Beweismittel

22 06 2017

Herr Breschke wedelte mit beiden Armen, dann schlich er sich an der Kellertreppe entlang in Richtung Hecke. Deutlich sichtbar legte er den Finger über seine Lippen. Dabei hatte ich gar nicht vor, seine Pantomime zu kommentieren.

„Das muss es sein“, wisperte er mir zu. „Das da hinten, ich habe es genau erkannt, das ist bestimmt das Mikrofon!“ Er deutete verstohlen mit dem Zeigefinger auf Gabelsteins Grundstück, starrte unterdessen angestrengt in die andere Richtung und lief dann auf Zehenspitzen wieder zur Kellertreppe zurück. „Ich kritisiere Sie ja nur höchst ungern“, bemerkte ich möglicherweise eine Spur zu laut, „aber meinen Sie nicht auch, dass es kaum auffälliger geht?“ Die beiden älteren Damen, die auf dem Trottoir standen und verwundert in die Einfahrt hineinblickten, schüttelten die Köpfe, und sie entfernten sich nur langsam und widerstrebend; wahrscheinlich hatten sie gehofft, Zeugen einer sehr merkwürdigen Angelegenheit zu werden, die jetzt doch nicht oder wenigstens nur im Garten eines fremden älteren Herrn stattfinden sollte. „Das ist mein Grundstück“, ereiferte sich Breschke im Flüsterton, „da werde ich doch wohl schleichen dürfen, wo ich will!“

Nun war Gabelstein prinzipiell jede Schandtat zuzutrauen, er hatte dem Nachbarn aus Bosheit eine Karre Laub über den Zaun und jede Menge Schnee auf den frisch geräumten Weg gekippt, Bismarck mit Papierkrampen beschossen und heimlich nachts Löwenzahn auf dem Rasen gesät. Aber eine derart komplizierte Operation sah ihm schon aus Gründen der Intelligenz nicht ähnlich, und dass Horst Breschke ihn seit Jahr und Tag mit allerlei wenig schmeichelhaften Worten zu bezeichnen pflegte, war ihm auch bekannt. „Vielleicht habe ich bei der Gartenarbeit irgendwann einmal ein unbedachtes Wort über meine Arbeit im Finanzamt geäußert“, sinnierte der alte Herr, „und er wird mich damit zu erpressen versuchen. Das sieht ihm ähnlich!“

Da wurde ich stutzig. „Was ist denn das da?“ Er packte mich am Arm. „Das ist der Beweis“, keuchte Herr Breschke, „er hat meinen Garten verkabelt – das sind bestimmt Funkmikrofone!“ Schon warf er sich, nein: ließ sich in mehreren Stufen, aber doch verhältnismäßig rasch auf den Rasen nieder. „Sie werden ja Grasflecke in ihrer Strickjacke kriegen“, mahnte ich, aber er hörte schon gar nicht mehr zu. „Da läuft die Schnur“, ächzte er. Wie ein schwer bewaffneter Kämpfer – die Gartenschere hatte er wohlweislich am Fuße der Kellertreppe auf der Fensterbank liegen lassen – robbte er sich nun an der Hecke entlang, alle anderthalb Armlängen einmal ins Strauchwerk hineinlangend, bis er unter trockenen Blättern und Ästchen die Strippe wieder zu fassen bekam. „Sie geht wohl bis ganz vorne“, japste er, und wie anders ließ sich die Mutmaßung beweisen als durch einen gut fünfminütigen Kriechgang bis knapp vor das Gartentor. Einmal machte Breschke dabei Anstalten, mit krebsrotem Kopf liegen zu bleiben; ich sah mich schon die Nummer des Notarztes wählen und ihm mühsam auseinandersetzen, warum der pensionierte Beamte an einem angenehmen Sommertag bewusstlos in seinem eigenen Garten mit einem Stück Elektrolitze in der verkrampften Faust abtransportiert werden musste. „Noch gut zwei Meter“, röchelte Breschke, „nur noch…“ „Also wirklich!“ Die beiden Damen waren entrüstet und daher in nicht zu steigernder Neugier zum Zaun zurückgekehrt, hatten sich dort mitsamt ihren erbaulichen Heftchen postiert und sahen nun einen Maulwurf in braungrauem Strick, der triumphierend einen Stecker aus dem Laubwerk riss. „Das ist der Beweis!“ „Entschuldigung“, gab die eine der beiden zaghaft zurück. „Wir wollten mit Ihnen über…“ „Dieser Unhold!“ Er hieb mit den Fäusten auf die Rasenkante. „Dieser miese Patron!“ Mit einem Riesensatz verschwanden die Missionsschwestern von der Gartenpforte, und das im rechten Augenblick, denn jetzt erhob sich der Alte zu voller Größe, stürmte auf die Kellertreppe zu und verschwand im Untergeschoss.

Gewaltiges Rumoren kündigte es an: mit einem verdächtigen Gegenstand in der Faust stapfte er die Treppe wieder hinauf, näherte sich schwer atmend der Hecke und legte an. „Das hat sich Gabelstein selbst zuzuschreiben“, schnaubte er. „Lassen Sie das doch“, ermahnte ich ihn. „Sie werden sowieso alles treffen, nur nicht das Ziel.“ In der Tat zitterte das Luftgewehr in Breschkes Händen gewaltig. „Nehmen Sie das Ding einfach runter und…“ Da hatte sich schon ein Schuss gelöst. Zum Glück hatte er kein Fenster getroffen, nicht einmal die Fassade von Giebelsteins Haus. Weniger schön, dass das Projektil das gewünschte Ziel erreichte. Die silbrig verspiegelte Kugel auf dem Bambusstöckchen zersplitterte, und nichts war zu sehen außer eben diesem Stab. Kein Kabel verbarg sich darunter, kein technisches Gerät. Kein Mikrofon.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, knurrte Breschke, schulterte sein Gewehr und ging wieder auf das Haus zu. „Einen alten Mann so zum Narren zu halten – das sieht diesem Unhold ähnlich!“ Dann beugte er sich zu mich herüber. „Aber bitte“, flüsterte er, „erzählen Sie bloß meiner Frau nichts davon!“





