Fressefreiheit

7 02 2017

„… den Ex-Schalker zum neuen HSV-Coach machen würden. Der VfL Wolfsburg sei ebenfalls an einer Verpflichtung des…“

„… auch Kinder mit der Schusswaffe von der Grenze der Bundesrepublik fernzuhalten. Trotzdem habe sich die Redaktion entschlossen, von Storch nicht in die…“

„… habe neben ihrer langjährigen Rolle in der Lindenstraße bereits am Berliner Ensemble in Jelineks…“

„… keinen Widerspruch gelten lasse. Meuthen wolle nicht aus Prinzip Tabus brechen, wünsche sich jedoch mehr Öffentlichkeit für seine Idee, den linksverkrusteten Diskurs in der von den Alliierten installierten Staatssimulation auf deutschem…“

„… der Kohlrabiverbrauch in Norddeutschland steige, in der südlichen Landeshälfte jedoch eher stagniere, was nicht nur auf klimatische…“

„… Begriffe wie Nigger wieder zur sprachlichen Normalität würden. Petry habe mehrmals angefragt, ob sich dies auch im Rahmen einer Magazinsendung…“

„… der Hauptstadtflughafen auch in diesem Jahr nach menschlichem Ermessen nicht…“

„… plädiere Höcke dafür, Jude zur justiziablen Beleidigung zu erheben. Gleichzeitig habe er Strafanzeigen angedroht gegen jeden Sender, der ihm nicht sofort eine…“

„… ein weiteres Erdbeben in den Abruzzen nicht als Spätfolge der Regierung Berlusconi verstanden werden dürfe, da diese lediglich die für mehr Erdbebensicherheit investierten Gelder in die eigene…“

„… sei es bereits erwiesen, dass bereits ein auf der anderen Straßenseite gehender Syrer mit Pest und Keuchhusten anstecken könnten. Die Pflicht der Medien zur Volksaufklärung gebiete es, dass von Storch ab sofort jede Woche im ZDF an einem mehrstündigen…“

„… vor allem Weiß und Blautöne, gerne in Schurwolle und Kammgarn trage. Der Mann von Welt verzichte auch im Herbst nicht auf einen…“

„… sei bereits Zensur. Gedeon wolle auf dem Gerichtsweg erzwingen, dass der Deutschlandfunk eine Sondersendung über die Protokolle der…“

„… schon fest geschlossen habe. Die Börse sei noch nicht überzeugt, steige aber aus vollster Überzeugung, was aber einen rapiden Sturz der Verkäufe bei stark nachlassenden Werten nur…“

„… der wahre Grund sei, warum sämtliche Regionalprogramme nur noch Lügen ausstrahlen würden. Es müsse zu jedem kulturellen Thema ein Mitglied der AfD-Spitze eingeladen werden, um deren Wichtigkeit für das Deutschtum in Zeiten der Bedrohung durch Islam, Demokratie und den…“

„… müsse man die Elbphilharmonie doch als überbewertet ansehen. Das in der Raumwirkung der Concerti von Giovanni Gabrieli getrübte Gefühl von venezianischer Weite habe zu einem tiefen…“

„… die arische Herrenrasse durch eine jüdisch-arabische Blutvernichtung schwächen wolle. Höcke werde seine Angriffe auf die ARD erst einstellen, wenn ihm eine Sondersendung nach den…“

„… die Curling-Mannschaft nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen werde. Da die Sportförderung die Beihilfe für das deutsche Team mit der Begründung beschnitten habe, es sei in internationalen Qualifikationen sowieso ohne jede Chance, müsse man nun auf einen letzten…“

„… das Hausrecht durchgesetzt habe. Pretzell sei mit einem Kieferbruch und Schusswunden aus dem Studio der Sportschau…“

„… sich durch Lewandowski die Position an der Tabellenspitze gesichert habe. Vor einem Wechsel wolle der Verein ihm eine Prämie von…“

„… beim S-Bahn-Surfen mit dem Kopf gegen den Signalmast geprallt sei. Da die Ermittler wegen Poggenburgs Ankündigung im Internet von einem Suizid überzeugt seien, wolle man die Meldung nicht in den…“

„… ab 2019 mehr Quizshows im deutschen Fernsehen zeigen wolle. Der Qualitätsunterschied zu den anderen Sendern sei zwar deutlich, man müsse aber auch die Bedürfnisse der schweigenden Zuschauermehrheit in die Programmgestaltung…“

„… sich von Storch mit dem Plakat Seit 866 Tagen Gefangene des Genderwahn-Schweigekartells habe fotografieren lassen. Das Bild sei außer in den Publikationen des Kopp-Verlags sowie in der National-Zeitung nicht…“

„… als neue Trendfarben der Saison vorstelle. Die bisherigen Strickaccessoires seien durch Lack und Seide ersetzt worden, kombiniert mit leicht verspielten Baumwollapplikationen, deren…“

„… die AfD eine zweistellige Millionensumme angeboten habe für den Fall, dass ein bundesweit bekanntes Mitglied eine eigene Interviewsendung bekäme. Eine Integration in Formate wie das Dschungelcamp sei jedoch für die Partei nie…“

„… neue Forschungsergebnisse die Hypothese unterstützten, dass Hitler nur einen…“

