Nicht ohne meinen Anwalt

23 05 2018

„So habe ich sie noch nie erlebt!“ Luzie knetete ihre Finger und schaute besorgt zu der Tür, hinter der seit einer guten Stunde der Mandant saß. Anne kam und kam nicht weiter. Es war zum Verzweifeln.

„Ich frage mich sowieso, wie sie diesen Mann vertreten will.“ Die Bürochefin knibbelte hektisch an einer Heftklammer herum, während im Beratungszimmer dumpfes Schweigen herrschte. „Wer ist es denn?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist es ja“, seufzte sie. „Er will es nicht sagen.“ „Doch nicht etwa ein Räuber“, argwöhnte ich, „der seine Verteidigerin nur ausnutzt?“ Energisch schüttelte Luzie den Kopf. „Wenn ich es richtig verstanden habe, will er gegen seinen Nachbarn Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten.“

Da öffnete sich unerwartet die Tür. Ein Herr im braunen Anzug hockte auf dem Besuchersessel, in den Händen hielt er einen Stapel Papier. Aber den hatte er, was schnell klar wurde, nicht zur Ansicht mitgebracht. „Wir werden gegen diesen Unhold vorgehen“, deklamierte er, „aber nicht mit unlauteren Methoden! Daraus dreht er uns nur wieder einen Strick!“ Einigermaßen waidwund hing Anne im Türrahmen, erschöpft von einer Stunde vergeblichen Verhörs, während der sie nichts aus dem Mann hatte herausbringen können. „Er hat eine zerkratzte Vordertür“, ächzte sie, „und der Spiegel ist abgebrochen, aber egal – frag ihn doch einfach selbst.“ „Warum nicht?“ Sie grinste schief. Mir war noch nicht klar, warum.

„Ihnen darf ich das sowieso gar nicht sagen“, protestierte er. „Und damit das klar ist, ich rede hier kein Wort mehr ohne meinen Anwalt!“ „Ich hätte auf einen soliden Sprung in der Schüssel getippt“, murmelte Anne. Aber so leicht machte er es uns auch nicht. „Nach diesem neuen Datenschutzgesetz müssen Sie meine Angaben streng vertraulich behandeln!“ „Das wollen wir ja“, wimmerte Anne. „Aber wie soll ich den Fall denn bearbeiten, wenn ich nicht einmal weiß, wer sie sind?“ „Ich darf das nicht einfach sagen“, belehrte er mich. „Erst müssen Sie mich schriftlich belehren, dass ich Ihnen zugestimmt habe – oder war’s umgekehrt? – auf jeden Fall wird alles gegen mich verwendet.“ Ich zog Anne beiseite. „Und Du bist Dir absolut sicher, dass der Typ nicht einfach einen Triller unterm Pony hat?“ „Dessen bin ich mir sogar ziemlich sicher“, gab sie grimmig zurück. „Er hat Luzie wortlos den Vorschuss auf den Tresen gelegt und sich geweigert, eine Quittung zu unterschreiben.“

Ich trat wie unabsichtlich ans Fenster und blickte auf den Vorplatz. „Momentchen“, sagte ich, „ich muss mal eben etwas gucken.“ Eine Minute später war ich wieder im Beratungszimmer. „Nun“, beschloss ich, „wir müssen den Fall zumindest theoretisch angehen, sonst kommen wir nicht weiter. Es handelt sich also um dieses rote Auto, das Ihr Nachbar mutwillig beschädigt hat?“ „Grau“, korrigierte er, „grau. Ich will mich nicht durch eine Falschaussage belasten, und ich hoffe, dass Sie das bemerkt haben.“ Anne nickte ergeben. Ich sah verstohlen auf meinen Schreibblock. Alles passte.

Mit einiger Mühe entlockten wir ihm, dass sich die Tat am gestrigen Abend abgespielt haben musste. „Sie haben natürlich keine Zeugen“, gab ich zu Bedenken. Doch ich hatte mich getäuscht. „Ich stand am Küchenfenster“, tobte der Mann. „Ich musste mit eigenen Augen ansehen, wie dieser… aber das tut jetzt nichts zur Sache. Es war ja auf meinem Grundstück, und da habe ich gesehen, wie er über den Zaun…“ Er biss sich auf die Unterlippe. Offenbar hatte ihn jetzt gerade der Datenschutz von einer vollumfänglichen Zeugenaussage abgehalten. „Aber sonst würde es doch niemand bestätigen, dass sich dieser Nachbar widerrechtlich auf Ihr Grundstück begeben hat, um Ihren Wagen zu zerkratzen?“ Er schnaubte angewidert durch die Nase. „Natürlich!“ Drohend blickte er mich an. „Die ganze Straße weiß, dass er nicht normal ist, jeder weiß das!“ Ein kurzes Häkchen auf dem Schreibblock. Dann stand ich auf. „Luzie wollte das unbedingt haben“, erklärte ich, „und wir werden die Sache danach schnellstens erledigen.“

