Beweismittel

22 06 2017

Herr Breschke wedelte mit beiden Armen, dann schlich er sich an der Kellertreppe entlang in Richtung Hecke. Deutlich sichtbar legte er den Finger über seine Lippen. Dabei hatte ich gar nicht vor, seine Pantomime zu kommentieren.

„Das muss es sein“, wisperte er mir zu. „Das da hinten, ich habe es genau erkannt, das ist bestimmt das Mikrofon!“ Er deutete verstohlen mit dem Zeigefinger auf Gabelsteins Grundstück, starrte unterdessen angestrengt in die andere Richtung und lief dann auf Zehenspitzen wieder zur Kellertreppe zurück. „Ich kritisiere Sie ja nur höchst ungern“, bemerkte ich möglicherweise eine Spur zu laut, „aber meinen Sie nicht auch, dass es kaum auffälliger geht?“ Die beiden älteren Damen, die auf dem Trottoir standen und verwundert in die Einfahrt hineinblickten, schüttelten die Köpfe, und sie entfernten sich nur langsam und widerstrebend; wahrscheinlich hatten sie gehofft, Zeugen einer sehr merkwürdigen Angelegenheit zu werden, die jetzt doch nicht oder wenigstens nur im Garten eines fremden älteren Herrn stattfinden sollte. „Das ist mein Grundstück“, ereiferte sich Breschke im Flüsterton, „da werde ich doch wohl schleichen dürfen, wo ich will!“

Nun war Gabelstein prinzipiell jede Schandtat zuzutrauen, er hatte dem Nachbarn aus Bosheit eine Karre Laub über den Zaun und jede Menge Schnee auf den frisch geräumten Weg gekippt, Bismarck mit Papierkrampen beschossen und heimlich nachts Löwenzahn auf dem Rasen gesät. Aber eine derart komplizierte Operation sah ihm schon aus Gründen der Intelligenz nicht ähnlich, und dass Horst Breschke ihn seit Jahr und Tag mit allerlei wenig schmeichelhaften Worten zu bezeichnen pflegte, war ihm auch bekannt. „Vielleicht habe ich bei der Gartenarbeit irgendwann einmal ein unbedachtes Wort über meine Arbeit im Finanzamt geäußert“, sinnierte der alte Herr, „und er wird mich damit zu erpressen versuchen. Das sieht ihm ähnlich!“

Da wurde ich stutzig. „Was ist denn das da?“ Er packte mich am Arm. „Das ist der Beweis“, keuchte Herr Breschke, „er hat meinen Garten verkabelt – das sind bestimmt Funkmikrofone!“ Schon warf er sich, nein: ließ sich in mehreren Stufen, aber doch verhältnismäßig rasch auf den Rasen nieder. „Sie werden ja Grasflecke in ihrer Strickjacke kriegen“, mahnte ich, aber er hörte schon gar nicht mehr zu. „Da läuft die Schnur“, ächzte er. Wie ein schwer bewaffneter Kämpfer – die Gartenschere hatte er wohlweislich am Fuße der Kellertreppe auf der Fensterbank liegen lassen – robbte er sich nun an der Hecke entlang, alle anderthalb Armlängen einmal ins Strauchwerk hineinlangend, bis er unter trockenen Blättern und Ästchen die Strippe wieder zu fassen bekam. „Sie geht wohl bis ganz vorne“, japste er, und wie anders ließ sich die Mutmaßung beweisen als durch einen gut fünfminütigen Kriechgang bis knapp vor das Gartentor. Einmal machte Breschke dabei Anstalten, mit krebsrotem Kopf liegen zu bleiben; ich sah mich schon die Nummer des Notarztes wählen und ihm mühsam auseinandersetzen, warum der pensionierte Beamte an einem angenehmen Sommertag bewusstlos in seinem eigenen Garten mit einem Stück Elektrolitze in der verkrampften Faust abtransportiert werden musste. „Noch gut zwei Meter“, röchelte Breschke, „nur noch…“ „Also wirklich!“ Die beiden Damen waren entrüstet und daher in nicht zu steigernder Neugier zum Zaun zurückgekehrt, hatten sich dort mitsamt ihren erbaulichen Heftchen postiert und sahen nun einen Maulwurf in braungrauem Strick, der triumphierend einen Stecker aus dem Laubwerk riss. „Das ist der Beweis!“ „Entschuldigung“, gab die eine der beiden zaghaft zurück. „Wir wollten mit Ihnen über…“ „Dieser Unhold!“ Er hieb mit den Fäusten auf die Rasenkante. „Dieser miese Patron!“ Mit einem Riesensatz verschwanden die Missionsschwestern von der Gartenpforte, und das im rechten Augenblick, denn jetzt erhob sich der Alte zu voller Größe, stürmte auf die Kellertreppe zu und verschwand im Untergeschoss.

