Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCVII): Mit Rechten reden

15 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit Rechten reden. Was für eine unsinnige, was für eine sinnlose, absurde, aberwitzige, blöd- bis vollständig stumpfsinnige Aktion. Von Idioten für Idioten. Das fasst man kurz an und weiß: erstes Stück Scheiße heute in der Hand. Mit Rechten reden. Als gäbe es keinen Hunger in der ersten Schicht. Keine Mangelernährungssyndrome, keine Ödeme, kein Knurren. Die Offiziere hätten es als Demütigung empfunden, hätte man unter ihnen einen so behandelt, wie man ihn eben empfunden hätte. Dieser Rückschlag wäre verheerend gewesen.

Mit Rechten reden. Klüger wäre es, unter Wasser auszuatmen. Eine Betonwand anzubrüllen. Rasen anzumaulen. Kies. Streusand. Es in einen Sack zu sprechen und ihn an die Kellertreppe zu lehnen. An die Wand zu nageln. Von der Brücke zu schmeißen, auf die Autobahn, aufs Rollfeld, in die Gemengelage, ins Kabinett, in die Produktion, in den Spielraum, den ihm die Wirtschaft lässt. Man kann das auf die Straße malen, und sie stiefeln doch darüber hinweg. Man kann es auf Wände malen und auf andere Wände sprühen. Auf Bürgersteigen in Form von Hüpfkästchen bannen, fotografieren in der ephemeren Form vor dem Eintreffen von Regen oder Straßenreinigung, nachempfinden als Ballett oder Bürgerkrieg oder beides, nacheinander oder simultan, mit verklebten Mündern von Paketband, Mullkompressen, Kunststofffolie, Sprühpflaster und dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Letzteres ist in Insiderkreisen wenigstens dem Namen nach bekannt.

Mit Rechten reden. Das ist, als würde man mit dem Krebs diskutieren, um ihm sein soziales Stigma zu nehmen, damit sein Image wieder besser wird und er die Hipness von Laktoseintoleranz bekommt. Als würde man ihm helfen, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln, die Angst vor sich selbst zu verlieren, sich selbstsicherer zu fühlen, ganz anders in der Gesellschaft aufzutreten, auch mal die eigenen (hahaha!) Rechte einzufordern, sich nicht kleinmachen zu lassen, wieder ein positives Bild zu gewinnen. Als würde man ihm helfen, mit der lästigen Vergangenheit als Scheißkrankheit Schluss zu machen, als Schreckbild, gegen das man sich mit Klugheit und etwas Vernunft schützen kann, mit einem kleinen bisschen Reflexion, was man tut und was man denkt. Als würde man den Krebs adeln mit der Vision, einer von uns zu sein.

Mit Rechten reden. Als würde man sich diese elend verschwiemelte Mixtur aus grölendem Stolz und peinlicher Wehleidigkeit nicht schon als stinkendes Gerinnsel aus dem Gehörgängen popeln, als würde man diese verquaste, verlogene, mit Mystik, Mytho- und Egopornografie vermatschte Braunsuppe nicht schon beim Anblick stinken hören, weil der Sud langsam vor sich hinköchelt und nicht besser wird, wenn Generation für Generation geistig minderbemittelte Arschlöcher, rückgratlose Karrieristen, Minderleister und Pleitiers, Verstörungstheoretiker und andere Fachkräfte für angewandte Soziopathie ihre schwieligen Mauken in den Kessel stecken. Als würde man diese ausgekauten Worthülsen, die aus Sperrholz gehämmerten Argumentationsversuche, das luftdichte Verschließen vor der Wirklichkeit in einer sektenähnlichen Stereotypie nicht rückwärts mitsingen können, weil sich seit dem Bettnässer aus Braunau und seinen völkischen Vollspaten nichts geändert hat. Scheiße bleibt Scheiße, in welcher Verpackung auch immer.

Mit Rechten reden. Weil dieser intellektuelle Sondermüll, die von jeder Sachkenntnis ungetrübte Wortkotze, die Denkschwäche dahinter und die elende Borniertheit, als sei der deutsche Analphabet aus besserem genetischen Material geklöppelt als sein nigerianischer Bewährungshelfer, noch mehr Aufmerksamkeit braucht und noch lange nicht so salonfähig ist, wie das die Drahtzieher wüschen. Von den winselnden Würstchen auf der Straße lässt man sich Wutausbrüche auf die Bundeskanzlerin vortanzen, weil sie das Wetter schlechter gemacht hat, weil die Araber uns die Luft wegatmen und durch die nicht vorhandenen Ausländer weniger deutsche Frauen von echten Deutschen vergewaltigt werden. In dieser Realitätsersatzflüssigkeit köchelt das Großhirn langsam schnittfest, wichtige Areale gehen unter, die vegetativen Schaltkreise bleiben über, mit denen man jeden Rotz nachlallt, der einen auf der Straße angefallen hat, stumpfe Parolen für dumpfe Knalltüten nachjodelt und auf Menschen einprügelt, die man nicht kennt. Das kann weg.

