Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIII): Boulevardmagazine

18 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war die dritte Zweitfrau von Rrt schuld. Sie war dumm, hatte aber bemerkenswert dreidimensionale Fettreserven – dem damaligen Schönheitsideal lief das nicht gerade entgegen – sowie den unerschütterlichen Drang, sich vor der Siedlergemeinschaft an der westlichen Wand zu blamieren. In jeder Höhle wurde ihr Geschwabber zum allfälligen Tagesgespräch. Was sie aus den Resten einer Säbelzahnziege an Schurz und Röcken schwiemelte, fand zunächst keiner statthaft, der sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit beschäftigte, die zu regem Kontakt mit halb unbekannten Hominiden aus dem Umland führen musste, und doch wurde der Fummel mit allerlei Applikation von Knochen und Gehörn nachgeahmt, verfeinert und schließlich, wenn das noch möglich sein sollte, proletarisiert. Auch heute sollte uns dies Interesse nicht zu sehr verwundern, haben wir doch einen florierenden Medienzweig geschaffen, dem Nullinformation aus dieser Richtung ein gutes Auskommen macht. Die Boulevardmagazine beleben den Schlamm, der sich unter der Gesellschaft wälzt.

Zunächst interessiert sich derlei grell bedrucktes Zeugs für den Klatsch intellektueller Heckenpenner, wie sie auf Sozialentzug vegetieren und sich nicht um die faktischen Zusammenhänge kümmern. Im Gegenzug sind es wieder diese Parallelexistenzen, denen man mit etwas zusammengekratztem Schrott das bisschen Wartezeit vor der Endablagerung zu verkürzen versucht, die moralfrei abgerissenen Jahre zwischen Hirnverlust und Biomasse. Wer da Glamour schwitzt, Glitzer und Lärm, der taugt automatisch zum Vorbild der Kriecher, und sei es ein epochenübergreifend degenerierter Adelszweig, dessen Blödheit langsam zum Markenzeichen wird. Gerne gesehen sind Filmgrößen, ab und zu die trällernde Zunft, ansonsten speist sich das aus niederschwelligen Angeboten der grassierenden Hirnkirmes, dümmliche Dödel im steten Kampf um die größtmögliche Beknacktheit, die mit klinischen Mitteln nachzuweisen ist. Natürlich interessiert den Deppen in erster Linie der Phänotyp, gründlich misslungene Diäten, schlampiger Hautschmuck auf welker Epidermis, völlig verseifter Nachwuchs, das Armageddon der Oberbekleidung in zu kleinen Größen bei künstlicher Beleuchtung. Wer könnte es den Nachtjacken verdenken, das ärmliche Theater der angeblich wichtigen Gartenzwerge für voll zu nehmen. Wer täte das schon. Und warum.

Die kognitiv naturbelassene Schicht, die ihre Bildung auf ebendiesem Pflaster bezogen hat und seltener in möblierten Räumen, sie braucht einen Anlass, nach oben zu blicken, und was ist von dort aus nicht alles oben. Nicht viel bleibt vom Gewölle in Hirnhöhe, was nicht durch niederste Instinkte motiviert wäre, Guck-, Juck- und Spuckreiz, eine von Fettfingern gründlich begriffelte Mangelmoral, da sie die zu Ikonen lackierten Wassersuppenkasper auch nur braucht, um sie auf sein erbärmliches Niveau herunterzuzerren. Was sich als artifiziell aufgepumptes Wunschbild hat an die Wand nageln lassen, wird phasenweise verehrt und mit Biomasse beschmissen, teils auch simultan, denn nichts braucht ein adipöser, schielender Knalldepp so sehr wie den millionenschweren Promi, den er als adipösen, schielenden Knalldeppen entlarven kann, und sei es nur in seiner schmutzigen Vorstellung, die das auf Halbwahrheiten abonnierte Schmierblatt zum Vorzugspreis liefert. Sie zerren uns die Idole wieder zurück in den Staub, zeigen Orangenhaut und Plattfüße, als sei der gemeine Filmstar alterslos ohne regelmäßig reingedrücktes Nachfüllpack aus der Änderungsfleischerei.

Wer behauptet, es ginge den Sternchen auf die Plomben, für die Fotografen immerzu heile Welt zu mimen, der weiß nichts von deren schlechthinniger Abhängigkeit zu Wille und Zwangsvorstellung. Nichts ist ihnen verhasster als die ewig dienernde Menge, mit einer Ausnahme: die amorphe Masse, die sie ignoriert, weil sie sich das mühsam auf Gesicht geschminkte Epithel einfach nicht merken kann. Dies Spiel kennt keine Gewinner, höchstens den, der die Schmonzetten turnusmäßig mit hanebüchenem Quark bestückt, kein Gericht und keinen Geschmack fürchtet und sowieso einen allgemeinen Hass auf die Menschheit hegt, weil er sonst nicht so planmäßig an ihrer kompletten Vertrottelung mitarbeiten könnte.

