Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXIII): Das Auto

24 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was haben die Hominiden nicht schon alles an sich und vor sich hergetragen, um sich mächtig und stark zu fühlen: Muscheln, Zähne von Raubtieren und allerlei bunte Steine, Talisman und Fetisch, bis in der Bronzezeit die Serienfertigung der Objekte ihren Gebrauchswert in den Fokus rückte, wie auch immer der gerade aussah. Dem einen war das Stück Metall willkommene Hilfe bei der Bearbeitung des Ackers, anderen erleichterte es Körperverletzung mit Todesfolge bei kleinen Auseinandersetzungen oder die Vorbereitung eines Angriffskrieges, wenn es um größere Besitztümer ging. Noch immer hängt sich der gemeine Depp Gold und Geschmeide um den Hals, die er außerhalb der Nutzungszeit gut gesichert wegsperrt. Nur diesen Blechbömmel mit Blinker und Bremse klotzt er sichtbar vor die Butze und hofft, dass es den Nachbarn das Blut aus den Augen treibt. Es ist mehr als ein Statussymbol. Es ist das Auto.

Nichts wurde erfunden, gebaut, verkauft, das die Widersinnigkeit eines Kraftfahrzeugs auch nur näherungsweise erreichen würde. Angefangen vom Nutzungsgrad, der zuverlässig einstellige Prozente ergibt, wenn man die Mühle nur je dreißig Minuten zur Arbeit und zurück bewegt und noch einmal am Wochenende auf Parkplatzsuche vor dem Supikauf, über die Quote der Um- und Irrwege auf gestauten Innenstadtstraßen oder Autobahnen bis zur horrend hohen Rechnung für die Nachjustierung der blöde blinkenden Birne am Armaturenbrett, die zielsicher den Komplettaustausch des Bordcomputers fordert, die Kiste kostet. Wie Drucker, die schwarz-weiß als technisch unmöglich betrachten, solange nicht alle Farbpatronen voll sind, zerlegt das Ding auf vier Rädern Finanzreserven und Geisteszustand zu Kleinteilen, wie sie gerne in den Lüftungsschlitzen einer handelsüblichen Beifahrertür verlustig gehen, um dann in einem Paralleluniversum neben den Socken aufzutauchen, die die Waschmaschine frisst. Sollte die Kurbelwelle an der Schränkung leicht vordröllern oder der Stabilisator wegschwiemeln, ist die Katastrophe perfekt. Nächster Termin in der Werkstatt ist übernächsten Donnerstag, und da kann der ölverschmierte Sprallo nur feststellen, dass das jetzt aber echt teuer wird.

Aber ja, der Lack. Ursprünglich wurde das Zeug nur auf die Karosse geschmoddert, damit die Karre nicht schneller als nötig durchrostet, heute gibt es neun verschiedene Khakitöne, je nachdem, welches Land man mit dem Eierlaster überfallen will. Ob Metallic, Flop oder Flocke, alles dient dem Kratzer als Vorboten des Weltuntergangs, der sich als Blechschaden eine eigene Kategorie des Grauens in der Psyche geschaffen hat. Beule mit Weile, schon ab drei Millimeter Abtragung im Chrom kann der Bekloppte die ganze Stoßstange quasi ins Altmetall kloppen – und tut es auch. Ansonsten würden nach wenigen Jahrzehnten Wassermoleküle das Teil von innen zersetzen und mit fiesem Korrosionsbrand in einen rollenden Braunbrocken verwandeln. Nix da!

Wobei das wenigstens eine der individuelleren Arten von Kfz-Gestaltung wäre, die der gemeine Depp für den gesteigerten Wiedererkennungswert im Straßenverkehr sowie im Parkbereich benötigt. Plüschverkleidete Bömmel am Innenspiegel und ein Colt als Schaltgriff harmonieren schrill mit dem Wurzelholzimitat-Cockpit, das durch pinkfarbene Hosenträgergurte, 500-Watt-Scheunendiscoboxen und die La-Cucaracha-Hupe niedermolekular in der Proletensphäre verankert wird. Draußen dengelt der Profi Spoiler als optischen Brechreizbeschleuniger ans Heck und bollert fröhlich Frontschürzen vor die Mühle, die an der Parkhausausfahrt abgeschrammt werden wie Warzen aus der Radfahrerfresse beim Kavalierstart mit sechs Halben in der Birne. Nur der Anfänger klebt Sticker an den Autoarsch, die ein Herz für Kinder, für Sylt oder seinen Fußballverein signalisieren. Die Doppelauspuffattrappe beendet das Verkehrshindernis, nicht aber den Wahnsinn.

Denn was den Fetisch angeht, muss auch der im niederen Hubraumbereich verhaftete Bescheuerte Tribut zahlen. Ohne Zwangshandlungen kommt er nicht aus der Nummer, ohne rituelle Waschung des Pkw am Sonnabend unter Einhaltung einer in der Anwohnerschaft ausgehandelten Choreografie, die jedes zu hastige Abseifen mit Punktabzug straft und nach sechs Wochen Sprechchöre für mangelhaften Unterbodenschutz skandiert. Die Wahl des Wachses samt Podiumsdiskussion über den Härtegrad des Schaumstoffapplikators zur Lackkonservierung ist nach Hegelkongressen, Wirtschaftsverhandlungen mit Nordkorea und einer Partie Schach mit Armin Laschet ohne einen Tropfen Ethanol im Raum die größte Herausforderung ans limbische System, die bisher ohne Tote gemessen wurde. Wir nehmen das als Schicksal hin. Wer fährt schon mit dem Bus, wenn er auch fünfmal am Tag eine Hirnembolie im Kreisverkehr riskieren kann, weil der Vollarsch vor einem aus heiterem Himmel bei Rot in die Eisen steigt. Nein, wir wollen den kollektiven Untergang in der Blechlawine, solange unser Wagen größer, teurer, schneller ist als der von dem Typen, den wir nicht kennen. Wilhelm II. hielt das Auto für eine vorübergehende Erscheinung. Immer gut, wenn man Geschichte nicht zu kleinteilig denkt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXII): Denkmäler

17 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kurz bevor das ganze Reich unterging, ließ sich Aššur-bāni-apli noch mal in voller Montur samt Krönchen ins Relief dengeln, wie er mit Pfeil und Bogen Großwild jagte. Als Ganzfigur mit Bart und Korb warb er für assyrischen Wohnungsbau, dann war auch bald Schicht im Schacht. Mehr noch als in der Antike, im Mittelalter, erst recht in der Neuzeit war den Völkern des Altertums klar, dass alles recht vergänglich ist. Dynastien kamen, Dynastien gingen und wurden von Schutt und Asche bedeckt, damit kommende Herrscher auf rauchenden Trümmern neue Verwaltungseinheiten organisieren konnten, die die Machtverhältnisse gründlich neu ordneten und schon durch das Erscheinungsbild monumental angelegter Kunst im öffentlichen Raum änderten, was es zu ändern galt. Hier und da meißelten die dienstbaren Geister die Grinsrüben aus dem Fels, wie sie noch heute in jedem besseren Personenkult von Mauern und Fassaden hängen, sofort guckte der neue König so gütig wie machtvoll aufs Volk, kurz: der alte Klotz war weg, der neue Klotz war da. Wozu braucht es da heute noch Denkmäler?

