Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXII): Whataboutism

20 09 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ach, man kennt es ja. Da debattiert die heitere Runde über die geopolitischen Wahnideen dummer Diktatoren und den Hirnschrott, den jäh welkende Platzhirsche zu Klimawandel und Autoverkehr in den unschuldigen Äther rülpsen, alle sind fleißig im Furor des argumentativen Austauschs, bis der einzige Knalldepp den entscheidenden Beitrag zu Gehör bringt: in China essen sie Hunde. Mehr muss man nicht wissen, die Veranstaltung ist gelaufen, es kommt nicht mehr. Guten Abend. Schöne Grüße vom Whataboutism.

Musste man früher in kompletter Unkenntnis Schopenhauers noch mit einer Gegenfrage die vernünftige Verständigung abwürgen oder aber einen Vorwurf mit einem anderen kontern – „In China essen sie Hunde.“ „Ach, und in Sachsen nicht?“ – so bietet die Kamikaze-Kommunikation jedem Zerstörer ein taugliches Mittel, um gleich die ganze Situation zu sprengen. Mit diesem brachialen Ausweichmanöver landet jede Argumentation im Straßengraben, und genau darum geht es dem Zersetzergeist ja auch. Wo immer gesprochen wird über Fachkräftemangel und fehlenden Wohnraum, empfiehlt es sich, die Ehe für alle als korrelierenden Auslöser für den Untergang des Abendlandes zu nennen; dass immer mehr Plastik in den Meeren dümpelt, liegt an der Erbschaftssteuer, außerdem sind alle Linken sowieso für alles verantwortlich, und damit ist die Sache erledigt, wohlbemerkt: alle Linken. Das Hervorzerren billiger Klischees mit dem Ziel der Schuldumkehr wirkt so angenehm in seiner Absolutheit, dass fast alles auf direktem Weg ins Paradies der Opferhaltung führt. Da kennt sich der in seiner faktenfrei zusammengeschwiemelten Parallelexistenz lebende Vollzeithonk aus, denn nur, wenn alle anderen schuld sind, hat er recht. Also immer.

Grundsätzlich eignet sich für die wohlgezielte Entgleisung jede noch so irrelevante Tatsache, die noch nicht einmal Tatsache sein muss. Der Kenner aber bläst auch hier mit Verve den Murks auf, der ihm in die schwitzigen Finger gerät, die Hauptsache ist, dass er unter seinesgleichen damit Empörung erzeugen kann – die eigene Perspektive reicht schon aus, er spricht nicht für die, die ihn an Bildung oder Charakter in den Schlagschatten stellen, sondern nur für seine Krabbelgruppe. Ginge es hier noch um rhetorische Tricksereien, der trübe Bodensatz der Flusenlutscher müsste sich die Frontallappen noch im Gefunzel der eigenen Unterbelichtung wringen, aber ihr Ziel ist die Vernichtung des Diskurses. Wenn sie zu bescheuert sind, um einen geraden Satz in die Öffentlichkeit zu rülpsen, dann soll es auch keine Öffentlichkeit mehr geben, mit oder ohne Diskurs. Dass der eigene bauartbedingte Denkfehler in einer verzerrten Selbstwahrnehmung nicht als gravierend wahrgenommen und gleichsam entschuldigt wird, gießt ein bombensicheres Fundament für immerwährende Glaubwürdigkeit, wo sonst nicht mehr als Wasserdampf und heiße Brotkrümel vorhanden sind. Wer immer sich fragt, woher diese an rhetorischen Taschenspielertricks versagenden Schlumpfnulpen allgemein bekannt sind: ja, die Antwort ist richtig. Aus dem genetisch versumpften Auswurf schöpft manche Alternative.

Denn die wutbürgerliche Zusammenrottung hat es bitter nötig, sich gegen jede Form von Kritik abzuschotten, sogar dann, wenn sie schon an die Wand getackert und mit Steinen der reinen Vernunft beschmissen wird. Die für den Aushub geschnitzte Killerphrase gegen jede Kritik hilft wie ein abgenagter Zahnstocher gegen ein Dutzend Füsiliere. Solange man die Doppelmoral dem Gegner in die Schuhe schieben kann, weil man den Mut zur Wahrheit für sein eigenes Gestammel reklamiert, wird es im Kragen nicht eng.

Freuen wir uns nicht zu früh. Noch feiert die Propagandamethode Erfolge in den Niederungen der TV-Talkshows, wo nur der letzte Gesprächszug dem zwanghaft jodelnden Publikum in der auf Kurzzeitwahrnehmung getrimmten Glibbermasse feststeckt. Logische Folgerungen zählen nur noch dort, wo der als wichtig angekündigte Laberlulli seinen Satz unfallfrei in die Kamera hampeln kann, andernfalls wird er nach alter Sitte infantil vom Platz geschoben. Zum guten Schluss der formalen Beleidigungen wissen doch Kleinstkinder immer noch dem anderen mitzuteilen, dass es doof ist. Wie viel Entspanntheit läge darin, uns souverän auf dies Argument zurückzuziehen, anstatt manisch nach gesittet riechenden Schmähungen zu suchen. Die anderen aber, die natürlich frei sind von Schuld, dürfen gerne den ersten Stein werfen; wir sind da nicht so. Schmeißen sie den ersten Stein, haben wir die pseudoreligiöse Bestimmung des Ichglaubens gründlich verrotzt und müssen uns nicht wundern, dass die meisten Menschen immer noch dieselben egoistischen Arschgeigen sind wie vor n-1 Jahren. Und kommen sie uns mit moralischen Kategorien, wir wissen alles, und zwar besser. Oder soll man es lassen?

