Doppeldenk

26 04 2017

„Sie dürfen alles sagen, nur nicht alles denken. Klingt paradox, ist aber so. Da ist die Verwechslungsgefahr mit Rechtspopulisten natürlich vorprogrammiert, aber wir sind da sowieso komplett schmerzfrei. Die Schnittmenge ist ja hoch.

Wir haben uns die deutsche Gesetzgebung, nein: was der deutsche Justizminister an Gesetzgebung bisher versucht hat, das haben wir uns mit großem Interesse angeguckt. Man guckt sich ja auch an, was die Konkurrenz so an untauglichen Sachen auf den Markt schmeißt, damit wir auf dem Markt für soziale Medien überleben können. Und da hat uns diese Sache mit der Internethetze ganz besonders interessiert. Sie müssen das ja erstmal ordentlich definieren, bevor Sie es abschalten. Und dann haben Sie eine Sache vor sich liegen, und dann sagt einer plötzlich: klasse, endlich mal ein tolles, neues Geschäftsfeld!

Dass die Leute einen Terroranschlag live ins Netz stellen, das ist so 2016. Wir wollen uns wieder auf unser Kerngeschäft konzentrieren und mit Kommunikation in den Vordergrund treten. Richtige Kommunikation, zwischen richtigen Personen und, sagen wir mal, anderen Teilnehmern. Unser Ziel ist es, die richtige Kommunikation für die Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Sie nennen das Gedankenlesen, weil die Presse das so plakativ in die Schlagzeilen gebracht hat – das ist nicht so ganz falsch, aber auch nicht so ganz richtig.

Wir wollen wissen, was Sie wirklich denken. Dazu müssen wir Ihr Verhalten natürlich genau analysieren, aber da Sie nicht über die passende Hardware verfügen, schließen wir Ihre Meinung aus den Parametern, die uns vorliegen. Augenbewegung oder Tippfehler, ihre mutmaßliche politische Einstellung, Aggressionsgrad, die letzten beiden kann man ja meist nicht getrennt voneinander betrachten, und vielleicht noch den sozialen Status. Es soll ja vorkommen, dass jemand überhaupt nicht erst denkt.

Unser Ziel ist es, Internethetze schon vorher zu erkennen und zu verhindern. Sie bekommen das volle Programm: wir bestimmen, was Hetze ist, und das schon, bevor sie gedacht haben, sie könnten derartige Äußerungen tätigen. Das nehmen wir für Sie zur Kenntnis, löschen es, haken es ab, und Sie sind aus dem Schneider. Ist das nicht fantastisch? Bisher mussten Sie immer noch überlegen, ob so eine Reichskriegsflagge oder Holocaustleugnen eine mehrtägige Sperre nach sich zieht, sicher sein konnten Sie sich ja nur bei unbekleideten Frauen, das bleibt auch so, aber jetzt blenden wir einfach alles aus, was uns nicht relevant erscheint. Das kann man doch als großen informationstechnischen Durchbruch bezeichnen, oder? Wenn nicht das, was denn dann?

Oder denken Sie beispielsweise einmal an Ihre bisherige Reaktion auf Werbung. Sie klicken das einfach weg, weil es Sie nicht interessiert, oder vielleicht haben Sie es auch schon ganz geblockt. Jedenfalls ist das für die Presse, für die Werbung, wollte ich sagen, für die Werbung ist das natürlich ein großer Verlust, wenn Sie das ignorieren. Für die Wirtschaft natürlich auch. Wenn wir jetzt Ihre Kaufentscheidungen umsetzen können, bevor Sie sich darüber klar geworden sind, dann ist damit doch allen gedient, oder?

Das ist ein zertifizierter Prozess, wir nennen das Doppeldenk. Gleichzeitig implementieren wir auch Abläufe wie Minimoral, aber das nur nebenbei. Mit dieser Doppeldenk-Sache können wir uns davor schützen, dass Sie sich vor uns schützen müssen. Oder war’s umgekehrt? egal, jedenfalls müssen wir das Gesetz nicht mehr umgehen, wenn Sie selbst für die Äußerungen verantwortlich sind, die Sie gar nicht einstellen. Ist das nicht bahnbrechend?