Die Herren der Macht, und es sind immer nur Männer, Ottokar der Dehnbare, Kurfürst Heribert von der Klappstulle und irgendein Friedrich von Dingenskirchen mit Pelz und Perücke, haben sich größtenteils in Eisen gießen lassen, lungern nun auf steinernem Podest mit güldener Inschrift, damit sie keiner mit dem Gründer der städtischen Hunde-Wasch- und Reinigungsanstalt verwechselt, in den fußläufigen Zonen nahe Kirchen und Rathäusern herum, werden fotografiert, mit Pappnasen und Altpapier verschwiemelt und dienen allenfalls als Treffpunkt für Jugendliche, die vorabends alleine in modischer Kleidung mit flamboyantem Schuhwerk auf ihresgleichen warten. Trostlos fürwahr, und da ist das Denkmal nicht einmal mit eingerechnet. Die knöterigen Staubfänger längst vergangener Epochen stehen störrisch im Stadtbild, ohne die Aufschrift wüsste kein Passant, ob es sich um einen Kaiser, einen König oder den Erzherzog einer nicht mehr existenten Provinz handelt – mit Aufschrift weiß es auch keiner, aber wen kümmert das schon.

So schön ersichtlich an berittenen Deppen in rostiger Wehr, wie sie Reklame für den nächsten Krieg machen, für Preußens Gloria und Schlesiens Untergang, so zweifelsfrei stehen die dominanten Hohlkörper für nichts mehr, was mit der Gegenwart auch nur entfernt zu tun hätte. Allein die in alle teutonischen Weichbilder gerummsten Bismarcke verkünden nur noch mit Getöse die Apotheose von Pickeln auf der Haube, neben denen der Deutsche gerade noch genug Zeit für Kolonialismus hatte und den Platz an der Sonne mit Leichentüchern sicherte. Die Erinnerungskultur richtet sich an unterkomplex denkende Weichstapler, die mit Geschichte nicht viel am Hut haben, sonst müssten sie das präpotente Säbelrasseln der nationalen Besoffenheitsapostel ganztägig reflektieren. Womit schon.

Das Denkmal hat vielmehr die Aufgabe, alles an Geschichte zahnschonend zu verklittern, was den künftigen Generationen Probleme beim Schlucken verursachen könnte. Steht irgendwo am König vor dem Katasteramt, dass er ein mieser Militarist war, ungewaschen, versoffen und rassistisch dazu? Da das, was auch immer das ist, früher nun mal so war, müssen wir uns eben damit abfinden, dass man auf dem Weg zum Supermarkt an Antisemiten vorbeiradelt, an Arschlöchern, die zur Finanzierung eines neuen Lustschlosses mit Menschenhandel und Zwangsarbeit ihre eigenen Untertanen in den sicheren Tod trieben oder auf der Jagd durch Privatwälder ihre Tage herumbrachten, während das Volk nicht einmal Brennholz sammeln durfte. Es fehlt an den einordnenden Hinweisen, die Kriegsherren und Fürstbischöfe als zwielichtige Egoleptiker kennzeichnen, die hinter den blinden Flecken der Historie in Deckung gehen.

Interessant nun, dass man Saddam und Stalin, Hitler und Pol Pot sauber abgesägt, Putschisten wie Lettow-Vorbeck oder die Nagelbirne Hindenburg ordentlich entschuldigt, Wissmann, den Schlächter von Ostafrika, allenfalls einlagert, sobald sich eins an den Sklavenhandel als Grundlage für deutschen Wirtschaftsaufschwung erinnert. Überhaupt ist es die germanische Eigenheit, Wohlstand auf Kosten fremder Ethnien, jenes deutsche Wesen, das die Welt gerade noch überlebt hat, als Errungenschaft der Eliten in Erz zu kippen und irgendwo in eine Grünanlage zu stellen. Jede Gesellschaft vererbt ja die Vorbilder, die sie für geeignet hält, über ihre Tage hinaus zum Idol zu taugen, rituell angebetet zu werden und zur intellektuellen Auseinandersetzung in der Gegend herumzustehen – in der Reihenfolge. Es geht ja weniger um Authentizität, erst recht nicht in den übrigen Randbereichen des Erinnerns, Krieg oder Genozid, sondern um die Sakralisierung, die unsere Säulenheiligen im säkularen Umfeld notfalls museumstauglich macht, irgendwo eingeklemmt zwischen Pathos und Kitsch. Wenn sich der Spießer schon Bismarck als Aschenbecher und Bierhumpen in die Bude stellt, warum dann nicht auch Hitlern als Klobürste, wie es seine Kriegsgegner taten? Es gäbe da, um die objektive Verwertbarkeit der Geschichte zu gewährleisten, manche Möglichkeit.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXI): Das Phänomen der Beibehaltung

10 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Krach im Paradies: Rrts Lieblingsfeuerstein war einfach nicht mehr aufzufinden. Die gesamte Höhle hatte der Schwager des Sippenältesten durchwühlt, Winter- und Sommerfell umgewendet, Körbchen mit Buntbeeren und Nüssen geschüttelt – nichts. Auf dem kleinen Felsvorsprung, da Ugas Speer und ein paar Lagen Bast ruhten, Zweige für Pfeil und Bogen sowie die Kieferknochensäge von Nggr, da fand sich das Werkzeug unter anderen Keilen und Messern. Keiner wusste, wie das Utensil dort hatte auftauchen können, bewahrte doch Rrt seinen Lieblingsfeuerstein stets an anderer Stelle auf, auch wenn diese ihm hin und wieder entfiel, in letzter Zeit meist täglich. Leichter wäre es gewesen, er hätte sich zur pragmatischen Lösung entschieden und den Schneidestein stets an der Stelle deponiert, an der er für alle zu finden sein würde, zum Beispiel auf jenem kleinen Felsvorsprung. Aber das war mit ihm nicht zu machen. Viel hatte Rrt nicht im Kopf, aber das war gründlich verschaltet, wie das Phänomen der Beibehaltung zeigte.

Auch heute noch zeigt sich die Wirksamkeit des Gewohnten als Erleichterung für Praxis. Wo einmal der Stift auf dem gut gefüllten Schreibtisch abgelegt wurde, bleibt er fortan auch liegen – außer, von den südlichen Hängen des Eingangskorbs segeln zehn bis neunundneunzig Blatt herunter und begraben das Schreibgerät unter sich, worauf eine Mission archäologischer Art stattfinden muss, um Materie und Strahlung voneinander zu trennen. Wer immer am Donnerstag den Gang zum Gemüseladen antritt, wird seine Gründe haben, dies auch über Jahrzehnte beizubehalten, gerät aber angesichts gesetzlicher Feiertage leicht in Schwierigkeiten, wenn sich die Realität als zu unflexibel erweist im Vergleich mit der eigenen Organisation. Ganze Lebensentwürfe, wie sie ein geistig nicht gesegneter Kotzkopf hatte, der von gelangweilten Schnöseln nach ganz oben durchgereicht wurde, um irgendwann das Land im Bodensatz seiner Dämlichkeit zu verschwiemeln, werden einmal in die Gegend geklotzt, stehen da, bedeuten nichts, und man lässt sie doch da, wo sie sind.