Noch immer kauft sich der Dummbatz die Heftchen, Woche für Woche, und ist für Schläge auch nicht davon abzubringen, denn was wäre er ohne plumpe Flunkereien, die er am Wasserloch bereitwillig als Früchte seiner eigenen Narrheit zum Besten gibt. Lassen wir sie in ihrem Geblubber allein, keiner wird ihre Fabulierexzesse ernst nehmen, geschweige denn sie weitertragen. Und sollte es wirklich, wirklich einmal den geistig noch halbwegs gesunden Zeitgenossen nach Schmadder unterster Kajüte gelüsten: der Gang zum Zahnarzt steht jedem frei. Wenigstens ins Wartezimmer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXII): Betroffenheit

11 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alarm! Weltuntergang! Wir müssen uns dem Thema mit der nötigen Sensibilität nähern, weil das macht etwas mit uns! Schön, dass wir mal über den ganzen Schmodder geredet haben. Einfühlsam und verletzlich packen wir die Handgranaten zurück in die Küchenschublade – warum eigentlich? – und finden das dufte, wie wir auf uns selbst eingehen. Das mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein und die Identifikationskiste, das ist auch irgendwie voll schön, wie wir uns so total einbringen können, und schon haben wir da ein Problem: wir sind betroffen. Nein, wir sind nicht betroffen. Aber wir wollen es sein. Wir sind jetzt betroffen, und wehe, wenn nicht!

Weil die verdammte Stallwärme längst aus der Sprühdose kommt, dieses Erfahrungsding in einer selbst verschuldeten Parallelexistenz der Knalltüten aus dem Hintergrund. Weil die Beknackten in alles, alles ihre verfluchten Nasen reinstecken müssen, was nicht schnell genug den Hammer rausholt. Im Allgäu wächst kein Mais? Friedensdemo! der Erstschlag muss her! Die bigotte Bizarrerie der Berufsaufgeregten duselt offiziöse Gefühle in die Gegend, und das aus gutem Grund. Mitnichten sind sie ansatzweise informiert über das, was sich in diesem Wirklichkeitsdingsi tut, also sprachröhren sie ihre verwirrte Gestrüppversion der Tatsachen in die ansonsten unbeteiligte Außenwelt, in der festen Überzeugung, jeder Halbaffe habe sein Leben lang auf ihre Absonderungen gewartet.

Der Flow, wissenschon. Irgendwann suppt alles in die untere Etage durch, auch Brackwasser sucht sich seinen Weg, und das weiße Rauschen kennt schon aus Prinzip kein Mitleid. Dass derart massive Kontingente an Hominiden ohne nennenswerte Anzeichen von Existenz auf diesem Planeten vor sich hinvegetieren, das hätte man auch nicht ahnen können. Allein die psychosozialen Folgekosten hat mal wieder keiner auf dem Schirm gehabt. Alle sind betroffen, kräht’s ideologisch durch Bodennebel und Sumpflandschaft, wer würde sonst mit uns reden? und wozu auch?

Wenn alle Hunde heulen, die nachweislich nicht getroffen wurden, ist die Angelegenheit kurz und geschmacklos geklärt. Die Kaugummivokabel aus den absaufenden Siebzigern ist das Motiv, sich zum Sprung in der Schüssel schnell einen eigenen Jargon zurechtzuschwiemeln. Das Medium ist die verkorkste Botschaft, eine gründlich vergammelte Hohlhupe nach der anderen engagiert sich in der Späteifel für den Vietkingkong oder muss mal ganz gewaltfrei ausdiskutieren, ob die Beziehung in der analytischen Sicht sich vom Gleichgewicht her in die Auseinandersetzungsebene integrieren lässt. Den Quadratquark kann man auch verlustfrei rück- oder seitwärts sprechen, er wird dadurch nicht weniger überflüssig.

Vom Mitgefühl des Mitbetroffenseins – der von den bösen Bullen wegen nur eines Scheckbetrugs verhaftete Kumpel hatte eine schwere Kindheit, man selbst kam aber auch aus Bad Gnibtzschen, da zwängte sich die Parallele quasi auf – kleckerte es ansatzlos in die Mitberührtheit des so gut wie schon engagierten Tuns, kurz: wenn es einen Grund gibt, hüpfen wir mit von der Brücke. Duzer dümpeln durchs Land, was weiland waren Wut und Trauer, ist jetzt ganz unten angekommen. Die degenerierte Spezies wuchert direkt in die Plage des aktuellen Jahrtausends, den besorgten Bürger – das eine ist er nicht, das andere noch viel weniger – in seinem bis dato unbestrittenen Revier, der unhinterfragten Beklopptheit. Auch er lässt viel Müll unter sich, man hat ihn nur nicht auf der Rechnung, da man keine Ambitionen hat, diesen sportlichen Ansatz um den intellektuellen Nulldurchgang nicht mehr als nötig zu gefährden. Auch sie reißen die Fresse bis zum Anschlag auf, wo nur Geruch herauskommt. Auch sie haben nichts zu sagen, da sie nicht, nie, nicht betroffen sein können – auf ihrer Straßenseite leben keine Dinosaurier, also quaken sie ihre ganze, verschissene Inkarnation lang über nichts anderes – und gehen ihrer Mitwelt in toto auf die Plomben, dass es seine Bewandtnis hat. Sie müssen sich als Randfiguren mit Geplärr ins Zentrum hebeln, sonst wäre ihnen das Nutzlose ihrer vegetativen Versuche längst aufgefallen. Je lärmer, desto wichtig.

