Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVII): Die dünne Plastiktüte

16 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es geschah aber zu der Zeit, dass ein beknackter Pausenclown sich einen Eimer Grütze aus dem Cortex kloppte, um zu erklären, warum er in seiner klinisch relevanten Dämlichkeit nicht in der Lage war, unfallfrei eine Wassermelone zu verlasten. Ab hier sollten alle Akten geschlossen sein, denn der Auslöser der Hysterie und ihre Folgen sind damit hinreichend bekannt. Der gemeine Konsument, für den der Strom aus der Steckdose kommt wie die Ananas aus der Blechbüchse, will einfach sein seit Kindertagen eingeübtes Einkaufsritual in altböser Umgebung weiterleben, als hätte es Umweltschutz nie gegeben und Erdöl sei immer noch billiger als Trinkwasser. Wie die Kinder an der Kasse nach der Quengelware plärren und wo der nette Altnazi von nebenan seinen Goldschluck in den Drahtwagen hebelt, da grabbelt der Käufer mit Druckpuls nach seiner Transportfolie – die hätte im Zweifel die Melone sogar getragen, aber er war ja schon genug versorgt mit dem hauchdünnen Gezumpel, in das er seine drei Kartoffeln packt, weil er nicht in der Lage ist, sie in einen Korb zu legen. Schon verbietet man es ihm, hui! haben wir die Volksfront zur Versorgung mit Polyester am Hals.

Weil jener Konsument zur Kerngruppe der Bescheuerten zählt, die ihre reaktionären Triebe ohne Rücksicht auf Verluste ausleben will und dabei vergisst, dass die vergifteten Segnungen des gegenwärtigen Zeitalters maximal in der eigenen Kindheit eine Rolle gespielt haben, nicht aber in ihrer quasiromantischen Mittelalterprojektion. Sie wollen im SUV zu Spritpreisen der Siebziger durch eine Gesellschaft aus den Fünfzigern brettern und hoffen, irgendwann in der großen Zeit anzukommen und wieder Könige der Welt zu sein. Kann man machen, man ist dann eben nur doof. Aber wie die heutigen Vorschulkinder, für die es immer schon Smartphones, Internet und Angela Merkel gab, ist die Wirklichkeit der Supermarkbesucher seit jeher eine Ansammlung von Kunststoff gewesen, jener zu blinder Anbetung taugliche Fortschritt, die dem Konservativen die kognitive Dissonanz verschafft, gegen die er zünftig ansaufen kann.

Auch ohne das Gezippel an der Tomatenstiege bietet der Detailhandel Plaste en gros: Tomätchen im Einwegschuber, geschnittene Mango im Becher, Klarsicht mit Hühnereifüllung, Biogurke in extra aufgeschwiemelter Schrumpffolie, ein transparenter Reigen für Polymerisationsfetischisten, denen die Weichmacher um das gute Markenleitungswasser schon die Gonaden abgeschrumpelt haben. Man kann aus Polypropylen die schönsten Klappkörbe dengeln, mit denen sich eine Melone dramafrei in den nächsten Kofferraum tragen ließe, aber man kann es offenbar auch lassen. Die dünne Plastiktüte, der scheinbar einzige gefühlsechte PE-Schlauch, wird offensichtlich nicht ausreichend streng von der Suchtbeauftragten der Bundesregierung kontrolliert.

Hülfe die Bepreisung des Knotenbeutels? das Ausschaffen gar oder drohender Ersatz durch die Papppackung? Zwar braucht auch Papier enorm viel Wasser zur Herstellung, doch könnte man allein damit eine Umweltferkelei für den Abnehmer durch eine beliebige andere ersetzen? Spontanes Sündenswitching? Nein, noch keiner hat vermocht, die Rücksichtlosen vor der Bananenkiste zum umweltbewussten Umdenken zu bringen. Und wo bitte soll das auch ansetzen, wenn Wegwerflinge für dreißig Minuten konzipierte Schnellbehältnisse denkfrei mit Avocados füllen, weil die eh schon im Discounter vorgematscht angeboten werden und also nicht umsonst die Ökobilanz versauen. Der Mensch ist des Menschen Wolf, er übernimmt nur dankenswerterweise gleich den Part des Jägers, der ihm das Fell über die Ohren zieht.