Nicht jedes Gewohnheit bietet die Friedlichkeit des Rituals, das ein Dasein mit zeitentrücktem Sinn strukturiert; bisweilen ist es praktisch, den Stift zur Rechten hinzulegen, wenn es die Suche effektiver macht, gleichsam als gedankenloses Reagieren auf die Notwendigkeiten des Daseins, die nicht so viel Rechenleistung erfordert wie aktive Beschäftigung mit den Objekten der Umwelt, was bei manchen an festgerosteten Synapsen scheitert, bei manchen an der preiswerten Grundausstattung unter der Kalotte. Andererseits birgt der Trott in einer komplexen Umgebung auch Konfliktpotenziale, gerade in der Zweierbeziehung, in der eine Seite die Nagelfeile in der Schublade mit den Schwimmflügeln, dem Reisewecker und den Impfpässen versteckt und die andere Seite sie einfach nicht findet. Diese sozialen Defizite haben vermutlich dazu geführt, dass das Bernsteinzimmer, die Weltformel und der Stadtplan von Atlantis frühzeitig verloren gingen, nicht, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, sondern weil sich derjenige, der noch genau wusste, wo sie immer gelegen hatten, aus dem Staub gemacht hat.

Sind die evolutionären Wurzeln der Gewohnheit auch unumstritten – immerhin können wir die nicht ganz so wichtigen Willensentscheidungen nebenher ausführen und müssen nicht ständig einen Akt der Verwaltung oder Verzweiflung ausführen – sie finden nur noch selten in lebensbedrohlicher Lage statt, wenn wir zielsicher den Feuerstein aus dem Gürtel ziehen müssen, um einen Pfeil zu schnitzen, bevor die Säbelzahnziege schlechte Laune kriegt. Sicherheit ist in der postmodernen Gesellschaft gründlich institutionalisiert, regelhafte Rationalität bringt uns dahin, Probleme mit Algorithmen zu lösen statt mit zielgerichtetem Nachdenken. Wir reagieren auf einen gewissen Reiz gar nicht mehr, lassen die Verhaltensunterdrückung arbeiten und werden automatisch, was wir bei entsprechender Routine als Fertigkeit verstehen. So wird der hinters Ohr geklemmte Stift alsbald zum Merkmal der pragmatischen Qualität, was kein Kunststück ist; das Ohr bleibt mit höherer Wahrscheinlichkeit an seinem Ort und wird nicht mit Schwimmflügeln in der Schublade verstaut.

Das Beibehalten einer noch so unsinnigen Handlung entlastet also die praktische Vernunft, steht aber gleichzeitig der Ausbildung ganzheitlich-kreativer Denkansätze im Weg, die die Verstarrung des Gewohnheitsmäßigen aufbrechen. Immerhin belohnt unser Gehirn uns für den Griff nach dem Griffel, nicht großflächig, aber mit einer gewissen Zuverlässigkeit, die bald Macht erlangt und alle Spuren des Gedächtnisses an Abweichungen vom Normalfall ausradiert. Bestimmt hat der erste unter Stress stehende Mensch am Rande des Paradieses den Zigarettenautomaten entdeckt, seinem Leben mit dem neuen Ritual eine neue Wendung gegeben und sein limbisches System austricksen wollen, während er von seinem limbischen System sauber ausgetrickst wurde. Am Ende, wir ahnen es, ist alles Biochemie. Irgendwer hatte es mal besser auf den Punkt gebracht. Irgendwer hat das verschlampt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXX): Der Gerechte-Welt-Glaube

3 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga war ein mieser Drecksack. Wie er aus Lust am Übeltun dem Neffen ein Bein stellte, die eigene Tochter für ein paar lausige Buntbeeren im tiefsten Winter aus der Höhle jagte oder seiner Schwägerin vor versammelter Sippe das Dachsfelloberteil an der morschen Knochenklemme öffnete, das blieb noch weit über sein Ableben hinaus Gesprächsstoff am Feuer, wobei eben dieser Hintritt, den ein übel gelauntes Panzernashorn beschleunigte, alle mit dem Leben dieses Taugenichts versöhnte. Er war so gestorben, wie er gelebt hatte: kein schöner Anblick und dennoch unvergesslich. Moralisierend fügte man stets hinzu, dass ausgleichende Gerechtigkeit für dieses spektakuläre Ende verantwortlich sei, in den ersten Generationen eine rein spekulative Art der Metaphysik, in der Folge aber ein fast religiös wirkendes Prinzip. Uga war selbst schuld, wie sonst sollte man an eine gerechte Welt glauben?

Seitdem die Existenz komplizierter wurde, nein: seit wir genug Glibber in der Hirnschale haben, um deren Komplexität zu kapieren, denken wir uns die Grütze bunt. Im Frühstadium der Hominisation gab es ebenso Unfälle und Kümmernis, und mit genug mentaler Rechenleistung reicht schon die emotional aufgeschwiemelte Egowahrnehmung, die sich fragt, warum man selbst vom Blitz getroffen wurde und nicht die Knalltüte da neben einem. Bewältigt der Randomschnösel seine Bruchlandung besser als der subjektiv bessere Pausenclown, der sich bar jeder Schuld sieht und also mehr Recht auf Gutes hat? Das magische Denken ist nicht fern, das Ursache und Wirkung infantil ignoriert und in einfache Form pfropft, damit es auch simpel gestrickte Gemüter glaubensselig schlucken.

Vulgärkapitalistisch lässt sich das Konzept natürlich bestens ausschlachten, wenn man es auf links krempelt: wer mehr materiellen Reichtum zur Verfügung hat, der hat es eben verdient, wer aber arm bleibt, strengt sich nicht genügend an. Die aus dem Calvinismus geronnene Arbeitsethik hat damit nur am Rande zu tun, schließt sie doch Luxus und eitle Zeitvergeudung als törichten Abfall von jenem höheren Wesen aus, das wir alle verehren. Wo nach Glaubensgrundsätzen bedingungslos erwählt wurde, kann ja auch durch Fleiß gar nichts zu verdienen sein, während in der gerechten Welt alle Spielregeln transparent vor uns liegen: wir müssen nur in guter Absicht handeln, dann gibt’s uns irgendeiner im Schlaf des Gerechten. Die Ungeheuer werden nur zufällig geboren und jenseits der Vernunft.

Wo nun das Schicksal, die kleine Schwester der existenziellen Hilflosigkeit, ihre Selbstwirksamkeit in die Tonne tritt, haben wir das Spielfeld bereitet für die Ausschlusskriterien aus dem sozialen Spiel, das nur Gewinner kennt, indem es die möglichen Verlierer aussortiert. Arbeitslos, Krebs, mittellos geboren? Pech, und mit ein bisschen Bösartigkeit macht der spätbourgeoise Machertyp dem anderen auch klar, dass wohl die Vorsehung einen Hänger hatte, wenn eins nicht als Milliardärserbe geboren wurde. Die Abwertung des Unterlegenen ist nur ein kleiner Schritt, die Rechtfertigung seiner sozialen Unterlegenheit ein großer. Dem Opfer die Schuld zu geben hatte schon immer etwas Verlockendes für die glitschigen Geiferer, die sich ihrer Macht nicht sicher waren, und so richtet man sein moralinsauren Maßstäbe daran aus. Vergewaltigt? Dann war wohl der Rock zu kurz. Überfahren? was geht man auch zu Fuß über die Straße. Flüchtling? wir können nicht alles gleichzeitig plattbomben. Die ungerechte Welt wäre bedrohlich, da sie die angeblich gerechte Fügung auf alle verteilen würde, und was würde da die reiche Geburt nützen?

