Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIII): Boulevardmagazine

18 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war die dritte Zweitfrau von Rrt schuld. Sie war dumm, hatte aber bemerkenswert dreidimensionale Fettreserven – dem damaligen Schönheitsideal lief das nicht gerade entgegen – sowie den unerschütterlichen Drang, sich vor der Siedlergemeinschaft an der westlichen Wand zu blamieren. In jeder Höhle wurde ihr Geschwabber zum allfälligen Tagesgespräch. Was sie aus den Resten einer Säbelzahnziege an Schurz und Röcken schwiemelte, fand zunächst keiner statthaft, der sich mit ihrer beruflichen Tätigkeit beschäftigte, die zu regem Kontakt mit halb unbekannten Hominiden aus dem Umland führen musste, und doch wurde der Fummel mit allerlei Applikation von Knochen und Gehörn nachgeahmt, verfeinert und schließlich, wenn das noch möglich sein sollte, proletarisiert. Auch heute sollte uns dies Interesse nicht zu sehr verwundern, haben wir doch einen florierenden Medienzweig geschaffen, dem Nullinformation aus dieser Richtung ein gutes Auskommen macht. Die Boulevardmagazine beleben den Schlamm, der sich unter der Gesellschaft wälzt.

Zunächst interessiert sich derlei grell bedrucktes Zeugs für den Klatsch intellektueller Heckenpenner, wie sie auf Sozialentzug vegetieren und sich nicht um die faktischen Zusammenhänge kümmern. Im Gegenzug sind es wieder diese Parallelexistenzen, denen man mit etwas zusammengekratztem Schrott das bisschen Wartezeit vor der Endablagerung zu verkürzen versucht, die moralfrei abgerissenen Jahre zwischen Hirnverlust und Biomasse. Wer da Glamour schwitzt, Glitzer und Lärm, der taugt automatisch zum Vorbild der Kriecher, und sei es ein epochenübergreifend degenerierter Adelszweig, dessen Blödheit langsam zum Markenzeichen wird. Gerne gesehen sind Filmgrößen, ab und zu die trällernde Zunft, ansonsten speist sich das aus niederschwelligen Angeboten der grassierenden Hirnkirmes, dümmliche Dödel im steten Kampf um die größtmögliche Beknacktheit, die mit klinischen Mitteln nachzuweisen ist. Natürlich interessiert den Deppen in erster Linie der Phänotyp, gründlich misslungene Diäten, schlampiger Hautschmuck auf welker Epidermis, völlig verseifter Nachwuchs, das Armageddon der Oberbekleidung in zu kleinen Größen bei künstlicher Beleuchtung. Wer könnte es den Nachtjacken verdenken, das ärmliche Theater der angeblich wichtigen Gartenzwerge für voll zu nehmen. Wer täte das schon. Und warum.

Die kognitiv naturbelassene Schicht, die ihre Bildung auf ebendiesem Pflaster bezogen hat und seltener in möblierten Räumen, sie braucht einen Anlass, nach oben zu blicken, und was ist von dort aus nicht alles oben. Nicht viel bleibt vom Gewölle in Hirnhöhe, was nicht durch niederste Instinkte motiviert wäre, Guck-, Juck- und Spuckreiz, eine von Fettfingern gründlich begriffelte Mangelmoral, da sie die zu Ikonen lackierten Wassersuppenkasper auch nur braucht, um sie auf sein erbärmliches Niveau herunterzuzerren. Was sich als artifiziell aufgepumptes Wunschbild hat an die Wand nageln lassen, wird phasenweise verehrt und mit Biomasse beschmissen, teils auch simultan, denn nichts braucht ein adipöser, schielender Knalldepp so sehr wie den millionenschweren Promi, den er als adipösen, schielenden Knalldeppen entlarven kann, und sei es nur in seiner schmutzigen Vorstellung, die das auf Halbwahrheiten abonnierte Schmierblatt zum Vorzugspreis liefert. Sie zerren uns die Idole wieder zurück in den Staub, zeigen Orangenhaut und Plattfüße, als sei der gemeine Filmstar alterslos ohne regelmäßig reingedrücktes Nachfüllpack aus der Änderungsfleischerei.

Wer behauptet, es ginge den Sternchen auf die Plomben, für die Fotografen immerzu heile Welt zu mimen, der weiß nichts von deren schlechthinniger Abhängigkeit zu Wille und Zwangsvorstellung. Nichts ist ihnen verhasster als die ewig dienernde Menge, mit einer Ausnahme: die amorphe Masse, die sie ignoriert, weil sie sich das mühsam auf Gesicht geschminkte Epithel einfach nicht merken kann. Dies Spiel kennt keine Gewinner, höchstens den, der die Schmonzetten turnusmäßig mit hanebüchenem Quark bestückt, kein Gericht und keinen Geschmack fürchtet und sowieso einen allgemeinen Hass auf die Menschheit hegt, weil er sonst nicht so planmäßig an ihrer kompletten Vertrottelung mitarbeiten könnte.