Mit Rechten reden. Als hätten wir nicht schon genug Probleme, holen wir uns diesen Sott, den Nationalstolz als Auszeichnung, Auswurf im Schädel zu tragen statt des üblichen Strohs, in den Diskurs der bürgerlichen Gesellschaft, das Geplärr der Horden, mit denen der Aufgeklärte nichts zu tun haben will. Mit Rechten redet man nicht. Man schmeißt dieses Pack raus und lässt es in dem Rinnstein, aus dem es gekrochen kam. Das ist sein Schoß, nichts anderes. Mit Rechten reden? Niemals. Die können uns mal hakenkreuzweise.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCVI): Der irrationale Mensch

8 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zugegeben, die Produktbeschreibung klang nicht ganz übel. Ein Trockennasenaffe aus dem Premium-Segment, der spricht, rechnet, seine Zukunft vorausahnt, metaphysische Gedanken entwickelt und dazu Musik macht, das war für ein evolutionäres Zufallsergebnis schon sehr avanciert. Der Prozess der Individualisierung machte nicht Halt bei Fingerabdruck und Frisur, scheinbar ließ der Sapiens den Herdentrieb schnell und gründlich hinter sich, denn er war als erster in der Lage, sein eigenes Bewusstsein als solches wahrzunehmen, das Ich sagt. Ein feiner Zug, will man meinen, doch ist er nicht selten schon abgefahren. Was rattert er sich nicht alles aus der Rübe, der König der Kopfgeburten, Philosophien von der Stange und Weltreiche aus Reststoffen, den Staat als Wille und Vorstellung, das Blaue vom Himmel. Und doch, die Sache hat einen Haken. Es ist der irrationale Mensch, den wir nicht loswerden.

Alle Systematik, mit der große Pläne für ein wirtschaftlich und politisch global gelenktes Geschehen entworfen werden, fußt auf der Annahme, der Zweibeiner besäße ansatzweise etwas wie Verstand, nicht zu sagen: Vernunft, und wäre in der Lage, diese seine Gaben auch zum Wohl des Ganzen einzusetzen. Was das ist, Volk oder werktätige Masse, bestimmt der aus Ideologie und theoretischem Teig geschwiemelte Treibstoff, der den Trieb stoppt, die Einsicht in die ultimative Ratio, dass die nackte Entschlusskraft allein noch keine stabilen Weltreiche gewuppt kriegt. Denn es trompetet irgendwo und irgendwann immer etwas dazwischen, unvorhergesehen und kontraproduktiv, klar verständlich in seiner Existenz und gerade aus diesem Grunde so herzlich verzichtbar. Der Mensch an sich mag gut sein, edel, hilfreich, schmiegsam und redlich. Die Leute sind es nicht.

Immerhin müssen wir unser Urteil über den gemeinen Gesellschaftsdeppen nicht großartig ändern; handelt er auch weniger aus kaltem Kalkül, neigt er dank der jäh ausfallenden Impulskontrolle zu allerhand Idiotie, die wahlweise die Umwelt zu Klump kloppt, Menschen knechtet oder gleich in Weltkriege kippt. Freundlichkeit braucht bei dieser Art keiner zu erwarten, sie arbeitet mit Hochdruck daran, sich selbst auf einem bislang noch knapp bewohnbaren Planeten abzuschaffen – was auch durchaus im Interesse einer intakten Natur wäre, die des Menschen ungefähr so sehr bedarf wie jener Mensch Brechdurchfall beim Hochseilakt. Er ist Homo oeconomicus, wenn er als Maximierer seines Nutzens vor dem Reißbrett die Großpackung mit acht Rollen Zellstoff auf die Liste schreibt, aber im Supermarkt kauft Homo inhabilis ein Zweierpack, weil es Klopapier einzeln nicht gibt. Er entscheidet sich natürlich für die beste Alternative, in diesem Fall für ein Wirtschaftsgut, das er mit einer Hand ins heimische Warenlager verlasten kann.

Gibt es Risiken? weg mit der Struktur, der Müll unter der Schädeldecke brennt von alleine. Dräut dem beweglichen Subjekt Unsicherheit, weil es zu viele Zufälle, ja zu viele Parameter außerhalb der schnittfesten Luft gibt? Nutzt der logisch stolpernde Entscheidungsautomat gerade im Gerümpel der Zielkonflikte die plötzlich sich aufspannende Differenz zwischen reinem Egoismus und reiner Nächstenliebe für eine Freifahrt in den Abgrund? Und ist nicht beides geeignet, als Popanz der spekulativen Umnachtung für Stagnation und die Fehlentwicklung des Ganzen zu sorgen?

Komplette Denkschulen haben sich der Idee gewidmet, dass die Raffkes und Arschlöcher für eine funktionierende Wirtschaft unerlässlich seien, und zwar vorwiegend zum Wohle der Arschlöcher und Raffkes. Wer nicht zu deren Kaste zählt, ist oft bescheuert genug, das antisoziale Verhalten ihrer Unterdrücker aus Einsicht in die höhere Vernunft zu verteidigen und zu unterstützen – die sorgfältig umnachteten Klötenkönige torkeln einander ins Messer, suchen sich aber aus noch höherer Vernunft dann eine soziale Schicht, der es noch schlechter gehen muss. Damit ist der Homo idioticus nicht mehr die Unterseite der sozialen, wohl aber die der intellektuellen Pyramide. Wer merkt das schon.

