Unter der weißen Weste

14 04 2019

Wir waren mal Papst, dem höheren Wesen, das wir verehren, sei Dank, dass dieser Segen nicht ewig hielt. Immerhin wissen wir jetzt dank gründlich einsetzender Altersdemenz, was beim ehemaligen Pontifex in der Frühzeit los war, denn das bleibt ja nach dem Ausfall diverser neuronaler Strukturen immer noch präsent, wenn auch nicht mehr ganz so leistungsfähig wie bisher. Mag sein, dass sich unser Ratzefummler kurz vor Betriebsschluss noch mal erinnert, was in seiner Familie unter der weißen Weste los war, nur leidet er offensichtlich unter selektiven Blackouts. Was auch immer vor 1968 stattgefunden hat, die Normlosigkeit der Katholiban war älter und widerstandsfähiger – das Zeug wird wohl auch den Atomkrieg überleben. Alle weiteren Fragen, warum dieser Herrenwitzverein ausgedient hat, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • innere verwahrlosung: Die Frage ist nur, ob das der Auslöser für eine AfD-Mitgliedschaft oder ihre Folge ist.
  • amazonengarde: Wer die logistischen Leistungen vollbringt, steht ja eher selten im Mittelpunkt.
  • parallelwelt: Offensichtlich ist das katholische Weltbild spiegelsymmetrisch aufgebaut.
  • arbeitsplätze: Entstehen möglicherweise auch per Urknall, oder was sagt die Bundesregierung gerade?
  • gera: Rechts abbiegen, und dann immer nur noch geradeaus.
  • kriminalität: À propos Gera.
Werbeanzeigen




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CDXXXVIII)

13 04 2019

Tadeusz verkaufte in Barten
für Reisende zahlreiche Karten.
Die meisten, die waren
veraltet seit Jahren,
auf neue muss man bei ihm warten.

Kommt Tõnu beim Sport in Aruste
schon einmal recht schnell aus der Puste,
steht er auf der Kippe.
„Es klingt zwar wie Grippe,
doch mehr wird es nicht, wenn ich huste.“

Es moserte Leszek in Klotzen,
die meisten der Kunden, die würden nur motzen.
Zwar ist er recht billig,
doch sei keiner willig,
die Rechnung zu zahlen. Zum Kotzen!

Jehuda, Agent aus Beit Jann,
hing wochenlang an einem Mann,
der einfach verreiste.
Es zeigt sich, das meiste
an Arbeit war wertlos sodann.

Hat Bronisław in Blumenfelde
mal Ärger, dann, weil er sich melde
zu spät bei der Leitung
der örtlichen Zeitung,
die er austrägt wegen dem Gelde.

Abdullah, der hat in Dugure
am Tag manche größere Fuhre.
Er liefert das meiste,
wo er herum reiste,
den Rest hat er dann als Retoure.

Probiert Jan ein Hemd in Alt Hammer,
trägt er auf dem Rücken die Klammer,
die klein fabelhafte,
die alles noch straffte –
ein Griff, und das Hemd sitzt noch strammer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIX): Partnerlook

12 04 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Geschlechtsdimorphismus hat auch seine guten Seiten. Zwar degradiert manche Fischart das Männchen zum Reservoire für genetisches Material mit praktischer Anklettfunktion am Bauch des Weibchens – wo denn auch sonst – aber wenigstens findet sie ihn dann auch wieder, wenn sie keine besondere Neigung zur Ordnung hat. Alternative Möglichkeiten sind Anketten, Einmauern oder am Boden festnageln, wobei Letzteres gerade am Meeresgrund auf verfahrenstechnische Probleme stoßen könnte. Wie viel einfacher ist doch der Hominide gestrickt, sogar bei Baureihen nach der Steinzeit: auch außerhalb der Wohnhöhle lässt sich der Vater leicht lokalisieren, ohne Ortungsfunktion oder Implantat, wenngleich auch mit einer Kombi aus Instinkt-Dressur-Verschränkung und Hardwareunterstützung. Sie nennen es Partnerlook.