Haben sie nicht alle irgendwann mit dem Filzer an der Klowand angefangen und sich dann darüber geärgert, dass sich niemand für ihr peinliches Selbstmitleid interessiert? Hat ihr geistiges Hobeln an der Grasnarbe je den Gedanken gestört, sie seien als Verbrauchsmaterial der bourgeoisen Schicht im vorauseilenden Gehorsam gut geschulte Deppen? Haben diese Empfindlichkeitsmasochisten je den Eindruck erweckt, die eigene Lage auch nur im Ansatz zu kapieren?

Ein kleiner Traum bleibt: Adorno nimmt die Handgranaten aus der Schreibtischschublade und schlenzt eine nach der anderen auf die Bühne. Bis sie davon alle voll total betroffen sind. Irgendwie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXI): Frühstücksfernsehen

4 08 2017
Gernulf Olzheimer

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Dass pünktlich mit der Sichtbarkeit der Sonne vom Bergfried herab die Fanfare quäkte, hatte seine Gründe. Hin und wieder war ein Herold beim bis dato üblichen Verfahren, den auf der Lanze montierten Hahn durch den Laden zu stecken und damit den Tagesanbruch zu signalisieren, aus Versehen mit harten Gegenständen sowie der Lanze kollidiert und gleich ins allgemein Organische übergegangen. Das Metaphorische, ja: Mechanische aber blieb, der Schmerzreiz in Kopfhöhe, als liefe der Trailer zum Jüngsten Tag gerade an. Mit mehr Schmackes hatte nie Dämmerung sich erhoben über den Finsternissen, seitdem die Säbelzahnziegen ihr dusseliges Geblöke an der Höhlenpforte aufgegeben haben, teils aus Folgenlosigkeit, teils, weil sie ausstarben. Das Leben blieb gleichbleibend hart. Bis das Frühstücksfernsehen erfunden wurde.

Der Konsument kollidiert versehentlich mit dem Bedienelement und wird ad hoc von Grinsefratzen umjodelt, wie Affen auf Saccharin die Mattscheibe von innen ausbeulende Knallfrösche, die um Aufmerksamkeit betteln und dazu nur ein einziges Mittel kennen: Lautstärke. Eine Butterfahrt der Geschmacklosigkeiten schunkelt schmerzbefreit über den Schirm, stopft dem wehrlosen Volk Finger in sämtliche Gesichtsöffnungen und zieht es auf ein Niveau hinunter, auf dem sonst nur Schlager und Aufsichtsratssitzungen überleben können. Genau die richtige Stimmung für ein Inferno.

Das just von der Herrenausstatter-Resterampe gescheuchte Moderationsvieh wirkt denn auch wie ein zu enger Schuh, der durch zwanghaftes Ruckeln in die einzig halbwegs erträgliche Position gebracht werden soll. Wer auch immer dieses Regiekonzept in der Mappe für ernsthafte Vorschläge abgelegt hat, sein entspanntes Verhältnis zum Ritalin hätte die Produktionsfirma frühzeitig warnen müssen. Größere Differenzen zwischen Wirklichkeit und Wirkung kriegen nur esoterisch vollverschwiemelte Kanäle und am Rand der Umnachtung dümpelnde Shoppingsender hin, wenngleich mit einer erheblich geringeren Breite des Angebots, jenem Kaleidoskop aus Boulevard, Sport, Politik, Kitsch und Service, wobei die letztere Rubrik juristische Haushaltstipps und praktische Hinweise zur Börsenanalyse mit den saisonal bedeutenswerten Kinderkrankheiten in den Thermomix stopft. Das Ergebnis ist entsprechend, mit Abstrichen verwertbar, aber nutzlos.

Überall, wo TV-Macher den ihrem Medium eingemeißelten Mainstreamhumor an überwiegend noch schwer somnolente Zielpersonen bringen wollen, ploppt der fröhliche Wahnsinn aus dem Hinterkopf auf: mach es platt, Baby. Die unerträgliche Seichtigkeit des Schleims schwappt auch hier aus dem Gerät, vermutlich aus der für Vorabendserien konstruierten Schmalzaustrittsdüse, die auch hier in einer schwer erträglichen Duftnote von Karneval und Zwangsstörung aufgepappt wirkt. Wie sehnlich wünscht man sich als unbewaffneter Kontrahent des noch jungen Tages eine Mistgabel, um das aufgeputschte Geballer zwischen Newsflash und Wetterbericht zum Erliegen zu bringen. Die Sensation und die heitere Dramatisierung der daraus folgenden Spannungszustände widmet sich in heiterer Art dem Versuch, die Banalität real erfahrbar zu machen. Was an Mittelmäßigkeit aus dem Redaktionsfilter dringt, es wird sorgfältig und bis in die letzten Winkel der Gemeinplätze bunt bemalt, glatt lackiert, hastig geschmirgelt.