Wir lassen uns von einer Rotte neoliberaler Klötenkönige einreden, die Investition in unsere – also ihre – Zukunft sei nur dann vernünftig, wenn wir an das gute Ende der Mission glauben würden. Jede Wirtschaftskrise, jeder Bankencrash durch die marodierenden Heuschrecken wäre unabänderliche Entwicklung, nicht einmal durch Insiderdeals zu lenken. So wird auch der Wagemut der Anleger zur sinnlosen Tapferkeit verklärt, während sich die Verlierer mit ihrer Bestimmung abfinden müssen. Hämmern wir es ihnen oft genug in die Rübe, so sind sie geneigt, ihr Geschick als gerechte Strafe zu verstehen, auch wenn sie nicht begreifen, wofür sie eigentlich büßen sollen. Zugleich lernen sie, dass die Autoritäten, die sie anerkennen sollen, sicher auch billig zu ihrer Autorität gelangt sind, also keinerlei Schuld tragen – es ist also nicht statthaft, an ihrer moralischen Integrität zu zweifeln, an ihren akademischen Graden, an ihren Steuerzahlungen. Was wie ein hohler Belohnungsaufschub aussieht, nämlich auf die Vergeltung am Ende eines sinnlos langen Lebens zu hoffen, stabilisiert nur die absurd anmutenden Tugendregeln, an die sich kleine Leute zu halten haben, damit ein Gesellschaftsvertrag des transzendenten Gerechtigkeitsempfindens weiter existiert. Kleine Sünden, sagt der Volksmund, werden sofort bestraft, große scheinen dagegen nicht sündhaft zu sein, denn wie sonst sollte man damit durchkommen, ohne seine gerechte Strafe zu erhalten? Es ist schwierig. Wahrscheinlich haben wir es nicht verstanden. Wahrscheinlich haben wir es nicht besser verdient.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIX): Fake Work

27 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Entwicklung der Arbeitsteilung dürfte nach Expertenmeinung vielschichtige Gründe gehabt haben. Jeden nach seinen Möglichkeiten, jeden nach seinen Bedürfnissen arbeiten zu lassen war eins der auch in jüngerer Zeit bekannten Motive, die am Tierreich angelehnte Kooperation ein nicht zu unterschätzendes, schließlich die Aufteilung in Familien, Sippen und Kasten, bis zur Erkenntnis, dass nicht alle mit derselben Hirnrindenmenge an den Start gehen. Ganze Volkswirtschaften nahmen ihren Ursprung auch in der Tatsache, dass es immer irgendwo eine Knalltüte gibt, die die von fleißigen Kinderhänden gesammelten und auf weiche Stellen untersuchten Buntbeeren noch einmal kontrollieren muss, was der Qualität der Früchte zwar nicht zuträglich ist, aber eine gesellschaftliche Hierarchie im Arbeitsablauf erlebbar macht und für eine zusätzliche Position sorgt, die Verantwortung und Führungsanspruch innehat. Im Kontext der heutigen Konzerne ist dies als mittleres Management bestens bekannt, aus psychologischer Sicht als Fake Work.

Natürlich hat der Arbeitsfetischismus uns alle zwangsbeglückt, damit das kapitalistisch geprägte Luxusleben seine Berechtigung erhält und erhalten kann, bis irgendwann eine Maschine, ein Computer oder ein Kind in einem schmierigen Tümpel am anderen Ende der Welt unseren Job erledigt und uns damit demonstriert, dass wir für den weiteren Lauf der Dinge überflüssig geworden sind. Damit alle an den Segnungen der Vollbeschäftigung teilhaben dürfen, müssen wir leben, um zu arbeiten – der umgekehrte Weg erwies sich als gesünder, ließ aber oft die Börsenkurse nachgeben. Nützlich im Sinne der Arbeitsethik, jener von Luthers Lakaien im Selbsthass zusammengeschwiemelten Theorie der geistlichen Umnachtung auf schriftlicher Grundlage einer traditionellen Wahnvorstellung, in der Hexen fliegen können und Leibeigene an ihrer Herkunft selbst schuld sind, ist nur der, der wenigstens von außen den Anschein erweckt, als sei er tätig, ob nun produktiv oder zerstörerisch, aber letztlich doch in stetiger Aktion beim Verschandeln dieser Welt. Der moderne Mensch hat sich sein Ableben erst dann verdient, wenn er sich vorher kaputt gearbeitet hat, sei es am Fließband, sei es auf stressigen Reisen in brasilianische Laufhäuser, da die Funktionärsstelle eben zweckmäßigeres Tun nicht vorsieht; müßig zu sagen, dass für diese Verrichtung die erweiterte Kenntnis internationalen Strafrechts, ein Studium der Betriebswirtschaft sowie Erfahrung als Erbe einer Bonzendynastie zwingend vorausgesetzt wird.

Aber die Entwicklung bringt es an den Tag, und wir haben bereits genügend Erkenntnisse aus der jüngeren Vergangenheit gewonnen. Noch immer ist ein Großteil der Arbeitsabläufe unkoordiniert und bar jeder Struktur; die Rechnungskontrolle wird durch die Rechnungskontrollkontrolle geprüft, die mehr Zeit und Geld in Anspruch nimmt, als eine Handvoll Zahlendreher je kosteten. Längst hocken wir in endlosen Videokonferenzen und reden wirr aneinander vorbei, nachdem sich kurz und folgenlos der Gedanke eingeschlichen hatte, dass der größte Teil aller Besprechungen aus Buchstabentanzen und sinnlosem Singsang besteht, der, wenn überhaupt, mit einer Mail abgekaspert werden kann. Nun ist in der Überflussgesellschaft Verschwendung eine der Kardinaltugenden, warum also soll nicht auch Zeit aus dem Fenster geschmissen werden? Und so hat genug Personal der auf Wichtigkeit und Wirkung getrimmten Unternehmen die Aufgabe, Arbeiten zu wiederholen, doppelt zu erledigen oder zwischen Baum und Borke auszuführen, damit nach dem Ende der Unterbrechung der erste Teil wieder fröhlich von vorne beginnt.

Die Knechte in der Tretmühle haben in ihrer Sozialisierung trefflich gelernt, mit großem Getöse nichts zu tun, konstant busy auszusehen und gerade noch so viel Zeit zu haben, dass sie überall sagen können, sie hätten überhaupt keine Zeit. Wo der aus naheliegenden Gründen realitätsentwöhnte Chef zweiter Ordnung den Krawall der Kulis bemerkt, wird er den bevorzugen, der unter möglichst großer Lärmentfaltung den subalternen Seppeln Leistung vorturnt, hektische Action bei geistiger Windstille. Ein Schuft, wer nicht schuftet – bis in die delikate Dramaturgie wird exerziert, dass Abteilungsleiter minutenlang Aktenordner bündeln, um dann das Konvolut als Monstranz der eigenen Produktivität über den Büroflur zu wuchten. Ab einer gewissen Konstanz wird der Große Boss den Aspiranten mit auf seine Ebene nehmen und ihm Verantwortung für die Gehilfen übertragen, die rastlos rackern und dabei doch nicht mehr schaffen, als Sand auf einen Haufen zu schippen, der der Schwerkraft folgt.

