Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIX): Das Kulturmagazin

6 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uh, wie furchtbar. Hui, wie dolle. Sieht aus wie Zoo, ist aber keiner, und ausschalten kann man es auch. Könnte man, wenn man denn wollte, aber wer sich freiwillig und meist zu später Sendezeit die Kinderstunde für Erwachsene antut – oder für die, die sich unbedingt als solche benehmen müssen – gehört zu denen, die es nicht besser verdienen. Die Besserverdiener versüßen sich den fortgeschrittenen Abend im Schlummer, beim Fußball, im Rausch, nur der verbissene Spätaufsteher, die angewachsene Oberstudienratshose, der nullogame Troglodyt mit der Hegel-Gesamtausgabe in der Schrankwand, sie alle weinen still in die Fernbedienung hinein, wenn die Trottellaterne mittelalterliches Personal in moderaten Hipsterlook näht und vor die Kamera schubst, um des Deutschen Spießers Wunderhorn zu füllen mit Dichterwort und Korkenknall. Es ist wieder Zeit fürs Kulturmagazin.

Schräglich behoste Herren und Damen mit asymmetrischen Frisurversuchen sind schon immer über die Mattscheibe geturnt, und mit etwas Glück haben sie keine Spuren im Neocortex hinterlassen, wenn der Guckreiz sich verflüchtigte. Wie aus einem Guss verquickt dieses Modell hysterischen Nachwuchs und historische Ansprüche zu pauschal penetranter Individualität, denn Kultur, zumal die massenmedial breitgequarkte, darf alles sein, nur nie Mainstream. Was an Mittelstrahl das bürgerliche Feuilleton durchplüscht, ist für die Experten nur ein Betäubungsmittel, das die letzten Reste kritischer Praxis verödet. Mokiert die halbstaatlich bestallte Redaktöse sich angesichts einer Mozart-Oper, die wie selbstverständlich im KZ inszeniert wird, dann brezelt der Gaffenstall sich frohlockend eine Provokationsvorlage aus dem Stoff, wissend, dass zwischen die Neuentdeckung venezolanischer Epik und eine Poetikvorlesung maximal ein Pils passt, denn nüchtern ist diese Mische nicht zu ertragen.

Gäbe es eine Messgröße für Selbstverliebtheit, sie läge in dieser Sendung begründet. Man kann die Protagonisten scheint’s schlecht bezahlen, denn im Entgelt inbegriffen sind offenbar bunte Pillen und das Versprechen, einmal in der Woche durch die Wohnküchen wehrloser Verbraucher zu stelzen. Sie verklappen freiwillig neorealistische Novellen und den neudeutschen Film in ihren Schimmelhirnen, unerschrocken bis schmerzresistent, letzteres wohl ein Einstellungskriterium, indem sie das Klischee der verhassten Deutschstunde auf links krempeln: das, liebe Kinder, wollte der Dichter Euch nämlich mit dem Gesabber sagen, und wir sind befugt, unser geistiges Geröll über Euch auszukippen, ungefragt und deshalb richtig.

Ab und zu schleichen sich Kulturschaffende ins Studio. Hier wird ein bekannter Komponist zur Menschenrechtslage in den Seealpen befragt, dort eine Stararchitektin zum Biopicfimmel. Für ihr Entkommen ist in der Regel gesorgt.

Schlimm, aber unausweichlich und nahezu konstituierend für das Kerngenre der intellektuellen Bespaßung ist der erhobene Zeigefinger, die Moralerektion als Monstranz des missionierenden Besserwissers im Feldzug der Verdeppten. Die Welt des Geschmacksdiktators besteht zu vier Dritteln aus Problemen, die er nicht wird lösen können, Umweltkatastrophen in Afrika, der mähliche Tod des Kastenfroschs, ein schleichender Niedergang des Schamanismus in entlegenster Gegend von Hinterasien, und alles das wird mit Sonetten und Mambo bekämpft, Nasenflötenmusik und Theater in der Badewanne als postmoderner Thespiskarre, jedoch vermutlich nur, damit ein mies bezahlter Redakteur mitsamt zweier Kabelträger sich in der kirgisischen Steppe zwei Dutzend hauptberuflicher Freizeittänzer widmen und eine Stunde Material über sie kurbeln kann, der dann als Drei-Minuten-Terrine in die Haushalte schwappt, befremdliche Bilder aus einer wirren Welt, in der man zum Glück nicht auch noch leben muss, aber schön hüpfen tun die Wilden, das ist doch auch schon etwas. So berichtet die Sendung mit dem Graus je um je von Mode aus der Altkleidersammlung, gerne auch als Buch, Film oder Podiumsdiskussion, bis sie sich dem eigentlichen Zweck des Bildschirmflirrens hingibt, dem Marketing.

Hat die Absatzförderung schon mit Verve die Talkshows okkupiert und in ein unliterarisches Terzett neuronal überforderter Klosteinverkoster verwandelt, wie sie alle das letzte Druckerzeugnis, die letzte Leinwandarbeit, die grassierende Tour durch deutsche Gaue zum letzten Tonträger ohne Sinn und Verstand mit Hosianna vollloben, so schwiemelt sich die Produktplatzierung auch hier ins Format hinein, wo unverbindliche Larmoyanz für scheinbare Objektivität sorgt, den Daumen stets überm Preisschild, weil ja die gesellschaftliche Relevanz zählt. Dafür also hat man die Werbung unterbrochen. Aber Dranbleiben lohnt sich, denn alles geht irgendwann einmal vorbei. Vielleicht kommt ja hinterher ein vernünftiger Western.

