Horizontales Grün

20 08 2019

05:44 – Die ersten schwachen Sonnenstrahlen erhellen die Grünflächen der Straßenzüge in der Reihenhaussiedlung Oleanderbogen. Der junge Tag verspricht trocken zu bleiben, so lässt sich Rentner Heinrich J. (73) mit Klemmlupe und Nagelschere auf dem Rasen nieder, um die eine oder andere Kante um Rosenbeet und Vogeltränke wieder zu begradigen. Während ihm die Sehhilfe aus dem Auge rutscht, sticht er sich die Schere in den Daumen. Ein kurzes, aber heftiges Zischen entfährt dem früheren Damenfrisör.

05:55 – Mühsam hat sich Ewald S. (72) aus dem Bett gearbeitet. Schlaftrunken öffnet der ehemalige Hausmeister die Rollläden einen Spalt weit und stellt entsetzt fest, dass die Nachbarn ohne ihn mit der notwendigen Gartenpflege begonnen haben. Um die schlummernde Gattin nicht zu wecken, schleicht er nicht in den Keller, sondern entnimmt der Küchenschublade geräuschlos die für Kräuter gedachte Schere mit fünf Schneiden. Es geht los.

06:12 – Im Schein einer 20-Watt-Lampe pflegt Feldwebel a.D. Gustav K. (83) seinen Schnauzbart, als er durch das Küchenfenster auf der anderen Straßenseite erblickt, wie sich S. mit deutlich sichtbaren Rückenproblemen über die Grasnarbe schleppt. Der Veteran humpelt zum Besenschrank, wo er einen akkubetriebenen Trimmer hervorzieht und mit kaiserlich aufgezwirbelten Bartspitzen den Vorgarten betritt. Ein kleiner Knopfdruck auf das Stielgerät, in dem ein Nylonfaden kreiselt, und die Luft erfüllt ein unmelödiöses Sirren.

06:26 – Nachdem der Schäferhundrüde Tasso vom Waldrand seiner Erregung durch das hochfrequente Störgeräusch so anhaltend wie deutlich Ausdruck verliehen hat, öffnet Frührentner Rudolf F. (61) das Wohnzimmerfenster. Der vierbeinige Freund ist nicht amüsiert. Gleichzeitig erkennt F., dass sich der Rest der Nachbarschaft gegen ihn verschworen haben muss. Er legt sich mit einer Rosenschere bewaffnet hinter der Hecke in Lauerstellung.

06:51 – Monteur Ulf Z. (44) kehrt zurück von der Frühschicht in der Fertigungsabteilung des lokalen Zulieferers für konventionelle Angriffswaffen. Während der Facharbeiter seinen Wagen rückwärts in der Garagenauffahrt parkt, nimmt er Geräusche um ihn wahr, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn treiben: der Vorgarten ist nicht gerichtet und der Besuch der Schwiegereltern steht bevor. Hastig setzt er wieder aus der Auffahrt auf die Straße. Jetzt muss professionelles Equipment her.

07:14 – Immobilienmakler Claus O. (54) betritt mit dem von seinem Großvater geerbten Gerät den Vorplatz. Das Modell Gulliver Sport verfügt über einen Satz gerader Scherklingen, die konzentrisch um die Antriebsachse montiert sind. Eine gründliche Schärfung vorausgesetzt wäre das Nachmähen von knapp drei Quadratmetern Rasen damit eine Kleinigkeit. Leider handelt es sich weder um eine kleine Wuchskorrektur noch hat O. den Apparat innerhalb der letzten Jahre besonders gut gewartet.

07:33 – Das Quietschen des mechanischen Mähers treibt Tasso in den Wahnsinn. Nachbar Peter D. (34) dreht das Radio noch ein bisschen lauter, um das Tier nicht hören zu müssen. Da D. bereits kurz nach dem Einzug seinen Vorplatz mit zehn Zentimeter Kies ausgelegt und das Geröll gründlich zementiert hat, sieht er nun keine Notwendigkeit, das Haus zu verlassen.

08:08 – Auf den hinteren Grundstücken Richtung Fliedergasse sind die ersten Schwingungen angelangt. Zahnarzt Jens G. (47) entnimmt dem Geräteschuppen sein elektrisches Mehrzweckgerät, das an einem gestielten Handgriff sowohl trimmt als auch schneidet. Der Grobaufsatz verursacht eine unerwartete Lärmentfaltung, was G. aber nicht sehr irritiert. So rasiert er fröhlich die Gänseblümchenmischung hinter dem Liguster.

08:16 – Mit seiner lautstarken Klage hat Tasso offensichtlich die Aktivierungsfrequenz von Robi getroffen. Der Mähroboter fährt schnurrend aus seiner wetterfesten Ladestation im Garten der Anlageberaterin Jenny E. (38) und bahnt sich seinen Weg über den Spielrasen. Da er diese Fläche jedoch tags zuvor instandgesetzt hat, schaut sich der Schnitthelfer nach anderen Einsatzgebieten um.

08:20 – Die Garage des rotbraun geklinkerten Bungalows öffnet ihr Tor, heraus schreitet Tim W. (32) samt einem verhältnismäßig neuen Modell von Motormäher. Muskulös und im Vollbesitz seiner Kräfte zieht der Freizeitbodybuilder an dem Draht, der den Anlasser starten soll. Die Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite fühlen sich ad hoc kreislaufmäßig herausgefordert. Gardinen rascheln, hier und da greift eine Hand in die Kakteen auf der Fensterbank. Ein metallisches, gut artikuliertes Geräusch zeigt an, dass der Zug soeben gerissen ist. Der nur mühsam unterdrückte Schmerzensschrei von W., der von der unübersehbaren Schnittwunde an seinem Handgelenk herrührt, hat denselben Ursprung.

08:29 – O. und seine stumpfen Messer haben den Graswuchs nicht nennenswert angetastet. Noch immer schiebt der schwitzende Glatzkopf das Gerät über das Grün, das zwar deutliche Ermüdung zeigt, aber weiterhin fest verwurzelt in der Erde steht. In der Zwischenzeit hat Tasso im Wohnzimmer den Teppich, zwei Fernsehsessel sowie eine Fußbank durch Flüssigkeitszufuhr individualisiert.

08:38 – Der Baumarkt ließ Z. keine andere Wahl als das Aufsitzmodell Goliath 3000. Die hastig improvisierte Anhängerkupplung, die zum Transport des Gartengeräts an Ort und Stelle ans Fahrgestell geschweißt wurde, ist noch nicht ganz ausgekühlt. Entsprechend schwierig gestaltet sich der Bremsvorgang, bei dem das Garagentor, ein Teil der Garage, ein Teil des Hauses sowie viele der bis dahin noch verwendungsfähigen Komponenten des Kraftfahrzeugs nachhaltig zerstört werden. Glück im Unglück: dem Goliath 3000 ist nichts passiert.

