren. Nie, barmt’s da, habe man linke und rechte Kräfte in ihrem fundamentalen Streben nach Zerstörung der liberalen Demokratie gleichgesetzt. Dass aber zuverlässig nach jedem Brandsatz auf eine Synagoge das Geweimer losbricht, es würden ja auch aus Sozialneid Autos abgefackelt, Eigentum hart arbeitender Investmentbanker, und das sei viel gefährlicher, weil nicht allein der Staat in Frage gestellt würde, sondern zuvörderst der Kapitalismus als systemübergreifende Struktur, die in Kaisertum und Militärdiktatur für die guten internationalen Beziehungen unter den Schlächtern sorgt. Eben der Unterschied ist es, dass Rechtsextreme die basale Gleichheit aller Menschen in der Abstraktion für bestimmend halten. Beschränkt sich nun aber der Scheuklappenabstand auf die angebliche Nähe zur Demokratie, die zugleich dogmatisch als Mitte definiert wird, hat man die schönste Äquidistanz, die natürlich verneint wird – es ist nur für die Apologeten der Theorie selbstredend nicht denkbar, dass eine egalitäre Gesellschaft als ganze sich im linken Spektrum aufhält, und das freiwillig.

Zulässig ist nur noch die Annahme, zwischen linken und rechten Extremisten gebe es gewisse Ähnlichkeiten; wer auch das für falsch halte, sei selbst in der Beweispflicht, dass das nicht stimme. Abgesehen davon, dass wissenschaftliche Theorien genau anders herum gebildet werden, der gerne genommene Gegenbeweis, Hitler und Stalin hätten denselben Totalitarismus in unterschiedlicher Farbe installiert, Lagerwirtschaft und Rassenhass im Preis inbegriffen, spricht ja gerade für die Gleichsetzung extremistischer Positionen. Wer aus politischem Jux noch die Eigenschaft des Einparteienstaates als Kriterium nennt – als wäre der Terrorclub um die Führerfigurine überhaupt noch ein Instrument der Willensbildung – die Gleichsetzung fußt ja nur auf der strukturellen Ähnlichkeit totalitärer Systeme, deren Übereinstimmung bockbeinig geleugnet wird und zugleich den Sockel dieser windschiefen Schlichtbehausung darstellt.

Aus dieser Fertigbackmischung lässt sich nun allerlei Ambivalenz schwiemeln, von geradezu folkloristischem Nährwert ist der Doppelstandard, dass jeder Antifaschismus automatisch linksextrem sei, sprich: das Gegenteil von Nationalsozialismus ist, conditio sine qua non, immer eine andere totalitäre Haltung, weil sie das ideologisch rostige Hufeisen nur als spiegelbildliche Vorlage für nicht mehr zurechnungsfähigen Synapsenkarneval zu nutzen versteht. Wer dann noch meist aus der braun leuchtenden Ecke alles außerhalb der eigenen Medikation als Linksfaschisten bezeichnet, outet sich erst recht als offenporige Parallelexistenz, die ein paar Schläge zu viel auf den Schädel abgekriegt haben dürfte. Der pauschalen Verunglimpfung einer Opposition sind damit alle Wege geebnet. Und nur darum geht es doch, wenn man sich vor Angst die zu kurzen Hosen wässert.

Weil der gemeine Depp aus politischem Geschäft und Gesellschaft wie das Häschen hockt vor den stinkenden Überresten eines Kadavers, der sich einst für ein Raubtier hielt, heute aber nur noch dazu dient, Sepsis unters Volk zu jubeln. Indem die paralysierte Mitte den Faschisten ihr Merkmal als Hauptbedrohung der freien Gesellschaft nimmt und lustigerweise deren fixe Idee covert, der Feind stehe links, bereite den wahren Umsturz vor und sei selbstverständlich deshalb von dem Rechtsstaat zu vernichten, dem die Nazis selbst gerne an die Kehle gingen, hegt sie ihre Widersacher scheinbar ein, lässt sie aber letztlich nur gewähren. Die Mehrheit wird von einem nationalsozialistischen Abschaum nicht sogleich fortgespült, und mit funktionierender Propaganda sind brennende Barrikaden viel böser als die rauchenden Schornsteine der Lager, die man noch vor dem unvermeidlichen Krieg in die Höhe zieht, um Feinde innen wie außen zu liquidieren. Man wird ihren Frisör abholen, vermutlich auch nur aus religiösen Gründen, es gibt wieder freie Häuser und überall verkauft man Gemüseläden für kleines Geld. Der Bescheuerte merkt es erst, wenn sie das Dach über seiner Birne löschen, die Biedermänner, und ihm danach empfehlen, fürs Vaterland die Fresse zu halten. Vielleicht verwüsten sie ja extra für ihn den Vorgarten, ein Sachschaden, den keine Versicherung zur Kenntnis nimmt, und alles endet beidseitig in Gewalt. Furchtbar. Hätten Sie doch wenigstens nur ihn erschlagen und das Fahrzeug erspart. Aber das wird er alles viel schöner wieder aufbauen nach dem Krieg, der Führer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLII): Superfood