Mahnverfahren

7 06 2017

Luzie stöhnte. „Ich wünsche ja niemandem etwas Schlechtes“, presste sie hervor, während jeder von uns wusste: doch, einem. Anne konferierte hektisch mit dem Amtsgericht – es ging um eine größere Kuchenlieferung für den Geburtstag einer Kollegin, aber das musste niemand wissen – und Herr Kurtz saß im Vorzimmer, als hätte er sich mit voller Absicht auf einem Besenstiel niedergelassen. Wahrscheinlich war er schon so geboren worden.

„Es ist eine Minute vor elf Uhr“, trompetete er aus dem Raum. Luzie verdrehte die Augen. Sie kam gar nicht dazu, das Naheliegende zu sagen, denn schon erschien der Mandant unter dem Türstock und plusterte sich zu voller Größe auf. „Ich sage das nicht als Kritik“, tönte Kurtz, „denn es ist ja noch einmal Elf, aber Sie müssen darauf achten, dass Sie Ihre Termine, wenn Sie schon langfristig vergeben werden, dann auch mit der passenden Pünktlichkeit…“ „Kommen Sie herein“, knurrte Anne. „Einen Moment noch“, unterbrach der Mann mit dem wie angenagelt sitzenden Anzug. „Ich werde mir vorher noch die Hände waschen.“

„Er ist immer so“, seufzte Luzie. „Beim letzten Besuch wollte er einen Büroklammerfabrikanten auf horrenden Schadenersatz verklagen, weil in seiner Schachtel nur 498 Stück waren.“ Sie klopfte auf einen dicken Aktendeckel; offensichtlich hatte der Streithahn sich nicht mit dem Urteil der ersten Instanz zufriedengegeben. „Danach hat er einen Damenfrisör vergeblich abgemahnt, weil dieser seinen Salon erst eine Minute nach sieben Uhr geöffnet hatte.“ „Verstehe“, murmelte ich, „er ist verheiratet.“ Luzie zog die Stirn in Falten. „Dieser Mann hat nicht einmal Topfblumen.“

Energisch schritt Kurtz voran ins Besprechungszimmer, setzte sich ungefragt und begann eine Menge Papier auf Annes Schreibtisch auszubreiten. „Ihnen auch einen schönen guten Morgen“, sagte sie lakonisch und ließ sich nieder. „Dies hier“, und Kurtz tippte ganz entschieden auf den groß aufgefalteten Stadtplan, „ist ein besonders eklatanter Fall von Irreführung, den wir sofort mit der ganzen Härte des Rechts abstellen werden.“ Ein dickes Bleistiftkreuz an der Ecke Uhlandstraße und Birkenweg sowie eine Markierung auf dem alten Gelände der städtischen Gärtnerei deuteten auf den Fall hin. „Zweihundert Meter sollen das sein.“ Er beugte sich weit vor und starrte mir triumphierend in die Augen. „Jetzt haben wir die Brüder am Schlafittchen – es sind gut drei Meter mehr!“ „Sie haben sicher nicht von der Kante des Grundstücks aus…“ Doch Kurtz schnitt mir einfach das Wort ab. „Allerdings“, schrie er, „allerdings! Direkt von der Grundstücksgrenze aus, und dann sind es noch einmal fast acht Meter bis zur Einfahrt. Ich wittere einen Betrug, wenn ich ihn sehe, das können Sie mir glauben!“

Damit hatte es selbstverständlich kein Ende. Der Querulant blätterte eine lange Liste durch, er hatte tatsächlich die Gehwegplatten – es handelte sich mit Ausnahme zweier Grundstückseinfahrten mit Kopfsteinpflaster, die aber noch einmal extra ausgemessen wurden, um dieselbe Sorte von Betonplatten, eine Krümmung der Straße war so gut wie vernachlässigbar für die Berechnung – einzeln abgezählt und die Breite damit malgenommen. „Auch hier haben wir, eine kleine Rundung von der Millimetern zugunsten des Teppichhändlers habe ich sogar schon abgezogen. Was sagen Sie nun?“ Anne tat, was sich ohnehin anbot, und schwieg eisern weiter. Sie würde den Teppichmarkt in der Uhlandstraße abmahnen müssen, schließlich hatte Staatsanwalt Husenkirchen neben vielen anderen Knalltüten auch diesen Mandanten zu ihr geschickt. „Wenn sie sich auf einen Zusatz einigen könnten, wie wäre es denn mit ‚Circa 200 Meter‘?“ Kurtz schüttelte entschieden den Kopf. „Erst werde ich arglistig, ach was: böswillig werde ich getäuscht von diesem Gauner, und dann soll ich auch noch klein beigeben, damit er sein schmutziges Geschäft mit den anderen unschuldigen Leuten weiterhin treiben kann?“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch; Anne zuckte empfindlich zusammen. „Das ist ein bösartiger Betrug, er verschafft sich einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegen andere Händler – das werden Sie unterbieten!“ Wie im Rausch blickte er sich um, ob nicht jemand applaudieren wollte, es war aber keiner da.

