Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXIII): Fertiggerichte

24 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst humpelt durch die westliche Welt, es hinterlässt Fettflecken am Türgriff, vermüllt die Landschaft, sein widerwärtiges Rülpsen lässt die Innenwände der Plattenbauten mählich bröseln. Es nähret kümmerlich von Opfersteuern und Gebetshauch die Dunstabzugshauben kompletter Reihenhaussiedlungen, die ohne seine Existenz nie in den ökologisch wertvollen Stadtrandboden gedroschen worden wären. Mit modifizierter Stärke lahmt das durch die Gegend, eine Vortäuschung von Leben, ungefähr so wertvoll wie ein Eimer gekauter Pappkartons, aber extrem laut und unglaublich bäh. Aus den Discounterregalen tentakelt sich das Zeug wie zufällig in die Einkaufskörbe, der unschuldige Kunde muss es unter Zwang verstoffwechseln. Es gäbe ja, ging’s nach ihm, niemals nicht gar kein Fertiggericht.

Der unter Industrieabfällen begrabene Rest aus Separatorendreck, Hühnerschlacke und Beifang, der im Polysaccharidschmodder dümpelt, ist trotzige Antwort auf den Bildungsmangel einer seicht verdeppten Ellenbogengesellschaft, Schlabber der Endzeit, Kapitulation vor den Schrecken einer bürgerlichen Gesellschaft, die der Beknackte mit der hilflos in Kitt geschwiemelten Interpretation von schnell erkennbarer Hausmannskost zu sich zu nehmen scheint. Tatsächlich würde der gemeine Hilfshonk die authentische Rindsroulade nicht einmal von ihrem hastig als Surrogat gezimmerten Zwilling unterscheiden können, wenn sie ihm das Bein wässert. Wozu auch. Er hat fertig, und mehr interessiert ihn nicht.

Denn der Bekloppte, kapitalistisch getrimmt auf kritiklosen Verzehr effektiv zusammengeklatschter Spachtelmasse, will nicht können, er will haben, und zwar sofort. Folglich pfropft er sich das knapp verdaubare Pendant zum Selfie in die durchweg geöffneten Schleimhäute: inhaltlich wertlos, man akzeptiert es nur, weil das Aussehen einem vertraut ist und der Hintergrund sowieso verschwimmt. Es schränkt nicht die Qualität ein, denn die ist hinfort ein irrelevanter Parameter: der Hunger treibt’s rein, der Ekel wieder raus, und letztlich gewöhnt man sich an alles. Mit wenigen Taschenspielertricks ist der kalorische Blitzkrieg sogar als Gehirnwäsche in der Lage, die herkömmliche Zusammenstellung aus Weißblechkonserven und Glasgemüse unpraktisch erscheinen zu lassen. In einem Arbeitsgang hebelt der Suizident überkrustete Proteine, Reisrückstand und Pflanzenteile zwischen verspätetem Abschied und Auferstehung auf den Teller, falls er den Schutt nicht gleich im Plastekryosarg in die knarzende Mikrowellenverbrennungsanlage schiebt: die Hälfte der Materie qualmt wie ein durchschnittlicher Tag in einem afghanischen Dorf nach dem Besuch der Air Force, alles andere hat noch knackigen Biss, da weiterhin kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Nicht einmal die Tütenbratkartoffel als unterstes Ende der Zivilisation, sonst der Horrorschocker unter den gutbürgerlichen Wirkungstreffern, nichts kann den Konsumenten von der Überzeugung abbringen, dass der für eine eherne Schmecke optimierte Pamps genießbar sei. Mitnichten, ist er doch nur ein grauenvoller Auswuchs der Technikgläubigkeit, die das industriell Machbare zum quasireligiösen Standard erhebt – dass es Forschern gelungen ist, Fleischkleinteile in Faserbündelgröße, molekular geschreddertes Pflanzenfett und diverse Zucker zum Heimaterdeeintopf Nazi Goreng zu komprimieren, einem Sperrfeuer aus gehärteten Glyceriden und Ballaststoffen, enthält schon die Verpflichtung, es sich in die Innereien zu stopfen.

Dabei spricht das zusammengenagelte Zeug der Selbstwahrnehmung Hohn, die Schnäppchen- und Geizkultur zur nationalen Kunstform erhoben hat. Der Bescheuerte erwartet nicht nur Gourmetware in vollendeter Qualität zum Schleuderpreis, weil ja inklusive Distribution, prekärer Personalkosten, Plasteschale, fünftklassiger Reklame und einer am Rande des Burnout torkelnde Rechtsabteilung der Krustenbraten aus der Makulatursau nicht nur ein Erlebnis an Natürlichkeit und Genuss garantiert. Dabei ist der Schleckschlamm lediglich das handelsübliche Verdickungsmittel, vorsichtshalber per Aufschrift mit fünfzig Gramm Portionsgröße auf medizinisch verträgliche Schadstoffwerte gedimmt. Das Readymade hat seine Entfremdung bis zur amorphen Asia-Pfanne mit Öko-Glutamat gesteigert, der Trickster der Entsorgungswirtschaft, der die Nahrungsaufnahme mit einer gewissen Anspruchshaltung so deformiert, dass Haltung und Anspruch in der Tonne verenden. Aber was erwartet man von einer Bausparerkaste, denen bizarre Recyclingversuche mit Fleischgeschmack sogar für Gäste außerhalb der direkten Nachkommenschaft ausreichen. Offenbar verstecken sich in der Masse genügend Ersatzstoffe für körpereigene Downer, die die Dröhnung an der Schleimhaut auspegeln. An sich hätte bei Markteinführung der orthogonalen Pizza ein enthemmter Mistgabelmob die Fabrik in Grundwasser führende Schichten einarbeiten sollen, aber was erwartet man von Querkämmern, die auf grobe Schmerzreize zu reagieren für die beste aller evolutionären Errungenschaften halten. Am Ende verkocht eh alles im einen, im letzten Brei.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXII): Die politische Lüge

