Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIX): Krise und Populismus

18 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem sich die Hominiden auf das Konzept Zivilisation eingelassen hatten, waren sie eigentlich immer im Krisenmodus. Nicht immer haben sie es gemerkt, mit einer etwas pessimistischen Haltung kann man Fortschritt ja auch schon mal mit Krise verwechseln, und das schwiemelt sich durch die Geschichte wie Neigung des Menschen, immerzu recht haben zu wollen und anderen die Schuld zu geben, wenn es mal nicht stimmt. Ein Zeitalter ohne Postkutschen wäre vor zweihundert Jahren wie ein Alptraum erschienen, ohne Schreibmaschine aber war noch Leben möglich. Die Europäer, besser: das, was von ihnen noch übrig ist, sterben vermutlich in naher Zukunft aus, weil sie nicht in der Lage sind, ohne zweimal im Jahr auf die Balearen zu fliegen, diesen Kontinent weiter zu besiedeln. Das reicht für eine weitere Krise, die das eine oder andere Land bis kurz vor den Umsturz bringt. Man munkelt, das Volk sei bereits gerüstet, den Rasen zu betreten. Es folgt doch nur der Weisheit, dass jede Krise in den Populismus mündet, unweigerlich.

Dass sich eine Gruppe in Problemsituationen den starken Mann herbeiwünscht und dabei allem hinterläuft, was nur laut genug brüllt, ist nicht nur durch die Aufmerksamkeitsökonomie Konfliktstoff zwischen kurzfristigen Interessen und Vernunft. Das Paradox entsteht, wenn die Frustrierten zwar in ihrer Sorge nach denen suchen, deren Kompetenz sie vor den Konsequenzen einer nicht behobenen Gefährdung schützen könnte, aber nur die finden wollen, die gleich zur vollständigen Säuberung des Gemeinwesens antreten: missliebige Minderheiten marginalisieren, Feindbilder aufpusten, konstant im Opferrollenspiel den Präventivschlag gegen den Rest der Welt rechtfertigen. Die Krise verzwergt die Person und engt ihren Blick um den eigenen Nabel erheblich ein, bis sich jeder selbst der Nächste ist – und weil die Gesellschaft im Paradox lebt, lässt sie sich die Haltung als Ausweg verkaufen, die nur in der großen Gemeinschaft funktioniert. Natürlich nur für die, die man nicht vorher schon rauswirft.

Die rein ausweglose Lage, die bei rationaler Betrachtung gar nicht so ausweglos ist, spült einen Typus an die Oberfläche, der bereits vorher in der Politik reüssieren konnte, jetzt aber als Rolemodel taugt für den Ritt in die untergehende Sonne: den Ego-Shooter, der ein Land auch dann zur Beute und in Geiselhaft nimmt, wenn er sich schon die Justiz zum Feind gemacht hat und nur noch das Ziel sieht, mit heiler Haut aus der Nummer zu kommen. Er treibt das billige Einer-gegen-alle-Spiel, das sich auch nicht zu blöd ist, eine Minderheit als gefühlte Mehrheit zu adressieren, bis es die Mehrheit als gefühlte Minderheit weiter aufhetzen kann. Da die zum Auffalten kognitiver Dissonanzen, ohne die keine populistische Ideologie besteht, zwingend notwendigen Verschwörungsrauner das alsbaldige Ende der Welt verkündet haben, bleibt die Skepsis als unsicheres Terrain, auf dem sich die Zweifler bewegen müssen. Noch schwieriger wird es, wo die Auswirkungen der Krise sich im Rahmen hielten, während die populistischen Führer sich auf die Fahne schreiben, das unausweichliche Weltende verhindert zu haben. So schrumpft und verdichtet sich das Gefolge der Knalldeppen bei jeder Runde, Arbeitsmarkt und Euro, Pandemie und Klima, und radikalisiert sich.

Nach der Krise aber ist vor der Krise, erst recht in einem durchgängigen Tanz auf der Rasierklinge, dem sich der neoliberal geschärfte Konsumismus als Staatsreligion unterwirft. Und so schüttelt sich eine gebeutelte Gesellschaft, stellt fest, dass es noch einmal gut gegangen ist, jedenfalls haben sich die Schäden in Grenzen gehalten, und geht allmählich zur Tagesordnung über, wohl wissend, dass sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammenbraut. Am deutlichsten sichtbar wird es in den Spätfolgen für die demokratische Teilhabe, wo man gelernt hat, dass es, wenigstens vorübergehend, auch mit dem starken Mann funktioniert hat. Und so sinkt die Zeit der einen Krise gemach in die rosige Erinnerung ab, die noch jeden Morast der Geschichte erträglich macht, wenn man ihn denn überhaupt erlebt hat.

Und so lässt sich der gemeine Bekloppte auch nach der Sintflut von den folgenden Herrschern als dumpfer, materiell orientierter Armleuchter in jedes beliebige Bockshorn jagen, der nicht selbst denkt, es sich aber wenigstens einbildet. Die Normen der liberalen Gesellschaft haben sie irgendwann über Bord geworfen, das Andenken daran verblasst, bis die soziale Zusammenrottung sich selbst nicht mehr als Gesellschaft begreifen würde, wenn man es ihr nicht unaufhörlich sagen würde: zu Weihnachten, im Wahlkampf, vor dem Krieg. Wie der Populismus sich aus der Krise speist, gebiert er neue Krisen, die zunehmend den kleinen Mann auf der Straße treffen und es notwendig machen, ihm uniforme Meinung und konformes Verhalten vorzuschreiben. Was in einer Volksmasse ohne Pluralität auch recht einfach geht. Wenn erst einmal alles am Boden liegt, ist halt auch ein stabiler Zustand erreicht. Aber das ist dann halb so schlimm, denn dafür wird dann keiner mehr verantwortlich sein wollen, weshalb auch keiner mehr dafür verantwortlich sein wird. Und das geht auch erstaunlich gut. Bis zur nächsten Krise.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVIII): Luxusstress

11 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Immerhin das wusste Rrt: das Leben ist eins der Schwersten. Jeden Tag bei jeder Witterung in der Hoffnung auf Früchte zum Buntbeerenstrauch zu wandern, Weich- und Krabbeltiere zu sammeln und nicht von Fleischfressern eingesammelt zu werden, alles zehrte am langsam erwachenden Bewusstsein des Hominiden, der alsbald Daseinsrisiken und die Notwendigkeit für eine Religion empfand: wenn die ganze Existenz ein persistentes Gehühner ist, muss das Jenseits ein erholsamer Schlaf sein, der dem Ableben den Schrecken nimmt. Jahrtausende hat es gedauert, bis Muße zu Müßiggang geronn und die Tätigkeit als Wert an sich begriff, für den man aus freien Stücken und sinnlos Brauchtumsterrorismus veranstaltet. Was nur lange genug falsch verstanden wird, hat das Zeug zur Tradition. Wir sehen es als erstes am sozial erwünschten Luxusstress.

