Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVIII): Die imaginäre Mehrheit

23 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir haben heute keine belastbaren Zeugen mehr für die Entscheidung, die einer Seitenlinie des Stammbaums von Rrt den Weg in das große Dunkel geebnet hat. Zwölf Jäger hockten um das Feuer in der Gemeinschaftshöhle an der östlichen Felswand, und zwölf von ihnen waren der Ansicht, der Bär im angrenzenden Wäldchen sei nicht nur ordentlich zu braten, er sei vor allem einfach zu erlegen. Alle sahen sich schon als große Helden des Waidwerks, von Generation zu Generation wie Halbgötter verehrt, da sie die behaarte Beste furchtlos zur Strecke gebracht hatten. Eine knappe Stunden später verteilte sich ein Teppich aus Fleischbrei und Knochensplittern zwischen Gebüsch und Steppe, wo der grantige Großsäuger die prähistorischen Knalltüten in Einzelteilen entsorgt hatte. Eine nach demokratischen Maßstäben nicht anfechtbare Entscheidung, das muss man ihnen schon lassen, aber die Folgen waren von und für Idioten. Nicht immer ist die Mehrheit segensreich.

Das Totschlagargument des Plärrguts, wer kennt es nicht: es sind die meisten, die schreien, also sind sie im Recht. Ausnahmsweise kommt das Konzept mal ohne die schweigende Mehrheit aus, die immer nur dann auf die Monstranz genagelt werden muss, wenn sich die populistischen Sackpfeifen in ihrem eigenen Sumpf auf die Fresse packen. Wer brüllt, ist die Mehrheit. Interessante Nebeneffekte wie die Entscheidung durch Einzelne, wie sie in jeder politischen Konstruktion außerhalb der Anarchie im Tagesgeschäft vorkommen und den Gang der Gesellschaft ausmachen, sie kommen im Modell der Mehrheit nicht vor, und das aus gutem Grund nicht. Denn nicht nur ist es soziologische Binse, dass jede Mehrheit aus verschachtelt korrelierenden Minderheiten besteht, keiner will auch plötzlich zu einer Minderheit gehören. Nicht und nie.

Das beliebte Beispiel, in einer westlichen Demokratie, die die Todesstrafe konstitutionell abgeschafft hat, diese per Volksbegehren wieder einzuführen, weil es dann ja der Mehrheit als moralisch vertretbar erscheint, zeigt zwei Fehler. Zum einen steht die Mehrheit mitnichten über der Moral – meistens eher darunter – und nicht über dem Gesetz, über der Verfassung schon gleich gar nicht, sonst wäre letztere so unnötig wie erstere. Zum anderen sind Sperrminoritäten nicht umsonst auch da eingerichtet, wo die DNA einer politischen Gesellschaft sich verändern lässt. Was ein Volk oder wenigstens eine wählende Minderheit glaubt, ist noch nicht die Vernunft.

Wäre also bei einer Abstimmung, an der nur ein Prozent der Wahlberechtigten teilnähmen, automatisch die schweigende Mehrheit fähig, das Ergebnis zu bestimmen, und wenn ja, wäre ihr Schweigen zugleich Zustimmung oder doch wieder Ablehnung, weil sie nicht für die Veränderung votiert hat? Wenn je eine Hälfte auf dem Land wohnt und in der Stadt, je eine Hälfte der Hälfte aber bessere Straßen für den Individualverkehr fordert oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, gibt es dann eine Mehrheit oder zwei oder nur eine, die keine ist, aber eine ist, wo sie das Gegenteil will? Und sind fünfzig Prozent immer die Mehrheit, wenn die Minderheiten zusammen auf dasselbe Stimmgewicht kommen?

Lustigerweise sind es die Errungenschaften der Aufklärung, die gegen eine unzivilisierte Mehrheit durchgesetzt wurden, die nun einmal die Ränder der Normalverteilung stellen. Könnte ein ansonsten demokratisch verfasstes Volk durch Abstimmung beschließen, einen Genozid an einer Minderheit in ihrer Mitte durchzuführen, so hätte sich damit jeder Anspruch auf Demokratie erledigt – wer auch immer mit der verschwiemelten Denkhülse kommt, eine Partei, die dies plante, müsse man doch als normale politische Größe akzeptieren, wenn sie demokratisch gewählt sei, hat in mehr als einem Fach Tiefschlaf gewählt. Würde ein Dorf mit der Mehrheit von neunzig Prozent beschließen, die restlichen zehn Prozent wegen ihrer Rothaarigkeit umzubringen, könnte das restliche Gemeinwesen sich nicht vielseitig desinteressiert zurücklehnen und die Hinterwäldler mit ihrem trüben Geschäft alleine lassen, weil es sie nun mal nichts angeht? Und sollte man, statt die ethischen Fundamente einer Gesellschaft zu ramponieren, nicht lieber Steuerhinterziehung straflos stellen, weil sie ein Kavaliersdelikt ist, das von der Mehrheit trotz eindeutiger Gesetzeslage zum Volkssport aus Notwehr gegen den bösen Staat erhoben wird? Wichtig ist nur, keine Drogen zu entkriminalisieren, weil die böse Schäden fürs Volk bedeuten – bis auf den Suff, den die Mehrheit als zivilisatorisches Gut anerkennt und ihn also schützt vor Verfolgung und Verbot.

