Fakten

5 05 2020

„Andererseits müsste man mal wieder was über die Wirtschaft bringen.“ „Oder soziale Themen.“ „Es wird ja auch nichts mehr über die Klimakatastrophe berichtet.“ „Jedenfalls müsste man mal sehen, ob die Autobauer sich jetzt endlich am Riemen reißen und die Verbrenner ausmustern.“ „Und die nächste Sendung?“ „Lindner hat angerufen, er will dreißig Minuten lang Wissenschaftler anpöbeln.“ „Na, dann machen wir’s halt so.“

„Nein, ich finde wirklich, dass man die sozialen Themen nicht aussparen darf.“ „Man muss doch an die Kinder denken!“ „Sehr richtig!“ „Haben wir da nicht diesen Bildungsforscher, der überall WLAN-Strahlung fürchtet?“ „Dann machen wir das mit dem.“ „Der kann erklären, dass ein Kind im Grunde nach acht Stunden in der eigenen Wohnung rein rechnerisch tot ist.“ „Warum überleben Kinder ein ganzes Wochenende zu Hause?“ „Verwirren Sie uns jetzt nicht mit Tatsachen, das sind Fakten.“ „Dass man den Kindern den wichtigen Austausch mit ihrer Altersgruppe vorenthält, sollte man da auch einfließen lassen.“ „Vor allem das Abitur!“ „Ist das denn jetzt wirklich so wichtig?“ „Unsere Kinder werden von linken Extremisten und Grünen gefährdet!“ „Okay, das muss man dann aber auch mit den richtigen Leuten diskutieren.“ „Hat denn Lindner Kinder?“ „Seit wann muss der irgendwas verstehen, um im Fernsehen zu reden?“

„Besteht denn die Gefahr, dass wir erneuerbare Energien aus dem Blick verlieren?“ „Man anders gefragt, könnte es nicht irgendwann so kommen, dass diese linksextremistische Regierung alles mit Windkraftwerken vollstellt, weil wir das gar nicht mitkriegen?“ „Die stehen ja gar nicht von einem Tag auf den anderen.“ „Und es gibt auch gar nicht genug Leute, die die aufstellen könnten.“ „Dann könnte man zumindest eine Sendung über Energie machen.“ „Weil bei uns die Lichter ausgehen, wenn die Wirtschaft nicht schnell genug wieder öffnet.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Wieso, was ist denn daran nicht zu verstehen?“ „Es gibt doch keinerlei Einschränkungen für die Windenergiebranche, und die Arbeitskräfte waren auch schon vorher nicht zu bekommen.“ „Ja, das ist aber eine ganz andere Diskussion.“ „Das dürfen Sie jetzt nicht alles in einen ideologischen Topf schmeißen.“ „Aber wenn wir befürchten, dass die Lichter bei uns ausgehen, dann brauchen wir doch mehr Windkraft und nicht weniger.“ „Ich finde auch, wir machen das mit dem Abitur.“ „Ganz Ihrer Meinung, Herr Kollege.“

„Aber wir haben immer noch das von Laschet.“ „Was denn noch?“ „Die psychische Belastung von Arbeitnehmern?“ „Er hatte Arbeitslose gemeint.“ „Wie kommt er denn auf einmal zu Arbeitslosen?“ „Hallo, es ist vielleicht Wahlkampf!?“ „Man ist sich ja inzwischen sicher, dass Arbeitslosigkeit die psychische Gesundheit massiv gefährdet.“ „Darum ist er auch so ein großer Fan der Hartz-Verwahrung, richtig?“ „Es ging hier um Arbeitnehmer!“ „Ah, und ich hatte mich schon gewundert, dass er das Argument vorher noch nie gebracht hatte.“ „Man muss sich ja nur mal ansehen, was Homeoffice mit den ganz normalen Leuten macht.“ „Und dass die psychosoziale Belastung bei Callcenterkräften und Pflegern und Fleischzerlegern und Spargelstechern und…“ „Sie müssen nicht in den Berufen arbeiten.“ „Laschet hat das auch nicht gemacht, und sehen Sie mal, was aus dem heute geworden ist.“

„Aber das mit den Küchenbauern müsste man auch mal hinterfragen.“ „Hatten Sie nicht bei einem Betrieb angefragt?“ „Die sind stocksauer.“ „Aber die Läden sind doch wieder offen?“ „Ja eben, jetzt müssen sie die Personalkapazitäten wieder voll hochfahren, können die bestellten Küchen nicht ausliefern, weil die Handwerker keine Wohnungen betreten dürfen, und deshalb können sie keine Rechnungen stellen.“ „Das erfordert natürlich eine sofortige Diskussion.“ „Eben. Wir haben mit Laschet gesprochen, er wird Vorauskasse für alle Handwerksleistungen fordern, damit die Betriebe nicht vom Staat gerettet werden müssen.“ „Das ist doch total behämmert!“ „Deshalb war er ja von dem Vorschlag sofort überzeugt.“ „Alternativ kann man auch mal überlegen, ob man nicht Handwerker wieder in die Privatwohnungen lässt.“ „Warum nicht, die Kunden müssen nur einen Mundschutz tragen.“ „Warum die Kunden?“ „Weil das die Wirtschaft vor Verlust ihrer Arbeitskräfte schützt.“

„Wir haben da noch einen Fernsehkoch auf der Liste und einen Kabarettisten.“ „Keine Frau?“ „Das würde nicht passen, wir müssen ja noch was mit Autos machen.“ „Aha.“ „Und Fußball?“ „Stimmt, das müssten wir auch noch machen.“ „Vielleicht einen Psychologen befragen, der uns bescheinigt, dass ohne Bundesliga schwerste traumatische Störungen zu erwarten sind.“ „Die dann auch wieder die Arbeitsleistung verringern kann.“ „Und Suchterkrankungen.“ „Wahrscheinlich wird die Kauflaune dadurch auch gedrückt.“ „Womit wir wieder bei den Autos sind.“ „Schlimm!“ „Aber da hätte ich einen, der bestätigt Ihnen alles.“ „Ist der Virologe?“ „Gegen Aufpreis bestimmt.“ „Dann laden Sie den Mann mal ein.“ „Dann müssen wir ja in der Sendung gar nicht mehr über soziale Themen sprechen.“ „Auto ist doch Gesellschaft genug.“ „Und den Kabarettisten?“ „Übernächste Woche soll irgendwas mit Statik kommen.“ „Nee, Statistik.“ „Sag ich doch.“ „Na, dann passt das ja wieder.“ „Okay, noch irgendwelche Fragen?“ „Und wie nennen wir das?“ „‚Corona – Müssen wir jetzt alle sterben?‘ wäre doch…“ „Ja, klingt gut.“ „Gut, dann rufe ich mal im Sender an. Wir machen eine ganz normale Talkshow, wie jeden Montag.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVI): True Crime

20 03 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, in denen man mit Uga samt Sippe am Lagerfeuer hockte und den ganz alten Schauergeschichten lauschte, die man längst auswendig kannte und schon deshalb für wahr hielt, weil sie sich jedes Mal ein wenig veränderten. Das wurde nie langweilig, und irgendwo steckte sicher ein Tatsachenkern in den Gruselmärchen, die von der Säbelzahnziege handelte und den Nachbarn, die sich immer ein Körbchen Buntbeeren ausliehen, bis sie plötzlich mit der Machete die ganze Mischpoke zu Blutsuppe verarbeiteten. Schlimm. Was man als klassischen Moralroman noch unter die Leute hat jubeln können – Verbrecher aus mangelnder sozialer Distanz – wird heutzutage sperrig bis unerwünscht. Viele Fachleute, Psychologen und Psychiater, Physiker, nicht zuletzt auch Polizisten mischen sich in das Geschäft ein, das von Rechts wegen nur am Freitag nach acht die Experten zu interessieren hatte. Es geht nicht um untaugliche Versuche in Verbindung mit Barbara Salesch, es geht um Deppen im Gleis, sprich: True Crime.

