Meistersinger

7 10 2021

„Wagner“, stöhnte Anne. Ihr Gesicht sank erheblich und ließ das Grauen mehrerer Abende in der Oper erahnen. „Wenn ich ihn schon ertragen muss, dann bitte nicht auch noch bei Wagner.“ Sie ließ sich in den gepolsterten Sessel sinken wie Amfortas, aber das war sicher nur ein Zufall.

„Er ist sein Großneffe.“ Dass Staatsanwalt Husenkirchen einen solchen in der Familie gehabt haben könnte, hätte wohl niemand bezweifelt. Aber dieser Husenkirchen, frisch promoviert und nur ein paar Jahre jünger als die Strafverteidigerin mit der inzwischen gut eingeführten Kanzlei, er war sich sicher, dass er als Teil der Familie nur würde Erfolg haben können, wenn er die passende Frau an seiner Seite hätte. „Ausgerechnet ich“, knurrte sie, „er hat auf dem Juristenball beinahe einen Preis gewonnen für den dämlichsten Auftritt des Jahrhunderts.“ „Er war ein bisschen zu undiplomatisch“, grinste Luzie, während sie die Akten im Hängeschrank verteilte. „Augen auf bei der Berufswahl!“ Jedenfalls oblag es nun Anne, einen Opernabend auszusuchen, an dem sie seine Begleitung und natürlich zwei sehr gute Plätze im ersten Rang bekommen sollte. Der Patriarch galt als freigiebig und hatte dem Theater bereits mehrfach große Spenden zukommen lassen, es würde sich um die Mitte handeln. Erste Reihe.

„Bitte nichts Kompliziertes.“ Luzie schloss mit erheblichem Geräusch den Auszug. „Er hat es mit der Tochter von Regierungsdirektor Schlippenbach versucht“, berichtete sie, „Hamlet – schon im ersten Akt hat er sie zu einer Diskussion genötigt, ob der Prinz nun eine tief greifende Bewusstseinstörung durch das traumatische Erlebnis des Vatermordes hat oder eine schwere seelische Abartigkeit, die zur Schuldunfähigkeit führt.“ „Ich möchte raten“, gab ich zurück, „er studiert Jura in Wittenberg, das löst im Regelfall eine Persönlichkeitsstörung aus.“ Anne kicherte. „Leider wird das schwierig, in der Oper wird auch überwiegend gemordet oder wenigstens kurz nach der Arie gestorben.“ Luzie wusste sich keinen Rat. „Es ist kompliziert.“

Dabei hätte sie schon etwas beizutragen gehabt. Seit längerem hatte sie in Minnichkeit, inzwischen Büroleiter einer angesehenen Steuerberatung, einen treuen Begleiter im Musiktheater, obgleich er die Reisen nach Verona und Bregenz bevorzugte, wenn dort Rodolfo eine randgeschmeidigere Tessitura zu bieten hatte. Oder was immer der Opernführer für solche Gelegenheiten vorsah. Luzie genoss nach wie vor das Abonnement des Staatstheaters, quälte sich durch endlose Vokalmeetings der Romantik, die man mit einem postmodernen Videocall hätte von der Platte putzen können, und genoss dafür den Fioriturenschmelz der italienischen Schule, für die sich Minnichkeit allenfalls physiologisch erwärmte. Einer von beiden grämte sich im Parkett, aber der andere merkte es nicht oder nahm es wenigstens nie zur Kenntnis, beide sprachen sie nicht darüber und fanden alles ganz wunderbar, und so hatten sie eine der schönsten unglücklichen Lieben, über die man eine Oper hätte verfassen können, wenn es denn je einen berührt hätte.

Ich schlug das Programmheft auf. „Gut, es ist Wagner, aber: Meistersinger.“ „Schrecklich“, rief Anne. „Wahrscheinlich werde ich mir einen Vortrag über Wettbewerbs- oder Urheberrecht anhören, oder es wird eine längere Debatte über Misshandlung von Schutzbefohlenen.“ Luzie sah mich fragend an. „Hans Sachs schmiert seinem Lehrling eine.“ „Da bleibt dann nur noch Mozart.“ Abgesehen davon, dass es sich um ein bereits ausverkauftes Gastspiel handelte, gaben sie Don Giovanni – der jugendliche Freier würde sehen, wie der Protagonist den Alten zu Beginn absticht und dann zum Ende von ihm in die Hölle gezogen wird. „Für mich ist das Mord“, sagte Luzie. „Eugen Onegin wird wieder in den Spielplan aufgenommen“, stellte Anne fest. „Lenski ist natürlich selbst schuld“, beharrte ich, „er hätte sich ja nicht duellieren müssen.“ Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Allein darüber müsste ich dann eine stundenlange Abhandlung ertragen.“ Die beiden Puccinis – einmal Ehe mit einer 15-Jährigen samt Entziehung Minderjähriger und Suizid, einmal eine Fluchthelferin, die neben Strafvereitelung und Erpressung auch noch Mord auf dem Kerbholz hat und ebenfalls freiwillig aus dem Leben scheidet – schieden aus. „Fledermaus?“ Anne riss die Augen auf. „Die Silvestervorstellung? dann halse ich mir eine Debatte über Sicherheit im Justizvollzug auf, wenn man eingesperrt wird, ohne den Haftrichter zu Gesicht bekommen zu haben, und umgekehrt.“ Aus ähnlichen Gründen fiel auch der Weihnachtsabend flach. „Hänsel und Gretel! Vernachlässigung des Kindeswohls in mehreren Fällen, Aussetzung, ein spektakulärer Fall von Freiheitsberaubung zur Verwirklichung von Kannibalismus, und von den baurechtlichen Versäumnissen an der Hütte wollen wir gar nicht erst anfangen!“ „Das ist noch nicht alles“, ergänzte ich, „auch die Hexe wird ja zu Lebkuchen gebacken. Die Kinder sind zwar nicht strafmündig, aber das Inverkehrbringen einer Hexe als Backware dürfte lebensmittelrechtlich doch zu beanstanden sein.“

„Dann bleibt nur Verdi.“ Zwar ist jede auf dem Kopf stehende Straßenkarte leichter verständlich als die Werke dieses Italieners, aber wenn einer drei Stunden dauernde Terzette schreiben konnte, dann er. „Ein älterer Herr gräbt zwei Damen gleichzeitig an, muss sich in einem Wäschekorb verstecken und irgendjemand heiratet irgendjemanden.“ Anne hob eine Augenbraue. „Keine Toten?“ Luzie schüttelte energisch den Kopf. „Gut, ich rufe Husenkirchen an. Vortäuschung falscher Tatsachen ist kein klarer Rechtsbegriff. Das wird ein schöner Abend.“





E 112

25 08 2021

Eine rote, noch eine rote, und eine gelbe. Herr Breschke legte die drei Tabletten sorgfältig in das kleine Glasschälchen und stellte die Dosen wieder zurück in die Küchenschublade. Dann schlürfte er einen Schluck aus seiner Teetasse, um die Pillen in einem Rutsch hinunterzuspülen. Es gelang ihm nur mittelmäßig.