08:55 – F. hat inzwischen das Grundstück verlassen und robbt sich hinter den feindlichen Linien entlang in Richtung Norden. Die Rosenschere hat er dabei stets im Anschlag, um aus dem Nichts auftauchende Reptiloiden in die Flucht zu schlagen. Kurz hinter der Ecke Enzianweg kauert er sich mit einem Krampf im Bein auf den Gehweg.

09:05 – Noch immer ist G. mit dem E-Trimmer zugange, als er plötzlich unachtsamerweise in die Nähe der Hauswand gerät. Der nicht komplett aufgerollte Gartenschlauch, den am Vorabend die Gattin lediglich mit dem Griffventil gesperrt hat, erweist sich gegenüber den Fangzähnen des Grasschneiders als nachgiebig. In einem unsauber angesetzten Schnitt zerfetzt G. den Schlauch, aus dem druckvoll das Wasser spritzt. Widerstand ist in diesem Fall zwecklos: kurz, aber spannungsfrei fließt der Strom durch den Körper des Dentisten, bevor die Hauptsicherung mit einem sonoren Knall aufgibt. Die Nachbarin sieht den Arzt zuckend auf der Wiese liegen und informiert geistesgegenwärtig einen Rettungswagen.

09:08 – D. hat die Musik nun auf volle Lautstärke gestellt. Die Doppelverglasung seines Eigenheims lässt keinen Störschall mehr hinein, dafür vibrieren die angrenzenden Grundstücke ab einer Bodentiefe von fünf Metern im Rhythmus volkstümlicher Schlager.

09:10 – Marvin T. (16) hat den Lärm satt. Der Gymnasiast muss erst zur dritten Stunde in die Schule und stört sich an den vibrierenden Fenstern seines Jugendzimmers. Spontan schaltet er die Anlage an die legt das neue Live-Album der Apocalyptic Armageddon Assassinatörs auf.

09:11 – Tasso zerlegt ein Sofakissen in Kleinteile.

09:25 – Z. ist es in der Zwischenzeit gelungen, den Aufsitzmäher vom Anhänger zu wuchten, ohne sich oder den Mäher mehr als nötig zu beschädigen. Mit Bedauern stellt er fest, dass sein Auto trotz Abgasnorm Euro 6 immer noch einen Dieselmotor besitzt. Die Kraftstofffrage schwebt im Raum.

09:28 – Der Rettungswagen fährt mit vollem Signaleinsatz und quietschenden Reifen in die Haarnadelkurve Ginsterweg Ecke Lilienstraße. Kurz vor der Einmündung Schneeglöckchenstieg verreißt Fahrer Ingolf A. (27) das Steuer, als er frontal in eine Schallwand brettert, die vor dem Obergeschoss des Wohnhauses von Familie T. auftürmt. Der Wagen kommt seitlich an der Gartenmauer zum Stehen. A. wird umgehend vom Rettungsassistenten Oliver H. (28) reanimiert. Nachbarn ordern sofort einen zweiten Wagen für G., dessen Zustand sich offenkundig nicht verändert.

09:38 – Robi ist gemächlich unterwegs in Richtung Fliedergasse. Kurz vor der Ecke Enzianweg touchiert er hinterrücks den dort an der Hecke sitzenden F. Dieser springt schreiend auf, wobei er sich einerseits an seiner Rosenschere verletzt, andererseits durch den Schrecken nicht unbeträchtlich einnässt. Unbehelligt rollt der Roboter weiter.

09:45 – Mit Hilfe eines Gummischlauchs hat Z. aus dem immer noch herrenlos im Vorgarten von W. stehenden Mäher den Kraftstoff entzogen. Er spürt eine leichte Reizung der Atemwege. Die als Auffangbehältnis dienende Gießkanne, aus der der Waffenschmied das Benzin in den Goliath 3000 träufelt, stellt dieser achtlos auf den Gehsteig vor seinem Haus.

09:51 – Jacqueline C. (29) geht aufreizend langsam in Richtung Mülltonne. Sie hatte auf den feschen Facharbeiter schon seit langem ein Auge geworfen, deshalb trägt sie ihr farbenfrohstes Make-up. Leider verhaken sich beim Leeren des Restmüllbeutels die künstlichen Wimpern ihres linken Auges, so dass sie den Halt ihrer Filterzigarette nicht mehr unter Kontrolle behält.

09:52 – Eine ungefähr zwei Meter hohe Verpuffung färbt C. zumindest von vorne in ein einheitliches Blauschwarz. Z. wird nach hinten geschleudert, wobei er vom Sitz des Rollmähgeräts fliegt. Das gartenbautechnische Fahrzeug setzt sich tuckernd in Bewegung.

09:53 – Synchron zu der Gasexplosion war der zweite Ambulanzwagen aus der Gladiolengasse eingebogen. Fahrerin Signe Ö. (28) tritt ruckartig auf die Bremse, so dass das Auto heckseitig ausbricht. Reflexartig springt Postbote Hajo I. (58) über den Jägerzaun und legt eine Punktlandung auf dem noch nicht ganz abgebundenen Zement von Kreisoberverwaltungsrat Martin B.s (55) Auffahrt hin.

10:07 – Kristian U. (48) nutzt das gute Wetter, um nicht nur horizontales Grün in Ordnung zu bringen. Er nennt eine elektrische Heckenschere sein eigen und setzt das Gerät nun zunächst für den deutlich zu stark geratenen Grasbewuchs ein. Die akustische Emission ist wie zu erwarten stark.

10:10 – Z. rennt seinem Mähfahrzeug hinterher. Zunächst geht er davon aus, dass das Objekt ohne lenkende Person sich nur geradeaus bewegt, ist aber beim Einbiegen in den Moosröschenring irritiert, dass ihm sein Goliath 3000 mit nicht ganz geringer Geschwindigkeit entgegenkommt. Schon will er auf den Mäher steigen, als ihm von hinten Robi die Füße wegreißt. Z. kippt auf den Sitz, verliert aber durch den Aufschlag auf dem Steuerrad das Bewusstsein. Mit einer verkehrsuntüchtigen Person auf dem Sattel, die mit vollem Körpergewicht auf dem Gaspedal steht, nimmt das Mähzeug seinen Weg in Richtung Lilienstraße Ecke Ginsterweg.

10:22 – Nachbarn haben G. inzwischen so weit reanimiert, dass er außer Lebensgefahr zu sein scheint. Sie wundern sich nur, dass es in dieser stadtnahen Umgebung so lange dauert, einen Rettungstransport zu bekommen. Zur raschen Wiederherstellung des Telefonnetzes hat Elektriker Otto R. (56) den Stromkreis im Hause G. wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt.