30 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es hätten Leinsamen sein können, es hätte genau so gut Schokolade werden können. Aber der Typ aus dem Großhandel hatte halt noch einen Sack voller Zeugs ohne Geschmack im Keller, es fehlte nur noch ein hipper Name, damit man es nicht für Streumaterial hielt. Die Verpackung stimmte, der letzte Hype war gerade im Niedergang begriffen, die Marketingschergen liefen sich am Spielfeldrand des Wirtschaftskriegsschauplatzes warm. Die Chancen für grobe Esoterik waren ausgelotet, nichts stand einer überflüssigen Hysterie in globalem Maßstab im Weg. Unter den nachhaltig Intelligenzabstinenten begann der Siegeszug von Chia, dem Superfood überhaupt.

Wie gesagt, Leinsamen hätten es auch getan, haben aber nicht den Promifaktor, der auch in der Provinzkantine abgestandenen Milchprodukten in Krankenhausmengen diese gewisse Leckerness verleiht, die Zwieback und Weizenschrott so entschieden abgeht. Außerdem kann jenes Abfallprodukt aus der Nährmittelindustrie, gezogen mit Liebe und Mindestlohn kurz hinter Bad Gnirbtzschen, einfach nicht mit der Edelschlacke konkurrieren, die mondän und prestigeträchtig um den halben Rotationsellipsoiden gekarrt werden, um in der hinteren Ecke eines Discounters Schimmel anzusetzen. Damit könnte das Ding an sich in seiner kompletten Überflüssigkeit versuppen. Aber die auf höherem Niveau kognitiv verdünnte Auskenneria ist noch lange nicht fertig. Das Elend nimmt seinen Lauf.

Ähnlich wie gedungene Schwafelschlümpfe der Werbeindustrie Lightprodukte zum Patentrezept für den schnellen Beschiss aufgeblasen haben, ist die Essenz des Megafutters selten auf seinen Inhalt zu beziehen. Was der Schlankheitswahn als essbaren Bauschaum in den Markt schwiemelt, wäre ja mit vernünftigen Mitteln durchaus zu ersetzen, wenn nur der kalorienreduzierte Vollfettkäse abgesehen vom quantitativen Einsatz dem Magerquark wiche, die zucker- und geschmacksfreie Limonade dem sozial inzwischen abgehängten Früchtetee. Sie wollen Brot, also essen sie Kuchen.

Lustigerweise sind genau die aus repressionsfrei geklöppeltem Bohnenstroh herausgedroschenen Heckenpenner, die sich für regionalen Bergbau, antiautoritär im Beisein der Bezugsperson zu Tode gestreichelte Lämmchen und fairen Filterkaffee in Bürgerinitiativen engagieren, die Trägersubstanz für diese Schädelschädigung werden, und das auch noch aus freien Stücken. Das lutscht täglich an der Frühstücksavocado und wundert sich, warum fürs Wegklappen des Regenwaldes mehr Energie aufgebracht werden muss, als mit der Pinkeltaste gespart werden könnte. Wer seine Bedürfnisse der Ideologie unterordnet oder sie gar von ihr vorgeben lässt, der muss sich seine Hirnweichheit sekundär rationalisieren, aber auch dies ist ein Fest für die Imagekneter. Wer redet sich schon alleine die ganze Grütze bunt.

Das Zeug schwimmt schließlich mit in der unwissenschaftlichen Gesundbeterei rund um Detox, Entschlackung und Achtsamkeit – die in allerlei Publikumspostillen auf den Boulevard gespeichelten Anekdoten und Erfahrungsberichte entspringen meist gelangweilten Textern, die derlei als Stehsatz verkaufen, ohne sich die auf dem Transport wochenlang im Container verlabbernden Fruchtfasermatten hinters Zäpfchen zu schieben. Immerhin werden die Wunderpflanzen meist in Regionen geerntet, in denen noch der gute Onkel mit der Pestizidspritze übers Feld stakt, damit die bunten Früchte es überhaupt bis zum Frachter schaffen. Rotkohl hätte ähnliche Werte wie Açaí, aber wie bekommt man mit Flugkohlrabi die Besserfresser in den Gourmettempel?