„… sich auf den Stufen des Reichstags mit Benzin übergossen und angezündet habe. Für den bekennenden Nationalsozialisten sei jede Hilfe zu spät gekommen, der Notarzt habe nur noch den…“

„… zwar das Drehmoment beim Anziehen der Schrauben an den Türscharnieren prüft habe, nicht aber die Höhe der Abweichungen beim Abgastest. Winterkorn sei mit der Begründung, privat würde er nie VW fahren, in einen komplizierten…“

„… in den Umfragen deutlich werde, seitdem die Sender auf rassistische und wahrheitswidrige Politikerstatements verzichten würden. Auch die CSU habe in den letzten drei Monaten nicht…“





Märchenstunde

25 01 2017

„Nein, es gibt keine sprechenden Wölfe, und jetzt hören Sie auf mit Ihrer Indoktrination! Sie sind ein Werkzeug der Wolflobby, wahrscheinlich wollen Sie vertuschen, dass wir hier in Deutschland von einwandernden Wölfen bedroht werden, die keine Sozialabgaben zahlen und von deutschen Jägern auf Kosten des Steuerzahlers abgeschossen werden müssen!

Außerdem würde man nie ein minderjähriges Mädchen mit einer Flasche Alkohol in den Wald schicken – zeigen Sie mir Erziehungsberechtigte, die so etwas tun würden. Und dann frisst der Wolf auch noch die Großmutter. Das ist ja schon nicht mehr unrealistisch, das ist bewusste Irreführung der Leser. Also wenn Sie denken, das sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Das wird gestrichen. Nein, ich lasse mich auf keine Diskussion mit Ihnen ein, es handelt sich schließlich um eine Publikation, die auch für Kinder und Jugendliche beeignet sein soll. Da muss die Informationsebene absolut korrekt sein, sonst riskieren wir vollkommen falsche Vorstellungen in der Bevölkerung.

Das ist kein Argument. Wenn es schon für viele Jahrhunderte in der Bevölkerung tradiert wird, ist das noch lange kein Grund, dass wir es akzeptieren müssen. Schauen Sie sich die Geschichte doch mal an. Erst eine verzerrte Darstellung von Erziehung, dann wird der Wolf als Volksschädling und Gefahr für die Mehrheitsgesellschaft hingestellt – raten Sie mal, wen man zu dem Thema im Fernsehen befragt – und dann auch noch diese Hirngespinste über die Großmutter, die lebendig aus dem Verdauungstrakt eines Raubtiers geschnitten wird. Unsinn!

Oder hier: die Tochter will nicht in eine Ehe mit einem Adligen einwilligen, wird an den erstbesten Nichtsesshaften verheiratet und – Sie sollen mir nicht mit historischen Verhältnissen kommen, in der damaligen Ständegesellschaft wäre es erst recht nicht möglich, eine Königstochter an einen Bettler zu verheiraten. Wahrscheinlich entspricht das nicht einmal dem BGB. Wir können doch nicht ständig Geschichten weitererzählen, nur weil sie mit ihrer eigenen Logik irgendwelche alternativen Fakten zu einem eigenen Denkgebäude zusammenbauen. Sprechende Tiere, Zauberer, Bahnsteige, die es nicht gibt – das kann doch nicht gut sein!

Natürlich kann man das auf die Bücher draufschreiben, nur liest das einer? Der Unterschied zwischen Fakten und bewusster Täuschung ist doch den meisten heute gar nicht mehr bewusst. Da geht es um die Patriarchatsvorstellung vom Brechen einer ungehorsamen Frau, die unbewusst den Vater ablehnt und erst durch Rache wieder in ihre soziale Rolle gezwungen wird. Das müssen Sie doch sehen, oder was lesen Sie hier? Es sind eben nicht nur Kindergeschichten, verstehen Sie?

So, und das wird jetzt gleich mal ganz aus dem – ich lasse da nicht mit mir reden, das kommt raus! Das ist geradezu eine Anleitung zu sozialem Elend, das kommt mit nicht in die Ausgabe rein! Diese Kinder sind Opfer ihre Verhältnisse, ja, aber man muss nicht auch noch die Brutalität darstellen, mit der sich die Eltern ihrer Verantwortung entledigen wollen. Kinder im Wald aussetzen, geht’s noch!? Das ist geradezu eine Anleitung für sozial schwache Eltern, ihren Nachwuchs loszuwerden, wenn sie mit der Erziehung überfordert sind.

Ein oraler Mangel wird hier erlebt, vermutlich sind diese beiden Waldarbeiter noch nicht so auf dem Achtsamkeitstrip, das Mädchen wird sich wohl eine Essstörung eingefangen haben – Sie lachen, aber diese Art der Wohlstandsverwahrlosung passt entweder gar nicht zu den Figuren in der Erzählung, oder er löst Konflikte in der heutigen Eltern-Kind-Konstellation aus, und da möchte ich jedenfalls nicht verantwortlich sein, wenn einer sich getriggert fühlt – und irgendwie geraten die beiden dann in den Bann eines Psychokults. Bei der Hexe geht es ja auch primär um orale Bedürfnisse, die aber nicht mit der Wirklichkeit zur Deckung gebracht werden können. Oder haben Sie schon mal ein Haus aus Lebkuchen gesehen?

