Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXII): Der Doppelstaat

13 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das Problem schon älter. Während Uga seiner Sippe Zurückhaltung und Keuschheit predigte, knallte er sich regelmäßig im Rat der Alten die Birne mit vegorenen Grünbeeren zu. Kaum waren die Ägypter am Ruder, passierte es wieder. Dufte Pyramiden für die Könige, die sich vorsichtshalber zu Göttern erklärten, das gemeine Volk verscharrte seinen Biomüll im Wüstensand, weil die religiösen Bauvorschriften es so vorsahen. Die Päpste waren noch nicht als international renommierte Laienspieltruppe einer aufstrebenden Verschwörungstheorie bekannt, schon machten sie sich ans Werk: hübsche Spenden ans Baugewerbe, der Rest durfte den Schmodder mit Wallfahrten wieder in die Kasse kloppen. Was hier als ethisch geboten schien, verkam auf der anderen Seite des Tisches zur Lachnummer. Mit der Entwicklung des Staates als Keimzelle der Verwaltung wurde das Problem elegant gelöst. Schnell formuliert man die Rechte des Untertanen auf bröselndem Papyrus, dann ist die Sache gegessen. Zumindest für den Doppelstaat.

Die Sache zerfällt, wenn man sie richtig fallen lässt, in zwei Bestandteile, die nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Dafür sorgt der totalitäre Geist, der in beiden spukt. Der Normenstaat ist die Veranstaltung von und für Schlafmützen mit Demokratieseepferdchen: so hübsch dürfen alle noch wehren, natürlich kann man gegen die Verhaftung noch rechtlich vorgehen – wenn man sie zufällig überleben sollte – und nichts würde sich mit dem plötzlich ausrollenden Faschismus in den Supermärkten ändern. Es gäbe statt Äpfeln und Birnen als Alleinobst immer noch Südfrüchte aus komplett islamisierten Feindstaaten, denn der Kapitalismus will ja auch leben, und wer würde diese Braunalgen über Wasser halten, wenn nicht die Turbokapitalisten? Wie der Fahrplan der Vorortzüge und die Luftballonaufblasverordnung bis in alle Ewigkeit gültig sein werden, so wird auch der Normenstaat seine stur regulierende, auf Teufel komm raus unideologische bis taubblinde Ordnung beibehalten. Krieg ja, Synagogen gerne anzünden, aber wer im absoluten Halteverbot parkt, der braucht einfach den Schlagring.

Davon unterscheidet sich der Maßnahmenstaat. Der Beknackte wundert sich, dass nach einer Nacht mit Nebel plötzlich rings um ihn die Wohnungen frei sind – so schnell kann’s gehen, und er denkt ja nicht nach, sonst träfe es am Ende ihn. Natürlich sind die Umsiedelungsbemühungen der anderen – wer weiß auch, wohin sie gegangen sind – ein bisschen schwer zu verstehen, aber da müssen wir ja alle durch. Die Hauptsache ist, der Staat tut etwas. Mauern bauen mit Selbstschussanlage, ein paar Tatverdächtige in Stammheim wegballern, Demos für den Normenstaat mit dem Wasserwerfer auflösen, dem Staat fällt schon etwas ein. Da ist der Staat enorm erfinderisch.

Der Maßnahmenstaat jedenfalls, der im Gegensatz zum Normenstaat nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumläuft. Natürlich hat er ethische Grundsätze, nur eben austauschbare, und er hält sie äußerst hoch, deshalb schont er sie, wo er nur kann. Der Maßnahmenstaat ist im permanenten Ausnahmezustand, wird angegriffen und von Feinden bedroht. Ist das nach objektiver Betrachtung einmal nicht der Fall, dann sorgt er schon dafür, dass er angegriffen wird – oder dass es so aussieht. Seine erfinderische Kompetenz schafft sich Gegner, quasi aus dem Nichts, pustet eine nicht vorhandene Tatsache zur Gefahr im Verzuge auf, erfindet Widersacher in Form perfider Religionen, die mit immer denselben Mitteln wehrlose Staaten zerstören wollen, Menschenmengen wildfremder Nation, die nur deshalb überhaupt sich vermehren, um das eigene Land in den Boden zu stampfen, er imaginiert aus seinem trüben Geschwiemel fleißig Parasiten, deren einziges Ziel scheint, den Wirt zu töten.

