Gernulf Olzheimer kommentiert (DVIII): Der Markt

3 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte manchmal das Glück, bei der Suche nach Buntbeeren auf den Großen Prickelpilz zu stoßen, der bei knapper Dosierung lustig machte. Ein mittelgroßes Exemplar reichte für einen recht gemütlichen Abend in der Einfamilienhöhle, und fand er mal zwei, so konnte er in durchschnittlichen Sommern eine gute Keule von der Säbelzahnziege für den Schwamm eintauschen. Natürlich half es, die Nester im kleinen Wäldchen bei der westlichen Felswand gut zu kennen. Kaulauch und Hasen hatte Rrt unter Kontrolle, diese Segmente schienen längst abgesteckt. Aber die Wirtschaftsteilnehmer wussten es schon damals, der Markt regelt alles.

Wenn man ihn denn lässt. In den meisten Fällen besteht er aus dreißig Bestattungsinstituten in einer Hundert-Seelen-Gemeinde, die sich karnickeloid vermehren und nach Staatshilfen plärren, weil ihnen keine verraten hat, dass mit Gewerbefreiheit nicht gemeint war, nach Belieben als Unternehmen am Markt aufzutreten, wenn dies keinen Erfolg zu versprechen droht. Manche schwenken sofort um auf Nagelstudio, Musikschule, Feng-Shui-Bude oder notfalls Unternehmensberatung, weil das jede Knalltüte hinkriegt – doch nicht jede Lücke, in die nach Motivationsgeplärr des Analysten Mut suppt, ist auch als Standort der Vernunft bekannt. Der voodooeske Betriebswirtschaftlerzauber, nach dem Nachfrage und Angebot vollkommen unabhängig voneinander im luftleeren Raum existieren, hier wird er Ereignis.

Wie sonst könnte es grundsätzlich gesteuerte Märkte geben wie den Arbeitsmarkt, auf dem sich die Anbieter degradieren lassen müssen, indem man sie als Arbeitnehmer bezeichnet. Nach unverdünnt aufgetragener Marktlogik könnten derzeit alle Kassierer im Einzelhandel, alle Gesundheits- und Krankenpfleger, Lkw-Fahrer sowie angeschlossene Branchen sich lässig zurücklehnen, ihre staubigen Tarifverträge mit mildem Lächeln in den Schredder kloppen und die verschwiemelten Ausflüchte der sogenannten Tarifpartner – outgesourcte Zwerge für russisches Roulette mit Lohnempfängern – schlicht ignorieren, denn was wäre dieses Land, würde nicht das zehnfache Brutto monatlich rüberwachsen. Aber wen kümmert schon die Definition, wenn man doch klarmachen kann, dass es überall geistig schwer gestörte Brechbeulen gibt, die nur da nach den Regeln spielen, wo sie sie nach Belieben ignorieren können.

Tatsächlich sehnen aufmerksamkeitsgestörte Hackfressen sich nur nach dem Scheinoligopol, in dem sie als arbeitsscheue Anteilsschmarotzer den Preis für systemrelevante Leistungen durch gezielte Verknappung so weit in die Höhe zwiebeln können, dass sie das Gleichgewicht halten: nicht zu geringe Erlöse unter Berücksichtigung aller vorsätzlich hinterzogenen Steuern und Abgaben, keine zu niedrigen Verluste in der Verbraucherschicht, um zu kompensieren, dass man nicht jedem, der wegen eines überteuerten Medikaments verstirbt, vorher noch ins Gesicht hat spucken können.

Sollten sie sich im Vollsuff einmal zu hart mit dem Gesichtsversuch in die Tischecke gelegt haben, so werden sie angenehm erfreut sein, dass es auch an Sonn- und Feiertagen einen Notdienst für die Esszimmerreparatur gibt. Eigennutz, wusste auch der geneigte Nazi, ohne es zugeben zu wollen, geht ja stets vor Gemeinnutz, und der Taxifahrer, der den letzten Zug am Bahnhof abwartet, tut dies nicht aus reiner Philanthropie: beide wollen ihren Kredit abbezahlen und schielen kalt auf die Zuschläge, die sich in einem ausgedünnten Angebot wie von selbst ergeben. Zuverlässig anwesende Hühner lachen bei Gelegenheit, wenn der Preis sich durch etwaige Kaufverweigerung einpendeln sollte – mit dem vereiterten Zahn hockt der Nanodenker freilich ein ganzes Quartal vor des Dentisten Tor, bis die Kasse ein Machtwort lispelt, und gibt es kein Brot, frisst der geneigte Kunde auf Befehl Kuchen.