Was als textile Zwangshandlung an der unschuldigen Kollateralbekinderung von n größer gleich zwei einigermaßen funktioniert, zumal bei Zwillingen, fußt bei Paaren auf Handlungszwang. Auch im dichten Gedränge findet man gerne den anderen Teil der Zugewinngemeinschaft wieder, Anleinen ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert, also entscheidet sich gerade der dominante Part zur rigorosen Farbwahl. Der Klempnermeister geht nur in pinkem Pantherprint zum Möbelschweden, weil er sonst am Samstag garantiert zwischen Eingang und Getränkestützpunkt den Anschluss zur Gruppe verlöre. Was auch immer die Neigung hervorbringt, sich öffentlich zum Obst zu machen, es muss mehr sein als der Hang zum theatralischen Scheitern vor wehrlosem Publikum, sonst gäbe es nicht eine Industrie, die Viskose zu ästhetischem Gerümpel schwiemelt, auf dass sich alles außerhalb der fokussierten Zweierbeziehung schon aus Gründen des nervlichen Selbstschutzes für ausgeschlossen erklärt. Nicht jeder mag Grellorange in Verbindung mit frechen Mohairapplikationen, nicht einmal jeder Klempnermeister.

Eigentlich hat die Individualisierung, besser: der Zwang zu ihr jeglichen Wunsch nach Konformität zur Banalität des Blöden degenerieren lassen, und die Einzigartigkeit treibt Blüten sonder Zahl. Reicht es hier und da noch, sich mit unangepasstem Haarschnitt und flamboyantem Schuhwerk nebst den üblichen Metallwaren im Gesichtsbereich plus Ganzkörpertattoo als Teil einer Jugendbewegung zu gerieren, geht erst der Partnerlooker so recht in der Masse unter wie ein durchschnittlicher Uniformträger auf dem Feuerwehrball. Ist also der Versuch, einander selbstähnlicher zu sein als zwei Schlümpfe, die immerhin funktionales Beiwerk mit sich durch den Comicstreifen schleppen, eine falsch verstandene Integration in eine Parallelwelt, die noch unmöglicher existiert als das gezeichnete Ich?

Es ist das niedermolekulare Zusammenwachsen zweier wohl einzeln nicht mehr überlebensfähiger Organismen zu einer größeren Einheit, ähnlich den Polypen, die sich erst in der Kolonie als handelnde Gebilde verstehen. Das wirkt so überflüssig, wie es auch überflüssig ist. Zwischen Verstörung und Selbstaufgabe pressen sich zwei Personen in denselben Phänotyp, als wollten sie krampfhaft ihre durch die Beziehung und andere Abhängigkeiten gewachsene Identitätskrise nach außen krempeln, Abziehbilder ihrer selbst in einer Dialektik, die nicht einmal mehr Schielen erlaubt – einmal nicht aufgepasst, und man legt an auf den falschen Vogel.

Wo sich Paare finden, am Arbeitsplatz, in der religiösen Ausübung oder im offenen Vollzug, sie teilen zunächst ihre Gemeinsamkeiten, um nicht gleich über die Differenzen streiten zu müssen. Gut möglich, dass es zur Bildung einer Persönlichkeit einen gewissen Grundsatz an psychischer Stabilität braucht, aber man kennt das von der Steuer: die Veranlagung geht auch gemeinsam. Und just so kommt es zur Oberbekleidung, die nach einer Doppelblindstudie schreit, gemeinsam produktiv genutzter Stressbewältigung an der Außenhülle zur Innenwelt, die nicht mehr sieht als eine gründlich gespaltene Persönlichkeit. Es ist noch Luft, aber nicht unbedingt nach oben.

Mag es sein, dass Konfliktvermeidung zum Doppelerwerb der Hosen geführt hat, generell sind die multiplen Outfits tatsächlich ein schrilles Signal in die vereinzelte Welt: wir tragen Gelb, wir lieben den Affenarmschnitt, wir haben jeglichen Anflug von Scham weit hinter uns gelassen und schauen dem Einsetzen des Schwachsinns relativ gelassen entgegen, und zwar alle beide. Hier verläuft der schmale Grat, ab der die Symbiose beginnt, aber als Krankheit. Nicht selten endet der anschließende Kontrollwahn in einer lustigen Katastrophe, weil man die Überreste anhand ihrer Verpackung nicht mehr als einzelne Proteinhaufen separieren kann. Aber was soll’s. Nach dem Feuerwehrball hätte man sie auch nicht mehr identifizieren können.