Durch die traditionelle Komplettüberfütterung mit Kriminalfilmen haben wir das Grundrauschen im Angstzentrum: das Böse ist immer und überall. Man kann quasi keinen Schritt aus der Wohnung tun, wenigstens nicht ohne schwere Artillerie in der Schlafanzughose, denn wir sind umzingelt von den Schwerstkriminellen, die uns eins über die Rübe geben wollen. Rechte Demagogen machen sich die Besorgnis der Bumsbirnen ohnehin zunutze, indem sie von Einbruch und Vergewaltigung an jeder Ecke schwafeln, auch wenn keine Kriminalstatistik das je hergäbe. Aber die Gänsehaut sitzt, und wo es sich nicht mehr um fulminante Fiktion handelt, die in exklusiven Milieus stattfindet – die Drogenszene in Chefetagen oder hinter dem Bahnhof, Kollisionen zwischen Politik Geld und Schmierinfektionen der moralischen Art, wahnhaft halluzinierte Sekten, mafiöse Ausländer, you name it – kommt die reale Gefahr in Gestalt des Nachbarn, von dem wir nur wissen werden, dass er immer so freundlich gegrüßt hat. Sie ist auf unserer Fußmatte angekommen, die Untat. Jetzt hilft nur noch Panik. Und Fernsehen.

Was wäre besser als der gute, alte Sozialporno, ein voyeuristisches Format für alle Fälle. Neben all den schönen Klischees, die das Filmchen breittritt, der chirurgisch präzisen Trennung zwischen dem stets guten, edlen und im akzeptierten Mainstream lebenden Opfer sowie dem devianten Killer aus den klassischen Motiven, wildert es im Lustgarten der moralischen Erregung: wie gut, sagt da der innere Pharisäer, dass ich nicht so ein verpfuschtes Leben habe mit Depressionen, Arbeitslosigkeit oder einem Elternhaus, das abgesehen von abstehenden Ohren nicht viel zu vererben hatte. Alles das wird zur Freude des Publikums durchdekliniert bis zum finalen Erbrechen des Wiedergekäuten, dass Delinquenz nur eine Frage der Lebensschuld ist, gut erkennbar an abgenagten Fingernägeln oder dem falschen Pass.

Dass auch hier die Ermittlungsarbeit mitnichten realistisch dargestellt wird – geschenkt, man kennt es aus dem durchschnittlichen 90-Minuten-Krimi am Sonntag, in dem DNA-Spuren in erzählten zwei Stunden ausgewertet und mit ominöserweise immer schon vorhandenen Datenbanken vergleichen werden können, in denen jeder Taschendieb aus Taka-Tuka-Land steht, obwohl er noch nie in der EU gewesen ist. Einen Film, der zu gut achtzig Minuten aus Papierkram und Dienstbesprechungen besteht, will eh keiner sehen.

Konstituierend für die ganze Gattung ist der kontrafaktische Schock, der brutalstmöglich blutige Bilder in die Netzhaut schwiemeln will, damit die Schlotterspirale nie durchbrochen wird, schon gar nicht von analytisch denkenden Störenfrieden mit kriminalistischer Sachkenntnis. Schneller, höher, noch mehr Opfer, sonst ballert der Serienkiller vom Konkurrenzkanal die Quote ins Jenseits. Die als Feigenblatt vorgeschobene Generalprävention ist öffentliche Erregung, die nichts als ein Ärgernis hinterlässt. Das Genre liefert die billige Vorlage für die jäh aufschwappenden Killerspieldebatten nach Terror aus dem braunblauen Sumpf, rassistische Hetzattacken auf der Basis wirrer Korrelationen, die schon ein irgendwie verdächtiger Name herstellen kann, und es verwickelt sich in seinem eigenen Anspruch. Es will die Perspektive des Opfers herstellen – erkenntnistheoretisches Kunststück bei einer getöteten Person, aber sei’s drum – und dient durch enthemmtes Mitraten doch lediglich seiner entgrenzten Entwürdigung, indem es sein Umfeld zum Hinterbliebenenschütteln nutzt und für die Spanner an der Glotze herauspräpariert, pietätlos und durchinszeniert wie eine Scripted-Reality-Show von und für Minderbemittelte. Die Lust an der Sensation badet in der eigenen Jauche, um ein Rechtfertigungsmuster für eine sekundäre Störung der Totenruhe zu stricken: wenn sie es nicht tun, tut es eben ein anderer. So schlagen Psychopathen zu, nur nicht mit dem Produktionsbudget, sondern mit der stumpfen Seite der Axt. Dann haben wenigstens die Lämmer ihre Ruhe.





Qualitätskontrolle

9 01 2020

Siebels kaute gelangweilt auf seinem Streichholz herum. „Jetzt müssten sie langsam mal fertig sein“, knurrte er, während sich die beiden Testkäuferinnen mit einem Sortiment T-Shirts für je einen Euro aus dem Kack-Kleidermarkt bewegten. Was sie mitbrachten, sah aus wie Putzlumpen im Leopardendruck. „Sehr gut“, signalisierte die Aufnahmeleiterin. „Die werden nicht einmal die Brennprobe überstehen.“

„Schönes Konzept eigentlich“, erklärte der TV-Produzent, „nur besteht es halt aus Wiederholungen von Wiederholungen.“ „Haben Sie denn schon mal einen Textildiscounter untersucht?“ Er lächelte, meine Frage war wohl richtig, aber dennoch wenig angebracht. „Das hier läuft für die Sender unter Verbraucherschutz.“ Er spuckte das Streichholz aus. „Als wüsste man nicht, dass ein Kleidungsstück für einen Euro auch nur einen Euro wert sein kann – wer daran wie viel verdient und was am Ende für wen übrigbleibt, das können sich die meisten nur nicht ausrechnen, und deshalb müssen wir noch immer diese Aufklärungsfilmchen drehen.“ Ich begriff. Das Offensichtliche wurde hier Ereignis, und mit geschickter Montage konnte er an einem Drehtag eine volle Stunde Programm machen.

„Die Weihnachtszeit war großartig“, grinste Siebels. „Wir sind einfach auf den Markt gefahren und haben uns eine Tasse von dieser billigen Plörre abfüllen lassen – der Rest waren Innenaufnahmen.“ „Sie haben Glühwein untersucht?“ Er nickte. „Eine Stunde Sendezeit mit Analysen, die schwarz auf weiß bewiesen, dass es sich bei dem Getränk um die Fertigmischung aus dem Supermarkt handelt.“ „Donnerwetter“, antwortete ich. „Das hat ja vorher niemand wissen können!“ Siebels suchte in der Manteltasche nach einem Pfefferminzbonbon. „In der Redaktion hatte sich das jedenfalls keiner so vorgestellt. Aber es rettet mir den Job, wenn sich unterhalb des Intendanten nur fantasielose Trottel befinden.“

Der nächste Lokaltermin war bei einem Lebensmittelhändler im Bahnhofsviertel. Der Assistent führte eine Liste von Fertigprodukten mit, die die Redaktion nach streng objektiven Kriterien zusammengestellt hatte: nur die billigsten. Ich warf einen kurzen Blick auf das Papier und rümpfte die Nase. „Kartoffelpüree?“ Siebels nickte. „Richtig, wir nähern uns damit den Gewohnheiten des durchschnittlichen Bürgers, der glaubt, dass die Ananas in der Dose heranwächst.“ Während der Kameramann damit beschäftigt war, die Regale des kleinen Supermarktes aufzunehmen, überflog ich das Skript. „Sie bauen das in eine Servicesendung ein?“ Siebels schaute auf den Ablauf. „Richtig, wir werden vier Fertigpürees und einen frisch zubereiteten Kartoffelstampf zubereiten und von Sterneköchen verkosten lassen.“ „Was versprechen Sie sich davon?“ Er zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie den Intendanten, ich denke mir diesen Müll nicht aus.“ „Aber das Ergebnis ist doch recht absehbar“, begehrte ich auf. „Sie werden das aus Pulver angerührte Zeug für ungenießbar erklären.“ „So ist es.“ Fast hätte Siebels gelächelt, aber auch nur fast. „Immerhin wissen wir noch nicht, welcher dieser Kleister am schlechtesten bewertet wird. Das ist das investigative Element, das sich unsere Programmdirektoren auf die Fahnen schreiben.“

