Herr und Hund

23 07 2020

Keiner weiß, was er denn hätte sagen wollen, wenn er denn hätte sprechen können. Aber er konnte es eben nicht, und vielleicht war das gut so. „Das wird jetzt langsam ein bisschen viel“, schnaufte Herr Breschke, indes Bismarck mit der ihm eigenen Mischung von Interesse und Misstrauen über die Wiese blickte und auf seinen Herrn, der beim Traben im Stand eine durchaus gute Figur machte.

„Sehr schön“, lobte die Trainerin. „Und unser vierbeiniger Freund macht jetzt auch mit?“ Was ihr an motivierendem Verhalten fehlte, das glich Ilse Schwabach-Wildhausen durch Zweckoptimismus aus. Zackig riss sie die Knie hoch, die anderen Damen und Herren folgten mehr oder weniger ihrem Vorbild; die meisten mehr weniger. Als nicht beteiligter Beobachter hüpfte ich ein bisschen mit, auch wenn mir gerade kein Hund zur Verfügung stand, wobei das auch auf den alten Herrn zutraf. Seiner lag recht entspannt auf dem Rasen und sah keinen Grund, das zu ändern. „Und wir nehmen nun die Leine auf“, verkündete Frau Schwabach-Wildhausen, „und dann rund im Uhrzeigersinn!“ Sinn und Zweck dieser Partnerübung sollte darin bestehen, mit dem Begleiter in lockererer Rundung und leichten Schrittes über den Platz zu spurten. Im Falle dieses Dackels, der die Leine allenfalls als ein Mittel betrachtete, um seinem Herrn daran zwischen den Beinen herumzulaufen, gestaltet sich das schwierig. Horst Breschke umrundete nun den Hund, der sich partout nicht einmal drehen wollte, so dass ein Großteil der Übung darin bestand, die Leine um Bismarck zu führen. Immerhin hatte dies etwas Graziles, man konnte es nicht anders sagen.

„Meine Frau meinte, wir könnten beide mal ein bisschen Sport vertragen.“ Schnaufend hoppelte der pensionierte Finanzbeamte um den Vierbeiner, stets darauf achtend, sich auf dem hügeligen Rasen nicht zu verstolpern. „Sehr schön“, lobte die Trainerin einmal mehr, „aber er muss auch mitmachen. Das wird schon!“ „Machen Sie mal weiter“, keuchte er. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bismarck machte seinem Ruf als dümmster Dackel im weiten Umkreis alle Ehre; allerdings war auch seine Friedfertigkeit bekannt, und er ließ sich ohne zu murren von mir umhüpfen. „Wahrscheinlich ist ihm das Lob der Dame genug Bestätigung“, mutmaßte ich. „Sobald sie sein sportliches Liegen sehr schön findet, guckt er zufrieden.“ Ein weiteres Lob der Trainerin nährte meinen Verdacht. Dieser offene Herr-und-Hund-Nachmittag vom Tiersportverein offenbarte seine pädagogischen Schwächen.

Die anderen gemischten Doppel hatten sichtlich Spaß an diesem Manöver. Vor allem eine junge Dame mit zwei Pudeln stampfte geradezu ätherisch übers Grün; es sah von Weitem ein wenig aus wie ein ägyptischer Streitwagen. Herr Breschke ließ sich nicht beirren. „Das ist etwas für junge Leute“, knurrte er. „Außerdem sehe ich nicht, dass sich mein Bismarck sonderlich beeindrucken lässt von diesem Firlefanz.“ „Es soll ja nachher noch einen netten Umtrunk geben“, tröstete ich ihn. „Das ist zwar auch nicht figurfreundlich, aber wenigstens findet der Tag damit noch einen netten Abschluss.“

„Und aus“, krähte die Trainerin. „Und für die nächste Übung nehmen wir unser Schatzi einmal auf den Arm.“ Sie griff sich einen der Pudel, der sie verdutzt anguckte und zu winseln begann. „Und dann Knie – beugt, und Knie – beugt, und…“ Sie hob nun den widerspenstigen Hund auf und nieder, was einigen anderen, namentlich einer älteren Dame mit einem Chihuahua, deutlich eleganter von der Hand ging. „Schäferhunde sind manchmal von Nachteil“, kicherte Breschke, und ich konnte ihm nicht widersprechen. „Wollen Sie es denn nicht wenigstens einmal versuchen“, näherte sich Ilse Schwabach-Wildhausen dem Widerspenstigen. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben musste, sie griff Bismarck unter den Bauch und wollte ihn zur Turnübung stemmen, doch sie hatte ihn gehörig unterschätzt. Mit einem einzigen ansatzlos aus der Tiefe des Leibes ausgestoßenen Bellen stieß er sich von der erschrocken aufschreienden Leiterin ab und sprang wieder auf den Rasen. Fast wäre sie auf mich gefallen. „Sie wissen schon“, sagte ich ganz beiläufig, „dass er beißt?“ „Machen Sie gefälligst Ihre Kniebeugen“, zischte sie. „Ich lasse mir doch von Ihnen nicht meine Autorität untergraben!“ „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Hunden umgehen können.“ Herr Breschke stemmte die Fäuste in die Hüften, und Frau Schwabach-Wildhausen sagte zur Vorsicht gar nichts mehr.

Die nächste Übung bestand aus einer Art Yoga mit Grundkontakt, wobei die meisten Hunde nicht verstanden, dass sie unter ihren liegestützenden Herrchen hindurchkrabbeln sollten. Manche von ihnen wälzten sich im Gras, einige schnupperten eifrig an der Bezugsperson, aber so recht wollte das nirgends gelingen. „Sie können ja so eine Brücke machen“, schlug Breschke vor, „und ich lasse dann Bismarck unten durch laufen.“ Doch so weit kam es nicht. An der Seite hatte der Vereinswart einen kleinen Kugelgrill angefeuert, ein Kasten Limonade nebst einer Batterie Pappbecher stand daneben. Während die Kohle vor sich hin glomm, war er ins Gerätehaus verschwunden und kam nun mit einer Blechplatte zurück, auf der drei Dutzend Würste lagen. Doch kaum hatte er die Rasenkante erreicht, stieß er mit dem Fuß auf einen Widerstand – das Tablett schlingerte, in hohem Bogen flog eine Wurst empor. Sie war noch nicht auf dem Boden aufgekommen, als Bismarck schon wie ein Blitz über den Grund schoss, eine Emanation von Kraft und Geschmeidigkeit, sich die Wurst schnappte und mit ihr im Gebüsch verschwand. Wer andere Hunde noch nie verwirrt hatte blicken sehen, hier bot sich die Gelegenheit. „Sehr gut“, sagte Herr Breschke. „Wie Sie sehen, wenn es darauf ankommt, sind wir immer noch ganz schön fit.“





Textilveredelung

18 06 2020

So schnell wie möglich – wenn Anne das sagte, musste es sich wirklich um einen Notfall handeln. Luzie empfing mich mit vollkommen verwirrter Miene. „Sie ist nicht mehr ansprechbar“, sagte die Bürovorsteherin. „Ich darf nicht einmal mehr Telefonate durchstellen.“ Es musste sich etwas sehr Ungewöhnliches ereignet haben.

