Balkanrute

10 07 2018

„… an den Maßnahmen des Bundesinnenministers scheitere. Dieser habe zum Schutz des deutschen Arbeitsmarktes vor fremdrassigen Invasoren alle Anforderungen an die Bewerber nochmals…“

„… wolle Spahn vorwiegend albanische Pfleger in den deutschen Arbeitsmarkt locken. Diese seien aktuell von einem Einreiseverbot betroffen, könnten aber durch eine Sonderbehandlung des…“

„… sich die Klinikkonzerne auf weitere Probleme mit der Personalsituation einrichten müssten. Da nun noch mehr unqualifizierte Kräfte in der Pflege beschäftigt würden, könne nur eine drastische Kürzung der…“

„… dass die Philippinen nur deshalb eine Ausnahmegenehmigung bekämen, weil ihre Arbeitsmigranten vorwiegend weiblich und gut ausgebildet seien. Spahn habe jedoch vor allem die Tatsache, dass es sich um keine islamische…“

„… ohne die Unterstützung neuer Kräfte ein Großteil der intensivmedizinischen Einrichtungen nicht mehr zu betreiben sei. Seehofer habe dies nicht nachvollziehen können, da in Bayern auch immer Zuwanderer aus Franken, Schwaben und…“

„… mit neuen Richtlinien dagegen vorgehen müsse. Zunächst müsse ein Teil der nicht zwingend lebensrettenden Eingriffe mit interessierten Laien durchgeführt werden, in einer zweiten Stufe wolle die Aufsichtsbehörde auch den…“

„… schlage Dobrindt vor, den Philippinern Arbeitsvisa mit unbeschränkter Dauer auszustellen. Ähnlich wie bei den Türken könne man ja mit einer schnellen Rückkehr in die…“

„… die Drittmittelforschung im medizinischen Bereich inzwischen fortschrittlichere Standorte wie Kasachstan, Myanmar oder die…“

„… wende sich die AfD strikt gegen jede Aufnahme von Ausländern ins Sozialsystem. Höcke fordere ein Verbot der philippinischen Sprache in sämtlichen deutschen…“

„… den Sprachtest nicht bestanden hätten, da es keine albanischen Dolmetscher gebe. Außerdem habe man den legal eingereisten Medizinern, die bis vor kurzem als Assistenzärzte am Klinikum von…“

„… die Abschlusszeugnisse der albanischen Krankenschwestern noch übersetzt werden müssten. Da die von Spahn bewilligten Kontingente nicht höher als die in der Regierungskrise als akute Überschwemmung mit Flüchtlingen genannte Anzahl von Personen sein solle, habe man sich darauf geeinigt, die anderen 99,87% aus dem…“

„… keinen dauerhaften Aufenthalt bewilligen wolle. Die albanischen Pflegehelfer müssten sich jeweils nach drei Monaten wieder neu auf ihre Stellen bewerben und eine Duldung beantragen, die nach frühestens achtzehn Monaten unter der Voraussetzung, dass es einen gültigen, unbefristeten Arbeitsvertrag zwischen dem Bewerber und der…“

„… liege es nur an der personellen Ausstattung des Botschaftspersonals in Phnom Penh, dass der erforderliche Schriftverkehr so hinderliche…“

„… auch nicht ausschließen wolle. Mit der Überlegung, Gallen- und Lungen-OPs künftig nach Pakistan zu verlegen, habe sich der Kurs des börsennotierten Klinikunternehmens erheblich…“

„… sich Seehofer weigere, die bereits nach Deutschland eingewanderten Flüchtlinge zu Pflegekräften auszubilden. Dies sei in höchstem Maße vernünftig, deshalb dürfe man es im bayerischen Landtagswahlkampf auf gar keinen…“

„… von der Leyen angeboten habe, eine Firma zu gründen, die mit Hilfe von Chipkarten, die ein warmes Mittagessen, Geigenstunden und die Mitgliedschaft in einem Sportverein mit Ausnahme von Fußballschuhen, Kleidung und Vereinskasse auch die Übersetzungen aus dem Philippinischen sowie die automatische…“

„… zu einem erheblichen Krankenstand komme, da die versprochenen Albaner nicht geliefert würden. Der Sprecher der Aktionärsversammlung habe Spahn bereits mit der Balkanrute gedroht, wenn er nicht sofort die…“

