Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXV): Der Krieg gegen Drogen

31 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Prohibition war ein großer Erfolg. Keiner hatte mehr Zugang zu alkoholhaltigen Getränken, nur noch die, die es wirklich wollten. Während sich das Verbrechertum in den Metropolen allmählich zu professionalisieren begann und sein Business mit Gewalt durchsetzte, starben immer mehr harmlose Säufer an Billigfusel, vergälltem Sprit und Hinterhofplempe. Besser scheiterte nur der Krieg gegen Drogen.

Wüste Geschichten kursierten damals in den Gepeinigten Staaten: Afroamerikaner, Latinos und Mexikaner würden im berauschten Zustand über die weiße Frau herfallen, ein Muster, das noch heute von dementen Drecksäcken in Führungsposition für alles benutzt wird, was man sich auf Adderall aus der Hirnrinde rotzt. Weiße, so das Märchen, würden durch Hanfrauchen wahnsinnig und suizidal. Nach einem Zwischenspiel, in dem ein paar Millionen Soldaten auf Panzerschokolade die halbe Welt in Schutt und Asche legten, waren den die Schuldigen schnell gefunden. Linke Pazifisten und Schwarze, die sich kein Meth reinpfeifen wollten, um Vietnam in die Steinzeit zu ballern, mussten so schnell wie möglich diskreditiert werden. Dass von Adenauer bis Kennedy das politische Establishment weiter fleißig Speed schmiss – geschenkt.

Die Auswirkungen auf die Gesellschaft der großen Wirtschaftsnationen waren nie wirklich ein Geheimnis, mehr noch: die Gesetze des Marktes funktionieren geradezu vorbildhaft da, wo sie gar nicht funktionieren sollen. Die Nachfrage bleibt, da man den Drogenkonsum nicht einfach durch eine rationale Verbraucheransprache wegsteuern kann, denn Sucht (falls man partout pathologisieren will) ist eben kein unabhängig von anderen Stellgrößen kontrollierbares Phänomen; sogenannte legale Drogen wie Alkohol oder Nikotin fördern lediglich die kognitive Dissonanz, dass Missbrauch nur da vorliegt, wo eine Regierung sich im Kopfschrott der Ideologie verrennt. Weicht der Kunde auf potentere Produkte aus, steigt auch bei sinkendem Angebot der Preis, Herstellung und Vertrieb von allerhand Betäubungsmitteln wird ein attraktives Geschäft, und wie in der Prohibition weniger Wein und Bier, dafür aber mehr Schnaps erzeugt wurde, da mit raumsparend lager- und transportfähigem Alkohol die Marge optimiert werden kann, so füllen auch Designerdrogen aus dem Baukasten schnell und einfach die Kassen der Kartelle. Volkswirtschaft ist kein Hexenwerk. Wer hätte das ahnen können?

Die Erkenntnis, dass Korruption nicht nur auf Entwicklungsländer beschränkt ist, in denen Mohn und Coca kultiviert werden, ist ebenso neu. Keiner hätte für möglich gehalten, dass sie eine lukrativere Einnahmequelle als Sweatshops wäre oder als der Polizeidienst. Exakt so bekommt Gewaltherrschaft ein stabiles Fundament, allerdings nur da, wo die Industrienationen sie dulden. Die Gewalt in der eigenen Nachbarschaft übernehmen die Gangs, die Kriminalisierung und soziale Ächtung formten, da die Minderheiten eh zum Abschuss freigegeben worden waren. Natürlich schwiemelt sich das auch hier noch eine scheinbar wasserfeste Welterklärung zurecht, dass die ausgegrenzte Unterschicht ja mit dem Drogenkonsum schon angefangen hatte, als der rechtschaffene Herrschaftsapparat seinen Krieg noch nicht erklären wollte. Mit der Stigmatisierung und Kriminalisierung der verhassten Segmente wird der Prozess zum Perpetuum mobile und zum Ideal eines jeden Krieges, der sich selbst und damit die ernährt, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen, als andere zu unterdrücken und zu vernichten.

Der angenehme Nebeneffekt, der ökonomisch vor allem der Oberschicht zugutekommt, ist die Gefängnisindustrie, die absurd hohe Haftstrafen für Bagatelldelikte und den sicheren Nachschub an Delinquenten als gute Grundlage für den Reibach feiern. Was die Wirtschaft doppelt schädigt, die Stilllegung hunderttausender Arbeitskräfte bei hirnverbrannten Kosten, unterfüttert dann auch die rassistischen Vorurteile einer Politik, die Schwarze wegen ihrer Haftkarriere deklassiert, während der Drogenkonsum unter Weißen weiter verbreitet ist und von ihnen gesteuert wird. Das wird die Law-and-Order-Bullen in den Entwicklungsländern nicht kratzen, sie kopieren ungeniert die Gewalt der weißen Anführer, nur noch gewaltsamer. Da die Knäste in Kuala Lumpur nicht ganz so sauber sind wie eine JVA in Japan, gleitet das Verfahren oft in Menschenrechtsverletzungen ab, in Säuberungen, Hinrichtungsorgien und Schutzgelderpressung, um das nackte Leben zu retten. Der Mensch ist schlecht und verdient nichts Gutes. Wenigstens das kann man den Militärdiktaturen sofort glauben.

Natürlich könnte man den Markt austrocknen, indem man die Verbote aufhebt, die Konsumenten sozial betreut, den Stoff einer Qualitätskontrolle unterwirft, ihn hoheitlich abgibt und besteuert. So, wie man in einer ohnehin fragilen Wirtschaft auch die Existenz der Bevölkerung durch die Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens sichern könnte. Aber der schöne Krieg an allen Fronten, um die verdammten Minderheiten, die in der Summe eine Mehrheit sind, um sie alle zu knechten – denkt denn keiner an den schönen Krieg?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXIV): Mobbing

24 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man kann dem Sozialverhalten der Primaten vor der amtlichen Feststellung einer eigenen Art nicht viel vorwerfen, es sei denn, dass unsere Spezies die blinkenden, hupenden, pavianarschroten Zeichen nicht intellektuell verarbeitet hätte. Die Primaten, die auf anderen Kontinenten ein geruhsames Leben führen könnten, würden ihnen nicht Festlandaffen in Polyesteranzügen das Leben schwer machen, die sich mit allerlei Biomasse den Leib behängen, sind nicht so ruinös für die Umwelt, wie man für Gold und Silber Kinder bräuchte. Sie bollern nicht im SUV durch die Natur, wo es keine gibt. Und was die Konkurrenz der anderen Affen angeht, das wird gnadenlos ausgesessen. Wie gut, dass wir Mobbing nicht mehr als Rückfall in längst überwunden geglaubte Entwicklungsstufen ansehen.

Wobei es genau so ist: die Menge an (je nachdem) Federvieh oder Schuppentieren sieht den Fressfeind am Rande des Territoriums erscheinen und startet den großen Aufstand, sobald sich eine der böswilligen Kreaturen blicken lässt. Dass sich die konzertierte Aktion rentiert, wird durch mehrere Kleinigkeiten konterkariert. Am Ende bleibt das Bild des honkenden Geflügels, wie es sich kein Wahlkampfeinpeitscher schöner würde wünschen können.

