Zeitzeichen

23 01 2019

„Wir werden ferngesteuert!“ Drohend schüttelte Herr Breschke die Faust und stapfte durch den schütteren Schnee den Gartenweg entlang, das nachbarliche Haus fest in seinem grimmigen Blick. „Mit einem Wecker fängt es an, und dann werden sie uns irgendwann auch fernsteuern!“

Umständlich putzte sich der Hausherr die Stiefel auf der Fußmatte ab, bevor er mich eintreten ließ. Es duftete nach frisch gebrühtem Kaffee, Frau Breschke hatte einen großen Hefezopf gebacken. Nichtsdestotrotz zog der Pensionär die Stirn in erhebliche Falten. „In der letzten Woche fing es an, da standen auch die Wagen vor der Tür von den Stadtwerken. Hier werden ja alle Nase lang neue Zähler aus- und alte eingebaut – nein, anders: neue eingebaut, und jetzt war Gabelstein dran.“ Dem gehörte das Haus zwar seit dem Verkauf nicht mehr, er genoss aber immer noch lebenslang Wohnrecht in dem renovierungsbedürftigen Bungalow. „Ich habe es erst neulich wieder gelesen“, erklärte Herr Breschke, „sie bauen jetzt überall diese Zähler ein, die über das Internet kontrolliert werden. Und ich sage Ihnen, diese Bande kontrolliert nicht nur die Zähler!“

Der Funkwecker, der seit einigen Tagen auf dem Küchenschrank stand, war das erste Indiz für die Spionagetätigkeit des städtischen Stromversorgers; er ging nach oder setzte, meist mitten in der Nacht, aus. Dass das Gerät so plötzlich seinen Dienst versagte, lag für den ehemaligen Finanzbeamten an der Strahlung, die seither vom Nachbargrundstück ausging. „Ich habe das nämlich auch gelesen.“ Er kramte in einer Mappe mit Kochrezepten, der Abfuhrliste für Sperrmüll und Bauschutt sowie einem Angebot für künstliche Weihnachtsbäume mit Beleuchtung (was seine Tochter nicht unbedingt besser, wohl aber in jeder Hinsicht billiger würde leisten können) einen Artikel hervor, der aus einer Publikumszeitschrift für leichtgläubige, aber zum Ausgleich technisch wenig bewanderte Menschen stammen musste. DCF77 stand in der Überschrift, und der Leser erfuhr alsbald, dass es sich nur um eine Verschwörung größeren Ausmaßes handeln konnte. „Dieses Zeitsignal ist in Gefahr!“ Er blätterte in der Mappe hin und her. „Stellen Sie sich nur die Folgen vor, wenn das entdeckt wird!“

Der Wecker lahmte, und diesmal lag es am Sekundenzeiger, der öfter hakte, als umzuspringen. Ich schaute das Ding argwöhnisch an. „Und Sie sind sich absolut sicher, dass es an einem Smart Meter liegt?“ „Es bleibt keine andere Möglichkeit“, knurrte der Alte. „Diese Technik wird ja bloß eingeführt, um uns lückenlos zu überwachen – wann wir morgens das Licht andrehen, unter die Dusche gehen, das Radio anschalten, den Herd, und wann wir dann abends wieder ins Bett gehen. Aber ohne mich, mein Lieber, ohne mich!“ Es stand offenbar sehr schlimm um sein Vertrauen in die moderne Stromversorgung, denn er war mehr als verärgert. „Der gläserne Bürger“, schrie Breschke unvermittelt. „Wir werden zu gläsernen Menschen, verstehen Sie? Alle!“

Erschöpft hatte er sich auf seinem Küchenstuhl niedergelassen und rührte fahrig in der Kaffeetasse. „Stellen Sie sich das mal vor, die können bald auch die Uhren steuern.“ Ich lehnte mich herausfordernd über die Stuhllehne. „Die? Wen meinen Sie denn damit?“ „Dir Regierung bestimmt nicht“, zischte Horst Breschke. „Die könnte ja, aber sie haben bestimmt noch nicht verstanden, wie man das macht, deshalb treiben jetzt andere ihr Schindluder mit diesen Funkstrahlen.“ Möglicherweise hatte ich ihn endlich verstanden. „Sie denken also, dass ein Geheimdienst oder Schlimmeres unsere Uhren steuert?“ Er nickte. „So ist es. Die senden exakte Zeitzeichen, damit man morgens aufsteht und brav zur Arbeit geht.“ Eine komische Vorstellung, den Ex-Beamten so abschätzig über pünktliche Arbeiter sprechen zu hören. Aber vielleicht hatte er ja auch einen Verdacht? „Vielleicht ist es längst so weit, und sie steuern unseren Verkehr – die einen dürfen zehn Minuten länger schlafen, damit sie nicht gleichzeitig auf die Autobahn fahren, die anderen müssen zehn Minuten früher los, und dann stellen sie in unserer Abwesenheit die Wecker tagsüber einfach wieder zurück.“ Das schien mir ohne ein internationales Komplott nicht machbar, aber sicher hatte ich nur nicht das nötige Hintergrundwissen. „Was, wenn sie einen längst im Minutentakt steuern und regeln können?“ „Wissen Sie“, antwortete ich nachdenklich, „wenn man dieses Land nun unter seine Kontrolle bringen wollte, meinen Sie nicht, man könnte das einfach erreichen, indem man die Uhren in kleinen Abständen immer wieder um ein paar Sekunden zurückstellt, so dass es nie klingelt? Man wacht nachts auf, sieht auf die Uhr, stellt keinen Unterschied fest, schläft einfach immer weiter, und im Nu ist ein ganzes Land besetzt.“ Breschke starrte bleich auf den hakenden Zeiger. „Sie meinen, es hat schon angefangen?“