Der Schuldige aber ist schnell ausgemacht, es ist die böse multinationale Regierungsverwaltung, die hierzulande in Verbote gegossen wird, wie man als neoliberaler Klötenkönig die Arbeit der Legislative gern nennt, denn wer kennt ihn nicht, den Verbotsterror, nach dem man weder Altöl ins Freibad kippen noch seinen Etagennachbarn mit der Machete zerhacken darf, weil ein paar weltfremde Juristen sich vorgenommen haben, die freie Entfaltung der Persönlichkeit für den Besitzbürger aus linksfaschistischem Hass zu zerstören. Er gösse ja eh sein Altöl nicht ins Freibad, weil er da mit dem einfachen Volk in Berührung käme, das sich nicht einmal einen eigenen Pool leisten kann. Wozu also der Zwang zum Verzicht auf Rollenbeutel, wenn man ihn auch durch Geldstrafen durchsetzen könnte, die wenigstens der Unterschicht wehtäten, und zwar ausschließlich der Unterschicht.

In einem wirren Fiebertraum harkt sich der Bescheuerte aus Hirnresten einen Quark zusammen, der seine Synapsen endvernebelt. Japsend torkelt er durch einen Discounter, Mikroplastik verschneit den Boden knöchelhoch und lädt dazu ein, sich gepflegt auf den Gesichtsschädel zu legen, jeder zieht nach Herzenslust Elaste von der Rolle, als wäre es ein ewig gebärendes Beuteltier, und an der Tofutheke tippt sich die Fachverkäuferin mit der Gabel an die Stirn: „Schnitzel!? Dir hammse wohl in’t Jehirn jeschissen, wa!“ Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

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Minority Report

15 08 2019

„… auch für Straftaten benutzt werden könne. Das Polizeigesetz erlaube es daher generell, Personen, die beim Erwerb eines Feuerzeugs beobachtet würden, unter besondere…“

„… es keine Aufzeichnung zu Religion und sexueller Orientierung der Bürger gebe. Dies sei aus polizeirechtlicher Sicht noch nicht als Schutzlücke bekannt, man müsse jedoch sehr schnell eine richtige…“

„… als Indiz für linksradikalen Terror gelten könne. Da das Anzünden von Autos beim Besitz eines Einwegfeuerzeuges nicht ausgeschlossen werden dürfe, sei die Beobachtung der potenziellen Terroristen durch ein Spezialkommando von einer herausragenden…“

„… nicht gestattet seien, jedoch nicht offiziell verfolgt würden. Man solle allerdings den Sicherheitsbehörden so weit Grundvertrauen entgegenbringen, dass die Beamten, die die Privatadresse von Helene Fischer aus dem Datenbestand abgerufen hätten, durchaus in guter Absicht gehandelt hätten und dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die…“

„… zunächst ein Verzeichnis der Mitglieder der jüdischen Gemeinde erstellt werden müsse, um diese im Falle einer öffentlichen Diskriminierung schneller mit polizeilichen…“

„… durch die Kriminalstatistik bewiesen werde. Es komme vermehrt zu Verdachtsfällen von linkem Terror, z.B. dem Besitz von Feuerzeugen, daher müsse man auch den Besitz eines Feuerzeuges als nachgewiesene…“

„… habe sich die private Telefonnummer von Helene Fischer nicht in ihrem Datensatz befinden, sie sei von den beiden Polizeibeamten auch nur wenige Male angerufen worden und es habe in der Folge lediglich einen Besuch, zu dem neben einem Dienstfahrzeug auch die vollständige…“

„… die Religionszugehörigkeit auch in einer eigenen Datei gespeichert werde, um die Suche zu erleichtern. Die Angabe der Personenkennziffer genüge in den meisten Fällen aus, um die…“

„… sich besonders Autofahrer im Visier der Polizei befänden. Diese wüssten viel besser, wo man ein Kraftfahrzeug anzünden würde, und seien daher mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit die…“

„… die Telekommunikation von Nachbarn potenzieller Straftäter ausgewertet werden müsse, da man nicht ausschließen könne, dass durch das Telefon Geräusche aus der angrenzenden Wohnung in die…“

„… sei durch die Abfrage der Daten kein unmittelbarer Schaden für Helene Fischer entstanden. Die Beamten, auf deren Dienstrechnern die Abfragen getätigt worden seien, hätten glaubhaft versichert, dass sie bis auf Weiteres keine neuen Suchläufe für Fischer starten würden, da sie die Ausdrucke ja auch schon in ihren privaten Unterlagen und in den…“