Die komplett unsichtbare Hand, die sich nur in einem Paralleluniversum zeigt, regelt nur bei denen ihren Schlamassel, wo der Brägen auf Halbmast hängt. Auf einem perfekten Markt gäbe es keine Märkte, das Volumen wäre begrenzt, da es sich in einem abgeschlossenen Kreislauf befindet, das den Energieerhaltungssatz auch durch schamanisches Hüpfen nicht abschafft, und das religiös verehrte Wachstum wäre eine Folge von Lack on the rocks, den die im Oberstübchen verseiften Soziopathen zur Aufrechterhaltung ihrer Laberzirrhose nötiger haben als die Dünnluft zum Atmen. Kaum ist für sie der Spargel in Gefahr, plärren die Waschweiber im Chor nach Mammi, die ihnen die Windeln wechselt, weil sich diese verdammte Realität nicht an die Vorstellungen hält, die man nach einer Tüte Tanzdragees entwickelt. Sicher gibt es Wachstum, ungebremste Progression ohne Rücksicht auf alle anderen Faktoren, freie Entfaltung durch gezielte Zerstörung der Umgebungsvariablen. Im gut sortierten Fachhandel heißt das Zeug Krebs, und wer es sich selbst wegbeten will, kommt früher oder später zum Arzt. Und sei es, mit etwas Glück für alle anderen, zum Sterben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVII): Politik für das Gestern

27 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab Sippenälteste, Stammeshäuptlinge, dann Tyrannen und Könige aus allerlei Geschlechtern, die von Usurpatoren und empor gespülten Fürsten ersetzt wurden, Kaiser, Diadochen, schließlich die Schicht der professionellen Politiker, die sich der Wahl durch eine sogenannte Bevölkerung stellen, alle Jahre wieder. Was es auch gibt, das nicht endet, ist der Verdruss angesichts tönender Versprechen und ihrem kärglichen Ende, das zwischen Dichtung und Wahrheit in ebendieser Verantwortung keimt. Was hatten sie nicht alles aus dem Hut gezaubert, echte Demokratie, Wohlstand für alle, Tugend und Ethik mit Zuckerguss, hurra! Was bleibt, ist je und wieder ein Abglanz, so dünn wie verschlissen, von der Politik für das Gestern, das nie vorbei ist.

Das waren die schönen Tage, in denen es noch genug Zukunft gab, so viel Zukunft, dass man sich als Bürgerlicher Vergangenheit leisten konnte. Man hatte nichts gegen Macht, die ja in regelmäßigen Abständen regelrecht bestätigt wurde. Ab und zu ließ man das Volk befragen, guckte hier und da in die Antworten hinein, ignorierte, was sich nicht mit Parteiprogrammen und Freundschaften in Industrie und Verbänden vertrug, so ging es immer weiter, analog, harmlos-christlich bis feucht-völkisch im Abgang, alles verschwiemelt zu einer schillernden Tunke, die direkt ins Gestern floss. Die kognitive Dissonanz dieser offensichtlich hilflosen Schläue strebte das Nichts an, den abstrakten Fortschritt, in dem aber alles blieb, wie es nie war, ein Zerrbild, nur durchsichtig. Strukturen sind wichtiger als der Inhalt; Menschen sind, man sieht es, austauschbar.

Denn immer wieder erweist sich eine eklatante Lücke zwischen der gefühlten Wirklichkeit in den Köpfen der politischen Entscheider und der weit in die Zukunft denkenden Einstellung der Wähler, die sich nicht mit theoretisierendem Kleinkrempel die Metadiskussion verquarken lässt, sondern, horribile dictu, praxisbezogen denkt und lösungsorientiert vorgeht. Der Krümmungswinkel der EU-Gurke ist ihnen nicht wichtig, aber der Treibhausgasausstoß geht ihnen auf die Plomben. Die Subventionen für Kurzstreckenflüge zur Sicherung fetter Boni in den Chefetagen der Airlines ist für sie kein soziales Ziel, weil sie Kurzstreckenflüge längst für ein nicht mehr benötigtes Relikt aus dem mobilen Neandertal halten. Das Unverständnis der Bürger, auch und gerade der aufgeklärten Mittelschicht, gerinnt zu hässlicher Wut, wenn sie Lobbyopfer ertappt, wie sie Postkutschenbauer, Schreibmaschinenfabriken und Kohlekraftwerke retten wollen, indem sie ihnen Löcher in die Erde buddeln, damit sie sich vor der Sintflut verstecken können. So wie wir Lochkarten und Wählscheibenfernsprecher überwunden haben, werden wir auch Fotovoltaik und Windkraft nicht aus purem Willen wieder los, schon gar nicht in der Vernunftvorstellung der Mehrheit.

Mit etwas grober Logik könnte man ihnen, den alten Männern (die nicht einmal alle weiß sind), die reine Machtgier unterstellen oder einfacher noch Abhängigkeit von wirtschaftlichen Verflechtungen. Es wäre nicht einmal weltfremd. Warum dann aber strategisches Denken ebenso der Vergangenheit angehört, kann das nicht erklären. Das Ende einer mehrheitskompatiblen Politik erinnert an den jähen Tod der Saurier, die noch einmal träge in den Himmel linsen, den Meteoriten schon pfeifen hören und phlegmatisch äußern, es werde vielleicht einen oder zwei von ihnen erwischen, der Rest werde es aber morgen schon verdrängt haben. Es gab kein Morgen. Es gab nicht einmal jemanden, der sich an das Gestern noch hätte erinnern können.