Die menschliche Gesellschaft, wenn es denn eine solche überhaupt geben sollte, plant langfristig und überlegt, welche Erschütterungen sie dem System überhaupt zumuten kann. Selten sind es die Grundfesten der sozialen Verschwiemelung, die in Generationen und Generationen der Evolution zu einem Zement der Undurchdringlichkeit geraten sind. Ihr Bestehen ist die Wunschvorstellung, wie sie den privilegierten Klopsen vor dem Christfest durch die Birne geistert, aber das war’s dann auch schon. Beton ist ihre Religion. Aber es gibt nicht ohne Grund Erdbeben. Das Verhaltensmuster aus dem Tierreich zeigt zunächst, dass sich eine ganze Horde disparater Feuchtbeutler angegriffen fühlt, vollkommen unabhängig, warum. Wahrscheinlich hat ein einzelnes Individuum schräg geguckt, was in den Abendnachrichten für eine Schlägerreich ausreicht, und ab einer genügend großen Menge denken dann die Flattertiere an Umvolkung, weil ihnen das der Albatros aus den USA so erzählt hat.

Aber das Repertoire des Primaten ist nicht mit Frontzahnshow erschöpft. Sobald ein Schimpanse die stellvertretende Leitung der Buchhaltung in der Bananengroßhandlung innehat, sieht die Sache natürlich gleich ganz anders aus. Hier zählt nur die Kompetenz, die von den jüngsten gleich in Frage gestellt wird, sekundiert von den älteren, um die Fronten klar zu ziehen: wir und die. Es bedarf keiner anderen Marker.

Und schon heult die Sirene. Die alten Säcke (wahlweise: die Kinder, Hausfrauen, you name it) dürfen noch viel mehr und werden dafür auch noch bezahlt. Die ungleichen Machtverhältnisse geraten ins Tanzen, und das ist der Punkt. Denn sämtliche Mechanismen – der erledigt seine Arbeit nicht, der ist zu faul, die ist zu fleißig, die ist zu wenig krank – dienen nur der Analyse, wer für eine Treibjagd dient, um die Schwachstellen der Firma oder gleich der Gesellschaft an die lässig verputzte Wand zu werfen. Man kann nichts den anderen überlassen. Entscheidend ist nur, dass sich erst im Laufe der Entwicklung die wirkliche Trennlinie zwischen Tätern und Opfern zeigt, wie sie die miserable Organisation oder die schlechte Bildung der Teilnehmer zeigen. Natürlich sind regelmäßig auch die unbalancierten Regelverhältnisse schuld – es kommt vor, dass Frauen Männern sagen dürfen, was sie zu tun haben – wozu soll man die Opfer der sozialen Ungerechtigkeit mehr als genug betonen? Nachdem es in der Schule genügend brachiale Möglichkeiten gibt, Othering durch hirnlose Kommunikation durchzusetzen, bricht sich das Gemobbe auch in der Arbeitswelt Bahn, will sagen: vom Leben lernen wir, und zwar größtenteils, dass unsere Mitprimaten dümmliche Grützbirnen sind, mit denen sich keine vernünftige Diskussion lohnt. Die Konditionierung beginnt früher, alles fügt sich notfalls knirschend in die Bahnen einer kognitiven Stromlinie, die irgendwo endet, auch wenn wir in seltenen Fällen wirklich wissen, wo.

Konfliktlösungen werden von Therapeuten angemahnt, wo die psychologischen Handwerker sich in der Auslegeware verstecken. Das mag lustig klingen, ist es aber nicht, denn sonst ginge ihnen ein gehegtes Kulturgut durch die Lappen, die allerseits gepflegte Attitüde, den Nachwuchs für degeneriert zu halten, auch wenn man ihn selbst aufgezogen hat. Diskriminierung ist okay, an den Rest haben wir uns gewöhnt, aber wie finden wir jetzt den Weg, dass der böse Ausländer daran schuld ist?





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXIII): Der Zug der Idioten

17 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man kann ihnen viel vorwerfen, aber im Wesentlichen blieben sie sich immer treu. Oder wie sonst sollte man es nennen, dass Ugas Sippe immer wieder trockenes Holz in der Nähe des gemütlichen Feuers innerhalb der Höhle aufbewahrte, das nur zu schnell in Flammen aufging und für ein bisschen Bequemlichkeit die komplette Behausung samt des Nachwuchses abfackelte. Zur Steigerung der Ernte griff der Hominide nicht nur zur sattsam bekannten Buntbeere, sondern klaubte auch allerhand Zeugs am Wegesrand ab, woraufhin der Kalorienbedarf für die dezimierte Familie sich messbar senkte. Ganz ohne Furcht nutzte die Bande auch den Weg am westlichen Hang, der nach starken Regengüssen munter bröckelte und den freien Fall in die sanften Täler freigab – Gleitschirmflieger wissen diese Landschaft noch heute zu schätzen, haben aber die weniger harte Landung. Sie sehen das Verderben, aber sie halten die kausalen Zusammenhänge für Singularitäten. Jedes mal wieder, vor der Erfindung der Sprache und bis in die Gegenwart. Der Zug der Idioten marschiert ungehindert durch die Zeit.

Der Energieaufwand, mit dem reale Gefahren abgewendet werden könnten, wird fleißig genutzt, genau die Gefahren zu ignorieren, und dann, wenn sie augenscheinlich vor allen stehen, sie weiterhin zu leugnen. Dies scheint das Grundproblem der Erkenntnistheorie, mit den Schimmelhirnen der bereits verbrauchten Generation in die Jetztzeit zu wanken in der steten Hoffnung, dass sich durch Zufall die Naturgesetze verändert haben. Natürlich ist der Mensch Risiken ausgesetzt, siedelt er doch von alters her in so frucht- wie furchtbarer Nähe der Vulkane, die ihn fördern und auslöschen. Allein der arttypische Intellekt und seine intermittierende Lernfähigkeit sorgen dafür, dass er auch alternative Möglichkeiten in Betracht zieht. Aber nicht immer.

Ein Musterbeispiel für die verschwiemelten Vorstellungen von Unterkomplexität ist das stetige Hereinfallen auf die Denkmuster des Faschismus in Gestalt einer fälschlicherweise als konservativ verstandenen Gesellschaftsentwicklung. Reichlich Bauernschläue und einäugiger Zweckoptimismus helfen dem Nappel, noch letzte Rest von Geist zu plätten, und schon geht der Ritt wieder los, wie er immer schon aussah: sein Plan, die Vorteile des Totalitarismus ausnutzen wollen, ohne aber seine tödlichen Gefahren in Kauf nehmen zu müssen, geht erwartungsgemäß schief und endet in einer Katastrophe, die es nach hastigen Berechnungen der Berater gar nicht hätte geben dürfen, worauf ein paar Exorzisten den Schutt beseitigen und sich auf die nächste Runde freuen.