So verlockend es scheinen mag, dass die Norm auch am Abgrund noch gilt, dass der Strom aus der Steckdose kommt und die Züge noch rollen, so unklug wäre es für die unbedarften Grützbirnen, sich leidenschaftslos anzupassen. Aber ja, würden sie später sagen, es mag gewisse Anzeichen von Diktatur gegeben haben, es war normal, dass eines Tages kein Person bestimmter ethnischer Gruppen mehr zu sehen war, aber wir waren natürlich immer dagegen. Nur der Maßnahmenstaat hat sie daran gehindert, sein Recht ist das Recht des Stärkeren und schert sich nicht um Grundsätze. Wie sozial ist, was Arbeit schafft, ist Recht, was für Recht befunden wird von der Interessengemeinschaft, die auch das nötige Einfühlungsvermögen besitzt, um das gesunde Volksempfinden zu definieren. Der gefährliche Irrtum, dass die Maßnahmen des dafür vorgesehenen Konstruktes ausschließlich andere treffen, bezahlen genug der eigenen Leute mit dem Leben. Und das war der Plan. Es gibt keine Norm, wenn die Unnormalen regieren wollen. Und es ist immer nur eine Frage der Zeit, wann der eigene Maßnahmenstaat unter fremden Maßnahmen bricht.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXI): Die ethische Verwahrlosung

6 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war das Wort, und das Wort hatte eine Bedeutung, und jeder konnte sich etwas dabei denken, und das Problem war, dass die meisten auch so taten, als könnten sie denken. Es sind für gewöhnlich die jahrhundertelang in Stereotype und pejoratives Gespuck gekleidete Formeln, mit denen wir alles ansprechen, was anders ist, ob aus Hass oder Dummheit, das bleibt sich gleich, weil es hier kaum Ursache und Wirkung gibt, die zu trennen wären. Am Anfang waren blödsinnige Pöbeleien, denen man noch entfliehen konnte, und an die Wände gesprühte, denen man nicht mehr entkam. Wie man an einem Haus Scheiben mit Schmackes zerdeppert, um es in kurzer Zeit zur abbruchreifen Ruine zu machen, so funktioniert das auch bei einer sturmreif geschossenen Gesellschaft, die längst nicht mehr merkt, wer vor der Flinte steht und wer dahinter. Es entsteht, mustergültig geradezu, die ethische Verwahrlosung.

Voraussetzung für diese Verwahrlosung ist die Offenheit für mindestens den Zivilisationsbruch, der sich nicht mit mangelnder Anerkennung oder trübem Konservatismus abgibt, sondern Regression fordert, bewusste Ausgrenzung, das Schleifen der Normalität. Wer dazugehört, wird von denen bestimmt, die dazugehören, und schon geht es los. Die gesellschaftliche Mitte, so rissig sie im Inneren auch sein mag, wird zum Heer von Grenzbeamten, eine Söldnertruppe mit Anspruch auf Lenkung von rechts unten. Interessant ist, wie die Regression aus dieser Richtung eingeleitet wird: sie begreift eine systematisch entwickelte Gesellschaft mit Werten wie Liberalität und Gleichheit als moralisch verderbt, wohl wissend, dass auch sie nur eine Moral liefern kann, die nicht mehr als ein Konstrukt ist. Ihre Kritik ist nicht ethisch begründet, wie auch. Sie kritisieren nur, dass sich aus einer liberalen Gesellschaft kein Machtanspruch formulieren ließe, den man mit Gewalt verteidigen kann, kurz, es fehlt ihnen an einem Gegner.

Der ist schnell gefunden, das Geschäft der Grenzziehung um das eigene Lager erlaubt es, den Radius des angeblich Bösen beliebig zu erweitern: alles Feind. Wer seinen Hass in eine Richtung zu lenken weiß, bekommt ein Steuerungsinstrument von hoher Subtilität an die Hand, mit dem er in der Not – und die kommt, wann immer sie gewünscht ist – auch nach innen wirken kann. Das mächtige Mittel der Konformität schweißt nicht nur zusammen, was nie zusammengehört hat, es warnt auch davor, dass die wirr zusammengeschwiemelte Moral der Teilung, die das alles sichernde Othering erfand, irgendwann die eigenen Leute trifft. So wird aus dem Segen, den eine höherwertige Clique mit Führungsanspruch über die Gesellschaft gebracht hat, rasch eine Waffe.

Vor allem ihre Lärmentfaltung bringt den Vorteil, dass man damit das Volk in konstantem Aufruhr halten kann. Überall und immer greift der Feind an, jeder kann sich plötzlich als Abgesandter der anderen Seite entpuppen, und dann ist es gut, dass sich die Impulskontrolle längst im Tiefschlaf befindet. Die vorgelebte Brutalität ist zur Routine geworden, jederzeit und ohne Zusammenhang abrufbereit, und sei es nur im desinteressierten Schweigen, wenn offenes Unrecht geschieht, das nach den Maßstäben der neuen Unordnung ein notwendiges Übel ist, ein Grenzkonflikt, der sich durch Ignoranz lösen ließe, während dieselbe Verrohung längst in offene Gewaltbereitschaft mündet, die auch noch moralische Rechtfertigung erfährt, wo sie von den Gegnern des Systems Ablehnung erfährt. Die Verwahrlosung stürzt eine ganze Gesellschaft in den Dauerkarneval der Macht, den sie mit gruppendynamisch getriggerten Ausbrüchen erlebt, schnell in die Depersonalisation abgleitet – Du bist nichts, Dein Volk ist alles – und damit ihre Schuld in ein imaginäres Kollektiv abschiebt, ohne dessen Belastbarkeit sie nicht mehr in der Lage wäre, sich zu rechtfertigen. Im besten Fall mündet dies in einen Krieg, den der Staat im Vorgarten schon einmal ausprobiert, damit ihn der andere aus Angst möglichst schnell angreift. Aber es läuft in den meisten Fällen hinaus auf den Präventivschlag, zu dem ein Volk gezwungen wurde. Eine Grenze ist schließlich dazu da, dass man sie verletzt.