Vor allem ist das Frühstücksfernsehen, wie es in fragwürdiger Analogie zur Nahrungsaufnahme die Contentbulimie in eine halbstündige Rotation zwingt, eine fettbasierte Häppchenüberfütterung mit Fakten, Fakten, Fakten und allem, was als halbwegs beweisbare Äußerung durchgeht. Hektisch getaktete Eigenwerbung zwischen Kino und Human Interest sorgt wie periodisches Sodbrennen als Marker, das versendet sich nicht – einmal gesehen, setzt die Peristaltik zielsicher wieder ein, aber sorgt das für den Griff zur abschaltenden Macht? Der auf leichte Bekömmlichkeit getrimmte Seim, Bluthochdruck, Euro-Krise, Helene Fischer und der Präsident der Herzen, er sickert planvoll in die Synapsenlücken ein, verklebt der brägenbewölkten Guckeria schon nach zwei Durchläufen das Dialektikmodul und planiert die Einflugschneise für die eigentliche Thematik: das Elend der Welt zu erkennen aus publizistischer Sicht, wie es sich Tag für Tag nur marginal ändert, damit die restliche Medienmeute beim entnervten Abschalten wenigstens weiß, worauf sie ihre Konditionierung gründen soll. Bis zu den Spätnachrichten.

Besser für die Seele der Zuschauer wäre es, man ließe Clowns Nachrichten vorlesen, Popsänger die Börsenkurse verkünden und den Rechtsanwalt, den sich der Sender hält, Sonnenbrillen testen, während der Rest Marmelade kocht. Alle halbe Stunde präsentiert ein elektrisches Garagentor das Programm. Vielleicht käme das wieder in den Nachrichten, quasi auf einer Metaebene, und dann wären alle harmlosen Menschen verstört, aber nachhaltig wach. Auch nicht schlecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXX): Das Mittelalter als Folie und Wunschvorstellung

21 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

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Ein Zeitalter wird besichtigt: Sightseeing in einer dunklen Epoche ohne Wasserspülung. Herr Hallmackenreuther kann gerade nicht kommen, er hat die Pest. Das aufreizende Fehlen bunt bemalter Knalltüten mit elektrischer Gitarre wird allerwärts als Kollateralschaden für das touristische Potenzial bemängelt. Kunibert der Ersetzbare bringt noch eben schnell seine Brüder um und erobert dann die Grafschaft Ziegenhain von seinem Schwager Botho von Sponberg, wobei letzterer unglücklich mit der Axt in der Birne von der Zugbrücke segelt. Gattin Irmintrudis sorgt für sein Spontanableben nach der Rückkehr, übernimmt die Burg, schenkt dem zukünftigen Ex-Bischof Alduin von Hinten sein neuntes bis dreizehntes Kind und wird dann zur Lokalheiligen. Das sollte normalerweise für eine Vorabendserie reichen, grausame Bilder, nackte Haut, Grillfleisch galore, Ströme von Schnaps und Blut, und irgendwo hinter der Säule saß sicher Karl der Große. Wie es halt im Mittelalter so war.

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen Schnaps, denn die Destillation wurde erst später auf eine vernünftige technologische Ebene gehoben. Das Volk stillte seinen Durst an Minderprozentigem und lutschte zermatschte Rüben aus dem Kessel, weil die Kartoffel erst ein halbes Jahrtausend später kommen sollte. Diese konservative Vorstellung von der guten alten Zeit, sie zeigt einen Abschnitt, der weder alt noch gut war.

Denn wie historische Romane – heute sind es die epischen TV-Narkotika – den Massen meist nur ein Bild der Entstehungszeit vermitteln, gespiegelt in den Ansichten des Autors, so ist ein Zeitalter der Haudegen nicht besonders repräsentativ für die Lebensentwürfe in einer Ständegesellschaft, die den meisten Menschen null soziale Mobilität, Freiheit oder Individualität bot, dafür aber genug bizarre Moralvorstellungen, Hilflosigkeit gegenüber der Fremdbestimmung, genug körperlichen Verfall sowie einen frühen Tod. Knechtschaft, religiöse Wahnvorstellungen und Dreck kommen in der metgeschwängerten Fieberfantasie nicht vor. Dafür aber waren alle in ihren Rückführungstherapien Päpste und keiner Bauer, Schmied, Knochenhauer. Der Pöbel vor den Flachbildschirmen weiß ja nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Inszenierung lauert. Er war doch auch noch nie im Weltraum und guckt trotzdem die Filme mit dem Alienklops.