„Halterfeststellung“, nickte Luzie. „Es gab nur einen grauen Wagen auf dem Parkplatz?“ Ich lächelte. „Genau genommen gab es nur einen mit zerkratzter Tür, aber ich wollte ganz sichergehen. Und dann müssten wir noch wissen, in welche Richtung sein Küchenfenster liegt. Schaffen Sie das?“ Sie rückte ihre Brille zurecht. „Geben Sie mir eine Viertelstunde.“

Es ging wesentlich schneller, und in der Zwischenzeit hatte der Mandant tatsächlich den einen oder anderen sachdienlichen Hinweis gegeben, nur leider langte alles das nicht. Da kam Luzie. Ich nahm ihr den Zettel aus der Hand. „Lassen Sie sehen, Doktor Watson.“ Er blickte mich misstrauisch an. „Ich glaube“, befand ich, „wir können den Fall nun ganz datenschutzkonform einer gerechten Lösung zuführen, und es sollte in Ihrem Sinne und zu bester Zufriedenheit verlaufen.“ Zur Vorsicht stimmte mir Anne sofort zu. „Lassen Sie nur, wir kümmern uns um alles und kommen dann auf Sie zu, wenn wir die nötigen Formalitäten erledigt haben.“ Er war äußerste verwirrt. Anne reichte ihm die Hand und schob ihn aus dem Beratungszimmer in Richtung Flur. „Der Täter wohnt in Nummer 37“, sagte sie. „Das reicht uns.“ „Aber…“ Sie sah im fest ins Auge. „Nur, damit das klar ist – von mir haben Sie das nicht!“

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Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“





Wiener Blut

24 04 2018

Es sah ein bisschen aus wie kreislaufbedingter Drehschwindel. Oder Schwierigkeiten nach zu viel Schnaps. Nur die Musik, die aus dem Wohnzimmer drang, ließ recht schnell erkennen, dass Herr Breschke mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

„Das muss vierzig Jahre her sein“, murmelte der Alte. „Ich meine, nach vierzig Jahren – wer hätte denn ahnen können, dass man das heutzutage noch braucht?“ So beschwingt wie majestätisch kontrastierten die Klänge von Johann Strauss Sohn die Klage des Hausherrn, der ausgerechnet in der Küche, in Pantoffeln und alleine etwas probierte, was nicht sofort als Wiener Walzer zu identifizieren war. „Sie haben es Ihrer Frau versprochen“, mahnte ich. „Und Sie wussten schon ein wenig länger, dass dieser Tag kommen würde.“ Die Goldene Hochzeit rückte näher, und noch immer war nicht vergessen, wie sich Breschke während der Hochzeit seines Patenkindes, der einzigen Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen, eine schwere Knöchelverletzung zugezogen hatte (es war glücklicherweise im Sitzen gewesen, er musste den Tisch für dieses kleine Malheur nicht einmal verlassen) und für den Ehrentanz mit der Braut ausgefallen war. Jetzt aber war die laue Frühlingsluft von schmelzigen Geigen satt, während sich Breschke an der Lehne des Küchenstuhl festklammerte und verhältnismäßig unrhythmisch hin und her wippte. Wie Walzer sah das nicht aus, wie ein Kaiserwalzer schon gar nicht.

„Sie können das bestimmt“, wandte er sich an mich. „Meinen Sie nicht, Sie könnten mir in ein paar Stunden ein bisschen Tanzunterricht geben?“ „Sie können die Damenschritte üben“, antwortete ich skeptisch, „ich glaube aber nicht, dass Ihnen das viel nützen wird.“ Er blieb hilflos. „Damenschritte, nein – ich wollte eigentlich nur Walzer. Ganz normalen Wiener Walzer.“ Das Problem offenbarte sich Stück für Stück; er hatte nicht nur wenig mit dem Walzer am Hut, er musste auch so gut wie alles verdrängt haben, was er in der Tanzstunde jemals gelernt hatte. Ich zeigte auf seine Füße. „Zunächst mal sollten Sie sich ordentliche Schuhe anziehen.“ Er nickte. „Die sind vielleicht ein bisschen zu rutschig. Oder etwa zuwenig?“

Die Couchgarnitur hatte ohnehin schon an der Wand gestanden, den Tisch schob Anne mit einem Ruck hinterher. „Das dürfte reichen“, sagte sie und maß den Abstand zur Schrankwand. „Mehr Platz werden Sie auf dem Tanzboden im Festsaal auch nicht haben.“ Gut, dass sie so schnell hatte kommen können. Der pensionierte Finanzbeamte nestelte an seinem Hemdkragen. „Und Sie meinen, Sie können es schaffen?“ Sie nickte mir zu. Ich setzte die Nadel auf die Schallplatte. Schmissig schmetterte das Orchester los, Anne stand mit verschränkten Armen vor dem massiven Mahagonimöbel. „Auffordern“, soufflierte ich. „Ach so“, stotterte er, „ich äääh…“ „Herr Breschke“, empörte sich Anne. „Ich muss doch sehr bitten!“ Er verbeugte sich. „Gerne, wenn Sie möchten?“