„Was ist denn nun Ihr Grund“, begann ich, „mussten Sie etwa Ihren Teppich drei Meter weiter nach Hause tragen als beabsichtigt?“ Fast mitleidig sah er mich an. „Erstens brauche ich gar keine Teppiche, und zweitens würde ich das wie jeder andere Mensch mit dem Auto erledigen. Stellen Sie sich doch nicht dümmer an, als Sie ohnehin schon sind.“ Anne lehnte sich zurück. „Sie sind also von der Lage des Grundstücks gar nicht betroffen.“ Kurtz schnappte ein. „Wenn man einen Mann ermordet, muss man dann auch immer erst warten, bis er sich beschwert?“ „Erstens kann man das nicht vergleichen, und…“ Außer sich vor Zorn sprang er auf. „Ich habe Ihnen zehntausend Mal gesagt, dass Sie mich nicht unterbrechen sollen!“ Anne zog ganz langsam die Stirn in Falten. Kurtz tastete noch nach der Stuhllehne, dann raffte er hastig die Papiere vom Tisch und stürmte zur Tür hinaus.

„Ich bin mal eben weg“, teilte Luzie mit. „Fünf Minuten, ja?“ Anne zog den Schreibblock aus dem Papierstapel. „Kriege ich das schriftlich?“





Intelligente Technik

18 05 2017

„Sehen Sie hier ein Stäubchen?“ So sehr ich auch sah, sah ich nichts. Herr Breschke triumphierte. „Der Teppich ist nicht nur rein, sondern auch äääh… sauber.“ Das hätte man von einem neuen Staubsauger in der Tat nicht erwarten können. Er war wirklich ein großer Kenner der postmodernen Haushaltstechnik.

„Die Leistung ist wirklich enorm“, schwärmte Breschke. „Und dabei ist er ja wirklich sehr klein, man weiß gar nicht, wohin er den ganzen Staub pustet.“ Ein flüchtiger Blick auf die Bücherregale half diese Frage zu beantworten, aber darum ging es ja gerade nicht. Seine Tochter hatte wieder einmal ein Angebot durchreisender taiwanesischer Händler nicht ausschlagen können – am Preis hatte es, wie so oft, wirklich nicht gelegen – und dann einen der zeitgemäßen Bodensauger erstanden, die man nicht mehr am Teleskopstock durch die Etage stoßen musste, verbunden mit Kabelgewirr und lahmen Armen, ohrenbetäubendem Lärm und ständig vollen Papierbeuteln, die noch dazu für einen unverständlich hohen Preis kontinuierlich zu ersetzen waren. Der kreisrunde Sauger, so wie er in der Broschüre abgebildet war, hatte alle diese Mühe abgeschafft und geradezu paradiesische Zustände ausbrechen lassen. „Wobei“, merkte Horst Breschke an, „wobei man auch sagen muss…“

Einen Nachteil hatte der Sauger: er blieb seit Tagen verschwunden. „Ich habe ihn verloren“, beichtete er. „Und meine Frau weiß es noch gar nicht.“ Das erklärte einiges, unter anderem das aktuelle Staubaufkommen. „Man muss das Ding regelmäßig aufladen“, erklärte Herr Breschke, „und da ich ihn zum Lernen der Saugwege immer wieder in die Ladestation im Flur gesteckt habe, kann er nun so gut wie überall sein.“ Er grübelte angestrengt nach. „Nein“, schloss er, „nicht überall. Ich habe ihn ja nur im Erdgeschoss eingesetzt.“ „Das vereinfacht die Angelegenheit ungemein.“ Er blickte mich zufrieden an. „Ich wusste, es würde sich bezahlt machen.“

Bismarck lag dösend auf dem Fernsehsessel. Der wohl dümmste Dackel im weiten Umkreis, dessen einzige Leistung es war, seinem Herrn an der Leine zwischen den Beinen herumzulaufen, hatte den Verlust des Saugroboters schadlos überstanden, mehr noch: es machte ihm nichts aus. „Er mochte ihn nicht“, erläuterte Breschke. „Ich weiß auch nicht, woran es gelegen haben kann, vielleicht an diesem unangenehmen Surren, auf jeden Fall mochte er ihn überhaupt nicht.“ „Ein sehr gute Hinweis“, erklärte ich. Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine großen Hoffnungen“, seufzte er. „Ich habe ihn auch schon gefragt, er weiß es nicht.“

Im Garten also konnte er nicht sein, der Einsatz war stets bei geschlossenen Türen erfolgt. Ebenso war ein Verlust im oberen Stockwerk ausgeschlossen. „Das heißt, wir müssen im Erdgeschoss suchen.“ „So weit waren wir schon“, bemerkte ich. „Wäre es nicht denkbar, dass er in irgendeiner Ecke feststeckt und ohne ausreichende Ladung gegen eine Wand drückt, anstatt sich aus der Klemme herauszumanövrieren?“ Er schüttele den Kopf. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Die aus dem Taiwanesischen in eine Art steinzeitliche Bilderschrift übersetzte Bedienungsanleitung, die leicht an Höhlenmalereien gemahnte, schwieg sich in vielen wichtigen Punkten aus, ließ aber keinen Zweifel daran, dass es sich um ein intelligentes Gerät handelte. „Wenn es intelligente Technik ist“, überlegte der pensionierte Finanzbeamte, „dann kann es doch nicht in irgendeiner Ecke hängen bleiben, oder?“ Für Notfälle dieser Art, jedenfalls lehrte uns das eine durchaus dramatische Folge hieroglyphenartiger Bilder, die ein Szenario von dräuendem Ungemach zeigte, gab es an der Ladestation einen Schalter, der den Sauger in einen Alarmzustand versetzte, in dem er ein beständiges Piepsen aussandte, und zwar so lange, bis man es an der mobilen Saugeinheit wieder abschaltete. „Der Nachteil ist“, stellte ich fest, „man muss dazu auch einen Schalter am Sauger betätigen.“ „Ja sicher“, nickte Breschke. „Man kippt diesen Schalter hier hinten am Sauger, und schon weiß man, wo er ist, und kann den Schalter wieder kippen. Die Hersteller werden sich schon etwas dabei gedacht haben.“ Mir fiel beim besten Willen nicht ein, was. Aber das lag bestimmt an meiner fehlenden Erfahrung mit Haushaltsgeräten der neuesten Generation.