Der moderne Mensch ist ein durchgetaktet in der Gegend herumhampelnder Realitätsallergiker, von der Uhr getrieben und in seinen Bedürfnissen fundamental fremdbestimmt. Hier bratzt er über die Autobahn, um rechtzeitig ins Wellnesswochenende zu geraten, dort verlastet er den Nachwuchs zu Bratschen- oder Ballettunterricht, Förderchinesisch und Psychotherapie – was früh genug ein Ding an der Marmel hat, wird mal ein nützlich Ding für die Gesellschaft. Dass der kapitalistisch geprägte Depp dies alles nur für die ihn umgebende Rotte der Egos mit begrenzter Haltbarkeit unternimmt, ist ihm selbst kaum klar. Er möchte, dass es seine Kinder irgendwann einmal besser haben als er. Warum er ihnen dann ständig im Weg herumsteht, weiß er aber nicht. Sicher nicht aus Faulheit.

Wehe dem, der nicht öffentlich relaxt – Selfie am Pool, Quality Time mit der frisch erworbenen Fleischverkohlungsanlage zum Preis eines Kleinwagens, alles sorgfältig inszeniert, um als Mitläufer im glitschigen Geltungskonsum nicht auf die Fresse zu fallen – und den Drang zur hektischen Selbstoptimierung auf Markenniveau hievt. Diese intellektuellen Heckenpenner, die noch im Schlaf das Datensammelarmband brauchen, um die eigene Qualität des Nichtstuns vor sich zu rechtfertigen, sie sind im Abseits angekommen, wo die kognitive Dissonanz sich ins Fäustchen lacht.

Faulheit ist negativ besetzt, weil eine Ideologie es so wollte – die Ideologie derer, die angeblich ihr Geld arbeiten lässt, ohne selbst noch werktätig sein zu müssen. Wer beim Ausruhen nicht sichtbar schwitzt, ist bereits ideologieverdächtig; das wäre so schlimm nicht, nur handelt es sich selbstredend um die falsche Straßenseite, auf der Sozialismus für alle gepredigt wird, während der in Wirklichkeit doch nur für Shareholder und Erben gedacht war. Alles ist längst zu konkurrenzgesättigtem Lifestyle geworden. Wer chillt effektiver? Kann sich der aufstiegsorientierte Mittelschichtbekloppte den exklusivsten, hippsten Ort zum Nichtstun leisten?

Die protestantische Arbeitsethik hat ihre Spuren in der westlichen Welt hinterlassen und Leistung wenigstens nominell zum Fetisch erkoren: nicht die Pflegekräfte, die sich für die Klinikkonzerne die Bandscheiben ruinieren, gelten als Leistungsträger, sondern die Schmarotzer, die von der Rendite ihrer unterbezahlten Angestellten leben. Würde auch nur eine Pflegerin auf leistungsgerechte Entlohnung pochen, die öffentlich geschwungene Moralkeule würde lärmend durch die Republik besprochen.

Das System, das den Leerlauf zum Sündenfall erklärt, frisst also langfristig seine Kinder, wie das Systeme so an sich haben, wenn man sie nicht als solche erkennt – oder sich weigert, sie zu erkennen, weil man im Glauben lebt, überwiegend Vorteile aus ihnen zu ziehen. Würde man die Tretmühle mit einem bedingungslosen Grundeinkommen einfach aushebeln, es würden sofort ein Dutzend Gründe aus dem Boden brechen, die den Drang zum Getue zum Menschenrecht auf zweckfreies Funktionieren verschwiemeln würden. Was sich nicht bewegt, ist auch nicht, und für den Tod haben wir hier keinen Platz mehr in dieser aktivitätsversifften Welt.

Vermutlich werden wir nicht einmal unsere Daten aus den Krallen der Sammlermafia befreien müssen, wir werden mit unserem Stresslevel als öffentlichem Nachweis der Daseinsberechtigung auf Datingportalen und in Jobbörsen protzen, nicht nur mit dem monatlichen Halbmarathon auf der ökologisch längst runtergerockten Südseeinsel, denn bald werden wir Punkte sammeln für alles, was sich als identitätsstiftende Anstrengung werten lässt. Wir werden Holz hacken, Gärten umgraben und mit dem SUV Biogemüse aus der übernächsten Region herankarren, sämtliche Freizeitparks sowie alle Naturerlebnispfade abklappern, Kreuzfahrten buchen und an jeden der verdammten Landausflüge mitnehmen, auch bei Müdigkeit und Migräne, und wir werden unsere Punkte einlösen wie die Karte an der Supermarktkasse: wer immer strebend sich bemüht, hat mindestens einen Herzinfarkt frei, gilt noch immer als belastbar, darf die Kürzung seiner Rente milde bejubeln und den Enkeln das Hohelied von der lebenslangen Betätigung säuseln, solange es die Nachbarn lückenlos mitkriegen. Danach geht samstags wenigstens noch Autowaschen. Schlafen können wir, wenn wir tot sind.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVII): Das Transferleistungsmärchen

4 06 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hier und da spülen die Zeitläufte Gestalten an die Oberfläche des gesellschaftlichen Geschehens, die sie besser an der Trennfläche zum Schmodder gelassen hätten. Die Menschen hätten kein Recht auf Faulheit, rülpst es da von oben; der kollektive Freizeitpark habe schon zu viele Hängematten, in denen es sich die Dekadenten gemütlich machen würden, fürstlich ausgehalten von Leistungsträgern, die neben Steuerhinterziehung und Gejammer ob der hohen Erbschaftssteuer kaum noch einen Zahn ins trockene Brot bekämen. Schlimm sei es, und noch viel schlimmer würde es durch parasitäre Lebensformen, die in balkendicken Lettern auf dem Fachblatt für soziale Exklusion titeln: arbeitsscheue Gestalten, Gammler und Konsumkritiker. Alle, so liest der kollateral behirnte Schmock, leben von den Transferleistungen, die der brave Arbeitsmann, der nicht mehr als zwei Sportwagen vor der Villa im Tessin stehen hat, dem kommunistischen Gesindel steuerfrei finanziert. Wäre es für brave Bürger nicht gerechtfertigt, dies Pack in ein nicht zu vornehm ausgestattetes Lager zu knüppeln, wie es die Primatenpostillen der Springerjauche je und je aus Sorge ums Teutschtum fordern?