„Ich habe die falsch genommen“, nuschelte er an seiner Zunge vorbei. Ein Ruck, dann waren die Tabletten geschafft. „Eigentlich müssen es zwei von denen hier sein, aber ich habe immer zwei von denen genommen.“ Die beiden Kunststoffdöschen unterschieden sich im Aufdruck, sogar die Marke war nicht dieselbe. Was die Inhaltsstoffe betraf, war es aber eigentlich egal, ob man zwei von den roten nahm oder zwei von den anderen wegließ; außer einer zuckrigen Hülle fanden sich immerhin weder Gelatine aus naturbelassenen Schweinen oder das tödliche Gluten darin, das zum Problem wird, wenn einem ein Doppelzentner Mehl auf den Kopf fällt. Horst Breschke trank noch einen Schluck, dann zog er die Lade wieder auf und nahm eine längliche Schachtel mit langen, bräunlichen Kapseln heraus. „Die waren kürzlich in einer Zeitschrift“, teilte er mir mit, „und ganz zufällig…“ „Ganz zufällig hatte die Apotheke sie im Sonderangebot, stimmt’s?“ Er nickte. „Ab und zu muss der Mensch ja auch mal Glück haben, nicht wahr?“

Immerhin hatte der pensionierte Finanzbeamte sich die Mittelchen nicht bei seiner Tochter besorgt, die als Reiseleiterin in fernen Ländern an keinem der grellbunten Straßenläden vorbeigehen konnte, ohne nicht wenigstens ein Fläschchen original nigerianische Kräutertinktur Made in Singapur oder ein Elektrogerät mit lustig britzelnden Stromkontakten mitzunehmen. Vermutlich hing an sämtlichen Zollstationen rund um den Globus ihr Konterfei mit der ausdrücklichen Warnung, ihr Handgepäck selbst in Schutzkleidung nur bei Lebensgefahr zu untersuchen.

Ich beäugte die Schachtel. Herr Breschke hatte eine Hälfte bereits verbraucht, so dass neben der zweiten Schachtel im Schrank noch die andere Hälfte der ersten Packung übrig blieb. „Und wozu soll das gut sein?“ Er schaute ein bisschen verlegen auf den Boden, möglicherweise war er auch ein wenig errötet. Was fragte ich auch. „Meine Frau“, murmelte er, „aber die weiß nichts davon – hinten fallen mir in der letzten Zeit so viel Haare aus, da muss man doch irgendwas machen.“ Ich lächelte. Immerhin hatte er sich nur leicht wirkende Mittel besorgt, wenngleich auch diese sicher versprachen, wie Adonis selbst den Garten zu durchschreiten und die Harke wie Orpheus zu ergreifen. „Die anderen sind nur wegen der Vitamine“, belehrte er mich, „ich habe mir das genau durchgelesen, die sind auch in Obst und Gemüse.“ „Das mag wohl sein“, wandte ich ein, „meiner Erinnerung nach wurden diese Stoffe aber bisher eher in Gemüse und Obst an den Mann gebracht.“ Er dachte nach. „Das mag stimmen.“ Herr Breschke dachte wirklich nach, und dann hatte er die Lösung. „Aber wenn zum Beispiel die Tagesdosis an Vitamin A in der roten Pille ist, dann brauche ich ja an diesem Tag keine Möhren mehr zu essen, richtig?“ Ich konnte es nicht abstreiten; Triumph glomm in seinen Augen. „Wenn ich also einen Tag lang keine Möhren esse, dann ist eine einzige Pille ausreichend?“ Der Logik konnte ich mich nicht entziehen, mehr noch: ich wusste, worauf es hinauslaufen würde. „Wenn ich also nicht jeden Tag so viel Möhren esse, dass ich ohne diese rote Pille genug Vitamin A bekomme, was mache ich dann ohne die rote Pille?“

Da ich weiteren Exkurse über die vermeintliche Baugleichheit künstlicher und natürlicher Vitamine an dieser Stelle aus dem Weg ging, waren wir schnell an dem Punkt, an dem die Winkelstruktur synthetischer Moleküle und ihre Reaktionsneigung mit Spurenelementen wie Zink und Selen keine tragende Rolle mehr spielten. „Die Apothekerin hat mir erklärt, dass man alle Bestandteile immer auf das Medikament schreiben muss.“ Herr Breschke wusste, wovon er sprach. Ich las auf der Packung. „E 112“, buchstabierte ich, „das klingt ja fast schon gefährlich.“ Er hatte den Beipackzettel entfaltet und die Brille aufgesetzt. „Ich kann da nichts entdecken, aber etwas Verbotenes werden die da wohl nicht reingemischt haben, oder?“ Ich schwieg. „Oder?“

Neben den genannten Döschen befanden sich auch Brausepulver mit Vitamin C im Vorrat, eine Packung Lutschtabletten für den B-Komplex sowie ein hoch dosiertes Kombi-Präparat, das bei nur einer Ladung pro Tag die Abwehrkräfte gegen alles stärken sollte, was der Teufel ausgespien hat. „Es scheint mir doch ein wenig überdimensioniert“, mutmaßte ich, „warum muss man diese ganzen Dinge nebeneinander einnehmen, wenn doch eins schon die vollkommene Wirkung verspricht?“ Er kratzte sich an der Stirn. Eine Wirkung, von einer vollkommenen wollen wir gar nicht sprechen, blieb jedoch aus. „Man muss dem Körper ja auch etwas anbieten“, erklärte Herr Breschke. „Außerdem muss man immer darauf achten, dass es im rechten Maß ist, sonst wird es nicht verarbeitet.“ „Sie spülen sich also Vitamine in den Körper, die mit Ihrem Tee wieder ausgeschieden werden“, konstatierte ich. „Und noch eine Frage: wenn diese rote Pille eine Tagesdosis an Vitamin A enthält, warum nehmen Sie dann jeden Tag zwei?“

Ich musste mich ein bisschen beeilen, weil der Wochenmarkt schon um halb eins vorbei war. Aber die Zitronen für Herrn Breschkes Tee bekam ich noch. Was man nicht alles tut, wenn man seit Tagen ein wenig Halskratzen spürt.





Im Strudel der Erinnerung

10 08 2021

Anne schlug die Kofferraumklappe zu. „Wenn ich diesen Wicht in die Finger kriege, kann er unter dem Teppich Trampolin springen!“ Ich entfaltete den Korb, suchte nach einem Chip für den Wagen und schritt über den Parkplatz. „Er wird sie sitzen lassen“, knurrte sie. „Und dann wird er mich kennenlernen!“ Kurz nach Feierabend war es im Supikauf richtig voll. Die perfekte Zeit, um schlechte Laune zu haben.

Annes Bekanntschaft mit Max Hülsenbeck, dem aufstrebenden Juristenkollegen, war recht stürmisch gewesen, lag aber schon einige Jahre zurück. Nach einigen Anzeichen offensichtlicher Untreue hatte sie ihn aus ihrer Kanzlei und sowie allen privaten Zugängen entfernt. Sie hatte mit ansehen müssen, wie er sich an ihre Freundin, die jüngste Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen heranschmiss, um auch sie nach Strich und Faden auszunehmen. „Wenn er sich jetzt auch noch an Breschkes Tochter vergreift, kann er sich einsalzen lassen!“ Wütend schmiss sie Nudeln in den Einkaufswagen, während ich die Regale nach passablem Olivenöl absuchte.

