Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXI): Tierdokumentationen

11 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nicht alles schlecht. Das Buntkehlchen zwitscherte morgens durch den kleinen Wald, der Erdpuschler warnte mit Gejiekel und Gefiep vor der Säbelzahnziege, anmutig düngte das gemeine Reh den Boden. Ab und zu schmeckte das Buntkehlchen als Beilage zum Fruchtmus, ab und zu regulierte die Säbelzahnziege den Bestand an Hominiden in der Siedlung am Rand der Savanne. Die Berichte von Einhörnern waren möglicherweise übertrieben, vor allem die hinreißenden Malereien späterer Generationen, nachdem die Art wegevolutioniert worden war. Dann baute der Mensch Kathedralen und Fabriken, planierte die Vegetation für mehr Parkplätze und stellte bekümmert fest, dass er die Erinnerung an früher langsam verlor. Nichts half. Erst die Erfindung des Fernsehens brachte Rettung, wenn welches Medium sollte sich sonst eignen für die gemeine Tierdoku?

Wir werden alle zu tränendrüsigen Deppen, die sich vor dem Brüllgerät scharen, wenn Eich- und Streifenhorn putziglich ihr Nüsslein knabbern, die Katz ihr Kindchenschema in die Kamera drückt und der Eisbär, kurz vor der Ausrottung zugunsten des deutschen Menschenrechts auf einen Diesel-SUV, glücklicherweise in Gefangenschaft seinen Hering wegmüffelt. Überhaupt pelzig, drall, schnuckelig oder wild, gefährlich und trotzdem populär – kein Zuschauer hat Bock auf die Klapperschlangen-und-Giftfrösche-Show – schon tritt die gewünschte Serotoninauskippung im Betrachter ein, mit der die beiden gewünschten Effekte kommen. Zum einen ist jedes Tier lieb.

Wer sich schon einmal die Mückenstiche einer lauen Sommernacht blutig gekratzt hat, darf gerne die alternative Wahrnehmung bemühen. Auch die Besiedelung eines Bordeauxschwenkers mit der szenetypischen Fruchtfliege, die aus den Resten der Radieschen im Küchenkübel entstammt, trägt nicht zur Akzeptanz des Geziefers bei. Nachbars Mieze ist so lange süß, bis sie vor versammelter Meute einen Singvogel in seine anatomischen Einzelteile zerlegt. Der Quotendackel, der für treue Augen und phlegmatischen Move dem Flachdachscheitelbürger ans Herz wuchert, erledigt mit dem Hamster zwei Türen weiter auf dem heimischen Rasen dasselbe Gemetzel: Leben und sterben lassen. Das mählich von Internetvideos aufgeweichte Resthirn sieht eine Katze mit einem Dutzend Küken und wundert sich, warum hier kein Splatterzeugs abläuft. Vermutlich hatte Muschi zwischendurch Streicheleinheiten, was direkt zur nächsten Baustelle führt.

Tiere werden grundsätzlich vermenschlicht. Da guckt die Großkatze noch mal über den eigenen Nachwuchs, und schon haut es die Jungen des vorherigen Abteilungsleiters weg. Es dient natürlich nur der Arterhaltung durch genetische Dominanz, wird aber trotzdem selten gezeigt. Ebenso wird die schnuckelige Anhänglichkeit der Heuler als Image des Säuglings verkauft, der ohne industriell-militärischen Komplex in Ruhe durch die Nordsee paddelt, aus dramaturgischen Gründen aber die Medienpräsenz vorzieht. Kein Hirnzellensolist ist in der Lage, sich die Notwendigkeit einer Aufzucht zu wünschen, für die Heimtiere aber haben wir die erforderliche Nähe bereits hergestellt, um die Biester zu funktionalisieren – immer schön, wenn das Frettchen im Bettchen pennt, der Hase im Drahtknast an Unterforderung wegsackt und die Schildkröte ihre letzten hundert Jahre in gepflegter Ignoranz verbringt. Die uns eingeschwiemelte Vorstellung kriegen wir nicht mehr raus. Auch nicht, wenn man die Viecher im Zoo filmt, satt und sauber und verdächtig kritiklos, bevor man sie wie unsere Senioren in die Endablagerung schickt. Sehr viel lustiger wäre es, alle Scheuerstellen im Ansatz zu zeigen, wie wir mit anderen Spezies umgehen.

Abgesehen vom üblichen Sozialporno könnte eine Dauerserie durch die Kanäle suppen, die Tierrechte thematisiert, das Artensterben (gerne ohne die sonore Erzählerstimme, die das Abnippeln des Klappschenkelwalrosses lakonisch weglabert), vor allem die Massentierhaltung, mit der sich die Hominiden schon das Grab geschaufelt haben. Wir waren ja bei den Menschenrechten, und keiner Sau kann man klarmachen, warum man Quokkas oder Faultiere nicht einfach ausblenden darf. Man darf das natürlich. Aber nur aus Gründen.

Wir selbst sind die Antwort. Sinnvoller wäre es, die Dummklumpen unserer eigenen Spezies in der Fülle ihrer tierischen Beklopptheit zu zeigen, ein Minderheitenprogramm zwar, aber sehenswert, wie wir bei Aufzucht und Hege des Nachwuchses aus reiner Eigensucht kläglich versagen, auf kleine bunte Bildschirme glotzen, während wir uns die Birne mit allerlei Lösungsmitteln zuziehen, über betonierte Pisten durch die weggeklappten Wälder heizen, das planetare Klima aufschaukeln und die anderen Arten ausradieren. Der entscheidende Störfaktor sind wir, die aus dem Ruder gelaufene Laune der Natur, die als erste Besiedelung ihr komplettes Habitat in die Tonne treten kann und das auch lustvoll tut. Immerhin, wir haben dabei eine nostalgische Liebe zur Kreatur entwickelt. Denn wo hat es der Eisbär so schön wie im Zoo?





Extrem

30 06 2020

„Und Sie sind…?“ Bevor ich noch der Dame am Empfang meine Karte hatte reichen könne, kam Minnichkeit aus dem Aufzug, mausgrau wie immer und noch ein bisschen tollpatschiger als sonst. „Wir freuen uns“, strahlte er. „Lassen Sie uns sofort in die Redaktion fahren, er erwartet Sie schon!“

Seit Trends & Friends, der leicht überkandidelten Agentur, hatte er nicht mehr so ein Vergnügen gehabt. Der Bürojob hatte ihn für ein paar Jahre beruhigt, doch nun zog es den Kreativen zurück in sein Metier. „Ich habe ihn entdeckt“, sagte Minnichkeit nicht ohne Stolz. „Wir sind so gut wie ausgelastet, es läuft großartig.“ Der Lift bimmelte, wir hatten das Stockwerk erreicht. Kaum rollten die Türen zur Seite, sahen wir ihn auch schon, wie er aufgeregt mit einem leeren Becher über den Flur stürmte. „Kaffee-Wahnsinn“, keuchte er, „schon wieder leer!“ Minnichkeit nickte. „Er ist in seinem Element. Eigentlich die ganze Zeit.“ „Und was ist noch mal genau seine Aufgabe?“ Der alte Freund zog die Brauen empor. „Er ist unser Schlagzeilenspezialist.“

Wir hatten uns schon im Büro niedergelassen, da kam der Spezialist zurück. „Super-Sommer“, verkündete er. „Was Sie jetzt gegen Monster-Hitze tun können!“ Und er kippte das Fenster. „Ich sehe“, bestätigte ich, „Sie sind ein Meister Ihres Faches.“ „Wir sind auch sehr zufrieden“, sagte Minnichkeit. „Ein komplett neues Geschäftsmodell, und es hat sofort wie eine Bombe eingeschlagen.“ „Business-Killer“, erklärte der Redakteur, „Wahnsinns-Umsatz im ersten Quartal – das Start-Up, das Sie kennen müssen!“ Ich schlug die Pressemappe auf. „Das sind also die Titel der letzten Wochen.“ Doch Minnichkeit rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie, das machen wir an einem Vormittag!“

„Chaos-Wirtschaft!“ Offenbar hatte unser Schreiber wieder eine Eingebung. „Deutschland geschockt von Merkel-Plan!“ „Ich kann damit jetzt nicht viel anfangen“, bemerkte ich. Möglich, dass es neue Entwicklungen in der Europäischen Union gab, von denen ich noch nichts gelesen hatte. „So werden wir von Ekel-Ausländern abgezockt!“ „Da lag ich dann wohl falsch.“ Minnichkeit knetete die Hände. „Manchmal ist er ein bisschen, wie soll ich sagen – direkt.“ Ich nickte. „Sie richten sich ja auch nicht gerade an eine intellektuelle Zielgruppe.“ „Noch mehr Hartz IV!“ „Ist das jetzt gut oder schlecht?“ „Bezahlt Merkel Corona-Drosten?“ Ich merkte, dass ich eine Pause brauchte. Zum Glück war ihm auch der Kaffee ausgegangen. Wir konnten uns auf dem Balkon ein wenig die Beine vertreten. Dort draußen war die Sommerluft sogar angenehm.

