Sicherheitsabstand

31 03 2020

„Der Mundschutz sitzt!“ Herr Breschke zupfte sich noch einmal den Schal zurecht und zog dann die Gummihandschuhe an. „Meine Frau hat sie zur Vorsicht vorhin noch mit Spiritus abgerieben, das hält bestimmt vor.“ Umständlich zog er einen Chip aus der Jackentasche und legte ihn in die kleine Mulde am Griff des Einkaufswagens. „Los geht’s!“

Der Supermarkt war menschenleer. Ich ging in großem Abstand hinter dem pensionierten Finanzbeamten her, wie es die Aufkleber auf dem Boden befahlen. „Das ist ja auch einzusehen“, gab er zu verstehen, „und Sie wissen, ich möchte keinen Ärger bekommen.“ Er hielt den Einkaufszettel in der Rechten und streckte die Hand weit von sich weg, da er seine Lesebrille im Auto vergessen hatte. „Dosen“, entzifferte er. „Schauen Sie mal steht hier tatsächlich ‚Dosen‘?“ Ich ging einige Schritte auf ihn zu, doch er zuckte sofort zurück. „Nicht“, rief Breschke, „keinen Schritt näher! Wir werden noch aus dem Laden geworfen!“ „Vorschlag zur Güte“, antwortete ich, „Sie legen den Zettel da aufs Regal, und ich schaue nach.“ Das leuchtete ihm ein. Wir brauchten also Bohnen. Immerhin in der Dose.

Einen Gang weiter, wo Konserven in Gläsern und Büchsen lagerten, wollte Horst Breschke just mit dem Wagen einbiegen, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. „Es geht nicht“, keuchte er. „Wir können da nicht rein.“ In der Tat stand eine Dame in der Mitte zwischen den Stellagen und begutachtete in aller Ruhe Erbsen und Möhren in extrafeiner Qualität, konnte sich jedoch offenbar nicht für eines der annähernd gleichen Produkte entscheiden. „Wir müssen da durch“, verkündete er, und es klang wie ein Schlachtruf. Er fuhr in gutem Tempo den Drahtwagen bis knapp vor die Kundin, bremste und fuchtelte mit der Faust. „Ich kaufe hier ein!“ „Das sehe ich“, antwortete sie ungerührt. „Ich will mich nicht einmischen“, brachte ich mich in Erinnerung, und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich in diesem Augenblick genau das tat: ich mischte mich ein. „Meine Güte“, stöhnte sie, „dann fahren Sie halt vorbei, so schwer ist das doch nicht!“ „Ich will aber nicht vorbei“, quengelte Horst Breschke. „Ich will jetzt an dieses Regal, und nur Sie hindern mich daran!“ Die Dame warf einen mitleidigen Blick auf ihn, dann auf mich, und stellte die Erbsen-Möhren-Dose wieder zurück zu den anderen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, versuchte ich vorsichtig, „ich hole Ihnen eine Dose grüne Bohnen aus dem Regal, lege sie in Ihren Wagen, und wir setzen ganz entspannt unseren kleinen Einkauf fort, ja?“ Die Kundin trat ein paar Schritte zur Seite, so dass ich zugreifen konnte – Herr Breschke war unterdessen zurückgewichen und beobachtete meinen Vorstoß skeptisch – und so stellte ich die Konserve zu den anderen Dingen. „Jetzt aber ganz schnell“, beeilte sich Breschke. „Wir halten auf keinen Fall den Sicherheitsabstand ein, und wir sind insgesamt drei Personen.“

Der kleine Zwischenfall hatte den alten Herrn sichtlich aufgeregt. Noch fahriger als zuvor nestelte er an dem Zettel und hielt ihn mir schließlich vor die Nase. „Da muss irgendwo auch Milch stehen“, sagte er gequält. „Ich weiß es, weil meine Frau heute morgen nach dem Frühstück gesagt hat, dass wir keine mehr im Kühlschrank haben.“ „Da steht Milch drauf“, bestätigte ich, „und meinen Sie nicht, wir sollten es uns ein bisschen leichter machen, indem Sie einfach mir den Zettel geben, statt ihn mir hinzuhalten?“ Man sah deutlich, wie Breschke nachdachte. „Es ist ja keine schlechte Idee“, gab er zurück. „Aber letztlich habe ich doch ein bisschen Angst, dass Sie sich anstecken könnten, wenn ich Ihnen den Zettel einfach so…“ „Herr Breschke“, unterbrach ich ihn, „Sie tragen desinfizierte Gummihandschuhe, und ich habe vorhin fast eine Viertelstunde lang neben Ihnen im Auto gesessen. Man muss doch mal realistisch bleiben.“ Kleinlaut legte er den Zettel in den Wagen, wo ich ihn schließlich aufnahm. „Sehen Sie“, beruhigte ich ihn, „jetzt kaufen wir ganz gemütlich die letzten Sachen ein. Auf der Liste steht Würfelzucker.“

Seine Neigung zu Süßem hatte in den letzten Jahren zugenommen, aber noch hielt es sich in Grenzen. Nur auf den Würfelzucker in seinem Morgenkaffee bestand er, drei Stück mussten sein, wobei er für die letzten Schlucke sogar noch einen vierten hinzufügte. Schwungvoll drehte er den Einkaufswagen nach links und wollte gerade in den Gang mit Backwaren einbiegen, da stieß er frontal mit der Gegnerin zusammen. „Eine Niedertracht“, schrie er. „Sie haben mir doch aufgelauert, damit ich den Sicherheitsabstand nicht einhalten kann!“ Sie tippte sich an die Stirn, doch Breschke war gar nicht mehr zu bremsen. „Das wird Folgen für Sie haben, darauf können Sie sich verlassen!“ „Gibt es hier ein Problem?“ Der Verkäufer, gut erkennbar an seinem himmelblauen Hemd mit dem grellroten Supikauf-Schriftzug, war unbemerkt an den Auflauf herangetreten. Das focht den Alten jedoch keineswegs an. „Sie hat außerdem damit angefangen“, ereiferte er sich. „Und jetzt fährt sie einfach so aus dem Gang heraus! Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie es zu tun haben!“