Gleichzeitig sollten wir im Auge behalten, dass wir uns auch gemeinsam für die Meinungsfreiheit einsetzen. Sie setzen sich damit erstmal für unsere Meinungsfreiheit ein – Doppeldenk, Sie verstehen? – und wir ziehen dann irgendwann mal nach. Als Initiierung eines demokratischen Prozesses ist das doch okay, oder? Wir wären ja gar nicht dazu verpflichtet, schließlich sind wir ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen, auch wenn uns einige für ein staatlich organisiertes Paralleluniversum halten.

Und unter dieser Perspektive wäre es doch ganz gut zu verstehen, wenn wir unser Modell auch auf anderen gesellschaftlich relevanten Ebenen ausprobieren würden, oder? Man muss ja nicht gleich an Bundestagswahlen denken, obwohl: warum eigentlich nicht? Dann hätten wir unter Umständen endlich mal ein ehrliches Ergebnis, weil alle das wählen würden, wovon sie wirklich überzeugt wären. Das würde die Bundesregierung dann auch nicht mehr kritisieren, also die, die dann gewählt würde, und dann hätten wir das Problem auch nicht mehr, weil dann keiner mehr denken würde. Also Sie würden vielleicht noch denken, aber ich denke, Sie würden es dann besser für sich behalten wollen. Ist doch auch gut, oder?“





Abgetrieben

24 04 2017

„… auf eine Spitzenkandidatur verzichten wolle. Meuthen habe der Co-Vorsitzenden vorgeworfen, bewusst demokratische Verhältnisse in Deutschland zu…“

„… sich stets um die Rehabilitierung von nationalistischem Gedankengut gekümmert habe. Storch befürchte, dass sie gegen ihren Willen als neue Kandidatin für die Bundespartei einen…“

„… wolle die AfD mit Petrys Rückzug nicht die Verbindungen ins bürgerliche Lager kappen, sondern nur durch personelle Verschiebungen für eine breitere Basis nach rechts…“

„… den Rückzug möglicherweise als eine Art Überreaktion ansehe. Da die Partei ohnehin zunehmend reaktionär sei, biete dies einen reichen Spielraum zur…“

„… Bachmann eine Strafanzeige wegen Volksverrats erstattet habe. Das gesunde Volksempfinden sei empfindlich durch den…“

„… es sich um ein Gerücht handele. Steinbach habe nie in Erwägung gezogen, Spitzenkandidatin einer anderen…“

„… sich gegen Höckes Vorwürfe zur Wehr gesetzt habe. Petry habe insbesondere die Integration von Antisemiten, Holocaustleugnern, Hitlerverehrern und…“

„… stehe Weidel nicht für extremistische Inhalte, sie sei dafür aber nicht geeignet, Umerziehungslager für sexuell auffällige…“

„… eine Radikalisierung der Partei nach Petrys Abgang nicht zu befürchten sei, jedenfalls nicht mehr als es bisher ohnehin in den…“

„… dass die Partei ihre demnächst ehemalige Vorsitzende abgetrieben habe, um durch ein möglichst einstelliges Ergebnis auf absehbare Zeit nicht mit einer Regierungsbeteiligung…“

„… dass Petry sich in Absprache mit ihrem Mann dazu entschlossen habe, die strikte Trennung von Beruf und Karriere auch im…“

„… habe sich Petry erfolgreich selbst abgeschafft. Dies sei ein großartiger Bewies dafür, dass die Alterative für Deutschland auch andere Störfaktoren in dieser Republik schnell und ohne bürokratische Hindernisse…“

„… dass andererseits die Verhinderung einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene durch die Co-Kandidatur von Höcke noch sehr viel mehr…“

„… wieder mehr für die Familie da sein könne. Pretzell wolle sich derzeit zwar noch nicht als neuer Spitzenkandidat der…“

„… einer Vereinigung von AfD und NPD nun auch inhaltlich nichts mehr im Weg…“

„… der nationale Flügel der AfD darüber einig sei, dass eine Frau als Parteivorsitzende die Aufgaben von Kindererziehung, Küche und Verfügbarkeit für den Mann nicht in völkisch erwünschtem Maße…“

„… sich Gauland derzeit noch nicht als alleiniger Spitzenkandidat der AfD für die…“

„… ein leuchtendes Vorbild für die deutsche Mutter abgebe, die ihre eignen Bedürfnisse so weit der Partei unterordne, dass sie gar keinen…“

„… ihr Engagement gegen rechtsextremistische Strömungen in der Partei nicht ernst zu nehmen sei. Aus diesem Grunde habe sie sich dazu entschieden, durch ihren Abgang die Wählerpotenziale wieder in den Schoß der AfD zu…“

