Sozialdramen

2 05 2021

So kann man die Wirtschaft natürlich auch retten: wer bislang als Kulturschaffender pandemiebedingt nicht in seinem Beruf arbeiten kann und sich durch Nebenjobs vor dem Absturz rettet, darf im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung bis zu 450 Euro verdienen, da ihn sonst die Künstlersozialkasse vor die Tür setzt. Etwa 200.000 Personen sind in dieser Institution Mitglied, die den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungskosten bei schwankenden und geringen Einkünften ausgleicht. So werden die Fleißigen nicht nur bestraft, ihre Existenz wird von der gesetzlichen Versicherung persistent beschädigt und letztlich zur Strecke gebracht – wer braucht schon Konzertsänger, Tänzer oder Pianisten. Der halbherzige Vorschlag des wie immer intellektuell überforderten Ministers Heil zur Anhebung der Zuverdienstgrenze ist angesichts der immer noch im Planungsstadium befindlichen Nothilfen für die Tonne. Besser wäre es doch, die von Klöckner auf 102 Tage erweiterten sozialversicherungsfreien Spargeleinsätze für einen Hungerlohn an deutsche Schauspieler zu vermitteln, damit die gewohnten Sozialdramen auf dem Feld der Ehre stattfinden. Sogar die bösen Rumänen braucht’s nicht mehr, damit für Laschets Propaganda Krätze nach NRW eingeschleppt wird. Was müssen diese Artisten auch Geld verdienen wollen Applaus reicht doch. Sieht man ja an den Pflegern. Alle weiteren Anzeichen, dass die Wirtschaft gut durch die erste Pandemie kommt (und die Politik daher nichts gegen weitere hätte), wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • baerbock einfamilienhäuser: Wer CDU wählt, kann sich gar nicht erst eins leisten.
  • merz theorie: Praktisch ist er ja auch für nichts zu gebrauchen.
  • kanzlerin kinder: Wenn Deutschland jetzt plötzlich familienfreundlich wird, wer wandert dann aus?
  • masken korruption: Wer mal darüber nachgedacht hat, warum die Politik sich so gegen eine Fertigung im Inland sträubt, weiß wohl inzwischen, wo die Spur des Geldes verläuft.
  • laschet opus dei: Eine Sekte, in der man sich eiternde Wunden zufügt, Kinder missbraucht und für die Vernichtung des Weltjudentums betet, ist sicher genau die Art Christentum, mit der man NRW und Deutschland regieren kann.
  • ausgangssperren: Legen Sie Altmaier quer vor die Tür, dann kommt wenigstens auch keiner mehr rein.
  • söder kanzler 2021: Ist das Jahr etwa schon vorbei?
  • querdenker tatort: Bei einem kommen nicht genug Leichen vor.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXLI)

1 05 2021

Man hört Jean-Jacques in Parfondrupt,
wenn er nachmittags Geige übt.
Es wird auch berichtet,
dass die Frau rasch flüchtet,
da sie, was er spielt, zu sehr liebt.

Francisco stolpert in Carral
im Rathaus. So kommt er zu Fall,
was ganz ungeheuer:
man hört durchs Gemäuer
den lange anhaltenden Schall.

Bernard schließt am Motor in Ohlungen
die Batterie an, doch die Polungen
sind ihm nicht geläufig.
So irrt er sich häufig
und braucht recht viele Wiederholungen.

Es trank Beñat in Fermoselle.
„Indem ich fortwährend bestelle,
muss der Wirt einschenken,
und wird niemals denken,
dass ich bei ihm die Zeche prelle.“

Es lässt Églantine sich in Hecken
am Morgen stets um sieben wecken,
doch liegt sie bis zehne
im Bett und macht Pläne,
was sie tun soll nach dem Aufdecken.

Miguel trainiert oft in Ramil
im Garten für das Fußballspiel,
läuft, dass er erstarke –
er tritt auf die Harke
und macht Bekanntschaft mit dem Stiel.

Nie gibt’s bei Éric in Ottrott
zum Nachtisch ein bisschen Kompott.
Die Schwestern, in Züchten,
kochen aus den Früchten
im Garten nur Saft. Ein Komplott!





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXII): Hoffnung auf die Apokalypse

30 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seitdem seine Sippe nicht mehr auf, sondern nur noch in der Nähe von Bäumen hauste, hatte Rrt die Angewohnheit, mit milder Skepsis in die Zukunft der Hominiden zu blicken. Gewiss, es gab ständig neue Erfindungen – Schwager Uga hatte kürzlich einen Faustkeil mitgebracht, einer seiner Söhne war mit dem Flechten von Birkenbast beschäftigt, und das lederne Gluttäschchen war aus dem modernen Mehrsippenhaushalt auch nicht mehr wegzudenken. Aber hatte dieses Dasein nicht längst seinen Zenit überschritten? War nicht alles nur Ablenkung, dass die Evolution sich offenbar auf dem absteigenden Ast befand und das Ende der Menschen, so wie sie sich selbst begriff, nur noch eine Frage der Zeit sein sollte? So dachte der Alte und so denken nicht eben wenige noch heute, oder: heute wieder und erst recht, denn sie haben scheint’s Anlass dazu. Am liebsten wäre es ihnen, der ganze Karneval wäre endlich vorüber. Dann gäbe es Hoffnung auf die Apokalypse.