„Ich wusste es auch nicht“, bekannte ich und lud die Einkäufe in den Kofferraum. „Wie soll man wissen, dass sie Regionalleiterin ist und zufällig ein paar Besorgungen macht.“ Breschke zog zitternd die Handschuhe von den Fingern. „Das wird Folgen haben“, zischte er. „Das schwöre ich!“ Ich zog die Tür zu und schnallte mich an. „Wissen Sie was? Ab jetzt kaufe ich ein, oder noch besser: halten Sie den Sicherheitsabstand ein und lassen Sie einfach liefern.“





Quarantäne

2 03 2020

Er sah ungewöhnlich aus, wie er hier die Bilder und den Spiegel im Flur abstaubte, und für einen Augenblick machte ich mir Sorgen um ihn. Herr Breschke schnaufte. Aber vielleicht lag es auch nur an diesem Mundschutz, den er bei der Arbeit trug.

„Wenn Sie ein paar Zweige haben wollen“, kam es dumpf unter der Gesichtsbinde hervor, „die Forsythie blüht seit vorgestern, schneiden Sie sich ruhig ein bisschen ab.“ Unbeirrt puschelte er Türen und Treppengeländer ab. Möglicherweise war er nur ein bisschen erkältet, wollte seine Atemwege nicht durch Hausstaub belasten oder hatte das Ende des diesjährigen Karnevals nicht mitgekriegt. Aber ich sollte mich nicht getäuscht haben, der Hausherr war wirklich in Furcht vor den überall durch die Gegend fliegenden Viren, an denen man sich die tödlichsten Krankheiten holen konnte. „Sie sind ja einigermaßen sicher“, verkündete er. „Aber wenn man in den Supermarkt geht und sich in diese lange Kassenschlange stellt, also ich weiß ja nicht.“ Ich stellte den Beutel mit den Konservendosen auf den Küchentisch. „Was meinen Sie denn, wo ich die gekauft habe?“ Breschke war etwas verwirrt. „Sie haben sich bestimmt vorgesehen, oder? Oder!?“

In der Küchenschublade war ein kleiner Vorrat an Masken gelagert. „Ich frage mich, ob Sie wirklich wissen, wozu diese Dinger dienen.“ Der pensionierte Finanzbeamte stemmte empört seine Fäuste in die Hüften. „Man kann sich doch überall anstecken“, nuschelte er lautstark, „oder meinen Sie, dass die Keime an der Grundstücksgrenze Halt machen?“ „Das nicht“, gab ich zurück. „Aber diese Dinger sind in erster Linie dafür gedacht, andere vor Infektionen zu schützen.“ Er grübelte. „Sie meinen, ich sei der Infektionsherd?“ „Nein“, wandte ich ein, doch er schnappte sofort zurück. „Das kann gar nicht sein, ich habe seit zehn Tagen das Haus nicht mehr verlassen. Wo soll ich mich denn da angesteckt haben?“ Es war, wie gesagt, ein bisschen verwirrend.

Während Horst Breschke die Dosen auspackte und in den Vorratsschrank räumte, fiel mein Blick auf die Küchenspüle. „Desinfektionsmittel?“ Er nickte. „Alle haben das jetzt, also hat meine Frau noch schnell ein paar Flaschen gekauft. Aber es ist anscheinend nicht das Richtige.“ Das verstand ich nicht. „Bismarck kann den Geruch nicht vertragen“, erläuterte er. „Er läuft immerzu weg, wenn ich ihn an die Leine nehmen will.“ In der Tat hielt sich der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der mit großer Vorliebe seinem Herrn zwischen den Beinen lief, nicht wie sonst im Erdgeschoss auf. Er hatte im Gästezimmer Quartier bezogen und kam nur noch zum Fressen herunter. „Und Sie sind nicht mehr in der Lage, sich die Hände mit Wasser und Seife zu waschen wie andere Menschen auch?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Glauben Sie mir, diese Keime lassen sich von Seife nicht beeindrucken. Wenn wir das Haus verlassen würden, dann wäre es noch viel schlimmer!“

Da klingelte es an der Tür. „Das wird der Postbote sein.“ Schon hatte Herr Breschke seinen Mundschutz gerichtet und war auf dem Weg zur Haustür. Ich konnte ihn gerade noch am Arm fassen. „Nicht öffnen“, warnte ich. „Bloß nicht die Tür öffnen, der Mann könnte gerade von einem frisch infizierten Typhuskranken kommen.“ Er riss sich los. „Das ist doch Unsinn“, keuchte er von innen gegen die Maske. „Es gibt doch gar keinen Typhus in Deutschland. Oder habe ich etwas nicht mitbekommen?“ Breschke riss die Augen auf. „Sie verschweigen mir doch hoffentlich nichts?“ „Nein“, antwortet ich, während es erneut klingelte. „Aber bei der geringsten Gefahr werden Sie sich etwas wegholen, weil Ihr Immunsystem nichts mehr verträgt.“ Ich schritt zur Tür, nahm dem Briefträger einen kleinen Stapel Umschläge sowie eine Zeitung ab und drückte sie dem Alten in die Hand. „Und wie Sie sich ernähren – schrecklich!“ Irritiert blickte er auf den Küchentisch und die Raviolidose, die für das Mittagsmahl bereitstand. „Wie soll man denn da noch bei Kräften bleiben? Und wo führen Sie Bismarck aus?“ „Im Garten“, murmelte er kleinlaut. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Sämtliche Keime, die sich hier im Haus ansammeln, werden im Garten verteilt! Das ist ja großartig!“ Hastig zog Breschke sich die Maske vom Gesicht. „Sie meinen, ich atme das alles ein?“ Ungläubig sah ich ihn an. „Sie wissen das nicht!? Meine Güte, da kann ich mir ja lange den Mund fusselig reden!“ Der Hausherr rieb sich unschlüssig die Hände. „Wir haben ja auch gar keine Seife mehr im Haus. Und Äpfel. Meine Frau will seit einer Woche backen, und ich weiß nicht mehr, was ich ihr noch sagen soll.“ Ich schlug ihm herzhaft auf die Schulter. „So kenne ich Sie“, sagte ich. „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.“