Lebkuchen geht ja noch, aber erklären Sie mal den veganen Grassaftmuttis vom Prenzlauer Berg, dass Kinder ohne Fagott- und Chinesischunterricht auf die Idee kommen, Hexe al forno zu essen. Das ist jetzt kein Anpassen der Fakten an die Erwartung, denn wir haben es hier ja nicht mit tatsächlichen Tatsachen zu tun. Und es kann auch durchaus mal etwas falsch sein, aber dafür muss es sich auch gut anhören, weil alles in sich wieder stimmt. Das ist nicht nur mit den Kindern so, weil die noch keinen großen geistigen Horizont zu überblicken haben. Den haben auch ziemlich viele Erwachsene nicht.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, das wird alles im Internet veröffentlicht, am besten ungefiltert und ohne Jugendschutz, und dann haben wir den Salat. Da können wir noch so viel für politische Bildung ausgeben, wenn wir diese Desinformation nicht in den Griff kriegen, können wir Wahlen mittelfristig auch gleich sein lassen. Das dringt dann auch noch über die Elternhäuser in die Kinderzimmer ein, da haben wir überhaupt keine Kontrollmöglichkeiten mehr, dann kommen die rechten Rattenfänger, und dann ist zappenduster.

Hier, das sollten Sie mal lesen. Ein kleines Mädchen hat keine Eltern mehr und wird obdachlos und schenkt sein Hemdchen her und sein letztes Brot, und dann wird es auf einmal belohnt. Das zeigt, dass die soziale Marktwirtschaft in diesem Land vorbildlich organisiert ist und Leistungen sehr passgenau für die gesellschaftliche Teilhabe gezahlt werden. Geht doch!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVIII): Die Suggestivfrage

6 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fassungslosigkeit in Bad Gnirbtzschen! In einem Akt roher Brutalität, vermutlich enthemmt von der Erderwärmung, hat ein Schneesturm das Vordach der Bushaltestelle zum Einsturz gebracht! Die Anwohner sind, man müsste schon sehr weit ausholen, um dies nicht zu sehen, natürlich total aus dem Häuschen, nicht zu sagen: es herrscht in diesem bisher so unschuldigen Städtchen, das eigentlich eher ein Örtchen ist, ein hübsches kleines Fleckchen voller Schönheit zwischen den vereisten Seealpen und dem Kaukasus, es herrscht hier das reinste Chaos! Keiner weiß noch, was er denken soll, und da ist es gut, dass Enrico Bühse, der vom Dunkeldeutschen Rundfunk ausgesandte Reporter, dem zitternden Bürgermeister – es ist immerhin gut zwei Handbreit unterhalb des Gefrierpunktes – das monströs bepuschelte Mikro in den Rüssel drückt und atemlos die goldene Frage stellt: wie entsetzt sind die Gnirbtzschener?

Die insinuierende Formulierung, und genau das soll sie, ist die Mutter der neuen Berichterstattung, die vieles tut, nur eben nicht Bericht erstatten. Ein friedlich ruhendes Dörflein, wo der Bautrupp im Halbtran die Scheibe auswechselt und ein wenig Schnee fegt, versetzt den Zuschauer in seiner kaum zu überblickenden Masse nicht in enthemmte Wut über die finsteren Mächte. „Wie überrascht waren Sie“, sülzt Bühse die Anwohnerin Mandy Ö. (24) an, „als der Schnee neben Ihnen aufs Pflaster fiel?“ Mandy versteht viel, nur eben nicht den medialen Zusammenhang, gibt sich, einmal im Fernsehen, größte Mühe und lässt verlautbaren, sie sei „ja doch ziemlich“ überrascht gewesen. Nicht so sehr wie eine Stunde später, als die Milch überkochte, aber danach hat ja wieder keiner gefragt, und schon gar nicht so suggestiv.

Wie empört war der durchschnittliche Gnirbtzschener, als das neue Vordach, gerade erst im Sommer ins Wartehäuschen integriert, auf Kosten der Allgemeinheit ersetzt werden musste? Er wird das vielgestaltig und in breiter Lethargie in den Spuckschutz nuscheln, weil ihm der Vergleich fehlt. Mehr empört als beim Ausfall der städtischen Beleuchtung oder weniger? wilder als bei der großen Bierknappheit im vergangenen Sommer oder nicht? Die sorgsam in vertraute Muster geschwiemelte Frage ist nicht investigativ, denn sie wünscht nichts zu finden, was der Medienhonk nicht zuvor sichtbar in die Landschaft gestellt hätte. Das vorgekaute Werturteil des Dompteurs ist nur besser für die funktionierende Dramaturgie des Fragespiels. Mit der einfachen Feststellung, die Einheimischen hätten den Sachschaden erwartet, ist jede aufkeimende Hysterie sofort erstickt, und nichts ist es mit dem drohenden Weltuntergang am entglasten Unterstand.