In was für einer beschissenen Welt wir gerade leben, muss man doch ernsthaft keinem erklären – der Planet erwärmt sich, während die Politiker mit letzter Verzweiflung ihre Taschen füllen, ganze Generationskohorten auslöschen, nichts dagegen unternehmen, dass das Bier immer teurer wird und die Damenmode zu einer Art Brechmitteleinsatz für zu schwache Nerven. Es soll Supermärkte geben, in denen man samstags nach achtzehn Uhr keinen frischen Spargel mehr bekommt. Der soziale Druck wird immer größer, sich ständig neue Telefone und Straßenpanzer anzuschaffen. Man kann sich zwar zwei Wochen Malle leisten, aber es gibt keinen einklagbaren Platz am Pool. Dazu leben wir in einer Diktatur, die derart diktatorisch ist, dass man vor laufender Kamera sagen kann, man lebe in einer Diktatur. Es wird Zeit, dass der Planet verdampft.

Was auch immer sich die Grützbirnen im Suff aus dem Stammhirn schwiemeln, sie verwechseln zwei Dinge: man kann das Schlechte in der Welt sehen, man kann sich damit abfinden oder nicht, aber man kann es auch aus der eigenen Lust am Untergang zulassen, fördern, herbeireden. Je mehr der Doofe die schrecklichen Begleiterscheinungen seiner im historischen Vergleich dufte verlaufenden Durchschnittsexistenz als Fetisch umtanzt, um nur ja nichts daran ändern zu müssen, desto mehr hat er auch einen Grund, irgendwann zuzusehen, wie sich der Rest der bigotten Bizarrerie in Dünnluft auflöst. Es ist damit die angenehme Rechthaberei gesichert, nichts unternehmen zu müssen, da ja alles sowieso in die Grütze geht. Wie schön für Menschen, denen außer Selbstmitleid nichts mehr einfällt.

Wenn immer mehr Politiker sich als glitschige Gnome herausstellen: wählt sie ab und lasst sie in der Versenkung verschwinden. Beleidigt die Niveauuntertunnelung von Talkshowlaberern den Intellekt des gemeinen Sofahockers: schaltet die Glotze ab. Nervt das Gesülze grenzdebiler Schnackbratzen auf der Jagd nach Aufmerksamkeit: schenkt ihnen eine Tüte Vollignoranz. Statt über die ekligen Schröcklichkeiten einer von Knalldeppen erzeugten Mistwelt zu greinen, die man eigentlich nur zu Klump kloppen kann, wie wäre es mit der einfachen Lösung, blutdrucktreibende Nervzwerge durch unverbindliche, aber stumpfe Gewalt aus der Reichweite zu katapultieren, damit sie niemandem mehr auf den Zwirn gehen können? Ist nicht dieses Dasein gleich viel schöner, wenn man einem der unzähligen Flusenlutscher die Tür von außen zeigt?

Nicht positives Denken als Allheilmethode hilft gegen die zwanghafte Zernichtung, die sich als neurotischer Nährboden von Weltschmerz, Gram und allerlei Leiden erweist, sondern konstruktives. Gegen den Spießer, der aus Tran Trauerflor am Schlafanzug trägt, helfen keine Durchhalteparolen; er würde sie selbst nicht durchhalten. Gegen diese Spezies, die nur dann behaglich in den Regen guckt, wenn sich alles gegen ihn verschworen hat, um ihm das Leben schwer zu machen, brauchen wir Lösungen. Wobei der schwermütige Schwachmat für jede sofort ein Problem basteln wird.

Fast hat er gewonnen, der Fadfinder, der die vielen Schwierigkeiten einer komplexer werdenden Welt in ihrer klebrigen Zusammenballung für eine Aufforderung zur Kapitulation hält. Sicher sieht er auch die Unausweichlichkeiten, Einkommensteuer, Brotpreis und Tod, als persönliche Beleidigung. Es bleibt ihm nur der platte Populismus, dass früher alles besser war, wofür es logischerweise einen Sündenbock geben muss, und schon weimert der Beknackte, dass er von populistischen Hackfressen umgeben ist, die große Probleme auf unsinnige Lösungen herunterbrechen. Die Apokalypse ist da, und der Nieselpriem freut sich heimlich, dass es gar nichts zu freuen gibt. So tiefe Befriedigung ließe sich nur mit Optimismus gar nicht erzeugen.

Es gibt Tage, an denen leben diese Menschen vom Prinzip Hoffnung. Manchmal entwickeln sie eine Art Zuversicht, die sich auf die großen und bahnbrechenden Entdeckungen der Zivilisation berufen: der menschliche Geist ist größer als alle Furcht. Es gibt so vieles, das uns weitergehen lässt. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt der Apokalyptiker. Aber sie stirbt. Alles wird gut.





Die Zukunft beginnt jetzt

29 04 2021

„Die Zukunftsfähigkeit ist ein entscheidender Teil von Markus Söders Politik. Deshalb hat er sich früh entschlossen, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit in seine Agenda zu integrieren, und das passt gut zu einer Partnerschaft mit den Grünen auf Bundesebene. Außerdem muss man als Christsozialer natürlich in den jungen Milieus der progressiven Bevölkerung präsent bleiben, aber das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt.

