Wenn der Nachbar zweimal klingelt

1 10 2019

„Zwei Kilogramm!“ Anne hievte die Kiste mit den Aktenordnern in den Kofferraum und schloss die Klappe mit geräuschvoller Entschlossenheit. „Zwar innerhalb eines Monats, aber zwei Kilogramm sind und bleiben zwei Kilogramm.“ „Für den Anfang ist das doch schon ganz erfreulich“, versuchte ich es, aber mir war kein Glück beschieden. „Nicht das, was Du denkst.“ Sie riss ungehalten die Fahrertür auf. „Ich habe schon wieder zugenommen!“

Luzie hatte mich schon vor einigen Wochen am Telefon vorgewarnt und genaue Instruktionen für den Besuch in der Kanzlei ausgegeben: an Tagen, an denen die Chefin schlecht gelaunt war, also eigentlich immer, besser nicht zu früh oder zu spät kommen oder gehen, nicht zu kurz oder zu lang bleiben, nichts Falsches sagen oder tun und vor allem in ihrer Gegenwart nicht vom Essen sprechen oder auch nur daran denken. „Sie entwickelt gerade parapsychologische Kräfte“, hatte sie mir verraten. „Ich muss nur kurz überlegen, ob ich zu Hause noch genug Schokoladenkekse habe, schon kommt sie ins Vorzimmer gerauscht und schreit mich an.“ Ich hatte mir keinen Reim darauf machen können. „Wie lange soll das noch gehen?“ Luzies Antwort war wie aus der Pistole geschossen gekommen. „Ungefähr zehn Kilo.“

Dabei hatte es so gut angefangen. Nach mehreren Runden Ananas-, Rohkost- und Iss-was-Du-willst-aber-erwarte-keine-Erfolge-Diät bekam Anne beim Frisörbesuch eines dieser so gut wie immer unfehlbaren Magazine für die moderne Frau in die Hand, das nach zwei Ausgaben mit schlanker Kartoffelküche turnusgemäß hätte in die Iss-keine-Kartoffeln-Heilkost kippen sollen, aber sie mussten es sich wohl anders überlegt haben. „Trennkost“, verkündete sie, „ist jedenfalls out. Und ich will auch keine Punkte mehr zählen, deshalb habe ich mich jetzt fürs Intervallfasten entschieden.“ Sie zeigte mir den Zeitplan. „Vor zehn esse ich meist sowieso nichts. Also habe ich mich entschlossen, keine ganzen Fastentage einzulegen, sondern nur von zehn bis sechs nichts zu essen.“ Dabei räumte sie die Tasche aus und verstaute einige Flaschen im Altglas. „Aber irgendwie wird es nichts, und ich weiß wirklich nicht, was ich noch machen soll.“

Da läutete es an der Tür. „Wer kann denn das jetzt sein?“ „Es gibt eine todsichere Methode“, antwortete ich, „man geht einfach zur Tür und…“ Es war der Nachbar, nein: der neue Nachbar, ein älterer Herr, der sich offensichtlich noch nicht einmal vorgestellt hatte. Dem Gespräch entnahm ich, dass es um ein bis zwei Eier ging, wenigstens vordergründig. Anne war kurz angebunden. „Es gibt anscheinend niemanden, der jetzt zu Hause ist.“ Immerhin fand sie das Gewünschte im Kühlschrank und beendete die ganze Prozedur, um sich dann wieder der Küche zu widmen.

„Es gibt aber nur einen kleinen Salat.“ Dazu holte sie eine Flasche mit Zuckerlösung aus dem Kühlschrank. „Fruchtsaft“, widersprach Anne. „Das ist vollkommen egal“, beharrte ich, „sie schreiben es doch sogar auf die Flasche. Dann musst Du Dich nicht wundern, wenn die Pfunde mit Verstärkung zurückkommen.“ Grimmig stellte sie die Flasche auf den Tisch. „Schau auf die Uhr“, knurrte sie. „Ich habe keine Lust mehr, mir ständig das Essen vermiesen zu lassen. Heute Mittag war es nicht besser: Luzie schickt den Mandanten ins Zimmer und auf dem Schreibtisch steht noch ein halber Teller Pommes.“ „Ah, vegetarische Kost!“ Sie blickte mich an, als würde sie mich im nächsten Moment mit der Plastikgabel aufspießen.

„Du hast das Prinzip eben nicht verstanden“, ereiferte sie sich. „Es geht eben nicht um die Umstellung der Ernährung, sondern nur, wie soll ich sagen…“ „Pommes nur zur erlaubten Tageszeit, weil der Diätgott dann nicht zuguckt?“ Sie musste es verstanden haben, jedenfalls nahm sie es mir übel. „Wenn man zwei Drittel des Tages fastet, dann nimmt man proportional nicht mehr so viele Kalorien auf, und der Körper stellt sich automatisch in einen anderen Modus um, in dem er…“ So wie kam es aber nicht. Es läutete an der Tür.

Geistesgegenwärtig zog Anne die Schublade auf. „Es ist noch nicht sechs, und ich werde es Dir beweisen.“ Schon hatte sie eine Türe mit Gummibärchen ergriffen, da läutete es wieder, und ich mochte mich getäuscht haben, aber es wurde immer intensiver. „Vielleicht möchte er ja Butter und Salz, Zucker und Milch und Mehl?“ „Freundchen, wir sprechen uns noch“, zischte sie und ging in den Flur.

Sie hatte die ganze Küche durchwühlt, aber es war nichts zu machen gewesen. „Das kommt vor“, tröstete ich sie. „Du bist ja so selten zu Hause, da kann das schon mal passieren.“ „Ich weiß es doch“, schrie sie, „ich weiß es doch!“ Und schon griff sie zur Gummibärchentüte, während ich auf die Küchenuhr deutete. „Zehn nach sechs“, bemerkte ich. „Ich habe die Regeln ja nicht gemacht.“ Anne stierte mich entgeistert an. „Ich kann doch nicht…“ „Den Salat erlaube ich Dir“, antwortete ich. „Aber jetzt noch Gummibärchen? Was würde Luzie nur dazu sagen?“

Sie hatte mich tatsächlich aus der Wohnung geschmissen. Aber das sollte nun ein geringes Problem sein, genau wie das Backpulver in meiner Jackentasche. Bei nächster Gelegenheit würde ich es wieder im Küchenschrank verstauen. Ich würde nur noch ein bisschen abwarten. Ungefähr zehn Kilo.

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Entsprechende Gegenmaßnahmen

24 09 2019

Zehn Päckchen Rahmspinat, zwei Beutel Gemüse, ein stattliches Brathuhn. „Das sollte vorerst einmal reichen“, verkündete Herr Breschke. „Wir hatten die Truhe ja in den letzten Jahren kaum noch in Gebrauch, aber die Zeiten ändern sich nun einmal.“ Und er schloss den Deckel des Gefrierapparats mit Nachdruck zu.