Gewaltiges Rumoren kündigte es an: mit einem verdächtigen Gegenstand in der Faust stapfte er die Treppe wieder hinauf, näherte sich schwer atmend der Hecke und legte an. „Das hat sich Gabelstein selbst zuzuschreiben“, schnaubte er. „Lassen Sie das doch“, ermahnte ich ihn. „Sie werden sowieso alles treffen, nur nicht das Ziel.“ In der Tat zitterte das Luftgewehr in Breschkes Händen gewaltig. „Nehmen Sie das Ding einfach runter und…“ Da hatte sich schon ein Schuss gelöst. Zum Glück hatte er kein Fenster getroffen, nicht einmal die Fassade von Giebelsteins Haus. Weniger schön, dass das Projektil das gewünschte Ziel erreichte. Die silbrig verspiegelte Kugel auf dem Bambusstöckchen zersplitterte, und nichts war zu sehen außer eben diesem Stab. Kein Kabel verbarg sich darunter, kein technisches Gerät. Kein Mikrofon.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, knurrte Breschke, schulterte sein Gewehr und ging wieder auf das Haus zu. „Einen alten Mann so zum Narren zu halten – das sieht diesem Unhold ähnlich!“ Dann beugte er sich zu mich herüber. „Aber bitte“, flüsterte er, „erzählen Sie bloß meiner Frau nichts davon!“





Quellenstudium

21 06 2017

Ein Beitrag von Freitagstexter-Ausrichterin Hele

Viel Wasser floss den Po hinab, bis ich endlich zu einer Entscheidung finden konnte. Danke für die coolen Kommentare (oh, cool darf man ja eigentlich nicht mehr sagen, etwas was cool ist, ist wohl nur oberflächlich…) Für den Nibelunghort gab ich schon lang mein letztes Hemd, damit ich mir das Wellnessen leisten kann, hat aber dann doch nur für kaltes Wasser gereicht. Darum stoned in den Himmel, aber Quellen studieren und eine kalte Kopfwäsche ist mein täglich Murmeltier, deshalb bitte ich bewitchedmind in die Untiefen des nächsten Freitagstexters abzutauchen.

Das Quellenstudium kostet einen heutzutage das letzte Hemd.

Herzlichen Glückwunsch! Ich hoffe, auch für den nächsten Freitagstexter am 23. Juni findet sich ein Blog.





Rächer der Gerechten

21 06 2017

„Irgendwas mit Mehr.“ „Hä?“ „Also das mit mehr Gerechtigkeit haben wir ja schon.“ „Die Zeit nicht zu vergessen.“ „Und die Frauen.“ „Aber erst kommt die Gerechtigkeit.“ „Warum nicht die Frauen?“ „Weil die Zeit… – ach, egal.“

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wir müssen den Auftritt von Schulz jetzt irgendwie auf Masse trimmen.“ „Hä?“ „Massenkompatibel. Den Mann massenkompatibel machen.“ „Wir haben da noch etwas von der hart arbeitenden…“ „Ich will weder ‚hart‘ noch ‚arbeiten‘ in Ihrem verdammten Konzept lesen, hatte ich mich da klar ausgedrückt?“ „Das war aber vor dem…“ „Also ich finde das immer noch gut.“ „Eben. Das klingt so scheiße, das muss von der SPD kommen.“ „Echt, den Wiedererkennungswert kriegen Sie nicht für sehr viel Geld.“ „Ich hatte Ihnen ganz klar gesagt, dass ich das nicht mehr sehen will.“ „Wir dachten, bis zur Wahl kippen Sie eh noch dreimal…“ „Raus hier. Den nächsten Wahlkampf können Sie in Nordrhein-Westfalen machen.“ „Nein! Gnade!“