„… es schwierig sei, ein Spitzenteam für die Bundestagswahl aufzustellen, da die Partei geistig wie moralisch ohnehin nicht in der Lage sei, auf Anforderungen dieser Art…“

„… abgesprochen sei, dass sich Höcke derzeit nicht als Spitzenkandidat der…“

„… allerdings in den Bundestag einziehen wolle. Dies sei jedoch zuvor mit den anderen Vorstandsmitgliedern so nicht abgesprochen gewesen und habe zu heftigen…“

„… mit einer Spitzenkandidatur intellektuell überfordert sei. Poggenburgs Sprecher könne sich allerdings eine eigene Kampagne für die…“

„… die fundamentaloppositionelle Position am besten so darstellen wolle, dass die Partei ohne einen Spitzenkandidaten in den Wahlkampf zum…“

„… seien sich Gauland und Meuthen nicht einig, wen sie nach Petry verantwortlich machen könnten für den Verlust von…“

„… keine machttaktischen Erwägungen nachweisen könne. Es gehe nicht primär um eine Trennung der Wählerschaft, dennoch habe man bei Petrys Rückzug die Befürchtung, sie wolle eine Trennung von der Wählerschaft in der…“

„… Anzeichen für eine Realo-Aktion in einem Fundi-Umfeld sehe. Gauland sehe einen deutlichen Einfluss der Grünen, er habe Petry aufgefordert, unverzüglich alle Posten und Ämter zur Verfügung zu…“

„… sich allerdings keine Mehrheit für ein Parteiausschlussverfahren gegen die…“

„… durchaus zu ersetzen sei. Dies gelte nicht nur für die Partei, deren Mitglieder auch in vielen anderen Organisationen ihren Lebensunterhalt…“

„… zu Ende denken müsse. Indem sich die AfD überhaupt nicht zur Bundestagswahl aufstellen lasse, wolle sie ihre klar fundamentalistische Stoßrichtung in extremem Maße zur…“





Doof bleibt doof

23 04 2017

für Kurt Tucholsky

Apotheker Doktor Kroll,
ein Jahr noch zur Rente,
weiß schon, was er wissen soll –
die Medikamente
helfen größtenteils sogar,
Mumps und Ohrenrauschen
gehen weg ganz sonderbar
beim Rezeptvertauschen.
Kroll gibt, was der Arzt verschreibt,
manchmal jedoch nicht,
wenn die Wirkung ganz ausbleibt.
Dann steht er und spricht
ganz zu sich und nur im Stillen:
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Henriette, hübsch und fein,
hat gar viel Verehrer,
fällt auf alle reihum rein
und macht sich’s noch schwerer.
Wenn die Ehe man verspricht,
hält’s die junge Dame
länger in der Stube nicht.
Ach, es lockt der Name,
den die Hochzeit mit sich bringt.
Sie probiert ihn aus,
wenn auch Muttchen in sie dringt,
sie schreibt ihn ans Haus.
Seufzend lässt sie ihr den Willen.
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Mancher Bürger weiß Bescheid
über die Geschichte,
liest, wie eine dunkle Zeit
Hoffnung macht zunichte.
Liest auch nicht nur, was ihn lockt,
sieht auch andern Ländern
schweres Unheil eingebrockt,
und will doch nichts ändern.
Stärke ist ihm, wenn er dann
Schwächere bedroht,
nicht sieht, was er ändern kann,
und dabei verroht.
Hört Ihr ihn nach rückwärts brüllen?
Doof bleibt doof.
Da helfen keine Pillen.





Dienstfahrt

20 04 2017

„Aber nur vorübergehend. Nicht länger als zwei, höchstens drei oder vier, vielleicht sechs… Monate, nicht Wochen. Monate. Das muss schon gründlich gemacht werden. Wir können die Sicherheit unserer Mitarbeiter nicht gefährden. Jedenfalls nicht mehr als nötig.

Sie landen auf einem ganz normalen Flugplatz. Ja, es gibt eigentlich keine normalen Flugplätze in Afghanistan, aber für afghanische Verhältnisse würde ich das als annähernd normal bezeichnen. Die Beschusszeiten sind nicht immer so wie vorgesehen, manchmal schicken die Taliban auch ein paar Übungstrupps durch, dann muss man halt in Deckung gehen, aber so schlimm ist das auch nicht, wenn man’s überlebt. Die meisten überleben das, jedenfalls statistisch betrachtet. Wie Sie danach aussehen? Keine Ahnung, ich habe noch nie einen gesehen, der zurückgekommen ist. Ich kriege wohl immer die statistischen Ausnahmen.