Etwas steifbeinig stand er vor ihr und suchte irgendwo Halt mit seinen Händen. „Man muss da irgendwo anfassen“, grübelte er, „aber ich habe vergessen, wo.“ „Denken Sie einfach, Ihre Frau würde zugucken.“ Jetzt traute er sich gar nicht mehr. Anne legte beherzte seine Hände auf ihre Schultern. „Das sollte für den Anfang reichen. Und bitte!“ Ansatzlos schritt Anne aus, ihr Partner mit der braunen Strickjacke stolperte irritiert hinterher. Der Sessel, genauer: seine Rückseite hielt die beiden gerade noch von einem Sturz auf die Couch zurück. „Ein bisschen weniger stürmisch“, rief sie. „Sie wollten Wiener Walzer, der ist nun mal mit einer halben Drehung verbunden. Sonst bleibt uns nur der normale Tanzstundenwalzer.“ „Machen Sie nur“, stöhnte Horst Breschke, „Hauptsache, ich lerne es irgendwann.“

Ich hatte die Platte umgedreht. „Wiener Blut“, las ich vor. „Kommen Sie, wenn Sie dazu nichts aufs Parkett kriegen, dann sehe ich für Ihre Frau aber schwarz!“ „Und… links!“ Erwartungsgemäß verwechselte Breschke die Beine. Beim dritten Versuch hatte er dann wenigstens den Bogen raus. „Sie wissen, woran man einen Gentleman erkennt?“ Der Hausherr stellte das Tanzen ein und schüttelte den Kopf. „Er guckt auf die eigenen Schuhe“, bemerkte Anne spitz. „Hier oben spiel die Musik, klar?“ Ruckartig hob er den Kopf und hing sich wieder in ihre Arme. „Noch drei Takte, zwei, und…“ Los walzte das Paar, in einem Dreieck schräg gegeneinander verkeilter Schritte, die die Musik nur sporadisch zur Kenntnis nahmen. „Meine Güte“, schnaufte Anne, „jetzt stellen Sie sich halt einen Bierkasten vor.“ Er blickte sie fragend an. „Die Seiten stehen in einem Winkel von neunzig Grad zueinander, und wir bewegen uns auf dem Rand. Links fängt an. Drei, zwei, und…“

Ganz überraschend dynamisch und aus der Hüfte wiegte sich Breschke im Karree, das mehr und mehr die Fläche des Wohnzimmerteppichs einnahm. Zwei ganze Walzer lang blieb er so gut im Takt, dass Anne ihm schließlich bescheinigte, was er hören wollte: die Goldene Hochzeit war gerettet. „Ich werde heute Nachmittag noch ein bisschen in der Küche üben“, verkündete er und schob den Tisch wieder an seinen angestammten Platz. Anne griff nach ihrem Mantel und öffnete die Hautür. „Wie hast Du das nur so schnell hingekriegt“, sagte ich verwundert. Sie lächelte. „Er kann nicht tanzen. Dazu hat er zwei linke Füße. Aber seine Frau kann führen. Wir müssen uns keine Sorgen machen.“ Und sie öffnete die Wagentür. „Vertrau mir, es wird ein rauschendes Fest.“





Gesetzman

28 03 2018

„Ich möchte nicht darüber reden.“ Luzie zog die Stirn in bedenkliche Falten und ließ sich auf ihrem Drehsessel nieder. „Nur eins noch: wenn diese Knalltüte noch einmal die Kanzlei betritt, dann wird er sie mit den Füßen voran wieder verlassen.“ Wie zur Bestätigung hieb sie auf den Locher.

„Brennicke ist wirklich ein schwerer Fall“, stöhnte Anne und schob mir die Akte herüber. „Er geht grundsätzlich durch alle Instanzen, überlebt jeden Nachbarn, legt immer irgendeine Art von Beweismaterial vor und, das ist das Schlimmste, er kennt nur Freund oder Feind.“ Ich blätterte die Akte durch. „Die Unterschiede scheinen fließend zu sein, richtig?“ „Wie gesagt“, tönte es hinter dem Tresen hervor, „ich möchte nicht darüber reden.“ „Er hat wegen eines zwanzig Zentimeter über die Mauer ragenden Zweiges Klage einzureichen versucht“, berichtete Anne. „Und er hat vorsorglich seinem Nachbarn Hausverbot erteilt, damit er nicht auf den Gedanken kommen könnte, das bisschen Holz vom anderen Grundstück aus abzusägen.“ Sie vollführte das international gebräuchliche Zeichen für einen Scheibenwischer vor dem Gesicht; alle bisherigen Erfahrungen waren wohl geeignet gewesen, das Verhältnis zwischen Mandant und Anwältin als reine Nervensache zu gestalten. „Das Schlimmste ist ja, er weiß alles besser.“ Als ausgewiesen gute Strafverteidigerin hatte sich Anne gerade noch vor einer Karriere auf der anderen Seite gedrückt, sehr zum Bedauern von Oberstaatsanwalt Husenkirchen; allerdings blieb er ihr weiterhin gewogen und sah die Gründung der eigenen Kanzlei mit Wohlwollen.

