Konsistente Therapieangebote

24 01 2022

„Die 417 hat aufgehört zu schreien? Das ist okay, Hauptsache, sie hört nicht auf zu atmen. Dann wäre die Behandlung beendet, und wir könnten ihr keine therapeutischen Maßnahmen mehr in Rechnung stellen. Bereiten Sie schon mal den Aderlass vor.

Natürlich sind wir hier alle approbierte Ärzte, wir haben hoch qualifiziertes Pflegepersonal und einen exzellenten Ruf, was intensivmedizinische Versorgung angeht. Drüben haben wir die normale Station, da werden Sie auch nach allen Regeln der Kunst behandelt. Das mag für Fälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall selbstverständlich klingen, ich würde Ihnen das auch empfehlen, aber wir leben in einem freien Land, es gilt Eigenverantwortung, den Rest können Sie sich ja denken.

Ein Teil der medizinischen Versorgung wird ja bereits erfolgreich an die Bevölkerung delegiert. Sie tragen Sehhilfe, also sind Sie bereits betroffen. Und da wir Versorgung nicht mehr ohne unsere eigene betriebswirtschaftliche Kalkulation betreiben, muss man ja im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft, die uns laut Hartz-Reformen zu einem erfolgreichen Staat gemacht hat, durchaus die Kernfrage stellen: wie viel Kohle können wir Menschen, die sich in Lebensgefahr befinden, aus den Rippen leiern?

Hat der 429 die perorale Gabe von Chlorbleiche schon geholfen? Dann räumen Sie das Zimmer frei, wir haben gleich den nächsten Patienten. In dem Fall können Sie auf der Todesbescheinigung gerne vermerken, dass er nicht an, sondern mit Corona verstorben ist. Sie sind jetzt vielleicht ein bisschen überrascht, aber wir nehmen Patientenwünsche sehr ernst. Wir stehen alternativen Therapieformen auch aufgeschlossen gegenüber, und wenn jemand auf die Art auf unserer Station versterben will, dann machen wir das gerne. Dazu ist die Medizin nach Ansicht dieser skeptischen Minderheit ja da.

Schröpfköpfe sind immer gut, das ist für das Gesundheitssystem geradezu sprichwörtlich. Wir weisen in den Behandlungsverträgen natürlich auf die wissenschaftlich nicht bewiesen Wirksamkeit der Methode hin, geben aber zu bedenken, dass die unangenehmen Empfindungen durchaus eine Art Placebo-Effekt hervorrufen. Das ist wie mit dem Rauchen, man fühlt sich ja auch nur entspannt, weil bei Nikotinzufuhr die Entzugserscheinungen kurz nachlassen. Für Skeptiker, beispielsweise Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem anderweitig funktionierendem Verstand, gibt es den Hinweis, dass die mesopotamische, die ägyptische und die chinesische Medizin diese Therapie auch schon als Standard bei allerlei Gebrechen wie Diabetes, Rheuma, Kurzsichtigkeit oder Schnupfen empfohlen haben. Wir befinden uns durchaus in einer Tradition, die schon viele überlebt haben.

Die 428 hatte einen kurzfristigen Herzstillstand, deshalb haben wir ihr nach dem Wissensstand des Behandlungsvertrags Tabakrauch in den Enddarm geblasen. Zur Wiederbelebung. Wie zu erwarten haben wir jetzt einen langfristigen Herzstillstand.

In einer Gesellschaft, in der man den Patienten die Grundregeln der Humanmedizin vortanzen kann und meist zurückbekommt, dass sie alles besser wissen, müssen Sie irgendwann ein konsistentes Therapieangebot machen. Wir haben uns für die allgemein bekannten Verfahren des Mittelalters entschieden, und das war nicht ganz leicht. Ich als Fachmann weiß zum Beispiel, dass die arabische Welt pharmakologisch erheblich weiter war als der Westen, aber erzählen Sie mal einem besorgten Bürger. Die erste endotracheale Intubation wurde 1543 angewandt, das lassen wir natürlich weg, da es sonst als Lügenmedizin gebrandmarkt würde. Die Kunden finden es authentischer, dass wir ihnen bei Irrsinn den Schädel aufmeißeln.