Es gibt Transferleistungen, aber sie werden von unten nach oben verteilt. Denn in den modernen Industrienationen ist Armut nicht die Folge von Drückebergerei oder Schicksal, sondern logische Konsequenz eines gekippten Marktes, der Arbeit zu gering entlohnt, und einer aus Subventionen und Steuergeschenken zurechtgeschwiemelten Hilfe für die Konzerne, die dem Staat die Zahlung der Löhne überlassen, statt nach den betriebswirtschaftlichen Regeln zu spielen. Der Arbeiter bezahlt für den Abbau seiner eigenen Rechte, durchgereicht wird die Kohle in die Aktionärsschicht, die die Beute unter sich brüderlich aufteilt, denn da oben gilt selbstverständlich der Sozialismus noch.

Weil die Konstruktion noch nicht reicht, muss das System allerlei Zückerchen ausspucken, um die Wohlhabenden bei Laune zu halten: Baukredite fürs Eigenheim, Kaufprämien für Straßenpanzer, selbst der Sitzplatz im Opernhaus wird größtenteils aus öffentlichen Moneten gefördert – eine Gesellschaft, die ohne Mozart und Verdi lebt, ist durchaus nicht erstrebenswert, doch ist auch der Besuch dieser Veranstaltungen eine Förderung, die überwiegend den Reichen zugutekommt, die sich eine Karte zu ordentlicher Kalkulation leisten könnten, während Erwerbslose im ÖPNV in die Röhre gucken, weil der Mammon in die Individualblechlawine fließt.

Nicht einmal der eigentliche Utilitarismus, der eine Handlung dann als moralisch richtig ansieht, wenn sie der Gesamtheit aller Betroffenen nützt, ist noch in der Lage, die Verhältnisse zu beschönigen. Die Wertobjektivität wurde längst von denen über Bord getreten, die sich ihre Gier leisten können, und sie gehen nach dem Märchen vom tropfenden Kapital noch eine Umdrehung weiter: während der Anteil der Arbeit am Volksvermögen schrumpft wie das Gemächt korrupter alter Männer beim Anblick einer habilitierten Feministin, fühlen sich die Nutznießer dieses Systems allen Ernstes vom Staat und den Armen abgezockt und ausgenommen. Wer auch nur fragt, von welchem Geld Banken gerettet werden, um ein System zu erhalten, in dem man Banken retten muss, gilt als linksextremistischer Revoluzzer. Wer feststellt, dass die Banken nach der Aufpolsterung mit den Steuern der unteren und der Mittelschicht fleißig weiter Casino spielen, um die Shareholder zu unterhalten, sieht eine Strategie, in der die Vermögensinhaber alles tun, damit ihr Reichtum nie Gegenstand öffentlicher Diskussion wird. Wer dann auch noch die Kosten einrechnet, die Steuerbetrug, Korruption und Vorteilnahme in den Führungszirkeln verursachen, die überhaupt erst die Mittel haben, damit sich derlei Kriminalität bezahlt macht, dem kommen gesetzlich festgelegte Regelsätze im Sozialhaushalt erst recht lächerlich vor. Anstrengungslosen Wohlstand gibt es nur vor denen, die vor Vermögensbesteuerung warnen, weil sie dann ihre Firmen in Ausland verlegen müssten. Als würden sie Brot in Bangladesch backen und ihre Gastrobetriebe nach Gabun verlegen – wo die Konzerne drohen, kommt meist nur Heißluft.

Nach der Zockerkrise habe die Reichen ihre Vermögen kräftig gesteigert, in der Pandemie sind die Geldberge nochmals gewachsen. Während die ärmsten Dezile der Bevölkerung auf den Kosten der Maßnahmen gegen das Massensterben hocken, tönt aus der Erwerbslosenverwaltung, dass man ihnen doch nicht einfach so finanzielle Hilfen auszahlen kann. Ein menschenfeindlicher Feuchtbeutel mit dem Brennwert von Savonarola erklärt ernsthaft, dass man mit doppelt so hohen Sozialleistungen auch nicht glücklich wird. Geld allein, sagt uns die herrschende Ideologie, ist auch nicht der Schlüssel zur Seligkeit. Warum dann aber Erben, Aktionäre und andere Großkapitaleigner sich nur durch ihren Besitz als Leistungsträger definieren und ja nichts vom Gewinn abgeben wollen, bleibt wohl ewig ihr Geheimnis. Vielleicht sollte man Armen einfach viel Geld in die Hand drücken, um ihnen zu zeigen, wie schwer so ein Leben im Reichtum ist. Aber wer soll das bezahlen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXVI): Antiintellektualismus

28 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Selten gab es bisher Gelehrtenrepubliken, nicht eben häufig wurden die Experten befragt an den Nahtstellen der Geschichte. Gerne dienert man vor Professoren und Titelträgern, heimlich aber blüht die Verachtung der Gebildeten als Eierköpfe weiter und führt zum putzigen Paradoxon: dass nämlich zu viel Denken schadet, während man pauschal die Schüler schilt, die nicht beflissen büffeln. In einer Gesellschaft, die sich Bildungsfeindlichkeit nicht leisten kann und deshalb den Mangel an Wissen mit verbissener Wut heranzüchtet, bleibt die Neigung zur Blindheit nicht verborgen, der gehegte Wunsch nach Antiintellektualismus.

Prächtig gedeiht der Populismus, mitunter auch in Parteiform, wo Hoch- und andere Schullehrer das Heft führen, dozieren, besserwissen, abkanzeln und ihre bestenfalls seit Studententagen gepflegten Seil- wie Freundschaften produktiv sein lassen. Was sie dem Volk verkaufen, ist jedoch nicht der Glaube, die oberen Ränge würden es kraft Rüstzeug in der Birne auch politisch richten, sondern der kalte Hass auf alte Führungsschichten, die – wie die neuen übrigens auch – aus Intellektuellen bestehen und wie ein arroganter Überbau wahrgenommen werden sollen, den es mehr oder weniger gewaltsam zu entfernen gilt, wenn sich alles ändern soll. Der Hass auf die Eliten, wer auch immer das sein mag, wird dem Proletariat als heiliger Auftrag verkauft, die Abneigung gegenüber weltoffener, pluralistischer Denkweise, die diesen Namen überhaupt verdient.