Millionen Tiere fressen Scheiße und das aus physiologisch gutem Grund, aber noch keiner hat ernsthaft hinterfragt, warum der rezente Mensch so ineffizient in seiner Ernährung isst und die eigenen Ausscheidungen verschmäht. Es sind Aufgeklärte, die im Strahlenkegel der eigenen Erleuchtung auf der Autobahn Geisterfahrer sehen, Tausende von Geisterfahrern. Was soll’s, sie fahren alle gegen die Wand. Aber sie werden Recht haben. Bis zuletzt.

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Volksflugscheibe

22 08 2019

„… wieder Kolonien brauche, um seinen Machtanspruch weltpolitisch zu untermauern. Kalbitz habe vorgeschlagen, von einer Sondersteuer Malta zu kaufen und als Teil Deutschlands im…“

„… nicht erheblich sei, dass die Insel zur EU gehöre. Meuthen werde sich noch in der laufenden Wahlperiode dafür einsetzen, dass die Europäische Union abgeschafft werde, um die völkerrechtlichen Grundlagen einer…“

„… abgeraten habe. Höcke akzeptiere kein Territorium mit einer semitischen Leitkultur und werde die Annexion Maltas mit der männlichsten Härte, die die deutschblütigen Verteidiger der…“

„… sich für einen Außenposten der Festung Europa durchaus eignen würde. Weidel plane das Heinrich-Himmler-Bildungszentrum für maritime Grenzverteidigung vor den afrikanischen…“

„… von der maltesischen Politik auch noch etwas lernen könne. So sei das absolute Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen für von Storch eine vorbildliche Regelung, die auch im deutschen…“

„… die Sondersteuer durch eine Abgabe auf Sozialleistungen eintreiben wolle. Dies laufe dem Parteiprogramm der AfD zwar entgegen, Meuthen sei aber hier kompromissbereit, wenn es um die…“

„… derzeit noch ablehne. Offen sei Seehofer allerdings für eine Internierungseinrichtung, in der Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, in Lagerhaft sitzen, versehentlich erschossen werden und wieder zurück ins…“

„… die maltesische Bevölkerung derzeit einen muslimischen Anteil von 0,3% aufweise, was nach Kalbitz’ Überzeugung eine Islamisierung im fortgeschrittenen Stadium darstelle und nur durch die Diktatorin Fatima Merkel gesteuert worden sein könne. Die ethnische Säuberung des Beitrittsgebiets sei deshalb Chefsache und werde von…“

„… es bisher keine Anfrage gegeben habe und eine solche Anfrage gar nicht erst beantwortet werde. Die spanische Regierung habe erklärt, dass weder eine deutsche noch eine britische Absicht, Mallorca zu kaufen, von der…“

„… der Bevölkerung zuerst der Aberglaube an Umweltschäden durch die von Juden und Schweden mit islamistischem Geld propagierte Klimalüge ausgetrieben werden müsse. Dazu werde Kalbitz die von ihm als ‚grünlichtverstrahlte Spasten‘ bezeichneten Schüler in einer Umerziehungsanstalt von der Meinungsdiktatur der bisher im…“

„… werde man die Mittelmeerinsel anlässlich ihrer Heimführung ins Neue Deutsche Reich in Groß-Malta umbenennen und ihr einen Autonomiestatus als Protektorat des…“

„… müsse Deutschland unbedingt eine im Mittelmeer gelegene Insel als Ferienziel haben. Weidel habe erkannt, dass zahlreiche südlich gelegene Länder wie Afrika oder die Schweiz inzwischen vornehmlich durch Messermänner und andere kriminelle Invasoren in die…“

„… ziehe Gauland zur Finanzierung der Kaufsumme auch eine Enteignung migrantischer Gemüseläden in Erwägung. Die Regermanisierung des deutschen Lebensmittelhandels sei außerdem eine notwendige Maßnahme, um den von Muslimen mit jüdischem Kapital finanzierten und von der Diktatorin Sara Merkel geplanten Fäkaliendschihad im letzten Moment zu…“

„… sich Island wegen der Verwandtschaft mit den nordischen Rassen besser eignen würde. Höcke sei sehr davon angetan, dass die Insel als Vorposten der neuen germanischen…“

„… habe die Regierung angekündigt, allen deutschen Schiffen die Landung in maltesischen Häfen zu untersagen und sie notfalls unter Beschuss zu nehmen. Eine Invasion werde es mit der …“

„… den Ökotourismus abschaffen wolle, der nur die Bevölkerung, nicht aber die deutschen Beschützer der Insel unterhalten würde. Weidel wolle mehrere der größten Kreuzfahrtschiffe, die je gebaut worden seien, zu einer durchgehenden Erreichbarkeit von Malta insbesondere für AfD-Mitglieder und verdiente Mitglieder der…“

„… habe Kalbitz bereits Pläne enthüllt, einen isländischen Landeplatz für die Volksflugscheibe und andere nationale…“

„… auch andere Pläne in Erwägung ziehen könne. Gauland sehe nicht unbedingt die Notwendigkeit, Malta auf friedlichem Wege in das deutsche Hoheitsgebiet einzugliedern, es sei angesichts der Weigerung völkerrechtlich ohnehin vollkommen klar, dass es sich um eine…“