10 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Zellkumpen aus der Ursuppe getraut haben, wurde es eigentlich nicht besser. Die Raubfische der Tiefsee täuschten mit blinkenden Dingern an der Rübe Fresschen vor und schluckten die Interessenten dann lebendig weg, aber anders machen Banken heute auch keine Reklame. Diverse Brutschmarotzer entsorgten ihr Gelege in Nachbars Nest. Aber erst der Hominide schleicht pfeifend ans Säbelzahnzicklein heran, krault es noch einmal am Bärtchen und zieht ihm dann die Steinaxt über die Kalotte. Sobald die evolutionäre Schlacke sich in Horden, Clans und Stämme teilte, wusste sie die Spaltung von Zunge und Tat zu nutzen. Das Talent zur Irreführung wurde zum Herrschaftsinstrument.

Das Dumme an der Lüge ist ja, man muss die Wahrheit kennen, weil sie sonst nichts auslöst. Und selbst da braucht es die feine Abstufung zwischen leiser Flunkerei und plärrender Räuberpistole, um das Heer der Blödkolben zu mobilisieren. Die Renten, schwafelte einst die abgesägte Glatze der Herz-Jesu-Sozialisten, seien sicher. Keiner habe die Absicht, Ehrenwort, eine Mauer, ich wiederhole: mein Ehrenwort, zu bauen. Read my lips. Trallala, da blühen die Landschaften. Inzwischen hat trotz funktionierender Portokasse der kleine Mann auf der Straße, dem die politische Lüge meist gilt, noch keine Segnungen des Fortschritts festgestellt, aber würde er die Wahrheit überhaupt vertragen?

Realpolitik ist letztlich nur das Kaufen von Zeit zu einem schwer verhandelbaren Preis, denn keiner weiß, wann er sich je im eigenen Seemannsgarn verheddert. Dass dabei mit doppelten Standards gearbeitet wird – Sozialismus war böse, die Waffen-SS liegt aber schon so lange zurück, und da waren die bedeutendsten Köpfe Mitglied, denen wir den Wiederaufbau zu verdanken haben – liegt nicht nur daran, dass Staatsräson ohne Machiavellismus nur selten standfest bleibt. Uneingeschränkte Macht ist nur dann zu erreichen, wenn in einem Arbeitsgang auch die Lufthoheit über die angeblich Klugen errungen wird; wird die Luft zu dünn, braucht es wiederum der Gewalt, um die von ethischen Resten befreite Herrschaft zu sichern. Aus einfachem Realitätsdesign schwiemelt sich alsbald die Macht Waffen für den Krieg gegen die Wahrheit.

Erzählt man also dem fluchtwilligen Briten, wöchentlich zahle das Land 350 Millionen Pfund Sterling an die Europäische Union, mit denen das gebrechliche Gesundheitssystem aufgepäppelt werden solle, so wäre diese Heuchelei mit einem kurzen Blick in die Bücher erledigt. Allein es wirft keiner einen Blick in den öffentlichen Haushalt, da es sich um Leimrute in der schlimmsten Form handelt: um das Versprechen, dem Quotengeziefer Geld zu schenken, sogar unter der Voraussetzung, hinfort vernünftig unters Volk zu jubeln, was zuvor dem Altbösen in den Rachen gepfropft ward. Dass die Verwirrung mit pseudomoralischem Anstrich in die Öffentlichkeit tritt, ist nicht neu, sondern wird planmäßig ausgeführt. Wer aber glaubte nicht der Lüge, gereichte sie genau den Richtigen in der Gesellschaft zum Guten?

Der Bettnässer von Braunau hat die Propaganda nicht anders behandelt, und das mit dem Twist, der ihn zum König der Aluhütchenspieler adelte: die Lüge, zumal eine, die den Regelbruch innerhalb der politischen Struktur zur Folge haben würde, per Dekret als konstituierendes Element einer anderen Wahrheit einzusetzen. Indem sie sich gegen alle offensichtlichen Beweise des Gegenteils abdichten, wird ihr Kahn noch nicht wasserdicht, säuft aber langsamer ab. Da mit dem Krieg die Wahrheit als erstes stirbt, ersetzt man sie vorsorglich mit der Alternative zur Wahrheit; sie stabilisiert sich, indem sie sich auf die Dümmsten stützt, die zwischen Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden wollen, und aus allerlei Lautsprechern quillt, deren Ausstoß den Tiefstbegabten als wahr gilt, weil er das Leugnen locker übertönt.