Da kamen sie auch schon wieder aus dem Laden, einen Einkaufskorb voller Papppäckchen. „Wir haben alles bekommen“, bestätigte die Aufnahmeleiterin. „Dann brauchen wir jetzt nur noch drei billige Haartrockner und können morgen mit den Nagelstudios weitermachen.“ Sie hievte den Korb in den Kofferraum. Siebels steckte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne. „Ich muss aufpassen“, murmelte er, „wenn wir mit diesem Format zu gut sind, haben wir bald alles getestet, was es für Geld zu kaufen gibt.“

Ich blätterte durch die Liste der Sendungen, die für dieses Jahr in Auftrag gegeben worden waren. „Das Fernsehen findet aber auch alles raus.“ Siebels grinste. „So sarkastisch am frühen Morgen?“ „Aber eins verstehe ich nicht“, wandte ich ein. „Wozu dieses Art von Qualitätskontrolle, wenn man mit gesundem Menschenverstand schon vorher wissen kann, dass Kartoffelpüree aus der Tüte so schmeckt, dass man es nicht mehr essen will?“ „Dialektik“, quetschte er an seinem Hölzchen vorbei. „Die reine Dialektik.“ Ich verstand nicht. „Natürlich kann sich ein so großer Sender keine Kapitalismuskritik erlauben, wo kämen wir da hin? Also kritisieren wir, was auf dem Markt angeboten wird, und zeigen ein Missverhältnis zwischen Warenwert und Geldwert auf – der Verbraucher wird immer ungerecht behandelt, und diesen gefühlten Skandal, der keiner ist, decken wir durch investigative Methoden auf.“ „Ihre Filmchen machen sich zum Anwalt der kleinen Leute, indem Sie ihnen zeigen, was sie eigentlich immer schon wussten.“ Er nickte abermals. „Und das auch noch streng objektiv.“

Siebels steckte die Liste zurück in seine Mappe. „Es wird langsam ungemütlich“, sagte ich, „lassen Sie uns irgendwo einen Kaffee trinken.“ „Kommen Sie“, antwortete er. „Ich kenne da eine hübsche kleine Konditorei um die Ecke, da würde ich nie einen Film drehen. Man braucht ja auch seine Geheimtipps.“





Oma ihr klein Häuschen

8 01 2020

„Wobei ich jetzt nicht verstehe, was das soll.“ „Das versteht keiner, aber bis dahin können wir die SPD weiterhin als Feind der deutschen Arbeiter an den Pranger stellen.“ „Seit wann haben denn Arbeiter Grundbesitz?“ „Seitdem diese linken Schweine mit ihren Villen im Tessin den verdammten Hals nicht mehr voll kriegen!“

„Offenbar haben Sie das Prinzip nicht kapiert.“ „Wenn man die Zeitungen betrachtet, haben das noch ein paar mehr nicht.“ „Es geht denen darum, dass die Grundstücke enteignet werden! Nicht mal hat sich getraut, was diese Linksfaschisten mit den deutschen Wählern vorhaben!“ „Das ist doch…“ „Das ist verfassungsfeindlich!“ „Wann haben denn Sie zuletzt das Grundgesetz von innen gesehen?“ „Dann wüsste er auch, dass Eigentum verpflichtet.“ „Sie werden mich mit Ihren Spitzfindigkeiten hier nicht aus dem Konzept bringen, Sie nicht!“ „Wenn Sie das schon fürchten, warum glauben Sie dann, dass Sie ein Konzept haben?“ „Wir machen hier eine anständige Zeitung, die wird nicht dieses linke Gesindel an die gleichgeschaltete Macht bringen!“ „Was ist denn heute mit Ihnen los?“ „Verstehe ich auch nicht, sonst hetzt er doch bloß gegen Merkel?“

„Jedenfalls wollen diese stalinistischen Säue die Wähler enteignen, und die einzige Antwort von uns ist der nationale Widerstand!“ „Haben Sie seine Tabletten versteckt?“ „Ich bitte mir Respekt aus!“ „Warum schreiben Sie dann so einen Unsinn?“ „Die SPD wird mit der Bodenwertzuwachssteuer die Eigenheimbesitzer in den Ruin treiben.“ „Warum?“ „Wir werden Verhältnisse haben wie in Amerika, wo die Banken mehr Geld von den Hausbesitzern zurückhaben wollten, als sie ihnen geliehen hatten.“ „Das nennt man Kredit.“ „Und früher gab es auch mal Zinsen im positiven Bereich.“ „Und da ging es auch nicht um Grundstücke.“ „Die SPD ist die Fortsetzung des Nationalsozialismus!“ „Bleiben Sie bei der Äußerung?“ „Ich nehme das zurück, aber meine Meinung wird sich nicht ändern!“

„Es geht doch gar nicht um Immobilien.“ „Aber um die Grundstücke!“ „Ah, langsam sieht er es ein?“ „Und wenn die Grundstücke immer höher besteuert werden, dann kann man sich auch die Immobilien nicht mehr leisten.“ „Also doch keine Einsicht.“ „Allerdings.“ „Es geht um Bauland!“ „Nein.“ „Es geht um Bauland, das der Staat…“ „Die Steuer wird von den Kommunen erhoben.“ „Das ist doch dasselbe!“ „Er lebt offensichtlich in einem anderen Staat.“ „Das Bauland wird vom Staat durch die Kommunen jedes Jahr neu…“ „Nein.“ „Ihre leninistischen Diskutiererei wird Ihnen nicht weiterhelfen, Ihre Revolutionsgarden werden Ihnen das Eigenheim schon noch unter dem Arsch wegpfänden, und dann sitzt Ihr alle aus Solidarität mit Nordkorea auf der Straße! Na, wie schmeckt Euch Klimaspasten das!?“

„Abgesehen davon, dass es um Brachland geht, das erst bei der Umwandlung durch einen neuen Bebauungsplan…“ „Aha, da habe ich Sie schon bei der ersten Lüge erwischt!“ „Dieser Gesetzentwurf will nur eine einmalige Zahlung beim Verkauf an die Kommune besteuern.“ „Das sagen die jetzt – wenn Ihre Oma dann ihr klein Häuschen verkauft, dann ist…“ „Es geht doch nur um das Land.“ „Meine Oma hat das jedenfalls nicht auf Bauland errichtet, oder was meinen Sie, wie man reich wird?“ „Sie denken also, dass die…“ „Sie wollen mir unterstellen, dass ich die illegalen Methoden mancher Bauspekulanten gutheiße, nur weil ich mich gegen die linksextremistische Enteignung der SPD unter Adolf Walter Dings und seiner sicher aus Russland stammenden Parteisekretärin wende?“ „Sie sollten sich einfach mal den…“ „Ich muss mir diese sozialistischen Gleichschaltungsfantasien gar nicht erst durchlesen, meine Meinung steht fest: dieses rote Pack gehört aus Deutschland entfernt, die wollen den Wähler in die Armut treiben!“