Das Verschieben von Gefahren auf vermeintlich beherrschbare Lösungen birgt den großen Fehler, dass damit meist ein früher Zustand vor der Havarie gemeint ist, als könne man einen Tsunami mit zehn Minuten mehr Zeit zum Fliehen noch ungeschehen machen. Idioten erkennen nicht, wann Kipppunkte erreicht sind und was diese für die Entwicklung bedeuten. Als ob vorsichtiges Vorantasten ganz am Rande des Strudels Schutz brächte, entwickeln die Bescheuerten eine Art von Gottvertrauen, die an Realitätsallergie auf klinischem Niveau grenzt. Dazu entwickelt gerade die populistische Schicht, für die noch immer alles gut ausging – meist war sie erst nach dem letzten Desaster geboren oder gar nicht von einem großen Unglück betroffen – eine Verachtung der Gelehrten, die ihresgleichen sucht. Es muss eine kognitive Verzerrung geben, die den sattsam bekannten Dunning-Kruger-Effekt weit hinter sich lässt und die Stars der Bräsigkeitsliga zu Meinungsführern macht, deren Dämlichkeit die ganze Gesellschaft an die Wand fahren lässt. Der Zug der Idioten klingelt an jeder Tür, und er findet jede Menge Gefolgschaft.

Diese kollektive Fehlleistung lässt sich mühelos auf viele andere Dummheiten übertragen. Solange die Einkaufszentren und Freizeitparks noch nicht abgesoffen sind, dieseln wir beschwingt über die Autobahn. Wenn noch keiner in der Familie sein pandemiebedingtes Frühableben zelebriert hat, muss man Freizeitparks und Einkaufszentren auch nicht mit Stofflappen vor dem Gesichtsübungsfeld betreten. Die Deppenpolonäse wälzt sich behäbig durch die von Passivität geprägte Zusammenrottung der Zufallsgeburten, denen alles außerhalb ihres Körpers sowieso gleichgültig scheint, es sei denn, sie hätten dafür bezahlt.

Eine gewisse Meisterschaft hat der Mensch darin erworben, seine Art vor den bizarrsten Folgen gemeinsam praktizierter Torheit zu schützen, indem er eine Reihe bemerkenswert primitiver Knalltüten in herausgehobene Stellungen wählt, um mit ihnen auch gleich den geistigen Dreckrand der Spezies aus der Inkarnation zu kärchern. Bei konstanter Gründlichkeit könnte das gelingen, doch mangelt es vielen Teilnehmern am Populationsexperiment an der erforderlichen Kooperationsbereitschaft, von der Fähigkeit zur Mitarbeit ganz zu schweigen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich diese Spezies in einem Arbeitsgang komplett selbst beseitigt, alle Voraussetzungen dazu sind optimal erfüllt und das Procedere ist lückenlos dokumentiert. Was man uns auch vorwirft, darin bleiben wir uns treu.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXII): Der angebliche Widerstand

10 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann hatte die vierte Höhle links, in der ein durchgeknallter Schwippschwager von Rrt mit zwei Frauen, zwei Ziegen – die Unterscheidung fiel nur bei gutem Wetter leicht – und jeder Menge Nachkommenschaft hauste, ein unschönes Erlebnis mit der Erschütterung durch die Macht. Wer den Häuptling nervte, wurde je nach Vergehen und Anzahl der Wiederholungen abgestraft, und wie es der historische Entwicklungsstand wollte, hatte man mit schnell nachweisbaren Eigentumsdelikten keine guten Chancen. Rrt fand Gnade; für die leihweise Aneignung eines Kriegsbeils ballerte man ihm eine rein, nach dem Entwenden einer für die ganze Sippe bestimmten Säbelzahnziege zum Eigenverbrauch ließ dann der ganze Hofstaat die Fäuste fliegen. In gerade noch vernehmungsfähigem Zustand sprach Rrt von politischer Justiz, die nur auf die jeweils herrschenden Machtverhältnisse gegründet sei, und schwiemelte sich ordentlich Schmodder um das Widerstandsrecht zusammen, das allen Feinden der demokratisch gewählten Regierung zustehe, weil das nun mal so sei. Mehr ist über seinen Hinschied nicht bekannt. Warum auch.

Ganz davon abgesehen, dass die kognitive Grundausstattung des Hominiden sich seitdem nicht unbedingt verbessert hat, mangelt es der breiten Masse nach wie vor an Einsicht in die Gesellschaft, in der sie lebt, auch und vor allem bei den Formen, die sie durch politische Partizipation mitbestimmen kann, eigentlich auch mitbestimmen soll, dies aus Mangel an Interesse, vulgo: reiner Doofheit auch besser gleich lässt, wenn sie dafür nur einen prima Grund serviert bekommt, immer und überall die Klappe aufzureißen und herumzuplärren, weil sie sich nicht genügend im Mittelpunkt sieht. Bei den geringsten Einschränkungen im täglichen Verkehr sieht diese völlig verseifte Dummklumpenrotte das, was sie für ihre bürgerliche Freiheit hält, und das ist durch neoliberale Erziehung, Aufwuchs in der Umlaufbahn des Sozialentzugs sowie profunde Kenntnis alkoholischer Sättigungsbeilagen nicht die Vorstellung des Gesetzgebers.

Freiheit hält die Ichlingspest zuvörderst für die Freiheit derer, die anders denken, falls man ihnen Letzteres nicht klinisch absprechen kann. Rein aus pragmatischen Gesichtspunkten heraus ist also das Überqueren einer Straße bei rotem Licht ein Akt der Freiheit, weil sie sich nicht um sozial etablierte Regeln schert, und wird zum Widerstand, wenn der böse Bulle die Straßenverkehrsordnung durchsetzt. Selten schert sich der Hohlrabi um die Verfassung, nur hier sieht er Rechte, wo geistig Gesunde eher die Abwehr gegen den hochmütigen Staat meinen. Befiehlt die Staatsgewalt ergo durch Bundesgesetz den Schwachmaten, sich auf der Autobahn zügig zu trollen, statt beim Auffahrunfall Erinnerungsfotos zu schießen, reagiert das blasierte Gammelpack mit Kampfgekreisch, meist national berauscht und nie von Fakten beeindruckt.

Im Ammenmärchenbuch des Staatsrechts sind zahlreiche Geschichten, die viel Schrott im Schädel fordern, um einer narkosefreien Hirnverödung zu entfliehen. Für Zensur hält der gemeine Grützkopf, wenn er Mitglieder der Bundesregierung in der Kommentarabteilung eines privatwirtschaftlich betriebenen TV-Senders nicht mit Fäkalvokabular beleidigen darf, ohne dass seine linguistische Ausfallerscheinung im Kehricht verklappt wird. Als Meinungsfreiheit gilt ihm, dass er jeden Dreck in die Außenwelt absondert, ohne Widerspruch für die geistige Minderleistung abzukriegen. Brechreiz erzeugt seine Kasperade, wenn er sich die in die Tradition des Ungehorsams gegen die Hitlerei stellt und ohne Frontzahnkorrektur anprangern will, dass er seine degenerierte Dreckfresse für zehn Minuten am Tag mit einem Keuchlappen verdecken darf, um dem Restsouverän nicht ins Gesicht zu spucken. In bemerkenswerter Beklopptheit heult sich der ewige Knalldepp in die Opferrolle, um hernach nur vor den Bedrohungen des scheinbaren Rechtsstaates – Scharia, Frauenquote, Mülltrennung – zu beweisen, dass man ihnen den Schulabschluss aus Unlust ins Kreuz geschmissen hat.