In der Küchenschublade hatte ich zwei passende Batterien gefunden, sie in den Wecker eingelegt und das Fach zugeklappt. Surrend stellte sich die Uhr, und kurz darauf zeigte sie wieder die exakte Zeit. Herr Breschke guckte ungläubig. „Darauf hätten Sie kommen können“, sagte ich in verschwörerischem Ton. „Nicht am Stromnetz anschließen, dann wird er auch von den Zählern nicht erfasst.“ Er trank einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Gut, dass wir uns mit solchen Sachen auskennen!“

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Durchsetzungsstarke Arbeit

22 01 2019

„… sich von der Gruppierung National Social Knights of the Ku-Klux-Klan distanziert habe. Es gebe keine personellen Überschneidungen mit der AfD, daher könne Gauland auch nicht die Verantwortung für die…“

„… dass die Kommunikation von rechten, gewaltbereiten Kreisen größtenteils über die sozialen Medien stattgefunden habe. Dies erkläre, warum die Polizei so schnell alle Personen aus dem…“

„… könnten Haftbefehle gegen die ermittelten Personen nicht vollstreckt werden. Es bestehe keine Verdunkelungsgefahr, weil die Rechtsradikalen den Behörden teilweise seit Jahren bekannt seien und sich offen zu ihrer extremistischen Gesinnung…“

„… verbitte sich Gauland eine Gleichsetzung mit dem KKK-Ableger. Diese hätten stets offen eine nationalsozialistische Gesinnung erkennen lassen und Mordanschläge befürwortet, während die Alternative für…“

„… nicht geklärt sei, ob die beschlagnahmten Macheten und Schwerter bei einer sich als ‚Ritter‘ bezeichneten Gemeinschaft nicht eher für ein Mittelalter-Reenactment spreche. Eine Strafbarkeit sei auch für die Behörden erst ab dem…“

„… durchaus möglich, dass es gemeinsame Strukturen mit dem Nationalsozialistischen Untergrund gebe. Die Bundesanwaltschaft werde dies klären, sobald die in 120 Jahre ablaufende Sperrfrist der noch nicht vernichteten Ermittlungsakten eine eindeutige…“

„… müsse die biodeutsche Bevölkerung vor den Tätern keine Angst haben. Die AfD habe bestätigt, dass der nationalsozialistische Außendienst sich lediglich gegen Halbneger und andere fremdrassige Invasoren auf dem Gebiet des…“

„… den Ermittlungsbehörden eine sehr gute und durchsetzungsstarke Arbeit bescheinigt habe. Der deutsche KKK sei erst um 1980 gegründet worden, Seehofer habe dies seinerzeit noch im Internet miterlebt. Dass die Razzia jetzt schon stattgefunden habe, so der Bundesinnenminister, sei eine für Deutschland sehr beruhigende…“

„… vereinzelt Polizisten im deutschen Ku-Klux-Klan gegeben habe. Dies erkläre die Funde der Schreckschusspistolen, da die Beamten wohl aus logistischen Gründen zur aktiven Verteidigung des christlichen Abendlandes ihre Dienstwaffen…“

„… dass einige der Mitglieder durch exzessives Spielen von Ego-Shootern aufgefallen seien. Dem Bundeskriminalamt lägen allerdings keinerlei Hinweise vor, dass sich durch E-Sport eine Persönlichkeitsveränderung, geschweige denn eine Radikalisierung oder…“

„… der Ku-Klux-Klan in Deutschland keine lange Geschichte habe. Die Bundesanwaltschaft sehe bisher nur eine sehr kleine Gruppe, die auch positiv auffalle durch ihre deutsch-amerikanische Freundschaft, die in Zeiten der Globalisierung zur tieferen Verständigung zwischen den…“

„… die Landeskriminalämter Ermittlungen bei öffentlichen Treffen einschließlich einer Kreuzesverbrennung nicht verfolgt hätten. Die Gefahr, dass sie aus Gründen der Rechtssicherheit dann auch Karnevalsveranstaltungen hätten observieren müssen, sie bei der aktuellen Personaldecke nicht mehr zu…“

„… einen ausgeprägten Märtyrerkult pflegen würden. Dass von ihnen besondere Gefahr ausgehe, wolle das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht bestätigen, vielmehr sei es so, dass jedes Mitglied, das im Kampf um die weiße Rasse durch Polizeikugeln versterbe, für die Gemeinschaft einen ganz besonderen…“

„… die Finanzierung durch Drogengeschäfte und Zwangsprostitution nicht nachgewiesen werden könne. Man dürfe die bei beim BKA mit diesen Themen beschäftigten Beamten nicht befragen, da sie sehr eng mit der Aufklärung von Straftaten gegen AfD-Mitglieder…“

„… es bereits Ermittlungen gegeben habe, die die Bildung einer terroristischen Vereinigung beträfen. Diese seien nicht fortgeführt worden, da KKK-Mitglieder 1992 einen rein deutschstämmigen Obdachlosen ermordet hätten, was aber nicht ihrem Täterprofil als ausländerfeindliche…“