Am beliebtesten ist bis heute der Herbst des Mittelalters, jene Epoche, die mit dem Verfall der Kaiseridee und dem Niedergang der Gesellschaft die überschaubare Welt in ein unüberschaubares Chaos kippte. Beim modernen Ignoranten, der in einer geordneten Welt mit Zahnersatz und Rechtsschutzversicherung vor sich hin vegetiert, kommen nur die Heldentaten imaginärer Ritter an, die in Wirklichkeit schmarotzende Berufskriminelle mit locker sitzenden Hieb- und Stichwaffen waren, materiell eingestellte Söldner, mit denen sich jeder beliebige Bürger- und Nachbarschaftskrieg vom Zaun brechen ließ, als könne man mit Zeitarbeit seine Mordbuben aufstocken. Kriegerische Gewalt plus dürftige Quellenlage, dies ist nicht mehr als das Paradies der Romantiker, auch solcher, die im national verschwiemelten Delir hollywoodesken Monumentaltalmi aus dem Hirn häkeln. Feucht-völkisch wanzt sich eine brägenbewölkte Schicht an den historischen Befund, schreckt aber schon beim Menschenbild jäh zurück. Aus gutem Grund trug man seinerzeit nur Vornamen, damit der Exitus eines Sippenkaspers nicht die ganze Ordnung in Unordnung brachte. Natürlich gab es ein Leben vor dem Tod, es interessierte aber keinen.

Wer dem Minnegeträller folgt, kommt alsbald in der grausamen Realität an, wo Kinderehe samt Vergewaltigung Schutzbefohlener – für die Retter des christlichen Abendlandes bekanntlich nur im Nahen Osten als Exportschlager entwickelt – an der Tagesordnung waren, ebenso die regelmäßige Zerstörung abhängiger Landleute, wo man doch durch Zehnten und illegale Strafsteuern den Wirt viel besser am Leben hätte halten können. Die Leute klotzten sich Dome in den Vorgärten, aber keine Untertaneninitiativen demonstrierten wegen der anhaltenden Geräuschbelästigung durch Krane und Geläut. Aber die Welt war einfacher ohne diese ständig geforderte Individualität. Es gab keinen Staat, und wenn, war er bloß eine nette Idee ohne Konsequenzen. Jeden Moment konnte in der von Geister- und Dämonenglaube grundierten Welt doch ein Monster aus finsteren Gassen eines verwinkelt in den Wald wuchernden Metropölchens knurren und alle Albträume Wirklichkeit werden lassen. Wir wissen es heute besser, und es tut uns nicht mehr gut. Die tollkühnen Reiter in ihren scheppernden Blechbüchsen erledigten sich endgültig mit dem Feudalsystem, das bis heute seine Anwesenheit in den Raum stellt. Die Postmoderne hat da nicht viel zu bieten. Bis auf den Schnaps.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIX): Das Erlebnisgeschenk

14 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicher mangelte es Ugas Weib entscheidend an der nötigen Kreativität. Nun feierte man seinerzeit eher selten tagesgenaue Geburtsdaten, doch konnte an Mondphasen und Sonnenstand einigermaßen gut nachvollzogen werden, wer wie alt war – nebenbei auch, wer noch wie lange bis zum Übergang in die ruhende Materie hatte, aber das ist eine andere Geschichte – und dies zog die entscheidende Frage für Sippe und Nachbarschaft nach sich: was gibt man jemandem, der angesichts epochaltypischer Güterknappheit eh schon alles hat? Die dritte Kette mit Eberzähnen? Noch einen Speer aus Hartholz mit bastumsponnenem Griff für die ergonomische Jagd? Pilze zum Lustigsein? Sie gaben sich redliche Mühe, allein es gelang ihnen nichts. Da hatte die Gattin den entscheidenden Gedanken: er allein sollte das Säbelzahnnashorn umnieten mit der alten Axt, am besten zum Wochenende hin, wenn eh alle in Grillfeststimmung waren. Die Sache sollte dann zwar schiefgehen – es gab Überlebende, allerdings nur in Gestalt des Säbelzahnnashorns – aber die Sache mit dem Erlebnisgeschenk war an sich gar nicht mal so schlecht.

Schließlich hatte man es dem stolpernden Typen mit der schartigen Machete angesehen, dass die Jagd ihm sichtlich Freude bereitet hatte, eine starke Erfahrung, die er mit der brutalen Wirklichkeit machen durfte, möglicherweise weniger schön als erwartet, auch nicht so romantisch-heroisch, wie es die alten Geschichten vor sich hin schwiemelten, blutiger, hier und da mit mehr Infektionen, Schmerz und splitterndem Gebälk verbunden, und sicher gab erst dies dem Manne das Gefühl, etwas empfunden zu haben. Wer sich Auge in Auge mit schnaubender Bestie sah, halb hilflos, halb heldenhaft, der erst kann wahrlich ermessen, wie der Eigenrausch der internen Botenstoffe die Synapsen ausknipst, herb und herzlich, dreckig und laut.

