Rechenschieber

14 01 2021

„… habe die ARD beschlossen, während des Lockdowns drei Stunden täglich Lernformate im Fernsehen anzubieten, die für alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen…“

„… nicht mit der Kultusministerkonferenz abgestimmt worden sei, so dass sich teilweise eine Redundanz zu den Lehrplänen der Fächer Deutsch, Gemeinschaftskunde und Physik in Hessen und dem Saarland, in Mathematik und Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Untersekunda in Baden-Württemberg sowie in Englisch und…“

„… habe Scheuer gegen die TV-Übertragungen entschieden protestiert. Deutsche Schulen seien erst seit etwa zwanzig Jahren an das Interwebnetz angeschlossen, die verfrühte Informationsdominanz durch das lineare Fernsehen könne schnell alle Fortschritte des Netzkompetenzaufbauprogramms der Bundesregierung im Keim…“

„… werde der Bayerische Rundfunk die von der ARD und ihren Spartenkanälen angebotenen Lerninhalte nicht mittragen. Ein für alle Klassen verpflichtender katholischer Religionsunterricht müsse in ausreichendem Maße berücksichtigt werden, um die sittliche Verrohung durch den außerschulischen Unterricht möglichst…“

„… auch Sendungen des BBC in den täglichen Lehrplan aufnehmen wolle. Nach Ansicht der Kultusminister könne man so das Fach Englisch komplett einsparen und habe mehr Freiräume, die Schüler durch praxisnahe Inhalte wie Latein und…“

„… befürchte Buhrow den Rückgang von Werbeeinnahmen. Es sei allerdings möglich, die pädagogischen Formate durch beliebte Sendungen wie Sturm der Liebe aufzulockern, um eine nachhaltige Zuschauerbindung bereits jetzt zu…“

„… bestehe der Plan der von Merkel dirigierten Systemmedien darin, das Jungvolk moralisch zu versiffen. Die Häufung der Beiträge im Fach Kunst über jüdische oder homosexuelle Maler sei der Versuch der von Bill Gates gesteuerten Kanzlerin, eine ganze Generation zum Hass auf die deutsche Kultur zu erziehen. Gauland werde dem nicht ohne eine Klage vor dem…“

„… aus Kostengründen alte Sendungen aus dem Schulfunk der dritten Programme wiederholen wolle. Thüringen und Sachsen hätten jedoch empört gegen eine neuerliche Vernachlässigung ihrer Bundesländer gefordert, den Rundfunkbeitrag nicht mehr an die…“

„… dass die politische Gliederung Deutschlands in sechzehn Bundesländer zwar wichtig sei, im Lehrplan der Klassenstufe 5 jedoch zwingend die Größe der Regenwälder sowie die Nebenflüsse des Amazonas und der…“

„… kritisiere die Kultusministerkonferenz vor allem die mangelnde inhaltliche Tiefe der Beiträge. Ein Film über die moderne Großstadt als Wohn- und Naturraum müsse unbedingt einen Exkurs über die Notwendigkeit ständiger Mietsteigerungen beinhalten, da sonst falsche Vorstellungen vom Sinn des Schulunterrichts bei den…“

„… es allerdings nicht mehr möglich sei, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Sendungen von 1970 zu wiederholen, da der zur Durchführung der Übungsaufgaben erforderliche Rechenschieber nur noch in wenigen Haushalten im…“

„… nur wissenschaftliche Einzelmeinungen abbilde. Der Verband Kritischer Eltern wolle nicht hinnehmen, dass die Evolutionstheorie als absolute Wahrheit dargestellt werde, ebenso fordere die Bundessprecherin eine Wahlfreiheit, ob die Erde als Scheibe oder…“

„… den Geschichtsunterricht bewusst entstellt habe, um alle Deutschen in den Schuldkult zu treiben, der nur in der ewigen Befriedigung gieriger Juden enden könne. Höcke werde sich vor dem…“

„… es mehr Kontrollen über den Lernerfolg geben müsse. Söder mahne an, dass für die frei verfügbaren Lerninhalte keine Erfolgskontrolle und eine kommentierte Lehrerausgabe der Filme im Netz zu finden sei. So könne sich jeder Schüler eine freie Meinung bilden, was nicht im Sinne des…“

„… die Beiträge deutlich straffen und mit erhöhter Geschwindigkeit abspielen müsse. Die Kultusminister würden befürchten, dass sich die Verkürzung der Schulzeit auf maximal zwölf Jahre sonst nicht abbilden lasse, was zu einer drohenden Untauglichkeit der Schüler für das Arbeitsleben…“

„… bedürfe es lediglich eines Fernsehers oder eines digitalen Endgerätes, um den Sendungen zu folgen. Es sei für Heil nicht Aufgabe des Staates, sozial schwachen Familien diese Technik über den ALG-II-Regelsatz zu finanzieren, außerdem liege es natürlich im Ermessen jedes einzelnen Bürgers, ob er sich Kinder anschaffe oder weiterhin als…“

„… die Filme über den Reichstagsbrand, den Polenfeldzug sowie die Judenverfolgung und den Holocaust als sehr gute Aufbereitung des Materials für die gymnasiale Mittelstufe bezeichnet habe. Es sei jedoch erforderlich, so Seehofer, dass nach jedem dieser Clips ein Warnhinweis vor der Antifa, die sogar Autofenster zerstören würden, um ihre menschenverachtenden und…“

„… scharfe Kritik an den Aussagen der ARD geübt habe, dass die Kinder die Lerninhalte von den Eltern begleitet anschauen sollten. Dies könne auf Dauer aber dazu führen, dass ihre wirtschaftliche Leistung durch die ständige Betreuung ihrer…“

„… beides verbinden wolle. Die Kultusminister hätten angeregt, alle Schüler im privaten Rahmen zu versammeln, um den Schulfunk zu sehen. Eltern seien damit wieder arbeitsfähig und hätten keine Infektionen im schulischen Rahmen mehr zu…“





Versatzstücke

17 12 2020

„An Ihrer Stelle hätte ich das anders gesagt, aber ich bin ja nicht Sie.“ „Danke!“ Hans Fritz, derzeit der größte Charakterdarsteller der vergangenen zehn Jahre, schritt wieder von der Freitreppe am städtischen Schwimmbad herunter. „Nehmen wir“, knurrte Siebels. „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Inzwischen hatte Fritz die Krawatte gewechselt, einen hellen Sommermantel übergestreift und sich in einen silbernen Sportwagen am Fuß der Treppe gesetzt. „Und bitte!“ Der Schauspieler riss hastig die Fahrertür auf, stieg aus und rannte die Straße entlang, bevor er sich an den Kopf fasste und zum Auto zurücklief. „Das Licht“, fluchte es hinter uns. „Jut, machen wa noch een.“ Siebels nippte an seinem Automatenkaffee. „Wir machen die Szene dann auch noch mal ohne Mantel.“ Der Regisseur wollte etwas einwenden, nickte aber ergeben. So schnell würde er keinen ganzen Drehtag mehr mit Hans Fritz und Linda Borowki bekommen.