Spätestens beim Betreten einer strikt nach marktökonomischen Prinzipien geführten Agentur für Werbung und PR dämmert’s dem Dummdödel, dass die vereinfachenden Modelle nie im Leben an die Hochkomplexität des Verhaltens eines Kindes vor dem Kaugummiautomaten heranreichen: die Münze im Schacht verheißt die Süßigkeit, ist dann aber futsch. Noch nicht einmal eingerechnet ist die Freude des selbstlosen Tuns, die Lust an der reinen Leichtfertigkeit als Essenz des freien Individuums. Es rechnet sich nicht, wenn man es nur kalkuliert, und in diesem Sinne ist das Leben auch außerhalb des Herdentriebs absurd genug, unverständlich bis schwer erträglich nach dem Prinzip der praktischen Vernunft. Es gibt nur Nachteile, sich der Realität zu stellen ist selten angenehm, das Dasein ist ein nur notdürftig in Zuckerwatte gepfropftes Elend. Wäre da nicht die Musik.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCV): Die Schnipselflut

1 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt spuckte in die Hände. Das von der Sippe bestellte Fresko stand kurz vor seiner Vollendung, Säbelzahnziege und Wollelefant flohen vor dem Speer des Jägers, der Schwager mit dem fusseligen Bart war am linken Bildrand noch einigermaßen lebendig, was sich mangels Zeitfaktor nicht visuell darstellen ließ. Zur Anfertigung des Werks waren ein paar Klumpen Ocker vonnöten, das Ergebnis sollte unbeschadet bis in die Postmoderne halten, wenngleich dies zum Zeitpunkt der Werkerstellung so nicht vorauszusehen war. Sorgenfrei konnte der prädiluviale Schöpfer seine Umwelt reflektieren und auf die Ostwand der Eigentumshöhle das Ergebnis in mythologischer Überhöhung bannen: die Große Göttin, erkennbar an der Rundform sämtlicher Körperteile, wacht noch Jahrtausende später über der Szenerie. Weiß der Hominide auch nichts von der Ewigkeit, so ahnt er wenigstens den Rahmen seiner transzendentalen Tätigkeit. Das Bild als indexikales Zeichen erreicht trotz allem seinen Empfänger, wird es auch in eine Zukunft geworfen, die nicht zu fassen ist. Heute jedoch, wo diese Zukunft sich bereits manifestiert, gehen die Bilder unter in der Flut, die sie selbst erzeugen. Schnipsel, überall Schnipsel.

Das allfällige digitale Endgerät hat dem Beknackten die Kontrolle aus der Hand gewunden. Überall schwenkt und knipst es, nimmt auf und speichert, schleudert Daten und pflastert die Kulisse mit farbigen Positiven. Nichts oberhalb der Erdkruste bleibt langfristig unaufgenommen, alles wird in traute Viereckform gestopft, Sekunden später mit Unschuldigen geteilt, die sich Fotos von Weihnachtsmärkten antun müssen, Katzen, Kuchen, Modeschmuck, spielende Kinder, kurz: das optisch erfassbare Grauen des Planeten in konzentrierter Form, wie es sich kein Apokalyptiker hätte aus der trüben Hirnrinde hätte wringen können. Seinen Anfang nimmt es im Auge des Betrachters, und da beginnt auch der Prozess der medialen Verbreitung.

Das Selfie, jene von Realitätsallergikern in den allgemeinen Diskurs geprügelte Form der Verblödung, die die Egogesellschaft im wahren Sinn des Wortes spiegelt, spielt auch nach dem Nachlassen der Medikamente nur in der eigenen Birne. Es ist nur Störschall im weißen Rauschen, eine von vielen überflüssigen Facetten, die keinen anderen Menschen je erreichen, Schaumkronen auf der Pixelflut, eine Nullinformation, die sich auf ein nicht existentes Image beziehen, Marketing für eine Blase voller Dünnluft. Abgesehen von der reinen Abbildungsfunktion ist das stetige Aufnehmen und Verteilen der eigenen Front eine unsubtile Form der Kontrolle – die Unterwerfung unter das Diktat der stereotypen Ausbringung von Lebenszeichen macht aus dem Selbstschnipsler einen unfreiwilligen Lieferanten von Füllstoff für die große digitale Deponie, die Netze und Nutzer verstopft, virtueller Plastemüll in Datengestalt, der sich in Strudeln und schwarzen Löchern zusammenschmoddert. Vor dem Hintergrund der reinen Masse wird jede Aussage im Bild quasi unsichtbar – der universale Matsch wird zur Lawine, die alles Denkbare mit sich fortreißt.