Noch immer kauft sich der Dummbatz die Heftchen, Woche für Woche, und ist für Schläge auch nicht davon abzubringen, denn was wäre er ohne plumpe Flunkereien, die er am Wasserloch bereitwillig als Früchte seiner eigenen Narrheit zum Besten gibt. Lassen wir sie in ihrem Geblubber allein, keiner wird ihre Fabulierexzesse ernst nehmen, geschweige denn sie weitertragen. Und sollte es wirklich, wirklich einmal den geistig noch halbwegs gesunden Zeitgenossen nach Schmadder unterster Kajüte gelüsten: der Gang zum Zahnarzt steht jedem frei. Wenigstens ins Wartezimmer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXI): Frühstücksfernsehen

4 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dass pünktlich mit der Sichtbarkeit der Sonne vom Bergfried herab die Fanfare quäkte, hatte seine Gründe. Hin und wieder war ein Herold beim bis dato üblichen Verfahren, den auf der Lanze montierten Hahn durch den Laden zu stecken und damit den Tagesanbruch zu signalisieren, aus Versehen mit harten Gegenständen sowie der Lanze kollidiert und gleich ins allgemein Organische übergegangen. Das Metaphorische, ja: Mechanische aber blieb, der Schmerzreiz in Kopfhöhe, als liefe der Trailer zum Jüngsten Tag gerade an. Mit mehr Schmackes hatte nie Dämmerung sich erhoben über den Finsternissen, seitdem die Säbelzahnziegen ihr dusseliges Geblöke an der Höhlenpforte aufgegeben haben, teils aus Folgenlosigkeit, teils, weil sie ausstarben. Das Leben blieb gleichbleibend hart. Bis das Frühstücksfernsehen erfunden wurde.

Der Konsument kollidiert versehentlich mit dem Bedienelement und wird ad hoc von Grinsefratzen umjodelt, wie Affen auf Saccharin die Mattscheibe von innen ausbeulende Knallfrösche, die um Aufmerksamkeit betteln und dazu nur ein einziges Mittel kennen: Lautstärke. Eine Butterfahrt der Geschmacklosigkeiten schunkelt schmerzbefreit über den Schirm, stopft dem wehrlosen Volk Finger in sämtliche Gesichtsöffnungen und zieht es auf ein Niveau hinunter, auf dem sonst nur Schlager und Aufsichtsratssitzungen überleben können. Genau die richtige Stimmung für ein Inferno.

Das just von der Herrenausstatter-Resterampe gescheuchte Moderationsvieh wirkt denn auch wie ein zu enger Schuh, der durch zwanghaftes Ruckeln in die einzig halbwegs erträgliche Position gebracht werden soll. Wer auch immer dieses Regiekonzept in der Mappe für ernsthafte Vorschläge abgelegt hat, sein entspanntes Verhältnis zum Ritalin hätte die Produktionsfirma frühzeitig warnen müssen. Größere Differenzen zwischen Wirklichkeit und Wirkung kriegen nur esoterisch vollverschwiemelte Kanäle und am Rand der Umnachtung dümpelnde Shoppingsender hin, wenngleich mit einer erheblich geringeren Breite des Angebots, jenem Kaleidoskop aus Boulevard, Sport, Politik, Kitsch und Service, wobei die letztere Rubrik juristische Haushaltstipps und praktische Hinweise zur Börsenanalyse mit den saisonal bedeutenswerten Kinderkrankheiten in den Thermomix stopft. Das Ergebnis ist entsprechend, mit Abstrichen verwertbar, aber nutzlos.

Überall, wo TV-Macher den ihrem Medium eingemeißelten Mainstreamhumor an überwiegend noch schwer somnolente Zielpersonen bringen wollen, ploppt der fröhliche Wahnsinn aus dem Hinterkopf auf: mach es platt, Baby. Die unerträgliche Seichtigkeit des Schleims schwappt auch hier aus dem Gerät, vermutlich aus der für Vorabendserien konstruierten Schmalzaustrittsdüse, die auch hier in einer schwer erträglichen Duftnote von Karneval und Zwangsstörung aufgepappt wirkt. Wie sehnlich wünscht man sich als unbewaffneter Kontrahent des noch jungen Tages eine Mistgabel, um das aufgeputschte Geballer zwischen Newsflash und Wetterbericht zum Erliegen zu bringen. Die Sensation und die heitere Dramatisierung der daraus folgenden Spannungszustände widmet sich in heiterer Art dem Versuch, die Banalität real erfahrbar zu machen. Was an Mittelmäßigkeit aus dem Redaktionsfilter dringt, es wird sorgfältig und bis in die letzten Winkel der Gemeinplätze bunt bemalt, glatt lackiert, hastig geschmirgelt.

Vor allem ist das Frühstücksfernsehen, wie es in fragwürdiger Analogie zur Nahrungsaufnahme die Contentbulimie in eine halbstündige Rotation zwingt, eine fettbasierte Häppchenüberfütterung mit Fakten, Fakten, Fakten und allem, was als halbwegs beweisbare Äußerung durchgeht. Hektisch getaktete Eigenwerbung zwischen Kino und Human Interest sorgt wie periodisches Sodbrennen als Marker, das versendet sich nicht – einmal gesehen, setzt die Peristaltik zielsicher wieder ein, aber sorgt das für den Griff zur abschaltenden Macht? Der auf leichte Bekömmlichkeit getrimmte Seim, Bluthochdruck, Euro-Krise, Helene Fischer und der Präsident der Herzen, er sickert planvoll in die Synapsenlücken ein, verklebt der brägenbewölkten Guckeria schon nach zwei Durchläufen das Dialektikmodul und planiert die Einflugschneise für die eigentliche Thematik: das Elend der Welt zu erkennen aus publizistischer Sicht, wie es sich Tag für Tag nur marginal ändert, damit die restliche Medienmeute beim entnervten Abschalten wenigstens weiß, worauf sie ihre Konditionierung gründen soll. Bis zu den Spätnachrichten.