Sie wohnen auch ganz normal. Richtig, im Zelt. Sie haben den afghanischen Normalitätsbegriff schon sehr gut verinnerlicht. Halten Sie sich daran, dann geht auf Ihrer Dienstfahrt gar nichts schief. Falls irgendwas gehen sollte, das kann man vorher auch immer nie so genau wissen.

Kamele haben wir da nicht mehr, nein. Das liegt aber nicht an der Finanzdecke des Ministeriums, es liegt an zu wenig Kamelen. Die Tiere sind auch nicht dumm, die gehen halt auch eher da hin, wo es nicht ständig knallt. Und dann kann ich Ihnen natürlich noch die anderen Fahrzeuge ans Herz legen, die sind auch alle ausrangiert, wie die Zelte, und wenn Sie sich mit der Technik ein bisschen auskennen, dann fällt Ihnen auch die Reparatur viel leichter. Aus den Achtzigern, manche auch etwas neueres Baujahr, nur eben nicht die modernen Fabrikate. Die sind bisweilen etwas störanfällig. Die alten bleiben nur im Sand stecken, wenn sie unbedingt müssen.

Es ist halt Afghanistan, das gilt als sicheres Herkunftsland. Da wird nicht viel investiert, da schickt man hin, was hier bei uns nicht mehr gebraucht wird. Wieso der de Maizière jetzt immer da ist? Wie soll ich denn die Frage verstehen? Ist der immer noch Verteidigungsminister? Oder warum fragen Sie? Nein, sagen Sie mal?

Sie können schon technische Geräte mitnehmen, aber dann übernehmen wir da keine Haftung. Sie müssen das selbst besorgen. Wenn es nicht sicher ist, warum sollten wir als Regierung uns da einmischen? So dürfen Sie nicht rechnen, das ist nicht statthaft. Wir dienen hier letztlich dem Steuerzahler, da können wir nicht alles bezahlen. Schon gar nicht für sichere Länder. Wenn wir denen nämlich die Sicherheit bezahlen, dann sind die vorher gar nicht sicher gewesen, oder? Oder? Sehen Sie, so denken die meisten nämlich gar nicht, aber das muss man, wenn man in einem deutschen Ministerium ist. Oder Karriere machen will. Oder Karriere machen will, um nicht mehr in einem deutschen Ministerium zu sein.

Ja, der Sand. Der ist kostenlos, Sie können da auch gerne ein bisschen mitnehmen. Ach, Sie meinen die Sicherheitsbedenken? Dass sich Autos da festfahren? Oder Flugzeuge? Sie haben Recht, deshalb werden auch Sie da hingeschickt. Und nicht die Ministerin. Das heißt, die schicken wir auch da hin, aber nicht da, wo es zu sandig werden könnte. Man muss da ganz andere Sicherheitsmaßstäbe anlegen. Das haben Sie schon ganz gut begriffen.

Und Sie haben Ihre Schulung abgeschlossen? Gut, dann sind wir raus. Wegen der Haftungsfragen, aber das hatten wir ja schon. Sie dürfen sich da auch keine zu großen Gedanken machen, das führt nur zu Angst, oder Sie sehen die Situation plötzlich unrealistisch. Wir als Regierung wissen, wovon wir da sprechen, glauben Sie mir.

Ich empfehle Ihnen diese Teilnahme schon aus Karrieregesichtspunkten. Wenn Sie das überstanden haben, dann überstehen Sie alles. Auch Seehofer im Ministerium. Oder einen Parteitag mit…

Darf ich Sie dann schon mal fest einbuchen? Und nur zur Sicherheit, wen sollen wir denn benachrichtigen? Ich meine, im Falle eines Falles?“





Die anderen

18 04 2017

„Geben Sie mir nicht die Schuld – ich habe die Gesetze nicht gemacht. Sie schon. Also werden Sie den Murks auch mit ausbaden müssen.