Gefahr erkannt

11 04 2019

„Also man muss doch jetzt endlich mal…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze.“ „Sie wissen doch noch gar nicht, was ich Ihnen…“ „Egal. Das gefährdet sicher Arbeitsplätze. Alles, was Sie vorschlagen, gefährdet Arbeitsplätze. Das ist nun mal so in der Wirtschaft.“

„Dann können wir im Grunde genommen nichts tun, weil es sonst Arbeitsplätze gefährden würde.“ „Doch, können wir schon. Es darf nur halt keine Arbeitsplätze gefährden.“ „Dann verraten Sie mir doch mal, was heißt das denn, Gefährdung. Was bedeutet das konkret?“ „Dass so ein Arbeitsplatz nach Meinung eines Experten, manchmal auch nur eines Politikers, in Gefahr sein könnte, sobald es gesellschaftliche Bewegungen gibt, die diesen Arbeitsplatz gefährden.“ „Das ist ein Zirkelschluss, oder?“ „Das mag sein, aber ich möchte nicht darauf eingehen. Es könnte ja Arbeitsplätze gefährden.“

„Nehmen wir nur einmal den Energiesektor, es liegt doch auf der Hand, dass wir durch den Verbleib in der Kohle eine viel größere Anzahl an Arbeitsplätzen in der Erzeugung regenerativer Energie…“ „Nein.“ „Wie, nein?“ „Also erstens ist es diese linksgrüne Solarspinnerei, die die Jobs in der Kohleverstromung gefährdet, und dann kann es ja gar keine Gefahr geben für die Windkraft oder so.“ „Warum nicht?“ „Die Arbeitsplätze gibt es gar nicht, wie sollen die denn dann gefährdet sein?“ „Aber Sire sind doch immer für den technischen Fortschritt, wie können Sie denn dann den…“ „Das täuscht. Wir wollen nichts gefährden. Für eine Entwicklung ist immer noch Zeit genug, wenn alles zu spät ist.“ „Warum ist denn dann die Atomenergie keine Gefahr für die Kohleförderung?“ „Kernkraft ist doch selbst von diesen stalinistischen Schweinen bedroht, die die Sonne verstaatlichen wollen – Sie werfen hier mal wieder Äpfel und Birnen in ein Fass, das schlägt doch dem Boden die Krone aus!“

„Also ist neue Technologie niemals eine reale Gefahr für die Arbeitsplätze?“ „Das würde ich nie sagen, schließlich bringen neue Technologien auch immense Wachstumspotenziale, aus denen ganz neue Jobs entstehen können.“ „Also zum Beispiel die ökologische Landwirtschaft.“ „Naja, das ist nun etwas einseitig gewählt.“ „Weil die Menschen dann länger leben und die Bestatter nichts mehr zu tun haben, richtig?“ „Sie und Ihr Zynismus! natürlich nicht, es hängen Jobs in der Pharmaindustrie dran und bei den Düngemitteln.“ „Und bei der Chemie.“ „Ja, auch.“ „Und bei Onkologen, die den ganzen Krebs wieder wegoperieren dürfen.“ „Die Medizin ist auch ein Wachstumsmotor, vergessen Sie das nicht!“ „Deswegen wollen Sie auch Patienten, die so kerngesund sind, dass sie möglichst noch Organe spenden können, richtig?“ „Ach, lassen wir das.“

