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13 10 2017

Freitagstexter

Wenn schon eine Antwort, dann die Antwort auf alle Fragen. Dauert etwas, ist aber einigermaßen erschöpfend. Wie beispielsweise so ein Freitagstexter, bei dem auch keine Fragen offen bleiben. Herzlich willkommen!

Die Taube als Kulturfolgerin, Symbol von Frieden, drohender Fassadenerneuerung und innerstädtischem Flächenbewuchs, wie sie Anhoras Bild zeigte, bot dann doch eine reiche Auswahl an Antwortmöglichkeiten. Dass ausgerechnet eine im Sektor Feinwaschmittel gewonnen hat? Vermutlich Federlesens, wer weiß das schon.

Unser traditionsbehafteter Blogringelreihen hat so oft neue Kreise erschlossen, auch diesmal wird wieder der eine, die andere hereinschauen, um sich zum ersten Mal mit einem Beitrag zu beteiligen. In den (un)geschriebenen Regeln des Wortmischers findet sich nichts, was dem entgegenstünde. Es sind alle gereimten und ungereimten, ernsten und (halb) lustigen, philosophischen, betriebswirtschaftlich sinnlosen oder kunsthistorisch irrelevanten Beiträge gleichermaßen erwünscht, auch die ohne Bezug zur Geschichte Panamas. Kuchen muss auch keiner darin vorkommen. Wir sind ja unter uns.

Bis Dienstag, den 17. Oktober 2017 um 23:59 Uhr wird gewartet, dann fällt die Tür ins Schloss und wir – Hildegard, Bismarck und ich – leeren den Pokal auf das kleine Teebrett, um den Siegerbeitrag zu ermitteln. Es wird keine offenen Fragen mehr geben.

Bei dem von mir so geschätzten James Vaughan (CC BY-NC-SA 2.0) gab es diesmal eine Kopfnuss. Knacken wir’s. Klick macht, wie immer, groß.

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Kopfpflicht

12 10 2017

„… dass generell keine Unkenntlichmachung des Gesichts in der Öffentlichkeit mehr gesetzlich geduldet würde. Die Polizei werde dies mit der ganzen Härte des…“

„… die ersten Konsequenzen gefordert habe. Drei ältere Damen mit Vollverschleierung seien dem Haftrichter vorgeführt worden, der ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft der heiligen Ursula nicht als Entschuldigung für den…“

„… nur vorläufig festgenommen worden sei. Das Anlegen eines Hutbandes diene allein der Befestigung und stelle noch keinen vermummenden Eingriff in den…“

„… sich der Vatikan nicht in den Streit einmischen wolle. Sobald Kardinäle oder Bischöfe von der Regelung betroffen seien, so das Governatorat, werde man an Sanktionen gegenüber dem…“

„… es sich um eine reine Provokation gehandelt habe. Die tschechische Performancekünstlerin habe sich lediglich mit einer Papiertüte über dem Kopf in der Wiener Innenstadt aufgestellt, um die Polizei durch bewusstes Irreführen über ihre Person zu…“

„… das Anlegen von Sonnenbrillen in den öffentlichen Verkehrsmitteln nochmals unter besondere Strafe zu stellen. Die Gefahr einer Tram-Entführung könne bereits durch einen einzigen Fall auf 100% steigen, deshalb müsse sofort die…“

„… die Ordensfrauen wieder auf freiem Fuß waren. Das Innenministerium habe nochmals darauf hingewiesen, dass bei Sicherheitskontrollen der Habit als potenzielle Tarnung über einem Sprengstoffgürtel oder einer…“

„… die Helmpflicht des Motorradfahrers in dem Augenblick ende, in dem er sein Kraftrad nicht mehr bewege. Strittig sei dennoch, ob er den Helm beim Stopp an Ampeln und Fußgängerüberwegen sofort abzulegen habe oder erst auf eine Anweisung des dazu befugten Beamten der…“

„… auch in Supermärkten und Drogerien Sonnenbrillen zu verbieten. Schwierig sei zwar, dass die im Einzelhandel feilgebotenen Brillen dann nicht mehr anprobiert werden könnten, die innere Sicherheit sei aber damit um einen wesentlichen Punkt näher an die…“