Auf dem Küchentisch lag noch der Prospekt der Stadtwerke. „Sie haben sich also auch endlich für ökologisch erzeugten Strom entschieden“, stellte ich mit Befriedigung fest. Der Hausherr nickte. „Meine Frau hat mir gesagt, ich soll das mal ganz gründlich durchrechnen – schauen Sie mal, so viel teurer ist das gar nicht, und bei meiner Pension können wir uns das schon leisten.“ Er legte das Faltblatt wieder auf den Tisch zurück. „Wenn man diese Bilder in den Nachrichten sieht, dann muss man doch langsam mal anfangen, auch bei sich selbst umzudenken.“ Er schien tatsächlich sehr entschlossen. „Wir haben zwar keine Enkel, aber wenn ich mir den Zustand unserer Welt so ansehe, dann muss man doch irgendetwas tun.“ Auf dem Stuhl am Fenster hatte sich Bismarck gemütlich niedergelassen und hob mir bemerkenswert wenig Interesse das Köpfchen; möglicherweise war dem dümmsten Dackel im weiten Umkreis auch nur diese Unterhaltung schon zu laut. Breschke strich ihm beruhigend über das Köpfchen. „Wir sind ja auch nicht nur für uns selbst verantwortlich.“

Im Wohnzimmer schnurrte ein Standventilator vor sich hin. „Sie haben…“ Er nickte. „Unsere Tochter hat ihn preiswert besorgt, der hätte sonst viel mehr gekostet.“ Abgesehen von den fehlenden Typenschildern sowie einem reichlich obskuren Aufdruck, der das Gerät als ein in Taiwan gebautes Instrument aus Bangladesh auswies, stand nicht viel auf dem Gehäuse. Es hatte drei Motorstufen, eine für die Abschaltung, eine für den sanften Betrieb, den man nicht sofort bemerkte, auch wenn man unmittelbar danebenstand. Die dritte blies beständig die Kissen von der Sofakante. „Wissen Sie eigentlich“, erkundigte ich mich, „was dieses Ding für einen Stromverbrauch hat?“ „Ich habe das nicht auf der Verpackung entdeckt“, gab Breschke zu, „aber so viel kann es nicht sein. Und wir haben ja jetzt auch Ökostrom, da ist das nicht so schlimm.“

Der Motorwirbler hatte die Raumtemperatur heruntergekühlt, insbesondere da, wo man sich im direkten Luftzug befand, also so gut wie überall im Zimmer. „Meinen Sie nicht“, merkte ich an, „dass das im Sommer viel sinnvoller wäre?“ „Man kann ja nicht nur im Sommer an die Umwelt denken“, erläuterte der pensionierte Finanzbeamte mir seine Strategie. „Wenn sich alles erwärmt, müssen wir durch die entsprechenden Gegenmaßnahmen die Luft eben wieder abkühlen. Glauben Sie es mir, jeder kann etwas tun, auch der kleine Mann!“ Aus seinem Blick sprach tiefste Überzeugung, und hätte ich diesen Blick nicht schon seit Jahr und Tag gekannt, ich hätte ihm tatsächlich vertraut.

Indes war ich der Heizung nahe gekommen und bekann mich zu wundern. „Sie haben ja die beiden Ventile schon voll aufgedreht?“ Horst Breschke nickte. „Allerdings!“ Wie zum Beweis tastete er nochmals nach den Drehrädern. „Ich möchte nicht wieder riskieren, dass meine Frau sich wegen ihrer rheumatischen Beschwerden gar nicht mehr bewegen kann, deshalb haben wir es um diese Jahreszeit ein bisschen wärmer.“ Ich runzelte die Stirn. „Aber die Erderwärmung?“ Sein Blick wiederholte sich. „Jetzt denken Sie doch mal nach: die Heizungswärme bleibt natürlich im Inneren des Hauses, oder was meinen Sie, warum ich alle Fenster und Türen so umständlich abgedichtet habe im letzten Frühjahr?“

Vielleicht hatte ich es auch nicht ganz begriffen, denn Herr Breschke schien tatsächlich den Plan zu entwickeln, nach und nach seine ganzen Vorräte in der Tiefkühltruhe zu lagern. „Je kälter“, erläuterte er, „desto besser – je länger die Sachen halten, desto nachhaltiger sind sie auch. Das ist doch gar nicht so kompliziert?“ „Aber Sie verbrauchen nicht nur jede Menge Strom, Sie produzieren auch jede Menge Abwärme.“ Er blickte mich ungläubig an. „Abwärme?“ „Natürlich“, beharrte ich, „irgendwo muss doch die ganze thermische Energie hin, die Sie für die Kühlung verwenden.“ „Sie können gerne noch einmal in den Keller steigen“, triumphierte er. „In der Truhe wird es immer noch eiskalt sein!“ „Fassen Sie doch einmal an die Rückseite Ihres Kühlschranks“, riet ich ihm. Durch umständliches Öffnen der Tür unter der Küchenspüle gelang es ihm schließlich. „Warm“, wunderte er sich. „Da ist es ja warm – er wird doch wohl nicht defekt sein? Oder vielleicht ist der Apparat einfach nur mangelhaft isoliert?“ „Es ist die Abwärme“, dozierte ich, „genau die Abwärme, die Sie mit dem Kühlaggregat entziehen.“ Breschke öffnete die Kühlschranktür. „Aber hier ist es immer noch kalt.“ „Richtig“, konstatierte ich. „Wäre es draußen nicht warm, wäre es drinnen auch nicht kalt.“

Er hatte sich eine Flasche Sprudel aus der Tür genommen. „Kann man denn überhaupt nichts machen“, stöhnte Herr Breschke. „Bei allem, was man anfängt, wird es entweder schwierig oder man erreicht das Gegenteil.“ Ich blickte auf seine Flasche. „Sie könnten beispielsweise den Kühler nicht ganz so kalt einstellen, dass…“ „Halt!“ Er hielt mir die Flasche entgegen. „Wir werden ab sofort nicht mehr so viel Kohlenstoff verbrauchen!“ Und er begann die Flasche wie wild zu schütteln. „Lassen Sie das doch“, rief ich ihm zu, „das wird bestimmt eine große…“ Doch da war es schon zu spät. Mit einer beherzten Drehung hatte Breschke den Verschluss geöffnet. Das Sprudelwasser spritzte ihm ungehindert ins Gesicht. „Was zum…“, japste er. „Nicht so schlimm“, tröstete ich ihn. „Der größte Teil vom Kohlendioxid ist ja gerade noch mal hier im Haus geblieben.“ Tropfnass guckte er hinter seiner Brille hervor. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.“





In guter Erinnerung

28 08 2019

„Schön ist natürlich anders.“ Breschke hielt sich die schwarze Krawatte unters Kinn. „Aber für den Anlass kommt es natürlich eher auf die Farbe an.“ er rollte den Trauerbinder zusammen und legte ihn auf den Garderobenschrank. „Gut, dass Sie solche Sachen immer zur Hand haben.“

