Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLIX): Narrative

3 02 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Herrschergeschlecht der Pumploiden kennt man in der Historie als Bezwinger des rotkarierten Schuppentiers, welches sich noch heute auf Wappen und Banknoten des Fürstentums erblicken lässt. In grauer Vorzeit hatte das Ungeheuer eine Jungfrau als Nachspeise verlangt, worauf sie vom legendären Gründer der Dynastie unter Zuhilfenahme eines Bratspießes in Biomasse überführt wurde. Hochzeit und Happy End, und bis heute nennen sich die Einwohner des strukturell benachteiligten Fleckens an den Ufern der Schlotter die Drachentöter. Nichts davon ist gerechtfertigt, Bruttoinlandsprodukt und Kriminalstatistik zeigen eine genetische Sackgasse. Doch die Folklore siegt, und das Narrativ bestimmt das Selbstverständnis der Menschen. Warum nur?

Weil es in einer zunehmend sinnfreien Welt den Sinn stiftet, der als Perspektive auf trübe Zukunft die emotional aufgeladene Vergangenheit zu einem Transportmittel macht für die Werte, die Identität versprechen. Manches davon ist pure Erfindung, wesentliche Narrative aber die Überhöhung der an sich banalen Wahrheit, die sich selbst in goldenem Licht spiegelt. Wir haben uns im Krieg gegenseitig platt gebombt? Das Wirtschaftswunder! Eine Rotte Soziopathen, deren religiöse Wahnvorstellungen als nicht mehr tragbar galten, hat eine Kolonie auf der Basis von Genozid und Versklavung gegründet? The Land of the Free! Die Konstruktion des Realen aus selbstgerechtem Gerümpel ist zwangsläufig subjektiv und bleibt es auch, wenn alle Variablen sich ändern. Was passiert, wenn sich die etablierte Klasse aus den Versatzstücken ihrer Mythologie ein Sortiment aus Legenden zurechtschwiemelt, sieht man an den Verzerrungen des Kapitalismus. Noch nie ist ein Tellerwäscher zum Millionär geworden, selten hat sich Leistung gelohnt, zumindest nicht für den, der sie erbringt. Werbung, Wahlkampf und Weihnachtsansprachen, allerlei Propagandaschwulst in wechselnden Gewändern, treten den Quark breit, in dem unsere geistigen Fundamente feststecken. Was von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sowie der FDGO bleibt, wenn der Vorhang gefallen ist und die Protagonisten sich abschminken, hat mit der Idee wenig zu tun. Dass wir uns in einem der reichsten Länder der Welt (Bierzeltversion) nicht leisten können, Kindern ausreichend Geld für eine gesunde Ernährung zur Verfügung zu stellen (Realpolitik), fällt öfter als gelegentlich auf.

Je gemütlicher es sich eine Gesellschaft als Erzähler des eigenen Lebens macht, desto weniger ist sie noch Autorin der eigenen Realität. Sie lässt sich, geübt darin, nicht aus dem Bild auszubrechen, in der Geschichte treiben, anstatt Geschichte zu schreiben. Nicht nur der Fatalismus der Fiktion, die nach bewährten Mustern immer gleich abschnurrt, ist ein massives Hindernis, unsere Geschicke in die eigene Hand zu nehmen, auch der Irrglaube vom guten Ausgang des Märchens hält uns davon ab, in der Wirklichkeit anzukommen. Alle leben wir noch heute und sind infolgedessen glücklich. Bis auf die, die daran gestorben sind. Und so klammern wir uns an die Vergangenheit, aus der scheinbar folgerichtig alles wächst, was uns Bedeutung gibt, wenngleich wir die Auswahl haben, was wir wann anwenden. Entweder sind wir als Deutsche oder Europäer die aufgeklärteste Kultur der Welt, stark und innovativ, oder wir werden als christliches Abendland von den minderwertigen Völkern, die ungerechterweise viel kräftiger sind, unterdrückt und ausgerottet. Da die islamische Welt, China, der ehemalige Ostblock mit dem Platzen der Weltwirtschaftsblase jeweils ihre eigene Story entgegenhalten konnten, wankt auch die Hegemonie des westlichen Machtzentrums um eine kaum noch vorhandene Mitte. Öfter und mehr begegnen einem bigotte Bizarrerien, in denen die populistischen Dummschwätzer uns weismachen, die Werte der Aufklärung, eben Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nebst Gewaltenteilung, wären nicht gegen das christliche Abendland erkämpft worden, sondern dessen Folge. Kaum zu glauben, dass es geglaubt wird, weil es absurd ist.

Man sollte nicht aus den Augen verlieren, dass auch Verschwörungserzählungen Narrative sind, die an der Zielgruppe der Knalldeppen ausgerichtet die Wahrheit in eine unerwünschte Richtung verdrehen. Unter Ausnutzen der Logik werden Widersprüche einfach eliminiert, bis niemand mehr rafft, dass das Fiktionale der entscheidende Faktor von Fiktion ist. Die Geschichten wurden einst ersonnen, um in der gefahrvollen Welt der Zukunft einen Kompass zu haben, der heute aber immer seltener metaphorisch verstanden, sondern für bare Münze genommen wird. Was nicht plausibel erscheint, wird mit den Werkzeugen der Erzähltechnik zurechtgedengelt, bis es in den windschiefen Rahmen des modernen Weltbildes passt. Hier lohnt kein Ausbruch, wir laufen auf einem Möbiusband aus alternativen Fakten der Wirklichkeit hinterher, die keine andere Seite der Medaille kennt.

Eine Ermächtigung für Ohnmächtige in Form von Aberglauben ist der wirksamste Weg, jede Art von Selbstreflexion des Individuums auszuschalten. Wo der Hokuspokus symbolische Qualitäten erhält, sind wir für die kritische Vernunft schon so gut wie verloren. Leugnen ist zwecklos. Keiner glaubt uns.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLVIII): Das Ende der Geschichte

27 01 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fragt man Menschen im vorgerückten Alter, sie werden überdurchschnittlich oft von den guten alten Zeiten schwärmen, in denen alles noch besser war, weniger schnell und ermüdend, gesünder, tiefer in seiner Befriedigung und mehr getragen von dem nachhaltigen Bewusstsein, in einem qualitativ sich gut entwickelnden Dasein eine richtige Rolle zu spielen – im Gegensatz zu dem Zerrbild, das sich heute als Wirklichkeit ausgibt, mühsam als billige Fassade an die nackte Wand des sozialen Rohbaus getackert, hinter deren Kulisse besser keiner guckt. Da plärren die Gesellschaftsingenieure auf: aber die Zukunft! Flugtaxis! Künstliche Intelligenz! alles bollert mit synthetischem Sprit über Autobahnen! Wozu, möchte man fragen, brauchen wir da noch Zukunft, wenn uns das Ende der Geschichte, wie wir sie kennen, schon prophezeit wurde?

Früher bestand der Geschichtsunterricht daraus, Schlachten auswendig zu lernen, doch wir warten noch immer auf das Ende der Kriege. Was uns verheißen war, sollte nicht weniger sein als die endgültige Befriedung der Welt in einem Zustand der Ultrastabilität, äußerlich geprägt durch die aus militärischen Katastrophen gewachsene Erkenntnis, dass nur Allianzen uns als Menschheit solidarisch retten können, innerlich gefestigt vom Gedanken der christlichen Gesinnungsethik, dürftig mit der Schminke des Kapitalismus als Religionssurrogat verspachtelt, das nur für Grab- und Sonntagsreden reicht, ansonsten aber nur für grobes Grinsen. Die liberale Demokratie sollte das Allheilmittel sein.