Längst haben sich eigene Kulturtechniken aus dem Umgang mit der Materie entwickelt. Minuziös porträtiert der Bekloppte seine Nahrungsaufnahme, stapelt Salatstreifen und Käsebröcken nach dem Goldenen Schnitt, belichtet das Produkt und zieht Filter über die Angelegenheit, um der Mitwelt mit Nachdruck in die Birne zu schwiemeln: ich drücke mir gerade Kalorien hinters Zäpfchen. Normal ist es mittlerweile, Mahlzeiten auf Umgebungstemperatur abkühlen zu lassen, weil das bildgebende Verfahren die komplette Zwischenzeit einnimmt, in der die Entropie auf ein wünschenswertes Maß gelangt ist. Eine ganze Generation inszeniert hartnäckig und liebevoll Haute Cuisine, während sie sich hinter dem Objektiv schnöde Tütensuppe reinpfeift. Auch dies dient als Ablenkungsmanöver, und wieder ist es das Subjekt, das sich einbildet, irgendwer würde sich für seine Schlappschüsse interessieren.

Die Steigerung des Sinnlosen in die Tristesse schließlich ist das Bewegtbild, der Fetzen aus dem Leben, das keinen kümmert. Außerirdische werden eines Tages den Schutt wegfegen, Festmeter von Flashspeichern freilegen, sich äonenweise Filmchen in die lichtempfindlichen Organe quetschen, und sie werden merken: sie dokumentieren nichts, es ist keine Kunst, es steht in keinem inneren, in keinem äußeren Zusammenhang, es hält wenig fest, beweist nichts, prognostiziert nichts, die Aussage geht gegen Null (abgesehen von der Tatsache, dass das Medium die Botschaft ist), es ist die totale Aufzeichnung, das Gedächtnis plus eingebrannte Amnesie, die auf Halde produzierte Redundanz, die die Menschheit in allen Epochen über ihre eigene Beklopptheit gerettet hat. Nicht auszuschließen, dass der Vanitas-Gedanke hier kulminiert, um in einem orgiastischen Mahlstrom das Dasein zu Sperrmüll zu verarbeiten. Vielleicht kriegt die Menschheit das mit der Quote an Katzenvideos irgendwie geregelt. Wer weiß, was der nächste Urknall sonst bringt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIV): Der Kollaps der Leistungsgesellschaft

24 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was haben sie nicht alles versprochen. Wer sich eine Angel kauft, hat immer Fisch. Wer drei Fische fängt, muss nur drei Tage in der Woche raus aufs Meer, einen kann man noch verkaufen, und dann ist irgendwann ein Motorboot drin. Oder eine Angel für den Knalldeppen von nebenan, der bald als Teilzeitkraft Fische fängt. Zwei Motorboote, Fangflotte, Fischfabrik, Aktiengesellschaft. Die Fischmafia. Auswürfeln, wer Papst wird. Vielleicht der Knalldepp von nebenan. Sie haben uns nur nicht versprochen, dass die Aktienkurse immer steigen und immer Gewinne machen, Gewinne, Gewinne. Leistung, haben sie uns versprochen, müsse sich lohnen, wieder, weil sie vorher dafür gesorgt hatten, äußerst gründlich, dass sich Leistung eben nicht mehr lohnt, und das ist auch so geblieben. Dass sie sich nicht mehr lohnt. So wenig wie je zu zuvor. Es gibt nur noch Leistungslose, denen es so gut geht, dass sie die Leistungsträger als Leistungsverweigerer verhöhnen können, ohne zu riskieren, dass man ihren Gesichtsschädel in einem Arbeitsgang einebnet. Wenn etwas längst den Kollaps vollzogen hat, dann jedenfalls die Leistungsgesellschaft.

Diktaturen waren der westlichen Welt immer schon fremd, hier demokratisiert der Chef noch selbst. Nicht einmal die Diktatur des Proletariats vermochte sich Sympathien zu erkämpfen, von den sozialistischen Auswüchsen der ungewaschenen Neidhammel ganz zu schweigen. Was sich aber als angeblich frei aufspielte, der in Parolen vor sich hin dümpelnde Arbeits- und Sozialmarkt, hat nicht mehr viel mit dem eigentlichen Gedanken zu tun. Die Bäcker werden vertröstet mit einem Modell, das sie mit Krumen nährt, die vom Herrentisch fallen, windschief zurechtgeschwiemelt von den Herrenmenschen in ihren Herrensesseln, die die Vollbeschäftigung propagieren, zum Ausgleich mit dem halben Lohn, weil sich die abstrakte Wirtschaft sonst die vielen Arbeiter gar nicht leisten könnte. Man lässt die Alimentierung sinken durch Schleifen des Sozialstaats und träumt herbei, dass davon die Gehälter schon steigen werden. Aber es gibt ja auch Leute, die fest darauf vertrauen, dass Beten bei Vollmond Hirnschäden heilt.