Getreu des rechtsdelirierenden Mantras, jeder Behauptung zu widersprechen, die nie aufgestellt wurde, erfindet das eskalationsaffine Dummvolk je nach Bedarf neue Lügen, gerne auch als alternative Fakten in den Handel gebracht, und marschiert als Brüllmüll unter den Fahnen rechter Kirmespisser, die jedes noch so bescheuerte Schimmelhirn unter der Hetzparole nach Wahl aufstellen könnte: Doofe gegen Leitungswasser, Honks protestieren für mehr Cholera in den Grundschulen, Stumpfstullen im Namen der Herrchenrasse. Widerstand gegen den Konsens einer Gesellschaft, die sich oft auch in den strittigen Fällen durch Verfassungsgerichtsbarkeit selbst prüft, statt weimernden Fußhupen zuzuhören. Lustig nur, dass sie verkünden, in einer Diktatur zu leben, um dann unbehelligt nach Hause zu gehen, ohne dass die Geheimpolizei ihnen das Nasenbein in den Darmausgang massiert. Sie sollte Sophie Scholl mitschicken, ausgerüstet mit einem in Beton gegossenen Grundgesetz. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Schläge auf den Hinterkopf für Ruhe sorgen, wo sonst nichts hilft.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXI): Der Hamsterkauf

3 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ostern ist’s, Freudenfest für Christenheit und Einzelhandel, erkennbar an den Menschenmassen, die sich vom Parkplatz kommend in die Kaufhallen quetschen, einer uralten Tradition folgend, die da sagt: mehr als ein Tag ohne Nachschub bedeutet den sicheren Tod. So wird man mitgerissen von der schwankenden Woge, wer am Eingang Obst und Gemüse ohne Amputationsverletzungen überlebt, schrammt an den Backwaren vorbei und wird dann als unelastischer Stoß im Konservenrayon entsorgt. Die trainierte Menge aber, ausgerüstet mit allerlei Rüstungsgütern um den vernarbten Kadaver, hebelt palettenweise Magerquark in den Drahtkorb, einen Festmeter Zündhölzer und Feinwaschmittel für die Periode bis zur nächsten Eiszeit, dazu Alkoholika und Hygieneartikel, Schmier- und Olivenöl sowie Salzgebäck im Gegenwert des Rüstungsetats einer beliebigen afrikanischen Militärdiktatur. Ist es jene Vorstellung, möglichst viel nützliches Gut mit ins kühle Grab zu nehmen, wie Pharaonen, Wikinger und ihre Zeitgenossen es praktiziert haben? Wollen wir uns die verlängerte Zeit bis zum endgültigen Kollaps noch ein bisschen schönpreppen? Was ist der Sinn und warum tätigen wir Hamsterkäufe?

So nah liegt die Vorstellung, der Hominide als Jäger und Sammler habe jeden Fund zunächst wie ein Eichhörnchen versteckt und verborgen, dass sie nur falsch sein kann. Gerade der Wilde lebte von der Hand in den Mund, oft auch in Konkurrenz zur Umgebungsfauna, die in ihrem Artenreichtum toleranter war in Bezug auf Qualität und Frische. Ohne Konservierung, wenigstens Lagerhaltung, hatte der Häufungstrieb rein technisch keine Chance. Erst die Möglichkeit, an einem halbwegs voraussehbaren Tag die Ernte an Korn und Früchten einzufahren, auf dass sich der ansonsten denkunbegabte Nappel satt über den Winter bringe, machte ihm überhaupt die Notwendigkeit des Speicherns klar – und damit auch die Aussicht auf Besitz, wenn nicht gar auf Reichtum, noch bevor Geldwirtschaft den Tauschhandel besiegt hatte.

Dann aber kam der Krieg. Er muss sich tief ins Bewusstsein der Hohlrabis geschwiemelt haben, denn die Sorge vor dem jäh auftretenden Mangel an Kernseife und Mehrkornbrot vererbt sich von einer Generation zur nächsten. Ja die Enkel derer, die vor dem Führer in Deckung gingen, sie scheinen diese Furcht zu kennen: der Russe steht vor der Tür und wir haben kein Bohnerwachs im Haus. Dialektisch fein gesponnen, denn nach welchem Krieg genau das Volk Bärchenwurst und Dosenspargel in den Kofferraum stopfen musste, ist noch nicht geklärt. Die Angst und Unsicherheit, die andere weltliche Katastrophen nach sich ziehen, sie hingegen können wir nachvollziehen und wissen auch, dass wir den Einkauf dem Es überlassen, während das Über-Ich stöhnend den Kontostand zu ignorieren versucht.

Hätte Perfektionismus allein die krude Mixtur aus Toilettenpapier, Mehl und Hefe erzeugt, immer dessen eingedenk, dass so gut wie keins der Opfer in der Pandemiezeit vorher regelmäßig Brot buk und aufgerollter Zellstoff wenig geeignet scheint, vor der drohenden Seuche zu retten? Offenbar übt sich der gemeine Knalldepp lieber in kollektiven Übersprungshandlungen, da Angriff unmöglich und Flucht sinnlos ist – ein Verhalten, das auch Opfer einer Hirnrindenverödung auf Widerstandsdemos trieb, um gegen Viren anzuplärren und sich von den Naturgesetzen loszusagen. Intellektuelle Aufstocker gar rationalisieren ihre eigene Hilflosigkeit durch Verschwörungsideologien, um überhaupt etwas tun zu können. Wie der Frustkauf zur Aktivierung des limbischen Systems führt, halten sich die Zombies auf dem Synapsenfriedhof durch allerlei Leerlauf aus dem Repertoire der Normalität beweglich, was für den spätturbokapitalistischen Konsumkasper im Regelfall heißt: Shoppen, sonst kommt der Arzt.

Horten heißt, die Zeit aufhalten, wenn nicht gar zurückdrehen. Beschließt die EU, Glühlampen aus dem Verkehr zu ziehen oder Mentholzigaretten, so stopfen sich die Kalkschädel ganze Keller voll mit dem Zeug, ohne das eine Existenz möglich, aber nicht mehr menschenwürdig scheint. Irgendwann in ein paar Monaten und Jahren ist das ganze Zeug dann aufgequarzt, schmeckt nach Mumie oder tritt schlicht in molekular unerwünschte Zustände ein. Auch der Nebeneffekt, dass eines Hamsterkäufers Anblick Dutzende Hamsterkäufer erzeugt, wird von der Seppelmeute stoisch ignoriert, bis sie es dann bekämpfen; die selbsterfüllende Prophezeiung frisst ihre Kinder, solange sie noch welche findet. Aber immerhin hat der Bekloppte in Krisenzeiten dann einen Grund, seine Angst auf einem angemessenen Niveau zu halten, denn in einem Land, in dem ihm alle anderen die Nudeln streitig machen, kann er mit Fug und Recht die Märkte leer räumen, ohne in Vernunft zu verfallen.