Die Anwältin saß in sich zusammengesunken auf der Couch vor dem Fenster. „Ich habe alles versucht“, flüsterte sie, „buchstäblich alles, aber nichts hilft.“ Sie stand auf und kam ein paar Schritte auf mich zu. „Über eine juristische Klärung des Sachverhalts können wir später reden, aber ich weiß im Moment einfach nicht, was ich machen soll.“ „Gut“, antwortete ich, „dann sind wir schon zu zweit, und im Gegensatz zu Dir habe ich nicht einmal Ahnung, worum es sich handelt.“ Wortlos begann sie ihre Bluse aufzuknöpfen. „Darum!“

Das war überraschend. Sicher war Anne nur auf einer frisch gemähten Wiese eingeschlafen oder hatte ein bisschen Zeit in der Badewanne verbracht, angefüllt mit Spinat. Oder sie hatte Tango mit einem Marsmenschen getanzt. Jedenfalls war ihre Haut, so weit ich es sehen konnte, grün. Grasgrün. „Normalerweise passiert das im Schwimmbad mit blondiertem Haar“, mutmaßte ich, aber ich lag sehr weit daneben. Anne zog unter dem Sofakissen ein Stück Stoff hervor, in einem satten Pflanzenton. „Crêpe de Chine“, erklärte sie. „Quasi geschenkt, das heißt, ich musste es noch nicht einmal bezahlen, weil es für eine kleine Gefälligkeit war. Und jetzt das!“ Es handelte sich um einen blusenähnlichen Gegenstand mit weiten Ärmeln und einer aparten Knopfleiste am Rücken, der vom Schnitt perfekt zum Fleckenbild auf der Haut passte. „Und Du hast es nicht gemerkt?“ „Beim Ausziehen“, knurrte sie. „Und ich habe alles versucht. Duschen, Baden, Schaumbad, Duschbad, Kernseife, Schwamm, Wurzelbürste und Fön.“ „Fön?“ „Keine Ahnung, ich hatte so eine Idee, dass die Farbe eventuell nicht hitzebeständig sein könnte. Aber zu früh gefreut.“ Sie zeigte mir ein kleines Kärtchen, das mit dem Kleidungsstück geliefert worden war. Ich stutzte. „Breschkes Tochter?“ Anne seufzte. „Sie hatte mal wieder etwas aus Ostasien mitgebracht, es war meine Größe, und ich habe es sofort angezogen.“ Ich betrachtete das Etikett. „Es steht nichts darin, dass man es vor dem Tragen hätte waschen sollen, zumindest nicht in einer Sprache, die ich verstehen würde.“ Der Stoff hatte offensichtlich nicht unter der Farbabgabe gelitten. Was also tun? „Ich wollte Herrn Breschke sowieso noch einmal wegen der Sache mit der Grundstücksgrenze fragen“, erklärte ich, „das können wir doch gleich jetzt erledigen.“

Eine halbe Stunde später betraten die beiden die Kanzlei, der pensionierte Finanzbeamte und sein Bismarck, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der auch hier seinem Herrn und Halter vornehmlich zwischen den Beinen umherlief und ihn in allerlei Schwierigkeiten brachte, da er dies natürlich im angeleinten Zustand tat. Hier aber blieb das Tier sofort wie angewurzelt stehen, richtete den Blick starr auf die unterste Schublade in Luzies Schreibtisch und schaute sie, Luzie nämlich, mit den dackeligsten Dackelaugen an, derer er fähig war. „Schokoladenkekse“, schloss ich, „unser vierbeiniger Freund hat seine Spürnase nicht verloren.“ „Das ist das Mittel“, erklärte Horst Breschke, indem er eine in Plastik gewickelte Papiertüte aus seiner Aktentasche zog. „Es wirkt sofort, und wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es gar nicht glauben.“ Auch auf dieser Sprühdose waren Schriftzeichen ostasiatischer Provenienz zu lesen, und nur ein paar international gebräuchliche Symbole, die uns davon abhalten sollten, den Metallzylinder gewaltsam zu öffnen oder ins Feuer zu werfen, erinnerten an die Waren, die im heimischen Handel erhältlich sind. „Ich habe ordentlich mit ihr geschimpft, aber sie sagt, im Hotel in Indonesien nehmen sie es auch, und es ist möglicherweise nur abgelaufen, aber das heißt ja nicht, dass es noch funktionieren sollte.“

Ein kleiner Sprühstoß in die Luft erzeugte einen nicht unangenehmen Blumenduft, der für diese Art Raumerfrischer typisch war. Bismarck fiepte etwas indigniert; für eine Hundenase war dies Konzentrat aus künstlichen Blüten bestimmt eine Zumutung. „Probieren Sie es gerne aus“, sagte Herr Breschke und reichte Anne die Dose. „Wenn Sie durch meine Tochter zu Schaden gekommen sein sollten, dann ist es doch das Mindeste, dass ich Ihnen dieses Mittel zur Verfügung stelle.“ Noch war sie ein wenig skeptisch, aber dann gewann der Mut die Oberhand. „Was soll schon schiefgehen?“ Und sie schloss die Tür hinter sich.

Einen Augenblick lang war es still. „Das ist so eine Art Spray für Hotelräume?“ Luzie betrachtete die zweite Sprühdose. „Nein“, berichtigte Herr Breschke, „eigentlich ist es für Textilien gedacht, in den Hotels werden damit die Polster eingesprüht und Bettdecken und solche Sachen, und das wollte ich auch ausprobieren zu Hause.“ Es begann hörbar zu zischen. Anne musste sich gerade kräftig mit dem Dosenzeug einnebeln, der intensive Geruch nach einem ganzen Blumengarten kroch unter der Tür durch. „Leider waren die Kissen nicht nur sehr schnell sauber, nach ein paar Minuten waren die Bezüge auch strahlend weiß.“ „Großartig“, jubelte Luzie, „Ihre Frau wird sich aber gefreut haben!“ „Nun ja“, bekannte der alte Herr zerknirscht, „vorher waren sie orange und braun gemustert.“

Das Zischgeräusch war verstummt, da flog auch schon die Tür auf. „Großartig“, rief Anne mit rotem Kopf, „Herr Breschke, wenn ich Sie nicht hätte! Ich dachte schon, ich müsste jetzt wie ein Frosch durch die Gegend laufen, oder noch schlimmer: wenn das abgefärbt hätte!“ Ich ließ die Papiertüte diskret wieder in der Aktentasche verschwinden. „Leider war das auch die letzte Dose.“ Anne knüllte das grüne Stoffstück zusammen und warf es beherzt in den Papierkorb. „Aber das wird mir eine Lehre sein – nie wieder dieses obskure Zeug aus Fernost. Man weiß nie, was man sich da ins Haus holt!“





Schluckauf

4 06 2020

„Hpp!“ Anne sah mich verzweifelt an, der Schweiß lief ihr von der Stirn. Noch eine knappe Stunde, und sie würde ins Gericht fahren müssen. Aber in ihrem momentanen Zustand sah es nicht danach aus.

„Es hat heute Vormittag angefangen“, klagte Luzie. „Halb zehn bringe ich ihr die Post und einen Kaffee, will gerade die Tasse auf dem Schreibtisch abstellen, da passiert es.“ „Hpp“, machte Anne. „Dieser verdammte Schluckauf, ich kann einfach nicht…“ „Du könntest die Luft anhalten“, riet ich ihr, aber Luzie winkte ab. „Alles probiert, dreimal die Luft angehalten, sechs Schlucke Wasser, ein Stück Würfelzucker gelutscht, aber nichts hat ihr geholfen.“ „Hpp!“ Ich blickte auf den Aktendeckel. „Ah, heute ist also die Verhandlung mit dem Mieter aus dem verlassenen Kellergeschoss.“ Sie nickte gequält. „Hpp!“ Der Fall war klar: würde er nicht die beste Anwältin bekommen, die es gab, die Sache würde sehr, sehr teuer für ihn. Was aber, wenn Anne nun gar nicht erst ins Gericht käme?

Da klingelte das Telefon. Anne winkte ab. „Ich kann Sie leider nicht durchstellen“, hörte ich Luzie sagen, „aber Sie können gerne morgen früh bei uns vorbeischauen, dann ist die Situation bestimmt…“ Ich schlug mir die Hand vor den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Anne ließ sich stöhnend in ihren Sessel fallen. „Ein bisschen Schluckauf, und die ganze Kanzlei steht kopf? Das ist dann ja wohl doch zu stark!“ „Und wenn wir es mal mit Lesen versuchen?“ „Also…“ „Keine Widerrede!“ Luzie drückte der Chefin die Akte förmlich ins Gesicht. Widerwillig begann sie. „Sehr geehrte Frau Hpp!“ „Ruhig atmen“, empfahl ich. „Je mehr Du Dich jetzt entspannst, desto schneller kommt alles wieder in Ordnung.“ „In Sachen Städtische Gesellschaft für Hpp!“ Luzie wurde langsam etwas unruhig. „Vielleicht helfen ja Pfefferminzbonbons, ich habe in der Schreibtischschublade einen…“ „Wegen der widerrechtlichen Nutzung des Kellergeschosses des Grundstücks in der…“ Ich atmete so leise wie möglich, um Annes Konzentration nicht zu stören. „… Albert-Einstein-Straße Nummer Hpp!“ Sie ließ den Brief sinken, doch Luzie klappte ihr das Papier gleich wieder unter die Nase. „Entgegen den Ausführungen der Klägerin trage ich vor: Hpp!“ „Zumindest wirst Du damit dem Richter in guter Erinnerung bleiben“, wandte ich ein. Anne zog die Stirn in Falten. „Wenn Du eine bessere Idee hast, kannst Du Dich gerne als mich ausgeben und diesen Idioten raushauen!“ Luzie war ganz unbemerkt aus dem Zimmer geschlüpft und hatte die Tür lautlos hinter sich geschlossen. „Auf der anderen Seite ist es mir ein Rätsel, wie man diesen Mann ein ganzes Jahr lang im Keller vermutet, nicht nachschaut, die Türschlösser nicht auswechselt und dann zu allem Überfluss auch noch den Abfluss repariert, obwohl das Gebäude ja angeblich demnächst abgerissen werden soll für das neue Parkhaus.“ Da flog die Tür auf und Luzie platzte ins Zimmer. „Buh!“ „Hpp!“