Am Vormittag hatte mich der alte Herr angerufen und mir geklagt, dass er seinen ganzen Kleiderschrank durchwühlt, nicht aber seine schwarze Krawatte gefunden habe, ohne die er nun auf keinen Fall zu einer bald folgenden Beisetzung würde gehen können. Natürlich fand ich meinen schwarzen Schlips – auch ich besaß nur einen und für denselben Anlass – und lieh ihn ungern, aber es musste ja sein. „Das Jackett kann meine Frau in den nächsten Tagen ja noch mal bürsten, aber mehr muss man da auch nicht unbedingt machen.“ Horst Breschke griff ums Eck in die Küche und fischte die Zeitungsanzeige vom Tisch. „Da, sehen Sie.“ „Körzenich“, las ich, „Fritz Körzenich – das war mal ein Kollege von Ihnen?“ „Und ob“, knurrte der pensionierte Finanzbeamte, „und ob – und ich frage mich, ob dieser Mensch den ganzen Aufwand überhaupt wert ist.“ „Bitte“, erschrak ich. „Lieber Herr Breschke, Sie werden doch wohl nicht jetzt, sozusagen im Angesicht des…“ „Papperlapapp“, schrie er und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Der hat als Vorgesetzter mehr Schaden angerichtet, als das Finanzamt in seiner ganzen Zeit überhaupt je Schaden hätte anrichten können!“

Dieser Fritz Körzenich also war nun im Kreise der Angehörigen nach langer, schwerer und tapfer ertragener Krankheit seinen letzten Weg gegangen. „Das weiße Hemd ist auch schon wieder in der Reinigung, aber ich habe noch eins.“ Herr Breschke überlegte. „Das ist mit kurzen Armen, aber meine Güte, die können doch froh sein, wenn ich zu dem Firlefanz überhaupt komme.“ „Was mich wundert“, bemerkte ich, „dieser Körzenich ist ganz kurz nach seiner Pensionierung…“ „Nein“, fiel mir der Hausherr ins Wort. „Der war damals ja schon ein Greis, als im Fachbereich Einkommensteuer III angefangen habe.“ „Aber so jung?“ Er schielte auf die Anzeige. „Das muss ein Druckfehler sein. Und er war ja auch damals verheiratet mit einer…“ – Breschke hielt die zusammengefaltete Zeitung weit von sich weg und kniff ein Auge zusammen – „… Hilda, steht da doch, und die werden sich ja wohl nicht zweimal in einer Traueranzeige verschreiben.“

In der Tat machte mich das Inserat ein bisschen stutzig. „Die Traueranschrift ist ja gar nicht hier.“ „Er wird sich von seinem zusammengegaunerten Geld eine Villa im Süden gebaut haben“, schimpfte Breschke. „Wenn ich an diesen Gernegroß denke, wie er versucht hat, Behördenleiter zu werden – und dann hat er ganz aus Versehen die Steuerfahndung zu Kunz & Söhne geschickt, und die haben ihre Schulden nicht zahlen können und waren innerhalb von drei Monaten pleite!“ Er schüttelte sich vor Widerwillen. „Geben Sie mir einen guten Grund, warum ich überhaupt auf der Beerdigung von diesem Affen auftauchen sollte!“ „Sie müssen ja gar nicht“, wandte ich ein. „Wenn Ihnen der Gedanke nun aber auch so eine Abscheu verursacht, dann würde ich es doch an Ihrer Stelle auch lassen.“ „Das könnte Ihnen so passen!“ Voller Zorn stampfte Breschke mit dem Fuß auf. „Ich werde da hingehen, und ich werde mich persönlich davon überzeugen, dass sie diesen Fiesling eingraben, jawohl!“

Er wollte sich auch gar nicht wieder beruhigen. „Die Schuhe gehen noch, die müsste meine Frau nur mal zum Besohlen bringen, aber so wichtig ist das nun nicht.“ Endlich legte Horst Breschke den Zeitungsausschnitt wieder in die Küche und nahm den Hausschlüssel vom Haken. „Wie wir diesen Fettsack gehasst haben – jeden Tag, wenn er seine Spiegelglatze durch die Tür gesteckt hat, war in der ganzen Abteilung gelaufen!“ Schnurstracks lief er auf das Rosenbeet zu. „Aber das sage ich Ihnen, wenn mich seine Frau, wie hieß sie noch gleich, wenn mich…“ „Breschke?“

Er stand wie angewurzelt. Hinter der Hecke lugte ein Gesicht hervor. „Horst Breschke?“ Der ältere Herr trug eine dicke Hornbrille und sorgfältig gescheiteltes graues Haar. Langsam schritt er zum Gartentor, wo man nun sah, dass er sich auf einen Spazierstock stützte. „Erkennen Sie mich gar nicht mehr?“ Er reichte mir die Hand über die Pforte hinweg. „Körzenich, Hans Hubert. Seinerzeit Oberregierungsdirektor in der Finanzverwaltung.“ „Das ist doch…“ Der Alte lächelte und lehnte sich ans Gitter. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie auch hier in der Gegend wohnen. Meine Frau und ich, wir haben seit ein paar Jahren eine kleine Wohnung hier um die Ecke in der Tannenkoppel. Man braucht ja in dem Alter nicht mehr so viel.“ „Sehr erfreut“, würgte Breschke hervor. „Wirklich, sehr erfreut.“ „Er hatte nämlich damals schon ein hervorragendes Gedächtnis“, erläuterte Körzenich. „Wenn ich daran denke, wie er seinerzeit Kunz & Söhne dingfest gemacht hat, weil die Zahlungen über Jahre hinweg zurückgebucht worden waren – Donnerwetter! Das waren an die hunderttausend Mark, und das war zu der Zeit eine enorme Summe. Ja, unser Breschke hatte schon immer den richtigen Riecher.“ Damit reichte er mir ein zweites Mal die Hand. „Kommen Sie doch mal vorbei auf eine Tasse Tee, meine Frau würde sich auch freuen.“ Und so schritt er lächelnd von dannen. „Ein sehr angenehmer Mensch“, bemerkte ich. „Ja“, sagte Herr Breschke knapp. „Wissen Sie was?“ Ich zuckte die Achseln. „Wenn Sie mich fragen, der gute Mann verwechselt mich.“





Horizontales Grün

20 08 2019

05:44 – Die ersten schwachen Sonnenstrahlen erhellen die Grünflächen der Straßenzüge in der Reihenhaussiedlung Oleanderbogen. Der junge Tag verspricht trocken zu bleiben, so lässt sich Rentner Heinrich J. (73) mit Klemmlupe und Nagelschere auf dem Rasen nieder, um die eine oder andere Kante um Rosenbeet und Vogeltränke wieder zu begradigen. Während ihm die Sehhilfe aus dem Auge rutscht, sticht er sich die Schere in den Daumen. Ein kurzes, aber heftiges Zischen entfährt dem früheren Damenfrisör.

05:55 – Mühsam hat sich Ewald S. (72) aus dem Bett gearbeitet. Schlaftrunken öffnet der ehemalige Hausmeister die Rollläden einen Spalt weit und stellt entsetzt fest, dass die Nachbarn ohne ihn mit der notwendigen Gartenpflege begonnen haben. Um die schlummernde Gattin nicht zu wecken, schleicht er nicht in den Keller, sondern entnimmt der Küchenschublade geräuschlos die für Kräuter gedachte Schere mit fünf Schneiden. Es geht los.