„Nein, mal im Ernst: wenn Sie so für neue Technologien sind, warum sträuben Sie sich dann derart vehement gegen den Netzausbau?“ „Tun wir gar nicht.“ „Weil das keine Arbeitsplätze gefährdet, aber Deutschland sämtliche Wettbewerbschancen vermasselt.“ „Das sehen Sie völlig falsch.“ „Ah, jetzt habe ich begriffen: Sie haben dieses uralte Netz noch immer in Betrieb, damit wir niemals mit Robotik und ähnlichen Produktionsinstrumenten konfrontiert werden.“ „Das ist ja nun ausgemachter Unsinn. Sie wissen genauso gut wie ich, dass es mit Robotern ganz neue und viel bessere Möglichkeiten gibt, dem Markt durch qualitative und quantitative Innovation einen eigenen Stempel aufzudrücken.“ „Aber im Bereich der Produktion selbst heißt das erst einmal, dass wir sehr, sehr viele Jobs in den untersten Lohnkategorien verlieren werden.“ „Das mag sein, aber die Politik steuert dagegen, indem sie Arbeitnehmern erlaubt, sich weiterzubilden.“ „Und das schützt Arbeitsplätze in der Produktion?“ „Zunächst einmal in der Weiterbildung. Und dann natürlich auch in der Politik.“

„Im Grunde ist ihr Weltbild doch nichts anderes als permanentes Gejammer, dass es früher besser war.“ „Das kann man so natürlich auch nicht sagen. Es braucht halt immer ein gewisses Korrektiv, aber man tut gut daran, wenn man nicht zu früh alle Überzeugungen über Bord wirft.“ „Wann tun Sie das?“ „Normalerweise warten wir damit, bis es zu spät ist.“ „Es gab noch vor fünfzig Jahren in den USA Verbände, die finanzielle Hilfe vom Staat bekamen, weil die Postkutsche abgeschafft wurde.“ „Der Verbrennungsmotor hat es da in gewisser Hinsicht besser. Den kann sich heute auch der Durchschnittsbürger leisten.“ „Und wenn es eine technologische Entwicklung gäbe, die das Auto überflüssig machen würde?“ „Das wird niemals passieren. Es gefährdet zu viele Arbeitsplätze.“

„Wir sollten mal über die Rüstungsindustrie…“ „Das gefährdet Arbeitsplätze!“ „Ohne Rüstung oder Waffenexporte gäbe es weltweit viel weniger Kriege oder Konflikte.“ „Das würde natürlich viele Arbeitsplätze in der Bundeswehr gefährden.“ „Aha, und das bei der miesen Ausstattung.“ „Und die Berater! was meinen Sie, wie viele Berater ihren Job los sind, wenn einer das Ruder herumreißt.“ „Das heißt, bei einer einigermaßen vernünftigen Führung wäre eine komplette Branche plötzlich total überflüssig?“ „Es gibt keinen Beweis für diese Behauptung.“ „Und wenn Sie nicht diese vielen Auslandseinsätze hätten, könnte man auch die vielen Kampfeinsätze des…“ „Die steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Und die Menschen in…“ „Jeder Flüchtling, der dadurch zu uns gelangt, braucht eine Wohnung, Brot, Kleider, eine Versicherung, einen Fernseher, ein Auto, eine…“ „Wissen Sie was? Ich möchte Ihnen so gerne eins aufs Maul geben.“ „Nur zu. Machen Sie ruhig.“ „Gefährde ich da nicht einen Arbeitsplatz?“ „Ich bin Politiker. Das wächst einfach nach.“





Trennungsgerüchte

10 04 2019

„Ich wollte aber nur die Äpfel!“ Horst Breschke ließ sich nicht umstimmen; und schließlich hatte der Laden ja auch selbst schuld, dass er sein Obst in Kunststofffolie verpackt feilbot.

„Dieses ganze Plastikzeugs“, erregte sich der Alte, „warum muss man denn die Äpfel derart in Klarsichthüllen einschweißen, dass ich mehr Plastik kaufe als Obst?“ Er packte seinen Einkaufskorb aus und verstaute die Waren in den Vorratsschränken. „Sie gehen immer zu Supikauf?“ Er nickte, während er drei Dosen Pustermanns Beste aus dem Korb hob, ein verzehrfertiger Hühnereintopf mit zugegebenermaßen erkennbaren Spuren von Resthuhn. „Wegen des Fahrwegs. Es ist besser für die Umwelt, wenn wir nicht so weit fahren müssen, außerdem geht es ja auch schneller, gerade jetzt am Wochenende, wo jeder einkauft.“ „Kaufdas liegt in der anderen Richtung“, überlegte ich. „Aber Sie könnten sogar zu Fuß da hin, wenn Sie die Abkürzung durch den Kastanienpark nehmen.“ Er überlegte kurz und angestrengt. „Immerhin“, fuhr ich fort, „haben die komplett auf Papiertüten umgestellt, wenn Sie Obst und Gemüse abwiegen.“ „Das könnte Ihnen so passen“, knurrte der pensionierte Finanzbeamte. „Sie wissen doch nie, ob jemand die Sachen vorher angefasst hat – nein, mein Lieber, das muss ich nicht haben.“ Und er legte ein Päckchen Zucker in die Schublade.