„… das Tragen einer Hundemaske zur Eröffnung eines Fachgeschäfts für Zoofachhandel nicht erlaubt sei, solange eindeutig geklärt sei, dass sich unter der Maske tatsächlich ein…“

„… zu traumatisierenden Erlebnissen komme. Bisher seien nur in den Vereinigten Staaten Schüler in Handschellen abgeführt worden, das Einsatzkommando von Ottakring jedoch habe den Kinderfasching sehr professionell und mit nur geringen Verletzungen der…“

„… dass die chinesische Wirtschaftsdelegation nun des Landes verwiesen werde. Obwohl die Feinstaubwerte durch Pkw in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hätten, rechtfertige dies doch nicht das ganztägige Anlesen von Schutzmasken im Bereich des…“

„… eine Parade mit den Originalfiguren aus Disney World nicht stattfinden könne. Dies entspreche nicht dem europäisch-abendländischen Brauchtum, außerdem sei durch die Maskierung nicht geklärt, ob sich eine männliche oder weibliche Person unter den jeweiligen…“

„… Radhelme grundsätzlich wie Motorradhelme behandelt werden müssten. Dabei ergebe sich nur die Schwierigkeit, dass der Helm erst mit Antritt der Fahrt angelegt und unmittelbar danach angenommen werden solle, was aber gegen andere Sicherheitsvorschriften verstoße, gemäß derer der Helm schon vor Antritt der…“

„… bewusst oft die Figur Darth Vader ausgewählt worden sei. Es habe sich zwar um zehn- bis zwölf Jahre alte Kinder gehandelt, dennoch müsse man polizeilich auch hier Vorsicht walten lassen, um nicht durch eine Massenpanik im…“

„… einen Mundschutz im OP-Bereich getragen habe. Die Geldbuße trage dem Umstand Rechnung, dass es sich um ein öffentlich zugängliches Spital gehandelt habe, das auch von Inländern und…“

„… zu Ehren des japanischen Botschafters aufgetreten seien. Die Darsteller des Nō-Ensembles seien jedoch wegen ihrer stark an Masken erinnernden Schminke noch vor dem Betreten der Bühne direkt in Polizeigewahrsam…“

„… ein Clown auch auf einer Abbildung eine latente Terrorgefahr darstelle, weshalb die Plakate des Circus Knie unverzüglich aus dem…“

„… das Baufahrzeug mit halbautomatischen Schusswaffen abgedrängt und die Arbeiter zum Aussteigen genötigt worden seien. Der vor dem Betreten des Baustellengeländes angelegte Atemschutz falle unter die sicherheitsrelevanten Verbote einer…“

„… die Gasmaske eines Feuerwehrmannes im Einsatz einer hinreichenden Legitimation bedürfe. Diese könne jedoch im Brandfall durch einen formlosen, für sechs Stunden gültigen Antrag, der spätestens einen Werktag vor dem Einsatz…“

„… den Nikolaus darstellen solle. Auch unter Berücksichtigung der aktuellen Bartmode sei die Kostümierung nicht zu…“

„… besser geregelt werden solle. Schwerer Atemschutz dürfe jetzt bereits getragen werden, wenn sich der Brandmeister schriftlich vor dem Einsatz an die oberste Leitung des…“

„… es sich bei dem wegen eines zu hoch über der Nase geschlungenen Wollschals verhafteten Radfahrer um den Bezirkspfarrer Franz Pospischil gehandelt habe. Der Vatikan habe nochmals betont, dass er für Personen unterhalb der Bischofswürde keine rechtlich…“

„… es sich beim Nikolaus in Wahrheit um einen Dissidenten aus der heutigen islamischen Welt handele. Um politische Provokationen mit der Türkei zu verhindern, dürfe keine weitere…“

„… in erster Instanz verloren habe. Mitglieder einer freiwilligen Feuerwehr seien demnach nicht berechtigt, einen beantragten und bewilligten Atemschutz bereits beim Anrücken auf dem Fahrrad, das sich noch auf einem öffentlichen Radweg in der…“

„… als ‚Muselsau‘ beleidigt habe, die ‚ins Gas gehöre‘. Obwohl die koptisch-katholische Kirche mit Rom uniert sei, sehe der Heilige Stuhl keine Veranlassung, die Behandlung des Patriarchen von Alexandrien am Westbahnhof durch die Bezirkshauptmannschaft des…“