Dabei geht es längst nicht mehr um Verharmlosung, wie manche meinen, die in den Vokabularhülsen des Neusprech eine Befriedung der inneren Verfasstheit entdecken, Scham gar, wo ansonsten Zügellosigkeit herrscht. Dass sie herrscht, bedarf schließlich der permanenten Aufstachelung. Die ethische Verwahrlosung ist kein Status, sie ist ein Strudel, denn sie fordert immer neue Opfer, außen wie innen. Ihr ist der Endsieg. Diese Bilder werden wir aushalten müssen. Danach.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXX): Das Überangebot

29 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die warme Jahreszeit Einzug hielt am Felshang dicht bei dem kleinen Tümpel, wuchs manche Beere im grünen Dickicht. Manche waren rot und süß, manche blau, gelb oder lila, manche süß und dann sauer, einige sauer, dann süß, manche mehlig bis weich, einige überraschend süß, dann aber widerwärtig bitter, eine sorgte für ein taubes Gefühl in der Zunge, eine entwässerte den Körper dank tagelangen Brechreizes gründlich, eine hatte nach des herben Buketts von Rotblüte und Seegras eine duftige Kopfnote von Braunbaumrinde mit Akzenten von Sommerregen und Humus, bevor der stahlige Abgang die säurebetonte Stumpfpilznote noch einmal aufnahm. Er führte kurz nach der Einnahme zu einer Lähmung des Atemzentrums, was die Hinterbliebenen vor die Wahl stellte: rote oder blaue Süßbeeren? Das war keine Frage des Stils, das beugte sich dem Überangebot.

Die postmoderne Bestückung des Einzelhandels hat die Fronten etwas bereinigt; kein Waschmittel explodiert beim Öffnen, keine Konserve vergiftet vorsätzlich den Käufer, wer sich genug Schnaps für die letale Dosis in die Birne bembelt, handelt stets aus eigener Verantwortung. Doch der Verbraucher wird aus Dumm- und Bosheit mit Marmeladen beschmissen, mit drumunddrölfzig Sorten in aller Herren Länder Glasdesign, verschraubt, vermufft, verdengelt und verschweißt, rund, eckig, fast alle in dreidimensionaler Ausführung, und die Botschaft auf der Außenseite heißt: Marmelade. Kauf mich. Es gibt fünfunddreißig Sorten Kirsche im Regal des hysteriebetonten Fachmarktes für Frustkäufe, unter ihnen elf Items mit ohne Zusatz, darunter wieder die finalen drei Sorten Schwarzkirsche, Schwarz mit Weichsel und Schwarzkirsche-Knupper. Das in der Luft wabernde Getöse der Megamärkte speist sich vom dumpfen Aufschlag der Kunden auf dem abwaschbaren Boden der Tatsachen, wenn die Schwerkraft ihre Schädelfrontseite erdet. Was aber kaufen, wo doch alles sinnlos ist?

Die Entscheidung zwischen drei Sorten Plörre mit fünf Achteln Zucker ist genug, das limbische System kapituliert kreischend vor der Entscheidung und schwiemelt dem Bekloppten die Daten zurück in den Eingangsspeicher. Es geht ja gar nicht um die Menge der nicht verwertbaren Sorten, die nach reiner Vernunft kritischen Dinge sind entscheidend. Können drei Sorten Kirsche den durchschnittlichen Konsumkasper schon so demontieren, dass er die Contenance verliert? oder muss ein Kübel Pfirsich-Schlumpf mit getoasteter Qualle die Entscheidung auslösen? Die Menge der in Betracht kommenden Geschmäcker ist nicht relevant, es ist die Masse der nicht in Betracht kommenden, die zwar theoretisch wählbar sind, praktisch jedoch keine Rolle spielen, nur als Fehlermöglichkeiten, dass der Beknackte die falsche Entscheidung getroffen hat. Je mehr ungenießbares Zeug das Angebot bläht, desto mehr Angst erzeugt es beim Kaufinteressenten und damit umso weniger Kaufinteresse.