„Mehr Gerechtigkeit kann man doch auch mit einer Perspektive verknüpfen.“ „Zum Beispiel?“ „Perspektive für Gerechtigkeit.“ „Klingt gut!“ „Das sagt gar nichts.“ „Eben, deshalb ist es ja so toll.“ „Haben Sie das aus dem Steinbrück-Baukasten für gemäßigte Rohrkrepierer geklaut?“ „Ich finde, wir sollten die hart…“ „Bitte?“ „… kämpfenden Genossen im Dings, hier… Wahlkampf sollten wir die nicht…“ „Perspektiven für mehr Zeit?“ „Mehr Zeit für Perspektiven.“ „Überhaupt mal eine Perspektive, das wäre ja mal an der Zeit.“ „Wäre ja auch nur gerecht.“ „Der Mitte eine Perspektive geben.“ „Ach, Sie wollen auch nach NRW?“

„Gerechte Perspektive – der engagierten Mitte eine neue Gerechtigkeit…“ „Jetzt schon doppelt?“ „Soll ja mehr Gerechtigkeit sein.“ „Ach so, klar.“ „Noch mehr Perspektive?“ „Mehr Gerechtigkeit, weniger… weniger…“ „Was, weniger?“ „Was wollte er?“ „Soli kürzen.“ „Weniger solidarischer Zuschlag?“ „Also weniger Perspektive für mehr Solidarität?“ „Weniger Solidarität.“ „Weil Schulz zuschlägt.“ „Sie können sich gleich alle nach Düsseldorf abmelden.“ „Aber das ist doch SPD, wie man sie kennt!“ „Sogar die Perspektive!“

„Sie scheinen überhaupt nicht verstanden zu haben, worum es hier eigentlich geht.“ „Schulz will den Soli kürzen für äääh…“ „Sagen Sie es ruhig.“ „Also die, die hart… das sind die, die in der Mitte… die da …“ „Also die unteren Einkommen, die dank der Solidarität der SPD…“ „Hä?“ „… mit den höheren Einkommen von den mittleren zu den kleineren Einkommen geworden sind.“ „Das ist doch gut, oder?“ „Ich wusste nicht, warum.“ „Wegen der Perspektive vermutlich.“ „Weil Schulz endlich mal selbst mehr Zeit für Gerechtigkeit…“ „Sie meinen, die SPD hat endlich mal wieder Zeit für mehr Selbstgerechtigkeit?“ „Hatte sie vorher auch immer.“ „Aber ohne Perspektive.“ „Kommt darauf an, für wen.“ „Jedenfalls nicht für die unteren Einkommen.“ „Die haben ja mit dem Soli bisher auch keine Perspektive gehabt.“ „Deshalb hat Schulz jetzt keine Perspektive auf die unteren Einkommen.“ „Weil das gerecht ist?“ „Nein, weil die eh keinen Soli zahlen.“ „Dann ist ja endlich mal Zeit für Gerechtigkeit.“

„Also haben wir mit weniger Perspektive…“ „Nein, mehr.“ „Aber es muss doch weniger sein, sonst haben wir nicht mehr Gerechtigkeit.“ „Auch wieder richtig.“ „Dann könnten wir die Perspektive auf mehr Zeit für…“ „Hä?“ „Ich stehe gerade auf dem Schlauch.“ „Solidarität mit den Rächern, nein: die Gerächten sind solidarisch mit der Zeit, die segnen das Solidarische.“ „Holen Sie ihm mal ein Glas Wasser, sein Hirn hat gerade einen Platten.“ „Er hat doch solide gerechnet.“ „Sagt wer?“ „Sagt Schulz.“ „Das hat doch nichts mit Solidarität zu tun.“ „Hört sich aber ähnlich an.“ „Er will ja auch mehr Gerechtigkeit, ohne die Mitte zu verlieren.“ „Wegen der Perspektive?“ „Nein, weil die den ganzen Scheiß bezahlen werden.“