Wir können Ihnen natürlich nicht nachweisen, dass die sexuelle Orientierung Ihrer Schwester für Ihre Kinder schädlich ist, aber das ist ja auch gar nicht das Problem. Sie können nicht nachweisen, dass sie unschädlich für Ihre Kinder ist. Das ist ein kleiner Unterschied, und seitdem Ihre Partei in der Regierung ist, sich die Gesetze ausdenkt und dem Bundestag zur Umsetzung überlässt, müssen Sie mit den Folgen eben auch leben. Schauen Sie mal, Ihre beiden Süßen werden sich in einer reinblütigen Aufzucht sicher viel besser fühlen als bei Ihnen. In ein, zwei Jahren haben die Sie vergessen, sie sind ja noch so klein, und dann wird nichts mehr daran erinnern, dass sie von so einem Menschenmüll wie Ihnen abstammen. Ist das nicht erhebend?

Meine Güte, jetzt heulen Sie hier nicht herum! Du bist nichts, Dein Volk ist alles – haben Sie das auf dem Parteitag nicht auch gebrüllt? Haben Sie? Leugnen ist zwecklos. In einem guten Polizeistaat kommt nichts weg. Sie wollten das so, jetzt kriegen Sie es auch. Ganz einfach. Und da wären wir auch schon beim nächsten Punkt. Sie waren politisch nicht immer zuverlässig. Wissen Sie noch, damals in der Studentenzeit? Marx gelesen, viel Kontakt mit Typen, die viel Kontakt mit Typen hatten, die Kontakt mit Typen hatten, die gegen den Staat waren? Nein, das ist nicht dasselbe – wir sind auch gegen den Staat, aber wir haben ihn ja inzwischen durch etwas ganz anderes ersetzt, also sind wir jetzt der Staat, da können wir doch nicht gegen den Staat sein, oder? Sie müssen immer bedenken, die ganze verlogene Scheiße, die Sie damals gegen den Staat und die Demokratie und die Elite und die Politik und was weiß ich noch alles erzählt haben, dieses ganze verlogene Zeug, das geistig minderbemittelte Arschlöcher glauben sollten, und Sie haben es geglaubt, weil sie halt ein geistig minderbemitteltes Arschloch sind, das alles wendet sich jetzt gegen Sie. Überrascht?

Also Sie waren mal politisch unzuverlässig, das zählt als Grund, dann das mit Ihrer Schwester, und dann sind Sie ja auch in der Gewerkschaft. Gut, das war damals legal, heute eigentlich auch noch, wobei – nein, das ist manchmal legal, manchmal ist es auch egal, das ist nicht ganz dasselbe, obwohl die Übergänge da eher fließend sind, aber wenn sich die Zeiten ändern und die Umstände, dann muss man manchmal auch ein paar Dinge neu bewerten.

Sie scheinen da ein paar grundlegende Dinge des Führerstaates nicht ganz kapiert zu haben. Selbstverständlich gelten für Parteimitglieder einige Ausnahmen. Das war schon immer so, das wird auch so bleiben. Sonst wäre das Modell ja für die meisten ängstlichen Opportunisten gar nicht mehr attraktiv. Allerdings sind manche, Sie gestatten mir diese etwas altmodische literarische Referenz, doch immer noch etwas gleicher. Sie dürfen manches bei anderen Leuten kritisieren, anprangern, Sie dürfen das brandmarken und drakonische Strafen fordern, aber Sie sollten auch wissen, dass Sie selbst das genauso trifft. Ihr Nachbar hat die Steuer beschissen und ist schwarz gefahren und trinkt heimlich? Sie sollten sehr vorsichtig sein, diese Maßstäbe gelten auch für Sie. Es sei denn, Sie sind in der Hierarchie der Partei so weit oben, dass für Sie überhaupt kein Gesetz mehr gilt. Dann kann Ihnen dieser ganze Krempel, Ethik und Moral und so was, letztlich egal sein. Sie werden jetzt lernen müssen, mit Ihrer Entscheidung zurechtzukommen. Das ist ja gerade der Witz an der Diktatur: man hat die Wahl, sich für oder gegen sie zu entscheiden, aber nur einmal.

Ach nein, das dürfen Sie uns nicht vorwerfen. Natürlich wollen wir auf Dauer an der Macht bleiben, wer will das denn nicht? Aber Sie müssen realistisch bleiben. Nichts dauert ewig. Sie haben möglicherweise Glück, weil Sie danach sagen können, dass Sie verfolgt wurden. Möglicherweise. Man weiß ja nie, ob Sie das überleben. Doch, das ist schon erheblich – für Sie jedenfalls, bei uns würde ich mir da nicht so große Sorgen machen. Wir haben möglicherweise – möglicherweise, wie gesagt – auch Probleme, aber wir gelten hinterher nicht als politisch unzuverlässig. Wir sind ja jetzt der Staat, deshalb kann das, was wir machen, auch nicht illegal sein. Wir werden hinterher auch wieder Richter und Professoren und Polizisten, Minister und Direktoren, schon weil es ja kaum jemanden geben wird, der das überhaupt werden könnte. Wir reduzieren im Augenblick das verfügbare Personal dafür, deshalb haben wir später auch so gute Karten und schwimmen wieder oben.