Nicht eben zufällig lehnen Rechtstotalitäre jede intellektuelle Regung des Geistes ab, da sie unter Umständen auf unliebsame Fakten stoßen könnte, die der ehernen Wahrheit im Fundament der reinen Doktrin nicht mehr in den Kram passt. Kultur ist verdächtig, weil sie sich über die Schranken des erlaubten Denkens hinwegsetzt, der Verstand muss dem Fortschritt entsagen, da es bekanntermaßen in der Erkenntnis keine Entwicklung mehr geben darf, die am Ende an den Grundfesten rüttelt. Die großen Umbrüche, allen voran die Werte von 1789, müssen zurückgedreht werden, sonst verschwiemeln sich die völkischen Konstrukte im eigenen Aushub.

Geschenkt auch, dass die Geistesfeindschaft der Gestrigen im Technikfetisch einen quasireligiösen Gegenpol findet. Was aber bleibt in der Ablehnung von Vernunft und Rationalismus, ist die deutlich sichtbare Wissenschaftsfeindlichkeit weiter Kreise derer, die des Populismus als Krücke bedürfen. Bis in die elitären, halbgebildeten Führungskreise wird jede theoretische Reflexion vermieden, was nicht das Weltbild stützt, steht unter Generalverdacht und gerät schnell in Konkurrenz zu alternativen Fakten. Die konfliktscheuen Moderierungsregierungen, die lieber mit Extremisten kuscheln, setzen auf stumme Unterwerfung, und so dominiert die Emotion die Ratio, die Intuition die Logik, bis uns wieder die flache Erde aus Hohlschädeln entgegenkommt.

Doch begeht der Antiintellektualismus seinen größten Verrat nicht an den Intellektuellen, sondern an denen, die er zu vertreten vorgibt, während er sie in Wahrheit nur dumm zu halten versucht. Kein öffentlicher Dissens entsteht, kein dialektischer Disput kann sich entwickeln, wo eine scheinbar abgehobene Klasse dem Proletariat ihre Ideen nicht diktieren darf – das übernimmt die Führerkaste aus Menschenfreundlichkeit lieber selbst. Um ganz sicher zu gehen, zerstört die nun herrschende Rotte auch die Wissenschaft als System, und zwar an der Wurzel. Das geht mit der Ausweitung der prekären Arbeit vom Fließband auf die Hochschulen, die mit befristeten Stellen und beschissenen Zeitverträgen ausgehöhlt und sturmreif geschossen werden, bevor ein geradezu sadistisch anmutendes Verfahren des Aussiebens nur die glattgelutschten Angstbeißer in die Nähe der Lehrstühle lässt, während sich das Assistenzvolk in den Burnout promoviert. Würde der Doktorgrad bei ein paar Lautsprechern in den Parlamenten nicht ausschließlich für ein bisschen Abkürzung auf der Visitenkarte angestrebt, die dafür verballerten Ressourcen würden Begabten weiterhelfen, eine aussichtsreiche Laufbahn in der Forschung zu beginnen. So bleibt es akademisches Gemüse, die formale Eintrittskarte in einen Stand, in dem Wissenschaft nichts zählt, nur die Tatsache, dass man sich nicht mehr in ihren Niederungen herumtreiben muss.

So hat die Aufklärung mit der Überzeugung von Gleichheit die Mittelschicht derart versteift, dass sie einer als soziale Auslese missverstandenen Schicht das Recht abspricht, die intellektuelle Führung über die Gesellschaft zu besetzen. Was der geistigen Sphäre als empirische Tatsache gilt, wird von den Spießerhirnen als Meinung abgetan: Klimatologie, Relativitätstheorie, Virologie, das heliozentrische Weltbild. An US-amerikanischen Universitäten, vor allem in den ökonomischen Fachbereichen, gilt Betrug bei schriftlichen Arbeiten längst als sozial akzeptiert, da die Ergebnisse unwichtig erscheinen; die deutsche Politik schließt fleißig auf. Schon gilt der Geist als dekadent, da er nicht tatkräftig ist. Wir werden es im Auge behalten, wenn die Meere das Festland überspülen. Die Wissenschaftler werden schuld sein. Sie hätten ja einfach etwas anderes prognostizieren können.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXV): Hedonistischer Individualismus

21 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, der Hominide ist ein soziales Wesen – zumindest sollte er irgendwann gelernt haben, die Normen seiner Artgenossen in ihrer Ansammlung zu begreifen und sich so zu verhalten, dass er und die anderen die situativen Bedingungen möglichst lebend überstehen. Die eigene Sippe verzeiht bis zu einem gewissen Grad, wenn eins ihrer Mitglieder in vereinzelten Momenten abweichendes Benehmen zeigt, doch beschädigt es durch Opposition oder die Ablehnung vorhandener Bindungen den bisher gut funktionierenden Zusammenhalt der Gruppe oder gar deren Möglichkeiten zum Fortbestand, dann ist der Fisch gelutscht. Es geschieht nicht eben selten, dass Destruktivität mit gesellschaftlich tolerierter Ausgrenzung geahndet wird. In der modernen Welt mag es lässlich sein, in der prähistorischen Epoche bedeutete es die direkte Konfrontation mit Natur und Tod. Wer will das schon, wo die Verhältnisse wieder existenziell zugespitzt erscheinen, etwa in der Pandemie?

Neben einigermaßen normalen, teilweise schwer frustrierten Gesellschaftsstützen, die um der Sache willen bereit waren und sind, persönliche Vorteile hintanzustellen, greint aus jeder Ecke ein Rudel Deppen, das die Einschränkung seiner Privilegien zum Menschenrecht hochquirlt – ein ausgeprägtes Bild von hedonistischem Individualismus, das sich anhand solider Symptome von Beklopptheit sicher diagnostizieren lässt. Kaum schließen die Läden, in denen das gemeine Schimmelhirn sich mit allerlei Tinnef eindecken kann, bricht ein Heulen los, das die Koksgnome im weiten Umkreis paralysiert. Für einen Haarschnitt gehen sie auf die Straße, für den Besuch im Freibad zünden sie Barrikaden an. Dass in der Zwischenzeit Kinder im Aerosolfeuerwerk hocken, weil sie sonst die Grundrechenarten nicht lernen würden: geschenkt, eine Woche Marodieren auf Malle ist gerade wichtiger. Es geht schließlich um Menschenrechte wie Schnitzel, Einbauküchen oder Karneval.

In einer bürgerlichen Gesellschaft, als die sich die Kasperade versteht, wäre die Voraussetzung für irgendeine Rechtswahrnehmung immer noch ein gutes Gespür für die Pflichten, die man sich damit an die Backe klebt. Aber was versteht der gründlich zerlebte Kleinkarofetischist von derlei Anwandlung eines altruistischen Gegenseitigkeit, wenn ihm sein Staat schon immer den platten Konsumismus nebst Eigensucht ins Entlohnungszentrum schwiemelt, auf dass er sich selbst der Nächste sei. Er vergisst und verdrängt seine Grundbedürfnisse, vor allem das Streben nach Sicherheit, und schmeißt sich bar jeder Vernunft der Belustigung an den Hals.