10:23 – F. hockt mit durchnässter Hose nur wenige Meter entfernt unter der Ligusterhecke und tastet sich mit der bewaffneten Hand vor in feindliches Territorium. Beim ersten Berühren eines festen Gegenstandes schnappen die Finger seiner Rechten sofort zu: mit einem Schnitt durchtrennt F. die Zuleitung des im Prinzip noch funktionstüchtigen Elektrotrimmers. Während R. nach einem kurzen Flackern wiederum das Verlöschen von Oberlicht und Ventilatoren bemerkt, steigen Rauchpilze aus F.s Ohren. In Embryonalstellung rollt er unter das Grundstücksbegrenzungsgrün.

10:29 – Auch bei O. liegen die Nerven blank. Erst jetzt stellt er fest, dass sein mechanischer Mäher die erhoffte Leistung aus technischen Gründen gar nicht erbringen kann. In einem Wutanfall fährt er sich auch noch über die fast neuen Golfschuhe und schleudert den Gulliver Sport aus der Drehung mit durchaus her Eleganz in die Fensterfont seines Wohnzimmers. Dann wirft er sich wie im Rausch in seinen Sportwagen. Mit stark überhöhter Geschwindigkeit nimmt O. Kurs auf die angrenzende Gemarkung Sperbertal.

10:42 – Noch ist nicht alles verloren. Der dritte RTW biegt mit Lichtorgel und Folgetonhorn auf Stufe MAX aus dem Ginsterweg. Winkende Anwohner signalisieren Fahrer Guntram Sch. (32) schon von Weitem, wo sich der Einsatzort befindet. Leider hat Z. in seinem Zustand weder einen klaren Überblick über die örtliche Verkehrsführung noch über die Handhabung von Sonderrechten bei Einsatzfahrzeugen. Sch. ist nicht mehr in der Lage, dem Goliath 3000 auszuweichen, der eine Abkürzung über zwei unbebaute Grundstücke genommen und nun ungebremst auf ihn zurollt. Das Gartenkleingerät wird bei der Kollision erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

10:45 – Röhrend donnert eine gewaltige Maschine den Oleanderbogen entlang. In einer paranoiden Regung hat O. beschlossen, seinen Gulliver Sport durch einen am Feldweg parkenden Mähdrescher zu ersetzen. Nach einigen Kleinwagen sowie einem Kabelverzweiger mangelt O. auch gut fünfzig Meter Hecken, Zäune und Pfosten nieder, bis er auf die Einmündung Geranienallee zurollt. Mit einem unelastischen Stoß touchiert die landwirtschaftliche Großmaschine die Hausfront von D. Die fußläufig herbeigeeilten Notfallsanitäter ziehen den traumatisierten Hausherrn aus den Trümmern seines einsturzgefährdeten Bungalows. D. hört nichts mehr. Auf die beiden Retter gestützt taumelt er ins Freie und lallt „Resi, i hol Di mit mei’m Traktor ab“. Aus sicherer Entfernung kläfft ein Hund. So endet der Morgen in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihren Rasen mähen wollten.

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Das halbe Leben

6 08 2019

„Der eine Tag!“ Anne warf die Papiere auf ihren Schreibtisch und suchte nach einem Kugelschreiber. „Außerdem sind wir immer noch rechtzeitig, und wenn nicht, hätte ich mit der Behörde schon einen Termin ausgemacht.“ „Und ihn ganz bestimmt nicht vergessen“, knurrte Luzie. Ich drückte mich tief in den Sessel hinein. Dicke Luft.

„Sie müssen für eine versäumte Frist gar keinen neuen Termin vergeben“, erklärte Luzie, und das sehr bestimmt. „Erst das mit dem Staatsanwalt, jetzt haben wir Ärger wegen des Bauantrags, und wenn wir die Anhörung in der Sache Hüttenklömper auch noch versauen, dann haben wir bald gar keine Mandanten mehr.“ Anne suche ihre Papiere wieder zusammen – ein paar von ihnen hatte es nicht auf dem Schreibtisch gehalten – und blätterte hektisch in ihrer Aktenmappe. „Dann trägt man die Termine eben in den Kalender ein, ist denn das so schwer?“ „Ich will mich nicht einmischen“, begann ich zaghaft. „Dann lass es doch“, tönte es zweistimmig zurück, einmal aus dem Sprechzimmer, einmal vom Tresen der Kanzlei. Tatsache war, dass Luzie Freese keine Schuld traf. Die wohlorganisierte Person mit dem Krauskopf, die luziefr zeichnete, hatte alle fraglichen Termine säuberlich in ihrem Kalender verzeichnet, nicht ein einziger fehlte, und sie hatte sie darüber hinaus auch noch an jedem Morgen der Anwältin vorgelegt mit der Frage, wo denn die zugehörigen Schriftstücke abgeblieben seien. „Meist liegen sie auf dem Fensterbrett“, konstatierte die Bürovorsteherin, „aber darauf kann man sich nicht immer verlassen. Ein paar liegen auch auf dem Aktenschrank oder in ihrem Schreibtisch, und dann steht kein Termin drauf.“

Der springende Punkt, das ließ sich leicht aus den bisherigen Ermittlungen ableiten, war der Einsatz, vielmehr: der fehlende Einsatz von Büroklammern. „Früher hat sie nämlich immer einen kleinen Zettel an die Akte geheftet“, erklärte Anne. „Wenn ich den Termin sehe, und die Akte liegt auf dem Schreibtisch, und ich weiß, dass beides im Kalender steht, dann kann ich doch gar keine Frist mehr versäumen.“ Ich verdrehte die Augen. „Du willst mir nicht erzählen, dass dieser Bauantrag für das Ferienhaus von Doktor Klengels Nachfolgerin fast an einer fehlenden Büroklammer gescheitert wäre?“ Sie runzelte die Stirn. „Wir hatten nämlich immer Büroklammern vorrätig.“ Damit schritt sie zum Aktenschrank, zog die linke Tür auf und zeigte aufs zweite Regal von oben. „Ich sehe Akten“, konstatierte ich. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Muss das so sein?“

„Wir hatten dort immer eine Schachtel mit Büroklammer stehen, zumindest früher in der alten Kanzlei.“ Luzie verriet mir dies mit einem Ernst, den ich nicht erwartet hätte; es musste sich um eins der am besten gehüteten Betriebsgeheimnisse der Kanzlei handeln. „Normalerweise hole ich eine Büroklammer aus dem Schrank, aber jetzt ist die Schachtel nicht mehr da.“ Ich fühlte nach meinem Gesicht; es hatte eindeutig seine Form eingebüßt, war aber immer noch an der vorhergesehenen Stelle. „Und es ist keinem eingefallen, vielleicht eine neue Schachtel Büroklammern zu kaufen, wenn die alte sich nicht mehr auffinden lässt?“ „Ich wollte es mir ja in den Kalender eintragen“, antwortete Luzie kleinlaut.