06:12 – Im Schein einer 20-Watt-Lampe pflegt Feldwebel a.D. Gustav K. (83) seinen Schnauzbart, als er durch das Küchenfenster auf der anderen Straßenseite erblickt, wie sich S. mit deutlich sichtbaren Rückenproblemen über die Grasnarbe schleppt. Der Veteran humpelt zum Besenschrank, wo er einen akkubetriebenen Trimmer hervorzieht und mit kaiserlich aufgezwirbelten Bartspitzen den Vorgarten betritt. Ein kleiner Knopfdruck auf das Stielgerät, in dem ein Nylonfaden kreiselt, und die Luft erfüllt ein unmelödiöses Sirren.

06:26 – Nachdem der Schäferhundrüde Tasso vom Waldrand seiner Erregung durch das hochfrequente Störgeräusch so anhaltend wie deutlich Ausdruck verliehen hat, öffnet Frührentner Rudolf F. (61) das Wohnzimmerfenster. Der vierbeinige Freund ist nicht amüsiert. Gleichzeitig erkennt F., dass sich der Rest der Nachbarschaft gegen ihn verschworen haben muss. Er legt sich mit einer Rosenschere bewaffnet hinter der Hecke in Lauerstellung.

06:51 – Monteur Ulf Z. (44) kehrt zurück von der Frühschicht in der Fertigungsabteilung des lokalen Zulieferers für konventionelle Angriffswaffen. Während der Facharbeiter seinen Wagen rückwärts in der Garagenauffahrt parkt, nimmt er Geräusche um ihn wahr, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn treiben: der Vorgarten ist nicht gerichtet und der Besuch der Schwiegereltern steht bevor. Hastig setzt er wieder aus der Auffahrt auf die Straße. Jetzt muss professionelles Equipment her.

07:14 – Immobilienmakler Claus O. (54) betritt mit dem von seinem Großvater geerbten Gerät den Vorplatz. Das Modell Gulliver Sport verfügt über einen Satz gerader Scherklingen, die konzentrisch um die Antriebsachse montiert sind. Eine gründliche Schärfung vorausgesetzt wäre das Nachmähen von knapp drei Quadratmetern Rasen damit eine Kleinigkeit. Leider handelt es sich weder um eine kleine Wuchskorrektur noch hat O. den Apparat innerhalb der letzten Jahre besonders gut gewartet.

07:33 – Das Quietschen des mechanischen Mähers treibt Tasso in den Wahnsinn. Nachbar Peter D. (34) dreht das Radio noch ein bisschen lauter, um das Tier nicht hören zu müssen. Da D. bereits kurz nach dem Einzug seinen Vorplatz mit zehn Zentimeter Kies ausgelegt und das Geröll gründlich zementiert hat, sieht er nun keine Notwendigkeit, das Haus zu verlassen.

08:08 – Auf den hinteren Grundstücken Richtung Fliedergasse sind die ersten Schwingungen angelangt. Zahnarzt Jens G. (47) entnimmt dem Geräteschuppen sein elektrisches Mehrzweckgerät, das an einem gestielten Handgriff sowohl trimmt als auch schneidet. Der Grobaufsatz verursacht eine unerwartete Lärmentfaltung, was G. aber nicht sehr irritiert. So rasiert er fröhlich die Gänseblümchenmischung hinter dem Liguster.

08:16 – Mit seiner lautstarken Klage hat Tasso offensichtlich die Aktivierungsfrequenz von Robi getroffen. Der Mähroboter fährt schnurrend aus seiner wetterfesten Ladestation im Garten der Anlageberaterin Jenny E. (38) und bahnt sich seinen Weg über den Spielrasen. Da er diese Fläche jedoch tags zuvor instandgesetzt hat, schaut sich der Schnitthelfer nach anderen Einsatzgebieten um.

08:20 – Die Garage des rotbraun geklinkerten Bungalows öffnet ihr Tor, heraus schreitet Tim W. (32) samt einem verhältnismäßig neuen Modell von Motormäher. Muskulös und im Vollbesitz seiner Kräfte zieht der Freizeitbodybuilder an dem Draht, der den Anlasser starten soll. Die Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite fühlen sich ad hoc kreislaufmäßig herausgefordert. Gardinen rascheln, hier und da greift eine Hand in die Kakteen auf der Fensterbank. Ein metallisches, gut artikuliertes Geräusch zeigt an, dass der Zug soeben gerissen ist. Der nur mühsam unterdrückte Schmerzensschrei von W., der von der unübersehbaren Schnittwunde an seinem Handgelenk herrührt, hat denselben Ursprung.

08:29 – O. und seine stumpfen Messer haben den Graswuchs nicht nennenswert angetastet. Noch immer schiebt der schwitzende Glatzkopf das Gerät über das Grün, das zwar deutliche Ermüdung zeigt, aber weiterhin fest verwurzelt in der Erde steht. In der Zwischenzeit hat Tasso im Wohnzimmer den Teppich, zwei Fernsehsessel sowie eine Fußbank durch Flüssigkeitszufuhr individualisiert.

08:38 – Der Baumarkt ließ Z. keine andere Wahl als das Aufsitzmodell Goliath 3000. Die hastig improvisierte Anhängerkupplung, die zum Transport des Gartengeräts an Ort und Stelle ans Fahrgestell geschweißt wurde, ist noch nicht ganz ausgekühlt. Entsprechend schwierig gestaltet sich der Bremsvorgang, bei dem das Garagentor, ein Teil der Garage, ein Teil des Hauses sowie viele der bis dahin noch verwendungsfähigen Komponenten des Kraftfahrzeugs nachhaltig zerstört werden. Glück im Unglück: dem Goliath 3000 ist nichts passiert.

08:55 – F. hat inzwischen das Grundstück verlassen und robbt sich hinter den feindlichen Linien entlang in Richtung Norden. Die Rosenschere hat er dabei stets im Anschlag, um aus dem Nichts auftauchende Reptiloiden in die Flucht zu schlagen. Kurz hinter der Ecke Enzianweg kauert er sich mit einem Krampf im Bein auf den Gehweg.

09:05 – Noch immer ist G. mit dem E-Trimmer zugange, als er plötzlich unachtsamerweise in die Nähe der Hauswand gerät. Der nicht komplett aufgerollte Gartenschlauch, den am Vorabend die Gattin lediglich mit dem Griffventil gesperrt hat, erweist sich gegenüber den Fangzähnen des Grasschneiders als nachgiebig. In einem unsauber angesetzten Schnitt zerfetzt G. den Schlauch, aus dem druckvoll das Wasser spritzt. Widerstand ist in diesem Fall zwecklos: kurz, aber spannungsfrei fließt der Strom durch den Körper des Dentisten, bevor die Hauptsicherung mit einem sonoren Knall aufgibt. Die Nachbarin sieht den Arzt zuckend auf der Wiese liegen und informiert geistesgegenwärtig einen Rettungswagen.