Vor allem dieses betreibt der maskuline Mensch – wer sonst sollte sich dieses Kindergekasper sonst wünschen – meist mit maschineller Unterstützung, bis der Gerichtsmediziner kommt, knatternd und selten niveauvoll, dabei doch erwartbar originell im Abgang, immer noch das Kinn voran, ob auf dem Bagger durch den Kies oder mit dem Kinn voran am Gleitschirm erst der Navigation folgend und dann dem Wuchs des Spannbetons. Die Nachfahren des Höhlenmenschen wollen partout von Sachen herunterhüpfen, über die Ebene brettern, Schneisen in die Flora kratzen oder einmal, einmal dem viel größeren Honk eine aufs Nasenbein zimmern. Wie sonst wäre der Gang der Zivilisation zu erklären, würde man ihnen Malen nach Zahlen, gewaltfreie Zivilistenküche oder achtsames Atmen beibringen. Die üblichen Kindheitsträume wie Lokfahren oder Mondlandung scheinen nicht mehr zu ziehen, das moderne Gegenstück, etwa die Fahrt auf den Wasserwerfer durch die Belegschaft der streikenden Fabrikarbeiter, bietet nicht den erwünschten Daseinsgenuss. Der Aspekt des Scheiterns ist nicht ausreichend repräsentiert, wiewohl er doch allem innewohnt, nur eben im Geschenk guckt ihm der Realitätsflüchtling nicht ins offene Maul. Zu gerne erlebt er den Tag als heizender Held, an dem man die Landschaft vorbeizieht – le sujet, c’est moi.

Dabei böte sich doch an, das Leben der jeweils anderen den Neugierigen als Abenteuer anzubieten. Wie schön, wüsche der geneigte Mann der Tat einen Tag lang Fäkalientags von innen, statt sich mit Steuerrecht zu beschäftigen, kletterte auf Windkraftanlagen oder stünde als Gemüseputzer tief im Bauch des torkelnden Passagierschiffs, ein Zwiebelspartakus, der noch höchst real davon träumte, nach der nächsten Schicht in den Sack zu hauen und sich die große Freiheit zu nehmen. Der wohlige Schauer der Erinnerung an den Adrenalinschub wird für den Rest des Lebens bleiben, ein entscheidender Einschnitt in der Vita der dekadenten Wohlstandsgören, denen es nicht mehr reicht, am Gummibändsel aus dem Helikopter zu baumeln, um sich die Pickel an der Skyline von Bad Salzuflen zu zerschmirgeln. Sie wollen mehr, und sie bekommen es, denn sie haben dafür gezahlt.

Eine neue Sklavenschicht hockt in den Gulags der Eventagenturen. Sie denken sich immer neue Höhepunkte aus, mit denen die Weichstapler ihre Existenzen zur Biografie umstricken können. Terroralarm in der Toskana, im Maserati durch Marokko, mit Doktor Kimble durch das wilde Kurdistan, Harry holt schon mal den Panzer und macht möglich, was bisher an der funktionierenden Impulskontrolle gescheitert war. Ist dies der Garant, dass nicht täglich Verstörte mit dem Sturmgewehr durch den Bundestag stolpern, dann haben die ereignisorientierten Stressoren dieser Gesellschaft schon einen großen Dienst erwiesen. Vielleicht klonen sie demnächst vorsintflutliches Getier, der spontanevolutionäre Schub wäre nicht zu verachten. Und wie träte man besser von der Bildfläche ab als mit dem Gesichtsausdruck der ultimativen Überraschung. So glücklich sind wir heute, aber das haben doch die wenigsten gehabt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXVIII): Die Unterwerfung

7 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner erinnert sich an Pumpelbert Ohnekinn, die verkommene Letztgeburt Knødebrehts von Olpe-Bitterfeld, mit dessen spektakulärem Ableben das Geschlecht der Westerwälder endgültig seine lästige Existenz drangab. Der vormalige Herzog von Flundern hatte sich einen Namen gemacht als führender Blödkolben der von den Langobarden geduldeten Heckenpenner zwischen Burgund und westgotischer Tiefebene, sein historisches Unglück in der Suppenschüssel aber kümmert bis heute weder Fachwelt noch interessierte Laien, wiewohl der Tage später in braunsaurer Tunke dümpelnde Fürst bis heute als unförmig aufgedunsener Fleck das Wappen der Pumpeliden ziert, ein gestümmelter Geck mit ohne Gesicht. Dass eins seiner gedächte, passiert nur, wenn die vorherrschende Eigenschaft dieser Knalltüte zur Sprache kommt: die Diener auf Knien rutschend unter plärrenden Entschuldigungen das Frühstück servieren zu lassen, allzeit bereit, ihnen das Zepter über die Rübe zu ziehen, damit er sich über die Milchflecken auf der Auslegeware echauffieren könne. So war denn auch keiner sehr überrascht, dass sich der Monarch die Kehle mit dem Bratenmesser durchgesägt hatte, bevor er mit gefesselten Griffeln in die Brühe hüpfte. Personal ist nun mal Vertrauenssache.

