Vibrationsalarm

13 08 2019

Man sah ihm die dunklen Augenringe an; dennoch verbarg Siebels sie hinter einer dunklen Brille. „Die letzten Tage waren nicht einfach“, stöhnte er. „Ich hoffe, dass wir bald diese dämliche Sommerpause hinter uns gebracht haben.“ Und er stürzte schon den zweiten Becher mit billigem Automatenkaffee hinunter.

Das Studio war unbeheizt, und die Morgenfrühe unterstützte die Zugluft. Wer nicht gerade im Licht der bläulichen Scheinwerfer saß und demonstrativ entspannt in die Kamera blickte, bewegte sich mit zusammengeschobenen Schulter und steifbeinig durch die Kulisse. „Sie haben den Sessel doch noch rechtzeitig fertiggekriegt“, brummte Siebels, und aus seinen Worten hörte ich eine tiefe Befriedigung. „Das Möbel sieht ein bisschen plump aus“, befand ich. „Warten Sie ab“, murmelte er. „Warten Sie ab.“ Frieder Marx, seit mehreren Jahren schon nicht mehr auf der Mattscheibe zu sehen, führte ein ganz normales Gespräch mit einem der zahlreichen Experten, die für alles und nichts unter jedem beliebigen Stein hervorkriechen, wenn eine Kamera oder wenigstens ein Mikrofon in der Nähe sind. Es sirrte von irgendwo her, ein ganz leiser und sehr hoher Ton, der recht unangenehm in den Ohren nachklang. Siebels nickte.

„Wir müssen die Steuersenkungen unbedingt noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen“, verkündete der Nachwuchspolitiker im billigen schwarzen Polyesteranzug. „Nur wenn die Spitzenverdiener über ein stark ansteigendes Nettohaushaltseinkommen verfügen, kann die…“ Weiter kam er nicht. Das immer noch leise, aber immer deutlicher vernehmbare Summen schwoll unvermittelt an, und dann war auch zu sehen, woher es kam. Der klobige Sessel war nicht einfach nur ein Sitzmöbel, er vibrierte. Und er vibrierte mit solcher Stärke, dass der jugendliche Schwätzer auf dem Sitz durchgeschüttelt wurde und kaum noch verständliche Laute von sich geben konnte. „Wenn ich Sie richtig verstehe“, begann Marx seine nächste Frage, aber er musste sie gar nicht mehr stellen. Niemand konnte noch etwas verstehen.

„Eine Art Vibrationsalarm“, erklärte Siebels. „Wir haben uns diese Möglichkeit überlegt, um den üblichen TV-Formaten wieder ihre journalistische Schärfe zu verschaffen, damit nicht so viel Unfug vor der Kamera geredet wird.“ Er knüllte seinen Pappbecher zusammen und warf ihn in einen der vielen Papierkörbe hinter der Kulisse. „Aber wir haben doch in den meisten Sendungen inzwischen einen Faktencheck“, wandte ich ein. Siebels zog nur leicht die Augenbrauen in die Höhe. „Das stimmt“, antwortete er. „Aber erstens kommt dieser Teil erst nach dem eigentlichen Gelaber in der Glotze, was auch dazu führt, dass er von kaum jemandem auch nur zur Kenntnis genommen wird, und zweitens sind es nicht nur die offensichtlichen Lügen und Verdrehungen, sondern auch Framing oder Hetze durch Kampfbegriffe. Das wird durch einen reinen Faktencheck nicht einmal erfasst.“ Ein Praktikant hielt uns ein Tablett mit Kaffeebechern hin. Wir griffen zu. „So kommt es auch zustande, dass ein Faschist mit aller Unterwürfigkeit in einem groß angekündigten Interview seinen rassistischen Dreck vom Stapel lassen darf, ohne dass ein Redakteur einschreitet und ihm den Saft abdreht.“

Inzwischen hatte sich die Diskussion fortbewegt und war bei einer Erhöhung der Mehrwertsteuer angekommen. Der Schnösel verteidigte vehement die ermäßigten Steuersätze für Luxusgüter. Man verstand es nur nicht. „Offenbar ist er der Ansicht, wenn man Rennpferde nur steuerlich begünstigt, hat bald jeder Geringverdiener eines im Vorgarten stehen.“ Siebels sah gelangweilt, wie der Sessel den Talkgast durchrüttelte. „Und das hilft?“ „Das werden wir sehen“, brummelte er. „Zur Not muss man mit Druckluftfanfaren arbeiten, um den größten Müll zu übertönen.“ Ich sah das skeptisch. „Das würde aber das Studiopublikum doch ziemlich erschrecken, meinen Sie nicht?“ Der Produzent nahm einen Schluck von der kaffeeähnlichen Brühflüssigkeit. „Wer sagt denn, dass das Publikum die Druckluft abkriegen soll?“

