Im Auge des Betrachters

17 08 2017

„Der Verband wollte das so.“ Die junge Dame an der Fleischtheke unterdrückte ein Würgen, bevor sie sich umdrehte und schleunigst in Richtung Ausgang verschwand. Den Einkaufswagen ließ sie stehen. „Schade“, murmelte Kennichkeit, „aber wir kriegen das ersetzt. Hoffentlich.“

Mir war ein wenig flau im Magen, aber das lag wohl daran, dass ich schon seit einer Viertelstunde – anders als Kennichkeit, der seit drei Jahren in dieser Filiale arbeitete – diese Filmschleife sehen musste. Ein Kälbchen wurde in den Schlachthof geführt, vielmehr: mit Gewalt getrieben, nach einer halben Minute wurde das, was übrig geblieben war, fachgerecht zerlegt und unter Schutzatmosphäre in Plastikschalen verpackt. „Absolut hygienisch“, schwärmte der Fachmann, „wir könnten damit jeden Preis gewinnen.“ Direkt neben dem kleinen Bildschirm verkündete eine Tafel Hackfleisch im Sonderangebot. „Ist das nicht ein bisschen krank?“ Kennichkeit lächelte. „Ich bitte Sie – wachsen denn Ihre Schnitzel im Balkonkasten?“

Müßig zu sagen, wie das Eierregal ausgestattet war. Neurotische Hühner pickten sich gegenseitig die Schnäbel blutig, eingepfercht in dreckige Käfige aus scharfkantigem Metall. Zwischendurch sah man Mastgeflügel als gackernden Mahlstrom durch die Freilaufzonen treiben. „Das muss man natürlich auch sauber halten“, erklärte mein Begleiter. „Wenn Sie da nicht alles ausprobieren – aber sonst kann man die Preise von elf Cent im Einzelhandel nicht gewährleisten.“ Auch hier im Supermarkt wurde offensichtlich gespart; dieselben Aufnahmen liefen an der Kühltheke mit abgepackten Hühnerbeinen. „So versteht der Verbraucher die Zusammenhänge besser“, erklärte Kennichkeit. „Zumindest hoffen wir, dass er sie irgendwann bemerkt.“ Ich blickte angestrengt auf den Monitor in Augenhöhe. „Und Sie meinen, dass sich die Kunden überhaupt die Schockfilme ansehen?“ Er nickte. „Schauen Sie mal nach oben – genau da.“ Ich bemerkte die Kamera knapp unter der Hallendecke. „Blickerfassung. Wenn Sie nicht lange genug hingeguckt oder dabei die Augen geschlossen haben, dann öffnet sich die Kühltruhe nicht. Wir setzen schon auf zunehmende Messwerte, sonst hätten wir den Versuch nicht branchenintern so angekündigt. Aber kommen Sie, ich möchte Ihnen gerne ein paar überraschende Dinge zeigen.“