Die Erzählung von der Kontinuität ist gründlich kaputt, weil die Parole Weiter so ohne ein überlebbares Ziel blieb. Hinter all dem tumben Motivationsgeballer, das uns permanent einbläut, jede Krise als Chance zu sehen, damit wir uns über den großen Vorrat an Krisen freuen können, steht die bräsige Ignoranz, dass sich sämtliche Variablen verändert haben, vermutlich sogar die gesamte Umgebung nicht mehr existiert oder demnächst von der schiefen Ebene in den Abgrund rauscht. Sie haben den Arbeitern die 40-Stunden-Woche gegen die kapitalistischen Unternehmer erkämpft, jetzt bringen sie uns bei, dass wir mehr arbeiten müssen, weil es nicht mehr genug Arbeit gibt, obwohl sie alles tun, um die Technik zu zerstören, die uns die Arbeit abnehmen würde – bei voller Rendite für die kapitalistischen Unternehmer. Jede Diskussion mit ihnen ist eine intellektuelle Nahtoderfahrung, und so diskutiert der Betroffene nicht mehr mit, sondern längst ohne, häufiger noch gegen die Wortspender und ihr verbales Granulat. Noch fehlt ihnen der nötige Organisationsgrad, um sie über die Kante zu kippen, doch das ist angesichts der Vernetzung und täglich anwachsender Zukunft nur noch eine Frage der Zeit, die keiner mehr hat. Ein Gestern aus reiner Ungleichheit, das Führer und Geführte kennt, und eine Mainstream-Politik, die ihre komplette Energie mit dem Widerstand gegen die Selbstzerstörung verbraucht, sind wie Einsteins Endgegner. Nicht die Dinge verändern sich, ein Koordinatensystem aus Raum und Zeit beult sich in Zeitlupe aus, wenig, aber messbar. Keiner weiß, wie lange es noch hält. Bis gestern ging es noch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVI): True Crime

20 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, in denen man mit Uga samt Sippe am Lagerfeuer hockte und den ganz alten Schauergeschichten lauschte, die man längst auswendig kannte und schon deshalb für wahr hielt, weil sie sich jedes Mal ein wenig veränderten. Das wurde nie langweilig, und irgendwo steckte sicher ein Tatsachenkern in den Gruselmärchen, die von der Säbelzahnziege handelte und den Nachbarn, die sich immer ein Körbchen Buntbeeren ausliehen, bis sie plötzlich mit der Machete die ganze Mischpoke zu Blutsuppe verarbeiteten. Schlimm. Was man als klassischen Moralroman noch unter die Leute hat jubeln können – Verbrecher aus mangelnder sozialer Distanz – wird heutzutage sperrig bis unerwünscht. Viele Fachleute, Psychologen und Psychiater, Physiker, nicht zuletzt auch Polizisten mischen sich in das Geschäft ein, das von Rechts wegen nur am Freitag nach acht die Experten zu interessieren hatte. Es geht nicht um untaugliche Versuche in Verbindung mit Barbara Salesch, es geht um Deppen im Gleis, sprich: True Crime.

Durch die traditionelle Komplettüberfütterung mit Kriminalfilmen haben wir das Grundrauschen im Angstzentrum: das Böse ist immer und überall. Man kann quasi keinen Schritt aus der Wohnung tun, wenigstens nicht ohne schwere Artillerie in der Schlafanzughose, denn wir sind umzingelt von den Schwerstkriminellen, die uns eins über die Rübe geben wollen. Rechte Demagogen machen sich die Besorgnis der Bumsbirnen ohnehin zunutze, indem sie von Einbruch und Vergewaltigung an jeder Ecke schwafeln, auch wenn keine Kriminalstatistik das je hergäbe. Aber die Gänsehaut sitzt, und wo es sich nicht mehr um fulminante Fiktion handelt, die in exklusiven Milieus stattfindet – die Drogenszene in Chefetagen oder hinter dem Bahnhof, Kollisionen zwischen Politik Geld und Schmierinfektionen der moralischen Art, wahnhaft halluzinierte Sekten, mafiöse Ausländer, you name it – kommt die reale Gefahr in Gestalt des Nachbarn, von dem wir nur wissen werden, dass er immer so freundlich gegrüßt hat. Sie ist auf unserer Fußmatte angekommen, die Untat. Jetzt hilft nur noch Panik. Und Fernsehen.

Was wäre besser als der gute, alte Sozialporno, ein voyeuristisches Format für alle Fälle. Neben all den schönen Klischees, die das Filmchen breittritt, der chirurgisch präzisen Trennung zwischen dem stets guten, edlen und im akzeptierten Mainstream lebenden Opfer sowie dem devianten Killer aus den klassischen Motiven, wildert es im Lustgarten der moralischen Erregung: wie gut, sagt da der innere Pharisäer, dass ich nicht so ein verpfuschtes Leben habe mit Depressionen, Arbeitslosigkeit oder einem Elternhaus, das abgesehen von abstehenden Ohren nicht viel zu vererben hatte. Alles das wird zur Freude des Publikums durchdekliniert bis zum finalen Erbrechen des Wiedergekäuten, dass Delinquenz nur eine Frage der Lebensschuld ist, gut erkennbar an abgenagten Fingernägeln oder dem falschen Pass.

