Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXL): Die Verduftung der Welt

16 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die gelbe Schlonzbeere roch ganz leicht nach Kadaver, um Insekten anzuziehen, die sich in ihren klebrigen Blüten verfingen wie grenzdebile Deppen im Inneren einer rechtsextremistischen Partei. Die Fliege hatte keine Zeit, ihre empirisch gewonnenen Daten an die nächste Generation weiterzugeben, Uga schon. Nach Verzehr der Frucht stellte sich zu heftigem Magengeräusch Schwallhusten ein, den man so schnell nicht vergaß, falls man ihn denn überlebte. Fortan steckte der gute Genosse seinen Riechkolben nur noch in die Kräuter der Wiese und in die kommunikativen Partien der Artgenossen, die mit ihren Schweißdrüsen Smalltalk machten. Ab und zu schwiemelte er der Holden Blümchen ins Haupthaar, doch aus ganz anderen Gründen. Noch hatte der Mensch die Nase nicht voll.

Eines Tages siegte der Lochfraß im limbischen System und der Hominide erfand den objektungebundenen Duftstoff. Vermutlich hatte die Chemie sich mit der Herstellung von Kampfgas und Karzinogenen bis dato unausgelastet gefühlt, so dass sie nun die Vernichtung der Menschheit auf dem psychologischen Weg einschlug, und wahrlich, es ward so. Mit synthetisierten Essenzen, die ein Schwimmbecken zu Erbsensuppe verwandeln konnten und die Alpen in Graubrot, eroberten die Giftmischer die Großhirne der molekülgesteuerten Triebwesen, konditionierten sie auf allerlei modischen Schnickschnack für die Schleimhäute und trieben sie herdenweise in die heillose Abhängigkeit, bis die amorphe Kundenmasse wie gebannt vor dem Regal stand mit dreiunddreißig Spraydosen, weil es in der Postmoderne auf der Bedürfnisanstalt anders nicht mehr stinken darf als in einem Rosengarten auf Speed.

Eine durchschnittliche Plattenbaubutze ohne Atemschutz zu betreten führt zu psychedelischen Effekten. Leichte Herznoten von Bohnerwachs und Linoleum schwappen noch aus der Außenwelt unter dem Zugluftdackel durch, doch schon watet man in knietiefem Vanillepudding. Meeresbrisen schleifen die Netzhäute plan beim Betreten der Nasszelle, in Wohnzimmernähe wummert ein Armageddon aus Lavendel die Gesichtsebene in den Hinterkopf nebst Riesenbabypuder für Rosmarins Nachgeburt. Heimelig kratzt die Kombi aus Kunstwildleder und Pottwalkotze im Rachen, und während das geneigte Schimmelhirn die Kohle für diesen olfaktorischen Vernichtungsfeldzug gegen die Restsynapsen in die Kasse geholt hat, pfifferte im Dreiminutentakt eine elektronische Aerosolkanone eine Jasminoffensive ins umgebende Gasgemisch, die im abgestandenen Zustand riecht wie getoastete Bonbons nach der Exhumierung. Willkommen zur Stunksitzung.

Das Ergebnis ist der komplette Kontrollverlust, das Gift macht inzwischen die Dosis. Die zivilisierte Welt oder das, was wir noch dafür halten, riecht bei orkanartiger Gegenwindstärke nach Sandelholz mit Erdbeeren, als habe sich das die Evolution persönlich aus den Rippen geleiert, und spricht jeder natürlichen Aromenverteilung Hohn. Was Limettenschale und Koriander an der Haarwurzel zu suchen haben und gemähtes Gras am Küchenboden, weiß der Marketingexperte des Tensidkonzerns, und er behält es zur Vorsicht auch für sich. Bald riechen die Autos von innen nach Kuheuter, aber halt – jede Rostlaube wird im Wert längst verdoppelt von einer Überpopulation an Duftbäumen, die das Wagendach nach vorne unten zieht. Tanne-Topinambur oder die Apfelapokalypse treten an gegen ein manisches Melonenmassaker, um des Lenkers Reflexe zu zerstören. Warum diese Verkleisterung des zentralen Nervensystems nicht mit mobiler Ozonzwangsversorgung seitens der UNO gekontert wird, ist geradezu ruchlos.

Die meisten Isoprenoide vertreiben Kleintiere, vermutlich beschießt der Bescheuerte seine eigene Bude grenzwertflexibel mit Geraniol, Limonen und Citral, um die Wirkung schon mal an sich selbst zu testen. Dass das Zeug lustige Allergien auslöst, weil es bis tief in die Lungenäste kriecht und über die welke Oberfläche inkorporiert wird, das weiß der Kunde, aber zum Zelten auf dem intellektuellen Standstreifen hat er noch eben schnell eine Schütte Duftkerzen organisiert, um den Schmodder über die steigende Reizschwelle des Aromatenjunkies zu hieven. Lieblich knallt Benzol an die Schädeldecke, diesmal von innen, und grüßt im Vorbeifluss die anderen Lösungsmittel auf dem Weg zur Leber. Wozu der Behämmerte noch raucht, erschließt sich nicht mehr wirklich. Mit verstörender Intensität imprägniert der Mix aus Chanel Nummer 50.000 und dem Zimttodesstern alle Klamotten, die gute Kinderarbeitsware aus Bangladesch macht in der U-Bahn Fruchtfliegen aus Fernost nervös, und ein leichter Film aus Paraffin und Aloe vera legt sich tückisch-sanft auf die Tapeten. Irgendwann in einer stürmischen Nacht wird irgendein Nachbewohner Stimmen aus dem Inneren der Dielenbretter hören, die ihm befehlen, Bielefeld zu zerstören und in seine Heimatgalaxie zurückzufliegen. So wird’s geschehen, denn wir wissen seit dem Pleistozän: Chemie ist gefährlich, aber Zugluft tötet.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIX): Das Kind als Erweiterung des Ich