„Und deshalb schreiben Sie diese Artikel gegen die Steuerpläne der SPD?“ „Davon verstehen Sie ja offensichtlich nichts.“ „Erklären Sie es uns.“ „Man nennt das journalistische Sorgfaltspflicht.“ „Wie bitte!?“ „Der Journalismus als politische Kraft muss dafür sorgen, dass die Wähler ihren Besitz nicht unter dem Arsch…“ „Welchen Besitz?“ „Welche Grundstücke?“ „Das hat doch der Lindner schon so oft gesagt, wenn man von der Armut bedroht ist und sich keine Miete mehr leisten kann, dann muss man eben Wohneigentum kaufen.“ „Also erstens…“ „Lassen Sie es gut sein, er kapiert es nicht.“ „War mit schon klar.“ „Hören Sie mal, wenn Sie eine Eigentumswohnung kaufen, dann gibt es gar keinen Grundbesitz.“ „Die meisten prekär Beschäftigten können oder wollen, das über lasse ich jetzt mal Ihnen, auf jeden Fall wollen die sich das nicht mehr leisten können – diesem leistungslosen Wohlstand, alle diese parasitären Arbeiter, die in diesem Land leben dürfen, obwohl sie immer noch so arm sind, dass sie sogar Steuern zahlen müssen?“ „Sie haben nicht einmal die…“ „Wenn die Investitionsgewinne aus Bodenspekulation nicht den Leistungsträgern zugute kommen, dann wird sich bald niemand mehr auf das Geschäft einlassen, und dann fließen die hinterzogenen Steuern eben nach England, oder was meinen Sie, wozu wir den Brexit brauchen?“ „Und deshalb muss die deutsche Presse den Wählern Schauermärchen über die SPD erzählen?“ „Sie haben ja noch nicht einmal…“ „Doch.“ „Aber eins würde mich jetzt ja brennend interessieren.“ „Na, dann erzählen Sie mal.“ „Meinen Sie, seine Oma war eine Nazisau?“





Mainstream

16 09 2019

„Also entschuldigen Sie mal, das geht ja gar nicht!“ „Absurde Idee!“ „Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank!“ „Aber es ist ein gesellschaftlich sehr polarisierendes Thema, wir als Journalisten dürfen das nicht einfach ausklammern.“ „Deshalb lädt man aber trotzdem nicht die RAF ins Fernsehen ein!“

„Politische Bildung kann nur so funktionieren, dass wir die Betroffenen zu Wort kommen lassen.“ „Wenn ich das schon höre…“ „Wer sind denn die Betroffenen?“ „Das sind ja wohl die, die bei den Attentaten zu Schaden gekommen sind.“ „Vielmehr die Hinterbliebenen, die Opfer können ja nicht mehr reden.“ „Ich bin auch gegen Terrorismus, aber deshalb muss man doch der Gegenseite trotzdem eine…“ „Um diesen ganzen radikalen Mist in Ihrer Sendung zu zeigen?“ „Diese Leute wollen doch gar nicht reden!“ „Das zeigt doch schon dieses ganze verquaste Ideologiegelaber!“ „Genau da haben die Medien die Aufgabe, eine gemeinsame Sprache zu finden und dem Zuschauer eine…“ „Also falls ich es nicht schon gesagt haben sollte, noch mal fürs Protokoll: Sie haben nicht alle Tassen im Schrank.“

„Wir müssen hier doch auch mal eingestehen, dass, nur, weil wir recht haben, der andere nicht unbedingt unrecht haben muss.“ „Nehmen Sie mir bitte jetzt alle harten Gegenstände weg.“ „Das Schlimmste sind Typen, die auch noch glauben, was sie da für einen Bullshit erzählen.“ „Streitkultur ist doch für uns Demokraten ganz wichtig, weil wir…“ „Streitkultur!?“ „Diese Mörder…“ „Es sind nicht alle Mörder, das wissen Sie ganz genau.“ „Wer Mord oder Terror rhetorisch vorbereitet oder die Taten organisatorisch unterstützt und sie hinterher ideologisch als Notwendigkeit rechtfertigt, hängt mit drin.“ „Sehe ich auch so.“ „Aber Streitkultur ist wichtig, weil wir die…“ „Was wir von dieser Bande vorgesetzt bekommen, sind bestenfalls Hassphrasen mit freundlichem Zuckerguss.“ „Die wollen sich nicht streiten, die wollen Ihre Meinung ausradieren, weil sie für die ein überkommenes System repräsentiert.“ „Und dann können Sie sich noch so viel ins Fernsehen stellen und Differenzierung fordern, das verfängt nicht bei denen.“ „Es soll aber bei den Zuschauern ankommen, dass wir uns um Mäßigung bemühen.“ „Bemühen!“ „Na großartig, und was kommt von denen zurück?“ „Warten wir noch zehn Sekunden ab, dann kommt hier die Leier mit der schweren Kindheit.“ „Gottchen, die armen Terroristen!“ „Die leiden sicher am schwersten unter ihren Bombenattentaten.“ „Ist aber auch echt gefährlich, wenn man im Untergrund lebt und den ganzen Tag auf der Hut sein muss, dass man nicht ertappt wird.“ „Schlimm, schlimm, schlimm!“

„Für klar denkende Menschen gehören diese Terroristen ja auch nicht zur Normalität.“ „Also nicht zu der Normalität, die Sie ihnen medial als billige Eintrittskarte in die bürgerliche Gesellschaft zur Verfügung stellen?“ „Jetzt differenzieren Sie doch mal: wer nicht differenziert, hört in dem lauten Geschrei dieser Terroristen oder ihrer Sympathisanten nicht die Stimmen, die man hören sollte, als Politiker, um sie ernst zu nehmen, als Journalist, um sie zu beleuchten.“ „Das mit der schweren Kindheit haben wir verpasst?“ „Sieht so aus.“ „Also die Zwischentöne, wenn wir uns so rein emotional darauf einlassen sollen, was der Terror mit uns macht?“ „Das klingt jetzt echt deep.“ „Ich fühle mich auch schon echt voll betroffen, Du.“ „War Lack schon wieder im Sonderangebot?“ „Wir brauchen einen respektvollen, anständigen Diskurs und eine…“ „Damit wir uns von diesen Terroristen ans Handlanger eines Schweinesystems anpöbeln lassen dürfen, das notfalls durch brutale Gewalt gegen Unschuldige zerstört werden soll?“ „Sie hatten möglicherweise nicht ganz so viel Zeit, sich in die theoretischen Grundlagen dieser Ideologie einzuarbeiten.“ „Wenn man keine Ahnung hat, was ‚Diskurs‘ heißt, hat sich die Diskussion er erledigt.“

„Der Mainstream setzt sich aber auseinander mit diesen Themen, und deshalb dürfen wir das nicht ausgrenzen.“ „Die Mehrheit der Bevölkerung kann diesen Scheißdreck aber nicht hören!“ „Und die anderen Sender machen das auch, und auch auf dem eigenen Sender gibt es genug Sendungen, die sich mit dem…“ „Und deshalb müssen Sie denen auf den Leim gehen, jedes Mal deren Hassparolen übernehmen und weitertransportieren?“ „Meine Güte, die sagen halt ‚Bullenschweine‘, wenn einer denen nicht passt, aber…“ „Und das müssen Sie dann auch nachplappern?“ „Wir können doch einen Diskurs nur auf Augenhöhe führen, wenn wir klar differenzieren, was wir als…“ „Klar, Sie sagen immer ‚Zwinki-Zwonki‘, damit auch jeder Ihre differenzierende Distanz diskursiv einordnen kann, oder?“ „Uh, das ist Medienkompetenz!“ „Sehen Sie, einmal mit Profis arbeiten.“

„So, und damit hier jetzt mal Ruhe im Karton ist, haben wir Ihre Studiogäste für morgen früh wieder ausgeladen.“ „Aber…“ „Das reicht jetzt, und Sie können gerne Ihre politischen Ambitionen überdenken, nur nicht bei uns als Arbeitgeber.“ „Aber Meinungsfreiheit…“ „… heißt nicht, dass wir Ihnen unwidersprochen zuhören müssen.“ „So, und jetzt würde ich diese Diskussion gerne beenden.“ „Sie können sich ja gerne privat mit der RAF treffen und ein bisschen über den Umbau des Rechtsstaates plaudern.“ „Falls Sie da als Gast auch so willkommen sind und kein kostenloses PR-Material für die basteln können.“ „Ganz fair und ausgewogen und kritisch.“ „Und unparteiisch.“ „Und natürlich differenziert.“ „Und unabhängig.“ „Guten Abend.“