Der Hausmeister ist schon wieder zu früh dran, wie oft soll ich das noch sagen? Wenn der Kerl wieder den ganzen Flur ausräuchert, kann er sich auf ein Donnerwetter gefasst machen! Ich will auf der Station keine verkohlten Ginsterzweige mehr gegen unruhige Säfte, und er soll seine Pestmaske aufsetzen! Wenn er sich diesmal nicht an die Regeln hält, wird er ab morgen zur Vokalatmung versetzt oder zur Klangschalentherapie!

441 ist ja schon länger hirntot, da half auch kein Detox. Der war eigentlich schon bei Einlieferung vegetativ auf Null, weil er uns gesagt hat, dass die Erkrankung, wegen derer er dann gestorben ist, gar nicht existieren kann, da sein Sternzeichen das nicht zulässt. Interessant. Wir könnten ihn jetzt in die Kühlung verlagern, aber er ist Privatpatient, und da nutzen wir jede Möglichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wir wenden gerne experimentelle Verfahren an, wenn wir vorher rausgefunden haben, was wir an Wirkung erwarten können. Reinkarnation ist okay, mit Reiki haben wir im Internet gute Erfahrungen gemacht, und Heilsteine dürfen wir nur nach der üblichen Desinfektion anwenden. Das ist immer noch besser als Geistheilung, weil man da nicht genau weiß, wessen Geist eigentlich geheilt werden sollte. Immerhin haben wir eine Zusammenfassung der Eigenurintherapie mit klassischer Harnschau geschafft: erst guckt sich das die Pflegekraft an, dann können die Patienten mit dem Zeug machen, was sie wollen. Falls das irgendwie biodynamisch wirkt, sagen Sie Bescheid, wir integrieren das in die üblichen Behandlungsmethoden.

Heilhüpfen können Sie haben, gerne auch in konzentrischen Kreisen, mit oder ohne Ohrkerzen, und wir machen dazu anthroposophisches Kratzen auf der naturbelassenen Schiefertafel. Alles kein Problem. Globuli? Entschuldigung, hatten Sie das nicht kapiert? Wir sind Ärzte!“





Qualifizierte schamanische Aufsicht

23 09 2019

„… als Kassenleistung einführen werde. Spahn sei von der Erklärung des Allgemeinen Deutschen Heilpraktikerverbandes überzeugt, dass auch schamanische Rituale künftig den Patienten eine…“

„… strikt ablehne. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung könne keine qualifizierte medizinische Behandlung durch Heiltänze, Handauflegen oder die…“

„… der Freie Verband Deutscher Heilpraktiker eine Sondergenehmigung für Heiltrommler und Trommelheiler beantrage. Das Bundesministerium habe die Beschlussvorlage zur Vereinfachung vom Interessenverband selbst schreiben lassen, um Verzögerungen so weit wie möglich aus dem…“

„… traditionelle mongolische Tanzverfahren nur von besonders qualifizierten Schamanen durchgeführt werden dürften. Die Union Deutscher Heilpraktiker dringe darauf, dass Spahn alle anderen Verbände anweise, sich nicht in die Kompetenzen der mongolischen Spezialisten zu…“

„… sei sich Spahn sicher, dass der bei den Krankenkassen bisher skeptisch beurteilte Ansatz des Gesundbetens bei einer steigenden Nachfrage auf mehr Akzeptanz stoße. Im Gegenzug versprach er, eine Entlastung der Konzerne von zu teuren Krebstherapien zu beschleunigen, um die Gewinne auch in den folgenden Jahren noch…“

„… für die Erforschung der Wirksamkeit notwendig sei, schamanisches Heiltanzen für zehn bis fünfzehn Jahre im Leistungskatalog zu verankern, da erst hinterher mit Sicherheit beurteilt werden könne, ob es sich um eine sinnvolle therapeutische Maßnahme handle oder um einen…“