Da packte sie mich am Arm. „Wenn man vom Teufel spricht“, grinste ich. Tatsächlich stand dort Hülsenbeck, gedankenvoll in die Tiefkühlauslage starrend, während schon Dosenbier und Chips in seinem Korb sich stapelten. „Halt mich zurück“, keuchte Anne. „Sonst haue ich diesem Drecksack den verdammten Einkaufskorb in seinen…“ „Aber nicht doch“, beruhigte ich sie. „Meinst Du, er wird sich noch an mich erinnern?“ Unsicher sah sie mich an. „Was hast Du vor?“ Ich gab ihr meinen Zettel. „Es steht alles drauf, wir rechnen nachher ab.“

Tatsächlich erinnerte sich Hülsenbeck nicht an mich, wie ich plötzlich suchend neben ihm stand und auf die haltbarkeitsbedingt preisreduzierten Gefrierbackwaren guckte. Er nahm mich gar nicht wahr. Zögernd schob er den Deckel beiseite und griff nach einem Apfelstrudel. Max sah den Kuchen an, wie man im Heimwerkermarkt einen billigen Akkuschrauber betrachtet: das Ding war sein Geld nicht wert, würde aber schnelle Befriedigung liefern und war deshalb schon so gut wie gekauft. „Ihre Großmutter, oder?“ Er zuckte leicht zusammen. Ich sah ihn mit melancholischem Lächeln an. „Ist bei mir auch so, ich habe diese Erinnerungen immer noch.“ Vermutlich würde er gleich irgendeine Frage stellen. Ich musste ihm zuvorkommen, doch nein: er suchte angestrengt nach dem Preis. Ein knallroter Aufkleber verkündete schon, dass auf den Strudel dreißig Prozent Nachlass gewährt wurde.

Alles, was man über Breschkes Tochter wissen musste, konnte man an den Hinterlassenschaften ihrer Tätigkeit als Reiseleiterin entnehmen, die sich im Keller ihres Elternhauses stapelten. Neben dem ausklappbaren Weihnachtsbaum, der so natürlich war, dass er gleich beim ersten Auspacken das ganze Wohnzimmer vollgenadelt hatte, lagerten hier schmelzbares Mikrowellengeschirr und Dosenbrot aus der Zeit Ferdinands II. Nur die beiden Flaschen ostukrainischen Wodka hatte ihre Perle Sofia Asgatowna ihrem Bruder überlassen, der bis heute keinen besseren Pinselreiniger kennt. Wenn der Preis stimmt, sagt man, achtet sie nicht auf Qualität.

„Ich weiß nicht recht“, murmelte Hülsenbeck. „Es ist für eine ganz besondere Frau“, antwortete ich im Brustton meiner Überzeugung, „und glauben Sie mir, sie muss es wirklich wert sein.“ Vielleicht hatte ich ihn damit überfordert; schon machte er Anstalten, die Truhe wieder zu öffnen. „Sie will sich nicht mit Marmorkuchen zufriedengeben, am Ende gar mit Keksen – es muss ein Erlebnis sein, das Sie beide emotional verbindet.“ Er begann mich zu verstehen. „Ich wollte sie morgen Nachmittag zum Kaffee einladen“, erklärte er. Seine Stimme war außergewöhnlich nervös. „Ich dachte, vielleicht ist ein Stück Kuchen…“ Ich packte ihn am Arm. „Können Sie sich mehr emotionale Verbindung zwischen zwei Menschen vorstellen?“ Hülsenbeck schluckte. „Das ist eine einmalige Stunden in Ihrem Leben, glauben Sie mir!“ Er drehte den Strudel hin und her. Jetzt musste ich den entscheidenden Stoß führen. „Ich frage Sie ungern, aber: ist sie wirklich die Richtige?“ Er war vollkommen verwirrt. „Wenn sie nämlich nicht die Richtige ist“, fügte ich fast verschwörerisch hinzu, „wie soll sie dann in einem so entscheidenden Moment begreifen, dass es Ihnen um eines der tiefsten Gefühle geht – Apfelstrudel, die wirklich wichtigen Erinnerungen…“ Von mir selbst völlig ergriffen brach ich ab. Was würde Max Hülsenbeck jetzt tun mit dem kalten Knochen, der sich laut Packungsaufdruck in eine verführerische Köstlichkeit verwandeln würde, sobald man ihn in den vorgeheizten Backofen schöbe? Ich lächelte, doch meine Augen umflorte eine geradezu zuckrige Melancholie. Er zitterte. Entschlossen riss ich den Deckel auf. Es gab passables Vanilleeis, nicht ganz so passables Vanilleeis sowie etwas, das laut Lebensmittelrecht als Vanilleeis in Verkehr gebracht werden durfte. Ich nahm hastig eine Packung und drückte sie ihm in die Hand. „Machen Sie keinen Fehler“, brachte ich mit erstickter Stimme hervor und drehte mich um.

„Irgendwas mit Honig“, moserte Anne, „aber ich konnte Deine Schrift natürlich mal wieder nicht lesen.“ Sie hielt mir den Zettel hin. „Seife“, las ich. „Handwaschseife mit Mandelextrakt und Honig, es macht aber nichts, ich habe noch einen kleinen Rest zu Hause.“ Sie schnallte sich an. „Und was war das mit den Erinnerungen?“ „Ach, nichts.“ Während ich mich anschnallte, öffnete Anne die Fenster. „Wenn Frau Breschke für eins seit fünfzig Jahren berühmt ist, dann für ihren Apfelstrudel. Wer den einmal gekostet hat, ist für alles andere verloren.“





Selbstprophezeiende Erfüllung

22 07 2021

Der Teppichschaum verhielt sich vorschriftsgemäß: er schäumte, und dies auf dem Teppich. „Das geht bestimmt nicht raus“, grummelte Anne. „Und wir haben den Teppich im letzten Winter erst ganz neu verlegen lassen.“ Ich shampoonierte und wischte und tupfte, um die rostrote Auslegeware nach dem Kontakt mit einer Schicht Buttercreme nicht noch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

„Zum Glück ist nicht auch noch ein Teller dabei entzwei gegangen“, quetschte Luzie am Kuchen vorbei. Sie saß mit dem anderen Stück hinter dem Empfangstresen, vielmehr mit dem, was von der Cremeschnitte noch übrig war. Das Corpus delicti – irgendetwas Deliziöses war den Überresten aber nicht mehr anzusehen – hatte Anne auf dem Pappträger ins Besprechungszimmer zu balancieren versucht, bis beides ins Rutschen geraten war und der Schwerkraft folgte. Ein Teller hätte diesen Sturz sicher nicht heil überstanden. So blieb es also beim Beseitigen der Kuchenreste. „Sie hat es nämlich wieder gesagt“, knurrte Anne. „Jedes Mal, wenn ich irgendetwas in der Hand habe, sagt sie es.“ Ich richtete mich halb auf. „Wir würden der Lösung dieses schwierigen Falls näher kommen, wenn Du uns verraten würdest, worum es sich handelt.“ Das mit dem schwierigen Fall, eigentlich war es ja ein schmieriger, hatte die Laune der Rechtsanwältin jedenfalls nicht verbessert, und jetzt war ich an der Sache mitschuldig. Was soll man da machen.

Anne wischte sich noch einen kleinen Rest vom Ärmel, vermutlich Buttercreme, und wollte das Taschentuch in den Küchenmülleimer werfen, da tönte es schon hinter ihr: „Vorsicht mit dem…“

Natürlich hatte Anne noch nicht einmal die Tür hinter sich geschlossen, als sie auch schon beim Verlassen der kleinen Abseite mit dem Ärmel an der Klinke festgehangen war. Ein kurzer, heftiger Ruck am rechten Ärmel, dann sprang der Knopf ab und kullerte über den einigermaßen cremebefreiten Teppich des Eingangsbereichs. Ein Moment der Stille, in dem Luzie sie entgeistert ansah, führte zu einem nur um so heftigeren Ausbruch auf Annes Seite. „Ich hatte es doch ausdrücklich gesagt“, schrie sie, „ich will diese ständigen Ansagen nicht mehr haben!“ So hatte ich die beiden noch nicht erlebt; normalerweise waren die Juristin und ihre langjährige Bürovorsteherin, die nicht ohne Grund mit luziefr zeichnete, ein Herz und eine Seele. „Jetzt beruhigen wir uns erstmal“, mahnte ich, „und dann sprechen wir in aller Ruhe über die Situation und wie wir sie gemeinsam verbessern können.“ Luzie hob wie ertappt die Hände.