Wir wissen, dass wir nicht essen sollen, wenn wir nicht zumindest so tun, als würden wir arbeiten; von Freude daran war nie die Rede. Die säkularen Mythen recyceln lediglich religiöse Märchen, der Kapitalismus bastelt sich aus den Relikten der Riten sein neomasochistisches Geschäftsmodell. Der eine sammelt die Beeren, der andere bringt sie nach Hause, der letzte frisst sie auf. Wie unverzichtbar sind wir doch, dass wir alle in diesem Prozess eine Rolle spielen dürfen, und sei auch nur, um andere vor dem Hungertod zu retten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVIII): Postdemokratie

20 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit etwas Glück landen die Aliens bald in einer Gartenanlage in Bad Gnirbtzschen – es ist nicht auszuschließen, dass sie bereits hier sind in Gestalt eines permanent zugesoffenen Soziopathen mit Kurzlunte, der unbedingt Kanzler einer sozial total unterbelichteten Nation werden will, weil ein Job als Chefabschmecker im Klärwerk ihn intellektuell überfordern würde – und verlangen, zu unserem Anführer gebracht zu werden. Je nach evolutionärer Bauart stecken sie sich Finger in Austrittsöffnungen ihres Stoffwechselsystems, implodieren, vernichten aus spontan entwickeltem Ekel die Zivilisation oder stellen fest, dass die Unterwerfung von ein paar Milliarden Torfschädeln durch eine Kleinstkaste moralfreier Arschgeigen reibungslos geklappt hat. Letzteres dürfte zu erwarten sein, wenn die grünen Gestalten noch auf dem Stand der Antike sind, die als Demokratie ein Staatswesen verkaufte, das nicht gerade Gleichheit und Menschenrechte versprach, aber zumindest mehr als die niederen Instinkte von ein paar Dumpfdüsen befriedigte. Aber das Modell hat seinen Zenit überschritten. Die Postdemokratie hat wesentliche Merkmale kaputtgespielt, die nicht zu retten sind, gewaltsame Versuche ausgenommen.

Die widerliche Inhaltlosigkeit jeglicher Art von politischer Auseinandersetzung, die den Wahlkampf zum Brechmitteltest degenerieren lässt, hat in den vergangenen Jahrzehnten den Zenit erklommen, auf dem die Niveaulosigkeit nun steht, von dem aus sie auf den Souverän herunterseicht. Ein kleiner Schritt vom Gemeinwesen zum Unwesen der Gemeinen, den die Parteien als Akteure eines Staates zunächst alleine gingen, um sich den Laden unter den Nagel zu reißen – natürlich nicht ganz alleine, denn was da nach oben gespült wurde, waren Dummklumpen, Parteisoldaten, geistig minderbemitteltes Pack, das Noten würfelt und über Gräber tanzt, und sie hatten immer einen dienstbaren Schmierlappen zur Hand, der als Berater Gesetze zusammenschwiemelte, die Profite als Branchenvertreter klein rechnete und als Interessenvertretung des Kapitals den Sozialstaat an die Wand stellte. Parteien und Konzerne filetieren die Gesellschaft und schmeißen den Abfall dem Volk vor, damit die gierigen Armen etwas fressen können und das Vorurteil der Emporkömmlinge ein bisschen besser bestätigt wird.

Zwar wird in diesem Gequassel gewählt, aber wozu? Wechselnde Koalitionen beliebiger Ichlinge ändern weder Richtung noch Geschwindigkeit der Talfahrt in den globalen Untergang, der der Plebs als Exekution des eigenen Willens vorgespielt wird. Während Wissenschaft und Bürgertum aus dem Bedeutungsnirwana fiepen, läuft die Verheerung der Heuschrecken planmäßig ab: erst das Aushebeln der Regierungen, dann der Parlamente, irgendwann werden Verfassungen überflüssig, Menschenrechte obsolet, und eine globalisierte Elite feiert die Wiederaufrichtung der Klassengesellschaft, wie sie sich Marx nicht besser hätte ausdenken können.

Die politische Kommunikation ist zum Füllsel in den Ritzen der Aufmerksamkeit zerkrümelt, das angebliche Staatsgeschäft wird zum Business der Sockenpuppen, die inhaltsentkernte Kasperade liefern. Der Diskurs findet in Talksendungen statt, in denen Entscheider ihre billigen Marionetten tanzen lassen, während sich das Deppensortiment mit talentlosem Gehampel zu erkennen gibt. Was als diskussionswürdige Problemfälle vorgegeben wird, das ewige Hochrülpsen und Nachkauen des Empörbreis, lenkt die verseifte Menge von den tatsächlichen Skandalen ab, die nur ja nicht öffentlich angesprochen werden dürfen – wehe, eins beschwert sich und pocht dann auch noch auf den Amtseid der Koordinationstrottel, die nicht einmal unfallfrei eine Kartoffel schälen könnten, wenn sie eine schriftliche Anleitung dazu bekämen. Hier und da steckt man einem Quotenhonk Kohle zu, damit er als Experte Milchmädchendurchblick antäuscht, aber wozu? Die Show wird davon nicht besser.

Aber das muss sie auch nicht, das Publikum hat längst verstanden, dass es Klatschvieh ist in einer realitätsallergischen Inszenierung des Weltendes, in der es sich die Privilegierten noch einmal gut gehen lassen wollen, bis der ganze Kulissenkrempel an die Wand klatscht und der Kaiser, die lallende Pottsau, nackt vor der Unterschicht steht und sie für ihren Hunger verhöhnt. Es wird in der Glotze kommen, präsentiert von einem elektrischen Garagentor, und die Märkte werden sich freuen, dass wir mit einer schwarzen Null absaufen, während gleichzeitig die Bilder vom Volk, das sich niederknüppeln lässt für eine sponsorenfreie Demokratie, wegen mangelnder Reichweite ausfallen, sich versenden und leider als gefährlich gelöscht werden müssen.

Das Problem am Status quo ist, dass er sich jetzt nicht mehr beliebig verlängern lässt. Schon hängt Angstgeruch in der Luft, weil den Hampelmännern die Düse geht, dass es eben doch Ausnahmen geben könnte, die sich gewaltsamer Mittel bedienen. Die sind als revolutionärer Akt reaktionärer Ratten nicht ganz unerwünscht, solange es die richtigen trifft. Vielleicht kolonialisieren totalitäre Staaten ohne das übliche Demokratiedefizitgejammer den westlichen Saftladen und sorgen für Ruhe. Mehr kann doch der Kapitalismus nicht verlangen, so kurz vor Schluss.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVII): Marx und die Vernichtung der Menschheit

13 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für den Materialisten ist die Sache einfach. Nach Sklavenhalter- und Ständegesellschaft kommt der Feudalismus, der Kapitalismus, dann geht kurz das Licht aus, und dann fegen die Sozialisten die rauchenden Trümmer des Neoliberalismus auf den Müllhaufen der Geschichte. Abgesehen davon, dass der Sozialismus für gescheitert angesehen wird, da man ihn zu oft ausprobiert hat, wobei das, was als Sozialismus verkauft wurde, nicht einmal mit der Verpackung übereinstimmte, fehlte der für jede gute Dialektik unerlässliche Bruch: es wurden nur die herrschenden Zustände legitimiert, wobei je nach Zustand die Herrscher wechselten. Gab es je einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, so wurde er von anderen Sozialisten mit Herrschaftsanspruch in eine ideologiekonforme Ausstattung überführt – der Mensch störte da nur. Wer sich die Zustände im heutigen Kapitalismus ansieht, Elend, Ausbeutung und Entfremdung, der kommt nicht umhin, Marx’ Theorie für gründlich gescheitert zu halten, weil der Wandel schon längst hätte kommen müssen. Das Ende der Zivilisation wird mit Naturkatastrophen in unsere Häuser gespült – hat mit der Vernichtung der Menschheit sich auch der Kommunismus erledigt?