9 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie bunt und einfallsreich hat doch Mutter Evolution die Aufzucht und Hege der Brut gestaltet. Im Beutel und im Mäulchen, im Nest und im Kadaver diverser Beutetiere ziehen die Arten ihren Nachwuchs groß, teils unter erheblichem Stress, teils schicksalsergeben vor dem Hintergrunde, dass es genetisch in ihnen angelegt ist, sie also einem Code folgen, der jedoch in all seiner Verpeiltheit die Vernunft für sich beanspruchen darf, sinnvoll zu sein, sonst hätte er sich nicht von Generation zu Generation in die DNA geschwiemelt. Nur eine Spezies hat es schwerer, braucht doch die Frucht ihres Leibes Jahre, um die Grundausstattung einigermaßen zum Laufen zu bringen, und noch zweimal dieselbe Zeit, bis der Klumpatsch die Reproduktion für sich entdeckt. Er ist ein Nestflüchter, der Hominide, aber nur auf Raten und nur dann, wenn man in einem taktisch günstigen Moment nach dem Rausschmiss Türen und Fenster hermetisch hinter ihm verschließt. Die Kinder sind weg, das Erziehungsziel ist erreicht.

In gewissen sozialen Milieus spielt diese Perspektive, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Das Kind, vor allem das gerade abgenabelte – die Geburt ist höchstens sieben bis maximal zehn Jahre her – wird von heftig helikopternden Knalltüten überwacht, auf dass es unter keinen Umständen über physiologisch relevante Prozesse wie Atmung, Stoffwechsel und Lallen hinauswächst. Die Vorstellung, dass die Brut eines Tages mit Doktor und Sportwagen das Kinderzimmer verlässt, triebe das Muttertier in eine autoaggressive Depression, in deren Verlauf Landstriche vom Angesicht dieses zweifelhaften Planeten verschwänden. Kein Risiko!

Die stabile Mutter-Kind-Beziehung, bösartig durch die Trennung von Säugling und Nachgeburt vollzogen, sie reißt klaffende Wunden auf in der Übermutter Teresa, die ihren eiligen Schein aus Bling-Bling für Blag und Ego mit Bordmitteln aufpustet. Mutter werden ist nicht schwer, doch wer warnt die Ich-AG entbindungsnah vor dem Verlust der Strahlkraft, die auf das schrumpelige Ding mit Geräuschentwicklung übergeht. Übergangsriten sind, der Name sagt’s, der Ablösung verschrieben, aber was macht Mutti, das gravitätische Rund im dunkelschwarzen Loch, wenn die Schwerkraft sich jetzt woanders einen abkräht? Schöne Scheiße. Da hilft, wenn überhaupt, nur noch Psychologie.

Dummerweise greift die Humanoidglucke zu gröberen Mitteln und schnürt den Ex-Fötus in die eigenen Weichzonen, gerne mit Bio-Indigen-Faktor als Tragetuch, weil ja die westlichen Industrieländer mangels Kleinkindaufzucht eine Sterblichkeit von knapp tausend Promille aufweisen, schwör! Und es ist im alternativen Dunstkreis ja sowieso besser, den Zellhaufen immer millimetergenau an die Mamma gequetscht zu transportieren, Ringbahn oder Rockerkneipe, Hauptsache Stallgeruch aus Kernseife und Dinkelkrüstchen, denn nur die Mutter weiß wirklich, was dem Sprössling fehlt.

Noch lässt sich keine industrielle Ware finden, in die sich beide einknöpfen können, am besten im Hinten-vorne-Verschub, um wenigstens zeitweise den Eindruck von Schwangerschaft wieder zu erzeugen, während sich tagsüber die Frau mit Nebensächlichkeiten wie Einkauf, Erwerbsarbeit oder Weltrettung abgibt. Nachts allerdings ist das Problem zur Zufriedenheit gelöst, in kofötaler Haltung statt mit dem Schuldgefühl, das Kind im Gitterbett inhaftiert den Alpträumen auszusetzen, während die Egoistin in Bauchlage durchschläft. Noch ist keine Kinderdemo bekannt, auf der die Verdammten dieser Erde mit Transparenten wie Dein Bauch gehört mir ein Ende der Aussperrung fordern. Stattdessen schreit das Kind, genauer: die Mutter unterbindet jede nicht programmgemäß vorgesehene Äußerung. Nicht aus Selbstschutz, der liefe dem sadomasochistischen Tenor des quasireligiösen Konzepts zuwider, nur aus Trainingsgründen, wenngleich nicht für den Junior. Die Mutter ist’s, die nicht emotional verhärten soll, fraulich und weich muss sie bleiben, im Einklang mit Welt und Klischee, wenn sich schon der Geburtskanal gänzlich überraschend als Einbahnstraße herausstellt.