„Meine Güte, jetzt lassen Sie sich doch endlich mal etwas einfallen!“ „Wir arbeiten doch schon hart an dem ganzen…“ „Gleich ist hier zappenduster, war das klar!?“ „Dann machen Sie doch Ihren Dreck gefälligst alleine, das ist jetzt der vierte Wahlkampf in Folge, den Sie in den Sand setzen!“ „Ich…“ „Haben Sie etwa Perspektiven zu bieten?“ „Oder die Mitte?“ „Wir können doch…“ „Jetzt kommen Sie mir wieder mit Mehr-Wert-Hülsen, das ist so was von 2005!“ „Aber…“ „Mehr, mehr, das will doch keine Sau mehr hören!“ „Immer dasselbe Gefasel!“ „Außerdem nimmt das der SPD keiner ab!“ „Vor allem nicht in perspektivischer Hinsicht, wenn Sie mich fragen.“ „Da muss jetzt echt etwas anderes kommen.“ „Weniger! die Leute wollen endlich den Ballast loswerden!“ „Innere Sicherheit, Hartz-Gesetze, Nullzins, Bundeswehr-Einsätze, das geht doch nicht so weiter!“ „Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?“ „Und wenn Sie uns nicht glauben, wir schicken Sie gerne nach Nordrhein-Westfalen!“ „Aber was soll man denn da machen? Wir können den Spitzenkandidaten nicht einfach so im…“ „Steuersenkungen?“ „Steuersenkungen.“ „Na also. Geht doch.“





Ganzheitliche Gesprächskreise

20 06 2017

„… um eine schwarz-grüne oder grün-schwarze Koalition handeln sollte. Die Bündnisgrünen würden im Fall einer Regierungsbeteiligung auch für das Innenressort…“

„… als erste Amtshandlung den Freistaat Bayern zum unsicheren Herkunftsland erklärt habe. Angesichts einer Landesregierung, die das Grundgesetz nun auch offen…“

„… müsse eine grüne Innenpolitik vor allem die Polizei stärken. Die Zusammenarbeit von Bund, Ländern und EU, wie sie heute schon durch digitale Instrumente der gemeinsamen…“

„… ob ein Anti-Terrorismus-Tag pro Woche die gewünschten Ergebnisse zeitigen könnte. Da die Partei vorerst auf eine freiwillige Teilnahme setze, sei eine mehrjährige Evaluierung des…“

„… dankend abgelehnt habe. Schily sei trotz seiner Ministerkarriere für die SPD im Innenressort nicht mehr…“

„… zu ganzheitlichen Gesprächskreisen einladen wolle. Die Einsatzkräfte sollten durch ein wertschätzendes Führungskonzept im Rahmen von ungefähr fünf bis acht Stunden pro Woche mit den Gefahren, die sich durch eine personelle Unterbesetzung im gesamten…“

„… mit dem Slogan Deutschland den Deutschen – Blutsfremde raus auch innerhalb der Partei auf wenig Verständnis gestoßen sei. Palmer habe gedroht, die Grünen noch während der laufenden Legislatur zu…“

„… V-Personen weiter zu beschäftigen, aber die beschatteten Bürger vorher durch eine schriftliche Einladung zu einem aktivierenden Gespräch in ganzheitlicher Atmosphäre wieder in den…“

„… die Polizeiuniformen wieder grün machen wolle. Dies schaffe zusätzlich neue Arbeitsplätze und sei geeignet, das Vertrauen der Bevölkerung in die gewohnte…“

„… ein liebevolles, gewaltfreies Miteinander gestalten werde. Der rechtliche Rahmen für die Abschiebung nach Afghanistan sei in enger Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, dem Bundeswirtschaftsministerium und den…“