„Klopapier-Terror“, stöhnte er und setzte sich wieder in seinen Drehsessel. „Ist Steuer-Irrsinn jetzt noch Deutschland?“ Ich nippte nur einen kleinen Schluck aus meiner Tasse, aber Minnichkeit lief rot an. „Wir hatten das doch gerade erst“, stöhnte er, „das kann doch jetzt nicht schon wieder… – “ „Hitler-Gold!“ Ich schielte nach dem Fenster. „Vielleicht ist es doch ein bisschen warm hier.“ Ich hatte recht, und der Werbekaufmann erklärte es mir sogleich. „Er läuft ab und zu heiß, dann bleibt er an einer Ecke hängen und wir müssen ihn langsam wieder beruhigen.“ Ich stellte die Tasse zurück auf den Tisch. „Scheint sich um die rechte Ecke zu handeln.“ Minnichkeit räusperte sich mit einer Art von Bestimmtheit, die ich von ihm gar nicht kannte. „Sie wissen, aus welcher Branche ich komme, und da muss man schon darauf achten, dass man sein Produkt auch verkaufen kann – wir würden doch sonst die Leser gar nicht erreichen.“ Ich lehnte mich zurück und wollte gerade antworten, aber ich kam nicht dazu. „Sex-Schock! Extrem-Ausländer! Wird Deutschland von Feministinnen vergewaltigt?“ „Ihr Problem“, antwortete ich kühl, „ist nicht Ihre Branche, Ihr Problem sind Ihre Kunden.“

Minnichkeit blieb eingeschnappt; er rührte noch ein bisschen in seiner Tasse herum, dann blätterte er wieder in der Mappe. „Wir müssen ja heute noch ein bisschen arbeiten“, sagte er schmallippig. „Von alleine macht sich das ja nicht, auch wenn es Ihnen so scheint.“ „Klinik-Skandal“, setzte der Redakteur ein. „Impf-Irrsinn! Merkel fordert neue Risiko-Milliarden für EU! Corona-Wurst tötet Rentner! Ist Autofahren bald verboten?“ „Vielleicht sollten Sie die Installation einer Klimaanlage in Erwägung ziehen.“ „Ruhig“, zischte Minnichkeit. „Das sind die besten Titel, die uns pro Stück mindestens…“ „Lügen-Virologe kriegt Geld vom Staat! Drama im Freibad – Kinder schwimmen in den Tod! Fußball-Entzug für Hartz-IV-Schnorrer! Asylanten fordern Milliarden für Drogen!“ Er hustete kräftig; nicht auszuschließen, dass es psychosomatisch war. „Randale-Migranten – Prügelstrafe jetzt! So viel Geld kosten uns Arbeitslose! Linke wollen alle Polizisten ins Lager schicken! Deutsch-Terror – Grüne schaffen Zigeunerschnitzel ab!“ „Schön“, lobte Minnichkeit, „sehr, sehr schön. Das ist einer der besten Tage seit langem, und ich muss sagen, ich bin wirklich zufrieden mit Ihnen.“ Fast hätte man sagen können, dass ein Lächeln über das Gesicht des Schlagzeilenproduzenten gehuscht wäre, aber vielleicht hatte ich mich auch nur getäuscht. „Wie Sie sehen, haben wir mit unserem Geschäftsmodell eine große Lücke im Journalismus geschlossen und sind auf dem Weg zum großen Erfolg.“ Ich lächelte. „Minnichkeit, nehmen Sie es mir nicht übel, aber dass jemand die Schlagzeilen zu Zeitungsartikeln…“ Er winkte ab. „Nein, Sie haben das nicht verstanden. Er liefert die Titel. Was die Zeitungen dann für Artikel schreiben, das ist nicht mehr unser Problem. Wie gesagt, ein ganz neues Geschäftsmodell.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVIII): Ekelwerbung

12 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner weiß wirklich, wie es angefangen hat, es liegt jedoch nahe, dass der römische Statthalter Marcus Tullius Stultus vor dem Gastmahl einen seiner etatmäßigen Sänger auftreten ließ, der beim Aperitif mit Lerchenzungen und Otternasen mäßig klampfte und alsbald ausrief: „Fußgeruch!“ Schnell und unbürokratisch war die Stimmung im Eimer, der Präfekt sparte gebratenen Fasan, allerlei Obst, Wein und Zuckerzeug. Immer wieder schön, wie es ihm gelang, die Gesellschaft aufzulockern und im Gespräch zu bleiben. Leider geriet sein Beispiel in den kommenden Jahrhunderten nicht hinreichend in Vergessenheit, denn bis heute müssen wir es leiden, wie noch das deutsche Farbfernsehen in epischer Breite und täglich zur schönsten Sendezeit seinen wehrlosen Zuschauern in den Neocortex ballert, und das in Gestalt der Ekelwerbung.

Zur schönsten Sendezeit, das heißt: im Alltag meist kurz vor oder im Zieleinlauf der abendlichen Nahrungsaufnahme, wenn die Studierenden bereits das Bewusstsein erlangt haben und Senioren noch nicht sediert sind, die familienfreundliche Stunde, die nach Erwerbsarbeit und Sozialkontakten ganz der Entspannung dienen soll. „Ich bin Entwicklerin in einem großen Unternehmen für Hundeleinen“, jodelt’s da aus der Glotze, „deshalb kenne ich mich mit hartem Stuhlgang aus!“ Nach dreißig quälenden Sekunden beendet die Darmleuchterin ihr Gewürge und leitet ansatzlos in den nächsten Spot über, der in barocker Plastizität von Diarrhö singt, als gäbe es damit einen Krieg zu gewinnen. Spätestens nach der zweiten Einheit an Verkaufsförderung von Bauchheilmitteln kommt dem wehrlosen Zuseher die ganze Plempe mit Hochdruck aus allen anderen Körperöffnungen entgegen, spätestens bei der bunten Reizdarm-Reklame fliegt der Flimmerkasten mit Fahrtwind durch die ungeöffnete Scheibe und touchiert final die Straßenoberfläche.

Früher meuchelten Hüfthalter noch diskret die Damen, heute setzen sich völlig verseifte Mimen vor die Kamera und spielen jugendlich bewegte Pärchen, die einander bei einem guten Rotwein die Vorzüge einer Zahnpasta preisen, weil das Zeug die Blutung oberhalb der Beißer wegschwiemelt. Wer herausfindet, welche Gesellschaft das abbilden soll, ist herzlich eingeladen, sich bis zum Ableben in deren Obhut zu begeben und möglichst nie mehr in die zivilisierte Welt zurückzukehren, um mit derlei Geschmacksverkalkung eine ganze Nation in die kollektive Übelkeit zu treiben. Drüben in der Küche schält vermutlich das Gespons Kartoffeln und salzt bedächtig nach, während adoleszente Gutausseher, die wir selbst gerne sein wollen – zumindest ist es das Ziel der Filmchenfuzzis, uns eben dieses in die Birne zu pfriemeln – die unerträgliche Seichtigkeit des Neins zum Nagelpilz zelebrieren. Nagelpilz, wer ist nicht im Thema, wenn sich hippe Typen um Lifestyle-Themen wie Enddarmausstülpungen oder entzündete Haut dank bakterieller Superinfektion unterhalten, auf dass sich alles am Ende easypeasy im Arm liegt. Vermutlich bricht sich das brüllend über die Schulter, aber wir wischen’s ja nicht weg.