Dass auch hier die Ermittlungsarbeit mitnichten realistisch dargestellt wird – geschenkt, man kennt es aus dem durchschnittlichen 90-Minuten-Krimi am Sonntag, in dem DNA-Spuren in erzählten zwei Stunden ausgewertet und mit ominöserweise immer schon vorhandenen Datenbanken vergleichen werden können, in denen jeder Taschendieb aus Taka-Tuka-Land steht, obwohl er noch nie in der EU gewesen ist. Einen Film, der zu gut achtzig Minuten aus Papierkram und Dienstbesprechungen besteht, will eh keiner sehen.

Konstituierend für die ganze Gattung ist der kontrafaktische Schock, der brutalstmöglich blutige Bilder in die Netzhaut schwiemeln will, damit die Schlotterspirale nie durchbrochen wird, schon gar nicht von analytisch denkenden Störenfrieden mit kriminalistischer Sachkenntnis. Schneller, höher, noch mehr Opfer, sonst ballert der Serienkiller vom Konkurrenzkanal die Quote ins Jenseits. Die als Feigenblatt vorgeschobene Generalprävention ist öffentliche Erregung, die nichts als ein Ärgernis hinterlässt. Das Genre liefert die billige Vorlage für die jäh aufschwappenden Killerspieldebatten nach Terror aus dem braunblauen Sumpf, rassistische Hetzattacken auf der Basis wirrer Korrelationen, die schon ein irgendwie verdächtiger Name herstellen kann, und es verwickelt sich in seinem eigenen Anspruch. Es will die Perspektive des Opfers herstellen – erkenntnistheoretisches Kunststück bei einer getöteten Person, aber sei’s drum – und dient durch enthemmtes Mitraten doch lediglich seiner entgrenzten Entwürdigung, indem es sein Umfeld zum Hinterbliebenenschütteln nutzt und für die Spanner an der Glotze herauspräpariert, pietätlos und durchinszeniert wie eine Scripted-Reality-Show von und für Minderbemittelte. Die Lust an der Sensation badet in der eigenen Jauche, um ein Rechtfertigungsmuster für eine sekundäre Störung der Totenruhe zu stricken: wenn sie es nicht tun, tut es eben ein anderer. So schlagen Psychopathen zu, nur nicht mit dem Produktionsbudget, sondern mit der stumpfen Seite der Axt. Dann haben wenigstens die Lämmer ihre Ruhe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DV): Der Zwang zum Glück

13 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war Hans bloß ein schlecht gewähltes Beispiel, weil er seinen Goldklumpen gegen Nutzvieh und schließlich gegen einen Wetzstein eintauschen konnte, der viel leichter im Brunnen zu entsorgen war als ein Pferd. Aber das war noch zu einer Zeit, als die Überwindung der materiellen Güter noch nicht als klinisch relevante Dummheit durchging und den Märchen eher selten ein marxistisches Etikett auf der Hinterseite klebte. Lieber Arm dran als Bein ab, scherzt der alte Knabe vor sich hin, positiv denken! Sollte er am Ende doch schon der stromlinienförmig gefeilte Meister sein, dem die Selfmade-Messiasse auf der Suche nach Erleuchtung hinterherkriechen? Und leiden nicht sie am meisten unter dem Zwang zum Glück?

Eine hochglanzlackierte Turbogesellschaft kann sich keine Schatten mehr leisten, und nichts liegt nun näher, als jegliches Scheitern den Scheiternden anzulasten: Krankheit, Armut, Schicksal. Hätten sie sich halt ihre Herkunft samt genetischer Disposition besser ausgesucht. Schnell stehen sie im sozialen Abseits, weil man den Misserfolg nicht mehr zeigt, gilt er doch als ansteckend, wenn man schon selbst gegen das Axiom verstoßen hat, dass alle alles schaffen können, wenn sie nur wollen. Glück aber ist Wille zur Macht, wie man ihn meist in besseren Familien mitbekommt, auf besseren Schulen oder mit etwas größeren Erbschaften.

Die antike Philosophie hatte noch vernünftige Ziele. Es galt, das Unglück möglichst zu vermeiden oder damit zu leben, dass es sich nicht vermeiden ließ – aus der Differenz von Ist- und Sollzustand wuchs noch kein diktatorischer Imperativ, dessen Sense sich nicht um die Wirklichkeit scherte und jede Rübe abhackte, die zufällig im Weg stand. Erst die Verwertungslogik, die alles den Reichen gibt, erklärt das Glück zur Norm und erhebt es in den Rang eines unbedingt zu erstrebenden Gutes; wer nicht erlöst werden will, stellt sich gegen die ganze Ordnung und wird eben mit der Mistgabel vom Hof gejagt, da er sonst den Zorn der Gottheit auf sich zöge, die sicherlich auch abfärbt, bis ins siebente Glied alles ausrottet, die Ernte verdirbt und die Börsenkurse stolpern lässt. Nicht zufälligerweise funktionieren Ersatzreligionen wie echte, sonst bräuchte man sie ja nicht.

Und eine Religion wäre keine, zeugte sie nicht auch Schweinepriester, die sich als gierige Gurus ein Geschäft daraus machen, verschwiemeltes Zeug als Weisheit von der Stange zu verscherbeln. Es wäre ja auch kein verordnetes Bedürfnis, würde es nicht jeder haben, der brav im Glauben lebt, aus eigener Schuld noch nicht zu den Siegern zu zählen, die die anderen unterjochen dürfen.