Besser für die Seele der Zuschauer wäre es, man ließe Clowns Nachrichten vorlesen, Popsänger die Börsenkurse verkünden und den Rechtsanwalt, den sich der Sender hält, Sonnenbrillen testen, während der Rest Marmelade kocht. Alle halbe Stunde präsentiert ein elektrisches Garagentor das Programm. Vielleicht käme das wieder in den Nachrichten, quasi auf einer Metaebene, und dann wären alle harmlosen Menschen verstört, aber nachhaltig wach. Auch nicht schlecht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXV): Die Talkshow-Demokratie

9 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird eine Wette zwischen fünf Freunden gewesen sein, die schon zuvor komplett schmerzfrei waren. Sie hockten im Kreis, keiften einander ohne Punkt und Komma an und ersonnen peinlich bis dümmlich wirkende Injurien frühinfantiler Höhe, um sich im Gezänk der Stände wenigstens pro forma Vorteile zu erschleichen. Einer von ihnen tut ab und zu vernünftig, ein zweiter wird später als Rumpelstilzchen mythologisch verklärt. Andere lallen ein Ostinato dümmlicher Fettreste herunter. Zuschauer gibt es, sie hocken hinter einer Wand und klatschen nach jeweils drei Minuten, weil man ihnen Bananen über den Rand schmeißt. Sie nehmen sich der drängenden Fragen ihrer Zeit an: Krieg oder Frieden? und: wen interessiert das? Das Publikum seinerseits begann Steine über die Mauer zu werfen, weil ihnen das unsägliche Geschrei auf die Plomben ging. Der Geist der Tragödie gebar Schlafstörungen, die Demokratie und die Talkshow.

Da eins nicht ohne das andere mehr denkbar ist, hat sich heute der Parlamentarismus mit dem an sich gesitteten Disput aus den Kreis der Gewählten bewegt. Mag die Verlagerung einst unter dem Vorzeichen der Popularisierung geschehen sein, die dem Volk etwas wie Scheinpartizipation zu geben gewillt war, sie hat nichts erreicht, unter dem Gesichtspunkt der politischen Aufklärung noch viel weniger. Denn die windschiefe Projektion einer Zusammenkunft der Klügsten zeigt lediglich Lumpen beim Hadern mit der eigenen Borniertheit. Beide, die Quasselveranstaltung mit abgekartet und abgehangen riechenden Killerphrasen und Scheinargumenten, die von drittklassigem Personal zur besten Sendezeit verbraten wird, um möglichst viel Kohle in private Hosentaschen zu pfropfen, und das Fernsehformat, sind letztlich nicht mehr als kommunikative Hüllen, aus denen sich mit etwas Glück ein rhetorisches Talent über den Bodenstaub erhebt, um das ritualisierte Brimborium mit der Brechstange zu öffnen.

Schon die Auswahl der Themen hegt den Geist der freien Meinung sorgsam in einem rostigen Käfig ein, durch dessen Gitter man das Gehampel der zusammengecasteten Kampfhähne sieht, spontan wie die Kontinentaldrift, überflüssig wie eine Wurzelentzündung. Mit der Beschränkung von Form und Inhalt auf eine nie da gewesene Lautheit macht sich der Klamauk mit dem Untergang der Demokratie gemein, wie er billig geskriptet den Betrieb über die Rampe schiebt. Ein hektisch aus Versatzstücken geschwiemeltes Infotainment in niedermolekularer Bauweise leitet über in die Sphären der Halbwahrheit, die Halbbildung fordert und fördert – Mimesis für den Mistgabelmob, der seinesgleichen sucht und tragischerweise auch findet, wo die Wirklichkeit verendet.

Die kontroverse Debatte wird mit glitschiger Rhetorik an den Parlamenten vorbeigelotst, die ihrerseits nicht viel mehr sind als das Sprechzimmer vor den Ausschüssen: ein falsches Bild von öffentlicher Sachwaltung entsteht, wie man auch den Akten lesenden Kommissar nicht ertrüge, der einen ganzen Krimi lang ballistische Berichte oder Abhandlungen über postmortalen Mageninhalt läse. Mehrfach kippt das Konzept, zuletzt in der dümmlichen Hoffnung, der Pöbel würde die schale Inszenierung willig schlucken, nicht aber den Auftrieb der Sündenböcke, die bunt getanzten Klischees und den lauernden Populismus, wie er sich zum Gesellschaftsbild emporarbeitet, um die Differenzierungen aus der Hirnrinde zu bügeln. Nicht die kompetenten Personen, sondern die wenigen talentierten Polarisierer werden im Ringelpiez durch die Talkshows gereicht, eine Rotte Flüstertüten im Dauereinsatz, sekundiert von Steuerhinterziehern, Koksern, Sprechblasebälgern, Schwerversprechern, Handpuppen und ähnlichen Treuepunktsammlern einschließlich der obligaten Frau in Burka, ohne die keine Polemik über EU-Milchquoten mehr möglich ist. Welche Rolle aber haben die Marionettenspieler, die Schmiere sitzen in diesem Kinderquatsch für Beknackte mit der Aufmerksamkeitsspanne von in Schnaps sozialisierten Goldfischen? Und warum haben sie der Salonfähigkeit für Extremisten nichts mehr entgegenzusetzen?

