Die schönste Zeit des Jahres

18 12 2017

„Kontinentales Frühstücksbüfett mit Extras, alle Zimmer mit Wannenbad und Kabelfernsehen, voll klimatisiert, Whirlpool, Wellnessbereich, Fitness, Schwimmbad, natürlich beheizt, das kriegen Sie ja mittlerweile überall auf der Welt. Teilweise sind wir hier in Deutschland ja auch schon ganz gut darin. Deshalb muss ich das ja nicht auch noch anbieten.

Die Leute wollen sich etwas gönnen, die wollen etwas erleben, neue Erfahrungen machen, da sind wir ganz vorne auf dem Markt. Der Tourismus ist ein verlässliches Geschäft, man muss ihn nur immer wieder neu erfinden, und das ist ja das Schöne daran: keine Herausforderung unserer Zeit bleibt ohne eine angemessene Antwort. Wir haben unser Konzept gefunden, und jetzt kommen die Kunden.

Katastrophengebiete? Ich bitte Sie! Das Geschäft hat sich sozusagen von selbst erledigt. Früher hätte man noch Reisegruppen nach Japan schicken können, wegen Erdbebengrusel. Aber die fliegen heute einfach mal für eine Woche nach Tokio, all inclusive, Sushi, Geisha, Sony, und wenn’s ruckelt, kümmert es keine Sau. Da muss schon ein anderes Kaliber her. Erdrutsch in Nepal, das hätte man groß aufziehen können, aber nur wegen Nepal. Die Einwohner sind eh arm, das gibt uns Europäern so ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit – Sie kennen das vielleicht von Afrika her, da brauchen die Leute keine Heizkosten zu bezahlen, können sich aber trotzdem keine warme Mahlzeit am Tag leisten. Das ist total doof, wenn plötzlich in Italien die Hänge abbrechen. Wer fährt denn nach Nepal, wenn er in Norditalien sehen kann, wie der Klimawandel uns plattmacht? Der Katastrophentourismus ist kein Geschäftsmodell für die Zukunft, das kann ich Ihnen schon mal verraten. Und wenn jetzt alle Leute auf der A7 ihr Handy dabei haben und filmen, wie ein Tanklaster ins Stauende brettert, dann wird auch keiner mehr nach Italien fahren. Zu wenig Action. Schockt einfach nicht mehr. Nein, Katastrophentourismus ist out. Wir sind auf Reisen in totalitäre Staaten gekommen.

Ach, Ägypten… das ist doch lächerlich, da beherrschen ein paar Islamisten an irgendeiner Regierung vorbei das Land, und wenn Sie an der Hotelbar zum Frühstück Schnaps bestellen, fragt Sie der Kellner, wie viel Sie wollen. Nordkorea, das ist unsere Preisklasse. Da gehen Sie aus dem Hotel raus, natürlich unter Aufsicht der Regierung, und stellen fest: überall Diktatur. Kein Auto aus diesem Jahrtausend zu sehen, nur große Plakate mit dicken Männern, die den Fortschritt verkünden. Keiner will mit Ihnen sprechen, weil Sie Ausländer sind. Zum Frühstück gibt es trockenen Reis, dünnen Tee und Kohl mit historischem Seltenheitswert. Und die Nachrichtensprecherin verkündet wie eine Walküre, dass die neuen Atomwaffen Ihre Heimat wegpusten, wenn es dem Führer gefällt.

Was meinen Sie, was wir für einen Zulauf kriegen aus den neuen Bundesländern! Die haben ja noch genügend Erfahrung aus der DDR, und dann kommen die Jüngeren, die wollen erst noch einen faschistischen Staat aufbauen und können hier schon einmal die Fassade sehen. Sehen Sie das als Hindernis? Also ich nicht. Wer einen faschistischen Staat mit aufbauen will, wird immer nur Fassaden sehen, bis es zu spät ist. Und das hat nichts mit Nachdenken zu tun. Wer denken kann, baut keinen faschistischen Staat auf.

Allein die Militärparaden! Wir hatten neulich einen älteren Herrn aus Sachsen-Anhalt, der hat uns angerufen, mit tränenerstickter Stimme hat der uns erzählt, was er erlebt hat. Die Fahnen und der Stechschritt und die vielen, vielen Raketen, denen man ansah, dass das alles Schrott ist. Der war so gerührt, er hat sich gefühlt wie damals in Rumänien unter Ceaușescu. Träumchen! Und für die anderen, also die Fraktion, die eigentlich gerne so richtig stramm rechts wären, aber aus Karrieregründen aufs Grundgesetz schielen müssen, denen sagen Sie: Sicherheit. Sie sind nirgends so sicher wie in einem totalitären Staat. Sie verleben dort die schönste Zeit des Jahres, abgeschirmt von den politischen und sozialen Spannungen, die Sie schon zu Hause nicht mehr sehen können, Sie haben jederzeit einen Aufpasser, der sich auf Schritt und Tritt um Sie kümmert, nehmen aber nicht als Überwachung wahr, weil Sie den Mann ja sehen. Außerdem verstehen Sie kein Wort von dem, was er sagt, es hört sich aber wichtig an. Also alles total klasse.