09:08 – D. hat die Musik nun auf volle Lautstärke gestellt. Die Doppelverglasung seines Eigenheims lässt keinen Störschall mehr hinein, dafür vibrieren die angrenzenden Grundstücke ab einer Bodentiefe von fünf Metern im Rhythmus volkstümlicher Schlager.

09:10 – Marvin T. (16) hat den Lärm satt. Der Gymnasiast muss erst zur dritten Stunde in die Schule und stört sich an den vibrierenden Fenstern seines Jugendzimmers. Spontan schaltet er die Anlage an die legt das neue Live-Album der Apocalyptic Armageddon Assassinatörs auf.

09:11 – Tasso zerlegt ein Sofakissen in Kleinteile.

09:25 – Z. ist es in der Zwischenzeit gelungen, den Aufsitzmäher vom Anhänger zu wuchten, ohne sich oder den Mäher mehr als nötig zu beschädigen. Mit Bedauern stellt er fest, dass sein Auto trotz Abgasnorm Euro 6 immer noch einen Dieselmotor besitzt. Die Kraftstofffrage schwebt im Raum.

09:28 – Der Rettungswagen fährt mit vollem Signaleinsatz und quietschenden Reifen in die Haarnadelkurve Ginsterweg Ecke Lilienstraße. Kurz vor der Einmündung Schneeglöckchenstieg verreißt Fahrer Ingolf A. (27) das Steuer, als er frontal in eine Schallwand brettert, die vor dem Obergeschoss des Wohnhauses von Familie T. auftürmt. Der Wagen kommt seitlich an der Gartenmauer zum Stehen. A. wird umgehend vom Rettungsassistenten Oliver H. (28) reanimiert. Nachbarn ordern sofort einen zweiten Wagen für G., dessen Zustand sich offenkundig nicht verändert.

09:38 – Robi ist gemächlich unterwegs in Richtung Fliedergasse. Kurz vor der Ecke Enzianweg touchiert er hinterrücks den dort an der Hecke sitzenden F. Dieser springt schreiend auf, wobei er sich einerseits an seiner Rosenschere verletzt, andererseits durch den Schrecken nicht unbeträchtlich einnässt. Unbehelligt rollt der Roboter weiter.

09:45 – Mit Hilfe eines Gummischlauchs hat Z. aus dem immer noch herrenlos im Vorgarten von W. stehenden Mäher den Kraftstoff entzogen. Er spürt eine leichte Reizung der Atemwege. Die als Auffangbehältnis dienende Gießkanne, aus der der Waffenschmied das Benzin in den Goliath 3000 träufelt, stellt dieser achtlos auf den Gehsteig vor seinem Haus.

09:51 – Jacqueline C. (29) geht aufreizend langsam in Richtung Mülltonne. Sie hatte auf den feschen Facharbeiter schon seit langem ein Auge geworfen, deshalb trägt sie ihr farbenfrohstes Make-up. Leider verhaken sich beim Leeren des Restmüllbeutels die künstlichen Wimpern ihres linken Auges, so dass sie den Halt ihrer Filterzigarette nicht mehr unter Kontrolle behält.

09:52 – Eine ungefähr zwei Meter hohe Verpuffung färbt C. zumindest von vorne in ein einheitliches Blauschwarz. Z. wird nach hinten geschleudert, wobei er vom Sitz des Rollmähgeräts fliegt. Das gartenbautechnische Fahrzeug setzt sich tuckernd in Bewegung.

09:53 – Synchron zu der Gasexplosion war der zweite Ambulanzwagen aus der Gladiolengasse eingebogen. Fahrerin Signe Ö. (28) tritt ruckartig auf die Bremse, so dass das Auto heckseitig ausbricht. Reflexartig springt Postbote Hajo I. (58) über den Jägerzaun und legt eine Punktlandung auf dem noch nicht ganz abgebundenen Zement von Kreisoberverwaltungsrat Martin B.s (55) Auffahrt hin.

10:07 – Kristian U. (48) nutzt das gute Wetter, um nicht nur horizontales Grün in Ordnung zu bringen. Er nennt eine elektrische Heckenschere sein eigen und setzt das Gerät nun zunächst für den deutlich zu stark geratenen Grasbewuchs ein. Die akustische Emission ist wie zu erwarten stark.

10:10 – Z. rennt seinem Mähfahrzeug hinterher. Zunächst geht er davon aus, dass das Objekt ohne lenkende Person sich nur geradeaus bewegt, ist aber beim Einbiegen in den Moosröschenring irritiert, dass ihm sein Goliath 3000 mit nicht ganz geringer Geschwindigkeit entgegenkommt. Schon will er auf den Mäher steigen, als ihm von hinten Robi die Füße wegreißt. Z. kippt auf den Sitz, verliert aber durch den Aufschlag auf dem Steuerrad das Bewusstsein. Mit einer verkehrsuntüchtigen Person auf dem Sattel, die mit vollem Körpergewicht auf dem Gaspedal steht, nimmt das Mähzeug seinen Weg in Richtung Lilienstraße Ecke Ginsterweg.

10:22 – Nachbarn haben G. inzwischen so weit reanimiert, dass er außer Lebensgefahr zu sein scheint. Sie wundern sich nur, dass es in dieser stadtnahen Umgebung so lange dauert, einen Rettungstransport zu bekommen. Zur raschen Wiederherstellung des Telefonnetzes hat Elektriker Otto R. (56) den Stromkreis im Hause G. wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt.

10:23 – F. hockt mit durchnässter Hose nur wenige Meter entfernt unter der Ligusterhecke und tastet sich mit der bewaffneten Hand vor in feindliches Territorium. Beim ersten Berühren eines festen Gegenstandes schnappen die Finger seiner Rechten sofort zu: mit einem Schnitt durchtrennt F. die Zuleitung des im Prinzip noch funktionstüchtigen Elektrotrimmers. Während R. nach einem kurzen Flackern wiederum das Verlöschen von Oberlicht und Ventilatoren bemerkt, steigen Rauchpilze aus F.s Ohren. In Embryonalstellung rollt er unter das Grundstücksbegrenzungsgrün.

10:29 – Auch bei O. liegen die Nerven blank. Erst jetzt stellt er fest, dass sein mechanischer Mäher die erhoffte Leistung aus technischen Gründen gar nicht erbringen kann. In einem Wutanfall fährt er sich auch noch über die fast neuen Golfschuhe und schleudert den Gulliver Sport aus der Drehung mit durchaus her Eleganz in die Fensterfont seines Wohnzimmers. Dann wirft er sich wie im Rausch in seinen Sportwagen. Mit stark überhöhter Geschwindigkeit nimmt O. Kurs auf die angrenzende Gemarkung Sperbertal.