„… das neue Wintercouleur der Germania 1937 auch den schwarz-weiß gemusterten Schutz gegen linksjüdische Pest vorsehe. Das Bundesministerium für Inneres wolle von einem Verbot absehen, da es in der Ballsaison nachts auch empfindlich…“

„… zu Boden gerissen und mit mehreren Faustschlägen ins Gesicht lebensgefährlich verletzt habe. Das Kopftuch, dass die Königin von England und Schottland traditionell auf Flugreisen trage, sei dabei im…“





Machen wir selbst

11 10 2017

„Wir haben das alles sehr genau aufgeschlüsselt, was würde Sie denn interessieren? Stammdaten gibt es immer gratis, damit Sie die Zuordnung besser vornehmen können, und dann bieten wir die unterschiedlichen Datenpakete an. Alles schnell, zuverlässig, verlustfrei – Sie werden begeistert sein!

Die Partei hatte schon einmal ein paar Tausend Euro ausgelobt, um diese linken Volksverräter zu schnappen, die Adressen herausgegeben hatten, aber bis auf die Vorsitzende kam niemand in Frage. Ein besseres Qualitätsmerkmal können Sie sich doch für den Adresshandel gar nicht vorstellen, oder sehe ich das falsch? Das ist hochfeines Material, beste Ware, topaktuell, sehr gut sortiert und daher sehr gut sortierbar. Sie werden daran bestimmt recht lange Ihre Freude haben.

Politische Gesinnung ist zum Beispiel so ein Suchkriterium. Hier können Sie sich alle Mitglieder des rechtsextremen Flügels ausspucken lassen, da sind die typischen Wutbürger, hier haben wir die Überschneidungen zum Pegida-Lager, Sie kriegen die einzeln oder auch als eigene Dateien. Im rechtsextremistischen Spektrum gehen die meisten Organisationen ja meist nach gewisser Zeit unter, da wird dann derselbe Dreck unter anderem Namen wieder nach oben gespült, und diesmal können Sie enorm viel Zeit sparen, indem Sie Ihr bevorzugtes Klientel gleich anschreiben. Kombinieren Sie das auch gerne mit dem Vorstrafenregister – einzeln als Datensatz zubuchbar, klar – dann wissen Sie auch schon, wie Ihre Führungsebene aussehen sollte. Oder wer als Ordner für Ihren Gründungsparteitag in Frage käme.

Wenn Sie jetzt tatsächlich eine Konkurrenz zur Konkurrenz der Partei aufbauen wollen, dann sind Sie gut beraten, die Führungszirkel zu analysieren. Wer in der alten Ordnung immer nur in der zweiten Reihe war – man kriegt ja auch raus, wer da wem was gezahlt hat, um eben nicht mehr in der zweiten Reihe zu sitzen – der wird in der neuen politischen Organisation möglicherweise sehr viel mehr Input geben. Oder auch Geld, wer weiß das schon. Sie haben dann ja alles in der Hand, nicht wahr?

Wo wir gerade bei den Geldströmen sind, Sie werden sich ja sicher nicht nur um die Bundespartei kümmern wollen, sondern auch um unsere Landesverbände. Die einzigen Regelmäßigkeiten sind da die Unregelmäßigkeiten, und dann haben Sie diverse Wahllisten, und was Sie daraus machen, das steht schon nicht mehr in unserer Macht. Wir haben auch keine gesteigerte Lust, uns über Untreue oder ähnliches zu unterhalten, das müssen Sie schon selbst tun.

Natürlich haben wir auch noch jede Menge anderes Material. Alles bestes Kompromat, teils unter Mitwirkung des Verfassungsschutzes erstellt, aber absolut gerichtsfest. Wenn Sie gute Freunde fürs Leben suchen, hier werden Sie schnell fündig.

Sie könnten sich allerdings auch nur für die Vermögensverhältnisse unserer Parteigenossen interessieren. Wenn man da sieht, wer trotz überschaubarer Qualifikation plötzlich sehr schnell zu einem erquicklichen Haushaltsnetto kommt, der wäre für Sie sicher auch attraktiv. Sie haben doch noch Boote im Portfolio, oder? Ich meine, wenn man sich irgendwann mal das zweite Haus gebaut hat oder endgültig aus der Privatinsolvenz raus ist – die Reihenfolge ist da ja sehr individuell – dann will man mit der Knete auch etwas anfangen. Für später, wenn die Partei schneller im Eimer ist als die Karriere. Kann man ja nie ausschließen.