Gesprächsführung

5 09 2019

Der Einsatz kam ganz überraschend. Siebels sah übernächtigt aus. „Auf einmal“, schimpfte ich. „Wie oft habe ich das gesagt, und jetzt auf einmal sollen Sie als Produzent die…“ „Ich habe das selbst angeordnet“, schnitt er mir das Wort ab. „Und wenn sie jetzt nicht alle spuren, werfe ich jeden einzelnen von ihnen noch heute raus.“

Die Moderatoren saßen alle in der Maske. Hier und da gab es kleine Unstimmigkeiten betreffs des Ablaufs, aber die nervöse Anspannung hielt sie alle unter Kontrolle. Keiner sprach ein lautes Wort, nur in der hinteren Garderobe johlte es. „Gut“, knurrte Siebels. „Dann wollen wir mal.“ Und er schritt geradewegs auf Henriette Mauschel zu, die mit ihrer Talkshow am Donnerstag auf der Kippe stand, sie wusste es nur noch nicht. „Wir haben uns wohl verstanden“, sagte er. „Sie haben zwei Minuten dreißig, danach sind die Fronten klar.“ „Aber…“ Siebels beugte sich leicht nach vorne. „Sie haben zwei Minuten.“

Hinten in der Maske polterte es. Der erste Gast stolzierte ins Studio, das er zugegebenermaßen gut kannte, denn wie viele Sendungen hatte er nicht hier mit populistischem Geplapper erlebt. „Er sitzt links“, dirigierte Siebels den Regisseur. „Das ist aber jetzt bildtechnisch ganz schwierig, wenn wir die…“ Der Produzent packte ihn unvermittelt am Kragen und zog ihn zu sich heran. „Wenn ich sage ‚Mach Dir in die Hosen‘“, zischte er, „dann machst Du was?“ „In die…“ Siebels stieß ihn wieder weg. „Schön, dass wir uns gleich verstehen. Das könnte der Beginn einer langen Freundschaft werden.“ Der Regisseur wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Die Mauschel bitte nach recht, nach rechts bitte!“

„Wir wollen gleich mit den wichtigen Themen beginnen“, setzte die Moderatorin ein. „Sie sehen sich seit mehreren Wochen mit Ermittlungen wegen eines Vermögensdeliktes konfrontiert, obwohl Sie dies in der Öffentlichkeit bisher immer abgestritten haben.“ „Schweinerei“, polterte der Kahlkopf. „Ich werde mich über Sie beschweren, Sie werden, wenn wir die Wahl, werden wir Drecksäue wie Dich in der…“ Siebels vollführte eine wegwerfende Geste. Sofort traten zwei muskulöse Herren, Möbelpacker oder Berufsboxer, an den schimpfenden Gast heran und machten ihm schnell und unbürokratisch klar, dass er eine faire Chance hatte, das Gelände im Vollbesitz seines Gebisses zu verlassen. Henriette Mauschel zitterte am ganzen Leib. „Gut gemacht“, lobte Siebels. „Sie sehen, man muss mit den Leuten nur reden. Und zwar in genau der Sprache, die die Zuschauer verstehen.“

Die zweite Kandidatin war nur wenige Minuten später auf dem dazu vorgesehenen Platz. „Moritz Höfgen.“ Wie Siebels den Namen aussprach, hörte es sich bereits sehr endgültig an. „Sie mögen ihn nicht.“ Er grinste bitter. „Was hat mich verraten?“ „Seine Gesprächsführung ist nun wirklich nicht berühmt für Ausgewogenheit und…“ „Unsinn“, schnarrte er. „Höfgen ist ein pseudointellektueller Schwätzer, der nicht einmal ein Thema braucht, um daran vorbeizureden.“ „Und wie will er jetzt gegen diese hysterische Schlange antreten?“ Er blickte ins Leere. „Fragen Sie mich nicht.“

„Erst einmal schön, dass Sie sich heute Abend Zeit nehmen“, schwafelte der untalentierte Typ. „Das war zu erwarten“, konstatierte ich. „Nach jeder Sendung fordern die Kritiken, dass man ihn in der Versenkung verschwinden lässt.“ „Und er fasst das als Zensur auf“, fügte Siebels trocken hinzu. „Sie wollen also auf Frauen und Kinder schießen lassen an der Grenze, nur damit ich das richtig verstehe – das sind immense Kosten für Munition und Beseitigung, kann man das dem Steuerzahler wirklich…“ „Aus“, sagte Siebels tonlos. Ein Blick zur Seite, das Scheinwerferlicht verlosch. Höfgen verstummte. „Schmeißt ihn raus.“ Inzwischen regte sich Protest, aber der Produzent bleib unerbittlich. „Drehen Sie das Licht wieder an, wenn er weg ist, und dann schicken Sie den nächsten rein.“

Zu meinem Erstaunen setzte er sich selbst in den Moderatorendrehsessel, als sie den Alten ins Studio begleiteten. „Ich sollte doch…“ „Setzen“, knurrte Siebels. Völlig perplex folgte der Greis dem Befehl. „Sie sind also ein bekennender Faschist“, begann er die Ansprache. „Sie leugnen Verbrechen der Wehrmacht, reden den Krieg, die Verfolgung und den Holocaust klein und geben offen zu, dass Sie den Mord an missliebigen Amtsträgern als ein Zeichen von nationaler Notwehr entschuldigen.“ Der Alte schnappte. „Sie werden sich für Ihre Lügen verantworten“, brüllte er, „ich lasse Sie alle ausrotten!“ „Wir haben für jede Ihrer Äußerungen umfangreiches Filmmaterial vorbereitet, das auch vor Gericht als Beweismaterial hilfreich wäre. Warum bezeichnet sich ein Nationalsozialist, der für die Sicherheit ein Verzeichnis aller jüdischer Einwohner haben will, als bürgerlich?“ „Ich werde Sie alle…“ „Und da sind wir auch schon beim nächsten Punkt, Sie haben die Errichtung von Lagern für Journalisten und Wissenschaftler zum Schutz der Bevölkerung von linker Propaganda gefordert – wollen Sie sich das auch ansehen? Wir haben gleich drei Reden, da waren Sie ein bisschen unvorsichtig. Außerdem waren Hakenkreuzfahnen auf der Bühne, aber das wussten Sie sicher nicht.“ Abrupt stand der Alte auf und blieb mit dem Fuß im Drehgestell des Sessels stecken. „Passen Sie auf Ihren Flachmann auf“, höhnte Siebels, während der Kandidat sich mühsam vom Boden aufsammelte. „Und raus.“ „Sie wissen, dass das Konsequenzen haben wird?“ Der Produzent schnipste mit den Fingern. „Sehen Sie, so macht man das. Wer fragt, führt. Antworten haben diese Knalltüten eh keine.“





Nazi-Methoden

27 08 2019

„Das sind Nazi-Methoden.“ „Also das können Sie jetzt wirklich nicht sagen!“ „Das geht gar nicht!“ „Okay, also: sind es Nazi-Methoden?“ „Wie gesagt, das dürfen Sie so nicht formulieren.“ „Warum nicht?“ „Weil die uns sonst Nazi-Methoden vorwerfen würden.“

„Also entschuldigen Sie mal, wer will denn hier immerzu mit Rechten reden?“ „Das ist allgemein der gesellschaftliche Konsens, dass man immer mit allen redet.“ „Auch mit Nazis?“ „Jetzt werfen Sie nicht Rechte und Nazis in einen Topf, das sind…“ „Nazi-Methoden, stimmt. Wobei ich da nicht genau weiß, wer jetzt wen für sich vereinnahmt.“ „Auf jeden Fall wäre das intolerant, wenn man nicht mit Rechten reden würde.“ „Und klug wäre es auch nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil die dann sagen, dass keiner mehr mit denen redet.“ „Und das wäre dann intolerant.“ „Und das sieht schon wieder nach Nazi-Methoden aus.“ „Also muss man ständig mit den Rechten reden, weil sie sonst sagen, wir wären intolerant?“ „Außerdem wären es Nazi-Methoden.“ „Und wenn die Rechten sich beschweren, dass man ihnen nicht ständig eins auf die Fresse gibt, dann hauen wir ihnen in die Fresse?“ „Sie konstruieren da mal wieder Dinge, die nur theoretisch klappen.“ „Also mit dieser negativen Einstellung kommen wir nun wirklich nicht weiter!“ „Außerdem sind das auch schon wieder Nazi-Methoden.“