„… Chakrenharmonisierung und Rückführung nicht von den gesetzliche Kassen getragen würden. Es stehe den Privatversicherern allerdings frei, die Angebote in Verbindung mit Reinigungsmeditation und Detox als Wahlleistung bei zehn Prozent Eigenanteil in die bestehenden…“

„… spirituelle Bewegungen nicht unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen vorgenommen werden dürften. Spahn wolle allerdings vorerst die Anerkennung des rituellen Heilsaufens mit anschließender Torkelbehandlung in der Traditionellen Bayerischen Alternativmedizin belassen, um sich eine abschließende Beurteilung auf dem…“

„… und Hörgeräte weiterhin nur noch an Selbstzahler abzugeben. Eine Trommelbehandlung müsse laut Verband Heilpraktiker Deutschland nicht zwingend mit einer apparativen Therapie kombiniert werden, außerdem sei durch die Übernahme der Heilbehandlung bei den Versicherten ja wieder mehr Kaufkraft vorhanden, um sich ein eigenes Hörgerät zu…“

„… fordere die Vereinigung Christlicher Heilpraktiker ein sofortiges Verbot aller anderen religiös motivierten Therapien. Sollte Spahn nicht umgehend Gesundbeten und Handauflegen für seine Mitglieder reservieren, werde der Verband sich bei der Unionsvorsitzenden über ihn…“

„… nur unter Aufsicht eines vom Ministerium zugelassenen Schamanen stattfinden dürfe. Der Verband Freie Heilpraktiker habe durchgesetzt, dass einfaches Fasten, möglicherweise auch nur unter Kontrolle eines Allgemeinarztes, keinesfalls als schamanisches Fasten bezeichnet werden dürfe. Ein Nahrungsverzicht ohne qualifizierte schamanische Aufsicht stelle eine potenzielle Gefahr dar, vor allem für die Heilpraktiker und ihre…“

„… würden vor allem nicht approbierte Schamanen zusätzliches Auspendeln, Reiki oder ganzheitliche Akupunktur anwenden, was zu Belastungen für die feinstoffliche Ebene führen könne. Der Verband Unanhängiger Heilpraktiker habe kein Recht, sich über die Genehmigungen mit dem Ministerium für…“

„… die Zulassung entzogen wurde. Patienten hätten geklagt, dass ihnen während einer als chinesisch angebotenen Heilsteinbehandlung auch indische Halbedelsteine aufgelegt worden seien, was den Therapieerfolg bei einem grippalen Infekt ganz erheblich…“

„… sich Trommeltanz zur Selbstwahrnehmung auch ohne schamanische Nahrungsergänzungsmittel anwenden lasse. Die Union Deutscher Heilpraktiker fordere daher, diese Leistung bei anderen Anbietern wieder zu streichen oder sie Selbstzahlern vorzubehalten, die nicht über eine ärztliche…“

„… koreanische Schamanismus-Anbieter auf dem deutschen Markt zulassen wolle. Spahn könne dies nicht verhindern, solange die Dienstleister der ISO-Norm entsprechend arbeiteten, und wolle sich für eine Steuererleichterung einsetzen, die den deutschen Schamanen bis zu dreißig Prozent der…“

„… die Verbände Indigener Heilberufe eine Lizenzzahlung wegen der unentgeltlichen Nutzung des immateriellen Kulturerbes einklagen wollten. Es sei nicht hinzunehmen, dass sich deutsche Freizeitmediziner mit evident unwirksamen Therapieansätzen einen erheblichen Vorteil auf dem europäischen…“

„… ebenso wirkungslos sei wie die Anwendung der Homöopathie. Spahn sei davon überzeugt, dass schamanische Heilrituale deshalb einen festen Platz in der deutschen Gesundheitsversorgung besitzen müssten und kündigte an, alle anderen Leistungen fortan kritisch auf den Prüfstand zu…“





Holotropes Atmen

2 07 2019

„Wenn Sie den richtigen Tarif wählen, zahlen wir Ihnen sogar eine Sehhilfe, die Voraussetzung ist nur, dass die Ihnen vom Cranio-Sakral-Therapeuten angepasst wird. Wir könne da ja nicht einfach irgendwelche Schulmediziner ranlassen, wenn Sie auf konventionelle Mittel setzen.