Sie verfolgen dieselben Ziele. In einer hohlen Form scheppert es lauter, sie haben alle immer wieder dasselbe so nie gesagt, sagen aber, dass man das ja mal sagen müsse, weil man das ja gar nicht sagen dürfe, und das dürfe man ja wohl noch sagen. Eine Riege von Sagengestalten tingelt trotzig mit verbalem Gerümpel im Gepäck von einem Flohmarkt der Eitelkeiten zum anderen, voller Sendungsbewusstsein, immer dicht an der intellektuellen Nahtoderfahrung, manche auch nur dicht, manche nicht ganz dicht, alle etabliert und deshalb erklärte Feinde des Establishment, weil sie genau das schon immer tun wollten, was sie ihnen vorwerfen. Sie machen es für Geld. Was hätten sie sonst auch zu bieten.





Seitenwechsel

7 03 2017

„Nehmen Sie noch einen Schal mit“, sagte Siebels und griff auf den Rücksitz. Das Stricktuch war aus dicker, dichter Wolle und passte so gar nicht zu der voluminösen Mütze und den Handschuhen, die ich ohnehin schon trug. „Äußerlichkeiten“, stellte er fest und schlug die Tür zu, „sind Nebensache. In diesem Schneetreiben ist es einerlei, und für einen Sportler wird Sie sowieso keiner halten.“

Was ein wenig beleidigend klang, aber hier vor der gigantischen Kulisse einer Großschanze, wo es vor Profis in Renn- und Sprunganzügen nur so wimmelte, gehörte ich tatsächlich nicht dazu. Der TV-Produzent hatte sich unbemerkt einen Becher mit Automatenkaffee besorgt – manchmal beschlich mich der Verdacht, er würde mitten in der Wüste oder auf einem Floß über dem Marianengraben einen Automaten finden und passendes Kleingeld in der Hosentasche haben – und stapfte durch den Schnee. „Da ist das Reporterzelt“, teilte er mir mit. „Wir werden uns vorwiegend um den Nachwuchs kümmern. Überlegen Sie sich schon mal ein paar gute Fragen.“

Das Zelt war überschaubar groß, aber kalt. Es roch nach Essig, aber das schien niemanden zu stören. Ein paar junge Leute standen in der Ecke und starrten angestrengt auf ihre Notizblöcke. „Das müssen sie sein“, mutmaßte ich, und Siebels gab mir recht. „Den Blonden kenne ich, das ist Hirsch. Die beiden anderen müssen Haberknecht und Kieseritzky sein.“ Artig stellten die drei sich vor, alle am Anfang ihrer Karriere und wissbegierig. „Gehen Sie mal vor“, riet Siebels dem Blonden. „Gleich kommt Muckelmann runter, dann können Sie ihn interviewen.“ Angestrengt blickte Hirsch in Richtung Schanze. Es hatte zu Schneien aufgehört. Schon nahm der Springer Anlauf, stieß sich vom Schanzentisch ab und segelte weit durch die Luft. Ein Aufstöhnen ging durch das Publikum. „Jetzt“, sagte Siebels tonlos. „Tempo. Oder wollen Sie, dass alle anderen vor ihnen bei ihm sind?“

Wir stapften am Zaun entlang. Fast wäre Florian Muckelmann zum Schanzenlift verschwunden, in letzter Sekunde erreichte Hirsch ihn. „Super Sprung“, keuchte er und hielt sich vor Aufregung das Mikrofon unter die eigene Nase. „Wie erklären Sie sich diese Leistung?“ Muckelmann stellte die Skier neben sich in den festgetretenen Schnee. „Ja, ich war eben zu kurz.“ Der junge Reporter war verwirrt; mit der Antwort hatte er nicht gerechnet. „Aber wie erklären Sie sich…“ „Ich bin nicht gut vom Schanzentisch weggekommen.“ Der Sportler sah ihn mit einer geradezu aufreizenden Ruhe an. „Der Anlauf war nicht so, der Sprung war eben zu kurz.“ Hilflos blickte der Reporter Siebels an, der seinen Kaffeebecher mit elegantem Schwung in eine Mülltonne schlenzte. Viel war da offensichtlich nicht zu holen.