Sie dürfen das nicht als Anbiederung verstehen, Markus Söder ist nun mal ein Politiker mit einem gut funktionierenden Gespür für Menschen, denen er Verantwortung zutraut und die er für geeignet hält, hohe Staatsämter auszuüben. Wenn er sich für jemanden ausspricht, dann meint er das ernst und kann sich da eine konstruktive und zielführende Zusammenarbeit zum Wohle des ganzen Volkes gut vorstellen. Genau deshalb begrüßt er ja auch die Kandidatur von Annalena Baerbock.

Wie gesagt, Zukunft spielt hier eine große Rolle. Für Markus Söder ist es deshalb auch relativ egal, wer unter ihm gerade Kanzlerkandidat der Union ist. Er hat sich für einen progressiveren Ansatz von Bundespolitik entschieden und wird das auch bis zur Wahl deutlich kommunizieren. Das wird dem Anspruch der Union auch gerecht, ein Ergebnis von mindestens dreißig Prozent zu erzielen – sollte das nicht der Fall sein, müsste man natürlich dann noch mal überlegen, ob der Kanzlerkandidat wirklich für die Zukunftsziele der Union geeignet ist. Wenn nicht, dann kann man die Personaldebatte ja noch einmal neu beginnen, Markus Söder jedenfalls ist dazu gerne bereit.

Aber so weit muss es auch gar nicht kommen, denn wenn wir uns die Ziele seiner Regierung mal ansehen – jetzt nur mal rein theoretisch, er ist ja nicht der Kanzlerkandidat der Union – dann ist da zum Beispiel die paritätische Besetzung der Ämter mit Frauen und Männern vorgesehen, und für ihn muss ein Bundeskabinett die Realität der Migration abbilden. Das ist mit den derzeitigen Anwärtern auf das Kanzleramt nicht zu machen, am wenigsten mit Armin Laschet. Aber sehen Sie, Markus Söder ist zukunftsorientiert, er sieht schon eine Chance für die Union, wenn man nach der Wahl Armin Laschet als Kanzlerkandidat ablöst. Oder möglicherweise schon vor der Wahl. Die Zukunft beginnt ja jetzt, das machen sich manche politischen Vertreter nicht so ganz klar. Und da ist es doch gut, wenn man die Verantwortung einem überlässt, der das begreift.

Denn man muss sich mal überlegen, warum so viele Menschen, gerade die jüngeren, plötzlich grün wählen. Armin Laschet hat auch nur zehn Jahre gebraucht, um festzustellen, dass auf einmal alle über den Klimawandel reden. Markus Söder war sogar noch ein bisschen schneller, der hat als erster in der CDU gemerkt, dass der plumpe Populismus von Alexander Dobrindt gegen die Grünen und ihre Umweltschutzziele vor allem eins ist: plumper Populismus. So ein Nachdenktempo haben Sie in der Union sonst nur in Ausnahmesituationen, wenn zum Beispiel Armin Laschet sich neue Namen für irgendeinen Lockdown einfallen lässt. Das ist jetzt ein bisschen ungewöhnlich – ein Politiker kriegt etwas mit, und dann reagiert er nicht nur, er will sogar etwas unternehmen – und das passt auch gar nicht ins politische Profil der Union, aber wenn er nun mal sieht, dass die Grünen das tatsächlich so machen können und auch noch Erfolg damit haben, integriert Markus Söder das in sein zukunftsfähiges Programm. Damit ist er sogar dann noch politisch anschlussfähig, wenn sich irgendwann die Wähler gegen andere populistische Kräfte wie die FDP oder die AfD entscheiden.

Mit den richtigen Entscheidungen und richtigen politischen Kalkül könnte es ja durchaus so sein, dass die Grünen sich an die Union annähern, und dann wäre mittelfristig eine Koalition mit ihnen möglich, die Markus Söder als Wunschkandidat der Naturschützer anführt. Dazu muss man eben auch strategisch denken können, und das kann Markus Söder mit seinen Zukunftsplänen jetzt schon in die Wege leiten. Deshalb hat er jetzt ja schon eine neue Kandidatur als außerordentlich unwahrscheinlich bezeichnet, und Sie wissen, was das für Markus Söder bedeutet: er geht davon aus, dass Annalena Baerbock ein bisschen länger im Amt bleibt, denn mal ehrlich, können Sie sich Armin Laschet als Bundeskanzler vorstellen?

Dieser Realismus, mit dem Markus Söder seine Zukunftsvisionen gleichzeitig wieder politisch als durchführbar und glaubwürdig macht, diese Art ist es, die ihn langfristig für die Union unverzichtbar macht. So einen Regenerationsprozess, wie ihn die Partei nun durchlaufen muss, den kann man nur mit einer klaren Vorstellung von Zukunft planen und durchführen. Wenn das bedeutet, dass die Union in viel mehr Strukturen nachhaltig und modern wird, mehr wagt, mehr auf die Bedürfnisse der Menschen eingeht und deren Lebenswirklichkeit als Basis für ein tragfähiges Programm nimmt, dann ist das doch eine großartige Perspektive. Ist es nicht durchaus vorstellbar, dass in der Union jetzt mehr junge Menschen sich an Markus Söder als Vorbild für eine gute Zukunft der Partei orientieren, dass auch junge Menschen erst in die Partei eintreten, um sich für Deutschland und die Zukunft zu engagieren, weil sie diese Hingabe, dieses Commitment als Ansporn sehen?