Aus den drei Papierstapeln auf dem Fensterbrett ließ sich der anstehende Arbeitstag einigermaßen rasch rekonstruieren. „Ordnung ist das halbe Leben“, ätzte Luzie. „Ihr habt Euch vermutlich für die andere Hälfte entschieden“, gab ich ungerührt zurück. Anne kramte einen Bleistift aus der Handtasche. „Jetzt mach uns nicht auch noch Vorwürde, das hilft uns nicht weiter. Denk lieber mit: wenn Du eine Schachtel Büroklammern wärst, wo würdest Du Dich verstecken?“ „Im Kühlschrank“, antwortete ich. „Gute Idee“, meinte Luzie. „Das ist allerdings derart offensichtlich, dass man es schon wieder ausschließen kann. Denn wir gehen ja beide jeden Tag an den Kühlschrank, also wer hätte die Büroklammern dort hineinstellen sollen?“ „Ihr geht auch beide täglich an den Aktenschrank“, überlegte ich. „Also wäre das keine große Überraschung, wenn sich die Schachtel dort befinden würde.“ Luzie zog die Stirn in gefährliche Falten. Ich schwieg aus Vorsicht.

Allerdings hatte und bis jetzt nichts dem Ziel auch nur einen Schritt näher gebracht. „Wo würde ich mich verstecken“, murmelte ich, „wo würde ich mich verstecken?“ Mit einem Ruck zog ich eine der Schubladen an Annes Schreibtisch auf, griff nach der Schachtel mit den Büroklammern und stellte sie auf den Tisch. „Voilà!“ Luzie ballte die Fäuste. „da kann ich ja lange suchen!“ Immerhin, das Objekt der Verzweiflung war wieder gefunden. Mit der größten Selbstverständlichkeit ergriff Anne das Päckchen und stellte es zurück in den Aktenschrank auf das zweite Regal von oben. „Aber wir müssen uns für die Zukunft etwas einfallen lassen, dass wir nicht in Terminschwierigkeiten geraten.“ Anne suchte nach dem Abreißklotz. „Ich könnte die Termine mit Bleistift auf die Akten schreiben“, überlegte sie. „Oder mir einen Zettel schreiben und ihn an den Aktendeckel…“ Anne hielt inne. Angestrengt blickte sie auf die Fensterbank. „Wo sind eigentlich die Heftklammern geblieben?“





Flaschenkinder

31 07 2019

„Nehmen Sie auch noch eine Tasse“, nötigte er mich. „Ich setze gleich neuen Tee auf.“ Breschke spülte die Kanne um und stellte den Flötenkessel auf den Gasherd. „Man soll bei dieser Temperatur lieber vorsichtig sein.“

Die Gartenarbeit hatten den Hausherrn ein wenig erschöpft, also hatte er sich ein frisches Hemd angezogen und sah auch ansonsten landfein aus. „Die Zeitungen bringe ich am Wochenende weg“, überlegte er, „und wenn Sie noch kurz in den Baumarkt wollen, ich fahre auf dem Rückweg sowieso über die Trelleborgstraße.“ Er faltete ein Anzeigenblättchen, füllte das Teeei und hängt es in die Kanne. „Kleinen Augenblick noch.“ Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. Es war im Haus wirklich ungemütlich. Wie stickig musste es erst im Wagen werden. „Sie können ja die Ärmel auf der Fahrt hochkrempeln“, riet mir Herr Breschke. „Es sieht uns ja keiner.“

Damit hatte er allerdings recht. „Ich werde Ihnen mal etwas Linderung verschaffen“, beruhigte er mich. „Sie werden sehen, es wirkt sofort.“ Und er öffnete den Kühlschrank, um eine Flasche aus der Tür zu ziehen. Ich riss die Augen auf. „Bei dieser Hitze!?“ „Ach was“, lachte der pensionierte Finanzbeamte. „Kosten Sie nur.“ Er entkorkte die grüne Flasche, deren Etikett eindeutig auf einen ordentlichen Burgunder hindeutete, und goss mir ein. „Leitungswasser“, kostete ich, „nichts als Leitungswasser.“ Er nickte. „Den Tipp habe ich aus der Briefmarkenzeitschrift: nichts kühlt so gut wie Weinflaschen, und umweltfreundlich ist es auch noch, weil man kein Plastik braucht.“ In der Tat war das Wasser angenehm kühl. Horst Breschke füllte sich ebenfalls ein Glas, denn der Tee brauchte doch noch ein Weilchen. „Wir müssen langsam los“, drängte ich. „Gemach“, lächelte der Alte. „Ich werde uns für den Weg noch zwei von denen ins Auto mitnehmen. Sie werden sehen, es wird viel angenehmer.“

Trotz allem war die Fahrt nicht entspannt; der Feierabendverkehr hatte bereits eingesetzt, als wir in die Uhlandstraße einbogen, an ein schnelles Vorwärtskommen war nicht zu denken. „Wenn wir nur rechtzeitig sind“, knurrte Breschke und presste die Hände ins Lenkrad. „Ich will nicht morgen noch mal in die Stadt fahren, um den Sommeranzug abzuholen.“ „Das wird nicht nötig sein“, bemerkte ich. „Morgen ist die Reinigung nämlich gar nicht geöffnet.“ Er schnappte nach Luft. „Ich verliere langsam die Geduld!“ Und er griff neben den Sitz, wo eine der Flaschen sich befand. „Doch nicht während der Fahrt“, rügte ich, „ich jedenfalls habe keine Lust darauf, dass Sie mich unter Wasser setzen.“ „Ich verdurste“, murrte Breschke. „In Bezug auf die Verkehrssicherheit sollten Sie mir durchaus die Gelegenheit geben, mich zu… –“

Mit einem Ruck stand der Wagen, im letzten Augenblick hatte Herr Breschke die rote Ampel entdeckt und war aufs Bremspedal gestiegen. „Dann steht einer kleinen Erfrischung nichts mehr im Wege“, frohlockte er. „Ich würde es nicht tun“, sagte ich sehr ruhig, aber auf mich hörte er nicht, setzte die Flasche an und nahm einen tiefen Zug. „Wenn Sie bitte mal pusten?“ Der Alte zuckte zusammen. Mit grimmiger Miene blickte der Polizist durch das geöffnete Fenster. „Hören Sie“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „es handelt sich um ein Missverständnis.“ „Natürlich“, gab der Schutzmann gelangweilt zurück. „Sie kommen viel zu spät zu Ihrer Weinprobe und wollen auf dem Weg schon mal das Versäumte nachholen.“ „Ich verbitte mir das“, zischte Breschke. „Sie wissen“, erklärte der Beamte zu mir gewandt, „dass vor allem die enthemmende und aggressionsfördernde Wirkung des Alkohols im Verkehr entsetzliche Folgen haben kann?“ „Probieren Sie wenigstens einmal“, riet ich ihm. Bevor er antworten konnte, hatte ich Breschke die Flasche entwunden und sie dem Polizisten unter die Nase gehalten. „Ich trinke nicht“, sagte er knapp. „Zumindest nicht im Dienst.“ Ich neigte den Hals ein bisschen, dass das Wasser auf seine Schuhe tropfte. Er lief rot an. „Das ist grober Unfug“, brüllte er, „ich werde Sie beide verhaften!“ „Festnehmen“, korrigierte ich, „oder habe ich da etwas an Ihrer Uniform übersehen?“

