Trennungsgerüchte

10 04 2019

„Ich wollte aber nur die Äpfel!“ Horst Breschke ließ sich nicht umstimmen; und schließlich hatte der Laden ja auch selbst schuld, dass er sein Obst in Kunststofffolie verpackt feilbot.

„Dieses ganze Plastikzeugs“, erregte sich der Alte, „warum muss man denn die Äpfel derart in Klarsichthüllen einschweißen, dass ich mehr Plastik kaufe als Obst?“ Er packte seinen Einkaufskorb aus und verstaute die Waren in den Vorratsschränken. „Sie gehen immer zu Supikauf?“ Er nickte, während er drei Dosen Pustermanns Beste aus dem Korb hob, ein verzehrfertiger Hühnereintopf mit zugegebenermaßen erkennbaren Spuren von Resthuhn. „Wegen des Fahrwegs. Es ist besser für die Umwelt, wenn wir nicht so weit fahren müssen, außerdem geht es ja auch schneller, gerade jetzt am Wochenende, wo jeder einkauft.“ „Kaufdas liegt in der anderen Richtung“, überlegte ich. „Aber Sie könnten sogar zu Fuß da hin, wenn Sie die Abkürzung durch den Kastanienpark nehmen.“ Er überlegte kurz und angestrengt. „Immerhin“, fuhr ich fort, „haben die komplett auf Papiertüten umgestellt, wenn Sie Obst und Gemüse abwiegen.“ „Das könnte Ihnen so passen“, knurrte der pensionierte Finanzbeamte. „Sie wissen doch nie, ob jemand die Sachen vorher angefasst hat – nein, mein Lieber, das muss ich nicht haben.“ Und er legte ein Päckchen Zucker in die Schublade.

Es war damit zu rechnen, dass sich der Filialleiter von Supikauf früher oder später wieder beruhigen würde. Immerhin hatte er ein kleines Einzugsgebiet und musste den Kunden in jeglicher Hinsicht entgegenkommen, auch solchen, die die sorgsam verschweißten Packungen gleich im Laden entfernten, weil sie nur das Obst zu kaufen beabsichtigten. Auf die Frage, warum er die Folie gleich im Laden entsorgen wollte, hatte der alte Herr selbstbewusst erklärt, das sei sein gutes Recht als Verbraucher; außerdem reiche es ja, die Äpfel im Einkaufswagen an die Kasse zu bringen und das von der Kunststofffolie abgezogene Etikett aufs Laufband zu legen, damit die Kassiererin es über ihren Scanner ziehen könne. Vor so viel Logik kapitulierte der junge Mann und wie seinen Kunden darauf hin, dass sein Vorgehen mindestens unüblich, wenn nicht sogar merkwürdig sei. Er hatte nicht mit Breschkes Kenntnissen des Verbraucherrechts gerechnet – die mir in diesen Zusammenhang bisher auch unbekannt gewesen waren – und dieser nicht mit der Hausordnung von Supikauf.

„Es gibt diesen anderen Laden“, überlegte ich, „unten bei der alten Sparkasse, wie hieß der noch?“ Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Ich finde das Angebot durchaus akzeptabel“, verkündete er, „aber es ist dort alles so unübersichtlich eingerichtet. Man muss den halben Vormittag verbringen mit der Suche nach einem Becher Schlagsahne. Ich bin doch kein Trüffelschwein!“ Kurz kam mir der Gedanke, Bismarck mit einer Sondergenehmigung ausstatten zu lassen, damit der dümmste Dackel im weiten Umkreis auch im Kaufladen seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte, nämlich seinem Herrn zwischen den Beinen herumlaufen und ihn in der Leine verheddern, aber das wäre nun wirklich zu viel Aufregung gewesen, vor allem für Herrn Breschke. „Immerhin können Sie in dem Geschäft kleine Kunststoffsäckchen mit Zugband kaufen, in denen Sie Obst und Gemüse abwiegen, und man kann die immer wieder verwenden.“ „Kaufen“, ereiferte sich Breschke, „ich höre immer nur: kaufen! Was denn noch alles, soll ich jetzt für den Einkaufswagen auch noch einen Mietvertrag abschließen?“

Jetzt hatte er einen Papiersack mit Kartoffeln aus dem Korb gehoben. „Sehen Sie“, sagte ich, „das wäre doch ein guter Kompromiss: Verpackung ja, aber wenn, dann aus Papier.“ Entrüstet sah er mich an. „Das glauben Sie!“ Und er wies mich auf einen kleinen Netzeinsatz aus Plastik hin, der auf dem Kartoffelsack angebracht war. „Den muss man immer erst ausschneiden“, erklärte Breschke. „Das macht auch Arbeit – stellen Sie sich mal vor, ich würde den einfach so in den Papiercontainer werfen!“ Vor meinem geistigen Auge erschien der Apfelkäufer, der Äpfel und Folie trennte, um danach Papier und Plastik in die Wiederverwertung zu schmeißen. „Wenn sich das herumspricht“, sagte ich düster, „dann zeigen die Leute bestimmt mit dem Finger auf Sie.“

Ein Glas Rollmöpse hatte noch den Weg in den Kühlschrank gefunden, dann war der Einkaufskorb leer. „Sie halten mich vielleicht für überkandidelt“, bemerkte Herr Breschke. „Aber wenn ich mir die jungen Leute ansehe, die ständig für die Umwelt demonstrieren, dann muss man sich doch auch mal seine Gedanken machen, wie man dass in seinem eigenen Haushalt unterstützen kann.“ Breschke hatte sich also auf Müllvermeidung und Trennung gestürzt, ein kleiner Beitrag zur Rettung der Natur vor den Auswirkungen der Konsumgesellschaft, aber immerhin ein Anfang. „Man kann immer etwas unternehmen“, bestärkte ich ihn. „Und wenn es nur eine Obstverpackung ist.“ Er nickte. „So, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Übrigens fahre ich gleich noch auf den Wochenmarkt. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“