Die Nachwuchsdiva hatte durchaus einen Ruf zu verteidigen. Ihre Schuhe waren nicht im für sie passenden Schwarzton. Sie schrie den Mitarbeiter aus der Garderobe an. Der Regieassistent tupfte sich den Schweiß ab. „Sie soll gleich die Szene im Fahrstuhl machen“, stöhnte er, „da sieht man die verdammten Schuhe sowieso nicht.“ „Kamera III läuft.“ „Es handelt sich um eine Deckenkamera“, informierte mich Siebels. „Wir haben nur einen normalen Fahrstuhl auftreiben können, also haben wir ein Weitwinkelobjektiv in die Kabinendecke eingebaut und machen eine kurze Einstellung während der Fahrt und eine, in der ein Komparse mit einer Menge Aktenordnern einsteigt.“ Borowki spielte die Anwältin eines Großkonzerns, die auf eigene Faust einen Insiderhandel aufdeckt. „Geben Sie der Dame irgendwelche Schuhe“, flüsterte der Produzent. „Ich kann dieses hysterische Gefasel nicht mehr hören.“

Unterdessen zwängte Fritz sich in einen zu engen Lederkombi – oder er hatte zwischen Casting und Dreh ein bisschen zugenommen – und setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Ich blickte Siebels an. „Ich will Ihnen ja keinen Vorwurf machen, aber offenbar hat keiner an dieses Motorrad gedacht.“ Er warf den Becher mit geübtem Schwung in den Papierkorb. „Wenn Sie das Buch gelesen hätten“, antwortete er ruhig, „dann wüssten Sie, dass man ihm gerade das Motorrad gestohlen hat.“ „Und bitte!“ „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ Fritz schien der Hals zu platzen. „Wo ist das verdammte Motorrad!?“ „Er ist ein richtiger Profi“, erklärte die graue Eminenz der deutschen Fernsehunterhaltung. „Andere würde so eine Szene uninspiriert wegspielen, er aber steigert sich regelrecht in seinen Text rein.“ Johnny, der Altrocker, schmiss wutentbrannt seine Handschuhe aufs Pflaster. Der Regisseur strahlte.

Anders bei Linda Borowki, die zu langsam auf den Fahrstuhl zuging. Es fehlte ihr an Nervosität, sie sollte in wenigen Minuten ihr Unternehmen in Gefahr vorfinden. „Glatte Fehlbesetzung“, meinte ich, doch auch das sah Siebels anders. „Haben Sie innerhalb der letzten Jahre…“ Ich schüttelte bereits den Kopf, doch wollte ich den TV-Produzenten nicht unterbrechen. „… irgendwelche Serien gesehen, die sich durch besondere Originalität ausgezeichnet hätten?“ Mein Schweigen schien Schuldeingeständnis zu sein. „Die ganze Wirkung beruht auf Dialogen, die sich selbst für witzig halten. Und genau da müssen wir als Produzenten nun ansetzen.“ Ich schaute ihn an; keine Spur von Ironie, also musste ich fürchten, er meinte es am Ende ernst. „Dialoge“, erläuterte Siebels, „bestehen immer aus denselben Versatzstücken, manchmal mehr, meist wenig passgenau.“ Ich erinnerte mich einiger Krimis im Sonntagsprogramm und nickte betroffen. „Lassen Sie den Humor beiseite“, bemerkte er mit einem müden Unterton. „Den werden Sie hier eh kaum finden. Es geht ohnehin nur um den Teil, den die Regie nicht im Griff hat, weil er sie intellektuell überfordert.“ Ich verstand nicht, aber da kam schon die nächste Szene.

Kommissar Klöpper schmiss seinen Mantel auf einen Stuhl und drehte sich um. „Der Fall ist klar“, deklamierte er. „Machen Sie Feierabend, ich schreibe schon mal den Bericht.“ „Cut“, schrie es aus der Kulisse, und: „Danke, gestorben.“ „Für die durchschnittliche Produktion reicht das“, sagte Siebels. „Der erste Verdächtige im Krimi ist ja eh nie der Täter, und der Zuschauer weiß das. Wir lassen den Mann als Kommissar Klöpper, als Sonderermittler Habicht oder den Bullen von Bad Gnirbtzschen im halben Halbprofil filmen, dann können wir ihn in dreizehn Serien einsetzen, ohne dass er auffällt, und die Szene passt in jeden Film.“

Der Aktenschlepper hatte den Fahrstuhl wieder verlassen, jetzt stand Linda Borowki allein in der Kabine. „Draufhalten“, sagte Siebels. „Sie wird ja schon ein bisschen unruhig, wollen wir mal sehen, wann sie die Nerven verliert.“ Das ging erstaunlich schnell, und innerhalb von zwei Minuten zeigte die Darstellerin einen erstaunlich lebensechten Anfall von Klaustrophobie, bei dem sie den Fahrstuhl von innen in seine Bestandteile zu zerlegen versuchte. „Ich frage mich gerade, ob das nicht ein bisschen zu echt ist.“ Siebels zog die Stirn in Falten. „Und Sie hielten sie für eine Fehlbesetzung?“ Unterdessen lief die Kamera weiter. Die Anwältin tobte und schrie. „Manchmal“, überlegte er, „da entsteht aus der Arbeit etwas ganz Neues, das erst im Schnitt seine Qualitäten entfaltet. Man kann ganz neue Szenen daraus erarbeiten, vielleicht sogar einen ganz neuen Film.“ Siebels winkte dem Regisseur. „Wir lange haben Sie denn heute noch Zeit?“





Per Sachsen-Anhalter

2 12 2020

„… es Absprachen gegeben habe, um die Anhebung des Rundfunkbeitrages in letzter Minute zu verhindern. Ein gemeinsames Veto von CDU und AfD könne ein Zeichen setzen in der Reduzierung des staatlich gelenkten…“

„… werde die SPD trotz ihres Protestes vorerst keine Konsequenzen für die Regierungskoalition in Sachsen-Anhalt in Erwägung ziehen. Man verlasse sich eher auf die Grünen, die ohne Beteiligung an der Bundesregierung eine eigene…“

„… dass Haseloff entschieden zurückweise, die AfD als Erfüllungsgehilfen für die staatsfeindliche Politik der Ost-CDU zu missbrauchen. Ob dies im umgekehrten Fall der Weg sei, entziehe sich jedoch der Kenntnis des…“

„… teilweise Verständnis für die Arbeit der öffentlich-rechtlichen Programme geäußert habe. Meuthen wolle nur ungern auf die staatliche Presse verzichten, da er sich sonst nicht so leicht in eine Opferrolle wegen ihrer Berichterstattung im…“

„… dass das Ausscheiden eines einzelnen Landes aus dem Mitteldeutschen Rundfunk oder die Selbstständigkeit des MDR auch technisch nicht zu bewerkstelligen seien. Ebenso könne das Land ohne die Unterstützung anderer ARD-Anstalten keine ausgewogene Berichterstattung garantieren und müsse hinnehmen, dass sich kritische, teilweise sogar demokratische Tendenzen in einzelne…“

„… den Parteienproporz in TV-Talkshows abschaffen werde, um die politische Bevormundung der Bürger zu beenden. Im Gegenzug verlange die AfD, dass pro Sendung mindestens drei ihrer Vertreter in den…“

„… Einsparungen durch die Abschaffung des Kinderkanals vorgeschlagen habe. Höcke fordere die freiwillige Zwangsmitgliedschaft in einer nationalen Organisation, die das Jungvolk auf den Angriffskrieg gegen negroide Fremdrassen und ostische Ballastvölker in den…“

„… habe Haseloff allerdings die Änderung des Rundfunkstaatsvertrages unterschrieben. Er werbe jetzt für eine Enthaltung, um später den linksgrünen Parteien die Schuld an der…“

„… vielmals um Entschuldigung gebeten, dass die Volksvertreter der Alternative für Deutschland in diese Lage gebracht worden seien. Buhrow wolle auch im kommenden Jahr eine…“

„… die Erhöhung letztlich nur sechsundachtzig Cent betrage. Als Kompromiss wolle die CDU-Fraktion vorschlagen, dass der neue Beitrag den Wert von 18,88 EUR…“

„… einen zu starken Fokus auf die westlichen Sendeanstalten moniere. Höcke wolle nur bei einer autonomen Sendeanstalt, die umfassend von seinen Ostfeldzügen berichte, eine Lösung mit den…“

„… dass die Rundfunkgebühr weiterhin als ‚Demokratieabgabe‘ bezeichnet werden dürfe. Die Praxis sei nach Forderung von Gauland sofort zu beenden, da man dem Volk nicht zumuten könne, Geld für etwas zu bezahlen, was man gar nicht…“