„Das war wohl nichts“, sagte ich dumpf. Doch Siebels schlenkerte einfach mit den Armen, lief gemächlich zum Zelt zurück und pfiff zwischen den Zähnen. „War doch schon ganz okay“, meinte er leutselig. „Warten Sie ab, da hinten kommt Hansi Puxpaumer.“ Eine Traube junger Mädchen umgab den Biathleten, der tags zuvor den ersten Platz im Sprint erreicht hatte. „Kieseritzky“, rief der Produzent, „Sie sind dran.“ Natürlich musste er sich erst durch die Menschentraube kämpfen, doch Puxpaumer war beim Anblick des Mikrofons sehr interessiert. „Hansi“, schwafelte der Journalist los, „super Rennen, super Ergebnis – wie kam’s dazu?“ „Ja“, bestätigte Puxpaumer. Eine Sekunde, zwei, drei Sekunden Schweigen. Zehn Sekunden. Ich wandte leicht den Kopf; Siebels blieb ganz ruhig und griff nicht ein. „Ja“, sinnierte Puxpaumer. „Ich war schneller als die anderen, und dann habe ich auch immer getroffen.“ Endlich ein Ansatz – begierig Kieseritzky nach der Möglichkeit. „Kurz vor der letzten Steigung hat Kilitenko noch einmal angegriffen, aber es hat dann nicht mehr gereicht.“ „Ja“, bekannte Puxpaumer, „ich war schneller, außerdem habe ich ja auch immer getroffen.“ Ein leichtes Zittern war in seiner Mikrofonhand zu bemerken. Vermutlich würde er gleich zu weinen beginnen. „Was haben Sie sich vorgenommen für den Massenstart am Mittwoch?“ „Ja“, überlegte Puxpaumer, „ich will auf jeden Fall immer treffen, und dann will ich schneller sein als die anderen.“

Üblicherweise hätte Siebels die Eleven mit ein paar trocken hingehauenen Sätzen davon überzeugt, ihre Berufswahl an dieser Stelle noch einmal gut zu überdenken. Doch nichts dergleichen geschah. „Das war doch schon mal sehr angenehm“, lobte er. „Ich würde sagen, es war sogar besser als gedacht.“ War das der Siebels, den ich kannte? „Sie haben es immer noch nicht kapiert?“ Es belustigte ihn, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung, wovon er sprach. „Sie haben es nicht bemerkt?“ „Sie trainieren den Reportnernachwuchs“, antwortete ich, „aber davon ist auch wenig zu merken.“ „Falsch“, grinste er. „Die Sportler.“ Jetzt verstand ich gar nichts mehr. „Aber welchen Sinn soll das denn haben, wenn Sie offiziell für den Fernsehsender arbeiten?“ Er wurde immer noch heiterer. „Sehen Sie es als eine Art angewandte Schocktherapie. Diese Tausendsassas fragen inzwischen bei jedem Fußballspiel, wie der Spieler X den Fehlpass auf der linken Seite in der dreizehnten Minute erlebt hat. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass das ein Spieler aushält, ohne irgendeinen Mist zu erzählen, mit dem er sich über kurz oder lang vor den Zuschauern bis auf die Knochen blamiert.“ Da war etwas dran. „Und das war jetzt als Pilotprojekt gedacht?“ Siebels zog sich die Handschuhe an und trat hinaus in die Kälte. „Warten Sie es ab. Ab nächsten Monat machen wir dann Wahlsendungen.“





Fressefreiheit

7 02 2017

„… den Ex-Schalker zum neuen HSV-Coach machen würden. Der VfL Wolfsburg sei ebenfalls an einer Verpflichtung des…“

„… auch Kinder mit der Schusswaffe von der Grenze der Bundesrepublik fernzuhalten. Trotzdem habe sich die Redaktion entschlossen, von Storch nicht in die…“

„… habe neben ihrer langjährigen Rolle in der Lindenstraße bereits am Berliner Ensemble in Jelineks…“

„… keinen Widerspruch gelten lasse. Meuthen wolle nicht aus Prinzip Tabus brechen, wünsche sich jedoch mehr Öffentlichkeit für seine Idee, den linksverkrusteten Diskurs in der von den Alliierten installierten Staatssimulation auf deutschem…“

„… der Kohlrabiverbrauch in Norddeutschland steige, in der südlichen Landeshälfte jedoch eher stagniere, was nicht nur auf klimatische…“

„… Begriffe wie Nigger wieder zur sprachlichen Normalität würden. Petry habe mehrmals angefragt, ob sich dies auch im Rahmen einer Magazinsendung…“

„… der Hauptstadtflughafen auch in diesem Jahr nach menschlichem Ermessen nicht…“

„… plädiere Höcke dafür, Jude zur justiziablen Beleidigung zu erheben. Gleichzeitig habe er Strafanzeigen angedroht gegen jeden Sender, der ihm nicht sofort eine…“

„… ein weiteres Erdbeben in den Abruzzen nicht als Spätfolge der Regierung Berlusconi verstanden werden dürfe, da diese lediglich die für mehr Erdbebensicherheit investierten Gelder in die eigene…“

„… sei es bereits erwiesen, dass bereits ein auf der anderen Straßenseite gehender Syrer mit Pest und Keuchhusten anstecken könnten. Die Pflicht der Medien zur Volksaufklärung gebiete es, dass von Storch ab sofort jede Woche im ZDF an einem mehrstündigen…“

„… vor allem Weiß und Blautöne, gerne in Schurwolle und Kammgarn trage. Der Mann von Welt verzichte auch im Herbst nicht auf einen…“

„… sei bereits Zensur. Gedeon wolle auf dem Gerichtsweg erzwingen, dass der Deutschlandfunk eine Sondersendung über die Protokolle der…“