Natürlich betreiben solche Länder Waffenhandel und sind in internationale Konflikte verwickelt. Dann dürften Sie allerdings auch nicht mehr in die USA fliegen. Oder in Deutschland wohnen. Und das System wird auch nicht durch Tourismus am Leben erhalten. Wenn Sie davor Angst haben, sollten Sie auch nicht nach Ägypten fahren, weil Sie sonst den Islamischen Staat mitfinanzieren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber Sie wollen doch das echte Abenteuer, oder? den Thrill, dass Sie die Reise unbeschadet überstehen und dabei richtig Spaß gehabt haben? Das ist unsere Marktlücke. Da geht die Reise hin, vertrauen Sie mir. Und was meinen Sie, was wir für ein Geschäft machen, wenn wir erst die Türkei mit im Programm haben!“

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Kokolores

14 12 2017

„Alles raus?“ „Alles.“ „Wir können uns darauf verlassen?“ „Freilich.“ „Können wir uns denn dann auch wirklich auf einen…“ „Also jetzt hören Sie mal, wie sollen wir denn Koalitionsverhandlungen führen, wenn Sie uns nicht schon hier vertrauen?“

„Der Punkt ist doch, dass wir Ihnen nicht generell Misstrauen entgegenbringen wollen.“ „Genau das tun Sie doch gerade.“ „Wir wollen doch keine Streitpunkte in eine Verhandlung einbringen.“ „Die letzten Verhandlungen sind gescheitert, obwohl wir gar keine Streitpunkte hatten.“ „Sehen Sie? Müssen wir das provozieren?“ „Die Menschen draußen im Land wollen eine stabile Regierung.“ „Menschenskinder, Sie rufen doch selbst auf jedem Parteitag und bei jedem Streit zur Geschlossenheit auf!“ „Ja, aber parteiintern.“ „Und wenn wir das als Koalition auch versuchen würden?“ „Das nimmt uns am Ende wieder keiner ab.“ „Wieso nicht?“ „Die letzte Koalition hat uns doch auch keiner abgenommen.“

„Dann sagen Sie doch mal, Kohle?“ „Nein.“ „Wir haben aber doch…“ „Nein!“ „Die Wirtschaft ist sich darüber im Klaren, dass…“ „Das ist mit uns nicht zu machen! Wir werden darüber nicht reden!“ „Also ist noch nicht klar, dass Sie die Kohle als Energieträger mittel- bis langfristig weiter fördern wollen?“ „Wir haben uns noch nicht entschieden, das wird ganz demokratisch auf einem Votum der Parteibasis geschehen, und dann legen wir das dem Parteivorstand vor, und dann sehen wir weiter. Aber wir werden darüber vorerst nicht diskutieren.“ „Aus Angst.“ „Weil Deutschland eine stabile Regierung braucht, und wir wollen uns nicht verschließen.“ „Das heißt also, dass Sie den Schwanz einkneifen und die Sache einfach so weiterlaufen lassen, wenn Sie nicht mehr wissen, wie Sie sich entscheiden wollen, ja?“ „Sie können Ihre verdammte Koalition gleich alleine machen.“ „Schon gut, ich habe doch gar nichts gesagt!“

„Wir bieten Ihnen außerdem an, das Thema Grundeinkommen in der kommenden Legislatur nicht zu behandeln.“ „Hatten wir auch nicht vor.“ „Wir aber.“ „Schön, und was heißt das jetzt?“ „Das impliziert natürlich auch, dass Hartz IV erstmal nicht verändert wird.“ „Klar.“ „Als Regierung muss man sich das sehr genau überlegen. Da steckt eine Menge sozialer Sprengstoff drin.“ „Aha.“ „Nicht nur für den sozialen Bereich.“ „Schön.“ „Auch der Arbeitsmarkt wird natürlich in Mitleidenschaft gezogen.“ „Interessant.“ „Die Regierung wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie einen Großteil der Menschen überhaupt nicht auf dem Schirm hat.“ „Wissen Sie, seit wann wir das hören? Das hat uns noch nie interessiert.“ „Das war mir ja vorher schon klar.“ „Von wem kamen noch mal diese Hartz-Gesetze?“ „Wer hat sie verschärft?“ „Wollen wir wirklich auf diesem Niveau reden?“ „Sie brauchen eine regierungsfähige Mehrheit.“ „Wir können auch ohne Sie regieren.“ „Ja, das merken wir seit Monaten.“ „Können wir wieder vernünftig miteinander umgehen?“ „Das hängt doch ganz von Ihnen ab.“

„Waffenhandel, noch so ein Thema.“ „Aber das bedeutet auch Arbeitsplätze.“ „Diese Kritik an den ethischen Maßstäben unseres wirtschaftlichen Handelns sollten wir aber mal ernst nehmen, finden Sie nicht?“ „Sie können das gerne ausklammern, aber die Fakten sind doch bekannt. Warum soll sich die Wirtschaft in der Bundesrepublik von ihren größten Erfolgen distanzieren?“ „Wir müssen den Wählern schließlich erklären, warum wir wieder einmal so komplett versagt haben.“ „Das kriegen die früher oder später sowieso raus. Dann geht’s ums Ganze, der Wahlkampf läuft schon, und der Rest ist Geschichte.“ „Das finden Sie gut?“ „Lassen Sie uns doch über das Thema Bürgerversicherung reden.“ „Nein, alles gut. Wir brauchen keine öffentliche Debatte über die Rüstungsindustrie, das verstehen die meisten Bundesbürger sowieso nicht.“ „Da sind wir ganz bei Ihnen.“