„… das Urlaubsverhalten Rückschlüsse auf den politischen Hintergrund zulasse. Besonders Personen, die selten oder nie nach Kuba oder Nordkorea reisten, stünden im Verdacht, dies nur zur Tarnung nicht zu tun, um ihre politische Führung nicht zu…“

„… überall Videoüberwachung zulasse, wo erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit zu entstehen drohten. Da Wohnungsbrände meist in Straßen stattfänden, könne nur durch konsequente Überwachung aller Straßen die Gefahr von Bränden in und um und außerhalb von Wohnungen, Häusern, Stallungen, Gebäuden, Anwesen, Bauten oder…“

„… es sich nicht ausschließen lasse, dass die Beamten eine Geburtstagsüberraschung für Helene Fischer geplant hätten. Dies sei auch nach dem Polizeigesetz nicht verboten, da sich daraus keine Gefährdung ableiten lasse, die die öffentliche…“
„… hätten sich saisonale Lieferungen von Heizöl verstärkt. Es sei zwar noch nicht bekannt, ob sich Heizöl für den Bau von Brandbomben eigne, die Polizeiführung habe jedoch zur Sicherheit die Lieferungen der vergangenen Wochen als Grundlage der aktuellen Observationen und…“

„… könne man jetzt ganz sichergehen, dass Helene Fischer keine jüdischen Verwandten habe. Die Polizeiführung wisse jetzt, dass von dieser Seite keinerlei Gefährdung für die…“

„… Hausdurchsuchungen vor allem bei Nichtrauchern oder potenziellen Nichtrauchern durchführen wolle, da diese gar keinen Grund besäßen, Feuerzeuge in ihrer Wohnung aufzubewahren. Sollte es zu einem Fund kommen, könne mit dem Polizeigesetz sofort eine Sperrung sämtlicher verfügbarer…“

„… eine Pizza bestellt habe. Da es sich um eine gewollte Schädigung des Lieferanten und daher um eine linksradikale Straftat handele, könne man keinen Beamten dafür verantwortlich machen. Es müsse eine Verwechslung vorliegen, wenn die Logindaten der beiden Polizisten am fraglichen Tag in der…“

„… der Erwerb von Schnupftabak nicht ursächlich mit einer rechtsextremistischen Gesinnung zu tun habe. Deshalb müsse Besitz oder Gebrauch dieser Substanz ebenfalls als links eingeordnete Straftat gelten, was gleichzeitig damit erklärt werden könne, dass Tabakschnupfer keine Feuerzeuge bräuchten und daher immer verdächtig wären, in der eigenen Wohnung eine…“





Nachkriegsspiele

14 08 2019

„Schon wieder mehr Masernfälle. Und die Einwanderung kriegen wir auch nicht in den Griff. Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mehr, der Strom wird immer teurer, und können Sie mir mal sagen, was man heute eigentlich noch essen kann, ohne krank zu werden? Gut, dass der Krieg kommt.

Ja, Sie haben richtig gehört, ich freue mich auf den Krieg. Freuen Sie sich nicht auf den Krieg? Sie sind auf der sicheren Seite, zumindest solange, wie wir den Krieg gegen die anderen führen. Da ist sich wieder jeder selbst der Nächste, alle gegen alle, und da kann man sich während des Krieges sagen, man hat sich doch nur ganz normal für sein eigenes Land eingesetzt. Hinterher natürlich auch, da wird dann meistens nicht mehr so genau hingeschaut, weil die anderen ja irgendwie auch Schuld haben an der Misere. Wenn Sie vorher irgendwelche Probleme hatten, Rassismus, schlecht ins eigene Grundgesetz integriert, vielleicht waren Sie so ein dummes Arschloch, das Staatsbürger nur auf Grund ihrer Hautfarbe diskriminiert hat, dann haben Sie wenigstens hinterher immer die Möglichkeit zu sagen: das haben vor dem Krieg alle so gemacht. Das ist etwas anderes, als wenn Sie das ein Jahr später erklären, so ein Krieg ist eine historisch viel bedeutsamere Zäsur. Und wenn man Ihnen vorhält, dass Sie sich moralisch vollkommen verroht verhalten haben, dann können Sie ja immer noch sagen, so kurz vor dem Krieg sei das eigentlich gar nicht anders möglich gewesen. Sie sehen, so falsch ist die Sache gar nicht.