Im Prinzip kriegen Sie bei unserer Kasse jetzt alles, was die anderen nicht zahlen. Also Reiki bei schwerem Schielen, da müssen Sie eine Ersatzkasse schon erpressen, bevor die sich rührt. Ihre EsoKK übernimmt das alles. Der linksgrüne Mainstream, Sie verstehen das. Jede Knalltüte kann sich heute privat versichern, aber was das kostet! Da ist es doch besser, man baut an der richtigen Stelle ab und bringt nur noch die Leistung, die der Kunde auch nachfragt. Und genau das machen wir von der EsoKK. Sie sollten mal Ihre Chakren testen lassen, kostenloses Einführungsangebot!

Für die meisten hört Alternativmedizin ziemlich schnell auf nach Globuli und solchem Zeugs. Wir verkaufen das natürlich auch, die Salze und diese Blüten und was die Leute halt haben wollen, aber das ist es ja noch nicht. Um sich einen nachhaltigen Markt zu erschließen, brauchen wir mehr Auswahl. Die menschliche Vorstellungskraft ist bekanntlich nur sehr unscharf begrenzt und franst am Rand aus. Wir nutzen diese weichen Strukturen, um die Interessen unserer Versicherten immer neu zu wecken. Im Gegensatz zur Schulmedizin, da gibt es ja immer Diagnose und Therapie, Blinddarm, zack! OP, fertig – wir sind da viel flexibler. Wenn Sie bei uns mit Kopfschmerzen zum Arzt kommen, liegt das entweder an permanenter Überarbeitung oder einem gestörten Verhältnis zu Ihren verstorbenen Ahnen, von denen einer vielleicht eine psychisch bedingte Halswirbelfehlstellung gehabt haben könnte. Jetzt müssen Sie sich nur noch entscheiden, ob Sie das durch Handauflegen oder Geistheilung beseitigen wollen, und schon haben wir Sie auf einen selbstbestimmten Weg in Richtung allseitige Gesundheit begleitet. Also ein Stück weit.

Holotropes Atmen gegen eingewachsene Fußnägel kann ich Ihnen sehr empfehlen, da hat bis jetzt auch keiner gemeckert. Wir würden dem auch gar nichts antworten, wer der ganzen Wissenschaft sowieso schon so skeptisch gegenübersteht, der liest braucht ja auch keine Erklärung. Wenn es nicht hilft, machen wir mit biografieorientiertem Turnen weiter oder es gibt Kräutertee für Geburtstraumata und transpersonale Hautmuster – nee, das war jetzt alles umgekehrt, ich kenne mich damit auch nicht aus. Ist ja auch egal, die Leute bezahlen das.

Problematisch wird es aber nicht, wenn Sie jetzt plötzlich irgendeine ganz normale Krankheit haben, sagen wir mal: Herzinfarkt. Oder Krebs. Hat ja heutzutage eigentlich jeder irgendwann. Das kann man so oder so behandeln. Problematisch wird es immer dann, wenn Sie plötzlich der Ansicht sind, so eine ganz normale Herztransplantation sei doch besser als Eigenurintherapie. Das haben wir von den anderen Krankenkassen gelernt. Da können Sie auch regelmäßig zum EKG und zur Kur, etwas Salsa im Sauerland, regelmäßig Rückenschule. Zur Belohnung hoch potenzierte Tropfen gegen den nächtlichen Fußschweiß, und dann, bäm! jodelt die Bauchspeicheldrüse das Lied vom Tod. Dann ist die ganze betriebswirtschaftliche Rechung total im Eimer. Jetzt stellen Sie sich das mal bei unseren alternativmedizinischen Ansätzen vor. Da rennt einer zwei, drei Jahre lang mit eigentlich klar zu erkennenden Symptomen zum Heilpraktiker, der guckt sich das an und sagt: daran stirbt man nicht, zumindest nicht so schnell, dass man nicht vorher noch ein paar Runden biodynamisches Schröpfen machen könnte oder Klangschalenmassage im Quantenfußbad, was weiß ich, da wird ja alle paar Tage irgendwas erfunden, damit sich die ganzen Krankheiten nicht so langweilen, und dann ist es ein ganz ordinärer Leberschaden. Meinen Sie, das können wir uns noch leisten?