Die Vibrationsmechanik hatte ihren Dienst getan, der Gast war bis beinahe zur Erschöpfung durchgerüttelt worden wie eine Dose Farbe im Baumarkt. Er konnte kaum noch stehen und musste von einer Assistentin in die Garderobe geführt werden. „Vermutlich wird er jetzt in seiner Lieblingszeitung mit den großen Buchstaben das Lied von der Einschränkung der Meinungsfreiheit jodeln“, sagte Siebels ungerührt. „Für die Fraktion ist ja jegliche Kritik ein Grundrechtsbruch, und dass sich keiner für ihr dusseliges Gerede interessiert, wollen sie vermutlich demnächst unter Strafe stellen.“ „Meinen Sie nicht, dass Medien hier ganz klar ihre Kompetenzen überschreiten?“ Siebels stellte den Becher auf den kleinen Tisch neben dem Mischpult. „Haben Medien die Aufgabe, als reine Verstärken den Schwachsinn und die Lügen von Soziopathen zu verbreiten, oder sollen sie das Ergebnis einer Differenzierung darstellen?“ „Das ist eine Frage der Darstellung“, wandte ich ein. Aber er ließ es nicht gelten. „Dann berücksichtigen Sie aber auch, dass Zuschauer intellektuell beschränkt sind.“ Und schon hatte der nächste Gast Platz genommen, ein älterer Herr mit aufgezwirbelten Schnauzbart. „Der deutsche Widerstand ist nötig“, schnarrte er. „Die Flüchtlingskanzlerin hat widerrechtlich die Grenzen geöffnet, um die…“ Wir zuckten unter dem lauten Knall zusammen. Der Alte verkrampfte sich röchelnd in die Armlehnen. „Er wird es sicher überleben“, stellte Siebels fest. „Sehr gut, das gefällt mir. Sie haben meine Idee wirklich zu Ende gedacht, ich sehe eine deutliche Differenzierung, was die Aussagen angeht und ihre Tragweite.“ Er blickte auf die Liste, die auf dem Tischchen lag, und dann über die Schulter. „Nehmen Sie auch noch Kaffee? Gleich geht’s um Klimawandel.“

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Kuscheljustiz

22 07 2019

„Geben Sie mir noch eine Minute.“ Siebels lutschte hektisch an seinem Hustenbonbon, während der Aufzug gerade herabgerauscht kam. „Wir nehmen einfach den nächsten.“ So spät war in der Redaktion sonst nichts mehr los, die Moderatoren prüften ihre Moderation, die Gäste saßen bereits in der Maske oder telefonierten an, wie weit sie sich verspäten würden. Der ganze Stab von Das wird man doch wohl noch sagen dürfen war in heller Aufruhr. Irgendjemand würde die Sendung retten müssen.

„Genau das erwarten sie von uns“, knurrte der Produzent. „Eine Woche lang gurkt dieser ganze Haufen unprofessioneller Vollidioten herum, nichts funktioniert, und wir dürfen dann die Kastanien aus dem Feuer holen.“ Der Aufzug war im zehnten Stock angekommen. Die Türen öffneten sich. Der Richtungsanzeiger für die Talkshow wies nach ganz rechts. „War ja zu erwarten“, sagte ich lakonisch. Siebels nickte. „So habe ich es auch in Erinnerung, aber ich möchte gerne wissen, warum sie uns jetzt noch herholen. Anscheinend stimmt etwas nicht mit den Gästen.“ Frau Doktor Hüserich war dann auch entsprechend sprachlos. „Furchtbar“, jammerte sie, „es ist wirklich furchtbar! Wir können die ganze Sendung gar nicht mehr machen! Es gibt da auf einmal so viele Bedenken, ich weiß gar nicht, wo di alle herkommen!“

Die Kärtchen an der Pinnwand zeigten sämtliche Teilnehmer der Sendung. „Hannelore Bahsmann“, las ich. „Rechtsanwältin, die sich mit den Fehlurteilen den Justiz beschäftigt.“ „Lesen Sie die ganze Karte“, empfahl Siebels. „Frau Bahsmann wurde für die Aussage gebucht, dass die ganze Kuscheljustiz den deutschen Rechtsstaat zerstöre.“ „Das ist doch unsinnig?“ Frau Doktor Hüserich nickte. „Ja, aber Sie dürfen nie vergessen: man darf den Zuschauern nie sagen, dass sie dumm sind, aber man darf es auch nie außer acht lassen.“ Siebels legte die Stirn in tiefe Falten. „Sie ordern eine Strafverteidigerin, deren erste Aufgabe es ist, ihre Mandanten vor einem zu harten Urteil des Gerichts zu schützen, und wollen von ihr hören, dass die Gerichte nicht hart genug urteilen.“ Die Doktorin betrachtete sehr eingehend ihre Schuhe.

„Dann hätten wir da einen Kommunalpolitiker, der irgendwas mit Ausländern erzählen soll.“ Siebels sah sich die Karte nicht einmal an. „Das ist schließlich die Aufgabe von Kommunalpolitikern.“ „Aber entschuldigen Sie mal“, begehrte ich auf, doch er winkte nur müde ab. „Ich meine das in Bezug auf Talkshows. Oder haben Sie dort von denen jemals etwas in anderem Zusammenhang gehört?“ Ich schwieg betroffen.