Verärgert stapfte der Polizist weg, wir nutzten den psychologischen Moment, denn es war gerade Grün. Breschke fuhr ums Eck, bog in die Kaiser-Wilhelm-Allee und kam zitternd vor der Reinigung zum Stehen. „Gerade noch rechtzeitig“, stellte ich fest. Doch ihm ging es gar nicht gut. Er hielt sich am Wagen fest, während ich meine Hemdsärmel herunterkrempelte. „Das ist alles zu viel für mich“, wimmerte er, „das ist heute alles zu viel!“ In der Mitte verkrümmt watschelte er auf die Reinigung zu, sichtbar um Haltung bemüht, während ich ihm die Türe aufhielt. Die junge Dame hinter dem Tresen begrüßte uns freundlich und erkundigte sich nach unseren Wünschen. Stöhnend hielt mir Horst Breschke den beigen Coupon hin, während er unverständliche Laute ausstieß. Die Verkäuferin begriff sofort. „Da hinten links“, erklärte sie, „die Tür ist offen.“ Noch immer gekrümmt stolperte der alte Herr in die hinteren Gemächer, während ich den frisch gereinigten Anzug entgegennahm.

Erleichtert erschien Breschke, schweißnass, aber mit der Miene milder Ergebenheit. „Sie sehen aber auch mitgenommen aus“, sagte die Dame, sichtlich erschrocken, und sie griff zu einem Becher, den sie unter den Wasserspender hielt. „Nehmen Sie erst mal einen kräftigen Schluck, das wird Ihnen gut tun – bei diesem Wetter.“





Schlafes Bruder

9 05 2019

„Ein Bonbon in der Stunde reicht aus.“ Herr Breschke wickelte die Süßigkeit aus und faltete das Papier sorgfältig zusammen. Dann wandte er sich wieder seinen Briefmarken zu. „Drei bis vier Seiten schaffe ich noch“, erklärte er. „Dann setze ich mich vielleicht ein Stündchen aufs Sofa.“

Pfefferminzbonbons, so hatte es in einem Artikel der Apothekenzeitschrift geheißen, seien ein probates Mittel gegen Müdigkeit. „Das mag auch durchaus stimmen“, gab ich zu. „Allerdings bezog sich diese Anhandlung auf den Verzehr von Bonbons beim Autofahren, und Sie sortieren gerade Briefmarken.“ „Ich sortiere nicht“, belehrte mich der pensionierte Finanzbeamte. „Das sind die Sammlungen von Staatsanwalt Husenkirchens seligem Großonkel Fritz und diejenige, die Doktor Klengel mir mitgebracht hat.“ „Und wo ist da der Unterschied?“ Er deutete auf das Heftchen, aus dem er die Marken entnahm. „Ersttagsbriefe.“ Bisher hatte sich Horst Breschke nicht nennenswert mit dem Sammeln von Postwertzeichen beschäftigt, und die Zusammenführung dieser beiden Konvolute war eine überschaubare Aufgabe für einige Wochen entspannter Arbeit am Küchentisch – doch der alte Mann wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nicht gerade dies zum Anlass genommen, eine neue Theorie praktisch zu erproben. „Briefmarken zu sortieren erfordert hohe Konzentration, genauso wie Auto fahren.“ Er fächelte sich mit einem Heftchen Luft zu. „Und da ein Pfefferminzbonbon für eine Stunde Wachheit sorgt, kann ich dies ja sehr gut nutzen, um diese Aufgabe zu erledigen.“ Und damit stand er auf, lief an die Küchenspüle und wusch sich die Hände unter kaltem Wasser. „Das bringt den Kreislauf wieder in Schwung. Und es ist fast so gut wie Trampolin springen.“ „Das leuchtet ein“, bekannte ich. „Während einer langen Autofahrt gleichzeitig Trampolin zu springen dürfte nicht gut zu bewerkstelligen sein, allerdings dürfte auch das Händewaschen ein kleines Problem darstellen.“

Er war in der Tat wild entschlossen, dem Schlaf zu trotzen, und das aus philatelistischen Motiven. Neben Bonbons und Frischluft hatte sich auch das Tragen frischer Socken in manchen Fällen als Mittel gegen den einsetzenden Schlummer bewährt, zumindest sagte dies der Artikel, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein wissenschaftliches Rezept für Vielfruchtmarmelade nebst einer Anleitung zum Waschen von Schurwolle befand. Horst Breschke guckte aus glasigen Augen auf den Küchenwecker, der in einer kleinen Viertelstunde klingeln sollte, um dann ein bereits ordentlich auf Kante gelegtes Paar Socken anzuziehen. „Das macht mindestens drei Stunden Schlaf wett“, gab er an. „Wenn ich alle zwei Stunden die Socken wechsle, bin ich also immer eine Stunde im Plus, das macht bei acht Paar am Tag immerhin acht Stunden.“ „Ich glaube“, sinniert ich, „es liegt an der Tatsache, dass man alle drei Stunden die Socken aus- und wieder anzieht. Dabei könnte ich auch nicht schlafen.“

Man merkte dem Hausherrn seine Erschöpfung an; träge guckte er auf die Marken und senkte das Haupt über dem Katalog, als sähe er durch die bunt bebilderten Erläuterungen einfach hindurch. „Es sind auch noch genug Bonbons in der Schublade, wenn Sie mögen – sie passen nur nicht so recht zu Kaffee, das habe ich heute Vormittag schon probiert.“ Da piepte der Wecker. Breschke drehte sich umständlich auf dem Küchenstuhl und nahm, die Socken von der Anrichte. „Sehen Sie“, murmelte er mühsam, „das sorgt gleich wieder für Wachheit.“ „Ich kann das gut nachvollziehen“, sagte ich. „Mir geht es genau so. Also immer dann, wenn mein Wecker klingelt.“ Hörte er mir überhaupt noch zu? Er hatte die Augen geschlossen und sank wie in Zeitlupe vornüber. Noch einen kleinen Augenblick, dann würde er von Stuhl kippen, aber so weit kam es nicht. Breschke schreckte hoch und riss dabei die Augen weit auf. „Bismarck“, rief er. „Ach nein, es ist ja schon nach zwei, da muss ich mit dem Hund nicht mehr raus.“ „Das wäre auch ein gutes Mittel gewesen“, gab ich zu bedenken, „Sie gehen mit Bismarck vor die Tür und bekommen ein bisschen frische Luft.“ „Zu viel“, protestierte Breschke. „Zu viel frische Luft macht auch wieder müde, und ich kann ja nicht gleichzeitig mit dem Hund spazieren gehen und die Briefmarken sortieren.“ Er hob den Zeigefinger. „Sie müssen schon genau nachdenken, sonst ist die Sache sinnlos.“