Im jüngsten Fall nun handelte es sich um Handtücher, zwei an der Zahl, die nicht mehr auf die Wäscheleine im Keller des nachbarlichen Hauses gepasst hatten. So trockneten sie im Garten, und zwar bis fünf Minuten nach zwölf Uhr am Samstag, fünf Minuten, in denen der hiesigen Gemeindesatzung nicht Genüge getan wurde. „Dieser Brennicke verlangt ernsthaft, dass ich ihn dafür vertrete.“ „Und Du machst es?“ Anne rollte vielsagend mit den Augen. „Ich verstehe“, sagte ich, „Du möchtest nicht darüber reden.“ „Ich kann ihn doch nicht einfach dazu bringen, sein Mandat einem anderen Anwalt zu übertragen?“ Einen kleinen Moment grübelte ich. „Warum eigentlich nicht?“ Und schon war ich verschwunden.

Mit quietschenden Reifen hielt Anne in der Tetenbüller Straße, unweit des besagten Bungalows. „Im Ernst“, knurrte sie, „ich kann Dich so nicht auf die Straße lassen.“ „Es war im Schaufenster, es ist meine Größe, und ja, es ist ziemlich figurbetont geschnitten, aber…“ „Du siehst aus wie in einer Wurstpelle“, ereiferte sie sich. „Die Hälfte des Juristenballs sieht so aus“, gab ich zurück, „also die weibliche.“ Vielleicht wollte sie es auch einfach nicht gehört haben, jedenfalls ließ sie mich aussteigen und folgte mir mit einigem Abstand. Ich hatte die Adresse, und ich hatte Glück. Brennicke bearbeitete seinen Buchsbaum mit der Schere. „Halt“, rief ich donnernd, „ich verbiete es Ihnen!“

Möglicherweise war dieser Anzug doch ein bisschen eng, der Kostümverleih jedenfalls hatte die richtige Größe herausgesucht, und es waren sicher nur die etwas auffälligen Farben, die ihn so irritierten. Man sah nicht jeden Tag einen Mann in einer schwarz-pink-grünen Pelle und silbernen Stiefeln, der durch eine Riesenbrille guckte. „Und Sie sind…?“ „Gesetzman“, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung, „ich verbiete Ihnen hiermit den Beschnitt dieses Buxus sempervivens, da er sonst keine Stecklinge ausbildet.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch…“ „Paragraf 7 Absatz 3 Satz 3 Landesverordnung über Grünbewuchs“, schnurrte ich ab. Er hob schuldbewusst die Schultern. „Ja, das mag sein, aber es ist mein Garten.“ „Ach so“, zischte ich, „in unserem Garten gelten also keine Landesgesetze, wie!?“ Ich scharrte wild mit den Stiefeln, was angesichts der hohen Absätze nicht den gewünschten Effekt hatte.

Die Landesfensterinstandhaltungsverordnung nahm er mir noch ab, zwar skeptisch, aber gegen den Paragrafen 9 konnte auch er nichts ausrichten. Beim Gesetz über die Statistik an der Grenze zum öffentlichen Raum jedoch wurde er laut. „Das sind keine zwei Millimeter“, schrie er, „und überhaupt, was geht Sie meine Hecke an?“ „Es sind zwei Millimeter“, beharrte ich, maß mit dem Daumen und einem zusammengekniffenen Auge nach und fand mein Urteil bestätigt. „Und wenn wir den Paragrafen 20 der Ersten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften hinzuziehen, haben wir hier Zweige, die ganz deutlich über die Schnittlinie hinausragen.“ „Sie haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun!“ Brennicke machte Anstalten, mit dem Rechen auf mich loszugehen. „Wo wir gerade beim Thema sind, der Zaun.“ Er blickte mich lauernd an. „Sie wissen schon, dass gemäß Paragraf 33 des Bundesgesetzes über den…“ „Raus hier!“ Er stolperte über den Rasen auf mich zu, die Harke bedrohlich über dem Kopf schwenkend. „Ich werde Sie verklagen! Verklagen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand Anne vor ihm. „Sie kommen mir gerade recht“, brüllte er und wedelte mit dem Finger. „Sie müssen ihn verklagen! Erstes Gesetz über Verordnungen zur Grünflächendurchführung!“ Irritiert blickte Anne ihn an. „Und wen soll ich jetzt verklagen?“ „Da!“ Sie sah durch mich hindurch. „Gesetzman!“ „Lieber Herr Brennicke“, sprach sie langsam, „brauchen Sie einen Arzt?“ Da schmiss er die Forke auf den Boden. „Unverschämtheit“, kreischte er. „Sie hören von meinem Anwalt!“ „Von wem?“ „Ich nehme mir einen anderen Anwalt! Und der wird Sie verklagen! Und Gesetzman! Ich verklage Euch alle! Alle!“