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Vorhandene Datenlage

25 09 2017

„Dann könnten wir vielleicht irgendwas über diesen Bürgermeister schreiben.“ „Welchen?“ „Der immer falsch parkt.“ „Das interessiert die Leute!“ „Aber ist das wichtig?“ „Könnte schwierig sein, da eine passende Werbung zu finden.“ „Können wir’s nicht erstmal im Printteil…“ „Nein, raus.“

„Also dann dieses Flugzeug.“ „Ah, gute Idee!“ „Das interessiert die Leute!“ „Kann man eine halbe Spalte mit Bildern…“ „Oder über zwei Spalten, und dann machen wir hier eine größere Headline.“ „Die Debatte wurde doch aber schon geführt?“ „Aber jetzt ist das Ding hier, und keiner fühlt sich dafür zuständig.“ „Es geht ja um Geldverschwendung.“ „Das ist bei Geschichte nun mal so.“ „Aber dann muss man das doch nicht so in den Fokus rücken.“ „Die Geschichte?“ „Nein, aber…“ „Jedenfalls sind die Bilder sehr schön.“ „Gut, eine halbe Seite.“

„Sind Sie schon fertig?“ „Wir haben erst die Seite hier, und da ist Werbung.“ „Ist das alles?“ „Wie, wir haben doch gerade erst…“ „Eine Anzeige ist doch nicht genug, hat da kein anderer Kunde inseriert?“ „Ach so.“ „Müssen Sie mal nachfragen.“ „Wir haben hier noch eine Story, wie ein Mann von einem Hund…“ „Wenn er den Hund beißt, nehmen Sie’s rein.“ „Also ist das…“ „Ich bin gleich wieder hier, legen Sie gefälligst einen Zahn zu.“

„Eier werden auch wieder zurückgerufen.“ „Ist das nicht schon Wirtschaftsteil?“ „Eigentlich ja.“ „Interessiert das die Leute?“ „Es betrifft sie doch schließlich alle.“ „Eben, und das ganz abgesehen von der sozialen Stellung.“ „Eigentlich eine gute Meldung.“ „Hoher Nachrichtenwert.“ „Ich finde, dass das die Menschen irgendwie sensibilisiert.“ „Schön, dass wir mal darüber gesprochen haben.“ „Also ja?“ „Haben Sie noch irgendwelche Fotos von Hühnern?“ „Die sind doch schnell besorgt.“ „Dann nehmen wir das in die linke Spalte.“

„Hier haben wir noch einen sehr schönen Unfall in Mecklenburg-Vorpommern.“ „Wie viele?“ „Was?“ „Na, Tote.“ „Wieso Tote?“ „Weil das die Leute sonst nicht interessiert.“ „Man muss doch auch mal etwas schreiben, was den Leuten…“ „Das lassen Sie mal nicht den Herausgeber mitkriegen.“ „Es war ein Laster mit Bauteilen für eine Windkraftanlage.“ „Sehen Sie? Nur, weil diese Ökospinner überall Windkraftanlagen in die Landschaft klatschen, haben wir schwerste Unfälle auf Deutschlands Autobahnen.“ „Das war auf einer Landstraße.“ „Noch schlimmer, da kriegen wir ja nicht mal gruselige Bilder.“ „Also die Leute interessiert das schon mal nicht.“ „Denke ich auch.“ „Haben wir sonst irgendwas mit Unfällen?“ „Nur lokal.“ „Keine Autobahnen.“ „Schlimm. Ich meine, man kann sich die Nachrichten doch nicht aus den Rippen schneiden, oder?“

„War da vor ein paar Tagen nicht mal was mit Nachtflugverbot?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Das interessiert die Leute auch nicht.“ „Höchstens die, die da wohnen.“ „Aber das muss man doch nicht in der Zeitung schreiben?“ „Kommt darauf auf.“ „Auf was?“ „Wollen Sie eine Meinung präzise abbilden, oder wollen Sie ein…“ „Jetzt theoretisiert er wieder.“ „Meine Güte, wir wollen doch nur einen vernünftigen Artikel, halbe Spalte, gerne mit Bild und Infokasten!“ „Wir machen das mit den Eiern, aber größer.“ „Wirkt das?“ „Die Anzeigenabteilung ist ja auch noch nicht durch.“

„Hatten wir wenigstens schon eine Schlägerei auf dem Oktoberfest?“ „Heute?“ „Kann auch gestern gewesen sein.“ „Das ist auch Wirtschaft.“ „Sehr witzig!“ „Dann schreiben Sie es doch.“ „Wir haben ja gar keine Meldung.“ „Aber man kann doch davon ausgehen, dass die diesjährigen Besucher sich nicht anders verhalten als die Besucher vom vergangenen Jahr.“ „Voraussagender Journalismus? das wäre mir ja neu.“ „Wir können doch aus der vorhandenen Datenlage einiges extrapolieren und müssen nicht immer auf neue Nachrichten warten.“ „Hat das möglicherweise mit dem Interesse der Leute zu tun?“ „Mit Interessen schon, aber man weiß nicht immer so genau, mit wessen.“ „War da sonst irgendwas mit Fußball?“ „Sie wollen jetzt diesen anderen Flughafen in Berlin doch wieder.“ „Welchen anderen?“ „Den alten.“ „Das interessiert die Leute aber nicht.“ „Dann war da vielleicht doch irgendwas mit Fußball.“