Wer wählt, verpasst zwingend den Großteil der Alternativen. Der sich auftürmende Kanaltsunami, der das ehedem überschaubare Fernsehen flutet, hat den Fußballgucker im Auge. Das Wesen des Kapitalismus gebietet, dass das Angebot erweitert und differenziert wird, geschärft, verbreitert. Bald sind es zwölf Kanäle, die Hälfte davon nicht mehr mit dem ubiquitären Gekicke satter Millionäre, wie es auch andere Medien hochspülen, sondern die sich immer weiter aufdröselnden Regionalligen, die unter der Woche Bälle treten, die schönsten Elfer aus der Regionalliga in Dauerschleife, der Pokal von anno dazumal in der neunten Wiederholung wegen Fallrückziehers in der Verlängerung. Bald sind es neun quasi per Parthenogenese geschlüpfte Klone, die um die Quadrataugen des unschuldigen Opfers buhlen, der sich für jeweils eine Todesart entscheiden muss: einen einschalten heißt alle anderen verpassen, und nicht einmal der Trost hilft, dass man sich den ganzen anderen Schmodder schließlich aufzeichnen und wegtuppern könnte für den Ruhestand, was sich bei Marmelade schon schwieriger gestalten würde. Es passt immer nur ein Brot in die Backe.

Der Hominide ist kein Entscheidungträger, er bedarf der Führung, und was ihm als Freiheit gezeigt wird, bedrückt ihn. Einfach strukturierte Personen kommen viel besser zurecht mit einfach strukturierten Möglichkeiten: rund oder eckig, heiß oder kalt, Sekt oder Selters. Die Schnapsidee, jede Hochschule mit Studiengängen jenseits der Verarbeitungskapazität der Amygdala auszurüsten, führt zu einer Schwemme von Juristen und Lehrern, weil sich interkulturelles Food-Management und gendergerechtes Klöppeln schon anhören, als bekäme man statt eines Abschlussexamens gleich den Therapieplatz für die posttraumatische Störung. So gibt es viele unzufriedene Juristen, die ihre aufkeimenden Phobien im Staatsdienst gut in den Griff kriegen. Hätten sie dagegen Marmelade auf Lehramt studiert, wer weiß, was dann passiert wäre.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIX): Framing

22 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege. Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Säbelzahnziege! Warum denkt denn keiner an die Kinder, die schweigende Mehrheit der drei Sippen am Fuße der westlichen Felswand werden von den minderwertigen Zehntausend vom anderen Ufer ausgelöscht, und übrigens: Säbelzahnziege!

Dass das Gehirn des Hominiden knirscht, ist kein Zufall, sondern bauartbedingt; keiner hatte bei dem Schnellschuss noch großartig Zeit und Lust, die Qualitätskontrolle abzunehmen. Dinosaurier schleppten immerhin noch zwei Esslöffel Glibber im Steißfortsatz mit sich herum, und die konnten damit Insekten verjagen. Sich auf einen Sachverhalt zu konzentrieren war folglich Ziel der Evolution, und wer weiß es besser als der Mensch: dicht daneben ist auch vorbei. Keilschrift, Fuþark, Buchstabentanz, nach anderthalb Medien weiß die verklumpte Birne nicht mehr, was Phase ist. Wir konzentrieren uns auf die einfachen Aussagen. Neger stinken. Frauen wollen richtig aufs Maul. Deutschland den Deutschen, undeutsche Personen werden einer nicht näher definierten Vernichtung zugeführt, auf die wir stolz sind, weil es sie gar nicht gegeben hat. Säbelzahnziege!

Je öfter der sich aufgeklärt glaubende Mensch – Säbelzahnziege! – den Nagel im Hirn ahnt, und das ist weniger, als der tatsächlich stattfände, desto mehr wird er inne, dass er sich verschaukeln lässt. Dass es keiner mitkriegt, spricht nun nicht gerade für die terrestrische Besiedelung, aber was wissen wir schon. Der Bekloppte schwiemelt sich Anker ins Hirn – Säbelzahnziege! – und popelt jeden noch so absurden Sachverhalt an diesem dürftigen Dingsi fest, bis die Realität, ein schon immer von der den Feindmächten der Schlimmerhaftigkeit gesteuertes Medium der Verdummung von Erleuchteten und Erhabenen, alle über die Brüstung pladdern lässt. Das Viech, der Sippenälteste wird sie ins Gespräch gebracht haben, der Medizinmann, einer hatte schlecht geträumt, egal. Sie war auf einmal da. Und damit begann die Mutter aller Probleme.

Wir verbinden die Informationen des täglichen Lebens mit dem Grunde des umgebenden Wissens – gleichgültig, ob wir das Wissen nun durch reine Anschauung erfahren oder durch den flüchtigen Blick auf die Dinge – und wir tauchen sie in diesen Brei, der jede Sinnhaftigkeit und jeden Erwerb von noch so zweifelhaften Informationen verkleistert. Die Gefahr durch die Säbelzahnziege ist ubiquitär, der Dämon hat sich seine Aussagen zurechtgelegt.