Wahrhaftigkeit war nie eine politische Tugend, und noch selten hat sie das Politische oder die Welt verändert. Gefahr für die auf Realitätsverweigerung beruhende Räson jedoch entsteht schneller als das Rettende, wenn sich der staatliche Notstand auf der Grundlage einer moralischen Umwertung der unmoralischen Werte verfestigt. Wie die Gewalt die Wahrheit liquidieren kann, so wird Politik, meist als national borniertes Geschäft verstanden, früher oder später durch die heraufbeschworene Gewalt wieder entfernt, da Blut und Eisen noch nie eine dauerhafte Macht, geschweige denn Koexistenzen gezeitigt haben. Wer Zügellosigkeit und Habsucht in seiner eigenen gründlich verdübelten Restexistenz findet und sie zur Triebfeder des übrigen Mistgabelmobs erklärt, der irrt; nicht der Zweck heiligt die Mittel, die Mittel schlagen beizeiten zurück. Denn keiner, der nur bewundert werden will, wird von denen bewundert, die nur bewundert werden wollen. Derer aber, abgesehen vom destruktiven und ausbeuterischen Rand der Clique, gibt es mehr als genug. Man lügt sie nicht an, und wenn, dann nur einmal.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXI): Die konservative Chimäre

3 02 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Gespenster gehen genug um, meistens sieht man schnell, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – bis auf den Faschismus, der Stoffwechselergebnisse aufbraucht – und bezieht entsprechend Stellung. Der Sozialismus sagt, der Mensch braucht keine Bananen. Der Anarchismus erlaubt Bananen, nur nicht ihre alleinige Nutzung. Der Liberalismus ist nicht gegen Bananen, Arbeiter dürfen sie anbauen, ernten, verschiffen und käuflich erwerben, essen jedoch nur ein paar korrupte Klötenkönige. Die nur noch selten auftretende Mische aus Katholiban und Evangelikazis verteufelt die Banane, da sie nicht in der Bibel auftaucht, gesteht sie aber ein paar sehr Gläubigen zu, für die Gesetze sowieso nicht gelten. Nur der Konservative steht alleine im Bananenhain, weiß alles, kann aber nichts erklären, und ist fein raus. Seine Politik steht für alles, aber auch für gar nichts, und genau das macht er seinen Anhängern klar. Seine Ideologie ist die konservative Chimäre.

Denn Konservatismus ist politische Ideologie ohne Programm, Philosophie oder Perspektive. Die Anhänger dieser Bewegung wollen alles, nur keine Bewegung. Zwar wissen sie, dass die Zeit noch nie für sie gearbeitet hat, aber genau deshalb wollen sie zurück, um keine positiven Utopien entwerfen zu müssen. Sie vermeiden strategische Ziele, und sie tun es nicht ohne Bedacht: je mehr ihnen aus reiner Konzeptionslosigkeit die Welt aus den Fingern gleitet, weil der Wirklichkeit Parteikarrieren wumpe sind, desto hektischer gerät das entschiedene Durchgreifen zum reinen Aktionismus hampelnder Marionetten, die erst in totaler Panik wieder zur alten Überzeugung finden, dass Angststillstand in Krisensituationen noch immer am besten ist.

Abgesehen von Rechts und Links geht dabei der Gesellschaftsentwurf nicht weiter, man kann ihn nur noch in die graue Vorzeit zurückkatapultieren. Darum ist inzwischen auch der Rechtspopulismus so attraktiv – man hasst seine Vergangenheit vorwiegend wegen ihrer unangenehmen Symptome, aber immerhin kennt man sie – und nicht der linke, den man für Abklatsch hält, nachdem sich die sozialdemokratische Idee erfolgreich suizidiert hat. So wird konservative Anschauung, die auf Welt größtenteils verzichtet, zur reinen Politik, die für ihre Selbstbespiegelung keine Menschen nötig hat, sondern nur einen Staat, der dem kollektiv in tiefes Selbstmitleid gesunkenen Kompetenzimitat eine aus keimfreien Zutaten hastig zusammengenagelte Ersatzreligion bietet: Du bist nichts, dies Ding ist alles. Genau so regiert das auch.

Amüsanter als alles andere ist die konservative Einsicht, die menschliche Vernunft sei beschränkt und könne ohne die Vorsehung einer um die Sonne kreisenden Teekanne, zu klein, um sie jemals zu entdecken, nie die unbewusste Weisheit der Ahnen begreifen, und die Empirie gibt ihnen recht: sie bemerken es als Letzte, dass sie eine Gesellschaft in die Scheiße geritten haben, und immunisieren sich wirksam gegen jede Verantwortung. Immerhin sind sie klug genug, sich selbst für dumm zu halten, und leiten aus der Erkenntnis den Anspruch ab, klüger zu sein als alle anderen. Mal ehrlich, was soll da schon schiefgehen.