Superfood ist eine neoliberale Heuchelei wie das Positivgeschwall manischer Selbstoptimierer, ostentative Lebensführung als Punkt in einem stromlinienförmigen Paralleluniversum. Wie in jeder esoterischen Schiefe driftet die Realität gen Nirwana, wenn nun der Ernährungsberater Beeren empfiehlt, deren enzymatisches Gezumpel laut neuester Absatzwirtschaft Krebs und Koma vermeiden soll. Denn ändert sich dadurch die Kalorienzufuhr, wird der Patient voluminös, kaut sich kariös und diabetisch, so ist er, zack! selbst schuld. Wäre es nur das Ziel, sich mit Vitaminen die Leber aufzupumpen und gäbe es auch keine Überdosierung mit drastischer Symptomatik, keiner müsste sich mit Granatäpfeln die Figur ausstopfen, wo es auch heimisches Obst täte. Immerhin schön, dass exotisches Obst dank hinreichend allergener Wirkungen farbenfrohe Schwellungen hinterlässt, wo andere noch eine Gesichtsattrappe hängen haben. Gewiss, es sollen auch Menschen beim Anblick der gemeinen Brennnessel in Tränen ausgebrochen sein, aber das wenigstens lag dann nicht am Preis oder an der Erkenntnis, sich gerade zum willigen Opfer einer ganzen Marktmaschinerie gemacht zu haben, die nur unser Bestes will, und das möglichst schnell und in großen Portionen. Hätten wir als Kinder brav Spinat gegessen, wir wären ihnen nicht auf den Leim gegangen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLI): Die Beleidigung

23 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer mag es ihm verdenken, Rrt war außer sich. „Mooskauer“, kreischte er die hysterisch lachenden Leute an der Öffnung der Sippenhöhle an, „Eure Mütter haben die Nachgeburt aufgezogen!“ Nichts aber verfing, denn mit dem nachgerade uneleganten Abgleiten an der rutschigen Uferstelle und einem Arm voller Brennholz unter der Achsel hatte sich der Hilflose vor den Nachbarn effektiv zum Gespött gemacht, der den Schaden hatte und also eine sozial leicht ramponierte Position. „Ihr Blondinen“, hätte er koffern können, aber noch war die Evolution auch phänotypisch im Ruhepuls, und keiner hätte kapiert, dass helle Haarfarbe, natürlich oder aus des Coiffeurs Chemiekasten zurechtgeschwiemelt, zum Synonym subfontaneller Schlichtmöblierung werden sollte – die Einzelbegriffe wären den Troglodyten nicht mehr als ein verstörtes Runzeln der Nickhaut wert gewesen, wenn überhaupt. So aber musste Rrt Schadenfreude dulden und blieb einen Tag und eine Nacht im Gehäus, bevor sich der erste Hominide an seinen Gedächtnisschwund erinnerte und wissen wollte, wie man den Faustkeil beim Entzünden des Feuers halten musste. Der Alte schluckte seinen Stolz und zeigte es ihm, wohl wissend, dass die Wut in ihm das Werkzeug zu ganz anderen Verrichtungen hätte zwingen können.

Im Verkehr mit Menschen ist die Beleidigung nicht mehr als das feste Vertrauen darauf, dass ein anderer mit derart verwinseltem Ego ausgestattet sei, dass er bei hilfsverbalen Ausstülpungen in die Angst verfallen wird, auch diesen Ichrest noch zu verlieren. Der Schimpfende dübelt wie im Rausch sein Selbstwertgerümpel an dieser Ecke ein und zieht sein Opfer in die Tiefe, meist bis auf sein eigenes Niveau. Denn wer beleidigt, ist im Regelfall auch nur eine Beleidigung für den Durchschnitt.