„… das in den 1990-er Jahren erschienene Magazin des Ku-Klux-Klan nicht mehr verbreitet werde. Medienexperten des Innenministeriums gingen davon aus, dass dies eine Entwicklung sei, die durch das Verschwinden von Printmedien auf dem deutschen Markt begünstigt werde, so dass eine Schwächung der rechtsextremistischen Kreise sich mittlerweile fast logisch aus dem…“

„… von den Neonazis monatliche Beiträge zur Aufrechterhaltung der Gruppe eingezogen worden seien. Gauland sehe hier eine verwaltungsrechtliche Parallele und lehne die GEZ-Gebühren ab, da auch durch diese Zwangsmaßnahme erwiesenermaßen terroristische Gewalt gegen die…“

„… in den Neonazis erst einmal sehr aktive und tatfreudige junge Männer sehe, denen man zuhören müsse, um sich mit ihren Ansichten zu einer sich rasch veränderten Gesellschaft auseinandersetzen zu können. Palmer werde jedoch nicht selbst mit…“

„… wolle die Innenministerkonferenz mit einem demonstrativen Schulterschluss die Sicherheit in Deutschland wiederherstellen, indem Gruppen, die sich bereits real mit Schutzwaffen ausgerüstet, zum Systemwechsel aufgerufen und Straftaten gegen Bürger begangen hätten, die Härte des Gesetzes spüren müssten. Die Aktion AntiAntifa werde Reul mit dem ehemaligen Bundesminister Friedrich sowie anderen hochrangigen…“





Alles nach Plan

21 01 2019

„Sie wollen mir doch jetzt nicht erzählen, dass ein Staatsunternehmen wie die Deutsche Bahn AG auf diesem technischen Standard…“ „Was regen Sie sich denn auf, läuft doch alles nach Plan.“ „Wie bitte!? wann waren Sie denn das letzte Mal in Stuttgart?“

„Meine Güte, das Thema ist doch nun durch, die Protestwelle ist vorbei, die grüne Landesregierung hat sich mit dem Bahnhof abgefunden, und jetzt kommen Sie hier mit Ihrem Geschrei um die Ecke.“ „Weil eben nichts läuft, und schon gar nicht nach Plan!“ „Die Bauarbeiten kommen doch gut voran, ich weiß gar nicht, was es da zu meckern gibt.“ „Der Betrieb ist doch so gar nicht möglich. Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Reisender mit Kleinkind und müssen bei einem technischen Defekt…“ „Wer Kinder hat, fährt eh meist Auto.“ „Es geht hier um den Brandschutz, verdammt noch mal! Sie kommen mit einem Kleinkind nicht aus dem Bahnhof raus! Oder wenn Sie eine Gehhilfe brauchen oder im Rollstuhl sitzen oder als…“ „Ich sage es gerne noch mal kursiv für Sie, es läuft alles nach Plan.“ „Bei anderen Verkehrsprojekten wird wenigstens die Notbremse gezogen, wenn der Brandschutz nicht funktioniert, aber für ein Prestigeprojekt wie dieses Milliardengrab, Grab übrigens im wahrsten Sinne des Wortes, da werden immer neue…“ „Jetzt regen Sie sich mal ab, das haben wir doch alles längst von Ihren Erfüllungsgehilfen gesagt bekommen.“ „Sie haben es nur ignoriert. Sie können sich bei einem Unglücksfall in diesem Tiefbahnhof entscheiden, ob Sie lieber verbrennen, ersticken oder totgetrampelt werden.“ „Na, da können Sie mal sehen – bei der Bahn kriegen Sie wenigstens etwas für ihr Geld.“

„Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie die Bundeskanzlerin dieses Ding zur Chefsache erklärt hat.“ „Das sehen wir als Regierungsverantwortliche auch so. Es hat sich nichts an unserer Einschätzung der Sachlage geändert, mehr noch: wir sind der Ansicht, dass wir frühzeitig richtig gehandelt und auf eine nachhaltig tragbare Entscheidung gesetzt haben.“ „Deshalb wollte Merkel diesen Schrott auch als Entscheidung über die Zukunftsfähigkeit dieses Landes haben.“ „Wollen Sie lieber in einem Land leben, in dem man nicht mal einen modernen Bahnhof bauen kann?“ „Dann wandere ich in die Schweiz aus, die haben wenigstens noch eine funktionsfähige Eisenbahn.“ „Gleich werden Sie bestimmt noch witzig und bezeichnen sich selbst als Vaterlandsverräter, stimmt’s?“ „Dann erklären Sie mir mal, warum bestimmte ICE-Züge nicht durch lange Tunnel fahren dürfen.“ „Das liegt weder an den Tunnels noch am ICE, sondern an den kaputten Gleisen. Versuchen Sie nicht, mich für dumm zu verkaufen.“

„Ihnen ist überhaupt nicht klar, was dieses Projekt für Risiken birgt.“ „Dafür wollen Sie von seinen Chancen einfach nichts wissen.“ „Es kann doch nicht sein, dass dieser Bahnhof mit zu engen Zufahrttunneln ausgestattet wird.“ „Die entsprechen der technischen Norm.“ „Die die Bahn für Stuttgart 21 neu definiert und trotzdem unterschritten hat. Neunzig Zentimeter Fluchtweg, da kommen Sie doch mit einer Gehbehinderung nie durch.“ „Wenn es im Tunnel wirklich brennt, sind auch zehn Meter breite Wege sinnlos.“ „Und genau deshalb sind die meisten Bahnhöfe immer noch über der Erde gebaut.“ „Ja, wer weiß schon, wie lange dieser Segen hält.“