Der Gang ans Schokoladenregal erforderte hohe Konzentration. Drei Dutzend Marken mit einer schier unübersichtlichen Anzahl an Sorten waren bis in äußerste Griffhöhe gestapelt, dazwischen ein grellbunter Bildschirm mit Plantagenarbeitern. „Wir haben hier strikt produktbezogen gearbeitet“, gab Kennichkeit zu wissen. „die Kinder, die hier auf den Plantagen beschäftigt sind, ernten tatsächlich nur Kakaobohnen. Drei Viertel unserer Importe kommen aus Ghana und der Elfenbeinküste, wo die Quoten der Kinderarbeiter konstant steigen. Sehen Sie genau hin.“ Konzentriert betrachtete er den kleinen Bildschirm. „Sehen Sie? Etliche der Kinder sind fünf, sechs Jahre alt. Die Kosten sind gut zu beherrschen, und wenn Sie die Arbeitskräfte in so jungem Alter bereits einsetzen, werden sie auch nie in größerem Umfang wegbrechen, weil sie einfach für nichts anderes zu gebrauchen sind.“ Auch über dem Kaffeeregal waren die Bilder zu sehen. „Aber wie gesagt, rein produktspezifisch. Kakao, Kaffee, Gewürze, Schnittblumen, wir haben für alles einen eigenen Erzeugerweg, die Produktionsbedingungen sind jeweils anders. Bei den Blumen haben wir noch echte Sklaverei, rechtlose Frauen in Kenia und Uganda, die für 500 Tonnen Blumen pro Tag bis zum Hals in toxischen Dämpfen stehen und bei einem Arbeitsunfall entsorgt werden wie ein Stück Einwickelpapier.“ Er zupfte die Plastikfolie um die billigen Rosensträuße zurecht, auf dem Monitor sah man, wie sich eine Frau in zerrissener Schürze in einem Gewächshaus heftig auf den Boden erbrach. Die Blumen waren heute Nacht aus der Kühlhalle des Flughafens in einen Großmarkt verfrachtet und mit reichlich Nachlass verkauft worden; in wenigen Stunden würde die Filialleiterin sie in den Müll schmeißen, weil sie nur noch einen Tag lang haltbar waren.

„Sie meinen, das hilft?“ Kennichkeit blickte mich verwundert an. „Haben Sie das Konzept auch wirklich verstanden?“ „Warum denn nicht“, gab ich zurück, „es geht doch um Verbraucheraufklärung, oder? Oder!?“ Sein Lächeln hatte etwas Hilfloses, mit dem ich gar nicht rechnen konnte. „Natürlich, das ist schon korrekt, nur haben wir eigentlich einen ganz anderen Ansatz.“ Er zog mich am Arm, und leicht widerstrebend folgte ich ihm an die Kassen. Hier lagen Zigarettenschachteln in großen Drahtkörben. Kennichkeit griff ein Päckchen heraus und hielt es mir ins Gesicht. „Und?“ „Verstehen Sie denn nicht?“ Vielleicht fehlte mir der Humor, aber ich begriff nicht, was er von mir wollte. „Wenn Sie rauchen“, fing er an, aber ich musste bedauern: ich rauche ja gar nicht. „Wenn Sie rauchen, dann ist es Ihnen irgendwann egal. Sie haben es so oft gesehen, dass es Sie nicht mehr interessiert. Wir setzen auf die Abstumpfung des Betrachters. Meinen Sie nicht, dass das funktioniert?“





Loch an Loch

16 08 2017

„Der ist aber arbeitslos.“ „Woher wissen Sie das?“ „Der ist den ganzen Tag zu Hause.“ „Und?“ „Er ist noch nicht im Rentenalter.“ „Und?“ „Kirchensteuer zahlt er auch keine, könnte also ein Muslim sein.“ „Könnte?“ „Solange wir noch nicht das Gegenteil beweisen müssen, kommt er in die Terrordatei. Ich habe keinen Bock, mir noch ein Weihnachtsgeld durch Nachsicht mit Bombenlegern zu versauen.“

„Der Mann ist Klavierlehrer.“ „Mag sein, ich habe nie behauptet, dass es keine muslimischen Klavierlehrer gibt.“ „Aber Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass seine Berufstätigkeit in ursächlichem Zusammenhang…“ „Wer sich so oft zu Hause aufhält, ist zunächst mal verdächtig.“ „Was macht Ihre Frau eigentlich?“ „Die arbeitet im Home Office. Aber das Haus gehört schließlich mir, da stellen Sie besser keine dummen Fragen mehr.“ „Nicht?“ „Nein. Ist nur in Ihrem Interesse.“

„Die Nachbarn haben Sie eventuell auch schon durchleuchtet?“ „Das ging schnell, der eine hieß Meuthen und die andere Zschäpe.“ „Bitte!?“ „Gute deutsche Familiennamen, da müssen Sie sich nicht aufregen. Sie sollten das langsam mal begreifen, ich bin schon zehn Jahre hier. Ich erkenne einen Verfassungsfeind, wenn ich ihn sehe.“ „Ich mache das schon seit dreißig Jahren.“ „Und, hat es schon genützt? Na also.“