Auf der nächsten Stufe, der Bericht ist schon in der Abendschau angekommen und wird durch die Mühlen der Moderation geprügelt, legt ein sprechender Polyesteranzug seinerseits dem gut trainierten, aber verbal hilflosen Außendienstler das Verzweiflung heischende Gerümpel vor. Wie sehr sorgt dieser unvorhersehbare Vorfall unter Bürgern für Empörung? Wenn die Gemeinde wegen eines neuen Vordachs jetzt für Wochen im Niederschlag stehen muss, wie sauer sind die Gnirbtzschener auf das Montageunternehmen? Und da überall schon die Steuerzahler die Dummen sind, deren Geld man aus reiner Bosheit verschwendet, wie stark würde sich der Unmut der Bevölkerung gegen den mit der Sache offensichtlich überforderten Bürgermeister richten, wenn dieser die überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung wegen des beschädigten Dachs verschöbe? Alles nicht denkbar, alles nicht entfernt im Einklang mit der Wirklichkeit, aber es gibt eine vortreffliche Krawallinszenierung her, vollgepumpt mit Emotionen, dank derer der Fuzzi am anderen Ende der journalistischen Nahrungskette sein dünnes Süppchen mit ordentlich Schmalz auffetten kann – die mit dem Holzhammer zur breiten Öffentlichkeit geklopfte Glotzerschicht weiß jetzt, welchen Standpunkt sie zu vertreten hat, da sie den Ansprüchen genügt, die sie via Mattscheibe an sich selbst zu stellen hat, um halbwegs normal zu gelten.

Auch so funktioniert der Ausnahmezustand, in dem die Meinungssucher abweichend von ihrer eigentlichen Aufgabe so tun, als interessierten sie sich für Fakten – sie suggerieren jedoch dem Subjekt und Objekt ihrer Berichterstattung nur, dass es sich an ein quasi-normatives Konzept irrationaler Verarbeitung von Dingen zu halten hat, um nicht in der Berichterstattung negativ aufzufallen. Wie gespannt warten die Gnirbtzschener auf die Entscheidung des Herstellers, das Glasdach auf Kulanz auszutauschen? Ist nicht trotz allem im Dorf noch eine gewisse Bitterkeit zu spüren, dass das fast vier Tage gedauert hat, während derer es nicht zu Schneien aufhörte? Wird sich die Unruhe hier in absehbarer Zeit weiter aufschaukeln?

Sollte in Bad Gnirbtzschen je ein Erdbeben stattfinden, die Einwohner täten gut daran, sich nur schriftlich zu äußern. Denn steht erst der Dunkeldeutschen Rundfunk vor den Toren, dürfte das kleinste Problem immer noch das Erdbeben sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVII): Das Promiquiz

16 12 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich endete die Steinzeit mit dem großen Knall unterhalb des Felsüberhanges am Tümpel der westlichen Schutthalde. Zehn Häuptlinge, die in vorgerücktem Alter von knapp dreißig Jahren ihre Weisheit und Lebenserfahrung unter Beweis zu stellen bereit waren, kriegten während des Meetings ordentlich Schotter auf die Rübe. Die Intelligenzija des zivilisatorischen Brennpunkts war platt, dafür blieb der Gedanke hängen, dass sie auch nicht viel klüger waren als die bucklige Verwandtschaft. Der Verdacht, man habe aus einem gewissen Fatalismus an dieser Stelle beschlossen, bereits einschlägig bekannte Eumel in politisch wichtige Positionen zu hebeln, um schon nach dem Anblick ihrer Fressen auf dem Wahlplakat die ganze Veranstaltung für sich abhaken zu können, ist unwiderlegt und ebenso wenig bestätigt. Vielleicht platzte diese Erkenntnis erst wieder mit der Erfindung der Glotze auf, die allerlei abseitiges Personal braucht, um die Masse der Teilnehmer vor dem finalen Koma zu retten. Nicht auszuschließen ist, dass so das Promiquiz entstand.

Ein halbes Dutzend Knalltüten aus der Randlage hockt im Abendprogramm, braucht ausnahmsweise nicht zu singen, zu hampeln oder sich selbst in die Linse zu halten – man weiß noch nicht, ob sie selbst oder der Zuschauer dafür dankbarer sein sollen – und tritt in leichter Broschur auf, um die Hauptstadt von Vanuatu zu erraten. Das wäre bereits eine erschöpfende Beschreibung eines erschöpfenden Phänomens, die geistlos über die Mattscheiben der Nation dümpelt, immer dessen eingedenk, dass mit den Visagen im Breitwandformat die Botschaft jenseits jeglichen Glaubens ankommt: ich könnte auch anders, aber ich stehe hier und halte zur Abwechslung mal keinen Schmierkäse und keine Zahnbürste vors Gesicht, sondern zeige, schlimm genug, mich als Figur. Kauf mich.

Testläufe mit allerlei grottoiden Figuren hat die Talkshow männiglich unternommen, und keiner blieb bisher den Beweis schuldig, dass noch der glitschigste Dämlack zu jedwedem Ramsch eine dezidierte Meinung unter sich lassen kann. Der Seriendarsteller, der Drittligakicker, die aus dem TV berüchtigte Köchin schwiemeln sich allerhand Anschauung aus dem Gekröse, als sei es schon eine Leistung, bisher zum Thema noch nichts gewusst zu haben. Beim FC Teutonia regelmäßig die Blutgrätsche in die Grasnarbe zu furchen reicht also aus für komplexe Betrachtungen des Staatsrechts, da der unbedarfte Zuschauer am anderen Ende der Berieselungspumpe mit derselben Einfalt dem sendertypischen Torenjubel lauscht. Die hinlänglich bekannten Darsteller sind eben nur dies: hinlänglich bekannte Darsteller, abwaschbar, leicht zu entfernen und mietbar für jedes Gefiepe im weißen Rauschen der Nullinformation.