„… werde die Bundespolizei demnächst alle Philippiner mit medizinischem Facharbeiterbrief in die Bundesrepublik aufnehmen. Die Voraussetzung für eine Nichtabschiebung sei jedoch der Übertritt über die österreichische…“

„… habe die Kanzlerin versichert, man würde selbstverständlich auch Personen abschieben, die ihre Ausbildung zur Pflegefachkraft erfolgreich…“

„… eine Einreise in Bayern in ein doppeltes Auffanglager leiten wolle. Wer sich einer sofortigen Taufe unterziehe, werde als Christ unmittelbar in eine Berufsausbildung begleitet, wer jedoch auf seine Grundrecht beharre, müsse mit einer konsequenten…“

„… alle deutschen Krankenhäuser nach Thailand verlegen könne. Nachdem zahlreiche Seniorenresidenzen sich bereits in Ostasien befänden, dürfe man keine Denkverbote bei den…“

„… wolle Seehofer eine fiktive Nichtintegration für albanische Arbeitsasylanten zur Grundlage des Beschäftigungspaktes mit der…“

„… nicht geeignet seien und in einer Vielzahl zu einer großen Katastrophe führen könnten. Der deutsche Automobilbau habe sehr großen Bedarf an Hilfsarbeitern, könne jedoch nicht jede aus einem fremden Land eingewanderte Person…“

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Science Non-Fiction

9 07 2018

„Guten Tag. Etwas zu verzollen?“ „Das geht Sie nichts an.“ „Moment mal, Sie sind auf einer…“ „Wen interessiert das?“ „Aber Sie passieren gerade die Grenze zur…“ „Ja, und?“

„Also entschuldigen Sie mal, Sie wollen doch gerade in die Bundesrepublik…“ „Sagt wer?“ „Das ist hier ein Zug, der über die Grenze von Österreich nach…“ „Erzählen Sie mir etwas, was mich gerade interessieren könnte.“ „Ich muss Sie kontrollieren.“ „Augen auf bei der Berufswahl!“ „Ich muss Sie jetzt aber wirklich kontrollieren, sonst…“ „Sonst?“ „Sonst kriege ich Ärger, und das wollen Sie doch nicht?“ „War das etwa eine Drohung?“ „Aber nein, ich wollte nur…“ „Sie kündigen also an, dass Sie den Ärger, den Ihre Vorgesetzten machen, genau so an Ihre Kontrollobjekte weitergeben? Interessant!“ „So war das doch gar nicht gemeint!“ „Also wieder nur diese typische emotionale Erpressung, wie?“ „Jedenfalls muss ich Sie jetzt kontrollieren, und dazu benötige ich zuerst einmal Ihren Ausweis.“ „Lächerlich.“ „Wie meinen?“ „Lä-cher-lich.“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst…“ „Also nichts mehr mit Zoll? Sie suchen sich die Prioritäten Ihrer hoheitlichen Kontrollaufgaben aus, wie Sie Lust und Laune haben, ja?“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst werfe ich Sie aus dem Zug!“ „Während der Fahrt? Ich wusste gar nicht, dass Sie dazu befugt sind. Aber bitte, zeigen Sie mal, dass Sie mehr haben als leere Drohungen.“