„Haben Sie sich je interessiert, wie das Umfeld einer Person reagiert?“ „Worauf denn?“ „Egal, haben Sie sich je damit befasst, wie die Menschen in Ihrem Fokus miteinander interagieren?“ „Wozu denn? Wenn wir Täter haben, wussten wir immer schon, dass wir es mit muslimischen…“ „Und was waren die deutschen Rechtsextremisten?“ „Wir können doch nicht alle…“ „Was war Freital?“ „… sächsischen Patrioten, die kurzfristig ein bisschen zu viel Vaterlandsliebe an den Tag gelegt haben, über einen Kamm scheren. Da blieb uns gar nichts anderes übrig, als sie fair und rechtsstaatlich zu behandeln, und zwar als bedauerliche Einzelfälle.“ „Warum macht man das nicht mit Muslimen, die aus vollkommen unterschiedlichen Gesellschaften kommen?“ „Das wäre rechtsstaatlich unkorrekt, die haben alle dieselbe islamistische Ideologie.“

„Und mit den fadenscheinigen…“ „Kleines Wortspiel, haha – nee, ich lasse mir unsere Netzfahndung nicht madig machen, nicht von Ihnen!“ „… Motiven wollen Sie immer noch behaupten, dass die miserablen Datenanalysen der Geheimdienste, der Polizei oder der Behörden, die es offiziell gar nicht gibt, weil sie mit beiden in schöner Eintracht zusammenarbeiten, dass diese Knalltüten irgendeinen Erfolg vorzuweisen hätten in der Terrorbekämpfung?“ „Wir sammeln Daten, das ist unser Job.“ „Und dann?“ „Wie, und dann? Wir sammeln Daten, was ist daran so schwer zu verstehen?“

„Und gelegentlich haben Sie auch mit Spionage zu tun.“ „Ich weiß nicht…“ „Doch.“ „… wovon Sie sprechen.“ „Industriespionage. Der Geheimdienst müsste erst noch geschaffen werden, der nicht beidseitig befahrbar wäre.“ „Pofalla ist bei der Bahn, Dobrindt kriegt seine Hämorrhoidenheizung von BMW, wo ist da das Problem?“ „Sie sind noch im Amt.“ „Wir tun ja alles dafür, frühzeitig Stellen freizumachen, aber das ist nicht immer so einfach.“ „Und dennoch werden alle diese Dienste von externen Stellen gewartet.“ „Unsere Behörde zahlt eben nicht so gut. Wenn Sie überhaupt jemanden kriegen, dann ist er halt unqualifiziert.“ „Woran liegt das?“ „Fachkräftemangel.“ „Also in der Führungsetage des Innenministeriums?“

„Jedenfalls werden wir jetzt nach und nach die Kompetenzen der Geheimdienste erweitern.“ „Wäre es nicht besser, deren Kompetenz zu stärken?“ „Was?“ „Was?“

„Wir werden jetzt sehr dünnfädig…“ „Loch an Loch?“ „… die bestehenden Strukturen analysieren. Wenn wir damit fertig sind, können wir und an die Aufarbeitung machen, der dann die Auswertung folgt, nach der wir dann…“ „Immer vorausgesetzt, dass die Regierung Sie dann noch lässt.“ „Da müssen Sie keine Sorge haben, wir betrachten uns als Staat im Staat.“ „Hatten Sie das bisher nicht immer bestritten?“ „Ja, aber.“ „Wie?“ „Wir sind uns relativ sicher, dass die Demokratie in Gefahr ist, aber wir wissen auch als erstes, wer dafür verantwortlich zu machen ist.“ „Und woher?“ „Wir sitzen an der Quelle. Irgendwo muss das technische Wissen halt herkommen.“ „Das heißt letztlich, dass ein Regime…“ „Das ist ein Hirngespinst, wir haben schließlich noch keine Anzeichen dafür entdeckt.“ „… die Mittel nutzen kann, die Sie da gerade aufbauen.“ „Wie gesagt, alles Einzelfälle. Darüber kann man nicht sprechen, und wir müssen darüber sowieso schweigen.“ „Sie interessieren sich also lieber für Klavierlehrer?“ „Man muss für jede sich abzeichnende Katastrophe gerüstet sein, sogar in der Theorie.“ „Auch dann, wenn alle Anzeichen dagegen sprechen?“ „Ich erkenne einen Verfassungsfeind, wenn ich ihn sehe.“ „Ich auch, Kollege. Ich auch.“