Selten genug porträtiert eine der Anstalten einen Kultur Schaffenden, bei dem das also angefertigte Bild unfallfrei zu geraten verspricht. In der Regel bietet sich automatische Schadensregulierung an.

Doch nun das Quiz: aus Film, Funk und Wahn präsente Dauergesichter geben sich plötzlich wie volksnah, erspielen am Ende Geld für den guten Zweck – besser noch wäre freilich gewesen, die Anstalt hätte die Kohle kommentarlos an Tierschutz und Deppenhilfe überweisen, anstatt die Umwelt knapp zwei Stunden lang mit einem Potpourri der Parallelexistenzen in die Hirnembolie zu treiben – und machen unter Applausspenden publik, dass auch sie die Allgemeinbildung eines mittelgroßen Backsteins mit sich herumschleppen, nie um eine bescheuerte Ausrede verlegen sind und trotzdem gefeiert werden, weil sie – Überraschung! – vor laufender Kamera jeden geistlosen Schmodder mitmachen. Es wird dadurch nicht besser, dass auch Politiker aus der zweiten Reihe sich als Showstars gerieren, kunstvoll aufgeschraubte Natürlichkeit feilbieten und dem Plebs huldvoll die Hand vor die Nase hängen. Eine Pseudoelite, die sich durch nicht viel Distinktionsmerkmale vom Boden abhebt, stellt sich noch einmal besonders breitbeinig auf, als gäbe es in den strukturschwachen Regionen unter der Schädeldecke des Beknackten noch genug Freiraum für Heißluft. Vermutlich glaubt man es den als Pappfigur konzipierten Geschmacksmustern ohne regelmäßige Eigenwerbung nicht mehr, dass sie als reale Hominiden mit Hornhaut und Verdauung in die Gefilde des ordinären Konsumenten einbrechen, um sich lautstark bescheiden zu verhalten und nur zu mosern, wenn man ihrem Inkognito nicht genug aufdringliche Verehrung entgegenwirft. Das übliche Modell, eine durchorganisierte Produktmaschinerie als Laberformat zu verkleiden – neues Buch, neuer Film, neue Nase – bröckelt schon an den Rändern. Dass zwei Sänger, eine Ministerin, drei Mimen und proportionales Füllmaterial ganz unerwartet nicht mehr wissen, ob die äußere Schwarzschild-Lösung für den sphärisch-symmetrischen Fall gilt, macht sie ungeheuer sympathisch. Fragen wir in der Tram nach, keiner wird die Antwort wissen. Oder worum es geht. Lauter Menschen, die eigentlich im Fernsehen auftreten sollten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIV): Die Bastelsendung

25 11 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht nur die Turnstunde, eherner Grundsatz der teutonischen Bildung und früheste Anleitung zum Sadomasochismus in charakterbildender Form, der Werkunterricht prägt ebenso das zarte Ich des noch unschuldigen Schülers, der sich nur mit Mühe an Laubsäge und Holzleim gewöhnt, Schraubzwinge und Schmirgelklotz, und unmissverständlich ist die Botschaft, die aus dem Geklöppel mit Spanplatte und Buntmetallabfällen tief in die Seele dringt: das Flickwerk ist reiner Selbstzweck. Allein der Homo fabricans, der sich aus Zeugs im engeren Sinne eine ganze Welt zusammenschwartet, kann es mit dem Philosophen aufnehmen, der Universen schafft nur aus Ideen. Was repräsentiert besser die Bereitschaft, in faustischer Manie stets das Neue aus Sperrholz und Klarlack zusammenzuschwiemeln, als die im Fernsehen tief verwurzelte Bastelsendung.

Das Programm für den Urgrund der Generation aus Kriegsheimkehrern, die sich lieber die Ohren abgeflext hätten, als ein erst dreimal gerissenes Gummiband zu entsorgen, lehrt die hohe Kunst, das Vorhandene in etwas Praktisches zu wandeln, völlig gleichgültig, ob man es auch gebrauchen kann. Der geübte Simpel stanzt aus Buchenspänen ein kleines Vogelhäuschen, erst danach wird ihm klar, dass er im elften Stock seines Wohnturms ohne Balkon das Gezumpel ausschließlich unter dem Küchentisch wird aufbewahren müssen. Aber darum ging’s ihm gar nicht. Der schnauzbärtige Onkel im gefährlich sauberen Arbeitskittel lötet und flanscht zu dödelig orgelnder Hintergrundmusik Fußbänkchen und spätgotische Türschilder, vergoldet Schmuckständer und Thermometerhäuschen aus der Sprühdose, und kaum hat er mundgelutschte Briefständer aus rein naturbelassenem Zement gefertigt, lässt er zur Obstschale aus einem Block Eiche die Axt kreisen. Auch hier bleibt eine weit gehend glaubensisolierte Botschaft, die man leider nicht mit blinkend auf die Mattscheibe gesupertem Achtung: Bitte nicht nachmachen! zumindest ideell aus dem Verkehr zieht, bevor sich fanatische Knalldeppen en masse mit Schlagbohrhämmern bewaffnet auf jedes noch so unschuldig aussehende Stück Pressspan stürzen und es bis zum Verlust der Muttersprache in Briefkästen zermeißeln.