„Das Ding kneift“, konstatierte Anne und legte den Gang ein. „Offenbar muss ich einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben“, antwortete ich. „Erste Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften“, kicherte sie. „Wir kommt man nur auf so einen Blödsinn?“ Ich suchte an den Stiefeln nach dem Reißverschluss. „Ich möchte nicht darüber reden.“





Schutzausrüstung

15 03 2018

„Vorsicht!“ Unter heftigem Geklapper stieß ein Blecheimer an die Tür. „Da ist frisch gewischt!“ Ich trat einen Schritt zurück. Schnaufend trat Herr Breschke aus der Küche. „Immerhin kann man den Rest der Wohnung saugen. Sonst würde ich diesen Hausputz nicht aushalten.“

Ein intensiver Duft von Zitrone, Ammoniak und brennenden Autoreifen durchwehte den frühlingshaften Morgen. Der Hausherr wienerte mit dem Spülschwamm, immerhin noch mit der glatten Seite, die Türzarge. „Meine Frau lässt sich neue Dauerwellen drehen“, informierte er mich. „Und wir machen den Hausputz immer in dieser Woche, das heißt: in dieser Kalenderwoche. Da muss ich eben ran.“ Er wrang das Schwämmchen über dem Putzeimer aus; viel tropfte nicht herunter, das meiste auch noch daneben, aber das war nicht so erheblich. Der Küchenfußboden glänzte wie nach einem Wasserrohrbruch. „Das meiste lässt sich mit dieser grünen Flasche erledigen“, erklärte er, „nur für manche Anwendungen braucht es halt einen speziellen Reiniger.“ Ich guckte skeptisch, und er verstand sogleich. Die ganze Batterie stand auf der Anrichte aufgereiht, ein Mittelchen neben dem anderen, und voller Zufriedenheit sah ich, dass es handelsübliche Reiniger waren, alles aus dem Verbrauchermarkt besorgt und keine Tinkturen von fragwürdiger Rezeptur und Herkunft. „Besonders mit dem Flächenreiniger kann man sehr gut die Scheiben putzen.“ „Ich hatte auch schon einmal den Gedanken gehabt“, bekannte ich. „Leider besitze ich kein Auto, sonst hätte ich es längst einmal ausprobiert.“

Er rieb noch immer an der Tür herum, die sich langsam von ihrem eierschalenfarbig gemusterten Edelfurnier in eine weißlichgraue Fläche wandelte. „Ich würde es nicht übertreiben“, riet ich dem Alten. „Wie Sie vielleicht schon geahnt haben, die Maserung ist hier lediglich aufgedruckt und hält dem kraftvollen Einsatz von Lösungsmitteln nur begrenzt Stand.“ Irritiert ließ er das Schwämmchen sinken; tatsächlich war dort, wo Horst Breschke geputzt hatte, ein heller Streifen sichtbar, der in aufreizendem Kontrast zum restlichen Ensemble stand. „Kriegt man das wieder hin?“ Verzweifelt besah er das Ergebnis seiner heftigen Reinlichkeit. „Natürlich“, tröstete ich ihn. „Aber ich würde dazu kein chlorhaltiges Präparat mehr nehmen, es ist einfach zu scharf.“

Herr Breschke rieb sich die Finger, vielmehr: er knetete die Hände, die bis fast zu den Ellenbogen in langstulpigen Gummihandschuhen steckten. „Mit der Küche werde ich heute sicher noch fertig.“ Er griff nach einem Geschirrhandtuch, um sich die schweißnasse Stirn abzutupfen. „Sollte ich bis Donnerstag das Bad im ersten Stock nicht geschafft haben, kann ich wenigstens mit Hilfe rechnen, weil meine Frau in der Zwischenzeit sicher Apfelkuchen backt.“ Er legte das Handtuch sorgfältig zusammen drapierte es über der Lehne des Küchenstuhls und griff wieder nach dem Reiniger. „Herr Doktor Klengel würde mir zu Hand gehen.“

Vor meinem geistigen Auge erschien der pensionierte Finanzbeamte in einer Kittelschürze von geblümter Scheußlichkeit, ein Tuch über dem schütteren Haarkranz zusammengebunden, hinter ihm der langjährige Hausarzt, Schwammtücher und Bürsten anreichend. Hinterher war das Haus der Breschkes klinisch rein, hatte aber einen Nachteil: niemand würde es mehr betreten dürfen. Aber auch dafür würde dem Senior eine Lösung einfallen.

„Die Arbeitsplatte habe ich bereits zweimal gründlich geschrubbt“, berichtete er, „meinen Sie, dass das reicht?“ „Das kommt darauf an“, überlegte ich, „ob Sie zwischendurch frisch geschlachtete Hasen zerlegen und den Abwasch danach mehrere Tage lang stehenlassen.“ Er grübelte; schließlich gab er mir Antwort. „Nein, ich kann mich nicht erinnern. Meine Frau würde mir das ganz sicher sagen, aber sie ist sowieso nicht für Wild.“ Und wieder knetete er seine Hände. Offenbar juckte es in den Stulpen. „Haben Sie vielleicht irgendetwas zusammengepanscht?“ Ich roch an dem Eimer; eine strenge Kopfnote von Essig und ein erheblicher Anteil an alkoholischen Bestandteilen ließ sich ausmachen, aber gefährlich war das sicher noch nicht. Außerdem hatte Herr Breschke seine gummierte Schutzausrüstung zwischendurch auch nicht abgelegt. Es musste also einen anderen Grund dafür geben.