Also Sie dürfen sich bei uns noch ganz normal das Bein brechen, aber den Gips bezahlen Sie dann halt selbst. Solche schulmedizinischen Sachen sind bei uns nicht als Kassenleistung definiert, und das muss auch ganz klar sein. Sonst könnte ja jeder in die EsoKK eintreten und sich nach Belieben mit schulmedizinischen Heilverfahren kurieren lassen und nur bei Bedarf auf die kostenlosen Globuli zurückgreifen, die uns die Marktstellung sichern. Ein bisschen Gemeinschaftsgeist muss auch in einer weniger solidarischen Solidargemeinschaft sein, wenn Sie mich fragen.

Der nächste Schritt wird dann die Pflege auf alternativmedizinischer Basis sein. Handauflegen ist okay, aber mehr als energetische Impulse dürfen Sie da nicht mehr erwarten. Ab und zu noch etwas Aromatherapie mit dem guten Fichtennadelöl von Großmütterchen, das hat damals nicht geschadet. Man spart ja auch eine Menge an Materialeinsatz, und mal ehrlich, merken Sie, ob da ein Profi vor Ihnen steht und die Energieströme fließen lässt, oder reicht Ihnen Hildegard, die Ihnen die Flossen auf die Schultern legt? Sehen Sie, das ist dann auch betriebswirtschaftlich wieder eine vernünftige Entscheidung und rechnet sich auch für den kleinen Geldbeutel. Etwas Homöopathie, ein bisschen Tape bei Zipperlein, perfekte Bedingungen. Wie meinen Sie das, eine Krankenkasse, deren Wirkung nicht über den üblichen Placeboeffekt hinausgeht? Und was bitte haben wir jetzt!?“





Patentrezept

28 09 2016

Er sah wirklich bemitleidenswert aus, wie er sich am Gartenzaun festhielt. Horst Breschke schniefte und keuchte. „Das ist der kühle Sommer dieses Jahr“, jammerte er, „würde er nicht so lange dauern, ich hätte mich nie erkältet.“ Ein gewaltiger Nieser schüttelte den Alten durch. Keine Frage, hier war medizinische Hilfe vonnöten.

Willig ließ sich Breschke die Kastanienallee entlangführen, zwischendurch mehrmals kräftig ins Taschentuch schnaubend. Einmal musste er sich noch am Zaun abstützen, die übrige Zeit hatte ich ihn am Arm. „Meine Frau hatte es vergangene Woche“, teilte er mir mit heiserer Stimme mit. „Aber bei ihr ist es schneller abgeklungen, sie ist ja gerade bei unserer Tochter zu Besuch.“ Die Vermutung lag nahe, dass vor allem seine aktuelle Lage als Strohwitwer zwar nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt, ihr wohl aber den Weg geebnet hatte. Im vorigen Jahr hatte der pensionierte Finanzbeamte volle zehn Tage lang auf der Couch geschlafen, lauwarmen Tee getrunken, kaum den Garten aufgesucht, obwohl es im Haus nicht eben kühl war dank der Julitemperaturen, und er hatte nur jeweils einmal einen kurzen Gang vor die Tür gewagt, wenn Bismarck ihn lange genug vom Flur aus angeschaut hatte, weil er einen ganzen Tag lang warten musste. Die Krankheit fühlte sich offenbar recht wohl in Breschke, und es schien mir, als wäre es umgekehrt wohl halbwegs auch der Fall.