Offenbar hat die Evolution der Affenarten einen Sicherheitsmechanismus zu viel eingebaut, um die Blödföhnscharen aus dem Genpool zu fischen. Die Neigung zur indirekten Reziprozität – der Kluge hilft dem Dummen, indem er damit rechnet, dass ihm selbst irgendwann einmal ein Kluger helfen wird, der weniger undankbar ist als der Dumme – schleift das ethisch entkernte Gesindel mit, ohne die Erziehung zur Solidarität zu verlangen. Im Zweifel werfen die Kollateralmaden den angeblichen Gutmenschen noch vor, nur aus Geltungssucht ihre moralischen Provokationen vorzutanzen, was mit der Neigung zur Opferrolle bestens korreliert. Die Kurz- und Querstreckendenker werden auch erst durch die soziale Zwangslage sichtbar, in der die Klugen so lange nachgeben, bis die Dummen ihre Wünsche erfüllt bekommen. Ein Gutes hat der Individualismus in seiner hedonistischen Form, er führt langfristig zur Vereinsamung und Exklusion der Mehlmützen. Der Selektionsdruck arbeitet gegen sie, da schon bei der Partnerwahl Egoleptiker als erfolgloses Hohlgemüse durchgereicht werden, das nicht einmal über genug Rüben verfügt, um nicht auch noch anderen davon abzugeben – der Uneigennützige ist letztlich über den Schnösel hoch erhaben.

Leider nützt es wenig in einer Welt, in der man auch ohne den Schutz des Stammes reelle Chancen auf ein Erleben des nächsten Tages hat, zum Beispiel, indem man sich einen neuen Verband sucht, und seien es charakterlich analog gelagerte Dummklumpen. Wer da nur sein eigenes Glück im Schädel wiegt, ist als Lustsucher nicht nur ein verhältnismäßig armes Würstchen, sondern auch dem Neid seiner Beklopptheitskohorte schutzlos ausgeliefert, die sich im Verlangen nach seichter Begierde suhlt. Verantwortungs- und Spaßgesellschaft stehen sich unversöhnt gegenüber, wobei die eine aus reiner Verseifung nicht rafft, dass sie ohne die andere gar nicht existieren würde, in heutigen Zeiten tatsächlich im physischen Sinne. Und so erschöpft sich der Individualismus als Ausdruck einer bewussten Abspaltung vom Milieu denn auch in der Identitätskrise als einzigem Distinktionsgewinn, der vor dem Untergang im Geblubber der Unterschicht noch einmal etwas Pseudowichtigkeit verleiht. Wie schön, dass das auf den Balearen keucht und schon auf dem Rückflug den Durchhaltewillen verliert. Warum sollten sich die Knalltüten auf der persönlichen Ebene anders verhalten als von Edelmut freie Völker, wenn man von Solidarität nicht satt wird.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIV): Konservativismus

14 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Französische Revolution bescherte der Welt viele schöne Dinge: die Republik, Restaurants der gehobenen Küche, bequeme Freizeithosen und die Weltanschauungen des Liberalismus sowie des Sozialismus, geboren aus dem Geist der Gleichheit. Spätestens zum Ende der Hochphase aber kippte die Stimmung, denn was gab es für die Kaste der Besitzenden schon zu verlieren als die Ketten, die sie sich durch ein paar Jahrhunderte Ausbeutung und Unterdrückung eingehandelt hatten. Der Citoyen war eine nette Idee, die Besitzbürger aber siegten und machten sich einen hübschen Lenz daraus, zur Abwechslung während ihrer Jeunesse dorée auf die Unterschicht zu schießen. So wurde der Grundstein gelegt für die wichtigste politische Idee kommender Epochen, den Konservatismus.

Aber was ist aus ihm geworden? Im Gegensatz zum Sozialismus, der Inkarnation des Bösen, wo es keine Bananen gibt und Fabrikanten dieselbe Rente bekommen wie Fabrikarbeiter, zum Liberalismus, der die narzisstische Persönlichkeitsstörung zur Kunstform aufbläst, hat das trotzige Aufbäumen der Beharrer nicht einmal ein eigenes Programm außer zu ignorieren, dass sich Dinge ändern. Sie wollen einfach nicht einsehen, was auch ohne ihre bräsige Opposition passieren würde. Die Zeit läuft an ihnen vorbei, die gute alte Zeit, in der es Dampfschiffe gab, Postkutschen, später auch Schreibmaschinen. Ihre Frauen waren noch Haustiere, die Kirche hatte grundsätzlich recht, eigentlich war der Krieg ganz lustig gewesen, sie haben ihn auch nicht verloren, die anderen haben nur gewonnen, und wenn nicht überall böse Fremde herumlaufen würden, wäre die gutbürgerliche Epoche, die eigentlich nie existiert hat, nicht vorbei. Deshalb pochen sie auf Werte.

Werte? Guter Witz. Was unter diesem Etikett zusammengeschwiemelt wird, ist moralgesättigte Abwehr des Denkens, die sich gegen Veränderung imprägniert. Der Schutz des Lebens ist vor allem für Ungeborene eminent wichtig, für Moribunde, aber nicht für das Reinigungspersonal. Als soziale Normen werden sie von einer ängstlichen Schicht in Beton gegossen und gelten definitionsgemäß nur für die Untergebenen. Eine offene Gesellschaft ist dem Konservativen verhasst, da deren sittliche Vorstellungen in der Gegenwart liegen und sich nicht ins Gestern hieven lassen – schaudernd steht er vor den Versprechungen der Verfassung, die er nie anzweifeln darf, da er für Law & Order bestallt wurde, und arrangiert sich mit seiner Art von Ethik: Grundrechte, aber eben nicht für alle. Er begründet dies gerne mit der Hierarchie, die die harmonische, göttliche Ordnung des Ständestaates noch gehabt hat, bevor die Knechte Teufelszeug wie Demokratie und Menschenrechte aus der Hölle holten.