„Ich kann mich täuschen“, wandte ich mich an die Bürovorsteherin, „aber vielleicht ist Deine Art von Schocktherapie handwerklich nicht unbedingt ausgereift. Vielleicht solltest Du sie auch nur bei anderen Gelegenheiten anwenden.“ Anne legte die Akte auf den Schreibtisch. „Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.“ „Kopf hoch“, ermunterte ich sie, „zur Not wirst Du plötzlich eine schwere Störung des Sprechapparats erleiden, wir holen uns auf dem Weg schnell ein Attest aus der Praxis von Doktor Klengel, dann schreibst Du mir die Fragen auf einen Block und ich lese sie einfach vor.“ „Geht nicht“, schüttelte sie den Kopf. „Juristisch wäre das ein glatter Fall von Hpp!“ Das hatte ich natürlich nicht bedacht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Anne schluckte ein paar Mal trocken und hickte vor sich hin. Ihr Zustand wollte sich nicht bessern. „Ich weiß noch gar nicht, was ich Herrn Breschke zum Geburtstag schenken soll.“ Sie sah mich voller Überraschung an. „Natürlich“, fuhr ich fort, „ist er auch erst im nächsten Monat dran, und im Herbst feiern Breschkes sowieso ihren Hochzeitstag, und ich hatte eine Kleinigkeit besorgt, Schlagerplatten nämlich, aber nicht so, wie Du denkst.“ Anne wollte es vermutlich gar nicht wissen, ich erzählte es zur Vorsicht trotzdem. „Sofia Asgatowna hatte doch mal diesen Bibliothekar kennen gelernt, der hin und wieder musikalische Nachlässe in die Finger bekommt – wie gesagt, es ist eine ganz hübsche Sammlung von Schlagern der Zwanziger Jahre, alles fast neu, und er hat ja nun mal eine Schwäche für diese Zeit. Eigentlich hatte ich geplant, ihnen beiden diese Platten zu schenken, da sie ja doch sehr kostspielig sind, aber bis dahin habe ich ja noch genügend Zeit, mich um ein neues Geschenk zu kümmern.“ Anne sah mich an. Sicher hatte sie den einen oder anderen Sachverhalt verstanden, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann schrak sie plötzlich hoch. „Es ist höchste Zeit“, rief sie, „wir plaudern und plaudern und müssen in einer halben Stunde im Gericht sein. Schnell die und die Akten, ich brauche den Autoschlüssel, und dann geht’s los.“ Sekunden später stürmte sie mit dem schwarzen Talar über dem Arm durch den Flur. „Für heute keine Termine mehr“, informierte sie Luzie, die der Chefin ganz konsterniert hinterher sah, wie diese aus der Tür verschwand. „Ich komme dann nächste Woche wieder“, verabschiedete ich mich. Luzie richtete sich kerzengerade in ihrem Drehsessel auf. „Hpp!“





Akte Weißmann

13 05 2020

„Schuhe ausziehen!“ Das Ding stand vor mir und versperrte den Weg in die Kanzlei. Seine großen Augen liefen unangenehm rot an, bevor es den Befehl wiederholte: „Schuhe ausziehen!“ Luzie seufzte. Sie hatte es schon zu oft gehört.

„Wir haben ihn seit letzter Woche“, knurrte die Bürovorsteherin. „Frag mich nicht, warum sie sich diese elektronische Nervensäge hat aufschwatzen lassen.“ „Jedenfalls ist sie da“, bemerkte ich, da der Hausknecht unentwegt um mich herumsurrte. „Er ist ja noch nicht einmal eine große Hilfe.“ Sie suchte im Eingangskorb nach einem Schreiben. „Er kann nicht lesen, er hört nicht zu, Türen öffnet er auch nicht selbst, und dann lässt er regelmäßig die Tassen fallen.“ Ich warf verstohlen einen Blick auf die Teppichstelle vor dem Beratungszimmer, wo ein mittelgroßer Kaffeefleck noch nicht ganz entfernt worden war. Die Schieflage des Haussegens war nicht zu übersehen.

Die Tür öffnete sich. Anne würdigte mich zwar keines Blickes, obwohl sie mich gebeten hatte, ihr zu helfen, aber sie musste wohl mich gemeint haben. „Die Sache Weißmann?“ „Ich kann mich täuschen“, entgegnete Luzie, „aber hat nicht Robbie die Akte?“ Anne zog langsam eine Augenbraue hoch. Es musste ernst sein. Sie schloss die Tür. „Das Ding geht mir auf die Nerven“, fauchte Luzie. „Es wühlt in den Akten, zieht Stecker, und dann geht es ohne Vorwarnung unsere Mandanten an!“ „Schuhe ausziehen!“ Robbie hatte sich unbemerkt hinter mich gerollt und fiepte herum. Ich ignorierte ihn, das heißt: ich versuchte es wenigstens. „Schuhe ausziehen!“ Irgendwas musste hier schief gelaufen sein. „Habt Ihr eine Gebrauchsanweisung für das Gerät?“ Luzie zog die unterste Schublade auf. „Es muss da ein Handbuch gegeben haben, aber sie hat es gleich einkassiert. Anne wollte nicht, dass ich mich mit dem Roboter beschäftige – die Sicherheit, nicht wahr?“ Eine kleine Spitze, aber sollte sie ihr wirklich das Gefühl vermittelt haben, sie sei von dem rollenden Plastikklops zu ersetzen?

„Die haben mir das aufgeschwatzt“, erklärte Anne. „Alle haben das, es ist steuerlich absetzbar, es kann die Akten ordnen und…“ „Hat nicht Luzie die Akten im Griff?“ Sie sah mich schuldbewusst an, aber ich ließ nicht locker. „Und hättest Du nicht vorher in Erfahrung bringen sollen, was sich von der Steuer absetzen lässt?“ „Ja.“ Ich war sprachlos. Noch nie war ich ohne Widerspruch geblieben, zumindest nicht bei Anne. „Aber der Prospekt las sich so gut, und ich dachte, ich könnte Luzie damit ein bisschen unter die Arme greifen. Sie hat mir in letzter Zeit sehr viel geholfen.“ Anne knipste mit den Fingernägeln. „Vielleicht hätte ich sie fragen sollen?“ Ich nickte. „Das wäre eine gute Idee gewesen, und ich bin mir ganz sicher, Luzie hätte nichts dagegen gehabt.“

„Robbie?“ Annes Stimme klang ungewohnt leicht und liebenswürdig – ich hatte durchaus ein wenig Zeit gehabt, mich mit diesen Nuancen vertraut zu machen – und sie sprach in genau dem Frequenzbereich, den die Gebrauchsanweisung des programmierbaren Gehilfen als geeignet ansah. „Robbie, die Sache Weißmann.“ „Sache Weißmann bezieht sich auf einen Vorgang“, blubberte der rollende Schaltkreis. „Wollen Sie Informationen zu dem Fall, dann nennen Sie die Eins. Möchten Sie das Aktenzeichen, dann…“ „Weißmann“, bellte sie. Ich atmete auf. Sie hatte sich nicht verändert. „In einer Minute habe diese verdammte Scheißakte Weißmann auf dem Tisch, oder Deine Batterien fliegen aus dem Fenster!“ „Ich habe Akkumulatoren und keine…“ Anne stampfte mit dem Fuß auf, zufällig genau auf den Kaffeefleck. „Das ist mir völlig egal, ich will Weißmann!“

Möglicherweise gab es in der Kanzlei bereits Geruchsortung für Aktendeckel, jedenfalls kurvte der Roboter kreuz und quer durch die Räume. „Akte Weißmann negativ“, fiepte Robbie und rollte aus der Küche. „Akte Weißmann negativ.“ Auch die hinteren Flure und die Toilette brachten ihm keine Erkenntnis. Seine Augen verfärbten sich mehr und mehr. „Wahrscheinlich muss er scharf nachdenken“, mutmaßte Luzie. „Er hat zwar seine elektronische Nase in alles hineingesteckt, aber ich fürchte, dass seine Kombinationsfähigkeit nicht sonderlich ausgereift ist.“ Rein zufällig fiel mein Blick in die aufgezogene Schublade, in der sich die obligate Kekspackung befand. Ich schob sie rasch mit dem Schienbein zu, bevor Anne hinter den Tresen treten konnte. „Akte Weißmann negativ!“ Noch immer kreiselte das Ding durch die Gegend und stieß gegen Wände, Türrahmen und die Nerven der Anwältin. „Schluss jetzt!“ Anne atmete heftig durch.