Marx fehlte der letzte dialektische Schritt, er sah Globalisierung, Internationalisierung, Verstädterung als positive Entwicklungen hin zum Weltmarkt, der die Weltrevolution ermöglichen sollte, ohne sich über die Konsequenzen für den Lebensraum im Klaren zu sein, wiewohl die Grundregeln des dialektischen Materialismus dies zwingend hätten bedenken müssen: in einer Totalität besteht alles untereinander im objektiven Zusammenhang, alle Materien, alle Abhängigkeiten. Dass nicht alles die unsichtbare Hand des Marktes regelt, wusste auch er. Haben wir diese Welt, statt sie verschieden zu interpretieren, auch verändert, so wirken sich diese Veränderungen auf das Ganze aus, nicht allein auf Produktionsmittel und Kapital. Diese werden im Zweifel von den herrschenden Verhältnissen gut behütet, um die Veränderung zu verhindern.

Doch wir weichen aus. Hat sich etwa mit der hereinbrechenden globalen Katastrophe auch die Aussicht auf einen radikalen Umsturz erledigt und dürfen die Geldfetischisten sich bis zum Absaufen im steigenden Meeresspiegel an der Wertlosigkeit der eigenen Gehirnvortäuschung berauschen? Wäre dies korrekt, sie trieben mit dem Beelzebub den Teufel aus, indem sie den Verwertungszwang als Feind aller Nachhaltigkeit und die daraus resultierende Zerstörung des Planeten als Rettung begreifen, die den Untergang ihres Regimes noch einmal abwenden. Sie würden in Festungen leben, aber nicht aus Angst vor dem aufgebrachten Mob, sondern aus Furcht vor der sengenden Sonne, vor Wirbelstürmen und Flutwellen, während in ihrem Auftrag die Knechte noch immer die Erde untertan machen, oder wenigstens das, was noch davon mit bloßem Auge zu sehen ist.

Aber genau das ist der Denkfehler, der dem Kapitalismus zugrunde liegt: er setzt kurzfristige Ziele und fordert die sofortige Erfüllung, die sich in der Natur durch ebenso kurzfristige Maßnahmen nicht aufwiegen lassen. Einen Wald abzuholzen ist eine Sache von Tagen, ihn wieder aufzuforsten eine Aufgabe für Generationen, und nicht jeder Verlust ist mit einem gleich großen Gewinn aufgewogen, schon gar nicht für dieselben. Der Rest ist schlecht in die Umgebung geschwiemeltes pseudoreligiöses Geröll für intellektuelle Aufstocker. Was seit der Industrialisierung nur durch die Beschäftigung in möglichst billiger Lohnarbeit funktioniert, nämlich die Ausbeutung der Massen, wird dann kompliziert. Zwar kann man mit Millionen Klimaflüchtlinge in Europa beschäftigen, Bananen am Bodensee ernten oder gleich ganze Kontinente entvölkern, sobald in der tropischen Zone kein menschliches Leben mehr möglich ist, aber selbst mit technischem Fortschritt, wie ihn sich die Schnappatmungsplapperer auf der Kimme kloppen, wird es keinen Weg mehr zurück in eine normale Wirtschaft geben, die Rohstoffe rafft und sich am Erlös mästet.

Der Fachkräftemangel, das Märchen von den Massen, die leider nicht mehr für ein Butterbrot an die Arbeit gehen, ist nur der Auftakt. Spätestens mit dem Wegklappen der systemrelevanten Berufe kann sich dann die vermögende Schicht, die bisher als Investmentbanker die Moneten von Rentnern in die Tonne getreten oder durch Spekulation zuverlässig in den Entwicklungsländern für Hungersnot gesorgt haben, ihre Möbel selbst aus abgesägten Resten der Grünflächen zusammennageln, den Müll abholen und die Klos reparieren. Keiner backt mehr Brot, fährt es in den Supermarkt oder hockt an der Kasse, keiner steht mehr mit der Knarre vor ihrer Tür, um den klimatisierten Bonzenbunker vor Plünderern zu schützen – falls es noch Strom geben sollte, um die Bude halbwegs unter Fiebertemperatur zu halten, denn Windräder bauen sich auch nicht von alleine. Die Magnaten werden nicht mit Marx von der Platte geputzt, sondern durch etwas, das sie schlicht übersehen haben. Als würde eine Gesellschaft nicht an einer Pandemie krepieren, sondern an bockiger Verweigerung, Warnsignale zu beachten. Da ist noch Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXVI): Der überflüssige Staat

6 08 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als jemand Rrt sein Hornbärenfell geklaut hatte, gab es nicht viel bürokratisches Gewese. Er machte den Dieb aus, stellte ihn zur Rede, nahm sein Fell wieder an sich und schlug dem Täter den Schädel ein. Damit war nach damaligem Verständnis der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Polizei, Ankläger und Gericht waren noch nicht erfunden, und unter Gewalt verstand man das, was heute im engeren Sinn als solche gilt. Dafür musste die Sippe auch weder Steuern zahlen noch eine Baugenehmigung vorweisen für die Dreiraumhöhle mit Fließgewässer und Felsüberhang. Kein Ministerium verhängte für bunte Beeren Grenzwerte, dafür versprach keiner der Ältesten zinslose Kredite, wenn das Loch nach der Schneeschmelze knietief unter Wasser stand. Es zählte Selbstorganisation in sämtlichen Bereichen des Daseins, da kein Staat Vorsorge leistete. Wir hatten dies Ideal eines vollkommen überflüssigen Staates vorübergehend aus den Augen verloren, aber jetzt sehen wir ihn deutlicher denn je.

Nicht erst in durchseuchten Zeiten hat sich die marktkonforme Demokratie aus dem öffentlichen Leben verabschiedet und nachtwächtert dumpf vor sich hin. Zwar rüstet die neoliberale Verwaltung auf und militarisiert alles, was nur dem Schutz des Privateigentums dient, vulgo: das, was eine Rotte staatsferner Erben an Vermögen hortet, ohne die Öffentlichkeit mit Steuern zu belästigen, doch mehr nationale Struktur gibt es nicht mehr. Dass nur noch Privates, nichts Staatliches mehr Vorrang habe, hat man dem Volk bis zum Verlust der Muttersprache in die Ohren geschwiemelt, und wahrlich: es bliebt in der Hirnrinde hängen. Im Ergebnis blökt die ganze Herde etwas von Eigenverantwortung, wenn man sie nach der Verpflichtung zum Erhalt unseres Gemeinwesens fragen sollte. Feindbilder werden außen und innen zum Popanz aufgeblasen, nach dem Russen und seinem Sozialismus waren es die Ausländer, Flüchtlinge und Migranten, natürlich die Arbeitslosen, die sicher auch am Fachkräftemangel schuld sind, linsksversifft gendernde Ökoterroristen und Muslime, die der jüdischen Weltherrschaft den Rang abgelaufen haben – da braucht es zum Schutz der öffentlichen Sicherheit Wehr und Waffen, nur kosten soll der Schmodder halt nix.