„Immerhin haben wir noch einen Aktenordner voll.“ „Aber das sind doch Nebenkriegsschauplätze, oder sehe ich das falsch?“ „Türkei?“ „Solange die nicht in der EU sind, sehe ich das als Nebensache.“ „Ehegattensplitting sollte man auch nicht weiter verfolgen.“ „Abgesehen von der Steuerreform.“ „Verbrennungsmotoren?“ „Haben wir die Grünen in der Koalition?“ „Auch wieder richtig.“ „Wozu regen wir uns dann auf?“ „Solange wir uns nicht über ein Einwanderungsgesetz streiten müssen?“ „Mindestlöhne?“ „Rechtsextremistische Gewalt?“ „Haben Sie nicht irgendwann mal einen Ordner mit Kram angelegt, den Sie in der Regierung machen wollen?“ „Ja, Sie etwa auch?“ „Wir haben da ‚Kokolores‘ draufgeschrieben.“ „Lustig!“ „Aber wir sollten uns nicht auf solche Kleinigkeiten…“ „Der Hauptstadtflughafen?“ „Ist Ländersache.“ „Dann sollten wie den Terrorismus nicht zu sehr in den Fokus nehmen.“ „Die Netzneutralität.“ „Überhaupt den Netzausbau.“ „Also Netzpolitik.“ „Ja, das kann man als Gesamtpaket ignorieren.“ „Dann die Sozialpolitik?“ „Arbeitnehmer.“ „Den Wohnungsbau.“ „Und den Umweltschutz.“ „Die Bahn.“ „Aber nur, was den Fahrgast an sich betrifft.“ „Versteht sich.“ „Autobahnmaut?“ „Geht ihren Gang.“ „Dann haben wir die Grenzen…“ „Obergrenze!“ „Stimmt, den CSU-Quatsch.“ „Aber jetzt haben wir’s, oder?“ „Sollten wir, ja.“ „Dann verhandeln wir worüber?“ „Höhere Diäten.“ „Das ist vernünftig.“ „Deshalb nennen wir es ja auch Konsens-Koalition.“ „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ „Wie wahr…“





Alle Jahre wider

13 12 2017

„… für erhebliche Beeinträchtigungen des Verkehrs gesorgt habe. Der Wintereinbruch sei von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in diesem Jahr nicht mehr zu…“

„… ein Gesetz gegen überfrierende Nässe gefordert habe. Die AfD wolle insbesondere in der Nähe von Weihnachtsmärkten eine besondere Sicherung vor Lastkraftwagen, die auf der glatten…“

„… jetzt Prioritäten setzen müsse. Neben Volkswagen und BMW wolle auch Ford mit einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Entwicklung umweltneutraler Bremssysteme starten, bis dahin müsse die Abgasregulierung noch einige Jahre lang auf einen von den jeweiligen Konzernen…“

„… nicht klar war, dass auch in diesem Winter wieder Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes erreicht werden könnten. Die Deutsche Bahn AG sei sich ihrer Verantwortung bewusst, habe aber mit dem flächendeckenden Frostschutz für ihre Bahnhofsimmobilien bereits alle veranschlagten Finanzmittel für dieses…“

„… es sich um witterungsbedingte Ausfälle gehandelt haben müsse. Dem Bundeskriminalamt sei sehr wohl klar, dass gut 500 Rechtsradikale in Deutschland mit Haftbefehl gesucht würden, nur könne es den Fahndungsbeamten nicht zugemutet werden, bei Temperaturen von…“

„… zahlreiche Busse auf Überlandstraßen liegen geblieben seien. Düsseldorf habe daher beschlossen, ab September den ÖPNV nur noch eingeschränkt zuzulassen, um Unfälle im…“

„… Tiefdruckgebieten aus dem Nahen Osten den Überflug nicht mehr gestatten dürfe. Weidel mache dabei direkt die Kanzlerin verantwortlich, mit der Grenzöffnung auch das Wetter über dem…“

„… einen hohen Personalaufwand erfordere. In Winterzeiten müsse die Polizei oft zur Sicherung von Unfallstellen ausrücken, auch seien an Rohrleitungen Schäden festzustellen, die unter Umständen zu Brüchen führen könnten. Es sei bei einer großen Anzahl an Überstunden nicht mehr möglich, deutschlandweit Steuerhinterzieher zu…“

„… der Individualverkehr von den Fahrverboten nicht betroffen sei. Die Freidemokraten hätten auf der eigenen Entscheidung der mündigen Bürger beharrt, sich auf den Autobahnen selbst mit…“

„… überhaupt nicht wüssten, was Schnee sei. Um sich diese Kenntnisse zu verschaffen fielen jährlich Millionen von Zuwanderern in die deutschen Sozialsysteme ein, die die AfD nur mit einem nationalen Notstandspakt aller durch die gezielte Volkszersetzung der…“

„… müsse jeder selbst wissen. Lindner sei strikt gegen einen Schneekettenzwang, der Staat könne immer noch eingreifen, wenn sich Fahrer größerer Personenkraftwagen durch gefährliches…“

„… den Klimawandel für eine Erfindung der linksgrünen Lügenpresse halte. Meuthen habe bereits auf dem Parteitag darauf hingewiesen, dass bei einer postulierten Erderwärmung Schnee über Deutschland in den Grenzen von 1942 gar nicht…“

„… dass Fahrstrecken wegen vereister Weichen nicht eingehalten werden könnten. Die Deutsche Bahn AG habe bereits in Aussicht gestellt, bei mangelnder Schienenheizung Züge mehrere hundert Kilometer rückwärts fahren zu lassen, um dann an einer geeigneten Abzweigung einen im Fahrpreis nicht enthaltenen Umweg zu…“