Wenn Sie als Versicherungskonzern gleichzeitig eine vernünftige Beratung leisten wollen, sollten Sie eine Kombination aus Vorstrafen, Position und eventuell drohenden juristischen Konsequenzen ins Auge fassen. Aus so einer Quersumme kann man ein Rechtsschutzangebot besser individualisieren, und das dürfte bestimmt in Ihrem Sinne sein. Ob im Sinne Ihrer Kunden, das lasse ich jetzt mal offen.

Wir sind aber als gesetzestreue Bürger auch nicht abgeneigt, unsere Daten an die Behörden zu geben. Sie kennen das sicher auch, da hat man auf einmal sehr viel Geld, das dann auf einmal gar nicht mehr da ist, wo man es versteuern müsste. Unsere Spitzenkandidatin ist da leider ein bisschen wenig kooperativ, außerdem nimmt sie gerne das Bankgeheimnis der Schweiz für sich in Anspruch, da müssen wir uns die nötigen Erkenntnisse schon selbst verschaffen.

Wir verkaufen aber auch nicht alle Daten, das müssen Sie auch wissen. Es gibt gewisse ethische rote Linien, die wir nicht überschreiten würden, nur weil die Partei sie schon überschritten hat. Da war ja geplant, eine Anschriftenliste sämtlicher Juden in Deutschland zusammenzustellen. Falls Sie sich fragen, ob es dazu gekommen ist: nein, und wir halten die betreffenden Daten nicht vorrätig. Aber wir können Ihnen gerne die Liste der Anschriften derer zur Verfügung stellen, die diese Daten damals sammeln wollten.

Gut, dann einmal Stammdaten und das große Paket. Das ist wie eine Art Gebrauchsanweisung für den rechten Rand, das verschafft Ihnen genau die Einblicke in nationalistische Kreise, die Sie wollen, und vor allem: absolut idiotensicher, selbst der größte Depp findet sich spielend darin zurecht. Sie werden zufrieden sein, Herr Dobrindt.“





Letzte Reserve

10 10 2017

Jetzt also war es so weit. Er erkannte mich nicht mehr, oder wollte er mich nur nicht kennen? Mit schwarzer Brille und mir bis dato unbekannter Schiebermütze auf dem Kopf huschte Herr Breschke in aller Frühe am Gartenzaun entlang, den Hund im Schlepp. Unvermittelt drehte er sich um. „Wir haben uns nie gesehen!“

Während Bismarck noch einmal ganz genau den Löwenzahn an Studienrat Kalübbes Grundstück inspizierte, tupfte sich der alte Herr den Schweiß von der Stirn. „Meine Frau darf nichts davon erfahren“, flüsterte er, „ich habe nämlich in die Urlaubskasse gegriffen – sie wird mir das nie mehr verzeihen!“ In der Tat hatte der Gedanke, dass die beiden nicht wie sonst im Frühjahr für eine Woche ins Sauerland fuhren, etwas Erschreckendes. Sicher gab es auch eine gedankliche Verbindung zu seinem Aufzug und zu dem Korb, den er mit schwarzer Folie ausgekleidet hatte. Sollte er etwa heimlich im Stadtpark die Überreste einer Freveltat entsorgt haben? Immerhin wühlte sich der Dackel ganz wie sonst durch den kleinen Grünstreifen und beendete das Leben der herbstlichen Flora.