„Es ist jedes Mal dasselbe“, rief Anne aus, „ich nehme einen Aktenordner in die Hand, da höre es ich schon hinter mir: ‚Vorsicht!‘“ „Und dann?“ Sie stampfte energisch mit dem Fuß auf. „Dann lasse ich ihn natürlich vor Schreck fallen, und wenn ich Pech habe, fliegen dabei sämtliche Papiere raus.“ Ich runzelte die Stirn. „Kann es sein, dass Du in letzter Zeit ein bisschen unvorsichtig bist?“ „Ich sage ja schon gar nichts mehr“, maulte Luzie. Anne nahm den Kaffeebecher vom Tresen und drehte sich um. „Ich will heute nicht mehr gestört werden, es gibt für die Verhandlung gegen Pick-Lepinski noch jede Menge Arbeit.“ Luzie starrte sie mit einem hypnotisierenden Blick an, und da geschah es: Anne ließ den Becher fallen, er glitt ihr einfach aus den Fingern. Zum Glück ergoss sich der Kaffee just auf die Stelle, die vom Kuchen ohnehin schon getroffen worden war. „Ich habe nichts gesagt“, wimmerte Luzie, „diesmal habe ich aber wirklich kein Wort gesagt!“ „Du wolltest aber“, schrie Anne, die in ihrem Verhalten zumindest den Vorsatz entdeckt zu haben schien. „Moment“, griff ich ein. „Hier haben wir es doch nun wirklich mir einem eklatanten Mangel an Beweisen zu tun, meinst Du nicht?“

Anne war eingeschnappt. Sie hatte das letzte Blatt von der Küchenpapierrolle abgerissen und rieb den glücklicherweise unbeschädigt gebliebenen Becher trocken. „Sie weiß, dass ich weiß, dass sie etwas sagen will.“ Luzie verdrehte die Augen. „Sie braucht es also gar nicht mehr zu sagen, weil ich ja weiß, dass sie etwas sagen will – und schon lasse ich den Becher fallen.“ „Schopenhauer hätte seine helle Freude an ihr gehabt“, knurrte Luzie und nahm die leere Papprolle vom Tresen. „Sie hat damit angefangen“, begehrte Anne auf. „Das ist jetzt eine selbstprophezeiende Erfüllung.“ „Leute“, ermahnte ich sie. „Wir passen alle mal ein bisschen besser auf, was wir tun, sind etwas vorsichtiger und legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wie soll das denn hier noch enden, wenn wir ständig mit Misstrauen auf den anderen sehen?“

Mein Vorschlag zeigte Wirkung. Luzie füllte die Büroklammern in ihrem kleinen Schälchen auf der Tischplatte nach, Anne zog ganz ohne Kommentar oder Bedenken einen Ordner aus dem Schrank, in Ruhe die Verteidigung ihres Mandanten zu planen. Im Nu war die ganze Anspannung der vergangenen Tage dies auch: vergangen, in Luft aufgelöst, und keiner bezichtigte den anderen der psychologischen Kriegsführung. Der Fleck auf dem Teppich würde trocknen, alles würde sich beruhigen, noch war der Tag schön. Das Telefon klingelte. Luzie nahm ab. Während sie eine komplizierte Terminabsprache durchführte, konnte ich natürlich nicht fragen, wo das Küchenpapier gelagert wurde, das nun in der dafür vorgesehenen Halterung fehlte, also sah ich mich in der Abseite um und entdeckte die Packung oben auf dem Hängeschrank. Neben dem Altpapier lehnte ein faltbarer Tritt an der Wand, den ich flugs aufklappte, um mich draufzustellen. „Vorsicht“, rief da Anne durch die Tür. „Du fällst noch runter!“





Mit unbewaffnetem Auge

13 07 2021

„Ich weiß nämlich gar nicht, um wie viel sich der Versicherungsbeitrag erhöht.“ Herr Breschke gab mir den Brief. „Da müsste es stehen, aber ohne meine Brille kann ich es einfach nicht lesen.“ Ich warf einen Blick auf das Schreiben. „Und Ihre Frau, könnte die Ihnen nicht helfen?“ Er schüttelte den Kopf. „Sie weiß auch nicht, wo die Brille liegt.“

Nein, der pensionierte Finanzbeamte hatte noch keine geistigen Ausfallerscheinungen, jedenfalls nichts, das nicht auch bei anderen Menschen seines Alters regelmäßig vorkäme. Bis auf ein paar ganz harmlose Marotten, an die man sich als Gast und Freund schnell gewöhnt hatte, kam nichts vor, nur seine Sehhilfe, genauer: die Lesebrille ging ihm von Zeit zu Zeit verlustig und tauchte an merkwürdigen Orten wieder auf. Seine leichte Vergesslichkeit ließ ihn nun auch diese Fundorte wieder vergessen, so dass es eines gewissen kriminalistischen Spürsinnes bedurfte, um eine Art von Mustererkennung zu entwickeln, mit der sich die Augengläser im Haus finden ließen. Jedenfalls hatte mir dies mehrmals geholfen, die Brille zu entdecken.

„Gestern haben Sie also ferngesehen“, stellte ich fest. „Bis zehn“, bestätigte Horst Breschke, „dann habe ich mir noch eine Tasse Tee aufgebrüht, und dann bin ich zu Bett, weil Bismarck auch schon im Körbchen lag.“ Hier war das gesucht Objekt also nicht beteiligt gewesen; der Hausherr pflegte sich auch zu nachtschlafenden Zeiten ganz ohne Brille einen Tee aufzugießen, er las nicht im Bett, meist blieb die Brille neben der Fernsehzeitschrift oder auf dem Beistelltischchen neben seinem Sessel liegen, bis er sie am folgenden Tag wieder brauchte. „Davor hatte ich allerdings aus dem Nähkörbchen eine Schere genommen, weil der Faden aus dem Hemdknopf so stark abstand – ich musste das aus der Nähe sehen, sonst hätte ich am Ende noch den Knopf abgeschnitten.“ Flugs griff in das Körbchen, das neben dem Sofa stand, doch die gewünschte Brille lag nicht darin. Entweder hatte er sich den Faden mit unbewaffnetem Auge abgeschnitten, mit der Fernbrille, oder seine Erinnerung trog ihn. So kamen wir nicht weiter.

„Ich war im Keller“, fiel ihm ein. „Meine Frau wollte, dass ich eine Dose mit eingelegtem Hering hole, vielleicht…“ Schon befand ich mich auf der Treppe ins Tiefgeschoss, da dämpfte Herr Breschke meinen Elan. „Wir hatten nur noch eine Dose, also musste ich auch nicht nach dem Datum schauen, und sie stand auch gleich links auf dem obersten Regal.“ Sicherheitshalber hatte ich doch den ganzen Weg auf mich genommen; eine kleine Spur im Staub an der angegebenen Stelle zeigte an, dass vor nicht langer Zeit dort eine Dose gestanden haben musste. Jedenfalls war dies auch mit bloßem Auge zu erkennen, sogar im funzeligen Kellerlicht, das die vollgeräumten Stellagen kaum erreichte.