„… kein ordentliches Training garantiert werden könne. Ein erneuter Sieg der Borussen sei erst wieder im Frühling, spätestens aber im…“

„… Koalitionsverhandlungen nicht mehr in diesem Jahr beginnen wolle. Schulz habe sich unabhängig von weiter geplanten Schneefällen für eine Befragung des…“

„… die Pilotenvereinigung Cockpit die Einschränkungen der Flugverbindungen an den deutschen Großflughäfen nicht als gravierend bezeichnen wolle. Zwar seien sicherheitsbedingt zahlreiche Starts und Landungen abgesagt worden, dies sei aber nicht erheblich, da die Fluggäste am Boden gar nicht erst in die Nähe der…“

„… die Front des nationalen Notstandes alle Jahre wider die Merkelregierung auf die Straße gehen müsse. Höcke habe eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte angekündigt für den Fall, dass die Bundeskanzlerin es erneut an einem Montag in Dresden schneien ließe oder anderweitige Versuche, das deutsche Volk aus dem…“

„… eine für die Mittagszeit ausgegebene Schneewarnung im Großraum Köln bereits um elf Uhr eingetreten sei. Unter diesen Gesichtspunkten könne eine zielgerichtete Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst nicht als…“

„… warne das Bundesinnenministerium vor dem Umstieg auf das Fahrrad. Führe jeder Fahrgast eines mit 240 Sitzplätzen ausgestatteten Reisebusses einzeln per Zweirad auf die Autobahn auf, wäre dies ein Aufkommen an Verkehrswidrigkeit, das mit dem derzeit durch Fahndungsmaßnahmen gegen Linksradikale reduzierten Personal der Landespolizei nicht mehr…“

„… alle Weihnachtsmärkte wegen theoretisch drohender Schneeverwehungen abgesagt werden müssten. Da die Versicherungswirtschaft nicht für wetterbedingte Schäden aufkommen wolle, müsse man zur Risikominimierung Eintrittsgelder in Höhe von…“

„… keine weiteren Probleme zu befürchten habe. Schwierigkeiten seien für die Deutsche Bahn AG erst wieder im zweiten Quartal des kommenden Jahres mit der Inbetriebnahme der Klimaanlagen in den…“





Ansteckende Infektion

12 12 2017

„Meine Frau hat die ganze Nacht kein Auge zugetan.“ Er räusperte sich noch einmal geräuschvoll und überprüfte den Sitz seines Kehlkopfes. „Sie meinen wohl“, korrigierte ich, „Sie haben…“ „Ach was“, meinte Herr Breschke, „ich habe doch gehustet. Mich stört das nicht.“

Der alte Herr hielt sich stark gekrümmt, als müsse er unter der Last des Reizhustens einknicken. Sein Atem ging recht ruhig, aber hin und wieder hüstelte er sehr theatralisch, als würde er einen starken inneren Druck bekämpfen. „Und dann kratzt es natürlich im Hals“, krächzte er, „meine Frau sagt auch, das hört sich krank an.“ In der Tat war die Stimme besorgniserregend, aber das war momentan auch sein Gedächtnis; vor lauter Heiserkeit vergaß er glatt, gebückt durch die Küche zu humpeln. „Es ist ja der ganze Körper“, gab er zu, „ich will das vor meiner Frau natürlich nicht so zeigen.“ Und er griff nach dem Faltblättchen auf dem Küchentisch. „Sie sollten das auch mal lesen“, gab er mir zu verstehen. „Das wird ja gemeinhin nicht so an die große Glocke gehängt.“ Ob sich die Apothekenzeitschrift indes dem investigativen Journalismus verschrieben hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Doch was kann man ausschließen.

„Diese Schmerzen in den Knien kommen sicher auch nicht zufällig.“ Ich stimmte mit ihm überein, was der Tatsache geschuldet war, dass er zwei Tage lang auf Geheiß von Frau Breschke die Fußleisten geschmirgelt und neu lackiert hatte. Außerdem hatte sein überzeugendes, geradezu perfekt arthritisches Humpeln, das er nur im Ansatz zeigte, im Zusammenspiel mit der leichten Rückenandeutung mich in seinen Bann geschlagen. „Wussten Sie“, fragte ich vorsichtig, „dass diese Instabilität der Kniegelenke, wenn sie mit Reizhusten einhergeht, oft nur eine tiefere Symptomatik verbirgt?“ Horst Breschke sah mich verwirrt an. Wusste er denn gar nichts über fernöstliche Medizin? Oder hatten diese verdammten Apothekenzeitschriften in den letzten Jahrzehnten, seitdem ich eine von innen gesehen hatte, plötzlich ihr Programm geändert?

„Nehmen Sie doch mal die Schultern zurück“, sagte ich mit sanftem Druck, während ich ihn auf den Küchenstuhl setzte. „Haben Sie in den letzten Nächten vielleicht eine starke Atemnot verspürt?“ Entsetzt schüttelte Breschke den Kopf. „Aha“, murmelte ich. „Dann haben wir das wohl auch noch vor uns. Aber zumindest ist nicht auszuschließen, dass wir eine affektiv-pulmonale Störung haben, die im vorliegenden Fall – husten Sie mal.“ Er keuchte ein paar Mal trocken. „Richtig“, ermunterte ich ihn, „richtig husten! Wir wollen doch wissen, ob Ihr Lungenvolumen noch ausreicht.“ Der pensionierte Abteilungsleiter riss die Augen in wilder Furcht auf, doch sah er lediglich mein strenges, wenngleich ermunterndes Nicken. Er hüstelte ein bisschen, sehr trocken, und nichts machte mir den Eindruck einer schweren Erkrankung. Aber Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste, und so ließ ich ihn in die Deckenlampe blicken.