„Wir können denen doch nicht ständig ein Podium für ihre faschistische Ideologie bieten.“ „Müssen Sie die denn immer alle über einen Kamm scheren?“ „Man kann doch ausländerfeindlich sein und wissenschaftsfeindlich und überhaupt diese ganze Demokratie und den Rechtsstaat hassen, ohne Nazi zu sein.“ „Diese CDU-Vorsitzende macht es Ihnen doch gerade so schön vor.“ „Und die ist doch nun wirklich kein Nazi.“ „Aber die, die Sie hier ständig einladen, interviewen und in die Talkshows setzen, das sind Nazis.“ „Aber selbst wenn es Nazis wäre, dürften wir denen doch nicht den Mund verbieten.“ „Die erzählen doch sowieso, dass sie hier nichts mehr sagen dürften.“ „Sehen Sie, wie weit wir schon gekommen sind?“ „Da muss man doch Signale setzen!“ „Gesamtgesellschaftlich, und so!“ „Weil dieses Pack…“ „Bitte hier nicht solche abwertenden Gruppenbezeichnungen.“ „Das sind nämlich Nazi-Methoden.“ „Entschuldigen Sie mal, wollen Sie sich nun mit uns unterhalten, ob wir unser Verhalten ändern, oder wollen Sie uns einfach nur undifferenzierte Vorwürfe machen und uns mit haltlosen Drohungen überziehen? Dann können wir das hier nämlich auch gleich lassen!“

„Gut, dann anders. Wenn die Rechten, die Sie einladen, das nur ausnutzen, um öffentlich zu äußern, dass sie sich nicht mehr öffentlich äußern können, dann ist das was?“ „Wir können nichts für den performativen Widerspruch.“ „Das ist doch der Sinn, den Zuschauern wird es irgendwann auffallen, dass sie sich damit selbst widerlegen.“ „Und Sie lassen diese Intoleranz fröhlich zu und jeder darf bei Ihnen hetzen, wie er lustig ist.“ „Was erwarten Sie denn?“ „Zumindest Widerspruch.“ „Sie haben das immer noch nicht verstanden.“ „Die müssen sich doch selbst widersprechen.“ „Weil, wenn wir ihnen widersprechen würden, würden sie doch sofort sagen: die widersprechen uns.“ „Und dann sagen sie wieder, hier dürfen sie gar nichts sagen.“ „Und das wäre ja intolerant, oder?“ „Also wenn wir ihnen widersprechen.“ „Und Sie machen die nicht einmal auf ihren Widerspruch aufmerksam?“ „Das wären doch wieder nur Nazi-Methoden.“

„Also bleibt es bis auf Weiteres dabei, dass Sie sich irgendwelche Rechte einladen und sie hier haltlose Drohungen und undifferenzierte Vorwürfe ausspucken lassen.“ „Jetzt denken Sie doch mal logisch nach: wenn wir den Rechten den Mund verbieten würden, dann…“ „Was heißt denn bitte ‚den Mund verbieten‘? Wenn Sie nicht in jede Sendung einen Kardinal oder einen Erzbischof oder wenigstens eine Ordensschwester einladen, hetzt dann die Kirche gegen Sie, dass Sie gottlos sind und dass man der Kirche den Mund verbietet?“ „Naja, das kann man so nicht vergleichen.“ „Die Kirche hat ja ihre eigenen Kommunikationskanäle, vor allem zu ihren Anhängern.“ „Die brauchen uns ja auch nicht in dem Sinne, die haben ja schon ‚Das Wort zum Sonntag‘.“ „Und die Rechten können sich ausschließlich in den öffentlich-rechtlichen Medien äußern?“ „Nein, aber in jeder Demokratie muss es eben auch Minderheitenschutz geben für solche Meinungen.“

„Gut, und wenn ich jetzt auch zu den Rechten gehe?“ „Dann müssten Sie in der Partei schon eine gewisse Bedeutung haben.“ „Wir können ja nicht jeden Typen aus einem beliebigen Ortsverein in die Talkshow setzen.“ „Außerdem müssen Sie schon einen gewissen Wiedererkennungswert bei den Zuschauern mitbringen.“ „Dann geht es Ihnen als gar nicht um Rechte, Sie wollen nur jemanden aus der Partei einladen, weil Sie befürchten, dass Sie nach der Machtergreifung…“ „Das ist doch wieder so ein Jargon, den wir nicht haben wollen.“ „Und wieder eine Nazi-Methode, diesen Jargon außerhalb des rechten Kontextes zu verwenden.“ „Das heißt, Sie wenden Nazi-Methoden an.“ „Bitte!?“ „Das ist doch wieder so eine…“ „Sie lassen Rechte ihre faschistischen Begriffe in einem medialen Kontext verwenden, der nicht explizit faschistisch ist. Damit ist das eine Nazi-Methode. Oder Sie wären selbst faschistisch.“ „Also das müssen wir uns jetzt nicht mehr gefallen lassen!“ „Schweinerei!“ „Irgendwo hört die Toleranz nämlich mal auf!“ „Demokraten Nazi-Methoden vorwerfen, wissen Sie, wie man das nennt? Nazi-Methoden!“





Vibrationsalarm

13 08 2019

Man sah ihm die dunklen Augenringe an; dennoch verbarg Siebels sie hinter einer dunklen Brille. „Die letzten Tage waren nicht einfach“, stöhnte er. „Ich hoffe, dass wir bald diese dämliche Sommerpause hinter uns gebracht haben.“ Und er stürzte schon den zweiten Becher mit billigem Automatenkaffee hinunter.

Das Studio war unbeheizt, und die Morgenfrühe unterstützte die Zugluft. Wer nicht gerade im Licht der bläulichen Scheinwerfer saß und demonstrativ entspannt in die Kamera blickte, bewegte sich mit zusammengeschobenen Schulter und steifbeinig durch die Kulisse. „Sie haben den Sessel doch noch rechtzeitig fertiggekriegt“, brummte Siebels, und aus seinen Worten hörte ich eine tiefe Befriedigung. „Das Möbel sieht ein bisschen plump aus“, befand ich. „Warten Sie ab“, murmelte er. „Warten Sie ab.“ Frieder Marx, seit mehreren Jahren schon nicht mehr auf der Mattscheibe zu sehen, führte ein ganz normales Gespräch mit einem der zahlreichen Experten, die für alles und nichts unter jedem beliebigen Stein hervorkriechen, wenn eine Kamera oder wenigstens ein Mikrofon in der Nähe sind. Es sirrte von irgendwo her, ein ganz leiser und sehr hoher Ton, der recht unangenehm in den Ohren nachklang. Siebels nickte.

„Wir müssen die Steuersenkungen unbedingt noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen“, verkündete der Nachwuchspolitiker im billigen schwarzen Polyesteranzug. „Nur wenn die Spitzenverdiener über ein stark ansteigendes Nettohaushaltseinkommen verfügen, kann die…“ Weiter kam er nicht. Das immer noch leise, aber immer deutlicher vernehmbare Summen schwoll unvermittelt an, und dann war auch zu sehen, woher es kam. Der klobige Sessel war nicht einfach nur ein Sitzmöbel, er vibrierte. Und er vibrierte mit solcher Stärke, dass der jugendliche Schwätzer auf dem Sitz durchgeschüttelt wurde und kaum noch verständliche Laute von sich geben konnte. „Wenn ich Sie richtig verstehe“, begann Marx seine nächste Frage, aber er musste sie gar nicht mehr stellen. Niemand konnte noch etwas verstehen.