„Denken Sie scharf nach“, forderte ich ihn auf. „Wann haben Sie zuletzt das Auto bewegt?“ „Letzte Woche“, überlegte er, „Mittwoch habe ich meine Frau zum Frisör gefahren, danach war ich beim Gärtner, und auf dem Rückweg habe ich meine Frau wieder abgeholt.“ Auch das schied aus, weil er am Wochenende die Sonntagszeitung gelesen und die Abrechnung des privaten Haushaltsbuches vorgenommen hatte, beides Tätigkeiten, bei denen die Lesebrille unerlässlich ist. „Das Kreuzworträtsel habe ich aber erst am Montag gelöst.“ So näherten wir uns der Wahrheit Stück für Stück, wie auf einer ziemlich komplizierten Schatzsuche.

Die üblichen Fundstellen, Bücherregale, der Küchenschrank, das Telefontischchen im Flur, sie blieben alle ergebnislos. Nur zur Vorsicht hatte ich den Garten inspiziert, falls sich hier auf dem Tisch oder auf dem kleinen Mauervorsprung, der zur Kellertreppe führte, die Brille anfinden sollte. Aber auch das blieb erfolglos, ebenso Bismarcks Korb, der neben der Decke, einem Kissen und dem fest schlafenden Hund nichts enthielt. „Vielleicht kann er die Brille ja finden“, überlegte Herr Breschke. „Die Frage ist nur“, antwortete ich, „woran er die Fährte aufnehmen soll.“ Auch das wussten wir nicht zu beantworten, es blieb schwierig. „Nach dem Kreuzworträtsel kam die Post“, fiel Breschke ein, „da habe ich den Brief geöffnet und hatte nur die erste Zeile gelesen, dass die Versicherung teurer wird.“ „Wo haben Sie das denn gelesen?“ Er kratzte sich am Kopf. „Das muss in der Küche gewesen sein, aber da hatte ich die Brille sicher noch auf.“ Ich hatte eine Idee. „Lassen Sie Bismarck doch an der Fernbrille Witterung aufnehmen.“ Er sah mich skeptisch an. Vielleicht war der Gedanke doch nicht so klug, aber irgendwo musste man schließlich mit der Suche ansetzen. Wenn es nur irgendetwas gäbe, was gleichzeitig mit Herrn Breschke und seiner Lesebrille zu tun hätte…

„Das Etui!“ Breschke war erstaunt. „Dass wir darauf nicht längst gekommen sind!“ Der Plan war so einfach wie genial: Bismarck würde an dem Etui schnuppern und uns zur Brille führen. „Exzellent“, jauchzte Herr Breschke, „jetzt müsste ich nur noch…“ Ich runzelte die Stirn. „Sie wollen mir jetzt nicht auch erklären, dass Sie nicht wissen, wo das Brillenetui liegt?“ Er dachte angestrengt nach und öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Dort lag das ersehnte Objekt, ein tiefrotes Lederfutteral, direkt darunter der zum Versicherungsbrief passende Umschlag. Die Brille steckte ordnungsgemäß in diesem Etui. Horst Breschke hüstelte, dann setzte er sich die Lesebrille auf. „Na“, sagte er, „das ist ja noch mal gut gegangen.“ „Dann können Sie jetzt ja in Ruhe den Brief studieren.“ Herr Breschke starrte auf den Teppich. „Wenn ich nur wüsste, wo ich den hingelegt habe…“





Unternehmensberatung

18 05 2021

Anne schlug die Tür zu. „Da sitzt die Mistbande“, knurrte sie. „Vierter Stock.“ Ihr Mandant hatte den Vertrag gutgläubig unterschrieben und dabei so gut wie sein ganzes Geld verloren. „Keine Chance“, erklärte sie. „Alles vollkommen wasserdicht, und das nur, weil er vorher nicht zu mir gekommen ist.“ Wir hatten das Ende des Parkplatzes erreicht. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Wir treffen uns in einer Stunde, dann wissen wir mehr.“

Im Foyer des Bürohochhauses hing eine Tafel, die den Sitz der Brummer GmbH wie erwartet für den vierten Stock auswies. Ich betrat den Aufzug, drückte auf den Knopf, und die Türen schlossen sich. Geschmeidig surrte der Lift nach oben. Da fiel mein Blick auf das Kärtchen, das auf dem Boden lag. Ich hob es auf und ließ es in die Jackentasche gleiten. Schon war ich angekommen. Die Türen öffneten sich. Ich trat heraus.

„Haben Sie einen Termin?“ Die Empfangsdame klang nicht nur schnippisch, sie sah auch so aus. Ich legte ihr wortlos das Kärtchen vor und sah sie an mit einem Blick wie zweieinhalb Ohrfeigen. Sofort stand sie auf und ging schnurstracks in ein Büro, aus dem ebenso schnell ein junger Mann gelaufen kam. „Wir hatten Sie nicht erwartet“, begrüßte er mich. „Ich weiß“, gab ich kühl zurück. „Aber das ist in Ihrem Haus ja nichts Neues.“ Er zuckte leicht zusammen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten“, fragte er, und ich entschied mich für einen Kaffee. Er streckte unbeholfen seinen Arm aus und wollte mich in sein Zimmer bitten, aber ich wollte lieber seine Firma besichtigen. Wozu war ich denn den ganzen Weg hierher gefahren.

Ich sah mich um. „Sie haben Probleme mit dem Umsatz“, stellte ich fest. „Außerdem ist Ihr Produkt gar nicht für die Zielgruppe geeignet, die Sie ins Auge gefasst haben.“ Er wollte etwas entgegnen, aber es interessierte mich gar nicht. „Sie wollen ein junges, dynamisches Unternehmen mit einer jungen und dynamischen Zielgruppe sein?“ „Allerdings“, antwortete er, „wir sind einer der besten Anbieter auf dem deutschen…“ „Und genau da liegt Ihr Problem“, nickte ich. „Man ist entweder der beste Anbieter oder überhaupt nichts.“ Ich musterte ihn von oben bis unten. „Und Sie sind weder jung noch dynamisch. Sie sind nicht einmal ‚und‘.“

Offenbar wurde hier irgendetwas verkauft, ich wusste nur noch nicht genau, was. Vermutlich rief ein Dutzend junger Damen querfeldein Kunden an und beriet sie, wo sie wie viel Geld für was auch immer ausgeben sollten. „Veraltet“, befand ich. „Ich würde Ihnen keinen Cent zahlen, aber ich bin auch nicht Ihre Zielgruppe.“ „Sie erzählen immer von irgendeiner Zielgruppe“, herrschte er mich an, „von welcher Zielgruppe reden Sie hier eigentlich?“ Langsam verlor ich die Geduld. „Sie haben also keine Ahnung, wer Ihr Produkt nachfragt?“ Er schüttelte den Kopf. Mehr musste ich nicht wissen. Und damit begann der spaßige Teil.