Aktuell werfen wir Ihnen vor, dass Sie die falsche Abstammung haben. Sie können ja nichts dafür, selbstverständlich nicht, aber das ist letztlich nicht wichtig. Sie haben sich früher immer dafür ausgesprochen, die Abstammungsfrage ins Zentrum der politischen Bewegung zu rücken – jetzt holt Sie das ein, weil wir noch ein paar Generationen weiter in Ihrer Familiengeschichte gegraben haben als versprochen. Das ändert natürlich nichts daran, dass Sie das alles wollten. Sie müssen uns jetzt nicht dankbar sein, das nun gerade nicht, aber Sie geben hoffentlich nicht uns die Schuld, dass wir letztlich nur das tun, was Sie immer wollten.

Nach links. Ziehen Sie am besten schon mal die Schnürsenkel raus. Wir wollen doch nicht, dass Ihnen jetzt schon etwas zustößt.“





Siegessäule

17 04 2017

„… keine Gefahr bestehe, wenn Trump in einer Kutsche durch Berlin gefahren werde. Der US-Präsident habe vor der Reise persönlich mit Gott besprochen, dass er keinerlei…“

„… zu Protesten mit der Linksfraktion geführt habe. Der zuletzt von Kaiser Wilhelm II. benutzte Zugwagen müsse erst instand gesetzt werden, was mit Kosten in Höhe von…“

„… mit einem kompletten Verdienstausfall zu rechnen sei. Die Berliner Taxifahrer hätten daher angekündigt, den Präsidenten durch zahlreiche Auffahrunfälle zu…“

„… die komplette Achse von der Heerstraße bis zum Brandenburger Tor befahren wolle. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von drei Kilometern pro Stunde rechne man in den späten Abendstunden mit der Ankunft des…“

„… körperliches Unwohlsein in ihrem Alter eine große Gefahr darstelle. Merkel wolle daher den amerikanischen Gast weder innerhalb noch außerhalb ihres…“

„… habe Trump einen Jobboom angekündigt. Allein für die Kutschfahrt habe das Weiße Haus fünf Millionen US-amerikanische Jubler angestellt, die sich auf eigene Kosten mit Frachtmaschinen nach…“

„… die vorgesehenen Winkelemente noch mit Hammer und Sichel in Auftrag gegeben habe. Die US-Administration könne diesen Deal jedoch nicht mehr rückgängig machen, da sonst mit Mehrkosten in erheblicher…“

„… das Finanzamt Charlottenburg evakuiert werden müsse. Trump habe nichts zu verbergen, weil alle Meldungen über etwaige Schulden bei deutschen Investoren gelogen oder von Hillary Clinton aus klassifizierten Dokumenten entnommen worden seien, aber…“

„… und umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen getroffen würden. Da sämtliche Dächer entlang der Route überprüft werden müssten, sei mit einer Vorlaufzeit von mindestens…“

„… die angekündigten Jubelfachkräfte nicht rechtzeitig nach Deutschland ausfliegen könne, da der geplante Hauptstadtflughafen bis zum Herbst dieses Jahres wohl nicht…“

„… die Fähnchen aus der Ivanka-Trump-Kollektion zum Stückpreis von neun Dollar auch in den USA verkauft würden. Wahrscheinlich sei der Erlös jedoch nicht ausreichend, um die…“

„… die Berliner Polizei kritisiert habe. Trump wolle während seines Aufenthaltes in der deutschen Hauptstadt keine muslimischen…“

„… gefragt habe ob man auf der Kutschfahrt einen Abstecher nach Belgien machen könne. Das Auswärtige Amt habe dies bedauert, es handle sich dabei weder um einen Berliner Bezirk noch um…“

„… die Fähnchen aus chinesischer Fertigung seien. Die Öffentlichkeit habe dadurch nur erfahren, weil der deutsche Zoll sich widerrechtlich in die…“

„… das Denkmal für die Sowjetischen Soldaten vor der Vorbeifahrt entfernt werden müsse. Im Falle einer Zuwiderhandlung habe die US-amerikanische Regierung mit Wirtschaftssanktionen, einer militärischen Intervention sowie dem Boykott der Olympischen…“