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Harzreise

28 03 2019

Es knatterte, als zöge jemand den Handrasenmäher über einen Kiesweg. Am Rollo zeichneten sich schemenhafte Gestalten ab. „Warten Sie“, murmelte Breschke. „Ich stelle mal schärfer.“ Das Bild wackelte ein wenig, dann sah man deutlich, wenn auch in ausgeblichenen Farben, den beinahe jugendlichen Doktor Klengel, wie er weit ausholte und mit Schwung die Kugel auf die Kegelbahn schlenzte.

Die meisten Filmspulen waren unter einer dicken Staubschicht verborgen gewesen, die der Hausherr beim Frühjahrsputz eigentlich hatte entfernen wollen. Nach und nach gab das flockige Sediment die alten Schätze oben auf dem Regal frei, mehrere Dutzend Metallrollen, schwarz und grau, darin die seit Jahrzehnten lagernden Streifen aus der alten Handkamera. „Wir hatten ja damals nichts“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Und so eine Handkamera, damals musste man die mit der Kurbel aufziehen, alles rein mechanisch, also das war schon ein Luxusgerät.“ Der ehemalige Hausarzt jubelte nach einem gelungenen Wurf in die Linse und schwenkte sein halb volles Glas. Es gab wohl Bowle, wie man dem trüben Inhalt des Gefäßes entnehmen konnte.

Die Luft roch nach verbranntem Staub. „Ganz bekommt man es wohl nie weg“, bemerkte ich. Er schüttelte den Kopf. „Dabei habe ich jede einzelne Rolle sorgfältig mit dem Pinsel gesäubert, wissen Sie, ich hatte da noch einen alten Rasierpinsel in der Garage.“ Ich nickte zustimmend; genau da hätte ich einen Rasierpinsel auch aufbewahrt. Immerhin glänzten die Spulen, und die Zelluloidstreifen hatten sich erstaunlich gut gehalten. Hier und da waren noch die Klebeetiketten mit den dünnen Bleistiftzahlen des Aufnahmejahrs vorhanden, manche sogar halbwegs lesbar. Horst Breschke hatte den Projektor gestoppt und das Licht wieder angeknipst, um die Rolle zurückzuspulen. „Das muss im Harz gewesen sein, meine Frau war über Ostern zu ihrer Schwester gefahren.“ Anders war diese Herrenpartie wohl auch nicht zu erklären.

„Das Gerät“, sagte der Filmpionier nicht ohne einen gewissen Stolz, „haben wir uns damals neu gekauft. Also wirklich neu – einschließlich der Ersatzbirne. Gute Ware, sonst würde es ja auch nicht mehr laufen.“ Die Birne im Projekttor neigte ein kleines bisschen zum Flackern, hier und da ein winziger Aussetzer, aber nur ein winziger, und bisher war ja auch alles gut gegangen. „Geben Sie mir mal die graue Spule mit dem – ja, genau.“ Das Schildchen war nicht mehr zu entziffern. Was sich dahinter wohl verbergen würde? Augenblicke später, Breschke hatte den Film mit der präzisen und nonchalanten Professionalität des Operators eingelegt und das Deckenlicht gelöscht, tanzten die schwarz und weißen Zahlen über die wackelnde Fensterverkleidung, bis langsam in blassem Grün und Käsegelb das jugendliche Fräulein Breschke vor dem Weihnachtsbaum ein Blockflötensolo zum Besten gab. „Warten Sie mal“, sinnierte der Vater, „das war in dem Jahr, da hatten wir im Sommer die Waschmaschine gekauft, Lenzmeier und Söhne, aber da ist heute ja dies Fitnessstudio.“ Das Spiel der Gymnasiastin war künstlerisch sicher wertvoll, vor allem wusste sie sich mit dem Blasinstrument sehr effektbewusst zu bewegen. Ein schneller Schwenk des Kameramannes in Richtung Familie – „Das ist jedenfalls Tante Adelheid, die muss da noch gelebt haben!“ – offenbarte, mit welcher Konzentration das Publikum dem festtäglichen Konzert lauschte. Sie rissen sich mächtig zusammen, anders war das Mienenspiel der Damen nicht zu erklären.

„Was ich fragen wollte“, schnitt Herr Breschke den nächsten Punkt an, während er die Pappkiste nach einer bestimmten Filmrolle durchsuchte, „Sie kennen sich ja mit dieser modernen Technik aus: Man kann diese Filme auch als Video abspielen?“ „Sie meinen digital“, berichtigte ich ihn. „Ja, das geht ohne Weiteres, allerdings mit einem gewissen Aufwand und nicht kostenlos. Sie bekommen das dann als Datenträger und können sich die einzelnen Filme anschauen.“ „Natürlich nicht alle“, wehrte er ab, „dazu sind es auch zu viele. Ich verkaufe nicht Haus und Hof, um die alle auf… – Ja, das muss er sein.“ Womit Breschke eine Rolle aus dem Kistchen nahm und auf die Achse des Projektors setzte. Sorgfältig fädelte er den Film ein. „Wir haben am Samstag einen Ausflug auf den Wurmberg gemacht und einen Schinken aus Braunlage mitgebracht.“ Er löschte das Licht. Jäh blendete das Bild auf. „Das muss an der Talstation der Seilbahn sein.“ Die Kegelbrüder von der ersten Rolle hatten sichtlich dem Schnaps zugesprochen, vom Schinken war nicht mehr viel bemerkbar, und Doktor Klengel trug einen lustigen Hut. Insgesamt sah diese Szene auch eher aus wie im Hotelzimmer gedreht, allenfalls in einer luxuriös ausgestatteten Jugendherberge. Ein gänzlich unbekannter Herr im karierten Oberhemd winkte aufgekratzt in die Linse. „Ich weiß nicht“, grübelte Herr Breschke, „wann habe ich das denn aufgenommen?“ Die Kamera fuhr langsam auf die Tür zu, wo ein kleiner Mann in einem engen Kleid ins Zimmer stakte, durchaus geschmackvoll mit Make-up versehen, eine Handtasche schwenkend und sichtbar in Sektlaune. „Das ist ja…“ Breschke griff schon nach dem Projektor, da gab die Birne mit einem leisen Knall den Geist auf. Bange Stille lag in der Dunkelheit. „Wir könnten die Filme ja alle mal…“ „Ach nein“, wehrte Breschke ab. „Wer weiß, was da noch alles drauf ist. Man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen.“