„… an den Uniformen scharfe Kritik geübt habe, da sie nicht der Verpackungsverordnung für…“

„… eine Einschränkung von Menschenrechten als Terrorismus anzusehen, den sie nicht mit der laut Koalitionsvertrag vorgesehenen Einschränkung von Menschenrechten bekämpfen könnten. Özdemir habe um eine einstweilige Unterbrechung der Bundesregierung gebeten, um sich vorerst eine juristische…“

„… die Erhöhung der Mineralölsteuer zur Finanzierung der Terrorbekämpfung als sozial sehr ausgewogenes Ziel bezeichnet habe. Da nicht alle Deutschen rauchten, mehrheitlich aber Autos und Krafträder besäßen, könne man eine gleichmäßig auf die Bevölkerung…“

„… und mehr Kita-Plätze mit Kontaktbereichsbeamten ausrüsten wolle. So sei einerseits die vom Koalitionspartner gewünschte Beobachtung von Kleinkindern auf Anzeichen einer potenziellen Radikalisierung bereits ab dem ersten…“

„… mit der Konzentration auf den Bereich Sport auch keine sicherheitsrelevanten Leistungen erbringen könne. Das Bundesministerium habe aber zugesichert, bei den Dopingkontrollen nicht so genau zu…“

„… der Datenschutz verstärkt werde müsse. Bei einer konsequenten Anwendung der bestehenden Gesetze müssten die Sicherheitsbehörden nach einem Anschlag nicht mehr sagen, ob und wie lange sie den Täter bereits…“

„… auch die Durchsetzung der Elektromobilität in Deutschland abwarten könne. Mit einer Erhöhung des Strompreises sei eine weitere Quelle zur Finanzierung der inneren Sicherheit…“

„… sich gegen die Weiterführung der Vorratsdatenspeicherung ausspreche. Ein Bundesparteitag müsse dies jedoch zuvor mit einfacher Mehrheit als Beschlussvorlage des…“

„… das Bundesinnenministerium den Ausstieg aus der Kohleenergie fördere, da mit dem Rückbau von Kraftwerken auch weniger Angriffsziele für terroristische…“

„… mit der sicherheitspolitischen Agenda 2020 bereits jetzt beginnen wolle. Solange Merkel nicht abgeneigt sei, die Erfolge für sich zu reklamieren, würden die Grünen ihre Zustimmung zu den…“

„… die Terrorismusbekämpfung der Polizei überlassen wolle. Hier müsse der Bundesminister auch nicht so genau hinschauen, weshalb eine rechtskonforme Auslegung des…“

„… die Videoüberwachung im öffentlichen Raum besser ausgeschildert werden solle. Durch gezielte Hinweise werde man eine gesteigerte Akzeptanz für die…“

„… eine komplette Erneuerung des Verfassungsschutzes zur Diskussion stellen wolle. Damit sei keine schnelle Veränderung gemeint, es biete jedoch für die kommenden Wahlkämpfe ein ausreichendes…“

„… dem Bereich Cyberkriminalität durch eine Ausweitung des Jugendschutzes begegnen wolle. Die größtenteils jungen Hacker müssten durch gezielte integrative Maßnahmen in die Mitte der…“





Umschulung

19 06 2017

„Nehmen Sie Platz, Sie haben heute alle Unterlagen dabei? Leistungsbescheid, Krankenkasse, das AfD-Parteibuch? Ich stelle Ihnen den Gutschein sofort aus, morgen früh geht’s los. Acht Uhr, die Adresse des Bildungsträgers hatte man Ihnen ja mitgeteilt, angesichts Ihrer Staatsangehörigkeit waren wir auch davon ausgegangen, dass Sie mit der deutschen Sprache keine semantischen Probleme haben.