Eine viel einfachere Erklärung existiert, um die wir aus Selbstschutz stets einen großen Bogen machen. Der sich zivilisiert gebende Mensch ist ein egoistischer Drecksack, der seinem Nächsten nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und ihm darum aus reiner Gehässigkeit das letzte Glas Pflaumenkompott vor der Nase wegkauft. Auch dann, wenn er Pflaumen hasst. Weil er es kann.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXX): Fleischverzehr

26 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als der Hominide selbst noch in artgerechter Bodenhaltung durch die Urwälder krauchte, sich von mobilen Eiweißquellen mühsam zu ernähren versuchte oder alles lutschte, was zwischen Baum und Borke zu finden war, da hatte er noch eine lange Reise vor sich, einerseits, was den Intellekt betraf, andererseits in Bezug auf seine körperlichen Fähigkeiten. Die Nahrung war so rar wie degoutant – der Begriff Schmetterlingssteak hatte eine vollkommen andere Bedeutung. Zudem nahm der Urmensch seine Mahlzeiten to go zu sich, es sei denn, er konnte das schmackhafte Fluchttier von der Notwendigkeit des Verweilens überzeugen, in manchen Fällen auch davon abhalten, seinen Jäger als Zwischenmahlzeit zu betrachten. Dazu brauchte es Geschick und Geschwindigkeit, für die dagegen Proteine förderlich waren; diese wiederum ergaben Schläue und Schmackes. Mehr oder weniger tote Tiere zu essen schien den Chefprimaten nachhaltig zu stärken. Es hätte so weitergehen können.

Doch irgendwann war’s der Jäger und Sammler wohl leid, von der Hand in den vorgewölbten Mund zu leben. Und wie er dem Keimen und Blühen der Gräser so zusah, die ersten Paarhufer zähmte und deren Milch als Sättigungsbeilage entdeckte, wuchs in ihm der Gedanke, statt Blätterdach und Höhle so etwas wie eine Behausung zu benutzen, wie ihm das ständige Umherziehen in fremder Umgebung zu ersparen wusste; nur manchmal noch blubbert der archaische Reflex wieder auf, wenn der moderne Honk auf der Bundesautobahn im Stau steckt und in einer gewaltigen Übersprungshandlung seinen Zorn gegen den Himmel brüllt. Auch wenn es noch keine Städte gab, der Sapiens konnte den Klimawandel vernünftig kompensieren. Er erfand das Brot, und er erfand das Bier. Alles war gut. Vorerst.

Es hätte auch dauerhaft so bleiben können, wäre nicht tierisches Eiweiß, das für Jahrtausende ein Luxusprodukt überwiegend für den aristokratischen Geltungskonsum bleiben sollte, irgendwann in die Mühle des Kapitalismus geraten. Dem Bauern hatte man noch jeden Sonntag sein Huhn im Topf als Anzeichen wachsenden Wohlstandes versprochen, wohl wissend, dass man ihn damit regelmäßig zur Vernichtung seiner eigenen Produktionsmittel trieb. Mit dem Ausbrechen der Industrialisierung, die vor Tier und Mensch nicht halt machte, wurde beide das, was sie bis heute sind: Ware.

Die betriebswirtschaftliche Optimierung ist nicht einfach, wenn das Benutzgetier alsbald ganz nach Kundenwunsch seziert wird. Das Versprechen vom Aufstieg durch herrschaftlichen Fleischverzehr ist dem kapitalistischen Kleinknecht heiß zu Kopfe gestiegen; er dünkt sich distinguiert, wenn er vom Opfer nur noch Filet frisst, vom Hühnchen nur noch die geschmacksfrei gezüchtete Brust auspopelt und den Rest in die Verwertung rülpst. Der Diener am DAX kennt kein Schwein mehr, er kennt nur noch Gehacktes, und selbst das nur noch in aseptischer Verpackung, die just an der Blutrinne gestopft wird.

Wie den eigenen Tod verklappt die schöne neue Gesellschaft der Zweckmäßigkeit das Zermetzeln eigens dafür erzeugter Tiere in die Effizienzzonen der Wirtschaft: ein Stück Vieh auf seinen Nutzwert als Wurst und Braten dimmt die Emotion und führt sie auf die Notwendigkeit zurück, die uns allen längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Weder Angst und Dreck noch der Verbrauch an Sklaven, die Schnitzeltiere über die Klinge springen lassen, rechnet der Gewohnheitsgriller ein. Als wüchse das Kotelett am Baum, so pfeift sich der Hohlrabi den Zellhaufen rein, der ihm dröges Gemüsekauen erspart. Die Evolution, sie frisst ihre Kinder.

Dass es auch mit weniger geht, fleischarm, gar fleischlos bis frugivor, bringt blind an der Keule nagende Fortschrittsglaubende in rohe Wut. Der Veganer nämlich, heult’s am Schwenkrost, muss ja diese und jene Stoffe zuführen! Der ist nicht, was er isst! Als sei der Hormoncocktail, der die Rippchen geschmeidig macht, pure Natur, vom lieben Gott persönlich der Sau injiziert, die sich nichts anderes gewünscht hat als die kurze Inkarnation im Liegen, damit der Speck ihr behende am Arsche schwillt. Ach, wie glücklich, wer sich Krebs und Gicht in die sterbliche Hülle schwiemelt, weil er ja vor seinem äußerst durchschnittlichen Ableben noch jede Menge Sondermüll in den Wohlstandsbauch ballert.

Wohlan, machet die Leberwurst teurer, dass die viel beschworene gesellschaftliche Mitte greint und die ärmeren Schichten freiwillig Kraut und Rüben in den Topf tun! Dumm nur, dass es nichts nützen wird, denn der Widerwart an Zuständen, der jetzt die Fleischindustrie beherrscht, er wird sich nicht an höheren Preisen brechen, wie auch eine billige Nietenhose aus billigem Stoff nur ein paar Meter entfernt im selben Textilgulag gefertigt wird wie die Designerjeans, die sich nur durch ein Label mit klingendem Namen von den Proletenplünnen unterscheiden lässt. Wir verdrängen tapfer den Zusammenhang zwischen Leid und Leberkäse, Gulasch und Grauen. Der Mensch entfremdet sich nicht nur vom Werk des industriell betriebenen Schlachtens, er entwertet mit dem Akt an sich auch das Erzeugnis. Er ist, was er isst: Wurst. Was da reinkommt, weiß er besser nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXIX): Rassismus gegen Deutsche

19 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da greinen sie wieder. Reflexartig rollen sie am Boden und werden mutmaßlich massengemordet, da die psychotische Fehlstellung des Frontallappens ihnen das befiehlt. Immer dabei, wenn’s zu leiden gilt, darin zeigt der deutsche Gartenzwerg Größe, so bildet er es sich ein. Und so ermüdend vorhersagbar alles ist und bleibt, der feucht-völkische Dumpf trumpft noch immer mit neuem Schwachsinn auf, diesmal vom Ende der rechten Fahnenstange und in Gestalt des angeblichen Rassismus gegen Deutsche.

Rassismus ist schnell erklärt und noch schneller geleugnet. Als Stigma einer ansonsten Recht und Gesetz ausstrahlenden Mehrheitsgesellschaft ist er so angenehm wie Nagelpilz, eignet sich in allerlei Sonntagsreden als Buhmann und dient als bestes Feigenblatt, wenn man sich zur demokratischen Grundordnung mit Freiheitsgeschmack bekennen soll. Gerne gesehen sind vergangene Zeiten, noch lieber aber real existierende Staaten, in denen er als allgemein anerkanntes Modell der Kasteneinteilung produktiv ist und noch viel besser die Ausflucht aus der beschissenen Ideologie verspricht. Die anderen sind schuld, das macht vieles leichter. Und so ist es für den fleißig strebsamen Deutschen geradezu verzeihlich, dass er seine Leistungsträger auf dem Fußballplatz einordnet. Der in einem afrikanischen Land geborene Schwarze mit dem BRD-Pass kann für vieles Vergebung erhalten, notfalls lässt man sogar seine Einbürgerung unter den Tisch fallen, wenn er für die Nationalistenmannschaft trifft, nur seine Hautfarbe hätte er sich halt besser aussuchen müssen. Wir sind hier doch nicht im Urwald!