Ja, tröpfelt’s aus dem Kanal, die Vorderseite ist auch schon dran. Allerlei Zeug zum Naturheilen in Pille-Palle-Form gegen permanente Entwässerung im fortgeschrittenen Mannesalter dräut uns, und jetzt wird auch klar, was die Propagangster wollen: die komplette Aufmerksamkeit der von Enkeltrick und Apothekenpostillen umzingelten Generation, die sich mit Baldrian, Knoblauch und Kürbiskernen gegen irreversible Alterungserscheinungen mästet, vorsichtshalber den Gegenwert einer Mahlzeit in Form von Nahrungsergänzungsmitteln in die Diät einpreist und jede Kasperade sofort kauft, weil die Nachbarn es sicher auch tun. Steht der Quark erst einmal gut sichtbar bis prominent in der Drogerie, hebelt ihn sich der eine oder andere Ruheständler für teuer Geld in den Wagen, ob es hilft oder nicht.

Früher fielen den Benutzern der falschen Paste wenigstens noch Zähne aus, dass eine griechische Tragödie nichts dagegen war. Üble Schmutzränder krusteten sich an der Keramik entlang. Vorläufiger Endpunkt des Grauens war die Katastrophe namens Gefrierbrand, die dem Kurzgebratenen unmittelbar vor dem Besuch des Vorgesetzten dräute. Alles vom Tisch, Körperscham und Psychohygiene, es geht munter zurück in die infantile Phase der schwindenden Scham, mit der die Demenz sich anschleicht – wer sonst, wenn nicht Herrschaften im kaufkräftigen Ruhestand, ist hier gemeint, der sich vor lauter sickerndem Sekret und nässenden Ausfallerscheinungen nicht angesprochen fühlte? Noch hat man uns diverse Hygieneartikel nicht im lebensechten Gebrauch gezeigt. Unerschlossen ist das Würgegefühl beim Einsatz diverser federnder Zahnbürsten. Aber sollte sich die Check-24-Familie jemals zum Thema Verstopfung äußern, brennt die Mattscheibe. Versprochen.





Schwarzer Kanal

8 06 2020

„Wir könnten diese eine da aus Berlin einladen.“ „Die Journalistin?“ „Sie meinen die Ärztin.“ „Weiß ich nicht, aber die ist Ausländerin.“ „Ich dachte, die ist deutsch?“ „Wenn Sie die Farbige da meinen, die kann doch nicht deutsch sein.“ „Wozu soll die denn kommen?“ „Naja, Rassismus halt.“

„Dann lade ich aber keine Ärztin ein.“ „Meinen Sie, als Ärztin ist man keinem Rassismus ausgesetzt in Deutschland?“ „Ärzte machen hier gerade nur Corona.“ „Ich dachte, für Corona holen wir nur die Wirtschaft und ab und zu einen Schauspieler?“ „Wenn wir die jetzt einladen, dann wollen doch alle, dass die auch irgendwas zu Corona sagt.“ „Die Diskussion kann man doch auf Rassismus…“ „Ich meine, die will dann wieder eingeladen werden, das geht doch nicht!“ „Und diese Journalistin?“ „Wir haben schon einen Journalisten in der Sendung.“ „Muss der denn eingeladen werden?“ „Der ist so gut wie immer da.“ „Wenn wir den rausnehmen, dann kommt er so schnell nicht wieder.“

„Dann hätten wir noch den Sänger, der ist ja in letzter Zeit auch ganz bekannt.“ „Das ist aber kein Ausländer.“ „Muss ja auch nicht.“ „Wenn er aber Ausländer wäre, dann könnte er besser vergleichen, wo jetzt mehr Rassismus ist.“ „Ja, das klingt okay.“ „Dann laden Sie den mal ein.“ „So war das aber nicht gemeint!“ „Ich meine, so als Künstler ist das auch eher zu emotional besetzt, der steigert sich in eine unwissenschaftliche Definition von Rassismus rein, die wir hier nicht senden können.“ „Gucken Sie mal nach, ob Sie einen farbigen Soziologen im Telefonbuch haben.“ „Da ist einer aus Hamburg, aber das ist ein Psychologe.“ „Einen Versuch wäre es wert.“ „Schmidt, der ist seit dem…“ „Nee, das klingt scheiße.“ „Zu deutsch.“ „Wenn er Ausländer wäre, ginge es.“ „Als Österreicher?“ „Ich will hier keinen Stress mit dem Chefredakteur kriegen.“

„Die Frage ist doch erst mal, wie definieren wir Rassismus?“ „Das sollen doch die Farbigen für uns machen.“ „Wer macht denn hier das Programm, die Gäste oder wir?“ „Wir sind doch nicht der schwarze Kanal!“ „Ich möchte sowieso mal wissen, was die in der Sendung sagen wollen.“ „Dass es Rassismus in Deutschland gibt.“ „Das können wir doch im Spätprogramm immer noch machen.“ „Als Feature ist das auch leichter zu verarbeiten.“ „Und wenn es richtig spät kommt, guckt keine Sau zu.“ „Dann haben wir wieder das Problem, dass uns jeder vorwirft, nichts gegen Rassismus zu tun.“ „Doch, wir haben mindestens ein Dutzend Features über Rassismus.“ „Kann man neu zusammenschneiden, das merkt auch keiner.“ „Da könnte man doch den Soziologen reinsetzen, der kommentiert das.“ „Der ist Psychologe.“ „Meinen Sie, irgendjemand kapiert den Unterschied?“ „Ist halt ein Schwarzer.“ „Aber er vertritt dann nur die wissenschaftliche Definition und verzerrt die objektive Sicht auf das Material.“

„Insgesamt fehlt mir das kritische Element.“ „In den anderen Sendungen ging es zum Beispiel um Ausländer, da hatten wir diesen Nazi, der die halbe Sendezeit über gelogen hat.“ „Genau, so hatten wir die Chance zur dialektischen Diskussion.“ „Es gab doch mal diesen Ex-Muslim, der alle Muslime als Terroristen bezeichnet hat.“ „Genau, das bräuchten wir.“ „Einen Ex-Schwarzen?“ „Hähähä!“ „Es gibt doch Rechte, die alle Ausländer grundsätzlich aus Deutschland rausschmeißen wollen.“ „Und wenn wir nun einen deutschen Schwarzen einladen?“ „Einen schwarzen Deutschen meinen Sie.“ „Das ist doch dasselbe!“ „Für Rechte schon.“ „Dann haben wir wenigstens eine Chance auf eine Diskussion, die wir sonst im Alltag nicht führen.“ „Als Weiße sowieso nicht.“

„Wir könnten doch trotzdem diesen Sänger und vielleicht noch einen Fußballspieler einladen.“ „Das halte ich nicht für zielführend.“ „Vermutlich meint ein Teil des Publikums dann, dass die ja eigentlich alles geschafft haben.“ „Trotz ihrer Hautfarbe.“ „Sie meinen positive Diskriminierung?“ „Das wäre dann ja letztlich wieder Rassismus gegen Weiße.“ „Für die Diskussion wäre das gut.“ „Wir müssen nur sehen, dass wir da niemanden einladen, der noch mal wiederkommen soll.“ „Keine Sorge, von denen kommt keiner.“ „Zumindest nicht freiwillig.“