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXI): Das SUV

13 09 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution hatte nicht nur Gewinner. Während manche Fadenwurmarten, Schleimaale oder Tonnensalpen sich in ihrem jeweiligen Habitat geradezu luxuriös einzurichten wussten, nichts auf Privatfernsehen und Anrufbeantworter gaben, bekam der Hominide hier und da nicht wirklich etwas gerissen. Kriege musste er anzetteln, peinlich anmutende Frisuren zu larmoyantem Schuhwerk in der Öffentlichkeit tragen, zumal in adoleszenter Entwicklungsstufe, Einzeller mit chronischem Verstandesverlust als Machthaber von vereinigten Staaten oder Königreichen inthronisieren, wenn das nicht half: die fest eingewurzelte Überzeugung, als Mensch nichts mehr wert zu sein, wenn man nicht in einer Blechkiste voller Selbsthass kreischend die Landschaft durchpflügen. Erst da wusste Mutter Natur, dass diese Spezies als Krebsschaden zu behandeln ist und ihr wenigstens die Liebe tut, sich aus epischer Doofheit selbst über die Wupper zu schnippen. Die Atombombe wäre eine Möglichkeit, ach was: die Chance überhaupt gewesen, aber der Return on Investment ist ja minimal, denn wer würde sich so eine Wuchtwumme in den Vorgarten stellen, wenn die lobotomierten Kriegstreiber schon auf die Steuereinnahmen schielen. Nein, das lässt man die SUV-Fahrer erledigen, den Schmierfilm am Boden der mobilen Gesellschaft.

Das SUV – ja, es ist sächlich, auch wenn es in der kognitiven Konsonanz hart kompensierender Knaben wie ein künstliches Gemächt benutzt wird – ist die nahtlose Fortsetzung des innerstädtischen Geländewagenwahns, der sich dialektisch als soignierter feiert, weil er nicht so offensichtlich auf Bollerauspufftöpfe und rallyelackierte Spoilerorgien setzt wie andere automobile Psychosen. Das Erscheinungsbild des Wagens definiert sich über die Masse an verbautem Dünnblech, gerne mit majestätischer Stärke verwechselt, hier aber in der Eleganz in der Sauropodenklasse steckengeblieben und dementsprechend wendig. Das Gerät ist in der City, für die es ja gedacht ist, denn wo sonst wird man damit genug Publikum beeindrucken können, allenfalls so sinnvoll wie ein Mähdrescher, mit dem man zwei Fahrspuren plus Radweg und Gehsteig zuparken kann, wenn man eine Einheit Kind in der Primarschule abliefert, wobei landwirtschaftliche Großmaschinen noch den Vorteil besäßen, dass sie unwegsames Gelände rumpelnd unter sich ließen, ansonsten den Weg zum Einsatzort aber sicher und solide erreichen würden. Wer ein SUV erwirbt, hofft offensichtlich auf eine legale Möglichkeit, Baustellen und Verkehrsinseln wegzuschwiemeln, wie es sonst mit der Frontschürze tiefergelegter Bolidenimitate erfolgreich versucht wurde. Der Formel-1-Darsteller schätzte noch die Nähe des Straßenbelags, an der sich sein Gummi abrieb, der ins intellektuelle Rentenalter driftende Motorist aber will die Kiste höher, und braucht deshalb auch zwingend den Kolbenhub eines Dreißigtonners.

Denn tiefer ist sportlich, höher ist Krieg. Und nein, es geht nicht um den üblichen Bürgeraufstand, in den sich die geistigen Tiefflüge wohlstandsverwahrloster Bumsbirnen einpassen. Es ist der im öffentlichen Verkehr ausgetragene Krieg um die gesellschaftliche Dominanz einer Kaste, die sich die Erde aus Gewohnheit untertan macht. Diese soziale Zusammenrottung karrt selbst den Nachwuchs in die Kita, obwohl er ihnen in Bezug auf den Klimawandel reißpiepenegal ist. Das bei Kerzenbeleuchtung einsetzende Gewissen, den Schadstoffausstoß auf olympischem Niveau forciert zu haben, wird mit der Pinkeltaste ausgeglichen, gerne auch auf der Kreuzfahrt. Ansonsten aber bekennt sich der Realitätsallergiker frohgemut zur nationalen Variante seines Verfassungszusatzes, der ihm das offene Tragen von Waffen gestattet – das Wettrüsten der Klötenkönige ist in vollem Gange, und mit dem Argument, höher zu sitzen und den immer aggressiveren Verkehr besser zu beobachten, kaufen die Ichlinge einen Citytraktor nach dem anderen, wohl wissend, das der Markt sich nach den Gesetzen von Dummheit und klassischer Mechanik nicht nur sättigt, sondern auch ausgleicht. Jetzt ist noch möglich, Fußgänger mit Kinderwagen und Radfahrer vom Hochsitz schneidig zu übersehen, mit vollem Stoßgewicht an parkende Kleinwagen zu quetschen und vom Asphalt zu radieren. Doch das Fenster schließt sich jäh, mit steigendem Anteil von Kampfpanzern in Metallic wächst auch proportional die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Elefantiasis auf Rädern ungebremst in die Flanke zu kriegen, wo Beten besser hilft als ein Seitenaufprallschutz. Aber Newton betet nicht mehr, und wer in Quarta seine Physikstunden mit Schundheftchen unter der Bank zugebracht hat, der lernt es eben jetzt.