„Da ist es“, befand er, und ich kam nicht umhin, ihm sofort zu widersprechen. „Doktor Klengel ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier“, erklärte ich mit Blick auf das neue Türschild. Die Kinderärztin im ersten Stock würde ihn sicher nicht behandeln, und im zweiten Stock saß die Nachfolgerin unseres aus Altersgründen nicht mehr praktizierenden Allgemeinmediziners. „Sie wollen doch wohl nicht…?“ „Aber es ist doch seine Praxis“, beharrte Breschke, „und wahrscheinlich werden sie alle Akten behalten haben, da kann ich doch nicht so einfach zu einem anderen Arzt gehen.“ Ich seufzte auf. Dann eben zur Heilpraktikerin.

Das Wartezimmer war angenehm leer, wir mussten nur knapp eine halbe Stunde warten, bis Frau Trummschneider uns hineinbat, das heißt: Breschke bat sie, mich nahm sie mit knirschenden Zähnen hin, weil der Alte darauf bestand. Bestimmt hatte sie sich noch einmal ordentlich auf den neuen Patienten vorbereiten müssen – die Klangschalen mit linksgerührtem Mondwasser desinfizieren, die Fichtennadeln in konzentrischen Kreisen rund um die Badewanne auslegen, alle Globuli nach Größe und Geschmack sortieren – und schien jetzt für jede lebensgefährliche Krankheit gerüstet. „Schlafen Sie nachts manchmal schlecht“, fragte sie. „Und ob“, hüstelte Breschke. „Ich lutsche vor dem Einschlafen noch mal ein Halsbonbon, aber…“ „Ich meine“, unterbrach sie ihn gereizt, „ob Sie generell schlecht schlafen?“ Unser Patient schien die Anamnese nicht so recht zu begreifen. „Da müssen Sie meine Frau fragen“, antwortete er, „sie kriegt davon mehr mit – ich schlafe ja meistens die ganze Nacht.“ Ich sah mich im Zimmer der Wunderheilerin um; auch hier war der vertraute Pillenschrank, und ich meinte, es hätte sich sogar um das von Klengel nachgelassene Möbel gehandelt. „Geben Sie ihm doch einfach etwas zur Linderung“, regte ich an, „dann sind Sie uns schnell wieder los. Und ich sorge auch dafür, dass er sie nie wieder aufsuchen wird.“ Sie rümpfte die Nase. „Wie stellen Sie sich das vor“, murrte sie. „Es gibt doch kein Patentrezept gegen Krankheit, ich muss zuerst seine spezifische Situation in Erfahrung bringen, ob es derzeit Faktoren gibt, also nicht seine Frau, die…“ „Wir haben einen Hund“, unterbrach Breschke schüchtern.

Trummschneider konsultierte vorerst ein dickes Nachschlagewerk, in dem mutmaßlich sämtliche grob nach einem grippalen Infekt aussehenden Erkrankungen aufgeführt waren. „Wir könnten eine Gemüsesaft-Therapie beginnen“, empfahl sie, doch der Kränkelnde blieb skeptisch. „Das kann sogar bei manchen Krebsarten positiv auf die…“ Schon hob er abwehrend die Hände. „Nein“, stammelte er, „das will ich nicht! Am Ende bekomme ich noch etwas viel Schlimmeres bei Ihrem Gemüsezeug!“ „Vielleicht haben Sie Ihre Gemüseextrakte ja als Tabletten“, empfahl ich. „Dann würde wenigstens die Dosierung stimmen.“ „Ich behandle in so einem Fall ausschließlich homöopathisch“, gab sie zurück, deutliche Herablassung in der Stimme. „Sie wissen wohl nicht, wie das funktioniert?“ „Wenn Sie eine niedrige Dosierung bevorzugen“, überlegte ich, „warum geben Sie ihm dann nicht einfach ein Gramm Sellerie?“ Verärgert schlug sie das Buch zu. Schon war sie beim Entscheidenden Teil angelangt. „Ich berechne für die zweiwöchige Behandlung mit Bio-Pflanzenanwendungen einen Betrag von…“ Erkältung hin oder her, der Pensionär sprang auf und griff nach seinem Hut. „Ich bin versichert“, schrie er aufgebracht, „und jetzt soll ich für Ihren Hokuspokus noch einmal zahlen? Das werde ich nicht! Kommen Sie, wir gehen!“ Ein gewaltiger Hustenanfall schüttelte ihn noch im Vorzimmer durch. „Ich werde Ihnen das Handwerk legen!“