Dass dabei die willkürliche Einteilung der Menschen nur durch einen einzigen Unterschied erfolgt, ist eben die Radikalität ihres Wesens. Zwei Personen, die Deutsche, Lehrer, Autofahrer, Väter und Schachspieler sind, sich aber durch ihre äußere Erscheinung unterscheiden, weil sie nicht dieselbe Hautfarbe haben, sind im Sinne der eigenmächtigen Einteilung in Rassen – ein sogar biologistisch hirnrissig falscher Ansatz, da er die Entstehung durch langfristig geplante Zuchtwahl voraussetzt – unterschiedlich und nicht gleich viel wert. Nicht der Fokus auf einem Persönlichkeitsmerkmal macht die rassistische Gesinnung aus, sondern die sozial in langer Zeit eingeübte und institutionell musterartig durchdeklinierte Ausgrenzung einer Minderheit, die in der Gesellschaft so nicht mehr stattfinden soll.

Nur der Vollständigkeit halber: fadenscheiniges Geschwiemel der rückständigen Nanodenker, man könne doch wenigstens eine einzige Rasse als konstituierend annehmen, wenn man schon an der Kategorisierung der Menschheit festhalten wolle, ist eben dies, nämlich fadenscheinig. Nicht nur ist das ein Paradoxon, das letztlich die Schuldlosigkeit der Extremisten durch die Hintertür hereinlässt, es öffnet auch die Vordertür für einen Rassismus ohne Rassen, der die distinktiven Merkmale als nicht zu vereinen mit der Mehrheitsgesellschaft ansieht und dann doch wieder im alten Rassenstereotyp endet.

Mit unsäglichem Gewürge also rattern sich die Verfechter eines Rassismus gegen Deutsche das Modell zurecht, auch deutsche Schwarze seien von Extremismus betroffen – vermutlich von deutschen Weißen, aber man weiß ja so wenig – und dies sei ein eindeutiger Nachweis für die Ablehnung von Deutschen in Deutschland. So also entsteht das Bild von Faschisten, die sicher in ihrer Freizeit alle als Antifa unterwegs sind, dunkelhäutige Passanten in aller Ruhe nach der Staatsbürgerschaft zu fragen und bei positivem Test Gewalt gegen ihre Opfer auszuüben. Bemitleidenswert sind dann eben diese Nationalisten, da sie zufällig den deutschen Pass mit den Angegriffenen teilen. Genau genommen ist dies logisch, wenn die Definition der strukturellen Unterdrückung einer Gruppe aufrechterhalten wird, lässt sie doch im Umkehrschluss die Abgrenzung der Deutschen als eigene Rasse zu. Dass es kein individuelles Vorurteil, sondern stets der Ausdruck gesellschaftlicher Machtbeziehungen ist, wird von den Raumkrümmern instrumentalisiert; billiger ist kein Selbstmitleid, auf dem Mord und Totschlag köcheln und ganze Weltkriege banalisiert werden.

Denn der ganze Popanz einer herbeigesehnten Deutschenfeindlichkeit im Lande des Bettnässers von Braunau ist nichts als eine seit Reichsgründung hochgerülpste und wiedergekäute Gruselette, die suggeriert, dass die ganze Welt, und zwar aus niederen Motiven, gegen das Deutschtum an sich ist – außerhalb der Grenzen und zunehmend auch innerhalb werden wir angegriffen, und was ein echter Teutscher ist, der wehrt sich präventiv und mit allen Mitteln. Der Teutobold zückt tapfer aus dem Zylinder die Volksnotwehr, unter die er nun alles subsumieren kann, absaufende Schlauchboote auf dem Mittelmeer, brennende Flüchtlingsheime oder die gewohnheitsmäßige Pöbelei gegen den chinesischen Einwanderer, der uns Einheimischen in seinem asiatischen Restaurant sicher nur die Jobs wegnimmt, damit er uns mit Viren versorgen kann. Die almanische Grundhaltung der aggressiven Unterlegenheit, die aus der ewigen Opferrolle die gewaltsame Verteidigung ohne Angriff erlaubt, sie wird durch den halluzinierten Hass in geradezu perfekter Weise ermöglicht. Wobei es ja durchaus möglich wäre, dass man in der Welt diese Sorte von Menschen verachtet, auch und gerade in historisch gewachsener Abneigung gegen Deutsche. Aber ganz sicher nicht aus rassistischen Motiven.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVIII): Ekelwerbung

12 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner weiß wirklich, wie es angefangen hat, es liegt jedoch nahe, dass der römische Statthalter Marcus Tullius Stultus vor dem Gastmahl einen seiner etatmäßigen Sänger auftreten ließ, der beim Aperitif mit Lerchenzungen und Otternasen mäßig klampfte und alsbald ausrief: „Fußgeruch!“ Schnell und unbürokratisch war die Stimmung im Eimer, der Präfekt sparte gebratenen Fasan, allerlei Obst, Wein und Zuckerzeug. Immer wieder schön, wie es ihm gelang, die Gesellschaft aufzulockern und im Gespräch zu bleiben. Leider geriet sein Beispiel in den kommenden Jahrhunderten nicht hinreichend in Vergessenheit, denn bis heute müssen wir es leiden, wie noch das deutsche Farbfernsehen in epischer Breite und täglich zur schönsten Sendezeit seinen wehrlosen Zuschauern in den Neocortex ballert, und das in Gestalt der Ekelwerbung.

Zur schönsten Sendezeit, das heißt: im Alltag meist kurz vor oder im Zieleinlauf der abendlichen Nahrungsaufnahme, wenn die Studierenden bereits das Bewusstsein erlangt haben und Senioren noch nicht sediert sind, die familienfreundliche Stunde, die nach Erwerbsarbeit und Sozialkontakten ganz der Entspannung dienen soll. „Ich bin Entwicklerin in einem großen Unternehmen für Hundeleinen“, jodelt’s da aus der Glotze, „deshalb kenne ich mich mit hartem Stuhlgang aus!“ Nach dreißig quälenden Sekunden beendet die Darmleuchterin ihr Gewürge und leitet ansatzlos in den nächsten Spot über, der in barocker Plastizität von Diarrhö singt, als gäbe es damit einen Krieg zu gewinnen. Spätestens nach der zweiten Einheit an Verkaufsförderung von Bauchheilmitteln kommt dem wehrlosen Zuseher die ganze Plempe mit Hochdruck aus allen anderen Körperöffnungen entgegen, spätestens bei der bunten Reizdarm-Reklame fliegt der Flimmerkasten mit Fahrtwind durch die ungeöffnete Scheibe und touchiert final die Straßenoberfläche.