Rein zufällig blickte ich in die Mülltüte, die auf dem Küchenstuhl lag. Asiatische Schriftzeichen ließen mich instinktiv zugreifen, doch hatte ein mutiger Zeitgenosse seine letzten Brocken Deutsch in den Ring geworfen und ein Kauderwelsch zu Beschaffenheit und Benutzung hinterlassen. „Wenn ich das richtig verstehe“, entzifferte ich die blassen Buchstaben, „dann warnt der Hersteller vor der Berührung der Innenseiten.“ Breschke riss die Augen auf. „Das hatte ich doch nicht ahnen können“, keuchte er, „das muss man doch deutlich auf die Verpackung schreiben!“ Flugs waren die aus Taiwan importieren Fingerdinger – seine Tochter musste wieder einmal in der Region zu tun gehabt haben, ich fragte gar nicht mehr nach – ausgezogen und entsorgt. Seine Finger waren stark gerötet und geschwollen, nur mit Mühe ließ sich der Hausherr überreden, eine Pause zu machen. „Danach“, riet ich ihm, „versuchen Sie es einfach mal mit den Haushaltshandschuhen, die Ihre Frau auch nimmt.“ Er kratzte sich die gereizten Finger. „Ich mische mich nicht mehr ein, sie putzt viel besser.“ Schon tauchte er wieder das Schwämmchen in den Eimer. „Nur noch diese eine Stelle. Versprochen!“





Selbstzerstörungsmodus

7 03 2018

Luzie wedelte mit den Ellenbogen, dann wischte sie sich mit der Hand über das Gesicht, vielmehr: sie vollführte die international bekannte Geste für Dinge und Menschen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Mit einem säuerlichen Lächeln zeigte sie auf den Würfel, der den Tresen zierte. „Das ist sie.“ So klein, und doch brachte sie die ganze Kanzlei durcheinander.

„Eigentlich sollte das Gerät vieles einfacher machen“, überlegte ich, „aber danach sieht es nun nicht gerade aus.“ Die Lämpchen begannen leicht zu leuchten. „Ich verstehe Deine Besorgnis“, säuselte der Kubus. „Aber wenn Du Dich an meine Funktionen gewöhnt hast, kann ich vieles für Dich leichter machen.“ Genau das hatte ich erwartet. „Sie hält einfach nicht die Klappe“, knirschte Luzie zwischen den Zähnen hervor, „immer muss das Ding das letzte Wort…“ „Ich wusste ja nicht, dass Du nichts mehr sagen wolltest.“ „Und patzig ist das Blechteil auch noch!“ Zwischen Luzie und Lexi war das Tischtuch offenbar gründlich zerschnitten. „Dabei wollte Anne sicher alles nur ein bisschen moderner gestalten.“ Aber sie blickte immer noch skeptisch.

Die Rechnungen waren erklecklich. „Das war der Mandant mit den vielen Strafzetteln.“ Er, ein durchaus lauter Zeitgenosse, hatte das Büro mehrmals aufgesucht, Unterlagen eingereicht, kurz nach dem Befinden gefragt, und jedes Mal hatte er Lexi in Betrieb genommen, wenn auch ungewollt. „Einmal wollte er mit dem Taxi nach Hause fahren, zack: Taxi bestellt, und zwar zur Sicherheit gleich mehrfach. Und dann meinte er: ‚Ach, jetzt eine schöne große Pizza!‘. Noch Fragen?“ „Du wolltest eine schöne große Pizza“, schnarrte Lexi, „ich habe Dir schon eine bestellt, wie Du sie in der letzten Woche haben wolltest.“ Luzie stöhnte auf. „Ich wusste es.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Hat das Ding eigentlich einen Selbstzerstörungsmodus?“ Luzie schüttelte den Kopf. „Nein, aber unsere Kanzlei.“

Sollte es eine Bedienungsanleitung geben für die Kiste, so hatte Anne sie sehr gut versteckt. Überhaupt hielt sie sich gerade recht bedeckt, kam nicht mehr aus ihrem Beratungszimmer und schwieg auch sonst auf eine Art, die geradezu unheimlich wirkte, umso unheimlicher, wenn man sie sonst kannte. „Das muss sein“, erklärte sie kurz angebunden. „Ich muss den Mandanten ja schützen, schließlich sind unsere Gespräche streng vertraulich. Stell Dir mal vor, jemand legt bei mir ein Geständnis ab, das Gerät hört es und überträgt es direkt an den Staatsanwalt!“ „Das wäre für Dich als Strafverteidigerin doch eine enorme Motivation, den Mandanten trotzdme herauszuhauen.“ Lexi konnte mit ihrer Schimpfkanonade nicht wirklich etwas anfangen.