Okay, Markus Söder findet auch, dass Armin Laschet eine gottverdammte Arschgeige ist, die sich den Absturz in die endgültige Bedeutungslosigkeit mehr als verdient hat. Aber das hat doch nichts mit Politik zu tun, oder?“





Strahlenatome

28 04 2021

„Halten Sie Ihren Ausweis bereit.“ Siebels schmiss den Plastikbecher in den Papierkorb vor dem Eingang und klingelte an der Pforte. Ein Surren kündigte den Türöffner an. Wir betraten die Anstalt und gingen auf die Pförtnerloge zu. Der Mann mit der Schirmmütze winkte uns mit einer müden Handbewegung durch. Das also war es.

Ich sah mich um. „Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt“, bekannte ich. „Vermutlich mit vielen schweren Türen und vergitterten Fenstern“, knurrte der Fernsehmacher. „Sie verwechseln es mit einem Gefängnis, aber da sitzen ausschließlich geistig gesunde Menschen.“ Er hatte ja recht. In dieser geschlossenen Abteilung bewahrte man die schweren Fälle auf. Vollkommen friedlich saßen zwei Männer in der Sonne, während eine Frau an der Mauer entlang spazierte. Unvermittelt stand die Leiterin vor uns. „Sie sind pünktlich“, stellte sie fest. „Das weiß ich zu schätzen, wir haben hier alle Hände voll zu tun mit unseren Patienten.“

Sie führte uns nach unten in den Innenhof, der auf dem Niveau des Kellergeschosses angelegt war. „Seien Sie bitte vorsichtig“, riet sie. „Man sieht ihnen nicht unbedingt an, ob sie gerade einen Schub haben.“ Jetzt fiel uns auf, dass einer der Insassen eine Taucherbrille trug. „Herr Kistner“, mahnte die Ärztin, „Sie haben schon wieder Ihren Mundschutz nicht korrekt angelegt.“ Der Angesprochene sprang auf. „Sie haben die Strahlung angestellt“, schrie er. „Da kommen Strahlenatome aus der Maske, die für die Fernsteuerung programmiert sind.“ „Einer unserer leichten Fälle“, bestätigte die Leiterin. Ich stutzte. „Es gibt hier keine großen Überraschungen, bei ihm wissen wir immer, was er sagt.“ „Sie will mich fernsteuern“, kreischte Kistner. „Dafür zahlt der Stromminister von China hundert Milliarden pro Atom!“ „Gut“, meinte Siebels. „Ich weiß noch nicht, ob wir damit arbeiten können, aber ich kann mir wenigstens schon mal einen Eindruck über Ihre Einrichtung verschaffen.“

Während die Leiterin den immer noch tobenden Kistner zu beruhigen versuchte, gingen wir in den Hofgarten hinein. „Würden Sie mir vielleicht auch verraten, was wir hier gerade suchen?“ „Nur die Ruhe“, antwortete Siebels. „Wir sind ja gerade erst angekommen.“ Und er ging weiter, bis er an der Mauer angelangt war. Die Frau hatte sich auf eine Bank gesetzt und blickte in den Himmel. „Es gibt im Augenblick nur Tarnflugzeuge“, sagte sie. „Die anderen hat Merkel verbieten lassen, weil sonst die Verträge mit dem Islam ungültig sind.“ „Sehr gut“, frohlockte Siebels. „Sehr gut, damit können wir arbeiten. Kommen Sie, es lohnt sich.“ Die Leiterin hatte noch immer genug mit dem schreienden Mann zu tun, ich setzte mich auf die Bank gegenüber. „Die Wolken werden jetzt einzeln ionisiert durch Geschwindigkeitsaufladung“, sagte die Patientin. „Dann können die Chemtrails von alleine bis nach Afrika ziehen.“ „Interessant“, meinte Siebels. „Sie glauben mir nicht“, argwöhnte sie. „Dabei haben Sie sich damit vorher noch nie beschäftigt und wissen wahrscheinlich auch nicht, dass es diese Megasäuren nur gibt, weil Merkel sie im Islam hat entwickeln lassen.“ Siebels räusperte sich. „Was ich noch nicht ganz verstehe, wenn es nur noch diese unsichtbaren Flugzeuge gibt, warum hat man sie nicht schon viel früher eingesetzt? Dann wäre doch der Plan nie rausgekommen.“ Sie sagte nichts. Die Leiterin kam herüber. „Regen Sie Frau Trischke bitte nicht zu sehr auf.“ Siebels musterte die Dame. Sie dachte offenbar gerade angestrengt nach. „Das Geld musste ja erst gestohlen werden“, gab sie zurück. „Dazu haben sie Corona erfunden, Merkel und die Islamiker, und dann werden von denen, die im Krankenhaus sind, die Wohnungen durchsucht und das Geld gestohlen, und jetzt gibt es allein in Berlin hunderttausend unsichtbare Flugzeuge.“ „Es reicht jetzt“, drängte die Leiterin. „Sie ist sonst den ganzen Abend wieder so unruhig.“