„Unser Problem ist jetzt zunächst dieser junge Mann“, erklärte Frau Doktor Hüserich. „Er hatte in der letzten Woche einen schweren Autounfall, aus dem er wie durch ein Wunder gänzlich unverletzt herauskam, und jetzt hat er sich geschworen, nur noch im Sinne des christlichen Menschenbildes seiner Partei zu handeln.“ Siebels sah sich um; es gab keinen Kaffeeautomaten mehr, also musste er noch ein Hustenbonbon aus der Jackentasche holen. „Er sollte bei uns erklären, dass die Kriminalität in seinem Landkreis ansteigen würde, und jetzt ist er nicht mehr dazu bereit.“ „Sie haben die Statistik natürlich parat“, quetschte der legendäre TV-Macher an seiner Süßigkeit vorbei. „Es gab diesen spektakulären Fall von Steuerbetrug im letzten Jahr, oder täusche ich mich da?“ Bevor die Redakteurin etwas antworten konnte, fuhr Siebels ihr über den Mund. „Wie häufig sind denn Geflüchtete aus dem Sudan im Aufsichtsrat eines Finanzdienstleisters?“

Einzig der nächste Zettel versprach ein wenig Hoffnung. „Der Mörder kommt frei“, tönte die aufgeklebte Schlagzeile. „Ich erinnere mich.“ Siebels wusste, worauf ich hinauswollte. „Nach heutigen Maßstäben ein Soziopath, der ein paar Jugendliche provoziert und beleidigt hat. Leider hat er einen von ihnen den Mann ums Leben gebracht, nach dem Urteil des Jugendrichters ein Totschlag. Die Strafe ist abgesessen. Nur dieser Knalldepp hat es noch nicht begriffen.“ „Ich kann doch nicht den Chefredakteur eines…“ „Lassen Sie das meine Sorge sein“, sagte Siebels. „Sie laden ihn einfach ein und überlassen uns dafür die redaktionelle Verarbeitung.“

Der Aufzug war besetzt. Es gab hier keinen Automatenkaffee mehr. Dennoch war Siebels erstaunlich entspannt, als wir die Kabine bestiegen und wieder ins Foyer hinabfuhren. „Sie hat nicht ganz begriffen, dass ihr redaktionelles Modell mit der Wirklichkeit bricht und dass nur eins davon für den Zuschauer wirklich relevant ist. Nämlich die Wirklichkeit.“ Er zog ein neues Hustenbonbon hervor. „Was hatten Sie denn da noch so eilig in der Redaktion zu tun?“ Siebels steckte sich das kleine knisternde Stück Einwickelpapier zurück in die Tasche. „Ich habe etwas an der Anmoderation gearbeitet. Diese Sprechpuppen im Fernsehen sind ja ohne ihre Pappkärtchen gar nichts.“ Es klingelte, die Tür ging auf. Applaus brandete auf vor dem Titelgedudel. In der Eingangshalle liefen schon die Monitore und zeigten live das Abendprogramm. „Guten Abend“, knödelte der Moderator. „Das werden wir ja sehen“, murmelte Siebels. Die Titelmelodie verebbte. „Wozu noch Wahrheit, wenn wir sowieso alles besser wissen? Können wir den Arschlöchern, die für uns im Publikum sitzen, die Wirklichkeit zumuten? Herzlich willkommen bei Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ Siebels steckte die Hände in die Hosentaschen. „Und genau jetzt wissen Sie wohl, warum es Talkshow heißt.“





Aber fair

3 07 2019

„… auf die Befindlichkeit vieler Zuschauer Rücksicht nehmen müssten, da sie als öffentlich-rechtliche Medien die Meinung der schweigenden Mehrheit zu…“

„… künftig mehr Vertreter der AfD in die Talkformate einladen wolle, da diese bisher stark unterrepräsentiert gewesen seien. So habe es bis vor wenigen Jahren noch gar keine öffentlichen Auftritte der völkischen Bewegung gegeben, wie Gauland moniere, und dieses müsse jetzt für die nächsten Jahrzehnte proportional…“

„… noch nicht von einem Schulterschluss sprechen wolle, aber schon darüber nachdenke, der Partei in jeder seiner Publikationen eine eigene Kolumne zu geben, in der diese ihren Standpunkt möglichst…“

„… bisher nicht als Holocaustleugner in Erscheinung getreten sei. Dies reiche den meisten Redakteuren inzwischen, um als Gast in der Talkshow über…“

„… hätten die Grünen als Verbotspartei keinen Anspruch darauf, in der Öffentlichkeit die über sie geäußerten Vorurteile zu zerstreuen. Die öffentlich finanzierten Medien seien von allem durch den Minderheitenschutz und ihre…“

„… einmal wöchentlich eine Veröffentlichung des Springer-Konzerns chefredaktionell betreuen werde. BILD werde mit einer Ausgabe unter der Führung von Steinbach beginnen und dann alle fünf bis sieben Tage einen…“

„… nur in Ausnahmefällen zu Konflikten komme, etwa bei zu stark historisch belasteten Themen. So habe sich die Redaktion von Maischberger zunächst sehr skeptisch gezeigt, als die Kriegsschuldfrage und die jüdische Beteiligung am Überfall auf den Sender Gleiwitz in einem Zusammenhang mit dem…“

„… dass die öffentlich wahrgenommenen Spannungen zwischen der Welt und anderen für ein gebildetes Publikum produzierten Medien eher zugenommen hätten. Die Herausgeber seien allerdings der Meinung, keine explizit rechten und verfassungsfeindlichen Gäste in ihrem Blatt dulden zu müssen, da sie dieses auch ohne fremde Hilfe in bemerkenswerter…“