„Was machen Sie eigentlich, wenn bei einem Brand Öl ausläuft?“ „Bin ich die Feuerwehr? Ich würde sagen, es wird gelöscht.“ „Hoffentlich wird es gelöscht, bevor die Wassertanks platzen. Was eine Bratpfanne mit rauchheißem Öl macht, wenn man Wasser hineinschüttet, hat sich bis zu Ihnen hoffentlich herumgesprochen.“ „Ich weiß gar nicht, worauf Sie hinauswollen. Es läuft alles nach Plan.“ „Und wenn Dichtungen brennen, Motoren, dann haben wir ein Inferno aus Senfgas und Blausäure.“ „Naja, dazu muss es ja auch erstmal brennen.“ „Können Sie das ausschließen?“ „Natürlich nicht, aber Sie müssen doch trotzdem nicht den Teufel an die Wand malen.“ „Wenn Sie jetzt die Entrauchung mit den typischen Belüftungsmaschinen ausstatten, jagen Sie im Brandfall wie mit einem monströsen Blasebalg Unmengen von Sauerstoff direkt in die Flammen.“ „Tatsächlich?“ „Alles das steht in den Dossiers.“ „Dann müsste die Bahn es doch wohl gelesen haben.“ „Sonst bliebe nur die Möglichkeit, dass die Verantwortlichen Fakten leugnen, ohne vorher entsprechende Gutachten gelesen zu haben.“ „Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Haben Sie sich eigentlich schon mal überlegt, dass sich jeder Terrorist hier die Finger leckt?“ „Ach was.“ „Je mehr diese Versäumnisse beim technischen Brandschutz…“ „Die Sie gerade in der Öffentlichkeit breittreten.“ „… geleugnet und verschleppt werden, desto mehr spielen wir dem Terror in die Hände. Jeder, der diese Katastrophe für technisch machbar hält, wird sich mit der Möglichkeit eines Anschlags auf diesen Bahnhof beschäftigen. Wir servieren sämtlichen Terroristen ein Anschlagsszenario auf dem Silbertablett!“ „Ja.“ „Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein!?“ „Es geht uns um Deutschlands Zukunftsfähigkeit, das wissen Sie doch. Wenn dieser Anschlag nicht stattfindet, dann werden wir nie wieder die Chance haben, die Sicherheitsgesetze an unsere Vorstellungen anzupassen. Es läuft, wie ich es Ihnen bereits gesagt hatte, alles nach Plan.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVII): Der populistische Klassenkampf

18 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga und seine Sippe lebten noch im Einklang mit der Natur. Was schiefgehen konnte, ging eben schief, und am Ende starb jeder, die einen früher, die anderen früh genug, und dann kamen andere, die sich vor vornherein über eins im Klaren waren: wenn sie den Löffel abgeben, wird sich keine Sau mehr an sie erinnern. Der große Gleichmacher, jeder wusste es, nannte sich bald Schicksal und bald Vorherbestimmung, philosophische Moden und neu entdeckte Drogen brachten Götter ins Spiel – oder umgekehrt, wer weiß das schon – und mählich kam dem Hominiden ins bröselnde Bewusstsein, dass es Geworfenheit im real existierenden Surrealismus tatsächlich gibt. Sich gegen jegliche Kausalität aufzulehnen ist ähnlich sinnvoll wie der Versuch, Schuhe nach dem Mond zu schmeißen. Machen wir uns da nichts vor, was lebt, ist dem Niedergang geweiht. Auch ohne populistischen Klassenkampf.

Denn jedes klassenlose Schicksal erzürnt den Mistgabelmob am meisten. Dass die Pest sich nicht an Nationalität hielt, steuerliche Veranlagung oder Haushaltsnettoeinkommen, war die schärfste Kränkung des ständisch organisierten Verdrängers. Sein eigenes Weltbild, in dem Gott™ für jeden Trieb straft, den er selbst seinem Prototypen in die Hirnrinde gefräst hat, sollte mit Demut und Selbstverleugnung auskommen, wie das Konstrukt seiner Vernunft ihm befiehlt. Doch der gemeine Dummklumpen, der sich Universum, Gesellschaft und den ganzen Rest lieber ad hoc mit Bordmitteln zusammenschwiemelt, schmeißt auch hier alles in einen Strudel, damit zum Schluss eine Theorie aus Mutmaßungen und wirrem Verdacht hochgespült wird. Wichtig daran ist, es müssen die anderen sein. Nie trifft einen selbst die Schuld. Immer ist es die zugedachte Omega-Position, die den Sündenbock ausmacht, den Blitzableiter für Jammer, Pein und dräuend Ungemach, weil das Dasein nicht immer berechenbar ist, und wenn, dann nicht unbedingt in Übereinstimmung mit der Prophezeiung.