Endlich verfängt bei den geistig Unterkellerten der Wahn, dass ist, was sein soll – sie gaukeln sich so lange Wonne in Tüten vor und reden sich ein, dass alles, alles gut ist, bis ihre rosarote Brille sie ungebremst an die Wand klatschen lässt. Einmal nicht positiv gedacht, schon am Arsch, oder wie es im Selbstprophezeiungsmodus heißt: wer seine Krankheit nicht von der Backe kriegt, hat nur nicht verbissen genug gebetet. Schon wieder in der Falle, nur ist es diesmal die Existenz, die über ihnen zuschnappt. Und so bleibt ihnen nichts als die bei Freizeitheiligen beliebte Offenbarung, die man ihnen abnehmen muss, weil sie sie dreist vor sich hertragen: sehet, ich bin der bessere Mensch, also ab in den Staub, wenn ich vorüber schreite. Wer die Last der unaufhörlichen Suche nicht länger dulden will, erklärt sich einfach für perfekt, um unter den anderen Blendern nicht mehr aufzufallen. Ein joviales Grinsen nagelt sich wie von selbst in den Gesichtsversuch, es darf nur keiner das Preisschild entdecken. Die Hauptsache ist, sie nehmen einem alle diesen Segen ab, neidzerfressen, missgünstig und übel gesonnen, weil sich das Schöne so ganz ohne Kontrast nicht lohnen würde.

Wenige aber merken, dass die ärgste Eifersucht der Vermögenden den scheinbar Unglücklichen gilt, die bereits die Zufriedenheit kennen und es zu schätzen wissen, wenn ihnen einer aus der Sonne geht. Die Sucht nach Selbstverwirklichung hat sie noch nicht zu Wegwerfhelden gemacht, die sich gegenseitig auf die Füße treten, weil nur einer als erstes ankommen kann, denn Glück heißt in ihrer Vorstellungswelt: mehr Glück als bei anderen. Es ist ein stolzloses Gedeihen, das auch nicht im Gegensatz stehen darf zu den eigenen Misserfolgen, die man niemals zugeben würde. Dieser naive Begriff von Nutzen verdient bei allem Zwang fast Mitleid, fast, fußt er doch zutiefst auf einem Dogma von Freiheit, die er nur sich selbst zugesteht, während er für andere nicht verantwortlich sein will. Krachend haut hier sein Fallbeil zu. Schönes Leben haben Sie da, raunt Freund Hein, wäre doch schade, wenn das jemand kaputt machen würde. Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen lösen sich in lustige Wölkchen auf, mehr war nicht drin. Noch hätten sie Zeit für ein unvernünftiges Verlangen, das sie auch nicht an anderen messen müssen. Nicht einmal Kant hievt sie aus der Grütze. Vielleicht hätten sie den Unsinn finden können. Oder umgekehrt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIV): Die Lebensangst

6 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir wissen nicht, wie viele Generationen es gedauert hat, bis Ugas Vorfahren eine halbwegs auf Empirie fußende Risikoabschätzung entwickelt hatten. Monokausale Erklärungen – unreife Früchte vom Buntbeerenstrauch sorgen für Heiterkeit, die alsbald die Atmung beendet, eine Säbelzahnziege mit Nachwuchs ist kein geeignetes Jagdziel, wenn man die Jagd überleben will, und wer die Felsspalte mit Hilfe einer Liane überqueren will, sollte sich vor dem Manöver von der Stabilität ihres Wuchses sowie ihrer Befestigung überzeugen – gingen stets ein bisschen rascher ins allgemeine Wissen ein, je komplexer jedoch die Zusammenhänge wurden, die oft erst aus ihren Erscheinungsweisen erschlossen werden konnten, desto bedrohlicher wurde alles, was sich nicht ad hoc erschloss. Noch bis weit in die Neuzeit hinein waren dem Volk essentielle Kausalitäten in Medizin und Physiologie nicht oder nicht ausreichend bekannt; mitunter schwiemelte es sich aus Zuckerkügelchen und Märchenbüchern ein neues Konzept von Verleugnung zusammen, um das lästige Denken zu vermeiden. Insgesamt aber ist der durchschnittliche Depp nur überlebensfähig, wenn er eine irrationale Angst entwickeln kann, die ihm die ganze Existenz komplett versaut.

So irrational die diffusen Vorstellungen höherer Wesen sind, die den Menschen erschaffen, erhalten und irgendwann wieder von der Platte putzen, so vernunftwidrig diffus sind auch seine Auffassungen von Gefahr. Meist wird sie ihm vermittelt durch die Bilder, die Vorurteile auslösen: finstere Viertel sind Brutstätten der Kriminalität, niemand wird lebend aus ihnen herauskommen, da dort das Gesetz nichts gilt – dass niemand ohne Grund in Problembezirke reiste und sich als Katastrophentourist zu erkennen gäbe, ignoriert der Angstbürger geflissentlich. Dass die Wahrscheinlichkeit erheblich höher ist, an einer handelsüblichen Influenza zu versterben, statt bei einem islamistischen Attentat in Europa in die Luft gesprengt zu werden, irritiert ihn nicht.