„Man könnte ja trotzdem mal einen schwarzen Polizisten einladen, der kann über institutionellen Rassismus mitreden.“ „Ich kenne da diesen einen Schauspieler, der…“ „Ja, der spielt aber nur einen schwarzen Polizisten.“ „Er ist aber ein Schwarzer, der einen Polizisten spielt.“ „Hätte er Polizist werden wollen, wäre es möglicherweise gar nicht erst geworden.“ „Vielleicht ist er deshalb ja gleich Schauspieler geworden?“ „Das führt doch zu nichts!“ „Warum kann die Redaktion nicht einmal eine schwarze Quotenfrau raussuchen!?“ „Die sind alle mit Behindertenbonus versehen.“ „Ach so.“ „Es bieten sich doch immer so viele an.“ „Da wäre ich vorsichtig, vielleicht wollen die nur mal ins Fernsehen.“ „Dann riskieren wir, dass die unschöne Sachen sagen.“ „Genau.“ „Was aber viel schlimmer wäre, die wollen dann jedes Mal eingeladen werden.“ „Sie meinen immer, wenn irgendwo ein Zwischenfall mit Ausländerfeindlichkeit in den Medien ist?“ „Wenn es sich um Deutsche handelt, ist es ja keine Ausländerfeindlichkeit.“ „Okay, dann muss man sie auch nicht einladen.“ „Also diese Dominanz von Farbigen kann sich auf den Sender auch negativ auswirken.“ „Sage ich ja, Rassismus gegen Weiße.“ „Wir können uns doch nicht ewig dieses Gejammer anhören, dass es in Deutschland Rassismus gibt!“ „Eben, woanders ist es noch viel schlimmer.“ „Ich bin jetzt die Faxen leid.“ „Haben Sie die Nummer von dem Arzt?“ „Corona?“ „Ja.“ „Okay.“ „Meine Herren, die Sendung steht.“





Fakten

5 05 2020

„Andererseits müsste man mal wieder was über die Wirtschaft bringen.“ „Oder soziale Themen.“ „Es wird ja auch nichts mehr über die Klimakatastrophe berichtet.“ „Jedenfalls müsste man mal sehen, ob die Autobauer sich jetzt endlich am Riemen reißen und die Verbrenner ausmustern.“ „Und die nächste Sendung?“ „Lindner hat angerufen, er will dreißig Minuten lang Wissenschaftler anpöbeln.“ „Na, dann machen wir’s halt so.“

„Nein, ich finde wirklich, dass man die sozialen Themen nicht aussparen darf.“ „Man muss doch an die Kinder denken!“ „Sehr richtig!“ „Haben wir da nicht diesen Bildungsforscher, der überall WLAN-Strahlung fürchtet?“ „Dann machen wir das mit dem.“ „Der kann erklären, dass ein Kind im Grunde nach acht Stunden in der eigenen Wohnung rein rechnerisch tot ist.“ „Warum überleben Kinder ein ganzes Wochenende zu Hause?“ „Verwirren Sie uns jetzt nicht mit Tatsachen, das sind Fakten.“ „Dass man den Kindern den wichtigen Austausch mit ihrer Altersgruppe vorenthält, sollte man da auch einfließen lassen.“ „Vor allem das Abitur!“ „Ist das denn jetzt wirklich so wichtig?“ „Unsere Kinder werden von linken Extremisten und Grünen gefährdet!“ „Okay, das muss man dann aber auch mit den richtigen Leuten diskutieren.“ „Hat denn Lindner Kinder?“ „Seit wann muss der irgendwas verstehen, um im Fernsehen zu reden?“

„Besteht denn die Gefahr, dass wir erneuerbare Energien aus dem Blick verlieren?“ „Man anders gefragt, könnte es nicht irgendwann so kommen, dass diese linksextremistische Regierung alles mit Windkraftwerken vollstellt, weil wir das gar nicht mitkriegen?“ „Die stehen ja gar nicht von einem Tag auf den anderen.“ „Und es gibt auch gar nicht genug Leute, die die aufstellen könnten.“ „Dann könnte man zumindest eine Sendung über Energie machen.“ „Weil bei uns die Lichter ausgehen, wenn die Wirtschaft nicht schnell genug wieder öffnet.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Wieso, was ist denn daran nicht zu verstehen?“ „Es gibt doch keinerlei Einschränkungen für die Windenergiebranche, und die Arbeitskräfte waren auch schon vorher nicht zu bekommen.“ „Ja, das ist aber eine ganz andere Diskussion.“ „Das dürfen Sie jetzt nicht alles in einen ideologischen Topf schmeißen.“ „Aber wenn wir befürchten, dass die Lichter bei uns ausgehen, dann brauchen wir doch mehr Windkraft und nicht weniger.“ „Ich finde auch, wir machen das mit dem Abitur.“ „Ganz Ihrer Meinung, Herr Kollege.“

„Aber wir haben immer noch das von Laschet.“ „Was denn noch?“ „Die psychische Belastung von Arbeitnehmern?“ „Er hatte Arbeitslose gemeint.“ „Wie kommt er denn auf einmal zu Arbeitslosen?“ „Hallo, es ist vielleicht Wahlkampf!?“ „Man ist sich ja inzwischen sicher, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit massiv gefährdet.“ „Darum ist er auch so ein großer Fan der Hartz-Verwahrung, richtig?“ „Es ging hier um Arbeitnehmer!“ „Ah, und ich hatte mich schon gewundert, dass er das Argument vorher noch nie gebracht hatte.“ „Man muss sich ja nur mal ansehen, was Homeoffice mit den ganz normalen Leuten macht.“ „Und dass die psychosoziale Belastung bei Callcenterkräften und Pflegern und Fleischzerlegern und Spargelstechern und…“ „Sie müssen nicht in den Berufen arbeiten.“ „Laschet hat das auch nicht gemacht, und sehen Sie mal, was aus dem heute geworden ist.“

„Aber das mit den Küchenbauern müsste man auch mal hinterfragen.“ „Hatten Sie nicht bei einem Betrieb angefragt?“ „Die sind stocksauer.“ „Aber die Läden sind doch wieder offen?“ „Ja eben, jetzt müssen sie die Personalkapazitäten wieder voll hochfahren, können die bestellten Küchen nicht ausliefern, weil die Handwerker keine Wohnungen betreten dürfen, und deshalb können sie keine Rechnungen stellen.“ „Das erfordert natürlich eine sofortige Diskussion.“ „Eben. Wir haben mit Laschet gesprochen, er wird Vorauskasse für alle Handwerksleistungen fordern, damit die Betriebe nicht vom Staat gerettet werden müssen.“ „Das ist doch total behämmert!“ „Deshalb war er ja von dem Vorschlag sofort überzeugt.“ „Alternativ kann man auch mal überlegen, ob man nicht Handwerker wieder in die Privatwohnungen lässt.“ „Warum nicht, die Kunden müssen nur einen Mundschutz tragen.“ „Warum die Kunden?“ „Weil das die Wirtschaft vor Verlust ihrer Arbeitskräfte schützt.“

„Wir haben da noch einen Fernsehkoch auf der Liste und einen Kabarettisten.“ „Keine Frau?“ „Das würde nicht passen, wir müssen ja noch was mit Autos machen.“ „Aha.“ „Und Fußball?“ „Stimmt, das müssten wir auch noch machen.“ „Vielleicht einen Psychologen befragen, der uns bescheinigt, dass ohne Bundesliga schwerste traumatische Störungen zu erwarten sind.“ „Die dann auch wieder die Arbeitsleistung verringern kann.“ „Und Suchterkrankungen.“ „Wahrscheinlich wird die Kauflaune dadurch auch gedrückt.“ „Womit wir wieder bei den Autos sind.“ „Schlimm!“ „Aber da hätte ich einen, der bestätigt Ihnen alles.“ „Ist der Virologe?“ „Gegen Aufpreis bestimmt.“ „Dann laden Sie den Mann mal ein.“ „Dann müssen wir ja in der Sendung gar nicht mehr über soziale Themen sprechen.“ „Auto ist doch Gesellschaft genug.“ „Und den Kabarettisten?“ „Übernächste Woche soll irgendwas mit Statik kommen.“ „Nee, Statistik.“ „Sag ich doch.“ „Na, dann passt das ja wieder.“ „Okay, noch irgendwelche Fragen?“ „Und wie nennen wir das?“ „‚Corona – Müssen wir jetzt alle sterben?‘ wäre doch…“ „Ja, klingt gut.“ „Gut, dann rufe ich mal im Sender an. Wir machen eine ganz normale Talkshow, wie jeden Montag.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVI): True Crime