Einfache Aussagen, dass etwa der Bestand an essbaren Gräsern abgenommen hat, kriegt das Management noch geregelt. Das Wetter, jene launische Größe, hält schon weniger den von jenen Vegetationswesen, die wir verehren, geprägten Großangriff für eine Möglichkeit, die klimatischen Beharrlichkeiten zu lösen. Aber Vorsicht! aus Lummerland kommen im Monat drei Maler und ein Elektriker, manchmal auch eine Säbelzahnziege, und man mag die vielen Touristen nicht schrecken. So beschränkt sich die Auseinandersetzung mit dem, was wir für Wirklichkeit halten, immer nur auf das, was am Boden des Informationstrichters herabtropft. Es ist nicht mehr als eine Tütensuppe, gekocht auf dem Extrakt aus Stolz und Vorurteil.

Der Unterscheid zum Schubladendenken ist nicht nur die Größe der Schubladen, es ist auch der erklärte Wille, das Denken zu beenden. Denn ist der Rahmen einmal vorgegeben, kann das Bild beliebig gewechselt werden. Wichtig ist nur, dass es die Komponente Angst behält, immer und überall, weil nur Angst vor dem Objekt sich ins Unterbewusste fräst, und so ist es den Asozialingenieuren in ihrem kommunikativen Stunt auch schon fast egal, mit welcher Waffe sie auf ihr Publikum zielen. Die Hauptsache ist, sie ist geladen, jederzeit verfügbar und als Bedrohung erkennbar. Hätte eines schönen Tages eine Herde Wolleinhörner sich ihren Weg durch die Gärten der Frühmenschen gebahnt, die Säbelzahnziege hätte sich ins Fäustchen gelacht und wäre fein raus.

Im Schlepptau der Aufmerksamkeit schleift die Masse des thematischen Gerölls sich ab und wird zu Treibsand – die Grenze des Scheinbaren verschwimmt allmählich im Hintergrundgetöse, man erkennt nur noch als Figur, was man als Form gelernt hat, und schon sieht die ganze Welt aus wie eine Säbelzahnziege. Und da diese Gesellschaft lieber Täter als Opfer ist, wählt sie ihre Art zu kommunizieren dementsprechend: prätentiös und präzise aus der Sicht der Unterlegenen, da nur so Angst möglich ist, ein Sich-vorweg-Sein in der immerwährenden Sorge, aus der sich menschliche Existenz ergibt. Wir würden sonst aus dem Rahmen fallen, aus der Schublade, aus der Zeit. Gut, dass es die Säbelzahnziege gibt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVIII): Fensterrentner

15 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wäre doch plausibel: die Hominiden haben sich von Dackel und Erdmännchen den Zugang zur Sippenhöhle abgeguckt, und ihre einzige kulturelle Errungenschaft bestand eben darin, den Eingang des Unterschlupfs an größere Objekte anzupassen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, so könnt Ihr bei guten Wetter in der Öffnung stehen, in die Umgebung gucken und den anderen Stämmen als Zielscheibe für Übungen mit der Steinschleuder dienen. Temporäre Erscheinungen wie etwa der Würfelhocker, der sich sein Sitzgerät vor die Pyramide pflanzt, blieben eben dieses: temporär. Die Sphinx lag auch nur in der Gegend herum, und sie konnte nicht einmal zur Seite linsen. Allein die Geburt der Fensterbank aus dem Geiste der Neugier schuf Veränderung, und so blieb nur der Faktor Zeit, um das Phänomen zu vollenden. Geboren, nicht geschaffen, ward der Fensterrentner.

Denn er ist wahrlich ein Typus, der jäh mit dem Zeitkontingent entsteht, das im Seniorenalter leise aufgähnt, wo noch so viel Schlaf die Freizeit gar nicht auffangen kann. Kleine Hilfsmittel, Sitz- und Stützapparaturen, Kissen, Polster vervollständigen das Ambiente, in dem sich der Mensch installiert, um die Vorübergehenden zu betrachten, mehr oder weniger aufmerksam, vergleichend, kategorisierend und immer mit dem gewissenhaften Blick der abschätzenden Schläue, aus der nach mannigfaltiger Erfahrung schließlich Wissen kondensiert, so dass man nach kurzer, aber analytischer Sicht auf die Methodik begreift: der Sapiens am Fenster ist der Erfinder der Anschauung und damit der Philosophie an sich. Anders ist die Geschichte nicht denkbar.