„… fordere Höcke die Ausmerzung des bolschewistischen Schrifttums in Deutschland, um die Volksaufklärung in ihrer historisch bestimmten Bedeutung wieder zu ihrer unerbittlichsten Größe führen zu können. Die Redaktion von Hart aber fair könne sich durchaus eine monatliche Sendung mit national gefärbtem Inhalt vorstellen, wolle vorher aber die Werbekunden des Senders um eine politisch neutrale…“

„… durchaus Meinungsfreiheit herrsche. Sollte die SPD sich angegriffen fühlen, wenn Gauland sie in einer Sendung von Maybritt Illner als degeneriertes Verräterpack bezeichne, das auf den Misthaufen der Geschichte gehöre, so stehe es den Sozialdemokraten selbstverständlich frei, sich in einer der zahlreichen Tageszeitungen, die sich im Besitz der SPD befänden, zur Wehr zu…“

„… nur noch gemäßigte politische Inhalte zulassen wolle. Meuthen wolle dies nach der Sendung Islam, Linke, Gutmenschen – Deutschland im Würgegriff der Volkszerstörer durch eine gemeinsame Strategiediskussion mit der Identitären Bewegung und der ZDF-Chefredaktion im…“

„… nutze die AfD zwar ein angeblich durch Zwangsgebühren finanziertes System, wolle dies aber solange tolerieren, wie sie auf dem Weg der Machtergreifung die…“

„… sich zunehmend gegen Koalitionen mit der Alternative für Deutschland positioniere. Die Redaktion von Hart aber fair habe dies zur Kenntnis genommen und angekündigt, in Zukunft weniger Mitglieder der Union in ihre Sendung einzuladen. Anders als oft geäußert bestehe weder eine Verpflichtung zum Proporz noch zur Berücksichtigung gewisser Parteien, nur weil diese den größten Teil der Wählerschaft im…“

„… wolle auch die FDP sich der Agenda anpassen. Als Vorsitzender der führenden deutschen Wirtschaftspartei wolle Lindner unbedingt eine Sondersendung, in der er berichten könne, wie oft er schon in der Schlange beim Bäcker von arbeitslosen ausländischen Flüchtlingen mit…“

„… Springer eine Ausgabe mit der Schlagzeile Wie uns der Jude wirklich zerstört nicht in den Verkauf habe geben wollen. Man sei sich jedoch einig geworden, das Exemplar bei der nächsten Gratisverteilung in alle deutschen Hausbriefkästen zu…“

„… Teile der CSU sich für eine Kooperation interessierten. Solange sie nicht selbst die Themen der Talksendungen bestimmen müssten, seien sie bereit, sich mit den gewünschten Gästen in jede…“





Morbus Glotz

24 04 2019

„… herausgefunden hätten, dass zu langes Fernsehen dem Langzeitgedächtnis schaden könne. Die amerikanischen Wissenschaftler seien nach wenigen Monaten durch eine groß angelegte Studie auf den…“

„… von Gauland bestätigt worden sei. Er habe dazu erst am Vortag eine Sendung gesehen, wisse aber leider nicht mehr, wer wann und auf welchem Programm die…“

„… Nachrichtensendungen nur noch in sehr kurze Einzelblöcke teilen wolle. Es sei für die Sender der Pro7-Sat.1-Gruppe wesentlich, dass kein Beitrag mehr als eine Minute inklusive der Anmoderation und einem…“

„… nicht geklärt worden sei, ob die Probanden der Fernsehsendung nicht mehr gefolgt oder aus Müdigkeit das Interesse an der…“

„… könne wenigstens im deutschen Fernsehen Dieter Nuhr als Störfaktor ausgeschlossen werden, da ein Großteil der Zuschauer dessen Sendungen ausschließlich konsumiere, um hinterher keine Erinnerungen mehr an die…“

„… müsse allerdings bei modernen Fernsehern berücksichtigt werden, dass häufiges Umschalten der Kanäle zur diskontinuierlichen Wahrnehmung der medialen Inhalte führe, wie sie auch bei neuronal geschädigten Patienten in der…“

„… zeige sich bei den Beispielen eine von den Medien unabhängige Verminderung der Intelligenz durch muslimische Zuwanderer. Auch vor einer blutsmäßigen Durchmischung der Rassen sehe Sarrazin bereits eine signifikante Minderung des…“

„… werde RTL das Zeitfenster auf vierzig Sekunden schließen, wobei durch eine längere Anmoderation durch Influencer bereits die Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne auf wenige…“

„… nachdem zahlreiche Faktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum herausgerechnet worden seien. Es habe sich in einer ersten Testreihe gezeigt, dass die Erinnerung der Zuschauer für die Anzahl der getrunkenen Gläser Bier wesentlich genauer sei als für den Inhalt einer Abendshow mit dem…“

„… der längere Verbleib vor dem Fernseher neurodegenerative Prozesse fördere, die zu einer fortschreitenden Orientierungslosigkeit führen würden. Dieses führe im Gegenzug zu einem ungewollten Verharren vor dem Fernsehapparat, was zu einer noch stärkeren Einschränkung der Orientierung führe, was dann zu einem ungewollten Verharren vor dem…“