„… nicht auf die Kompromissfähigkeit der Grünen setze. Haseloff werde sich auch nach der Neuwahl in einer Minderheitsregierung gut mit der AfD verstehen und den Wählerwillen als…“

„… umfangreiches Material in den Archiven der Sendeanstalten vorgehalten werde. Buhrow habe sich entschuldigt, dass bisher nur knapp 3.000 Stunden Dokumentations- und Propagandamaterial über den Nationalsozialismus ausgestrahlt worden seien und verspreche, dass durch Konzentration und Neugestaltung eine Vielzahl neuer Sendungen in den kommenden Monaten und…“

„… in den ersten hundert Tagen seiner Kanzlerschaft täglich bis zu zehn Stunden in einem überregionalen Programm auftreten werde, das die Gebühren von dreißig Euro auch wert sei. Merz könne sich dazu mehrere neue staatlich finanzierte und/oder privat produzierte Sender zu seinen…“

„… seien die öffentlich-rechtlichen Sender eine Erfindung der alliierten Kriegsverbrecher, um die Lufthoheit über die Volksempfänger und damit die deutsche Ehre zu brechen. Höcke drohe sämtlichen Feindmächten mit dem brutalsten Widerstand gegen von zionistischen Mainzelmännchen gekauftes…“

„… verbitte sich Haseloff eine Einmischung in seine Zusammenarbeit mit Nationalsozialisten. Er werde seine Lehren daraus ziehen und nach den Neuwahlen als Juniorpartner der von Tillschneider geführten SA-AfD keine Rücksichtnahme auf…“

„… kritisiere die Partei das gesamte Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und wolle eine wesentlich bessere Lenkung. Statt die Anstalten von gewählten Parlamentariern leiten zu lassen, werde man ab sofort nur noch die AfD mit der Direktion der jeweiligen…“

„… habe Kramp-Karrenbauer eine sehr klare Meinung zum aktuellen Geschehen. Da es unter Merkel zu oft gemeinsame Lösungen gegeben habe, müsse die Union jetzt demokratische Prozesse neu denken können. Sie selbst sei jedoch nicht dieser Ansicht, wolle sie auch nicht öffentlich äußern und nach ihrem Rücktritt ein Parteiamt mit weniger…“

„… das stalinistische Hetzfernsehen einfach durch unabhängige Internetkanäle ersetzen wolle. Meuthen rechne fest mit mehreren Millionen Zuschauern, die ein von der AfD produziertes Medium mit bis zum drei Stunden hochwertigen Inhalten pro…“

„… sich die erste Erhöhung der Gebühren nach 2009 für die CDU im Rahmen halte. Der lange geforderte Bau der zusätzlichen Sendezentrale in Magdeburg könne nach der Zustimmung aus dem Westen nun Akzente setzen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die Haseloff als Intendant des…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVII): Die ewige Gegenwart der Nachrichtenüberflutung

23 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Versorgung der Gesellschaft mit aktuellen Nachrichten unterlag auch einem medialen Wandel, der den Umgang damit bestimmte. Im Zeitalter der kompletten Vernetzung bedarf es lediglich einer ungeschickten Handbewegung, schon quillt ein Brei an Neuigkeiten aus dem digitalen Endgerät; noch vor wenigen Jahrzehnten versammelten sich die Andächtigen vor dem televisionären Kasten, um die abendliche Ration an Kunde aus der Welt in Bild und Ton zu empfangen, wie sie davor aus der Wochenschau vermeldet ward und aus dem Radio suppte. Bis zur Nutzbarkeit der Elektrizität im industriellen Maßstab erschienen Zeitungen zwar täglich, unterrichteten jedoch noch mit erheblichem Verzug von Wahlen, Kaiserreden und anderen Katastrophen, was in interkontinentalen Maßstäben erst so richtig auftrug. Wissen ließ sich problemlos konservieren, aber dies ist ja nicht alleiniger Zweck eines Mediums. Erst die Erfindung des Buchdrucks machte es verhältnismäßig einfach, die Menschheit von der Erfindung des Buchdrucks in Kenntnis zu setzen. Warum haben wir uns zu den Konsumenten für allerlei Verkündigungskrempel entwickelt, und wenn ja, wozu eigentlich?

Tatsächlich waten wir schon nicht mehr durch die Flut der Schnell-, Eil- und Sondermeldungen, die uns ungehemmt auf allen Kanälen die Beine wegreißt, uns überspült und in sinnlosen Details der ewig schwatzenden Kommentare ersäuft. Nicht mehr die laue Berieselung eines Supermarktes, in dem seichtes Popgeträller mit trivialer Reklame die Aufmerksamkeitsspanne langsam versanden lässt, nicht die einfach zu ignorierenden Schlagzeilen, die auf langsamem Papier an uns vorüberziehen und in der nahenden Vergangenheit verwehen, die brutale Echtzeit raubt uns den letzten betriebsbereiten Nerv und stellt das Bewusstsein des Bekloppten um auf vegetatives Funktionieren. Was eigentlich noch als Information gilt, wird schon bald nur noch als Grundrauschen wahrgenommen, bis die Fähigkeit zum Differenzieren endgültig verloren geht. Zeit als fundamentaler Faktor kognitiver Unterscheidungen spielt plötzlich keine Rolle mehr, und wenn, dann nur noch eine willkürliche; wie die Hirnautomatik des Glotzenguckers den Stützapparat steuert, dass er nur in den Werbepausen Körperflüssigkeit in die Kanalisation kippt und den Kaloriennachschub in der gepolsterten Zone sichert, so schaltet auch der Cortex irgendwann auf Standby, um nicht ständig mit irgendwelchen Statusänderungen belämmert zu werden. Wir kennen das von Opa, er hat uns oft genug aus dem Krieg erzählt.

Allein der Status ändert sich nicht wirklich. Die Anzahl der Kanäle wächst fortwährend, als würden immer mehr Lautsprecher dasselbe dudeln, eine statische Woge des reinen Nichts. Die Flut löst ein Gefühl gottgleicher Allgegenwart aus, als krümme sich die Zeit zusammen zu einem omnipotenten Präsens. Üblicherweise führt eine Überlastung zum Stillstand des Systems, so auch hier – Wichtiges und Unwichtiges verschwimmen, Widersprüche werden in der mantraartigen Wiederwiederholung gar nicht erst durch den Filter gelassen, nicht einmal durch die ansonsten zuverlässig sortierende selektive Wahrnehmung, die die meisten Deppen nur das hören lässt, was sie hören wollen. Natürlich ist dies auch der weitgehend ritualisierten Form des Nachrichtenjournalismus geschuldet, der aus den immergleichen Worthülsen einen Schlamm schwiemelt, der noch jeden Gehörgang verstopft hat. Und so entsteht aus der Bündelung der Stimmen das paradoxe Gefühl, der in den Schädel gehämmerte Schrott erzeuge die unumstößliche Wahrheit, in deren Besitz sich nun jede Knalltüte wähnen darf. Ewige Erleuchtung. Das Wissen.

Das Gegenteil ist der Fall. Sobald der gemeine Hohlpflock im Vollgefühl seiner Göttlichkeit zum Kommentar anhebt, merkt man, dass die manische Druckbeschallung unter der Kalotte besenreine Sauberkeit hinterlassen hat; ein paar Staubreste kleben noch in den Synapsen, aber sonst findet hier keine Signalverarbeitung mehr statt. Alles ist, nichts wird. Kausalzusammenhänge sind schon seit längerer Zeit nicht mehr auffindbar. Geschichte und Prognose kommen nicht mehr vor, sie sind nur noch Facetten eines kontinuierlichen Bewusstlosigkeitsstroms. Welcher Kontakt mit der Botschaft auch immer diesen Zustand auslöst, im Zweifel über die sozialen Medien, es ist nicht mehr entscheidend, wer wann etwas gesagt, geschrieben, veröffentlicht hat, es zählt nur noch der Zeitpunkt der Rezeption – esse est percipi, und nicht immer ist es dasselbe, was in einem Augenblick erschaffen und im anderen vernichtet wird. Manchmal kommt auch der Geist dazwischen.