Null Null Schneider

27 02 2019

„Und hier könnte man die Scheinwerfer aufbauen, nicht wahr?“ Hansi verzog schon die Stirn, und das, obwohl er ohnehin nur für den Service zuständig war. „Wir machen da noch mal etwas mit dem Licht, und dann können wir eigentlich in zwei Stunden schon starten, okay?“

Bruno, von Freund und Feind stets Fürst Bückler genannt, wie er Gans in Gelee und Schwarzsauer auftischte, ließ sich vorsichtshalber gar nicht erst in der Küche blicken; der große Gastronom und Chef des legendären Landgasthofs betrachtete aufmerksam die sorgfältig geschrubbten Fugen im hübsch gepflasterten Innenhof, wo sonst Tischchen standen und Sonnenschirme, doch ein fehlender Kredit hatte dies Restaurant im Sommer straucheln lassen. Natürlich mussten wir etwas unternehmen für den Inhaber.

„Wir hatten es schon fast geschafft“, knurrte Tim. „Und dann haben sie auf eine Einflüsterung gehört, dass wir nach zwei Jahren sowieso bankrott wären, weil uns keiner mehr Sicherheiten gibt.“ Hansi schaute sich im geräumigen Gastzimmer um, wo mittelalterliches Gebälk über feinstem Damast und Kristallglas sich spannte. „Nicht übel“, murmelte der jüngere Bückler, „und die Karte ist wirklich exquisit.“ Brunos Brust wölbte sich, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen. „Er hat ja bei den Besten gelernt.“ Fast hätte sich sein Bruder verschluckt, aber auch nur fast. Tim Pfannenstiel, kurz vor der Pleite trotz begeisterter Stammgäste, wusste sich keinen Rat, und einmal mehr sollte Rokko Schneider zum Einsatz kommen, erfolglos als Koch, aber bekannt auf den Fernsehsehschirmen der Nation. „Das Team rollt gerade an“, informierte der Assistent uns. Jetzt also sollte es losgehen.

„Das Konzept ist ganz einfach“, erklärte die Aufnahmeleiterin. „Wir finden ein Restaurant, das sich in finanzieller Schieflage befindet, einen total überforderten Koch, der mit seiner Karte nicht zurechtkommt, dann wird Rokko den Laden total umkrempeln und dann läuft es wieder.“ Tim runzelte die Stirn. „Was genau heißt: umkrempeln?“ Sie zierte sich ein bisschen. „Kann durchaus sein, dass das hier hinterher eine der besten Frittenbuden der Region ist, weil die Gäste mit diesem modernen Schickikram nicht zurechtkommen.“ Brunos dünne Schnurrbartspitzen, die an den Enden in die Höhe gezwirbelt waren, begannen leicht zu zittern; noch hatte er sich nicht krebsartig rot verfärbt, aber lange würde es nicht mehr dauern. „Frittenbude“, zischte er. „Wenn ich das schon höre.“ Sie hatte es offenbar gehört. „Es ist ja nur für den Übergang“, tröstete sie beide, „wenn Rokko weg ist, können Sie ja Ihren üblichen Kram wieder anbieten.“

Noch ließ der Meister sich nicht blicken, aber die Mannschaft fiel schon in den Gasthof ein. Behutsam deckten sie die Tische ab, leise klirrten die Gläser, während die andere Hälfte Kisten und Kästen in die Küche schleppte. „Sie werden doch hier keine Grillstation einrichten?“ Hansi wollte einen Blick in die Gerätschaften werfen, doch es kam nicht dazu. Er wurde mitsamt des anderen Personals aus der Küche gedrängt.

„Sie haben karierte Tischdecken aufgelegt“, bemerkte ich beim Blick in den Gastraum. Bruno ging einen Schritt hinein. „Nicht nur das“, keuchte er, „das kann doch nicht…“ Sie hatten fleckige, rot karierte Tischdecken aufgelegt, kunstvoll mit Sauce und Rotwein gesprenkeltes Tuch, gut angetrocknet und sicher seit langem nicht gewaschen. Der junge Pfannenstiel tobte. „Nehmen Sie das sofort weg!“ „Aber das gehört doch dazu“, wunderte sich die Leiterin, „das ist unser Konzept.“ Mir schwante Schlimmeres, der Lärm auf der Kellertreppe verriet mir, dass ich mich nicht geirrt hatte.