Ich nahm gemächlich in einem der Besuchersessel gegenüber von Luzies Tresen Platz und stellte meine Mappe neben mich. „Weißmann“, sagte ich laut und deutlich. „Weißmann.“ Einen Augenblick später rollte Robbie heran. Kurz kippte er seinen kopfähnlichen Gegenstand nach hinten, dann schnarrte er: „Schuhe ausziehen!“ Im Hintergrund sah ich, wie Anne auf einem kleinen schwarzen Kästchen herumdrückte. Die Augen des Dings blitzten bläulich boshaft. „Ich bin zu lange in Betrieb, Sie können mich nicht mehr ausschalten.“ Gerade wollte ich aus dem Sessel aufstehen, da hatte Luzie auch schon das Blumengießkännchen vom Tisch hinter ihr gegriffen. Einen Schritt nach vorne, und schon zischte es. Robbie grunzte höchst organisch und hörte auf zu blinken. „Die Sache Weißmann“, sagte Luzie und reichte die Mappe an, die auf dem Tresen lag. „Und dann kann man hier vielleicht mal wieder vernünftig arbeiten.“





Landlieferdienst

9 04 2020

„Dreizehn Lamm, dreizehn Steinbeißer, Kartoffeln extra, und ich will jetzt endlich diese verdammte Rosmarinsauce!“ Bruno hieb mit dem Handtuch auf die Tischplatte, dass Petermann zusammenzuckte. Fast hätte er sich geschnitten. Die Nerven lagen offensichtlich blank in Bücklers Landgasthof.

„Es ist das erste Mal seit zwei Wochen“, stöhnte Hansi, der jüngere der beiden Brüder, während er einen neuen Sack voller Styroporboxen aus dem Vorratskeller in die Küche trug. Wo sonst in drei bis vier Reihen edles Porzellan auf die Kreationen von Bruno, genannt Fürst Bückler, wartete, da standen nun Schaumschachteln, in denen Zander und Entenconfit landeten, feine Salate, sautierter Grünspargel an Blutorangenfilets. „Immerhin läuft es ganz gut.“ Die Küchenhilfe hebelte Maultaschen in die Boxen. Hansi nickte. Aus dem Hintergrund kam Luzie, ganz nebenbei immer noch die gutböse Seele einer gewissen Kanzlei, klappte geschwind die Behältnisse zu und gab sie in einen Korb. „Elf fünfundvierzig“, schrie Petermann, der Entremetier und Bücklers sturmerprobte rechte Hand, obwohl ich nur eine Armlänge – zu kurz, aber wir waren ja bei der Arbeit – von ihm entfernt stand und der Kollegin die Schachteln anreichte. „Sieben“, rief Bruno, „dazu noch sechs Seeteufel, ein Filet, die Suppen und Obstsalat!“ Luzie Freese, lange Jahre heimliche Leiterin vom Empfang aus, warf ihm ein Handtuch zu, nicht dazu aufgefordert, doch sie sah, es war gut so. Bruno tupfte sich die Stirn.

„Wir servieren alle fünfzehn Minuten“, erklärte der Küchenchef. „Es ist nicht dasselbe, aber wir haben unsere Kundschaft, gerade in diesen Tagen.“ Zwischendurch drapierte die Küchenhilfe hurtig Spiegeleier für zwanzig Portionen Labskaus auf die Platten. Petermann rief die beiden Aushilfen für den Service an, und sie packten die Boxen umgehend in die Transportkörbe für den Kunden im Gasthof, der schlacksige Junge mit dem unbeholfenen Grinsen, der noch nicht wusste, ob er alles richtig machte, und Horst Breschke.

Der pensionierte Finanzbeamte stapelte eine Portion über die andere, wie man es ihm gar nicht zugetraut hätte. „Außerdem habe ich mir mal ihre Bücher angesehen“, berichtete er. „Man kann da ein paar Sachen sparen, und sie schenken der Steuer zu viel.“ Ich runzelte die Stirn. Würde Herr Breschke auf seine alten Tage etwa gegen den ehemaligen Dienstherrn vorgehen? „Jedenfalls müssen wir die Bewirtungsbelege für einige Herrschaften nochmals prüfen, und da kommt eine Menge Arbeit auf die Kollegen in der Oberfinanzdirektion zu.“ Er legte einen neuen Korb auf, in den Luzie sogleich den Topf mit der Rosmarinsauce stellte. „Steinbeißer kommt“, schrie Bruno, obwohl er direkt neben uns stand. „Ich werde schon einmal den Kofferraum öffnen“, sagte Herr Breschke. „Sie kommen dann gleich nach, sobald auch die anderen Sachen fertig sind?“ Ich reckte den Daumen in die Höhe. Bruno packte ein Handtuch mit Vorlegebesteck neben die Fischboxen, dann kümmerte er sich um den Rest der Bestellung. „Andere hat es erheblich schwerer getroffen“, meinte Hansi. „Salzmanns Sterneladen an der Kranichkuppe wird nicht überleben.“ „Das sind die mit den neunzehn Gängen?“ Er nickte. „Wie will man eine geschmolzene Schalotte im Lakritzrauch außer Haus servieren?“

Die letzten beiden Körbe waren verladen, Luzie schloss die Klappe des Kofferraums und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich telefonierte. Dann fuhren wir los. „Nicht zu schnell“, warnte ich. „Es wird nichts verrutschen“, beruhigte mich Breschke, „Hansi hat den Kofferraum mit Gummimatten ausgelegt, und dann…“ „Aber wir sitzen zu dritt in einem Auto, und ich möchte mich nicht erwischen lassen.“ Luzie hielt den Bestellzettel in die Höhe. „Wir dürfen das.“ Ich las: Bücklers Landlieferdienst für Speisen und Getränke. „Um die rechtliche Seite macht Ihr Euch mal keine Sorgen, ich habe eine blühende Fantasie. Und ich weiß ganz gut, wo welche Paragrafen stehen.“

Herr Breschke fuhr sachte um den Kreisverkehr am Ortsausgang und bog auf die Landstraße ein. „Ich werde bis Wiebelrade fahren und dann auf die Bundesstraße bis Knöckelsdorf, ab da ist es ein Katzensprung bis zur Försterei.“ „Aber bis zur alten Schäferkate und dann über Gruntzwede wäre es kürzer.“ Er wiegte bedächtig den Kopf. „Kurz vor der Napoleonbuche ist ein Kontrollposten. Von mir haben Sie das nicht, und Staatsanwalt Husenkirchen hat hier keiner erwähnt, oder haben Sie etwa gerade den Namen gehört?“ Luzie grinste.