Ihr späteres Leben verbringt die Gebärerin mit Prothesen, karrt Knaben zum Fußball und in die Universität, festgeklemmt im SUV, eine Hand im Terminplaner, die andere an der Schusswaffe, um sich gegen andere Mütter in Stellung zu bringen, die ihre Brut im SUV vom Ballett zur Bundeswehr bringen. Gewiss, sie konsumieren, aber lässt sich damit der Weltfrieden finden? Den Nobelpreis verdient nur die saubere Lösung, den Zellklumpen postnatal wieder in die Mutter zu implantieren, damit die liebe Seele Ruh hat. Ist vor der Trennung das Kind nicht ohne Mutter lebensfähig und kehrt sich’s danach ins Gegenteil, hilft nur Endgültiges, zum Beispiel die totale Mutterschaft als innerer Wert. Niemand wird mehr nörgeln, weil ihm der Kita-Platz fehlt. Baby to go! Schöne, neue Welt, in der die Androiden träumen. Wer weiß, wovon. Und womit.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVIII): Nazi-TV

2 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede Wette, es sind fünf bis zwölf Männerchen, alle nicht mehr frisch, aber sie hocken nun mal auf den respektiven Hintern um diesen Tisch herum und nagen sich die Ellenbogen ab. Früher hätten sie noch leichtes Spiel gehabt und wären ihrem Auftrag nachgekommen, des Deutschen Glotzkasten mit Buntbewegtbildern zu befüllen, Fußball oder ein literarisches Quartett, aber seitdem Ballsport nur noch dazu dient, korrupten Funktionären die Gefahr des frühzeitigen Ablebens zu versüßen, gibt es keinen nachvollziehbaren Grund mehr, vor einer Flimmerkiste zu sitzen. Das Interwebnetz und die anderen Kanäle überschwemmen die Hirne der Masse längst mehrdimensional mit Serien, an die kein mit Bordmitteln zusammengeschwiemeltes Zeugs à la Lindenstraße mehr reicht. Die Evolution wurde offenbar nicht im Fernsehen gezeigt. Die Affen liegen immer noch auf dem Sofa, kratzen sich oder wen auch immer an der Rückseite, und nichts wird sie als treue Junkies in den warmen Schoß der Verbrauchergemeinschaft zurückholen. Höchstens Nazi-TV.

Es sollte längst einen eigenen Knopf auf der Fernbedienung geben für die Gruselgrütze vom Oberschmalzberg, der den Mageninhaltsauswurf von hinten unten flutet. Einmal eingeschaltet, zack! brettert ein Blitzkrieg Adolfs verseiften Kleister in die Wohn- und Wahnzimmer. Hitlers Helfer, Hitlers Hunde, Hitlers Hackfresse rülpst sich im Dauerstakkato aus dem Gerät. Als wäre es nur noch zu ertragen, wenn wir nicht alle ganz genau gewusst hätten, dass der Bettnässer aus Braunau in Wahrheit ein entspanntes Verhältnis zu Grießpudding hatte, seinen Schreibkräften die Backen tätschelte und gewaltig einen an der Wunderwaffel hatte. Ja, er hat ganz Europa in einen unsinnigen Krieg getrommelt, aber wie hätten wir weiterleben sollen, wenn wir nicht gewusst hätten, dass er Eva eine Handtasche geschenkt hat?

Wird die deutsche Geschichtsbesessenheit, falls es sie denn tatsächlich geben sollte, als Argument für den Braunfunk ins Feld geführt, warum berieselt man die intellektuelle Unterschicht nicht mit Karl dem Großen? Karls Frauen, Karls Kriege, Karls Bildungsreformen und was davon übrig blieb – viel wird’s nicht gewesen sein, sonst wäre es in die Top Ten der Fragen an die Historie eingegangen. Hatte Bismarck Läuse im Bart? Konnte Napoleon unter dem Tisch durchlaufen? War Augustus ein mieses Arschloch im Gewand des moralinsauren Mieslings – oder war’s umgekehrt? Gerne hätte der geneigte Zuschauer auch die finanzpolitischen Verheerungen vor der Französischen Revolution begriffen, an denen der verschwendungssüchtige Hof ebenso beteiligt gewesen war wie das Militär. Ebenso wäre er am Niedergang des mittelbyzantinischen Reichs interessiert gewesen, das nicht durch die Expansion des Islams von der Platte geputzt wurde, sondern der blutigen Barmherzigkeit mordender Christen zum Opfer fiel. Freilich ließe sich eine Sendung über das Ende des Prager Frühlings auch gut in die Agenda schmuggeln, oder lustige Anekdoten über die RAF. Aber man muss auch die Quote denken.