Bismarck hatte keinen Schaden von der Quarantäne im Obergeschoss davongetragen. Wie gewohnt lief er seinem Herrn vor die Füße und nötigte ihn mehrmals, die Leine zu entwirren. „Ich hatte ja völlig vergessen, dass heute Wochenmarkt ist.“ „Eben“, bestätigte ich. „Man steht da nicht so gedrängt wie im Ladengeschäft, und man braucht auch keinen Mundschutz.“ Breschke atmete tief durch. „Wunderbar“, sagte er. „Viel besser, als nur zu Hause zu sitzen. Man wird dabei ja ganz krank!“





Schnupfen

14 01 2020

„Mindestens siebenunddreißig-neun“, flüsterte Herr Breschke. „Vielleicht sogar achtunddreißig Grad, ich hatte ja die Brille nicht auf.“ Der alte Herr krümmte sich auf dem Sofa zusammen und hustete in sein Taschentuch. Alles sah nach einer durchaus lebensbedrohlichen Krankheit aus, wir mussten uns auf alles gefasst machen. Es war Schnupfen.

Den Korb mit den Besorgungen hatte ich in die Küche verfrachtet und las die Liste vor: „Vier Hühnerbeine, Suppengemüse, Äpfel, ein Päckchen Ostfriesentee, und sie hatten Stollenkonfekt.“ „Da hat meine Frau noch eine kleine Freude“, ächzte er. „Ich kriege ja nichts mehr herunter, vielleicht noch einen Löffel Hühnersuppe, aber ob das in meinem Zustand noch etwas nützt?“ Ich stützte ihn und zog das Kissen unter seinem Nacken ein Stückchen höher. „Sie sind seit dem Wochenende ein bisschen erkältet“, konstatierte ich, „vermutlich haben Sie sich kürzlich in dieser Theaterveranstaltung etwas weggeholt. Die Leute haben ja gehustet wie die Weltmeister.“ „Kann gar nicht sein“, stöhnte der pensionierte Finanzbeamte. „Es war sogar eher zu warm in diesem Saal, da erkältet man sich doch nicht.“ Bismarck hob den Kopf; er hatte bisher ganz still, quasi im Halbschlaf, auf dem guten Sessel seines Herrn gelegen, was er eigentlich nicht durfte, und regte sich nun, um kurz nachzuschauen, ob sich an der ausweglosen Lage etwas verändert hatte.

„Erkältungen“, dozierte ich, „holt man sich ja nicht wegen der Kälte. Ihr Immunsystem wird ein bisschen angegriffen sein, da passiert das schon mal.“ „Nicht möglich“, stöhnte Breschke. „Das ist ganz und gar unmöglich. Meine Frau hat es doch auch nicht bekommen.“ Bismarck rümpfte die Nase, oder vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, und beschloss, sich wieder auf dem Sessel in der richtigen Schlafposition zusammenzudrehen. „Sie sollten viel trinken“, beschloss ich. „Diese Heizungsluft im Theatersaal hat Ihre Schleimhäute über Gebühr angegriffen, und jetzt gibt Ihnen die mangelnde Feuchtigkeit den Rest.“ „Ich lutsche ja schon diese Pastillen“, erwiderte er matt, „aber solange meine Frau nicht zu Hause ist, was kann ich da tun?“

Während ich in aller Ruhe Hühnerbeine und Suppenbund in den Kühlschrank räumte, näherte sich leise der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Immerhin lief er mir nicht instinktiv zwischen die Beine, während ich das Teewasser aufsetzte, aber das mag daran gelegen haben, dass ich nicht sein Herrchen war. Bei Horst Breschke hatte Bismarck etwas weniger Feingefühl. Und er war auch viel öfter angeleint. So füllte ich das Teesieb mit einer angemessenen Menge, hob zwei Tassen auf das geblümte Tablett, setzte das gusseiserne Stövchen dazu und trug alles zusammen ins Wohnzimmer, wo ich es auf dem Tisch drapierte. „Mir war eben so, als hätten Sie etwas von Stollenkonfekt gesagt?“ Der Hausherr zitterte nur noch mäßig unter seiner leichten Kamelhaardecke, offensichtlich ging es ihm besser. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken und legte das zwiebelgemusterte Teegeschirr auf. Er seufzte. „Das war wohl doch das Fieber, nicht wahr?“

Vermutlich hatte er heute noch nicht viel mehr getan, als sich auf dem Sofa mit Frühstück und der Tageszeitung, der Fernbedienung für den Fernseher sowie Taschentüchern bedienen zu lassen. Allem Anschein nach handelte es sich wirklich um einen ausgewachsenen grippalen Infekt, den man nur sehr schwer überlebt, vor allem dann nicht, wenn man ganz alleine zu Hause liegt, weil sich die Gattin beim Frisör befindet. „Ich wollte mit ihr ja nach Spanien“, jammert Herr Breschke. „Diesen Sommer wird das nichts mehr, wer weiß, wann ich diesen schrecklichen Husten los bin – ach, hoffentlich entwickelt sich daraus keine Tuberkulose? Man weiß ja nie!“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Sie lesen nicht so viel ausländische Zeitungen“, bemerkte ich, „aus Indien ist nämlich gerade die Lungenpest wieder stark auf dem Vormarsch.“