Dabei wird grob fahrlässiges Verhalten jeder Art zuverlässig ausgeblendet. Im Vollrausch des autonomen Kontrollverlustes tritt der Bescheuerte neben der Lkw-Kolonne das Gaspedal durch und jodelt zielsicher in die Baustelle, die sich aus purer Gehässigkeit nach den angebrachten Hinweistafeln schnellmaterialisiert. Gern zeigt der Hominide seine intellektuelle Überlegenheit, die in mathematischer Grenzberechnung kulminiert, hier experimentell am Beispiel des Beschreitens von Gleisanlagen im Zwischenbereich heruntergelassener Halbschranken demonstriert, um zu beweisen, dass Darwin seine Theorie der Anpassung ans Habitat nicht auf rein körperliche Merkmale beschränkt wissen wollte. So unwirtlich kann keine Welt sein, dass der Bekloppte ihre Feindlichkeit nicht durch eigene Dummheit noch zu steigern wüsste. Sein Bausparerabitur lässt den Realitätsphobiker selektiv wahrnehmen, was er für gefährlich hält, und dies ist dank des Mythos von der technischen Beherrschbarkeit der Welt die Welt selbst, die sich überraschenderweise Millionen von Jahren ohne den Menschen hat über Wasser halten können. Selbstverständlich ist die Natur kein Kindergeburtstag, immerhin hat sie gefährliche, dämliche und vollkommen lebensfeindliche Bestien wie Homo sapiens sapiens hervorgebracht, der sich samt Habitat nicht nur mit Bordmitteln zu zerstören verstünde, sondern das zur Profitmaximierung auch planvoll unternimmt.

Die wirklichen Gefahren, das klimabedingte Absaufen oder Verbrennen ganzer Landstriche, die Verwüstung im Sturm, die Verseuchung durch aus dem Ruder gelaufene Ökosysteme, alles das aber scheint leicht und lässlich, da sich die gründlich verdübelten Nanodenker nicht mit globalen Größen beschäftigen, wenn in ihrer Vorstellung nur der Gartenzaun als letzte Grenze der Erfahrung bleibt. Auch die Angst muss überschaubar und damit gut konsumierbar sein, durch die tägliche Dosis an Unterhaltung und Drogen gut wegzuklappen ins kollektiv Unerwünschte, als würde das Aufsagen eines Gebetssprüchleins schon genügen, um unser Seelenheil mit dem notwendigen Aufprallschutz aufzupumpen. Gleichzeitig verlangt die Mehrheit der Flusenlutscher ein Rundum-Paket, damit die schrecklichen Wahrheiten nicht mehr so kicken.

Nichts verwundert da weniger als die Rückkehr des vorwissenschaftlichen Zeitalters, in dem der Sinn der Schutzimpfung ebenso angezweifelt wird wie die Existenz von Krankheitserregern als dem fiesen Endgegner der Erdscheibenjünger, die die Mondlandung für Science Fiction halten und die Aufteilung ihrer eigenen Spezies in Rassen für genetisch gesichert. Angst macht nicht zwangsläufig doof, sie verengt nur den Horizont wie kein anderes bewusstseinseinschränkendes Mittel. Nicht einmal eine inhaltlich zertifizierte Religion kann hier mithalten, denn die ist immerhin interpretationsfähig. Wir werden alle sterben, das steht schon einmal fest. Bis dahin werden wir es in dieser unbehaglichen Unsicherheit schon noch aushalten müssen. Auch wenn es länger dauern sollte als ursprünglich befürchtet.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DIII): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

28 02 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann nach dem Urknall müssen sich Materie und Strahlung entkoppelt haben, dann begann die Bildung der Galaxien, große Gaswolken kollabierten zu Sternen, die Planeten gingen auf die Umlaufbahnen, dann entstanden Jahreszeiten, Ebbe und Flut. Trüb guckte der Troglodyt in den Regen, in die Nacht. Heute hockt der Hominide wie doof vor dem visuellen Endgerät und lässt Werbepausen an sich vorüberwabern, bevor der Filmdreck ihm wieder die Synapsen verkleistern darf. Das Konzept Zeit hat sich auch makrokosmisch durchgesetzt, ist aber in der Art Gesellschaft, die den Namen nicht unbedingt rechtfertigt, nicht mehr Grundgröße, nur selten von eigenem Wert, ansonsten nutzbares Zeug und nachwachsender Rohstoff. Es ist noch nicht einmal hinreichend geklärt, ob wir die Zeit verloren haben oder sie uns. Und niemand weiß, ob eine Antwort auf diese Frage es nicht schlimmer machen würde. Viel schlimmer.