Wo immer sich mit der linearen Zeit viel mehr Material anhäuft, das in seiner absoluten Menge die differenzierte Debatte auslöscht, wird eine echte Entscheidung unmöglich. Wenn wir merken, dass wir manipuliert werden, ist es schon zu spät, aber wir merken es nicht, weil wir den Unterschied von zwei Zuständen, vorher und danach, nicht mehr erkennen. Vielleicht werden wir irgendwann sehen, dass dies eine Sackgasse ist. Irgendwann später. Jedenfalls nicht jetzt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXI): Tierdokumentationen

11 09 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war ja nicht alles schlecht. Das Buntkehlchen zwitscherte morgens durch den kleinen Wald, der Erdpuschler warnte mit Gejiekel und Gefiep vor der Säbelzahnziege, anmutig düngte das gemeine Reh den Boden. Ab und zu schmeckte das Buntkehlchen als Beilage zum Fruchtmus, ab und zu regulierte die Säbelzahnziege den Bestand an Hominiden in der Siedlung am Rand der Savanne. Die Berichte von Einhörnern waren möglicherweise übertrieben, vor allem die hinreißenden Malereien späterer Generationen, nachdem die Art wegevolutioniert worden war. Dann baute der Mensch Kathedralen und Fabriken, planierte die Vegetation für mehr Parkplätze und stellte bekümmert fest, dass er die Erinnerung an früher langsam verlor. Nichts half. Erst die Erfindung des Fernsehens brachte Rettung, wenn welches Medium sollte sich sonst eignen für die gemeine Tierdoku?

Wir werden alle zu tränendrüsigen Deppen, die sich vor dem Brüllgerät scharen, wenn Eich- und Streifenhorn putziglich ihr Nüsslein knabbern, die Katz ihr Kindchenschema in die Kamera drückt und der Eisbär, kurz vor der Ausrottung zugunsten des deutschen Menschenrechts auf einen Diesel-SUV, glücklicherweise in Gefangenschaft seinen Hering wegmüffelt. Überhaupt pelzig, drall, schnuckelig oder wild, gefährlich und trotzdem populär – kein Zuschauer hat Bock auf die Klapperschlangen-und-Giftfrösche-Show – schon tritt die gewünschte Serotoninauskippung im Betrachter ein, mit der die beiden gewünschten Effekte kommen. Zum einen ist jedes Tier lieb.

Wer sich schon einmal die Mückenstiche einer lauen Sommernacht blutig gekratzt hat, darf gerne die alternative Wahrnehmung bemühen. Auch die Besiedelung eines Bordeauxschwenkers mit der szenetypischen Fruchtfliege, die aus den Resten der Radieschen im Küchenkübel entstammt, trägt nicht zur Akzeptanz des Geziefers bei. Nachbars Mieze ist so lange süß, bis sie vor versammelter Meute einen Singvogel in seine anatomischen Einzelteile zerlegt. Der Quotendackel, der für treue Augen und phlegmatischen Move dem Flachdachscheitelbürger ans Herz wuchert, erledigt mit dem Hamster zwei Türen weiter auf dem heimischen Rasen dasselbe Gemetzel: Leben und sterben lassen. Das mählich von Internetvideos aufgeweichte Resthirn sieht eine Katze mit einem Dutzend Küken und wundert sich, warum hier kein Splatterzeugs abläuft. Vermutlich hatte Muschi zwischendurch Streicheleinheiten, was direkt zur nächsten Baustelle führt.

Tiere werden grundsätzlich vermenschlicht. Da guckt die Großkatze noch mal über den eigenen Nachwuchs, und schon haut es die Jungen des vorherigen Abteilungsleiters weg. Es dient natürlich nur der Arterhaltung durch genetische Dominanz, wird aber trotzdem selten gezeigt. Ebenso wird die schnuckelige Anhänglichkeit der Heuler als Image des Säuglings verkauft, der ohne industriell-militärischen Komplex in Ruhe durch die Nordsee paddelt, aus dramaturgischen Gründen aber die Medienpräsenz vorzieht. Kein Hirnzellensolist ist in der Lage, sich die Notwendigkeit einer Aufzucht zu wünschen, für die Heimtiere aber haben wir die erforderliche Nähe bereits hergestellt, um die Biester zu funktionalisieren – immer schön, wenn das Frettchen im Bettchen pennt, der Hase im Drahtknast an Unterforderung wegsackt und die Schildkröte ihre letzten hundert Jahre in gepflegter Ignoranz verbringt. Die uns eingeschwiemelte Vorstellung kriegen wir nicht mehr raus. Auch nicht, wenn man die Viecher im Zoo filmt, satt und sauber und verdächtig kritiklos, bevor man sie wie unsere Senioren in die Endablagerung schickt. Sehr viel lustiger wäre es, alle Scheuerstellen im Ansatz zu zeigen, wie wir mit anderen Spezies umgehen.

Abgesehen vom üblichen Sozialporno könnte eine Dauerserie durch die Kanäle suppen, die Tierrechte thematisiert, das Artensterben (gerne ohne die sonore Erzählerstimme, die das Abnippeln des Klappschenkelwalrosses lakonisch weglabert), vor allem die Massentierhaltung, mit der sich die Hominiden schon das Grab geschaufelt haben. Wir waren ja bei den Menschenrechten, und keiner Sau kann man klarmachen, warum man Quokkas oder Faultiere nicht einfach ausblenden darf. Man darf das natürlich. Aber nur aus Gründen.

Wir selbst sind die Antwort. Sinnvoller wäre es, die Dummklumpen unserer eigenen Spezies in der Fülle ihrer tierischen Beklopptheit zu zeigen, ein Minderheitenprogramm zwar, aber sehenswert, wie wir bei Aufzucht und Hege des Nachwuchses aus reiner Eigensucht kläglich versagen, auf kleine bunte Bildschirme glotzen, während wir uns die Birne mit allerlei Lösungsmitteln zuziehen, über betonierte Pisten durch die weggeklappten Wälder heizen, das planetare Klima aufschaukeln und die anderen Arten ausradieren. Der entscheidende Störfaktor sind wir, die aus dem Ruder gelaufene Laune der Natur, die als erste Besiedelung ihr komplettes Habitat in die Tonne treten kann und das auch lustvoll tut. Immerhin, wir haben dabei eine nostalgische Liebe zur Kreatur entwickelt. Denn wo hat es der Eisbär so schön wie im Zoo?