Es war damit zu rechnen, dass sich der Filialleiter von Supikauf früher oder später wieder beruhigen würde. Immerhin hatte er ein kleines Einzugsgebiet und musste den Kunden in jeglicher Hinsicht entgegenkommen, auch solchen, die die sorgsam verschweißten Packungen gleich im Laden entfernten, weil sie nur das Obst zu kaufen beabsichtigten. Auf die Frage, warum er die Folie gleich im Laden entsorgen wollte, hatte der alte Herr selbstbewusst erklärt, das sei sein gutes Recht als Verbraucher; außerdem reiche es ja, die Äpfel im Einkaufswagen an die Kasse zu bringen und das von der Kunststofffolie abgezogene Etikett aufs Laufband zu legen, damit die Kassiererin es über ihren Scanner ziehen könne. Vor so viel Logik kapitulierte der junge Mann und wie seinen Kunden darauf hin, dass sein Vorgehen mindestens unüblich, wenn nicht sogar merkwürdig sei. Er hatte nicht mit Breschkes Kenntnissen des Verbraucherrechts gerechnet – die mir in diesen Zusammenhang bisher auch unbekannt gewesen waren – und dieser nicht mit der Hausordnung von Supikauf.

„Es gibt diesen anderen Laden“, überlegte ich, „unten bei der alten Sparkasse, wie hieß der noch?“ Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Ich finde das Angebot durchaus akzeptabel“, verkündete er, „aber es ist dort alles so unübersichtlich eingerichtet. Man muss den halben Vormittag verbringen mit der Suche nach einem Becher Schlagsahne. Ich bin doch kein Trüffelschwein!“ Kurz kam mir der Gedanke, Bismarck mit einer Sondergenehmigung ausstatten zu lassen, damit der dümmste Dackel im weiten Umkreis auch im Kaufladen seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen konnte, nämlich seinem Herrn zwischen den Beinen herumlaufen und ihn in der Leine verheddern, aber das wäre nun wirklich zu viel Aufregung gewesen, vor allem für Herrn Breschke. „Immerhin können Sie in dem Geschäft kleine Kunststoffsäckchen mit Zugband kaufen, in denen Sie Obst und Gemüse abwiegen, und man kann die immer wieder verwenden.“ „Kaufen“, ereiferte sich Breschke, „ich höre immer nur: kaufen! Was denn noch alles, soll ich jetzt für den Einkaufswagen auch noch einen Mietvertrag abschließen?“

Jetzt hatte er einen Papiersack mit Kartoffeln aus dem Korb gehoben. „Sehen Sie“, sagte ich, „das wäre doch ein guter Kompromiss: Verpackung ja, aber wenn, dann aus Papier.“ Entrüstet sah er mich an. „Das glauben Sie!“ Und er wies mich auf einen kleinen Netzeinsatz aus Plastik hin, der auf dem Kartoffelsack angebracht war. „Den muss man immer erst ausschneiden“, erklärte Breschke. „Das macht auch Arbeit – stellen Sie sich mal vor, ich würde den einfach so in den Papiercontainer werfen!“ Vor meinem geistigen Auge erschien der Apfelkäufer, der Äpfel und Folie trennte, um danach Papier und Plastik in die Wiederverwertung zu schmeißen. „Wenn sich das herumspricht“, sagte ich düster, „dann zeigen die Leute bestimmt mit dem Finger auf Sie.“