20 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, in denen man mit Uga samt Sippe am Lagerfeuer hockte und den ganz alten Schauergeschichten lauschte, die man längst auswendig kannte und schon deshalb für wahr hielt, weil sie sich jedes Mal ein wenig veränderten. Das wurde nie langweilig, und irgendwo steckte sicher ein Tatsachenkern in den Gruselmärchen, die von der Säbelzahnziege handelte und den Nachbarn, die sich immer ein Körbchen Buntbeeren ausliehen, bis sie plötzlich mit der Machete die ganze Mischpoke zu Blutsuppe verarbeiteten. Schlimm. Was man als klassischen Moralroman noch unter die Leute hat jubeln können – Verbrecher aus mangelnder sozialer Distanz – wird heutzutage sperrig bis unerwünscht. Viele Fachleute, Psychologen und Psychiater, Physiker, nicht zuletzt auch Polizisten mischen sich in das Geschäft ein, das von Rechts wegen nur am Freitag nach acht die Experten zu interessieren hatte. Es geht nicht um untaugliche Versuche in Verbindung mit Barbara Salesch, es geht um Deppen im Gleis, sprich: True Crime.

Durch die traditionelle Komplettüberfütterung mit Kriminalfilmen haben wir das Grundrauschen im Angstzentrum: das Böse ist immer und überall. Man kann quasi keinen Schritt aus der Wohnung tun, wenigstens nicht ohne schwere Artillerie in der Schlafanzughose, denn wir sind umzingelt von den Schwerstkriminellen, die uns eins über die Rübe geben wollen. Rechte Demagogen machen sich die Besorgnis der Bumsbirnen ohnehin zunutze, indem sie von Einbruch und Vergewaltigung an jeder Ecke schwafeln, auch wenn keine Kriminalstatistik das je hergäbe. Aber die Gänsehaut sitzt, und wo es sich nicht mehr um fulminante Fiktion handelt, die in exklusiven Milieus stattfindet – die Drogenszene in Chefetagen oder hinter dem Bahnhof, Kollisionen zwischen Politik Geld und Schmierinfektionen der moralischen Art, wahnhaft halluzinierte Sekten, mafiöse Ausländer, you name it – kommt die reale Gefahr in Gestalt des Nachbarn, von dem wir nur wissen werden, dass er immer so freundlich gegrüßt hat. Sie ist auf unserer Fußmatte angekommen, die Untat. Jetzt hilft nur noch Panik. Und Fernsehen.

Was wäre besser als der gute, alte Sozialporno, ein voyeuristisches Format für alle Fälle. Neben all den schönen Klischees, die das Filmchen breittritt, der chirurgisch präzisen Trennung zwischen dem stets guten, edlen und im akzeptierten Mainstream lebenden Opfer sowie dem devianten Killer aus den klassischen Motiven, wildert es im Lustgarten der moralischen Erregung: wie gut, sagt da der innere Pharisäer, dass ich nicht so ein verpfuschtes Leben habe mit Depressionen, Arbeitslosigkeit oder einem Elternhaus, das abgesehen von abstehenden Ohren nicht viel zu vererben hatte. Alles das wird zur Freude des Publikums durchdekliniert bis zum finalen Erbrechen des Wiedergekäuten, dass Delinquenz nur eine Frage der Lebensschuld ist, gut erkennbar an abgenagten Fingernägeln oder dem falschen Pass.

Dass auch hier die Ermittlungsarbeit mitnichten realistisch dargestellt wird – geschenkt, man kennt es aus dem durchschnittlichen 90-Minuten-Krimi am Sonntag, in dem DNA-Spuren in erzählten zwei Stunden ausgewertet und mit ominöserweise immer schon vorhandenen Datenbanken vergleichen werden können, in denen jeder Taschendieb aus Taka-Tuka-Land steht, obwohl er noch nie in der EU gewesen ist. Einen Film, der zu gut achtzig Minuten aus Papierkram und Dienstbesprechungen besteht, will eh keiner sehen.

Konstituierend für die ganze Gattung ist der kontrafaktische Schock, der brutalstmöglich blutige Bilder in die Netzhaut schwiemeln will, damit die Schlotterspirale nie durchbrochen wird, schon gar nicht von analytisch denkenden Störenfrieden mit kriminalistischer Sachkenntnis. Schneller, höher, noch mehr Opfer, sonst ballert der Serienkiller vom Konkurrenzkanal die Quote ins Jenseits. Die als Feigenblatt vorgeschobene Generalprävention ist öffentliche Erregung, die nichts als ein Ärgernis hinterlässt. Das Genre liefert die billige Vorlage für die jäh aufschwappenden Killerspieldebatten nach Terror aus dem braunblauen Sumpf, rassistische Hetzattacken auf der Basis wirrer Korrelationen, die schon ein irgendwie verdächtiger Name herstellen kann, und es verwickelt sich in seinem eigenen Anspruch. Es will die Perspektive des Opfers herstellen – erkenntnistheoretisches Kunststück bei einer getöteten Person, aber sei’s drum – und dient durch enthemmtes Mitraten doch lediglich seiner entgrenzten Entwürdigung, indem es sein Umfeld zum Hinterbliebenenschütteln nutzt und für die Spanner an der Glotze herauspräpariert, pietätlos und durchinszeniert wie eine Scripted-Reality-Show von und für Minderbemittelte. Die Lust an der Sensation badet in der eigenen Jauche, um ein Rechtfertigungsmuster für eine sekundäre Störung der Totenruhe zu stricken: wenn sie es nicht tun, tut es eben ein anderer. So schlagen Psychopathen zu, nur nicht mit dem Produktionsbudget, sondern mit der stumpfen Seite der Axt. Dann haben wenigstens die Lämmer ihre Ruhe.





Qualitätskontrolle

9 01 2020

Siebels kaute gelangweilt auf seinem Streichholz herum. „Jetzt müssten sie langsam mal fertig sein“, knurrte er, während sich die beiden Testkäuferinnen mit einem Sortiment T-Shirts für je einen Euro aus dem Kack-Kleidermarkt bewegten. Was sie mitbrachten, sah aus wie Putzlumpen im Leopardendruck. „Sehr gut“, signalisierte die Aufnahmeleiterin. „Die werden nicht einmal die Brennprobe überstehen.“

„Schönes Konzept eigentlich“, erklärte der TV-Produzent, „nur besteht es halt aus Wiederholungen von Wiederholungen.“ „Haben Sie denn schon mal einen Textildiscounter untersucht?“ Er lächelte, meine Frage war wohl richtig, aber dennoch wenig angebracht. „Das hier läuft für die Sender unter Verbraucherschutz.“ Er spuckte das Streichholz aus. „Als wüsste man nicht, dass ein Kleidungsstück für einen Euro auch nur einen Euro wert sein kann – wer daran wie viel verdient und was am Ende für wen übrigbleibt, das können sich die meisten nur nicht ausrechnen, und deshalb müssen wir noch immer diese Aufklärungsfilmchen drehen.“ Ich begriff. Das Offensichtliche wurde hier Ereignis, und mit geschickter Montage konnte er an einem Drehtag eine volle Stunde Programm machen.