Siebels ging noch ein bisschen durch den Garten und sah sich den Springbrunnen in der Mitte an, der leise vor sich hin plätscherte. „Jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie hier suchen.“ „Experten“, sagte er. „Keine Talkshow ohne Experten, das wissen Sie dich genau so gut wie ich – nur, dass wir das ein neu interpretieren werden.“ Ich war verwirrt. „Sie wollen diese Wahnsinnigen allen Ernstes in ein Fernsehstudio mit Politikern und Wissenschaftlern setzen?“ Siebels nickte. „Als Betroffene.“ Ich verstand überhaupt nichts mehr. „Schauen Sie“, sprach er. „In einer Sendung über Rassismus fällt den Produzenten nichts Besseres ein, als einen Nazi in die Diskussionsrunde zu setzen. Geht es um den Pflegenotstand, holen sie eine Aktionärsarschgeige, die gerade als Gesundheitsminister versagt. Wir werden in den kommenden Wochen noch genug Formate haben, in denen die explodierenden Zahlen der dritten, fünften, dreizehnten Welle durchgekaut werden.“ „Und Sie wollen jetzt…“ Er nickte. „Wir setzen Frau Trischke ins Studio und lassen sie in aller Ruhe ihren hirnverbrannten Blödsinn reden. Viel hirnverbrannter als ein CDU-Kanzlerkandidat kann man nicht sein, und vielleicht öffnet genau das den Zuschauern die Augen.“

Er besprach noch etwas mit der Leiterin, machte sich eine kleine Notiz und blickte dann auf die Uhr. Dann verabschiedete er sich und ging wieder herauf ins Erdgeschoss. Siebels machte einen durchaus zufriedenen Eindruck. „Einen Abend pro Woche“, verkündete er. „Dafür bekommen wir sie auch exklusiv.“ Und er lief auf den Eingangsbereich zu, wo der Pförtner zwei Finger an den Rand seiner Schirmmütze legte und uns müde zulächelte. Was hatte er nicht alles schon gesehen.





Krisenmanager

27 04 2021

„Das wissen wir aus absolut sicherer Quelle, ja. Sofort nach der Wahl werden die Grünen die Kirche verstaatlichen, aber die wird dann sowieso islamisiert, weil das in der multikulturellen BRD ab sofort gesetzlich vorgeschrieben ist. Außerdem werden die Einfamilienhäuser abgerissen, außer Sie nehmen pro Quadratmeter einen Flüchtling auf.

Politische Aufklärung gehört bei einer wichtigen Richtungs-, was sage ich: bei einer Schicksalswahl gehört die einfach dazu. Die Wähler müssen doch vorher wissen, was sie bekommen, wenn sie die wählen, die sie nicht wählen sollen, damit sie das auch nicht bekommen. Wenn wir das erst mal so weit durchgekriegt haben, dann können wir immer noch mit unserer eigenen Politik anfangen, ob es die Leute jetzt interessiert oder nicht.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Das ist richtig, Ihre Steuern werden unter einer linksextremistischen Bundesregierung mindestens verzehnfacht. Natürlich auch unter einem SPD-Kanzler – linksextremistisch, ich sagte es ja schon. Sie haben keine hohen Steuern? Das wird sich unter der SPD sofort ändern, die sind für Sozialismus. Das bedeutet, dass alle an allem teilhaben sollen, also Steuern, Abgaben, Niedergang des Landes in eine von Ausländern überflutete Diktatur. Also nie SPD wählen, wenn Sie die Grünen verhindern wollen. Immer nur die richtigen Parteien.

Angst war schon immer ein ganz wichtiges Instrument im Unionswahlkampf. Seit dem Krieg, den unsere ehemaligen Parteigenossen über dieses Land gebracht hatten, haben wir das Volk immerzu gewarnt: die anderen wollen den Krieg. Das hat so gut wie jedes Mal funktioniert. Wenn Sie sich die durchschnittliche Intelligenz der Deutschen mal bei Licht betrachten, dann sollte Sie das nicht wundern. Zum Marschieren braucht man halt kein Hirn.

Das Problem ist, wir haben jetzt selbst Angst, dass es existenziell werden könnte. Es ist nicht so angenehm, wenn man die Zahlen sieht und erleben muss, dass von Woche zu Woche die Zustimmung sinkt. Es fehlt die Grundlage einer erfolgreichen Unionspolitik, es fehlen uns die nötigen Mandate. Mehrheit, gut und schön, aber die Leute müssen ja alle irgendwie versorgt werden. Sonst setzt sich doch keiner mehr in den Bundestag.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Als erstes werden Sie freitags kontrolliert, und wenn die Beamten der Geheimpolizei in Ihrem Haushalt auch nur ein Molekül Fleisch finden, werden Sie auf der Flucht erschossen. Sollte sich das wiederholen, kommen Sie ins Umerziehungslager, wo Sie die Segnungen der vegetarischen Ernährung gründlich kennenlernen dürfen. Wir rechnen damit, dass Ihnen der Bundesumweltpropagandaminister persönlich das Schnitzel verbietet. Spargel können Sie sich dann sowieso nicht mehr leisten, weil die osteuropäischen Erntehelfer unbefristete Verträge mit einem Stundenlohn von fünfzig Euro kriegen, und den Spargel verschenkt die Regierung dann an afrikanische Waisenkinder. So haben Sie das gute Gefühl, dass Sie Ihre Schuldkomplexe als deutscher Staatsbürger jeden Tag voll ausleben dürfen. Ist das nicht großartig?

Wir sind schon die besseren Krisenmanager, das wissen die Leute schon. Wir brauchen halt nur eine Krise dazu, und wenn die irgendwann abflaut oder wenn die Wähler plötzlich das rein subjektive Gefühl entwickeln, dass es besser wird – Obacht. Der Deutsche neigt da zu extremen Handlungen. Das ist erst mal nicht schlecht, wenn man es im richtigen Kontext instrumentalisieren kann, aber es bedarf der Führung. Wenn eine linke Regierung den Bürgern glaubhaft machen kann, dass sich die Verbesserung der Lebensumstände auf ihr Handeln zurückführen lässt – also das der Regierung – dann haben wir den Salat. Solche Regierungen werden am Ende wiedergewählt. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wir haben nicht nur noch eine Kanzlerin, sondern die ist dann auch noch grün, also Rosa Luxemburg mit Pinkeltaste, dann sehnen sich die Leute bald die DDR wieder her, damit sie mal ein bisschen Freiheit erleben können.