„Ich meine es doch nur gut mit Ihnen.“ „So viel Geld habe ich gar nicht.“ „Nein, wirklich!“ „Und das alles im Rahmen Ihrer Dienstvorschriften!“ „Ich muss doch jetzt bitten, dass Sie mir sagen, ob Sie etwas zu verzollen haben.“ „Wie das denn?“ „Der Zug ist doch gleich in Deutschland, und da muss ich dann eine…“ „Ich reise doch gar nicht ein, wie soll ich dann etwas verzollen?“ „Sie haben diesen Zug bestiegen in der klaren Absicht, in die…“ „Ach, Gedanken lesen können Sie auch noch? Da sind Sie ja ein echter Glücksgriff für den Zoll.“ „Sie müssen doch vor dem Passieren der Grenze zur…“ „Hören Sie doch mal auf mit diesem Gefasel – ich passiere keine Landesgrenze, ich bin auf einer fiktionalen Nichteinreise.“ „Auf einer…“ „Nichteinreise. Damit überquere ich keine Grenze, muss nichts verzollen, brauche keinen Ausweis, und Sie dürfen jetzt wegtreten.“ „Was ist denn eine, also was Sie da gerade, diese Nichteinreise, was ist denn das?“ „Eine Nichteinreise ist, wenn man nicht einreist, verstanden?“ „Ja.“ „Dann ist ja jetzt alles klar.“ „Aber das heißt doch, dass Sie jetzt gar nicht im Zug sind?“ „Ich will Ihnen nicht zu nah treten, aber nehmen Sie es als guten Ratschlag: versuchen Sie es nicht mit Philosophie, die Dienstvorschriften sind für Sie schon kompliziert genug.“ „Aber diese Einreise, also wenn man nicht einreist, das ist doch dann nur für, wie sagt man…“ „Asyltouristen.“ „Ich habe das Wort nicht benutzt!“ „Habe ich auch nie behauptet.“ „Aber Sie sind doch kein Asyltourist, oder?“ „Haben Sie schon mal einen gesehen?“ „Nein.“ „Das passt. Es haben ja auch immer alle Angst vor Ausländern, die nur alle drei Wochen mal einen im Fernsehen entdecken.“ „Sie sehen aber auch nicht aus wie einer.“ „Wie sehe ich denn aus?“ „Normal halt.“ „Also sind die alle unnormal?“ „Das habe ich ja gar nicht gesagt!“ „Doch.“ „Dann habe ich es aber nicht so gemeint.“ „Und deshalb haben Sie es so gesagt?“ „Sind Sie jetzt so ein Asyltourist oder nicht!?“ „Erstens schreien Sie mich gefälligst nicht so an, und zweitens, wer von uns beiden ist denn beim Zoll?“ „Ich weiß es doch auch nicht!“

„Wie stellen Sie sich denn den typischen Asyltouristen vor?“ „Schon irgendwie asylmäßig.“ „Wie sieht denn das aus?“ „Mehr wie ein Tourist.“ „Dann könnte also jeder ein Flüchtling sein?“ „Das weiß ich nicht.“ „Haben denn Touristen ihre ganze Habe dabei?“ „Eher nicht.“ „Das heißt, Sie können die Touristen und die Flüchtling schon ganz gut auseinanderhalten?“ „Wir haben hier ja kaum welche. Also Flüchtlinge.“ „Aber ich könnte doch theoretisch einer sein.“ „Das glaube ich nicht.“ „Ich sehe nicht aus wie ein normaler Tourist?“ „Wenn ich es recht bedenke, dann…“ „Also wäre es möglich, dass ich gerade eine Nichteinreise vornehme mit dem Grenzübertritt?“ „Ja, aber…“ „Was fehlt Ihnen denn noch?“ „Wenn Sie jetzt nicht einreisen, dann reisen Sie doch aber aus?“ „Nein.“ „Wieso das denn jetzt schon wieder nicht?“ „Wenn ich hier fiktional nicht einreise, habe ich dann die Grenze passiert?“ „Nein, aber…“ „Wenn ich die Grenze nicht passiert habe, dann bin ich auch nicht ausgereist. Fertig.“ „Aber dann kann ich Sie doch trotzdem kontrollieren?“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Falls Sie etwas zu verzollen haben.“ „Eben war es doch noch der Personalausweis?“ „Ja, der auch. Aber wenn Sie gar nicht einreisen, dann…“ „Dann könnten Sie höchstens meine Papiere kontrollieren.“ „Warum?“ „Weil man dazu keine Grenze passieren muss.“ „Haben Sie denn überhaupt Papiere?“ „Ja.“ „Darf ich die denn bitte einmal sehen?“ „Ich bin EU-Bürger.“ „Das glaube ich Ihnen nicht.“ „Also bin ich jetzt schon mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit ein Asyltourist?“ „Jetzt zeigen Sie mir doch endlich den Ausweis, dann können wir das endlich…“ „Na gut, wenn es Sie glücklich macht – bitte sehr.“ „Sie sind Deutscher?“ „Macht das irgendeinen Unterschied?“ „Wenn Sie das gleich gesagt hätten, niemand hätte Sie für einen Asylanten gehalten. Ein Deutscher, der kann doch kein Flüchtling sein.“ „Warten Sie mal ab…“