„Ihr Mist ist zu billig.“ Jetzt wurde es ihm zu bunt. „Hören Sie mal“, polterte er, „Sie kommen hier einfach so reingeschneit und wollen mir vorschreiben, wie ich meine Firma sanieren soll?“ „Das haben Unternehmensberater so an sich“, sagte ich ungerührt. „Sie setzen auf ein Billigangebot, das mit viel zu geringer Gewinnspanne an junge, aber nicht kaufkräftige Kunden verscherbelt wird. Ihre Zielgruppe ist im frühen Ruhestandsalter und zahlt gut dreißig Prozent mehr – wenn Sie mir nicht glauben, besorgen Sie sich die offiziellen Zahlen, aber stehlen Sie mir nicht meine Zeit. Ich suche mir gerne aus, wer mich langweilen darf.“

Die Damen telefonierten mit ansteigender Dynamik. „Hören Sie sich das an“, forderte ich ihn auf; ich packte ihn an den Schultern, schob ihn in die Mitte des Raumes und trat einige Schritte zurück. Da stand er. „Ich habe bisher noch nichts von Finanzierungsmöglichkeiten gehört“, sprach ich hinter seinem Rücken. „Sollte es etwa keine Bank geben, die auf Ihre Empfehlung gesteigerten Wert legt?“ Abrupt drehte er sich um. „Wissen Sie, wie schwierig es ist, auf dem europäischen Markt eine halbwegs gute Position zu verteidigen?“ Ich nickte. „Deshalb brauchen Sie mich ja.“ Da tippelte die Dame vom Empfang herbei, in der Hand eine Tasse Kaffee. „Schön“, bemerkte ich. „Was auch immer das sein soll, nehmen Sie es wieder mit.“

Er sank in seinen Sessel. „Was soll ich denn nur machen“, stöhnte er, „die Konkurrenz läuft uns davon, und wir haben schon alles versucht, um die Kunden zu überzeugen.“ Ich lehnte mich zurück. „Wenn Sie die Kunden bisher nicht überzeugen konnten, dann haben Sie eben nicht alles getan.“ Es lag etwas Trostloses in seinem Blick. „Wir müssen uns dem Problem von der organisatorischen Seite nähern“, riet ich. „Halbieren Sie das Personal und verdoppeln Sie die Gehälter. So haben Sie keine Mehrausgaben und viel motiviertere Mitarbeiter.“ Das schien ihm einzuleuchten. Aber manchmal ist es eben so, dann muss erst der Fachmann von außen einen Blick auf die Firma werfen, um die Mängel zu erkennen.

Der Fahrstuhl glitt hinab und öffnete leise seine Türen. Ich trat hinaus und schritt rasch durch die Halle, der Ausgang schwang automatisch auf und entließ mich auf den Vorplatz. Am Rande des Parkplatzes wartete Anne. „Gib ihnen vier Wochen, dann ist der Laden pleite und Ihr könnt Euch an der Konkursmasse bedienen.“ Sie sah mich skeptisch an. „Du hast Ihnen doch nichts Illegales verkauft?“ Ich lächelte, als sie den Kofferraum aufschloss und ihre Aktentasche hineinlegte. Sie öffnete die Tür. „Nur eins habe ich nicht rausgekriegt. Was verkauft der Laden eigentlich?“





Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Ein Hund für alle Fälle

20 04 2021

„Es tut nur weh, wenn ich die Arme so anhebe.“ Herr Breschke verzerrte das Gesicht vor Schmerz, indem er genau diese Bewegung mit beiden Armen gleichzeitig ausübte, warum auch immer. „Dabei soll Bewegung ja gerade helfen“, stellte ich fest, während der alte Herr leise stöhnend die Schultern sinken ließ und nach dem Küchenstuhl tastete.

Er hatte ein wenig zu schwungvoll aus seinem Fernsehsessel aufstehen wollen, wobei ihm die sprichwörtliche Hexe in die Lendenwirbel schoss. Von der Ärztin mit Schmerzsalbe und guten Worten versorgt saß er nun krumm in der Küche, obschon zu Dehn- und anderen Übungen geraten wurde. „Im Garten muss gerade nichts getan werden“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber Bismarck, er braucht doch seinen Auslauf.“ Der angesprochene Hund, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, hatte die Gesamtsituation schnell analysiert und das Unausweichliche getan; er lag zusammengerollt auf dem nun nicht mehr besetzten Fernsehsessel und schlief friedlich in den Tag.

Natürlich hatte ich es gewusst, und natürlich war ich gern bereit, dem alten Herrn diesen kleinen Dienst zu erweisen. Etwas träge erhob sich das Tier auf Zuruf, wurde allerdings beim Anblick der Leine deutlich lebendiger, und da er mich als Freund des Hauses kannte, wusste ich auch schon, was mich auf der Platanenallee bis zur Ecke Uhlandstraße erwarten würde: ein durchaus agiler Hund, der aus Prinzip zwischen meinen Beinen umherläuft. „Bei dem Wetter reicht sicher eine Viertelstunde“, sagte Herr Breschke. „Wenn es regnet, dann kehren Sie um, Sie müssen ja nicht auch noch nass werden.“

Ein bisschen windig war es schon, aber das hielt Bismarck nicht davon ab, neben seiner üblichen Gangart – genau zwischen meinen Beinen, wobei sich ein regelmäßiger Wechsel der Leine von der einen Hand in die andere als praktisch erwies – auch intensiv die Zäune sämtlicher Nachbarn zu inspizieren, nach Tulpenbeeten Ausschau zu halten, die er leider ebenso wenig durchwühlen konnte wie die gartenzwergbewehrten Kieswege, und an den Büschen seine Marken zu setzen. Eine ältere Dame drehte sich kurz nach uns beiden um, offenbar war sie irritiert. Sie musste Bismarck gekannt haben, nur eben nicht mir mir an der Leine.

Wir flanierten bei leichtem Gegenwind an einer Reihe alter Alleebäume vorbei, als mich ein junger Mann ansprach. „Verzeihung“, meinte er, „Sie führen gerade den Hund aus?“ Ich musterte ihn von oben bis unten, wobei mir die untere Hälfte nicht ganz so schlecht gefiel. „Sehr freundlich, dass Sie mich daran erinnern“, gab ich zurück. „Ich hatte mich schon gefragt, wozu ich diese Leine mit mir durch die Gegend trage.“ Schon hatte ich mich ans Gehen gewandt, aber er ließ mich nicht in Ruhe. „Ich möchte Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten“, insistierte er. „Wenn Sie darauf bestehen, würde ich Ihnen selbstverständlich auch etwas dafür zahlen.“ Ich stutzte kurz. „Sie bezahlen dafür, oder es ist eine Gefälligkeit. Lassen Sie sich das bei nächster Gelegenheit durch den Kopf gehen, und nun entschuldigen Sie uns bitte.“

Bestimmt war es meine verbindliche Art, oder Bismarck verlieh mir fälschlicherweise den Anschein eines netten, leutseligen Menschen. Jedenfalls gab sich der Störenfried nicht zufrieden, heftete sich an mich und folgte mir. „Die Sache ist nämlich so“, hub er an. „Wir werden in einigen Tagen sicher eine Ausgangssperre bekommen, und ich habe da eine, nun: sehr private Verpflichtung, der ich erst am Abend nachkommen kann.“ „Die Freude ist ganz Ihrerseits“, unterbrach ich ihn, was aber seinen Redefluss durchaus nicht störte. „Wenn ich nun einen Hund hätte, und ich dachte da an diesen ausgesprochen netten Dackel…“ Bismarck musste jedes Wort verstanden haben. Ob er schon wusste, worauf dies hinauslaufen würde, oder ob ihm die Einschätzung als nettes Schoßhündchen widerstrebte, jedenfalls schnob er verächtlich durch seine empor gereckte Nase und zog kräftig an seinem Halsband. „Kurzum, ich bräuchte Ihren Hund zweimal in der Woche für je zwei Stunden. Ich hole ihn ab und bringe ihn auch wieder nach Hause.“ Mein vierbeiniger Gefährte drehte sich leicht indigniert um. Es gab noch eine Menge Hecken und Zäune auf dem Weg.