„Ich habe eine Idee.“ Bismarck guckte mich mit einer Mischung aus Überraschung und völliger Ahnungslosigkeit an, als ich ihn unversehens vom Sessel herunterhob. „Such“, befahl ich ihm. Er blickte mich mit komplettem Unverständnis an. „Sehr gut“, konstatierte ich. „Wir gleichen einfach die Intelligenz dieses Saugers mit der Intelligenz des Hundes ab“, bedeutete ich Herrn Breschke. „Die Ergebnisse sind eindeutig.“ Verwundert, aber mit der gewohnten Widerstandslosigkeit ließ sich Bismarck in den Flur transportieren, wo er mit ratloser Miene um sich blickte. Erst in der Küche packte ihn sichtbares Unbehagen – kommentarlos lief er zum Ausgang und dackelte wieder auf den Sessel zu. „Na also“, stellte ich befriedigt fest, sah unter die Küchenanrichte und zog den Roboter von der Wand. „Aha.“ Langsam begriff Breschke. Er knipste den Schalter an der Rückseite der Saugscheibe an. Deutlich vernehmbar piepste es durch den Raum. „Ich glaube“, sinnierte er, „wir haben ihn gefunden.“ Er setzte das Gerät wieder auf den Küchenboden. „Wie gut, dass die moderne Technik es einem so leicht macht.“





Kriechstrom

3 05 2017

Eifrig durchwühlte Breschke die Kellerschublade. „Irgendwo müssen sie liegen“, murmelte er, „ich hatte sie bestimmt hier hineingelegt.“ Angesichts des feuchtkalten Wetters war es nur zu verständlich, dass er den Rasen mit Handschuhen mähen wollte. Vielleicht lag es ja an diesem neuen Apparat.

„Elektrisch“, erklärte der Hausherr nonchalant, „aber die heutigen Geräte haben natürlich keine Schnur mehr. Das ist über Funk, oder so.“ Der neue Rasomat L205 hatte zwar einen ergonomischen Handgriff, ein außergewöhnlich formschönes Gehäuse und eine attraktive Zierlackierung, aber die Stromantenne war wohl im Innern verbaut. Es war wohl doch nur ein Akkumulator, der das Ding mit Energie versorgte. Da stand der Mäher auf dem Gras, unmittelbar vor der Kante des Rosenbeetes, und harrte auf den Einsatz. Wir stapften über das Grün, möglicherweise ein bisschen zu schnell, denn da hörte man den elektrischen Schnitter auch schon summen. „Sie haben ihn gar nicht ausgeschaltet?“ Horst Breschke schüttelte den Kopf. „Unseren Fernseher lassen wir nachts auch immer brennen.“

Manche hätten das Gras zu lang gefunden, manchen wäre es in diesem Augenblick auch zu nass zum Mähen gewesen. „Es ist auch ein bisschen früh.“ Zierte er sich etwa? „Dabei haben Sie mir doch vorgeschwärmt, wie flüsterleise dieser Mäher sei.“ Der pensionierte Finanzbeamte zierte sich in der Tat. Es musste sich um ein wirklich sehr leises Gartengerät handeln, so weit kannte ich ihn. „Man kann diesen Hebel einfach umlegen, es ist wie eine Art Automatikgetriebe, und dann startet es.“ Ich blickte voller Interesse auf das formschöne Gehäuse mit der attraktiven Zierlackierung. Vielleicht würde sich das Ding aus lauter Motivation in Bewegung setzen. Wahrscheinlich aber eher nicht.

„Laut Bedienungsanleitung kann man damit größere Flächen mähen.“ Wahrscheinlich handelte es sich da um mehrere Mäher, um sehr kleine Fußballfelder oder um eine suboptimal übersetzte Bedienungsanleitung. Breschke ruckelte an der Maschine, die offensichtlich Startschwierigkeiten hatte. „Es ist“, bestätigte ich, „tatsächlich noch ein bisschen früh. Diese modernen Geräte sind sicher besonders sensibel. Aber das muss ja für den Rasen nicht schlecht sein.“ Er schob den Mäher recht langsam vor sicher, genauer gesagt: es sah so aus, als schöbe er ihn, aber es war nicht auszuschließen, dass das Gelände sich unter dem Schneidewerk durch natürliche Erosion wegbewegte. Oder durch die Erdrotation. Oder es handelte sich um eine optische Täuschung. Jedenfalls kam der Mäher nur um wenige Fingerbreit voran, wobei er aber zum Ausgleich so gut wie gar nicht mähte, zumindest nicht im sichtbaren Bereich. Oder das Grad wuchs unterdessen besonders schnell wieder nach. „Ich werde jetzt mal ein bisschen schneller schieben“, kündigte Herr Breschke an und stemmte sich gegen den Bügel.