Werte! Nicht von der Religion geschaffen, in mühseliger Kleinarbeit und oft gewaltsam gegen sie durchgesetzt, um eben die bürgerliche Gesellschaft zu etablieren, für die sich bourgeoise Pimpfe halten. Stünde das vor dem Affenkäfig, man wüsste, wer da mit Kot schmisse. Als letzte Larmoyanz popelt sich der konservative Klötenkönig zum Nachweis des Machtanspruchs das christliche Menschenbild aus der Nase. Das Menschenbild, das sich bei noch nicht ganz vollgelaufenen Intensivstationen kaum entscheiden kann, ob man das Pflegepersonal mit mehr Pandemiepatienten oder durch die totale Abschaffung aller Verkehrsregeln im Namen der Freiheit voll auslasten soll – nicht vergessen, die von den Berufschristen geforderten Freiheiten im Sinne des Grundgesetzes sind Dienstleistungen, die überwiegend von Ungeimpften erbracht werden, und die Christlichkeit besteht allenfalls darin, ein paar Niedriglöhner für die gute Sache zu opfern. Also für das Kapital. Und die Wiederwahl.

Im Endeffekt geht es doch nur darum, sich ohne gesellschaftliche Konsequenzen – die juristischen räumt eine Rotte teurer Rechtsanwälte schon weg – die Taschen vollzustopfen, gerne auch durch reiche Zuwendungen zugewandter Reicher, die mit einem privaten Trickle-down gnädig ihre Domestiken in Freilaufhaltung füttern, während sie mit den kleinen Leuten besser nicht in Berührung kommen wollen, es sei denn in Form der durch sie erwirtschafteten Renditen. Der konservative Politiker ist eine Art Hündchen, vielseitig verwertbar zum Kläffen, zum Beißen und zum Männchen machen.

Die Lächerlichkeit der Konservativen zeigt sich in der Ablehnung von Natur- und Klimaschutz, die als Bewahrung der Schöpfung tatsächlich zu den religiös motivierten Ideen einer wertorientierten Haltung zählen könnten, während die blindwütige Technikgläubigkeit ohne Rücksicht auf Verluste die peinlichste Attitüde der Traditionsbehämmerten ist, der quasi esoterische Glaube, irgendjemand würde gegen alle Widrigkeiten der Welt patentierbare Wundermittel erfinden. Aber bestimmt schlummert auch hierin nur der Wunsch, sich an dem Zeug dumm und dämlich zu verdienen.

Konservatismus ist Heimweh nach einer Utopie von Vergangenheit, Sehnsucht nach weltfremden Idealen, an denen man die Weltfremdheit lobt, weil man nur so mit dem Finger auf alle die zeigen kann, die ihnen nicht entsprechen. Was wären wir ohne ihn, wenn nicht glücklich im Hier und Jetzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXIII): Cancel Culture

7 05 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Erinnerungen an Giovanni Stronzo, den dümmsten Sohn des dümmsten Herzogs von Padua, wurden schon frühzeitig aus den Annalen der Stadt gekratzt. Hatte er auf dem Debütantenball noch mit erheblichem Konsum von Wein und Partydrogen zu protzen versucht – gäbe es die Chroniken noch, das Bild eines sich in alle Richtungen übergebenden Adelssprosses wäre auch nördlich der Alpen weit verbreitet – und sich damit bis Sizilien zum Gespött der Fürstenclans gemacht, griff er auf der Hochzeit seiner Cousine Elisabetta einen Schwippvetter mit dem Käsemesser an, ließ unfreiwillig das Beinkleid sinken und stolperte in das Schaugericht aus drei gebratenen Schwänen auf Bärlauchpasta. Niemand war verwundert, dass ab der Verlobung der schönen Bianca mit Friedrich II. der mittelalterliche Jetset auf die Abwesenheit des kognitiv suboptimierten Kotzbrockens gesteigerten Wert legte. Ab und zu half ein Potentat mit förmlichem Schreiben, nach Taufe, Waffenstillstand sowie überstandener Pest den Dummbeutel nicht bei Hofe zu sehen: „Uns geht’s gut“, stand da, „also bleib, wo Du bist.“ Wie alle obenrum glitschig veranlagten Deppen, so wusste Giovanni, dies habe Methode. Er nannte es Cancel Culture.

Kein Wunder, entspringt der verschwiemelte Verbalmüll ja auch der Blödföhnrotte, die sich aus Prinzip von jeder Art Sittlichkeit fernhalten, sicher aus Sorge, gutes Benehmen könne abfärben. Doch ist die greinende Bezichtigung nicht einfach nur die typische Schuldumkehr, wie sie die angeblich klar denkenden Quer- und Selbstpopler immer dann von sich geben, wenn sie Überdruck am ideologischen Ventil verspüren, es ist brutalstmögliche Ablehnung des Diskurses, in dem eine angeblich schweigende Mehrheit durch eine verschwindend kleine Clique von Boykottbolden existenziell bedroht werde. Einmal öffentlich zur Vergewaltigung aufgerufen, den Holocaust geleugnet, zack! schon bilden sich ein paar Unbeteiligte ein, sie müssten das neue Buch nicht mehr kaufen, was nicht nur Zensur ist, sondern mindestens Berufsverbot und juristisch auf jeden Fall Mord. Natürlich ist diese hassverzerrte Fratze bis in die Spitzen der Staatsmacht vernetzt, droht bei der geringsten moralischen Verfehlung mit Kritik – was bei weimernden Schneeflöckchen noch viel mehr wehtut, als den Schlagstock in den Gesichtsversuch zu bekommen – und lässt sich auch dann nicht foppen, wenn sich das Gejaule der Schuldigen wie durch Zauberhand wieder in Hetze wandelt, wie sie es inhaltlich immer war. Wie ihre Schwester, das humpelnde Wechselbalg Political Correctness, ist Cancel Culture das Eingeständnis, sich im Ton vergriffen zu haben und es für normal zu halten. Die Klötenkönige machen Aufstand, wo ihnen der Anstand fehlt.

Es bedarf keiner Sehhilfe, um zu begreifen, dass es sich auch hier um nichts anderes als die bei rechten Jammerlappen beliebte Opferpose handelt, in die der ganze Heckenpennerverein reflexhaft hineinrutscht, weil an allem, was sie nicht auf die Kette kriegen, grundsätzlich altböse Eliten schuld sind, die der Satan selbst ausgespien hat: Linke, Migranten, Frauen – die Ausgeburten der Hölle und alles, wobei sich die unbeugsame Herrenrasse ad hoc einnässt. Die Flusenlutscher können es nicht vertragen, dass es außerhalb ihrer aus Angst und Selbsthass bestehenden Welt noch etwas geben könnte, das sich nicht von ihrer aus Schmierkäse geschnitzten Präpotenz beeindrucken lässt. Und wie es in einem zerbrechlichen, jederzeit am Faulen der inneren Widersprüche krankenden Weltbild nun einmal notwendig ist, braucht es die Fantasmagorie der bösartigen Verhinderungsarmee, eine fiebrige Einbildung wie Rassenkunde und Umvolkung, ein Popanz aus der Hohlwelt unter der Kalotte.