Muschialarm

15 08 2017

„… kurz vor dem Untergang stünden. Der weiße, arische Mann, der sich von den anderen Affenarten auf diesem Planeten unterscheide, müsse dringend als bedrohte…“

„… Massendemonstrationen in Deutschland nur mit erheblichem Aufwand stattfinden könnten. Die NPD werde mit sämtlichen Landtagsabgeordneten im Berliner Regierungsviertel gegen den…“

„… als unsinnig auffasse. Die Gesellschaft für bedrohte Völker sei weder für Geistesgestörte noch für die üblichen, mit dem Strafgesetzbuch bereits einschlägig in Kontakt…“

„… es unleugbare Anzeichen dafür gebe, dass der weiße Mann in Deutschland unmittelbar vor seiner gewaltsamen Ausrottung stehe. Inzwischen seien zahlreiche Arbeitsplätze nicht mehr für Personen ohne Berufsausbildung und fachliche…“

„… besonders deutsche Touristen auf Mallorca als Ausländer behandelt würden. Gauland werde diese völkerrechtswidrige Praxis notfalls mit militärischen…“

„… und energisch bestritten habe, dass die Nationaldemokraten zur Durchführung der Logistik ein Transportunternehmen kontaktiert habe, deren Mehrheitseigner Mitglieder der Antifa GmbH und somit zum staatlich organisierten…“

„… fordere Gauland die Kameradschaften zu sofortigen Gegenmaßnahmen auf. Wenn in einer rechtspopulistischen Partei der Führer nicht durch einen arischen Mann, sondern durch eine brünette Frau feindlich belagert werden, müsse man diesen offensichtlich linksschwulen Terror mit jeder…“

„… Transporte der AfD, zumal in östlicher Richtung, traditionell nur auf der Schiene zu…“

„… soziale Brennpunkte zerstört werden müssten, in denen der weiße Deutsche sich nicht frei bewegen könne, ohne von Vaterlandsverrätern gewaltsam angegriffen zu werden. In einem ersten Versuch fordere Weidel, Connewitz, Sankt Pauli und Prenzlauer Berg mit nuklearen…“

„… die Gleichstellungsbeauftragten von Bund. Ländern und Gemeinden umgehend zu entlassen seien. Stattdessen solle das Müttergeld für alle als staatliche Sozialleistung in den ersten sechs Jahren des…“

„… dass die Überfremdung der christlichen Völker zwangsläufig zu ihrer endgültigen Vernichtung durch Tropenkrankheiten führen müsse. Sarrazin habe errechnet, dass bereits in weniger als 830.000 Jahren alle Deutschen einen an Ebola erkrankten Salafisten im näheren…“

„… auch mit der Gegenseite konstruktive Gespräche führen könne. Die CSU wolle sich nicht allen Punkten der Rechtsnationalen anschließen, sei aber für eine wohlwollende Diskussion der stark ausgeweiteten Familienförderung, soweit es sich um die christliche Mittelschicht im…“

„… den reinrassig deutschen Arier auf die Rote Liste setzen lassen wolle. Franz habe angekündigt, das Parteivermögen der Grünen nach deren Liquidation zur Schaffung eines nationalen Nachzuchtprogramms für reinblütige, erbgesunde und nicht durch ausländischen…“

„… die Gespräche ergebnislos abgebrochen habe, da Höcke mit der in Seehofers Antrag als Zielgruppe der Förderung bezeichneten jüdisch-christlichen Kernbevölkerung auf gar keinen…“