Noch vor wenigen Jahrhunderten besaß nicht jeder das Bewusstsein, ein Individuum zu sein, indes er teilte seine Existenz in zwei Phasen ein, die vorübergehende in der Kohlenstoffwelt, eine nicht vergängliche im metaphysischen Ereigniskomplex. Letzterer gibt heute nur noch sporadisch Hoffnung und wird bisweilen ausgeblendet, wo in der reinen Zeitdilatation der Augenblick selbst sich zerdehnt wie Kaugummi unter einen Kinositz. Wir haben gerade noch so viel Zeit, dass wir jedem sagen können, wir hätten keine mehr. Die rigide Struktur neuzeitlicher Verwertungslogik hat uns abgerichtet, wir unterwerfen uns nicht mehr den Zeiten, sondern der Uhr, ihrer Weiterung ins Minutiöse, das als geldwerte Einheit überhaupt unsere Würde als wirtschaftliche Subjekte bestimmt. Als Teil einer kapitalistischen Nutzerbringung ist der Mensch in der Pflicht, seine Zeit in den Dienst des Marktes zu stellen, weil dieser Markt ihn sonst nicht überleben ließe, auch nicht in der resultierenden Restzeit, in der man atmet und schläft, isst und wohnt, nach Möglichkeit aber als Verbraucher seine Zeit auch im Interesse der Wirtschaft einsetzt, weil sich sonst die verlorene Zeit endgültig nicht mehr lohnen, das heißt: rechnen würde. Die Berechtigung zu ein paar Stunden Freigang erhält der ökonomisch getriebene Bürger nur, wenn er sie gegen die Käfighaltung der Leistungsethik eintauscht. So will es das Gesetz.

Als ungesetzlich, da unmoralisch, gilt sogleich alles, was die Verwertbarkeit abstreitet, indem es dem Gut Zeit einen inneren, untilgbaren Wert beimisst, als ob sie eine eigene Würde besäße. Der Arbeitslose wird nicht wegen seines mangelnden Beitrag am BIP geschmäht, man wirft ihm vor, seine Lebenszeit autonom zu nutzen, für sich selbst und verdachtsweise auch in eigenem Interesse. Der Bettler schon unterlag der verschwiemelten Ausbeutungssystematik, denn er unterlag noch immer dem grob gerasterten Stundenschlag, Auf- und Untergang der Sonne, Morgen-, Abendläuten sowie den Elementarkräften, die sich nicht beugen wollten, wenn die Börse es verlangte. Sie wurden frühzeitig als schlechte Vorbilder für die Jugend und die konditionierte Arbeiterklasse von der Gasse gefegt, eingesperrt und ins Werkhaus gestopft, um fortan nach dem Rhythmus der Industrialisierung den Fluss der Dinge zu erfahren. Noch heute zwingt die Maßnahme des Erwerbslosen, sich ans Maß zu gewöhnen, Struktur in den Tag und also in die reine Gegenwärtigkeit des Schaffens zu bringen, auch wenn dies den Wert der Person am Markt mindert.

Als reine Provokation bleibt das klassische Ideal der Muße auf der Strecke, ohne den Künste und Wissenschaft, namentlich die Philosophie nie den hohen Stellenwert im abendländischen Konstrukt gewonnen hätten, den ihm die Bildungsstelzen bis heute zuschreiben. Allerlei larmoyantes Wirrwerk mit Lufthaken dengeln sich die ökonomisierten Triebkraftprotze zusammen, als könne es Freiheit nur im Knast der Stechuhren geben, Wohlstand der Wenigen durch die Vertaktung der Vielen dabei fadenscheinig ausblendend. Dass eine ehedem heilige Zeitordnung des Immateriellen durch eine noch viel sakrosanktere Tempovorschrift ersetzt wird, verdeckt mühselig, wie wenig man das Motiv für Entdeckung und Innovation: die Faulheit ernst nimmt und ihren Endzweck erkennen will, nämlich die Auslastung der Maschine, der man gar nicht erst ein Ethos zusammendichten muss, um sie in eine pseudoreligiöse Sphäre zu hieven. Ohnehin hält der Apparat besser und treuer den Takt, kennt er doch keinerlei Barmherzigkeit, Herrenfeste oder Urlaub.

So bestrafen wir, dass wir die Ordnung der Vernunft verlassen haben, an denen, die noch an ihr festhalten, statt sich paradoxaler Beschleunigung hinzugeben, die in einem geschlossenen Kreis gar nicht funktionieren kann, da es Gesetze gibt, Gesetze und Grenzen, nicht nur in der Genauigkeit, auch in der Größe. Bei der Lichtgeschwindigkeit ist dann spätestens Schluss, nicht nur zufällig, sondern als Folge der Rahmenbedingungen. Sie werden das nicht ändern, auch nicht bei Sonnenaufgang. Sie hätten sich einen anderen Urknall suchen müssen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DII): Der Mythos von der Fremdenfeindlichkeit

21 02 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Simsalabim, bumm-bumm, keiner weiß, wann es wo passiert, nur hinterher wusste jeder es schon vorher. Plötzlich muss sich ein beliebiger Fleck auf der Landkarte für einen Ausbruch von Hass und Gewalt, die angeblich nie zuvor da gewesen waren, öffentlich rechtfertigen, und es fällt ihnen nichts ein außer der üblich offenporigen Selbstbemitleidung, die hinter dem zusammengebissenen Kampfbegriff steckt, der da heißt: Fremdenfeindlichkeit. Weil es ja nie der Täter ist, den man alleine für seine Tat zur Verantwortung ziehen darf, sondern immer mindestens auch alle anderen zusammen.

