Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCIII): Der freundlich grüßende Mann

6 12 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unvorhergesehene Dinge haben einen großen Nachteil: sie geschehen unvorhergesehen, das heißt, keiner hatte zuvor ihre Dynamik auf dem Schirm oder wusste, woraus sie sich entwickeln würden. Sind Erdbeben, Supervulkane oder das Verglühen der Sonne zum Weißen Zwerg noch einigermaßen berechenbar, weil sie Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur selten dem Charme eines plötzlichen Meinungs- oder Verhaltensumschwungs in sich tragen, so ist alles, was mit dem hochlabilen Faktor Mensch in Berührung kommt, von rein chaotischer Prägung. Es ist ja richtig, hier und da steigt inmitten eines Staus auf der Schnellstraße ein vertrauenswürdig in Breitcord und Polyester gekleideter Familienvater mit Flachdachscheitel und dezenter Sehhilfe aus dem steuerbegünstigten Kraftfahrzeug und zückt eine halbautomatische Schusswaffe, um ein halbes Dutzend Personen im Feierabendstoßverkehr über die Wupper zu ballern. Natürlich haben sie alle es kommen sehen, irgendeiner musste es ja mal tun, es war nur noch eine Frage der Zeit. Aber warum er, der letztes Jahr nach der Geburt des dritten Kindes mit einem Kredit die Renovierung einer kleinen Vorstadtimmobilie begonnen hatte, in die er trotz nicht zu leugnender Beziehungsprobleme dann doch einziehen wollte, auch wenn sich die Fahrzeit zur Arbeit sowohl für ihn als auch für seine Frau dadurch erheblich verlängerte. Keiner hatte eine befriedigende Antwort. Und er hatte auch immer so freundlich gegrüßt.

Profiler und Fernsehkommissare schleichen mit der Lupe im Anschlag durch diese Stadtviertel und schnüffeln nach passiv gehemmten Psychopathen, die auch bei optimalen Umweltbedingungen – laue Frühlingsluft, Brückentag in Sicht, letzten Samstag haben die Bayern aufs Maul gekriegt – ganztägig die Morgenmuffelfresse nicht abschrauben, an der roten Ampel ein Hupkonzert veranstalten, auf die Regierung schimpfen und die Klobrille gar nicht erst herunterklappen, weil sie sich sonst nicht ausreichend ärgern können. Nur diese Kombination verheißt Jagdglück, wenn man einen Terroristen, einen Serienkiller, wenigstens einen Bankräuber auf frischer Tat ertappen will. Alle die netten Menschen von nebenan, denen man nie zutrauen würde, dass sie in ihrer Freizeit heimlich Splitterbomben bauen, um das Vierte Reich mit einem kleinen, aber feinen Staatsstreich herbeizuschwiemeln, die sind es sicher nicht – würde so ein Attentäter nicht wenigstens einmal die Hakenkreuzflagge zum Lüften über die Balkonbrüstung hängen lassen?

Selbstverständlich haben die rundgelutschtenen Daueranpasser, die krampfhaft Frühstücksbrötchen über der Küchenspüle aufschneiden und Unterhosen bügeln, blutige Gewaltfantasien, die sich nur nicht im Alltag zeigen, sonst würden sie die Kotzbeule, die ihnen im Supermarkt schon zum dritten Mal den verdammten Wagen in die Hacken karrt, mit der Machete waidgerecht er- und zerlegen, faselnden Realitätsallergikern am Stammtisch das Gesicht rhythmisch in die Tischecke drücken oder dem Blödföhn im Finanzamt die Materialkaltverformung im Schädelbereich spendieren. Sie haben sich im Griff, eisern und nicht immer ganz schmerzfrei, und erweisen damit der zivilisierten Gesellschaft einen nicht zu unterschätzenden Dienst, denn sonst wären die täglichen Abendnachrichten ein fröhliches Blutbad. Doch es kommt der Tag, da will die Säge sägen, und dann gerät die Sache außer Kontrolle. Der eben gerade noch zwanghaft nette Mensch am Kassenschalter dreht plötzlich frei, wechselt einfach das Programm und schaltet in den Massakermodus.