Immerhin saß er nun wieder fest auf dem Stuhl und blickte in Richtung Ersttagsbriefe. „Ich könnte gleichzeitig das Fenster alle Viertelstunde kurz öffnen, das wäre auch recht effektiv.“ „Oder gleich alle zehn Minuten“, rechnete ich vor. „Dann hätten Sie sechsmal fünf Minuten, also eine halbe Stunde, macht sechs Stunden am Tag.“ Sein Kopf sank wieder unkontrolliert auf die Brust. „Aber Sie denken ja doch mit“, nuschelte er. „Das ist ja… die Socken, die anderen…“ Er deutete auf den Küchenschrank. „Oben liegen noch zwei Paar.“ „Dann werde ich die eben mal holen“, beschloss ich, „ein bisschen Bewegung kann auch mir nicht schaden, um munter zu bleiben.“

Als ich wieder ins Erdgeschoss zurückkam, lag Breschke mit der Stirn in den Marken. Ein sonores Schnarchen hatte mich bereits im Flur darauf vorbereitet. Das sollte ihm nicht schaden, dachte ich, schließlich sind ein paar Stunden Schlaf ein anerkanntes Mittel gegen einsetzende Müdigkeit. Ich nahm die Decke von der Wohnzimmercouch und legte sie ihm um die Schultern, während Breschkle inzwischen zu einem gleichmäßigen Sägen übergegangen war. Während des Schlummerns, so hieß es, sollte man nicht zu stark auskühlen. Irgendwo hatte ich das mal gelesen, ich wusste nur nicht mehr, wo. Vermutlich in einer Apothekenzeitschrift.





Gicht und Galle

23 04 2019

„Hier ist noch Graubrot, und da kommt dann die Schokoladentorte hin.“ Horst Breschke war nicht etwa damit beschäftigt, den Kühlschrankinhalt zu sortieren; mit einer minutiös auf Millimeterpapier gezeichneten Tabelle hatte er die kommenden zwei Wochen verplant und seine Ernährung auf ein festes wissenschaftliches Fundament gestellt, das er nun mit den Vorräten sowie der Einkaufsliste verglich. Das Frühjahr konnte kommen.

„Meine Frau hat recht“, klagte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich bin in den letzten Monaten ein bisschen träge geworden, wir fahren zu oft mit dem Auto, und seitdem Bismarck seinen Schnupfen hatte und drei Tage nicht mehr raus konnte, ist auch alles ganz anders.“ Möglicherweise hatten auch die beiden Familienfeiern kurz vor Weihnachten sowie zwischen den Jahren und anschließend das Büfett bei Husenkirchens Silvesterparty ihres dazu beigetragen, dass die Wölbung seines Leibes sich einer idealen Kugel annäherte, was seine Gattin zu der radikalen Entscheidung gebracht hatte, ihn auf Diät zu setzen: Intervallfasten. „Wenn man das nach der Uhr machen kann, ist es sicher viel besser, denn sonst vergisst man sicher die… – Würden Sie mir mal bitte den gelben Stift reichen?“ Und er zog eine dünne Linie zwischen Montag und Dienstag, die bedeutete, dass er wohl Kohlenhydrate zu sich nehmen dürfte, jedoch keinerlei Eiweiß.

Breschke fischte nach dem Winkelmesser. „Ich habe es mit Trennkost kombiniert, sonst hilft es ja kaum etwas.“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, kam halb neugierig, halb müde vom mehrstündigen Nickerchen in die Küche getapst, blickte auf den nach wie vor fest verschlossenen Kühlschrank und drehte sich mit einem innerlichen Seufzen wieder um. Hier war also nichts zu holen. „Das hier ist das Zeitfenster mit den Mahlzeiten, und dann kommt hier zum Frühstück das Eiweiß – man muss ja auch eine gewisse Menge davon zu sich nehmen, deshalb esse ich jetzt zwei Eier statt einem.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Wie jetzt, Sie frühstücken mit zwei weichen Eiern, als wäre es noch Ostern?“ „Da ist es noch rot“, erläuterte der Hausherr. „Hier ist dann, kleinen Moment, da fehlt noch der Trennstrich, und da ist dann wieder Gelb, wegen Eiweiß.“ Tatsächlich hatte sich der Alte ein so ausgeklügeltes System einfallen lassen, dass nur noch eine Möglichkeit blieb: es funktionierte einfach nicht.

„Vom vielen Zeichnen tun mir schon die Knöchel weh“, klagte er. „Die jungen Leute, also die unter fünfzig, die machen das ja alle mit ihren Computern, aber wo soll ich hier so eine Kiste in die Küche stellen? Und was das kostet!“ „Sie würden dann aber automatisch abnehmen“, gab ich zurück. „Von Ihrer Pension bliebe ja nicht mehr so viel übrig fürs Haushaltsgeld.“ Das leuchtete ihm ein, und beinahe fürchtete ich schon, ihn auf einen Gedanken gebracht zu haben, der alsbald wirre Blüten treiben würde, doch nichts dergleichen. Er massierte sich die Finger. „Sie kennen das ja“, stöhnte Breschke. Was seine Gichtanfälle betraf, die kannte ich tatsächlich. „Dann würde ich an Ihrer Stelle nicht noch zusätzlich so viel Eiweiß essen“, riet ich ihm. „Das da ist ja auch außerhalb der Essenszeiten, wenn ich mich nicht irre?“ „Meine Frau macht mittags jetzt immer nur einen Teller Suppe“, bekannte er. „Aber sie sitzt so ungern alleine am Esstisch, deshalb schiebe ich eine Hälfte vom Intervall immer etwas nach hinten, und dann habe ich ganz normal um halb sieben Abendessen, hier ist dann wieder Gelb, Mittwoch wegen der Erbsen muss ich aber noch eine zusätzliche Suppe essen, damit sich das mit dem Eiweiß wieder ausgleicht.“ Und er suchte aus dem Federmäppchen den blauen Stift heraus, setzte im rechten Winkel an und zog eine dünne Linie von Sonnenuntergang bis zum quasi fettfreien Morgenkaffee.