„… der Regierung ein Ultimatum gestellt habe, bis Mitternacht Deutschland freiwillig beizutreten. Andernfalls werde eine bewaffnete Bohrflotte die Gasvorkommen in den Hoheitsgewässern Maltas anzapfen und zur Eroberung der Insel und ihrer…“

„… für Steinbach bereits feststehe, dass bei einem Bombenangriff auf Malta der Feind die alleinige Kriegsschuld trage, da bei einer rechtzeitigen Kapitulation Deutschland nicht gezwungen worden wäre, militärische Mittel zu…“

„… im Kampf gegen semitische Aggressoren den Heldentod gefunden hätten. Die Fregatte Björn sei unmittelbar nach dem Eindringen in die Drei-Meilen-Zone von Boden-Luft-Raketen beschossen und innerhalb weniger…“

„… dem maltesischen Widerstand eine radikale Umvolkung androhe. Einen Waffenstillstand biete Gauland nur an, wenn die Wehrmacht sich auf eine bedingungslose…“

„… an eine Tankstelle gehängt hätten. Eine forensische Untersuchung des Internationalen Roten Kreuzes habe ergeben, dass es sich um Höcke, Kalbitz und die…“





Bullshit 100

21 08 2019

„Das übernimmt Spahn. Kramp-Karrenbauer hat in diesem Monat schon so viel Scheiße abgesondert, das reicht für ein ganzes Quartal. Und der Score ist bei ihm ja auch viel höher, das müssen Sie immer berücksichtigen.

’tschuldigung, der Praktikant macht das erst den zweiten Tag, dem muss ich immer noch über die Schulter gucken. In der Zentrale für politische Kommunikation müssen wir auch auf alle aktuellen Entwicklungen Rücksicht nehmen, deshalb braucht es ein bisschen Puffer. Lockere Planung, und wenn wir am Ende etwas übers Ziel hinausschießen, ist es nicht ganz so schlimm. Entscheidend ist halt, was hinten rauskommt, aber das wussten Sie ja sicher.

Also hier ist unsere multidimensionale Matrix, das ist eine Tabelle mit den unterschiedlichen Graden von Beklopptheit, das geht hier unten los, das würde ein normaler Mensch noch rauskriegen mit zu viel Schnaps in der Birne, und dann haben wir hier das Mittelfeld, und dann ist hier, wo es nach ganz rechts geht, aber das sehen Sie ja selbst. Das ist natürlich noch keine Wertung, aber Sie bemerken schon, wenn es um gewisse Personen in der Tagespolitik geht, die öfter mal in den Medien sind, weil das in deren Stellenbeschreibung halt so vorgesehen ist, dann haben wir hier schon eine Verschiebung von der Mitte weg. Meist nach rechts. Wobei das natürlich keine Wertung ist.

Jetzt müssen wir immer zeitnah disponieren, wie wir die Sollwerte erreichen. Da helfen uns inzwischen auch Algorithmen, die das Verhältnis vom jeweiligen Politiker zum Amt ausrechnen. Da haben wir auf der einen Seite den Innenminister, der ist normalerweise immer etwas zurückhaltend, man erwartet ja von dem Amt, dass da besonnene und kluge Leute sitzen. Auf der anderen Seite haben wir die Realität, und die heißt Seehofer. Rechnen Sie jetzt noch mal eben nach, dann wissen Sie auch, wer in dieser Woche noch Schlagzeilen braucht.

So, da haben wir jetzt einmal Verfassung 50, da könnten wir… könnten wir… Also wird sind ja nicht nur für die erste Garnitur zuständig, Minister und Parteichefs, wir arbeiten für alle Ebenen. Das könnte man irgendeinem Nachwuchspolitiker der FDP geben, haben wir da nicht einen? Das ist dann eine mittelschwere Äußerung, nicht unbedingt über verfassungsrechtliche Fragen, sondern einfach mit staatsrechtlichem Hintergrund. Ja, da haben wir’s, der soll die Mietpreisbremse als grundgesetzwidrig bezeichnen, das passt zur Kategorie und das passt zur Partei. Sie sehen hier die Gewichtung, bei dem ist es in der Mitte immer offen, bei der AfD gehen wir sowieso davon aus, dass nicht nur das Thema etwas mit dem Grundgesetz zu tun hat, sondern die Meinung auch per se verfassungsfeindlich ist. Deshalb hier diese Bündelung in der Mitte.

Die Instinktlosigkeiten sind auch recht flexibel handhabbar, meistens sind das so Äußerungen wie: ist der so doof oder tut er nur so? Es gibt natürlich auch hier Spezialisten, da sehen Sie eine Häufung bei Spahn und AKK, die können das in Perfektion, aber natürlich darf man das nicht nur für die beiden reservieren. Wenn Giffey zum Beispiel sagt, die Bürger seien ja eh zu dämlich, um Gesetze zu kapieren, dann ist das schon ein mittelschweres Kaliber. Für Klöckner haben wir dann eher diese hier, das ist der ganz normale Bullshit. Der tritt bei CSU-Mitgliedern gehäuft auf, wir dürfen ihn aber nicht nur auf die beschränken. Es ist ja eben keine Wertung, wenn wir das verteilen, und die Kategorie müssen wir rein mengenmäßig derart verwenden, da können wir uns gar nicht auf einzelne Parteien beschränken.