Die Macht des Ausblickens ist allein daran erkennbar, dass sich das Fernsehen nie dagegen hat durchsetzen können; dass andererseits das gemeine Nachmittagsprogramm aus wirr verschwiemeltem Restmüll besteht, der bestenfalls gnädigen Schlaf vor der angeschalteten Glotze zeugt – das Gerät auf Standby wäre die bessere Alternative gewesen, der Pensionär im Aktivmodus – kann andererseits nicht verschwiegen werden. Doch langfristig wird die stetig gleichbleibenden Bildsuppe, die aus dem Kasten kleckert, nie die Tiefe und Wahrheit eines ganz normalen Tages haben, wie er sich in einer beliebigen Verbindung zwischen einem Kreisel und einer Hauptstraße ereignet. Die Bäume rauschen ihr lindes Liedchen, Vögel brüllen lauter als von der Gewerkschaft vorgegeben, ab und zu stört ein Jugendlicher in flamboyantem Schuhwerk den Anblick – die Hilflosigkeit des Einzeltiers, das vor der Höhle hin und wider geht, Fang für die Speere der anderen Sippe, ist hier gleichnishaft in sein Wesen eingeschrieben – und schon zeitigt die reine Vernunft ihre schönsten Blüten. Aus der Anschauung gebiert sich die Frage: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Darf ich über den Grünstreifen laufen? Und flugs gerinnt alles, was den ästhetischen Trichter passiert, zu tieferer Weisheit, ganze Geschlechterfolgen an der Frucht der Erkenntnis zu laben. Wer falsch parkt, frisst auch kleine Kinder, oder: Ein Gehweg muss immer geharkt sein, sonst ist es kein Gehweg, oder: Am Sonntag hängt man keine Wäsche auf den Balkon.

Daneben übt der Fenstermann in seiner sozialen Rolle durchaus einigen Einfluss aus auf seine Mitwelt. Denn die von ihm konstatierten Zustände dieser Gesellschaft sind mit dem impliziten Postulat der Veränderung versehen. Er kann nun die rezente Damenoberbekleidung und den Lärmpegel der durchziehenden Schlachtenbummler nach dem gewonnenen Korbballspiel nur kommentieren, sein Wirkkreis bleibt beschränkt, wer jedoch den nach Recht und Gesetz an der Grundstückskante in rechtem Winkel aufgetürmten Schnee betritt, wird unter Interformation über versicherungstechnische Details zum Verlassen des Anwesens animiert. Die von Sprachduktus, Mimik und Gestik unterstützte Verlautbarung prägt die Umwelt nach einem Bilde, wie es der prähistorisch gefundene und bis in die Jetztzeit überkommene Gedanke einer göttlichen Ordnung nicht poetischer hätte demonstrieren können. Die Nähe zum priesterlichen Amt, in dem erhöht ein Einzelner thront, zu richten die Lebenden und jene, bei denen sich dieser Umstand jederzeit ändern kann, die unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Richter auch ist maßgebliches Element für die Außen-, bisweilen auch der Selbstwahrnehmung. Die Vorstellung eines Schöpfers ist nicht abwegig, wie er sich Umgebungsvariablen zu Gemüte führt, wohl wissend, dass man diese verkekste Kreation auch nicht mehr ändern kann, wenn sich die meisten Patzer mit der Weitergabe der DNA bereits explosionsartig verbreitet haben. Nichts mehr zu machen, aber als kostenfreie Simulation eines halbwegs ansprechenden Fernsehprogramms kann man es doch hinnehmen. Es versöhnt mit der Vorstellung, dereinst selbst alt und auf Sozialentzug zu sein, und hat man das Glück, nicht in einer Plattenbausiedlung mit Sichtscheibe zum Fahrstuhl zu residieren, so bietet sich manche Möglichkeit für einen entspannten Herbst des Lebens, denn diese Welt ist doch schön – transeuntibus.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVII): Die rechte Reizerregung

8 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hat sich ein dementer Saufschädel am Rande des Badeverbots die Inkontinenzhose wieder über die Knie gezogen, schon bricht ihm die Suppe aus der oberen Verdauungsöffnung: der Bettnässer von Braunau, äfft der völkische Beo, war ja in Wirklichkeit ein lieber Bub, auch wenn man das ja jetzt gar nicht mehr so sagen wolle, obwohl es doch eigentlich stimmt. Was nicht einmal hundert Stück Spulwurmauswurf vorgekotzt kriegen, wird in der Flüstertüte dem Rest der Kulturlandschaft als medialer Gülleregen übergezogen. Da jauchzt aber der Braune, hatte er sich doch genau das erhofft, die kostenlose Echokammer, die ihm für eine gehörige Skandalisierung reicht. Nun diskutiert ein Land wieder über Dinge, die es nicht gibt, die keinen Sinn haben und keine Relevanz, aber: es redet. Nichts scheint leichter als die rechte Reizerregung.

Das Reizleitungssystem dieser Gesellschaft hat ein mählich verdumpfendes Anfangspotenzial, also muss der Einsatz jedes Mal lauter kommen, um in den letzten Winkeln des Landes den Staub erzittern zu lassen. Das Niveau, jene Variable, die meist nur noch in kleinsten Unterschieden gemessen wird, wenn Realitätsallergiker das Zäpfchen schwingen, rutscht regelmäßig unter dem Bodenbelag durch, um die Fluchttür zu erreichen. Mittlerweile wäre es für die zurechnungsfähigen Zuschauer fast eine Erleichterung, würde man den verdeppten Alten mit heruntergelassenen Hosen auf dem Greisparteitag sehen, statt ihm zuhören zu müssen, wie er Muster in den Putz brüllt. Denn die Themen sind immer dieselben, die Mär vom Untergang des christlichen Abendlandes in wenigen Jahrhunderten, mit quasi wissenschaftlich zusammengeschwiemelter Logik, die an den Nahtstellen doch wieder Heftpflaster braucht und Hakenkreuzarmbinden.