„Die Hühnerbeine bitte ganz nach hinten“, krächzte es aus der Ecke, wo eine Räumkraft auf Styroporkisten hockte. Daneben krümelte ein Mann Fischstäbchen auf den Boden und verteilte das Zeug mit Hilfe eines Handfegers. Besagtes Geflügel war bereits mumifiziert und schimmerte grün, was selbst in der Beleuchtung das Kühlraums gruselig wirkte. „Wir holen noch eben das schimmelige Obst, und dann könnt Ihr den Ventilator verdrecken, okay?“ „Alles total klasse“, beruhigte die Leiterin in der Tür, „wenn der Typ vom Gesundheitsamt kommt, macht er garantiert die Bude dicht.“ Bruno packte sie am Schlafittchen. „Und dann“, schrie er, „haben Sie sich das schon mal überlegt?“ Sie entwand sich nur mit Mühe. „Dann machen Sie es eben wieder sauber, das gibt total tolle Takes!“

Auch oben in der Küche waren sie zugange. „Sie haben die Herdflammen mit verdreckter Folie ausgelegt“, jammerte Hansi, „und jetzt sprenkeln sie das Geschirr mit Spinat und Senf.“ „Ah, es läuft.“ Der Meister drückte dem verdutzten Tim seinen Mantel in die Hand und stolzierte durch die Küche. „Widerlich“, frohlockte er, „wir können anfangen!“ Da platzte Bruno der Kragen. Wie durch Zufall hatte er plötzlich eine Pfanne in der Hand; schweres Gusseisen für gute Bratkartoffeln und große Beulen. „Du putzt jetzt den ganzen Mist hier weg, oder Du stehst morgen auf meiner Karte!“ „Das Licht ist total gut“, befand ich. Wie praktisch, dass Hansi immer eine Fotoausrüstung dabei hatte, und so begann die Arbeit. „Die Doppelnull auf dem Küchenboden“, überlegte Tim, „wäre das nicht ein passender Titel?“ „Auf jeden Fall“, pflichtete ich bei. „Und wenn wir die Bilder heute Abend noch loswerden, macht der Mann auch die perfekte Reklame fürs Restaurant.“ Die Aufnahmeleiterin wimmerte leise. Hansi klopfte ihr auf die Schulter. „Gutes Konzept“, sagte er anerkennend. „Total gut.“





Zeitzeichen

23 01 2019

„Wir werden ferngesteuert!“ Drohend schüttelte Herr Breschke die Faust und stapfte durch den schütteren Schnee den Gartenweg entlang, das nachbarliche Haus fest in seinem grimmigen Blick. „Mit einem Wecker fängt es an, und dann werden sie uns irgendwann auch fernsteuern!“

Umständlich putzte sich der Hausherr die Stiefel auf der Fußmatte ab, bevor er mich eintreten ließ. Es duftete nach frisch gebrühtem Kaffee, Frau Breschke hatte einen großen Hefezopf gebacken. Nichtsdestotrotz zog der Pensionär die Stirn in erhebliche Falten. „In der letzten Woche fing es an, da standen auch die Wagen vor der Tür von den Stadtwerken. Hier werden ja alle Nase lang neue Zähler aus- und alte eingebaut – nein, anders: neue eingebaut, und jetzt war Gabelstein dran.“ Dem gehörte das Haus zwar seit dem Verkauf nicht mehr, er genoss aber immer noch lebenslang Wohnrecht in dem renovierungsbedürftigen Bungalow. „Ich habe es erst neulich wieder gelesen“, erklärte Herr Breschke, „sie bauen jetzt überall diese Zähler ein, die über das Internet kontrolliert werden. Und ich sage Ihnen, diese Bande kontrolliert nicht nur die Zähler!“

Der Funkwecker, der seit einigen Tagen auf dem Küchenschrank stand, war das erste Indiz für die Spionagetätigkeit des städtischen Stromversorgers; er ging nach oder setzte, meist mitten in der Nacht, aus. Dass das Gerät so plötzlich seinen Dienst versagte, lag für den ehemaligen Finanzbeamten an der Strahlung, die seither vom Nachbargrundstück ausging. „Ich habe das nämlich auch gelesen.“ Er kramte in einer Mappe mit Kochrezepten, der Abfuhrliste für Sperrmüll und Bauschutt sowie einem Angebot für künstliche Weihnachtsbäume mit Beleuchtung (was seine Tochter nicht unbedingt besser, wohl aber in jeder Hinsicht billiger würde leisten können) einen Artikel hervor, der aus einer Publikumszeitschrift für leichtgläubige, aber zum Ausgleich technisch wenig bewanderte Menschen stammen musste. DCF77 stand in der Überschrift, und der Leser erfuhr alsbald, dass es sich nur um eine Verschwörung größeren Ausmaßes handeln konnte. „Dieses Zeitsignal ist in Gefahr!“ Er blätterte in der Mappe hin und her. „Stellen Sie sich nur die Folgen vor, wenn das entdeckt wird!“

Der Wecker lahmte, und diesmal lag es am Sekundenzeiger, der öfter hakte, als umzuspringen. Ich schaute das Ding argwöhnisch an. „Und Sie sind sich absolut sicher, dass es an einem Smart Meter liegt?“ „Es bleibt keine andere Möglichkeit“, knurrte der Alte. „Diese Technik wird ja bloß eingeführt, um uns lückenlos zu überwachen – wann wir morgens das Licht andrehen, unter die Dusche gehen, das Radio anschalten, den Herd, und wann wir dann abends wieder ins Bett gehen. Aber ohne mich, mein Lieber, ohne mich!“ Es stand offenbar sehr schlimm um sein Vertrauen in die moderne Stromversorgung, denn er war mehr als verärgert. „Der gläserne Bürger“, schrie Breschke unvermittelt. „Wir werden zu gläsernen Menschen, verstehen Sie? Alle!“