Ach so, warum wir das machen? Schauen Sie, so ein Spitzenpolitiker hat ein anstrengendes Leben, die müssen an Tagungen teilnehmen und Sekt trinken, die vielen Nebenjobs in Aufsichtsräten oder als Chelobbyistin für Nestlé, einigen von denen müssen auch regelmäßig die Bücher lesen, die sie angeblich geschrieben haben, damit sie die dann auf so einer Butterfahrt durch die Kaufhäuser unters Volk jubeln können, da bleibt meistens kaum noch Zeit für Politik. Wenn wir denen nicht regelmäßig vorschreiben würden, was sie zur Presse sagen sollten, dann käme da viel belangloses Zeug raus. Wir hatten hier mal einen, der hat als Staatssekretär ernsthaft gesagt, er könne sich zu einem Thema nicht äußern, er hätte davon keine Ahnung. Gut, der war auch schnell wieder weg vom Fenster, keine Ahnung, was der heute macht. Ganz sicher nichts mit Politik. Da müssen Sie in den Medien stattfinden, und das erfordert maximale Leistung.

So, da haben wir noch mal Bullshit. Scholz war ja schon dran, deshalb ist er für den Rest der Woche aus dem Schneider, und Bullshit 100 ist eigentlich für den auch eine Nummer zu groß. Ach komm, dann hau ich den jetzt noch mal bei Scheuer rein, das ist zwar inflationär, aber bei dem fällt ja ein 80-er schon unangenehm auf. Da kriegen wir wieder Stress mit der CSU-Parteizentrale, ob wir den aus Versehen haben ausnüchtern lassen. Das trifft sich auch gut mit den sachlich falschen Äußerungen, die haben wir hier gebündelt bei der FDP, das ist auch notwendig, wir haben ja Wahlkampf, und da muss man immer sehr viel versprechen. Nachorder? Das wird jetzt eng, wir haben da schon fast alles besetzt und können kaum noch reagieren, die meisten haben heute auch schon einen Eintrag, das sind alles 100-er, da könnten wir… Ach, scheißegal. Wenn ich auch sonst gerne auf die verzichten würde, aber dafür ist es doch gut, dass es die AfD gibt!“





Containern

19 08 2019

„Welcher Vollidiot hatte diese bescheuerte Idee!?“ „Keine Ahnung, irgendwer muss es wohl gewesen sein, und dann haben sie es einfach gemacht.“ „Na toll!“ „Überrascht Sie das etwa?“ „Sollte es das nicht?“ „Nein, ich meine: dass die SPD irgendeinen Scheiß macht und sofort danach nicht mehr wissen will, dass das Absicht war?“

„Ich würde jetzt ja lieber mal wissen, wer auf die Schnapsidee gekommen ist, die Kandidaten für den Parteivorsitz in so ein Big-Brother-Ding zu sperren.“ „Liegt doch nahe.“ „Verstehe, man sieht vorher schon mal, wer in erhöhter Deppendichte als erstes die Nerven verliert.“ „Nein, ganz anders.“ „Dann die Dauerbeobachtung?“ „Jetzt lassen Sie doch mal.“ „Was soll es denn dann noch sein?“ „Die sind alle vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und wissen nicht, was da vor sich geht. Und die Reaktion kriegen sie auch immer erst mit, wenn es schon zu spät ist.“ „Okay, aber dafür hätte man die komplette Partei einsperren können.“ „Es wollten ja nicht alle mitmachen.“ „Dann hätte eine Beobachtung in freier Wildbahn durchaus genügt.“ „Die Gefahr ist zu groß, dass da einer wegrennt.“ „Und deshalb hat man sie in diesen Container gesperrt?“ „Das ist medial besser zu managen.“ „Bitte!?“ „Letztlich wissen wir alle, es ist völlig egal, was dabei rauskommt, die Zuschauer erwarten nur schöne Bilder.“

„Das da hinten rechts, das ist doch…“ „Ja. Ich weiß auch nicht, wie der da reingekommen ist, er hat aber gesagt, er fühlt sich immer noch der Partei zugehörig.“ „Der hat doch hier nichts zu suchen!“ „Da gebe ich Ihnen recht, aber es gibt auch solche, die sind der Ansicht, diese ganze Veranstaltung dient nur dazu, der SPD den Gnadenstoß zu geben.“ „Und er will den ganzen Laden auf die Schnelle abwickeln?“ „So ähnlich.“ „Na, das kann ja heiter werden.“ „Wenn er Pech hat, dann driftet die Partei in den Rechtsextremismus.“ „Das ist doch eine total bescheuerte Idee!“ „Ja, aber nicht so bekloppt wie die Toleranz, ihn nicht einfach vor die Tür zu setzen.“