Die ästhetische Sollbruchstelle fügt sich bestens in die ohnehin vorhandene Neigung einer durchaus selbstbewussten Bevölkerungsschicht, die den Wert einer Motorjacht in Nut- und Oberfräsen, Feilen, Spachtel und Druckluftschrauber ausgibt, um das Foto von Tante Trudi beim Fischerfest 1969 lotrecht an die Wohnzimmerwand zu dengeln. Jene Spezies an Bescheuerten hat sich längst vom pädagogischen Diktat der TV-Bricoleure emanzipiert, führt den Krieg mit Bordmitteln fort und verklinkert freihändig das Klo bis unter die Decke – sieht scheiße aus, überdauert aber einen Bombenabwurf. Längst ist die Industrialisierung dieses Zwangs fortgeschritten, die Heimwerkermärkte bejubeln, wie sich Do-it-yourself-Helden quasi in Planck-Zeit ganze Eigenheime versaubeuteln, und freuen sich an der ins Service-Gesende integrierten Bastelecke.

Hier treffen sich alte Bekannte wieder, und ein weiteres Nationaltrauma aus der analen Phase, die pathologische Beschäftigung mit dem Müll, wirft sich schnell das Trendmäntelchen des Upcycling über. Eine in bunte Latzhosen gepfropfte Trulla mit Säbelsäge und Bolzenschussgerät erklärt, wie man ein ausgedientes Nachtschränkchen mit einfachen Mitteln in einen Fusionsreaktor umarbeitet – der durchschnittlich behämmerte Zuschauer hat ja stets ein oder mehrere Truhen bei sich herumstehen, und rein gar nichts zu tun haben damit die Horden von Schwingschleiferschwingern, die im Halbdunkel marodierend über Sperrmüllhalden ziehen, um an einen Nachtkasten zu kommen. Vermutlich bietet der Fachhandel schon ein Set von Altmöbeln aus der Haushaltsauflösung und Elektrowerkzeug, Lack plus Schrottcontainer an, wenn der Tackermacker nach zwei bis zehn Tagen in die posttraumatische Belastungsstörung torkelt und den ganzen Driss en bloc in die Tonne treten will. Ein mühsam als Dialektik verkleideter Hirnschaden namens Shabby Chic, der abgeranzten Kruscht seiner Altersspuren halber für voll total angesagt erklärt, gaukelt dem Praktikus vor, sein windschief zusammengehauener Ramsch mit Farbnasen und Rost sei so peinlicher Bockmist, dass er allein um der Nachhaltigkeit willen schon wieder stylish und daher wertvoll werde. Aber auch hier geht es nicht um Vorbild und Nachahmung; hatte das weiland aus Kartoffelkisten gebollerte Teebrettchen noch einen Nutzen, die auf dekorative Selbstbespiegelung getrimmten Objekte im modernen Ratgeberschlonz sind lediglich Besitz und markieren die Grenze zur Sinnlosigkeit. Man könnte in den Schubladen vielleicht die erst dreimal gerissenen Gummibänder aufbewahren, bis im Dummfunk die Anleitung zur Schlafzimmerlampe aus silbernen Dichtungsringen droht, aber wen interessiert das schon. Zum Schluss kommt sowieso immer der Klempner.





Zwölf Zimmer, Küche, Bad

1 11 2016

„Ich hab hier gerade durchgewischt!“ Während ich vor Schreck auf die Zehenspitzen stieg, lief Siebels ungerührt über den feuchten Boden und spuckte den Zahnstocher zielsicher in den Papierkorb. „Machen Sie sich keine Gedanken“, brummte er. „Sie hat berufsbedingt schlechte Laune. Das kriegt man nicht mehr weg.“

Frau Knappert schlurfte von einem Ende der Halle ans andere, dabei einen großen Wischeimer samt Mopp hinter sich ziehend. Mit einem gezielten Schwung tunkte sie das Gerät in die Lauge, hob den tropfnassen Aufnehmer aus dem Eimer und ließ ihn in einem Arbeitsgang schmatzend auf den Boden klatschen. Ihre Stirnader schwoll an, so ungestüm schrubbte sie den Belag ab, eine Bahn nach der anderen. Vermutlich hatte sie mit ihren Adleraugen den Schatten eines Sandkorns entdeckt und wollte die Erinnerung an ihn aus dieser Welt tilgen. Es würde nur wenige Tage dauern, bis sie den Boden komplett durchgeschabt, höchstens einen Monat, bis sie das untere Ende der Erdkruste erreicht haben würde. Wenigstens wäre der Granit porentief rein, wenn man ihn förderte, und man könnte mit ihm sofort die ganze Halle trittfest auslegen. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt, hinein sah Doktor Himmerle. „Ich muss mich geirrt haben“, sagte er verzagt, „wir wollten doch ins alte Studio.“