Wäre der Bettnässer aus Braunau heute auf Achse – präsumtiv mit einer drittklassigen Sendung und Filmchen, die sich selbst für Satire halten und damit ziemlich alleine an der Front hocken – würde er sich über Churchill und Stalin beschweren, wie sie seinen schönen Krieg canceln. Es waren ja auch da höhere Mächte am Werk, die sich eigenmächtig aufgeschwungen haben, aus ihrem subjektiven Urteil heraus eine komplette Neuordnung Europas wegen ihrer unmaßgeblichen Befindlichkeiten zu verhindern. Verrat! Immerhin machen die feucht-völkischen Schwurbelgurken es heute professionell und mit reichlich medialer Unterstützung, indem sie zurückrudern und sofort den Schuldumkehrschalter betätigen. So sehen Helden aus, standhaft wie Quark.

Es scheint sich alles nur um Missverständnisse zu handeln, aus denen ein schwärender Konflikt entsteht. Das Missverständnis, Meinungsfreiheit umfasse das Recht, auf seinen geistigen Sondermüll jede Antwort zu unterbinden; das Missverständnis, man dürfe jeden anpöbeln, ohne mit Konsequenzen konfrontiert zu werden; das Missverständnis, es sei Zensur, wenn einen irgendjemand nicht mehr sehen kann; das Missverständnis, man könne den Diskurs gleichzeitig fordern und zerstören. Und natürlich das Missverständnis, man sei auch als dummes Arschloch auf jedem Fest willkommen. Abgesehen von seinen Freunden, den dummen Arschlöchern.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXI): Freiwillige Selbstverpflichtung

23 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon im frühen Mittelalter soll es sehr liberal zugegangen sein. Pippin der Mittlere, Hausmeier von Burgund, setzte stets auf eigenverantwortliche Untertanen, denen er sicherheitsrelevante Bereiche der Königsburgen zu Schutz und Verteidigung überließ, indem er ihnen erklärte, dass er im Falle der Pflichtverletzung überhaupt keinen Spaß mehr verstehen würde. Ein brennender Wehrturm, zehn bis hundert feindliche Reiter im Burghof – Rübe ab, und zwar sofort. Kontrolle, das wusste der alte Arnulfinger, ist nur besser, wo Vertrauen herrscht. Nur ab und zu musste er durchgreifen, dann aber mit der zeittypischen Zielstrebigkeit, bei der auch enge Verwandte nicht lange im Weg standen. Die Geschichte, das wusste der Urgroßvater Karls des Großen, würde alles schon richtig einordnen. Die Lehensleute und ihr Gefolge hätten ja genau gewusst, worauf sie sich einlassen würden bei einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

So ähnlich funktioniert das Controlling in einer durchschnittlichen Studierenden-WG: zwei bis drei oder mehr verantwortungsbewusste Personen haben die Notwendigkeit verinnerlicht, die Küche und die sanitären Anlagen je nach augenscheinlich eruierten hygienischen Befunden zu säubern, um den Befall mit Ungeziefer oder Kammerjägern vermeidbar zu machen. Der Prozess wird als zeitnah einsetzend bezeichnet und soll möglichst sanktionsfrei gegen die Wohnenden durchgeführt werden. Historische Forschungen zur Motivation haben ergeben, dass sich dieses System sukzessive etabliert hat, als der seit Jahrzehnten gebräuchliche Putzplan endgültig sinnlos geworden war und seine Verankerung im sozialen Gefüge der angehenden Akademiker total eingebüßt hatte. Lebensrhythmus, die psychische Bereitschaft sowie die Akzeptanz eines Stimulus-Response-Modells in der Bedingtheit eines auf die autoritären Wurzeln der bürgerlichen Wohnweise beschränkten Rollenverständnisses brachte die Sache zu einem Kipppunkt: Putzen ist für Nazis.

So sieht es in dieser Gesellschaft auch aus. Da überraschenderweise Machtverhältnisse auch sind, wo man sie erwartet – ein Minister lässt Gesetze erarbeiten, die Wirtschaft wird davon in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt – ändert sich auch die Tragweite dieser Pflichten. Fadenscheinig und nicht selten irreführend werden die Beziehungen, wenn sich zeigt, wer wen beherrscht. Gibt der Ministrant den Konzernen das Muster einer verschwiemelten Verpflichtung vor, das diese aus freien Stücken abnicken und ansonsten ignorieren dürfen, dann ist weder ein Rechtsanspruch entstanden noch eine bindende gesetzliche Regelung, die der Gesellschaft Sicherheit gäbe. Die freiwillige Selbstverpflichtung gaukelt Verantwortung und Handlungsfähigkeit vor, wo sie jedes Handeln vermeidet und sich aus der Verantwortung stiehlt.

Was mit etwas Naivität betrachtet noch den Eindruck von Rechenschaft erweckt, ist nicht viel mehr als ein billiger PR-Stunt. Kükenschreddern und Ferkelkastration, Ausstoß von Stickoxiden und Abbau des fairen Handels, der Kleiderschrank mit den Schutzmäntelchen ist gut bestückt und deckt eine Menge übler Lügen zu, die die Politik offiziell nicht bekämpfen kann, weil der Gegenstand sich außerhalb ihres Zugriffs befindet, oder kaum mehr wird bekämpfen können, weil sich die Folgen des Versäumnisses längst zur Havarie entwickelt haben. Die Frauenquote und den flächendeckenden Einsatz von Schulhunden mag man lässlich finden in einer Welt, deren Wirtschaft die Menge des anfallenden Plastikmülls in den Meeren für nicht so gravierend hält, solange der Tourismus davon verschont bleibt, wo aber Protzkarrenbauer statt des versprochenen Drei-Liter-Autos Straßenpanzer vom Band rotzen und ihre Brüder von der Braunkohlelobby die bis zu zwanzig Prozent veranschlagte Reduktion des CO2-Ausstoßes als Freibrief zum Tiefschlaf versteht – Nichtstun ist ja auch irgendwo zwischen 0 und 20 – haben wir die Reinform der lobbygesteuerten Schuldumkehr erreicht.