Sie sprechen mit gespaltener Zunge. Denn einerseits ist der ständige Faschismusblubber die Reduktion der Historie auf die Hysterie, auf omnipräsenten Nervenkitzel, der mit wohligem Schauer konsumiert werden kann. Uns geht’s ja gold, wir haben Apfelsinen und müssen uns im Frieden nicht mit dem Hirnplüsch der Berufsirren auseinandersetzen, es ist vorbei, es taugt schon für die gröberen Entertainmentformate. Womit dann andererseits die grassierende Normalisierung des NS-Irrsinns einsetzt, denn so schlimm kann es ja gar nicht gewesen sein, wenn die Leute noch Zeit gefunden haben, den Führer beim Verspeisen der arischen Herrenkartoffel zu filmen. Und so gerinnt die Aufnahme eines Karnevalszuges mit SS-Tröten – als hätte dies einen Neuigkeitswert – zur quasi folkloristischen Schilderung unserer Leidkultur, immer auch offen für eine Opferhaltung, da man sich damals nicht hatte aussuchen können, ob man den Nazis eine reinzimmert oder aus Gründen des Überlebenswillens lieber nur den rechten Arm hebt.

Und weiter klömpert der Quatsch aus der Röhre, emotionaler Schmodder über den Polenfeldzug, die uninteressantesten Aufnahmen aus Wolfsschanze und Reichssicherheitshauptamt, und nur, dass es sich um Schwarzweißbilder handelt von Typen in Heinrich-Himmler-Gedenkschädelfräse, sorgt noch für ein pelziges Verfremdungsgefühl, wenn man einmal einen Moment nicht genau aufgepasst hat, was da aus dem Volksempfänger suppt. Es geht nicht um den Gewinn, es geht um zielgerichtete Vernichtung von Erkenntnis, falls es die jemals gegeben haben sollte. Bis dahin wird der Brüllmüll mit dem lustigen Bart zum launigen Märchenonkel, der für uns alle auf den Schlussstrich geht, damit das Tätervolk endlich in die ewigen Jagdgründe verschwinden kann. Und sollte er eines Tages wiederkommen, er wird nicht sagen: ich bin wieder da, er wird sagen: ich war nur mal kurz weg. Ich habe den Sender gewechselt. Ihr wolltet doch den totalen Krieg. Wir haben da mal etwas vorbereitet.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVII): Wandern

26 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

War es ein Mangel an Sitzgelegenheiten? Rrt lief nicht nur zweimal zum Buntbeerenstrauch, er stromerte ziellos am Bächlein herum, latschte in konzentrischen Kreisen um den Tümpel und guckte in die Wolken, und schon war der Tag herum. Die Restsippe freute sich dementsprechend, denn wer dichtete jetzt die Fenster der Eigentumshöhle? Wer machte Feuer? Die Klagen gegen den Müßiggänger begannen sich zu häufen. Nicht einmal der Häuptling hatte noch Zugang zu ihm, denn Rrt war einfach mal weg, inklusive des Gruppengefüges. Dass die arbeitsteilige Gesellschaft ohne Urlaubsanspruch eine einseitig beschlossene Zeitsouveränität nicht ohne Weiteres verträgt, hatte sich noch nicht herumgesprochen. Das Wandern blieb nicht des Troglodyten Lust.

Nicht die zweckfreie Bewegung stand am Anfang des Problems, sie wurde zum Problem, und das unter mehrerlei Gestalt. Wäre der gemeine Depp noch unterwegs, weil sein Maultier gerade in der Werkstatt gewartet wird, er bekäme Pardon. Doch die in neandertaleskes Schuhwerk gestopfte Masse, meist in diversen Abstufungen von Beige bis Kariert verkleidet, hat es nicht anders verdient. Windstärkenunabhängig schwappt aufdringliches Liedgut über zertrampelte Wild- und Waldwege, es naht sich der organisierte Mob mit Knotenstock und Butterbrot, die Landplage aus der Jugendbewegung von vor hmzig Jahren. Wer auch immer durch die Gaue tapert, hat mit der Kultur abgeschlossen und lebt seine niederen Instinkte durch Belästigung der Umwelt aus. Hier schnitzt der rüstige Rentner sein Monogramm in wehrloses Gehölz, dort schmoddert der geneigte Konsument die Hinterlassenschaften seines Alkoholkonsums in die Gegend, gemeinsam verstören sie Brut und Aufzucht der Fauna, die ihnen nur in Form von Wurstwaren und Fotografie in den Sinn käme. Aus dem edlen Wilden wurde ein dekadenter Naturverbraucher, der Nachschub will und jeden Quadratmeter dieses Planeten mit seiner Präsenz entnervt.