Ich hätte das nicht sagen sollen. Jedenfalls quollen dem Kranken schier die Augen aus dem Kopf – möglicherweise hatte er sich im Vorfeld auch eingehend mit der Symptomatik beschäftigt – und er keuchte erschöpft, ob ich ihm nicht eine Tasse Tee reichen könnte. „Viel Flüssigkeit“, befand ich, „das müsste Ihren Zustand deutlich stabilisieren, und dann sollten Sie eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Sie fallen mir ja sonst noch vom Fleisch.“ Schon griff ich nach der Teekanne, da richtete sich der Hund auf, spitzte einmal über den Tisch und erstarrte. Beim Anblick des Tellers zwischen den beiden Teetassen reckte er sich ganz nach vorn, die Vorderbeine fest auf die Sessellehne gestemmt, und mit einem Satz stand er auf dem Tisch, wo er flugs die Schnauze in den Gebäckteller hielt. „Bismarck!“ Mit einem Aufschrei warf Horst Breschke die Decke von sich, stürmte auf den Tisch zu und versuchte, den Dackel noch am Halsband zu erwischen. Doch es war zu spät. Mit einem Stück Stollenkonfekt im Maul sprang Bismarck herunter, geradewegs an uns beiden vorbei, und verschwand auf der Treppe ins Obergeschoss. Keuchend hielt sich Herr Breschke an der Stuhllehne fest. „Ich würde Sie damit als geheilt entlassen“, stellte ich fest. „Wenn Sie mögen, setze ich gleich noch die Hühnersuppe auf, Ihre Frau kommt sicher in einer Viertelstunde zurück und kann sie in aller Ruhe bis heute Abend kochen lassen.“ Er tastete nach dem Fernsehsessel. „Ach“, stöhnte er, „man kann hier ja nicht einmal in Ruhe krank sein – wie soll man so gesund werden?“





Bereite Dich, Zion

10 12 2019

Horst Breschke stand fast auf den Zehenspitzen. Dabei war das Bäumchen auf dem kleinen Podest nicht einmal so groß, dass es an die Zimmerdecke gereicht hätte. „Wir haben uns den Baum in diesem Jahr schicken lassen“, erklärte der Hausherr. „Weil wir zu Weihnachten zu meiner Schwägerin fahren.“ Und wer hätte das nicht verstanden.

Im Hintergrund knisterte der Plattenspieler. Eine Sopranistin forderte Zion auf, sich zu bereiten, und das womöglich mit zärtlichen Trieben. Breschke wickelte aus einer der zahlreichen Packungen die offenbar im letzten, eventuell auch vorletzten Jahr verstaute elektrische Lichterkette, zwei Dutzend kleine Glühlämpchen mit Klemmen, um sie an den Ästen des Tannenbaums zu befestigen. „Wenn ich an damals zurückdenke“, schwärmte er, „wir hatten ja noch Zuckerzeug, und dann die Wachskerzen – ach, Onkel Eduard hatte schon fast zwei Flaschen Burgunder gehabt, und die brennenden Kerzen!“ „Das ist doch viel ungefährlicher“, pflichtete ich bei und reichte die Lichterkette an. Auf dem zweiten Sessel an der Terrassentür lag träumend Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Nichts schien seine Ruhe zu stören.

„Fertig!“ Die erste Kette saß, der pensionierte Finanzbeamte griff nach dem Stecker, um an der Wandsteckdose die Funktionsfähigkeit der Lichter zu testen. Es misslang. Er grübelte. „Letztes Jahr war sie doch noch in Ordnung?“ „Vielleicht sind die Birnen nicht ordentlich festgedreht?“ Das gab ihm zu denken. „Ja, das könnte durchaus sein.“ Das Prinzip der Reihenschaltung war auch ihm noch aus dem Physikunterricht in Erinnerung geblieben, und so fasste er eine der Kunststoffbirnchen nach der anderen an, dreht sie hin und her, als plötzlich mit einem Aufschrei schimmerndes Licht den unteren Teil des Bäumchens illuminierte. „Ist das heiß“, jammerte er. „Zeigen Sie mal her.“ Es war wirklich beinahe eine Brandblase zu sehen, aber ich mochte mich auch täuschen. „Halten Sie den Daumen ein paar Minuten in kaltes Wasser“, tröstete ich den alten Herrn. „Sicher war’s nur der Schreck.“ Dabei hatte Bismarck die Wehklage gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Bestimmt war sein Traum gerade interessanter.

Auf dem Couchtisch lagen allerhand Schachteln mit gläsernen Engeln, bunt lackierten Kugeln und goldenen Tannenzapfen. „Immer erst die Lichter“, entschied Herr Breschke. „Danach schauen wir, ob für anderen Schmuck in dem kleinen Bäumchen noch Platz ist.“ „Vielleicht hätten Sie überhaupt einen Klappbaum besorgen sollen“, überlegte ich, „wenn Sie über die Feiertage bei der Familie sind, können Sie diesen hier ja gar nicht mitnehmen.“ Man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. „Ob man den noch zurückgeben kann?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie haben den Stamm schon angesägt, das wird schwierig.“ „Aber so ein Klappbaum?“ Herr Breschke blieb skeptisch. „Das wird nie dasselbe sein.“