Aber auch für die Wirtschaft. Alles redet jetzt schon von Vollbeschäftigung, hier und da haben wir sogar schon Asylanten nötig, damit wir nicht bei der Müllabfuhr arbeiten müssen. Aber so ein Krieg braucht nun mal Menschenmaterial, und das muss in der Fabrik irgendwie ersetzt werden. Das wird für die Wirtschaft auch nicht leicht, die müssen dann die Löhne sehr stark nach unten anpassen, weil sie ja plötzlich keine Arbeitskräfte mehr finden, und dann haben sie auch nur noch ein sehr begrenztes Arbeitsangebot. Natürlich müssen Sie dann in die Rüstungsindustrie, man kann ja nicht einfach so mit Süßwaren und Sportmode weiter das Bruttoinlandsprodukt auf der Höhe halten, wenn das Land von den Feinden der deutschen Rasse, des Grundgesetzes, wollte ich sagen, von den Feinden des Grundgesetzes angegriffen und in seiner Existenz bedroht wird. Da muss man die Variablen schon ein wenig anpassen.

Zugleich sind das aber auch langfristige Jobs mit Bestandsgarantie. Wenn Sie in der Sportmode Tennisröcke nähen, können Sie sich nie sicher sein, ob Ihr Job in zwei Tagen oder zwei Wochen nach Ostasien ausgelagert wird. Bei kriegswichtigen Materialien ist der Nachschub schon gleich ganz anders kalkulierbar als bei den Tennisröcken, das lässt sich aus dem bisherigen Kriegsverlauf jedenfalls erheblich besser extrapolieren. Und dann müssen wir auch nachhaltig denken, so ein Krieg hat ja auch immer eine Nachkriegszeit, die wird diesmal zwar ein bisschen anders aussehen als bei den letzten Versuchen, aber wenn Sie sich mal vor Augen führen, wie allein die deutsche Wirtschaft davon profitieren würde – auf Jahre keine Arbeitslosigkeit mehr zu befürchten, der Sozialstaat ist für keinen mehr zuständig, weil sowieso keiner mehr etwas bekommt, keine überqualifizierten Arbeitnehmer.

Gut, auch keine Wirtschaft. Die oberen Zehntausend können sich noch mit Geldgeschäften über Wasser halten, dazu braucht man ja heute kein reales Vermögen mehr, und wenn man das Geld während des Krieges im befreundeten Ausland parkt, hat man auch nichts zu befürchten. Es wird diesmal keine schnellen Milliardenkredite geben, aber wir kehren sicher schnell zum üblichen Gefüge aus Macht und Einfluss zurück, zumal sich die europäischen Häuser sonst alles gegenseitig in den Knast sperren müsste. Wenigstens die Immobilien sind gerettet, für die Wälder bekommt man nur noch Zeitwert, aber das ist dann nicht mehr halb so wichtig. Wir werden ein neues Wirtschaftswunder schaffen, einen Aufbaupioniergeist, den nicht einmal dieser verdammte Sozialismus hätte erfinden können.

Und dann fühlen sich auch die Männer, die mit dem Panzer in die taktisch sinnvollen Gebiete einreisen, dann fühlen sie sich endlich wieder gebraucht. Bisher hatten wir ja immer große Schwierigkeiten, und gegen den Feminismus zu wehren, aber wenn nicht hier echte Männer gebraucht werden, um das Vaterland gegen alle zu schützen, die sich unserem Angriff widersetzen, wo denn dann bitte!? Wenn wir das erst einmal als nationale Aufgabe im Bewusstsein der Bevölkerung verankert haben, dann sollte es keine Drückeberger mehr geben, die uns davon abhalten. Wie gesagt, das ist nur so ein Denkmodell. Wir sind durchaus militaristisch eingestellt, denn was für Jahrzehnte in diesem linksradikalen Mainstream als völlig normal galt, das kann doch jetzt nicht total verkehrt sein, wenn wir endlich kapiert haben, dass wir endlich mal wieder eine Gelegenheit haben, das Vaterland zu verteidigen, wenn wir uns nur ein bisschen Mühe geben, denn sonst haben wir ja auch so schnell keine Gelegenheit.