„Der Chef ruft gerade durch, ob wir schon fertig sind.“ „Wir haben doch noch das mit dem Hund.“ „Wir haben da auch noch diese Frau, die Katzenkostüme näht.“ „Noch haben wir keinen Karneval.“ „Nein, Sie verstehen das falsch. Sie näht Kostüme für Katzen.“ „Das ist natürlich etwas anderes.“ „Haben Sie da Bilder?“ „Ich glaube…“ „Die Anzeigenabteilung hat auch schon etwas geschickt.“ „… das interessiert die Leute!“ „Und ich werde auf jeden Fall mal nachschauen, ob wir das nicht schon mal hatten.“ „Kann man aber noch mal bringen.“ „Gut, ich hätte auch nichts dagegen.“ „Wollen Sie es gleich rüberschicken?“ „Na, wie sieht’s aus?“ „Wir sind gleich fertig.“ „Alles, was seit gestern passiert ist? Haben wir nicht mehr?“ „Man muss auf die gesellschaftliche Relevanz achten.“ „Und ob es die Leute…“ „Außerdem den Aspekt der Transparenz nicht negieren.“ „Der Leser möchte heute Hintergründe, und die Geschichte soll trotzdem einen echten Nachrichtenwert haben.“ „Gut, und das haben Sie?“ „Wir sind sehr zufrieden, Chef.“ „Klare Aussagen. Alles, was man wissen muss, um unsere Welt zu verstehen. So soll unsere Zeitung sein. Weiter so!“





Berichterstattung

20 09 2017

Es war laut, aber schließlich standen wir auch im Eingang zum News Room. „Zweiköpfige Ziege“, schrie der Redakteur, „direkt aus Ankara!“ Eifrig rannte ein Praktikant durch die Schreibtische. „Die Außerirdischen sind in Bad Salzuflen gelandet“, keuchte er. Siebels grinste. „Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen.“

Die Chefredakteurin ließ sich in den Chefsessel fallen. „Wir haben das beste Angebot“, erklärte sie. „Und irgendeiner muss es doch machen.“ „Und wenn Sie es einfach nicht machen würden?“ Sie blickte uns an wie ein waidwundes Wild, seufzte – es sollte so peinlich und aufgesetzt klingen, dass man es für niedlich halten musste, war dann aber nur aufgesetzt und peinlich – und richtete sich ein wenig unbeholfen auf. „Der Leser hat es sich in seiner eigenen Welt gemütlich gemacht, und das werden wir nicht mehr ändern. Wir können es dann nur noch beobachten – höchstens.“ „Indem Sie den Kassen beim Klingeln zuhören.“ Sie verzog den Mund. „Wie gesagt, einer muss es machen.“

Währenddessen hatte das Telefon beständig geklingelt. Sie nahm ein Gespräch an. Offenbar ging es um chinesische Raketeneinschläge, vielleicht waren es aber auch Raketeneinschläge in China – Genaueres würde man erst wissen, wenn sich herausgestellt haben würde, welche der beiden Schlagzeilen sich besser verkaufen würde. „Aber wir machen das nicht für uns“, verteidigte sie sich. „Wir arbeiten mit sehr vielen anderen Häusern zusammen, darum schreiben wir auch nur die Meldungen, statt eine eigene Zeitung herauszubringen.“ „Und es bewahrt einen vor einer Flut von Klagen“, gab Siebels ungerührt zurück. Er spuckte sein Streichholz nicht unelegant in den Papierkorb der Redaktionsleiterin. „Alles andere wäre sicher auch eine gewaltige Bremse für Ihre Kreativität.“

Auf dem großen Konferenztisch wurden derweil Meldungen sortiert. Offenbar stand die russische Invasion auf zahlreichen Saturnmonden unmittelbar bevor, aber das konnte man erst nach dem ersten von Steuergeldern finanzierten Kamelrennen im Kölner Dom mit Sicherheit sagen. Eine Meldung des Wetterdienstes verkündete, der vergangene Sommer sei einer der wärmsten und trockensten aller Zeiten gewesen. „Manchmal“, grinste Siebels, „manchmal wissen sie einfach nicht, bis wohin sie zu weit gehen dürfen.“ Auf einer Seite Text verlor der FC Barcelona gegen die C-Jugend von Rapid Konolfingen. Wahrscheinlich störte es keinen, denn die Redakteure hielten ihre Börsenspekulationen für echt.

„Wir brauchen einen guten Aufmacher für die führenden Kunden“, entschied die Chefin. „Wir könnten etwas über ein Atomkraftwerk bringen, oder fällt Ihnen zum Thema Terrorismus nicht auch etwas ein?“ „Warum nicht beides?“ Das pfiffige Nachwuchstalent erntete sofort Anerkennung. Man hätte die Konsumenten nicht besser verunsichern können als mit dieser Verbindung von Angst, grobem Unverständnis und Zweifel an den eigenen Überzeugungen.