„Das sieht gar nicht gut aus“, murrte ich. „Sehr gerötete Bindehäute. Befeuchten Sie Ihre Augen regelmäßig?“ „Ich muss mal sehen“, stammelte Breschke, „meine Frau hat etwas im Schränkchen, aber ich darf das nicht nehmen.“ „Haben Sie ein starkes Durstgefühl?“ Er überlegte. „Wenn Sie mich so fragen, eine Tasse Tee könnte ich schon vertragen jetzt.“ Das war ein gefährliches Zeichen. Ich legte umgehend die Stirn in Falten, um mir die Diagnose durch den Kopf gehen zu lassen. „Wir wollen es noch nicht beschreien“, sagte ich mit einiger Vorsicht. „Aber möglicherweise haben wir es mit einer ansteckenden Infektion zu tun. Damit ist nicht zu spaßen!“

Viel gab das pharmazeutische Werbeblättchen nicht her. „Wussten Sie eigentlich, dass nächtliche Schlafstörungen immer in Schüben auftreten, drei oder mehrere Nächte hintereinander?“ Das Ding empfahl vor dem Schlafen eine Flasche Bier zu trinken, jedenfalls konnte man das aus den Inhalten jener Wunderpillen schließen, die der redaktionelle Teil anbot. „Nehmen Sie doch noch mal die Hände nach oben.“ Zitternd befolgte Breschke meinen Befehl. „Diese Schweißausbrüche“, wimmerte er. „Es kann sich nur um Cholera handeln, aber sagen Sie meiner Frau nichts davon!“ Zitternd hielt er sich an der Stuhllehne fest. „Die Zeitung hat doch neulich auch geschrieben, dass Pest und Typhus zurück sind in unseren Landen – kann man das denn ausschließen?“ Mit schreckgeweiteten Augen sah er mich an. „Nein“, antwortete ich im Ton einer Grabesstimme, „ausschließen kann man gar nichts. Schon gar nicht in ihrem Zustand.“

„Natürlich eine Erkältung“, erklärte Frau Breschke. „Er hat noch eine Nacht gehustet, dann bekam er ein wenig Fieber, und jetzt liegt er im Bett.“ Sie schob mir die Schale mit dem Gebäck hinüber. „Immerhin hat er keine Rückenschmerzen mehr.“





Regionalverkehr

11 12 2017

„Sie müssen mal die sächsische Küche mehr in den Mittelpunkt rücken bei Ihrer Berichterstattung! und nicht nur zur Weihnachtszeit! Das kann einen ja ganz aggressiv machen, Sie mit diesem dummen Geschreibe über Rechtsradikale und Nazis, passen Sie bloß auf, dass das nicht mal Konsequenzen hat für Sie, klar!?

Es ist doch wahr – man kann über unser Bundesland jede Menge schöne Dinge schreiben, da muss man sich nicht mal etwas ausdenken, wie das unser ehemaliger Ministerpräsident noch eigenhändig getan hat, und ich sage Ihnen, wenn man die Vorzüge des Freistaates mehr in der Presse lesen würde als immer und ewig das Gemecker über heimattreue Bürger, die etwas übermotiviert daherkommen, dann gäbe es hier auch ein sehr viel angenehmeres gesellschaftliches Klima. Zum Beispiel wären dann diese ganzen ausländischen Besucher, die sich regelmäßig beschweren, die wären dann ja gar nicht da.

Na, worüber beschweren die sich wohl? über Ihre mediale Hetze, so sieht’s doch aus! Überall liest man, in Dresden kann man nach Einbruch der Dunkelheit keinen Fuß mehr vor die Tür setzen – das ist maßlos übertrieben! Reine Stimmungsmache ist das, vermutlich werden Sie für solche Artikel auch noch bezahlt? Gelogen! Gucken Sie doch hin, überall Fackelzüge! Da müssen Sie doch nicht zu Hause bleiben, als aufrechter Deutscher können Sie ganz unbehelligt vor die Tür, und wenn Sie kein Problem damit haben, dass bei uns Vaterlandsliebe noch groß geschrieben wird, dann haben wir auch gar nichts gegen Sie. So ein Touristenvisum hält ja auch nicht ewig.

Schreiben Sie doch mal etwas übers Lausitzer Granitmassiv, wenn Sie das geistig nicht zu sehr fordert. Oder über Kirchenbau in Görlitz, da haben Sie sicher noch jede Menge Nachholbedarf. Das wollen die Leute lesen, nicht Ihre Schauermärchen über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das mit der Zwickauer Zelle war ein bedauerlicher Einzelfall, das können Sie nicht allen Sachsen in die Schuhe schieben. Außerdem ist noch gar nicht klar, ob das nicht alles der Verfassungsschutz war, man liest da ja so manches – was Sie übrigens nicht schreiben, das wollen wir mal festhalten – und wenn das schon jemand schreibt, dann wird da auch etwas dran sein, sonst würde man sich wohl kaum die Mühe machen, meinen Sie nicht?