Immerhin ließ sich die zweite Kette, die größere Birnen besaß, leichter vom hölzernen Stäbchen ab- und an den Ästen anklemmen. „Die ist ganz neu“, erklärte Breschke. „Unsere Tochter hatte ein sehr günstiges Angebot, das war damals in Malaysia.“ Die kyrillischen Buchstaben mit dem Eisbären waren sicher allgemein asiatisch interpretierbar. Oder die Firma hatte die Verpackung in Sibirien fertigen lassen. „Sehen Sie“, sprach der eifrig Schmückende, „sie lassen sich ganz leicht auf die Zweige stecken.“ Dafür wiesen die Leuchtmittel jedoch mangelhafte Proportionen auf; da die Birne ein bisschen zu groß war, drehten sich allmählich sämtliche Klammern, und die Lichter saßen jetzt kopfunter im Baum. „Wir müssten sie irgendwie befestigen“, überlegte er. „Ich habe da noch eine Heißklebepistole im Keller.“ Ich runzelte die Stirn. „Lieber Herr Breschke“, widersprach ich, „auf gar keinen Fall! Erst müssen wir doch wissen, ob sie überhaupt leuchtet?“ „Da haben Sie mal recht“, stimmte er zu und schloss die Stromversorgung an. Es strahlte. Nur eben eher nach unten. „Man müsste vielleicht die…“ Sprachlos vor Entsetzen wurde der arme Mann man hinten geschleudert. „Das ist ja lebensgefährlich!“ Horst Breschke hielt sich an der Stuhllehne fest. Seine Knie zitterten sichtlich. „Das ganze Ding steht unter Elektrizität!“ Immerhin, das ließ sich nicht leugnen. Aber von Isolation stand ja auch nichts auf der Packung.

Der Sopran wies inzwischen sein allegorisches Zion an, die Wangen mit dekorativer Kosmetik zu bearbeiten. Zwei weitere asiatische Ketten wurden gar nicht erst ausgepackt, nun blieben noch die Leuchter aus dem Fundus. „Aber für das Bäumchen reicht es auch“, urteilte ich, „wenn Sie jetzt noch ein paar Kugeln und Tannenzapfen aufhängen, sieht es sehr festlich aus.“ Herr Breschke nickte. „So werde ich das machen. Wenn Sie mögen, können Sie uns schon das Teewasser kochen, dann trinken wir gemütlich noch ein Tässchen.“ So ging ich also in die Küche und befüllte den Kocher, während er an den Kabeln hantierte und Packungen in einem großen Karton verstaute. „Die hatte ich jetzt fast vergessen“, hörte ich ihn noch sagen. „Wir haben so eine Steckerleiste, die man mit nur einem einzigen Schalter anknipsen kann.“ „Herrn Breschke“, mahnte ich, „denken Sie an…“ Mit einem enormen Bums verabschiedete sich der vorweihnachtliche Lichterglanz, die inbrünstige Stimme, die eben noch im höchsten Diskant jubiliert hatte, implodierte wie in einem Rückwärtsurknall zu einer Art Kellerbass, der aber nach wenigen Augenblicken schon ins Dunkel schwieg. Das Wasser kühlte sich ab. Es roch etwas wie am Silvesterabend. Nur Bismarck ließ sein indigniertes Knurren vernehmen; offenbar hatte ihn der Kurzschluss im Schlummer gestört. „So was aber auch“, stöhnte Horst Breschke. Ich stellte die Teetassen auf den Tisch. „Im nächsten Jahr nehmen Sie besser wieder Wachskerzen. Die sind einfach weniger gefährlich.“





Sanfte Methoden

7 11 2019

„Wie gesagt, ich brauche Dich als Zeugen.“ Anne drückte die Tür ins Schloss klemmte sich den Aktendeckel unter den Arm. „Und keine dummen Bemerkungen, wenn ich bitten darf. Noch habe ich das Mandat nicht angenommen.“ Wir gingen über den Parkplatz. Das also war Günters Autoparadies.

„Hatten Sie denn einen Termin?“ Der Inhaber blätterte in einem zerlesenen Notizbuch auf dem Schreibtisch in der Ecke der Werkstatt. „Nein“, gab Anne zurück. „Wir, also das heißt ich bin hier, weil es…“ „Anlasser“, brummte Günter Schittlowski, seines Zeichens Paradiesbetreiber. „In den meisten Fällen Anlasser oder Zündkerzen. Ist doch der kleine Rote da hinten, oder?“ Sie zeigte mit dem Daumen auf den großen Schwarzen. „Oha“, entfuhr es ihm. „Das wird teuer.“ Ich hob leicht die Brauen. „Aha, ein Fachmann.“ Das hätte ich besser nicht gesagt. Jedenfalls schien es Anne nicht zu gefallen.

Sie sah sich um in der verhältnismäßig düsteren Werkstatt. Ein klappriger Kombi stand auf der Hebebühne, die allerdings nicht hochgefahren war. Die übrigen Gerätschaften, Ölkännchen, Werkzeuge und allerlei Apparate, standen und lagen in der Gegend verstreut, kurzum, nichts hinterließ einen ungewöhnlichen Eindruck. „Sie sind natürlich mit den Modellen bestens vertraut“, begann Anne ganz harmlos. „Und was Sie reparieren, ist hinterher auch ganz sicher wieder vollkommen in Schuss.“ Der Inhaber nickte. „Diese modernen Elektrodinger kommen ja noch nicht in die Werkstatt, aber wenn Sie mit einem Benziner oder mit einem Diesel Schwierigkeiten haben – null Problem!“ Anne begann in ihrem Aktendeckel zu suchen. „Sie haben, wenn mich nicht alles täuscht, gar keine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker absolviert?“ Schittlowski wischte die ölige Hand an seinem Hosenbein ab. „Habe ich das behauptet?“ Anne wollte etwas antworten, doch er kam ihr zuvor. „Steht das auf dem Schild oder an der Tür? Oder mache ich damit Reklame?“ „Das nicht“, fuhr sie ihn an. „Aber wenn man ‚Autoparadies‘ liest, denkt man sich doch…“ „Dass Sie hier von einem Engel im Blaumann empfangen werden“, grinste er spöttisch. Schittlowski hatte recht. Nichts davon hatte er sich zuschulden kommen lassen.