Es funktioniert wie mit Schusswaffen; sobald jeder eine trägt, nivelliert sich die Gefahr, allerdings auf einem erheblich höheren Niveau. Sinkt auch die Notwendigkeit, die eigene Knarre einzusetzen, um eine zünftige Schießerei anzuzetteln, irgendeiner hat seine Wumme schon dabei und kriegt schnell nervöse Finger. Je mehr naturverbundene Bürger in der Fußgängerzone jetzt noch eine Jagdwaffe mit sich führen müssen, ist eine Frage der Zeit – die bürgerliche Freiheit kennt ja keine Grenzen. Was den Verkehr betrifft, können alle, die die Ballerei überlebt haben, fortan gemütlich im Omnibus durch die City schaukeln. Der Komfort ist eins, aber man sitzt dort noch viel höher. Und darauf, wir glauben es ihnen, kommt es ja bei der inneren Sicherheit an.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXX): Brunch

6 09 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie hatten alles erfunden. Es gab Garküchen und Rohkostrestaurants, Bratwurstbuden und Crêperien, Brezelmänner und Dönerdingsis, vegan, historisch-kritisch oder kalorienneutral. Keiner konnte mehr zu Hause sitzen und sich in Unschuld die Bemme buttern, die Stulle vor dem Schuss hätte ihn verraten als Roggen- und Alleinbrödler, sozial inkompatibel, keiner reicht ihm den Rettich rüber. Immer noch gab es in den großen Städten vereinzelt wirre Gestalten, meist diffus bindungsunfähig oder halbvegetarisch oder beides, die saßen am Sonntag zufrieden auf der Bettkante und löffelten ihre Haferflocken. Das, sagte sich der gastronomisch-industrielle Komplex, lassen wir uns nicht bieten. Wir wollen nur Deine Seele, und zahlen wirst Du auch noch dafür. Du hast keine Freunde, und Du weißt es. Also geh mit ihnen zum Brunch.

Die saloppe Bezeichnung stimmt schon auf das Ereignis ein: völlig wurst, wie das Ding heißt, aber Hauptsache Kalorien hinters Zäpfchen hebeln. Die Zumutung beginnt damit, sich am Wochenende vor der Tagesmitte in eine Hose zu stopfen – ein deutliches Indiz dafür, dass die Mehrwegmalzeit nicht von geistig funktionsfähigen Personen erdacht worden sein kann. Zudem sind die Bestandteile der Frühstückskomponente, die die eigentliche Zumutung ausmacht, in jedem durchschnittlichen Haushalt ohnehin vorhanden, und das qualitativ besser als in der auf Masse optimierten Marmelade- und Butterkleinstpäckchenorgie, die bereits auf einem handelsüblichen Hotelfrühstücksbasar vor lauter Verpackungsmüll den Wunsch aufkeimen lässt, die Sache mit Handgranaten zu beenden. Staubiger Wurstaufschnitt verwest an der Seite leise schwitzender Schnittkäsereste vom Vortag, billiger Antibioselachs aus dem Süßwasserzuchtkoben wechselt in Zeitlupe den Aggregatzustand – die Qualität kennt der Bekloppte aus dem Discounter seines Vertrauens, nur stimmt hier wenigstens das Preis-Leistungs-Verhältnis. All dies wird nur getoppt vom Fressdiener, der fröhlich schunkelnd mit der Thermoskanne durch die Morgenmesse ministriert und Wasser in Halbtrauer nach Kaffeeart in die Tasse schwiemelt, Depression zum Trinken.

Vielleicht ist es der unterschätzte Ansatz des Langfressens, dass der gemeine Gast sich nicht nur einmal wie am kalten Büfett schnöde einen Zentner Krabbensalat auf den Teller klotzt, um nach der doppelten Portion Rehmedaillons in Armagnac doch mit einem Tieflaster Kartoffelsalat zu enden; auch hier stapelt der geneigte Esstremist sich Knäcke und Rührei auf, muss aber irgendwann vom Konfitürebrötchen zwangsläufig zum Schnitzel schwenken, Vor- und Hauptschmatzgang, was das Verharren an einer Kostenstelle schwierig gestaltet. In wenigen Ausnahmen wurden Gäste geortet, die sich aus purer Gewohnheit an der Cerealienschüssel festgefressen hatten; manchmal gelingt es dem Servicepersonal, sie mit frittierten Fettaugen vom Container wegzulotsen, in tragischen Fällen gibt auch der Therapeut auf.