Daraus entsteht die geradezu groteske Dialektik von geradezu religiöser Wissenschaftsfeindlichkeit und hysterischem Fortschrittsglauben, der an den Rändern gerne in tobsüchtiges Nachgeplapper von Zauberformeln eskaliert, die ihnen Wirtschafts- und andere Pseudoforscher hinterlassen. Alles geht, der Mensch wird schon irgendwann zur Sonne fliegen, fleißiges Beten schafft Arbeitsplätze, und dass der Neger in Europa nichts zu suchen hat, ist durch ein Bauchgefühl hinreichend legitimiert. Die in diesem Milieu siedelnden Parallelexistenzen lehnen alles ab, vorrangig aber das Fremde, Andersartige, kurz: das, was seit Jahren bis Jahrzehnten eine Mehrheit als Normalität ansieht. Sie verachten nur nicht ihresgleichen, denn das wäre egalitär, widerspräche ihrem im Mittelalter fein auf Flaschen gezogenen Klassismus und ließe sich nicht mehr mit den alten Etiketten als Vielfalt des historisch Gewachsenen verkaufen. Wenn es schon immer so war, muss es auch immer so bleiben.

Der Konservatismus will zurück zur Natur, am liebsten in atomgetriebenen Dampfwalzen, und hat bisher immer sein Möglichstes getan, um sich in den Paradoxa seiner eigenen Motivation gründlich zu verheddern. Wo immer der Mensch die Zukunft nicht überblicken kann, gerät er in Sorge, und was triebe das geistig ungesegnete Proletariat besser in die Angst, als sie zu beschwören. Der autoritäre Charakter, den er so schätzt, funktioniert nicht mit Toleranzen, die es erst seit Jahrzehnten gibt, und so erschließt sich, dass der Konservatismus an einer Neurose leidet, die er mit möglichst vielen teilen will – kein Wunder, Feiglinge kommen in einem dunklen Keller selten alleine zurecht. Ursprünglich waren Naturschutz, ein christliches Menschenbild und Verfassungstreue in Verdacht, als konservative Werte durchzugehen, aber längst wird man dafür als linker Vogel bespieen. Denn man will ja damit der normativen Wirklichkeit mit Widerstand begegnen, und wogegen lohnt sich Widerstand mehr? Gut, die Schwerkraft. Aber wäre das mehrheitsfähig?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLX): Die historische Fälschung

27 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Childegund, CEO von Kalumbrien und eine der gefährlichsten Frauen des frühen Mittelalters, hatte ein Problem. Ihr Vetter Aldarich war schon lange scharf auf die Grafschaft Exonia, kriegte aber für einen Feldzug nie genug Truppen zusammen. Da besann er sich auf eine Kriegslist. Mit Hilfe seines Anwalts Dr. Laubenheimer schwiemelte er ein gar hübsches Pergament hin, auf dem der von Erzvater Æþelmulð unterzeichnete Vertrag zur Übergabe des Territoriums an die fettleibige Seitenlinie stand. Schöner Mist. Aber was sollte man machen. Ein Wahrheitsministerium gab es noch nicht.

Um dem Offensichtlichen kurz die Ehre zu geben: die Geschichtswissenschaft ist zum größten Teil das Geschäft, alles herauszusieben, wo man die Realität mit zufällig anwesendem Zeug aufpolstern ließ. Es wurde mehr, öfter, schamloser geschönt, geprellt, gefoppt, jeder tat es und niemand hatte ein Interesse am Aufkippen des Schwindels. Vielleicht waren diese Epochen ein Eldorado für Lügenbolde, vielleicht musste man angesichts der Gegenseite auch gewohnheitsmäßig die Wahrheit anpassen. Die Historie ist ein Märchenbuch und manche Seiten sind von minderer Qualität.

Politik war schon immer ein verhältnismäßig populistisches Geschäft, dessen Akteure mit der Wahrheit nicht viel am Hut hatten, wenn es der guten Sache dienlich war, und das ist im Zweifel immer die eigene. Gaius Iulius Caesar, der Welt vor allem bekannt als Autor der Commentarii de Bello Gallico, wusste durch nüchterne Kürze den Anschein des rationalen Checkers zu erwecken, der mit seiner Schilderung der Elche, die keine Kniegelenke besäßen und nur an Bäume angelehnt zu schlafen vermöchten, allenfalls aufschäumende Fantasterei produzierte, nur noch getoppt von des älteren Plinius’ Historia naturalis, in der er dem Trughirsch – noch so eine evolutionäre Raubkopie! – könne wegen seiner hervorstehenden Oberlippe nur im Rückwärtsgang grasen. Gaius kam nur bis Stabiae, die skandinavischen Abenteuer geben den Kritikern der Elche bis heute nicht recht.

Nicht besser waren die Chronisten, die Marie Antoinette den Schnack mit Brot und Kuchen ins Mäulchen legten. Schon 1760 schob Rousseau sie einer Potentatin unter, die Bürgerin Capet indes, verwöhnter Teen und allem Anschein eher gutmütig als elitär, wäre nicht einmal auf eine so brillante Sottise gekommen. Aber was nicht wahr ist, muss wenigstens gut erfunden sein, um das Gewissen der Henker zu versöhnen. Was alle glauben, kann so verkehrt nicht sein, und wer ließe sich nicht einen Bären aufbinden.