Ein Glas Rollmöpse hatte noch den Weg in den Kühlschrank gefunden, dann war der Einkaufskorb leer. „Sie halten mich vielleicht für überkandidelt“, bemerkte Herr Breschke. „Aber wenn ich mir die jungen Leute ansehe, die ständig für die Umwelt demonstrieren, dann muss man sich doch auch mal seine Gedanken machen, wie man dass in seinem eigenen Haushalt unterstützen kann.“ Breschke hatte sich also auf Müllvermeidung und Trennung gestürzt, ein kleiner Beitrag zur Rettung der Natur vor den Auswirkungen der Konsumgesellschaft, aber immerhin ein Anfang. „Man kann immer etwas unternehmen“, bestärkte ich ihn. „Und wenn es nur eine Obstverpackung ist.“ Er nickte. „So, dann will ich Sie auch nicht länger aufhalten. Übrigens fahre ich gleich noch auf den Wochenmarkt. Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“





Ansichten eines Clowns

9 04 2019

„… als terroristische Vereinigung verbieten müsse. Die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht Gera werde die Werke der Gruppe 47 mit der ganzen Härte des deutschen Strafrechts als…“

„… Staatsanwalt Zschächner die Ermittlungen in eigener Verantwortung leite. Er betrachte es als seine Hauptaufgabe, künstlerisches Schaffen, das nicht von der Reichsschrifttumskammer freigegeben worden sei, mit den Mitteln von Feindstrafrecht und…“

„… über den Kunstbegriff nicht gestritten werden dürfe. Für die Staatsanwaltschaft sei dies jedes Buch, das ein durchschnittlicher Jurist intellektuell zu verarbeiten verstehe, was zu vehementen Protesten unter den juristischen…“

„… eine demokratische Elitenbildung als Ziel gesellschaftlicher Gruppen nicht vorgesehen sei. Die Gefahr, dass rassefremde Elemente in den…“

„… und keine feste Mitgliederliste besitze. Zschächner werte die Vereinigung daher als im Untergrund verankert und fordere eine sofortige erkennungsdienstliche Behandlung aller Bürger, die sich nicht umgehend für die Reinerhaltung des völkischen…“

„… sich nicht einfach um eine kriminelle Vereinigung handeln könne. Die Staatsanwaltschaft sei davon überzeugt, dass die Gruppe terroristische Ziele verfolge und daher große Gefahr für das…“

„… das geschriebene Wort eine große Macht auf das Volk habe und als Tatmittel geeignet sei, Aufruhr und Zerstörung der Gesellschaft herbeizuführen. Die Springer-Presse wende sich einmütig gegen den…“

„… nichts mit der politischen Ausrichtung der ermittelnden Beamten zu tun hätten. Justizminister Lauinger habe ausdrücklich hervorgehoben, dass es beispielsweise in seiner Partei überzeugte Demokraten gebe, die kein Problem darin sähen, das Grundgesetz vollumfänglich als den…“

„… hätten sich Mitglieder der Gruppe 47 selbst mehrerer Straftaten bezichtigt, unter anderem im Zusammenhang mit dem für Deutschland nicht befriedigend gelaufenen Krieg. Für die Behörden liege der verdacht nahe, dass es sich dabei um Wehrkraftzersetzung handeln müsse, die nur mit straf- oder standrechtlichen…“

„… sich auch die Medien an der Diskussion beteiligen sollten. Die Welt-Chefredaktion habe aufgedeckt, dass die Bande in enger Verbindung mit der Terroristin Katharina Blüm stehe, die eine Anleitung zu Polizistenmord verfasst habe. Dieses Buch werde unter dem Deckmantel der Literatur sogar öffentlich im…“

„… sei die Bundesrepublik ein freies Land, daher stehe es jedem Menschen zu, sich innerhalb der Grenzen der Verfassung eine eigene politische Meinung zu bilden. Dieses Recht besäßen auch Staatsanwälte, die nur durch ihr Amt nicht von einer politischen Betätigung ausgeschlossen werden dürfen und alle anderen…“

„… sich die Gruppe 47 nun erstmals selbst zu Wort gemeldet habe, da sie bisher nichts von den Ermittlungen habe wissen können. In einer Stellungsnahme bezeichne sie die Ausführungen des Pressesprechers als Ansichten eines Clowns, der sich nicht mehr im…“