Wer bis hier die Frustration überwunden hat, an einem freien Tag das Gehäuse verlassen zu haben, und zwar ohne Frühstück, um solide unterzuckert in die Mastkur einer enthemmten Freizeitgesellschaft zu torkeln, wird jäh konfrontiert mit deren Sitten. Während der durchschnittliche Süßfrühstücker noch an der Honigsemmel nagt, schlingt die Hackfresse gegenüber schon die zwölfte Bratwurst herunter und hinterlässt ein olfaktorisches Profil, als sei gerade ein mittelgroßer Weihnachtsmarkt in die Luft geflogen. Meist hört es sich auch so an; hin und wieder riecht es nur so. Dass man aber für die einzige private Mahlzeit des Tages diese Kulisse aufsuchen muss, ist eine Beleidigung auf so vielen Ebenen. Nicht nur bewegt kein Koch den Hintern für diese Bricolage von zweifelhaftem Nährwert, es gräbt auch jeder im Graubrot, als wäre dies ein Fachkongress zum Thema Schmierinfektionen. Hier und da suppt schon mal die Butter zu Mittag der Gravitation folgend in die Trägersubstanz, Frischobst spottet jeder Botox-Reklame, und bei allem fragt sich der Konsument, ob man dieses Zeug nicht vielleicht gleich aus Silikon fertigen und im Raum verteilen könnte; die obligaten Fotos fürs Folg wären vielleicht nicht ganz so widerwärtig.

Das Armageddon der Ästhetik jedoch lauert in der All-you-can-eat-Veranstaltung, die regelmäßig ein Publikum anzieht, das den Namen wörtlich nimmt. Die physiologische Selbstverstümmelung, die nur durch einen chronisch vorgeweiteten Magen überhaupt möglich wird, sieht wie ein besonders bizarrer Suizid aus, für den Darwin post festum ein Häkchen in sein Notizbuch krakelt. Man weiß nicht, ob man sich lediglich durch den Druck des Magenpförtners auf den Kehldeckel oder vom Anblick dieser Völlerei brüllend in die Nudelreste erbricht. Genau dies wäre ein Grund, angewidert aufzustehen und fluchtartig die Szene zu verlassen, zukünftig Einladungen aus dem Feindeskreis mit impulsiver Gewalt zu begegnen und sich ansonsten nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit zu zeigen. Zu Hause bleiben, sich redlich nähren. Auch wenn hier der Abwasch droht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXIX): Private Schusswaffen

30 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Einmal die Zeitung aufschlagen und schon ist die Welt wieder in Ordnung: im Land der nicht begrenzbaren Unmöglichkeit hat ein Genomzonk ein Dutzend Menschen per Wumme in die ewigen Jagdgründe überführt. Gedanken, Gebete, Sela. Da fühlt sich doch der europide Spießbürger seltsam erhoben überm Morast eines Steinzeitlandes, in dem Ethik die Freiheit meint, sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen; ein Steinzeitland, das den antiken Gedanken der Demokratie so weit zu Ende gedacht hat, dass es ihn abschaffen konnte, und den Gedanken der Freiheit gleich in einem Arbeitsgang. Wir sind ja nicht immun gegen Gewalt, hegen mit Sorgfalt und Liebe unsere Vernichtungsfantasien ein und schieben es auf das krude Konstrukt einer Gesellschaft aus Knalltüten, die ihre Verfassung so gründlich falsch verstehen, wie sie auch andere religiöse Schriften stets wörtlich nachturnen. Es ist, tönt der gute alte Europäer, nicht die private Waffe, es ist der Mensch dahinter.

Die legale Knarre im Privathaushalt ist ein Relikt des Feudalismus, als sich eine materiell besser und moralisch oft schlechter gestellte Kaste gegen alles meinte verteidigen zu müssen, was ihr die selbst verliehenen Rechte einzuschränken drohte. Wie die Jagd das Privileg der Herren war und Wilderei stets aus der Not heraus begangen, so blieb die Büchse Statussymbol und Drohung, die Herrschaft über Leben und Tod über alles auszuüben, was nach göttlicher Ordnung zum Abschuss frei war. Nicht wenige ignorieren dabei den soziokulturellen Aspekt des privaten Kriegs auf eigener Scholle gegen Fuchs und Hase als Pertinenz im Untertanenstatus. Mit der Christianisierung, die überall noch als Friedensreligion vermarktet wurde, durfte der neue Adel zwar das Wild daherschießen, gleich wie es ihm gefiel, doch machte er erst exklusiv Gebrauch davon, als zur Pertinenz noch Leibeigene kamen. Zugleich war die Feuerwaffe Hoheitszeichen und selbst in den Anfängen schon technologischer Fortschritt, der einer vermögenden Gesellschaft zur Verfügung stand und keinerlei Legitimation bedurfte. Gott hat mitgeschossen.

Nicht von Ungefähr hat die Oberschicht auch das Recht zur Reproduktion gleichermaßen strikt auf Eigennutz interpretiert. Weltliche und geistliche Fürsten lebten ihren Triebstau aus, wo immer sie konnten, denn es bedeutete, die Herrschaft legal zu entgrenzen; die privatrechtliche Fehde war längst kriminalisiert, doch Personalunion von Kläger und Richter schafft manch lästiges Gesinde vom Hals, ehe es zu Gegengewalt greifen kann.