Die Tellerwäscher werden keine Millionäre mehr, und das liegt daran, dass sie längst von der kapitalistischen Wirtschaft ausgespuckt worden sind, der sie sich angedient haben. Man macht ihnen rechtzeitig klar, dass ihre Ersparnisse längst aufgebraucht sein werden, wenn es der nächsten Generation einfällt, den Laden zu übernehmen – sie werden bemerken, dass die Gesellschaft auf ihre Leistungsbereitschaft, die ihnen angeblich Tag für Tag abverlangt wird, pfeift, denn es steht schon der nächste Tellerwäscher in der Tür, wenn dem alten die Puste ausgeht. Sie sind, auch in ihrer Motivation und ihrer Attitüde, ersetzbar geworden, Callcenter- und Krankenhausarbeiter, Pflegekulis, Müllwerker und der andere Dreck, auf den die Pickelfressen aus dem Vorstand so gerne süffisant herabschauen, wohl wissend, dass sie ihrem Nachwuchs diese Ferienjobs nie zumuteten, schon dann nicht, käme man da mit der Unterschicht in Kontakt. Bäh.

Die Schädelvollprothesen aus dem Thinktank, sie schießen in die weiche Masse, fordern vor allem Eigenverantwortung von denen, die sich am Boden der Entwicklung befinden – als hätte der gemeine Mann die Sorge, sich ein Depot mit Risikokapital zu verstopfen, den falschen Chablis zu besorgen oder die Metalliclackierung eine Spur zu weit ins Vulgäre zu wählen. Wo immer sich noch Leistung lohnt, hier jedenfalls nicht, und wenn, dann nicht für den, der sie zeigt. Dass sich das doppelbödige Versprechen, die Anstrengung möge dem selbstgefälligen Betrachter die Taschen blähen, nie bis an die Basis durchgearbeitet hat, spricht vor allem für die tapfer alles ignorierende Mitläuferschwadron, die gezielt Hirnlappen plättet und auf das Bessere hofft, weil sei selbst das Gute nicht zu schaffen vermag. Aus der Idee wird allerhand Getöse geboren, manches davon hat leider überlebt, einiges unter Uniformzwang. Wir haben es in Erinnerung.

Bomben wir die Gesellschaft platt, aus den Trümmern lässt sich bestimmt eine neue Welt basteln, und das auch unter Berücksichtigung der vorhandenen Mittel. Wir, der Souverän, müssen ja nur wollen, und da wir uns grundsätzlich nicht über den Weg trauen, weil nur wir weiterarbeiten würden nach dem Lottogewinn, nicht aber der Nachbar, genau deshalb setzen wir auf die falschen Anreize. Gäbe es Lohn, Rentenpunkte oder eine gute Sachprämie dafür, dem nächsten liberalen Torfschädel eins auf die Mütze zu geben, was wäre diese Nation wieder aktiv. So aber, wo man uns ins Leere laufen lässt, befinden wir uns in einem Hamsterrad, produktiv, aber nutzlos. Warum sollten wir es nicht einmal mit einer Revolution versuchen. Das hatten wir doch noch nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIII): Die öffentliche Verwahrlosung

17 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, es gab andere Zeiten. Sie haben Paläste gebaut im Zuckerbäckerstil, Dome, Brücken, hier und da Flughäfen, die innerhalb weniger Jahrzehnte vollendet war, schrecklich schöne Autobahnen als Dual-use-Produkte – das Wirtschaftswunder wollte ja verteidigt sein, und wenn nicht in der Praxis, so konnte man wenigstens in der Theorie damit Kohle scheffeln – und alles, was das ökonomische Herz halbwegs befriedigte, denn es war damals noch auf Nachhaltigkeit aus, wie es seit Menschengedenken der Fall war. Kein Renaissancefürst hätte sich eine Kirche to go in die Stadt schwiemeln lassen, kein Potentat bröselnde Monumente, deren Lebensdauer der Architekt überstanden hätte. Sittlichkeit zeigte sich auch im Wert des Gepränges, das nebst einiger repräsentativer Ziele vor allem der allgemeinen Nutzung ausgesetzt war. Wer aber würde sich schon in einem von Grund auf versaubeutelten Areal wie Ninive oder Castrop-Rauxel über Risse im Beton aufregen. Von hier aus spreitet sich die öffentliche Verwahrlosung ins Land hinein.

Mehrfach haben sich Sozio- und andere Paten der publiken Wissenschaft über die zerbrochenen Fensterscheiben verbreitert; ist erstmal eine kaputt, dauert es nicht lange, bis der Reste der Fassade, des Straßenzugs, des Quartiers, des Landkreises und schließlich die komplette Nordhalbkugel aussieht wie frisch von den Vandalen geplättet. Je mehr aber geschieht, desto eher gewöhnt sich der gemeine Mob an die Verhältnisse, findet das ubiquitäre Gebröckel schon fast normal, ja malerisch, und ist geneigt, den Verhältnissen die Schuld zu geben am Niedergang – je mehr um ihn herum in Schutt und Asche sinkt, desto weniger stört es offenbar den Wut- und Spießbürger, der spontan wie die Kontinentaldrift auf schütteren Schotter schaut, der das Gleisbett mählich verlässt und sich in den fußläufigen Zonen des Infrastrukturrandgebietes niederlässt, als wäre es nichts. Man impft dem Volk ein, es müsse sparen, was nur heißt: wir brauchen die Kohle für allerhand Firlefanz, zum Entschulden der Zocker, neue Wummen und viel Sicherheitsbla, aber nicht für die Schulen, die man im maroden Zustand ja auch viel schneller erkennt. Distinktion, impft man uns ein, geht postmoderne Wege. Wohin die Wege führen, verschweigt man aus Peinlichkeit.