„… dass sich die Intervalle zwischen zwei Werbepausen als maximale Gedächtnisspanne herausstellen würden. Die Wissenschaftler hätten daher angeregt, einen Kontrollversuch in einem Kino durchzuführen, in dem keine…“

„… dass das Betrachten eines Liveberichts vom AfD-Parteitag ähnliche Wirkungen wie eine Lobotomie entfalte. Andererseits sei diese Art von Fernsehprogramm sowieso nur für solche Zuschauer geeignet, die ohnehin weder ein intaktes Langzeitgedächtnis noch andere kognitive Formen von…“

„… an der sprachlichen Struktur liege, die es mit zunehmender Sendedauer immer schwieriger mache, komplexe Inhalte zuschauergerecht zu kommunizieren. arte habe daher bereits ins Auge gefasst, längere Features über die Abholzung des Regenwaldes oder die Geschichte der flämischen Malerei durch Grunzlaute sowie eine australische Krimiserie durch getanzte Untertitel und…“

„… schlage Spitzer ein strafbewehrtes Verbot aller Unterhaltungsgeräte vor bis hin zu E-Books und Kaffeemaschinen mit elektronischer Anzeige. Dann werde eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Fernsehen in der für die christlich-abendländischen Kultur angemessenen…“

„… keine Entschuldigung darstelle. Dennoch müsse gerade der Nachrichtenbereich dafür Sorge tragen, dass durch zu viele negative und emotional aufgeladene Inhalte eine starke Verkürzung der Aufmerksamkeit provoziert werde. Die größte Verantwortung für den Tatbestand liege demnach bei der Politik, die nicht durch entsprechende…“

„… als Morbus Glotz bezeichnet werde. Spahn sei jedoch am Rande der Debatte entgangen, dass es sich lediglich um eine ironische Bezeichnung für den…“

„… eine Studie der Bertelsmann-Stiftung ergeben habe, dass der durchschnittliche Deutsche nicht mehr in der Lage sei, Nachrichtenbeiträge von mehr als zehn Sekunden ohne eine…“

„… politische Beiträge künftig von Mario Barth erklären lassen wolle. In einer Pilotsendung habe sich der Komiker selbst jedoch schwer getan, die Zusammenhänge zwischen Witterungseinflüssen und Getreidepreisen schlüssig in einem einzigen Satz zu…“

„… neue interaktive Formen der Informations- und Wissensvermittlung nutzen müsse. Spitzer schlage vor, das Fernsehen auf einfache bunte Texttafeln zu reduzieren, die der Betrachter erst nach mehreren Minuten Lektüre und einer inhaltlichen Verstehenskontrolle weiterschalten könne, um so Schritt für Schritt komplexere…“

„… aber nicht genannt werden wolle. Als Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung mit vielen Bildern sei er davon überzeugt, dass das Lesen von Printmedien pädagogisch viel besser und informativer sei als der Konsum von zu viel…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLVI): Die Krankenhausserie

22 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Erst kam die Felszeichnung, dann Papyrus, zwischendurch kurz Kintopp, davor das klassische Drama mit Trallala und Katharsis, irgendwann hat die Menschheit darauf verzichtet, die Kurve zu kriegen, und erfand als Vorstufe zum Untergang die Fernsehunterhaltung. Ans Lesen dachte da schon längst keiner mehr. Wozu auch, die meisten Dinge waren sowieso verfilmt, und was da nachproduziert wurde, bedurfte bis heute keiner besonderen Aufmerksamkeit. Das Triviale hatte die Oberhand, Gilgamesch und die Nibelungen waren kurzerhand abgemeldet – kein Wunder, waren ihre Abenteuer auch so fürchterlich unvorhersehbar für offenporige Hühnerbirnen – und die Lücke des Existenziellen zwischen Leben und Tod musste mit anderem Zeug gestopft werden. Nach waren Denkgewohnheiten mehr an der Gewohnheit orientiert, Denken fand vorsichtshalber nicht statt, und die Zerstreuung hinterließ gröbere Partikel im öffentlichen Raum. Null Chance, der soi-disant Arztroman hat längst ausgedient, es bleibt die Klinikserie.

Bis heute hält sich in den hinteren Ecken der Totholzdistribution für banale Bedürfnisse der Doktor-Kliebenschädel-Novellenklumpatsch, der aus Surrogat geschwiemelten Schmonzes in die Druckerpresse schwallt: pilchersches Blech in hehrem Weiß, kochbar, ausgestattet mit dem ganzen Paket Gender- und Rollenstempelmaterial, das sich seit der Entwicklung einer modernen Wissenschaftsmedizin zurechtgeknöchert hat, der über den Wolken der bürgerlichen Gesellschaft schwebende Chefarzt und seine selbstvergessene Sprechstundenhilfe, die klaglos den Onkel Doktor bedient wie die Haushälterin den alkoholisierten Pfarrer, damit er an imaginierten Pickeln leidende Komtessen wieder in ihre Sphären aus Spulwurm und Größenwahn zurückschicken kann.