Sinn und Zweck aufgeklärter Gesetzgebung ist nicht, die Menschheit mit der Knute zu verbessern, diese ist nur Ultima Ratio, wenn sich die Dummheit als überlebensfähig auszeichnet gegen jede Form von Therapie. Und so bleibt die Schusswaffe im privaten Besitz auch unverbrüchliches Relikt einer außerhalb jeder Vernunft handelnden Person, die sich nicht dem Gewaltmonopol aussetzen will, weil sie es – der alte Mann mit dem langen Bart hatte es selbst in diesem dicken Buch geschrieben – nur wörtlich versteht. Naiv zusammengeschwiemeltes Kinderwissen stellt sich aus eigenem Antrieb auf eine Kiste und kräht im Vollbesitz intellektueller Schmierreste von einer Selbstermächtigung, die sich nur gegen das Fremde richten kann. Jetzt aber dient die Flinte nur mehr dem persönlichen Genuss, weil man im eigenen Machtbereich alles wegballern kann, was sich bloß auf eine Verfassung beruft und nicht auf die Gewaltverhältnisse des Naturrechts.

Und so beruft der gemeine Depp, der den Staat nur braucht, um ihm Vorhaltungen zu machen, sich nach alter Treu auf sein Notwehrrecht, wenn Kinder sein Grundstück betreten: cuius regio, eius religio. Aus Blut und Boden wächst der Aberglaube, dass der Freie allein dadurch frei bleibe, wenn er seine Freiheit faustrechtlich verteidigt. Als gäbe es keinen Staat, ballern die Kleinkriegshelden durch ihren Vorgarten, nur um doch wieder dem Irrtum zu erliegen, eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe sei der beste Schutz vor den Soziopathen, die schon durch eine in der Öffentlichkeit getragene Waffe ihre krankhafte Aggression zur Schau stellen. Das Vorrecht der Regenten aus dem Ancien Régime übernimmt nun pflichtbewusst der weiße Mann, der sich mit der legalen Schusswaffe schützen muss vor den illegalen Schusswaffen der anderen, die sich vor den legalen Schusswaffen schützen müssen. Sie alle erliegen demselben Irrtum, es ist der Irrtum des Staates, dass sich ein gesetzloser Zustand allein durch die Kräfte des Marktes regeln ließe, und sei es durch ein Gleichgewicht des Schreckens. Die Impulsivität des Individuums als seine Freiheit zu verkaufen ist eine Marketingidee mit Muffgeruch, doch die Geschichte kennt das Muster, dass keiner so sinnlose Gewalt erdenken könnte wie Sklaven, die plötzlich Herren werden. Vernunft allein ist noch kein Garant für den Frieden, bisher sind noch alle Versuche den Erfolg schuldig geblieben. Der Leviathan hat noch viel zu tun.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVIII): Die imaginäre Mehrheit

23 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir haben heute keine belastbaren Zeugen mehr für die Entscheidung, die einer Seitenlinie des Stammbaums von Rrt den Weg in das große Dunkel geebnet hat. Zwölf Jäger hockten um das Feuer in der Gemeinschaftshöhle an der östlichen Felswand, und zwölf von ihnen waren der Ansicht, der Bär im angrenzenden Wäldchen sei nicht nur ordentlich zu braten, er sei vor allem einfach zu erlegen. Alle sahen sich schon als große Helden des Waidwerks, von Generation zu Generation wie Halbgötter verehrt, da sie die behaarte Beste furchtlos zur Strecke gebracht hatten. Eine knappe Stunden später verteilte sich ein Teppich aus Fleischbrei und Knochensplittern zwischen Gebüsch und Steppe, wo der grantige Großsäuger die prähistorischen Knalltüten in Einzelteilen entsorgt hatte. Eine nach demokratischen Maßstäben nicht anfechtbare Entscheidung, das muss man ihnen schon lassen, aber die Folgen waren von und für Idioten. Nicht immer ist die Mehrheit segensreich.

Das Totschlagargument des Plärrguts, wer kennt es nicht: es sind die meisten, die schreien, also sind sie im Recht. Ausnahmsweise kommt das Konzept mal ohne die schweigende Mehrheit aus, die immer nur dann auf die Monstranz genagelt werden muss, wenn sich die populistischen Sackpfeifen in ihrem eigenen Sumpf auf die Fresse packen. Wer brüllt, ist die Mehrheit. Interessante Nebeneffekte wie die Entscheidung durch Einzelne, wie sie in jeder politischen Konstruktion außerhalb der Anarchie im Tagesgeschäft vorkommen und den Gang der Gesellschaft ausmachen, sie kommen im Modell der Mehrheit nicht vor, und das aus gutem Grund nicht. Denn nicht nur ist es soziologische Binse, dass jede Mehrheit aus verschachtelt korrelierenden Minderheiten besteht, keiner will auch plötzlich zu einer Minderheit gehören. Nicht und nie.