Der Mäher murrte wie ein altersschwaches Auto, das im dritten Grand den Berg hochfährt. „Vermutlich läuft das Ding auf Kriechstrom.“ Er schwitzte. Das Gras war unbestreitbar nass. Noch immer blieben zehn Meter bis zur Auffahrt, der Vortrieb lief langsam aus und die Stromversorgung des Rasomat L205 legte sich zur Ruhe. „Sie sollten erst einmal Schluss machen“, riet ich ihm. „Wenn Sie ihn jetzt aufladen, können Sie morgen früh in aller Ruhe weiterarbeiten. Das Wetter soll sich ja noch ein paar Tage halten.“

Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass der Mäher für die Rasenfläche hinter dem Haus nur fünfmal aufgeladen werden musste. Die Kante zum Zaun sowie das Stücken Grün vor dem Haus würden nochmals zwei bis drei Ladungen in Anspruch nehmen, so dass bei durchschnittlicher Ladezeit von sechs Stunden zwei Mähgänge pro Tag würden stattfinden können, die in eine Woche passten und sogar das Wochenende freiließen. „Und Sie müssen sich nicht so verausgaben wie mit dem alten Handschneideapparat“, fügte ich an. „Diese moderne Technik ist schon nicht zu verachten.“

Wütend stampfte Breschke ins Haus zurück. „Man kann die Batterie wechseln“, schnaufte er, „der Verkäufer hat das nämlich extra gesagt, man kann sie rausholen und dann mit dem Stecker direkt anschließen – genau das werde ich jetzt machen!“ Irgendwo in der Schublade musste sich auch die Bedienungsanleitung für den Mäher befinden, jedenfalls begann er das Kellerschränkchen zu durchsuchen. „Irgendwo muss es liegen“, schimpfte er, „diese Heftchen werden immer kleiner. Man weiß kaum noch, wo man sie aufbewahren soll.“ Immerhin fand sich das Faltblatt wieder an, nebst einem Werbeprospekt, der auch einen Ersatzakku anbot. „Genau das hat der Verkäufer gesagt, das ist die Batterie, und damit kann man nochmals fünfzig Quadratmeter…“ Er stockte. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Hersteller gleich die unverbindliche Preisempfehlung dazugeschrieben hatte. Ungläubig starrte Breschke in den Prospekt. Dann lief er schnurstracks über den Rasen. „Wollen Sie ihn gleich anschließen?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Lassen Sie mich mit diesem neumodischen Kram in Ruhe“, schrie er. „Dann kaufe ich mir doch lieebr ein Schaf!“





Steinzeitdiät

27 04 2017

„Ruf Doktor Klengel an!“ Hildegard tupfte sich den Schweiß mit dem Handtuch ab. Sie sah blass aus, deutlich blasser als ohnehin, und es stand ihn nicht einmal gut. „Nichts täte ich wohl lieber“, sagte ich mitfühlend, „allein der alte Herr praktiziert seit Jahren nicht mehr. Wie wäre es mit der Ärztin Ecke Uhlandstraße?“

„Es ist eine Glutenallergie“, entschied sie. „Bestimmt ist es eine Glutenallergie, diese fürchterlichen Bauchkrämpfe sind ja auch ganz typisch dafür. Die Apothekenzeitschrift hatte da neulich einen Artikel.“ So schlecht konnte es ihr gar nicht gehen, dass sie nicht sofort im Altpapier neben dem Abfalleimer nach dem Blättchen gesucht hätte. Bedauerlicherweise fand sie es nicht. Ich hatte es am Tag zuvor reflexartig in kleine Schnipsel zerrissen und aus ihrem Gesichtsfeld verschwinden lassen. Das ersparte mir nicht die minutenlange Diskussion, wo sich das Heftchen nur wieder befinden könne, wohl aber ein mehrstündig angelegtes medizinisches Kolloquium. „Dein Müsli enthält Getreide, anders kann ich mir das nicht erklären.“ „Du isst kein Müsli“, gab ich in nahezu sträflicher Klarheit zurück. „Sollte Deine Allergie etwa durch den Anblick der Tüte entstanden sein oder durch das Berühren der Schüssel nach dem Abwasch?“ Grimmig blickte sie mich an. „Du musst ja nicht leiden.“

Sie litt, das ist wahr; allerdings litt sie nicht genug, sonst hätte sie nicht den Vorratsschrank inspiziert auf der Suche nach tödlichen Substanzen. Bei der Kondensmilch wurde sie fündig. „Da“, rief Hildegard aus und hielt mir das Päckchen entgegen, „mehr Allergene auf einmal kriegt man doch nicht gekauft.“ „Abgesehen davon, dass Du keine Milch in den Kaffee nimmst und diese Packung nur für Besuch geöffnet wird, wie soll man davon eine Glutenunverträglichkeit bekommen?“ Sie stöhnte. „Das Zeug ist wahrscheinlich längst überall drin und verursacht Schmerzen.“

Mehrere Minuten später schleppte sie sich in die Küche zurück. „Ab jetzt esse ich auch keine Wurst mehr zum Frühstück“, verkündete Hildegard. „Das billige Industriefleisch wird nämlich mit Eiweißen gestreckt, die mir nicht bekommen.“ Das leuchtete mir spontan ein, da man für ihren Aufschnitt sicher längst eiweißfreie Schweine gezüchtet haben wird, die man dann mit Milchpulver wieder in einen verzehrfertigen Zustand bringt. Ich hätte das wissen können, aber als Banause macht man sich natürlich keine Gedanken über so komplexe Themen, schon gar nicht beim Frühstück. Vielleicht war es aber auch der Schmierkäse, den sie täglich verzehrte. Sie lehnte das entschieden ab. „Da wird sicher kein Milcheiweiß drin sein“, verkündete sie. „Ich habe auf der Packung noch nie etwas darüber gelesen.“ „Weil Du noch nie auf der Packung etwas gelesen hast“, merkte ich an. „Das sage ich doch“, zischte Hildegard.