„… bei zahlreichen Mitgliedern der Gruppe ein Bekenntnis zur sozialistischen Gesellschaftsform aktenkundig sei. Dies sei bereits ein Merkmal gewesen, das für eine strafrechtliche…“

„… das Ermittlungsverfahren möglicherweise auf persönlichen Wunsch von Höcke eingeleitet habe. Die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht Gera hebe in diesem Zusammenhang hervor, dass außerdienstliche Freundschaften zwischen Beamten und Politikern deutscher Volksparteien nicht nur nicht strafbar, sondern auch im gegenseitigen…“

„… sich gegen die Vorverurteilung gewehrt habe. Die Staatsanwaltschaft habe in bestem Wissen gehandelt, da auch vor 1933 zahlreiche Künstler wegen Angriffs auf die öffentliche Moral verfolgt worden seien, bis sich durch den Führer die deutsche Ehre wieder in einem…“

„… von linksradikalen Kräften in der SPD gesteuert werde. Zschächner mache auch die Landesregierung von Thüringen verantwortlich für das Versagen der Ermittlungsbehörden gegen den Terror gegen das gesunde Volksempfinden, der sich in vielfacher…“

„… hier keine Rechts-, sondern vielmehr eine Linksbeugung stattfinde. Die AfD im thüringischen Landtag werde gegen den antifaschistischen Mainstream mit der ganzen Härte des…“

„… könne ein Staatsanwalt mit seinen privaten Geldmitteln tun, was er für richtig halte. Eine Spende an die AfD sei weder illegal noch ein Verstoß gegen Dienstrecht, zumal die Summen immer so gering gewesen seien, dass sie nicht im Bericht der…“

„… die Aktivität der Gruppe 47 keinen künstlerischen Wert besäßen, sondern einzig und allein ausgerichtet seien auf den Verkauf von Büchern an ein Publikum, das im Herzen immer noch die Volksgemeinschaft des deutschen Staates und der nationalen…“

„… dass Zschächner ab sofort nicht mehr als Pressesprecher Staatsanwaltschaft tätig sei, sondern um eine andere Aufgabe gebeten habe. Es sei nicht auszuschließen, dass er als Sonderberater beim…“





Mütterchen und Väterchen

8 04 2019

„Chau iehm riechtiech ejne rejn, Wassili Fjodorowitsch. Chau ihm riechtiech ejne rejn. Wer niecht cheeren wiell, muuss eben fiehlen.

Er chat verseehentliech ejne Speende verstojert. Verseechentlich, er sagt. Wejß man dooch, wo man verstojert Speende, deenken siech Becheerden: daa muuss zu cholen sejn meehr. Außerdeem koosten Stojern Geld, wier kennen es uuns niecht erlauben, meehr als uunbediengt neetich voon uunseren Vermögen dem dojtschen Staat ien den Raachen zu stoopfen. Geht gaar niecht. Das tuut niecht ejnmal ejn Dojtscher, da?

Iehr sejd dooch aalle gegen Deemokratie, Iehr woollt aber niecht wieder ejne Paartei weehlen, was saagt: wier siend gegen Deemokratie. Veeterchen giebt Ojch, dierft Iehr daankbar sejn und Paartei weehlen, was er Ojch giebt. Dojtschlaand chat ejne Schweeche, und das iest Faschiesmuus. Veeterchen wejß das. Und Veeterchen wejß, Iehr wiesst. Niecht vergeessen!

Iehr meegt Koontrolle, da? Wier meegen auch Koontrolle. Wier koontrollieren Aabgeoordnete in Dojtsche Buundestaag, wejl wier reespektieren, Iehr liebt Koontrolle. Iest wie feerngestojerte Auto, was feehrt aan Schnuur. Chat Veeterchen gesaagt, Iehr kriegt Koontrolle, wier Dojtscher Buundestaag und Reest voon Buundesrepubliek. Maacht viel seehr viel ejnfaacher, voor aallem Veeterchen chat ejnfaacher, muuss niecht iemmer miet Kaanzlerien teelefonieren. Ien Dieskuussjon geeht so viel verlooren, besoonders waas Veeterchen wiell. Iehr chaabt dooch auch grooße Voortejle, niecht waahr? Iehr neehmt biellieges Gaas, dafier Iehr geebt Koontrolle, da!