„Da ist es ja!“ Bedächtig bog Breschke auf den Waldweg ein, dass es nicht zu sehr rumpelte. Ein hübsches kleines Rund von dreizehn Partyzelten stand gut versteckt hinter dem Forsthaus auf der Wiese. Jeder dieser weißen Tuchbauten war mit einem Tischchen nebst Geschirr und Tafelsilber, Gläsern und Blumenschmuck ausgestattet. Frau Breschke seufzte erleichtert auf, Doktor Klengel hob zum Gruß sein Glas und deutete eine leichte Verbeugung an. „Da wir in keinem geschlossenen Raum sitzen“, sprach Staatsanwalt Husenkirchen, „sehe ich hier die Verhältnismäßigkeit als durchaus gewahrt an, nicht wahr?“ Anne schluckte. „Ich hatte mir meinen Geburtstag etwas anders vorgestellt“, sagte sie. „Aber man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen.“ Herr Breschke verteilte Brot auf die Teller. „Warum ist das keinem früher eingefallen?“ Doktor Klengel kicherte und stellte sein Glas auf den Tisch. „Ich weiß nicht. Vielleicht ging es uns zur gut.“





Sicherheitsabstand

31 03 2020

„Der Mundschutz sitzt!“ Herr Breschke zupfte sich noch einmal den Schal zurecht und zog dann die Gummihandschuhe an. „Meine Frau hat sie zur Vorsicht vorhin noch mit Spiritus abgerieben, das hält bestimmt vor.“ Umständlich zog er einen Chip aus der Jackentasche und legte ihn in die kleine Mulde am Griff des Einkaufswagens. „Los geht’s!“

Der Supermarkt war menschenleer. Ich ging in großem Abstand hinter dem pensionierten Finanzbeamten her, wie es die Aufkleber auf dem Boden befahlen. „Das ist ja auch einzusehen“, gab er zu verstehen, „und Sie wissen, ich möchte keinen Ärger bekommen.“ Er hielt den Einkaufszettel in der Rechten und streckte die Hand weit von sich weg, da er seine Lesebrille im Auto vergessen hatte. „Dosen“, entzifferte er. „Schauen Sie mal steht hier tatsächlich ‚Dosen‘?“ Ich ging einige Schritte auf ihn zu, doch er zuckte sofort zurück. „Nicht“, rief Breschke, „keinen Schritt näher! Wir werden noch aus dem Laden geworfen!“ „Vorschlag zur Güte“, antwortete ich, „Sie legen den Zettel da aufs Regal, und ich schaue nach.“ Das leuchtete ihm ein. Wir brauchten also Bohnen. Immerhin in der Dose.

Einen Gang weiter, wo Konserven in Gläsern und Büchsen lagerten, wollte Horst Breschke just mit dem Wagen einbiegen, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. „Es geht nicht“, keuchte er. „Wir können da nicht rein.“ In der Tat stand eine Dame in der Mitte zwischen den Stellagen und begutachtete in aller Ruhe Erbsen und Möhren in extrafeiner Qualität, konnte sich jedoch offenbar nicht für eines der annähernd gleichen Produkte entscheiden. „Wir müssen da durch“, verkündete er, und es klang wie ein Schlachtruf. Er fuhr in gutem Tempo den Drahtwagen bis knapp vor die Kundin, bremste und fuchtelte mit der Faust. „Ich kaufe hier ein!“ „Das sehe ich“, antwortete sie ungerührt. „Ich will mich nicht einmischen“, brachte ich mich in Erinnerung, und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich in diesem Augenblick genau das tat: ich mischte mich ein. „Meine Güte“, stöhnte sie, „dann fahren Sie halt vorbei, so schwer ist das doch nicht!“ „Ich will aber nicht vorbei“, quengelte Horst Breschke. „Ich will jetzt an dieses Regal, und nur Sie hindern mich daran!“ Die Dame warf einen mitleidigen Blick auf ihn, dann auf mich, und stellte die Erbsen-Möhren-Dose wieder zurück zu den anderen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, versuchte ich vorsichtig, „ich hole Ihnen eine Dose grüne Bohnen aus dem Regal, lege sie in Ihren Wagen, und wir setzen ganz entspannt unseren kleinen Einkauf fort, ja?“ Die Kundin trat ein paar Schritte zur Seite, so dass ich zugreifen konnte – Herr Breschke war unterdessen zurückgewichen und beobachtete meinen Vorstoß skeptisch – und so stellte ich die Konserve zu den anderen Dingen. „Jetzt aber ganz schnell“, beeilte sich Breschke. „Wir halten auf keinen Fall den Sicherheitsabstand ein, und wir sind insgesamt drei Personen.“

Der kleine Zwischenfall hatte den alten Herrn sichtlich aufgeregt. Noch fahriger als zuvor nestelte er an dem Zettel und hielt ihn mir schließlich vor die Nase. „Da muss irgendwo auch Milch stehen“, sagte er gequält. „Ich weiß es, weil meine Frau heute morgen nach dem Frühstück gesagt hat, dass wir keine mehr im Kühlschrank haben.“ „Da steht Milch drauf“, bestätigte ich, „und meinen Sie nicht, wir sollten es uns ein bisschen leichter machen, indem Sie einfach mir den Zettel geben, statt ihn mir hinzuhalten?“ Man sah deutlich, wie Breschke nachdachte. „Es ist ja keine schlechte Idee“, gab er zurück. „Aber letztlich habe ich doch ein bisschen Angst, dass Sie sich anstecken könnten, wenn ich Ihnen den Zettel einfach so…“ „Herr Breschke“, unterbrach ich ihn, „Sie tragen desinfizierte Gummihandschuhe, und ich habe vorhin fast eine Viertelstunde lang neben Ihnen im Auto gesessen. Man muss doch mal realistisch bleiben.“ Kleinlaut legte er den Zettel in den Wagen, wo ich ihn schließlich aufnahm. „Sehen Sie“, beruhigte ich ihn, „jetzt kaufen wir ganz gemütlich die letzten Sachen ein. Auf der Liste steht Würfelzucker.“

Seine Neigung zu Süßem hatte in den letzten Jahren zugenommen, aber noch hielt es sich in Grenzen. Nur auf den Würfelzucker in seinem Morgenkaffee bestand er, drei Stück mussten sein, wobei er für die letzten Schlucke sogar noch einen vierten hinzufügte. Schwungvoll drehte er den Einkaufswagen nach links und wollte gerade in den Gang mit Backwaren einbiegen, da stieß er frontal mit der Gegnerin zusammen. „Eine Niedertracht“, schrie er. „Sie haben mir doch aufgelauert, damit ich den Sicherheitsabstand nicht einhalten kann!“ Sie tippte sich an die Stirn, doch Breschke war gar nicht mehr zu bremsen. „Das wird Folgen für Sie haben, darauf können Sie sich verlassen!“ „Gibt es hier ein Problem?“ Der Verkäufer, gut erkennbar an seinem himmelblauen Hemd mit dem grellroten Supikauf-Schriftzug, war unbemerkt an den Auflauf herangetreten. Das focht den Alten jedoch keineswegs an. „Sie hat außerdem damit angefangen“, ereiferte er sich. „Und jetzt fährt sie einfach so aus dem Gang heraus! Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie es zu tun haben!“

„Ich wusste es auch nicht“, bekannte ich und lud die Einkäufe in den Kofferraum. „Wie soll man wissen, dass sie Regionalleiterin ist und zufällig ein paar Besorgungen macht.“ Breschke zog zitternd die Handschuhe von den Fingern. „Das wird Folgen haben“, zischte er. „Das schwöre ich!“ Ich zog die Tür zu und schnallte mich an. „Wissen Sie was? Ab jetzt kaufe ich ein, oder noch besser: halten Sie den Sicherheitsabstand ein und lassen Sie einfach liefern.“





Quarantäne

2 03 2020

Er sah ungewöhnlich aus, wie er hier die Bilder und den Spiegel im Flur abstaubte, und für einen Augenblick machte ich mir Sorgen um ihn. Herr Breschke schnaufte. Aber vielleicht lag es auch nur an diesem Mundschutz, den er bei der Arbeit trug.