Es sind nicht die durchschnittlichen Typen mit dem kleinen Hieb, die mit Bordmitteln eine ganze Wohnsiedlung in die Luft jagen, weil ihnen der Hund des Etagennachbarn mit seinem nächtlichen Gekläff auf die Plomben geht. Es ist auch nicht der bösartig bärtige Austauschstudent, der die Tür von beiden Seiten mit der Zahnbürste schrubbt und die Schuhe geometrisch präzise an die Vorderkante der rechtwinklig platzierten Fußmatte stellt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ab und zu ist ein Waffennarr, der von der Weltverschwörung der Reptiloiden murmelt und die Fäuste schüttelnd in heiserem Ton verkündet, man werde noch von ihm hören, nicht einfach nur ein Polizist, dem seine Psychopharmaka nicht bekommen. Hin und wieder sind Männer, die ihre Frau mehrmals krankenhausreif schlagen, nicht nur durch eine schlechte Kindheit so geworden. Doch selbst hier ist nicht auszuschließen, dass sie außerhalb ihres Wohnbereichs, beispielsweise beim Autowaschen, leutselig und im Unterhemd an der Straßenkante stehen, die Hartwachsdose in der Linken, und unbedacht, wie aus dem Unbewussten herausbrechend vergessen sie jede Vorsicht im Verkehr mit den anderen Menschen, sie lassen sich hinreißen und tun, was diesen unschuldig eben noch ans Gute Glaubenden das Blut schockartig in den Adern gefrieren lässt: sie grüßen. Freundlich. Ab hier helfen nur die Flucht, hermetisches Abriegeln ganzer Landstriche, militärische Mittel, zuletzt nur noch Beten. Denn wo man freundlich grüßt, da kann der Abgrund des Bösen nicht fern sein. Es soll uns zur Warnung gereichen. Wir werden es dann nämlich gleich gewusst haben.





Kriegserklärung

25 11 2010

„Stümperhafte Planung. Mehr kann man dazu kaum sagen.“ „Sie müssen aber berücksichtigen, dass die Sache durchaus langfristig organisiert ist.“ „Diese Regierung gibt sich trotzdem jede mögliche Blöße. Es sind Dummköpfe und Pfuscher. Keiner wird das als Gefahrenabwehr bezeichnen, der einmal realen Terror erlebt hat. Es ist so unendlich albern.“

„Sie gehen wie ihr Vorbild Bush vor. Sie suchen Ablenkungsmanöver von dem Dilettantismus, den sie Regierungsarbeit nennen.“ „Wenn es das nur wäre! Sie forcieren gerade den Umsturz in einen militarisierten Präventivstaat – an jeder Straßenecke bewaffnetes Personal, und trotzdem gibt es nichts als Sicherheitslücken. Überall Sicherheitslücken!“ „Wobei die darin bestehen, dass Innenminister wie Schünemann oder Herrmann sich eine Herde rosa Elefanten vorstellen und darüber räsonieren, wie man die durch Vorratsdatenspeicherung und Bundeswehr weghext.“ „Trotzdem: es ist laienhaft inszeniert. Die Dramaturgie könnte schlechter nicht sein. Sie lassen Wasserwerfer auf Schüler und Rentner los, so dass sie bei potenziell militanten Castor-Gegnern, die Straftaten in Kauf nehmen, nicht mehr von einer unvorhergesehenen Eskalation sprechen können. Sie fordern die Einschränkung der Pressefreiheit, bevor sie physische Bürgerrechte zur Personenkontrolle und Objektsicherheit beschneiden – sie haben nicht einmal treue Nachplapperer in den Redaktionen installiert. Nicht einmal als billige Provokation für ein paar Chaoten kann das herhalten.“ „Vermutlich setzen sie ganz auf die Armee als Problemlösung.“ „Bundeswehr im Inland – das alles ist lächerlich. Reden wir nicht über die Ausdünnung der Personaldecke in den vergangenen Jahren. Geschenkt!“ „Die wird nicht einmal hinterfragt, wenn es um die Aufklärungsrate von Verbrechen geht.“ „Es war vor allem ein grandioser Fehler, den Einsatz der Bundeswehr im Innern, diesen Schlussstein der faschistischen Renovierung, den man heimlich, still und leise dort anbringt, wo keiner sich bemüßigt fühlt, auf das Grundgesetz hinzuweisen, als Hauptforderung wie eine Monstranz vor sich herzutragen.“ „Immerhin hatte das Ministerium für Staatssicherheit keinen unmittelbaren Zugriff auf die Nationale Volksarmee zur Erledigung seiner Aufgaben. Die Vorstellungen des Herrn de Maizière sind da etwas dezidierter.“ „Diese Planungen sind und bleiben ein Haufen Schrott. Demnächst werden sie uns erzählen, man könnte aus bildungspolitischen Erwägungen keine neuen Polizisten einstellen und müsse auf die fertig konditionierten Soldaten zurückgreifen.“ „Also ein Fachkräftemangel? Das lässt sich doch immer per Einwanderung lösen. Die französische Aushilfe im Wendland hat doch schon bestens funktioniert.“