Extrem

30 06 2020

„Und Sie sind…?“ Bevor ich noch der Dame am Empfang meine Karte hatte reichen könne, kam Minnichkeit aus dem Aufzug, mausgrau wie immer und noch ein bisschen tollpatschiger als sonst. „Wir freuen uns“, strahlte er. „Lassen Sie uns sofort in die Redaktion fahren, er erwartet Sie schon!“

Seit Trends & Friends, der leicht überkandidelten Agentur, hatte er nicht mehr so ein Vergnügen gehabt. Der Bürojob hatte ihn für ein paar Jahre beruhigt, doch nun zog es den Kreativen zurück in sein Metier. „Ich habe ihn entdeckt“, sagte Minnichkeit nicht ohne Stolz. „Wir sind so gut wie ausgelastet, es läuft großartig.“ Der Lift bimmelte, wir hatten das Stockwerk erreicht. Kaum rollten die Türen zur Seite, sahen wir ihn auch schon, wie er aufgeregt mit einem leeren Becher über den Flur stürmte. „Kaffee-Wahnsinn“, keuchte er, „schon wieder leer!“ Minnichkeit nickte. „Er ist in seinem Element. Eigentlich die ganze Zeit.“ „Und was ist noch mal genau seine Aufgabe?“ Der alte Freund zog die Brauen empor. „Er ist unser Schlagzeilenspezialist.“

Wir hatten uns schon im Büro niedergelassen, da kam der Spezialist zurück. „Super-Sommer“, verkündete er. „Was Sie jetzt gegen Monster-Hitze tun können!“ Und er kippte das Fenster. „Ich sehe“, bestätigte ich, „Sie sind ein Meister Ihres Faches.“ „Wir sind auch sehr zufrieden“, sagte Minnichkeit. „Ein komplett neues Geschäftsmodell, und es hat sofort wie eine Bombe eingeschlagen.“ „Business-Killer“, erklärte der Redakteur, „Wahnsinns-Umsatz im ersten Quartal – das Start-Up, das Sie kennen müssen!“ Ich schlug die Pressemappe auf. „Das sind also die Titel der letzten Wochen.“ Doch Minnichkeit rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie, das machen wir an einem Vormittag!“

„Chaos-Wirtschaft!“ Offenbar hatte unser Schreiber wieder eine Eingebung. „Deutschland geschockt von Merkel-Plan!“ „Ich kann damit jetzt nicht viel anfangen“, bemerkte ich. Möglich, dass es neue Entwicklungen in der Europäischen Union gab, von denen ich noch nichts gelesen hatte. „So werden wir von Ekel-Ausländern abgezockt!“ „Da lag ich dann wohl falsch.“ Minnichkeit knetete die Hände. „Manchmal ist er ein bisschen, wie soll ich sagen – direkt.“ Ich nickte. „Sie richten sich ja auch nicht gerade an eine intellektuelle Zielgruppe.“ „Noch mehr Hartz IV!“ „Ist das jetzt gut oder schlecht?“ „Bezahlt Merkel Corona-Drosten?“ Ich merkte, dass ich eine Pause brauchte. Zum Glück war ihm auch der Kaffee ausgegangen. Wir konnten uns auf dem Balkon ein wenig die Beine vertreten. Dort draußen war die Sommerluft sogar angenehm.

„Klopapier-Terror“, stöhnte er und setzte sich wieder in seinen Drehsessel. „Ist Steuer-Irrsinn jetzt noch Deutschland?“ Ich nippte nur einen kleinen Schluck aus meiner Tasse, aber Minnichkeit lief rot an. „Wir hatten das doch gerade erst“, stöhnte er, „das kann doch jetzt nicht schon wieder… – “ „Hitler-Gold!“ Ich schielte nach dem Fenster. „Vielleicht ist es doch ein bisschen warm hier.“ Ich hatte recht, und der Werbekaufmann erklärte es mir sogleich. „Er läuft ab und zu heiß, dann bleibt er an einer Ecke hängen und wir müssen ihn langsam wieder beruhigen.“ Ich stellte die Tasse zurück auf den Tisch. „Scheint sich um die rechte Ecke zu handeln.“ Minnichkeit räusperte sich mit einer Art von Bestimmtheit, die ich von ihm gar nicht kannte. „Sie wissen, aus welcher Branche ich komme, und da muss man schon darauf achten, dass man sein Produkt auch verkaufen kann – wir würden doch sonst die Leser gar nicht erreichen.“ Ich lehnte mich zurück und wollte gerade antworten, aber ich kam nicht dazu. „Sex-Schock! Extrem-Ausländer! Wird Deutschland von Feministinnen vergewaltigt?“ „Ihr Problem“, antwortete ich kühl, „ist nicht Ihre Branche, Ihr Problem sind Ihre Kunden.“

Minnichkeit blieb eingeschnappt; er rührte noch ein bisschen in seiner Tasse herum, dann blätterte er wieder in der Mappe. „Wir müssen ja heute noch ein bisschen arbeiten“, sagte er schmallippig. „Von alleine macht sich das ja nicht, auch wenn es Ihnen so scheint.“ „Klinik-Skandal“, setzte der Redakteur ein. „Impf-Irrsinn! Merkel fordert neue Risiko-Milliarden für EU! Corona-Wurst tötet Rentner! Ist Autofahren bald verboten?“ „Vielleicht sollten Sie die Installation einer Klimaanlage in Erwägung ziehen.“ „Ruhig“, zischte Minnichkeit. „Das sind die besten Titel, die uns pro Stück mindestens…“ „Lügen-Virologe kriegt Geld vom Staat! Drama im Freibad – Kinder schwimmen in den Tod! Fußball-Entzug für Hartz-IV-Schnorrer! Asylanten fordern Milliarden für Drogen!“ Er hustete kräftig; nicht auszuschließen, dass es psychosomatisch war. „Randale-Migranten – Prügelstrafe jetzt! So viel Geld kosten uns Arbeitslose! Linke wollen alle Polizisten ins Lager schicken! Deutsch-Terror – Grüne schaffen Zigeunerschnitzel ab!“ „Schön“, lobte Minnichkeit, „sehr, sehr schön. Das ist einer der besten Tage seit langem, und ich muss sagen, ich bin wirklich zufrieden mit Ihnen.“ Fast hätte man sagen können, dass ein Lächeln über das Gesicht des Schlagzeilenproduzenten gehuscht wäre, aber vielleicht hatte ich mich auch nur getäuscht. „Wie Sie sehen, haben wir mit unserem Geschäftsmodell eine große Lücke im Journalismus geschlossen und sind auf dem Weg zum großen Erfolg.“ Ich lächelte. „Minnichkeit, nehmen Sie es mir nicht übel, aber dass jemand die Schlagzeilen zu Zeitungsartikeln…“ Er winkte ab. „Nein, Sie haben das nicht verstanden. Er liefert die Titel. Was die Zeitungen dann für Artikel schreiben, das ist nicht mehr unser Problem. Wie gesagt, ein ganz neues Geschäftsmodell.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXVIII): Ekelwerbung

12 06 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Keiner weiß wirklich, wie es angefangen hat, es liegt jedoch nahe, dass der römische Statthalter Marcus Tullius Stultus vor dem Gastmahl einen seiner etatmäßigen Sänger auftreten ließ, der beim Aperitif mit Lerchenzungen und Otternasen mäßig klampfte und alsbald ausrief: „Fußgeruch!“ Schnell und unbürokratisch war die Stimmung im Eimer, der Präfekt sparte gebratenen Fasan, allerlei Obst, Wein und Zuckerzeug. Immer wieder schön, wie es ihm gelang, die Gesellschaft aufzulockern und im Gespräch zu bleiben. Leider geriet sein Beispiel in den kommenden Jahrhunderten nicht hinreichend in Vergessenheit, denn bis heute müssen wir es leiden, wie noch das deutsche Farbfernsehen in epischer Breite und täglich zur schönsten Sendezeit seinen wehrlosen Zuschauern in den Neocortex ballert, und das in Gestalt der Ekelwerbung.

Zur schönsten Sendezeit, das heißt: im Alltag meist kurz vor oder im Zieleinlauf der abendlichen Nahrungsaufnahme, wenn die Studierenden bereits das Bewusstsein erlangt haben und Senioren noch nicht sediert sind, die familienfreundliche Stunde, die nach Erwerbsarbeit und Sozialkontakten ganz der Entspannung dienen soll. „Ich bin Entwicklerin in einem großen Unternehmen für Hundeleinen“, jodelt’s da aus der Glotze, „deshalb kenne ich mich mit hartem Stuhlgang aus!“ Nach dreißig quälenden Sekunden beendet die Darmleuchterin ihr Gewürge und leitet ansatzlos in den nächsten Spot über, der in barocker Plastizität von Diarrhö singt, als gäbe es damit einen Krieg zu gewinnen. Spätestens nach der zweiten Einheit an Verkaufsförderung von Bauchheilmitteln kommt dem wehrlosen Zuseher die ganze Plempe mit Hochdruck aus allen anderen Körperöffnungen entgegen, spätestens bei der bunten Reizdarm-Reklame fliegt der Flimmerkasten mit Fahrtwind durch die ungeöffnete Scheibe und touchiert final die Straßenoberfläche.