Seit der Ausbreitung des Drucks gierte der Pöbel nach dem Unerhörten; welcher Kaufmann schlüge noch um die Wende zum 18. Jahrhundert das todsichere Geschäft aus, die Höchstmerckwürdige, doch gewisse, und in denen dieserhalb gehaltenen Acten gegründete Nachricht, von einem abscheulichen Drachen, welcher sich zu Gattersleben, ohnweit Bernburg, den 23. Aug. a. c. früh nach 1. Uhr, in dem dasigen Glocken-Thurme, zu großem Entsetzen der erschrockenen Einwohner, sehen lassen unter die Leserschaft zu jubeln, damit der Rubel rollt. Drachen! Entsetzen, aber hui! Augenzeugen, yeah! Heute heißt das BILD sprach als erstes mit dem Toten, und keiner kauft’s.

Was heute als Fake News verschrien ist und im Verdacht steht, die Geschichte auf den Kopf zu stellen, war in vergangenen Epochen nur ein Mittel, dem Lauf der Welt Beine machen. Konstantinische Schenkung? erschtonken und erlogen! Hamburger Hafenrecht? Schummel und Schmu! Pseudoisidor? Privilegium Maius? sauber über den Löffel balbiert und für dumm verkauft. Der Bryce-Report warf 1915 deutschen Soldaten vor, belgischen Kindern die Hände abzuhacken. 1990 verbreitete eine US-amerikanische Kampagne, kuwaitische Schwestern rissen Frühgeborene aus dem Brutkasten, um sie auf dem Boden sterben zu lassen – ganz ohne alle Massenvernichtungswaffen, daher sicher wahr. Die Welt will nicht nur beschissen werden, sie weiß es und mauschelt zurück. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass wir heute über eine bessere mediale Grundausstattung verfügen und mit etwas Hirn unter der Kalotte Falsifikate von der Wahrheit unterscheiden können sollten. Die gedopte Realität macht jedem X ein U vor, hält Narren zum Narren und seift alles ein.

Dass uns die historische Einordnung nicht recht gelingt, liegt weniger daran, dass wir die historische Dimension nicht sehen wollen; der übliche Depp ist nicht bereit, seine Existenz in einem Zeitkontinuum zu betrachten, er hält sich für wesentlich klüger als die Erfindergeister der Spätantike und natürlich für erheblich kritischer als die, denen man vor zehn Jahren dieselben Märchen erzählt hat. Die Evolution ist nicht machtlos, aber sie ist ehrlich. Man sieht es nur so ungern, weil man sich lieber falsche Tatsachen vorspiegeln lässt – für den eigenen Vorteil.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIX): Die Kriegserklärung der Terroristen

13 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bürgerinnen und Bürger kaufen vollkommen unbehelligt Backwaren im Fachgeschäft, benutzen öffentliche Verkehrsmittel, hören Rundfunk oder tragen Schuhe, als wäre nichts geschehen. Als seien wir nicht längst in höchster Not, wahlweise: tiefster Verzweiflung. ’s ist Krieg, und ich begehre, dass es auch uns an der respektiven Sitzfläche vorbeigehe, allein es wird uns ja plausibel eingeredet. Der Krieg gegen den Terror hat uns seit Jahren im Würgegriff, nur dass wir es nicht wirklich bemerken.

Es ist weniger das Problem, dass den westlichen Demokratien die Terroristen den Krieg erklären; es ist wesentlicher, dass Fachkräfte für Sicherheit und Hysterie bis hinunter zur Regierung die Erklärung für bare Münze nehmen und aus der Geschichte so gar nichts gelernt haben, was passiert, sobald eine klinisch bekloppte Rotte esoterisch verbogener Dummklumpen ein komplexes Verwaltungsgebilde durch nächtliches Geheul angreift: nichts. Jedes System, auch das einer westlichen Demokratie, ist aus ersetzbaren Personen aufgebaut, die sich durch ihre funktionale Wiederverwertbarkeit erst als gute Untertanen einer Ungelehrtenrepublik erweisen, so ihnen die angewachsene weiße Weste nicht vom inneren Dreck verfleckt wird. Sprengt den Minister in die Luft, es wird ein anderer kommen. Ballert der Generalin ein ganzes Magazin in den Schädel, und sofort schnalzt eine Kippfigur mit ihrem Umriss in die politische Landschaft. Hase und Igel, so heißt das Spiel. Wir werden immer schon da gewesen sein, wo ihr nie hinkommt. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.

Doch statt die offensichtliche Wehrlosigkeit der Ballermännchen zum Bersten zu bringen, schenkt der großherzige Staat dem Klötenkollektiv einen Vorsprung im Gewaltmonopoly. Das Habitat des Terrorismus ist naturgemäß die Schummerzone, in der Kriminalität mit Kriegsrecht zu bekämpfen versucht wird – als würde man mit dem Völkerstrafrecht jedem Nachbarschaftskrach in der Waschküche zu Leibe rücken. Doch das ist nicht der Widerspruch. Man redet dem Volke ein, dass es sich im Krieg befände, sobald es nicht in Frieden leben könne. Sind dann die freundlichen Mühen des Haushalts um eine Sozialkürzung zugunsten eines üppigen Rüstungsbudgets gleich Krieg?