Mit singendem, klingendem Spiel

8 07 2018

Immer für einen guten Witz ist sie zu haben, die Hausmeistertruppe. Also die, durch chronisches Erst-hinterher-alles-immer-schon-vorher-gewusst-Haben nur noch als Karnevalstruppe der deutschen Politik durchgeht. Die SPD will ein zusätzliches Musikkorps, damit die Marineeinheiten beim Auslaufen in den Kriegseinsatz – und wenn Ihr Steigbügelhalter des Faschismus es tausendmal nicht als Krieg seht, es ist Krieg – ein bisschen Tschingderassabumm auf den Ohren haben. Damit Ihr auch weiterhin für Kriegseinsätze gegen die zufällig im Ausland ansässigen Opfer Eurer spätkapitalistischen Politik stimmen könnt, denn sonst wäre die Investition ja nicht gerechtfertigt. Wie wär’s, wenn Ihr Eure Transitlager unter einem anderen Namen hochzieht, denn man mit einem Ensemble nach historischem Vorbild? Es gab doch damals so schöne Mädchenorchester. Alle weiteren Anzeichen, dass die Sozialdemokratie demnächst schon immer im Widerstand gewesen sein wird, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • kulturlücke: Es wäre ein Fehler, ausgerechnet die CSU dort zu parken.
  • islamisierung fachkräftemangel: Mittlerweile ist Deutschland als Anschlagsziel derart unattraktiv geworden, die AfD bildet schon Einheimische als Terroristen aus, damit wir nicht die Angst verlieren.
  • ausgrenzung: Kurz wollte es auch nicht glauben, aber er ist tatsächlich Ausländer.
  • geschichte konsequenzen: Natürlich nicht, sonst gäbe es ja keine Geschichte.
  • csu wahlergebnis: Das letzte konnte man noch mit bloßem Auge sehen.
  • löw seehofer: Ein Knalldepp, der denkt, die Schwäche der Gegner auszunutzen verrate irgend etwas über die persönlichen Qualitäten, während sich seine eigene Mannschaft mit Anlauf aufs Maul packt. Und der deutsche Bundestrainer.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CD)

7 07 2018

Tadeusz aß in Badelhörne
den älteren Käse recht gerne.
Ist der längst im Magen,
riecht man’s noch nach Tagen –
am besten sieht man’s aus der Ferne.

Osvaldo in Kolonie Reinland,
der seine Parzelle zu klein fand,
die ihm dort bescheiden,
ist endlich zufrieden.
„Denn schließlich ist dieses hier mein Land!“

Antoni, ein Angler aus Schleuse,
fing abends im Haus oftmals Mäuse.
Doch ließen die Nager
das Korn nicht im Lager.
Man fängt sie nicht gut mit der Reuse.

Abdallah pflegt abends in Qischn
mit Freunden ein Bierchen zu zischen.
Zur Tarnung sind ihnen
zwei Kaffeemaschinen.
So lässt man sich dort nicht erwischen.

Es ließ Jerzy nachts in Uschballen
den Ball in der Kirche aufprallen.
Er achtet auch späte
auf Kirchengeräte,
er schätzt nur dies lautstarke Hallen.

Es fand Txema bei sich in Llorts
recht viel zum Behufe des Sports,
doch Skispringen war nicht
dabei, wirklich gar nicht.
Dazu war er dann andernorts.

Es klebte jüngst Ewa in Walzen
Couverts zu, wobei Zungenschnalzen
als Teil der Routine
verzog ihre Miene.
Sie pflegt den Brief glatt zuzufalzen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXI): Die ethische Verwahrlosung

6 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war das Wort, und das Wort hatte eine Bedeutung, und jeder konnte sich etwas dabei denken, und das Problem war, dass die meisten auch so taten, als könnten sie denken. Es sind für gewöhnlich die jahrhundertelang in Stereotype und pejoratives Gespuck gekleidete Formeln, mit denen wir alles ansprechen, was anders ist, ob aus Hass oder Dummheit, das bleibt sich gleich, weil es hier kaum Ursache und Wirkung gibt, die zu trennen wären. Am Anfang waren blödsinnige Pöbeleien, denen man noch entfliehen konnte, und an die Wände gesprühte, denen man nicht mehr entkam. Wie man an einem Haus Scheiben mit Schmackes zerdeppert, um es in kurzer Zeit zur abbruchreifen Ruine zu machen, so funktioniert das auch bei einer sturmreif geschossenen Gesellschaft, die längst nicht mehr merkt, wer vor der Flinte steht und wer dahinter. Es entsteht, mustergültig geradezu, die ethische Verwahrlosung.