„… ob eine Eintragung des Nationalsozialismus als Religionsgemeinschaft Erfolg hätte. Die Partei wolle vorab prüfen lassen, ob die Voraussetzungen, um sich als religiös Verfolgte weiterhin innerhalb der Bundesrepublik im Exil gegen die linksgrüne Junta im…“

„… dass die fiskalische Verrechnung eines laufenden Müttergehaltes mit dem Entgelt des Familienvaters nur auf gesetzlicher Basis erfolgen könne. Die von der AfD geforderte Addition der Transferleistung, die dem Mann zugutekäme, sei dagegen nicht im…“

„… abgelehnt habe. Für Weidel sei der Eintrag auf der Liste bedrohter Haus- und Nutztierrassen auch dann nicht zielführend, wenn sich daraus für die Partei ein Anspruch auf Agrarsubventionen in Höhe von mehreren…“

„… in die Visegrád-Staaten auswandern wolle. Die von Steinbach angestoßene Idee, die von ostisch minderwertigen Rassen an der Ehre des deutschen Blutes begangenen Kriegsgräuel durch eine sofortige Besetzung Polens zu tilgen, sei in der AfD auf breite…“

„… fordere die AfD die steuerrechtliche Behandlung des Mannes als Mutter, was sich auf die Kinderfreibeträge insgesamt…“

„… andererseits freiwillig den Status von rassisch verfolgten Flüchtlingen annehmen müssten, was für die Rechtspopulisten eine nicht zu bewältigende…“

„… Förderung der Zucht und Haltung des hellhäutigen deutschen Mannes nicht entsprochen werden könne, da sich die Arbeitsgruppe der arischen Männer in der Partei entschieden gegen eine zwangsweise erfolgende Überwachung durch das Ministerium für…“

„… den Bundestagswahlkampf mit dem Plakat Deutsche Väter sind auch Mütter sicher nicht gewinnen könne. Die AfD habe der Regierung vorgeworfen, durch gezieltes Chaos in der Gesetzgebung die Freiheitsbewegung für deutsches Leben willkürlich vom Einzug in den…“

„… es sich überwiegend um minderwertige Bevölkerungsschichten handele, die arbeitsscheu und multikriminell seien. Poggenburg sei in Guben umgehend wieder über die deutsch-polnische…“





Brrmmm-Brrmmm

14 08 2017

„Das ist da aber nur für den Tundra GLS und die Sondermodelle mit Sportfahrwerk. Der Rest ist im Stadtverkehr vorbildlich, im Stau hört man den kaum, und wenn Sie den Savanna XL mit Benziner bestellen, der ist fast noch besser, wenn er nicht zufällig schlechter ausfällt.

Sie können gerne mal reinhören, wie laut die Dinger im Stand sind, wir haben hier jede Menge auf dem Parkplatz stehen. Da können Sie dann gerne mal eine Probefahrt machen, natürlich nur bei Schrittgeschwindigkeit – regen Sie sich ruhig auf, aber das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, und wir haben nicht vor, aus Sicherheitsgründen unser Personal zu gefährden. In Deutschland gehen wir mit dem Thema sehr sensibel um.

Also der Tundra GLS ist bei 50 Kilometern pro Stunde – und innerhalb geschlossener Ortschaften bewegen sich unsere Kunden auch nur mit dem Tempo, das wissen wir ganz genau, wir haben da nämlich zweimal nachgefragt in den letzten Jahren – bei 50 wie gesagt ist der gar nicht so laut. Der Eingriff in die Klappensteuerung und das mit den Rohren, die mehr oder weniger Störschall filtern, das kommt ja erst, wenn der Wagen schneller fährt. Aber das ist dann eben außerhalb geschlossener Ortschaften, und da frage ich Sie direkt mal: muss man in seiner Freizeit direkt an der Autobahn stehen und sich über die Geräusche aufregen? Das macht hohen Blutdruck, da atmen Sie am Ende noch zu viel Feinstaub ein, und niemandem ist damit geholfen. Außerdem stehen da eh schon die Lärmschutzwände, also können wir uns das auch sparen.