Die asymmetrische Kriegführung wird offenbar nur von denen als schief betrachtet, die nicht um die Niederlage fürchten müssen. Denn Krieg wird nur durch die Reaktion im Innern erzeugt – ein paar unmotiviert abgeschossene Brandpfeile rufen wenig Jubel hervor, wenn sie im zivilisatorisch kaum erschlossenen Gebiet landen, wo wenig verkohlt. Zudem wertet der Kriegsbegriff den Gegner ohne Notwendigkeit noch Rechtfertigung auf. Wer eigentlich nur grenzdebiler Fanatiker oder aus dem Mistgabelmob rekrutiertes Schimmelhirn ist, pfropft sich alle Körperöffnungen voll mit der Schmeichelei, zum Widerstand geadelt zu werden. Man schmeißt einen Sprengsatz, schon ist man dem Staat ebenbürtig. Mehr tapfere Ignoranz kriegt man ohne eine ganze Dose Lack auf ex nicht hin.

Sind die Schlachten des Terrors Niederlagen für den Staat oder die Regierung? oder für die Völker? Und sind es Siege für die hastig nach eigenem Maß zusammenschwiemelte Kernzieltruppe einer behandlungsresistenten Geltungsneurose? Sauber vorbei. Was sich da als Rebellenarmee geriert, ist in Wirklichkeit nur ein aus dem Ruder gelaufener Kegelverein, der notfalls ein bisschen jähzornig verkündet, er sei das Volk. Eine Möchtegern-Guerilla ohne Bodenhaftung vertraut auf die kopflosen Hühner einer echten Regierung, die die Schmutzarbeit übernimmt. Jede Terrorstrategie lebt nur von der Repression der Gegenseite, sozusagen als umgekehrter Kampfsport: man nutzt die fremde Energie, um sich gekonnt auf die eigene Schnauze zu packen. Krieg gegen den Terror wird so Terror gegen den Krieg.

Der Gegner gewinnt, indem die Bekloppten des eigenen Lagers Brandsätze werfen: Überwachung und Kontrolle, Diskriminierung und Defizite der Demokratiedurchsetzung. Bald dient der Terror nur noch als Popanz, vor dem sich eine melodramatisch veranlagte Kaste inszeniert, als sei sie allein aus unersetzlichem Heldenmaterial gebacken. Sie sind bereits als Opfer auf die Welt gekommen, fühlen sich zum Glück immer angegriffen und müssen nicht erst in den Krisenmodus schalten; sie haben ihn erfunden. Zum Glück bekommen sie die notwendige Katastrophe fertig geliefert, zumindest das, was sie für eine Katastrophe halten. Alles ab zwei Toten – das Äquivalent zu einem mittleren Autobahnunfall – passt ins Raster. Man kann dem Terror gegenüber gleichgültig sein, man sollte es eigentlich auch, aber welche Regierung würde diese Indifferenz gegenüber einem Krieg erlauben?

Irgendwann mündet jeder Krieg in eine Verhandlung, auch und gerade die Kriege, die aus demolierten Verhandlungen erst entstanden waren. In welchem Aggregatzustand von Dummheit muss man sich befinden, um mit Straftätern einen staatsrechtlich relevanten Deal abzuschließen? Wer das täte, wäre ja ein feindlicher Zivilist. Immerhin einer, der keine Gefangenen macht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVIII): Die Suggestivfrage

6 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fassungslosigkeit in Bad Gnirbtzschen! In einem Akt roher Brutalität, vermutlich enthemmt von der Erderwärmung, hat ein Schneesturm das Vordach der Bushaltestelle zum Einsturz gebracht! Die Anwohner sind, man müsste schon sehr weit ausholen, um dies nicht zu sehen, natürlich total aus dem Häuschen, nicht zu sagen: es herrscht in diesem bisher so unschuldigen Städtchen, das eigentlich eher ein Örtchen ist, ein hübsches kleines Fleckchen voller Schönheit zwischen den vereisten Seealpen und dem Kaukasus, es herrscht hier das reinste Chaos! Keiner weiß noch, was er denken soll, und da ist es gut, dass Enrico Bühse, der vom Dunkeldeutschen Rundfunk ausgesandte Reporter, dem zitternden Bürgermeister – es ist immerhin gut zwei Handbreit unterhalb des Gefrierpunktes – das monströs bepuschelte Mikro in den Rüssel drückt und atemlos die goldene Frage stellt: wie entsetzt sind die Gnirbtzschener?