Dumm nur, dass es heute keiner mehr versteht. Der Arzt hat an Charme verloren und ist nur ein Dienstleister unter vielen, man kennt seine Aufgabe in einer vom Profit regierten System und braucht auch keinen überhöhenden Faktor mehr. Allenfalls einigt sich die Medienindustrie auf die Klinik als Lieferanten für Konflikt und Getöse, wie es besser kein Klempnerbetrieb sein könnte. Und schon hat die Serie als betriebswirtschaftliches Instrument für generatives Storytelling die Konsumopfer eingeseift und abrasiert, denn wo sonst lohnt sich noch die Charakterzeichnung als im Kontext, der als die Wiederholung der Wiederholung Ewigkeit im Sinne Nietzsches fordert und fördert, tiefe, tiefe Ewigkeit?

Wie putzig, dass in der ganzen Klischeepampe keine chronische Erkrankung vorkommt, die von den behandelnden Halbgöttern als Privatvergnügen abgekanzelt und zu Selbstzahlung verdonnert wird. Kein garstiges Leiden, Leberzirrhose dank Schnaps und Wein, Darmverschluss oder Thrombose, nichts kommt in der schröcklichen Welt drohlicher Dinge unter und setzt das Leben gesetzlich Versicherter aufs Spiel – nicht einmal ein eingewachsener Fußnagel tritt in den frisch gefeudelten Kliniken auf, die bis in die Ecken antiseptisch riechen und keine entnervte Teilzeitkraft an der Aufnahme kennen, keine Pflegehelferin mit permanenter Doppelschicht, keinen Praktikanten, der von den dementen Gallenleidern permanent aufs Maul zu bekommen droht. Hätte man ominöses Gedöns wie Schwindsucht und Frieselfieber nicht aus dem Inventar der Medizin gekärchert, noch immer litte die Hälfte der wohlweislich adeligen Zippen an Auszehrung oder Rotlauf. Was immer den fachlich festgedengelten Hintergrund des Personals angeht, schwatzt ab und zu eine Chirurgendarstellerin von kardiopulmonalem Links-Rechts-Syndrom, bevor sie die Blutwerte bekommt, weil sofort ein OP frei ist. Mit Glück findet die Röntgenuntersuchung gleich auf dem zufällig vorbeidüsenden Raumschiff statt, da Assistenzärzte ihre üppig bemessene Freizeit sowieso in der Erdumlaufbahn verbringen, wenn der Golfplatz gerade nicht geöffnet hat.

Dass noch keine Produktschmiede für seichten Kommerzschrott auf die Idee gekommen ist, das wahre Leben angehender Fachkräfte als hässliches Beispiel für die kognitive Grätsche zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schildern und die Intellektverweigerung der politischen Steuerung im Gesundheitswesen in den Diskurs einzubringen, lässt sich nur als großen Verlust empfinden, fragt sich bloß, für wen genau. Letztlich braucht es nicht mehr als das permanent um sich selbst kreisende Groschenheft, das aus der literarischen Mikrowelle poppt und die Todessehnsucht der ästhetisch Amputierten kleckerweise in einem Stillstand aus Entwicklungslosigkeit und Bauschaum-Content festzementiert. Nicht einmal das Ausweichen in historische Inszenierung vermag uns die Lust am heldenhaften Heilen vermiesen, jene naive und sentimentalische Undichtung, aus der die Abwässer unserer Wunschvorstellungen rinnen. Das Leben ist schwer genug, wozu brauchen wir dann noch die Wahrheit. Doktor Schiwago, übernehmen Sie.





Morgenmagazin

4 12 2018

„Nehmen Sie sich einen Kaffee.“ Selten hatte ich Siebels so müde gesehen, und es lag nicht an seiner langen Anfahrt vom Flughafen; er hatte schon zwei Tage vorher nicht richtig geschlafen, und es war nicht seine Absicht gewesen, unseren Einsatz damit besonders gut vorzubereiten.

Ihn fröstelte; Siebels knautschte seine Hände tief in die Manteltaschen, und ganz wie aus alter Gewohnheit griff er stumm zu, als ihm einer der Kabelträger mitleidig ein Päckchen Filterzigaretten hinhielt. Dass der Produzent, manche nannten ihn die graue Eminenz des deutschen Fernsehens, seit Jahren schon nicht mehr rauchte, fiel ihm erst auf, als er in den Taschen kein Feuerzeug fand und mich hilflos ansah. „Zu früh“, murmelte er. „Also für mich. Es fängt ja auch gleich an.“ Die Stahltür der Halle öffnete sich knirschend, die Aufnahmeleiterin nickte, drückte uns stumm die Besucherausweise in die Hand und zeigte mit dem Daumen nach rechts, wo die Garderobe stand. Es war unangenehm warm in diesen Räumen, es roch nach Bohnerwachs und Weichspüler, und irgendjemand hatte meinen Becher frisch mit schwarzem Kaffee aufgefüllt. „Da hinten“, flüsterte die Leiterin, „der Wettermann ist da und die Moderatoren kommen auch gleich.“