Voraussetzung für diese Verwahrlosung ist die Offenheit für mindestens den Zivilisationsbruch, der sich nicht mit mangelnder Anerkennung oder trübem Konservatismus abgibt, sondern Regression fordert, bewusste Ausgrenzung, das Schleifen der Normalität. Wer dazugehört, wird von denen bestimmt, die dazugehören, und schon geht es los. Die gesellschaftliche Mitte, so rissig sie im Inneren auch sein mag, wird zum Heer von Grenzbeamten, eine Söldnertruppe mit Anspruch auf Lenkung von rechts unten. Interessant ist, wie die Regression aus dieser Richtung eingeleitet wird: sie begreift eine systematisch entwickelte Gesellschaft mit Werten wie Liberalität und Gleichheit als moralisch verderbt, wohl wissend, dass auch sie nur eine Moral liefern kann, die nicht mehr als ein Konstrukt ist. Ihre Kritik ist nicht ethisch begründet, wie auch. Sie kritisieren nur, dass sich aus einer liberalen Gesellschaft kein Machtanspruch formulieren ließe, den man mit Gewalt verteidigen kann, kurz, es fehlt ihnen an einem Gegner.

Der ist schnell gefunden, das Geschäft der Grenzziehung um das eigene Lager erlaubt es, den Radius des angeblich Bösen beliebig zu erweitern: alles Feind. Wer seinen Hass in eine Richtung zu lenken weiß, bekommt ein Steuerungsinstrument von hoher Subtilität an die Hand, mit dem er in der Not – und die kommt, wann immer sie gewünscht ist – auch nach innen wirken kann. Das mächtige Mittel der Konformität schweißt nicht nur zusammen, was nie zusammengehört hat, es warnt auch davor, dass die wirr zusammengeschwiemelte Moral der Teilung, die das alles sichernde Othering erfand, irgendwann die eigenen Leute trifft. So wird aus dem Segen, den eine höherwertige Clique mit Führungsanspruch über die Gesellschaft gebracht hat, rasch eine Waffe.

Vor allem ihre Lärmentfaltung bringt den Vorteil, dass man damit das Volk in konstantem Aufruhr halten kann. Überall und immer greift der Feind an, jeder kann sich plötzlich als Abgesandter der anderen Seite entpuppen, und dann ist es gut, dass sich die Impulskontrolle längst im Tiefschlaf befindet. Die vorgelebte Brutalität ist zur Routine geworden, jederzeit und ohne Zusammenhang abrufbereit, und sei es nur im desinteressierten Schweigen, wenn offenes Unrecht geschieht, das nach den Maßstäben der neuen Unordnung ein notwendiges Übel ist, ein Grenzkonflikt, der sich durch Ignoranz lösen ließe, während dieselbe Verrohung längst in offene Gewaltbereitschaft mündet, die auch noch moralische Rechtfertigung erfährt, wo sie von den Gegnern des Systems Ablehnung erfährt. Die Verwahrlosung stürzt eine ganze Gesellschaft in den Dauerkarneval der Macht, den sie mit gruppendynamisch getriggerten Ausbrüchen erlebt, schnell in die Depersonalisation abgleitet – Du bist nichts, Dein Volk ist alles – und damit ihre Schuld in ein imaginäres Kollektiv abschiebt, ohne dessen Belastbarkeit sie nicht mehr in der Lage wäre, sich zu rechtfertigen. Im besten Fall mündet dies in einen Krieg, den der Staat im Vorgarten schon einmal ausprobiert, damit ihn der andere aus Angst möglichst schnell angreift. Aber es läuft in den meisten Fällen hinaus auf den Präventivschlag, zu dem ein Volk gezwungen wurde. Eine Grenze ist schließlich dazu da, dass man sie verletzt.