Die insinuierende Formulierung, und genau das soll sie, ist die Mutter der neuen Berichterstattung, die vieles tut, nur eben nicht Bericht erstatten. Ein friedlich ruhendes Dörflein, wo der Bautrupp im Halbtran die Scheibe auswechselt und ein wenig Schnee fegt, versetzt den Zuschauer in seiner kaum zu überblickenden Masse nicht in enthemmte Wut über die finsteren Mächte. „Wie überrascht waren Sie“, sülzt Bühse die Anwohnerin Mandy Ö. (24) an, „als der Schnee neben Ihnen aufs Pflaster fiel?“ Mandy versteht viel, nur eben nicht den medialen Zusammenhang, gibt sich, einmal im Fernsehen, größte Mühe und lässt verlautbaren, sie sei „ja doch ziemlich“ überrascht gewesen. Nicht so sehr wie eine Stunde später, als die Milch überkochte, aber danach hat ja wieder keiner gefragt, und schon gar nicht so suggestiv.

Wie empört war der durchschnittliche Gnirbtzschener, als das neue Vordach, gerade erst im Sommer ins Wartehäuschen integriert, auf Kosten der Allgemeinheit ersetzt werden musste? Er wird das vielgestaltig und in breiter Lethargie in den Spuckschutz nuscheln, weil ihm der Vergleich fehlt. Mehr empört als beim Ausfall der städtischen Beleuchtung oder weniger? wilder als bei der großen Bierknappheit im vergangenen Sommer oder nicht? Die sorgsam in vertraute Muster geschwiemelte Frage ist nicht investigativ, denn sie wünscht nichts zu finden, was der Medienhonk nicht zuvor sichtbar in die Landschaft gestellt hätte. Das vorgekaute Werturteil des Dompteurs ist nur besser für die funktionierende Dramaturgie des Fragespiels. Mit der einfachen Feststellung, die Einheimischen hätten den Sachschaden erwartet, ist jede aufkeimende Hysterie sofort erstickt, und nichts ist es mit dem drohenden Weltuntergang am entglasten Unterstand.

Auf der nächsten Stufe, der Bericht ist schon in der Abendschau angekommen und wird durch die Mühlen der Moderation geprügelt, legt ein sprechender Polyesteranzug seinerseits dem gut trainierten, aber verbal hilflosen Außendienstler das Verzweiflung heischende Gerümpel vor. Wie sehr sorgt dieser unvorhersehbare Vorfall unter Bürgern für Empörung? Wenn die Gemeinde wegen eines neuen Vordachs jetzt für Wochen im Niederschlag stehen muss, wie sauer sind die Gnirbtzschener auf das Montageunternehmen? Und da überall schon die Steuerzahler die Dummen sind, deren Geld man aus reiner Bosheit verschwendet, wie stark würde sich der Unmut der Bevölkerung gegen den mit der Sache offensichtlich überforderten Bürgermeister richten, wenn dieser die überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung wegen des beschädigten Dachs verschöbe? Alles nicht denkbar, alles nicht entfernt im Einklang mit der Wirklichkeit, aber es gibt eine vortreffliche Krawallinszenierung her, vollgepumpt mit Emotionen, dank derer der Fuzzi am anderen Ende der journalistischen Nahrungskette sein dünnes Süppchen mit ordentlich Schmalz auffetten kann – die mit dem Holzhammer zur breiten Öffentlichkeit geklopfte Glotzerschicht weiß jetzt, welchen Standpunkt sie zu vertreten hat, da sie den Ansprüchen genügt, die sie via Mattscheibe an sich selbst zu stellen hat, um halbwegs normal zu gelten.

Auch so funktioniert der Ausnahmezustand, in dem die Meinungssucher abweichend von ihrer eigentlichen Aufgabe so tun, als interessierten sie sich für Fakten – sie suggerieren jedoch dem Subjekt und Objekt ihrer Berichterstattung nur, dass es sich an ein quasi-normatives Konzept irrationaler Verarbeitung von Dingen zu halten hat, um nicht in der Berichterstattung negativ aufzufallen. Wie gespannt warten die Gnirbtzschener auf die Entscheidung des Herstellers, das Glasdach auf Kulanz auszutauschen? Ist nicht trotz allem im Dorf noch eine gewisse Bitterkeit zu spüren, dass das fast vier Tage gedauert hat, während derer es nicht zu Schneien aufhörte? Wird sich die Unruhe hier in absehbarer Zeit weiter aufschaukeln?

Sollte in Bad Gnirbtzschen je ein Erdbeben stattfinden, die Einwohner täten gut daran, sich nur schriftlich zu äußern. Denn steht erst der Dunkeldeutschen Rundfunk vor den Toren, dürfte das kleinste Problem immer noch das Erdbeben sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVII): Das Promiquiz

16 12 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich endete die Steinzeit mit dem großen Knall unterhalb des Felsüberhanges am Tümpel der westlichen Schutthalde. Zehn Häuptlinge, die in vorgerücktem Alter von knapp dreißig Jahren ihre Weisheit und Lebenserfahrung unter Beweis zu stellen bereit waren, kriegten während des Meetings ordentlich Schotter auf die Rübe. Die Intelligenzija des zivilisatorischen Brennpunkts war platt, dafür blieb der Gedanke hängen, dass sie auch nicht viel klüger waren als die bucklige Verwandtschaft. Der Verdacht, man habe aus einem gewissen Fatalismus an dieser Stelle beschlossen, bereits einschlägig bekannte Eumel in politisch wichtige Positionen zu hebeln, um schon nach dem Anblick ihrer Fressen auf dem Wahlplakat die ganze Veranstaltung für sich abhaken zu können, ist unwiderlegt und ebenso wenig bestätigt. Vielleicht platzte diese Erkenntnis erst wieder mit der Erfindung der Glotze auf, die allerlei abseitiges Personal braucht, um die Masse der Teilnehmer vor dem finalen Koma zu retten. Nicht auszuschließen ist, dass so das Promiquiz entstand.