Bündnisse hin, Verflechtungen her, allein in der Institution der Nationalstaaten gerinnt die übliche Trennung zwischen uns und allen anderen zu einem bei jeder Gelegenheit produktiven Anlass, den Bekloppten Wurstbrot und Sonnenschein zu versprechen, auf dass es ihnen besser gehe als den Bescheuerten jenseits des Schlagbaums. So dumm wäre kein machthungriger Politiker im Wahlkampf, dass er in seinem Regierungsbezirk, in seinem Staat oder sonst wo stünde und verspräche, dass es den Nachbarn bald genau so gut ginge wie dem eigenen Volk; man würde ihn mit dem Schlagring aus dem Bierzelt jagen und sich eine verlogene Arschgeige holen, die im Vollrausch der Machtbesessenheit ein intellektuell abgehängtes Stückchen Agrarland zur Krone der Zivilisation erklärt und als künftiges Zentrum des Kontinents in die Annalen schwiemelt. Es hat immer funktioniert, es wird auch weiterhin anstandslos funktionieren.

Denn was den Menschen, wenigstens denen mit westlich zentrierter Blickrichtung, eingetrichtert wurde, ist das angebliche Ende aller größeren transnationalen Konflikte unter dem Zuckerguss der kapitalistischen Globalisierung, die heimlich dazu benutzt wird, auf nationaler Ebene die guten alten Ängste zu bedienen, wenn wieder ein Konzern in ein anderes Land abzuwandern droht, weil ihm dort noch höhere Subventionen gezahlt werden, weil der Markt mal wieder anders regelt als erhofft. Einige Kulturen, die sich partout nicht in die westliche Geschichte einordnen, führen ein kapitalistisches Schisma herbei: China, die arabische Welt, die afrikanischen Militärdiktaturen, allesamt nicht an der Demokratie interessiert, nicht einmal an der marktkonformen, schließlich die alte Sowjetunion, die sich als neues Russland verkleidet, alle sie sind treffliche Gegenbeispiele von Kulturen, die in offener Feindschaft auftreten gegenüber einer als dominant empfundenen westlich-reformierten Politik, die auf Narrativen wie dem calvinistischen Gruppenethos oder der unsichtbaren Hand beruht, nicht aber auf dem Eingeständnis, dass jahrhundertealte Sprach- und Herrschaftsgrenzen mit einer Heilslehre nicht wegzuradieren sind, vor allem nicht dann, wenn zentrale Versprechen wie Aufstieg, Wohlstand und Vorsorge sich als dünnes Geschwätz entlarven lassen.

Vor allem aber versagt diese Erzählung, wenn die Menschheit als Ganzes vor ihrer Auslöschung steht, während die Macher der Geschichte sich mit fadenscheinigen Lügen aus der Affäre ziehen oder mit aggressiven Beschuldigungen alle anderen für die Katastrophe verantwortlich machen wollen. Die Rettung der Welt ist auf nationaler Ebene schwer zu bewerkstelligen, denn auf den Wettbewerb kam es nie an. Wo die beste aller Welten in der Theorie bereits so gut wie existierte, konnte man sich als Nutznießer gemütlich zurücklehnen und dem Paradies beider Entstehung zusehen. Wir haben in einem global vollkommen versaubeutelten System gelähmt zugesehen, wie der Wasserstand langsam bis an die Dachoberkante anstieg, und jetzt sind wir überrascht, dass das Wasser nicht nur in einer der vielen Statistiken erscheint, sondern höchst real ist. Auch das könnte das Ende der Geschichte sein, das Ende sämtlicher Geschichten sogar, und es gibt die eine oder andere Religion, in der man den falschen Propheten die Rübe weghaut. Sollten wir nicht den Kulturen, die wir so fleißig ausgebeutet haben, ein wenig entgegenkommen, könnten wir die Propheten sein. Denn Identität ist nach wie vor ein probates Mittel zur Sinnstiftung, und nach wie vor ist es die Utopie. Keiner hat behauptet, dass wir darin die Hauptrolle spielen müssen. Oder bis zum Ende.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLVII): Strafverschärfungen

20 01 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war die Sache ja einfach: wer sich nicht an die Regeln hielt, kriegte eins auf die Rübe. Viel hat sich seitdem nicht geändert, allerdings kam mit Hammurapi I., König von Sumer und Akkad, ein grundlegend neuer Gedanke: wenn sich die Leute schon in gegenseitigen Rechtsbeziehungen befinden mussten, dann kann man den Krempel auch ein für allemal standardisieren. Und so ließ er alles, was seither Scharen von Juristen umtreibt, in Sachen- und Personenrecht einteilen, das Sachenrecht in die Bereiche Privateigentum, Handel und Geschäft, das Handelsrecht in vertragliche und außervertragliche Rechtsbeziehungen. Wichtiger aber war, dass nicht aus blinder Rache Strafe ausgesprochen wurde – macht er mein Haus kaputt, mache ich sein Haus kaputt und zimmere ihm zur Erinnerung noch eine rein – sondern nach festen Sätzen, auch für die Vermögensstrafe, die nicht aus dem hohlen Bauch, sondern nach dem Wert des Prozessgegenstandes bemessen wird. Natürlich hatte sich der Babylonier noch nicht von Schuldversklavung oder brutalen Verstümmelungsstrafen verabschiedet, aber das Prinzip des kodifizierten Rechts war ein erheblicher Fortschritt gegenüber dem Fallrecht, das nur das Wir-haben-das-immer-so-gemacht-Prinzip als Stoff zum Auswendiglernen vorsieht. Was aber recht und was billig ist, meint die Öffentlichkeit bestimmen zu wollen mit dem Ruf nach Strafverschärfungen.

Einbruchdiebstahl, Kindesmissbrauch, Angriffe auf Polizisten ohne Besitz des deutschen Passes oder auch nur Aktivisten, die sich auf der Fahrbahn festkleben, weil korrupte Dummklumpen in Staat und Politik sich einen feuchten Fisch um die vom Bundesverfassungsgericht befohlenen Maßnahmen zum Klimaschutz kümmern, schon heult die Presse mit vier Buchstaben nach dem Fallbeil, weil sonst keine Gerechtigkeit mehr wäre. Nur noch schärfere Gesetze können uns vor dem Untergang retten, alle an die Wand stellen, gerne verdachtsunabhängig!

Was üblicherweise als Gesetzesverschärfungen gehandelt wird – ein unsinniger Begriff, denn das Gesetz oder seine einzelnen Rechtsnormen bleiben bestehen, werden möglicherweise ergänzt oder um Überflüssiges bereinigt – ist nur die Ausweitung des Strafrahmens, meist in Form einer höheren Höchststrafe. Dass dabei die Strafzumessung im Einzelfall zu erfolgen hat und dem Gericht obliegt, das sich von hysterischen Feuchtbeuteln kurz vor irgendeiner Wahl ungern die Spielregeln der Justiz erklären lässt, gehe einmal als Regelfall durch; dass aber prominent vorgetragenes Geschwiemel um immer noch härtere Strafen wenig bis gar nichts mit der Strafzumessung oder gar mit ihrer präventiven Wirkung zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt. Wilder Aktionismus aus der Law-and-order-Rotte im Vollgefühl der autoritären Lust am Bestrafen mag funktionieren, wenn man sich als intellektuelle Kollalteralbegabung mit rassistischem Gespeichel und infantilem Dauerlügen zum Chef einer an sich nicht übermäßig schlecht beleumundeten Partei aufschwingt und plötzlich so tun muss, als hätte man auf alles eine Antwort. Nur sind Antworten, die auf alles passen sollen, selten sinnvoll.