Grundgesetz? Angriffskrieg? Ja, wissen wir. Deshalb verteidigen wir uns ja auch zuerst. Machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben das bei uns im Wahlprogramm reingeschrieben, sogar ohne Verklausulierung und blumige Umschreibungen, und glauben Sie, dass es jemandem aufgefallen wäre? Wenn Sie wirklich wollen, dass man Ihnen nichts glaubt, erzählen Sie es jedem so, wie es ist. Man wird Ihnen nicht glauben, aber Sie haben nicht gelogen. Und Sie wissen, was das nach dem Krieg bedeutet. Also, worauf warten wir noch?“





Vibrationsalarm

13 08 2019

Man sah ihm die dunklen Augenringe an; dennoch verbarg Siebels sie hinter einer dunklen Brille. „Die letzten Tage waren nicht einfach“, stöhnte er. „Ich hoffe, dass wir bald diese dämliche Sommerpause hinter uns gebracht haben.“ Und er stürzte schon den zweiten Becher mit billigem Automatenkaffee hinunter.

Das Studio war unbeheizt, und die Morgenfrühe unterstützte die Zugluft. Wer nicht gerade im Licht der bläulichen Scheinwerfer saß und demonstrativ entspannt in die Kamera blickte, bewegte sich mit zusammengeschobenen Schulter und steifbeinig durch die Kulisse. „Sie haben den Sessel doch noch rechtzeitig fertiggekriegt“, brummte Siebels, und aus seinen Worten hörte ich eine tiefe Befriedigung. „Das Möbel sieht ein bisschen plump aus“, befand ich. „Warten Sie ab“, murmelte er. „Warten Sie ab.“ Frieder Marx, seit mehreren Jahren schon nicht mehr auf der Mattscheibe zu sehen, führte ein ganz normales Gespräch mit einem der zahlreichen Experten, die für alles und nichts unter jedem beliebigen Stein hervorkriechen, wenn eine Kamera oder wenigstens ein Mikrofon in der Nähe sind. Es sirrte von irgendwo her, ein ganz leiser und sehr hoher Ton, der recht unangenehm in den Ohren nachklang. Siebels nickte.

„Wir müssen die Steuersenkungen unbedingt noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg bringen“, verkündete der Nachwuchspolitiker im billigen schwarzen Polyesteranzug. „Nur wenn die Spitzenverdiener über ein stark ansteigendes Nettohaushaltseinkommen verfügen, kann die…“ Weiter kam er nicht. Das immer noch leise, aber immer deutlicher vernehmbare Summen schwoll unvermittelt an, und dann war auch zu sehen, woher es kam. Der klobige Sessel war nicht einfach nur ein Sitzmöbel, er vibrierte. Und er vibrierte mit solcher Stärke, dass der jugendliche Schwätzer auf dem Sitz durchgeschüttelt wurde und kaum noch verständliche Laute von sich geben konnte. „Wenn ich Sie richtig verstehe“, begann Marx seine nächste Frage, aber er musste sie gar nicht mehr stellen. Niemand konnte noch etwas verstehen.

„Eine Art Vibrationsalarm“, erklärte Siebels. „Wir haben uns diese Möglichkeit überlegt, um den üblichen TV-Formaten wieder ihre journalistische Schärfe zu verschaffen, damit nicht so viel Unfug vor der Kamera geredet wird.“ Er knüllte seinen Pappbecher zusammen und warf ihn in einen der vielen Papierkörbe hinter der Kulisse. „Aber wir haben doch in den meisten Sendungen inzwischen einen Faktencheck“, wandte ich ein. Siebels zog nur leicht die Augenbrauen in die Höhe. „Das stimmt“, antwortete er. „Aber erstens kommt dieser Teil erst nach dem eigentlichen Gelaber in der Glotze, was auch dazu führt, dass er von kaum jemandem auch nur zur Kenntnis genommen wird, und zweitens sind es nicht nur die offensichtlichen Lügen und Verdrehungen, sondern auch Framing oder Hetze durch Kampfbegriffe. Das wird durch einen reinen Faktencheck nicht einmal erfasst.“ Ein Praktikant hielt uns ein Tablett mit Kaffeebechern hin. Wir griffen zu. „So kommt es auch zustande, dass ein Faschist mit aller Unterwürfigkeit in einem groß angekündigten Interview seinen rassistischen Dreck vom Stapel lassen darf, ohne dass ein Redakteur einschreitet und ihm den Saft abdreht.“