„… von der deutschen Polizei eine komplett mit schusssicherem Glas verkleidete, aber offene Kutsche verlangt habe, um von allen Besuchern am Straßenrand…“

„… das Gefährt vorab nach New York zu liefern, um Übungsfahrten vom Regierungssitz im Trump Tower bis zur…“

„… die NSA nicht sicherstellen könne, dass alle europäischen Terroristen ausreichend überwacht würden. So müsse man insbesondere mit rechten Gewalttätern rechnen, die vom Verfassungsschutz als folkloristische…“

„… den Botschafter einbestellt habe. Bei einem angekündigten Besuch im Herbst wolle Putin nicht nur mit der Kutsche nach Berlin, sondern auch quer durch die…“

„… für die Dauer seines Aufenthalts das Bundespräsidialamt sowie Schloss Bellevue provisorisch an der Fahrtroute nachbauen solle. Trump beabsichtige, im Vorbeifahren dem Bundespräsidenten zuzuwinken, da sonst Fake News behaupten würden, er habe ihn in Europa gar nicht…“

„… einen Umweg über den Alexanderplatz machen müsse. Die Präsidentengattin wolle ihre erste Schuhkollektion im…“

„… auf einem Foto die Berliner Freiheitsstatue gesehen habe. Trump wolle unbedingt durch eine dreimalige Umrundung die…“

„… nicht möglich sei, das Kaiserliche Wappen durch ein Trump-Logo zu ersetzen. Er müsse für die Dauer seiner Fahrt als…“

„… wünsche sich Trump eine originalgroße Kopie der Freiheitsstatue für den Garten hinter seinem Büro in diesem Haus, in dem er ab und zu mit diesen Typen, die er schon mal…“

„… der Vatikan das Gesuch der Überlassung eines Papamobils für den Trump-Besuch abschlägig beschieden habe. Papst Franziskus habe den amerikanischen Präsidenten als durchgeknalltes Arschloch bezeichnet, das gefälligst seine…“

„… die Kutschfahrt für Trump zu hohe Risiken berge. Das Übergewicht des Staatsgastes sei für die Kutsche technisch nicht…“





Fingerabdrücke

13 04 2017

„Augenfarbe?“ „Jedenfalls Fingerabdrücke und die Nasenlänge.“ „Nützt gar nichts ohne Nasenbreite, wenn Sie mich fragen.“ „Wegen der Abdrücke?“ „Auf jeden Fall Hautfarbe.“ „Das ist doch ganz klar rassistisch!“ „Sonst erkennt man diese arabischen Terroristen doch nie.“ „Wir reden aber hier von Flügen innerhalb der EU.“ „Ach so.“

„Kann man da nicht die Fingerabdrücke aus einer anderen Datenbank…“ „Meinen Sie, dass sich islamische Terroristen vor der Einreise in Europa freiwillig in eine Datenbank eintragen lassen?“ „Wahrscheinlich nur islamistische.“ „Klar, wegen Nachweis und so. Der IS will doch den…“ „Quark, die hobeln doch ihren Agenten die Finger ab.“ „Das sind die Koreaner.“ „Egal, auch Ausländer.“ „Und die kann man an der Ohrenlänge unterscheiden?“ „Die Buddhisten wahrscheinlich.“ „Das ist doch eine Religion, oder?“ „Kann man an der Nase doch auch.“ „Moment, das ist…“

„Wäre es nicht einfacher, die EU würde gleich einen biometrischen Pass verlangen, wenn jemand einreisen will?“ „Dazu müsste derjenige aber auch erstmal einen biometrischen Pass besitzen.“ „Das ist Sache der Herkunftsstaaten.“ „Moment mal, wenn die USA nach Staaten unterscheiden, warum dürfen wir das dann nicht?“ „Weil die EU auf dem Papier zumindest eine demokratische Verfassung hat?“ „Also bitte, danach sollte man die Ungarn schon an der…“ „Ich hatte gesagt: auf dem Papier!“ „’tschuldigung.“ „Warum macht das Amerika?“ „Weil sie es können.“ „Und warum können wir es nicht?“ „Weil wir es nicht machen.“ „Sie müssen doch immer damit rechnen, dass die plötzlich blaue Kontaktlinsen…“ „Oder Nasenprothesen, wie!?“ „Jetzt hören Sie aber auf!“ „Kann man sich nicht auf dem Passfoto kleiner machen?“ „Dann gehen Sie vielleicht als Italiener durch.“