10:42 – Noch ist nicht alles verloren. Der dritte RTW biegt mit Lichtorgel und Folgetonhorn auf Stufe MAX aus dem Ginsterweg. Winkende Anwohner signalisieren Fahrer Guntram Sch. (32) schon von Weitem, wo sich der Einsatzort befindet. Leider hat Z. in seinem Zustand weder einen klaren Überblick über die örtliche Verkehrsführung noch über die Handhabung von Sonderrechten bei Einsatzfahrzeugen. Sch. ist nicht mehr in der Lage, dem Goliath 3000 auszuweichen, der eine Abkürzung über zwei unbebaute Grundstücke genommen und nun ungebremst auf ihn zurollt. Das Gartenkleingerät wird bei der Kollision erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

10:45 – Röhrend donnert eine gewaltige Maschine den Oleanderbogen entlang. In einer paranoiden Regung hat O. beschlossen, seinen Gulliver Sport durch einen am Feldweg parkenden Mähdrescher zu ersetzen. Nach einigen Kleinwagen sowie einem Kabelverzweiger mangelt O. auch gut fünfzig Meter Hecken, Zäune und Pfosten nieder, bis er auf die Einmündung Geranienallee zurollt. Mit einem unelastischen Stoß touchiert die landwirtschaftliche Großmaschine die Hausfront von D. Die fußläufig herbeigeeilten Notfallsanitäter ziehen den traumatisierten Hausherrn aus den Trümmern seines einsturzgefährdeten Bungalows. D. hört nichts mehr. Auf die beiden Retter gestützt taumelt er ins Freie und lallt „Resi, i hol Di mit mei’m Traktor ab“. Aus sicherer Entfernung kläfft ein Hund. So endet der Morgen in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihren Rasen mähen wollten.





Das halbe Leben

6 08 2019

„Der eine Tag!“ Anne warf die Papiere auf ihren Schreibtisch und suchte nach einem Kugelschreiber. „Außerdem sind wir immer noch rechtzeitig, und wenn nicht, hätte ich mit der Behörde schon einen Termin ausgemacht.“ „Und ihn ganz bestimmt nicht vergessen“, knurrte Luzie. Ich drückte mich tief in den Sessel hinein. Dicke Luft.

„Sie müssen für eine versäumte Frist gar keinen neuen Termin vergeben“, erklärte Luzie, und das sehr bestimmt. „Erst das mit dem Staatsanwalt, jetzt haben wir Ärger wegen des Bauantrags, und wenn wir die Anhörung in der Sache Hüttenklömper auch noch versauen, dann haben wir bald gar keine Mandanten mehr.“ Anne suche ihre Papiere wieder zusammen – ein paar von ihnen hatte es nicht auf dem Schreibtisch gehalten – und blätterte hektisch in ihrer Aktenmappe. „Dann trägt man die Termine eben in den Kalender ein, ist denn das so schwer?“ „Ich will mich nicht einmischen“, begann ich zaghaft. „Dann lass es doch“, tönte es zweistimmig zurück, einmal aus dem Sprechzimmer, einmal vom Tresen der Kanzlei. Tatsache war, dass Luzie Freese keine Schuld traf. Die wohlorganisierte Person mit dem Krauskopf, die luziefr zeichnete, hatte alle fraglichen Termine säuberlich in ihrem Kalender verzeichnet, nicht ein einziger fehlte, und sie hatte sie darüber hinaus auch noch an jedem Morgen der Anwältin vorgelegt mit der Frage, wo denn die zugehörigen Schriftstücke abgeblieben seien. „Meist liegen sie auf dem Fensterbrett“, konstatierte die Bürovorsteherin, „aber darauf kann man sich nicht immer verlassen. Ein paar liegen auch auf dem Aktenschrank oder in ihrem Schreibtisch, und dann steht kein Termin drauf.“

Der springende Punkt, das ließ sich leicht aus den bisherigen Ermittlungen ableiten, war der Einsatz, vielmehr: der fehlende Einsatz von Büroklammern. „Früher hat sie nämlich immer einen kleinen Zettel an die Akte geheftet“, erklärte Anne. „Wenn ich den Termin sehe, und die Akte liegt auf dem Schreibtisch, und ich weiß, dass beides im Kalender steht, dann kann ich doch gar keine Frist mehr versäumen.“ Ich verdrehte die Augen. „Du willst mir nicht erzählen, dass dieser Bauantrag für das Ferienhaus von Doktor Klengels Nachfolgerin fast an einer fehlenden Büroklammer gescheitert wäre?“ Sie runzelte die Stirn. „Wir hatten nämlich immer Büroklammern vorrätig.“ Damit schritt sie zum Aktenschrank, zog die linke Tür auf und zeigte aufs zweite Regal von oben. „Ich sehe Akten“, konstatierte ich. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Muss das so sein?“

„Wir hatten dort immer eine Schachtel mit Büroklammer stehen, zumindest früher in der alten Kanzlei.“ Luzie verriet mir dies mit einem Ernst, den ich nicht erwartet hätte; es musste sich um eins der am besten gehüteten Betriebsgeheimnisse der Kanzlei handeln. „Normalerweise hole ich eine Büroklammer aus dem Schrank, aber jetzt ist die Schachtel nicht mehr da.“ Ich fühlte nach meinem Gesicht; es hatte eindeutig seine Form eingebüßt, war aber immer noch an der vorhergesehenen Stelle. „Und es ist keinem eingefallen, vielleicht eine neue Schachtel Büroklammern zu kaufen, wenn die alte sich nicht mehr auffinden lässt?“ „Ich wollte es mir ja in den Kalender eintragen“, antwortete Luzie kleinlaut.

Aus den drei Papierstapeln auf dem Fensterbrett ließ sich der anstehende Arbeitstag einigermaßen rasch rekonstruieren. „Ordnung ist das halbe Leben“, ätzte Luzie. „Ihr habt Euch vermutlich für die andere Hälfte entschieden“, gab ich ungerührt zurück. Anne kramte einen Bleistift aus der Handtasche. „Jetzt mach uns nicht auch noch Vorwürde, das hilft uns nicht weiter. Denk lieber mit: wenn Du eine Schachtel Büroklammern wärst, wo würdest Du Dich verstecken?“ „Im Kühlschrank“, antwortete ich. „Gute Idee“, meinte Luzie. „Das ist allerdings derart offensichtlich, dass man es schon wieder ausschließen kann. Denn wir gehen ja beide jeden Tag an den Kühlschrank, also wer hätte die Büroklammern dort hineinstellen sollen?“ „Ihr geht auch beide täglich an den Aktenschrank“, überlegte ich. „Also wäre das keine große Überraschung, wenn sich die Schachtel dort befinden würde.“ Luzie zog die Stirn in gefährliche Falten. Ich schwieg aus Vorsicht.