Inzwischen hatte sich die Diskussion fortbewegt und war bei einer Erhöhung der Mehrwertsteuer angekommen. Der Schnösel verteidigte vehement die ermäßigten Steuersätze für Luxusgüter. Man verstand es nur nicht. „Offenbar ist er der Ansicht, wenn man Rennpferde nur steuerlich begünstigt, hat bald jeder Geringverdiener eines im Vorgarten stehen.“ Siebels sah gelangweilt, wie der Sessel den Talkgast durchrüttelte. „Und das hilft?“ „Das werden wir sehen“, brummelte er. „Zur Not muss man mit Druckluftfanfaren arbeiten, um den größten Müll zu übertönen.“ Ich sah das skeptisch. „Das würde aber das Studiopublikum doch ziemlich erschrecken, meinen Sie nicht?“ Der Produzent nahm einen Schluck von der kaffeeähnlichen Brühflüssigkeit. „Wer sagt denn, dass das Publikum die Druckluft abkriegen soll?“

Die Vibrationsmechanik hatte ihren Dienst getan, der Gast war bis beinahe zur Erschöpfung durchgerüttelt worden wie eine Dose Farbe im Baumarkt. Er konnte kaum noch stehen und musste von einer Assistentin in die Garderobe geführt werden. „Vermutlich wird er jetzt in seiner Lieblingszeitung mit den großen Buchstaben das Lied von der Einschränkung der Meinungsfreiheit jodeln“, sagte Siebels ungerührt. „Für die Fraktion ist ja jegliche Kritik ein Grundrechtsbruch, und dass sich keiner für ihr dusseliges Gerede interessiert, wollen sie vermutlich demnächst unter Strafe stellen.“ „Meinen Sie nicht, dass Medien hier ganz klar ihre Kompetenzen überschreiten?“ Siebels stellte den Becher auf den kleinen Tisch neben dem Mischpult. „Haben Medien die Aufgabe, als reine Verstärken den Schwachsinn und die Lügen von Soziopathen zu verbreiten, oder sollen sie das Ergebnis einer Differenzierung darstellen?“ „Das ist eine Frage der Darstellung“, wandte ich ein. Aber er ließ es nicht gelten. „Dann berücksichtigen Sie aber auch, dass Zuschauer intellektuell beschränkt sind.“ Und schon hatte der nächste Gast Platz genommen, ein älterer Herr mit aufgezwirbelten Schnauzbart. „Der deutsche Widerstand ist nötig“, schnarrte er. „Die Flüchtlingskanzlerin hat widerrechtlich die Grenzen geöffnet, um die…“ Wir zuckten unter dem lauten Knall zusammen. Der Alte verkrampfte sich röchelnd in die Armlehnen. „Er wird es sicher überleben“, stellte Siebels fest. „Sehr gut, das gefällt mir. Sie haben meine Idee wirklich zu Ende gedacht, ich sehe eine deutliche Differenzierung, was die Aussagen angeht und ihre Tragweite.“ Er blickte auf die Liste, die auf dem Tischchen lag, und dann über die Schulter. „Nehmen Sie auch noch Kaffee? Gleich geht’s um Klimawandel.“





Räder müssen rollen

12 08 2019

„Gut, es ist nachhaltiger als Fliegen, man macht nicht so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, und es schon auch den Haushalt. Das ist die Ministerin alles bereit hinzunehmen, notfalls würde sie sogar darauf verzichten, dass die Soldaten zwangsweise zwei Pfund Schweineschnitzel verzehren auf der Heimreise. Hauptsache, der Bürger in Uniform kann endlich in vollen Zügen… nee, streichen Sie das mal bitte wieder.

Wir haben wirklich alles schon gehört. Die Deutsche Bahn gibt ja inzwischen schon zu, dass ihre eigenen Züge ihnen viel zu unpünktlich sind, und dass das zu einem schweren Imageschaden für die Truppe würde, wenn man die am Wochenende auf die Schiene bringen würde. Als der Vorstand dann irgendwann witzig wurde und von ‚auf die schiefe Bahn bringen‘ anfing, sind wir einfach rausgegangen. Das ist nun mal ein Staatskonzern, deshalb funktioniert da auch nichts richtig, aber wir sind als Bundesregierung immer noch mehrheitlich daran beteiligt. Deshalb sollte sich die Deutsche Bahn mal mit dem Gedanken anfreunden, dass der deutsche Soldat in Zukunft wieder vermehrt zum Zug kommt, wenn Sie wissen, was ich meine.