Dass Invektiven für den in der Schuldkultur ausgebildeten Deppen meist die untere Hälfte des Körpers thematisieren, macht die Sache nicht unbedingt kreativer; das Repertoire der in aller Hast zusammengeschwiemelten Verächtlichkeiten bleibt selten im Gedächtnis, weil es in der Regel komplett austauschbar ist. Der Kränkende schmeißt mit dem Schmutz, den er gerade zur Hand hat, und wer trüge schon ausgewählten Schmodder mit sich herum, wenn er vorhätte, dem anderen nichts weniger als die Ehre abzuschneiden, überhaupt: jene soziale Kategorie, die in der heutigen Gesellschaft längst nicht mehr realisiert wird, wird ersetzt durch das höchst unbestimmte Rechtsgut, sich nicht öffentlich beleidigen zu lassen, jedenfalls nicht wirksam. Wo der eine sich tagsüber bereits beim Vergeben von Tiernamen aufregt – es soll ja noch nirgends einer Klage stattgegeben worden sein wegen Titulierung als Tüpfelkuskus, offenbar hat dieser Kletterbeutler kein Image als schlimmer Fingre unter den Säugern aufgebaut – fühlt sich gar ein anderer geehrt, wenn man ihn als Scheißkapitalisten apostrophiert, und ein Dritter macht sich nichts aus Abfälligkeiten über seine Mutter, weil er weiß, aus welcher Richtung es kommt. Beleidigung setzt zwingend die genaue Kenntnis des zu beleidigenden Subjekts voraus und ist somit gar nicht adäquat zu leisten, schon gar nicht mit dem Standardrepertoire aus dem körpereigenen Sanitärbereich. Zwar wäre auch dies eine Injurie im Sinne des Gesetzes, doch der eigentliche Zweck, die Schmähung des anderen zwecks Fremdgesichtsverlust, dabei möglichst auch ohne Opfer in den eigenen Reihen, wird kaum zu erreichen sein. Erst auf aristokratischem Niveau also wäre die Beschimpfung als eine abgekürzte Verleumdung hinreichend fantasievoll, aber selbst hier bliebe die Prämisse, dass der Schimpfende nie bis selten den bereits blutenden Punkt mit der Klinge trifft, denn im Wesen der Erniedrigung liegt bereits der, wenn auch selten von Talentdetonation gesegnet, so doch vorhandene Wunsch, Unerhörtes über den zu äußern, der einem gerade Parkplatz oder Gatten streitig macht. Man hat das selten auf Tasche.

So bliebe eine einigermaßen funktionsfähige Herabsetzung die sorgsam ausformulierte, die weder gemein noch aus dem üblichen Bauschaum des Affektes gedrechselt erscheinen und dem Gegner keine Möglichkeit lassen, sie aus reinem Trotz auf den Werfer zurückzuschmeißen. Hier kommt der Flachfluch nicht vor, verdammt ist im Allgemeinen die Floskel, aber die Spontaneität leidet doch sehr darunter, wenn kurz vor dem Ausbruch der Tätlichkeiten der Spötter noch kurz in die Unterlagen blickt und den passenden Hohn aus dem Register popelt, aufgestapelt zu wirren Tiraden und geradezu auswendig gelernt, wozu es einer ganzen Menge Wut bedürfte und erkennbar zu viel Zeit, abgesehen von der Enttäuschung, dass man auch dieses Geblök nicht aufbügeln kann, wenn es einmal losgelassen wurde. Wer denkt sich so etwas überhaupt aus? Und warum? Der Teufel soll sie holen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXL): Die Verduftung der Welt

16 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die gelbe Schlonzbeere roch ganz leicht nach Kadaver, um Insekten anzuziehen, die sich in ihren klebrigen Blüten verfingen wie grenzdebile Deppen im Inneren einer rechtsextremistischen Partei. Die Fliege hatte keine Zeit, ihre empirisch gewonnenen Daten an die nächste Generation weiterzugeben, Uga schon. Nach Verzehr der Frucht stellte sich zu heftigem Magengeräusch Schwallhusten ein, den man so schnell nicht vergaß, falls man ihn denn überlebte. Fortan steckte der gute Genosse seinen Riechkolben nur noch in die Kräuter der Wiese und in die kommunikativen Partien der Artgenossen, die mit ihren Schweißdrüsen Smalltalk machten. Ab und zu schwiemelte er der Holden Blümchen ins Haupthaar, doch aus ganz anderen Gründen. Noch hatte der Mensch die Nase nicht voll.

Eines Tages siegte der Lochfraß im limbischen System und der Hominide erfand den objektungebundenen Duftstoff. Vermutlich hatte die Chemie sich mit der Herstellung von Kampfgas und Karzinogenen bis dato unausgelastet gefühlt, so dass sie nun die Vernichtung der Menschheit auf dem psychologischen Weg einschlug, und wahrlich, es ward so. Mit synthetisierten Essenzen, die ein Schwimmbecken zu Erbsensuppe verwandeln konnten und die Alpen in Graubrot, eroberten die Giftmischer die Großhirne der molekülgesteuerten Triebwesen, konditionierten sie auf allerlei modischen Schnickschnack für die Schleimhäute und trieben sie herdenweise in die heillose Abhängigkeit, bis die amorphe Kundenmasse wie gebannt vor dem Regal stand mit dreiunddreißig Spraydosen, weil es in der Postmoderne auf der Bedürfnisanstalt anders nicht mehr stinken darf als in einem Rosengarten auf Speed.

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