Wählerberatung, womit kann ich Ihnen helfen? Das ist so nicht vollständig, auch bei einer grünen Kanzlerin müssen Sie natürlich rund um die Uhr rote Socken tragen. Ob es einem linken Kanzler grüne Socken vorgeschrieben sind, wissen wir noch nicht, aber da es sich um zwei Verbotsparteien handelt, gehen wir davon aus, dass Sie immer eins von beiden Gesetzen übertreten und damit dauernd bestraft werden. Gehen Sie vorsichtshalber vom Schlimmsten aus, Sie werden arbeitslos und dann in Marxismus-Leninismus geschult. Ziemlich sicher in Moskau. Es tut uns furchtbar leid, aber so sind nun mal die Regeln im Koalitionsvertrag. Wir wollten es auch erst nicht glauben, aber es steht wörtlich so drin. Sie können uns vertrauen, wir würden das mit Ihnen niemals machen. Wir haben von Marxismus ja überhaupt keine Ahnung.

Wir müssen allerdings ein bisschen aufpassen. Wenn die Wähler plötzlich so eine Angst vor dem quasi unausweichlichen Linksruck kriegen, dass sie ihr Hab und Gut verkaufen und auswandern wollen, oder noch schlimmer: wenn die uns dann gar nicht mehr wählen, weil es ja sowieso zu spät ist, dann war das hier alles umsonst. Dann gehen wir baden, Deutschland versinkt in schuldenfinanziertem Wohlstand, der Letzte macht das Licht aus. Mit denen koalieren? Ja, das wäre natürlich möglich. Aber jetzt mit denen Regierungsverantwortung, ganz ehrlich – davor haben wir am meisten Angst.“





Inhaltliche Arbeit

26 04 2021

„… mache sich insbesondere die CSU für ein Zukunftsministerium stark. Das Haus solle nach der Wahl unabhängig die großen Technologiefelder und den modernen…“

„… fünfhundert Milliarden Euro pro Jahr im Bundeshaushalt veranschlagt habe. Scheuer wisse zwar noch nicht, worum es sich handele, sei sich aber sicher, dass er das Geld ausgeben könne, ohne irgendein greifbares Ergebnis zu…“

„… innerparteilich umstritten sei. Für den Fall eines Wahlsieges plane man daher zunächst zwei Institute, von denen eines in München, eines in der bayerischen Landeshauptstadt und eine Stabsstelle im Freistaat…“

„… die Wirtschaftsverbände mit in die Gremien holen wolle. Laschet habe angekündigt, dass er über die Mitsprache der Politik bei der Vergabe von Steuergeldern erst nachdenken wolle, bevor es…“

„… eine holistische Auseinandersetzung mit der Zukunftstechnologie anstrebe. Bär habe noch keine Ahnung, was der Begriff bedeute, wolle aber eine Etatsteigerung von mindestens…“

„… bisher die absolute Spitzenreiterrolle in der internationalen Technologie sei. Zwar müsse Söder zugeben, dass seit etwa vierzig Jahren wenig davon in Deutschland zu sehen sei, man könne aber durch neue Technologien, die erst in der Zukunft für den internationalen technologischen Fortschritt des…“

„… ein Zukunftstechnologieverwaltungsamt für die rechtssichere Einleitung von Verfahren zur Genehmigung technologischer Prozesse und Erfindungen in den jeweiligen Bundesländern und den für den Finanzierungsrahmen im…“

„… auch bisher genutzte Technologien mit noch nicht erfundenen Möglichkeiten verbinden wolle, um ganz neue Technik zu erschaffen. Im Gespräch sei neben Mega-Auto und Cyber-Fax auch der…“

„… stelle sich Bär beispielsweise eine neue Corona-App vor, die anonyme Daten an einen zentralen Drucker sende, wo die ausgedruckten Daten dann anonym weitergeleitet würden, ohne dass eine Auswertung den Prozess verlangsamen oder in den einzelnen…“

„… auch für eine staatliche Zweitverwertung zur Verfügung stellen müsse, um öffentliche Gelder zu erhalten. Söder wolle etwa eine Software zur autonomen Steuerung von Lieferdrohnen auch für die Zusammenführung mehrerer Datenbanken aus dem Bereich der Verbrechensbekämpfung sowie die Speicherung linksextremer Ordnungswidrigkeiten im internationalen…“

„… nicht als reines Digitalministerium sehe. Die Digitalisierung sei nach Bärs Ansicht bereits so weit vorangeschritten, dass die Politik nun auch für Wirtschaft und Wissenschaft wichtige Bereiche der Hochtechnologie wie Automobile und kalorienfreie Ernährung mit steuerlichen…“

„… setze sich Söder vehement für eine deutsche Weltraumforschung aus. Vor Kooperationen mit den anderen Staaten müsse das Zukunftsministerium allerdings zunächst den Weltraum über Bayern, danach das All über Deutschland erforschen und könne so einen Vorsprung im…“