Dass in einem Rechtsstaat, der als Rückgrat der zivilisierten Gesellschaft das Zusammenleben der Bevölkerung einigermaßen erträglich gestaltet, die Straftat immer noch die Ausnahme bleibt und nicht zur Regel wird, hindert keinen, sich obsessiv damit zu beschäftigen, von den Massenmedien und der Unterhaltungsbranche kräftig gefüttert mit täglichen Kriminalserien, Gerichtsshows und allerlei Angst auf Rezept, während die Kriminalstatistik leider das Gegenteil hergibt. Noch nie waren wir so sicher wie heute. Wozu also die juristische Tollwut? Das stete Geschrei nach noch mehr Strafe ist eine Wette, aber nicht um Erfolg, sondern um Aufmerksamkeit. Dass es dabei zu immer mehr sozialer Spaltung kommt, die vornehmlich delinquente Gruppen trifft, ist fast ein angenehmer Nebeneffekt, denn so hat man stets einen Prügelknaben, wenn man ihn braucht. Gemäß der Binse, dass der Knast Verbrecher macht, erhöht die Zahl an Strafgefangenen die Rückfallquote von eben diesen Strafgefangenen, was zu noch mehr Straftaten führt. Worauf sicher der Ruf nach noch härteren Strafen folgt, und so weiter ad nauseam.

Nicht zu erwarten sind neue Ermittlungserfolge, dazu bräuchte es mehr Personal und Technik, beides meist nicht vorhanden, und zum Ausgleich findet keine Evaluierung statt, denn ein Ergebnis auf Nullniveau schadet dem Image des Haudraufhelden im Politbetrieb. Dass kontinuierlich die Maßstäbe der Strafzumessung verrutschen, wenn man für ein Delikt wie Diebstahl bald dasselbe bekommt wie für eine gefährliche Körperverletzung: geschenkt, wir sind schon bei der Todesstrafe, die zwar jede Möglichkeit des Rückfalls ausschließt, aber nicht die erhoffte Abreckungswirkung hat. Nirgends zeigt sich so schlüssig die Absurdität der Vorstellung, die Begehung einer Straftat werde rational abgewogen, ob sich etwa ein Mord aus Habgier lohnt, wo den finanziellen Vorteilen die hohe Aufklärungsquote entgegensteht, oder bei Drogenkriminalität, die vorhersagbares Verhalten von Suchtkranken wertet. Wir sollten uns um bestechliche Politiker kümmern oder um Steuerhinterziehung. Strafe muss sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLVI): Kündigung beim Staat

13 01 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, war einst eine der heiteren Ideen, die das Grundgesetz aufgehübscht hatten. Nach Abzug sämtlicher müder Witze mit „Gewalt“ oder „Staat“ blieb nur noch die Hülle, bei der es einigermaßen demokratisch aussah und den wirklich Herrschenden keine Umstände machte, die Verhältnisse nach ihren Vorstellungen zu bestimmen. Das geht für eine gewisse Weile gut, danach wird es interessant. Nach unterschiedlichen Versuchen, die Talfahrt zu beschleunigen, sie dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben oder sie komplett zu leugnen, haben wir uns entschieden, dass die Gewalt gegen das Volk von dem ausgeht, was sich als Staat begreift, und plötzlich steht das vor einem größeren Problem: die Gegengewalt geht von denen aus, die scheinbar gar kein Recht dazu haben. Sie haben dem Staat einfach gekündigt.

Wobei nichts davon über Nacht erschien, wenn man nicht jahrelang die Augen verschlossen und sich in seine Wunschträume eingemauert hat. Nicht erst bei den aufgebauschten Dumpfbürgeraufläufen, die vor einer angeblichen Islamisierung im Zuge der geplanten Umvolkung plärrten – von Politikern aller Couleur mit Sorge beheuchelt aus Angst vor Wählerstimmenschwund – und nicht bei den hilflos betrachteten Querstullenmärschen um die dümmste Arschgeige der Republik merkte der Staat, dass der Auftrieb an geistiger Ausschussware nicht nur ein Beweis für die Verdeppung einer ganzen Nation ist, sondern eine Machtdemonstration, bei der ein Staat sich durch selbst ernanntes „Volk“ gleichsam selbst auf der Nase herumtanzt. Mag dies auch von außen getriggert sein durch Verschwörungsmythen oder Geld für allerlei Braunrüben, es hat zumindest als Signal seine Wirkung nicht verfehlt: der Staat sind nicht die, die es sind, sondern die anderen. Die Saat der Segregation, die die Politik in so gut wie alle Milieus eingestreut hat, ist aufgegangen, aber nicht so, wie es ursprünglich gedacht war.

In einem neoliberalen System, das als religiöse Grundlage den globalen Kapitalismus mit einer marktkonformen Restdemokratie zu verschwiemeln versucht, bleibt immer einer auf der Strecke: der vereinzelte Mensch. Natürlich sind Faktoren wie Pandemie und Krieg, Inflation, Klimakollaps oder Kulturkampf einzeln oder in ihrer Interdependenz Auslöser enormer Frustration, die sich zuerst in den körperlichen Gewaltausbrüchen der Jugend entlädt, wenn sie Innenstädte verwüsten, sich am Rand von Stadtfesten gegenseitig die Fresse polieren oder den Berliner Sportpalast in Sperrmüll verwandeln, aber das waren ja noch die guten, alten Zeiten.

Die Entsolidarisierung der Gesellschaft, die nie ohne eine Gegenbewegung war, dies auch nicht nie sein kann, hat die Fliehkräfte unterschätzt, die aus der gewollten Zerstörung aller gegenseitigen Bindungen resultiert; indem man „Freiheit“ als den einzig annehmbaren Zustand lehrt, was letztlich nichts anderes als die Preisgabe der gegenseitigen Verantwortung meint, die wieder nur die Mehrheit der nicht ermächtigten Bevölkerung trifft, gibt man dem Volk nicht nur die Freiheit, alles zu tun, indem es eigenverantwortlich ist, sondern auch die Macht, die es ausnutzt, um seinerseits das Rechtsverhältnis aufzukündigen, das es noch an den Staat bindet. So einfach ist es, dass das nie gedacht wurde.