Auf dem Kontrollmonitor sahen wir, wie die Sendung angejingelt wurde. Jens-Peter Lüderich, Sprecher bei irgendeinem Privatsender, und Hanna Kieseritzky, ebenfalls ohne nennenswertes Talent, hockten krumm auf der Biegung einer rostroten Couch, stets um Contenance bemüht und doch klar ersichtlich am Rande ihrer Möglichkeiten. „Hier sind die Nachrichten“, murmelte Kieseritzky, „und dann das Wetter von…“ Sie vollführte eine Geste, die so gut wie alles bedeuten konnte. Am anderen Ende jubelte eine frisch ausgeschlafene Newsfrau die Schlagzeilen herunter, Wirtschaft und andere Kriegsberichte, Bilder von den schönsten Erdbeben der Saison und einem drogensüchtigen Fettsack, der sich für den Präsidenten der Vereinigten Staaten hielt. „Nur eine Minute“, stöhnte Lüderich, „bitte – Sie dürfen mich auch wieder…“ „Nichts da“, zischte die Aufnahmeleiterin, „wir haben ein Konzept, das ziehen wir jetzt durch!“ Er krümmte sich wimmernd auf der Couch und drohte schon herunterzurollen, doch flink wurde er von zwei starken jungen Männern daran gehindert, die ihn mit einem Klettverschluss an der Rückenlehne befestigten. „Wie Sie sehen“, teilte die Leiterin mit tiefer Befriedigung mit, „haben wir alles im Griff.“

Der Wettermann schwankte ein bisschen, um ein Haar hätte er sich an der Videowand festgehalten. „Bis eben hatte er ja auch noch den Stehtisch“, murmelte Siebels. „Und wenn Schlaf im Stehen auch nicht immer besonders angenehm ist, es ist immerhin Schlaf.“ Sah er sich gerade nach einem Stehtisch um? Nein, das hatte ich mir wohl nur eingebildet. Routiniert spulte der Meteorologe seine Vorhersage ab, im Grund hätte er es auch im Liegen machen können, aber dann wäre er nicht im Bild gewesen. Der Zuschauer, hatte man uns erklärt, wolle das nämlich so.

„Sehen Sie sich das nicht auch jeden Morgen an?“ Die Leiterin winkte der Regieassistenz, um die Übergabe an den Sport abzuwickeln. „Ich schalte den Fernseher im Halbschlaf an“, gestand ich, „und dann höre ich mit einem halben Ohr Nachrichten, während ich den Kaffee durchlaufen lasse.“ Sie nickte. „Sie befinden sich in bester Gesellschaft, so halten es die meisten unserer Zuschauer.“ Auf einen weiteren Wink kam der junge Mann mit der Kanne und füllte noch einmal die Becher nach. Siebels winkte ab. Sogar ihm wurde es zu viel.

Kieseritzky hatte glücklicherweise einen Tisch vor sich und konnte sich auf die Platte stützen, dafür stand sie einem Experten gegenüber, der ihre hilflos genuschelten Fragen zum europäischen Außenhandel mit mehr oder weniger entnervten Antworten versah. „Ich hatte es mir nicht so schlimm vorgestellt“, stöhnte Siebels, „aber um so besser. Wenigstens weiß ich jetzt, dass man das den Leuten zumuten kann, wenn sie es denn wirklich sehen wollen.“ Ich war irritiert. „Was soll das alles denn bedeuten?“ Siebels schloss für einen Moment die Augen; er sah aus, als würde sich unter ihm alles drehen. „Dieses Frühstücksfernsehen“, murmelte er, „dies verdammte Frühstücksfernsehen wird seit Jahren von jubilierenden Moderatoren präsentiert, die einem chronischen Morgenmuffel wie mir schrecklich auf die Magenschleimhaut gehen. Ich brauche das nur einen Tag lang zu gucken und habe für eine Woche schlechte Laune.“ Lüderich war tatsächlich gerade vom Sitz gesackt und musste in Position gebracht werden, solange der Filmeinspieler noch lief. „Also haben wir das Programm mit Leuten besetzt, die zu dieser Uhrzeit eigentlich noch nicht verhandlungsfähig sind. Und das Ergebnis sehen Sie hier.“ „Schön“, antwortete ich, „wenn ich morgens nicht aus dem Bett komme, helfen mir schlaftrunkene Mattscheibengesichter bei der Orientierung, richtig?“ „Zumindest fühlen Sie sich dann nicht mehr so alleine.“ Er gähnte und hielt sich dabei am Garderobenständer fest. Drüben war Kieseritzky schnell eingesprungen und haspelte einen Text herunter; sie wirkte plötzlich hellwach und hatte alles im Griff, wedelte erregt mit den Armen vor dem Gesicht und verlor dabei eine ihrer Moderationskarten. Sicher war das für die Leiterin schon wieder zu viel. Der Wettermann lehnte an der Wand und drohte jeden Augenblick umzukippen. Leise knirschte die Tür. Draußen war es bitter kalt. Der Mond stand bleich am Himmel. Was sonst musste man noch wissen von diesem Tag.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVIII): Nazi-TV

2 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede Wette, es sind fünf bis zwölf Männerchen, alle nicht mehr frisch, aber sie hocken nun mal auf den respektiven Hintern um diesen Tisch herum und nagen sich die Ellenbogen ab. Früher hätten sie noch leichtes Spiel gehabt und wären ihrem Auftrag nachgekommen, des Deutschen Glotzkasten mit Buntbewegtbildern zu befüllen, Fußball oder ein literarisches Quartett, aber seitdem Ballsport nur noch dazu dient, korrupten Funktionären die Gefahr des frühzeitigen Ablebens zu versüßen, gibt es keinen nachvollziehbaren Grund mehr, vor einer Flimmerkiste zu sitzen. Das Interwebnetz und die anderen Kanäle überschwemmen die Hirne der Masse längst mehrdimensional mit Serien, an die kein mit Bordmitteln zusammengeschwiemeltes Zeugs à la Lindenstraße mehr reicht. Die Evolution wurde offenbar nicht im Fernsehen gezeigt. Die Affen liegen immer noch auf dem Sofa, kratzen sich oder wen auch immer an der Rückseite, und nichts wird sie als treue Junkies in den warmen Schoß der Verbrauchergemeinschaft zurückholen. Höchstens Nazi-TV.