Erschöpft ließ sie sich auf dem Küchenstuhl nieder. „Wir brauchen eine neue Ernährungsweise“, ächzte sie, und mir dämmerte, dass sie damit nicht die Menschheit an sich meinte, sondern vor allem mich. „In der Steinzeit haben die Leute auch kein Müsli gegessen, es gab keine Milch, alle wurden satt.“ „Und in Deinem Alter waren die meisten schon längst tot“, sagte ich ungerührt, doch das war ihr egal. „Diese Steinzeitdiät ist tatsächlich gar nicht so schlecht. Ich werde mich mal informieren darüber, und dann werden wir ja sehen, ob es nicht tatsächlich die bessere Ernährung ist.“ Vor meinem geistigen Auge erschien Hildegard in einem von Knochen zusammengehaltenen Bärenfell und aß wie die Steinzeitmenschen, morgens Mammut, mittags Mammut, abends eine Handvoll Gras. Am Lagerfeuer würde sie sich als kleine Knabberei ein Flughörnchen rösten. Allerdings stand zu fürchten, dass ich das würde übernehmen müssen, denn sie stellte sich im Sommer aus Prinzip nicht vor den Grillrost, um diesem, wie sie sagte, männlich dominierten Urmenschengehabe zu entkommen.

„Ich meine, man kann sogar Avocado essen und Kohl. Die Steinzeitmenschen hätten auch Avocados gegessen, wenn sie welche gehabt hätten.“ „Das klingt logisch“, befand ich. So hatte ich das noch nie gesehen – und die Steinzeitmenschen hätten sicher auch Leberwurst nicht verschmäht, wenn sie sich Leberwurst hätten vorstellen können. So ein theoretisches Fundament macht eine Diät gleich viel attraktiver, auch wenn man sich praktisch nicht daran halten muss.

Allerdings fiel mir beim Abräumen der leere Joghurtbecher auf, der sich im Müll befand. Hildegard hatte ihn offenbar am Abend zuvor noch gegessen. „Ich kann mich nicht erinnern, diesen Joghurt in meinem Kühlschrank gesehen zu haben.“ Sie sah mich erbost an. „Natürlich nicht, ich habe ihn da auch nicht reingestellt.“ Das Etikett zeichnete diesen Joghurt als deutlich verspätet aus. Wo also kam das Ding her? „Ich hatte ihn noch in der Handtasche“, murmelte sie. Jetzt verstand ich. „Es werden sich Milcheiweiße darin gebildet haben, unter Umständen auch Gluten. Kein Wunder, dass Du diese schrecklichen Bauchschmerzen hast.“ Der Löffel flog haarscharf an meinem Kopf vorbei, traf die Wand und hinterließ einen deutlichen Fleck. Möglicherweise eine allergische Reaktion. Ich würde Doktor Klengel anrufen müssen.





Überraschend verboten

25 04 2017

„Das muss ansteckend sein.“ Luzie guckte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Oder er schluckt Sachen, die man besser nicht schlucken sollte.“ Im Beratungszimmer saß ein älterer Herr in einem viel zu engen, viel zu grauen Jackett. Aufgeregt mustere er seine Umgebung. Anne musste jeden Augenblick kommen.

„Ich bestehe auf meinem Recht“, sagte Herr Kötter ganz entschieden, jede Silbe betonend, und unterstrich seine Ansicht noch einmal mit dem in die Höhe gestreckten Zeigefinger. „Ich bestehe auf meinem Recht, und Sie werden es durchsetzen, sonst werde ich für den Bestand meiner Ehe nicht mehr garantieren können. Sie wissen, worum es sich handelt.“ Anne blickte ihn konsterniert an. Sie hatte eine leise Ahnung, dass auch dieser Besuch ihres Mandanten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würde, aber sie wusste noch nicht, mit welchen. Aus einer grauen Mappe reichte ihr Kötter ein handgeschriebenes Blatt. „Ich habe Ihnen die rechtlichen Regelungen einmal herausgesucht, Sie werden das natürlich wissen, aber das erspart Ihnen das Nachschlagen.“ Sie warf einen Blick auf die steilen, wie ins Papier gekratzten Zeilen. „Ich hatte mir so etwas bereits gedacht“, murmelte Anne. „Das ist schwierig, nicht zu sagen vollkommen unmöglich.“

Mit größtmöglichem Umstand nahm Herr Kötter einen winzigen Schluck aus seiner Teetasse. „Wir haben in absehbarer Zeit den Tag unserer Silberhochzeit zu feiern. Meine Frau auch.“ „Ich hatte etwas in diese Richtung vermutet“, gab Anne trocken zurück, „vermutlich ist Sie mit Ihnen verheiratet?“ „Absolut korrekt“, nickte er. „Das entspricht vollkommen den Tatsachen, weshalb ich mich ja auch bei Ihnen befinde. Sie müssen diese Ehe retten, und zwar vor meiner Frau. Sie hat durch eine widerrechtliche Maßnahme vor, diese Ehe in der Blüte ihrer Jahre zu zerstören, und das darf ich nicht zulassen. Sie wird mir eine Reise nach Venedig schenken.“ „Sie werden doch mitfahren?“ Verärgert winkte er ab. „Darum geht es doch gar nicht“, schimpfte er. „Sie verstößt damit gegen die grundlegendsten Rechtsvorschriften, und ich kann das nun einmal nicht dulden. Sie will mich mit der Reise überraschen! Ist das zu fassen?“

Aufgeregt lief Kötter vor dem Fenster hin und her. „Da es sich bei unserer Ehe nun einmal um ein Rechtsgeschäft auf Gegenseitigkeit handelt, muss ich das rechtzeitig regeln. Ansonsten könnte ich Schwierigkeiten bekommen.“ „Ich vermute, mit Ihrer Frau.“ Er sah mich pikiert an. „Ich wusste, dass Sie die Rechtslage überhaupt nicht begreifen. Meine Frau will mich überraschen, das geht doch nicht! Möglicherweise wird unsere Ehe durch diese Überraschung mit der Reise quasi annulliert, und dann sitze ich auf den Kosten für die Feier, die Ehe ist kaputt, und vom Gerede will ich gar nicht erst anfangen. Da muss man doch etwas tun können.“ Er stürmte aus dem Zimmer und begab sich auf die Toilette. Ich las mir seinen Schriftsatz in aller Ruhe durch, allein ich verstand ihn nicht.