Erschöpft hatte er sich auf seinem Küchenstuhl niedergelassen und rührte fahrig in der Kaffeetasse. „Stellen Sie sich das mal vor, die können bald auch die Uhren steuern.“ Ich lehnte mich herausfordernd über die Stuhllehne. „Die? Wen meinen Sie denn damit?“ „Dir Regierung bestimmt nicht“, zischte Horst Breschke. „Die könnte ja, aber sie haben bestimmt noch nicht verstanden, wie man das macht, deshalb treiben jetzt andere ihr Schindluder mit diesen Funkstrahlen.“ Möglicherweise hatte ich ihn endlich verstanden. „Sie denken also, dass ein Geheimdienst oder Schlimmeres unsere Uhren steuert?“ Er nickte. „So ist es. Die senden exakte Zeitzeichen, damit man morgens aufsteht und brav zur Arbeit geht.“ Eine komische Vorstellung, den Ex-Beamten so abschätzig über pünktliche Arbeiter sprechen zu hören. Aber vielleicht hatte er ja auch einen Verdacht? „Vielleicht ist es längst so weit, und sie steuern unseren Verkehr – die einen dürfen zehn Minuten länger schlafen, damit sie nicht gleichzeitig auf die Autobahn fahren, die anderen müssen zehn Minuten früher los, und dann stellen sie in unserer Abwesenheit die Wecker tagsüber einfach wieder zurück.“ Das schien mir ohne ein internationales Komplott nicht machbar, aber sicher hatte ich nur nicht das nötige Hintergrundwissen. „Was, wenn sie einen längst im Minutentakt steuern und regeln können?“ „Wissen Sie“, antwortete ich nachdenklich, „wenn man dieses Land nun unter seine Kontrolle bringen wollte, meinen Sie nicht, man könnte das einfach erreichen, indem man die Uhren in kleinen Abständen immer wieder um ein paar Sekunden zurückstellt, so dass es nie klingelt? Man wacht nachts auf, sieht auf die Uhr, stellt keinen Unterschied fest, schläft einfach immer weiter, und im Nu ist ein ganzes Land besetzt.“ Breschke starrte bleich auf den hakenden Zeiger. „Sie meinen, es hat schon angefangen?“

In der Küchenschublade hatte ich zwei passende Batterien gefunden, sie in den Wecker eingelegt und das Fach zugeklappt. Surrend stellte sich die Uhr, und kurz darauf zeigte sie wieder die exakte Zeit. Herr Breschke guckte ungläubig. „Darauf hätten Sie kommen können“, sagte ich in verschwörerischem Ton. „Nicht am Stromnetz anschließen, dann wird er auch von den Zählern nicht erfasst.“ Er trank einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Gut, dass wir uns mit solchen Sachen auskennen!“





Mini

31 10 2018

„Ich will keine Pizza!“ Langsam, das heißt im Tempo einer mittelgroßen Lawine, verlor Anne die Geduld und offensichtlich auch schon einen Teil ihrer Nerven. „Jedes mal, wenn mir dieses dämliche Ding zuhört, bestellt es Pizza, und es hört mir verdammt noch mal ständig zu!“

Luzie hatte sich überreden lassen. Seit zwei Wochen stand die Dose auf dem Tresen im Flur der Kanzlei. „Mini“, stöhnte Anne. „Und ich hatte erst gedacht, das bezieht sich nur auf die Größe.“ In der Tat hätte man das Ding schnell übersehen oder aber für eine futuristische Kaffeetasse halten können, aber es sprach auf eine durchaus störende Weise. Es sprach dazwischen.

„Sehen wir der Sache ins Auge“, konstatierte ich, „Du hast Dich bequatschen lassen.“ „Es bequatscht mich immer noch“, entgegnete sie grimmig. „Man kommt ja schon gar nicht mehr zu Wort, wenn sie…“ „Sie haben keinen Befehl eingegeben“, redete Mini dazwischen. Das also klappte. „Aber dafür ist sie nicht eingestellt“, seufzte Luzie. Und schon surrte aus dem Drucker ein Stapel Papier. Öldenburg gegen Öldenburg, zwei ungleiche Brüder, nur darin einig, dass sie seit Jahrzehnten verfeindet waren und sich gegenseitig das Leben schwer machten. „Verfahren wird eingestellt“, tönte es aus der Box. Luzie knüllte den Schriftsatz zusammen. „Ich bin ja schon froh, dass es nicht gleich ein Fax verschickt.“ Wie man es auch drehte und wendete, die Dose war höchst kontraproduktiv.

„Außerdem verschreckt es die Mandanten.“ Wie sich herausstellte, erklärte Mini bereits bei der Anmeldung, dass es sich bei Kaufmeister und Söhne um ein hoch verschuldetes Unternehmen der Büromöbelbranche handelte, das keinen Heller der ausstehenden Rechnungen würde bezahlen können. „Ich verliere effektiv die Sache, wenn schon vorher klar ist, dass das in die Hose geht.“ Luzie knetete ihre Finger. „Natürlich würden wir nie einem Mandanten zur Klage raten, wenn klar ist, dass…“ Sie biss sich auf die Zunge.