Begierig greift das Kleingetier jenes Narrativ der tapferen Ignoranz auf und phantasmagoriert sich einen Bäcker zurecht, dessen Kundenschlange die Gefahr eines tödlichen Angriffs auf die Ehre der deutschen Rasse birgt, immer vorausgesetzt, man hüpft im Quadrat über jedes Stöckchen, das die volkstümelnden Ratten ihnen vor die Nase halten. Sie nutzen nicht nur das Erzählmuster und das Vokabular, sie freuen sich über den kostenfreien Resonanzraum, in dem jeder Zwerg sein elendes Gerülpse wie Donnerhall vernimmt, und merken nicht, dass sie bei diesem Vorgang selbst das Produkt sind, für das sie nicht bezahlen, es sei denn mit ihrer Zukunft. Eine Seele haben sie nicht zu bieten, wenn abgerechnet wird.

Und es wird abgerechnet, bei jedem Wahltag wird wieder von Kompetenzimitat in wechselnden Anzügen die Betroffenheit formuliert, mit der man das Wachsen des Mobs zur Kenntnis nimmt, zwar gefasst und in den Randbereichen der Hirnleistung durchaus koalitionsbereit, aber doch betroffen, denn erst einmal fehlen wichtige Sitze, die den Zugang zu den Fleischtöpfen anderen lassen in einer marktkonformen Demokratie. Das Nähere regelt hier kein Bundesgesetz.

Andere, die sich für geistreich halten, nehmen dem Sumpf nicht das Vokabular ab – wer das tut, ist meistens stolz, keinen Geist zu besitzen – sondern das Strickmuster. Sie entwerfen einen Nationalismus mit einigermaßen menschlichem Antlitz: seht her, auch der Kanak pfropft schwarz-rot-gülden einen Stülper über die Seitenspiegel seines auf arischer Scholle gedengelten Diesels, wenn ein paar Bimbos wieder Bälle treten, soll man es ihm, der mutmaßlich nicht in die Kirche geht, sondern stattdessen nicht in die Moschee, etwa auch noch verübeln, dass er sich anpasst, assimiliert, in die geistige Behinderung von Blut und Boden mit Lust und Wonne integriert? Sind wir nicht alle irgendwo auf dieser Welt Scheißausländer? Und mal ehrlich, ist ein enthemmtes Schlandgeröhr im Zuge des allgemeinen Partypatriotismus nicht auch ästhetisch irgendwie anziehend? In einem Land, das Gaffen bei Unfällen mit tödlichem Ausgang zu einem Volkssport kultiviert hat, ähnlich erfolgreich wie Autowaschen und Steuerhinterziehung? Das ist nicht menschlich, das ist nicht einmal ein Gesicht.

Solange die Gesellschaft an der Neurose krankt, dass nur der überhaupt eine Chance hat, der das Rennen gewinnt, sei es beim Weltkrieg oder auf der Suche nach einem Kitaplatz, bei gleichzeitiger Zerstörung dieser Chancen mit dem Hammer der neoliberalen Reichideologie, solange die Gründe für die kollektive Depression nicht genommen sind, fällt auch jede Provokation wie ein Streichholz in den Benzinkanister, verwandelt sich zum Brandsatz und wird mit nationaler Notwehr entschuldigt gegen die Krätze, mit der man selbst die Täter infiziert hat. Hier hilft nicht Seife. Es sei denn, sie liegt in der Ecke einer Knastdusche.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXVI): Der Rechtsstaat in Anscheinsgefahr

1 06 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Und auf einmal war er doch da. Rrt war höchst unschön mit dem Holzfeuer konfrontiert gewesen, er sah aus, wie man sich den schwarzen Mann nur vorstellen konnte. Die Dummdödel unter den Zweibeinern, und das waren in diesem Abschnitt der Hominisation nicht eben wenige, erkannten ihn nicht an seinem markanten Kinn, sie sahen das Offenbare: der Mann war schwarz. Für den unteren Rand der messbaren Intelligenz, der heute trotzdem wählt, kaum Steuern bezahlt, aber trotzdem mit seinem Kraftfahrzeug unbescholtene Bürger in Bedrängnis bringen darf, wäre das schon genug. Nur hatten die prähistorischen Rotzlöffel eben noch keine Mistgabeln, Brandsätze wussten sie auch nicht zu bauen, es blieb ihnen also nichts übrig, als den Schwager zu verprügeln und dabei zu merken, dass es sich um nähere Verwandte handelt. Die Erkenntnis kam spät, dafür nutzte sie auch nicht mehr viel. Rrt blieb traumatisiert, ließ sich einen komischen Oberlippenbart wachsen und umgab sich fortan mit einem bissigen Hund. Man sagt ihm nach, er habe die putative Staatsnotwehr erfunden, falls dem Menschengeschlecht die Sonne aufs Dach fiele. Aber was hat das zu tun mit dem Rechtsstaat in Anscheinsgefahr?