Immerhin wusste das Gerät, wo Anne auf die Schnelle Kopfschmerztabletten herbekommen könnte. „Dabei hat sie noch nicht einmal gesagt, dass sie Kopfschmerzen hat?“ Wir hatten den Feind ins Boot geholt. „Das Ding ist imstande und…“ Luzie hielt ihr dem Mund zu. „Nicht aussprechen“, knurrte sie. „Vermutlich ist es genau das, wozu die Mafia das gebaut hat: wir wünschen jemandem die Pest an den Hals, und die Maschine schickt sie uns vorbei.“ „Die Pest ist bei Ihrem Versand als Taschenausgabe und elektronisch verfügbar, der Preis liegt zwischen…“ „Keiner mag Streber“, schrie Anne. „Wie wär’s mit einer geschlossenen Gesellschaft?“

„Vielleicht muss man sie nur besser einstellen?“ Anne hatte nicht einmal eine Bedienungsanleitung für den Kasten, was aber nichts machte; sie hätte sie ohnehin nicht gelesen. „Oder man nimmt sie als Navigationsgerät?“ Luzie schnaufte. „Ich würde sie aus dem Fenster schmeißen.“ „Sie läuft sowieso nicht mit Batteriebetrieb“, beschwichtigte Anne. Das änderte jedoch nichts daran, dass der metallene Quader ruhig lauernd auf dem Tresen thronte, als wolle eine finstere Fürstin alle Geheimnisse der Kanzlei ausforschen. Was den Verbrauch an Kaffee und Pizza anging, es wäre nachvollziehbar gewesen, aber auch nur in wirtschaftlicher Hinsicht. „Das Mikrofon müsste man irgendwie verlöten können“, mutmaßte Luzie. „Oder man probiert etwas mit Sekundenkleber.“ „Nagellack“, meinte Anne. „Nagellackentferner?“ „Oder einfach einen Nagel?“ Die unverhohlene Brutalität der beiden Frauen machte mir schon ein wenig Angst, obgleich ich kaum etwas zu befürchten hatte. „Oder Du lässt Sie rein zufällig in den Geschirrspüler fallen, wenn Du abwäschst?“ „Ein Eimer Wasser dürfte bei ihr doch reichen, oder?“ „Haarspray!“ „Ich habe noch Sprühkleber.“ Luzies Augen begannen gefährlich zu funkeln. „Klarlack, und danach in Sand wälzen.“ „Also erst den Sprühkleber, dann Sand und danach den Klarlack?“ Sie wäre wie eine Furie auf den Quatschkasten losgegangen, hätte ich sie nicht im letzten Augenblick daran gehindert. „Ich bitte Euch“, rief ich sie zur Ordnung. „Das kann man doch zivilisiert lösen.“

Im ausgeschalteten Zustand sah sie sogar recht stylish aus. Schwarz eloxiertes Aluminium, der Standfuß war von einer silbernen Leiste umgeben, die wenigen Anschlüsse lagen dezent an der unteren Kante verborgen. „Es gibt immer Abnehmer“, sagte ich. „Gebt eine Kleinanzeige auf, und innerhalb von drei Tagen seid Ihr das Biest garantiert los.“ Anne klatschte in die Hände. „Perfekt! Jetzt müssten wir nur noch…“ Luzie biss sich auf die Lippe. „Lexi, wo verkaufen wir Dich?“





Blaue Eminenz

10 01 2018

„Er ist im Fernsehzimmer“, flüsterte Frau Breschke und deutete vorsichtig, ganz vorsichtig mit dem Finger zum oberen Stockwerk. Es war am späten Vormittag, doch die Rollläden waren komplett heruntergelassen. Teilnahmslos guckte Bismarck mich an, als wollte er sagen: geh nur, ich habe es auch nicht hingekriegt.

Und tatsächlich, da saß, vielmehr: kauerte der pensionierte Finanzbeamte im Lehnsessel, den Rücken zur Fensterfront, was allerdings angesichts der licht- wie luftdicht verrammelten Scheiben auch keinen großen Unterschied mehr machte. „Ich kann nie wieder rausgehen“, wimmerte er, den Kopf in den Armen bergend. „Nie, nie, nie wieder!“ Dabei umfasste er das turbanartige Gewirr, das er auf dem Haupt trug, eine Ansammlung aus diversen Strick- und Wirkgegenständen, mützenähnlichen Objekten sowie einer monströsen Fellkappe, die den Trumm krönte, erkennbar an den nach oben gebunden Ohrenklappen, mit denen sich russische Jäger im Anstand auf Großwild vor den Unbilden der Taiga zu schützen pflegten. Hier aber herrschten mollige zweiundzwanzig Grad, so dass Breschke in seinem braunen Oberhemd einschließlich Strickjacke im Zimmerchen hockte. Kein Großwild weit und breit. „Es hat doch so gut gerochen“, stammelte er.