In Uniform natürlich, immer in Uniform. Darauf legt die Ministerin sehr großen Wert, schließlich muss man die Truppe doch erkennen. Das hat ja auch seine Vorteile. Stellen Sie sich mal vor, es gibt wieder irgendwelche Auseinandersetzungen auf dem Bahnsteig, irgendein Kulturbereicherer fühlt sich psychisch unwohl und hat aus reinem Zufall ein Küchenmesser in der Jackentasche – wollen wir da erst lange verfassungsrechtliche Bedenken ausdiskutieren oder den Bundeswehrwehreinsatz im Innern einfach mal machen? Sie können ja noch ein paar Tode abwarten, wenn da plötzlich wieder ein Kind ins Gleis geschubst wird, aber das sage ich Ihnen, wir sind effektiver als Seehofer. Das ist die ordnende Kraft des uniformierten Auftretens. Wenn Sie nämlich Mitfahrgelegenheiten für die Soldaten organisieren würden, damit die auch am Heimatort ankommen und nicht irgendwo zehn Kilometer entfernt oder einen Tag später, dann hätten Sie nicht diesen Sicherheitseffekt, den wir heute brauchen. In Vierreihe zum nächsten Hauptbahnhof, dann hätte sich auch so manches Problem mit unerwünschter Zuwanderung schnell erledigt. Oder was, meinen Sie, hätte das für eine Wirkung, wenn man sich übers Mittelmeer schleppen lässt, und dann wird man hier statt von Bahnhofsklatschern erst mal von einem ganzen Bataillon in Flecktarn empfangen?

Sie meinen doch nicht ernsthaft, dass sich die Bundeswehrangehörigen von der Deutschen Bahn abschrecken lassen? Das haben die ernsthaft ins Feld geführt, man muss sich das mal vorstellen! Wir haben Truppenteile, die waren in Afghanistan und auf der Gorch Fock, denen können Sie weder mit einer defekten Klimaanlage noch beschissenen sanitären Einrichtungen Angst machen. Wenn Sie meinen, dass unsere Soldaten vor dem Bordbistro wegrennen, weil sie keinen Quinoasalat mehr sehen können, dann haben Sie sich aber geschnitten. Die kennen den Feind, oder was meinen Sie, warum wir jahrelang den Laden heruntergewirtschaftet haben? Wenn der Laden jetzt denkt, weil ab und zu ein paar Triebköpfe nicht funktionsfähig sind, weil die Türen entweder nicht schließen, nicht rechtzeitig aufgehen oder sowieso komplett blockiert sind, dann haben die sich geschnitten. Wir überhaupt nichts, was auch nur halbwegs funktionsfähig fliegt oder fährt oder schwimmt, klar!?

Früher hat man ja noch ganze Kompanien ins Theater geschickt, wenn das Haus nicht ausverkauft war. Wenn Sie sich heute ansehen, wie die Züge ausgelastet sind, dann ist es doch viel vernünftiger, dass man sie auch bis zum letzten Stehplatz mit Fahrgästen belegt – so ein Zug, der mit 140 Prozent Belegung auf der Strecke bleibt, ist immer noch viel umweltfreundlicher als hundert Mofas, mit denen man sowieso nicht auf die Autobahn darf.

Wenn wir nämlich jetzt diese ganzen Kosten, die durch die Truppentransport entstehen, auf das Militärbudget anrechnen lassen, dann kommen wir auf die zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die NATO ist zufrieden – wobei wir dabei ja genau genommen auch das Bruttoinlandsprodukt steigern, so dass wir mehr Zug fahren müssen, um die zwei Prozent zu erreichen, und immer so weiter. Aber das ist ein logisches Problem, damit dürfen Sie der Ministerin nicht kommen. Und wenn Sie jetzt noch berücksichtigen, dass die Truppe ja auch irgendwie an die Front kommen sollte, dann haben wir schon mal eine Einnahmequelle für die Bahn gefunden, die einem Einfaltspinsel wie Scheuer nie in den Sinn käme. Mit dem ICE bis an die Front – Räder müssen rollen, na ja, wie auch immer. Und wenn die Bundeswehr bisher immer dazu gedient hat, um der Wirtschaft das Geschäft aufrecht zu erhalten, dann wird man das doch von der Politik auch mal für die Bundeswehr erwarten dürfen, nicht wahr? Da kann die Ministerin in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende der größten Regierungspartei gerne mal die Weichen stellen. Wir müssen rauskriegen, wie man in der Berufsarmee kostenlose Fahrten als geldwerte Leistung versteuert – das kann uns nun wieder der Scheuer verraten, irgendwas muss da bei der Ausländermaut auch gewesen sein in die Richtung – und welche Uniform man da tragen muss, damit die als Fahrkarte gilt. Und ob es da Sitzplätze gibt. Aber so weit sind wir noch nicht. Die Ministerin weiß nicht, was das soll und wie es geht, aber sie weiß wenigstens, dass Deutschland untergeht, wenn wir das nicht schaffen. Wenn das nicht Fortschritt ist, ich frage Sie: was denn dann?“





Perpetuum immobile

11 08 2019

für Erich Kästner

Es waren zehn Länder, die waren sich eins:
den Krieg darf es nimmermehr geben.
Sie schworen zur Gründung des Ländervereins
aufs friedliche, gütliche Leben.