Siebels schlürfte einen Schluck seines noch viel zu heißen Automatenkaffees ab. „Jetzt dürfte es ein bisschen laut werden“, flüsterte er, und schon hob die Raumpflegerin gewaltig ihre Stimme an. „Und dann latschen Sie hier wieder alle rein und raus und rein und raus, und wer darf das alles dann wieder putzen?“ Himmerle kam gar nicht erst zu einer Antwort; während er noch Luft holte, schrie Frau Knappert ihm wütend ins Gesicht. „Sie machen das jetzt hier, die kommen sowieso alle hinten aus der anderen Tür, und dann bleiben Sie von hier weg, bis das aufgetrocknet ist!“ Vollkommen verschüchtert und wie eine Ballerina schwebend tapste der Aufnahmeleiter über das frisch für die Sauberkeit annektierte Teilstück und kam zu uns. „Ich bin froh, dass Sie da sind!“ Siebels nickte. „Wer wird denn die Show leiten?“ Der Doktor zeigte verzweifelt mit dem Daumen nach hinten. „Sie!“

Der erste Kandidat stand schwitzend an der Glasfront. „Keine Streifen, verdammt noch mal!“ So sehr sich der junge Mann auch mühte, stets legte die alte Putzfrau ihre Stirn in bedenkliche Falten und lehnte seine Arbeit ab. „Dabei finde ich das gar nicht mal so schlecht“, sagte ich unschuldig zu Siebels, der gerade die Liste der Bewerber studierte. Sie musste es gehört haben. „Wenn Ihnen das reicht, dann machen Sie doch Ihre eigene Firma auf. Genug Stümper auf dem Markt gibt’s ja, die Sie einstellen können.“ „Wie gesagt“, murmelte Siebels, „sie ist nicht von schlechten Eltern.“ Der Scheibenreiniger war inzwischen vollkommen aus dem Takt gekommen. Das Wasser leckte von den Fenstern, dicke Schlieren hatten sich gebildet, er stand in einer Pfütze aus Lauge und Schweiß. „Das reicht“, schnarrte Knappert. Ein fröhlich grinsendes Mädchen kam schon in die Kamera gelaufen. Der laserähnliche Blick der Bodensachbearbeiterin stoppte sie wie ein Besenstiel am Brustbein. „Immer langsam“, sagte sie mit gefährlicher Ruhe. „Wollen wir erst mal sehen, welches Putzmittel Sie für den Belag hier empfehlen.“ Die Kandidatin sah etwas perplex auf die Batterie bunter Behälter, die auf dem Putzwagen stand, dann griff sie zielsicher zu einer roten Flasche. „Die hier.“ „Sehr gut!“ Frau Knappert nickte anerkennend. „Sie haben genau die richtige Putzkörpergröße ausgewählt, und wenn Sie den Marmorboden mit Säure traktieren, ist er in weniger als vier Wochen ausreichend porös, um ihn mit Absätzen zu perforieren, umzuknicken und sich den Fuß zu brechen. Dann reißen wir einfach den ganzen Mist raus, gießen Beton drüber, und Sie müssen nicht mal den Reiniger wechseln.“

Ich nestelte in der Manteltasche nach der Dose mit den Pfefferminzpastillen. „Sie verstehen nicht, woraus wir hinauswollen?“ Siebels trank noch einen Schluck. „Die Leute hocken zu Hause und fühlen sich unterprivilegiert, da wollen sie in einem Bereich wie die Profis agieren. Oder wenigstens so tun, als wüssten sie, was sie da täten. Erst haben alle auf Sterneniveau gekocht, dann kam Krempel mit Inneneinrichtung, immer alles von der Industrie begleitet mit Dosensuppe und Wandtattoos, jetzt machen wir eine Reality-Serie über Raumpflege.“ Ich war verwundert. „Und das wird etwas ändern?“ „Wer weiß“, orakelte Siebels. „keiner wird sich eingestehen, dass er zu selten den Staub von den Schränken wedelt. Aber vielleicht verkaufen wir genug Werbeplatz damit für Roboter, die in Ihrer Abwesenheit die Wohnung durchsaugen.“

Himmerle hatte sich längst mit dem Rücken an die Wand gedrückt und wusste nicht mehr, ob er je wieder den klatschnassen Boden würde betreten dürfen – der letzte Kandidat rieb gerade die Fugen einer Laminatauskleidung mit der Zahnbürste frei – und Siebels schmiss den leeren Pappbecher in den Abfallkorb. „Können Sie sich einen Fernsehkoch vorstellen, der seine handwerkliche Überlegenheit auf so unnachahmlich arrogante Art auslebt, nur weil man ihn ins Fernsehen lässt?“ Der Doktor winkte hilflos von der Hinterwand. Siebels drückte die Klinke. Der Boden war schon aufgetrocknet. Unvermittelt wandte er sich zu mir um. „Demnächst machen wir dreizehn Sendungen auf der Großbaustelle in Berlin. Hätten Sie nicht Lust?“





Special Interest

13 09 2016

Siebels spuckte den Zahnstocher zielsicher in den Mülleimer. Gelernt war gelernt. „Wenn wir uns ein bisschen beeilen, kriegen wir vielleicht noch eine Talkshow mit.“ Ich blätterte mein Exposé durch. Keine hochkarätigen Gäste. Aber was konnte man auch von einem Spartensender erwarten, der noch dazu ganz am Anfang stand.