„Die Weihnachtszeit war großartig“, grinste Siebels. „Wir sind einfach auf den Markt gefahren und haben uns eine Tasse von dieser billigen Plörre abfüllen lassen – der Rest waren Innenaufnahmen.“ „Sie haben Glühwein untersucht?“ Er nickte. „Eine Stunde Sendezeit mit Analysen, die schwarz auf weiß bewiesen, dass es sich bei dem Getränk um die Fertigmischung aus dem Supermarkt handelt.“ „Donnerwetter“, antwortete ich. „Das hat ja vorher niemand wissen können!“ Siebels suchte in der Manteltasche nach einem Pfefferminzbonbon. „In der Redaktion hatte sich das jedenfalls keiner so vorgestellt. Aber es rettet mir den Job, wenn sich unterhalb des Intendanten nur fantasielose Trottel befinden.“

Der nächste Lokaltermin war bei einem Lebensmittelhändler im Bahnhofsviertel. Der Assistent führte eine Liste von Fertigprodukten mit, die die Redaktion nach streng objektiven Kriterien zusammengestellt hatte: nur die billigsten. Ich warf einen kurzen Blick auf das Papier und rümpfte die Nase. „Kartoffelpüree?“ Siebels nickte. „Richtig, wir nähern uns damit den Gewohnheiten des durchschnittlichen Bürgers, der glaubt, dass die Ananas in der Dose heranwächst.“ Während der Kameramann damit beschäftigt war, die Regale des kleinen Supermarktes aufzunehmen, überflog ich das Skript. „Sie bauen das in eine Servicesendung ein?“ Siebels schaute auf den Ablauf. „Richtig, wir werden vier Fertigpürees und einen frisch zubereiteten Kartoffelstampf zubereiten und von Sterneköchen verkosten lassen.“ „Was versprechen Sie sich davon?“ Er zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie den Intendanten, ich denke mir diesen Müll nicht aus.“ „Aber das Ergebnis ist doch recht absehbar“, begehrte ich auf. „Sie werden das aus Pulver angerührte Zeug für ungenießbar erklären.“ „So ist es.“ Fast hätte Siebels gelächelt, aber auch nur fast. „Immerhin wissen wir noch nicht, welcher dieser Kleister am schlechtesten bewertet wird. Das ist das investigative Element, das sich unsere Programmdirektoren auf die Fahnen schreiben.“

Da kamen sie auch schon wieder aus dem Laden, einen Einkaufskorb voller Papppäckchen. „Wir haben alles bekommen“, bestätigte die Aufnahmeleiterin. „Dann brauchen wir jetzt nur noch drei billige Haartrockner und können morgen mit den Nagelstudios weitermachen.“ Sie hievte den Korb in den Kofferraum. Siebels steckte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne. „Ich muss aufpassen“, murmelte er, „wenn wir mit diesem Format zu gut sind, haben wir bald alles getestet, was es für Geld zu kaufen gibt.“

Ich blätterte durch die Liste der Sendungen, die für dieses Jahr in Auftrag gegeben worden waren. „Das Fernsehen findet aber auch alles raus.“ Siebels grinste. „So sarkastisch am frühen Morgen?“ „Aber eins verstehe ich nicht“, wandte ich ein. „Wozu dieses Art von Qualitätskontrolle, wenn man mit gesundem Menschenverstand schon vorher wissen kann, dass Kartoffelpüree aus der Tüte so schmeckt, dass man es nicht mehr essen will?“ „Dialektik“, quetschte er an seinem Hölzchen vorbei. „Die reine Dialektik.“ Ich verstand nicht. „Natürlich kann sich ein so großer Sender keine Kapitalismuskritik erlauben, wo kämen wir da hin? Also kritisieren wir, was auf dem Markt angeboten wird, und zeigen ein Missverhältnis zwischen Warenwert und Geldwert auf – der Verbraucher wird immer ungerecht behandelt, und diesen gefühlten Skandal, der keiner ist, decken wir durch investigative Methoden auf.“ „Ihre Filmchen machen sich zum Anwalt der kleinen Leute, indem Sie ihnen zeigen, was sie eigentlich immer schon wussten.“ Er nickte abermals. „Und das auch noch streng objektiv.“

Siebels steckte die Liste zurück in seine Mappe. „Es wird langsam ungemütlich“, sagte ich, „lassen Sie uns irgendwo einen Kaffee trinken.“ „Kommen Sie“, antwortete er. „Ich kenne da eine hübsche kleine Konditorei um die Ecke, da würde ich nie einen Film drehen. Man braucht ja auch seine Geheimtipps.“





Oma ihr klein Häuschen

8 01 2020

„Wobei ich jetzt nicht verstehe, was das soll.“ „Das versteht keiner, aber bis dahin können wir die SPD weiterhin als Feind der deutschen Arbeiter an den Pranger stellen.“ „Seit wann haben denn Arbeiter Grundbesitz?“ „Seitdem diese linken Schweine mit ihren Villen im Tessin den verdammten Hals nicht mehr voll kriegen!“

„Offenbar haben Sie das Prinzip nicht kapiert.“ „Wenn man die Zeitungen betrachtet, haben das noch ein paar mehr nicht.“ „Es geht denen darum, dass die Grundstücke enteignet werden! Nicht mal hat sich getraut, was diese Linksfaschisten mit den deutschen Wählern vorhaben!“ „Das ist doch…“ „Das ist verfassungsfeindlich!“ „Wann haben denn Sie zuletzt das Grundgesetz von innen gesehen?“ „Dann wüsste er auch, dass Eigentum verpflichtet.“ „Sie werden mich mit Ihren Spitzfindigkeiten hier nicht aus dem Konzept bringen, Sie nicht!“ „Wenn Sie das schon fürchten, warum glauben Sie dann, dass Sie ein Konzept haben?“ „Wir machen hier eine anständige Zeitung, die wird nicht dieses linke Gesindel an die gleichgeschaltete Macht bringen!“ „Was ist denn heute mit Ihnen los?“ „Verstehe ich auch nicht, sonst hetzt er doch bloß gegen Merkel?“

„Jedenfalls wollen diese stalinistischen Säue die Wähler enteignen, und die einzige Antwort von uns ist der nationale Widerstand!“ „Haben Sie seine Tabletten versteckt?“ „Ich bitte mir Respekt aus!“ „Warum schreiben Sie dann so einen Unsinn?“ „Die SPD wird mit der Bodenwertzuwachssteuer die Eigenheimbesitzer in den Ruin treiben.“ „Warum?“ „Wir werden Verhältnisse haben wie in Amerika, wo die Banken mehr Geld von den Hausbesitzern zurückhaben wollten, als sie ihnen geliehen hatten.“ „Das nennt man Kredit.“ „Und früher gab es auch mal Zinsen im positiven Bereich.“ „Und da ging es auch nicht um Grundstücke.“ „Die SPD ist die Fortsetzung des Nationalsozialismus!“ „Bleiben Sie bei der Äußerung?“ „Ich nehme das zurück, aber meine Meinung wird sich nicht ändern!“

„Es geht doch gar nicht um Immobilien.“ „Aber um die Grundstücke!“ „Ah, langsam sieht er es ein?“ „Und wenn die Grundstücke immer höher besteuert werden, dann kann man sich auch die Immobilien nicht mehr leisten.“ „Also doch keine Einsicht.“ „Allerdings.“ „Es geht um Bauland!“ „Nein.“ „Es geht um Bauland, das der Staat…“ „Die Steuer wird von den Kommunen erhoben.“ „Das ist doch dasselbe!“ „Er lebt offensichtlich in einem anderen Staat.“ „Das Bauland wird vom Staat durch die Kommunen jedes Jahr neu…“ „Nein.“ „Ihre leninistischen Diskutiererei wird Ihnen nicht weiterhelfen, Ihre Revolutionsgarden werden Ihnen das Eigenheim schon noch unter dem Arsch wegpfänden, und dann sitzt Ihr alle aus Solidarität mit Nordkorea auf der Straße! Na, wie schmeckt Euch Klimaspasten das!?“