Inzwischen sind es die Bäckereifachverkäuferin, der Taxifahrer und die Telefonterrorfachkraft an der Hotline, die sich mit Sehr gerne und ähnlichen Schleimabsonderungen für die Bestellung eines Schnittbrötchens, die notwendige Aufnahme der Kundennummer oder rechtzeitiges Bremsen in Ampelnähe bedanken, was gleichzeitig als passiver Widerstand gegen das verhasste Berufsbild und als aggressiver Akt zu sehen ist gegen die Nonchalance des Kunden, der einfach nur eine Schrippe oder am Hauptbahnhof aussteigen will. Kein Mietkutscher macht das übermäßig gerne, und der, der nachts im Nieselregen vor der Domplatte auf den letzten Zug aus Bad Salzdetfurth wartet, tut es nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern im klebrigen Konkurrenzkampf gegen die anderen Chauffeure, die nur tagsüber und zuschlagfrei fahren. Hör zu, sagt die erzwungene Unterwürfigkeit, ich mache diesen Scheißjob, weil ich nicht anders kann, dabei rutsche ich auf dem Teppich herum, muss jederzeit damit rechnen, dass ich die Plempe in den Flokati pladdere, und die zahlenden Bumsköpfe machen die Angelegenheit auch nicht leichter. Das dusselig um sich wuchernde Gefloskel, bitte gern, bitte gleich, es hat aus dem herrschaftsfreien Diskurs der nach Krieg und Zerstörung erwachsenen Gesellschaft endlich wieder jene Zwangshandlung von Ichlingen im Konkurrenzdruck gemacht, wo jeder seinen Job hasst wie die Kunden und die Kunden wie seinen Job. Mit der komplett verschwiemelten Gefälligkeit erbricht sich auch ihr Gegenteil in Richtung Konsument, der nur spärlich kaschierte Hass.

Warum sollte der Normalarbeitnehmer plötzlich mit ausufernder Penetranz das Joch herrschender Verbraucherwünsche als Zeichen innerer Freiheit feiern? Brezelt der Semmelhändler dem Besteller aus Prinzip einen Sack Küsschen ins Kreuz? oder braucht er die Karmapunkte, um in der nächsten Runde als Etagenkellner die Liebedienerei als Kunstform zu perfektionieren? Mitnichten. Wie in psychotischer Angstlähmung buhlt der Ladner um ein mildes Lächeln, das ihn vor dem Fallbeil zu schützen scheint, wenn beim Jüngsten Gericht der Patron die Anstellung beendet oder verlängert. Nicht der Besteller, der sich freuen sollte, dass man ihm am Sonntag vor acht mit zwei Mohn, zwei Sesam plus halbwegs frischen Rosinenschnecken die Stoffwechselsituation verbessert, der Bäcker hat die Gnade des Herrn zu preisen, dass er seinen Job lieben darf, während König Kunde, der in den Zeitläuften rasch verdrängte Flusenlutscher, der kommt und auch wieder gehen wird, sein Regiment mit Dummheit und Willkür aufrecht erhält, dafür noch Beifall erwartet und die unverbindliche Larmoyanz der Ellenbogengesellschaft.

Professionelle Liebe ist ebendies und auf den ersten Blick erkennbar, jene unpersönlich und ad hoc angeknipste Lächelkonserve, mit der Fisch und Urne, Seife und Knarre über den Tresen wandern. Danke, säuselt das Mädchen im gestreiften Zwirn, dass Sie sich für Rotz & Söhne entschieden haben, schönen Tag noch, beehren Sie uns bald wieder, möge die Erde Ihnen leicht sein. Alles ist gut, sie hat alles getan, weil sie weiß, dass sie in dieser völlig verdübelten Arbeitswelt für jeden Fehler selbst verantwortlich ist und also verantwortlich gemacht werden wird, und hat sie keinen Fehler gemacht, dann wird ihr willenloses Gewimmer eben zum Fehlverhalten deklariert, um sie besser zu steuern, vulgo: sie leichter vor die Tür setzen zu können, wenn sie zu teuer wird, zu alt, whatever. So wird sie zur perfektionierten Overachieverin, ein grinsdebiles Bündel Angst auf der Rutschbahn zum Burnout, innerlich bereits kurz und klein gefaltet, wie in einer paradoxen Reaktion auf die eigene Zombieexistenz. Es gibt keinen Weg, dass sie dem Kunden gleich beim Betreten des Ladens aufs Maul hauen könnte, weil er mutmaßlich nicht passend zahlt. Abgesehen von Berlin.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXVII): Wunderernährung