„… auch andere Technologiebetriebe in das Programm aufnehmen wolle. Dobrindt plane eine mittlere zweistelligen Milliardensumme, um die Trennung von alkoholfreiem Bier und bierfreiem Alkohol für eine marktfreundliche…“

„… müsse ein großer Schwerpunkt auf der Kommunikation mit der Bevölkerung liegen. Um die Forschung in Deutschland nicht zu gefährden, sei neben dem Bau von Hochsicherheitsanlagen in Sachsen und Thüringen, in denen ausländisches Personal leben und arbeiten könnten, auch der Dialog mit besorgten Bürgern wichtig, die sich von der Umvolkung akut bedroht fühlte und mit…“

„… dass zahlreiche Themen vor ihrer fachlichen Beurteilung zunächst einer eingehenden Prüfung durch das Zukunftsministerium unterzogen werden könnten. Dies werde sicher dazu führen, dass die Bundesregierung auf inhaltliche Arbeit weitgehend verzichte und sich auf die Zusammenarbeit mit den Partnern in Wirtschaft und Spendenwesen…“

„… beispielsweise Nano-Technologien zu verbessern, indem noch viel kleinere Nanos für die technologische Entwicklung von…“

„… dass Teleportation als Zukunftstechnologie entwickelt werden könne. Seehofer verspreche sich von einer deutschen Erfindung stark beschleunigte Abschiebungen, durch die viele EU-Staaten ein…“

„… Nebenprodukte der Weltraumforschung nutzbar machen würden. Hier stelle sich Bär eine Pizza vor, die samt essbarer Folienverpackung in den Backofen geschoben werden könne, so dass die Verkürzung der Schulpflicht um zwei weitere…“

„… wolle das Zukunftsministerium Scouts in die Technologiezentren der Welt entsenden. Ein in der Bundesrepublik angemeldetes Patent sei noch immer eine Garantie für einen marktkonformen…“

„… für künftige Pandemien wesentlich besser gerüstet seien, wenn jeder deutsche Bundesbürger bei seiner Geburt automatisch eine Faxnummer mit zugehörigem Festnetzanschluss zugewiesen bekomme. Damit sei Präsenzunterricht einfacher, so dass alleinerziehende oder zwischenzeitlich verstorbene Eltern keinen Hinderungsgrund für…“

„… künstliche Intelligenz zwar erst in den kommenden dreißig Jahren zu erwarten sei, die Bundesregierung allerdings bereits jetzt die vorhandenen Strukturen, wie sie in Chatbots und Zufallsgeneratoren genutzt würden, für den Aufbau eines maschinellen Parteiapparats sowie zur Programmierung von Regierungsentscheidungen in Gesetzgebung und…“





Die Priester

25 04 2021

Nur eins ist ärmer noch als alle Götter,
es ist der Priester, der die Menschen narrt.
Dort stehen sie, in Angst und Schmerz erstarrt,
und hoffen unterm Himmel auf die Retter,

die Zorn verkünden laut in Sturm und Wetter,
dieweil ein Magier lächelt hinterm Bart,
wie er genau so auf die Sonne harrt
und seinesgleichen ist ein übler Spötter.

Sie spielen mit den Mengen, weil die Mächte
sie reizen, so verkleidet als Gerechte
die zu bestrafen, andere zu trösten.

Doch ist ihr Schicksal gleich. Dieselben Leiden
ereilen sie, sie werden nichts vermeiden
und wissen: keine Götter, die erlösten.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (DXL)

24 04 2021

Geht Vlastimil Kegeln in Freihals,
so nennt er die Würfe stets dreimals.
Daran ist das Schlimme
vor allem die Stimme:
er ist halt ein schrecklicher Schreihals.

João bürstet in Sousel
den Hunden fast täglich das Fell.
Er pflegt drauf zu drängen
nach Waldspaziergängen;
da werden die schwarzen selbst hell.

Es störn Karel, Gastwirt in Glatzen,
die Säufer nicht mit ihren Fratzen,
die kaum was bestellen
und die Zeche prellen.
Die Gäste sind’s, die ständig schmatzen.

Artūras, den sah man in Immersatt
höchst selten. Er saß oft im Zimmer, statt
im Wald sich zu tummeln
und abends zu bummeln.
Er war ja beim Lesen ein Nimmersatt.

Der Postbote Pavel in Esseklee,
der wütet: „Wenn ich die Adresse seh,
so bin ich verdrießlich.
Das steigert sich schließlich,
besonders, wenn ich noch die Fresse seh!“

Es kam Raul in Alegrete
zu spät, und zwar zu jeder Fete.
„Kann sein, dass stattdessen
die Uhr wird vergessen.
Ich sitz dann im Garten und jäte.“

Weil František damals in Gnast
zwei Bankräuber waghalsig fasst,
bekommt er Belohnung,
die er ohne Schonung
mitsamt Haus und Hof ganz verprasst.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXI): Freiwillige Selbstverpflichtung