Natürlich müssen wir auch weltoffen sein, ist ja klar – die Weltwirtschaft ist voller Ausländer, das muss man anerkennen, und solange die im Ausland sind und Außenhandel machen, ist das auch total in Ordnung. Da muss man zum Beispiel hinschauen. Dass die Wirtschaft in Sachsen noch Probleme hat, kann man nicht leugnen, die älteren Arbeitnehmer, die kurz vor der Rente, also ab vierzig, die liegen mit dem Einkommen unter dem Durchschnitt und gehen jetzt harmonisch in Altersarmut über, und da muss man sich als Politik und Gesellschaft mal interessiert zeigen. Da sollten Sie einen Bericht für Ihre Zeitung machen, aber dann auch mal kritisch hinterfragen, wo die Kausalität liegt. Die gibt es nämlich, das lässt sich nicht wegdiskutieren!

Der Ballungsraum Chemnitz-Zwickau ist der mit der schlechtesten Bahnanbindung in ganz Deutschland. Wir haben quasi nur Regionalverkehr. Da kommen Sie nicht hin, wenn Sie rein wollen, und noch viel schlimmer ist, hier kommen Sie nicht weg. Das ist doch kein Leben! Den Leuten haben sie früher Reisefreiheit versprochen und was noch alles, und dann kommen die Flüchtlinge hier gratis im Bus angerollt! Das müssen wir bezahlen! Wenn Sie das schreiben, dann ist hier Bürgerkrieg, aber dazu haben Sie auch nicht den Mut, oder!?

Sie schreiben natürlich lieber über den Bund der Antifaschisten, klar. Die haben den Sächsischen Bürgerpreis bekommen? Die haben sich dann doch bestimmt umgehend zur Verfassung bekannt und gegen Extremismus ausgesprochen, oder? Ach, das war danach? Wissen Sie, mir ist das egal, ich befasse mich nicht mehr mit Politik. Die belügt einen sowieso, die Presse schreibt grundsätzlich, was sie will, und wir müssen die Suppe ausbaden. Sie reden die Probleme doch klein, wo Sie können! Aber das lassen wir uns nicht mehr länger gefallen, Sie müssen mal was über unser Waschgerätewerk Schwarzenberg schreiben, gut, das gibt es seit 1990 auch nicht mehr, aber als Vorbild für die moderne Industrieproduktion, von der Badewanne bis zum Waschvollautomaten, das ist doch ein Stück Geschichte, also deutsche Geschichte, auf die man auch mal stolz sein kann, auch wenn die nicht so gut lief? Oder die historischen Grabdenkmäler aus vier Jahrhunderten im Stadtmuseum Meißen, das ist nicht nur für Besucher interessant – die Sachsen sind ja selbst oft nicht so firm mit der deutschen Geschichte, das kann man doch alles noch festigen. Aber wenn Sie als Presse eben nicht mitspielen, dann kann man da nichts machen.

Wenn Sie ständig nur die Probleme in unserem Bundesland in Ihren Schlagzeilen haben, dann ist es doch klar, dass das Ausland und die interessierten Kräfte nichts anderes mehr zur Kenntnis nehmen. Sie wissen schon, wer Sie bezahlt. Dass Sie mit Ihrer Pauschalkritik unserem Land schaden, das ist Ihnen natürlich völlig egal, erst haben Sie die DDR besiegt, und jetzt liefert Ihr linksgrünen Schweine auch noch unser Vaterland ans Messer! Wie lange dauert’s noch, bis man für einmal die Wahrheit sagen wieder in die Gaskammer kommt!? Sie elender Schmierfink, Sie – gucken Sie doch lieber mal nach Thüringen!“





Schafkopf

6 12 2017

„Alles, nur nicht die!“ „Wen sonst?“ „Ihnen ist klar, dass wir mit unserer Haltung als sexistische Partei einen Großteil der Wählerinnen verlieren werden?“ „Ja, meinetwegen!“ „Hören Sie mal, wenn wir jetzt in eine Regierungskoalition wollen, muss unsere Führung eine…“ „Alles, auch Wurzelbehandlung oder Auspeitschen – aber nicht Nahles!“

„Die hat doch bis jetzt einen ganz guten Job gemacht.“ „Naja, wenigstens hat sie nicht so viel verraten, was uns noch tiefer reinreiten könnte.“ „Und sie hat diesmal noch nicht gemeckert, dass es bei den Koalitionsverhandlungen keinen Alkohol gibt.“ „Weil es noch keine Koalitionsverhandlungen gab.“ „Müssen Sie uns mit Nebensächlichkeiten aufhalten?“ „Jetzt machen Sie mal einen Punkt!“ „Wer hat denn angefangen!?“ „Ruhe jetzt! Der Auftrag von der Parteispitze ist klar, wir brauchen ein Tandem, eine Hälfte weiblich, und das muss bis zum…“ „Wer wird denn die andere Hälfte?“ „Ich ging bisher von Schulz aus.“ „Der kann ja auch die Frauenrolle ausfüllen.“ „Trotz Bart?“ „Diese ewige Unentschlossenheit, dieses divenhafte Getue, das ist doch anziehend, oder?“ „Haben Sie eine Ahnung!“ „Dann würde sich die FDP ja nicht vor Angeboten retten können.“ „Haben Sie eine Ahnung!“ „Bei denen liegt es am Geld.“ „Ach so.“

„Dabei haben wir doch eine ganze Reihe guter Politikerinnen.“ „Mir fallen jetzt gerade keine ein.“ „Die Dings.“ „Genau.“ „Äh…“ „Ja, an die hatte ich auch gleich gedacht. Die wäre fast mal Kandidatin geworden, ich weiß nur nicht, wofür.“ „Sie meinen sicher Schwesig?“ „Nee, die war älter.“ „Die ist doch aber noch recht jung.“ „Ich meine die andere.“ „Klar, die ist dann natürlich älter.“ „Aber auch nur im Vergleich.“ „Und mit dieser Diskriminierung wollen wir hier auch gar nicht erst anfangen.“ „Weil die andere zu jung ist?“ „Ach, egal.“