So gingen die Jahre. Die Väter sind tot,
jetzt stellen die Söhne die Weichen
und finden, das manches nach altem Gebot
ganz neu scheint und nicht zu vergleichen.

Es waren zehn Länder, doch dachte sich dies,
das vornehmer war als die andern,
dass es besser jenen Verein schnell verließ,
um freiheitlich weiter zu wandern.

Von jenen neun Ländern, da fühlte sich nun
das kleinste durchaus überflutet
von Menschen, die hätten da doch nichts zu tun.
Was hat man ihm da zugemutet.

Von achten, da dachte sich eins, dass der Krieg
nun lange vorbei und verdrängt sei.
Bevor man aus allen Verträgen ausstieg,
betont man, dass man nun gekränkt sei.

Es waren von allen, historisch gesehn,
noch in dem Verein ganze sieben,
doch wollte ein Land es historisch verstehn,
und ist nur aus Trotz nicht geblieben.

Da waren es sechse. Das eine war stolz
und pries sich als Erbe von Vätern,
die damals geschnitzt waren aus jenem Holz,
das blutig umgeht mit Verrätern.

Von fünfen war eines, das wusste sich satt
und sorgt für der anderen Speise,
doch ließen sie hungern, wer selber nichts hat.
Sie nannten das groß und auch weise.

Es waren noch viere, da zog man den Zaun
um eines wohl hoch, zu verschließen
die Grenzen. Jetzt will man noch Mauern dort baun.
Die haben auch Scharten zum Schießen.

Von dreien, da wählte sich eines sogar
zum Führen den Sumpf der Betrüger.
Die kreischten, das Land sei in höchster Gefahr,
doch wäre bald Krieg, sei man Sieger.

Es sind nur noch zwei, und sie streiten sich wüst,
dass keiner die Spaltung geahnt hat.
Für alles hat keiner von ihnen gebüßt,
nur der, der zur Einheit gemahnt hat.

Dann kam wohl der Krieg. Keiner hatte Geduld,
und kurz war die Wut, lang die Reue.
Natürlich trug keiner daran eine Schuld.
Und wieder begann es aufs Neue.

Es waren zehn Länder, die waren sich eins:
den Krieg darf es nimmermehr geben.
Sie schworen zur Gründung des Ländervereins
aufs friedliche, gütliche Leben.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CDLV)

10 08 2019

Es sprach Bauer Zygmunt in Mallschütz:
„Wenn ich heute wieder in Stall sitz,
liegt’s nur an den Knechten,
die oft auf dem rechten
Weg straucheln und ich vor dem Fall schütz.“

Matīss frühstückt oft in Ugāle,
doch kommt ihm nie Milch in die Schale.
Er pflegt, sich von Beeren
und Saft zu ernähren –
er ist halt mehr für das Frugale.

Der Architekt Jerzy aus Nauten
errichtete prächtige Bauten,
doch wohnt im Gemäuer
kein Mensch. Viel zu teuer.
Die Mieter ihm niemals vertrauten.

Mateo in Little Belize,
der kriegt schon im Bad eine Krise.
Rechtwinkliges störend
und also empörend
nervt ihn eine leicht schiefe Fliese.

Es seufzt Gotthold in Ackermühle
ob einer bedrückenden Schwüle.
Statt nachts sich in Kissen
zu wühlen, beflissen
sucht er in der Wanne nach Kühle.

Es aß neulich Ang in Kolhabi
aus Neugier ein wenig Kohlrabi.
Ihn störte das Milde,
so wählt er das Wilde
und würzt jenen Kohl mit Wasabi.

Malt Anton zur Freude in Streitz,
freut ihn manches Bild. „Andrerseits
schau ich auch dahinter,
im eisigen Winter
passt’s auch, wenn ich manches verheiz.“