Offenbar war die Quasselstrippe Bestandteil des neuen Internetvertrags. „Es war ohne viel teurer als mit.“ Das hatte Anne nicht davon abgehalten, von der Ersparnis einen neuen Kaffeevollautomaten zu erwerben; der würde bereits in wenigen Jahrzehnten finanziert sein. „Jedenfalls wollte ich einfach nur eine Glückwunschkarte schreiben, und ich war mir auch sicher, dass wir noch welche in der Schublade haben, aber da war keine, und deshalb wollte ich in die Stadt, und dann kam aber schon…“ „Ruhig“, unterbrach Luzie. „Ganz ruhig, sonst macht der Kasten gleich wieder irgendwas, was wir nicht gebrauchen können.“ „Es ging um Husenkirchens Tochter“, fasste Anne zusammen, „Staatsanwalt Husenkirchen, und seine Tochter wurde jetzt zur Notarin bestellt.“ „Ich bestelle Pizza“, schnarrte das Ding. „Wie immer bei Pizza Pronto, dem freundlichen Lieferdienst in der Uhlandstraße.“ „Da hast Du es“, schrie Anne. „Ich kann in meiner Kanzlei kein Wort mehr sprechen, wir sind diesem Mistding wehrlos ausgeliefert!“ „Ich prüfe den Auslieferungszustand“, meldete sich Mini. „In wenigen Minuten erreicht Ihre Lieferung den…“ „Halt endlich die Klappe!“ Allein das half nichts.

Dass Mini den städtischen Sperrmüll bestellt und um ein Haar den neuen Kaffeeautomaten als Elektroschrott deklariert hatte – geschenkt. Anne für ein Fahrsicherheitstraining anzumelden war vermutlich nicht die schlechteste Idee, zumal sie ihre Kraftfahrzeugnutzung ohnehin besser auf einer Formel-Eins-Strecke als auf der Stadtautobahn würde nutzen können. Aber einen Satz Karten für die große Volksmusik-Gala mit den Gebrüdern Gschwöllpointner in der Ernst-Krönacher-Arena zu ordern, auf den Gedanken wäre nicht einmal ein enttäuschter Prozessverlierer gekommen. Keine Frage, das Objekt war gefährlich.

„Man müsste es vermutlich nur ausschalten.“ Luzie riss die Augen auf. „Nein!“ „Dass wir darauf nicht gleich gekommen sind“, höhnte Anne, „so ein genialer Einfall aber auch!“ Sie drückte mir Mini in die Hand. „Wenn der Herr vielleicht uns auch noch zeigt, wo man das ausknipst?“ Es gab in der Tat keinen Schalter, keinen Druckknopf, nichts. „So eine Blamage“, knurrte Anne. „Da dachte sich der Herr, zwei Frauen, ein elektronisches Gerät, ohne Mann im Haus kann das ja nicht funktionieren!“ „Und wenn die Batterie irgendwann mal leer sein sollte?“ „Dann kommt der Techniker“, informierte mich Luzie, „und wechselt den Akku. Er hat den Sicherheitsschlüssel, um das Gehäuse zu öffnen, wir nicht.“ Ich überlegte einen Moment. „Und wenn man das Ding versehentlich in den, sagen wir mal, Geschirrspüler stellt?“ „Dann kommt der Techniker und ersetzt es.“ Tatsächlich stand im Vertrag, dass man mit dem Kästchen sorgfältig umgehen sollte, da sonst eine kostenpflichtige Reparatur oder ein Ersatzgerät fällig würde. Was aber nicht im Vertrag stand, hatte ich schnell entdeckt. „Wo würdet Ihr jemanden verstecken?“ „Wie bitte!?“ „Ich meine“, erläuterte ich, „wo würdet Ihr jemanden verstecken, der sich nicht durch Geräuschentwicklung verraten soll?“ Luzie blickte sich überall um. „Unter der Küchenspüle wäre Platz, aber dann müsste ich denjenigen zersägen.“ Ich schnappte mir Mini. „Keine Sorge. Das geht so mit.“ Und schon war wieder himmlische Ruhe. Nur ihre Pizza würden sie wieder selbst bestellen müssen. Aber das ging jetzt gleich von der Küche aus.





Goldes Wert

17 10 2018

„Wieder so ein neumodischer Schrott!“ Herr Breschke stopfte den Blumenstrauß in die Vase, und er tat es mit einer Wucht, dass man fürchten musste, sie kämen unten wieder heraus. Aber das wäre zu verschmerzen gewesen, von ihrem ansehnlichen Gewinn hätte sich das Pensionärspaar leicht ein Dutzend neue Vasen leisten können. Es war von der Einbauküche noch ein ganz hübsches Sümmchen übriggeblieben.

„Ich wäre ja lieber an den Gardasee gefahren“, klagte der Hausherr, „aber meine Frau wollte es unbedingt.“ „Sie müssen zugebene, dass die ganze Einrichtung einige Jahrzehnte lang nicht mehr renoviert wurde.“ Er schien meinen Einwand gar nicht zu hören. „Der Herd war doch noch wie neu.“ Dass man eine der vier Kochmulden nur mehr zum Warmhalten nutzen konnte und dass er sich, außer zur Bedienung der Kaffeemaschine, größtenteils aus der Küche heraushielt, tat hier nichts zur Sache. Der ehemalige Finanzbeamte blickte sich hilflos um und legte das Blumenpapier auf den Küchentisch. „Ich sehe ja ein, dass man mit der Zeit gehen muss, aber warum muss sie so ein modernes Zeug anschaffen?“

Er schien nachhaltig verstört, denn nicht einmal der unerwartete Lottotreffer brachte seine Laune zum Überschäumen. Im Gegenteil. „Achtundvierzig Jahre lang war hier der Geschirrschrank“, knurrte er, „und dann haben sie hier den Geschirrspüler eingebaut.“ Horst Breschke kratzte sich an der Stirn und schnaufte gewaltig. „Soll ich denn jetzt mein Geschirr direkt aus dem Spüler holen?“ „Das wäre mal eine Idee“, sinnierte ich, „nur bräuchte man dazu zwei Spüler.“ Er blickte mich verständnislos an. „Sie holen das saubere Geschirr aus dem einen Spüler“, erklärte ich, „und wenn es benutzt ist, stellen Sie es in den zweiten. Dann waschen Sie ab und wiederholen die Prozedur, nur umgekehrt.“ Das leuchtete ihm ein.