„Jetzt sagen Sie doch mal, wie funktioniert das eigentlich?“ „Also die Teilnehmer werden hier in dem Ding beobachtet.“ „Ach was.“ „Doch, ja. Und dann wird regelmäßig einer rausgewählt.“ „Ich dachte, die treten hier auch schon als Doppel an?“ „Man will sich hier offensichtlich mal sehr flexibel zeigen. Da die Partei in den letzten Jahren…“ „Sagen Sie wenigstens ‚in den vergangenen‘, das hört sich nicht so depressiv an.“ „Meinetwegen. Da hat die Partei schon sehr viel Flexibilität gezeigt. Vor allem moralisch.“ „Und wer am Schluss noch drin ist, hat gewonnen?“ „Nein, hier gibt es ja nur Verlierer. Wer nicht vorher schon rausgewählt wird, muss es machen. Das ist ein kleiner Unterschied, vergessen Sie nicht: das hier ist die SPD.“ „Na gut, meinetwegen. Was ist dann mit dem hier?“ „Der hat gute Chancen, der wollte sowieso nicht.“ „Weil er ja als Bundesminister schon…“ „Aus dialektischen Gründen.“ „Dialektisch?“ „Er will schon, deshalb hat er ja vorher auch schon klargemacht, dass er gar nicht wollen kann, wegen der Verantwortung.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Dann haben Sie es ja doch kapiert. Also dialektisch.“ „Meine Güte, jetzt nerven Sie mich nicht mit Ihrem spitzfindigen…“ „Dialektisch, das Wort ist: dialektisch. Deshalb hat er auch gesagt, er würde das nur machen, wenn die anderen ihn dazu auffordern würden.“ „Und, wozu ist er dann in dieser Klausur?“ „Weil da alle sind, die ihn dazu auffordern könnten.“ „Und wenn er nicht von ihnen aufgefordert wird?“ „Dann sagt er, dass er es ja eigentlich gar nicht machen wollte, das hatte er ja schon vorher klargemacht.“ „Und wenn sie es doch tun?“ „Dann sagt er auch , dass er es gar nicht machen wollte, und dass er das klargemacht hatte.“ „Also alles bleibt sich gleich?“ „Richtig. Wenn er den Vorsitz übernimmt, dann bleibt alles gleich. Aber das hatte er ja vorher klargemacht.“

„Aber mal im Ernst, gucken Sie sich mal den Altersschnitt in der Runde an.“ „Das hatte ich Ihnen doch erklärt, das ist auch Teil der Verantwortung in der Parteispitze.“ „Sie meinen, die wollen echt alle Verantwortung übernehmen für die Zukunft der…“ „Natürlich nicht. SPD und Zukunft, das wäre jetzt doch ein bisschen albern.“ „Das ist also auch schon wieder so eine dialektische Sache?“ „Nein, es geht bloß um die Vergangenheit. Die Politiker, die die Partei zwanzig Jahre lang in die Scheiße geritten haben, kennen sich doch am besten damit aus.“ „Mit der Sozialdemokratie?“ „Vor allem mit der Scheiße.“ „Und jetzt wollen sie die Partei aus der Vergangenheit retten?“ „Nein, in die Vergangenheit. Die SPD soll doch eines Tages wieder so stark sein wie vor der ganzen Sache.“ „Und deshalb sperrt man nun diese ganzen Arschlöcher in einen Kasten und wartet, wer nicht rausfliegt!?“ „Das ist eine Form des sozialen Handelns.“ „Ah, verstehe. Das ist russisches Roulette.“ „Nein, das ist Containern.“ „Was!?“ „Containern. Es gibt immer gute Gründe, etwas wegzuschmeißen, beispielsweise dann, wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist und eine Gefahr für die Öffentlichkeit droht.“ „Und dann?“ „Dann gibt es Menschen, die haben derart eigene Ansprüche, dass sie sich aus dem Müll noch etwas Brauchbares heraussuchen wollen.“ „Auf eigene Gefahr selbstverständlich. Aber es bleibt halt immer ein Nervenkitzel.“ „Weil man nicht weiß, was man da rauszieht?“ „Auch. Aber überlegen Sie mal, wenn vor Ihnen schon ein paar Mann am Container waren, was meinen Sie, ist denn dann noch drin?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVII): Die dünne Plastiktüte

16 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es geschah aber zu der Zeit, dass ein beknackter Pausenclown sich einen Eimer Grütze aus dem Cortex kloppte, um zu erklären, warum er in seiner klinisch relevanten Dämlichkeit nicht in der Lage war, unfallfrei eine Wassermelone zu verlasten. Ab hier sollten alle Akten geschlossen sein, denn der Auslöser der Hysterie und ihre Folgen sind damit hinreichend bekannt. Der gemeine Konsument, für den der Strom aus der Steckdose kommt wie die Ananas aus der Blechbüchse, will einfach sein seit Kindertagen eingeübtes Einkaufsritual in altböser Umgebung weiterleben, als hätte es Umweltschutz nie gegeben und Erdöl sei immer noch billiger als Trinkwasser. Wie die Kinder an der Kasse nach der Quengelware plärren und wo der nette Altnazi von nebenan seinen Goldschluck in den Drahtwagen hebelt, da grabbelt der Käufer mit Druckpuls nach seiner Transportfolie – die hätte im Zweifel die Melone sogar getragen, aber er war ja schon genug versorgt mit dem hauchdünnen Gezumpel, in das er seine drei Kartoffeln packt, weil er nicht in der Lage ist, sie in einen Korb zu legen. Schon verbietet man es ihm, hui! haben wir die Volksfront zur Versorgung mit Polyester am Hals.