Früher meuchelten Hüfthalter noch diskret die Damen, heute setzen sich völlig verseifte Mimen vor die Kamera und spielen jugendlich bewegte Pärchen, die einander bei einem guten Rotwein die Vorzüge einer Zahnpasta preisen, weil das Zeug die Blutung oberhalb der Beißer wegschwiemelt. Wer herausfindet, welche Gesellschaft das abbilden soll, ist herzlich eingeladen, sich bis zum Ableben in deren Obhut zu begeben und möglichst nie mehr in die zivilisierte Welt zurückzukehren, um mit derlei Geschmacksverkalkung eine ganze Nation in die kollektive Übelkeit zu treiben. Drüben in der Küche schält vermutlich das Gespons Kartoffeln und salzt bedächtig nach, während adoleszente Gutausseher, die wir selbst gerne sein wollen – zumindest ist es das Ziel der Filmchenfuzzis, uns eben dieses in die Birne zu pfriemeln – die unerträgliche Seichtigkeit des Neins zum Nagelpilz zelebrieren. Nagelpilz, wer ist nicht im Thema, wenn sich hippe Typen um Lifestyle-Themen wie Enddarmausstülpungen oder entzündete Haut dank bakterieller Superinfektion unterhalten, auf dass sich alles am Ende easypeasy im Arm liegt. Vermutlich bricht sich das brüllend über die Schulter, aber wir wischen’s ja nicht weg.

Ja, tröpfelt’s aus dem Kanal, die Vorderseite ist auch schon dran. Allerlei Zeug zum Naturheilen in Pille-Palle-Form gegen permanente Entwässerung im fortgeschrittenen Mannesalter dräut uns, und jetzt wird auch klar, was die Propagangster wollen: die komplette Aufmerksamkeit der von Enkeltrick und Apothekenpostillen umzingelten Generation, die sich mit Baldrian, Knoblauch und Kürbiskernen gegen irreversible Alterungserscheinungen mästet, vorsichtshalber den Gegenwert einer Mahlzeit in Form von Nahrungsergänzungsmitteln in die Diät einpreist und jede Kasperade sofort kauft, weil die Nachbarn es sicher auch tun. Steht der Quark erst einmal gut sichtbar bis prominent in der Drogerie, hebelt ihn sich der eine oder andere Ruheständler für teuer Geld in den Wagen, ob es hilft oder nicht.

Früher fielen den Benutzern der falschen Paste wenigstens noch Zähne aus, dass eine griechische Tragödie nichts dagegen war. Üble Schmutzränder krusteten sich an der Keramik entlang. Vorläufiger Endpunkt des Grauens war die Katastrophe namens Gefrierbrand, die dem Kurzgebratenen unmittelbar vor dem Besuch des Vorgesetzten dräute. Alles vom Tisch, Körperscham und Psychohygiene, es geht munter zurück in die infantile Phase der schwindenden Scham, mit der die Demenz sich anschleicht – wer sonst, wenn nicht Herrschaften im kaufkräftigen Ruhestand, ist hier gemeint, der sich vor lauter sickerndem Sekret und nässenden Ausfallerscheinungen nicht angesprochen fühlte? Noch hat man uns diverse Hygieneartikel nicht im lebensechten Gebrauch gezeigt. Unerschlossen ist das Würgegefühl beim Einsatz diverser federnder Zahnbürsten. Aber sollte sich die Check-24-Familie jemals zum Thema Verstopfung äußern, brennt die Mattscheibe. Versprochen.





Schwarzer Kanal

8 06 2020

„Wir könnten diese eine da aus Berlin einladen.“ „Die Journalistin?“ „Sie meinen die Ärztin.“ „Weiß ich nicht, aber die ist Ausländerin.“ „Ich dachte, die ist deutsch?“ „Wenn Sie die Farbige da meinen, die kann doch nicht deutsch sein.“ „Wozu soll die denn kommen?“ „Naja, Rassismus halt.“

„Dann lade ich aber keine Ärztin ein.“ „Meinen Sie, als Ärztin ist man keinem Rassismus ausgesetzt in Deutschland?“ „Ärzte machen hier gerade nur Corona.“ „Ich dachte, für Corona holen wir nur die Wirtschaft und ab und zu einen Schauspieler?“ „Wenn wir die jetzt einladen, dann wollen doch alle, dass die auch irgendwas zu Corona sagt.“ „Die Diskussion kann man doch auf Rassismus…“ „Ich meine, die will dann wieder eingeladen werden, das geht doch nicht!“ „Und diese Journalistin?“ „Wir haben schon einen Journalisten in der Sendung.“ „Muss der denn eingeladen werden?“ „Der ist so gut wie immer da.“ „Wenn wir den rausnehmen, dann kommt er so schnell nicht wieder.“

„Dann hätten wir noch den Sänger, der ist ja in letzter Zeit auch ganz bekannt.“ „Das ist aber kein Ausländer.“ „Muss ja auch nicht.“ „Wenn er aber Ausländer wäre, dann könnte er besser vergleichen, wo jetzt mehr Rassismus ist.“ „Ja, das klingt okay.“ „Dann laden Sie den mal ein.“ „So war das aber nicht gemeint!“ „Ich meine, so als Künstler ist das auch eher zu emotional besetzt, der steigert sich in eine unwissenschaftliche Definition von Rassismus rein, die wir hier nicht senden können.“ „Gucken Sie mal nach, ob Sie einen farbigen Soziologen im Telefonbuch haben.“ „Da ist einer aus Hamburg, aber das ist ein Psychologe.“ „Einen Versuch wäre es wert.“ „Schmidt, der ist seit dem…“ „Nee, das klingt scheiße.“ „Zu deutsch.“ „Wenn er Ausländer wäre, ginge es.“ „Als Österreicher?“ „Ich will hier keinen Stress mit dem Chefredakteur kriegen.“

„Die Frage ist doch erst mal, wie definieren wir Rassismus?“ „Das sollen doch die Farbigen für uns machen.“ „Wer macht denn hier das Programm, die Gäste oder wir?“ „Wir sind doch nicht der schwarze Kanal!“ „Ich möchte sowieso mal wissen, was die in der Sendung sagen wollen.“ „Dass es Rassismus in Deutschland gibt.“ „Das können wir doch im Spätprogramm immer noch machen.“ „Als Feature ist das auch leichter zu verarbeiten.“ „Und wenn es richtig spät kommt, guckt keine Sau zu.“ „Dann haben wir wieder das Problem, dass uns jeder vorwirft, nichts gegen Rassismus zu tun.“ „Doch, wir haben mindestens ein Dutzend Features über Rassismus.“ „Kann man neu zusammenschneiden, das merkt auch keiner.“ „Da könnte man doch den Soziologen reinsetzen, der kommentiert das.“ „Der ist Psychologe.“ „Meinen Sie, irgendjemand kapiert den Unterschied?“ „Ist halt ein Schwarzer.“ „Aber er vertritt dann nur die wissenschaftliche Definition und verzerrt die objektive Sicht auf das Material.“