Dennoch hatte er sich noch nicht mit dem Interieur angefreundet. „Ich wollte Ihnen ja schon einen Tee machen, aber ich muss warten, bis nachher die Handwerker noch einmal kommen.“ Vielleicht hatten die das Teedöschen aus Versehen in eine der noch nicht erschlossenen Schubladen geräumt? Breschke schüttelte den Kopf. „Nein, aber Sie kommen sicherlich selbst darauf. Setzen Sie doch schon mal das Teewasser auf.“ Statt eines Kochers, wie er in fast jeder halbwegs zeitgemäßen Küche zu finden gewesen wäre, stand ein Kessel auf dem Herd, blau emailliert, auf der Tülle die vorschriftsmäßig sitzende Pfeife. „Sehen Sie es?“ Mir fiel nichts auf. Vielleicht hatte ich den Kessel auf das falsche Feld gestellt? „Sie haben vergessen, die Knöpfe anzubringen“, schimpfte er. „Wie soll man denn den Herd anstellen, wenn…“ Ein paar Sekunden später begriff Herr Breschke, dass sich das Gerät leicht mit dem Finger bedienen ließ, wenn man auf die dazu angebrachten Symbole drückte. „Sehen Sie“, erklärte ich, „das ist rechts hinten, und damit stellen Sie die Stufe ein.“ Ein leichtes Glühen färbte das Kochfeld rot. „Dazu haben die Geld“, ereiferte sich der Alte, „Kochen mit Beleuchtung!“

Ansonsten hatte sich wenig verändert. Der alte Kunststofffußboden war ebenso geblieben wie die wackeligen Stühle. „Wenn ich das gewusst hätte“, jammerte Breschke. „Wir hätten doch einen ganz normalen Herd nehmen können, nicht einen mit neun Stufen!“ Langsam erhitzte sich das Wasser. „Das geht jetzt allerdings auch schnell – wenn wir jetzt auf Stufe Neun kochen und nicht mehr wie vorher mit der Drei, kann man dann die Kochzeit eventuell verkürzen?“ Er grübelte; bevor ich noch eine Antwort geben konnte, fiel es ihm ein. „Ich werde das morgen früh mal versuchen. Wenn man nämlich die Kochzeit für die Frühstückseier zu zwei Dritteln spart, dann ist dieser neue Herd ja doch zu etwas gut. Der spart ja nicht nur Zeit, der spart dann auch Energie, nicht wahr?“

Wie gut, dass sie sich nicht auch noch eine neue Waschmaschine gekauft haben. Da knirschte auch schon der Schlüssel im Haustürschloss: Frau Breschke kam rechtzeitig. Rasch huschte sie über den Flur, bevor sie die Einkäufe die Kellertreppe hinabtrug. „Wenn wir tatsächlich so viel Strom sparen“, sinnierte der Hausmann, „dann könnten wir uns in einem Jahr neue Stühle anschaffen, oder nein, warten Sie mal – wir haben doch auf dem Dachboden noch einen Schnellkochtopf!“ Breschke machte Anstalten, das Ding sofort in die Küche zu schleppen. „Wenn wir damit die Eier doppelt so schnell kochen können, dann hieße das ja, dass wir nur noch maximal zwei Minuten, und das ist ja so gut wie nichts, wenn man bedenkt, dass wir vorher immer eine Viertelstunde auf die Eier warten mussten!“

Ein schriller Schrei hielt ihn davon ab, die Treppe zu erklimmen; im Nu war er in der Küche. „Das Blumenpapier!“ Frau Breschke ließ die halben Wasservorräte der Stadt über den leicht bräunlichen Bogen rinnen. „Du hast das Blumenpapier auf die heiße Herdplatte gelegt!“ „Die war doch nicht an“, schrie er zurück. „Die hat nur geleuchtet.“ Es roch ein bisschen kokelig, ansonsten war nicht viel passiert. „Sehen Sie“, knurrte er. „Das kommt dabei raus, wenn man so neumodisches Zeug anschafft, das nicht zwischen einem Teekessel und einem Blumeneinwickelpapier unterscheiden kann!“ Er warf den klatschnassen Papierklumpen in den Müll. „Kommen Sie mit.“ Breschke griff nach dem Haustürschlüssel. „Ich kaufe jetzt eine Kochplatte. Sicher ist sicher!“





Die totale Erinnerung

5 09 2018

„Ich kann mich so nicht konzentrieren!“ An guten Tagen verlegte Anne die Autoschlüssel, an sehr guten auch gleich das Diktiergerät. Meist fand sich eins im Kühlschrank wieder – die Autoschlüssel hatten sich trotz des elektronischen Krimskrams, mit dem man seinerzeit wohl auch zum Mond hätte fliegen können, erheblich besser gehalten – und das andere irgendwo anders, denn die Kanzlei war recht groß. Und da waren nicht einmal die Schubladen eingerechnet.