Er straffte sich. „Rasch“, sagte er im Befehlston. „Wir müssen die ersten Kunden sein, sonst spricht es sich herum und wir haben das Nachsehen!“ „Sie wollen zu Supikauf“, mutmaßte ich. Ein scheues Nicken mit emporgezogenen Schultern gab mir Recht. Horst Breschke nestelte einen zerknüllten Prospekt aus der Manteltasche. „Da“, zeigte er, „Seite zwei – wir sollten uns jetzt wirklich beeilen, sonst ist alles weg.“ „Haben nur Sie dieses Blättchen bekommen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Natürlich nicht“, stöhnte er. „Hunderte sind jetzt schon auf dem Weg, ein Sonderangebot geht doch herum wie ein Lauffeuer.“ Ich zog langsam die Brauen in die Höhe. „Und Ihnen ist klar, dass es sich um Butter handelt? schlicht und ergreifend deutsche Markenbutter?“ Er sah mich entgeistert an. „Natürlich“, tadelte er meine Einfalt, „Butter – haben Sie mal auf die Butterpreise geschaut? und was man bei diesem Angebot alles sparen könnte?“ Ich begriff langsam. Der pensionierte Finanzbeamte plante also einen Hamsterkauf und hatte sich zur Vorsicht als Geheimagent verkleidet, um keinen Argwohn hervorzurufen. Man musste ja auch erstmal darauf kommen.

„Sie hätten mit dem Wagen kommen können“, stellte ich fest. „Zwei bis drei Klappkörbe für den Kofferraum, dann hätten Sie für den Rest Ihres Lebens immer genug Speisefette im…“ Er rollte die Augen. Hatte ich einen Denkfehler gemacht? „Doch nicht zum Essen“, knurrte Breschke. „Man kann sich dies kostbare Gut ja nicht einfach so aufs Brot schmieren, das ist eine Wertanlage!“ Ich verstand; Gold wäre im Bereich des Möglichen gewesen, aber die Haltbarkeit von Streichfett war nicht von der Hand zu weisen. „Schnell jetzt“, rief er, „wir sind tatsächlich die ersten!“

Die Verkäuferin, die die Tür aufschloss, sah nur, wie ein älterer Herr an ihr vorbeischoss. Ich ging in gemessenem Schritt hinterher, verpassen konnte ich ihn nicht. Herr Breschke stand schon am Kühlregal und schaufelte Päckchen für Päckchen das Begehrte in seinen Einkaufskorb. Dann jedoch geschah das Unvermeidliche. „Haushaltsübliche Mengen“, ließ die Verkäuferin sich vernehmen, „wir geben unsere Ware in haushaltsüblichen Mengen ab – legen Sie bitte die anderen Päckchen zurück ins Regal.“ „Das sind haushaltsübliche Mengen“, ereiferte sich der Alte, „haben Sie schon einmal überlegt, wie groß das Bruttonationaleinkommen ist im Vergleich zu Ihren Preissteigerungen?“ Ob die Kassenkraft nur viel mehr von Volkswirtschaft verstand als Herr Breschke oder den Wunsch der Geschäftsführung durchsetzte, sie beharrte darauf. Zehn Päckchen. Mehr war nicht drin. „Ich werde mich über Sie beschweren!“ „Tun Sie das“, erwiderte die junge Dame ungerührt. „Gehen Sie auch bitte ganz nach oben bis zur Konzernleitung, weil man den Hinweis in unsere Prospekte gedruckt hat, ohne Sie vorher zu fragen.“

„Sehen Sie es ein“, ermahnte ich ihn. „Durch Hamsterkäufe destabilisieren Sie das Preisgefüge noch viel mehr, sonst gibt es Butter bald nur noch auf dem Schwarzmarkt.“ „Ich wusste es“, ächzte Breschke, „dass es so schlimm ist, wollte ich wohl gar nicht wahrhaben. Aber was jetzt?“ Stück für Stück legten wir Fettziegel in die Kühlung zurück. Da fiel mein Blick auf ein anderes Regal. „Salz!“ Er blickte mich skeptisch an. „Salz?“ Ich griff in die Stellage und füllte seinen Korb mit Tafelsalz in handlichen Kartons. „Sie wollten Ihre Wertanlage nicht konsumieren, und Sie brauchen ein Ersatzgut, das einerseits preisstabil ist und andererseits nur wertvoller werden kann.“ Er nickte vorsichtig. „Dann sollten Sie hier zugreifen. Und wissen Sie was? Ich werde mich zur Stabilisierung Ihres Haushaltes bereiterklären, noch einmal dieselbe Menge abzunehmen.“ Er zögerte. „Aber ist denn das so viel Wert wie Butter? Immerhin…“ „Solange Sie die Päckchen irgendwo sicher einlagern, ist es doch egal, ob Butter drin ist oder Streusand.“