„Die Sache ist die“, begann nun Anne wieder, „mein Mandant hat vergangenen Monat seinen Wagen in Ihre Obhut gegeben und dann drei ganze Tage gewartet, dass Sie den Schaden beheben.“ Er nickte. „Drei Tage“, bestätigte der Kraftfahrzeug-Schamane. „Das wird sich um Herrn Niederolm handeln, ich hatte ihn ausdrücklich um eine Woche Behandlungszeit gebeten, weil es bei der Batterie sicher zu einer Erstverschlimmerung kommen würde, aber er hat ja nicht auf mich hören wollen.“ Ich stutzte. „Eine Erstverschlimmerung?“ Günter Schittlowski nickte. „Richtig, das ist bei Batterien durchaus normal. Sie entladen sich meisten weiter, auch wenn man sie noch nicht ausgetauscht hat. Oder aufgeladen.“ „Also wussten Sie vor Anfang an, dass die Batterie defekt war?“ Er wischte sich die andere Hand ab. „Natürlich, schließlich war der Anlasser ja verhältnismäßig neu. Und das Licht war auch nicht besonders gut.“

„Sie haben“, deklamierte Anne dazwischen, „meinem Mandanten eine Rechnung geschickt über einen Betrag von…“ Bevor sie umblättern konnte, hatte Schittlowski schon die Hände in die Hosentaschen gesteckt. „Ich habe ihm eine Woche Zeit gegeben, aber er wollte ja nicht hören. Also habe ich ihm die Autoschlüssel ausgehändigt, und er hat den Wagen samt der kaputten Batterie wieder vom Hof geschleppt. Was wollen Sie von mir?“ „Sie sind kein Automechaniker!“ Er lehnte sich zurück. „Da waren wir schon einmal. Weisen Sie mir einen Mangel nach, sonst verlassen Sie meine Werkstatt. Ich habe zu tun.“ Und er wandte sich dem Kombi auf der Hebebühne zu.

„Unter uns“, sagte ich, „Sie verstehen nichts von Autos. Wen wollen Sie damit aufs Kreuz legen, etwa Ihre Kunden?“ „Meine Kunden“, antwortete er, „suche ich mir sehr genau aus, ich akzeptiere schließlich nicht jeden. Und im Erstgespräch kläre ich sie auch gründlich auf, wie ich arbeite und was sie von mir zu erwarten haben.“ Ich verstand nicht. „Das ist doch hier eine ganz normaler Werkstatt, in die ich mein Auto bringe, wenn der Anlasser nicht mehr funktioniert oder der Vergaser?“ Er lächelte. „Ich bin kein Mechaniker. Ich bin Heilpraktiker für Kraftfahrzeuge.“ Anne riss die Augen auf. „Sie sind was!?“ „Heilpraktiker“, wiederholte Schittlowski. „Nur sehr sanfte Methoden, ich beobachte die Autos ein paar Tage und führe minimale Eingriffe mit gut verträglichen Methoden durch, die die Schulmechanik meistens ablehnt.“ „Sie haben den Wagen von Herrn Niederolm tagelang beobachtet und nichts unternommen?“ „Er wollte es doch so“, entgegnete der Inhaber. „Einen Tag später hätte ich ihn rübergebracht.“ Anne stutzte. „Rüber?“ Er deutete mit dem Finger aus dem Rolltor auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Da sitzt mein Bruder“, sagte er mit leicht abfälligem Unterton, „er hat eine Schulwerkstatt. Man muss ja auch seine Grenzen kennen, das gehört bei einer Ausbildung in meinem Metier nämlich dazu.“

Fassungslos ging Anne zurück zum Wagen. Der Schlüssel funkte, die Tür aber öffnete sich nicht, wenigstens nicht beim ersten, zweiten oder dritten Versuch. „Nichts als Ärger“, knurrte sie. „Ach“, gab ich zurück, „wir könnten es mit unkonventionellen Methoden versuchen. Was hältst Du von Globuli?“





Wenn der Nachbar zweimal klingelt

1 10 2019

„Zwei Kilogramm!“ Anne hievte die Kiste mit den Aktenordnern in den Kofferraum und schloss die Klappe mit geräuschvoller Entschlossenheit. „Zwar innerhalb eines Monats, aber zwei Kilogramm sind und bleiben zwei Kilogramm.“ „Für den Anfang ist das doch schon ganz erfreulich“, versuchte ich es, aber mir war kein Glück beschieden. „Nicht das, was Du denkst.“ Sie riss ungehalten die Fahrertür auf. „Ich habe schon wieder zugenommen!“

Luzie hatte mich schon vor einigen Wochen am Telefon vorgewarnt und genaue Instruktionen für den Besuch in der Kanzlei ausgegeben: an Tagen, an denen die Chefin schlecht gelaunt war, also eigentlich immer, besser nicht zu früh oder zu spät kommen oder gehen, nicht zu kurz oder zu lang bleiben, nichts Falsches sagen oder tun und vor allem in ihrer Gegenwart nicht vom Essen sprechen oder auch nur daran denken. „Sie entwickelt gerade parapsychologische Kräfte“, hatte sie mir verraten. „Ich muss nur kurz überlegen, ob ich zu Hause noch genug Schokoladenkekse habe, schon kommt sie ins Vorzimmer gerauscht und schreit mich an.“ Ich hatte mir keinen Reim darauf machen können. „Wie lange soll das noch gehen?“ Luzies Antwort war wie aus der Pistole geschossen gekommen. „Ungefähr zehn Kilo.“