Luzie litt stumm. Seit dem letzten Abend zog ihr Backenzahn eine Spur von Schmerzen bis ins linke Ohr, aber sie hatte es nicht geschafft, um ärztliche Hilfe zu bitten. Sie hätte das Telefon ans linke Ohr halten müssen, und das ging gerade nicht. Vielleicht würde sie bis zur Mittagspause durchhalten, aber das wusste bis jetzt noch keiner. „Wo sind denn die Mietverträge“, stöhnte Anne. „Wenn gleich Doktor Hutmacher kommt, will er alles unterschriftsreif auf dem Tisch haben.“ „Ich weiß es doch“, wimmerte Luzie Freese. Die sonst vorlaute Bürovorsteherin, die mit dem Kürzel luziefr zeichnete, hatte ernsthafte Qual. Wer weiß, wie lange sich das noch hingezogen hätte.

Plötzlich aber flog die Tür auf. Keiner hatte ihn kommen hören, es war eigentlich auch gar nicht möglich, die Türe von außen zu öffnen, ohne dass Luzie auf den Summer gedrückt hätte. Möglich, dass sie es getan hatte und sich nicht mehr daran erinnern konnte, aber dafür gab es keinen Beweis. Doktor Hutmacher, der große Impressario, stand mit Hut und Mantel im Vorraum. „Ihnen geht’s ja nicht so gold“, bemerkte er knapp. Luzie nickte. Was hätte sie auch tun sollen.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Er legte den Mantel über einen Stuhl und ließ die Fingerknöchel knacken. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, und es ist auch schon ein bisschen her, seitdem ich das zum letzten Mal gemacht habe, aber wir könnten es wenigstens mal versuchen.“ Als guter Theatermann hatte er natürlich ein Stück Zwirnsfaden in der Jackentasche; er zog einen Manschettenknopf aus dem Hemdsärmel, knotete ihn am Faden fest und hielt ihn Luzie vors Gesicht. Anne blickte skeptisch auf die Installation. „Hypnose“, murrte sie. „Ganz billiger Trick, oder haben Sie in der anderen Tasche auch noch Zuckerkügelchen.“ Hutmacher ließ sich nicht beirren. Mit monotoner Stimme begann er die Prozedur. Der Manschettenknopf pendelte langsam hin und her, hin und her. „Der Kopf wird frei“, murmelte er. „Sie sehen nur auf die Bewegung und vergessen, woran Sie gerade denken.“ Hin und her, hin und her. „Wenn ich mit den Fingern schnipse, wachen Sie auf und können sich an nichts mehr erinnern.“ Er stoppte das Pendel und schnipste mit den Fingern. Anne zuckte zusammen. „Die Akte Grützner“, sagte sie. „Ich weiß jetzt wieder, wo die Akte Grützner abgeblieben ist.“ Sie ging schnurstracks in die kleine Kammer neben der Küche, griff ins obere Regalbrett, wo neben dem Werkzeugkasten das Ersatzradio stand, eine Schachtel mit inzwischen bröselnden Gummiringen und eine Dose Klarlack, und zog die Akte hervor. „Als ich neulich den Klarlack gesucht habe für das Tischchen, muss ich die Akte beim Umräumen dort deponiert haben.“

Luzie fühlte vorsichtig mit der Zunge nach der Haltbarkeit ihres Zahns. Leider hatte die Hypnose den Schmerz nur wenig lindern können. „Aber die kleine Blumenvase, die sonst immer im Regal stand, die hast Du nicht mit nach Hause genommen, die steht in der Küche.“ Mit einem Satz war sie am Schrank, öffnete die mittlere Tür und rückte einen Stapel Kuchenteller beiseite, hinter denen sich besagtes Gefäß anfand. „Ich muss sie jeden Tag gesehen haben, sie ist mir nie bewusst gewesen.“ „Irgendwas muss schief gelaufen sein“, wunderte sich Doktor Hutmacher. „Sonst funktioniert das immer.“ „Lassen sie mal“, nuschelte Luzie. „Mit etwas Glück findet sie noch das Bernsteinzimmer.“ „Aber wenn das anhält?“ Er war doch ein bisschen besorgt. Ich tröstete ihn. „So neu ist das alles nicht, wir kennen uns schon ein bisschen länger und sie hält mir immer noch Dinge vor, die ich vor zehn Jahren gesagt habe.“

Eine Viertelstunde später war der Aktenschrank so gut wie vollständig, die Kanzlei hatte wieder einen Bleistiftanspitzer, und die Akkus, die Luzie für das Telefon gekauft hatte, fanden sich auch wie von selbst in der Besteckschublade wieder. „Die Kuchenrezepte sind übrigens im Order mit den Abrechnungen für Mai, der im Verzeichnis mit den Strafakten und Husenkirchens Hochzeitsfotos liegt.“ Hutmacher war schwer verwirrt. „Ich sollte vielleicht noch mal…“ „Die Fahrkarte“, platzte es aus Anne heraus, „die Fahrkarte ist nicht weg, sie befindet sich im Innenfutter Ihrer Jacke. Die linke Tasche hat einen kleinen Schlitz, durch den ist sie durchgerutscht. Sie sind also eigentlich gar nicht schwarzgefahren.“ „Langsam wird es unheimlich“, stammelte Hutmacher. „Lassen Sie“, wandte ich ein. „Sie hat durchaus Talent, hier entwickelt sich gerade ein zweiter Sherlock Holmes.“ Hastig schnipste er mit den Fingern. „Aufwachen!“

Luzie war einigermaßen schmerzfrei. „So lange sollten wir jetzt aber nicht mehr warten.“ Alle nickten, Luzie inbegriffen. „Gut“, beschloss Anne, „schnell die Unterschriften, dann sperren wir den Laden bis heute Nachmittag zu und ich bringe sie schnell in die Stadt.“ Doktor Hutmacher montierte seinen Manschettenknopf, Anne durchwühlte hektisch ihre Handtasche. „Wenn ich nur meinen Autoschlüssel finden würde.“