Es ist das Geschäft des Populisten, sich finstere Gefahren auszudenken, die das Wahlvieh in Angst und Schrecken halten. Am einfachsten, daher auch verbürgt gut, ist die Drohung vor dem Bösen in Gestalt eines anderen Herde ebenso indoktrinierter Deppen, die in ihrer Beschränktheit wie eine Projektionsfläche der eigenen Verhetzung dienen: ob harmlos oder arglistig, sie sind die anderen, und mehr erwartet ein guter Diktator nicht von ihnen, wenn er seine eigenen Plumplumpen in Schach halten will. Die Teilung nach dem Modell „Wir und die“ hat noch immer Früchte getragen.

In einer elaborierten Variante, wenn sich die Herrscher den matten Anstrich demokratischer Legitimation geben wollen, schaltet sich eine quasi unantastbare Instanz zwischen den Kaiser und seine Kleider: der Rechtstaat, jenes Teflongebilde, das in seiner Rutschfestigkeit auch den übelsten Brauchtumsterrorismus über sich ergehen und dumpfe Verhöhnung in seiner Risse schwiemeln lässt, wie in der Straßenvariante, was Meinung und was ihre Freiheit sei, und also werden auch die Pflichten des Rechtstaates mit fauliger Puste aufgepumpt über die einzige, die seiner eigenen Verfasstheit entspricht: die, zu sein. Dies Unwissen ist dem Aluhütchenspieler lieb, zumal er es mit blutigen Laien zu tun hat, denen man jeden Schmodder wohlfeil eintrichtert, weil auf beiden Seiten kein Gewissen im Weg ist. Das Fundament sei in akuter Lähmung, wenn nur die anderen, alle anderen oder alle, die nicht wir sind, sich der Existenz des Rechts entzögen.

Man muss schon sehr weit ausholen, um in der postulierten Überfremdung des Volkes – also der um wenige Promille ansteigenden Anteile an nicht in diesem höchst mäßig beleumundeten Landstrich geborenen Langweiler – sich nicht aus Versehen selbst die Fresse zu polieren, weil der örtliche Kreis gar keine Überfremder abgekriegt hatte. Immer gut ist auch der Wolf, der ein paar hunderttausend Jahre vor den besorgten Dumpfklumpen die Natur für sich hatte in Anspruch nehmen können. Oder die vielen, vielen Ausländer, die man einfach nicht abschieben kann, so dass der Rechtsstaat sich vor Verzweiflung Säure auf die Pulsadern kotzt. Der Mob also erhält die Aufgabe, gegen seine Furcht mit Axt und Brandbeschleuniger zu demonstrieren – was laut Verfassung Aufgabe jenes absoluten Staates wäre, aber da nimmt es der feucht-völkisch suggerierende Ohrenbläser nicht so genau. Es zählt nur, was unten rauskommt. Der braune Brüllmüll findet sich in einer allenfalls religiös haltbaren Definition von Gesetzesbruch wieder, die aber das abstrakte Gebilde Staat durch ein seltsames Bild von Gottheit ersetzt, die schlagartig verdampft, wenn man nicht wie bescheuert an sie glaubt. Und also wirft sich auch die Rotte der Popelpriester vor dem aus Quark geschnitzten Popanz nieder, von dessen Nutzlosigkeit sie zutiefst überzeugt ist: weg mit der Chimäre des Rechts, mit der Gloriole des Staates als Ding an sich, bereits ein Eierdieb sei geeignet, den Heiligenschein des eigenen Gottes auszuknipsen. Da helfen nicht einmal Kreuze.

Das pathologische Gewese um die Angst, die das autoritäre Wesen des Rechtsstaates umgeben soll wie Fliegen einen virulent verkeimten Kadaver, ist nur die Monstranz der eigenen Ideologie: das Recht dient als Ikone, durchaus anbetungswürdig, wobei es weder den Menschen dient noch eine befreiende Funktion hat. In seiner letzten Perversion deutet der rechte Troglodyt an der Spitze des Staates sich als den Staat um, der sich mit dem Recht gegen das Volk zu verteidigen hat, in diesem Fall gegen sein eigenes. Womit die Despoten wieder im Recht sind: ihr eigenes Volk ist nicht weniger wert als die anderen. Und nicht mehr. Sie sollten sich nur ein anderes wählen. Von sehr weit oben sehen auch Wölfe wie Schafe aus. Man sollte sie nie unterschätzen.