„Dabei hatte Schulz doch gesagt, er wolle ein Kabinett im Falle seines Wahlsieges paritätisch besetzen.“ „Da ist er ja fein raus.“ „Wieso?“ „Weil wir die Wahl nicht gewonnen haben.“ „Er wollte eh nur Kanzler werden, wenn die Merkel verzichtet.“ „Also gar nicht.“ „Das sagen Sie!“ „Vermutlich hat er das gesagt, weil er wusste, dass man mit Merkel einfach keine Frauenquote machen kann.“ „Haben wir denn wenigstens genügend Quotenfrauen?“ „Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ „Schauen Sie sich doch die anderen Parteien an: eine Frauenquote führt zwangsläufig zu Quotenfrauen.“ „Wenn wir die CDU wären, könnte man das annehmen.“ „Sind wir aber nicht!“ „Ja, schade.“ „Bitte!?“ „Naja, dann wären wir ja an der Regierung und könnten ein Kabinett ohne Quotenfrauen… nee, ich komm noch mal rein.“

„Es geht ja jetzt vornehmlich darum, dass wir auf dem Parteitag…“ „Dann ist das gar nicht für die politische Praxis bestimmt?“ „Seit wann hat das, was ein Parteitag beschließt, Relevanz für die politische Praxis?“ „Haben Sie Nachsicht mit dem Kollegen, er ist erst seit zehn Jahren Genosse.“ „Na, dann…“ „Höre ich da einen ironischen Unterton?“ „Müssen Sie das immer thematisieren?“ „Ich möchte Sie ungern zurechtweisen, aber wir haben hier eine Mission zu…“ „Dann lassen Sie sich doch was abschneiden und kandidieren Sie selbst!“

„Man kann doch jetzt nicht die erstbeste…“ „Mit der Skatrunde im Hinterzimmer war das auf Ladesebene früher immer einfacher.“ „Lange her.“ „Aber für die politische Praxis war’s dufte.“ „Wem sagen Sie das!“ „Vielleicht spielen die Herren jetzt mal eine Runde Doppelkopf?“ „Unsinn, was soll das denn bringen?“ „Vielleicht finden sie dann raus, wer in diesem Spiel der Schafskopf ist?“ „Das ist doch lächerlich!“ „Geht denn Ulla Schmidt als neue Ehrenvorsitzende durch?“ „Dreyer ist doch auch noch da.“ „Oder Kraft.“ „Die will ja nicht mehr.“ „Wieso nicht?“ „Weil sie es kann.“ „Dann könnten wir Nahles nehmen.“ „Weil sie es nicht kann?“ „Ja, aber sie will.“

„Mit dieser… hier, Dings…“ „Ich kann den Namen auch nicht aussprechen, aber mit der kann man auch die Ausländerquote abfrühstücken.“ „Eben, das zeigt doch, wie integrativ wir sind!“ „Immer dann, wenn es um nichts mehr geht.“ „Es geht immerhin um unsere Beteiligung an einer…“ „Sage ich ja, es geht um nichts mehr.“ „Das ist doch echt eine…“ „Was regt Sie an einer realpolitischen Einschätzung denn überhaupt so auf?“ „Nichts, aber ich kann doch mal sagen, dass ich das nicht gut finde!“ „Also sind Sie ausländerfeindlich?“ „Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen!“ „Sehen Sie, eine typische Verschiebungsreaktion, er will nur von seiner rechten Gesinnung ablenken!“ „Ich verlasse die Partei!“ „Das finde ich jetzt aber übertrieben.“ „Naja, vielleicht ist er noch nicht emanzipiert genug für eine Parteichefin.“

„Also es geht um nichts mehr.“ „Ja, aber das…“ „Also: ja!?“ „Ich würde es nicht direkt so sagen, aber es ist eben eine…“ „Er meint, wir müssten uns damit abfinden, dass unsere Entscheidungen nicht mehr berücksichtigt werden. Keine von unseren Entscheidungen, damit wir uns richtig verstehen.“ „Alles weg?“ „Wenn wir sowieso am Ende sind, dann sollten wir…“ „Verschonen Sie uns mit Ihren Ratschlägen, das ist unsere Sache!“ „Nein, ich wollte es nur wissen: wir sind im Arsch?“ „Naja, es ist…“ „Ja oder nein!?“ „Wenn Sie so fragen: ja.“ „Und wer verwaltet den ganzen Mist?“ „Hm.“ „Die Frage ist interessant.“ „Stimmt!“ „Kann ich die Nahles noch mal sehen?“





Quereinsteiger

4 12 2017

„Glas ist immer im Preis inbegriffen. Nur Türen gehen extra, da muss ich mit Spezialwerkzeug ran, außerdem kann das auch mal länger dauern, wenn da noch ein Sperrriegel hinter ist. Aber ich versuche sowieso immer erst mal die Fenster, die machen weniger Krach, und man muss auch nicht von vorne ins Haus rein. Und Sie haben auch nicht diesen Stress mit der Polizei, höchstens ein Formular von der Glasbruchversicherung. Da bin ich natürlich kundenorientiert.