Der Kollaps des Systems wird zunehmend attraktiver als das System, das nichts zu bieten hat. Die Aggression setzt also bei allen an, die man als Vertreter des Systems identifizieren kann, und was ist dazu besser als eine Uniform. So wird auch der Feuerwehrmann zum Feind, der sonst die Freiheit behindert, mit dem SUV auf dem Gehweg oder vor der Toreinfahrt zu parken, der Sanitäter, der sich in den Weg stellt, wenn man auf der Autobahn ein paar Unfalltote knipsen will. Der Staat hat trefflich mit Hass und Hetze operiert, Kriegsflüchtlinge als Sozialtouristen diffamiert oder ihnen vorgeworfen, die schon vor Jahren beschlossenen Hungerlöhne in der deutschen Wirtschaft verursacht zu haben, und weil man weiß, dass es in Pogromen enden kann, gibt man zur Vorsicht hinterher den Opfern die Schuld, dass sie ausgerechnet hier verbrennen oder eine Kugel in den Kopf kriegen mussten. Ein wenig Action, im Gegenzug die Politikverdrossenheit, die benachteiligte Bürger, von denen es immer mehr gibt, vom Demonstrieren abhält, vom Fordern, von berechtigten Interessen, die sie am Ende noch in die Politik selbst hineinzieht. Es läuft aus dem Ruder, und die Angst macht sich breit, dass Freiheit bald heißt, eine florierende Laternenindustrie zu haben, um die Vertreter des Staates in die Höhe zu ziehen.

Sie verstehen nicht, denn die staatliche Ordnung fordert Rechtstreue ein, während sie als Handlanger von Wirtschaft und Kapital über das Recht lachen, es lachend brechen und ganz unverhohlen eine neue Definition von Gewalt einführen, die auf die Würde und das Leben der lebenden Menschen und aller zukünftigen Generationen pfeift. Wer würde sich in einem solchen Staat noch als Subjekt, als Souverän betrachten, wenn das System nur darauf ausgelegt ist, sich auf Kosten einer der Gewalt unterworfenen Bevölkerung zu bereichern? Alle Gewalt gehe vom Volke aus, heißt es in der Verfassung. Man soll auch vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLV): Der Migrationshintergrund

6 01 2023
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie sind überall. Sie lauern hinter Ladentheken, treten als Ärztin auf oder als Taxifahrer, wohnen in Häusern mit Heizung und Fenstern, und man sieht es ihnen nicht einmal sofort an. Sie sind Fremde, ob sie wollen oder nicht, und was würden wir an Zeit sparen, müssten wir es ihnen nicht ständig wieder erklären: dass wir es ihnen ständig wieder erklären müssen, weil sie sonst so täten, als gehörten sie zu uns, nur weil sie arbeiten und Steuern zahlen, ins Kino gehen, Kinder kriegen, Firmen gründen und Gartenzwerge aufstellen, als dürfte man das mit so einem Migrationshintergrund überhaupt.

Schon die Definition ist weich wie Sauerkraut. War zum Vorliegen des Nichtzugehörigkeitsstatus lange nötig, dass ein Elternteil zugewandert sein müsse, so ist nicht einmal dies mehr notwendig. Vater aus dem Ausland, zack! Fremder, auch wenn mit deutschem Pass in Deutschland geboren und nie in die Verlegenheit gekommen, dies zu verändern, während jedoch der Spanier, der vor 1950 zwecks Herstellung eines Wirtschaftswunders in die BRD kam und selbstverständlich Spanier blieb, nie als Migrant im Sinne der Erhebungsverordnung galt. Hätte er seinen Sohn geschickt, um eine Deutsche zu ehelichen, der wäre freilich Auswärtiger bis heute, da vermutlich aus reiner Bosheit gekommen, um zu bleiben, während der Gastarbeiter halt zum alsbaldigen Abschub nach Verrichtung gedacht war. Wann aber ist und bleibt man integrationsbedürftig, wenn die zu überwindende Hürde, nicht zur Heimat zu gehören, von deutschen Grützbirnen aufgestellt wird, die außer einer in härtester Ignoranzarbeit zusammengeschwiemelten Nationalidentität wenig zu bieten haben?

Ginge es nur darum, dass sich jemand genügend lange in seinem Wohnland aufgehalten hat, sind die Kwiatkowskis in Hamm den Öztürks in Köln sicher überlegen, denn die waren ja keine Gastarbeiter, die kamen zum Aufbau der reichsdeutschen Industrie. Ob die Pospischils mit den Přemysliden nach Wien eingewandert waren, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, jedenfalls wird es nicht mehr so zwanghaft betont. Und man würde in Berlin einen französischen Bundespräsidenten, Erbfeindschaft hin oder her, vermutlich eher akzeptieren als einen syrischstämmigen. So ist es halt mit Sprache oder Spaghetti, man geht gerne zum Italiener und fährt sommers auch für zwei Wochen zu ihm, aber wehe, der Nudelfresser wandert hier ein, wanzt sich an die Tochter heran und hat nichts mehr zu bieten als sein schmieriges Ristorante. Da hört für den Teutonen die Gemütlichkeit auf.

Doch am Migrationshintergrund ist nicht nur so hübsch billig, dass er quasi nie vergeht, denn hat eins lummerländische Wurzeln, dann weiß man: das kriegt man nie wieder weg. Noch die Kindeskinder werden mit lummerländischem Akzent sprechen, in aller Heimlichkeit lummerländische Festtage feiern und sich, warum auch immer, niemals vollkommen integrieren, so dass man sie wie lummerländische Gäste behandeln muss, denen man das Gastrecht ja auch wieder entziehen kann. Andererseits ist es für die Mehrheitsgesellschaft Konsens, dass man für die Herkunftskultur durchaus Verständnis aufbringt, sie aber wie selbstverständlich als Stigma wertet. In aller Regel wird man den Lummerländer leise bis mäßig bedauern, dass er eben nie ein echter Bürger wird, auch wenn er sich schon seit Generationen von den anderen nicht mehr unterscheidet, nicht einmal mehr im Namen. Der Lummerländer ist ein Problem, er will das nur nicht einsehen. Mit etwas Freundlichkeit bringt man ihn dazu, fachkompetent über lummerländische Geschichte, das politische System, den Ausgang der letzten Parlamentswahlen und die Balkonblumenkrise in der Heimat seiner Ururgroßeltern zu referieren, weil sich so schnell kein Lummerlandexperte auftreiben ließ, der nicht sonst für Syldavien oder Bordurien zuständig wäre.

Dabei haben wir es geografisch gesehen sogar verhältnismäßig leicht, die Zuwanderung als ganz normalen Prozess zu verstehen, der sich historisch immer mal wieder zuträgt. Hätten die Sioux, die Cherokee und die Irokesen bessere Kontakte in die Medien ihrer Zeit gehabt, sie hätten die Knalltüten leichter rausschmeißen können, die als religiöse Spinner, Wirtschaftsflüchtlinge oder Outlaws ihre Lebensgrundlage durch parasitäre Landnahme mit Waffengewalt zerstört haben. Natürlich kann man im Nachhinein die Vereinigten Staaten von Amerika als Einwanderungsland sehen, so war das von der Geschichte ja auch gedacht – nur eben jetzt nicht mehr, wo die ganzen Afrikaner einreisen wollen, die nicht einmal Verwandtschaft zu den ehemaligen Sklavenfamilien nachweisen können. Es kommt ja leider so weit, dass dieser Migrationshintergrund ausgenutzt wird.