Sorgfältig umnachtet quackelt ein Staat aus reiner Schlafmützensubstanz von moralischem Zwang, wo doch letztlich nur der Fetisch einer auf Gedeih und Verderb festgenagelten schwarzen Null konstituierend ist. Die Achterbahn folgt gerne der Schwerkraft, denn hier verspricht es dem sicher im Sattel Sitzenden den besonderen Kitzel, und die Fahrt ist teuer. Warum auch sollte man sich das als Normalbürger leisten können.

Genau hier setzt an, was die Haltung ebendieses Bürgers ausmacht: nichts. Er hat einfach keine. Indem er die Fußgängerzone behandelt wie sein eigenes Wohnzimmer – es handelt sich tatsächlich um dasselbe Benehmen, nur kann der Bescheuerte nicht in der Halbzeit aufstehen und barfuß zum Kühlschrank schlurfen – trägt er wesentlich dazu bei, wie sich das Ensemble zu rational befreite Zone wandelt und nach kurzer Zeit schon äußerlich so wirkt, wie man sich innerlich den sozial Exkludierten vorzustellen hat. Er fühlt sich wohl im Fluidum des Kaputtbaren, ja er feiert den Verfall, den er anders kaum kennt. Dass er sich in diesem Dreiklang aus materiellem, sozialem und allgemein kulturellem Tiefstand regelmäßig um ein fahrlässig herbeigeführtes Szenario handelt, dessen hässliche Fratze die zur Flucht aktiviert, die verantwortlich sind für das Verhängnis, ist kein Geheimnis und wird gewöhnlich auch nicht verschwiegen; es ist aber als Sachzwang kostümiert allezeit präsent und dient der Monstranz, mit der die Politik uns weismachen will, wie schlecht es der Welt gerade geht – wer würde angesichts dieses Trauerspiels nicht freiwillig auf eine schönere Stadt verzichten, auf klappende Brücken und fahrende Züge?

Der Staat versagt nicht als Idee, sondern in der Erscheinung seines Personals. Es lässt sich einlullen in der Vorstellung, demolierte Straßen seien die unabdingbare Folge eines im Durchschnitt großartigen Landes: wenn so die untere Kante ist, wie viel Gold mag dann in der oberen Schicht auf den Scheiteln der hochweisen Eliten lasten? Keiner bezweifelt das, der zurückkehrt aus der kruden Gleichung, die unten mit Unterrichtsausfall und miserablen Bedingungen für Heerscharen von Müll- und anderen Pflegekräften beginnt und schnell unterm Strich in den öffentlichen Sektor selbst einsickert, als gäbe es noch etwas wie Solidarität im Menschenbild der Mächtigen. Ach was, es gärt lustig vor sich hin, denn erst jetzt ist unter dem dünnen Firnis der Zivilisation sichtbar: es ist, als würde man die Verrohung der Eliten hier dialektisch gespiegelt sehen, demontiert bis zur Abrissreife, ekelhaft und todgeweiht. Welch eine Ironie, dass man sich in den Ruinen der neuen Welt den besseren Menschen so nahe fühlt. Vielleicht ahnt man, Geschöpf das man doch ist, gerade hier, ob es nicht doch Nachhaltigkeit gibt, aber anders, als man es für möglich hielt. Ganz, ganz anders.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCII): Rechter Antifeminismus

3 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Führer, wir folgen! Maid und Mutter machen mutig Menschenmarmelade, wenn der Bettnässer aus Braunau es braucht! Das Frauenbild in der Zeit der NSDAPopanze hatte jene lustige Mischung von Brechmittel und Sprengstoff in sich, wie sie sich kein zugekiffter Sozialpädagoge hätte ausdenken können. Mehrheitlich konservativ lehnt die teutsche Frau das feministische Reformprojekt ab, da die Rechtsausleger jedoch Freiheit (die sie meinten) für Weib und Wirklichkeit zum Brauchtumsterrorismus erhoben, wankte und wich Widerstand, weh-weh, auf dass wehrhaft sich militärisches Gemädel am Hülsendrehwerk zeigte. Dafür, Fraue, ist Dein Verlust gut! die arische Geschichte gedenkt Deiner (abzüglich 45 Prozent Generalrabatt vor und nach der Unschuldserklärung) an Sonn- und nicht mehr zu vermeidenden Feiertagen. Zum Schluss aber waren die Deutschherren kuriert, besonders als zehn von drei Abendlandsern im Widerstand gewesen worden waren, und da begann die Rolle rückwärts in der Rolle rückwärts. Der komisch inkonsequente Antifeminismus der Faschisten zeigt auf brachiale Art, was dies als evolutionärer Irrweg auftretende Genomgulasch der völkischen Spulwurmaufzucht zu bieten hatte.