„Abgesehen davon, dass es um Brachland geht, das erst bei der Umwandlung durch einen neuen Bebauungsplan…“ „Aha, da habe ich Sie schon bei der ersten Lüge erwischt!“ „Dieser Gesetzentwurf will nur eine einmalige Zahlung beim Verkauf an die Kommune besteuern.“ „Das sagen die jetzt – wenn Ihre Oma dann ihr klein Häuschen verkauft, dann ist…“ „Es geht doch nur um das Land.“ „Meine Oma hat das jedenfalls nicht auf Bauland errichtet, oder was meinen Sie, wie man reich wird?“ „Sie denken also, dass die…“ „Sie wollen mir unterstellen, dass ich die illegalen Methoden mancher Bauspekulanten gutheiße, nur weil ich mich gegen die linksextremistische Enteignung der SPD unter Adolf Walter Dings und seiner sicher aus Russland stammenden Parteisekretärin wende?“ „Sie sollten sich einfach mal den…“ „Ich muss mir diese sozialistischen Gleichschaltungsfantasien gar nicht erst durchlesen, meine Meinung steht fest: dieses rote Pack gehört aus Deutschland entfernt, die wollen den Wähler in die Armut treiben!“

„Und deshalb schreiben Sie diese Artikel gegen die Steuerpläne der SPD?“ „Davon verstehen Sie ja offensichtlich nichts.“ „Erklären Sie es uns.“ „Man nennt das journalistische Sorgfaltspflicht.“ „Wie bitte!?“ „Der Journalismus als politische Kraft muss dafür sorgen, dass die Wähler ihren Besitz nicht unter dem Arsch…“ „Welchen Besitz?“ „Welche Grundstücke?“ „Das hat doch der Lindner schon so oft gesagt, wenn man von der Armut bedroht ist und sich keine Miete mehr leisten kann, dann muss man eben Wohneigentum kaufen.“ „Also erstens…“ „Lassen Sie es gut sein, er kapiert es nicht.“ „War mit schon klar.“ „Hören Sie mal, wenn Sie eine Eigentumswohnung kaufen, dann gibt es gar keinen Grundbesitz.“ „Die meisten prekär Beschäftigten können oder wollen, das über lasse ich jetzt mal Ihnen, auf jeden Fall wollen die sich das nicht mehr leisten können – diesem leistungslosen Wohlstand, alle diese parasitären Arbeiter, die in diesem Land leben dürfen, obwohl sie immer noch so arm sind, dass sie sogar Steuern zahlen müssen?“ „Sie haben nicht einmal die…“ „Wenn die Investitionsgewinne aus Bodenspekulation nicht den Leistungsträgern zugute kommen, dann wird sich bald niemand mehr auf das Geschäft einlassen, und dann fließen die hinterzogenen Steuern eben nach England, oder was meinen Sie, wozu wir den Brexit brauchen?“ „Und deshalb muss die deutsche Presse den Wählern Schauermärchen über die SPD erzählen?“ „Sie haben ja noch nicht einmal…“ „Doch.“ „Aber eins würde mich jetzt ja brennend interessieren.“ „Na, dann erzählen Sie mal.“ „Meinen Sie, seine Oma war eine Nazisau?“





Mainstream

16 09 2019

„Also entschuldigen Sie mal, das geht ja gar nicht!“ „Absurde Idee!“ „Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank!“ „Aber es ist ein gesellschaftlich sehr polarisierendes Thema, wir als Journalisten dürfen das nicht einfach ausklammern.“ „Deshalb lädt man aber trotzdem nicht die RAF ins Fernsehen ein!“

„Politische Bildung kann nur so funktionieren, dass wir die Betroffenen zu Wort kommen lassen.“ „Wenn ich das schon höre…“ „Wer sind denn die Betroffenen?“ „Das sind ja wohl die, die bei den Attentaten zu Schaden gekommen sind.“ „Vielmehr die Hinterbliebenen, die Opfer können ja nicht mehr reden.“ „Ich bin auch gegen Terrorismus, aber deshalb muss man doch der Gegenseite trotzdem eine…“ „Um diesen ganzen radikalen Mist in Ihrer Sendung zu zeigen?“ „Diese Leute wollen doch gar nicht reden!“ „Das zeigt doch schon dieses ganze verquaste Ideologiegelaber!“ „Genau da haben die Medien die Aufgabe, eine gemeinsame Sprache zu finden und dem Zuschauer eine…“ „Also falls ich es nicht schon gesagt haben sollte, noch mal fürs Protokoll: Sie haben nicht alle Tassen im Schrank.“

„Wir müssen hier doch auch mal eingestehen, dass, nur, weil wir recht haben, der andere nicht unbedingt unrecht haben muss.“ „Nehmen Sie mir bitte jetzt alle harten Gegenstände weg.“ „Das Schlimmste sind Typen, die auch noch glauben, was sie da für einen Bullshit erzählen.“ „Streitkultur ist doch für uns Demokraten ganz wichtig, weil wir…“ „Streitkultur!?“ „Diese Mörder…“ „Es sind nicht alle Mörder, das wissen Sie ganz genau.“ „Wer Mord oder Terror rhetorisch vorbereitet oder die Taten organisatorisch unterstützt und sie hinterher ideologisch als Notwendigkeit rechtfertigt, hängt mit drin.“ „Sehe ich auch so.“ „Aber Streitkultur ist wichtig, weil wir die…“ „Was wir von dieser Bande vorgesetzt bekommen, sind bestenfalls Hassphrasen mit freundlichem Zuckerguss.“ „Die wollen sich nicht streiten, die wollen Ihre Meinung ausradieren, weil sie für die ein überkommenes System repräsentiert.“ „Und dann können Sie sich noch so viel ins Fernsehen stellen und Differenzierung fordern, das verfängt nicht bei denen.“ „Es soll aber bei den Zuschauern ankommen, dass wir uns um Mäßigung bemühen.“ „Bemühen!“ „Na großartig, und was kommt von denen zurück?“ „Warten wir noch zehn Sekunden ab, dann kommt hier die Leier mit der schweren Kindheit.“ „Gottchen, die armen Terroristen!“ „Die leiden sicher am schwersten unter ihren Bombenattentaten.“ „Ist aber auch echt gefährlich, wenn man im Untergrund lebt und den ganzen Tag auf der Hut sein muss, dass man nicht ertappt wird.“ „Schlimm, schlimm, schlimm!“

„Für klar denkende Menschen gehören diese Terroristen ja auch nicht zur Normalität.“ „Also nicht zu der Normalität, die Sie ihnen medial als billige Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft zur Verfügung stellen?“ „Jetzt differenzieren Sie doch mal: wer nicht differenziert, hört in dem lauten Geschrei dieser Terroristen oder ihrer Sympathisanten nicht die Stimmen, die man hören sollte, als Politiker, um sie ernst zu nehmen, als Journalist, um sie zu beleuchten.“ „Das mit der schweren Kindheit haben wir verpasst?“ „Sieht so aus.“ „Also die Zwischentöne, wenn wir uns so rein emotional darauf einlassen sollen, was der Terror mit uns macht?“ „Das klingt jetzt echt deep.“ „Ich fühle mich auch schon echt voll betroffen, Du.“ „War Lack schon wieder im Sonderangebot?“ „Wir brauchen einen respektvollen, anständigen Diskurs und eine…“ „Damit wir uns von diesen Terroristen ans Handlanger eines Schweinesystems anpöbeln lassen dürfen, das notfalls durch brutale Gewalt gegen Unschuldige zerstört werden soll?“ „Sie hatten möglicherweise nicht ganz so viel Zeit, sich in die theoretischen Grundlagen dieser Ideologie einzuarbeiten.“ „Wenn man keine Ahnung hat, was ‚Diskurs‘ heißt, hat sich die Diskussion er erledigt.“

„Der Mainstream setzt sich aber auseinander mit diesen Themen, und deshalb dürfen wir das nicht ausgrenzen.“ „Die Mehrheit der Bevölkerung kann diesen Scheißdreck aber nicht hören!“ „Und die anderen Sender machen das auch, und auch auf dem eigenen Sender gibt es genug Sendungen, die sich mit dem…“ „Und deshalb müssen Sie denen auf den Leim gehen, jedes Mal deren Hassparolen übernehmen und weitertransportieren?“ „Meine Güte, die sagen halt ‚Bullenschweine‘, wenn einer denen nicht passt, aber…“ „Und das müssen Sie dann auch nachplappern?“ „Wir können doch einen Diskurs nur auf Augenhöhe führen, wenn wir klar differenzieren, was wir als…“ „Klar, Sie sagen immer ‚Zwinki-Zwonki‘, damit auch jeder Ihre differenzierende Distanz diskursiv einordnen kann, oder?“ „Uh, das ist Medienkompetenz!“ „Sehen Sie, einmal mit Profis arbeiten.“