Allerdings hatte und bis jetzt nichts dem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. „Wo würde ich mich verstecken“, murmelte ich, „wo würde ich mich verstecken?“ Mit einem Ruck zog ich eine der Schubladen an Annes Schreibtisch auf, griff nach der Schachtel mit den Büroklammern und stellte sie auf den Tisch. „Voilà!“ Luzie ballte die Fäuste. „da kann ich ja lange suchen!“ Immerhin, das Objekt der Verzweiflung war wieder gefunden. Mit der größten Selbstverständlichkeit ergriff Anne das Päckchen und stellte es zurück in den Aktenschrank auf das zweite Regal von oben. „Aber wir müssen uns für die Zukunft etwas einfallen lassen, dass wir nicht in Terminschwierigkeiten geraten.“ Anne suchte nach dem Abreißklotz. „Ich könnte die Termine mit Bleistift auf die Akten schreiben“, überlegte sie. „Oder mir einen Zettel schreiben und ihn an den Aktendeckel…“ Anne hielt inne. Angestrengt blickte sie auf die Fensterbank. „Wo sind eigentlich die Heftklammern geblieben?“





Flaschenkinder

31 07 2019

„Nehmen Sie auch noch eine Tasse“, nötigte er mich. „Ich setze gleich neuen Tee auf.“ Breschke spülte die Kanne um und stellte den Flötenkessel auf den Gasherd. „Man soll bei dieser Temperatur lieber vorsichtig sein.“

Die Gartenarbeit hatten den Hausherrn ein wenig erschöpft, also hatte er sich ein frisches Hemd angezogen und sah auch ansonsten landfein aus. „Die Zeitungen bringe ich am Wochenende weg“, überlegte er, „und wenn Sie noch kurz in den Baumarkt wollen, ich fahre auf dem Rückweg sowieso über die Trelleborgstraße.“ Er faltete ein Anzeigenblättchen, füllte das Teeei und hängt es in die Kanne. „Kleinen Augenblick noch.“ Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. Es war im Haus wirklich ungemütlich. Wie stickig musste es erst im Wagen werden. „Sie können ja die Ärmel auf der Fahrt hochkrempeln“, riet mir Herr Breschke. „Es sieht uns ja keiner.“

Damit hatte er allerdings recht. „Ich werde Ihnen mal etwas Linderung verschaffen“, beruhigte er mich. „Sie werden sehen, es wirkt sofort.“ Und er öffnete den Kühlschrank, um eine Flasche aus der Tür zu ziehen. Ich riss die Augen auf. „Bei dieser Hitze!?“ „Ach was“, lachte der pensionierte Finanzbeamte. „Kosten Sie nur.“ Er entkorkte die grüne Flasche, deren Etikett eindeutig auf einen ordentlichen Burgunder hindeutete, und goss mir ein. „Leitungswasser“, kostete ich, „nichts als Leitungswasser.“ Er nickte. „Den Tipp habe ich aus der Briefmarkenzeitschrift: nichts kühlt so gut wie Weinflaschen, und umweltfreundlich ist es auch noch, weil man kein Plastik braucht.“ In der Tat war das Wasser angenehm kühl. Horst Breschke füllte sich ebenfalls ein Glas, denn der Tee brauchte doch noch ein Weilchen. „Wir müssen langsam los“, drängte ich. „Gemach“, lächelte der Alte. „Ich werde uns für den Weg noch zwei von denen ins Auto mitnehmen. Sie werden sehen, es wird viel angenehmer.“

Trotz allem war die Fahrt nicht entspannt; der Feierabendverkehr hatte bereits eingesetzt, als wir in die Uhlandstraße einbogen, an ein schnelles Vorwärtskommen war nicht zu denken. „Wenn wir nur rechtzeitig sind“, knurrte Breschke und presste die Hände ins Lenkrad. „Ich will nicht morgen noch mal in die Stadt fahren, um den Sommeranzug abzuholen.“ „Das wird nicht nötig sein“, bemerkte ich. „Morgen ist die Reinigung nämlich gar nicht geöffnet.“ Er schnappte nach Luft. „Ich verliere langsam die Geduld!“ Und er griff neben den Sitz, wo eine der Flaschen sich befand. „Doch nicht während der Fahrt“, rügte ich, „ich jedenfalls habe keine Lust darauf, dass Sie mich unter Wasser setzen.“ „Ich verdurste“, murrte Breschke. „In Bezug auf die Verkehrssicherheit sollten Sie mir durchaus die Gelegenheit geben, mich zu… –“

Mit einem Ruck stand der Wagen, im letzten Augenblick hatte Herr Breschke die rote Ampel entdeckt und war aufs Bremspedal gestiegen. „Dann steht einer kleinen Erfrischung nichts mehr im Wege“, frohlockte er. „Ich würde es nicht tun“, sagte ich sehr ruhig, aber auf mich hörte er nicht, setzte die Flasche an und nahm einen tiefen Zug. „Wenn Sie bitte mal pusten?“ Der Alte zuckte zusammen. Mit grimmiger Miene blickte der Polizist durch das geöffnete Fenster. „Hören Sie“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „es handelt sich um ein Missverständnis.“ „Natürlich“, gab der Schutzmann gelangweilt zurück. „Sie kommen viel zu spät zu Ihrer Weinprobe und wollen auf dem Weg schon mal das Versäumte nachholen.“ „Ich verbitte mir das“, zischte Breschke. „Sie wissen“, erklärte der Beamte zu mir gewandt, „dass vor allem die enthemmende und aggressionsfördernde Wirkung des Alkohols im Verkehr entsetzliche Folgen haben kann?“ „Probieren Sie wenigstens einmal“, riet ich ihm. Bevor er antworten konnte, hatte ich Breschke die Flasche entwunden und sie dem Polizisten unter die Nase gehalten. „Ich trinke nicht“, sagte er knapp. „Zumindest nicht im Dienst.“ Ich neigte den Hals ein bisschen, dass das Wasser auf seine Schuhe tropfte. Er lief rot an. „Das ist grober Unfug“, brüllte er, „ich werde Sie beide verhaften!“ „Festnehmen“, korrigierte ich, „oder habe ich da etwas an Ihrer Uniform übersehen?“

Verärgert stapfte der Polizist weg, wir nutzten den psychologischen Moment, denn es war gerade Grün. Breschke fuhr ums Eck, bog in die Kaiser-Wilhelm-Allee und kam zitternd vor der Reinigung zum Stehen. „Gerade noch rechtzeitig“, stellte ich fest. Doch ihm ging es gar nicht gut. Er hielt sich am Wagen fest, während ich meine Hemdsärmel herunterkrempelte. „Das ist alles zu viel für mich“, wimmerte er, „das ist heute alles zu viel!“ In der Mitte verkrümmt watschelte er auf die Reinigung zu, sichtbar um Haltung bemüht, während ich ihm die Türe aufhielt. Die junge Dame hinter dem Tresen begrüßte uns freundlich und erkundigte sich nach unseren Wünschen. Stöhnend hielt mir Horst Breschke den beigen Coupon hin, während er unverständliche Laute ausstieß. Die Verkäuferin begriff sofort. „Da hinten links“, erklärte sie, „die Tür ist offen.“ Noch immer gekrümmt stolperte der alte Herr in die hinteren Gemächer, während ich den frisch gereinigten Anzug entgegennahm.