„Im Grunde ist schon viel damit gesagt, dass sie es nicht selbst veröffentlichen.“ Siebels hatte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne gesteckt. „Das Medium ist die Botschaft. Bei Bedarf könnten sie sicher schon einmal richtige Meldungen mit ins Sortiment nehmen und darauf hoffen, dass keiner sie für bare Münze nimmt.“ Am großen Tisch hatten die Russen die Invasion auf den Jupiter ausgedehnt. Chinesische Schleuser beförderten koreanische Afrikaner übers Mittelmeer in die Antarktis. Die Butter wurde teurer, nachdem eine ausländischen Organisation enthüllt hatte, dass sie größtenteils aus Erdöl besteht. „Aber wer soll das glauben?“ „Die meisten glauben es gar nicht“, sagte Siebels. „Sie können nur das Gegenteil nicht ausmachen und halten es daher für noch viel unwahrscheinlicher.“

Die Chefredakteurin hatte endlich den Entwurf des Titels einer großen deutschen Tageszeitung ergattert. Nach übereinstimmenden Polizeiberichten waren drei Dutzend Jugendliche in eine Bank eingebrochen, hatten den Kassierer erheblich verletzt, den Tresor mit einem Sprengsatz geöffnet und darauf die Innenstadt von Göttingen verwüstet. „Der Bankeinbruch war in Celle“, merkte ich an. Siebels nickte. „Ihnen fällt das natürlich auf, aber sind Sie denn ein Maßstab für diese Art von Berichterstattung?“ Ich las weiter. In den frühen Morgenstunden war es zu einem Schusswechsel gekommen – „Dem Geräusch nach muss man von einer Panzerhaubitze ausgehen, mindestens aber von einem kompletten Grenadierbataillon!“ – und die Bundespolizei, die auch sonst alle Straftaten landfremder Schwerverbrecher unter den Teppich zu kehren hilft, hatte in einer hastigen Aktion alle Spuren des stundenlangen Kugelhagels unkenntlich gemacht. „Wenn man Anwohnern glaubt“, grinste er, „dann haben die sogar auf sämtlichen neuen Verkehrsschildern die Rostspuren aufgebracht, die schon vor dem Attentat da waren.“ „Es klingt zu realistisch“, grübelte ich. „Müssen wir jetzt wegen solcher Botschaften schon dem ganzen Medium glauben?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Schauen Sie noch mal hin. Noch mal. Noch.“ Mit fiel nichts auf, erst als Siebels den Finger darauf legte, stellte ich fest, der nächtliche Angriff würde erst in der kommenden Woche stattfinden. „Die Botschaft“, erläuterte Siebels, „ist größtenteils der Leser.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIII): Boulevardmagazine

18 08 2017
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war die dritte Zweitfrau von Rrt schuld. Sie war dumm, hatte aber bemerkenswert dreidimensionale Fettreserven – dem damaligen Schönheitsideal lief das nicht gerade entgegen – sowie den unerschütterlichen Drang, sich vor der Siedlergemeinschaft an der westlichen Wand zu blamieren. In jeder Höhle wurde ihr Geschwabber zum allfälligen Tagesgespräch. Was sie aus den Resten einer Säbelzahnziege an Schurz und Röcken schwiemelte, fand zunächst keiner statthaft, der sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit beschäftigte, die zu regem Kontakt mit halb unbekannten Hominiden aus dem Umland führen musste, und doch wurde der Fummel mit allerlei Applikation von Knochen und Gehörn nachgeahmt, verfeinert und schließlich, wenn das noch möglich sein sollte, proletarisiert. Auch heute sollte uns dies Interesse nicht zu sehr verwundern, haben wir doch einen florierenden Medienzweig geschaffen, dem Nullinformation aus dieser Richtung ein gutes Auskommen macht. Die Boulevardmagazine beleben den Schlamm, der sich unter der Gesellschaft wälzt.

Zunächst interessiert sich derlei grell bedrucktes Zeugs für den Klatsch intellektueller Heckenpenner, wie sie auf Sozialentzug vegetieren und sich nicht um die faktischen Zusammenhänge kümmern. Im Gegenzug sind es wieder diese Parallelexistenzen, denen man mit etwas zusammengekratztem Schrott das bisschen Wartezeit vor der Endablagerung zu verkürzen versucht, die moralfrei abgerissenen Jahre zwischen Hirnverlust und Biomasse. Wer da Glamour schwitzt, Glitzer und Lärm, der taugt automatisch zum Vorbild der Kriecher, und sei es ein epochenübergreifend degenerierter Adelszweig, dessen Blödheit langsam zum Markenzeichen wird. Gerne gesehen sind Filmgrößen, ab und zu die trällernde Zunft, ansonsten speist sich das aus niederschwelligen Angeboten der grassierenden Hirnkirmes, dümmliche Dödel im steten Kampf um die größtmögliche Beknacktheit, die mit klinischen Mitteln nachzuweisen ist. Natürlich interessiert den Deppen in erster Linie der Phänotyp, gründlich misslungene Diäten, schlampiger Hautschmuck auf welker Epidermis, völlig verseifter Nachwuchs, das Armageddon der Oberbekleidung in zu kleinen Größen bei künstlicher Beleuchtung. Wer könnte es den Nachtjacken verdenken, das ärmliche Theater der angeblich wichtigen Gartenzwerge für voll zu nehmen. Wer täte das schon. Und warum.