„Er bezieht sich auf einen entlegenen Paragrafen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch“, stöhnte Anne. „Es gibt dieses Überraschungsverbot tatsächlich, aber es bedeutet etwas ganz anderes. Man darf in einem Vertrag niemanden mit einer vollkommen unerwartbaren Regelung überraschen, denn diese würde auf der Stelle nichtig.“ „Verstehe“, sagte ich. „Wenn ich Dir ein Fahrrad verkaufte, und im Vertrag stünde, dass Du nur mittwochs damit fahren dürftest?“ „Genau“, antwortete sie, „der Kauf wäre gültig, aber fahren darf ich damit natürlich immer, nicht nur mittwochs.“ „Gleichwohl“, schloss ich, „überrascht wärest Du doch, und das wäre nicht einmal verboten.“

Kötter hatte sein Jackett noch nicht einmal zugeknöpft, als er das Zimmer wieder betrat. „Ich nehme an“, fragte er und knöpfte das Jackett wieder auf, da er sich setzen wollte, „Sie haben inzwischen eine Lösung gefunden? Gibt es einen Präzedenzfall dafür? Und wie kann ich mich jetzt verhalten, ohne die Ehe zu gefährden?“ „Haben Sie denn überhaupt einen Ehevertrag?“ Entrüstet sah er Anne an. „Aber selbstverständlich“, polterte er. „Ich werde doch eine so wichtige Sache wie eine Ehe nicht nur mit einer mündlichen Abmachung schließen. Was denken Sie nur von mir?“ Annes Hände pressten sich gegen die Tischplatte; ihre Fingerknöchel waren von hektischem Weiß. „Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie diese Reise bereits mit Ihrer Eheschließung in den Kontrakt aufgenommen haben. Oder sollte ich mich da irren?“ „Reden Sie doch kein dummes Zeug“, rief er verärgert. „Ich habe diesen Brief in der Post vorgefunden, er war versehentlich an uns beide adressiert, und darin fand ich die Bestätigung des Reisebüros. Venedig. Zwei Personen. Verstehen Sie jetzt?“ „Moment“, bremste ich Kötter. „Ihre Frau hatte Ihnen noch nichts gesagt?“ Er schüttelte verdutzt den Kopf. „Und Sie haben den Brief, gleichwohl er an Sie adressiert war, trotzdem geöffnet und den fraglichen Inhalt durch Lesen in Erfahrung gebracht?“ „Was wollen Sie von mir“, knurrte Kötter, „das habe ich Ihnen doch…“ „Sie selbst also“, unterbrach ich ihn, „haben diese Überraschung herbeigeführt, an der Ihre Gattin nur mittelbar beteiligt war. Ich darf von einer Mitwisserschaft ausgehen, weshalb sie bis zu einem gewissen Grad haftbar, wohl aber keinesfalls allein schuldig wäre. Die Verantwortung für diesen Verstoß, mag er fahrlässig herbeigeführt worden sein, liegt bei Ihnen. Ihnen ist klar, was das bedeutet?“ Er schluckte trocken. „Ich wäre damit schuldig am Scheitern meiner Ehe“, fragte er heiser, „und müsste im Falle einer Auflösung auch die Kosten tragen?“ Anne nickte. „Die Rechtslage ist da eindeutig“, sagte sie. „Sie könnten natürlich den Gerichtsweg einschlagen und sich selbst verklagen, aber das wäre ein langwieriges Verfahren. Sie würden ohnehin als unterlegene Partei auf den Kosten sitzen bleiben.“ „Kann man da denn gar nichts machen?“ Flehentlich sah er von einem zum anderen. „Sie sind ja nun schon überrascht“,tröstete ich ihn, „verzichten Sie auf die Klage und treten Sie im Zuge eines Täter-Opfer-Ausgleichs die Reise an. Dann bin ich mir relativ sicher, dass Ihre Frau auf weitere Rechtsmittel verzichten wird, und die Ehe hat weiterhin Bestand.“ „Sehr gut“, jubelte Kötter, „so machen wir das! Hervorragend! Ich wusste, Sie würden eine Lösung finden!“

Anne knetete ihre Hände. „Wenn ich jetzt auch noch wüsste, was man diesem Kauz an Gebühren abrechnen kann?“ Ich legte das von der Feder zerfurchte Blatt auf ihre Mappe. „Dir wir schon etwas einfallen. Überrasch mich!“





Schwarze Löcher

19 04 2017

„Dass Du auch immer alles wegräumen musst!“ Was da klapperte, war unverkennbar der Schrank im Bad, wer klapperte, konnte nur Hildegard sein, denn sonst befand sich keiner in meiner Wohnung. „Wie soll ich morgen das Paket abholen, wenn Du immer alles wegräumst!“

Meine Rasierwasservorräte wären auch ohne sie zur Neige gegangen, ganz zu schweigen von den Stecknadeln, die seit längerer Zeit unbedingt in meinem Spiegelschrank aufbewahren musste, weiß der Teufel, wozu. „Dann steht man im Bad, braucht dringend eine Nadel, Du weißt schon.“ „Ich weiß nicht“, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet, aber Ihr Zorn ließ das natürlich nicht gelten. „Ich möchte nicht immerzu im Bad stehen und alles suchen“, hatte sie in einem ihrer wirklich seltenen großen Ausbrüche geschrien – sie hatte manche laute, die waren öfter, aber kaum große Ausbrüche, höchstens zwei oder drei am Tag, manchmal auch pro Stunde – und gerade jetzt hätte ich diese Worte zitieren mögen. Es wäre nur sinnlos gewesen. Ich wusste nicht einmal, um welches Paket es sich handelte.