„… schon fest geschlossen habe. Die Börse sei noch nicht überzeugt, steige aber aus vollster Überzeugung, was aber einen rapiden Sturz der Verkäufe bei stark nachlassenden Werten nur…“

„… der wahre Grund sei, warum sämtliche Regionalprogramme nur noch Lügen ausstrahlen würden. Es müsse zu jedem kulturellen Thema ein Mitglied der AfD-Spitze eingeladen werden, um deren Wichtigkeit für das Deutschtum in Zeiten der Bedrohung durch Islam, Demokratie und den…“

„… müsse man die Elbphilharmonie doch als überbewertet ansehen. Das in der Raumwirkung der Concerti von Giovanni Gabrieli getrübte Gefühl von venezianischer Weite habe zu einem tiefen…“

„… die arische Herrenrasse durch eine jüdisch-arabische Blutvernichtung schwächen wolle. Höcke werde seine Angriffe auf die ARD erst einstellen, wenn ihm eine Sondersendung nach den…“

„… die Curling-Mannschaft nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen werde. Da die Sportförderung die Beihilfe für das deutsche Team mit der Begründung beschnitten habe, es sei in internationalen Qualifikationen sowieso ohne jede Chance, müsse man nun auf einen letzten…“

„… das Hausrecht durchgesetzt habe. Pretzell sei mit einem Kieferbruch und Schusswunden aus dem Studio der Sportschau…“

„… sich durch Lewandowski die Position an der Tabellenspitze gesichert habe. Vor einem Wechsel wolle der Verein ihm eine Prämie von…“

„… beim S-Bahn-Surfen mit dem Kopf gegen den Signalmast geprallt sei. Da die Ermittler wegen Poggenburgs Ankündigung im Internet von einem Suizid überzeugt seien, wolle man die Meldung nicht in den…“

„… ab 2019 mehr Quizshows im deutschen Fernsehen zeigen wolle. Der Qualitätsunterschied zu den anderen Sendern sei zwar deutlich, man müsse aber auch die Bedürfnisse der schweigenden Zuschauermehrheit in die Programmgestaltung…“

„… sich von Storch mit dem Plakat Seit 866 Tagen Gefangene des Genderwahn-Schweigekartells habe fotografieren lassen. Das Bild sei außer in den Publikationen des Kopp-Verlags sowie in der National-Zeitung nicht…“

„… als neue Trendfarben der Saison vorstelle. Die bisherigen Strickaccessoires seien durch Lack und Seide ersetzt worden, kombiniert mit leicht verspielten Baumwollapplikationen, deren…“

„… die AfD eine zweistellige Millionensumme angeboten habe für den Fall, dass ein bundesweit bekanntes Mitglied eine eigene Interviewsendung bekäme. Eine Integration in Formate wie das Dschungelcamp sei jedoch für die Partei nie…“

„… neue Forschungsergebnisse die Hypothese unterstützten, dass Hitler nur einen…“

„… sich auf den Stufen des Reichstags mit Benzin übergossen und angezündet habe. Für den bekennenden Nationalsozialisten sei jede Hilfe zu spät gekommen, der Notarzt habe nur noch den…“

„… zwar das Drehmoment beim Anziehen der Schrauben an den Türscharnieren prüft habe, nicht aber die Höhe der Abweichungen beim Abgastest. Winterkorn sei mit der Begründung, privat würde er nie VW fahren, in einen komplizierten…“

„… in den Umfragen deutlich werde, seitdem die Sender auf rassistische und wahrheitswidrige Politikerstatements verzichten würden. Auch die CSU habe in den letzten drei Monaten nicht…“





Märchenstunde

25 01 2017

„Nein, es gibt keine sprechenden Wölfe, und jetzt hören Sie auf mit Ihrer Indoktrination! Sie sind ein Werkzeug der Wolflobby, wahrscheinlich wollen Sie vertuschen, dass wir hier in Deutschland von einwandernden Wölfen bedroht werden, die keine Sozialabgaben zahlen und von deutschen Jägern auf Kosten des Steuerzahlers abgeschossen werden müssen!

Außerdem würde man nie ein minderjähriges Mädchen mit einer Flasche Alkohol in den Wald schicken – zeigen Sie mir Erziehungsberechtigte, die so etwas tun würden. Und dann frisst der Wolf auch noch die Großmutter. Das ist ja schon nicht mehr unrealistisch, das ist bewusste Irreführung der Leser. Also wenn Sie denken, das sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Das wird gestrichen. Nein, ich lasse mich auf keine Diskussion mit Ihnen ein, es handelt sich schließlich um eine Publikation, die auch für Kinder und Jugendliche beeignet sein soll. Da muss die Informationsebene absolut korrekt sein, sonst riskieren wir vollkommen falsche Vorstellungen in der Bevölkerung.

Das ist kein Argument. Wenn es schon für viele Jahrhunderte in der Bevölkerung tradiert wird, ist das noch lange kein Grund, dass wir es akzeptieren müssen. Schauen Sie sich die Geschichte doch mal an. Erst eine verzerrte Darstellung von Erziehung, dann wird der Wolf als Volksschädling und Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft hingestellt – raten Sie mal, wen man zu dem Thema im Fernsehen befragt – und dann auch noch diese Hirngespinste über die Großmutter, die lebendig aus dem Verdauungstrakt eines Raubtiers geschnitten wird. Unsinn!