Wie viel Lächerlichkeit in derartigen Kodizes steckt, sieht der geneigte Realitätsallergiker, wenn die Abgeordneten einer Regierungspartei freiwillig zu beteuern gezwungen werden, sich nur legal die Taschen gefüllt zu haben. Wer nichts zu verbergen hatte, hätte auch keinen Grund gehabt, sich lauthals zu beschweren; wer den Schwanz einkniff und als Lügner auffiel, sorgte nur im Glanz der übrigen Scheinheiligen für bigottes Empörungsgepopel. Der Zweck einer ethischen Maskerade bleibt also die billige Präventiventlastung, damit keiner mehr für den Mist gerade stehen muss, den er in Amt und Würden verursacht hat. So schaffen sich Politik und Wirtschaft gemeinsam rechtsfreie Räume mit zwei separat benutz- und verschließbaren Ausgängen, um ein Vakuum an Einfluss, Zuständigkeit und Moral zu erzeugen, wann immer sie es brauchen. Bis auf Weiteres werden Küken geschreddert, Öl in den Ozeanen verklappt, Wälder für überflüssigen Kohleabbau abgeholzt und Boni an Bänker gezahlt, die die höchsten Umsätze mit Schwarzgeld machen. Nur als Supermarktangestellte sollte man besser keinen Kuchen mitnehmen, der in den Müll gehört. Aber das versteht sich ja wohl von selbst.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLX): Verhandeln mit der Natur

16 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In den alten Erzählungen schien es geholfen zu haben, wenn der Schamane seinen Speer schüttelte und die Wetterdämonen lange genug anbrüllte. Man berichtete von wahren Wundern: Regen kam auf Befehl, der Sturm ließ nach, die Buntbeeren blühten termingerecht. Die saisonale Schneeschmelze im Hochgebirge schien das wenig zu beeindrucken, in jedem Jahr kam mehr Wasser den Abhang herab, durchnässte das Tal an der westlichen Felswand und ließ die eine oder andere Höhle absaufen. Die in gemeinsamer Abstimmung beschlossenen Opfer von Feldfrucht und Jagd halfen nicht, auch eine kunstvoll aus einem Baumstamm getriebene Figur des Vegetationsgeistes blieb wirkungslos. Der von der Natur ausgehenden Kraftentfaltung waren die Hominiden schlicht egal. Jede Verhandlung mit ihnen war schlicht vergeudete Zeit.

Andere Völker, die sich bereits in arbeitsteiliger Gesellschaft an der Umwelt vergangen hatten, sahen sich mit denselben Ergebnissen konfrontiert. Die Hybris des Menschen, sich scheinbar über die Grundlagen der Biologie, der Physik und Chemie hinwegsetzen zu können, da eine Generation nicht lange genug lebte, um die Rechnung für den ganzen Murks präsentiert zu bekommen, ermutigte ihn zu nur noch mehr dümmlicher Zerstörung. Kulturen löschten durch kunstvoll herbeigeführten Mangel an Wasser und Nährstoffen sich selbst aus, so dass nur noch imposante Architektur von der maßlosen Ichbezogenheit ihrer Erbauer irgendwo in dichten Urwäldern zeugt. Die Maya verstanden es trefflich, die durch Krieg und Überbevölkerung aus dem Ruder geratene Bevölkerungspolitik durch Raubbau an den Ressourcen und eine geradezu klassischen Fehlallokation der Maisernte verhungern zu lassen. Wie viele zuvor ernährten sie ein paar ohnehin Reiche, die zu spät den Ernst der Lage einsahen.

Nichts davon ist neu, nichts davon hat in einem globalen Maßstab stattgefunden oder in der heute zu beobachtenden Geschwindigkeit, nichts davon war zuvor das Business der vor sich hin popelnden Politkaste, die auch schon den Generationswechsel im Hinterkopf hat – noch dreimal Wiederwahl, dann sind die Schäfchen sowieso im Trockenen – oder sich ein Häuschen auf dem Berg leisten kann, wenn der Meeresspiegel steigt. Es ist, als würden die Minions der Existenzverwaltung auch schon aus Sperrholz Götzenbilder schwiemeln, um überhaupt irgendetwas zum Vorzeigen zu haben, auch wenn es nicht hilft. Der Kipppunkt, der das endgültige Tauen der Permafrostböden anzeigt, lässt sich nicht durch drei Grad mehr, zwei Grad mehr, ein Grad mehr verwirren. Die Natur würfelt nicht – für die Vertreter des theistischen Weltbildes eine groteske Verkehrung ihrer eigenen Überzeugungen, aber was erwartet man auch von Wahlbeamten, die Beten als Entscheidungsersatz klassifizieren – und verzichtet auf die bigotte Bizarrerie solcher Denkmodelle. Sie mag in ihrer Wirkweise erschreckend komplex erscheinen, beruhigt aber immer noch durch das Versprechen, dass jede Handlung Folgen hat. Wenn es auch nicht immer die gewünschten sind.

So nimmt es auch nicht wunder, wenn glitschige Provinzfürsten angesichts abhebender Zahlen erst dann exponentielles Wachstum wahrnehmen wollen, wenn es den Rest der bräsigen Mannschaft unter sich begräbt. Auch im Umgang mit einer medizinischen Bedrohung schieben sich geistige Heckenpenner lustig einen Deal nach dem anderen zu in der Hoffnung, vielleicht die Größe der nahen Katastrophe noch ein bisschen wegzufiltern – als würde einen auf dem langsam wegsackenden Deck der Titanic der einsetzende Nieselregen stören. Das politische oder technische Handwerk ist nur die Jonglage mit Wahrscheinlichkeitswerten. Lustig Qualm in die Atmosphäre zu pusten, obwohl die Reaktionen aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht bekannt sein dürften, Plastikschredder in die Meere zu leiten, atomaren Müll in Salzstöcke zu füllen, die sich innerhalb der vorgesehenen Zeit während der Endlagerung mehrmals heben und senken werden, ist kein Glücksspiel, sondern der untaugliche Versuch, mit magischem Denken ein immenses System aufhalten zu wollen, als würde man gegen ein ganzes Gewitter nur einen Schirm aufspannen müssen.

Letztlich hilft nur noch Mythenbildung beim Aufschub der Folgen. Irgendwer muss Schuld sein am Erdrutsch, irgendeinen muss der Volkszorn ja treffen. Die mesoamerikanischen Reiche hatten stets einen bösen Feind in der Hinterhand, den man für Rache, Reichtum oder eine Gottheit bestrafen konnte. Gegen den Klimawandel hilft es, die jugendlichen Protestierer als linke Spinner auf dem Kreuzzug gegen den kapitalistischen Wohlstand zu diffamieren. Früher oder später schlägt man in der Realität auf. Immerhin wissen wir jetzt, dass wir von Berufsirren geführt werden, denen es um die kurzfristige Erledigung eines Jobs geht: sich aus jeder Verantwortung rauszuhalten. Bestimmt sind sie in der Lage, die Botschaften der Natur zu hören. Was auch immer man hört, wenn man die falschen Pilze einwirft.