Kaum stellen die rudimentären Regierungsreste fest, dass wir wie prognostiziert in der Grütze hocken, pandemisch im Hochwasser blubbern und dem Abwandern der Pflegekräfte in die Winzrente zugucken werden, während das bockige Beharren auf Pferdekutsche und Schreibmaschine statt einer überfälligen Digitalisierung Staatsräson ist, jammert das Gesindel aus den Kellerlöchern der Neocons jedem Groschen nach, den sie nicht in die Rosette gepfropft kriegen. Schon vollzieht sich das Paradox des ausgeleierten Laissez-faire: die Wirtschaft, die heilige Melkkuh der gierigen Dumpfdüsen, ergreift die Initiative und baut selbst Strukturen auf, für die der Staat vorher offenbar gar nicht zuständig war.

Während die Entscheider sämtlicher politischer Ebenen sich kollektiver Realitätsverweigerung üben und demonstrativ Däumchen drehen, platzt den Wirtschaftsunternehmen der Kragen. Sie dringen auf rationale Hygienekonzepte, wickeln den Test- und Impfzirkus ab, programmieren die Werkzeuge zur Warnung und Kontaktverfolgung, dieweil im Kanzleramt noch das Gehirngestrüpp des adipösen Quadratversagers zum Spontanerbrechen einlädt, und ziehen so das ganze Land aus dem Sumpf, in den die Kamarilla um einen korrupten, permanent zugesoffenen Grinseclown das ganze Land immer wieder reindrückt. Offensichtlich haben auch die Beraterbuden längst die Nase voll von den geistigen Heckenpennern, die man nur noch mit einer Runde Materialkaltverformung im Gesichtsschädel zu lebensähnlichen Äußerungen bringt. Der Staat ist für dieses Epizentrum der Behämmerten längst zum Selbstbedienungsladen geworden, den man auch ja in Brand steckt, damit sich kein anderer aus Not darin helfe.

Nicht einmal das scheinbar plakative Beispiel der Selbstjustiz ist aus der Luft gegriffen angesichts einer windelweichen Gesetzgebung zu Hatespeech und Mobbing, die die Durchsetzung des Rechts aber bequem den Konzernen überträgt und nur am Rande mäkelt, wenn diese staatliche Aufgaben nicht wie bisher erledigen. Sicherheitsdienste, die treu das Recht des Stärkeren umsetzen, sind auf Blut und Boden schon im Einsatz, bald ballern Armeen und Agenten um die Wette mit verfassungsmäßig bestallten Auslaufmodellen. Die Eindämmung der klimabedingten Schäden und der Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur – eh nichts mehr, bei dem man irgendetwas Staatliches in der Nähe wähnen würde – steht an der Abbruchkante der Demokratie. Wer würde einen Soziopathen, der im Müllhaufen steht und religiöse Wahnvorstellungen aus seiner Chymusrückgabeöffnung rülpst, auch ernst nehmen als Brückenbauer, wenn er vorher jedes Brett mit Absicht ansägt. Ein gesellschaftlicher Backlash in die vormoderne Welt, die soziale Schere als nicht zu ändernde Tatsache, ein Recht auf leistungsloses Einkommen für die Eliten sind die Folgen. Die unsichtbare Hand hat’s vollbracht. Die Anarchie ist nur noch eine Frage der Zeit. Für die Wirtschaft.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXV): Olympische Spiele

30 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatten die antiken Menschen für putzige Ideen, ihre jeweiligen Schöpfungsverantwortlichen mit körperlichen Auseinandersetzungen zu preisen, Wagenrennen und Faustkampf, Malerei und Tanz, und zum Schluss bekamen die Sieger Selleriekranz und Fichtenzweige. Am ehrlichsten waren noch die mesoamerikanischen Ballspiele, bei denen zum Schluss die Sieger geopfert wurden; heute wäre eine komplette Ethikkommission dagegen, weil die Bilder sich nicht vermarkten ließen. Immerhin kam die Idee des Ertüchtigungsturnens aus dem blinden Nationalismus, der als eine Art Gegengewicht die internationale olympische Idee zeugte, für die sich Amateursportler in fairem Wettkampf nach einem Stück Metall abstrampeln in den klassischen Disziplinen wie Tauziehen, Durch-Fässer-Hüpfen und Krocket. Was geblieben ist, ist ein mediales Sperrfeuer aus Markenbotschaften vor der Kulisse großflächiger Umweltzerstörung. Wozu brauchen wir noch Olympische Spiele?

Vermutlich würden es die ganzen Antibiotika alleine nicht in die Sportstätten schaffen. Sport ist, Juvenal wusste es, lediglich eine Angelegenheit intellektuell benachteiligter Muskelaffen, was der klassisch ungebildete Baron de Coubertin denn auch gründlich missverstand. Heute spielt er nur noch eine Nebenrolle, wie ein lästiges Anhängsel, mit dem man seine eigenen Geschäfte aufbläst. Der Ablauf ist seit Jahren geradezu gleich: nach einem Schmiergeldspektakel, von dem jeder weiß, wird eine der großen Industrienationen erkoren, die nächste Runde der Gigantomanie auszurichten, und klotzt je nach Bedarf beheizbare Skipisten oder ein luftgekühltes Stadion in die Landschaft, um den Sponsoren zu versichern, dass man notfalls auch auf dem Mars Marathon laufen könnte, wenn nur die Fernsehrechte an dem ganzen Schmodder in Sack und Tüten sind. Unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit versprechen die Konzerne gern die Wiederaufforstung sorgsam weggehobelter Wälder, während sie ganze Landstriche mit Beton so zupflastern, dass man es aus dem All sehen kann. Wo bisher Dörfer waren, Kleinvieh stand oder ein Naturheiligtum indigener Stämme, ballert ein Trupp regierungsnaher Architekten mit frisch gewaschener Kohle eine bigotte Bizarrerie in die Wunden der Welt – staatlich finanziert, auch wenn’s gerade im Auftrag diktatorisch herrschender Soziopathen ist, denn das Internationale Olympische Komitee hat lediglich ein gesteigertes Interesse an Glanz und Geld, nicht an der Organisation und Durchführung des ganzen Gezumpels. Wozu auch, wenn knackige Sportlerinnen genug nackte Haut und sekundäre Geschlechtsmerkmale in die Kamera halten, fühlen sich die tatternden Kalkschädel in der Chefetage wenigstens einmal wieder jung.

Die wandernden Werbefestspiele sind typisch für den Trickle-down-Mythos der Großkopfeten. Das herbeiprophezeite Wirtschaftswachstum fand nie statt, allerdings kann man allerhand moderne Ruinen besichtigen, die nach Abzug der Karawane stumm vor sich hinrotten. Auch die angebliche Kernidee, durch das Vorbild der Modellathleten den Breitensport zu fördern mit allen seinen sozialen und pädagogischen Vorteilen, verdümpelt elend in der Realität. Wie denn auch, wenn sich Staaten mit der Austragung der Monsterspiele tief in die Grütze reiten und hinterher Sparprogramme auflegen, um die Kosten für die stattgehabte Kirmes wieder reinzuholen. Immerhin werden regelmäßig Budgets für die paramilitärische Ausrüstung der Polizei erhöht: erst für die Proteste vor den Spielen, dann für die Proteste gegen die Austeritätsfolgen.