23 04 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schon im frühen Mittelalter soll es sehr liberal zugegangen sein. Pippin der Mittlere, Hausmeier von Burgund, setzte stets auf eigenverantwortliche Untertanen, denen er sicherheitsrelevante Bereiche der Königsburgen zu Schutz und Verteidigung überließ, indem er ihnen erklärte, dass er im Falle der Pflichtverletzung überhaupt keinen Spaß mehr verstehen würde. Ein brennender Wehrturm, zehn bis hundert feindliche Reiter im Burghof – Rübe ab, und zwar sofort. Kontrolle, das wusste der alte Arnulfinger, ist nur besser, wo Vertrauen herrscht. Nur ab und zu musste er durchgreifen, dann aber mit der zeittypischen Zielstrebigkeit, bei der auch enge Verwandte nicht lange im Weg standen. Die Geschichte, das wusste der Urgroßvater Karls des Großen, würde alles schon richtig einordnen. Die Lehensleute und ihr Gefolge hätten ja genau gewusst, worauf sie sich einlassen würden bei einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

So ähnlich funktioniert das Controlling in einer durchschnittlichen Studierenden-WG: zwei bis drei oder mehr verantwortungsbewusste Personen haben die Notwendigkeit verinnerlicht, die Küche und die sanitären Anlagen je nach augenscheinlich eruierten hygienischen Befunden zu säubern, um den Befall mit Ungeziefer oder Kammerjägern vermeidbar zu machen. Der Prozess wird als zeitnah einsetzend bezeichnet und soll möglichst sanktionsfrei gegen die Wohnenden durchgeführt werden. Historische Forschungen zur Motivation haben ergeben, dass sich dieses System sukzessive etabliert hat, als der seit Jahrzehnten gebräuchliche Putzplan endgültig sinnlos geworden war und seine Verankerung im sozialen Gefüge der angehenden Akademiker total eingebüßt hatte. Lebensrhythmus, die psychische Bereitschaft sowie die Akzeptanz eines Stimulus-Response-Modells in der Bedingtheit eines auf die autoritären Wurzeln der bürgerlichen Wohnweise beschränkten Rollenverständnisses brachte die Sache zu einem Kipppunkt: Putzen ist für Nazis.

So sieht es in dieser Gesellschaft auch aus. Da überraschenderweise Machtverhältnisse auch sind, wo man sie erwartet – ein Minister lässt Gesetze erarbeiten, die Wirtschaft wird davon in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt – ändert sich auch die Tragweite dieser Pflichten. Fadenscheinig und nicht selten irreführend werden die Beziehungen, wenn sich zeigt, wer wen beherrscht. Gibt der Ministrant den Konzernen das Muster einer verschwiemelten Verpflichtung vor, das diese aus freien Stücken abnicken und ansonsten ignorieren dürfen, dann ist weder ein Rechtsanspruch entstanden noch eine bindende gesetzliche Regelung, die der Gesellschaft Sicherheit gäbe. Die freiwillige Selbstverpflichtung gaukelt Verantwortung und Handlungsfähigkeit vor, wo sie jedes Handeln vermeidet und sich aus der Verantwortung stiehlt.

Was mit etwas Naivität betrachtet noch den Eindruck von Rechenschaft erweckt, ist nicht viel mehr als ein billiger PR-Stunt. Kükenschreddern und Ferkelkastration, Ausstoß von Stickoxiden und Abbau des fairen Handels, der Kleiderschrank mit den Schutzmäntelchen ist gut bestückt und deckt eine Menge übler Lügen zu, die die Politik offiziell nicht bekämpfen kann, weil der Gegenstand sich außerhalb ihres Zugriffs befindet, oder kaum mehr wird bekämpfen können, weil sich die Folgen des Versäumnisses längst zur Havarie entwickelt haben. Die Frauenquote und den flächendeckenden Einsatz von Schulhunden mag man lässlich finden in einer Welt, deren Wirtschaft die Menge des anfallenden Plastikmülls in den Meeren für nicht so gravierend hält, solange der Tourismus davon verschont bleibt, wo aber Protzkarrenbauer statt des versprochenen Drei-Liter-Autos Straßenpanzer vom Band rotzen und ihre Brüder von der Braunkohlelobby die bis zu zwanzig Prozent veranschlagte Reduktion des CO2-Ausstoßes als Freibrief zum Tiefschlaf versteht – Nichtstun ist ja auch irgendwo zwischen 0 und 20 – haben wir die Reinform der lobbygesteuerten Schuldumkehr erreicht.

Wie viel Lächerlichkeit in derartigen Kodizes steckt, sieht der geneigte Realitätsallergiker, wenn die Abgeordneten einer Regierungspartei freiwillig zu beteuern gezwungen werden, sich nur legal die Taschen gefüllt zu haben. Wer nichts zu verbergen hatte, hätte auch keinen Grund gehabt, sich lauthals zu beschweren; wer den Schwanz einkniff und als Lügner auffiel, sorgte nur im Glanz der übrigen Scheinheiligen für bigottes Empörungsgepopel. Der Zweck einer ethischen Maskerade bleibt also die billige Präventiventlastung, damit keiner mehr für den Mist gerade stehen muss, den er in Amt und Würden verursacht hat. So schaffen sich Politik und Wirtschaft gemeinsam rechtsfreie Räume mit zwei separat benutz- und verschließbaren Ausgängen, um ein Vakuum an Einfluss, Zuständigkeit und Moral zu erzeugen, wann immer sie es brauchen. Bis auf Weiteres werden Küken geschreddert, Öl in den Ozeanen verklappt, Wälder für überflüssigen Kohleabbau abgeholzt und Boni an Bänker gezahlt, die die höchsten Umsätze mit Schwarzgeld machen. Nur als Supermarktangestellte sollte man besser keinen Kuchen mitnehmen, der in den Müll gehört. Aber das versteht sich ja wohl von selbst.