Klar, es gibt auch Grundstücke, die direkt an der Straße liegen, teilweise liegen die direkt an der Autobahn. Also wenn der Makler in der Anzeige etwas von optimaler Verkehrsanbindung schreibt, dann wollen Sie die Wohnung, und wenn auf der Straße aus Versehen Autos fahren, dann ist es Ihnen auch wieder nicht recht? Wie fliegen Sie eigentlich ohne Flugzeug? Und haben Sie keine Kinder, die mal auf den Spielplatz gehen? Reden Sie sich nur raus, das wird alles gegen Sie verwendet!

Jedenfalls ist das technisch gar nicht anders möglich, wenn Sie mit einem Auto, jedenfalls mit einem Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotor, wenn Sie da schnell fahren wollen, dann müssen Sie eine gewisse Geräuschentwicklung einfach mit in Kauf nehmen. Und die ist nicht vollständig unerwünscht, die ist im Zuge unserer Mobilitätsgesellschaft zu einem unverzichtbaren Teil öffentlicher Sicherheit geworden. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der auf der Straße – da wird nicht nur gewohnt, da bewegen sich Menschen teilweise auch außerhalb der Fahrgastzelle – einem Auto begegnet. Als kleines Kind, als alleinerziehende Mutter über 30, das sind so Zielgruppen, die wir unter unseren Kunden eher selten antreffen, die wollen doch eine möglichst frühzeitige und sicherheitsspezifische Warnung haben, oder? Da hilft ihnen der sonore Sound eines Zwölfzylinders, den ignorieren Sie nicht. Kann sein, dass die Fahrweise auch innerhalb geschlossener Ortschaften das akustische Bild der Straßen prägt, aber zumindest weiß man: wenn da was bollert, dann ist es ein Auto. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Unfallzahlen in einer vollständig auf Elektromobilität umgestellten Stadt aussehen.

Und dann natürlich das Fahrgefühl, das ist ja nicht nur das Lederlenkrad oder die elektronische Fahrdynamikregelung. Sie wollen auch dieses auditive Erlebnis, das mit Ihrem Auto kommt, dieses Brrmmm-Brrmmm, das ist wie ein Erkennungsmerkmal von Marke und Fabrikat, und das macht doch das Fahren erst zum Fahren, oder? Das geht bis zum Schallschwingungserlebnis, wenn Sie die Tür zuschlagen, da trennt sich Pappe von männlichem Stahl!

Das kann man auch regeln, wir hatten für den neuen Pampa Gran Tour ein ausgeklügeltes System mit Motoraufhängungsvarianten und zuschaltbaren Krümmern im Ansaugtrakt geplant, aber das Ding reagierte völlig falsch. An der Ampel macht das Teil einen Lärm wie eine Klimaanlage in Kabul, und auf der Schnellstraße müssen Sie alle paar Sekunden nachgucken, ob der Motor noch läuft. Schrecklich, sage ich Ihnen. Unsere Testfahrer hatten traumatische Erlebnisse, manche meinten, sie säßen auf dem Fahrrad. Das kann empfindliche Lücken in die Kundenbindung reißen, und wer erklärt dann dem Dobrindt, wo die Arbeitsplätze hin sind?

Übrigens verfolgen wir nur die offizielle Politik der Bundesregierung, und unsere Kanzlerin ist nun mal Physikerin. Der können Sie nichts vormachen, die weiß nun mal, wie physikalische Prozesse eben so ablaufen. Uran strahlt? Haste nich gesehn! Aus der Braunkohle kommt Kohlendioxid? Wer hätte das gedacht! Ein Explosionsmotor funktioniert mit Explosionen, schon mal gehört? Die Kanzlerin hat das offensichtlich zur Kenntnis genommen und allem Anschein nach hat sie es auch verstanden. Der muss man das nicht erklären, die versteht das von sich aus. Das liegt bei ihr an der Geschichte. Die war mal real-sozial-istisch, sozial ist weg, und mit dem Rest kommt man ganz gut klar. Also wir als Industrie, und das zählt doch, oder?“





Murkelmanns Erlebnisse (III)

13 08 2017

Murkelmann ist beim Frisör.
Der macht ihm das Leben schwer,
da er, sobald man sich setzt,
ohne Punkt und Komma schwätzt.