Früher meuchelten Hüfthalter noch diskret die Damen, heute setzen sich völlig verseifte Mimen vor die Kamera und spielen jugendlich bewegte Pärchen, die einander bei einem guten Rotwein die Vorzüge einer Zahnpasta preisen, weil das Zeug die Blutung oberhalb der Beißer wegschwiemelt. Wer herausfindet, welche Gesellschaft das abbilden soll, ist herzlich eingeladen, sich bis zum Ableben in deren Obhut zu begeben und möglichst nie mehr in die zivilisierte Welt zurückzukehren, um mit derlei Geschmacksverkalkung eine ganze Nation in die kollektive Übelkeit zu treiben. Drüben in der Küche schält vermutlich das Gespons Kartoffeln und salzt bedächtig nach, während adoleszente Gutausseher, die wir selbst gerne sein wollen – zumindest ist es das Ziel der Filmchenfuzzis, uns eben dieses in die Birne zu pfriemeln – die unerträgliche Seichtigkeit des Neins zum Nagelpilz zelebrieren. Nagelpilz, wer ist nicht im Thema, wenn sich hippe Typen um Lifestyle-Themen wie Enddarmausstülpungen oder entzündete Haut dank bakterieller Superinfektion unterhalten, auf dass sich alles am Ende easypeasy im Arm liegt. Vermutlich bricht sich das brüllend über die Schulter, aber wir wischen’s ja nicht weg.

Ja, tröpfelt’s aus dem Kanal, die Vorderseite ist auch schon dran. Allerlei Zeug zum Naturheilen in Pille-Palle-Form gegen permanente Entwässerung im fortgeschrittenen Mannesalter dräut uns, und jetzt wird auch klar, was die Propagangster wollen: die komplette Aufmerksamkeit der von Enkeltrick und Apothekenpostillen umzingelten Generation, die sich mit Baldrian, Knoblauch und Kürbiskernen gegen irreversible Alterungserscheinungen mästet, vorsichtshalber den Gegenwert einer Mahlzeit in Form von Nahrungsergänzungsmitteln in die Diät einpreist und jede Kasperade sofort kauft, weil die Nachbarn es sicher auch tun. Steht der Quark erst einmal gut sichtbar bis prominent in der Drogerie, hebelt ihn sich der eine oder andere Ruheständler für teuer Geld in den Wagen, ob es hilft oder nicht.

Früher fielen den Benutzern der falschen Paste wenigstens noch Zähne aus, dass eine griechische Tragödie nichts dagegen war. Üble Schmutzränder krusteten sich an der Keramik entlang. Vorläufiger Endpunkt des Grauens war die Katastrophe namens Gefrierbrand, die dem Kurzgebratenen unmittelbar vor dem Besuch des Vorgesetzten dräute. Alles vom Tisch, Körperscham und Psychohygiene, es geht munter zurück in die infantile Phase der schwindenden Scham, mit der die Demenz sich anschleicht – wer sonst, wenn nicht Herrschaften im kaufkräftigen Ruhestand, ist hier gemeint, der sich vor lauter sickerndem Sekret und nässenden Ausfallerscheinungen nicht angesprochen fühlte? Noch hat man uns diverse Hygieneartikel nicht im lebensechten Gebrauch gezeigt. Unerschlossen ist das Würgegefühl beim Einsatz diverser federnder Zahnbürsten. Aber sollte sich die Check-24-Familie jemals zum Thema Verstopfung äußern, brennt die Mattscheibe. Versprochen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVII): Deutsche im Todestrieb

5 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sie sind, auch wenn sie so tun, als hörten sie es nicht gerne, die Musterschüler unter den halbwegs als Industrienation erkennbaren Pausenclowns der Erdgeschichte, zufällig in der von Flachland, einer Gebirgsregion und langweiligen Hügeln geprägten Geografie Mittelmitteleuropas geboren und damit erkennbar privilegiert, weil sie innerhalb der letzten Jahrtausende nur wenig Gelegenheit hatten, von Naturkatastrophen ausgelöscht zu werden. Hier und da nagten Sturmfluten kurz an der Küste, aber sonst führten sie ein apathisches Dasein. Hätten sie es nicht hin und wieder durch Kriege aufgelockert – teilweise blitzartig fürs Volk ohne Raum, teilweise als dreißigjährigen Versuch, Raum ohne Volk zu erschaffen – sie wären schläfrig in Trübsal und Verdruss versuppt, elend erschlafft, matt ins Grab gesunken und längst vergessen. Natürlich hätte eine Weltgeschichte ohne Deutsche auch funktioniert, mutmaßlich nicht schlechter, aber nicht ohne die manisch mahnende Vorbildfunktion dieses Volkes, das von nichts mehr beherrscht wird als von seinem Todestrieb.

Andere feiern Dolce vita oder Savoir-vivre, der Teutsche ist zuerst pünktlich, dann gründlich, und zuletzt trennt er den Müll, auch hier in der Stunde des Abschieds vom Dinglichen penibel, weil er sich vom Paradies der Einwegflaschen nur die sortenreine Auferstehung vorstellen kann. Wo Verwertungslogik regiert, und wo in diesem Land regierte die nicht, da sucht sie ihre Rechtfertigung im Rituellen, wofür der Preuße ja wie geschaffen scheint, liebt er doch nichts mehr als die Wiederholung des immer gleichen. Denn wo sich nichts ändert, nichts sich entwickelt, sind nur Stillstand und Zustandserhaltung möglich, von vorsichtigen Kritikern Konservativismus genannt, von Realisten Tod. Der labile Status, ob als Knick im Paradekissen oder billiger Sprit an der Tanke, alles das darf nie verloren gehen und wird zum Unvergänglichen verschwiemelt, das auf Erden und erst recht anderswo Ereignis wird, vornehmlich als Leitkultur, von der keiner weiß, was da eigentlich drinsteckt, eventuell das christliche Abendland, der Weihnachtsmann oder die Einheit. Alles das sind wir sofort bereit, über die Wupper zu jagen, damit es kein anderer mehr besitzen kann. Auch wenn es weg ist, das gehört noch uns: Ostgebiete, Kolonien, der Kaiser.

Das Klima erhitzt sich, der Acker verdorrt, doch der Deutsche will, will, will nach Malle fliegen, im Straßenpanzer über die Autobahn ballern und zu Weihnachten südamerikanischen Flugspargel in den Schlund schieben. Ja, er verheizt die Zukunft seiner Kinder, aber die sind selbst schuld – was mussten die auch so spät geboren werden. Der Bescheuerte ändert sich nicht, so wie sich Universitäten nicht ändern, weder Justiz noch Politik, Märkte oder die metaphysischen Diensteanbieter, die allesamt in ihren Handlungsmustern erstarrt sind, damit alles so bleibt, wie es niemals war. Es vereinfacht nicht nur das Leben, es entlastet vom nörgelnden Über-Ich, das immerzu die Vernichtung der anderen verbietet, mit Moral kommt und einem die Regression madig macht, in die sparsame anale Phase zu glitschen. Wen wundert’s schon, dass der Teutone in der Existenzkrise vor allem Toilettenpapier hamstert.

Und so kombiniert der teutonische Töffel im Angesicht der Gefahr beides, die Vernichtung des Lebendigen an sich und der Außenwelt. Die Bilder der Toten vor Augen greint er nach Haarschnitt und Biergarten, als müsse er im Bunker hocken und den Putz von den Wänden lutschen. Er will es einfach, am besten zurück in den Mutterschoß, wo er die Verantwortung für dieses Leben loswird. Alles soll sich so wiederholen, wie es früher einmal war, ohne die Hiobsbotschaften einer sich verändernden Welt, ohne Rücksicht auf Verluste. Der einzige Schmerz ist ihm, über Leichen zu gehen, denn dazu muss er sich ja bewegen. Aber was tut man nicht alles.