Erleichtert erschien Breschke, schweißnass, aber mit der Miene milder Ergebenheit. „Sie sehen aber auch mitgenommen aus“, sagte die Dame, sichtlich erschrocken, und sie griff zu einem Becher, den sie unter den Wasserspender hielt. „Nehmen Sie erst mal einen kräftigen Schluck, das wird Ihnen gut tun – bei diesem Wetter.“





Schlafes Bruder

9 05 2019

„Ein Bonbon in der Stunde reicht aus.“ Herr Breschke wickelte die Süßigkeit aus und faltete das Papier sorgfältig zusammen. Dann wandte er sich wieder seinen Briefmarken zu. „Drei bis vier Seiten schaffe ich noch“, erklärte er. „Dann setze ich mich vielleicht ein Stündchen aufs Sofa.“

Pfefferminzbonbons, so hatte es in einem Artikel der Apothekenzeitschrift geheißen, seien ein probates Mittel gegen Müdigkeit. „Das mag auch durchaus stimmen“, gab ich zu. „Allerdings bezog sich diese Anhandlung auf den Verzehr von Bonbons beim Autofahren, und Sie sortieren gerade Briefmarken.“ „Ich sortiere nicht“, belehrte mich der pensionierte Finanzbeamte. „Das sind die Sammlungen von Staatsanwalt Husenkirchens seligem Großonkel Fritz und diejenige, die Doktor Klengel mir mitgebracht hat.“ „Und wo ist da der Unterschied?“ Er deutete auf das Heftchen, aus dem er die Marken entnahm. „Ersttagsbriefe.“ Bisher hatte sich Horst Breschke nicht nennenswert mit dem Sammeln von Postwertzeichen beschäftigt, und die Zusammenführung dieser beiden Konvolute war eine überschaubare Aufgabe für einige Wochen entspannter Arbeit am Küchentisch – doch der alte Mann wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht gerade dies zum Anlass genommen, eine neue Theorie praktisch zu erproben. „Briefmarken zu sortieren erfordert hohe Konzentration, genauso wie Auto fahren.“ Er fächelte sich mit einem Heftchen Luft zu. „Und da ein Pfefferminzbonbon für eine Stunde Wachheit sorgt, kann ich dies ja sehr gut nutzen, um diese Aufgabe zu erledigen.“ Und damit stand er auf, lief an die Küchenspüle und wusch sich die Hände unter kaltem Wasser. „Das bringt den Kreislauf wieder in Schwung. Und es ist fast so gut wie Trampolin springen.“ „Das leuchtet ein“, bekannte ich. „Während einer langen Autofahrt gleichzeitig Trampolin zu springen dürfte nicht gut zu bewerkstelligen sein, allerdings dürfte auch das Händewaschen ein kleines Problem darstellen.“

Er war in der Tat wild entschlossen, dem Schlaf zu trotzen, und das aus philatelistischen Motiven. Neben Bonbons und Frischluft hatte sich auch das Tragen frischer Socken in manchen Fällen als Mittel gegen den einsetzenden Schlummer bewährt, zumindest sagte dies der Artikel, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein wissenschaftliches Rezept für Vielfruchtmarmelade nebst einer Anleitung zum Waschen von Schurwolle befand. Horst Breschke guckte aus glasigen Augen auf den Küchenwecker, der in einer kleinen Viertelstunde klingeln sollte, um dann ein bereits ordentlich auf Kante gelegtes Paar Socken anzuziehen. „Das macht mindestens drei Stunden Schlaf wett“, gab er an. „Wenn ich alle zwei Stunden die Socken wechsle, bin ich also immer eine Stunde im Plus, das macht bei acht Paar am Tag immerhin acht Stunden.“ „Ich glaube“, sinniert ich, „es liegt an der Tatsache, dass man alle drei Stunden die Socken aus- und wieder anzieht. Dabei könnte ich auch nicht schlafen.“

Man merkte dem Hausherrn seine Erschöpfung an; träge guckte er auf die Marken und senkte das Haupt über dem Katalog, als sähe er durch die bunt bebilderten Erläuterungen einfach hindurch. „Es sind auch noch genug Bonbons in der Schublade, wenn Sie mögen – sie passen nur nicht so recht zu Kaffee, das habe ich heute Vormittag schon probiert.“ Da piepte der Wecker. Breschke drehte sich umständlich auf dem Küchenstuhl und nahm, die Socken von der Anrichte. „Sehen Sie“, murmelte er mühsam, „das sorgt gleich wieder für Wachheit.“ „Ich kann das gut nachvollziehen“, sagte ich. „Mir geht es genau so. Also immer dann, wenn mein Wecker klingelt.“ Hörte er mir überhaupt noch zu? Er hatte die Augen geschlossen und sank wie in Zeitlupe vornüber. Noch einen kleinen Augenblick, dann würde er von Stuhl kippen, aber so weit kam es nicht. Breschke schreckte hoch und riss dabei die Augen weit auf. „Bismarck“, rief er. „Ach nein, es ist ja schon nach zwei, da muss ich mit dem Hund nicht mehr raus.“ „Das wäre auch ein gutes Mittel gewesen“, gab ich zu bedenken, „Sie gehen mit Bismarck vor die Tür und bekommen ein bisschen frische Luft.“ „Zu viel“, protestierte Breschke. „Zu viel frische Luft macht auch wieder müde, und ich kann ja nicht gleichzeitig mit dem Hund spazieren gehen und die Briefmarken sortieren.“ Er hob den Zeigefinger. „Sie müssen schon genau nachdenken, sonst ist die Sache sinnlos.“

Immerhin saß er nun wieder fest auf dem Stuhl und blickte in Richtung Ersttagsbriefe. „Ich könnte gleichzeitig das Fenster alle Viertelstunde kurz öffnen, das wäre auch recht effektiv.“ „Oder gleich alle zehn Minuten“, rechnete ich vor. „Dann hätten Sie sechsmal fünf Minuten, also eine halbe Stunde, macht sechs Stunden am Tag.“ Sein Kopf sank wieder unkontrolliert auf die Brust. „Aber Sie denken ja doch mit“, nuschelte er. „Das ist ja… die Socken, die anderen…“ Er deutete auf den Küchenschrank. „Oben liegen noch zwei Paar.“ „Dann werde ich die eben mal holen“, beschloss ich, „ein bisschen Bewegung kann auch mir nicht schaden, um munter zu bleiben.“

Als ich wieder ins Erdgeschoss zurückkam, lag Breschke mit der Stirn in den Marken. Ein sonores Schnarchen hatte mich bereits im Flur darauf vorbereitet. Das sollte ihm nicht schaden, dachte ich, schließlich sind ein paar Stunden Schlaf ein anerkanntes Mittel gegen einsetzende Müdigkeit. Ich nahm die Decke von der Wohnzimmercouch und legte sie ihm um die Schultern, während Breschkle inzwischen zu einem gleichmäßigen Sägen übergegangen war. Während des Schlummerns, so hieß es, sollte man nicht zu stark auskühlen. Irgendwo hatte ich das mal gelesen, ich wusste nur nicht mehr, wo. Vermutlich in einer Apothekenzeitschrift.