„Insgesamt fehlt mir das kritische Element.“ „In den anderen Sendungen ging es zum Beispiel um Ausländer, da hatten wir diesen Nazi, der die halbe Sendezeit über gelogen hat.“ „Genau, so hatten wir die Chance zur dialektischen Diskussion.“ „Es gab doch mal diesen Ex-Muslim, der alle Muslime als Terroristen bezeichnet hat.“ „Genau, das bräuchten wir.“ „Einen Ex-Schwarzen?“ „Hähähä!“ „Es gibt doch Rechte, die alle Ausländer grundsätzlich aus Deutschland rausschmeißen wollen.“ „Und wenn wir nun einen deutschen Schwarzen einladen?“ „Einen schwarzen Deutschen meinen Sie.“ „Das ist doch dasselbe!“ „Für Rechte schon.“ „Dann haben wir wenigstens eine Chance auf eine Diskussion, die wir sonst im Alltag nicht führen.“ „Als Weiße sowieso nicht.“

„Wir könnten doch trotzdem diesen Sänger und vielleicht noch einen Fußballspieler einladen.“ „Das halte ich nicht für zielführend.“ „Vermutlich meint ein Teil des Publikums dann, dass die ja eigentlich alles geschafft haben.“ „Trotz ihrer Hautfarbe.“ „Sie meinen positive Diskriminierung?“ „Das wäre dann ja letztlich wieder Rassismus gegen Weiße.“ „Für die Diskussion wäre das gut.“ „Wir müssen nur sehen, dass wir da niemanden einladen, der noch mal wiederkommen soll.“ „Keine Sorge, von denen kommt keiner.“ „Zumindest nicht freiwillig.“

„Man könnte ja trotzdem mal einen schwarzen Polizisten einladen, der kann über institutionellen Rassismus mitreden.“ „Ich kenne da diesen einen Schauspieler, der…“ „Ja, der spielt aber nur einen schwarzen Polizisten.“ „Er ist aber ein Schwarzer, der einen Polizisten spielt.“ „Hätte er Polizist werden wollen, wäre es möglicherweise gar nicht erst geworden.“ „Vielleicht ist er deshalb ja gleich Schauspieler geworden?“ „Das führt doch zu nichts!“ „Warum kann die Redaktion nicht einmal eine schwarze Quotenfrau raussuchen!?“ „Die sind alle mit Behindertenbonus versehen.“ „Ach so.“ „Es bieten sich doch immer so viele an.“ „Da wäre ich vorsichtig, vielleicht wollen die nur mal ins Fernsehen.“ „Dann riskieren wir, dass die unschöne Sachen sagen.“ „Genau.“ „Was aber viel schlimmer wäre, die wollen dann jedes Mal eingeladen werden.“ „Sie meinen immer, wenn irgendwo ein Zwischenfall mit Ausländerfeindlichkeit in den Medien ist?“ „Wenn es sich um Deutsche handelt, ist es ja keine Ausländerfeindlichkeit.“ „Okay, dann muss man sie auch nicht einladen.“ „Also diese Dominanz von Farbigen kann sich auf den Sender auch negativ auswirken.“ „Sage ich ja, Rassismus gegen Weiße.“ „Wir können uns doch nicht ewig dieses Gejammer anhören, dass es in Deutschland Rassismus gibt!“ „Eben, woanders ist es noch viel schlimmer.“ „Ich bin jetzt die Faxen leid.“ „Haben Sie die Nummer von dem Arzt?“ „Corona?“ „Ja.“ „Okay.“ „Meine Herren, die Sendung steht.“





Fakten

5 05 2020

„Andererseits müsste man mal wieder was über die Wirtschaft bringen.“ „Oder soziale Themen.“ „Es wird ja auch nichts mehr über die Klimakatastrophe berichtet.“ „Jedenfalls müsste man mal sehen, ob die Autobauer sich jetzt endlich am Riemen reißen und die Verbrenner ausmustern.“ „Und die nächste Sendung?“ „Lindner hat angerufen, er will dreißig Minuten lang Wissenschaftler anpöbeln.“ „Na, dann machen wir’s halt so.“

„Nein, ich finde wirklich, dass man die sozialen Themen nicht aussparen darf.“ „Man muss doch an die Kinder denken!“ „Sehr richtig!“ „Haben wir da nicht diesen Bildungsforscher, der überall WLAN-Strahlung fürchtet?“ „Dann machen wir das mit dem.“ „Der kann erklären, dass ein Kind im Grunde nach acht Stunden in der eigenen Wohnung rein rechnerisch tot ist.“ „Warum überleben Kinder ein ganzes Wochenende zu Hause?“ „Verwirren Sie uns jetzt nicht mit Tatsachen, das sind Fakten.“ „Dass man den Kindern den wichtigen Austausch mit ihrer Altersgruppe vorenthält, sollte man da auch einfließen lassen.“ „Vor allem das Abitur!“ „Ist das denn jetzt wirklich so wichtig?“ „Unsere Kinder werden von linken Extremisten und Grünen gefährdet!“ „Okay, das muss man dann aber auch mit den richtigen Leuten diskutieren.“ „Hat denn Lindner Kinder?“ „Seit wann muss der irgendwas verstehen, um im Fernsehen zu reden?“

„Besteht denn die Gefahr, dass wir erneuerbare Energien aus dem Blick verlieren?“ „Man anders gefragt, könnte es nicht irgendwann so kommen, dass diese linksextremistische Regierung alles mit Windkraftwerken vollstellt, weil wir das gar nicht mitkriegen?“ „Die stehen ja gar nicht von einem Tag auf den anderen.“ „Und es gibt auch gar nicht genug Leute, die die aufstellen könnten.“ „Dann könnte man zumindest eine Sendung über Energie machen.“ „Weil bei uns die Lichter ausgehen, wenn die Wirtschaft nicht schnell genug wieder öffnet.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Wieso, was ist denn daran nicht zu verstehen?“ „Es gibt doch keinerlei Einschränkungen für die Windenergiebranche, und die Arbeitskräfte waren auch schon vorher nicht zu bekommen.“ „Ja, das ist aber eine ganz andere Diskussion.“ „Das dürfen Sie jetzt nicht alles in einen ideologischen Topf schmeißen.“ „Aber wenn wir befürchten, dass die Lichter bei uns ausgehen, dann brauchen wir doch mehr Windkraft und nicht weniger.“ „Ich finde auch, wir machen das mit dem Abitur.“ „Ganz Ihrer Meinung, Herr Kollege.“

„Aber wir haben immer noch das von Laschet.“ „Was denn noch?“ „Die psychische Belastung von Arbeitnehmern?“ „Er hatte Arbeitslose gemeint.“ „Wie kommt er denn auf einmal zu Arbeitslosen?“ „Hallo, es ist vielleicht Wahlkampf!?“ „Man ist sich ja inzwischen sicher, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit massiv gefährdet.“ „Darum ist er auch so ein großer Fan der Hartz-Verwahrung, richtig?“ „Es ging hier um Arbeitnehmer!“ „Ah, und ich hatte mich schon gewundert, dass er das Argument vorher noch nie gebracht hatte.“ „Man muss sich ja nur mal ansehen, was Homeoffice mit den ganz normalen Leuten macht.“ „Und dass die psychosoziale Belastung bei Callcenterkräften und Pflegern und Fleischzerlegern und Spargelstechern und…“ „Sie müssen nicht in den Berufen arbeiten.“ „Laschet hat das auch nicht gemacht, und sehen Sie mal, was aus dem heute geworden ist.“

„Aber das mit den Küchenbauern müsste man auch mal hinterfragen.“ „Hatten Sie nicht bei einem Betrieb angefragt?“ „Die sind stocksauer.“ „Aber die Läden sind doch wieder offen?“ „Ja eben, jetzt müssen sie die Personalkapazitäten wieder voll hochfahren, können die bestellten Küchen nicht ausliefern, weil die Handwerker keine Wohnungen betreten dürfen, und deshalb können sie keine Rechnungen stellen.“ „Das erfordert natürlich eine sofortige Diskussion.“ „Eben. Wir haben mit Laschet gesprochen, er wird Vorauskasse für alle Handwerksleistungen fordern, damit die Betriebe nicht vom Staat gerettet werden müssen.“ „Das ist doch total behämmert!“ „Deshalb war er ja von dem Vorschlag sofort überzeugt.“ „Alternativ kann man auch mal überlegen, ob man nicht Handwerker wieder in die Privatwohnungen lässt.“ „Warum nicht, die Kunden müssen nur einen Mundschutz tragen.“ „Warum die Kunden?“ „Weil das die Wirtschaft vor Verlust ihrer Arbeitskräfte schützt.“