„Wenn Sie ein paar Zweige haben wollen“, kam es dumpf unter der Gesichtsbinde hervor, „die Forsythie blüht seit vorgestern, schneiden Sie sich ruhig ein bisschen ab.“ Unbeirrt puschelte er Türen und Treppengeländer ab. Möglicherweise war er nur ein bisschen erkältet, wollte seine Atemwege nicht durch Hausstaub belasten oder hatte das Ende des diesjährigen Karnevals nicht mitgekriegt. Aber ich sollte mich nicht getäuscht haben, der Hausherr war wirklich in Furcht vor den überall durch die Gegend fliegenden Viren, an denen man sich die tödlichsten Krankheiten holen konnte. „Sie sind ja einigermaßen sicher“, verkündete er. „Aber wenn man in den Supermarkt geht und sich in diese lange Kassenschlange stellt, also ich weiß ja nicht.“ Ich stellte den Beutel mit den Konservendosen auf den Küchentisch. „Was meinen Sie denn, wo ich die gekauft habe?“ Breschke war etwas verwirrt. „Sie haben sich bestimmt vorgesehen, oder? Oder!?“

In der Küchenschublade war ein kleiner Vorrat an Masken gelagert. „Ich frage mich, ob Sie wirklich wissen, wozu diese Dinger dienen.“ Der pensionierte Finanzbeamte stemmte empört seine Fäuste in die Hüften. „Man kann sich doch überall anstecken“, nuschelte er lautstark, „oder meinen Sie, dass die Keime an der Grundstücksgrenze Halt machen?“ „Das nicht“, gab ich zurück. „Aber diese Dinger sind in erster Linie dafür gedacht, andere vor Infektionen zu schützen.“ Er grübelte. „Sie meinen, ich sei der Infektionsherd?“ „Nein“, wandte ich ein, doch er schnappte sofort zurück. „Das kann gar nicht sein, ich habe seit zehn Tagen das Haus nicht mehr verlassen. Wo soll ich mich denn da angesteckt haben?“ Es war, wie gesagt, ein bisschen verwirrend.

Während Horst Breschke die Dosen auspackte und in den Vorratsschrank räumte, fiel mein Blick auf die Küchenspüle. „Desinfektionsmittel?“ Er nickte. „Alle haben das jetzt, also hat meine Frau noch schnell ein paar Flaschen gekauft. Aber es ist anscheinend nicht das Richtige.“ Das verstand ich nicht. „Bismarck kann den Geruch nicht vertragen“, erläuterte er. „Er läuft immerzu weg, wenn ich ihn an die Leine nehmen will.“ In der Tat hielt sich der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der mit großer Vorliebe seinem Herrn zwischen den Beinen lief, nicht wie sonst im Erdgeschoss auf. Er hatte im Gästezimmer Quartier bezogen und kam nur noch zum Fressen herunter. „Und Sie sind nicht mehr in der Lage, sich die Hände mit Wasser und Seife zu waschen wie andere Menschen auch?“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Glauben Sie mir, diese Keime lassen sich von Seife nicht beeindrucken. Wenn wir das Haus verlassen würden, dann wäre es noch viel schlimmer!“

Da klingelte es an der Tür. „Das wird der Postbote sein.“ Schon hatte Herr Breschke seinen Mundschutz gerichtet und war auf dem Weg zur Haustür. Ich konnte ihn gerade noch am Arm fassen. „Nicht öffnen“, warnte ich. „Bloß nicht die Tür öffnen, der Mann könnte gerade von einem frisch infizierten Typhuskranken kommen.“ Er riss sich los. „Das ist doch Unsinn“, keuchte er von innen gegen die Maske. „Es gibt doch gar keinen Typhus in Deutschland. Oder habe ich etwas nicht mitbekommen?“ Breschke riss die Augen auf. „Sie verschweigen mir doch hoffentlich nichts?“ „Nein“, antwortet ich, während es erneut klingelte. „Aber bei der geringsten Gefahr werden Sie sich etwas wegholen, weil Ihr Immunsystem nichts mehr verträgt.“ Ich schritt zur Tür, nahm dem Briefträger einen kleinen Stapel Umschläge sowie eine Zeitung ab und drückte sie dem Alten in die Hand. „Und wie Sie sich ernähren – schrecklich!“ Irritiert blickte er auf den Küchentisch und die Raviolidose, die für das Mittagsmahl bereitstand. „Wie soll man denn da noch bei Kräften bleiben? Und wo führen Sie Bismarck aus?“ „Im Garten“, murmelte er kleinlaut. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Sämtliche Keime, die sich hier im Haus ansammeln, werden im Garten verteilt! Das ist ja großartig!“ Hastig zog Breschke sich die Maske vom Gesicht. „Sie meinen, ich atme das alles ein?“ Ungläubig sah ich ihn an. „Sie wissen das nicht!? Meine Güte, da kann ich mir ja lange den Mund fusselig reden!“ Der Hausherr rieb sich unschlüssig die Hände. „Wir haben ja auch gar keine Seife mehr im Haus. Und Äpfel. Meine Frau will seit einer Woche backen, und ich weiß nicht mehr, was ich ihr noch sagen soll.“ Ich schlug ihm herzhaft auf die Schulter. „So kenne ich Sie“, sagte ich. „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.“

Bismarck hatte keinen Schaden von der Quarantäne im Obergeschoss davongetragen. Wie gewohnt lief er seinem Herrn vor die Füße und nötigte ihn mehrmals, die Leine zu entwirren. „Ich hatte ja völlig vergessen, dass heute Wochenmarkt ist.“ „Eben“, bestätigte ich. „Man steht da nicht so gedrängt wie im Ladengeschäft, und man braucht auch keinen Mundschutz.“ Breschke atmete tief durch. „Wunderbar“, sagte er. „Viel besser, als nur zu Hause zu sitzen. Man wird dabei ja ganz krank!“





Schnupfen

14 01 2020

„Mindestens siebenunddreißig-neun“, flüsterte Herr Breschke. „Vielleicht sogar achtunddreißig Grad, ich hatte ja die Brille nicht auf.“ Der alte Herr krümmte sich auf dem Sofa zusammen und hustete in sein Taschentuch. Alles sah nach einer durchaus lebensbedrohlichen Krankheit aus, wir mussten uns auf alles gefasst machen. Es war Schnupfen.

Den Korb mit den Besorgungen hatte ich in die Küche verfrachtet und las die Liste vor: „Vier Hühnerbeine, Suppengemüse, Äpfel, ein Päckchen Ostfriesentee, und sie hatten Stollenkonfekt.“ „Da hat meine Frau noch eine kleine Freude“, ächzte er. „Ich kriege ja nichts mehr herunter, vielleicht noch einen Löffel Hühnersuppe, aber ob das in meinem Zustand noch etwas nützt?“ Ich stützte ihn und zog das Kissen unter seinem Nacken ein Stückchen höher. „Sie sind seit dem Wochenende ein bisschen erkältet“, konstatierte ich, „vermutlich haben Sie sich kürzlich in dieser Theaterveranstaltung etwas weggeholt. Die Leute haben ja gehustet wie die Weltmeister.“ „Kann gar nicht sein“, stöhnte der pensionierte Finanzbeamte. „Es war sogar eher zu warm in diesem Saal, da erkältet man sich doch nicht.“ Bismarck hob den Kopf; er hatte bisher ganz still, quasi im Halbschlaf, auf dem guten Sessel seines Herrn gelegen, was er eigentlich nicht durfte, und regte sich nun, um kurz nachzuschauen, ob sich an der ausweglosen Lage etwas verändert hatte.

„Erkältungen“, dozierte ich, „holt man sich ja nicht wegen der Kälte. Ihr Immunsystem wird ein bisschen angegriffen sein, da passiert das schon mal.“ „Nicht möglich“, stöhnte Breschke. „Das ist ganz und gar unmöglich. Meine Frau hat es doch auch nicht bekommen.“ Bismarck rümpfte die Nase, oder vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, und beschloss, sich wieder auf dem Sessel in der richtigen Schlafposition zusammenzudrehen. „Sie sollten viel trinken“, beschloss ich. „Diese Heizungsluft im Theatersaal hat Ihre Schleimhäute über Gebühr angegriffen, und jetzt gibt Ihnen die mangelnde Feuchtigkeit den Rest.“ „Ich lutsche ja schon diese Pastillen“, erwiderte er matt, „aber solange meine Frau nicht zu Hause ist, was kann ich da tun?“

Während ich in aller Ruhe Hühnerbeine und Suppenbund in den Kühlschrank räumte, näherte sich leise der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Immerhin lief er mir nicht instinktiv zwischen die Beine, während ich das Teewasser aufsetzte, aber das mag daran gelegen haben, dass ich nicht sein Herrchen war. Bei Horst Breschke hatte Bismarck etwas weniger Feingefühl. Und er war auch viel öfter angeleint. So füllte ich das Teesieb mit einer angemessenen Menge, hob zwei Tassen auf das geblümte Tablett, setzte das gusseiserne Stövchen dazu und trug alles zusammen ins Wohnzimmer, wo ich es auf dem Tisch drapierte. „Mir war eben so, als hätten Sie etwas von Stollenkonfekt gesagt?“ Der Hausherr zitterte nur noch mäßig unter seiner leichten Kamelhaardecke, offensichtlich ging es ihm besser. Ich ließ mir jedoch nichts anmerken und legte das zwiebelgemusterte Teegeschirr auf. Er seufzte. „Das war wohl doch das Fieber, nicht wahr?“