Der Hominide neigt bekanntlich zum Extrem, einmal nicht aufgepasst, schon waren ganze Völker auf Achse. Immerhin haben die spätantiken Stämme bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Architektur am Wegesrand korrigiert oder die Eigentumsverhältnisse anderer Menschen an ihre eigenen Bedürfnisse angeglichen, aber was ist das gegen eine Kohorte enthemmter Endsechziger, die in polartauglicher Funktionskleidung durch den Westerwald stampft, als wolle sie die kontinentalen Höhenzüge auf Normalnull nivellieren. Die Naturbegeisterung des Bildungsbürgers war ein durchaus ehrenwertes Moment, aber dafür hätte ein bisschen Gewackel durch den Stadtpark gereicht, ab und zu eine Bootspartie oder ein Spaziergang durchs Gewächshaus. Gerade der Teutone aber geht brutalst gründlich ans Werk. Zwischen Nacht- und Nacktwandern lotet er die Manie leistungsbezogen aus, den Schwellenzustand zwischen Selbsthass und zelebrierter Grobheit. Ohne Schmerzen ist dieses offenporige Gebaren nicht zu erklären.

Das Grauen hält bereits als Wandertag Einzug in den Bereich schulischer Bußübungen – im Pulk wälzt sich der Klassenverband durch Wald und Heide im quasi militaristischen Gewaltmarsch, Gepäck und Verbandskasten am Mann, um Durst und Blasenwurf nicht verlegen – auf dass der Ekel vor dem Landstrich möglichst lange anhalte. Kein geistig gesunder Bürger käme sonst auf die grenzwertige Idee, Jugendliche im Verbund durch die Gegend zu prügeln, es sei denn kurz vor der Kapitulation und mit einer Flak auf der Achsel. Hier aber blüht das Wesen der tiefschwarzen Pädagogik in schillernden Farben. Erst spät bis kurz vor dem Abkippen wählt der Vollverkalkte aus reiner Vergangenheitsverklärung wieder die Fortbewegung in Zeitlupe, bar jeder Scham und in ritueller Horde, weil er alleine nicht mehr überlebensfähig wäre. Und so greift das mobile Einschwatzkommando dann auch in der Innenstadt zu Knobelbecher und Tropenhelm, seilt sich vorschriftsmäßig im Museum an und plant drei Tage mit Halbpension wie Survivaltraining, gerade im Ausland, wo er nicht sicher sein kann, dass er deutsche Bratwurst und deutsche Kopfkissen kriegt. Andererseits schlurft er in Sandaletten im Himalaya umher, weil ihm sein verschwiemeltes Hirngestrüpp nicht mehr zwischen körperlicher Wirklichkeit und Glitzereinhornland zu unterscheiden erlaubt. Nur wenige entweichen seitlich ins Nordic Walking, in geringer Quote werden fußkranke Jammerlappen in den Kegelsport abgeschoben und verschonen die Öffentlichkeit mit ihrer institutionalisierten Sucht. Ratten und Dünen, ja. Nieren. Falken, okay. Aber wozu die vorläufige Sackgasse der Evolution, der Trockennasenaffe, der gewerbsmäßig sein Habitat in eine Kloake umbaut, auf seinen Hinterpfoten über die Krume stolpert, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben. Not tut es jedenfalls nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVI): Das Dankbarkeitssyndrom

19 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück. Die Pest hat einen Namen und es braucht mehr als Schmirgelpapier, um sich diesen Schmodder aus der Hirnrinde zu schwiemeln. Die gesamte westlich-vegane Welt, das christliche Abendland samt kapitalistischer Anhängsel und Wurmfortsätze, aalt und suhlt sich in Ergebenheit, nicht dem Schicksal gegenüber, aber doch in quasi-esoterischer Selbstermächtigung, dass noch aus dem dümmlichsten Hirnquark ein Patentrezept wird, mit dem die intellektuelle Ausschussware sich ihr bisschen Stoffwechsel in ein erfüllendes Leben umbiegen kann. Der Murks hat Methode, und wer sie nicht mehr merkt, ist als unterwürfiges Rad im Getriebe gerade recht. Einmal mit dem Syndrom ewiger, vollumfänglicher Dankbarkeit für alles, jeden sowie den letzten Rotz infiziert, und die Sache läuft.

Es ist vordergründig die devote Grundhaltung, noch die ausweglose Hochglanztristesse eines gründlich versaubeutelten Systems als gegeben zu betrachten, sie hinzunehmen und – positiv denken, positiv denken! – sich die ganze Scheiße bunt zu lügen. Frisch geschieden? super, mehr Zeit für Überstunden! Danke, Chef! Umweltkatastrophe im Kongo? dufte, wir leben in Europa! Danke, Zufall! Erderwärmung? na urst, wenn der Meeresspiegel steigt, sind wir schon längst Biomasse! Danke, Generationenungerechtigkeit! Alles lässt sich so krempeln dass das Gute in den Vordergrund tritt, alles gibt jemandem die Gelegenheit, dankbar zu sein, und ist man es nicht selbst, dann danken wir aus Solidarität. Nazis zünden Flüchtlingsheime an? knorkomat, da hocken die Arschmaden wenigstens mal nicht auf der Straße! Danke, Faschismus!