Weil jener Konsument zur Kerngruppe der Bescheuerten zählt, die ihre reaktionären Triebe ohne Rücksicht auf Verluste ausleben will und dabei vergisst, dass die vergifteten Segnungen des gegenwärtigen Zeitalters maximal in der eigenen Kindheit eine Rolle gespielt haben, nicht aber in ihrer quasiromantischen Mittelalterprojektion. Sie wollen im SUV zu Spritpreisen der Siebziger durch eine Gesellschaft aus den Fünfzigern brettern und hoffen, irgendwann in der großen Zeit anzukommen und wieder Könige der Welt zu sein. Kann man machen, man ist dann eben nur doof. Aber wie die heutigen Vorschulkinder, für die es immer schon Smartphones, Internet und Angela Merkel gab, ist die Wirklichkeit der Supermarkbesucher seit jeher eine Ansammlung von Kunststoff gewesen, jener zu blinder Anbetung taugliche Fortschritt, die dem Konservativen die kognitive Dissonanz verschafft, gegen die er zünftig ansaufen kann.

Auch ohne das Gezippel an der Tomatenstiege bietet der Detailhandel Plaste en gros: Tomätchen im Einwegschuber, geschnittene Mango im Becher, Klarsicht mit Hühnereifüllung, Biogurke in extra aufgeschwiemelter Schrumpffolie, ein transparenter Reigen für Polymerisationsfetischisten, denen die Weichmacher um das gute Markenleitungswasser schon die Gonaden abgeschrumpelt haben. Man kann aus Polypropylen die schönsten Klappkörbe dengeln, mit denen sich eine Melone dramafrei in den nächsten Kofferraum tragen ließe, aber man kann es offenbar auch lassen. Die dünne Plastiktüte, der scheinbar einzige gefühlsechte PE-Schlauch, wird offensichtlich nicht ausreichend streng von der Suchtbeauftragten der Bundesregierung kontrolliert.

Hülfe die Bepreisung des Knotenbeutels? das Ausschaffen gar oder drohender Ersatz durch die Papppackung? Zwar braucht auch Papier enorm viel Wasser zur Herstellung, doch könnte man allein damit eine Umweltferkelei für den Abnehmer durch eine beliebige andere ersetzen? Spontanes Sündenswitching? Nein, noch keiner hat vermocht, die Rücksichtlosen vor der Bananenkiste zum umweltbewussten Umdenken zu bringen. Und wo bitte soll das auch ansetzen, wenn Wegwerflinge für dreißig Minuten konzipierte Schnellbehältnisse denkfrei mit Avocados füllen, weil die eh schon im Discounter vorgematscht angeboten werden und also nicht umsonst die Ökobilanz versauen. Der Mensch ist des Menschen Wolf, er übernimmt nur dankenswerterweise gleich den Part des Jägers, der ihm das Fell über die Ohren zieht.

Der Schuldige aber ist schnell ausgemacht, es ist die böse multinationale Regierungsverwaltung, die hierzulande in Verbote gegossen wird, wie man als neoliberaler Klötenkönig die Arbeit der Legislative gern nennt, denn wer kennt ihn nicht, den Verbotsterror, nach dem man weder Altöl ins Freibad kippen noch seinen Etagennachbarn mit der Machete zerhacken darf, weil ein paar weltfremde Juristen sich vorgenommen haben, die freie Entfaltung der Persönlichkeit für den Besitzbürger aus linksfaschistischem Hass zu zerstören. Er gösse ja eh sein Altöl nicht ins Freibad, weil er da mit dem einfachen Volk in Berührung käme, das sich nicht einmal einen eigenen Pool leisten kann. Wozu also der Zwang zum Verzicht auf Rollenbeutel, wenn man ihn auch durch Geldstrafen durchsetzen könnte, die wenigstens der Unterschicht wehtäten, und zwar ausschließlich der Unterschicht.

In einem wirren Fiebertraum harkt sich der Bescheuerte aus Hirnresten einen Quark zusammen, der seine Synapsen endvernebelt. Japsend torkelt er durch einen Discounter, Mikroplastik verschneit den Boden knöchelhoch und lädt dazu ein, sich gepflegt auf den Gesichtsschädel zu legen, jeder zieht nach Herzenslust Elaste von der Rolle, als wäre es ein ewig gebärendes Beuteltier, und an der Tofutheke tippt sich die Fachverkäuferin mit der Gabel an die Stirn: „Schnitzel!? Dir hammse wohl in’t Jehirn jeschissen, wa!“ Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.





Minority Report

15 08 2019

„… auch für Straftaten benutzt werden könne. Das Polizeigesetz erlaube es daher generell, Personen, die beim Erwerb eines Feuerzeugs beobachtet würden, unter besondere…“

„… es keine Aufzeichnung zu Religion und sexueller Orientierung der Bürger gebe. Dies sei aus polizeirechtlicher Sicht noch nicht als Schutzlücke bekannt, man müsse jedoch sehr schnell eine richtige…“

„… als Indiz für linksradikalen Terror gelten könne. Da das Anzünden von Autos beim Besitz eines Einwegfeuerzeuges nicht ausgeschlossen werden dürfe, sei die Beobachtung der potenziellen Terroristen durch ein Spezialkommando von einer herausragenden…“

„… nicht gestattet seien, jedoch nicht offiziell verfolgt würden. Man solle allerdings den Sicherheitsbehörden so weit Grundvertrauen entgegenbringen, dass die Beamten, die die Privatadresse von Helene Fischer aus dem Datenbestand abgerufen hätten, durchaus in guter Absicht gehandelt hätten und dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die…“

„… zunächst ein Verzeichnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinde erstellt werden müsse, um diese im Falle einer öffentlichen Diskriminierung schneller mit polizeilichen…“