Oder hier: die Tochter will nicht in eine Ehe mit einem Adligen einwilligen, wird an den erstbesten Nichtsesshaften verheiratet und – Sie sollen mir nicht mit historischen Verhältnissen kommen, in der damaligen Ständegesellschaft wäre es erst recht nicht möglich, eine Königstochter an einen Bettler zu verheiraten. Wahrscheinlich entspricht das nicht einmal dem BGB. Wir können doch nicht ständig Geschichten weitererzählen, nur weil sie mit ihrer eigenen Logik irgendwelche alternativen Fakten zu einem eigenen Denkgebäude zusammenbauen. Sprechende Tiere, Zauberer, Bahnsteige, die es nicht gibt – das kann doch nicht gut sein!

Natürlich kann man das auf die Bücher draufschreiben, nur liest das einer? Der Unterschied zwischen Fakten und bewusster Täuschung ist doch den meisten heute gar nicht mehr bewusst. Da geht es um die Patriarchatsvorstellung vom Brechen einer ungehorsamen Frau, die unbewusst den Vater ablehnt und erst durch Rache wieder in ihre soziale Rolle gezwungen wird. Das müssen Sie doch sehen, oder was lesen Sie hier? Es sind eben nicht nur Kindergeschichten, verstehen Sie?

So, und das wird jetzt gleich mal ganz aus dem – ich lasse da nicht mit mir reden, das kommt raus! Das ist geradezu eine Anleitung zu sozialem Elend, das kommt mit nicht in die Ausgabe rein! Diese Kinder sind Opfer ihre Verhältnisse, ja, aber man muss nicht auch noch die Brutalität darstellen, mit der sich die Eltern ihrer Verantwortung entledigen wollen. Kinder im Wald aussetzen, geht’s noch!? Das ist geradezu eine Anleitung für sozial schwache Eltern, ihren Nachwuchs loszuwerden, wenn sie mit der Erziehung überfordert sind.

Ein oraler Mangel wird hier erlebt, vermutlich sind diese beiden Waldarbeiter noch nicht so auf dem Achtsamkeitstrip, das Mädchen wird sich wohl eine Essstörung eingefangen haben – Sie lachen, aber diese Art der Wohlstandsverwahrlosung passt entweder gar nicht zu den Figuren in der Erzählung, oder er löst Konflikte in der heutigen Eltern-Kind-Konstellation aus, und da möchte ich jedenfalls nicht verantwortlich sein, wenn einer sich getriggert fühlt – und irgendwie geraten die beiden dann in den Bann eines Psychokults. Bei der Hexe geht es ja auch primär um orale Bedürfnisse, die aber nicht mit der Wirklichkeit zur Deckung gebracht werden können. Oder haben Sie schon mal ein Haus aus Lebkuchen gesehen?

Lebkuchen geht ja noch, aber erklären Sie mal den veganen Grassaftmuttis vom Prenzlauer Berg, dass Kinder ohne Fagott- und Chinesischunterricht auf die Idee kommen, Hexe al forno zu essen. Das ist jetzt kein Anpassen der Fakten an die Erwartung, denn wir haben es hier ja nicht mit tatsächlichen Tatsachen zu tun. Und es kann auch durchaus mal etwas falsch sein, aber dafür muss es sich auch gut anhören, weil alles in sich wieder stimmt. Das ist nicht nur mit den Kindern so, weil die noch keinen großen geistigen Horizont zu überblicken haben. Den haben auch ziemlich viele Erwachsene nicht.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, das wird alles im Internet veröffentlicht, am besten ungefiltert und ohne Jugendschutz, und dann haben wir den Salat. Da können wir noch so viel für politische Bildung ausgeben, wenn wir diese Desinformation nicht in den Griff kriegen, können wir Wahlen mittelfristig auch gleich sein lassen. Das dringt dann auch noch über die Elternhäuser in die Kinderzimmer ein, da haben wir überhaupt keine Kontrollmöglichkeiten mehr, dann kommen die rechten Rattenfänger, und dann ist zappenduster.

Hier, das sollten Sie mal lesen. Ein kleines Mädchen hat keine Eltern mehr und wird obdachlos und schenkt sein Hemdchen her und sein letztes Brot, und dann wird es auf einmal belohnt. Das zeigt, dass die soziale Marktwirtschaft in diesem Land vorbildlich organisiert ist und Leistungen sehr passgenau für die gesellschaftliche Teilhabe gezahlt werden. Geht doch!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVIII): Die Suggestivfrage

6 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fassungslosigkeit in Bad Gnirbtzschen! In einem Akt roher Brutalität, vermutlich enthemmt von der Erderwärmung, hat ein Schneesturm das Vordach der Bushaltestelle zum Einsturz gebracht! Die Anwohner sind, man müsste schon sehr weit ausholen, um dies nicht zu sehen, natürlich total aus dem Häuschen, nicht zu sagen: es herrscht in diesem bisher so unschuldigen Städtchen, das eigentlich eher ein Örtchen ist, ein hübsches kleines Fleckchen voller Schönheit zwischen den vereisten Seealpen und dem Kaukasus, es herrscht hier das reinste Chaos! Keiner weiß noch, was er denken soll, und da ist es gut, dass Enrico Bühse, der vom Dunkeldeutschen Rundfunk ausgesandte Reporter, dem zitternden Bürgermeister – es ist immerhin gut zwei Handbreit unterhalb des Gefrierpunktes – das monströs bepuschelte Mikro in den Rüssel drückt und atemlos die goldene Frage stellt: wie entsetzt sind die Gnirbtzschener?