Kaum macht man eine Gruppe aus, die sowieso durch abweichende Religion, Pigmentierung oder sozialen Status von dem machtnahen Mainstream abweicht, der sich als Mittelschicht versteht, schon steht diese Bande mit dem Rücken an der Wand. Sie schleppen die Pocken ein, nehmen uns die Jobs weg und sind gleichzeitig arbeitslos, wollen sich in diese Gesellschaft einfach nicht integrieren und zeigen dies, indem sie durch perfide Assimilation alle Schranken zwischen echten und falschen Abendländlern einreißen, und zum Schluss, das ist Konsens, reißen sie die Weltherrschaft an sich, darunter tun sie es einfach nie. Damit dieses Modell einer intellektuellen Kontinentaldrift wirkt, muss man schon sehr viel Sand unter der Kalotte mit sich herumschleppen, aber populistische Hetzchirurgen sehen auch dies als Herausforderung. Die Gräben, die der Urgesellschaft noch fehlten, der Pass von Taka-Tuka-Land, die zahlende Zugehörigkeit zum marktbeherrschenden Metaphysik-Anbieter, sie müssen in liebevoller Kleinarbeit aufgerissen werden. Je mehr Klassen, desto besser der Kampf.

Die Gesellschaft nutzt den Prügelknabenchor, wenn sie sich mit rationalen Mitteln nicht mehr gegen die innere Spaltung zur Wehr setzen kann – eine großartige Idee der Einpeitscher, erst recht den Riss zu fördern, damit sich der Rest als Ganzes fühlt, während er im freien Fall zur Minderheit hin gebannt nach oben starrt und reflexartig tritt, oft nach unten, ansonsten nach allen Seiten und nach sich selbst. Denn es trifft irgendwann alle, die sich dem wachsenden Totalitarismus verschreiben, wohl wissend, dass auch diese Radikalisierung sich als erstes ihre Kinder hinters Zäpfchen pfropft. Wer leicht zu identifizieren und ohnehin schon unbeliebt ist, dazu mit dem Malus mangelnder Kraft ausgestattet, wird aus dem System ausgeschlossen. Warum also nicht gleich den Rentner zum Volksfeind machen, er bietet sich doch geradezu an. Er hat technisch bedingt Ansichten von gestern und eine Sozialisation, die nicht mehr mit der utilitaristischen Internationale kompatibel sind, blockiert zu große Wohnungen und die Kasse im Supermarkt, lähmt mit seinem Wahlverhalten den Fortschritt, nimmt am Straßenverkehr nur als bewegliches Ziel teil, kostet den Sozialstaat Unsummen, hört die falsche Musik und trägt mit Absicht bei jeder Gelegenheit Beige. Es wird Zeit, ihn auszurotten, denn er ist eine nachwachsende Spezies: glückliche Fügung für Stumpfklumpen, die mit der Parole Ausländer raus bald dumm wie Braunbrot in der Ecke stünden, wären die Ausländer alle weg und die Wirtschaft läge erst recht am Boden. Wie man jedenfalls ohne Krieg aus der Nummer rauskommt, hat den Nanodenkern noch niemand verraten.

Dass jede Radikalisierung unablässig neuer Steigerungen bedarf, die es irgendwann ohne Selbstzerstörung nicht mehr geben kann, fällt ihnen erst auf, wenn man ihnen die Flinte schon ins Genick drückt. Jeder Klassenkampf aber, der doch nur ein Gezänk aufgewiegelter Knalltüten ist, hat nur ein Ziel: Solidarität zu verhindern und den Gebrauch der kritischen Vernunft. Wer den Feind wirklich erkennt, sucht ihn überm Sternenzelt.





Peterchens Mondfahrt

17 01 2019

„… nicht der chinesischen Wirtschaft überlassen dürfe. Eine deutsche Mondmission sei für die Regierung eine große Chance, den technologischen Fortschritt schon jetzt in die…“

„… sich Söder noch einmal in Erinnerung gebracht habe. Bayern werde die Leitung gerne übernehmen, solange die Finanzierung alleine aus Mitteln des Bundes und der…“

„… sich sofort beteiligen werde. Meuthen fordere allerdings, dass nur in dritter Generation deutsche Astronauten am nationalen Mondprojekt teilnehmen dürften, um eine Islamisierung des Erdtrabanten schon im Keim zu…“

„… sich Wirtschaftsminister Altmaier für eine Förderung des Mondprojekts ausgesprochen habe. Dies werde viele Arbeitsplätze schaffen, die dann in der Folge für mehr Steuereinnahmen und…“

„… gegen eine vorschnelle Digitalisierung des Mondes ausspreche. Söder könne sich nicht vorstellen, dass sein Parteikollege Scheuer den fachlichen Anforderungen gewachsen sei und wolle ihn dafür lieber mit der Entwicklung einer Mondmaut beschäftigen, die noch in dieser Legislatur, spätestens aber im…“

„… die deutsche Bauwirtschaft eigene Pläne entwickelt habe. So sei eine unterirdische Station auf der Rückseite des Mondes durchaus möglich. Die Deutsche Bahn AG werde den Betrieb etwa zwanzig Jahre lang testen, um die Ergebnisse dann in die Fertigstellung des Stuttgarter…“

„… sehe Höcke angesichts der geopolitischen Zwangslage der deutschen Volkheit, die leider keine aus erbarmungslosester Männlichkeit und dem entschiedensten Willen zur Zernichtung aller Rassefeinde entsprungene Eroberung fremder Territorien erlaube, nur eine Möglichkeit: dem Volk ohne Raum müsse es nationale Aufgabe für die nächsten tausend Jahre sein, den Mond als arische Siedlungsfläche für die edelsten Genossen der Volksgemeinschaft und ihre…“