Sie werden sich um Ihren Lebensunterhalt selbst bemühen. Die Partei, die Leutchen wie Sie mit parlamentarischen Mandaten über Wasser hält, löst sich ja gerade in ihre Bestandteile auf. Seien Sie froh, dass wir Ihren Vorschlag mit dem Arbeitslager für Erwerbslose nicht ernst genommen haben, Sie säßen sonst nicht hier. Etwas mehr Dankbarkeit, wenn ich bitten dürfte. Wir praktizieren hier den deutschen Rechtsstaat, den Sie anscheinend nicht ausreichend verinnerlicht haben.

Gut, Sie haben nichts gelernt, Fortbildung war bei Ihnen umsonst, und jetzt kommen Sie bei der Bundesagentur angeweint, dass Sie Ihre Miete nicht bezahlen können? Lassen Sie mich kurz überlegen. Bisher war das doch auch nicht Ihr Problem. Als bildungsresistente Deckschicht auf dem rechten bis rechtsextremen Radikalismus – wir kommen noch zu der Unterscheidung, Sie halten jetzt einfach mal die Füße still – haben Sie sich bislang gerade so durchgemogelt, wie? Das ist schön, so wollen wir den Bundesbürger. Arbeiten, Konsumieren, die Reproduktion ist natürlich Privatsache, aber wenn der Gehorsam aufhört, wird’s halt kritisch. Lustig nur, dass ich das Ihnen erzähle.

Schauen Sie, an geistig minderbemittelten Deppen – Sie haben das Parteibuch, also sind Sie ein geistig minderbemittelter Depp, stehen Sie doch wenigstens dazu – lässt sich das besonders gut erklären. Sie meinen ja auch, man müsse bloß die Einstiegsdrogen wie Cannabis verbieten, dann gäbe es auch keine Drogentoten mehr. Ich mag Sie, ganz ehrlich. So etwas wie Sie kriegt man ja ohne Geld und Schutzanzug nicht mehr zu sehen. Warum nur werden so viele Kiffer niemals heroinabhängig? Und wenn sie es werden, ist es nicht eher eine Korrelation, weil sie ihr Gras unter der Hand bei einem Verbrecher kaufen müssen? Sind nicht auch die meisten Rechtsextremisten irgendwann mit einem gekochten Ei am Frühstückstisch gesessen? Warum verbieten wir dann nicht einfach Eier, um den Rechtsextremismus loszuwerden? Und ist ein gekochtes Ei pro Tag genug, um aus geistig minderbemittelten Deppen wie Ihnen zuverlässig völkische Vollidioten zu machen? Haben Sie es schon kapiert? Genau deshalb bekommen Sie jetzt Ihre Umschulung zum Islamisten.

Glauben müssen Sie da gar nichts. Machen Sie sich von der Vorstellung frei, dass Sie irgendeine Art von Vorwissen bräuchten für eine Karriere als Terrorist – als rechter Mitläufer bestand Ihr Weltbild auch größtenteils aus zusammengefegtem Halbwissen und wirren Verschwörungstheorien. Was Sie an Kenntnissen über den Islam brauchen, lesen Sie sich an zwei Tagen aus einem Heftchen an, das lernen Sie dann auswendig, so gut es geht, und dann brauchen Sie es nie wieder. Eine militante Gesinnung, Hass auf die Gesellschaft, paranoide Züge, das können wir bei Ihnen alles voraussetzen, und dann sollte der Gruppenunterricht aus Ihnen einen Top-Terrorunterstützer machen. Weitere Bildungsziele wie Selbstmordattentäter sind nicht ausgeschlossen.

Wir brauchen engagierte Leute wie Sie! Ist das denn nicht ganz in Ihrem Sinn? Ihre eigene Partei steht auf dem Standpunkt, dass nur islamistischer Terror die völkische Ideologie retten kann. Setzen Sie sich für Deutschland ein! Schlappschwänze wie Höcke und Poggenburg braucht doch kein Schwein. Deshalb gehen Sie mit gutem Beispiel voran in den Tod, das Vaterland wird’s Ihnen dann schon danken.