Die insinuierende Formulierung, und genau das soll sie, ist die Mutter der neuen Berichterstattung, die vieles tut, nur eben nicht Bericht erstatten. Ein friedlich ruhendes Dörflein, wo der Bautrupp im Halbtran die Scheibe auswechselt und ein wenig Schnee fegt, versetzt den Zuschauer in seiner kaum zu überblickenden Masse nicht in enthemmte Wut über die finsteren Mächte. „Wie überrascht waren Sie“, sülzt Bühse die Anwohnerin Mandy Ö. (24) an, „als der Schnee neben Ihnen aufs Pflaster fiel?“ Mandy versteht viel, nur eben nicht den medialen Zusammenhang, gibt sich, einmal im Fernsehen, größte Mühe und lässt verlautbaren, sie sei „ja doch ziemlich“ überrascht gewesen. Nicht so sehr wie eine Stunde später, als die Milch überkochte, aber danach hat ja wieder keiner gefragt, und schon gar nicht so suggestiv.

Wie empört war der durchschnittliche Gnirbtzschener, als das neue Vordach, gerade erst im Sommer ins Wartehäuschen integriert, auf Kosten der Allgemeinheit ersetzt werden musste? Er wird das vielgestaltig und in breiter Lethargie in den Spuckschutz nuscheln, weil ihm der Vergleich fehlt. Mehr empört als beim Ausfall der städtischen Beleuchtung oder weniger? wilder als bei der großen Bierknappheit im vergangenen Sommer oder nicht? Die sorgsam in vertraute Muster geschwiemelte Frage ist nicht investigativ, denn sie wünscht nichts zu finden, was der Medienhonk nicht zuvor sichtbar in die Landschaft gestellt hätte. Das vorgekaute Werturteil des Dompteurs ist nur besser für die funktionierende Dramaturgie des Fragespiels. Mit der einfachen Feststellung, die Einheimischen hätten den Sachschaden erwartet, ist jede aufkeimende Hysterie sofort erstickt, und nichts ist es mit dem drohenden Weltuntergang am entglasten Unterstand.

Auf der nächsten Stufe, der Bericht ist schon in der Abendschau angekommen und wird durch die Mühlen der Moderation geprügelt, legt ein sprechender Polyesteranzug seinerseits dem gut trainierten, aber verbal hilflosen Außendienstler das Verzweiflung heischende Gerümpel vor. Wie sehr sorgt dieser unvorhersehbare Vorfall unter Bürgern für Empörung? Wenn die Gemeinde wegen eines neuen Vordachs jetzt für Wochen im Niederschlag stehen muss, wie sauer sind die Gnirbtzschener auf das Montageunternehmen? Und da überall schon die Steuerzahler die Dummen sind, deren Geld man aus reiner Bosheit verschwendet, wie stark würde sich der Unmut der Bevölkerung gegen den mit der Sache offensichtlich überforderten Bürgermeister richten, wenn dieser die überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung wegen des beschädigten Dachs verschöbe? Alles nicht denkbar, alles nicht entfernt im Einklang mit der Wirklichkeit, aber es gibt eine vortreffliche Krawallinszenierung her, vollgepumpt mit Emotionen, dank derer der Fuzzi am anderen Ende der journalistischen Nahrungskette sein dünnes Süppchen mit ordentlich Schmalz auffetten kann – die mit dem Holzhammer zur breiten Öffentlichkeit geklopfte Glotzerschicht weiß jetzt, welchen Standpunkt sie zu vertreten hat, da sie den Ansprüchen genügt, die sie via Mattscheibe an sich selbst zu stellen hat, um halbwegs normal zu gelten.

Auch so funktioniert der Ausnahmezustand, in dem die Meinungssucher abweichend von ihrer eigentlichen Aufgabe so tun, als interessierten sie sich für Fakten – sie suggerieren jedoch dem Subjekt und Objekt ihrer Berichterstattung nur, dass es sich an ein quasi-normatives Konzept irrationaler Verarbeitung von Dingen zu halten hat, um nicht in der Berichterstattung negativ aufzufallen. Wie gespannt warten die Gnirbtzschener auf die Entscheidung des Herstellers, das Glasdach auf Kulanz auszutauschen? Ist nicht trotz allem im Dorf noch eine gewisse Bitterkeit zu spüren, dass das fast vier Tage gedauert hat, während derer es nicht zu Schneien aufhörte? Wird sich die Unruhe hier in absehbarer Zeit weiter aufschaukeln?

Sollte in Bad Gnirbtzschen je ein Erdbeben stattfinden, die Einwohner täten gut daran, sich nur schriftlich zu äußern. Denn steht erst der Dunkeldeutschen Rundfunk vor den Toren, dürfte das kleinste Problem immer noch das Erdbeben sein.