Dabei geht es längst nicht mehr um Verharmlosung, wie manche meinen, die in den Vokabularhülsen des Neusprech eine Befriedung der inneren Verfasstheit entdecken, Scham gar, wo ansonsten Zügellosigkeit herrscht. Dass sie herrscht, bedarf schließlich der permanenten Aufstachelung. Die ethische Verwahrlosung ist kein Status, sie ist ein Strudel, denn sie fordert immer neue Opfer, außen wie innen. Ihr ist der Endsieg. Diese Bilder werden wir aushalten müssen. Danach.





Der Alte von Ipanema

5 07 2018

„Das hält ja sonst nicht.“ Horst Breschke stakste in seiner knielangen Badehose über den Rasen zu dem kleinen Tischchen auf der Terrasse, wo sich die Tube befand. Er rieb sich kräftig die Arme ein, wobei er jede Menge Gartenerde auf der Haut verteilte. Kein Wunder, hatte er doch zuvor eine gute Stunde lang Unkraut gezupft.

Dies und die Tatsache, dass der alte Herr zu diesem Ensemble wie stets ein braun kariertes Hütchen trug, ließen mittelfristig ein Einschreiten unabdingbar erscheinen. „Sie hat wohl keinen Garten“, murrte er, „sonst hätte mir die Hausärztin nicht diesen unsinnigen Ratschlag gegeben.“ Herr Breschke hatte die Medizinerin konsultiert, da es um eine winzige Veränderung an einem Leberfleck ging, der ihm auf der rechten Schulter saß. Nichts Schlimmes, wie sie meinte, er solle sich nur immer gut eincremen bei der Gartenarbeit. „Ich habe nun wirklich alles ausprobiert“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber meine Frau geht mir auf die Barrikaden, wenn ich jeden Tag mit verschmierten Hemdsärmeln ankomme.“

Die Cremetube trug neben dem stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen und einem fetten Kind, das sich just mit der Cremetube, die den stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen trug, auf dem sich ein Kind mit der Cremetube… – jedenfalls war die Aufschrift eindeutig chinesisch, und so schien es nur logisch, dass Breschkes Tochter das Elixier von einer Geschäftsreise nach Brasilien mitgebracht hatte, wo es auf einem Marktstand feilgeboten wurde. Das Ablaufdatum dieser stark nach Jasmin und alten Fahrradreifen duftenden Flüssigkeit hatte sich vermutlich schon in der Sonne aufgelöst. „In Südamerika hat’s ja ganz andere Temperaturen“, sinnierte Breschke. „Und der Brasilianer an sich ist am Strand ja größtenteils unbekleidet, die wissen schon, was für eine Creme sie benutzen müssen.“ Ich stellte das Tübchen wieder auf den Tisch. „Der Brasilianer an sich hat zwar einen etwas anderen Hauttyp“, erklärte ich, „aber es gibt da eine uralte Landessitte: man cremt sich ein, und dann lässt man die Sache auch einziehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann doch hier nicht im Liegestuhl in der Sonne warten, da schlafe ich glatt ein. Wissen Sie, wie gefährlich das ist?“

Vor meinem inneren Auge lag Breschke sanft schnarchend im Klappstuhl, ein Dutzend Damen fächelte ihm mit gemopsten Hotelhandtüchern Kühlung zu oder sorgte für ausreichend Schatten, damit der Alte von Ipanema keinen Sonnenstich bekäme. Im Hintergrund stapfte ein fettes Kind durch den Sand, das eine Cremetube mit sich trug, auf der ein stilisierter Drache aus Sonnenstrahlen abwechselnd sich selbst und viele fette Kinder verschlang. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange in der Mittagssonne gestanden.

„Das Komplizierteste ist ja die Kopfhaut.“ Herr Breschke lüftete vorsichtig seinen Hut, in dessen Krempe eine verschachtelte Konstruktion aus Papiertaschentüchern und Frischhaltefolie klemmte. „Es gibt ja neuerdings Spezialprodukte gegen den Kopfhautsonnenbrand“, kicherte er, „aber ich bin ja nicht dumm. Da tut’s doch normale Sonnencreme auch.“ Also hatte er sich den haarlosen Scheitel mit der Sonnenlotion kräftig eingerieben, bevor er die Sache mit dem inneren Hutschoner aufsetzte. Um sich nicht in Schmierigkeiten zu bringen, dichtete er das Gebilde doppelseitig ab. Darin war der Alte perfekt. Auch wenn es ein bisschen mehr Aufwand mit sich brachte.