Die kognitiv naturbelassene Schicht, die ihre Bildung auf ebendiesem Pflaster bezogen hat und seltener in möblierten Räumen, sie braucht einen Anlass, nach oben zu blicken, und was ist von dort aus nicht alles oben. Nicht viel bleibt vom Gewölle in Hirnhöhe, was nicht durch niederste Instinkte motiviert wäre, Guck-, Juck- und Spuckreiz, eine von Fettfingern gründlich begriffelte Mangelmoral, da sie die zu Ikonen lackierten Wassersuppenkasper auch nur braucht, um sie auf sein erbärmliches Niveau herunterzuzerren. Was sich als artifiziell aufgepumptes Wunschbild hat an die Wand nageln lassen, wird phasenweise verehrt und mit Biomasse beschmissen, teils auch simultan, denn nichts braucht ein adipöser, schielender Knalldepp so sehr wie den millionenschweren Promi, den er als adipösen, schielenden Knalldeppen entlarven kann, und sei es nur in seiner schmutzigen Vorstellung, die das auf Halbwahrheiten abonnierte Schmierblatt zum Vorzugspreis liefert. Sie zerren uns die Idole wieder zurück in den Staub, zeigen Orangenhaut und Plattfüße, als sei der gemeine Filmstar alterslos ohne regelmäßig reingedrücktes Nachfüllpack aus der Änderungsfleischerei.

Wer behauptet, es ginge den Sternchen auf die Plomben, für die Fotografen immerzu heile Welt zu mimen, der weiß nichts von deren schlechthinniger Abhängigkeit zu Wille und Zwangsvorstellung. Nichts ist ihnen verhasster als die ewig dienernde Menge, mit einer Ausnahme: die amorphe Masse, die sie ignoriert, weil sie sich das mühsam auf Gesicht geschminkte Epithel einfach nicht merken kann. Dies Spiel kennt keine Gewinner, höchstens den, der die Schmonzetten turnusmäßig mit hanebüchenem Quark bestückt, kein Gericht und keinen Geschmack fürchtet und sowieso einen allgemeinen Hass auf die Menschheit hegt, weil er sonst nicht so planmäßig an ihrer kompletten Vertrottelung mitarbeiten könnte.

Noch immer kauft sich der Dummbatz die Heftchen, Woche für Woche, und ist für Schläge auch nicht davon abzubringen, denn was wäre er ohne plumpe Flunkereien, die er am Wasserloch bereitwillig als Früchte seiner eigenen Narrheit zum Besten gibt. Lassen wir sie in ihrem Geblubber allein, keiner wird ihre Fabulierexzesse ernst nehmen, geschweige denn sie weitertragen. Und sollte es wirklich, wirklich einmal den geistig noch halbwegs gesunden Zeitgenossen nach Schmadder unterster Kajüte gelüsten: der Gang zum Zahnarzt steht jedem frei. Wenigstens ins Wartezimmer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXI): Frühstücksfernsehen

4 08 2017
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dass pünktlich mit der Sichtbarkeit der Sonne vom Bergfried herab die Fanfare quäkte, hatte seine Gründe. Hin und wieder war ein Herold beim bis dato üblichen Verfahren, den auf der Lanze montierten Hahn durch den Laden zu stecken und damit den Tagesanbruch zu signalisieren, aus Versehen mit harten Gegenständen sowie der Lanze kollidiert und gleich ins allgemein Organische übergegangen. Das Metaphorische, ja: Mechanische aber blieb, der Schmerzreiz in Kopfhöhe, als liefe der Trailer zum Jüngsten Tag gerade an. Mit mehr Schmackes hatte nie Dämmerung sich erhoben über den Finsternissen, seitdem die Säbelzahnziegen ihr dusseliges Geblöke an der Höhlenpforte aufgegeben haben, teils aus Folgenlosigkeit, teils, weil sie ausstarben. Das Leben blieb gleichbleibend hart. Bis das Frühstücksfernsehen erfunden wurde.

Der Konsument kollidiert versehentlich mit dem Bedienelement und wird ad hoc von Grinsefratzen umjodelt, wie Affen auf Saccharin die Mattscheibe von innen ausbeulende Knallfrösche, die um Aufmerksamkeit betteln und dazu nur ein einziges Mittel kennen: Lautstärke. Eine Butterfahrt der Geschmacklosigkeiten schunkelt schmerzbefreit über den Schirm, stopft dem wehrlosen Volk Finger in sämtliche Gesichtsöffnungen und zieht es auf ein Niveau hinunter, auf dem sonst nur Schlager und Aufsichtsratssitzungen überleben können. Genau die richtige Stimmung für ein Inferno.

Das just von der Herrenausstatter-Resterampe gescheuchte Moderationsvieh wirkt denn auch wie ein zu enger Schuh, der durch zwanghaftes Ruckeln in die einzig halbwegs erträgliche Position gebracht werden soll. Wer auch immer dieses Regiekonzept in der Mappe für ernsthafte Vorschläge abgelegt hat, sein entspanntes Verhältnis zum Ritalin hätte die Produktionsfirma frühzeitig warnen müssen. Größere Differenzen zwischen Wirklichkeit und Wirkung kriegen nur esoterisch vollverschwiemelte Kanäle und am Rand der Umnachtung dümpelnde Shoppingsender hin, wenngleich mit einer erheblich geringeren Breite des Angebots, jenem Kaleidoskop aus Boulevard, Sport, Politik, Kitsch und Service, wobei die letztere Rubrik juristische Haushaltstipps und praktische Hinweise zur Börsenanalyse mit den saisonal bedeutenswerten Kinderkrankheiten in den Thermomix stopft. Das Ergebnis ist entsprechend, mit Abstrichen verwertbar, aber nutzlos.