„Ich habe mir Bücher schicken lassen“, gab sie mir zu verstehen, „Fachbücher – es kann ja wohl nicht verkehrt sein, sich beruflich zu bilden, und wie soll ich das sonst bitte machen!?“ „Fangen wir doch mal logisch an“, überlegte ich. „Wo hattest Du diese Karte denn hingelegt?“ „Woher soll ich denn wissen, wo Du sie hingeräumt hast!“ Da war es wieder, das Grundproblem unserer Kommunikation. Sie wusste auf alles eine Antwort, nur nicht auf die entscheidende Frage. „Und Du bist Dir absolut sicher, dass Deine Karte sich im Bad befindet?“ Mit grimmiger Miene äugte sie aus dem Türrahmen. „Soll ich vielleicht lieber im Kühlschrank suchen?“

Langsam hatten wir den Sachverhalt eingekreist und näherten uns einer Lösung. Die Karte, ein ganz normales Stück Papier mit Datumsaufdruck, hatte im Briefkasten ihrer Wohnung gesteckt, als sie am Nachmittag nach Hause gekommen war. Da sich das Postamt gleich hier in der Nähe befindet, hatte Hildegard die Benachrichtigung mitgebracht und, so war der Stand der Dinge, in diesem Stockwerk zuletzt gesehen. Zielstrebig schritt sie in mein Arbeitszimmer und griff ins Regal. Band für Band zog sie die Literaturgeschichte heraus, Folianten von einigermaßen statthaftem Umfang, blätterte in jedem einzelnen – nichts. „Du benutzt ja alles als Lesezeichen“, nörgelte sie, „ich erinnere mich noch, wie die Opernkarten für Breschkes hier drinsteckten und bis zum letzten Moment verschollen waren.“ Es war zwar ein Geschenk zum Hochzeitstag, gut aufgehoben im Opernführer, und der stand beim pensionierten Finanzbeamten in der Schrankwand, doch wozu sollte ich mit Einzelheiten den Prozess unterbrechen. Gerade jetzt, wo wir uns dem Ziel schon so weit angenähert hatten.

„Ich habe sie sicher in den Stutzflügel gesteckt“, teilte ich Hildegard beiläufig mit. Sie wollte gerade den Deckel des Instruments anheben, da hielt sie inne. „Du hättest dazu die Murano-Schälchen und die Seidendecke abnehmen müssen“, sagte sie mit einem gefährlichen Unterton. „Warum hättest Du das tun sollen?“ „Erst wollte ich sie in den Toaster legen“, begehrte ich auf, „der wird täglich benutzt, so wäre die Karte nie in Vergessenheit geraten.“ Sie wandte sich ab und verschwand im Schlafzimmer. Mit meiner Krawattensammlung würde sie genug zu tun haben.

Das Geräusch einer in sich zusammenfallenden Baustelle riss mich aus der Meditation. „Ich finde einfach nichts“, jammerte Hildegard. „Du hast noch genau vierhundert Euro in kleinen Scheinen in der unteren Schublade, drei Brillenputztücher und eine Schachtel Büroklammern.“ „Tatsächlich“, sagte ich erstaunt. „Würde es Dir etwas ausmachen, sie ins Bad zu bringen? Man weiß nie, wann man im Bad eine Büroklammer braucht.“ Sie verfehlte mich mit dem Pappschächtelchen nur knapp. Dreihundert Büroklammern würden schnell aus dem Teppich entfernt sein.

Schublade um Schublade zog sie auf, doch ohne Ergebnis. „Du solltest hier alles kartografieren“, schlug ich vor. „Die ganze Wohnung. Am besten mit einer Strichliste, oder noch besser: Karteikarten. Da kann man dann immer alles indiziert und in ordentlicher Reihenfolge eintragen, wenn mal etwas umgeräumt wird.“ Hildegard atmete deutlich hörbar ein. „Deine Wohnung hat Schwarze Löcher“, sagte sie. „Gut, dass Du noch nichts kartografiert hast“, antwortete ich erleichtert. „Du hättest am Ende eine Karte verloren.“

Sie tat, was sie in solchen Fällen immer tat, und ging einkaufen. „Wenn Du noch etwas brauchst“, ließ sie mich wissen, „dann sag es jetzt. Ich nehme noch einen von diesen Beuteln mit, die passen noch in meine Handtasche.“ Ansonsten waren in diesem ledernen Behältnis nicht viele Dinge, ein Schlüssel, ein Telefonbuch, ein Akkuschrauber, zwei Dosen Schuhcreme, eine halb fertiggestellte Kathedrale ohne Chor und mit fehlendem Westwerk, noch ein Schlüssel sowie eine Karte, die zur Abholung eines Postpakets berechtigte. „Du hattest Recht“, gab ich zu, „sie befindet sich doch in meiner Wohnung.“ Hildegard mopste sich. „Wenn ich die Krawatten wieder eingeräumt habe, werde ich kurz nachsehen, ob im Schlafzimmer noch Platz ist. Falls Du zufällig im Bad ein Bernsteinzimmer findest.“