Schweigend harrt nun Murkelmann,
hört sich Klatsch und Unfug an,
den der junge Hairstylist
wasserfallgleich auf ihn gießt.

Freudig und zum erste Mal
lässt den Kopf er scheren kahl,
kauft ein Mützchen noch dazu
und hat für zehn Wochen Ruh.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLV)

12 08 2017

Alžběta fand in Ober Wittig
den Mietvertrag doch äußerst strittig.
„Die Fenster, so lug ich,
sind doch reichlich zugig,
und für eine Miete, da kitt ich.“

Richard formte in Fond du Sac
Bouletten ganz aus Erdbeerhack,
dass Hipstern es munde,
ganz ehrlich: im Grunde
schielt er auf das Geld, statt Geschmack.

Kateřina blickt in Neustift
beim Darten streng, wenn sie nicht trifft.
Es war nicht die Scheibe,
die Pfeile nicht, bleibe
die Ausrede noch: „Oh, Ihr pfifft!“

Madeleine, die hatte in Buc
beim Lotto unfassbares Glück.
Doch kann ihr nach Jahren
dies niemals ersparen:
beim Puzzle fehlt ihr stets ein Stück.

Markéta betrachtet in Pladen
das Tuch, und zwar Faden um Faden.
Bei Kette und Schuss ist
schnell klar, hier ist Schluss.
Sie sieht all dies nur auf den Schaden.

Vytautas berichtet in Jūrė
von Wagen, die sich für die Fuhre
nicht gut vorbereitet.
Zur Tat er dann schreitet
für jeden, der etwa nicht spure.

Dass Milan bei Hausbau in Ratsch
die Steine oft lagert im Matsch,
dazu auch die Bretter,
das liegt nur am Wetter
und ist auch ansonsten nur Klatsch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXII): Betroffenheit

11 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alarm! Weltuntergang! Wir müssen uns dem Thema mit der nötigen Sensibilität nähern, weil das macht etwas mit uns! Schön, dass wir mal über den ganzen Schmodder geredet haben. Einfühlsam und verletzlich packen wir die Handgranaten zurück in die Küchenschublade – warum eigentlich? – und finden das dufte, wie wir auf uns selbst eingehen. Das mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein und die Identifikationskiste, das ist auch irgendwie voll schön, wie wir uns so total einbringen können, und schon haben wir da ein Problem: wir sind betroffen. Nein, wir sind nicht betroffen. Aber wir wollen es sein. Wir sind jetzt betroffen, und wehe, wenn nicht!

Weil die verdammte Stallwärme längst aus der Sprühdose kommt, dieses Erfahrungsding in einer selbst verschuldeten Parallelexistenz der Knalltüten aus dem Hintergrund. Weil die Beknackten in alles, alles ihre verfluchten Nasen reinstecken müssen, was nicht schnell genug den Hammer rausholt. Im Allgäu wächst kein Mais? Friedensdemo! der Erstschlag muss her! Die bigotte Bizarrerie der Berufsaufgeregten duselt offiziöse Gefühle in die Gegend, und das aus gutem Grund. Mitnichten sind sie ansatzweise informiert über das, was sich in diesem Wirklichkeitsdingsi tut, also sprachröhren sie ihre verwirrte Gestrüppversion der Tatsachen in die ansonsten unbeteiligte Außenwelt, in der festen Überzeugung, jeder Halbaffe habe sein Leben lang auf ihre Absonderungen gewartet.