Doch, das ist mein Ernst, warum fragen Sie? Es ist die richtige Tätigkeit, um das gesellschaftliche Feindbild zu erhalten. Erinnern Sie sich noch daran, was ich Ihnen gerade von der Korrelation erzählt habe? Sie sind für uns eine hervorragend zur fachlichen Weiterbildung geeignete Arbeitskraft, deren Flexibilität auf dem sozial relevanten Markt einen hohen Stellenwert hat. Warum sind Sie in die AfD eingetreten, wissen Sie das noch? Eben, die ganze Richtung. Und wir ändern jetzt einfach Ihre Marschroute. Es geht ja beim Terror nicht um die Radikalisierung des Islam. Es geht lediglich um die Islamisierung von ein paar Radikalen. Radikal sind Sie, das haben Sie bereits unter Beweis gestellt, und so weit ist Ihr Denkmodell ja nicht vom IS entfernt. Das bilden Sie sich bloß ein.

Sie werfen doch den sogenannten Eliten vor, ein diktatorisches System errichten zu wollen, dabei wollen Sie es selbst. Wen Sie als Eliten sehen, das möchte ich gar nicht mal wissen. Vermutlich Leute, die einen Schulabschluss haben. Und jetzt ist es für Sie schon eine Zumutung, wenn Sie Ihr Geld mit Arbeit verdienen müssen? Weil wir Ihnen einen Job verschaffen, der Ihnen durchaus zumutbar ist? Ich muss schon sagen – das lassen Sie mal nicht Ihre Parteigenossen hören, die lesen Ihnen am Ende noch das Wahlprogramm vor. Ja, natürlich können Sie das ablehnen, aber dann zahlen wir eben auch nichts mehr. Wo wollen Sie dann hin? Nach Ungarn?“





System D

18 06 2017

Es ist, und der Franzose backt.
Wenn er das Los beim Schopfe packt,
dann nur, weil er nun Kuchen will,
das heißt: dass er’s versuchen will.
Er hat zum Backen nichts im Haus,
entsprechend fällt der Kuchen aus,
drum rührt er alles dort hinein,
was ihm als Zutat fällt noch ein.
Die Sache wird mit Zuckerkand
und Farbe doch noch recht charmant,
und wie er’s in den Ofen schickt,
ist er am Ende recht beglückt.

Wie anders ist der Deutsche nun.
Er hat drei Stunden lang zu tun,
wiegt Mehl und Zucker fein genau,
desgleichen Ei um Ei gar schlau
nach alter Sitte, ein Rezept
das sich durch alle Zeiten schleppt.
Recht nahrhaft ist sein Zuckerwerk,
dass es zwar schmecke, doch auch stärk
wie es so aus dem Ofenrohr
kommt gar heraus und steigt empor,
wie es voll Duft die Luft durchzieht –
er hat längst keinen Appetit.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXLVII)

17 06 2017

Florea hat Angst in Holzmengen
vor Leuten, die sich um ihn drängen.
Er fürchtet nicht Diebe,
nicht Fraun krank vor Liebe,
ihn graut davor, dass sie dann sängen.

Mahmoud trug oft Mütze in Mâl.
Am Haar lag’s, da nun deren Zahl
sich ständig verringert,
wenn er darin fingert.
Vom Drehen wird er alsbald kahl.

Man fand bei Iosif in Großschogen,
da er äußerst eisern erzogen
nicht Tee, Schokolade
noch Tabak. Wie schade,
er hielt allesamt nur für Drogen.

Es ärgern Tewfik in El Shatt
die Karten. Er kauft sie in Matt,
um Glückwunsch zu senden,
und kann nichts verwenden
davon. Das Papier ist zu glatt.

Laurențiu sagt in Hohe Minne
man nach, dass er eigentlich spinne,
da mit der Gitarre
er singend verharre,
und zwar auf er der Burg höchster Zinne.

Wenn Tom Quallen in Ulimang
im Meer schwimmen sieht, ist sein Drang
die Dinger zu fassen
statt schwimmen zu lassen
trotz Schmerz größer als jeder Fang.

Gheorghe ist oft in Neuflagen
beschäftigt mit allerhand Sagen,
mit Hexen und Geistern
und zahlreichen Meistern
sowie ihren schrecklichen Plagen.