Jenseits des Unlustprinzips scheint sich der Deutsche ohnehin nach Ewigkeit zu sehnen, ohne sie aber noch durch erwähnenswerte Eigenaktivität am Laufen halten zu müssen; seine Vorstellung von Jenseits ist die einer andauernden Rente, die er am Nullpunkt der Teilchenbewegung verbringt, nur mit ausgeklügelten Messmethoden von der Zeitlosigkeit des Anorganischen unterscheidbar, eins mit allem wie ein beiger Fleck in der Landschaft, der sich erst bei sehr hoher Auflösung als Seniorengruppe am Einstieg eines Reisebusbahnhofs entpuppt, während um sie herum sich die Thermodynamik verhakt. Ein Meister aus Deutschland hat das Auto erfunden und den Verbrennungsmotor, Kernspaltung und alles, was ihm bis zum bitteren Ende einen Eintrag in der Geschichte der Auslöschung sämtlichen Lebens auf diesem Planeten sichert. Sollte es wider Erwarten doch intelligentes Leben geben, dann wird es unser Sonnensystem erst in ferner Zukunft entdecken und diesen mit einer Sauerstoffatmosphäre, zahlreichen Parkplätzen und Kriegsdenkmälern ausgestatteten Rotationsellipsoiden betreten. Sie werden sicher im Halteverbot landen, aber es wird keiner mehr da sein, der auf sie schießt. Schwer vorstellbar: ein Himmel auf Erden, alles tot. Wie traurig, dass wir das nicht mehr erleben dürfen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVI): Die Küchenschublade

29 05 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles war einfacher, als Uga noch direkt vom Baum aß. Seine Söhne hatten schon mehr mit der Evolution zu tun, sie trugen nicht nur die Früchte des Buntbeerenbuschs in die Einsippenhöhle, sie schwenkten auch langsam auf eiweißreiche Kost um: Säbelzahnziege, Backenhörnchen am Spieß und Wollnashorn. Nachdem Rrt sich einst beim Zerlegen eines Beutelsäugers gewaltig in die Finger geschnitten hatte, beschloss die Familie, ihm das Essen mit der verbliebenen Hand zu erleichtern: sie zerkleinerten die traditionell am Stück servierte Keule vor dem Verzehr mit dem Knochenmesser, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der Way of Life, von der Hand in den Mund zu leben, hatte seinen ersten Bruch erfahren.

Hübsch zu erwähnen, nur nicht bei römischen Sittenlehrern, ist die Tatsache, dass Petrus Damiani die Gabel, das Essinstrument der Pastafari, als Werkzeug des Teufels gebrandmarkt hatte; sicher ist, dass sich die Katholiban auch in höheren Chargen einen fliegenden Darmwind um derlei modischen Grützkotz geschert haben, sobald sie der dumpfen Gesellschaftsschicht kommunizieren konnten, dass es nur legitim sei, sich die Kalorien mit den Fingern bis in die nicht mehr vorhandene Bezahnung zu pfropfen. Wahrscheinlicher ist, dass Hildegard von Bingen, Erasmus von Rotterdam und Louis Quatorze von der Gouvernante eins auf die Griffel gekloppt bekommen haben, weil sie ihre Flossen in den Braten gesteckt hatten, bevor der Zeremonienmeister den Schlitzwender in den Gurt gesteckt hatte. Heute aber muss keiner mehr theologische Höllengespräche führen um die Frage, ob die drei- oder die vierzinkige Gabel für Salat geschmacklich und ästhetisch oder testamentarisch geeignet sein könnte. Böse Zungen wollen wissen, Luther selbst habe im inneren Konflikt zwischen Fisch- und Konfektgabel Geschmacks- und Gottesfurcht total verloren, wobei sich heute nur eins nachweisen lasse. Sicherlich nicht Fisch.

Wer immer sich den vormodernen Megabums an Lebensmittelverschnippelungsgelump vorgesellt hatte, er besaß eine putzig eingeschränkte Fantasie. Möhre oder Kartoffel vor dem Kochvorgang zu enthäuten ist das eine. Ein komplettes Universum an Zutaten jedoch zu transformieren, das erfordert schon eine quadrantenverschobene Echtzeit, auch und deutlich in der sich rasch wandelnden Wahrheit des aufpoppenden Bürgertums, das aus der Quere der bourgeoisen Möchtegerne sich zu behaupten wusste. Hier wurde das Schlürfen nicht weniger als unanständig, es ging nur den Anständigen gewaltig an der Sitzfläche vorbei. Und da mündet der Anspruch des Bürgertums. Sie wollen kochen.

Leider mit Gedöns. In einem durchschnittlichen Reihenhaus, pädagogische Angestellte, Fachmann für Handwerksgeschraub, sie haben das lange genug studiert und wissen, wie die Butter sich im Baufett manifestiert. Man zieht das ominöse Fach auf und verfällt in vorsokratisches Staunen. Butter-, Obst-, Dessert-, Brötchenmesser, bei denen noch nicht einmal klar ist, wie sie ihre semiotische Form aus der halbwegs bekloppten Form hatten schwiemeln können, ohne dass Eco mit einem soliden Lachanfall die Frühstücksindustrie in Grund und Boden interpretiert hätte. Schichten zwischen halbfestem und nicht wirklich unterem mittlerem unterem Bürgertum der unteren bürgerlichen Klasse haben sich mit dem Pfirsichmesser geplagt, aber das waren nicht die wirklichen Kriegszustände.

Das wimmernde Bürgertum hat alles: den leidigen Apfelentkerner und den Ananaskastrator, weil man ja ständig Ananas frisst; Austern- und Hummergabel, Schneckenzange, Knoblauchschäler und Paprikaenthäuter. Ohne Lachsmesser (für drei Konsum-Punkte in der Handels-Kloake der Wahl erhältlich, Set à zehn Messer) und Käseschneider (fünfzig Punkte, etruskischer Wellenschliff, Schaft aus handgeöltem Büffelhorn mit Griffmulden im Gladiatorenstil) warzt diese Stumpfbestückung in ein elendes Geröll ab, dem man sich nicht gern stellt, selbst nicht vor der Küste. Käsemesser und Erdnüsschentange spotten den Gegenübern, mit denen man Eiswürfel, industriell entkernte Oliven oder sonstiges Schrumpelobst über die Tischfläche hinweg zirkulieren ließ. Wozu diese Apotheose von Messer und Gabel jeden hätte führen können wenn nicht ins Sortierbingo des Außenhandels, das aber habe sich die Industrie nie geäußert. Wir aber müssen noch lange über Tomaten- und Melonen- und Papayaschälern meditieren, damit wir nicht merken, dass staatlich geprüfte Nichtschwimmer mit diesem Unfug uns auf die Rehe gehen.

Vermutlich gibt es längst eine Abteilung in den Forschungen der Besteckindustrie, die herausfindet und produziert, was uns am meisten auf die Plomben geht: Erdbeerentkerner, Schneelöffel, Heringsbesteck, Margarinestreicher. Sie wollen uns damit abschaffen, wie eine demnächst entstehende Verschwörungstheorie feststellt. Aber es wird ihnen nicht gelingen. Die Erdbeerlöffel retten uns.