Vermutlich hatte er heute noch nicht viel mehr getan, als sich auf dem Sofa mit Frühstück und der Tageszeitung, der Fernbedienung für den Fernseher sowie Taschentüchern bedienen zu lassen. Allem Anschein nach handelte es sich wirklich um einen ausgewachsenen grippalen Infekt, den man nur sehr schwer überlebt, vor allem dann nicht, wenn man ganz alleine zu Hause liegt, weil sich die Gattin beim Frisör befindet. „Ich wollte mit ihr ja nach Spanien“, jammert Herr Breschke. „Diesen Sommer wird das nichts mehr, wer weiß, wann ich diesen schrecklichen Husten los bin – ach, hoffentlich entwickelt sich daraus keine Tuberkulose? Man weiß ja nie!“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Sie lesen nicht so viel ausländische Zeitungen“, bemerkte ich, „aus Indien ist nämlich gerade die Lungenpest wieder stark auf dem Vormarsch.“

Ich hätte das nicht sagen sollen. Jedenfalls quollen dem Kranken schier die Augen aus dem Kopf – möglicherweise hatte er sich im Vorfeld auch eingehend mit der Symptomatik beschäftigt – und er keuchte erschöpft, ob ich ihm nicht eine Tasse Tee reichen könnte. „Viel Flüssigkeit“, befand ich, „das müsste Ihren Zustand deutlich stabilisieren, und dann sollten Sie eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Sie fallen mir ja sonst noch vom Fleisch.“ Schon griff ich nach der Teekanne, da richtete sich der Hund auf, spitzte einmal über den Tisch und erstarrte. Beim Anblick des Tellers zwischen den beiden Teetassen reckte er sich ganz nach vorn, die Vorderbeine fest auf die Sessellehne gestemmt, und mit einem Satz stand er auf dem Tisch, wo er flugs die Schnauze in den Gebäckteller hielt. „Bismarck!“ Mit einem Aufschrei warf Horst Breschke die Decke von sich, stürmte auf den Tisch zu und versuchte, den Dackel noch am Halsband zu erwischen. Doch es war zu spät. Mit einem Stück Stollenkonfekt im Maul sprang Bismarck herunter, geradewegs an uns beiden vorbei, und verschwand auf der Treppe ins Obergeschoss. Keuchend hielt sich Herr Breschke an der Stuhllehne fest. „Ich würde Sie damit als geheilt entlassen“, stellte ich fest. „Wenn Sie mögen, setze ich gleich noch die Hühnersuppe auf, Ihre Frau kommt sicher in einer Viertelstunde zurück und kann sie in aller Ruhe bis heute Abend kochen lassen.“ Er tastete nach dem Fernsehsessel. „Ach“, stöhnte er, „man kann hier ja nicht einmal in Ruhe krank sein – wie soll man so gesund werden?“





Bereite Dich, Zion

10 12 2019

Horst Breschke stand fast auf den Zehenspitzen. Dabei war das Bäumchen auf dem kleinen Podest nicht einmal so groß, dass es an die Zimmerdecke gereicht hätte. „Wir haben uns den Baum in diesem Jahr schicken lassen“, erklärte der Hausherr. „Weil wir zu Weihnachten zu meiner Schwägerin fahren.“ Und wer hätte das nicht verstanden.

Im Hintergrund knisterte der Plattenspieler. Eine Sopranistin forderte Zion auf, sich zu bereiten, und das womöglich mit zärtlichen Trieben. Breschke wickelte aus einer der zahlreichen Packungen die offenbar im letzten, eventuell auch vorletzten Jahr verstaute elektrische Lichterkette, zwei Dutzend kleine Glühlämpchen mit Klemmen, um sie an den Ästen des Tannenbaums zu befestigen. „Wenn ich an damals zurückdenke“, schwärmte er, „wir hatten ja noch Zuckerzeug, und dann die Wachskerzen – ach, Onkel Eduard hatte schon fast zwei Flaschen Burgunder gehabt, und die brennenden Kerzen!“ „Das ist doch viel ungefährlicher“, pflichtete ich bei und reichte die Lichterkette an. Auf dem zweiten Sessel an der Terrassentür lag träumend Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis. Nichts schien seine Ruhe zu stören.

„Fertig!“ Die erste Kette saß, der pensionierte Finanzbeamte griff nach dem Stecker, um an der Wandsteckdose die Funktionsfähigkeit der Lichter zu testen. Es misslang. Er grübelte. „Letztes Jahr war sie doch noch in Ordnung?“ „Vielleicht sind die Birnen nicht ordentlich festgedreht?“ Das gab ihm zu denken. „Ja, das könnte durchaus sein.“ Das Prinzip der Reihenschaltung war auch ihm noch aus dem Physikunterricht in Erinnerung geblieben, und so fasste er eine der Kunststoffbirnchen nach der anderen an, dreht sie hin und her, als plötzlich mit einem Aufschrei schimmerndes Licht den unteren Teil des Bäumchens illuminierte. „Ist das heiß“, jammerte er. „Zeigen Sie mal her.“ Es war wirklich beinahe eine Brandblase zu sehen, aber ich mochte mich auch täuschen. „Halten Sie den Daumen ein paar Minuten in kaltes Wasser“, tröstete ich den alten Herrn. „Sicher war’s nur der Schreck.“ Dabei hatte Bismarck die Wehklage gar nicht erst zur Kenntnis genommen. Bestimmt war sein Traum gerade interessanter.

Auf dem Couchtisch lagen allerhand Schachteln mit gläsernen Engeln, bunt lackierten Kugeln und goldenen Tannenzapfen. „Immer erst die Lichter“, entschied Herr Breschke. „Danach schauen wir, ob für anderen Schmuck in dem kleinen Bäumchen noch Platz ist.“ „Vielleicht hätten Sie überhaupt einen Klappbaum besorgen sollen“, überlegte ich, „wenn Sie über die Feiertage bei der Familie sind, können Sie diesen hier ja gar nicht mitnehmen.“ Man sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. „Ob man den noch zurückgeben kann?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie haben den Stamm schon angesägt, das wird schwierig.“ „Aber so ein Klappbaum?“ Herr Breschke blieb skeptisch. „Das wird nie dasselbe sein.“

Immerhin ließ sich die zweite Kette, die größere Birnen besaß, leichter vom hölzernen Stäbchen ab- und an den Ästen anklemmen. „Die ist ganz neu“, erklärte Breschke. „Unsere Tochter hatte ein sehr günstiges Angebot, das war damals in Malaysia.“ Die kyrillischen Buchstaben mit dem Eisbären waren sicher allgemein asiatisch interpretierbar. Oder die Firma hatte die Verpackung in Sibirien fertigen lassen. „Sehen Sie“, sprach der eifrig Schmückende, „sie lassen sich ganz leicht auf die Zweige stecken.“ Dafür wiesen die Leuchtmittel jedoch mangelhafte Proportionen auf; da die Birne ein bisschen zu groß war, drehten sich allmählich sämtliche Klammern, und die Lichter saßen jetzt kopfunter im Baum. „Wir müssten sie irgendwie befestigen“, überlegte er. „Ich habe da noch eine Heißklebepistole im Keller.“ Ich runzelte die Stirn. „Lieber Herr Breschke“, widersprach ich, „auf gar keinen Fall! Erst müssen wir doch wissen, ob sie überhaupt leuchtet?“ „Da haben Sie mal recht“, stimmte er zu und schloss die Stromversorgung an. Es strahlte. Nur eben eher nach unten. „Man müsste vielleicht die…“ Sprachlos vor Entsetzen wurde der arme Mann man hinten geschleudert. „Das ist ja lebensgefährlich!“ Horst Breschke hielt sich an der Stuhllehne fest. Seine Knie zitterten sichtlich. „Das ganze Ding steht unter Elektrizität!“ Immerhin, das ließ sich nicht leugnen. Aber von Isolation stand ja auch nichts auf der Packung.