Der Flow, wissenschon. Irgendwann suppt alles in die untere Etage durch, auch Brackwasser sucht sich seinen Weg, und das weiße Rauschen kennt schon aus Prinzip kein Mitleid. Dass derart massive Kontingente an Hominiden ohne nennenswerte Anzeichen von Existenz auf diesem Planeten vor sich hinvegetieren, das hätte man auch nicht ahnen können. Allein die psychosozialen Folgekosten hat mal wieder keiner auf dem Schirm gehabt. Alle sind betroffen, kräht’s ideologisch durch Bodennebel und Sumpflandschaft, wer würde sonst mit uns reden? und wozu auch?

Wenn alle Hunde heulen, die nachweislich nicht getroffen wurden, ist die Angelegenheit kurz und geschmacklos geklärt. Die Kaugummivokabel aus den absaufenden Siebzigern ist das Motiv, sich zum Sprung in der Schüssel schnell einen eigenen Jargon zurechtzuschwiemeln. Das Medium ist die verkorkste Botschaft, eine gründlich vergammelte Hohlhupe nach der anderen engagiert sich in der Späteifel für den Vietkingkong oder muss mal ganz gewaltfrei ausdiskutieren, ob die Beziehung in der analytischen Sicht sich vom Gleichgewicht her in die Auseinandersetzungsebene integrieren lässt. Den Quadratquark kann man auch verlustfrei rück- oder seitwärts sprechen, er wird dadurch nicht weniger überflüssig.

Vom Mitgefühl des Mitbetroffenseins – der von den bösen Bullen wegen nur eines Scheckbetrugs verhaftete Kumpel hatte eine schwere Kindheit, man selbst kam aber auch aus Bad Gnibtzschen, da zwängte sich die Parallele quasi auf – kleckerte es ansatzlos in die Mitberührtheit des so gut wie schon engagierten Tuns, kurz: wenn es einen Grund gibt, hüpfen wir mit von der Brücke. Duzer dümpeln durchs Land, was weiland waren Wut und Trauer, ist jetzt ganz unten angekommen. Die degenerierte Spezies wuchert direkt in die Plage des aktuellen Jahrtausends, den besorgten Bürger – das eine ist er nicht, das andere noch viel weniger – in seinem bis dato unbestrittenen Revier, der unhinterfragten Beklopptheit. Auch er lässt viel Müll unter sich, man hat ihn nur nicht auf der Rechnung, da man keine Ambitionen hat, diesen sportlichen Ansatz um den intellektuellen Nulldurchgang nicht mehr als nötig zu gefährden. Auch sie reißen die Fresse bis zum Anschlag auf, wo nur Geruch herauskommt. Auch sie haben nichts zu sagen, da sie nicht, nie, nicht betroffen sein können – auf ihrer Straßenseite leben keine Dinosaurier, also quaken sie ihre ganze, verschissene Inkarnation lang über nichts anderes – und gehen ihrer Mitwelt in toto auf die Plomben, dass es seine Bewandtnis hat. Sie müssen sich als Randfiguren mit Geplärr ins Zentrum hebeln, sonst wäre ihnen das Nutzlose ihrer vegetativen Versuche längst aufgefallen. Je lärmer, desto wichtig.

Haben sie nicht alle irgendwann mit dem Filzer an der Klowand angefangen und sich dann darüber geärgert, dass sich niemand für ihr peinliches Selbstmitleid interessiert? Hat ihr geistiges Hobeln an der Grasnarbe je den Gedanken gestört, sie seien als Verbrauchsmaterial der bourgeoisen Schicht im vorauseilenden Gehorsam gut geschulte Deppen? Haben diese Empfindlichkeitsmasochisten je den Eindruck erweckt, die eigene Lage auch nur im Ansatz zu kapieren?

Ein kleiner Traum bleibt: Adorno nimmt die Handgranaten aus der Schreibtischschublade und schlenzt eine nach der anderen auf die Bühne. Bis sie davon alle voll total betroffen sind. Irgendwie.