Erwartbar für den rechten Rand ist zunächst der grundlegende Antiliberalismus, der allem, was nicht wie der national wertvolle Krieger aussieht – weiß, Y-Chromosom, geistig allen anderen natürlich weit überlegen – alle Freiheit abspricht. Alles, was da außerhalb der eigenen Kaste kraucht, ist fern der eigenen kleinen Welt Feind, innerhalb knapp über dem Heimtier. Wer sich vom prüden Ideal eines völkischen Zwangsstaates abwendet, wie ihn sich die Sippenkasper in feuchtbraunen Träumen zusammenschwiemeln, ist Gegner, im Falle des konstruierten Geschlechtergegensatz Antagonist, jedenfalls aber kein Fall von Augenhöhe – wie auch soll das ein gestandener Männerbündler mit einer Erziehung aus Erdfraß und Ohrfeigen kapieren, dass es intellektuell Sphären gibt jenseits des tumben Gedödels um Blut und Boden. Die einfachen Formeln, in die Gestaltungsgrundsätze einer auf Machterhalt gegossenen Betonschicht geritzt, waren vielleicht für die Nachwelt lesbar, für Zeitgenossinnen größtenteils lebensgefährlich und allen anderen Beteiligten schlicht nicht wichtig genug. Das Pack hatte sich die Ecke gemalt. Pech.

Wie so vieles am Extremismus ist auch der Antifeminismus die gelebte Ambivalenz des Beknackten. Gemeinsam mit dem ubiquitären Geopfere, das alle Machtmenschen trefflich als Waschlappen erster Kajüte ausweist, will die Schädelvollprothese doch nur Mann sein, Herr und Meister über alles, was er nicht zu den seinen zählt, gleich, ob Neger oder anderweitig am Inbegriff des Nibelungenhelden orientiert. Fräuleins dürfen ruhig Karriere machen, aber die eigene Schlampe kriegt ins Zahnfleisch, wenn sie aus der Küche geht. Der identitäre Dumpfschlumpf geht davon aus, dass er jederzeit vollumfänglichen Anspruch auf das Weib hat, auf jedes Weib und daher aus Prinzip und bis an die Grenze zum Materialbesitz. Ödipus weiß nicht, wie er aus der Nummer unbeschadet wieder rauskommt, der Männerrechtler hat längst Rat. Wie alle Versager, die sich die Umerziehung des linksjüdischen Matriarchats teils wünschen, teils damit endlich eine stringente Erklärung für ihr verpfuschtes Leben haben, nennen sie die Vernichtung des christlichen Abendlandes als höheres Ziel; immerhin haben sie begriffen, die Geschichte hat keine Lust, diese Ausschussware in einem eigenen Arbeitsgang zu plätten.

Umgekehrt ist also der Testosterontroll immer auf dem besten Weg, als klassischer Verlierer seiner von Gott und Vaterland garantierten Privilegien in eine neue Blindgängerrolle integriert zu werden, aus der er nur mit der ihm eigenen sinnlosen und ungerichteten Aggression halbwegs herauskommt. Der machtlose Durchschnittsmann kann sich nicht mehr legitimieren, über den Umweg ritualisierter Virilität rutscht er sukzessive in den Bezirk der Realitätsallergiker, die ihre Unterdrückung durch die omnipotente Frau als permanente Kastration erleben, schlimmer: sie müssen erdulden, dass die noch nicht ganz unter dem Aluhut verdampften Blitzbirnen, die mit Frauen umgehen können, keine gesellschaftlichen Nachteile erleiden, ganz anders also, als es die Doktrin vom verschnittenen Helden vorgesehen hatte. Sie pennen weder beruflich noch privat unter der Hecke, müssen sich nicht regelmäßig ihr bisschen Existenz in eine Biografie umbasteln und müssen auch nicht heimlich weinen, weil sie sich so unverstanden fühlen. Das tut weh.

Die bodenlose Beklopptheit des offenporigen Konzepts von Hass würgt sich erst heraus in Frauen, die Frauen ihren Feminismus als antirechte Gesinnung vorwerfen und sich lieber unterwürfig die Fresse polieren ließen, als einmal die Konsequenz aus ihrer glitschig formulierten Selbstermächtigung zu ziehen: ihren Eigenwert zieht die Brauneva aus der Speichelleckerei. Was man als Faschist, damals wie heute, doch alles von den großen Frauen der Geschichte lernen könnte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCI): Hass als Suchtmittel

27 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tief in den Schichten unseres Bewusstseins, wo nicht einmal Alkohol, Fußball oder Helene Fischer eine Heimstatt finden, klebt der Schmodder, aus Prinzip hartnäckig wie altes Kaugummi, ganz weit unten an der Sitzfläche, und jeder weiß: das bleibt. Wo das Hirn maximal auf Standby geschaltet bleibt und die Lebensäußerungen des Hominiden zum überwiegenden Teil aus Reflexen bestehen, Gefühl und Härte, ist die erste Regung des Daseins für das ganze Leben bestimmend. Es fällt auch nicht groß auf, da das Umfeld ähnlich fehlerhaft tickt. Die gesellschaftliche Ordnung entwickelt sich aus der irrationalen Absonderung dünn angerührten Schmodders, der in seiner Gesamtunterforderung durchaus sozial konstituierend wirkt, und nirgends funktioniert die Gemengelage ähnlich gut wie mit Hass als dominanter Substanz.