„Eine Art Vibrationsalarm“, erklärte Siebels. „Wir haben uns diese Möglichkeit überlegt, um den üblichen TV-Formaten wieder ihre journalistische Schärfe zu verschaffen, damit nicht so viel Unfug vor der Kamera geredet wird.“ Er knüllte seinen Pappbecher zusammen und warf ihn in einen der vielen Papierkörbe hinter der Kulisse. „Aber wir haben doch in den meisten Sendungen inzwischen einen Faktencheck“, wandte ich ein. Siebels zog nur leicht die Augenbrauen in die Höhe. „Das stimmt“, antwortete er. „Aber erstens kommt dieser Teil erst nach dem eigentlichen Gelaber in der Glotze, was auch dazu führt, dass er von kaum jemandem auch nur zur Kenntnis genommen wird, und zweitens sind es nicht nur die offensichtlichen Lügen und Verdrehungen, sondern auch Framing oder Hetze durch Kampfbegriffe. Das wird durch einen reinen Faktencheck nicht einmal erfasst.“ Ein Praktikant hielt uns ein Tablett mit Kaffeebechern hin. Wir griffen zu. „So kommt es auch zustande, dass ein Faschist mit aller Unterwürfigkeit in einem groß angekündigten Interview seinen rassistischen Dreck vom Stapel lassen darf, ohne dass ein Redakteur einschreitet und ihm den Saft abdreht.“

Inzwischen hatte sich die Diskussion fortbewegt und war bei einer Erhöhung der Mehrwertsteuer angekommen. Der Schnösel verteidigte vehement die ermäßigten Steuersätze für Luxusgüter. Man verstand es nur nicht. „Offenbar ist er der Ansicht, wenn man Rennpferde nur steuerlich begünstigt, hat bald jeder Geringverdiener eines im Vorgarten stehen.“ Siebels sah gelangweilt, wie der Sessel den Talkgast durchrüttelte. „Und das hilft?“ „Das werden wir sehen“, brummelte er. „Zur Not muss man mit Druckluftfanfaren arbeiten, um den größten Müll zu übertönen.“ Ich sah das skeptisch. „Das würde aber das Studiopublikum doch ziemlich erschrecken, meinen Sie nicht?“ Der Produzent nahm einen Schluck von der kaffeeähnlichen Brühflüssigkeit. „Wer sagt denn, dass das Publikum die Druckluft abkriegen soll?“

Die Vibrationsmechanik hatte ihren Dienst getan, der Gast war bis beinahe zur Erschöpfung durchgerüttelt worden wie eine Dose Farbe im Baumarkt. Er konnte kaum noch stehen und musste von einer Assistentin in die Garderobe geführt werden. „Vermutlich wird er jetzt in seiner Lieblingszeitung mit den großen Buchstaben das Lied von der Einschränkung der Meinungsfreiheit jodeln“, sagte Siebels ungerührt. „Für die Fraktion ist ja jegliche Kritik ein Grundrechtsbruch, und dass sich keiner für ihr dusseliges Gerede interessiert, wollen sie vermutlich demnächst unter Strafe stellen.“ „Meinen Sie nicht, dass Medien hier ganz klar ihre Kompetenzen überschreiten?“ Siebels stellte den Becher auf den kleinen Tisch neben dem Mischpult. „Haben Medien die Aufgabe, als reine Verstärken den Schwachsinn und die Lügen von Soziopathen zu verbreiten, oder sollen sie das Ergebnis einer Differenzierung darstellen?“ „Das ist eine Frage der Darstellung“, wandte ich ein. Aber er ließ es nicht gelten. „Dann berücksichtigen Sie aber auch, dass Zuschauer intellektuell beschränkt sind.“ Und schon hatte der nächste Gast Platz genommen, ein älterer Herr mit aufgezwirbelten Schnauzbart. „Der deutsche Widerstand ist nötig“, schnarrte er. „Die Flüchtlingskanzlerin hat widerrechtlich die Grenzen geöffnet, um die…“ Wir zuckten unter dem lauten Knall zusammen. Der Alte verkrampfte sich röchelnd in die Armlehnen. „Er wird es sicher überleben“, stellte Siebels fest. „Sehr gut, das gefällt mir. Sie haben meine Idee wirklich zu Ende gedacht, ich sehe eine deutliche Differenzierung, was die Aussagen angeht und ihre Tragweite.“ Er blickte auf die Liste, die auf dem Tischchen lag, und dann über die Schulter. „Nehmen Sie auch noch Kaffee? Gleich geht’s um Klimawandel.“





Kuscheljustiz

22 07 2019

„Geben Sie mir noch eine Minute.“ Siebels lutschte hektisch an seinem Hustenbonbon, während der Aufzug gerade herabgerauscht kam. „Wir nehmen einfach den nächsten.“ So spät war in der Redaktion sonst nichts mehr los, die Moderatoren prüften ihre Moderation, die Gäste saßen bereits in der Maske oder telefonierten an, wie weit sie sich verspäten würden. Der ganze Stab von Das wird man doch wohl noch sagen dürfen war in heller Aufruhr. Irgendjemand würde die Sendung retten müssen.

„Genau das erwarten sie von uns“, knurrte der Produzent. „Eine Woche lang gurkt dieser ganze Haufen unprofessioneller Vollidioten herum, nichts funktioniert, und wir dürfen dann die Kastanien aus dem Feuer holen.“ Der Aufzug war im zehnten Stock angekommen. Die Türen öffneten sich. Der Richtungsanzeiger für die Talkshow wies nach ganz rechts. „War ja zu erwarten“, sagte ich lakonisch. Siebels nickte. „So habe ich es auch in Erinnerung, aber ich möchte gerne wissen, warum sie uns jetzt noch herholen. Anscheinend stimmt etwas nicht mit den Gästen.“ Frau Doktor Hüserich war dann auch entsprechend sprachlos. „Furchtbar“, jammerte sie, „es ist wirklich furchtbar! Wir können die ganze Sendung gar nicht mehr machen! Es gibt da auf einmal so viele Bedenken, ich weiß gar nicht, wo di alle herkommen!“

Die Kärtchen an der Pinnwand zeigten sämtliche Teilnehmer der Sendung. „Hannelore Bahsmann“, las ich. „Rechtsanwältin, die sich mit den Fehlurteilen den Justiz beschäftigt.“ „Lesen Sie die ganze Karte“, empfahl Siebels. „Frau Bahsmann wurde für die Aussage gebucht, dass die ganze Kuscheljustiz den deutschen Rechtsstaat zerstöre.“ „Das ist doch unsinnig?“ Frau Doktor Hüserich nickte. „Ja, aber Sie dürfen nie vergessen: man darf den Zuschauern nie sagen, dass sie dumm sind, aber man darf es auch nie außer acht lassen.“ Siebels legte die Stirn in tiefe Falten. „Sie ordern eine Strafverteidigerin, deren erste Aufgabe es ist, ihre Mandanten vor einem zu harten Urteil des Gerichts zu schützen, und wollen von ihr hören, dass die Gerichte nicht hart genug urteilen.“ Die Doktorin betrachtete sehr eingehend ihre Schuhe.

„Dann hätten wir da einen Kommunalpolitiker, der irgendwas mit Ausländern erzählen soll.“ Siebels sah sich die Karte nicht einmal an. „Das ist schließlich die Aufgabe von Kommunalpolitikern.“ „Aber entschuldigen Sie mal“, begehrte ich auf, doch er winkte nur müde ab. „Ich meine das in Bezug auf Talkshows. Oder haben Sie dort von denen jemals etwas in anderem Zusammenhang gehört?“ Ich schwieg betroffen.