„Sie wissen schon, dass das Ihren Gallensteinen gar nicht bekommt?“ „Deshalb gibt es auch nur noch eine Scheibe Wurst, den Rest essen wir immer mit Marmelade.“ Grün kam auch eher außerhalb der Mahlzeiten vor, was aber seine Berechtigung hatte, schließlich wurde Zucker in der Trennkost nicht großartig berücksichtigt. „Aber das ist doch absolut nach Plan“, verteidigte sich Breschke. „Hier ist das Zeitfenster, Teil zwei, und da können wir die grünen Lebensmittel – nein, da gehört eigentlich noch ein Trennstrich hin.“ „Doktor Klengel hatte es Ihnen prophezeit“, mahnte ich, „Sie werden wieder Gallensteine bekommen und schlimme Schmerzen in den Zehen.“ „Sehen Sie“, triumphierte Breschke, „und am Zucker kann das nicht liegen!“

Schnell notierte er auf dem Einkaufszettel noch zwei Dosen Pustermanns Beste, den verzehrfertigen Hühnereintopf mit erkennbaren Spuren von Resthuhn, und schon zogen sich auch die roten Striche kreuz und quer zu einem planlos verstrickten Netz über die Wochen. „Trennkost ist dann wenigstens für heute vorbei, und da wir bis zum Abendessen noch ein bisschen Zeit haben, kann ich jetzt im Garten aufräumen. Rasen muss dringend vertikutiert werden, Sie können ja schon das Gerät aus dem Keller holen.“ Er sammelte die Stifte zusammen und steckte sie sorgfältig zurück ins Mäppchen, da tönte ein feiner Glockenschlag durch das Erdgeschoss. „Oh“, rief Breschke aus, „schon drei? Dann ist es ja höchste Zeit!“ Und er öffnete die Kühlschranktür, zog einen Teller mit Schokoladentorte heraus und platzierte ihn auf dem Küchentisch. „Greifen Sie nur zu“, ermunterte er mich. „Bis heute Abend macht er auch nicht dick.“





Trennungsgerüchte

10 04 2019

„Ich wollte aber nur die Äpfel!“ Horst Breschke ließ sich nicht umstimmen; und schließlich hatte der Laden ja auch selbst schuld, dass er sein Obst in Kunststofffolie verpackt feilbot.

„Dieses ganze Plastikzeugs“, erregte sich der Alte, „warum muss man denn die Äpfel derart in Klarsichthüllen einschweißen, dass ich mehr Plastik kaufe als Obst?“ Er packte seinen Einkaufskorb aus und verstaute die Waren in den Vorratsschränken. „Sie gehen immer zu Supikauf?“ Er nickte, während er drei Dosen Pustermanns Beste aus dem Korb hob, ein verzehrfertiger Hühnereintopf mit zugegebenermaßen erkennbaren Spuren von Resthuhn. „Wegen des Fahrwegs. Es ist besser für die Umwelt, wenn wir nicht so weit fahren müssen, außerdem geht es ja auch schneller, gerade jetzt am Wochenende, wo jeder einkauft.“ „Kaufdas liegt in der anderen Richtung“, überlegte ich. „Aber Sie könnten sogar zu Fuß da hin, wenn Sie die Abkürzung durch den Kastanienpark nehmen.“ Er überlegte kurz und angestrengt. „Immerhin“, fuhr ich fort, „haben die komplett auf Papiertüten umgestellt, wenn Sie Obst und Gemüse abwiegen.“ „Das könnte Ihnen so passen“, knurrte der pensionierte Finanzbeamte. „Sie wissen doch nie, ob jemand die Sachen vorher angefasst hat – nein, mein Lieber, das muss ich nicht haben.“ Und er legte ein Päckchen Zucker in die Schublade.

Es war damit zu rechnen, dass sich der Filialleiter von Supikauf früher oder später wieder beruhigen würde. Immerhin hatte er ein kleines Einzugsgebiet und musste den Kunden in jeglicher Hinsicht entgegenkommen, auch solchen, die die sorgsam verschweißten Packungen gleich im Laden entfernten, weil sie nur das Obst zu kaufen beabsichtigten. Auf die Frage, warum er die Folie gleich im Laden entsorgen wollte, hatte der alte Herr selbstbewusst erklärt, das sei sein gutes Recht als Verbraucher; außerdem reiche es ja, die Äpfel im Einkaufswagen an die Kasse zu bringen und das von der Kunststofffolie abgezogene Etikett aufs Laufband zu legen, damit die Kassiererin es über ihren Scanner ziehen könne. Vor so viel Logik kapitulierte der junge Mann und wie seinen Kunden darauf hin, dass sein Vorgehen mindestens unüblich, wenn nicht sogar merkwürdig sei. Er hatte nicht mit Breschkes Kenntnissen des Verbraucherrechts gerechnet – die mir in diesen Zusammenhang bisher auch unbekannt gewesen waren – und dieser nicht mit der Hausordnung von Supikauf.

„Es gibt diesen anderen Laden“, überlegte ich, „unten bei der alten Sparkasse, wie hieß der noch?“ Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Ich finde das Angebot durchaus akzeptabel“, verkündete er, „aber es ist dort alles so unübersichtlich eingerichtet. Man muss den halben Vormittag verbringen mit der Suche nach einem Becher Schlagsahne. Ich bin doch kein Trüffelschwein!“ Kurz kam mir der Gedanke, Bismarck mit einer Sondergenehmigung ausstatten zu lassen, damit der dümmste Dackel im weiten Umkreis auch im Kaufladen seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte, nämlich seinem Herrn zwischen den Beinen herumlaufen und ihn in der Leine verheddern, aber das wäre nun wirklich zu viel Aufregung gewesen, vor allem für Herrn Breschke. „Immerhin können Sie in dem Geschäft kleine Kunststoffsäckchen mit Zugband kaufen, in denen Sie Obst und Gemüse abwiegen, und man kann die immer wieder verwenden.“ „Kaufen“, ereiferte sich Breschke, „ich höre immer nur: kaufen! Was denn noch alles, soll ich jetzt für den Einkaufswagen auch noch einen Mietvertrag abschließen?“

Jetzt hatte er einen Papiersack mit Kartoffeln aus dem Korb gehoben. „Sehen Sie“, sagte ich, „das wäre doch ein guter Kompromiss: Verpackung ja, aber wenn, dann aus Papier.“ Entrüstet sah er mich an. „Das glauben Sie!“ Und er wies mich auf einen kleinen Netzeinsatz aus Plastik hin, der auf dem Kartoffelsack angebracht war. „Den muss man immer erst ausschneiden“, erklärte Breschke. „Das macht auch Arbeit – stellen Sie sich mal vor, ich würde den einfach so in den Papiercontainer werfen!“ Vor meinem geistigen Auge erschien der Apfelkäufer, der Äpfel und Folie trennte, um danach Papier und Plastik in die Wiederverwertung zu schmeißen. „Wenn sich das herumspricht“, sagte ich düster, „dann zeigen die Leute bestimmt mit dem Finger auf Sie.“

Ein Glas Rollmöpse hatte noch den Weg in den Kühlschrank gefunden, dann war der Einkaufskorb leer. „Sie halten mich vielleicht für überkandidelt“, bemerkte Herr Breschke. „Aber wenn ich mir die jungen Leute ansehe, die ständig für die Umwelt demonstrieren, dann muss man sich doch auch mal seine Gedanken machen, wie man dass in seinem eigenen Haushalt unterstützen kann.“ Breschke hatte sich also auf Müllvermeidung und Trennung gestürzt, ein kleiner Beitrag zur Rettung der Natur vor den Auswirkungen der Konsumgesellschaft, aber immerhin ein Anfang. „Man kann immer etwas unternehmen“, bestärkte ich ihn. „Und wenn es nur eine Obstverpackung ist.“ Er nickte. „So, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Übrigens fahre ich gleich noch auf den Wochenmarkt. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“





Harzreise

28 03 2019

Es knatterte, als zöge jemand den Handrasenmäher über einen Kiesweg. Am Rollo zeichneten sich schemenhafte Gestalten ab. „Warten Sie“, murmelte Breschke. „Ich stelle mal schärfer.“ Das Bild wackelte ein wenig, dann sah man deutlich, wenn auch in ausgeblichenen Farben, den beinahe jugendlichen Doktor Klengel, wie er weit ausholte und mit Schwung die Kugel auf die Kegelbahn schlenzte.