Im Bewusstsein seines wirtschaftlichen Genies schritt Breschke zur Kasse, zwei Paletten Tafelsalz in Korb und Beuteln. Die Kassiererin zuckte bloß mit den Schultern, ehe sie die Fracht über das Laufband zog. „Der Wirtschaft haben wir es aber gezeigt“, keuchte er. „Wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen!“





Numerus Claudius

9 10 2017

„Das ist jetzt eher eine nominale Zahl, oder so. Wenn wir eine gewisse Zahl an Pflegekräften nicht erreichen, ist das an sich noch nicht schlimm oder alarmierend oder irgendwie so, dass das wichtig wäre. Man muss das immer im Verhältnis sehen zu den Patienten, und wir wissen ja, alle die sind auch irgendwann mal weg, also müssen wir uns da noch keine Sorgen machen.

Wir haben genügend ausgebildete Kräfte, auch in den anderen attraktiven Berufen wie Frisör oder Restaurantfachmann. Wenn da ab und zu nach der Ausbildung die Fachkräfte abwandern, dann ist das zunächst mal sehr gut – wir haben dann in den anderen Mangelberufen wieder potenzielle Kräfte, die wir verwenden können. Beispielsweise in den personalintensiven Bereichen der Pflege, in denen es im entferntesten Sinne um Menschen geht. Das wissen ja viele heute gar nicht mehr – das ist ein Berufsbild, das zwar auch sehr viel zu bieten hat für die Freunde der statistischen Unterhaltung, das aber in wesentlichen Komponenten immer noch nicht ganz auf den Pflegebedürftigen verzichten kann, denn der bringt nun mal die Kohle.

An uns wird ja der Wunsch herangetragen, das Berufsbild möglichst attraktiv zu gestalten, aber so einfach ist das gar nicht. Im Büro kann man statt der Stühle Sitzbälle aufstellen und in der Fabrik hat man heute schon bunte Schraubenzieher oder sogar Bilder an der Wand, aber was soll man in der Pflege machen? Hübschere Patienten oder attraktivere Krankheiten? Trinkwasserspender auf jeder Etage? Wir haben so viele unterschiedliche Leute in den Pflegeeinrichtungen, da bekommen Sie niemals alle Geschmäcker befriedigt.

Sagen Sie nicht, wir müssten die Angestellten bloß besser bezahlen. Das ist eine Beleidigung der größtenteils gar nicht so materiell eingestellten Pflegekräfte, die diesen Beruf mit viel Idealismus und natürlich gerne auch unter schwierigsten Bedingungen ausüben, wenn man sie lässt – es öffnet Tür und Tor für eine Negativentwicklung, da dann andere Arbeitgeber nachziehen werden, die werden, die noch höhere Gehälter zahlen, dann sind da die Fachkräfte wieder weg, und dann kommen wieder andere, und wieder, und irgendwann haben wir riesige Summen herausgeschmissen und die Pfleger sind vielleicht längst in einem anderen Beruf, weil sie da noch mehr verdienen, da sie sich längst an diese höhen Gehälter gewöhnt haben. Das können Sie doch nicht wollen!

Dass wir die einzelnen Berufsbilder seit jüngster Zeit verschmelzen, ist nämlich nicht aus Zufall passiert, wie man vielleicht denken könnte, das machen wir absichtlich. Wenn Sie nämlich mal gucken, dass da eventuell ein Altenpfleger auf dem Arbeitsmarkt verfügbar ist – der hatte vielleicht nur einen Bandscheibenschaden oder Burnout, also nicht unbedingt lebensbedrohliche Erkrankungen – dann wussten Sie vorher, das ist ein Altenpfleger. Das ist schön, da weiß man immer, der Mangel wird von echten Fachkräften verursacht. Jetzt muss aber im Zuge der Globalisierung immer auch eine gewisse Flexibilität mitgebracht werden, die lassen wir halt von unseren Arbeitnehmern mitbringen – es ist ja auch deren Beruf, da wollen wir uns in ihre Bemühungen um Eigenleistung nicht einmischen – und schon kann man mal sehen, dass plötzlich bei der Stellenbesetzung einen Behindertenpfleger drin haben, der ist vielleicht sogar noch im Job, also in ungekündigter Stellung, der ist nicht arbeitslos, was immer gut ist, weil solche Leute ja auf Kosten der Sozialsysteme leben, und das ist nie gut, gerade in einem Sozialberuf, Eigenleistung und so, und dann stellen Sie fest, es gibt statistisch gesehen gar keine fehlenden Fachkräfte mehr. Den Behindertenpfleger kann man beispielsweise auch in der Altenpflege mitrechnen, dann haben wir eine Win-Win-Win-Situation, auch bei Fachkräften, die es noch gar nicht gibt, weil wir ja wissen: wenn es sie gäbe, wären sie sehr zahlreich. Das muss dieser Numerus Claudius sein, oder wie der heißt, jedenfalls hat das Zukunft, weil wir es jetzt noch nicht verstehen.