Das beliebte Beispiel, in einer westlichen Demokratie, die die Todesstrafe konstitutionell abgeschafft hat, diese per Volksbegehren wieder einzuführen, weil es dann ja der Mehrheit als moralisch vertretbar erscheint, zeigt zwei Fehler. Zum einen steht die Mehrheit mitnichten über der Moral – meistens eher darunter – und nicht über dem Gesetz, über der Verfassung schon gleich gar nicht, sonst wäre letztere so unnötig wie erstere. Zum anderen sind Sperrminoritäten nicht umsonst auch da eingerichtet, wo die DNA einer politischen Gesellschaft sich verändern lässt. Was ein Volk oder wenigstens eine wählende Minderheit glaubt, ist noch nicht die Vernunft.

Wäre also bei einer Abstimmung, an der nur ein Prozent der Wahlberechtigten teilnähmen, automatisch die schweigende Mehrheit fähig, das Ergebnis zu bestimmen, und wenn ja, wäre ihr Schweigen zugleich Zustimmung oder doch wieder Ablehnung, weil sie nicht für die Veränderung votiert hat? Wenn je eine Hälfte auf dem Land wohnt und in der Stadt, je eine Hälfte der Hälfte aber bessere Straßen für den Individualverkehr fordert oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, gibt es dann eine Mehrheit oder zwei oder nur eine, die keine ist, aber eine ist, wo sie das Gegenteil will? Und sind fünfzig Prozent immer die Mehrheit, wenn die Minderheiten zusammen auf dasselbe Stimmgewicht kommen?

Lustigerweise sind es die Errungenschaften der Aufklärung, die gegen eine unzivilisierte Mehrheit durchgesetzt wurden, die nun einmal die Ränder der Normalverteilung stellen. Könnte ein ansonsten demokratisch verfasstes Volk durch Abstimmung beschließen, einen Genozid an einer Minderheit in ihrer Mitte durchzuführen, so hätte sich damit jeder Anspruch auf Demokratie erledigt – wer auch immer mit der verschwiemelten Denkhülse kommt, eine Partei, die dies plante, müsse man doch als normale politische Größe akzeptieren, wenn sie demokratisch gewählt sei, hat in mehr als einem Fach Tiefschlaf gewählt. Würde ein Dorf mit der Mehrheit von neunzig Prozent beschließen, die restlichen zehn Prozent wegen ihrer Rothaarigkeit umzubringen, könnte das restliche Gemeinwesen sich nicht vielseitig desinteressiert zurücklehnen und die Hinterwäldler mit ihrem trüben Geschäft alleine lassen, weil es sie nun mal nichts angeht? Und sollte man, statt die ethischen Fundamente einer Gesellschaft zu ramponieren, nicht lieber Steuerhinterziehung straflos stellen, weil sie ein Kavaliersdelikt ist, das von der Mehrheit trotz eindeutiger Gesetzeslage zum Volkssport aus Notwehr gegen den bösen Staat erhoben wird? Wichtig ist nur, keine Drogen zu entkriminalisieren, weil die böse Schäden fürs Volk bedeuten – bis auf den Suff, den die Mehrheit als zivilisatorisches Gut anerkennt und ihn also schützt vor Verfolgung und Verbot.

Millionen Tiere fressen Scheiße und das aus physiologisch gutem Grund, aber noch keiner hat ernsthaft hinterfragt, warum der rezente Mensch so ineffizient in seiner Ernährung isst und die eigenen Ausscheidungen verschmäht. Es sind Aufgeklärte, die im Strahlenkegel der eigenen Erleuchtung auf der Autobahn Geisterfahrer sehen, Tausende von Geisterfahrern. Was soll’s, sie fahren alle gegen die Wand. Aber sie werden Recht haben. Bis zuletzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVII): Die dünne Plastiktüte

16 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es geschah aber zu der Zeit, dass ein beknackter Pausenclown sich einen Eimer Grütze aus dem Cortex kloppte, um zu erklären, warum er in seiner klinisch relevanten Dämlichkeit nicht in der Lage war, unfallfrei eine Wassermelone zu verlasten. Ab hier sollten alle Akten geschlossen sein, denn der Auslöser der Hysterie und ihre Folgen sind damit hinreichend bekannt. Der gemeine Konsument, für den der Strom aus der Steckdose kommt wie die Ananas aus der Blechbüchse, will einfach sein seit Kindertagen eingeübtes Einkaufsritual in altböser Umgebung weiterleben, als hätte es Umweltschutz nie gegeben und Erdöl sei immer noch billiger als Trinkwasser. Wie die Kinder an der Kasse nach der Quengelware plärren und wo der nette Altnazi von nebenan seinen Goldschluck in den Drahtwagen hebelt, da grabbelt der Käufer mit Druckpuls nach seiner Transportfolie – die hätte im Zweifel die Melone sogar getragen, aber er war ja schon genug versorgt mit dem hauchdünnen Gezumpel, in das er seine drei Kartoffeln packt, weil er nicht in der Lage ist, sie in einen Korb zu legen. Schon verbietet man es ihm, hui! haben wir die Volksfront zur Versorgung mit Polyester am Hals.