Allerdings hatte die Sache einen Haken. Diese ominöse Drachenmilch war derart dünnflüssig, dass sie gar nicht erst auftrocknete. Horst Breschke kniete nun vor dem Rosenbeet und auf dem Rasen, wobei er sich im Viertelstundenrhythmus selbst panierte, um dann wieder eine neue Schicht von der Sonnencreme aufzutragen. Immerhin hatte er noch ein gutes Dutzend Tuben im Keller lagern, das Tochterkind war wie immer gründlich gewesen beim Kauf; vielleicht gab es auch 143 Tuben zum Preis von 142, da kann man ja nicht widerstehen, zumindest nicht in Brasilien. Doch das würde nicht den ganzen Sommer lang halten. „Und ich kann doch den Garten nicht im Stich lassen, nur weil die Sonne scheint?“ „Natürlich nicht“, bekräftigte ich, „gerade im Sommer bedarf ein großer Garten der intensiven Pflege, und ich glaube, ich habe dafür auch schon die richtige Lösung. Warten Sie einen Augenblick, wir fangen gleich an.“

Anfangs weigerte er sich, in die rasch herbeigeschafften Badeschlappen zu steigen, doch beim Gedanken, dass seine Gattin ihm für die fettigen Fußspuren auf dem Flurteppich eine Strafpredigt halten würde, lenkte er schnell ein. „Und es sind nur ein paar Schritte“, besänftigte ich, „nur bis ins Bad.“ „Ins Bad?“ Skeptisch blickte er mich an. „Was soll ich da?“ „Sie können natürlich auch eine Stunde regungslos in der Sonne stehen und warten, bis das Zeug eingezogen ist, aber…“ „Und einen Sonnenstich bekommen?“ Schon lief er aufs Haus zu.

Rasch hatte Breschke sich abgebraust, die Spuren von Erde und Kosmetik gründlich beseitigt, und das bereitgelegte Unterhemd angezogen. „Man kann das waschen“, befand ich, „sogar Ihre Frau wird da nicht widersprechen. Und jetzt die.“ Ich reichte ihm seine gewohnte Strickjacke. „Sehr gut“, lobte er. „Kommen Sie, wir wollen gehen.“ „In den Garten?“ Breschke winkte ab. Er langte nach dem Haustürschlüssel und der Geldbörse. „Nein, gleich in die Drogerie. Wir brauchen eine vernünftige Sonnencreme.“





Verursacherprinzip

4 07 2018

„Technisch ist das machbar.“ „Und rechtlich?“ „Also für juristische Fragen haben wir eine eigene Abteilung, und die können da nach unserem Plan eine Beurteilung abgeben.“ „Und warum kann man die Rechtsabteilung nicht gleich in den Prozess einbinden?“ „Oder wie wär’s, wenn man gleich eine rechtssichere Lösung anstreben würde?“ „Sie sind doch Jurist, warum machen Sie das nicht?“ „Der Auftrag sieht erstmal nur vor, dass wir eine technisch machbare Lösung finden.“

„Wobei man den Fokus ja auch gleich auf die Vermeidung legen könnte.“ „Das würde aber vielen Interessen widersprechen, das muss man auch in der Gesamtheit der politisch-wirtschaftlichen Gemengelage so anerkennen.“ „Wir sind hier nicht als Ethikkommission eingesetzt, Kollegen, lassen Sie uns bitte wieder auf einen technisch machbaren Kompromiss…“ „Gerade einen Kompromiss kann man doch auch rechtskonform gestalten?“ „Naja, wir sind schon kompromissbereit, aber wir machen das hier ja nicht für uns selbst.“

„Wenn wir einen Großteil wieder loswerden, ist schon viel getan.“ „Wir wollen aber alles wieder loswerden.“ „Sehen Sie, und jetzt kommt die technische Machbarkeit.“ „Das ist in erster Linie ein logistisches Problem, das heißt, wir müssen una darum kümmern, was wann wohin kommt und wo das bleibt.“ „Also keine Rücknahme?“ „Erstmal weg mit dem ganzen Kram, dazu haben wir doch die internationalen Verbindungen.“ „Und das nützt uns? also langfristig gesehen?“ „Sicher, sonst würden wir das doch gar nicht erst machen.“ „Man muss ja auch eine Menge Geld dafür in die Hand nehmen. So eine Entscheidung will wohl überlegt sein.“ „Ich spreche hier von den europäischen…“ „Wir auch.“