Eine Untergrenze wird es mit uns nicht geben, das halte ich für ausgeschlossen. Man kann doch nicht einfach irgendwann beschließen, dass ein Pfleger nur noch für soundso viele Patienten zur Verfügung stehen darf, das ist doch Kokolores. Dann haben Sie plötzlich Patienten, denen geht es bei einem sehr viel niedrigeren Personenschlüssel prima, und dann wollen plötzlich alle Pfleger sich auf die Station versetzen lassen – ausgeschlossen, das bringt nur Unruhe in den Betrieb, und für die Insassen ist das bestimmt auch nicht gut. Genau, die leiden dann nämlich unter der Aufregung, dann sinkt die Lebensqualität plötzlich wieder ab, und schon haben wir wieder eine nicht belastbare Zahl an Pflegeaufkommen, mit der wir uns die ganze Statistik zerschießen.

Ich gebe Ihnen da einen Tipp, ausnahmsweise mal kostenlos: pflegen Sie Ihre Angehörigen am besten mal zu Hause. Da sind Sie nicht vom Fachkräftemangel bedroht, Sie wissen immer, wo der nächste Verantwortliche zu finden ist, die Statistik erledigen Sie selbst, und wenn Sie keinen Bock mehr haben, entschließen Sie sich ruhig zu einer professionellen Ausbildung im Pflegebereich. Danach können Sie immer noch als Fachkraft in einer ganz anderen Branche anfangen!“





Murkelmanns Erlebnisse (VI)

8 10 2017

Geht er in den Laden rein,
kauft heut Murkelmann viel ein,
Brot und Wurst und Milch und Mehl,
teils aus Lust, teils auf Befehl.

Hundert Leute laufen dumm
hinter Murkelmann herum,
vor ihm, neben, seitwärts, quer
her und hin und hin und her.

Wie er an die Kasse rauscht,
sieht er: jemand hat vertauscht
seinen Wagen. Ist ihm recht,
was er kauft, ist auch nicht schlecht.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXIII)

7 10 2017

Da Tomáš heiratet in Kaut,
erwartet er, dass seine Braut,
die er aus dem Knast kennt,
gleichwohl er die Hast kennt,
schnell noch alle Gäste beklaut.

Santiago verdient in Ambite
zu wenig. Er zahlt hohe Miete
und ist dazu säumig –
das Haus ist geräumig,
weshalb man zum Umzug wohl riete.

In Lubomírs Stall in Gerlhütte
steht einsam am Rand eine Bütte,
doch nutzt sie den Kühen
dort nichts. Nur mit Mühen
schleppt er sie darum in die Mitte.

Jamal, der spielt Lotto in Zliten.
Das Spiel hatte wenig zu bieten,
denn es gab ja keine,
nicht einmal Gemeine,
die ihm vorher Zahlen verrieten.

Wenn Ondřej mal bechert in Haslicht,
sitzt er ganz allein, wo der Has spricht,
im Wald unter Sternen,
und schaut in die Fernen
und trinkt, bis im Suff ihm das Glas bricht.

Erasmus kauft Feurung in Bole,
jedoch läuft er nicht nach der Kohle.
„Ich zahle und warte,
denn oft, wenn ich harrte,
kam er, bevor ich sie mir hole.“

Steht Jan am Altar in Kleinpriesen,
muss er von dem Weihrauch schon niesen.
Mit Triefaugen stiert er,
doch nicht ministriert er –
man hat ihn der Kirche verwiesen.