Geschichte ist schwierig, wir merken es immer wieder. Weder die Eroberung der Arier noch der dorische Einfall waren Invasionen, sondern lange dauernde Assimilationsprozesse. Auf der anderen Seite hätte man bei der Völkerwanderung auch alle verdrängen können, die nichts zur dialektischen Lösung beitragen wollen außer ewigem Geweimer und der elenden Opferrolle. Zum Beispiel diese verdammten Deutschen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLIV): Das Weltbild von gestern

16 12 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab sie immer schon, diese Menschen, die das Illusorische gefordert haben, weil sie es denken konnten. Die Abschaffung der Kinderarbeit, das Ende der Sklaverei, Frauenwahlrecht, nichts war ihnen zu abgedreht, um es nicht wenigstens einmal in einer fernen Utopie für möglich zu halten, selbst wenn sie sich sicher waren, es nicht mehr erleben zu dürfen. In der Zwischenzeit lernte der Mensch zu fliegen, zettelte unzählige Kriege an, verseuchte und verstrahlte Erde, Luft und Gewässer, brachte Millionen seiner Artgenossen um für die hirnrissige Idee, es würden mehr- und minderwertige Rassen von ihnen existieren, beutete aus ebendiesem Grund ganze Völker aus und rechtfertigte den ganzen Mist auch noch mit der Wahnvorstellung, ein männliches Ding mit Eigenschaften wie Unsichtbarkeit und Unsterblichkeit, dem der ganze Schmodder hier auf dem Planeten nämlich gehöre, habe ihm befohlen, alles zu seinem höheren Ruhme in die Scheiße zu reiten. Wer bei diesen Knalldeppen spontan die mittelalterliche Lebensanschauung vor Augen hat, liegt nicht verkehrt. Sie vertreten noch heute das Weltbild von gestern.

Zumindest dinglich sind wir im 21. Jahrhundert angekommen: Wissenschaftsleugnung und wirres Verschwörungsgefasel betreibt der gemeine Nappel auf einem internetfähigen Taschencomputer, dessen Ortungssystem ohne Relativitätstheorie gar nicht hätte entwickelt werden können. Aber es sind noch mehr Zerebraldilettanten aus dem Gruselzoo der Evolution ausgerückt, die wir als Gewaltmarsch in die intellektuelle Sackgasse ertragen müssen, weil sie mit ihrer Selbstwahrnehmung immer gegen die Wände der Wirklichkeit bollern. Für sie besteht die christlich-heteronormative Familie aus Vater (geht zur Arbeit), Mutter (kocht, betet, hält die Fresse) und Kind (lässt sich indoktrinieren), die Welt aus Arbeitern (arbeiten, beten, halten die Fresse) und Leistungsträgern (werden von linken Schmarotzern ständig dafür angepöbelt, dass sie lediglich geerbt haben und deshalb nicht arbeiten müssen). Früher einmal war das ganz normal, da drehte sich auch die Sonne um die Erde. Da war die Gesellschaft noch ordentlich in Stände gegliedert, wie sowieso alles ordentlich war, zumindest äußerlich, und es gab nicht so schreckliche Erfindungen wie Klima und Gender, mit denen unordentliche Linke die einfachen Wahrheiten stellen konnten, mit denen sich der geistig beschränkte Hirnschrott aus der Chefetage die Bequemlichkeit seiner irrelevanten Existenz tapezieren konnte. Der Strom kam aus der Steckdose, die Ananas aus der Dose, Dienstboten wuchsen nach. Schon verständlich, dass man als Opferrollenspieler Sehnsucht nach der Vorzeit hat.

Dabei bezeichnet der Begriff Nostalgie eine Art von Schmerz in Bezug auf etwas Vergangenes, da Vergängliches – hier erinnert es streckenweise an das theatralische Selbstmitleid, das beim Tode einer Autoritätsperson hervorgeschwiemelt wird, von der man nicht lassen kann. Dass die gute alte Zeit vor allem alt ist und nicht unbedingt nur gut war, wird passend dazu ausgeblendet. Gut war sie für einen selbst, nicht unbedingt für die anderen, und darauf beruht das Wehgeheul: die Privilegien sind fort, sie kommen nicht mehr wieder, aber wenn man ganz fest daran glaubt, kriegt man die Realität sicher wegignoriert. Und so geben diese Jammerlappen beim Anblick der Mauer noch einmal ordentlich Vollstoff, denn wenn sie es nicht überleben, warum sollten dann andere es dürfen?

Das Raster verrutscht, wenn die Steinzeitler von traditioneller Moral plärren, obwohl sie wissen oder wenigstens wissen sollten, dass die meisten heute geläufigen Wertvorstellungen gegen diese Moral durchgesetzt wurden, teils mit dem Fallbeil, dann mit den Verfassungen. Das Leben ist nicht ganz so behaglich, wenn man nicht mehr privilegiert ist, zwar noch die materiellen Früchte einer Historie genießt, aber die Strukturen nicht mehr zementiert kriegt, damit diese Sonderrechte erhalten bleiben, auch wenn man Recht und Gesetz ausleiert, bis es unangenehm auffällt. Schreibmaschinen wurden irgendwann obsolet, Fabrikanten gewöhnten sich an neue Erzeugnisse, Büros wurden irgendwann von der elektronischen Datenverarbeitung erfasst, und wer sich nicht umstellen wollte, machte noch ein bisschen unglückliche Figur, bevor er ausgemustert wurde. Die Fetischisten des Verbrennungsmotors werden als verknöcherte Spuren der Geschichte enden – „Fossilzeitalter“ bekommt dabei eine ganz neue Bedeutung – und die verzweifelten Anhänger des Turbokapitalismus mit in den Abgrund reißen. Sie werden als Angstbeißer noch ein bisschen die Zähne fletschen und herumheulen.

Selbstverständlich werden die Egomanen, die heute mit schnellen Gewinnen reich geworden sind, ihre Rolle übernehmen, aber sie werden sich mit neuen Utopien konfrontiert sehen: Nachhaltigkeit, Grundeinkommen, Klimaneutralität, Gleichheit. Sie werden ebenso selbstverständlich ihre Privilegien gegen die Gesellschaft verteidigen, und sie werden wie die jetzigen Reaktionäre verschwinden, wenn sie sich der Evolution entgegenstellen. Der Prozess wird dauern, aber jeder Prozess hat ein Ende. Und zur Not gibt es halt das Fallbeil.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLIII): Protest gegen den Protest

9 12 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Ende von Deutschland! Wir werden alle sterben! Nein, wir werden nicht alle sterben, aber wir müssen auf dem Weg zum Einkaufszentrum fast einen Kilometer Umweg fahren, und das ist ja fast noch viel schlimmer, nur noch zu toppen von den wirklichen Katastrophen, bei denen schon Tausende hätten tot zusammenbrechen können: da will man ein einziges Mal im Quartal mit dem Billigflieger nach Malle, und diese gierigen Jammerlappen, die sowieso nichts anderes können als Bodenpersonal, sie hindern uns daran. Zeter! Mordio! Alle an die Wand stellen, die missbrauchen ihre Grundrechte!

Denn man darf ja durchaus protestieren in dieser unserer Deppenkolonie. Liest der Zerebraldilettant im Fachblatt für soziale Exklusion irgendetwas über fremdländische Facharbeiter, die vorsätzlich falsch parken, zieht er nach akribischer Planung spontan im Fackelzug durch die Gemeinde und brüllt rassistischen Schmodder – hier ist er Unmensch, hier darf er’s sein, aber auch nur er, denn den Straßenverkehr behindern, das teutsche Weib vergewaltigen und seine Kinder totschlagen, das steht dem volkseigenen Dissidenten zu, der sich von den anderen, meist fremdgesteuert vom Feind, nichts sagen lässt, aber auch gar nichts.