Und der Sport? bandagierte Invaliden hampeln am Stufenbarren, Eiskanäle werden ohne Rücksicht auf Sturzgefahr in dem Hang geschwiemelt, damit die rohe Botschaft von der Eigenverantwortung des athletischen Personals sich besser einhämmert. Die neoliberale Idee, alles zum Wettbewerb zu machen und nur den Sieger zu unterstützen, wirkt auch hier, wie man an Leichtathleten im Wüstenwind sieht: wer das überlebt, hat gewonnen. Zugleich zeigt die monumentale Inszenierung eines Mittelfingers gegen die reine Vernunft, dass den Regisseuren der Spiele der Klimakollaps längst reißpiepenegal ist. Die Aircondition im Stadion braucht ein mittleres Kraftwerk, das lustig die Welt verstrahlt oder noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre ballert – das einzige, was noch internationale Wirkung hat. Wir heizen mit Siegern. Dafür hätten wir einfach nur die aztekischen Ballspiele gebraucht.

Aber es geht voran, denn inzwischen sind auch die Zuschauer überflüssig. Es darf gehüpft, geturnt und geschwommen werden, ohne dass sich der Pöbel einmischt und an falscher Stelle klatscht. Im lummerländischen TV sieht man vorwiegend die lummerländischen Flummiweitdotzer, der Rest wird im Internet verklappt. Wahrscheinlich könnte man die ganze Sportsache auch noch rückstandsfrei aus der Öffentlichkeit kärchern, dann seiern ein paar larmoyante Berufsirre alle Jahre wieder an einem anderen ökologischen Krisenherd von der Liebe zu Sport und Spiel und lassen den ganzen Krempel von einem elektrischen Garagentor präsentieren. Da weiß man, was man getrost ignorieren kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXIV): Träges Wissen

23 07 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es musste noch nicht einmal besonders viel in der Entwicklung des Hominiden schiefgehen, um die Ausbreitung seiner Art mit Hilfe einer Auslese zu regulieren. Ugas Schwippvetter hatte in seiner Jugend oft die wohlschmeckende Buntbeere direkt vom Strauch genascht und dabei die grünen Früchte ausgelassen. Zwar schmeckten die nicht bitterer als andere unreife Pflanzen, waren aber in diesem Zustand höchst unbekömmlich und wiesen mit Brechdurchfall und Wahnvorstellungen den Weg in die ewigen Jagdgründe. Im vollen Mannesalter, was seinerzeit nur ein paar Jahre später war, hatte sich der von Bratspieß und Körnerbrei verwöhnte Kerl nun also ans Sammeln gemacht, unter Ausblendung des Instinkts alles in den Verdauungstrakt gepfropft, was nahrhaft schien, und war alsbald abgetreten. Schuld war nicht seine Dummheit oder gar die reine Vergesslichkeit, das Problem war das träge Wissen.

Im Gegensatz zum aktiven Wissen, das aus der Erkenntnis der Dinge entspringt, sich in einen pragmatischen Zusammenhang einbinden lässt – Schuhe zubinden, Uhr lesen, bei Traueransprachen Fresse halten – und Lebensalltag, soziale Normen sowie das Überleben als Individuum erleichtert, ist das träge Wissen selten Sachverhalt oder begründet durch das Für-wahr-Halten. Aktives und passives Wissen kann schwinden, auf natürliche Art, wenn die Hirnrinde weich wird, Kollege Nachtfrost oder sein Begleiter Alkohol sich häuslich einrichten. Passives Wissen, die Hauptstadt von Honduras oder der Unterschied zwischen Altona und Altena, sind dabei nicht ganz so gefährlich, es sei denn, man ist gerade Quizshowkandidat oder will unbedingt als Bundeskanzler untergehen. Aktives Wissen wie die Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden, ohne dabei Gleichgewicht und Impulskontrolle zu verlieren, ist da schon wichtiger; wer die Speicherkapazität der Biomasse des gewöhnlichen Bescheuerten auf dem Schirm hat, der weiß, warum der Klettverschluss erfunden wurde.

Es kann vielschichtige Gründe haben, dass das Wissen untertaucht. Zum einen wissen wir in alter Tradition immer noch, dass wir nichts wissen, was aber wir nicht wissen, wissen wir noch weniger. Wer nicht immer über eigenes Wissen nachdenkt – darf ich in die Kasse greifen, obwohl mich mein Amtseid eigentlich daran hindert, kann ich den ganzen Tag fadenscheinige Lügen rausrülpsen, die ein Eimer somnolenter Pantoffeltierchen als üblen Exponentialbullshit identifiziert – bekommt die schönsten Wissenslücken. Leider ist danach nicht mehr bekannt, wo sie sich befinden. Für Nappel, die nicht wissen, was sie denken, bevor sie nicht gehört haben, was sie sagen, kann die Lage schon mal garstig eskalieren.

Andererseits verheddern sich die meisten Lern- und damit auch nicht wenig Denkprozesse in einer gar nicht erst vorhandenen Struktur. Tschechische Vokabeln einzutrichtern mittels der Annahme, dass die reine Quantität der in die Birne geschwiemelten Wörter durch ein konstantes Verhältnis von Lern- und Vergessensleistung ausreicht, um irgendwann mit Bimsmethodik das Schweigen der Lemmata zu beenden. Das in vielerlei Fächern so berüchtigt wie sinnfreie Prüfungspauken variiert das Vorgehen, da reines Wissen verpfropft wird, eher in der Hoch- als in der Regelschule, und die notwendige Kompetenz zur Anwendung dieses Materials weder vermittelt noch examensrelevant verlangt wird. So kann sich der Kandidat fünfzig Sorten Hautpilz merken, von denen in der Praxis höchstens drei vorkommen, so dass er den Rest nicht einmal erkennen würde, wenn das ein Schild um den Hals trüge. Böhmische Begriffe und medizinische Terminologie hingegen als semantischer Smoothie brächte auch nichts. Nur zur Sicherheit, falls es jemand ausprobieren will.

Schließlich gibt es Deppen, die einmal Erlerntes nicht mehr anwenden können, weil die Anwendung auf nicht bekanntem Terrain sie überfordert: die Rettungsgasse auf der A1 lernen und auf der A8 nicht mehr wissen, wie es geht, auf einem braunen Klavier Stunden nehmen und dann am schwarzen Konzertflügel die Finger verknoten, ein Studium halbwegs zu Ende bringen, sich als Wissenschaftler etablieren wollen, Noten würfeln und dann mit Schnaps unter der Kalotte herumplärren, dass man seine verzweifelten Korruptionsbemühungen nicht von Wissenschaftlern korrigieren lassen will. Hin und wieder scheint das Wissen derart eng an den Kontext gebunden, dass schon eine minimale Veränderung der Uhrzeit ausreicht, um nachhaltiges Vakuum ins Oberstübchen zu saugen. Freilich ist das alles auch nur eine Mutmaßung, da wir nur erahnen können, wie weit sich ordinäre Dummheit zur Erklärung dieses Phänomens eignet, die so gut wie überall vorkommende Grundform jeglicher Niveauuntertunnelung, die wir erst bemerken, wenn wir auf Stelzen genau in die Löcher im Boden stapfen und eine flotte Einpunktlandung hinlegen. Der Trost der Welt scheint zu sein, dass jeder eine Chance bekommt, sich als dümmster Ernstfall im Laden zu profilieren. Bedauerlich ist die Quote derer, die diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollen. Denn manchmal liegen die ewigen Jagdgründe wirklich, wirklich weit weg.