„… habe es noch keine abschließende Antwort gegeben, ob die Rückseite des Mondes bewohnt sei. Daher könne Müller auch noch keine genauen Pläne für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit…“

„… technisch noch nicht machbar sei. Die CSU wolle daher per Mehrheitsbeschluss eine schnellere Abschiebung sämtlicher Scheinasylanten, die aus Gründen übertriebener Verfassungstreue nicht mehr in ihre Herkunftsländer verbracht werden dürften, auf den Mond, nach Möglichkeit sogar auf die hintere Seite des…“

„… könne man den Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg auch als Weltraumbasis nutzen, da hier die gute räumliche Lage sowie die technische Ausstattung bereits gegeben seien. Für eine rasche Inbetriebnahme müsse nur noch der Brandschutz instandgesetzt werden, der bisher nicht den…“

„… verbinde Altmaier mit der Mission auch den Wunsch, für ein eng begrenztes Zeitfenster von maximal fünfzig Jahren wieder auf fossile Energieträger zurückgreifen zu können. Der Kohleabbau zur Erzeugung weltraumtauglicher Technik werde mit dem Strategiepaper Peterchens Mondfahrt sehr schnell in eine positive…“

„… die nukleare Sicherheit gewährleistet sei, wenn Atommüll ausschließlich auf der Rückseite endgelagert werde. Umweltministerin Schulze sei für eine erste Testreihe offen und erwarte nicht, dass sich technische Schwierigkeiten auf dem…“

„… auszuloten, ob Söder als Offizier auch die Bajuwarisierung des Himmelskörpers in Angriff nehmen wolle. Seehofer sei fest davon überzeugt, dass seine Partei den Ministerpräsidenten auf den Mond schießen wolle und werde seinen Beitrag dazu mit großer Freude und…“

„… eine neue Fußballliga denkbar wäre. Der FC Bayern München habe dementiert, dass er im Vorfeld aus der Bundesliga aussteigen wolle und sei nun der Meinung, dass ein blau-weißes Logo auf der Vorderseite marketingtechnisch eine große…“

„… von Altmaier umgehend zurückgewiesen worden sei. Auf dem Mond könne man weder Wind- noch Wasserkraft nutzen, daher sei die Verbrennung von Kohle in dazu mitgebrachtem Sauerstoff eine alternativlose Brückentechnologie, die geeignet sei, die Börsenkurse der deutschen Energiekonzerne erheblich zu…“

„… ein lebensgroßes Standbild von Markus Söder nur ein Sechstel wiege und daher viel preiswerter sei. Die Christsozialen würden daher eine sechsmal so große Statue für angemessen halten und auch keine Probleme sehen, dass diese aus Bundesmitteln…“

„… die Mondbevölkerung nach Deutschland einwandern werde, da dies die erste Zivilisation sei, mit der sie in Kontakt komme. Sarrazin habe bereits errechnet, dass bei einer durchschnittlichen Ankunft von tausend Mondmenschen pro Tag die Bundesrepublik bereits im Jahr…“

„… eine Entscheidung für die Zukunft getroffen werden müsse. Es sei schon jetzt klar, dass auf der Rückseite des Mondes chinesisches Recht gelte, deshalb müsse die Bundesregierung sich schnell entscheiden, verbindliche juristische Standards für die sichtbare Halbkugel zu fordern. Seehofer habe bereits seinen Rücktritt angekündigt für den Fall, dass Merkel es ablehne, diese Mindestgrenze zu…“

„… keine Zulassung erhalten werde. Die Rakete liege erheblich über den Grenzwerten für Feinstaub, die innerhalb der Erdatmosphäre zu beachten seien, und dürfe daher nicht von Brandenburg aus…“





Toter Winkel

16 01 2019

„Das kommt ganz auf den Preis an. Im Basispaket haben wir das Kantholz, das wird ja auch von den Linken gerne genommen, zumindest erzählen wir das in der Propagandaabteilung. Gegen Aufpreis hauen wir aber auch den Gewehrkolben an den Hinterkopf. Das wird ja gerne genommen.

Wissen Sie, man muss den Markt bedienen, wo er seinen Bedarf zeigt. Mein Kollege zum Beispiel hatte eine gute Erpresserei, ich war bis vor ein paar Jahren im Falschgeldsektor, dann kam mir etwas dazwischen, und jetzt haben wir dieses Startup in einer alten Lagerhalle gegründet. Einer unserer freien Mitarbeiter war früher Polizist, dann hat er eine Auszeit genommen, jedenfalls kennt der sich mit Gewalt aus, und das geht ja immer. Wenn sonst nichts geht, Gewalt geht immer. Und dann gibt eben ein Wort das andere, und dann ist auch schon die Geschäftsidee geboren, und deshalb machen wir heute unseren Attentatsservice.

Auftragsmörder, das klingt so banal. Erstmal muss das natürlich kein Mord sein, wir sind da im Gegensatz zu den meisten Dummschwätzern schon sehr professionell unterwegs und geben unseren Mitarbeitern eine exzellente juristische Schulung mit auf den Weg. Also Körperverletzung, schwere Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung mit Todesfolge, das sind so die hauptsächlich gebuchten Leistungen. Wenn wir das als Service bezeichnen, dann können Sie sich auch sicher sein, dass Sie die passende Dienstleistung für Ihr Geld bekommen. Wir haben einen Ruf zu verteidigen, das ist Ihnen hoffentlich klar. Wenn Sie mal einen Blick in unsere Referenzliste werfen möchten, wir liefern erstklassige Qualität.