Noch hatte er nicht aufgegeben. „Versteht sich natürlich, dass ich bar bezahle.“ Jetzt drehte ich mich um und stellte mich ihm breitbeinig in den Weg. „Haben Sie überhaupt schon einmal einen Dackel geführt?“ Er blicke mich erstaunt an, nicht ganz sicher, ob ihn meine Frage belustigen sollte. „Macht es denn einen Unterschied, ob es sich um einen Dackel oder einen Pudel handelt?“ Statt eine Antwort abzuwarten, griff er in die Manteltasche und zog seine Geldbörse hervor. Er zupfte einige Scheine heraus und hielt sie mir vor die Nase. „Das dürfte wenigstens für heute reichen, Sie müssen mir nur noch sagen, wo ich ihn abholen kann.“ Wortlos drückte ich ihm die Leine in die Hand. Bismarck begriff; langsam setzt er sich in Bewegung, der Mann folgte, während er sich ganz erstaunt nach mir umsah. Just in diesem Moment lief der Hund zwischen seine Beine, wo die Leine ihr Werk tat. Er strauchelte, und als er das Gleichgewicht verlor, landete er unsanft auf der steinernen Einfassung des Gartens von Nummer 43. Gelassen lief Bismarck zu meinen Füßen und wartete, bis ich die Leine wieder aufnahm.

„Er sieht aus, als hätte er ordentlich Bewegung bekommen.“ Herr Breschke goss Tee in meine Tasse, setzte sich stöhnend in den Fernsehsessel und blickte auf den Dackel, der gemütlich unter dem Couchtisch Platz nahm. „Morgen noch einmal, aber dann werde ich auch selbst wieder mit ihm vor die Tür gehen.“ Ich nickte. „Er ist in der Tat ein sehr verständiges Tier, Sie können sich ganz auf ihn verlassen.“





Die schrille Gille

24 03 2021

Sie sah auf dem Foto ganz manierlich aus, wobei es sich allerdings um eine Schwarzweißaufnahme handelte und dieses Bild schon vor ziemlich langer Zeit entstanden war. „Trotzdem“, stöhnte Breschke, „mit ihr ist nicht zu spaßen. Immerhin hat sie Onkel Ewald unter die Erde gebracht, womit auch immer.“ Ich legte das Porträt auf den Küchentisch, wo der Umschlag mit dem Telegramm lag. Wer weiß, was das noch werden sollte.

Was den Stammbaum meines pensionierten Finanzbeamten betraf, so war dieser auch nicht viel komplizierter als andere, nur gab es hier und dort Seitenlinien, zu denen nur noch wenig bis gar kein Kontakt mehr bestand – in anderen Familien soll dies ja selten bis nie vorkommen – wegen diverser Erbschaftsangelegenheiten, gelöster Verlöbnisse oder einer Mark Flaschenpfand, die ein Vetter nach zwanzig Jahren in Arizona nicht mehr zurückzahlen wollte. Gisela, so hieß diese damals junge Dame, hatte sich gleich nach der erfolgreichen Ausbildung zur Stenotypistin in der Süßwarenfabrik des Onkels an den Chef des Ganzen herangeschmissen, obwohl dieser gründlich verheiratet war, und zwar mit Edelgard, Namensgeberin eines seinerzeit beliebten Bonbons mit Veilchenaroma und, was erschwerend hinzukam und für den Krach sorgte, Schwester des zweiten Inhabers. Es scheint ihr feuerrotes Haar gewesen zu sein, das Ewald in die Scheidung und damit ins gesellschaftliche Abseits trieb – wie zum Hohn ließ Doktor Prückler aus dem Doppelbildnis an der Deckelinnenseite der Dosen das Konterfei des untreuen Schwagers stanzen und zehntausende von Veilchenzuckerl an die Geschäftswelt senden. Der Drops war gelutscht.

„Ich habe keine Ahnung“, bekannte Horst Breschke. „Nach Ewalds Tod hat sie die Villa in der Eifel geerbt und ein Segelboot, oder vielleicht war’s auch ein Sportwagen. Aber ich weiß nicht, was sie von mir will.“ Ich stellte die Teetasse auf dem Tisch ab. „Nun“, beruhigte ich den Hausherrn, „das werden wir in Kürze herausfinden, denn sie will ja noch heute kommen.“ Bismarck schien ein wenig die Stirn zu runzeln; wahrscheinlich war es diesem Gefährten in gesetztem Dackelalter recht egal, wer oder was die schrille Gille war, denn so nannte man sie familienintern wegen ihres unangemessen lauten Auftretens. „Ich kann sie ja schlecht vor die Tür setzen“, seufzte der Hausherr. „Es sei denn, sie spricht schlecht über Onkel Ewald, das lasse ich nämlich nicht zu!“

In diesem Moment aber hupte es schon auf der Straße; Gisela war nicht gewohnt, ohne ausreichend Publikum aus einem Taxi auszusteigen, jedenfalls musste Herr Breschke über den Gehweg bis zum Bordstein laufen, ihr die Tür zu öffnen, den Fahrer zu entlohnen – was mich nicht gewundert hatte – und ihr für ein bisschen eingebildeten Nieselregen den Schirm zu halten, damit sie auf hohen Absätzen über den Plattenweg bis ins Haus stöckeln konnte, um sich gebührend empfangen zu lassen. „Schön“, sagte sie mit kratziger Stimme, „schön. Aber das wollen wir mal sehen.“ Und sie lief gleich bis in die Wohnstube durch, die sie mit eicherner Schwere in den Nachmittagsstunden empfing.

Sie trug etwas fürchterlich Rotes, das zu ihrem inzwischen fuchsfarbenen Haar nicht passte, eher Oll- als Schmollmund, und blickte sich um. „Ihr seid ja rustikal eingerichtet“, stellte sie fest. „Wie mein Zweiter, der hatte auch keinen Geschmack.“ Dazu drehte sie sich herum und äugte in die Winkel des Wohnraums. „Hund?“ Irgendetwas ließ mich an der Stimme aufhorchen, aber ich musste mich wohl getäuscht haben. „Was willst Du hier?“ Breschke stand mit einem Küchenhandtuch in der Faust auf der Türschwelle. „Das ist mein Haus.“ Sie lächelte. „Das soll ja auch so bleiben, Horsti.“ Dass ihm die Zornesröte so langsam ins Gesicht stieg, war schon ein wenig verwunderlich, aber sie fuhr fort. „Mein Vierter ist vor drei Monaten verblichen, ein guter Patentanwalt, und ich würde gerne die restlichen Jahre hier verbringen. Ich will das Haus.“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Du könntest es mir schon leichter machen, schließlich ist Deine Frau bestens versorgt nach einer Scheidung – ich nehme Dich als Gärtner mit, dann haben wir es beide leichter. Das wirst Du als Finanzbeamter doch sicher…“

Er wollte gerade zu einem längeren Schrei anheben, das wusste ich genau, doch da bemerkte sie mich. Spitznäsig musterte sie meinen Aufzug. „Wenigstens einen attraktiven Schwiegersohn hat sich Deine Tochter geangelt“, bemerkte sie. Herr Breschke stand wie versteinert, und so viel hatte ich auch nicht parat. „Bedaure“, gab ich zurück. „Ich habe gespart und mich auf hoffnungslose Fälle spezialisiert. Wenn man die Neunzig hinter sich gebracht hat und trotzdem die…“ „Was für eine Unverschämtheit!“ Wutentbrannt schwenkte sie die Handtasche durchs Wohnzimmer. „Ich werde im nächsten Frühjahr erst…“ Weiter kam sie nicht, da Bismarck, der zugegebenermaßen dümmste Dackel im weiten Umkreis plötzlich vor ihr stand und der schlechten Laune durch knurrende Laute ein Gefühl von Unmittelbarkeit gab. „Horst“, kreischte sie, „das wird ein Nachspiel haben!“

„Eins aber“, fragte ich beim Rühren in der Teetasse, „müssen Sie mir verraten: das Grundstück war das Erbe Ihrer Frau, und das Haus war ein Lottogewinn?“ Herr Breschke druckste. „Wenn Sie es schon wissen“, gnatzte er, „dann hätten Sie sie ja gleich rausschmeißen können.“ „Naja“, meinte er, „ich war an der Reihe: Ewald, Wilhelm, Paul, und nun ich. Einer musste sie ja loswerden.“ Und er warf Bismarck einen liebevollen Blick zu.