Überall, wo TV-Macher den ihrem Medium eingemeißelten Mainstreamhumor an überwiegend noch schwer somnolente Zielpersonen bringen wollen, ploppt der fröhliche Wahnsinn aus dem Hinterkopf auf: mach es platt, Baby. Die unerträgliche Seichtigkeit des Schleims schwappt auch hier aus dem Gerät, vermutlich aus der für Vorabendserien konstruierten Schmalzaustrittsdüse, die auch hier in einer schwer erträglichen Duftnote von Karneval und Zwangsstörung aufgepappt wirkt. Wie sehnlich wünscht man sich als unbewaffneter Kontrahent des noch jungen Tages eine Mistgabel, um das aufgeputschte Geballer zwischen Newsflash und Wetterbericht zum Erliegen zu bringen. Die Sensation und die heitere Dramatisierung der daraus folgenden Spannungszustände widmet sich in heiterer Art dem Versuch, die Banalität real erfahrbar zu machen. Was an Mittelmäßigkeit aus dem Redaktionsfilter dringt, es wird sorgfältig und bis in die letzten Winkel der Gemeinplätze bunt bemalt, glatt lackiert, hastig geschmirgelt.

Vor allem ist das Frühstücksfernsehen, wie es in fragwürdiger Analogie zur Nahrungsaufnahme die Contentbulimie in eine halbstündige Rotation zwingt, eine fettbasierte Häppchenüberfütterung mit Fakten, Fakten, Fakten und allem, was als halbwegs beweisbare Äußerung durchgeht. Hektisch getaktete Eigenwerbung zwischen Kino und Human Interest sorgt wie periodisches Sodbrennen als Marker, das versendet sich nicht – einmal gesehen, setzt die Peristaltik zielsicher wieder ein, aber sorgt das für den Griff zur abschaltenden Macht? Der auf leichte Bekömmlichkeit getrimmte Seim, Bluthochdruck, Euro-Krise, Helene Fischer und der Präsident der Herzen, er sickert planvoll in die Synapsenlücken ein, verklebt der brägenbewölkten Guckeria schon nach zwei Durchläufen das Dialektikmodul und planiert die Einflugschneise für die eigentliche Thematik: das Elend der Welt zu erkennen aus publizistischer Sicht, wie es sich Tag für Tag nur marginal ändert, damit die restliche Medienmeute beim entnervten Abschalten wenigstens weiß, worauf sie ihre Konditionierung gründen soll. Bis zu den Spätnachrichten.

Besser für die Seele der Zuschauer wäre es, man ließe Clowns Nachrichten vorlesen, Popsänger die Börsenkurse verkünden und den Rechtsanwalt, den sich der Sender hält, Sonnenbrillen testen, während der Rest Marmelade kocht. Alle halbe Stunde präsentiert ein elektrisches Garagentor das Programm. Vielleicht käme das wieder in den Nachrichten, quasi auf einer Metaebene, und dann wären alle harmlosen Menschen verstört, aber nachhaltig wach. Auch nicht schlecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXV): Die Talkshow-Demokratie

9 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird eine Wette zwischen fünf Freunden gewesen sein, die schon zuvor komplett schmerzfrei waren. Sie hockten im Kreis, keiften einander ohne Punkt und Komma an und ersonnen peinlich bis dümmlich wirkende Injurien frühinfantiler Höhe, um sich im Gezänk der Stände wenigstens pro forma Vorteile zu erschleichen. Einer von ihnen tut ab und zu vernünftig, ein zweiter wird später als Rumpelstilzchen mythologisch verklärt. Andere lallen ein Ostinato dümmlicher Fettreste herunter. Zuschauer gibt es, sie hocken hinter einer Wand und klatschen nach jeweils drei Minuten, weil man ihnen Bananen über den Rand schmeißt. Sie nehmen sich der drängenden Fragen ihrer Zeit an: Krieg oder Frieden? und: wen interessiert das? Das Publikum seinerseits begann Steine über die Mauer zu werfen, weil ihnen das unsägliche Geschrei auf die Plomben ging. Der Geist der Tragödie gebar Schlafstörungen, die Demokratie und die Talkshow.

Da eins nicht ohne das andere mehr denkbar ist, hat sich heute der Parlamentarismus mit dem an sich gesitteten Disput aus den Kreis der Gewählten bewegt. Mag die Verlagerung einst unter dem Vorzeichen der Popularisierung geschehen sein, die dem Volk etwas wie Scheinpartizipation zu geben gewillt war, sie hat nichts erreicht, unter dem Gesichtspunkt der politischen Aufklärung noch viel weniger. Denn die windschiefe Projektion einer Zusammenkunft der Klügsten zeigt lediglich Lumpen beim Hadern mit der eigenen Borniertheit. Beide, die Quasselveranstaltung mit abgekartet und abgehangen riechenden Killerphrasen und Scheinargumenten, die von drittklassigem Personal zur besten Sendezeit verbraten wird, um möglichst viel Kohle in private Hosentaschen zu pfropfen, und das Fernsehformat, sind letztlich nicht mehr als kommunikative Hüllen, aus denen sich mit etwas Glück ein rhetorisches Talent über den Bodenstaub erhebt, um das ritualisierte Brimborium mit der Brechstange zu öffnen.