Ein halbes Dutzend Knalltüten aus der Randlage hockt im Abendprogramm, braucht ausnahmsweise nicht zu singen, zu hampeln oder sich selbst in die Linse zu halten – man weiß noch nicht, ob sie selbst oder der Zuschauer dafür dankbarer sein sollen – und tritt in leichter Broschur auf, um die Hauptstadt von Vanuatu zu erraten. Das wäre bereits eine erschöpfende Beschreibung eines erschöpfenden Phänomens, die geistlos über die Mattscheiben der Nation dümpelt, immer dessen eingedenk, dass mit den Visagen im Breitwandformat die Botschaft jenseits jeglichen Glaubens ankommt: ich könnte auch anders, aber ich stehe hier und halte zur Abwechslung mal keinen Schmierkäse und keine Zahnbürste vors Gesicht, sondern zeige, schlimm genug, mich als Figur. Kauf mich.

Testläufe mit allerlei grottoiden Figuren hat die Talkshow männiglich unternommen, und keiner blieb bisher den Beweis schuldig, dass noch der glitschigste Dämlack zu jedwedem Ramsch eine dezidierte Meinung unter sich lassen kann. Der Seriendarsteller, der Drittligakicker, die aus dem TV berüchtigte Köchin schwiemeln sich allerhand Anschauung aus dem Gekröse, als sei es schon eine Leistung, bisher zum Thema noch nichts gewusst zu haben. Beim FC Teutonia regelmäßig die Blutgrätsche in die Grasnarbe zu furchen reicht also aus für komplexe Betrachtungen des Staatsrechts, da der unbedarfte Zuschauer am anderen Ende der Berieselungspumpe mit derselben Einfalt dem sendertypischen Torenjubel lauscht. Die hinlänglich bekannten Darsteller sind eben nur dies: hinlänglich bekannte Darsteller, abwaschbar, leicht zu entfernen und mietbar für jedes Gefiepe im weißen Rauschen der Nullinformation.

Selten genug porträtiert eine der Anstalten einen Kultur Schaffenden, bei dem das also angefertigte Bild unfallfrei zu geraten verspricht. In der Regel bietet sich automatische Schadensregulierung an.

Doch nun das Quiz: aus Film, Funk und Wahn präsente Dauergesichter geben sich plötzlich wie volksnah, erspielen am Ende Geld für den guten Zweck – besser noch wäre freilich gewesen, die Anstalt hätte die Kohle kommentarlos an Tierschutz und Deppenhilfe überweisen, anstatt die Umwelt knapp zwei Stunden lang mit einem Potpourri der Parallelexistenzen in die Hirnembolie zu treiben – und machen unter Applausspenden publik, dass auch sie die Allgemeinbildung eines mittelgroßen Backsteins mit sich herumschleppen, nie um eine bescheuerte Ausrede verlegen sind und trotzdem gefeiert werden, weil sie – Überraschung! – vor laufender Kamera jeden geistlosen Schmodder mitmachen. Es wird dadurch nicht besser, dass auch Politiker aus der zweiten Reihe sich als Showstars gerieren, kunstvoll aufgeschraubte Natürlichkeit feilbieten und dem Plebs huldvoll die Hand vor die Nase hängen. Eine Pseudoelite, die sich durch nicht viel Distinktionsmerkmale vom Boden abhebt, stellt sich noch einmal besonders breitbeinig auf, als gäbe es in den strukturschwachen Regionen unter der Schädeldecke des Beknackten noch genug Freiraum für Heißluft. Vermutlich glaubt man es den als Pappfigur konzipierten Geschmacksmustern ohne regelmäßige Eigenwerbung nicht mehr, dass sie als reale Hominiden mit Hornhaut und Verdauung in die Gefilde des ordinären Konsumenten einbrechen, um sich lautstark bescheiden zu verhalten und nur zu mosern, wenn man ihrem Inkognito nicht genug aufdringliche Verehrung entgegenwirft. Das übliche Modell, eine durchorganisierte Produktmaschinerie als Laberformat zu verkleiden – neues Buch, neuer Film, neue Nase – bröckelt schon an den Rändern. Dass zwei Sänger, eine Ministerin, drei Mimen und proportionales Füllmaterial ganz unerwartet nicht mehr wissen, ob die äußere Schwarzschild-Lösung für den sphärisch-symmetrischen Fall gilt, macht sie ungeheuer sympathisch. Fragen wir in der Tram nach, keiner wird die Antwort wissen. Oder worum es geht. Lauter Menschen, die eigentlich im Fernsehen auftreten sollten.