„Kantapper“, stellte sie sich kurz vor. „Ich bin hier die Chefredakteurin.“ Siebels blickte durch sie hindurch wie durch dünne Luft. „Sie haben es sich ja schon richtig gemütlich gemacht“, knurrte er angesichts der vielen Zimmer hinter den Glastüren. Außer Betonboden und Steckdosen waren nur die Fenster zu sehen. „Das wird alles noch viel schöner wieder aufgebaut“, beeilte sich die Hausfrau. „Wir warten noch auf die Anweisung. Aber unser Studio ist natürlich perfekt ausgerüstet, Sie werden es gleich selbst in Augenschein nehmen können.“ Viel Betrieb herrschte nicht, und das lag nicht an der Tageszeit. Laut Sendeplan setzten spätestens am frühen Nachmittag – Siebels hatte mir verraten, dass um diese Uhrzeit die Hauptzielgruppe sich vor den Empfangsgeräten versammelt – Liveformate und die beliebten Reportagereihen ein. „In Studio 1 können wir nicht“, informierte Kantapper uns. „Da zeichnen wir gerade fürs Abendprogramm auf.“ Also ein Vorspielen falscher Tatsachen? „Entweder Tatsache oder falsch“, replizierte sie spitz. „Sie müssen sich schon entscheiden, woran Sie und wie Kritik üben wollen. Aber das sind wir von Leuten wie Ihnen zur Genüge gewohnt.“

„Das ist also…“ Siebels nickte. „Als ich den in seinen ersten Moderationsjob gebracht habe, war er noch ein drittklassiger Fußballheini aus Südwest, jetzt macht er politische Pöbelshows.“ Die Gäste waren aber auch nicht besser. „Es ist die Talkrunde um Bundeswehreinsätze im Innern, Überfremdung und den Niedergang der christlichen Leitkultur.“ Er blickte kurz auf den Stundenzettel an der schlecht beleuchteten Innenseite der Studiotür. „Sie irren sich“, antwortete er, „es ist schon für die nächste Woche, da geht’s um den Untergang des Kapitals durch den Islam.“ „Sie meinen das Zinsverbot und das antikapitalistische Gegenmodell einer globalen Gesellschaft?“ Er schüttelte den Kopf. „Sie haben nur Angst, dass die deutschen Waffenexporte durch die geforderte Modernisierung der arabischen Welt die Börsenkurse vernichten könnte.“

Es handelte sich um einen Special-Interest-Sender. „Um neun bringen wir grundsätzlich eine islamkritische Talkshow“, erläuterte Kantapper. „Die Folgen Minarette in meinem Vorgarten – werden wir alle zwangsislamisiert? und ‚Schweinefleisch, nein danke‘ – womit hat die deutsche Rasse den Hass dieser Untermenschen verdient? werden gerne wiederholt, aber sonst produzieren wir immer frisch.“ Der Plan sah Dokumentationen vor. „Wir müssen ja momentan noch Material zukaufen, aber wir wollen so schnell wie möglich selbst produzieren. Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.“

In einer zum Kabuff umgebauten Müllhalde am Ende des Ganges saß ein gelangweilter Techniker und klebte Filmschnipsel aneinander. „Schauen Sie mal.“ Zwei süße Kätzchen spielten mit einem Ball, während eine bedrohliche Stimme mit russischem Akzent – „Es klingt aber wenigstens ausländisch, das erwarten die Zuschauer!“ – verkündete, dass nur die Juden am Untergang des deutschen Volkes schuld sein könnten, weil sie mit dem Geld der Wall Street die Bundesrepublik GmbH gegründet hätten. „Sie denken doch nicht“, schwatzte sie eilig, „dass wir das so über den Sender gehen lassen!“ „Schon klar“, murmelte Siebels. „Nee“, schaltete sich der Techniker ein. „Das wird synchronisiert, dann sagt einer, dass alle Musel die Europäer wegballern, und ich muss das auf eine Stunde zwanzig aufblähen.“ Kantapper guckte betreten. Immerhin bekäme sie damit ein halbes Abendprogramm gefüllt.

„Es ist doch besser“, sagte sie, „wenn wir dies Programm auf einen eigenen Kanal packen. Seien Sie ehrlich, Burka, Döner, Ramadan – was muss sich die Volksdemokratie noch gefallen lassen? und die Reportagen aus Dresden an jedem Montag, das kriegen Sie nie in einen Sender, der nebenbei noch Unterhaltung zeigt und Krimis, in denen reinrassige Biodeutsche, weder Neger noch Transen, Straftaten begehen?“ Ich wusste es nicht. Siebels schob mir verstohlen sein Exposé herüber. Hystery Channel stand auf dem Titelblatt. Ich verstand. Man kann also nicht nur die einschlägigen Dokumentationen über den Bettnässer von Braunau, die Wehrmacht und die Blitzkriege in schimmelige Anderthalbstünder pfropfen, um die alte und jungen Glatzköpfe auf gleichbleibendem Pegel zu halten, man kann das alles in immer neuer Verpackung auf den Markt schmeißen, in Bausch und Bogen braun und blau, und jeder auf dem Sofa wird diesem Ding seine Ehre, die Treue heißt, sonst wohin halten. Das geht während der Werbepause nicht austreten, das ist berieselbar bis zum Endsieg. „Der Vorteil an der Sache“, erklärte Siebels, wie er die Tür hinter sich ins Schloss zog und einen neuen Zahnstocher aus der Jackentasche fingerte, „Sie brauchen nur einen Sender, den Sie abschalten können. Das schont die Nerven.“