Schon die Auswahl der Themen hegt den Geist der freien Meinung sorgsam in einem rostigen Käfig ein, durch dessen Gitter man das Gehampel der zusammengecasteten Kampfhähne sieht, spontan wie die Kontinentaldrift, überflüssig wie eine Wurzelentzündung. Mit der Beschränkung von Form und Inhalt auf eine nie da gewesene Lautheit macht sich der Klamauk mit dem Untergang der Demokratie gemein, wie er billig geskriptet den Betrieb über die Rampe schiebt. Ein hektisch aus Versatzstücken geschwiemeltes Infotainment in niedermolekularer Bauweise leitet über in die Sphären der Halbwahrheit, die Halbbildung fordert und fördert – Mimesis für den Mistgabelmob, der seinesgleichen sucht und tragischerweise auch findet, wo die Wirklichkeit verendet.

Die kontroverse Debatte wird mit glitschiger Rhetorik an den Parlamenten vorbeigelotst, die ihrerseits nicht viel mehr sind als das Sprechzimmer vor den Ausschüssen: ein falsches Bild von öffentlicher Sachwaltung entsteht, wie man auch den Akten lesenden Kommissar nicht ertrüge, der einen ganzen Krimi lang ballistische Berichte oder Abhandlungen über postmortalen Mageninhalt läse. Mehrfach kippt das Konzept, zuletzt in der dümmlichen Hoffnung, der Pöbel würde die schale Inszenierung willig schlucken, nicht aber den Auftrieb der Sündenböcke, die bunt getanzten Klischees und den lauernden Populismus, wie er sich zum Gesellschaftsbild emporarbeitet, um die Differenzierungen aus der Hirnrinde zu bügeln. Nicht die kompetenten Personen, sondern die wenigen talentierten Polarisierer werden im Ringelpiez durch die Talkshows gereicht, eine Rotte Flüstertüten im Dauereinsatz, sekundiert von Steuerhinterziehern, Koksern, Sprechblasebälgern, Schwerversprechern, Handpuppen und ähnlichen Treuepunktsammlern einschließlich der obligaten Frau in Burka, ohne die keine Polemik über EU-Milchquoten mehr möglich ist. Welche Rolle aber haben die Marionettenspieler, die Schmiere sitzen in diesem Kinderquatsch für Beknackte mit der Aufmerksamkeitsspanne von in Schnaps sozialisierten Goldfischen? Und warum haben sie der Salonfähigkeit für Extremisten nichts mehr entgegenzusetzen?

Sie verfolgen dieselben Ziele. In einer hohlen Form scheppert es lauter, sie haben alle immer wieder dasselbe so nie gesagt, sagen aber, dass man das ja mal sagen müsse, weil man das ja gar nicht sagen dürfe, und das dürfe man ja wohl noch sagen. Eine Riege von Sagengestalten tingelt trotzig mit verbalem Gerümpel im Gepäck von einem Flohmarkt der Eitelkeiten zum anderen, voller Sendungsbewusstsein, immer dicht an der intellektuellen Nahtoderfahrung, manche auch nur dicht, manche nicht ganz dicht, alle etabliert und deshalb erklärte Feinde des Establishment, weil sie genau das schon immer tun wollten, was sie ihnen vorwerfen. Sie machen es für Geld. Was hätten sie sonst auch zu bieten.





Seitenwechsel

7 03 2017

„Nehmen Sie noch einen Schal mit“, sagte Siebels und griff auf den Rücksitz. Das Stricktuch war aus dicker, dichter Wolle und passte so gar nicht zu der voluminösen Mütze und den Handschuhen, die ich ohnehin schon trug. „Äußerlichkeiten“, stellte er fest und schlug die Tür zu, „sind Nebensache. In diesem Schneetreiben ist es einerlei, und für einen Sportler wird Sie sowieso keiner halten.“

Was ein wenig beleidigend klang, aber hier vor der gigantischen Kulisse einer Großschanze, wo es vor Profis in Renn- und Sprunganzügen nur so wimmelte, gehörte ich tatsächlich nicht dazu. Der TV-Produzent hatte sich unbemerkt einen Becher mit Automatenkaffee besorgt – manchmal beschlich mich der Verdacht, er würde mitten in der Wüste oder auf einem Floß über dem Marianengraben einen Automaten finden und passendes Kleingeld in der Hosentasche haben – und stapfte durch den Schnee. „Da ist das Reporterzelt“, teilte er mir mit. „Wir werden uns vorwiegend um den Nachwuchs kümmern. Überlegen Sie sich schon mal ein paar gute Fragen.“