Als Dienstleister müssen Sie Ihren Kunden den besten Service liefern, auch in unserem Gewerbe, und ich weiß, wovon ich rede. Die Ansprüche der Leute wachsen, Sie müssen heute quasi so einen Auftrag in den zehn, fünfzehn Minuten erledigen, in denen der Hauseigentümer kurz zum Bäcker fährt. Das muss laufen wie am Schnürchen, da sitzt bei Ihnen jeder Handgriff – oder Sie, wenn Sie es nicht gut über die Bühne bringen. Man weiß ja nie.

Das ist mir tatsächlich mal passiert. Die Kundin hat den Schmuck ordentlich im Schlafzimmer auf dem Schränkchen drapiert, alles griffbereit, sie hat sogar noch einen Umschlag mit einem Scheinchen dazugelegt – manche Leute sind ja schon sehr nett, muss man den Kunden auch mal lassen – und wie ich so ins Erdgeschoss komme, steht da aus der Nachbarschaft ein Polizeibeamter im Flur, Waffe, Handschellen, das volle Programm. War dann ein größeres Scheinchen in dem Umschlag, war auch nicht nur eins, und wir haben das geregelt gekriegt. Aber da sehen Sie mal, was alles passieren kann.

Wie man in die Branche reinkommt? Ich will ehrlich sein, ich weiß es nicht. Hat sich irgendwann so ergeben. Nach dem Studium war ich einige Zeit arbeitslos, Assyriologie und Religionswissenschaft, da ist man automatisch für alles überqualifiziert, dann habe ich dem Nachbarn mal einen Gefallen getan bei einem Brandschaden, weil er ein neues Sofa brauchte, und dann ging das so weiter. Ich habe mich umgesehen, Banküberfälle waren mir zu viel Stress, auf dem Automarkt ist die Konkurrenz aus dem Ausland inzwischen viel zu groß, und dann hatte ich plötzlich eine Anfrage für einen Einbruch. Einfamilienhaus, günstige Lage, einmal rein, die Schrankwand umkippen, alle Schubladen aufziehen und wieder raus. Hatte ich noch nie gemacht vorher, aber das klang gut. Und für einen Quereinsteiger – ja, ich weiß, doofer Witz – war das Honorar auch ganz anständig. Mir hat das sofort gefallen, liegt auch in der Familie bei uns, mein Vater war beim Finanzamt, auch Innendienst und den Leuten das Geld abgeknöpft, damit konnte ich mich sofort identifizieren. Dabei ist es dann geblieben.

Jetzt arbeite ich freiberuflich als Allrounder, es sind größtenteils Empfehlungen, kleinerer Häuser, ein gewisser Anteil an Villen, ganz ab und an mal eine Galerie oder ein Kleinunternehmen, wo man die Bücher klaut, bevor der Steuerprüfer kommt, oder ein Museum, aber auf größere Objekte habe ich nie so Luft gehabt. Und dann bespricht man im Regelfall den Auftrag vorher, damit man weiß, wie man das plant.

Nehmen wir mal an, Sie haben da so ein ganz fürchterliches Bild von ihrem Erbonkel, röhrender Hirsch im Steigerwald, was weiß ich – aber eben vom Erbonkel, und da steckt noch ein Menge Geld, das kann man ja nicht aus Versehen zum Sperrmüll stellen, und dann kommt der Erbonkel und fragt, wo sein Bild hin ist, also kurz: hinten rein, Bild abhängen, raus, fertig. Kommt darauf an, ob Sie Sicherheitsglas haben, aber mehr als eine Stunde sollten Sie nicht ausgeben. Plus Anfahrtspauschale. Das kriegen Sie nirgendwo anders so preiswert und diskret abgewickelt.

Die osteuropäische Konkurrenz ist uns hier auch schon auf den Fersen, aber da wäre ich vorsichtig. Die kriegen die Tür nicht auf und demolieren am Ende das Auto. Oder das ganze Haus ist leer. Von mir jedenfalls bekommen Sie immer deutsche Qualitätsarbeit, da können Sie sich verlassen, und alles aus einer Hand. Ich bilde mich auch weiter für Sie, zum Beispiel Alarmanlagen. Kann man ja meist mit dem Taschenmesser außer Gefecht setzen, aber der Fachmann macht das so, dass Sie Ihre Anlage hinterher noch weiter gebrauchen können. Nicht einfach rauf mit dem Hammer und rein ins Haus, so machen das die Berufsanfänger. Da müssen Sie sich dann hinterher auch noch von der Polizei eine Standpauke über sich ergehen lassen, warum Sie so einen Schrott einbauen, den man einfach kaputt schlagen kann. Aber wenn genau das richtige Kabel gezogen und genau der richtige Knopf gedrückt ist, dann wissen auch die: das war der Profi. Solides deutsches Handwerk. Merkt man eben doch, dass sich die deutsche Qualitätsarbeit auf Dauer am Markt durchsetzt.

Und wir arbeiten nachhaltig. Die anderen Betriebe kommen meistens in der Dämmerung, da braucht man elektrisches Licht, das wird natürlich wieder die Ökobilanz Ihres Objekts verschlechtern, und wir haben uns ganz bewusst für den Einbruch zu den normalen Geschäftszeiten entschieden, wir kommen tagsüber. Offiziell wird die Arbeitszeit in Abstimmung mit dem Bundeskriminalamt von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends genannt, und da die Dämmerungsaktivität ab November sowieso stark zunimmt, kommt man sich da auch nicht so ins Gehege und arbeitet viel zügiger, viel effektiver und entspannter.

Na, dann zeigen Sie mal. Das Aquarium von ihrer Ex-Frau steht im Obergeschoss, und Sie sind wann genau im Urlaub?“