Die meisten Filmspulen waren unter einer dicken Staubschicht verborgen gewesen, die der Hausherr beim Frühjahrsputz eigentlich hatte entfernen wollen. Nach und nach gab das flockige Sediment die alten Schätze oben auf dem Regal frei, mehrere Dutzend Metallrollen, schwarz und grau, darin die seit Jahrzehnten lagernden Streifen aus der alten Handkamera. „Wir hatten ja damals nichts“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Und so eine Handkamera, damals musste man die mit der Kurbel aufziehen, alles rein mechanisch, also das war schon ein Luxusgerät.“ Der ehemalige Hausarzt jubelte nach einem gelungenen Wurf in die Linse und schwenkte sein halb volles Glas. Es gab wohl Bowle, wie man dem trüben Inhalt des Gefäßes entnehmen konnte.

Die Luft roch nach verbranntem Staub. „Ganz bekommt man es wohl nie weg“, bemerkte ich. Er schüttelte den Kopf. „Dabei habe ich jede einzelne Rolle sorgfältig mit dem Pinsel gesäubert, wissen Sie, ich hatte da noch einen alten Rasierpinsel in der Garage.“ Ich nickte zustimmend; genau da hätte ich einen Rasierpinsel auch aufbewahrt. Immerhin glänzten die Spulen, und die Zelluloidstreifen hatten sich erstaunlich gut gehalten. Hier und da waren noch die Klebeetiketten mit den dünnen Bleistiftzahlen des Aufnahmejahrs vorhanden, manche sogar halbwegs lesbar. Horst Breschke hatte den Projektor gestoppt und das Licht wieder angeknipst, um die Rolle zurückzuspulen. „Das muss im Harz gewesen sein, meine Frau war über Ostern zu ihrer Schwester gefahren.“ Anders war diese Herrenpartie wohl auch nicht zu erklären.

„Das Gerät“, sagte der Filmpionier nicht ohne einen gewissen Stolz, „haben wir uns damals neu gekauft. Also wirklich neu – einschließlich der Ersatzbirne. Gute Ware, sonst würde es ja auch nicht mehr laufen.“ Die Birne im Projekttor neigte ein kleines bisschen zum Flackern, hier und da ein winziger Aussetzer, aber nur ein winziger, und bisher war ja auch alles gut gegangen. „Geben Sie mir mal die graue Spule mit dem – ja, genau.“ Das Schildchen war nicht mehr zu entziffern. Was sich dahinter wohl verbergen würde? Augenblicke später, Breschke hatte den Film mit der präzisen und nonchalanten Professionalität des Operators eingelegt und das Deckenlicht gelöscht, tanzten die schwarz und weißen Zahlen über die wackelnde Fensterverkleidung, bis langsam in blassem Grün und Käsegelb das jugendliche Fräulein Breschke vor dem Weihnachtsbaum ein Blockflötensolo zum Besten gab. „Warten Sie mal“, sinnierte der Vater, „das war in dem Jahr, da hatten wir im Sommer die Waschmaschine gekauft, Lenzmeier und Söhne, aber da ist heute ja dies Fitnessstudio.“ Das Spiel der Gymnasiastin war künstlerisch sicher wertvoll, vor allem wusste sie sich mit dem Blasinstrument sehr effektbewusst zu bewegen. Ein schneller Schwenk des Kameramannes in Richtung Familie – „Das ist jedenfalls Tante Adelheid, die muss da noch gelebt haben!“ – offenbarte, mit welcher Konzentration das Publikum dem festtäglichen Konzert lauschte. Sie rissen sich mächtig zusammen, anders war das Mienenspiel der Damen nicht zu erklären.

„Was ich fragen wollte“, schnitt Herr Breschke den nächsten Punkt an, während er die Pappkiste nach einer bestimmten Filmrolle durchsuchte, „Sie kennen sich ja mit dieser modernen Technik aus: Man kann diese Filme auch als Video abspielen?“ „Sie meinen digital“, berichtigte ich ihn. „Ja, das geht ohne Weiteres, allerdings mit einem gewissen Aufwand und nicht kostenlos. Sie bekommen das dann als Datenträger und können sich die einzelnen Filme anschauen.“ „Natürlich nicht alle“, wehrte er ab, „dazu sind es auch zu viele. Ich verkaufe nicht Haus und Hof, um die alle auf… – Ja, das muss er sein.“ Womit Breschke eine Rolle aus dem Kistchen nahm und auf die Achse des Projektors setzte. Sorgfältig fädelte er den Film ein. „Wir haben am Samstag einen Ausflug auf den Wurmberg gemacht und einen Schinken aus Braunlage mitgebracht.“ Er löschte das Licht. Jäh blendete das Bild auf. „Das muss an der Talstation der Seilbahn sein.“ Die Kegelbrüder von der ersten Rolle hatten sichtlich dem Schnaps zugesprochen, vom Schinken war nicht mehr viel bemerkbar, und Doktor Klengel trug einen lustigen Hut. Insgesamt sah diese Szene auch eher aus wie im Hotelzimmer gedreht, allenfalls in einer luxuriös ausgestatteten Jugendherberge. Ein gänzlich unbekannter Herr im karierten Oberhemd winkte aufgekratzt in die Linse. „Ich weiß nicht“, grübelte Herr Breschke, „wann habe ich das denn aufgenommen?“ Die Kamera fuhr langsam auf die Tür zu, wo ein kleiner Mann in einem engen Kleid ins Zimmer stakte, durchaus geschmackvoll mit Make-up versehen, eine Handtasche schwenkend und sichtbar in Sektlaune. „Das ist ja…“ Breschke griff schon nach dem Projektor, da gab die Birne mit einem leisen Knall den Geist auf. Bange Stille lag in der Dunkelheit. „Wir könnten die Filme ja alle mal…“ „Ach nein“, wehrte Breschke ab. „Wer weiß, was da noch alles drauf ist. Man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen.“