„Unser Problem ist jetzt zunächst dieser junge Mann“, erklärte Frau Doktor Hüserich. „Er hatte in der letzten Woche einen schweren Autounfall, aus dem er wie durch ein Wunder gänzlich unverletzt herauskam, und jetzt hat er sich geschworen, nur noch im Sinne des christlichen Menschenbildes seiner Partei zu handeln.“ Siebels sah sich um; es gab keinen Kaffeeautomaten mehr, also musste er noch ein Hustenbonbon aus der Jackentasche holen. „Er sollte bei uns erklären, dass die Kriminalität in seinem Landkreis ansteigen würde, und jetzt ist er nicht mehr dazu bereit.“ „Sie haben die Statistik natürlich parat“, quetschte der legendäre TV-Macher an seiner Süßigkeit vorbei. „Es gab diesen spektakulären Fall von Steuerbetrug im letzten Jahr, oder täusche ich mich da?“ Bevor die Redakteurin etwas antworten konnte, fuhr Siebels ihr über den Mund. „Wie häufig sind denn Geflüchtete aus dem Sudan im Aufsichtsrat eines Finanzdienstleisters?“

Einzig der nächste Zettel versprach ein wenig Hoffnung. „Der Mörder kommt frei“, tönte die aufgeklebte Schlagzeile. „Ich erinnere mich.“ Siebels wusste, worauf ich hinauswollte. „Nach heutigen Maßstäben ein Soziopath, der ein paar Jugendliche provoziert und beleidigt hat. Leider hat er einen von ihnen den Mann ums Leben gebracht, nach dem Urteil des Jugendrichters ein Totschlag. Die Strafe ist abgesessen. Nur dieser Knalldepp hat es noch nicht begriffen.“ „Ich kann doch nicht den Chefredakteur eines…“ „Lassen Sie das meine Sorge sein“, sagte Siebels. „Sie laden ihn einfach ein und überlassen uns dafür die redaktionelle Verarbeitung.“

Der Aufzug war besetzt. Es gab hier keinen Automatenkaffee mehr. Dennoch war Siebels erstaunlich entspannt, als wir die Kabine bestiegen und wieder ins Foyer hinabfuhren. „Sie hat nicht ganz begriffen, dass ihr redaktionelles Modell mit der Wirklichkeit bricht und dass nur eins davon für den Zuschauer wirklich relevant ist. Nämlich die Wirklichkeit.“ Er zog ein neues Hustenbonbon hervor. „Was hatten Sie denn da noch so eilig in der Redaktion zu tun?“ Siebels steckte sich das kleine knisternde Stück Einwickelpapier zurück in die Tasche. „Ich habe etwas an der Anmoderation gearbeitet. Diese Sprechpuppen im Fernsehen sind ja ohne ihre Pappkärtchen gar nichts.“ Es klingelte, die Tür ging auf. Applaus brandete auf vor dem Titelgedudel. In der Eingangshalle liefen schon die Monitore und zeigten live das Abendprogramm. „Guten Abend“, knödelte der Moderator. „Das werden wir ja sehen“, murmelte Siebels. Die Titelmelodie verebbte. „Wozu noch Wahrheit, wenn wir sowieso alles besser wissen? Können wir den Arschlöchern, die für uns im Publikum sitzen, die Wirklichkeit zumuten? Herzlich willkommen bei Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“ Siebels steckte die Hände in die Hosentaschen. „Und genau jetzt wissen Sie wohl, warum es Talkshow heißt.“





Aber fair

3 07 2019

„… auf die Befindlichkeit vieler Zuschauer Rücksicht nehmen müssten, da sie als öffentlich-rechtliche Medien die Meinung der schweigenden Mehrheit zu…“

„… künftig mehr Vertreter der AfD in die Talkformate einladen wolle, da diese bisher stark unterrepräsentiert gewesen seien. So habe es bis vor wenigen Jahren noch gar keine öffentlichen Auftritte der völkischen Bewegung gegeben, wie Gauland moniere, und dieses müsse jetzt für die nächsten Jahrzehnte proportional…“

„… noch nicht von einem Schulterschluss sprechen wolle, aber schon darüber nachdenke, der Partei in jeder seiner Publikationen eine eigene Kolumne zu geben, in der diese ihren Standpunkt möglichst…“

„… bisher nicht als Holocaustleugner in Erscheinung getreten sei. Dies reiche den meisten Redakteuren inzwischen, um als Gast in der Talkshow über…“

„… hätten die Grünen als Verbotspartei keinen Anspruch darauf, in der Öffentlichkeit die über sie geäußerten Vorurteile zu zerstreuen. Die öffentlich finanzierten Medien seien von allem durch den Minderheitenschutz und ihre…“

„… einmal wöchentlich eine Veröffentlichung des Springer-Konzerns chefredaktionell betreuen werde. BILD werde mit einer Ausgabe unter der Führung von Steinbach beginnen und dann alle fünf bis sieben Tage einen…“

„… nur in Ausnahmefällen zu Konflikten komme, etwa bei zu stark historisch belasteten Themen. So habe sich die Redaktion von Maischberger zunächst sehr skeptisch gezeigt, als die Kriegsschuldfrage und die jüdische Beteiligung am Überfall auf den Sender Gleiwitz in einem Zusammenhang mit dem…“

„… dass die öffentlich wahrgenommenen Spannungen zwischen der Welt und anderen für ein gebildetes Publikum produzierten Medien eher zugenommen hätten. Die Herausgeber seien allerdings der Meinung, keine explizit rechten und verfassungsfeindlichen Gäste in ihrem Blatt dulden zu müssen, da sie dieses auch ohne fremde Hilfe in bemerkenswerter…“

„… fordere Höcke die Ausmerzung des bolschewistischen Schrifttums in Deutschland, um die Volksaufklärung in ihrer historisch bestimmten Bedeutung wieder zu ihrer unerbittlichsten Größe führen zu können. Die Redaktion von Hart aber fair könne sich durchaus eine monatliche Sendung mit national gefärbtem Inhalt vorstellen, wolle vorher aber die Werbekunden des Senders um eine politisch neutrale…“

„… durchaus Meinungsfreiheit herrsche. Sollte die SPD sich angegriffen fühlen, wenn Gauland sie in einer Sendung von Maybritt Illner als degeneriertes Verräterpack bezeichne, das auf den Misthaufen der Geschichte gehöre, so stehe es den Sozialdemokraten selbstverständlich frei, sich in einer der zahlreichen Tageszeitungen, die sich im Besitz der SPD befänden, zur Wehr zu…“

„… nur noch gemäßigte politische Inhalte zulassen wolle. Meuthen wolle dies nach der Sendung Islam, Linke, Gutmenschen – Deutschland im Würgegriff der Volkszerstörer durch eine gemeinsame Strategiediskussion mit der Identitären Bewegung und der ZDF-Chefredaktion im…“

„… nutze die AfD zwar ein angeblich durch Zwangsgebühren finanziertes System, wolle dies aber solange tolerieren, wie sie auf dem Weg der Machtergreifung die…“

„… sich zunehmend gegen Koalitionen mit der Alternative für Deutschland positioniere. Die Redaktion von Hart aber fair habe dies zur Kenntnis genommen und angekündigt, in Zukunft weniger Mitglieder der Union in ihre Sendung einzuladen. Anders als oft geäußert bestehe weder eine Verpflichtung zum Proporz noch zur Berücksichtigung gewisser Parteien, nur weil diese den größten Teil der Wählerschaft im…“

„… wolle auch die FDP sich der Agenda anpassen. Als Vorsitzender der führenden deutschen Wirtschaftspartei wolle Lindner unbedingt eine Sondersendung, in der er berichten könne, wie oft er schon in der Schlange beim Bäcker von arbeitslosen ausländischen Flüchtlingen mit…“

„… Springer eine Ausgabe mit der Schlagzeile Wie uns der Jude wirklich zerstört nicht in den Verkauf habe geben wollen. Man sei sich jedoch einig geworden, das Exemplar bei der nächsten Gratisverteilung in alle deutschen Hausbriefkästen zu…“

„… Teile der CSU sich für eine Kooperation interessierten. Solange sie nicht selbst die Themen der Talksendungen bestimmen müssten, seien sie bereit, sich mit den gewünschten Gästen in jede…“