Weil jener Konsument zur Kerngruppe der Bescheuerten zählt, die ihre reaktionären Triebe ohne Rücksicht auf Verluste ausleben will und dabei vergisst, dass die vergifteten Segnungen des gegenwärtigen Zeitalters maximal in der eigenen Kindheit eine Rolle gespielt haben, nicht aber in ihrer quasiromantischen Mittelalterprojektion. Sie wollen im SUV zu Spritpreisen der Siebziger durch eine Gesellschaft aus den Fünfzigern brettern und hoffen, irgendwann in der großen Zeit anzukommen und wieder Könige der Welt zu sein. Kann man machen, man ist dann eben nur doof. Aber wie die heutigen Vorschulkinder, für die es immer schon Smartphones, Internet und Angela Merkel gab, ist die Wirklichkeit der Supermarkbesucher seit jeher eine Ansammlung von Kunststoff gewesen, jener zu blinder Anbetung taugliche Fortschritt, die dem Konservativen die kognitive Dissonanz verschafft, gegen die er zünftig ansaufen kann.

Auch ohne das Gezippel an der Tomatenstiege bietet der Detailhandel Plaste en gros: Tomätchen im Einwegschuber, geschnittene Mango im Becher, Klarsicht mit Hühnereifüllung, Biogurke in extra aufgeschwiemelter Schrumpffolie, ein transparenter Reigen für Polymerisationsfetischisten, denen die Weichmacher um das gute Markenleitungswasser schon die Gonaden abgeschrumpelt haben. Man kann aus Polypropylen die schönsten Klappkörbe dengeln, mit denen sich eine Melone dramafrei in den nächsten Kofferraum tragen ließe, aber man kann es offenbar auch lassen. Die dünne Plastiktüte, der scheinbar einzige gefühlsechte PE-Schlauch, wird offensichtlich nicht ausreichend streng von der Suchtbeauftragten der Bundesregierung kontrolliert.

Hülfe die Bepreisung des Knotenbeutels? das Ausschaffen gar oder drohender Ersatz durch die Papppackung? Zwar braucht auch Papier enorm viel Wasser zur Herstellung, doch könnte man allein damit eine Umweltferkelei für den Abnehmer durch eine beliebige andere ersetzen? Spontanes Sündenswitching? Nein, noch keiner hat vermocht, die Rücksichtlosen vor der Bananenkiste zum umweltbewussten Umdenken zu bringen. Und wo bitte soll das auch ansetzen, wenn Wegwerflinge für dreißig Minuten konzipierte Schnellbehältnisse denkfrei mit Avocados füllen, weil die eh schon im Discounter vorgematscht angeboten werden und also nicht umsonst die Ökobilanz versauen. Der Mensch ist des Menschen Wolf, er übernimmt nur dankenswerterweise gleich den Part des Jägers, der ihm das Fell über die Ohren zieht.

Der Schuldige aber ist schnell ausgemacht, es ist die böse multinationale Regierungsverwaltung, die hierzulande in Verbote gegossen wird, wie man als neoliberaler Klötenkönig die Arbeit der Legislative gern nennt, denn wer kennt ihn nicht, den Verbotsterror, nach dem man weder Altöl ins Freibad kippen noch seinen Etagennachbarn mit der Machete zerhacken darf, weil ein paar weltfremde Juristen sich vorgenommen haben, die freie Entfaltung der Persönlichkeit für den Besitzbürger aus linksfaschistischem Hass zu zerstören. Er gösse ja eh sein Altöl nicht ins Freibad, weil er da mit dem einfachen Volk in Berührung käme, das sich nicht einmal einen eigenen Pool leisten kann. Wozu also der Zwang zum Verzicht auf Rollenbeutel, wenn man ihn auch durch Geldstrafen durchsetzen könnte, die wenigstens der Unterschicht wehtäten, und zwar ausschließlich der Unterschicht.

In einem wirren Fiebertraum harkt sich der Bescheuerte aus Hirnresten einen Quark zusammen, der seine Synapsen endvernebelt. Japsend torkelt er durch einen Discounter, Mikroplastik verschneit den Boden knöchelhoch und lädt dazu ein, sich gepflegt auf den Gesichtsschädel zu legen, jeder zieht nach Herzenslust Elaste von der Rolle, als wäre es ein ewig gebärendes Beuteltier, und an der Tofutheke tippt sich die Fachverkäuferin mit der Gabel an die Stirn: „Schnitzel!? Dir hammse wohl in’t Jehirn jeschissen, wa!“ Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVI): Der IKEA-Effekt

9 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war Rrts Vater. Eventuell der Großvater. Länger lebte man seinerzeit ja nicht, um folgende Generationen noch selbst in Augenschein nehmen zu können. Jedenfalls war der Alte sehr zufrieden über den Jagderfolg des Juniors – Mammut vom Spieß, wie es sich gehörte, eigenhändig erlegt, gut abgehangen und vernünftig durchgebraten, kein TK-Billigfraß wie erfrorene Säbelzahnziege, die die Nachbarn aus den höher gelegenen Regionen der angrenzenden Hügellandschaft mitgebracht hatten. Dies aber merkte sich der Filius, dass jede Mühe Früchte tragen sollte und ein Ding mehr wert sei, wenn es mit der eigenen Hände Arbeit erschaffen respektive umgebracht wurde – und schon begann im Zuge der Evolution der Drang zu wirken, die Welt mit Artefakten zuzustellen. Noch gab es keine Bücherregale, die sich am krummen Fels der Einsippenhöhle entlang zogen, doch der IKEA-Effekt war seine ersten Schatten an die Wände.