Wier laassen neemlich niecht aalles maachen. Veeterchen maag so gar nicht, wo Politiker chaben ejgene Voorstellungen und Voorstellungen siend auch nooch beschojert. Veeterchen waar seehr enttojscht, wier muussten faallen lassen Peetry. Seehr schaade, wejl wier chaben gezejgt, dass Paartei iest faschiestisch. War auch schoon iemmer faschiestiesch, aber woollten wier nooch niecht zejgen. Iest chistooriesche Veraantwortung, da? Daas leetzte Maal Iehr chaabt Faschiesmuus niecht riechtich chiengekriegt. Chabt ruussiesches Voolk ans Bejn gepiesst. Und GDR chaat niecht riechtich geklaapt, wejl Iehr woolltet Sozialiesmuus, Iehr Troottel. Jeetzt wier woollen kejne Experimente. Ien Ukrajne wier chaben berejts erfoolgreich aalles uunterstietzt, was chat gefiehrt zu gaanz faalsche Nationaliesmus. Nationaliesmus iest faalsch, wenn niecht aus Mietterchen Ruusslaand, da? Wier also briengen riechtiche Nationaliesmus ein die Ukrajne, siend die Meenschen daankbar? Veeterchen chat Geduuld, aber chat niecht iemer Geduuld, wo siech andere Voolk zu schnell entschejden will.

Jeetzt wier chaben geschieckt cheessliche Frau ien Dojtsche Buundestaag. Veeterchen war so entseetzt, dass dojtsche Frau kann ieberchaupt so cheeslich sein. Dann er chat bekoommen Bield von Stoorch, war eer entseetzt, aber chat niecht meehr gewuundert. Frau wierd niecht Presideentin. Iest seehr gut, wejl jetzt kann Paartei, was gaanz und gaar iest faschiestiesch, Aansehen von Buundestaag naachchaltich bescheedigen und Vertrauen ien Deemokratie erschiettern. Deemokratie wierd erleedigt miet Miettel von Deemokratie. Chat auch gemaacht Chitler. Hat auch gemaacht Veeterchen, aber beesser als Chitler. Naach Chitler war kejn Gaas meehr da.

Iest ejne seehr scheene Situatjon: Aanseehen voon Dojtschlaand wierd ienternatjonaal schweer bescheedigt und Iehr fiehlt Ejch ausgegreenzt. Die Paartei wird ausgegreenzt, wejl sie das Aanseehen von Dojtschlaand schweer bescheedigt. Na, da wiesst Iehr, welche Paartei Iehr weehlen miesst. Veeterchen chielft Iehnen, Deemokratie neu zu maachen, wie nach Krieg. Eerst Krieg, dann koommt Veeterchens Deemokratie. Iest Veeterchen ien Geeberlaune, er iest speendabel. Deemokratie fier aalle! Voolksdeemokratie!

Niecht kapuutt maachen, Wassili Fjodorowitsch. Er muuss nooch reeden kennen, da?

Dojtsche deenken iemmer an Aufstieg – aam liebsten viel Geld chaben, niecht meehr aarbejten. Und Koontrolle. Wie Maarjoneette, muuss niecht seelbst arbejten. Chaben wier ienstalliert Maarjoneette in Buundestaag, was iest gar kejne Aarbejt, kaann Veeterchen iemmer maachen, iest ejne grooße Voorbield fier Dojtsche. Dojtsche chaben Voorbield, was niecht aarbejtet, weehlt Iehr Paartei. Glaubt Iehr niecht? Iest er Maarjoneette in Buundestaag, waruum er soonst wierde lojgnen?

Er chat vergeessen? Das iest niecht guut, das iest ieberhaupt niecht guut. Wier brauchen kejne Veertrauenslejte, waas kuurz voor Ergrejfuung voon Maacht abttriennig siend. Veeterchen chat guute Gedeechtnies fier das. Kejner leebt fier iemmer, niecht ejnmal Veeterchen.

Wassili Fjodorowitsch? Sieht aus wie Unfaall?“