„… durch die Kriminalstatistik bewiesen werde. Es komme vermehrt zu Verdachtsfällen von linkem Terror, z.B. dem Besitz von Feuerzeugen, daher müsse man auch den Besitz eines Feuerzeuges als nachgewiesene…“

„… habe sich die private Telefonnummer von Helene Fischer nicht in ihrem Datensatz befinden, sie sei von den beiden Polizeibeamten auch nur wenige Male angerufen worden und es habe in der Folge lediglich einen Besuch, zu dem neben einem Dienstfahrzeug auch die vollständige…“

„… die Religionszugehörigkeit auch in einer eigenen Datei gespeichert werde, um die Suche zu erleichtern. Die Angabe der Personenkennziffer genüge in den meisten Fällen aus, um die…“

„… sich besonders Autofahrer im Visier der Polizei befänden. Diese wüssten viel besser, wo man ein Kraftfahrzeug anzünden würde, und seien daher mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit die…“

„… die Telekommunikation von Nachbarn potenzieller Straftäter ausgewertet werden müsse, da man nicht ausschließen könne, dass durch das Telefon Geräusche aus der angrenzenden Wohnung in die…“

„… sei durch die Abfrage der Daten kein unmittelbarer Schaden für Helene Fischer entstanden. Die Beamten, auf deren Dienstrechnern die Abfragen getätigt worden seien, hätten glaubhaft versichert, dass sie bis auf Weiteres keine neuen Suchläufe für Fischer starten würden, da sie die Ausdrucke ja auch schon in ihren privaten Unterlagen und in den…“

„… das Urlaubsverhalten Rückschlüsse auf den politischen Hintergrund zulasse. Besonders Personen, die selten oder nie nach Kuba oder Nordkorea reisten, stünden im Verdacht, dies nur zur Tarnung nicht zu tun, um ihre politische Führung nicht zu…“

„… überall Videoüberwachung zulasse, wo erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit zu entstehen drohten. Da Wohnungsbrände meist in Straßen stattfänden, könne nur durch konsequente Überwachung aller Straßen die Gefahr von Bränden in und um und außerhalb von Wohnungen, Häusern, Stallungen, Gebäuden, Anwesen, Bauten oder…“

„… es sich nicht ausschließen lasse, dass die Beamten eine Geburtstagsüberraschung für Helene Fischer geplant hätten. Dies sei auch nach dem Polizeigesetz nicht verboten, da sich daraus keine Gefährdung ableiten lasse, die die öffentliche…“
„… hätten sich saisonale Lieferungen von Heizöl verstärkt. Es sei zwar noch nicht bekannt, ob sich Heizöl für den Bau von Brandbomben eigne, die Polizeiführung habe jedoch zur Sicherheit die Lieferungen der vergangenen Wochen als Grundlage der aktuellen Observationen und…“

„… könne man jetzt ganz sichergehen, dass Helene Fischer keine jüdischen Verwandten habe. Die Polizeiführung wisse jetzt, dass von dieser Seite keinerlei Gefährdung für die…“

„… Hausdurchsuchungen vor allem bei Nichtrauchern oder potenziellen Nichtrauchern durchführen wolle, da diese gar keinen Grund besäßen, Feuerzeuge in ihrer Wohnung aufzubewahren. Sollte es zu einem Fund kommen, könne mit dem Polizeigesetz sofort eine Sperrung sämtlicher verfügbarer…“

„… eine Pizza bestellt habe. Da es sich um eine gewollte Schädigung des Lieferanten und daher um eine linksradikale Straftat handele, könne man keinen Beamten dafür verantwortlich machen. Es müsse eine Verwechslung vorliegen, wenn die Logindaten der beiden Polizisten am fraglichen Tag in der…“

„… der Erwerb von Schnupftabak nicht ursächlich mit einer rechtsextremistischen Gesinnung zu tun habe. Deshalb müsse Besitz oder Gebrauch dieser Substanz ebenfalls als links eingeordnete Straftat gelten, was gleichzeitig damit erklärt werden könne, dass Tabakschnupfer keine Feuerzeuge bräuchten und daher immer verdächtig wären, in der eigenen Wohnung eine…“





Nachkriegsspiele

14 08 2019

„Schon wieder mehr Masernfälle. Und die Einwanderung kriegen wir auch nicht in den Griff. Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mehr, der Strom wird immer teurer, und können Sie mir mal sagen, was man heute eigentlich noch essen kann, ohne krank zu werden? Gut, dass der Krieg kommt.

Ja, Sie haben richtig gehört, ich freue mich auf den Krieg. Freuen Sie sich nicht auf den Krieg? Sie sind auf der sicheren Seite, zumindest solange, wie wir den Krieg gegen die anderen führen. Da ist sich wieder jeder selbst der Nächste, alle gegen alle, und da kann man sich während des Krieges sagen, man hat sich doch nur ganz normal für sein eigenes Land eingesetzt. Hinterher natürlich auch, da wird dann meistens nicht mehr so genau hingeschaut, weil die anderen ja irgendwie auch Schuld haben an der Misere. Wenn Sie vorher irgendwelche Probleme hatten, Rassismus, schlecht ins eigene Grundgesetz integriert, vielleicht waren Sie so ein dummes Arschloch, das Staatsbürger nur auf Grund ihrer Hautfarbe diskriminiert hat, dann haben Sie wenigstens hinterher immer die Möglichkeit zu sagen: das haben vor dem Krieg alle so gemacht. Das ist etwas anderes, als wenn Sie das ein Jahr später erklären, so ein Krieg ist eine historisch viel bedeutsamere Zäsur. Und wenn man Ihnen vorhält, dass Sie sich moralisch vollkommen verroht verhalten haben, dann können Sie ja immer noch sagen, so kurz vor dem Krieg sei das eigentlich gar nicht anders möglich gewesen. Sie sehen, so falsch ist die Sache gar nicht.