Denn wie jede Gesellschaft aus Minderheiten besteht, nimmt sich der gemeine Honk als Vertreter der Mehrheit wahr, oft der schweigenden, die am weitesten die Klappe aufreißt, wo immer man sie nicht hindert. Und so weiß der Dumpfschlumpf am besten, wer alles nicht protestieren soll, ganz egal, wogegen. Studenten sollen gefälligst studieren, da sie das ja auch selten tun, Frauen sich um ihren Scheißfeminismus kümmern, es sei denn es handelt sich um feministische Anliegen, dann gehören diese Dreckschlampen an den Herd. Arme sollen lieber irgendwo nach einem Job suchen, Behinderte sind eh nur auf Mitleid aus, Queere machen sich besser mal Gedanken um unsere religiösen Gefühle, Kleriker sollen endlich die Trennung von Kirche und Staat beachten, und die angebliche Mitte der Gesellschaft besteht offensichtlich aus Heuchlern, denn warum bitte demonstriert der protestantische Personalsachbearbeiter mit Bausparvertrag und Lastenrad gegen Antisemitismus, wenn er doch von der nächsten Diktatur gar nicht betroffen wäre, wenn er einfach mal die Füße still hält? Kinder gehören sowieso auf die Schulbank und nicht auf die Straße, geschweige denn Senioren, die eh bald ableben und die Politik lieber denen überlassen sollten, die noch eine Zukunft haben. Schlimmer als Wissenschaftler, die sich ständig irren, sind Laien mit hirnlosen Spruchbändern, und was neben den Berufsdemonstranten nervt, die ohne jeden Bezug zur Sache die Pferde scheu machen, sind Betroffene und Angehörige und Opfer, die vor Subjektivität gar nicht mehr kapieren, dass sie nicht alleine sind auf der Welt. Wir schwiemeln uns die Wirklichkeit zurecht, die sich der Denkschwäche anpasst.

Es ist das grundsätzliche Problem mit allen Kundgebungen, die als Störung der öffentlichen Totenruhe verstanden werden, das auch jeden Streik für eine Belästigung des wehrlosen Verbrauchers hält: Protest ja, aber es ist eine Unverschämtheit sondergleichen, dass Menschen, die eine Arbeit für so wenig Geld verrichten, dass unsereins dafür den Hintern nicht anheben würde, nicht in ihrer Freizeit auf die Straße gehen, noch besser in irgendeinem Waldstück außerhalb der Zivilisation, wo sie ein bisschen die Bäume anschreien können, damit sich die Arbeitgeber nicht immer so erschrecken. Für die Weichstapler ist jede Ablehnung der bestehenden Verhältnisse nur eine Vorstufe zum bewaffnetem Widerstand, weil ja jeder, der ein Schild hochhält, beim nächsten Mal Brandbomben wirft – so, wie das Konglomerat aus Kapitalisten und Hetzpresse ihnen seit Jahren vorpredigt, eine Anhebung des Bäckerlohns werde die Brötchen derart verteuern, dass die hart arbeitenden Bürger draußen im Land daran verhungerten. Es ist dasselbe Milchmädchen, das Bürgergeld und Mindestlohn verantwortlich macht für die jäh verelende Mittelschicht, die so kein Drittflugzeug anschaffen kann und viele, viele Handwerker arbeitslos macht, die dann in der sozialen Hängematte glücklich werden.

Es ist schlimm, was sie uns antun. Wir können sie nicht mehr nach drüben schicken, seit die Mauer nicht mehr steht. Kein Othering funktioniert noch richtig. Am Ende ist es das Schuldgefühl, diese heimliche Identifikation mit den Mutigen, die so sind wie wir, nur eben nicht in die Opferrolle einbetoniert. Sie nutzen ihre Freiheit, statt lautstark nach ihr zu greinen. Sie wären nicht gerne wie die arrivierten Darmleuchter, die wir zu bekämpfen vorgeben. Wir wollen ja, dass alles so bleibt, denn sonst würden wir nicht im warmen Mäntelchen der Heuchelei mit Mistgabeln losziehen, um nach der Revolution zu rufen, solange sie sich nicht auf der Straße festklebt, den Einzelhandel lahmlegt oder die Meinungsfreiheit von Volksverhetzern anzweifelt.

Nur im Ausland begrüßen wir natürlich Proteste gegen diese bösen Machthaber. Das wird man ja wohl noch tun dürfen!





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLII): Die X-Y-Theorie

2 12 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon wieder schlurft ein Gespenst um die Stammtische der Leistungsgesellschaft. Es riecht streng nach Braunfäule und Leichentuch, was kein Wunder ist, stammt es doch aus den Chefetagen der Arbeitgeberverbände – dort, wo man nicht viel von Arbeit versteht, da man andere für sich arbeiten lässt. Es ist diese verdammte Trägheit, die man von sich selbst kennt, und das nicht nur beim Denken, auch bei tätiger Schaffenskraft guckt der Patron in die Röhre: der Mensch an sich ist faul, obwohl es darauf kein Recht gibt, vor allem nicht in dieser unserer kapitalistischen Gesellschaft. Da irrlichtert schon das Grundeinkommen am Horizont, clever verkleidet als Bürgergeld, das gnadenlos entlarvt, wie mies der Lohn in Handel, Handwerk, Fertigung ist. Doch mit wissenschaftlicher Genauigkeit weist die organisierende Kaste dem schwerfällig am Fließband lümmelnden Proletarier nach, dass sie noch viel zu gut behandelt wird, solange man sie nicht mit der Knute zum Schaffen bringt. Sie nimmt dazu die X-Y-Theorie.

Zu Beginn der 1960-er Jahre entwickelte der US-amerikanische Managementtheoretiker Douglas McGregor die X-Theorie, die den Menschen als grundlegend unwillig beschreibt, von einer tiefen Unlust geprägt, sobald er Mühen erblickt, vor denen er sich also mit allerlei Tricks und Finten zu fliehen versucht, bisweilen durch Renitenz und Sabotage, manchmal mit höherem Aufwand, als die Erfüllung einer zu vermeidenden Arbeitsleistung erfordern würde. Allenfalls erledigt er einen Job, um nicht von ihm erledigt zu werden, aber auch das nur, wenn der Vorgesetzte ihm mit der Peitsche im Nacken sitzt. Zuckerbrot gibt’s keins, das sind die Kulis schließlich nicht wert. Nicht gekündigt ist genug gelobt, so der profitorientierte Philanthrop.

Die konträre Y-Theorie jedoch besagt, dass der Hominide zunächst einmal willig ist, da er Arbeit als Bereicherung seines Lebens empfindet, als eine Möglichkeit, die eigenen Potenziale auszuloten und sich intrinsisch zu motivieren – hat er sein Ziel erreicht, sucht er sich ein neues, das ihn zugleich anspornt als auch die anderen, mit denen er im Arbeitsablauf zu tun hat. Der arbeitenden Mensch ist nicht zuletzt Gruppenwesen, befriedigt durch die wachsende Verantwortung und Selbstbestimmung auch sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, das ihn in einer passenden Struktur schließlich die Selbstwirksamkeit spüren lässt, in der Arbeit nicht nur bezahltes Totschlagen sowieso ablaufender Zeit ist, sondern ein Kreativität und Initiative fordernder und fördernder Prozess. Die Verbesserungen, die die moderne Industriegesellschaft vorantreiben, beruhen auf diesem Denken, denn organisatorische Probleme lösen sich nicht von selbst.