„So, und damit hier jetzt mal Ruhe im Karton ist, haben wir Ihre Studiogäste für morgen früh wieder ausgeladen.“ „Aber…“ „Das reicht jetzt, und Sie können gerne Ihre politischen Ambitionen überdenken, nur nicht bei uns als Arbeitgeber.“ „Aber Meinungsfreiheit…“ „… heißt nicht, dass wir Ihnen unwidersprochen zuhören müssen.“ „So, und jetzt würde ich diese Diskussion gerne beenden.“ „Sie können sich ja gerne privat mit der RAF treffen und ein bisschen über den Umbau des Rechtsstaates plaudern.“ „Falls Sie da als Gast auch so willkommen sind und kein kostenloses PR-Material für die basteln können.“ „Ganz fair und ausgewogen und kritisch.“ „Und unparteiisch.“ „Und natürlich differenziert.“ „Und unabhängig.“ „Guten Abend.“





Gesprächsführung

5 09 2019

Der Einsatz kam ganz überraschend. Siebels sah übernächtigt aus. „Auf einmal“, schimpfte ich. „Wie oft habe ich das gesagt, und jetzt auf einmal sollen Sie als Produzent die…“ „Ich habe das selbst angeordnet“, schnitt er mir das Wort ab. „Und wenn sie jetzt nicht alle spuren, werfe ich jeden einzelnen von ihnen noch heute raus.“

Die Moderatoren saßen alle in der Maske. Hier und da gab es kleine Unstimmigkeiten betreffs des Ablaufs, aber die nervöse Anspannung hielt sie alle unter Kontrolle. Keiner sprach ein lautes Wort, nur in der hinteren Garderobe johlte es. „Gut“, knurrte Siebels. „Dann wollen wir mal.“ Und er schritt geradewegs auf Henriette Mauschel zu, die mit ihrer Talkshow am Donnerstag auf der Kippe stand, sie wusste es nur noch nicht. „Wir haben uns wohl verstanden“, sagte er. „Sie haben zwei Minuten dreißig, danach sind die Fronten klar.“ „Aber…“ Siebels beugte sich leicht nach vorne. „Sie haben zwei Minuten.“

Hinten in der Maske polterte es. Der erste Gast stolzierte ins Studio, das er zugegebenermaßen gut kannte, denn wie viele Sendungen hatte er nicht hier mit populistischem Geplapper erlebt. „Er sitzt links“, dirigierte Siebels den Regisseur. „Das ist aber jetzt bildtechnisch ganz schwierig, wenn wir die…“ Der Produzent packte ihn unvermittelt am Kragen und zog ihn zu sich heran. „Wenn ich sage ‚Mach Dir in die Hosen‘“, zischte er, „dann machst Du was?“ „In die…“ Siebels stieß ihn wieder weg. „Schön, dass wir uns gleich verstehen. Das könnte der Beginn einer langen Freundschaft werden.“ Der Regisseur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Die Mauschel bitte nach recht, nach rechts bitte!“

„Wir wollen gleich mit den wichtigen Themen beginnen“, setzte die Moderatorin ein. „Sie sehen sich seit mehreren Wochen mit Ermittlungen wegen eines Vermögensdeliktes konfrontiert, obwohl Sie dies in der Öffentlichkeit bisher immer abgestritten haben.“ „Schweinerei“, polterte der Kahlkopf. „Ich werde mich über Sie beschweren, Sie werden, wenn wir die Wahl, werden wir Drecksäue wie Dich in der…“ Siebels vollführte eine wegwerfende Geste. Sofort traten zwei muskulöse Herren, Möbelpacker oder Berufsboxer, an den schimpfenden Gast heran und machten ihm schnell und unbürokratisch klar, dass er eine faire Chance hatte, das Gelände im Vollbesitz seines Gebisses zu verlassen. Henriette Mauschel zitterte am ganzen Leib. „Gut gemacht“, lobte Siebels. „Sie sehen, man muss mit den Leuten nur reden. Und zwar in genau der Sprache, die die Zuschauer verstehen.“

Die zweite Kandidatin war nur wenige Minuten später auf dem dazu vorgesehenen Platz. „Moritz Höfgen.“ Wie Siebels den Namen aussprach, hörte es sich bereits sehr endgültig an. „Sie mögen ihn nicht.“ Er grinste bitter. „Was hat mich verraten?“ „Seine Gesprächsführung ist nun wirklich nicht berühmt für Ausgewogenheit und…“ „Unsinn“, schnarrte er. „Höfgen ist ein pseudointellektueller Schwätzer, der nicht einmal ein Thema braucht, um daran vorbeizureden.“ „Und wie will er jetzt gegen diese hysterische Schlange antreten?“ Er blickte ins Leere. „Fragen Sie mich nicht.“

„Erst einmal schön, dass Sie sich heute Abend Zeit nehmen“, schwafelte der untalentierte Typ. „Das war zu erwarten“, konstatierte ich. „Nach jeder Sendung fordern die Kritiken, dass man ihn in der Versenkung verschwinden lässt.“ „Und er fasst das als Zensur auf“, fügte Siebels trocken hinzu. „Sie wollen also auf Frauen und Kinder schießen lassen an der Grenze, nur damit ich das richtig verstehe – das sind immense Kosten für Munition und Beseitigung, kann man das dem Steuerzahler wirklich…“ „Aus“, sagte Siebels tonlos. Ein Blick zur Seite, das Scheinwerferlicht verlosch. Höfgen verstummte. „Schmeißt ihn raus.“ Inzwischen regte sich Protest, aber der Produzent bleib unerbittlich. „Drehen Sie das Licht wieder an, wenn er weg ist, und dann schicken Sie den nächsten rein.“

Zu meinem Erstaunen setzte er sich selbst in den Moderatorendrehsessel, als sie den Alten ins Studio begleiteten. „Ich sollte doch…“ „Setzen“, knurrte Siebels. Völlig perplex folgte der Greis dem Befehl. „Sie sind also ein bekennender Faschist“, begann er die Ansprache. „Sie leugnen Verbrechen der Wehrmacht, reden den Krieg, die Verfolgung und den Holocaust klein und geben offen zu, dass Sie den Mord an missliebigen Amtsträgern als ein Zeichen von nationaler Notwehr entschuldigen.“ Der Alte schnappte. „Sie werden sich für Ihre Lügen verantworten“, brüllte er, „ich lasse Sie alle ausrotten!“ „Wir haben für jede Ihrer Äußerungen umfangreiches Filmmaterial vorbereitet, das auch vor Gericht als Beweismaterial hilfreich wäre. Warum bezeichnet sich ein Nationalsozialist, der für die Sicherheit ein Verzeichnis aller jüdischer Einwohner haben will, als bürgerlich?“ „Ich werde Sie alle…“ „Und da sind wir auch schon beim nächsten Punkt, Sie haben die Errichtung von Lagern für Journalisten und Wissenschaftler zum Schutz der Bevölkerung von linker Propaganda gefordert – wollen Sie sich das auch ansehen? Wir haben gleich drei Reden, da waren Sie ein bisschen unvorsichtig. Außerdem waren Hakenkreuzfahnen auf der Bühne, aber das wussten Sie sicher nicht.“ Abrupt stand der Alte auf und blieb mit dem Fuß im Drehgestell des Sessels stecken. „Passen Sie auf Ihren Flachmann auf“, höhnte Siebels, während der Kandidat sich mühsam vom Boden aufsammelte. „Und raus.“ „Sie wissen, dass das Konsequenzen haben wird?“ Der Produzent schnipste mit den Fingern. „Sehen Sie, so macht man das. Wer fragt, führt. Antworten haben diese Knalltüten eh keine.“