Der Sopran wies inzwischen sein allegorisches Zion an, die Wangen mit dekorativer Kosmetik zu bearbeiten. Zwei weitere asiatische Ketten wurden gar nicht erst ausgepackt, nun blieben noch die Leuchter aus dem Fundus. „Aber für das Bäumchen reicht es auch“, urteilte ich, „wenn Sie jetzt noch ein paar Kugeln und Tannenzapfen aufhängen, sieht es sehr festlich aus.“ Herr Breschke nickte. „So werde ich das machen. Wenn Sie mögen, können Sie uns schon das Teewasser kochen, dann trinken wir gemütlich noch ein Tässchen.“ So ging ich also in die Küche und befüllte den Kocher, während er an den Kabeln hantierte und Packungen in einem großen Karton verstaute. „Die hatte ich jetzt fast vergessen“, hörte ich ihn noch sagen. „Wir haben so eine Steckerleiste, die man mit nur einem einzigen Schalter anknipsen kann.“ „Herrn Breschke“, mahnte ich, „denken Sie an…“ Mit einem enormen Bums verabschiedete sich der vorweihnachtliche Lichterglanz, die inbrünstige Stimme, die eben noch im höchsten Diskant jubiliert hatte, implodierte wie in einem Rückwärtsurknall zu einer Art Kellerbass, der aber nach wenigen Augenblicken schon ins Dunkel schwieg. Das Wasser kühlte sich ab. Es roch etwas wie am Silvesterabend. Nur Bismarck ließ sein indigniertes Knurren vernehmen; offenbar hatte ihn der Kurzschluss im Schlummer gestört. „So was aber auch“, stöhnte Horst Breschke. Ich stellte die Teetassen auf den Tisch. „Im nächsten Jahr nehmen Sie besser wieder Wachskerzen. Die sind einfach weniger gefährlich.“





Sanfte Methoden

7 11 2019

„Wie gesagt, ich brauche Dich als Zeugen.“ Anne drückte die Tür ins Schloss klemmte sich den Aktendeckel unter den Arm. „Und keine dummen Bemerkungen, wenn ich bitten darf. Noch habe ich das Mandat nicht angenommen.“ Wir gingen über den Parkplatz. Das also war Günters Autoparadies.

„Hatten Sie denn einen Termin?“ Der Inhaber blätterte in einem zerlesenen Notizbuch auf dem Schreibtisch in der Ecke der Werkstatt. „Nein“, gab Anne zurück. „Wir, also das heißt ich bin hier, weil es…“ „Anlasser“, brummte Günter Schittlowski, seines Zeichens Paradiesbetreiber. „In den meisten Fällen Anlasser oder Zündkerzen. Ist doch der kleine Rote da hinten, oder?“ Sie zeigte mit dem Daumen auf den großen Schwarzen. „Oha“, entfuhr es ihm. „Das wird teuer.“ Ich hob leicht die Brauen. „Aha, ein Fachmann.“ Das hätte ich besser nicht gesagt. Jedenfalls schien es Anne nicht zu gefallen.

Sie sah sich um in der verhältnismäßig düsteren Werkstatt. Ein klappriger Kombi stand auf der Hebebühne, die allerdings nicht hochgefahren war. Die übrigen Gerätschaften, Ölkännchen, Werkzeuge und allerlei Apparate, standen und lagen in der Gegend verstreut, kurzum, nichts hinterließ einen ungewöhnlichen Eindruck. „Sie sind natürlich mit den Modellen bestens vertraut“, begann Anne ganz harmlos. „Und was Sie reparieren, ist hinterher auch ganz sicher wieder vollkommen in Schuss.“ Der Inhaber nickte. „Diese modernen Elektrodinger kommen ja noch nicht in die Werkstatt, aber wenn Sie mit einem Benziner oder mit einem Diesel Schwierigkeiten haben – null Problem!“ Anne begann in ihrem Aktendeckel zu suchen. „Sie haben, wenn mich nicht alles täuscht, gar keine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker absolviert?“ Schittlowski wischte die ölige Hand an seinem Hosenbein ab. „Habe ich das behauptet?“ Anne wollte etwas antworten, doch er kam ihr zuvor. „Steht das auf dem Schild oder an der Tür? Oder mache ich damit Reklame?“ „Das nicht“, fuhr sie ihn an. „Aber wenn man ‚Autoparadies‘ liest, denkt man sich doch…“ „Dass Sie hier von einem Engel im Blaumann empfangen werden“, grinste er spöttisch. Schittlowski hatte recht. Nichts davon hatte er sich zuschulden kommen lassen.

„Die Sache ist die“, begann nun Anne wieder, „mein Mandant hat vergangenen Monat seinen Wagen in Ihre Obhut gegeben und dann drei ganze Tage gewartet, dass Sie den Schaden beheben.“ Er nickte. „Drei Tage“, bestätigte der Kraftfahrzeug-Schamane. „Das wird sich um Herrn Niederolm handeln, ich hatte ihn ausdrücklich um eine Woche Behandlungszeit gebeten, weil es bei der Batterie sicher zu einer Erstverschlimmerung kommen würde, aber er hat ja nicht auf mich hören wollen.“ Ich stutzte. „Eine Erstverschlimmerung?“ Günter Schittlowski nickte. „Richtig, das ist bei Batterien durchaus normal. Sie entladen sich meisten weiter, auch wenn man sie noch nicht ausgetauscht hat. Oder aufgeladen.“ „Also wussten Sie vor Anfang an, dass die Batterie defekt war?“ Er wischte sich die andere Hand ab. „Natürlich, schließlich war der Anlasser ja verhältnismäßig neu. Und das Licht war auch nicht besonders gut.“

„Sie haben“, deklamierte Anne dazwischen, „meinem Mandanten eine Rechnung geschickt über einen Betrag von…“ Bevor sie umblättern konnte, hatte Schittlowski schon die Hände in die Hosentaschen gesteckt. „Ich habe ihm eine Woche Zeit gegeben, aber er wollte ja nicht hören. Also habe ich ihm die Autoschlüssel ausgehändigt, und er hat den Wagen samt der kaputten Batterie wieder vom Hof geschleppt. Was wollen Sie von mir?“ „Sie sind kein Automechaniker!“ Er lehnte sich zurück. „Da waren wir schon einmal. Weisen Sie mir einen Mangel nach, sonst verlassen Sie meine Werkstatt. Ich habe zu tun.“ Und er wandte sich dem Kombi auf der Hebebühne zu.

„Unter uns“, sagte ich, „Sie verstehen nichts von Autos. Wen wollen Sie damit aufs Kreuz legen, etwa Ihre Kunden?“ „Meine Kunden“, antwortete er, „suche ich mir sehr genau aus, ich akzeptiere schließlich nicht jeden. Und im Erstgespräch kläre ich sie auch gründlich auf, wie ich arbeite und was sie von mir zu erwarten haben.“ Ich verstand nicht. „Das ist doch hier eine ganz normaler Werkstatt, in die ich mein Auto bringe, wenn der Anlasser nicht mehr funktioniert oder der Vergaser?“ Er lächelte. „Ich bin kein Mechaniker. Ich bin Heilpraktiker für Kraftfahrzeuge.“ Anne riss die Augen auf. „Sie sind was!?“ „Heilpraktiker“, wiederholte Schittlowski. „Nur sehr sanfte Methoden, ich beobachte die Autos ein paar Tage und führe minimale Eingriffe mit gut verträglichen Methoden durch, die die Schulmechanik meistens ablehnt.“ „Sie haben den Wagen von Herrn Niederolm tagelang beobachtet und nichts unternommen?“ „Er wollte es doch so“, entgegnete der Inhaber. „Einen Tag später hätte ich ihn rübergebracht.“ Anne stutzte. „Rüber?“ Er deutete mit dem Finger aus dem Rolltor auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Da sitzt mein Bruder“, sagte er mit leicht abfälligem Unterton, „er hat eine Schulwerkstatt. Man muss ja auch seine Grenzen kennen, das gehört bei einer Ausbildung in meinem Metier nämlich dazu.“

Fassungslos ging Anne zurück zum Wagen. Der Schlüssel funkte, die Tür aber öffnete sich nicht, wenigstens nicht beim ersten, zweiten oder dritten Versuch. „Nichts als Ärger“, knurrte sie. „Ach“, gab ich zurück, „wir könnten es mit unkonventionellen Methoden versuchen. Was hältst Du von Globuli?“