Und natürlich, denn nichts anderes insinuiert der aus intellektuellem Bauschaum hingeschwiemelte Wortmüll, auch das Opfer – hätte es sich nicht aus reinem Zufall, für den ja der Täter nichts kann, sondern auch noch wahllos an der Schlumpfstraße Ecke Gartenzwergallee aufgehalten, als der Schuss aus der Knarre knallte, welche Diskussionen hätte er unserer Gesellschaft erspart, die sich gerade von Leitkultur, Fußball und anderen Dramen auf die Plomben gehen lässt. Der Ermordete ist das Schwein, und wollen wir es nicht glauben, werden wir es noch und nöcher in die Birne gedroschen kriegen. Der Fremde ist schuld, warum sonst will keiner neben ihm wohnen?

Fremdheit ist die subjektiv gewählte Distanz einer Person zu den Merkmalen einer oder mehrerer anderer, die sich nicht ansatzweise an Maßstäbe hält. Von Bad Gnirbtzschen aus macht es durchaus einen Unterschied, ob der Nachbar in Aleppo geboren wurde und fließend in der Landessprache zu kommunizieren versteht oder aus Rovaniemi stammt und außer Nicken und Grinsen keinerlei Kenntnisse der hiesigen Kulturtechniken kennt. Der Finne, so weiß die volkstümelnde Literatur, kann so fremd nicht sein, sonst hätte er ja längst versucht, eine minderwertige Kultur loszuwerden, mit der er aufgewachsen ist. Dasselbe gilt noch für die Söhne der Söhne, die denselben Familiennamen tragen wie die einstmals zugezogenen Umwohner, sie sind nicht zugehörig; tritt man ihnen giftig entgegen, dann ist ihre Fremdheit der Auslöser für den Hass, während die eigentliche Fremdheit doch von denen ausgeht, die es trotz langer Ansässigkeit nicht auf die Kette gekriegt haben, das Vertrauen der neu Zugewanderten zu gewinnen. Wen wundert es da, dass sie von Fremden feindlich gesehen werden.

Wie das Konzept Rassismus nur funktioniert, wenn man auf Sozialentzug die Menschheit willkürlich in Rassen einteilen will, so ist auch der Begriff der Fremdenfeindlichkeit ein billiges Feigenblatt. Er setzt Othering voraus, eine Strategie künstlicher Verfremdung, die in jedem nicht Erwünschten irgendeine Differenz entdeckt, auch und gerne zufällig erfunden, die aber nur da zählt, wo sie den Ich-bin-kein-Nazi-aber-Nazis in den Kram passt, wenn sie sich nicht gerade als sowieso unverdächtige Popel gerieren, die ja auch Ausländer unter ihren Freunden haben und trotzdem nicht jeden Tag eine Moschee in Brand stecken, um sich vor dem Untergang des Kartoffelvolks zu schützen. Heißt der Nachbar Szyczymsky, handelt es sich je nach politischer Großwetterlage um einen ostischen Untermenschen aus einem Ballastvolk oder um die blutmäßige Verwandtschaft, die selbst durch braune Abluft auftreten darf. Fällt der andere durch seine Hautfarbe auf, steht seine Fremdheit fest, und es ist quasi reflexhaftes Naturrecht, ihn aus der Umgebung zu verjagen, um das Überleben der jammernden Herrenmenschen zu sichern, auch wenn der Fremde gar nicht fremd ist, sondern schon drei Generationen länger hier lebt als Szyczymsky und seine degenerierten Ableger.

Neben der Weigerung, generell alles Fremde als Feind anzusehen, belästigt der gemeine Rassist die Außenwelt ebenfalls gerne als Fremder, denn nichts anderes sind seine touristischen Heimsuchungen, in denen er andere Länder mit seinen eigenen Unsitten zu überziehen versucht unter chronischem Verlust jeglicher Moral. Nie käme es ihm in den Sinn, dass man den Bürgern anderer Staaten damit als sinnreduziert geratenes Müllbeutelimitat vor die Optik läuft und dann allmählich, Generation nach Generation, zum Inbegriff kulturell tiefstbegabter Ungezieferprävention in larmoyanter Polyesterpelle wird, über die man irgendwann keine Witze mehr macht, weil der Gedanke schon schlimm genug ist, so auszusehen. Außerdem würde es sie wirklich in den Wahnsinn treiben, merkte der Feriengast die Verachtung und würde sich aus reiner Gewohnheit in sein beschissenstes Selbstmitleid schmeißen, das man nicht mehr aus der Netzhaut kratzten kann. Es gibt keine Hoffnung, sie treiben ihm die Vorurteile nicht mehr aus, denn er wurde doof geboren, hat sich beharrlich zu lernen geweigert, weil schon seine Vorväter alles besser wussten, und allem Anschein nach war seine Kultur schon immer der untere Dreckrand seines Kontinents. Rassenwahn ist das nicht, nur Empirie. Aber keiner würde es ihm sagen. Am Ende hat er spontane Fantasien von Verbrüderung und marschiert wieder ein. Man würde sich ja glatt wieder fremd fühlen, sogar im eigenen Land.