30 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da hatte Rrt wieder einen seiner tollen Einfälle: die rotblauen Früchte des Hier-sag-mal-Dings-Baums im reifen Zustand reinpfeifen, um sich gegen Gelenkbeschwerden und degenerative Erscheinungen der Muskulatur zu wappnen. Zwei bis drei Hände voll empfahl er seinen Jägern, denen binnen kurzer Zeit die Augen aus den Höhle treten, die Schleimhäute jodelten dazu und der Kreislauf pegelte sich auf Null ein. Hätte man das Zeug nach dem Kochen gleichmäßig auf den Ellenbogen verteilt, die Wirkung hätte keinen gekümmert, der Zauber wäre von Generation zu Generation weitergereicht und als bald in den Rang einer Weisheit aufgerückt worden. Vielleicht hätte man damit die Homöopathie ein paar Jahrtausende früher entdeckt, ausprobiert und als bekloppt in die Tonne getreten, jedenfalls widmeten sich der Beere ganze Schulen von Naturheilkundlern, ohne Erfolg, aber das ist eine andere Geschichte. Der Brauch der rotblauen Frucht blieb, dass man erst würgte, dann geschah lange nichts, und dann musste man daran glauben. Es gedieh die Ergebenheit der wundersamen Ernährung, der quasireligiöse Wahn, sich glaubensfest zu ernähren.

Letztlich ist das Wunderfutter nichts als eine in die üblichen Marketingschubladen gepresste Idee, dass man auch aus minderwertigem Mist mit der passenden Verpackung Hochfeinkost schwiemeln kann, wo es dem Verbraucher nur an Hirnrinde mangelt. Mit Trallala wird der Kulturheidelbeere, Stammgast im Supermarkt, die Wunderwirkung der Antioxidantien nachgesagt, die Gedächtnisschwund und Krebs bekämpfen, so es ihnen gerade in den Kram passt. Dass die Wirkung unter abgezirkelten Laborbedingungen auftaucht und dann auch nur in einer minder signifikanten Zielgruppe, dass die Substanz auch im gemeinen Teebeutel vorkommt und dort in erhöhter Dosis, das aber lässt die Verkaufsabteilung magischer Produkte krachend unter den Tisch fallen. Die Zuhandenheit des Stoffs an sich ist die Sorge, ob man sich die Sache nun hinters Zäpfchen pfropft oder doch in die Blutbahn drückt, ist für den Dussel an der Ladentheke nicht so das Problem. Wer sich den Schmodder in den Drahtkorb hebeln kann, hat scheint’s eine Runde im Rattenrennen gewonnen.

Lustig, wie sich die Dinkelmuttis im braungrau gekachelten Szenebezirke ihre jutebesetzten Beutel mit dreimal um den Erdball geflogenen Gekrümel aufschaufeln, wo doch zusammengefegter Müll aus der Mühle ihrem Ökowahn die heiligen Scheine auf der Birne festgeschraubt hätten. Wer der ewigen Wahrheit dient, nur die dritte Welt – jene Zonen, denen der Scheißeuropäer im Kolonialwahn die letzten Körner geklaut hat – wäre bevölkert von edlen Wilden, die kapitalismusfrei die Samen der Vergangenheit dem Massa mit weißer Haut zur Verfügung stellen, der hat auch ein ungebrochenes Verhältnis zu Weihnachtsmann und FIFA. Sicher ist nur der Mangel an Sojamilch und toskanischen Nüssen daran schuld, dass in Afrika Infektionen nicht nach fünf Tagen Ayurveda verschwinden, immer vorausgesetzt, man ist nicht geimpft. Die Zurück-zu-den-Wurzel-Rassen, die Namen tanzen, wenn es nicht anders geht, die Abernazis, sie sind halt immer ein bisschen froh über kulturelle Aneignung, dass das Wissen der Neger nicht im Dustern verschwindet, wenn der Busch irgendwann verkokelt ist.

Das Denkmuster vegetiert unweit der magischen Realitätserzeugung, in denen die Eingeweide des Stiers mit Eigenschaften des brüllenden Boviden aufgeladen waren: kau die Samen des Grases, wo der Hirsch seinen Seich lässt, und alsbald wächst dem suggestiv befriedigten Hominiden das Geweih an einer beliebigen Stelle des Körpers, wahlweise durch Übernahme der Funktionen sublimiert oder in Größe übertragen. Ist der Baum hoch, schmeckt der Fruchtstand scheiße, so taugt der Krempel immer noch zum Abbau von Depressionen, Plattfuß und Hautschorf, denn wer würde sich nach einer Episode in der Neuropsychiatrie noch über die mehlige Konsistenz des Stielmatschs beschweren. Wie inverse Nahrungstabus, so lädt der Volksglaube das Ding mit Wunsch und Erfüllung auf, in der postmaterialistischen Gesellschaft wahlweise als naturimmanente Urkraft oder verschüttetes Wissen der guten alten Zeiten überhöht. Schließlich gerinnt der Körnerkonsum zum puren Lifestylegeschäft, was den Preis im Einzelhandel erzeugt, mit dem sich Leinsamen und Roggenschrot vom Abfall zur esoterischen Masse distinguieren. Mit etwas Glück werden wieder Apfel und Ei dank ihrer Gestalt zum liebeserzeugenden Zubehör, was der Landwirtschaft hülfe, sich gegen Chia und andere Exoten zu wappnen. Man kann die Welt ja ruhig bescheißen, sie will’s auch. Nur Mühe muss man sich gegeben, und wer wäre kreativer als die unerschöpfliche Mutter Natur.