„Sie müssen es so machen. Irland steht auf der Kippe, der Musterschüler des Turbokapitalismus hat der Logik folgend als erstes Land den Bankrott erreicht. Spanien wird folgen, Portugal wird folgen. Deutschland wird auch folgen. Deshalb brauchen wir das Militär, um in die Menge schießen zu können.“ „Es wird vermutlich schwierig, wenn die Herren feststellen, dass eine Panzerhaubitze nicht so zielsicher ist wie ein Wasserwerfer. Außerdem werden sie sich um die Gebäudeschäden kümmern müssen, die so ein Geschütz verursacht.“ „Das werden sie sich wiederholen von den Verursachern. Das Verursacherprinzip der Novemberpogrome bietet sich an: die Juden waren schuld.“ „Und warum soll man den Terror nur bis Ende des Monats auskosten? Oder nur bis zum Ende des Jahres? Man könnte Wahlen zusammenlegen am 27. März, die CDU weiß eh, dass sie chancenlos in die Herausforderung geht, und dann sind wir der Sache ledig. Ansonsten werden sie vermutlich bis zum Herbst 2013 die Bedrohungslage bis kurz vor die akute Paranoia ansteigen lassen, um dann im Bundestagswahlkampf zu verkünden, es habe sich weltweit kein Lüftchen geregt, weil die deutsche Polizei anlassunabhängig Hausdurchsuchungen bei Bürgern mit merkwürdigen Vornamen durchführt.“ „Und es fiele dann auch nicht mehr auf, dass die mittelfristig geplante Fusion der Geheimdienste mit dem Bundeskriminalamt genauso zufällig mit den Drohungen zusammentrifft wie eine seit Monaten geplante Protestdemonstration gegen das Sparpaket von ungefähr an dem Tag stattfindet, an dem der Reichstag in die Luft fliegen sollte.“ „Immerhin haben sie das richtige Abschreckungsmittel für die Terroristen. Wenn man ihnen schon die passenden Ziele in den Abendnachrichten präsentiert und die darauf abriegelt, welcher Terrorist würde da nicht versuchen, unerkannt mit einer Bombe durch die Reihen der Maschinenpistolen zu kommen?“

„Wenn sie auch nur ansatzweise wüssten, wie Terrorismus funktioniert, hätten sie diese krude Verschwörungstheorie nicht ins Zentrum ihres Handelns gestellt.“ „Sie haben sich einen virtuellen Feind erschaffen. Er sitzt im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, kilometerweit entfernt von irgendeiner befestigten Straße in einem Erdloch ohne Strom, Wasser oder Satellitenempfang, und doch stellt er ständig perfekt geschnittene Videos ins Internet, Drohbotschaften, in denen der ganz große Knall angekündigt wird – das Attentat, das nicht die zwanzig mächtigsten Regierungschefs in die Luft jagt, sondern lieber fünfzig Passanten auf dem Weihnachtsmarkt. Sie kennen keine Probleme mit Nachschub und Koordination, für einen toten Gotteskrieger wachsen sofort drei neue nach.“ „Man könnte fast denken, sie hätten nie etwas von der RAF gehört.“

„Diese Regierung will eine Kriegserklärung.“ „Das sowieso, aber warum so umständlich?“ „Sie verstehen das falsch, diese Regierung braucht jemanden, der ihnen den Krieg erklärt. Jemanden, der ihnen erklärt, wie Krieg funktioniert. Für alle Seiten.“ „Also jemanden, der ihnen zunächst einmal beibringt, dass man keine Terrorwarnungen ausgibt, ohne von jetzt auf gleich sämtliche Atomkraftwerke herunterzufahren und schwer bewaffnete Trupps vor den Wasserwerken zu postieren.“ „Wenn ich Terrorist wäre: Rollkommando durch Deutschland, an jedem Weihnachtsmarkt zwei Heckenschützen.“ „Klar, die Polizisten fühlen sich ja sicher in ihren Schutzwesten.“ „Deshalb: Kopfschuss und die Waffen einsammeln.“ „Und dann mit einem Haufen Selbstmordattentäter, CSU-Wähler, Schützenverein, rein in den Kölner Dom und alles niedermähen.“ „Im Weihnachtsmann-Dress mit Wattebart.“ „Oder bei der Weihnachtsfeier eines Rüstungskonzerns.“ „Oder eines Bankvorstandes, der den Konzern mit Krediten für die Schmiergelder aushält, damit das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht im Weg ist.“ „Oder nach Pullach.“ „Oder ein Tankwagen, der die Bahnschranken durchbricht, kurz bevor ein ICE ungebremst reinrast.“ „Und ein Überfall auf den Reichstag, bei dem die Abgeordneten als Geiseln genommen würden? Für 10 Millionen Euro Lösegeld?“ „Wenn die halbwegs anwesend sind und die Regierung sich darunter befindet, würden die Deutschen 100 Millionen sammeln. Falls die Terroristen sie dann auf alttestamentarische Art vor laufender Kamera um die Ecke bringen.“ „Gute Idee.“ „Sie sehen, man muss es nur professionell angehen.“