So viel vermögen Menschen zu tun, wenn sie im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit aller Güter so wie alle Nachbarn sich eine preiswerte Stellage in die Bude kloppen, stapel- und abwasch- und verzichtbar wenigstens, was die ästhetischen Implikationen angeht. Für den Tischler hat keiner mehr die nötige Barschaft, und wer wüsste es schon zu schätzen, einen Biedermeier-Sekretär zu haben für die Blu-ray-Sammlung, wo doch Nussbaum so überhaupt nicht shabby genug aussieht. Während sich einfachere Gemüter den Kram aus Katalog und Sonderangeboten zusammenschwiemeln, zückt der unerschrockene Teilzeitheld den Innenkantsechser, bereit zu Splitter und Blase, und wuchtet zäh ein Mittelgebirge aus MDF plus Schraubenschrotttüte in den brökelnden SUV, rumpelt über Autobahn und Kopfsteinpflaster bis an die Butze, hievt den Schamott ins Dachgeschoss und beschließt nach der improvisierten Herz-Lungen-Wiederbelebung, noch am nämlichen Tage die Schrankwand hochzuziehen und die Vatikanische Bibliothek im obersten Bord einzulagern.

Alttestamentarische Flüche gellen durch den zuckenden Nachthimmel, während die manuell aus dem Althethitischen über Volapük und COBOL ins moderne Denglisch übersetzten Anleitungen dem Pionier der Holztechnik – bau auf, bau auf! – mit glasklarer Direktive ans Herz legen, die Schraube F33 in demm Löhlein zu bunzen, bis das Bunze nie der Ende von alles und tot. Doch auch das hat ein Ende, denn von siebzig versprochenen Schrauben F33 sind auch tatsächlich achtundsechzig in dieser Existenz manifest angekommen; flugs mutiert der Baumeister zum Statiker, der mit Glück und Gottvertrauen die beiden nicht als Sollbruchstelle qualifizierten Punkte des Pressspantrumms finden soll, um bei mangelhafter Armierung das Zeug in halbwegs lotrechter Verfassung in die Nähe des Rauhputzes zu bringen. Es gelingt, sieht natürlich auch bei unkritischer Betrachtung – wach, nüchtern und im juristischen Sinne zurechnungsfähig – derart scheiße aus, dass der beherzte Griff zur Axt die schmerzfreiere Variante darstellen würde, denn ist erst einmal ein Festmeter Taschenbücher in diesem Ding verkloppt, wird es kein Zurück mehr geben. Der letzte Nupsi ist auf die F33 gestöpselt, um den roh entgrateten Aluschrott wenigstens optisch an der Oberfläche zu kaschieren – es gab genau siebenundsechzig davon, aber das nur am Rande – und der Schöpfer betrachtet sein Werk, das ihn nur gut ein Dutzend Mal in die Nähe einer Hirnembolie gebracht hat. Es wackelt, was bei der windschiefen Aufstellung keiner geometrischen Erklärung bedarf, aber um nichts würde der Michaelangelo in der Mansarde sein epochales Schraub- und Dengelwerk wieder hergeben. Hier steht es nun, anders konnte er es nicht. Es ist, und es wird bleiben.

In gewisser Hinsicht läuft die Sache freilich aus dem Ruder. Nichts ist einzuwenden gegen die ab und zu auftretenden Versuche, die Backmischung durch Hinzugabe von etwas Milch und einem Ei in einen Eigenkuchen zu verwandeln, und wer seiner gebremsten Kreativität freien Lauf lassen will, wird mit Malen nach Zahlen sicher Erfüllung finden. Gefährlich aber wird der Hominide, wo er sich ohne Maß und Ziel ins Do-it-yourself-Abenteuer stürzt, jene Mutter der Materialschlachten im Krieg gegen Physik und Selbsteinschätzung. Nicht nur übersteigt die Mühe das sinnvolle Quantum, auch jeder Blick für das Ergebnis fordert und fördert kontinuierliche Wahnvorstellungen, wenn man das in die Gegend geklotzte Zeug am Ende auch noch als schön und wertvoll ansehen muss, obwohl ein bekiffter Primat mit Heißklebepistole und Sägeabfällen die Sache nicht signifikant schlechter hingekriegt hätte. Jene krude Selbstvergewisserung, mit der Kinder eine leicht am Tachismus orientierte Buntstiftetüde an der Kühlschranktür hängen sehen, führt unmittelbar zu der Erkenntnis, dass alles, was man schuf, mindestens göttlich inspiriert sein müsse. Vielleicht hätte man dem einen oder anderen Präsidenten in früher Jugend genug Schrauben in die Hand geben sollen. Oder ein Bolzenschussgerät. Die Welt, sie wäre ganz bestimmt eine der besten unter all den überhaupt möglichen.