Aber machen wird uns nichts vor, dankbar ist das neue achtsam, und es führt zu bestialischen Selbstzerfleischungen, nur um für andere attraktiv genug auszusehen. Die komplizierte Demut wird in ihrer geistigen Einfachheit demonstrativ vor sich hergetragen als Monstranz klinischer Beklopptheit. Aus dem Gekrümel bastelt sich die Zielgruppe einen eigenen Lifestyle, und es wäre keiner, wenn sie nicht peu à peu extremistisch würde, für alles danken würde, erst für schönes Wetter, dann für die momentane Gesundheit, irgendwann für die Gene, wahrscheinlich auch irgendwann für die Luft zum Atmen oder die kosmische Hintergrundstrahlung. Nach diesem Strickmuster sind Dummdeppen stolz, eine Nationalität zu besitzen, auch wenn sie am Zustandekommen der Nationalität nicht schuld sind und nichts dafür getan haben, mit ihr geboren zu werden.

Der Schmalz quillt nicht zufällig aus der neoliberalen Tüte, die dem narkotisierten Prekariat beibringt, die Krümel vom Tische des Herrn als ausreichend zu betrachten und nicht ständig nach mehr zu gieren, wie es angeblich leistungsstarken Besitzern von Aktien und Erbschaften zusteht. Man trichtert den Unterernährten ein, wie schlank sie durch liebevolles Hungern bleiben, erklärt ihre unterbezahlten Knochenjobs zur gesellschaftlich wichtigsten Wertschöpfung – was für die Chefs der Knochemühle ja auch stimmt – und feiert ihre eiserne Disziplin, mit der sie nicht nach der Sense greifen, um diesen komplett verseiften Schrunz der Elite zu beseitigen. Würde man sie stolz machen, ihnen Ehre und Würde einreden, den Pfleger zum Ritter schlagen, die Alleinerziehenden als Vorbild an sozialem Altruismus preisen, sie würden schnell wider den Stachel löcken.

Dazu kommt der anthropogene Vollschrott, der an seinen Folgen erkennbar die Absurdität dieser Welt zeitigt. Rüstungsproduktion, Getreideanbau zur Kraftstofferzeugung, Handelskriege, planmäßig betriebener Steuerbetrug, Mülltourismus, dazu der Sicherheitswahn und der Staatsterrorismus von Diktaturen, die aus politischem Opportunismus hofiert werden, alles das ballt sich zusammen zur übermächtigen Idee, dass diese Existenz ohne Sinn, ist, ungerecht und grenzwertig inszeniert. Mag man an der Vorstellung zweifeln, dass es jenes höhere Wesen, das wir verehren, tatsächlich gibt, hier ist wieder die Gewissheit – positiv denken, positiv denken! – dass alles gut ist, von oben kommt und es kein Scheißleben in diesem richtigen geben kann. Überhaupt, für Einsfuffzich in der Stunde arbeiten, in den Slums von Bangladesch wäre man damit der König der Reiskörner, könnte mit seiner Hartzknete locker Benz fahren und wäre nebbich so ein elend undankbares Geschöpf, dem man die Moralkeule durch die Zahnlücken ziehen könnte. Klar lässt sich das schönquatschen, klar kann man jeden, der von Dank durchspült wird, als bereits genug entlohnt abstempeln, denn wer jammert, hat zu viel Zeit, aber wer dankt, der mosert nicht. Wir haben uns in ein bezauberndes Gefängnis aus Emotionsglibber locken lassen, die kalte Schleimigkeit sieht man erst nach dem Betreten, wenn die Tür gerade knarzend sich zu schließen beginnt. Alles atmet Frieden, eine tiefe Selbstgerechtigkeit wabert über den Boden und vernebelt alles, was mit der Nase knapp über Null liegt. Alles ist gut, solange dieser Planet eine Population duldet, die sich mit der Abrissbirne artikuliert. Toll. Aber hier leben? Nein. Danke.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXV): Die Radikalisierung der Debatte

12 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dieser eine kleine, dicke König – der Name ist nicht genau überliefert, aber er wird schon gelebt haben, wenngleich lange vor der Aufklärung, wenn nicht vor der Zivilisation – hatte eine Idee, wie man des Untertanengeplärrs Herr und ledig werden konnte. Alle seine Diener, so dachte er, sollten alle Katzen des Landes zusammentreiben und ins Feuer werfen. Da er aber den Sturkopf der Königin zu gut kannte, wusste er, sie würde ihn herunterhandeln, zunächst auf alle schwarzen Katzen, dann auf alle mit blauen Augen. Mehr brauchte er auch nicht, denn als gewiefter Taktierer, der als Kronprinz die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft der Folterknechte geführt hatte, wusste er, dass man eine Maximalforderung nicht stellte, um sie durchzudrücken, sondern um dem Gegner die Stirn zu bieten, der seinerseits eine Maximalforderung in den Disput wirft. So weit, so gut. Dann kam die Aufklärung, sah sich um und verschwand.