Wann immer die Bestätigungsverzerrung sauber arbeitet, dass man passende Informationen, Muster und Erklärungen für plausibel hält, wenn sie die eigene Verblendung untermauern, schlägt sich der geneigte Zerebraldilettant auf die Seite dogmatisch argumentierender Mehrheitskapitalisten. Mit mehr Lohn kann man die Handlanger nicht reizen, es ist ohnehin rausgeschmissenes Geld, da nur in Schnaps und Zigaretten investiert. Also braucht es Kontrolle, am besten externe, Strafen, Zwang, Sanktionen, um die Masse überhaupt erst einmal an die Arbeit zu gewöhnen, die dann als Lebenssinn begriffen wird, wie es auch die konservative Oberschicht hält.

Dieses so hübsche Denkgebäude hat nur einen Haken, den es mit vielen anderen Vorstellungen aus Psychologie und Soziologie teilt: es ist falsch, da es zu einem Zweck verwendet wird, zu dem es nicht vorgesehen war. Die X-Theorie diente McGregor lediglich zum Beweis, dass man aus einem Haufen billiger Vorurteile und etwas wissenschaftlichem Anstrich innerhalb kürzester Zeit einen passablen und als Entschuldigung für die eigene Bräsigkeit brauchbaren Managementgrundsatz schwiemeln könne, wenn man auf die Engstirnigkeit der meisten Bosse setzt. Die Crux an der Schubladisierung ist, dass Menschen selten nur in eine Schublade passen, also wird Arbeitswelt ohne soziale Beziehungen in den seltensten Fällen denkbar sein, schon gar nicht unter Zuhilfenahme von schwarzer Pädagogik, auch wenn die das einzige Mittel ist, das Geprügelten einfällt.

Im Anwendungsfall haben wir nicht weniger als zwei selbstverstärkende Prozesse, die entweder als Sand im Getriebe oder als Motivation fungieren. Mit Kontrolle und Zucht tötet der Gebieter jedes Engagement ab lässt die Kräfte der Arbeiter stetig auf dem niedrigsten Niveau dümpeln, kurz vor dem Stillstand, immer auf Sicherheit bedacht und selten in eigener Verantwortung. Mit Freiheiten und mehr Selbstbestimmung, Wertschätzung und Raum für Kreativität fördert der Arbeitsablauf eben diese Abläufe, was ebenso regelmäßig zur Entwicklung des Personals beiträgt. Gut, dass man mit diesem System, in dem kollektive Entscheidungen zum Wohl aller Bürger, individuelle Verantwortung auf der Basis eines kollektiv gelebten Wertekanons und eine Orientierung an der tatsächlichen Arbeit statt an der Ideologie des Rechthabens berücksichtigt werden, immer noch Parteivorsitzender werden kann. Seine Socken stopft halt eine Frau. Für Geld.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXLI): Bedrohung durch die Wissenschaft

18 11 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hartnäckig hält sich das Gerede, die Erde sei keine Scheibe. Entgegen landläufiger Gerüchte hat es Zweifel daran bereits früher gegeben, von der Antike bis ins Mittelalter, oft sekundiert von der Vorstellung, unser heimatlicher Ellipsoid sei das Zentrum des Universums, das sich mitsamt Sonne, Mond und Sternen um uns herumkugelt, da von einer höheren Macht konstruiert. Was sich die frühe Astronomie an mathematischen Modellen erarbeitet hatte, um die ideologisch motivierte Gläubigkeit in die eigene Beobachtung zu erschüttern, wischten die Vertreter des Herrschaftswissens mürrisch vom Tisch. Noch immer sind diese Skeptiker aktiv, sie haben nur flexibel die Fronten gewechselt, bellen die herrschenden Meinungen der längst etablierten Wissenschaft von unten an und versuchen ihren aus Denkfehlern und Lügen zusammengeschwiemelten Brüllmüll zu verteidigen. Sie kämpfen gegen die Bedrohung durch die Wissenschaft.

Dass es genug Querstullen gibt, die auf einem Smartphone mit GPS-gesteuertem Ortungssystem ins Internet pinnen, warum die Relativitätstheorie ihrer Ansicht nach falsch sein muss: geschenkt. Die Menge an Behämmerten mag steigen, vor allem ist sie besser sichtbar, seitdem die Nichtschwimmer unter den Nudelbiegern sich zu Zombiezügen rotten und die Städte mit ihrem formunschönen Anblick beleidigen. Sie stehen nicht in der Tradition der Hohlfritten, die ein Stück Stoff vor dem Rotzrüssel als Demütigung von Arbeitssklaven anprangern, sie folgen denen, die sich den Schmodder überhaupt erst ausgedacht haben. Denn diese Oberschicht ist es, die den Konflikt erst schürt.

Denn nicht der gemeine Dumpfschlumpf ist es, der die öffentliche Meinung agitiert, es waren die Wortführer, die sich jahrzehntelang mit aller Gewalt gegen etwas stellten, was immer um so vehementer eintritt, je mehr man es zu hintertreiben sucht: die Erschütterung der Macht. Das Fundament, auf dem diese Ordnung aufgebaut ist, hat zweifellos Risse, und sie geben den Blick frei auf eine zweifelhafte Konstruktion, die mit noch so viel Mummenschanz nicht mehr zu beschönigen ist. Die Wissenschaft, die uns Verbrennungsmotoren und Mondraketen beschert hat, Atomkraftwerke und Lobotomie, sie ist auf einmal nicht mehr die willfährige Hilfskraft, die die Illusionen mit Zuckerguss überzieht und den chronischen Fortschritt noch mehr beschleunigt mit Flugtaxi und Fusionsreaktor. Sie zeugt uns Fehler und Grenzen, die die Macht relativieren und damit die Unangreifbarkeit eines Lebensstils, den sich die politischen Herrscher auf die Fahnen gemalt haben, um als allwissende Lenker der Geschichte quasi unangreifbar zu sein, wenn sie nur nie ihr Gewissen dafür benutzen müssen.

Die verknöcherte Kaste ignoriert, was ihr nicht in den Kram passt, verweigert sich beharrlich jedem Lernprozess, da sie bekanntlich alles zu wissen und daher alles zu verstehen glaubt, knipst Fakten aus wie einen Lichtschalter und blendet die drohenden Veränderungen – soziale, ökologische, technische, mediale, pandemische, you name it – aus, indem sie sich die Ohren zuhält und plärrend im Kreis um die eigene imaginierte Wichtigkeit hüpft. Doch diese Egoleptiker sind für den Lauf der Dinge komplett verzichtbar und taugen höchstens als Störgröße in einem Prozess, der sie ins Nichts katapultiert. Da die Eliten, bar jeder Vernunft noch Verantwortung, als Vorbild gehandelt werden, dem die niederen Schichten nachstreben, folgt ihnen auch der Plebs, erst in den intellektuellen, danach gerne auch in den physischen Untergang. Sie teilen ein gemeinsames Weltbild, das Klimawandel, AIDS, schließlich die Risiken des Tabakrauchens leugnet, weil sich die global auftretenden Probleme nicht lösen lassen, nicht einmal mit dem Sündenbock als Patentrezept.