Dabei hatte es so gut angefangen. Nach mehreren Runden Ananas-, Rohkost- und Iss-was-Du-willst-aber-erwarte-keine-Erfolge-Diät bekam Anne beim Frisörbesuch eines dieser so gut wie immer unfehlbaren Magazine für die moderne Frau in die Hand, das nach zwei Ausgaben mit schlanker Kartoffelküche turnusgemäß hätte in die Iss-keine-Kartoffeln-Heilkost kippen sollen, aber sie mussten es sich wohl anders überlegt haben. „Trennkost“, verkündete sie, „ist jedenfalls out. Und ich will auch keine Punkte mehr zählen, deshalb habe ich mich jetzt fürs Intervallfasten entschieden.“ Sie zeigte mir den Zeitplan. „Vor zehn esse ich meist sowieso nichts. Also habe ich mich entschlossen, keine ganzen Fastentage einzulegen, sondern nur von zehn bis sechs nichts zu essen.“ Dabei räumte sie die Tasche aus und verstaute einige Flaschen im Altglas. „Aber irgendwie wird es nichts, und ich weiß wirklich nicht, was ich noch machen soll.“

Da läutete es an der Tür. „Wer kann denn das jetzt sein?“ „Es gibt eine todsichere Methode“, antwortete ich, „man geht einfach zur Tür und…“ Es war der Nachbar, nein: der neue Nachbar, ein älterer Herr, der sich offensichtlich noch nicht einmal vorgestellt hatte. Dem Gespräch entnahm ich, dass es um ein bis zwei Eier ging, wenigstens vordergründig. Anne war kurz angebunden. „Es gibt anscheinend niemanden, der jetzt zu Hause ist.“ Immerhin fand sie das Gewünschte im Kühlschrank und beendete die ganze Prozedur, um sich dann wieder der Küche zu widmen.

„Es gibt aber nur einen kleinen Salat.“ Dazu holte sie eine Flasche mit Zuckerlösung aus dem Kühlschrank. „Fruchtsaft“, widersprach Anne. „Das ist vollkommen egal“, beharrte ich, „sie schreiben es doch sogar auf die Flasche. Dann musst Du Dich nicht wundern, wenn die Pfunde mit Verstärkung zurückkommen.“ Grimmig stellte sie die Flasche auf den Tisch. „Schau auf die Uhr“, knurrte sie. „Ich habe keine Lust mehr, mir ständig das Essen vermiesen zu lassen. Heute Mittag war es nicht besser: Luzie schickt den Mandanten ins Zimmer und auf dem Schreibtisch steht noch ein halber Teller Pommes.“ „Ah, vegetarische Kost!“ Sie blickte mich an, als würde sie mich im nächsten Moment mit der Plastikgabel aufspießen.

„Du hast das Prinzip eben nicht verstanden“, ereiferte sie sich. „Es geht eben nicht um die Umstellung der Ernährung, sondern nur, wie soll ich sagen…“ „Pommes nur zur erlaubten Tageszeit, weil der Diätgott dann nicht zuguckt?“ Sie musste es verstanden haben, jedenfalls nahm sie es mir übel. „Wenn man zwei Drittel des Tages fastet, dann nimmt man proportional nicht mehr so viele Kalorien auf, und der Körper stellt sich automatisch in einen anderen Modus um, in dem er…“ So wie kam es aber nicht. Es läutete an der Tür.

Geistesgegenwärtig zog Anne die Schublade auf. „Es ist noch nicht sechs, und ich werde es Dir beweisen.“ Schon hatte sie eine Türe mit Gummibärchen ergriffen, da läutete es wieder, und ich mochte mich getäuscht haben, aber es wurde immer intensiver. „Vielleicht möchte er ja Butter und Salz, Zucker und Milch und Mehl?“ „Freundchen, wir sprechen uns noch“, zischte sie und ging in den Flur.

Sie hatte die ganze Küche durchwühlt, aber es war nichts zu machen gewesen. „Das kommt vor“, tröstete ich sie. „Du bist ja so selten zu Hause, da kann das schon mal passieren.“ „Ich weiß es doch“, schrie sie, „ich weiß es doch!“ Und schon griff sie zur Gummibärchentüte, während ich auf die Küchenuhr deutete. „Zehn nach sechs“, bemerkte ich. „Ich habe die Regeln ja nicht gemacht.“ Anne stierte mich entgeistert an. „Ich kann doch nicht…“ „Den Salat erlaube ich Dir“, antwortete ich. „Aber jetzt noch Gummibärchen? Was würde Luzie nur dazu sagen?“

Sie hatte mich tatsächlich aus der Wohnung geschmissen. Aber das sollte nun ein geringes Problem sein, genau wie das Backpulver in meiner Jackentasche. Bei nächster Gelegenheit würde ich es wieder im Küchenschrank verstauen. Ich würde nur noch ein bisschen abwarten. Ungefähr zehn Kilo.





Entsprechende Gegenmaßnahmen

24 09 2019

Zehn Päckchen Rahmspinat, zwei Beutel Gemüse, ein stattliches Brathuhn. „Das sollte vorerst einmal reichen“, verkündete Herr Breschke. „Wir hatten die Truhe ja in den letzten Jahren kaum noch in Gebrauch, aber die Zeiten ändern sich nun einmal.“ Und er schloss den Deckel des Gefrierapparats mit Nachdruck zu.