Ihr Kandidat kommt also immer hier aus der Querstraße? Ich frage nur, weil der Eingang zum Parkhaus nämlich dort drüben liegt, und da hängen normalerweise zahlreiche Überwachungskameras. Das müssten wir dann hier an der Ecke erledigen, da bei dem Verkehrsschild ist auch noch ein toter Winkel – ja, das würde schon passen, aber wir gehen die Sache ernsthaft an, das ist schließlich unsere Profession – und da haben wir eine Strecke von etwa fünf bis sechs Metern, die wird nicht von der Kamera erfasst. Es kommt immer darauf an, ob Sie die Videoerfassung für die Dokumentation in Betracht ziehen, dann müssen Sie nicht mehr hier auf der anderen Straßenseite stehen oder aber da im dritten Stock am Fenster, da ist eine Zahnarztpraxis und das Wartezimmer geht auf die Straße, oder ob Sie die Zeugenaussagen lieber gleich selbst in die Pressemitteilung schreiben wollen. Dann müssen Sie nämlich damit rechnen, dass die Polizisten ihren Job auch nicht erst seit drei Tagen machen.

Natürlich helfen wir Ihnen bei der PR, wir haben ja die Fachleute. Im Basispaket ist ein Leitfaden für Zeugenaussagen, den können Sie gerne nutzen, aber Sie müssen das halt stimmig gestalten. Also nichts von einem Raubüberfall erzählen, wenn Sie Videoaufnahmen haben, die einen wegrennenden Täter zeigen, der dem Opfer nicht einmal in die Manteltaschen greift. Damit haben Sie ganz schnell die Öffentlichkeit gegen sich, und das muss doch nicht sein.

Am besten ist es immer, wenn Sie nicht alle Tatbeteiligten briefen. Den Typen mit dem Werkzeugkasten, den kriegen Sie für kleines Geld dazu. Der ist ein bisschen doof auf einer Backe, der hat zum Beispiel hier zufällig nachts ein brennendes Auto entdeckt, das zufällig dieser einen Tante aus Ihrer Partei gehörte. Wenn man nachts dreihundert Kilometer durch die Gegend fährt und pünktlich um halb vier in einer Seitenstraße ist, und es fällt einem nicht auf, dass man dafür hundert Euro kriegt und plötzlich brennt genau das Auto mit demselben Nummernschild wie auf dem Zettel im Briefkasten, wo auch die hundert Euro drin waren, dann hat man auch als erstes den Impuls, ein Opfer vom Gehweg zu ziehen und die Polizei zu rufen. Wenn Sie dem erst erklären müssen, wie er sich zu verhalten hat, dann haben Sie schnell ein Problem mehr als nötig.

Schlagring? haben wir auch im Programm, aber ich warne Sie. Ab hier wird’s richtig teuer. Reizgas, linke Parolen, eventuell bringt noch einer seinen Kampfhund mit, das ist ja alles möglich, aber jede Leistung hat ihren Preis, nur, dass Sie es wissen. Wir müssen das alles akribisch planen, das geht nicht von jetzt auf gleich, und Sie wollen doch nicht für irgendeinen Dilettantenkram bezahlen. Das machen Ihnen irgendwelche Suffköppe aus Dresden billiger? Glückwunsch, dann können Sie sich die Mischpoke hinterher im Landgericht angucken, wie sie vom Staatsanwalt in die Tonne getreten werden. Entweder billig oder professionell, eins geht nur.

Dann haben wir hier noch die Pressekonferenz, die begleiten wir im Basispaket nicht, aber gegen Aufpreis können wir eine Kommunikationsstrategie entwerfen. Es gab eine Videoaufzeichnung? Die Polizei wird sie nicht rausrücken. Die Polizei veröffentlicht die Aufnahmen? Das Video ist im Auftrag der Antifa zurechtgeschnitten worden. Es gibt drei identische Aufnahmen von drei Kameras? Merkel hat das Attentat angeordnet und von den Juden bezahlen lassen. Außerdem war das Attentat vorher angekündigt, weil die ganze Presse seit Jahren alle Mitglieder Ihrer Partei ins Arbeitslager stecken will. Eine gute Kommunikationsstrategie kriegt das hin, jede Wette. Ansonsten ist das nur eine Frage des Honorars.

Nur eins, Finger weg von Bekennerschreiben. Dazu sind Sie, und das nehmen Sie mir jetzt bitte nicht übel, einfach zu dämlich.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVI): Unsinnige Pyrotechnik

11 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Ritual blieb. Alle Jahre wieder kauten die Jünglinge aus Rrts Sippe samt angrenzendes Volks vergorene Buntbeeren, bis sie erst lustig wurden und dann knapp vor doof. Der erste, der sich nur im Lendenschurz in die Steppe traute, wo die leicht genervte Säbelzahnziege in Ruhe vegetieren wollte, genoss das höchste Ansehen beim Damenflor, stets vorausgesetzt, jene Ziege gab dem kreischenden Knirps nicht eins mit den Hörnern mit, was sich auf die Familienplanung fatal hätte auswirken können. Wer überlebte, konnte sich ruhig zum Deppen machen, denn er hatte es ja überlebt. Dass diese Zuchtauswahl vorwiegend grottoid ausgestattete Vollhonks in den Genpool pinkeln ließ, machte die Evolution nicht unbedingt erfolgreicher und erklärt manche Spätfolge, unter anderem, warum so viel hässliche Flusenlutscher Stammväter ihrer Völker wurden. Und warum das Ritual blieb.