Die kognitiven Dissonanzen werden zu schnell offenbar, wenn sich Interessenkonflikte nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängen lassen: dieselben Realitätsallergiker, die schadstofffreien Strom mit spaltbarem Material aus Einhörnern in ad hoc aus der Scholle gestampften Kernreaktoren herbeizaubern wollen, drohen einander Weltkriege an, wenn sie den unweigerlich entstehenden Müll im eigenen Fürstentum endlagern müssen. Sofort werden Physiker, eben noch für einen Nobelpreis zu Nationalhelden erklärt, zu inkompetenten Schurken hochstilisiert, weil sie in der Talkshow Grützbirnen in Regierungsämtern als ebendie entlarven: der Dreckrand des Dummen, Vorschulversager, weißes Rauschen in der Hirnrinde. Denn sie stellen unsere Art zu leben in Frage, Flächenverbrauch, Autos und Flugzeuge, Massentourismus, Fleischkonsum und Wegwerfprodukte, Niedriglöhne, Sozialstaat ohne soziale Haltung, Begünstigung der Reichen bei anhaltender Umverteilung nach oben, unablässiges Geleier von Eigenverantwortung unter einer Clique unfähiger Fußhupen, die den Waldbrand abwarten, um eine daran Zigarre anzuzünden. Kein Wunder, dass sie Angst haben vor denen, die nicht nur alles durchschauen, sondern die Zusammenhänge auch noch erklären können und wissen, wer schuld hat am Niedergang der Gesellschaft. Die kleinen Kaiser sind nackt, und diese Hilflosigkeit werden sie ihren Untergebenen nie verzeihen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXL): Überwachungskapitalismus

11 11 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früh am Morgen steht der Arbeitnehmer auf und widmet sich der Körperpflege. Sollte der Proband noch nicht Qualität und Quantität seines Schlafs in die elektronische Handfessel eingespeist haben, so bleibt ihm wenigstens dieses kleine Geheimnis. Der Verbrauch an Zahnpasta allerdings, die Intensität seiner Dentalhygiene und das anschließend in die Waage getretene Nettogewicht gibt er freiwillig preis, um diverse Kosmetika günstig und schnell in den Haushalt geliefert zu bekommen. Ein kleiner, nervender Jingle erinnert ihn beim ersten Kontakt mit dem Smartphone daran, dass er schon seit zwei Wochen keine neuen Klamotten geshoppt hat, was für seine Alterskohorte gar nicht statthaft ist – auch deshalb nicht, weil er sonst der regelmäßigen Angebote seines Onlinehändlers verlustig ginge, in der Öffentlichkeit negativ auffiele oder sogar den notwendigen Sozialkredit verlöre, der ihm Zutritt zu angesagten Clubs verschafft. Er ist glücklich, er merkt es nur nicht. Aber vielleicht ist es auch nur diese eigenwillige Definition von Glück, die den Überwachungskapitalismus so kratzig macht.

Der Hominide ist nicht nur das Produkt, das sich unbeirrt selbst verkauft, er lässt sich bereitwillig kapitalisieren und entmündigen, denn die Datenspur determiniert sein Dasein. Wie immer steht am Anfang seiner Tragödie die Unfähigkeit, alleine in einem Zimmer glücklich und genügsam zu leben, da er seine Lieblingsmusik, alle 239.481 Stücke in zufälliger Reihenfolge, unbedingt überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit hören will, auch auf den Plastebömmeln, die ihm einst als Fernsprecher ans Ohr genietet wurden von einer Marketingabteilung auf schlechtem Koks. Wir kommunizieren, wo wir Dinge sehen und nicht sehen, wie selbstverständlich im Trachten, nicht nicht kommunizieren zu können und es auch gar nicht zu wollen. In der gehässigen Antwort, die geheimdienstliche Durchleuchtung sei auch nicht schlimmer als ständiger Verhaltenscheck durch die marktbeherrschenden Konsumschleudern, zeigt sich ein profundes Wissen kapitalistischer Politik, die Überwachen und Strafen von allen Seiten gleichermaßen nutzt, wo die von WLAN, Smart Home, Auto und Gesichtserkennung unsubtil gesammelten Einbrüche in die Privatsphäre in eine gemeinsame Verarbeitung durch die Maschine münden, die uns noch im hintersten Winkel der zivilisierten Welt mit Sonderangeboten und Klatsch zumüllt, damit die Trennlinien zwischen Ich und Markt sanft verschwimmen. Einmal mehr ist Freiheit das, was wir Grützbirnen aushalten müssen – kein Wunder, wir haben uns selbst eingebrockt, was wir als ubiquitäre Verfügbarkeit der Produkte feiern, auch wenn wir nichts mehr verstehen.

Das systematische Abschöpfen aller Daten aus dem Inneren unserer Verbrauchssteuerung liefert Paybackpunkte aus dem Immunsystem, dass auch Schopenhauer stolz wäre, wie wir den freien Willen der Markregulierung übertragen, die uns als Großer Bruder die Sorgen des Daseins abnimmt. Was ist eigentlich an einer übermächtigen Wirtschaft noch Nichtregierungsorganisation? Mit der Frage werden die Objekte einer neoliberalen Ordnung allein in der Wüste aufgestellt, wo sie nicht mehr finden, das an eine Gesellschaft erinnert, und hier lohnt sich dann auch Egoshopping, will moralisches Handeln längst in die Frage nach Besitz verschwiemelt ist.

Aber die Zivilgesellschaft schlägt zurück. Weiß der Algorithmus eventuell früher als wir selbst, ob eins schwanger ist, einen Tumor mit sich durch die Gegend schleift oder eine Sucht – alles, was die Finanzberatung interessiert, auf dem Jobmarkt oder für die Sozialversicherungen relevant wird – kann bereits die biestige Weigerung, irgendeiner Firma das Jagen und Sammeln zu erleichtern, Sand im Getriebe sein. Die Asymmetrie der Konzerne beruht auf ihrer Intransparenz, die erst in die Knie geht, wenn Gerichte sich damit befassen und Ansprüche auf Auskunft, Löschung und Betriebsgeheimnisse einklagbar machen. Auf den Putsch von oben lässt sich nur mit Ungehorsam antworten, nicht zuletzt in einer Ära, die potenziell gewaltsame Konflikte um Sicherheit und Ressourcen heraufbeschwören wird, obwohl das Wachstumsgeseier der Ökonomen auch mit brutalem Entsolidarisierungszwang nicht mehr durchzusetzen ist. Wir wollten die Digitalisierung, also haben wir sie auch bekommen, mitsamt der beidseitigen Öffnung aller Schleusen für Schmutz und Dämlichkeit. Wenn wir den Faschismus wieder als denkbare Alternative ansehen, wird er sich beim nächsten Aufschlag sicher nicht als Faschismus zu erkennen geben; es ist gut möglich, dass er zehn Prozent Rabatt auf die private Krankenversicherung verspricht, wenn wir allen verbliebenen Freunden unsere Lieblingsdroge empfehlen.

Und doch, wir sind gesegnet mit der Ignoranz, die einmal mehr nicht von Bonzen ausgeht, sondern von der heilsamen Beklopptheit der Deppen, die uns in Parlamenten ein Paradies aus Schmierkäse zu schnitzen versprechen, je um je, und es dann doch nicht auf die Reihe kriegen. Die Erlösung ist das Funkloch, ist der bescheuerte Algorithmus, der uns alles zum Kauf vorschlägt, was wir soeben erworben haben. Wenn das künstliche Intelligenz sein soll, was ist dann künstliche Dummheit?