Auf dem Küchentisch lag noch der Prospekt der Stadtwerke. „Sie haben sich also auch endlich für ökologisch erzeugten Strom entschieden“, stellte ich mit Befriedigung fest. Der Hausherr nickte. „Meine Frau hat mir gesagt, ich soll das mal ganz gründlich durchrechnen – schauen Sie mal, so viel teurer ist das gar nicht, und bei meiner Pension können wir uns das schon leisten.“ Er legte das Faltblatt wieder auf den Tisch zurück. „Wenn man diese Bilder in den Nachrichten sieht, dann muss man doch langsam mal anfangen, auch bei sich selbst umzudenken.“ Er schien tatsächlich sehr entschlossen. „Wir haben zwar keine Enkel, aber wenn ich mir den Zustand unserer Welt so ansehe, dann muss man doch irgendetwas tun.“ Auf dem Stuhl am Fenster hatte sich Bismarck gemütlich niedergelassen und hob mir bemerkenswert wenig Interesse das Köpfchen; möglicherweise war dem dümmsten Dackel im weiten Umkreis auch nur diese Unterhaltung schon zu laut. Breschke strich ihm beruhigend über das Köpfchen. „Wir sind ja auch nicht nur für uns selbst verantwortlich.“

Im Wohnzimmer schnurrte ein Standventilator vor sich hin. „Sie haben…“ Er nickte. „Unsere Tochter hat ihn preiswert besorgt, der hätte sonst viel mehr gekostet.“ Abgesehen von den fehlenden Typenschildern sowie einem reichlich obskuren Aufdruck, der das Gerät als ein in Taiwan gebautes Instrument aus Bangladesh auswies, stand nicht viel auf dem Gehäuse. Es hatte drei Motorstufen, eine für die Abschaltung, eine für den sanften Betrieb, den man nicht sofort bemerkte, auch wenn man unmittelbar danebenstand. Die dritte blies beständig die Kissen von der Sofakante. „Wissen Sie eigentlich“, erkundigte ich mich, „was dieses Ding für einen Stromverbrauch hat?“ „Ich habe das nicht auf der Verpackung entdeckt“, gab Breschke zu, „aber so viel kann es nicht sein. Und wir haben ja jetzt auch Ökostrom, da ist das nicht so schlimm.“

Der Motorwirbler hatte die Raumtemperatur heruntergekühlt, insbesondere da, wo man sich im direkten Luftzug befand, also so gut wie überall im Zimmer. „Meinen Sie nicht“, merkte ich an, „dass das im Sommer viel sinnvoller wäre?“ „Man kann ja nicht nur im Sommer an die Umwelt denken“, erläuterte der pensionierte Finanzbeamte mir seine Strategie. „Wenn sich alles erwärmt, müssen wir durch die entsprechenden Gegenmaßnahmen die Luft eben wieder abkühlen. Glauben Sie es mir, jeder kann etwas tun, auch der kleine Mann!“ Aus seinem Blick sprach tiefste Überzeugung, und hätte ich diesen Blick nicht schon seit Jahr und Tag gekannt, ich hätte ihm tatsächlich vertraut.

Indes war ich der Heizung nahe gekommen und bekann mich zu wundern. „Sie haben ja die beiden Ventile schon voll aufgedreht?“ Horst Breschke nickte. „Allerdings!“ Wie zum Beweis tastete er nochmals nach den Drehrädern. „Ich möchte nicht wieder riskieren, dass meine Frau sich wegen ihrer rheumatischen Beschwerden gar nicht mehr bewegen kann, deshalb haben wir es um diese Jahreszeit ein bisschen wärmer.“ Ich runzelte die Stirn. „Aber die Erderwärmung?“ Sein Blick wiederholte sich. „Jetzt denken Sie doch mal nach: die Heizungswärme bleibt natürlich im Inneren des Hauses, oder was meinen Sie, warum ich alle Fenster und Türen so umständlich abgedichtet habe im letzten Frühjahr?“

Vielleicht hatte ich es auch nicht ganz begriffen, denn Herr Breschke schien tatsächlich den Plan zu entwickeln, nach und nach seine ganzen Vorräte in der Tiefkühltruhe zu lagern. „Je kälter“, erläuterte er, „desto besser – je länger die Sachen halten, desto nachhaltiger sind sie auch. Das ist doch gar nicht so kompliziert?“ „Aber Sie verbrauchen nicht nur jede Menge Strom, Sie produzieren auch jede Menge Abwärme.“ Er blickte mich ungläubig an. „Abwärme?“ „Natürlich“, beharrte ich, „irgendwo muss doch die ganze thermische Energie hin, die Sie für die Kühlung verwenden.“ „Sie können gerne noch einmal in den Keller steigen“, triumphierte er. „In der Truhe wird es immer noch eiskalt sein!“ „Fassen Sie doch einmal an die Rückseite Ihres Kühlschranks“, riet ich ihm. Durch umständliches Öffnen der Tür unter der Küchenspüle gelang es ihm schließlich. „Warm“, wunderte er sich. „Da ist es ja warm – er wird doch wohl nicht defekt sein? Oder vielleicht ist der Apparat einfach nur mangelhaft isoliert?“ „Es ist die Abwärme“, dozierte ich, „genau die Abwärme, die Sie mit dem Kühlaggregat entziehen.“ Breschke öffnete die Kühlschranktür. „Aber hier ist es immer noch kalt.“ „Richtig“, konstatierte ich. „Wäre es draußen nicht warm, wäre es drinnen auch nicht kalt.“

Er hatte sich eine Flasche Sprudel aus der Tür genommen. „Kann man denn überhaupt nichts machen“, stöhnte Herr Breschke. „Bei allem, was man anfängt, wird es entweder schwierig oder man erreicht das Gegenteil.“ Ich blickte auf seine Flasche. „Sie könnten beispielsweise den Kühler nicht ganz so kalt einstellen, dass…“ „Halt!“ Er hielt mir die Flasche entgegen. „Wir werden ab sofort nicht mehr so viel Kohlenstoff verbrauchen!“ Und er begann die Flasche wie wild zu schütteln. „Lassen Sie das doch“, rief ich ihm zu, „das wird bestimmt eine große…“ Doch da war es schon zu spät. Mit einer beherzten Drehung hatte Breschke den Verschluss geöffnet. Das Sprudelwasser spritzte ihm ungehindert ins Gesicht. „Was zum…“, japste er. „Nicht so schlimm“, tröstete ich ihn. „Der größte Teil vom Kohlendioxid ist ja gerade noch mal hier im Haus geblieben.“ Tropfnass guckte er hinter seiner Brille hervor. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.“