Wir haben das ja heute gar nicht mehr nötig. Statt sich Zufallsalkaloide in die Birne zu drücken, greift der professionelle Nanodenker zum Schnaps, der so wohlig die Synapsen anlöst, und holt sich im Discounter des Vertrauens das Ballerpaket zum Preis eines vergoldeten Lamms – was kann schon schiefgehen in der Kombination? Und wahrlich, sie versuchen mit akribischem Zorn auf die Materie jede noch so klinisch bekloppte Idee zu realisieren, wie man Explosionskörper zum Detonieren bringen kann. Im Ergebnis sprengen sie sich die Flossen weg, lassen Knochensplitter durch die Luft spritzen und marmeln sich mit etwas Glück den Schädel ein. Auch im nüchternen Zustand schaffen sie es, einfach konstruierte Flugkörper bodennah in der Horizontale zu zünden, damit’s dem Nachbarn die Gonaden wegzoscht oder wenigstens seinen Hund atomisiert. Früher hatte es noch gereicht, im Kampf gegen die Elemente heldenhaft der Gefahr ins Auge zu blicken, heute verliert man in einem Arbeitsgang mindestens noch ein Auge, um beim Niki-Lauda-Ähnlichkeitswettbewerb die Endrunde zu rocken. Als Sicherheitsbelehrung reicht Wer das liest ist doof ja längst aus, weil es die Zielgruppe so elegant wie vollständig abdeckt.

Der Traum, rücksichtlos mit der Kettensäge im Anschlag durch ein Wohnviertel zu delirieren, fasst die hart unterdrückten Männlichkeitsfantasien der kernbescheuerten Torfatmer geradezu idealtypisch zusammen: warum sollen nicht auch andere zünftig aufs Maul kriegen, wenn der Dumpfklumpen selbst in einer komplett ersetzbaren Randexistenz vor sich hindümpelt? Schwillt dem Trottel der Kamm, so nähert er sich asymptotisch zutiefst verinnerlichten Selbstvernichtungsbildern, denen die majestätische Ruhe des ehemals Organischen folgt, die Stille nach dem Stuss, wenn sich blässlich die Sonne hebt über den Haufen aus Böller, Bein und Blutopfern. Nichts davon ist neu.

Die Psychoanalyse versucht den Holzschnitt des bornierten Urmenschen zurecht zu schwiemeln, der in Naturgeisterfurcht wilde Heere mit allerhand Gedöns vom Himmel feuern will und postmodern überformt seine alte Heidenangst im Abendland zu kultivieren versucht. Ganz nebenbei erliegt er dem Guckreiz und ästhetisiert seine Angst bis zum kollektiven Knalltrauma. Natürlich braucht der heutige Hominide die Rationalisierung, doch die funktioniert nun einmal nur mit den Zombies auf dem Hirnfriedhof, dem wimmernd verdrängten Grausen, das jammerläppische Zärtlinge treibt, wie sie im Vollbesitz präpotenter Willenskraft Mut proben. Etwas weniger deformierte Protzbrocken reagieren saisonunabhängig ihre Mannhaftigkeit am Kugelgrill ab, andere lassen sich auf Rollschuhen am Rennwagen nachschleifen, bis die Schädelbasis schmackig am Betonboden aufknuspert, doch nur Feuerwerk bietet den Spaß für die ganze Familie, die bei einem Druckstoß die Stratosphäre füllt. Der heimliche Bombenbürger denkt auch an Renommee und Ehre, wenn er dem Sprengsport nachgeht.

Denn unsinnige Pyrotechnik ist mitnichten nur Ausdruck eines grob gestrickten Egos, das gerne die Umwelt kaputt macht, damit es nicht alleine in der Versenkung verschwindet, sie ist ein solide an der Schädelinnenseite festgepfriemelter Marker für soziale Distinktion. Höher, greller, lauter muss es sein, wenn man die Kasper aus der Nachbarbutze in die Schranken weisen will – wer mehr Kohle in die Feinstaubproduktion investieren kann, um die Welt für seine Kinder zu versauen, demonstriert damit Überlegenheit, noch dazu mit einer Ware, die stets der herrschenden Klasse vorbehalten war. Und so zeigen sich Jahr um Jahr Herden verstrahlter EEG-Nullkurven, dass sie die Ausbildungsvorsorge für ihre Brut in den Himmel schießen können, denn nur so nimmt man sie als elitäre Zusammenrottung an der Spitze der Einwohnerpyramide ernst. Man könnte das einfacher haben, aber wer brettert schon mit Absicht seinen SUV in die Leitplanke, um in einem epischen Lichtblitz zu verenden. Die Geister geht es nichts an, sie kennen das Gesülze von der freien Entfaltung der Persönlichkeit in der unmännlichen Gesellschaft, so vorhersehbar ist die Schar derer, die zum Schluss im Do-it-yourself-Armageddon abtreten wollen. Darwin, übernehmen Sie.