„Vielleicht sollten wir wieder Grenzkontrollen einführen wie vorher.“ „Also für Dänen, Ungarn und andere Schengen-Verweigerer.“ „Das wird an der deutsch-ungarischen Grenze ganz sicher enorme Turbulenzen erzeugen.“ „Die Frage ist doch: kann man einen Dänen erkennen, wenn er die ungarische Grenze überquert?“ „Das ist eher ein Problem der bereits bestehenden Überwachung.“ „Dann wird man sicherlich die Ungarn erkennen, wenn sie nach Dänemark einreisen.“ „Wir können aber auch den Verkehrsfluss nicht unnötig behindern.“ „Sie lesen manchmal Ihre Papiere?“ „Er ist Verkehrs- und Infrastrukturexperte, er weiß von gar nichts.“ „Hören Sie mal, zwei Jahre unter Dobrindt im…“ „So schlimm?“ „Ich werde Sie…“ „Was meinen Sie wohl, warum die Bahn so eine beschissene Anbindung hat und dauernd ausfällt?“ „Keine Ahnung.“ „Naja, dann kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen.“ „Aber…“ „Stimmt, so kriegen wir den Verkehrsfluss tot.“ „Eigentlich genial.“

„Was machen wir eigentlich gegen Terroristen aus Europa?“ „Abschieben.“ „Sie haben das nicht ganz kapiert. Das sind Europäer.“ „Deswegen ja auch abschieben nach…“ „Wohin denn, verdammt noch mal!?“ „Die Eltern werden doch irgendwann mal eine Nationalität gehabt haben.“ „Also alle nach Belgien?“ „Kann man das nicht auch an der Augenfarbe feststellen?“ „Wohl eher am Akzent.“ „Quark, das sind die Amis.“ „Für die ist Belgien eine Stadt in Frankreich.“ „Verkehrstechnisch ist das ja nicht ganz falsch.“ „Wir müssten dann auch bei der Ausreise eine biometrische Kontrolle an den Grenzen…“ „Bloß nicht!“ „Eben. Hauptsache, die Drecksäcke sind draußen.“ „Damit dann die italienische Polizei einen Attentäter abknallt?“ „Sie müssen das immer dramatisieren, wie!?“

„Kann man da nicht eben mit der Hautfarbe einen gesicherten…“ „Keine Chance, Sie müssen erst die Grenzen übertreten.“ „Wenn wir wenigstens die bayerischen Außengrenzen als…“ „Sie wissen genau, dass Sie mit dem Feuer spielen!“ „Wieso?“ „Spätestens nach der nächsten Wahl erklärt doch die CSU, dass sie die Gleichbehandlung nicht genau geklärter Deutscher verhindern will.“ „Notfalls mit Waffengewalt.“ „Und sie wird die biometrischen Daten aller Zuwanderer fordern, sobald sie die Sammlung der wahren Inhalte auf dem Schirm hat.“ „Halten Sie das für realistisch?“ „Für Bayern reicht das.“ „Und wenn man da jetzt auffällt?“ „Eine Schiffsreise zwischen der Bundesrepublik und dem Freistaat würde ich dann jedenfalls nicht mehr in Betracht ziehen.“

„Zahnschema?“ „Geruchsproben wären aber zu kompliziert.“ „Vielleicht scannen wir erstmal die Wohnungstüren, damit wir wissen, ob jemand gar nicht zu Hause ist.“ „Das hilft aber nicht gegen Eindringlinge aus…“ „Hallo!?“ „Ja, meinetwegen: Einwanderer.“ „Touristen?“ „Oder so.“ „Aber die kommen doch sowieso aus der EU.“ „Das sind dann die Terroristen.“ „Wir müssten also die EU überwachen?“ „Das ließe sich eventuell sogar machen.“ „Wir müssen ja nur sicherstellen, dass keiner die Grenze überquert, der eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung oder die innere Sicherheit darstellt.“ „Also doch Seehofer.“ „Da kriegen wir doch nie Fingerabdrücke.“ „Egal, auf der Konzeptebene reicht das erstmal.“ „Kann man das finanzieren.“ „Kommt darauf an, wo man kürzt. Aber das ist nicht unsere Aufgabe.“ „Okay.“ „Gut, dann kommen wir zu Punkt zwei. Fußgängerzonen. Vorschläge?“