Aber auch für die Wirtschaft. Alles redet jetzt schon von Vollbeschäftigung, hier und da haben wir sogar schon Asylanten nötig, damit wir nicht bei der Müllabfuhr arbeiten müssen. Aber so ein Krieg braucht nun mal Menschenmaterial, und das muss in der Fabrik irgendwie ersetzt werden. Das wird für die Wirtschaft auch nicht leicht, die müssen dann die Löhne sehr stark nach unten anpassen, weil sie ja plötzlich keine Arbeitskräfte mehr finden, und dann haben sie auch nur noch ein sehr begrenztes Arbeitsangebot. Natürlich müssen Sie dann in die Rüstungsindustrie, man kann ja nicht einfach so mit Süßwaren und Sportmode weiter das Bruttoinlandsprodukt auf der Höhe halten, wenn das Land von den Feinden der deutschen Rasse, des Grundgesetzes, wollte ich sagen, von den Feinden des Grundgesetzes angegriffen und in seiner Existenz bedroht wird. Da muss man die Variablen schon ein wenig anpassen.

Zugleich sind das aber auch langfristige Jobs mit Bestandsgarantie. Wenn Sie in der Sportmode Tennisröcke nähen, können Sie sich nie sicher sein, ob Ihr Job in zwei Tagen oder zwei Wochen nach Ostasien ausgelagert wird. Bei kriegswichtigen Materialien ist der Nachschub schon gleich ganz anders kalkulierbar als bei den Tennisröcken, das lässt sich aus dem bisherigen Kriegsverlauf jedenfalls erheblich besser extrapolieren. Und dann müssen wir auch nachhaltig denken, so ein Krieg hat ja auch immer eine Nachkriegszeit, die wird diesmal zwar ein bisschen anders aussehen als bei den letzten Versuchen, aber wenn Sie sich mal vor Augen führen, wie allein die deutsche Wirtschaft davon profitieren würde – auf Jahre keine Arbeitslosigkeit mehr zu befürchten, der Sozialstaat ist für keinen mehr zuständig, weil sowieso keiner mehr etwas bekommt, keine überqualifizierten Arbeitnehmer.

Gut, auch keine Wirtschaft. Die oberen Zehntausend können sich noch mit Geldgeschäften über Wasser halten, dazu braucht man ja heute kein reales Vermögen mehr, und wenn man das Geld während des Krieges im befreundeten Ausland parkt, hat man auch nichts zu befürchten. Es wird diesmal keine schnellen Milliardenkredite geben, aber wir kehren sicher schnell zum üblichen Gefüge aus Macht und Einfluss zurück, zumal sich die europäischen Häuser sonst alles gegenseitig in den Knast sperren müsste. Wenigstens die Immobilien sind gerettet, für die Wälder bekommt man nur noch Zeitwert, aber das ist dann nicht mehr halb so wichtig. Wir werden ein neues Wirtschaftswunder schaffen, einen Aufbaupioniergeist, den nicht einmal dieser verdammte Sozialismus hätte erfinden können.

Und dann fühlen sich auch die Männer, die mit dem Panzer in die taktisch sinnvollen Gebiete einreisen, dann fühlen sie sich endlich wieder gebraucht. Bisher hatten wir ja immer große Schwierigkeiten, und gegen den Feminismus zu wehren, aber wenn nicht hier echte Männer gebraucht werden, um das Vaterland gegen alle zu schützen, die sich unserem Angriff widersetzen, wo denn dann bitte!? Wenn wir das erst einmal als nationale Aufgabe im Bewusstsein der Bevölkerung verankert haben, dann sollte es keine Drückeberger mehr geben, die uns davon abhalten. Wie gesagt, das ist nur so ein Denkmodell. Wir sind durchaus militaristisch eingestellt, denn was für Jahrzehnte in diesem linksradikalen Mainstream als völlig normal galt, das kann doch jetzt nicht total verkehrt sein, wenn wir endlich kapiert haben, dass wir endlich mal wieder eine Gelegenheit haben, das Vaterland zu verteidigen, wenn wir uns nur ein bisschen Mühe geben, denn sonst haben wir ja auch so schnell keine Gelegenheit.

Grundgesetz? Angriffskrieg? Ja, wissen wir. Deshalb verteidigen wir uns ja auch zuerst. Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben das bei uns im Wahlprogramm reingeschrieben, sogar ohne Verklausulierung und blumige Umschreibungen, und glauben Sie, dass es jemandem aufgefallen wäre? Wenn Sie wirklich wollen, dass man Ihnen nichts glaubt, erzählen Sie es jedem so, wie es ist. Man wird Ihnen nicht glauben, aber Sie haben nicht gelogen. Und Sie wissen, was das nach dem Krieg bedeutet. Also, worauf warten wir noch?“