Denn nichts anderes hat dazu geführt, die westliche Gesellschaft in die Gegenwart zu führen, in der eine Frau ohne Erlaubnis des Ehegatten einen Arbeitsvertrag unterschreiben, ein eigenes Konto eröffnen und über ihr in diese Ehe eingebrachtes Vermögen verfügen konnte, was bis heute den Jammerlappen von der Herrenrasselbande ein Dorn im trüben Auge ist. Bis dato auch gilt alles, was der Befreiung von Jahrhunderte dickem Staub diente, als Vernichtungsangriff auf irgendein Abendland, was ad hoc zu Lufteinlagerungen im Schädelkalk führte. Noch führte die liberal getönte Demokratie, die Schäfchen im Schafspelz, das Ideal vom der gesitteten Debatte im Wappen, nach einer, dann nach zwei Diktaturen pures Hirnschadenkaraoke angesichts eines anhaltend zerstörerischen Furors aus dem rechten Lager, der nun seinerseits die politischen Positionen festsetzte: keine Ostgrenze soll anerkannt, der Holocaust straffrei geleugnet und ein toitscher Schlussstrich gezogen werden unter die Ungnade zu früher Geburt. Die dahinter verborgene Strategie bleibt es nicht lange: die Grenzen des Sagbaren sollen ausgedehnt werden.

Das zivilisierte Gespräch, meist ein preziöses Gepopel um Worthülsen, das rechte Waschweiber als Vorstufe zur Schlammschlacht nehmen, um ihre soziopathischen Feuchtgebiete nachzuspeicheln, wird von ihnen durchaus nicht missverstanden als eine Gelegenheit, alles offen und ohne Angst vor möglichen Folgen herauszukreischen, was sie an Hass- und Gewaltvorstellungen in sich tragen; es wird von ihnen so verstanden, und das nicht ohne nachhaltige Absichten.

Je mehr sich die linksliberalen Utopisten in eine Zukunftswelt zurückziehen mit Ideen, die erst in kommenden Generationen verwirklicht werden (Gleichberechtigung, Ehe für alle), die zumindest nicht ohne gesellschaftliche Umbrüche machbar wären (bedingungsloses Grundeinkommen) oder die schlicht hirnverbrannter Schwachsinn sind (eine Welt ohne asoziale Arschlöcher, die sich mit dem Verkauf von Waffen in Krisengebiete die Rosette vergolden), desto eher heult es auf dem anderen Seite des Grabens, jetzt müsse man aber endlich die Zeit wieder zurückschwiemeln bis ins Mittelalter. Und so geschieht es auch; mit ansehnlichem Gegenschub grätscht der Diskurs in Richtung intellektuelle Finsternis.

Die Absicht der Moorleichenlehrlinge ist es, den Extremismus ohne deutliche Klassifizierung als Undenkbares in einer Dauerschleife zu wiederholen und durch die permanente Präsenz in der Debatte als neue Normalität zu etablieren, in stetem Vertrauen darauf, dass die Mehrheit der Deppen alles für normal hält, worüber ständig gesprochen wird – sonst würde ja nicht darüber gesprochen. Zugleich diskriminiert ihr Gezeter jede sinnvolle Debatte als gemeinschaftsschädlich, zunächst, weil sie angeblich die Selbstverstärkung in der Echokammer als radikaler Gegenentwurf stört, schnell aber nur noch, weil sie sinnvoll ist und den Populismus der Emotionsbulimiker empfindlich mit Geist verwässert. Und schon verkehren sich die Seiten: Rechtsextremismus wird als Normalität hingestellt, wer sich aber normal verhält, gilt als linksextrem. Gleichzeitig hält der Extremismus, der die Mitte repräsentieren will, jeden Gegenwind für eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, auch bei demokratisch nicht mehr verwertbarem Denkmüll aus seiner Blase, und kombiniert dies geschickt mit der traditionellen Opferrolle des in Geschichte und Gegenwart ständig unterdrückten Freiheitskämpfers im Gefängnis seines eigenen Menschenhasses. So radikalisiert sich die Debatte, bis keine Debatte mehr existiert. Ihre Totengräber sind nicht allein die Schreihälse, es sind pseudolibertäre Moderatoren, die den Erdrutsch nicht sehen und eine Position in der Mitte auspendeln wollen, die sozial verträglich sein muss, weil sie ja in der Mitte liegt, und es sind die Ängstlichen, die dem Dauergebrüll zuhören, weil es zwar radikal ist, aber aus der selbst definierten Mitte tönt. Die Radikalen bedienen dabei allenfalls ihr Zerrbild einer schweigenden Mehrheit. Wenn sie mal täte, es wäre schon viel gewonnen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIV): Die Bio-Lüge

5 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt viele Distinktionsmerkmale, wenn sich der Hominide als Teil der besseren Gesellschaft zu erkennen geben will, auch und gerade da, wo er größten Wert darauf legt, dass nur Distinguierte einander erkennen am Augurenlächeln. Im Tier-Mensch-Übergangsfeld kam allmählich Schmuck als reine Sinnlosigkeit auf, wenigstens da, wo keine tierischen Artefakte von Mut und Geschicklichkeit zeugten, sondern sich die Primaten allerlei Tinnef aus Biomasse um den Hals legten. Und so ist es auch in der Jetztzeit, während höchst kultivierte Forst- und Studienräte mit ihren Zivilpanzern auf dem Discounterparkplatz den Gegenwert eines Kohlekraftwerks in die Atmosphäre rülpsen, landet im Kofferraum der gute Ökospargel, tiefgefroren und mit gutem Andenquellwasser befeuchtet, denn was wäre Weihnachten ohne ein bisschen Luxus?