„Also vom Grundsatz her könnte man das jetzt als Verursacherprinzip bezeichnen?“ „Doch, ja.“ „Aber Afrika hat doch das alles nicht verursacht.“ „Sehen Sie es mal als Zeichen einer erweiterten Partnerschaft: wir sind in denselben Prozess wie Afrika involviert und teilen uns jetzt die Folgen.“ „Ich finde das sehr partnerschaftlich.“ „Und die Nachhaltigkeit wird gewahrt!“ „Wieso…“ „Naja, wir wollen doch, dass das alles dauerhaft in Afrika bleibt. Sonst hätten wir das ja alles in Europa.“ „Wäre auch irgendwie nachhaltig, oder?“

„Meiner Ansicht nach haben wir in der Geschichte zu viel falsch gemacht und müssen dafür jetzt auch die Konsequenzen tragen.“ „Jetzt werden Sie mal nicht weinerlich, Sie profitieren doch auch von diesem Wohlstand, den ganze Generationen für Sie erarbeitet haben.“ „Klar, aber es waren halt nicht immer europäische.“ „Umso mehr müssen wir jetzt schauen, dass wir uns auf Europa konzentrieren, damit dieser Wohlstand nicht wieder verloren geht.“ „Eben, das wäre katastrophal für alle.“ „Die multilateralen Verbindungen sind ja auch dank unseres Wohlstandes so stabil, und wir lassen die anderen gerne teilhaben an unserer wirtschaftlichen und politischen Stärke.“ „Mal ganz konkret, wie stellen Sie sich eine Zusammenarbeit mit den internationalen Partnern denn vor?“ „Die sollen natürlich Verantwortung übernehmen können, auch für die Folgen für ihre eigenen Staaten. Deshalb ist eine volle Einbindung in unser Lösungskonzept absolut unabdingbar, ich sage nochmals: die volle Einbindung. Wir müssen ihnen erlauben, mehr Entscheidungen gezielt vor Ort zu treffen, für vor- und nachbereitende Verfahren, für die Logistik, für die Planung und die Stabilität. Das stärkt letztlich auch deren Wirtschaft und macht in letzter Konsequenz vielleicht ein neues Modell eines globalen Wirtschaftskreislaufs aus.“ „Das erzählen Sie mal den Banken.“ „Was haben Sie mit den Banken? Wenn das alles stabil organisiert ist, dann sind denen politische Implikationen aber mal so was von egal, das können Sie mir glauben.“

„Bliebe die technische Sicherheit.“ „Das ist, wie gesagt, eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf beiden Seiten. Wir sind zum Glück so reich, dass wir uns eine Einhegung der Gefahren durch mehr Technik leisten können.“ „Das hindert uns nicht, die Transportwege übers Mittelmeer weiterhin…“ „Werden Sie mal nicht emotional, junger Freund. Ihre Seefahrerromantik ist hier deplatziert, das ist knallhartes Business auf beiden Seiten.“ „Auf beiden Seiten!?“ „Sie glauben doch nicht, dass wir das dulden würden, wenn wir nicht zumindest noch ein bisschen am Gewinn beteiligt wären.“ „Ich dachte, das sei ausschließlich das unternehmerische Risiko der Transportunternehmen?“ „Eben, darum haben wir uns ja auch entschlossen, dass wir gar nicht so eingreifen, wie wir eingreifen könnten. Die Politik hängt immer ein bisschen hinterher, ein Kompromiss hier, einer da, und am Ende geht alles wieder seinen Gang.“ „Man müsste das halt noch besser organisieren.“ „Erzählen Sie das mal den Ausländern.“ „Werden Sie nicht zynisch, wir brauchen diese internationalen Bündnisse nötiger denn je.“ „Ja, aber wenn ich mir überlege, was da für ein Mülltourismus…“ „Verdammt, ich will dieses Wort nicht mehr hören! Mülltourismus ist ein furchtbarer Ausdruck, der der Sache in keiner Weise gerecht wird. Dazu sind unsere Recyclingprojekte mit Afrika auch global viel zu wichtig, als dass wir den Umweltschutz damit in Misskredit bringen sollten, klar?“