„Wir haben da noch einen Fernsehkoch auf der Liste und einen Kabarettisten.“ „Keine Frau?“ „Das würde nicht passen, wir müssen ja noch was mit Autos machen.“ „Aha.“ „Und Fußball?“ „Stimmt, das müssten wir auch noch machen.“ „Vielleicht einen Psychologen befragen, der uns bescheinigt, dass ohne Bundesliga schwerste traumatische Störungen zu erwarten sind.“ „Die dann auch wieder die Arbeitsleistung verringern kann.“ „Und Suchterkrankungen.“ „Wahrscheinlich wird die Kauflaune dadurch auch gedrückt.“ „Womit wir wieder bei den Autos sind.“ „Schlimm!“ „Aber da hätte ich einen, der bestätigt Ihnen alles.“ „Ist der Virologe?“ „Gegen Aufpreis bestimmt.“ „Dann laden Sie den Mann mal ein.“ „Dann müssen wir ja in der Sendung gar nicht mehr über soziale Themen sprechen.“ „Auto ist doch Gesellschaft genug.“ „Und den Kabarettisten?“ „Übernächste Woche soll irgendwas mit Statik kommen.“ „Nee, Statistik.“ „Sag ich doch.“ „Na, dann passt das ja wieder.“ „Okay, noch irgendwelche Fragen?“ „Und wie nennen wir das?“ „‚Corona – Müssen wir jetzt alle sterben?‘ wäre doch…“ „Ja, klingt gut.“ „Gut, dann rufe ich mal im Sender an. Wir machen eine ganz normale Talkshow, wie jeden Montag.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVI): True Crime

20 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, in denen man mit Uga samt Sippe am Lagerfeuer hockte und den ganz alten Schauergeschichten lauschte, die man längst auswendig kannte und schon deshalb für wahr hielt, weil sie sich jedes Mal ein wenig veränderten. Das wurde nie langweilig, und irgendwo steckte sicher ein Tatsachenkern in den Gruselmärchen, die von der Säbelzahnziege handelte und den Nachbarn, die sich immer ein Körbchen Buntbeeren ausliehen, bis sie plötzlich mit der Machete die ganze Mischpoke zu Blutsuppe verarbeiteten. Schlimm. Was man als klassischen Moralroman noch unter die Leute hat jubeln können – Verbrecher aus mangelnder sozialer Distanz – wird heutzutage sperrig bis unerwünscht. Viele Fachleute, Psychologen und Psychiater, Physiker, nicht zuletzt auch Polizisten mischen sich in das Geschäft ein, das von Rechts wegen nur am Freitag nach acht die Experten zu interessieren hatte. Es geht nicht um untaugliche Versuche in Verbindung mit Barbara Salesch, es geht um Deppen im Gleis, sprich: True Crime.

Durch die traditionelle Komplettüberfütterung mit Kriminalfilmen haben wir das Grundrauschen im Angstzentrum: das Böse ist immer und überall. Man kann quasi keinen Schritt aus der Wohnung tun, wenigstens nicht ohne schwere Artillerie in der Schlafanzughose, denn wir sind umzingelt von den Schwerstkriminellen, die uns eins über die Rübe geben wollen. Rechte Demagogen machen sich die Besorgnis der Bumsbirnen ohnehin zunutze, indem sie von Einbruch und Vergewaltigung an jeder Ecke schwafeln, auch wenn keine Kriminalstatistik das je hergäbe. Aber die Gänsehaut sitzt, und wo es sich nicht mehr um fulminante Fiktion handelt, die in exklusiven Milieus stattfindet – die Drogenszene in Chefetagen oder hinter dem Bahnhof, Kollisionen zwischen Politik Geld und Schmierinfektionen der moralischen Art, wahnhaft halluzinierte Sekten, mafiöse Ausländer, you name it – kommt die reale Gefahr in Gestalt des Nachbarn, von dem wir nur wissen werden, dass er immer so freundlich gegrüßt hat. Sie ist auf unserer Fußmatte angekommen, die Untat. Jetzt hilft nur noch Panik. Und Fernsehen.

Was wäre besser als der gute, alte Sozialporno, ein voyeuristisches Format für alle Fälle. Neben all den schönen Klischees, die das Filmchen breittritt, der chirurgisch präzisen Trennung zwischen dem stets guten, edlen und im akzeptierten Mainstream lebenden Opfer sowie dem devianten Killer aus den klassischen Motiven, wildert es im Lustgarten der moralischen Erregung: wie gut, sagt da der innere Pharisäer, dass ich nicht so ein verpfuschtes Leben habe mit Depressionen, Arbeitslosigkeit oder einem Elternhaus, das abgesehen von abstehenden Ohren nicht viel zu vererben hatte. Alles das wird zur Freude des Publikums durchdekliniert bis zum finalen Erbrechen des Wiedergekäuten, dass Delinquenz nur eine Frage der Lebensschuld ist, gut erkennbar an abgenagten Fingernägeln oder dem falschen Pass.

Dass auch hier die Ermittlungsarbeit mitnichten realistisch dargestellt wird – geschenkt, man kennt es aus dem durchschnittlichen 90-Minuten-Krimi am Sonntag, in dem DNA-Spuren in erzählten zwei Stunden ausgewertet und mit ominöserweise immer schon vorhandenen Datenbanken vergleichen werden können, in denen jeder Taschendieb aus Taka-Tuka-Land steht, obwohl er noch nie in der EU gewesen ist. Einen Film, der zu gut achtzig Minuten aus Papierkram und Dienstbesprechungen besteht, will eh keiner sehen.

Konstituierend für die ganze Gattung ist der kontrafaktische Schock, der brutalstmöglich blutige Bilder in die Netzhaut schwiemeln will, damit die Schlotterspirale nie durchbrochen wird, schon gar nicht von analytisch denkenden Störenfrieden mit kriminalistischer Sachkenntnis. Schneller, höher, noch mehr Opfer, sonst ballert der Serienkiller vom Konkurrenzkanal die Quote ins Jenseits. Die als Feigenblatt vorgeschobene Generalprävention ist öffentliche Erregung, die nichts als ein Ärgernis hinterlässt. Das Genre liefert die billige Vorlage für die jäh aufschwappenden Killerspieldebatten nach Terror aus dem braunblauen Sumpf, rassistische Hetzattacken auf der Basis wirrer Korrelationen, die schon ein irgendwie verdächtiger Name herstellen kann, und es verwickelt sich in seinem eigenen Anspruch. Es will die Perspektive des Opfers herstellen – erkenntnistheoretisches Kunststück bei einer getöteten Person, aber sei’s drum – und dient durch enthemmtes Mitraten doch lediglich seiner entgrenzten Entwürdigung, indem es sein Umfeld zum Hinterbliebenenschütteln nutzt und für die Spanner an der Glotze herauspräpariert, pietätlos und durchinszeniert wie eine Scripted-Reality-Show von und für Minderbemittelte. Die Lust an der Sensation badet in der eigenen Jauche, um ein Rechtfertigungsmuster für eine sekundäre Störung der Totenruhe zu stricken: wenn sie es nicht tun, tut es eben ein anderer. So schlagen Psychopathen zu, nur nicht mit dem Produktionsbudget, sondern mit der stumpfen Seite der Axt. Dann haben wenigstens die Lämmer ihre Ruhe.