Der moralisch erwachte Körnerfresser ist in der oberen Liga angekommen, und wer es kann, zeigt es auch. Natürlich gehört zur Klientel reststofffrei abbaubarer Neoliberaler der pestizidfreie Typ mit dem Ich-bremse-auch-für-Tiere-Sticker am Toches der Gemächtprothese. Ihre Gesprächsthemen sind zu drei Vierteln aus naturbelassenem Quark, gut garniert mit der Botschaft, dass sie selbstredend die Pinkeltaste auf dem Zweitklo im Landhaus – sehr verkehrsgünstig an der Ausfallstraße gelegen, mit Doppelgarage, keine fünfzig Kilometer vom Büro entfernt – mit repressionfrei geklöppelten Bömmeln schmücken, falls Gäste einen Liter Trinkwasser in die Kanalisation jagen wollen, ohne sich in Blut und Boden zu schämen. Das verfolgt sie bis tief in den Schlaf, noch neulich am Pool in der DomRep, natürlich Flug mit dem Billighuber, aber der Niedriglohnsektor will ja auch unterstützt werden, da haben sie sich gegenseitig in die Sprachlosigkeit philosophiert, warum man zu Hause nicht auch mal so bedürfnislos leben könne wie in der malerischen Armut der Kuffnucken, die einem für Euromünzen die veganen Plastesandalen säubern.

Natürlich geht der ökologische Besserwisser strikt gegen die Renegaten im engeren Umfeld vor. Wer noch immer keinen fair gehandelten Kaffee in die verbrauchsmateriallose Brühmaschine für den Gegenwert einer Solarstromanlage stopft, ist ein Nazi und wird auch dementsprechend behandelt, nebst Demonstration vor dessen Etagenwohnung und Sprechchören auf dem Elternabend. Seit Jahren hält sich das Gerücht, der Ex-Nachbar solle auf dem Balkon beim Verzehr einer Avocado beobachtet worden sein, was unter liberalen Weltverbesserern ungefähr so gut ankommt wie das Bekenntnis zur Kinderarbeit als betriebswirtschaftlich erstrangigem Controllingfaktor.

Aber das Bapperl, das man auf Gurken popelt, ist sein Fetisch, nur dann ist alles gut. Bio-Gemüse aus dem Flugbetrieb schwiemelt sich der Schnösel vergnügt hinters Zäpfchen, während konventionell angebaute Feldfrüchte nach EU-Standard ihm nicht auf den Teller kommen, weil vom Satan selbst mit saurem Regen gebenedeit. Die Ichlinge propagieren bei Fleischkonsum – so er nicht als Fortsetzung des Völkermordes mit anderen Mitteln vom Tisch ist – unumwunden für eine angeblich existierende Öko-Zucht und Schlachtung, als ob man Kälbchen zu Tode streichelt, die aber denselben Fußabdruck in die eine Erde stampft wie der Hühnergulag um die Ecke, der nicht minder abhängig ist vom Import billiger Fresschen, um die Preisspanne nicht an Überstreckung krepieren zu lassen. Der ökologisch behauchte Hobbykoch, der sich einmal im Monat zwei Hühnerbeine leistet und dazu ein komplettes Tier vom Bauern abholt, auf dem Liegerad oder per Gleitschirm, hat sich im Märchen verlaufen und ist mit dem Kopf am Zaun hängen geblieben.

Es gäbe so viel spaßige Gelegenheiten, den Moralaposteln alles madig zu machen, Schokolade, Schnittblumen, Gewürze, Baumwolltextilien. Sie schmarotzen sich durchs Leben auf den Schultern von Giganten, und bis hier hat kein Zündschlüssel den Weg in die Körperöffnung ihres Zwölfzylinders gefunden, der als Statussymbol unter ihnen die Autobahn bis Wladiwostok entlang fräst. Wie sich der neoliberale Korpsgeist als soziales Engagement verkleidet, weil er weiterhin billiges Fertigfutter fürs Prekariat fordert, nutzt er die sorgsam in PVC eingesargte Bio-Gurke – der Keim lauert überall – als Knüppel aus dem Sack gegen alle die, die ihm seine Führerschaft im öffentlichen Diskurs streitig machen wollen, als zählte Vernunft noch etwas.

Dabei könnte sie helfen. Kapselkaffeeapparate mit grotesk hohen Steuern zu belegen wäre eins, aber jeden dieser Aluminiummessies sofort nach Erwerb der Müllmaschinen beim Verlassen eines Elektrosupermarktes mit gemischten Sprechchören zu empfangen, ihm das Ding zu entreißen und es ad hoc im Rinnstein zu zerkloppen, das wäre eine machbare Lösung, die dem moralischen Impetus der Berufsbetroffenen in nichts nachstünde. Sie werden sich zu wehren wissen. Ihre Anwälte sind gut, denn sie arbeiten zufällig für die Industrie der Grünwäscher. Man könnte ja wählen, aber am Ende erwischt man einen Kandidaten, der auf dem Balkon sitzt und Avocados isst.