Das Zelt war überschaubar groß, aber kalt. Es roch nach Essig, aber das schien niemanden zu stören. Ein paar junge Leute standen in der Ecke und starrten angestrengt auf ihre Notizblöcke. „Das müssen sie sein“, mutmaßte ich, und Siebels gab mir recht. „Den Blonden kenne ich, das ist Hirsch. Die beiden anderen müssen Haberknecht und Kieseritzky sein.“ Artig stellten die drei sich vor, alle am Anfang ihrer Karriere und wissbegierig. „Gehen Sie mal vor“, riet Siebels dem Blonden. „Gleich kommt Muckelmann runter, dann können Sie ihn interviewen.“ Angestrengt blickte Hirsch in Richtung Schanze. Es hatte zu Schneien aufgehört. Schon nahm der Springer Anlauf, stieß sich vom Schanzentisch ab und segelte weit durch die Luft. Ein Aufstöhnen ging durch das Publikum. „Jetzt“, sagte Siebels tonlos. „Tempo. Oder wollen Sie, dass alle anderen vor ihnen bei ihm sind?“

Wir stapften am Zaun entlang. Fast wäre Florian Muckelmann zum Schanzenlift verschwunden, in letzter Sekunde erreichte Hirsch ihn. „Super Sprung“, keuchte er und hielt sich vor Aufregung das Mikrofon unter die eigene Nase. „Wie erklären Sie sich diese Leistung?“ Muckelmann stellte die Skier neben sich in den festgetretenen Schnee. „Ja, ich war eben zu kurz.“ Der junge Reporter war verwirrt; mit der Antwort hatte er nicht gerechnet. „Aber wie erklären Sie sich…“ „Ich bin nicht gut vom Schanzentisch weggekommen.“ Der Sportler sah ihn mit einer geradezu aufreizenden Ruhe an. „Der Anlauf war nicht so, der Sprung war eben zu kurz.“ Hilflos blickte der Reporter Siebels an, der seinen Kaffeebecher mit elegantem Schwung in eine Mülltonne schlenzte. Viel war da offensichtlich nicht zu holen.

„Das war wohl nichts“, sagte ich dumpf. Doch Siebels schlenkerte einfach mit den Armen, lief gemächlich zum Zelt zurück und pfiff zwischen den Zähnen. „War doch schon ganz okay“, meinte er leutselig. „Warten Sie ab, da hinten kommt Hansi Puxpaumer.“ Eine Traube junger Mädchen umgab den Biathleten, der tags zuvor den ersten Platz im Sprint erreicht hatte. „Kieseritzky“, rief der Produzent, „Sie sind dran.“ Natürlich musste er sich erst durch die Menschentraube kämpfen, doch Puxpaumer war beim Anblick des Mikrofons sehr interessiert. „Hansi“, schwafelte der Journalist los, „super Rennen, super Ergebnis – wie kam’s dazu?“ „Ja“, bestätigte Puxpaumer. Eine Sekunde, zwei, drei Sekunden Schweigen. Zehn Sekunden. Ich wandte leicht den Kopf; Siebels blieb ganz ruhig und griff nicht ein. „Ja“, sinnierte Puxpaumer. „Ich war schneller als die anderen, und dann habe ich auch immer getroffen.“ Endlich ein Ansatz – begierig Kieseritzky nach der Möglichkeit. „Kurz vor der letzten Steigung hat Kilitenko noch einmal angegriffen, aber es hat dann nicht mehr gereicht.“ „Ja“, bekannte Puxpaumer, „ich war schneller, außerdem habe ich ja auch immer getroffen.“ Ein leichtes Zittern war in seiner Mikrofonhand zu bemerken. Vermutlich würde er gleich zu weinen beginnen. „Was haben Sie sich vorgenommen für den Massenstart am Mittwoch?“ „Ja“, überlegte Puxpaumer, „ich will auf jeden Fall immer treffen, und dann will ich schneller sein als die anderen.“

Üblicherweise hätte Siebels die Eleven mit ein paar trocken hingehauenen Sätzen davon überzeugt, ihre Berufswahl an dieser Stelle noch einmal gut zu überdenken. Doch nichts dergleichen geschah. „Das war doch schon mal sehr angenehm“, lobte er. „Ich würde sagen, es war sogar besser als gedacht.“ War das der Siebels, den ich kannte? „Sie haben es immer noch nicht kapiert?“ Es belustigte ihn, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung, wovon er sprach. „Sie haben es nicht bemerkt?“ „Sie trainieren den Reportnernachwuchs“, antwortete ich, „aber davon ist auch wenig zu merken.“ „Falsch“, grinste er. „Die Sportler.“ Jetzt verstand ich gar nichts mehr. „Aber welchen Sinn soll das denn haben, wenn Sie offiziell für den Fernsehsender arbeiten?“ Er wurde immer noch heiterer. „Sehen Sie es als eine Art angewandte Schocktherapie. Diese Tausendsassas fragen inzwischen bei jedem Fußballspiel, wie der Spieler X den Fehlpass auf der linken Seite in der dreizehnten Minute erlebt hat. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass das ein Spieler aushält, ohne irgendeinen Mist zu erzählen, mit dem er sich über kurz oder lang vor den Zuschauern bis auf die Knochen blamiert.“ Da war etwas dran. „Und das war jetzt als Pilotprojekt gedacht?“ Siebels zog sich die Handschuhe an und trat hinaus in die Kälte. „Warten Sie es ab. Ab nächsten Monat machen wir dann Wahlsendungen.“