Es sollte längst einen eigenen Knopf auf der Fernbedienung geben für die Gruselgrütze vom Oberschmalzberg, der den Mageninhaltsauswurf von hinten unten flutet. Einmal eingeschaltet, zack! brettert ein Blitzkrieg Adolfs verseiften Kleister in die Wohn- und Wahnzimmer. Hitlers Helfer, Hitlers Hunde, Hitlers Hackfresse rülpst sich im Dauerstakkato aus dem Gerät. Als wäre es nur noch zu ertragen, wenn wir nicht alle ganz genau gewusst hätten, dass der Bettnässer aus Braunau in Wahrheit ein entspanntes Verhältnis zu Grießpudding hatte, seinen Schreibkräften die Backen tätschelte und gewaltig einen an der Wunderwaffel hatte. Ja, er hat ganz Europa in einen unsinnigen Krieg getrommelt, aber wie hätten wir weiterleben sollen, wenn wir nicht gewusst hätten, dass er Eva eine Handtasche geschenkt hat?

Wird die deutsche Geschichtsbesessenheit, falls es sie denn tatsächlich geben sollte, als Argument für den Braunfunk ins Feld geführt, warum berieselt man die intellektuelle Unterschicht nicht mit Karl dem Großen? Karls Frauen, Karls Kriege, Karls Bildungsreformen und was davon übrig blieb – viel wird’s nicht gewesen sein, sonst wäre es in die Top Ten der Fragen an die Historie eingegangen. Hatte Bismarck Läuse im Bart? Konnte Napoleon unter dem Tisch durchlaufen? War Augustus ein mieses Arschloch im Gewand des moralinsauren Mieslings – oder war’s umgekehrt? Gerne hätte der geneigte Zuschauer auch die finanzpolitischen Verheerungen vor der Französischen Revolution begriffen, an denen der verschwendungssüchtige Hof ebenso beteiligt gewesen war wie das Militär. Ebenso wäre er am Niedergang des mittelbyzantinischen Reichs interessiert gewesen, das nicht durch die Expansion des Islams von der Platte geputzt wurde, sondern der blutigen Barmherzigkeit mordender Christen zum Opfer fiel. Freilich ließe sich eine Sendung über das Ende des Prager Frühlings auch gut in die Agenda schmuggeln, oder lustige Anekdoten über die RAF. Aber man muss auch die Quote denken.

Sie sprechen mit gespaltener Zunge. Denn einerseits ist der ständige Faschismusblubber die Reduktion der Historie auf die Hysterie, auf omnipräsenten Nervenkitzel, der mit wohligem Schauer konsumiert werden kann. Uns geht’s ja gold, wir haben Apfelsinen und müssen uns im Frieden nicht mit dem Hirnplüsch der Berufsirren auseinandersetzen, es ist vorbei, es taugt schon für die gröberen Entertainmentformate. Womit dann andererseits die grassierende Normalisierung des NS-Irrsinns einsetzt, denn so schlimm kann es ja gar nicht gewesen sein, wenn die Leute noch Zeit gefunden haben, den Führer beim Verspeisen der arischen Herrenkartoffel zu filmen. Und so gerinnt die Aufnahme eines Karnevalszuges mit SS-Tröten – als hätte dies einen Neuigkeitswert – zur quasi folkloristischen Schilderung unserer Leidkultur, immer auch offen für eine Opferhaltung, da man sich damals nicht hatte aussuchen können, ob man den Nazis eine reinzimmert oder aus Gründen des Überlebenswillens lieber nur den rechten Arm hebt.

Und weiter klömpert der Quatsch aus der Röhre, emotionaler Schmodder über den Polenfeldzug, die uninteressantesten Aufnahmen aus Wolfsschanze und Reichssicherheitshauptamt, und nur, dass es sich um Schwarzweißbilder handelt von Typen in Heinrich-Himmler-Gedenkschädelfräse, sorgt noch für ein pelziges Verfremdungsgefühl, wenn man einmal einen Moment nicht genau aufgepasst hat, was da aus dem Volksempfänger suppt. Es geht nicht um den Gewinn, es geht um zielgerichtete Vernichtung von Erkenntnis, falls es die jemals gegeben haben sollte. Bis dahin wird der Brüllmüll mit dem lustigen Bart zum launigen Märchenonkel, der für uns alle auf den Schlussstrich geht, damit das Tätervolk endlich in die ewigen Jagdgründe verschwinden kann. Und sollte er eines Tages wiederkommen, er wird nicht sagen: ich bin wieder da, er wird sagen: ich war nur mal kurz weg. Ich habe den Sender gewechselt. Ihr wolltet doch den totalen Krieg. Wir haben da mal etwas vorbereitet.