Kunststück

4 11 2020

„Die Bohrmaschine, Handschuhe, Kelle, Wandfarbe und den Hammer“, erklärte Herr Breschke und lud den Klappkorb in den Kofferraum. „Das sollte doch für den Augenblick reichen.“ Ich nickte. Wir fuhren die Uhlandstraße hinab bis zum Kontorhaus, wo wir sicher schon erwartet wurden.

Leider war das nicht der Fall. „Anne hat sich für den Veranstalter verbürgt“, sagte ich. „Da seit ein paar Tagen wieder alle öffentlichen Ausstellungen gesperrt sind, müssen wir dies sozusagen als wilde Galerie veranstalten.“ „Ach ja“, seufzte der alte Herr. „Wir waren seit Jahren nicht im Museum, und in diesen Zeiten merkt man erst, wie sehr es einem fehlt.“ Er musste sich nicht für eine Parklücke entscheiden, der ganze Platz war leer, da dem alten Gebäude der Abriss bevorstand. Wir standen dicht vor dem Eingang, der nun ohne Türen war, und sahen direkt in die große Eingangsdiele, die sich im Halbdunkel fast über das halbe Erdgeschoss hinweg nach hinten erstreckte. „Und Sie meinen, dass sich hier klassische Kunst zeigen lässt?“ Ich hievte den Korb, der bis zum Brechen der Handgriffe noch als Kartoffelhorde in meinem Keller gestanden hatte, aus dem Laderaum. „Vielleicht nicht unbedingt klassisch“, überlegte ich, „aber es liegt ja immer im Auge des Betrachters.“

Drinnen hatte sich nicht viel getan; eine rostige Gasflasche lehnte an der Wand, schräg gegenüber hatte jemand Blumenerde in eine Ecke des Raums geschaufelt. „Keine Sorge“, meinte ich, „dass wir vorher noch aufräumen sollen, hat Anne mit keinem Wort erwähnt.“ Horst Breschke kicherte. „Sehr gut, sonst würde ich so eine Vernissage auch mal in meinem Garten machen.“ Eine große Schachtel mit Dübeln lag direkt neben der einzigen Steckdose im Raum; in Augenhöhe waren etwa ein Dutzend Stellen an der Wand markiert, in die angebohrt werden sollten, um dann Haken in den Löchern zu befestigen. „Meinen Sie nicht“, mutmaßte der pensionierte Finanzbeamte, „dass wir erst die Wände anstreichen sollten?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann finden wir die Stellen zum Bohren nicht mehr wieder.“ Das leuchtete ihm ein.

Ohnehin hatte der Auftraggeber die Arbeiten recht gründlich falsch eingeschätzt. Einen derart großen Raum mit einem einzigen Eimer Wandfarbe zu streichen schien so gut wie unmöglich. Breschke kratzte sich am Kinn. „Vielleicht erwarten sie von uns eine Art Gemälde“, überlegte er. „Aber das übernehmen dann Sie, ich bin ja künstlerisch völlig unbegabt.“ Umständlich zog er die Handschuhe an. Diesen Raum in eine Galerie zu verwandeln würde tatsächlich ein Kunststück sein.

„Ein Achter reicht aus“, befand ich, „und Sie haben zum Glück auch die dicken Bohrspitzen eingepackt.“ „Mit den Diamanten“, bestätigte Herr Breschke. „Damit habe ich auch das neue Regal an der Kellerwand befestigt, es ging ganz leicht.“ Er steckte die Bohrmaschine ein. Leider bleib es beim Versuch, denn trotz Verlängerungsschnur erwies sich die Leitung als zu kurz, um auch nur die nächstliegende Stelle mit der Spitze zu erreichen. „Haben Sie eine Kabeltrommel zu Hause?“ Horst Breschke verneinte. „Und wenn“, überlegte er, „wie komme ich denn dann bis zur gegenüberliegenden Wand?“

Guter Rat war teuer. „Mit einem Akkubohrer könnte man es versuchen.“ Ich war skeptisch. „Ich habe keinen, kann mir aber nicht vorstellen, dass das in diesen Wänden funktioniert.“ Herr Breschke legte die Maschine neben den Korb, zog sich die Handschuhe aus und betrachtete den Raum. „Meinen Sie nicht auch“, fragt er, „dass diese Idee ein bisschen vorschnell war?“ „Ich verstehe das auch nicht“, erwiderte ich. „Sonst schaut sich doch Anne solche Sachen immer ganz genau an, bevor sie ihre Mithilfe verspricht.“ Auf der anderen Seite kannte ich ihr Faible für Kunst und Kultur, auch in deren abseitigen Gefilden.

Da hörten wir plötzlich Schritte auf den Dielen. „Ich grüße Sie“, rief ein mittelgroßer, mittelalter Mann mit mittlerem Haarausfall durch die Halle. „Rummelpeter mein Name, Ihre Freundin hatte mir versprochen, dass ich Sie hier treffen würde.“ Er verbeugte sich artig und kam auch nicht zu nahe. „Mein Name ist Breschke“, sagte ebendieser, „ich…“ „Entzückend!“ Herr Rummelpeter klatschte in die Hände und tänzelte um das Ensemble in der Mitte des Raums herum. „Das ist eindeutig das Highlight dieser Ausstellung! Diese subtile Sprache aus technischen Objekten, die als Symbole der Raumgestaltung sich quasi auf eine Metaebene transzendieren – ich bin hingerissen!“ „Wir fühlen uns Ihrem Konzept sehr verbunden“, bestätigte ich. „Ich darf wohl sagen, dass dieser Raum eine ganz außerordentliche Inspiration bietet.“ Rummelpeter konnte sich gar nicht mehr beruhigen. „Wie heißt denn diese Installation, verehrter Meister?“ Herr Breschke sah mich hilflos an, bevor ich einschreiten konnte, antwortete er: „Dies ist keine Kunst.“ Der Galerist jubelte. „Dies ist keine Kunst!“ Nun war Herr Breschke nachhaltig verwirrt. „Und dann auch noch eine die Genregrenzen sprengende Referenz an den historischen Surrealismus! Herr Breschke, Sie sind ein Genie!“

„Ich verstehe das nicht“, murmelte der alte Herr und schloss die Autotür auf. „Sie wollen mir doch jetzt nicht auch noch eine Begabung einreden wie dieser Spinner?“ „Sehen Sie es positiv“, gab ich zurück und setzte mich auf den Beifahrersitz. „Man lernt jeden Tag etwas dazu.“ „Dass ich jetzt Künstler sein soll?“ „Nein“, sagte ich. „Aber bisher dachte ich auch immer: moderne Kunst sei das, was nicht mehr in einen Kofferraum passt.“