Bis vor wenigen Jahren hatte Horst Breschke noch volles Haupthaar besessen, es muss wohl vor gut zwanzig Lenzen der Fall gewesen sein. Anders als aber jene Marotte, eine sich mehrmals von einem Ohr zum anderen und wieder retour liegende Strähne wachsen lassen, die allmählich dünner wird und ebenfalls ausfällt, trug er einen hübschen Kranz aus gestutztem Haar hinterwärts um sein Haupt. Der Gattin gefiel’s, und damit war die Sache gut. „Die Frisöse meinte nun aber, ein kräftigendes Tonikum sei hilfreich.“ „Und Sie haben die Dame auch gleich nach einem Präparat gefragt?“ Er schüttelte den Kopfputz. „Tja“, resümierte ich, „dann kann es ja nur noch…“ Er nickte, still und gottergeben.

Natürlich hatte seine Tochter irgendwo auf den kenianischen Komoren oder auf einem Viehmarkt in Honolulu ein wunderliches Serum entdeckt und es per Express unter den Weihnachtsbaum gesandt. Da es sich nicht um elektrische Geräte oder essbar anmutende Gegenstände gehandelt hatte, war ihr instinktiver Widerstand sichtbar geschwächt. Bei der Inaugenscheinnahme des Flakons mit diversen sino-tibetanischen Schriftzeichen – ähnlich denen, die sich junge Damen jeden Alters in Körperpartien ohne direkten Sichtkontakt einstechen lassen, nicht wissend, ob es die kantonesische Übersetzung von „Hund Katze Maus“ oder ein Rezept aus eben diesen Zutaten sei – stellte ich immerhin fest: das Zeug roch nicht schlecht, jedenfalls dann, wenn man eine gewisse Schwäche für Veilchen hatte, für sehr, sehr intensiv riechende Veilchen, die nach dem zweiten Atemzug Druck in der Schläfenregion und eine leichte Grundübelkeit entstehen ließen. „Das also“, ächzte ich, „haben Sie sich in die Haare geschmiert?“

Schicht für Schicht enthüllte der alte Knabe seinen Kopf. „Ich wollte das nicht“, stöhnte er, und: „Meine Frau hat das noch gar nicht gesehen.“ Ich stutzte. „Interessant“, befand ich. „Ich kenne eine Menge chemischer Reaktionen, bei denen der Besuch im Hallenbad eine Wasserstoffblondierung grasgrün färbt, aber Sie gehen jetzt wohl als blaue Eminenz durch.“ Der Haarkranz hatte sich zu einem zart getönten Himmelblau gewandelt. „So kann ich doch nicht unter die Leute“, schluchzte der Alte. „Ich mache mich doch zum Gespött der Straße!“ „Ach was“, tröstete ich ihn. „Sie stehen doch über solchen Dingen. Erst mal unter die Brause, ich bin sicher, die Hälfte wäscht sich noch heraus. Ich bin gleich wieder da.“

Da bei Breschkes nur höchst selten etwas aus dem Kleiderschrank entsorgt wurde und der letzte Versuch der Gattin erst ein paar Jahre her war, fand ich sofort das richtige Stück. „Er hat es nur einmal getragen“, bestätigte Frau Breschke, „das war bei der Karnevalssitzung, wo er die…“ Wir schwiegen. „Gut“, sagte ich. „Es ist rot, und das genügt.“

Der Nieselregen hatte für einen Augenblick nachgelassen, Bismarck zerrte ungewohnt heftig an der Leine, nur Herr Breschke sah ängstlich auf sein Spiegelbild. „Ich weiß ja nicht“, moserte er, „wenn ich nun wirklich…“ „Andernfalls“, entgegnete ich ungerührt, „wird der Hund Ihren Teppich mit recht eindeutigen Marken versehen. Sie wollen das doch nicht?“ Ein scheuer Blick zur Küche, dann nickte der Hausherr ergeben und griff nach der Leine. Das rote Jackett mit der bunten Stickerei auf der Brust saß wie angegossen, ja es machte dem Mann sogar eine ausgesprochen gute Figur, besonders um die Hüften.

Bismarck tat seins, der dümmste Dackel im weiten Umkreis lief seinem Herrchen beharrlich um die Beine herum, oft auch zwischendrin, und gab sich alle Mühe, Hecken und Wege genauestens zu erkunden. Da kam schon Gabelstein an den Zaun, der tumbe Nachbar, und tat beschäftigt mit seinem lächerlich kleinen Schäufelchen. „Herr äääh…“, stammelte er, angesichts des Anblicks, bekam aber keine Notiz. Erst auf weiteres Fuchteln drehte sich Breschke um. „Man trägt das jetzt so“, schoss er den Störenfried an. „Was dagegen?“ Brüsk wandte sich Gabelstein ab und marschierte auf sein Haus zu. „Hervorragend“, lobte ich Breschke, „und jetzt setzen Sie einfach noch die Mütze auf. Nur zur Sicherheit.“