Denn Hass ist grundsätzlich massenkompatibel, insbesondere mit weichen Massen, die sich in die Lücken zwischen den Synapsen zu schwiemeln verstehen. Als hormoninduzierter Vorgang, der der Identitätsbildung vorausgeht, also wesentlichen Anteil an der Selbstdefinition des Beknackten hat, ist Hass gedankliche Stütze und Handlungskonzept in einem, Idee und Ausführung, die den tieferen Sinn dieser rätselhaften Existenz, so sie überhaupt hinterfragt wird, wenigstens ansatzweise zu erhellen vermag, wenn auch biblische Düsternis die Innenseite der Kalotte füllt. Reicht dies noch nicht aus, um Religion als systematische Erklärung des wirren Gerümpels um uns herum im universalen Maßstab zu sein, ist jeglicher Hass steigerungsfähig, hereinsteigerungsfähig gar, was dem Grundbedürfnis des glaubenden Bekloppten nach Hirnentlastung via Fundamentalismus sehr entgegenkommt. Die einfachere Variante, sich in Rausch zu versetzen, ist schließlich das gemeine Suchtmittel, denn alle Lust fordert Wiederholung, alle Wiederholung fordert Steigerung.

Wo die Grenze zwischen Subjekt und Gesellschaft mählich verschwimmt, stellt sich das Gemeinschaftserlebnis schlagartig ein: scheiß Bayern, verdammte Radfahrer, nieder mit den Negern, der Schlagruf ist je nach Prägung und Vorgeschichte austauschbar, wo er reproduzierbare Verzückung verspricht. Die Grauzone der Strukturen im Schädel ist nicht viel mehr als ein Schwamm voll Nullinformation, jeder Verortung entzogen und als eine ewige Gegenwart erlebt, die totale Enthemmung und Selbstüberschätzung, die noch den dümmsten Ichling zumindest für den Augenblick festigt, auch sich selbst.

Und Hass integriert. Noch die dümmste Meute wächst zusammen, wo gemeinsam die ausgedachte Verletzung mit quasi-libidinöser Zielrichtung einer Heilung zugeführt werden kann. Gemeinsamer Hass schweißt enger zusammen als die tiefste Zuneigung, und die Bandbreite dessen, was dort entsteht, ist größer als jede positive Sinnstiftung. Der ritualisierte Hasskonsum, alleine oder in der Gemeinschaft unter fuchtelnden Fahnen, im Qualm der Stammtische, stützt schon durch das stumme Einverständnis, weder der andere noch man selbst sei süchtig, wie auch schwerst alkoholisierte Schwerstalkoholiker einander noch im Vollsuff jederzeit komplette Nüchternheit attestierten. Eine kollektive Leidenschaft entsteht gerade da, wo sich Hassende in den Armen liegen, und paradoxerweise entsteht Vertrautheit gerade da, wo sich die Parallelexistenzen gründlich verkennen.

Humanisten fordern den harten Entzug – nur eine zurechnungsfähige Gesellschaft funktioniere, sagen sie, wie eine zurechnungsfähige Gesellschaft sich ihre Funktionalität ausgesucht habe. Aber wer rechnet schon mit dem Affekt, wie er grün und gründlich hinter der Hecke lauert, von Dealern in schattiger Atmosphäre vertickt, Populisten und Fanatikern, die die Erleuchtung ausschalten, um ihr Geschäft besser zu betreiben. Die Menschheit neigt indes nicht zur Abstinenz, wenn es genug Gründe gibt, sich regelmäßig die Birne zuzuschütten, und oft reicht ein kleiner Anlass, Krieg vom Zaun zu brechen, Nachbarn die Bude einzubrennen oder Parteien zu wählen, die das für einen erledigen wollen. Die Suchtdienstleister sind wendig und verstehen ihr Metier, bieten sie den Süchtigen eine billige Entschuldigung für den Konsum. Der Klebstoff des Gesellschaftlichen, der auch die Hirne vernebelt, sucht sich einen moralischen Ausweg, erscheint als Genussmittel und damit gerechtfertigt. Keiner wird mehr das Verständnis bemühen müssen für arme, missverstandene Idioten, die Brandsätze schmeißen und Ausländer verprügeln, die tägliche Ration Hass ist im Zuge der Deregulierung von sozialen Verantwortlichkeiten längst legalisiert worden, denn ehrlicherweise geben wir zu: wir alle haben schon gehasst. Nicht auf professionellem Niveau, aber immerhin. Ein Schüsschen in Ehren kann niemand verwehren. Und solange jeder seine Grenzen kennt, besteht sicher auch kein Grund zur Sorge. Wo kämen wir denn da hin.