Das kleine Mädchen mit dem deutlich geröteten Ohren sah Breschke aufmerksam an. Irgendwo im Hintergrund quengelte ein Säugling. „So“, sagte die resolute Ärztin, „ich habe Ihnen das Rezept dafür ausgedruckt. Sie kümmern sich um ihn, ja?“ Sie reichte mir ein gefaltetes Blatt und drückte meinem hüstelnden Schützling kräftig die Hand. „Wir kriegen Sie schon wieder auf die Beine. Und meine Hühnersuppe hat garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.“





Heile, heile Gänschen

30 08 2016

„… trotzdem die gesetzlichen Bestimmungen für Heilpraktiker nicht verändern wolle. Durch die Deregulierung der Gesundheitsdienstleistungen erhoffe sich die Bundesregierung einen großen Aufschwung und mehr Arbeitsplätze im…“

„… sich mehrere Berufsverbände gemeldet hätten, die wegen mangelnder medizinischer Kompetenz ebenfalls Interesse besäßen, sich in den nichtärztliche Heilberufen…“

„… es keine Evaluation der Heilpraktiker in der Bundesrepublik gebe, weil die Zulassung nur einen Hauptschulabschluss erfordere. Die meisten der Absolventen seien intellektuell nicht in der Lage, den doppelseitigen Fragebogen vollständig zu…“

„… einen Gesetzesentwurf vorlege, der den Einsatz standardisierter Globuli verlange. Nur so könne sich der Verbraucher vor Scharlatanen…“

„… die Friseurinnung nicht in ihrer traditionell hergebrachten Rolle als Bader und Kurpfuscher unterstützen wolle. Vor allem ihr Wunsch, nicht aus reiner Gewinnerzielungsabsicht, sondern aus einem sozial motivierten Idealismus heraus zu handeln, sei in den vielen Heilpraktikerverbindungen nur sehr schwer inhaltlich zu…“

„… man nur suchen müsse, um entsprechende Parallelen zu finden. Der Beruf des Fliesenlegers weise große Ähnlichkeit zu den Verfahren in der Kinderheilkunde, in Tropenmedizin und Augenheilkunde auf, weshalb die Innung auf die standardisierte Verleihung eines Dr. med. nach der erfolgreich abgeschlossenen Lehre für…“

„… keinesfalls geeignet sei, herzchirurgische Eingriffe wie Bypass-Operationen zu übernehmen. Das Fleisch verarbeitende Gewerbe poche auf die Beschränkung der Fachkräfte einschließlich des Fleischfachverkäufers für derartige Maßnahmen, die nicht durch den Einsatz von Saisonkräften oder fachfremden…“

„… sich das Bundesgesundheitsministerium vehement gegen den Import von Homöopathika aus Drittstaaten wehre. Ohne eine strenge Kontrolle der Wirkstoffe könne es in Deutschland keine…“

„… der Fischereiausschuss im EU-Parlament zu Leistungsschutzrecht und Netzneutralität befragt worden sei. Daher müsse er sich auch mit einer einheitlichen Regelung zur Krebsbehandlung im…“

„… auf den Prüfstand stellen müsse. So sei der tatsächliche Nutzen von Wirkstoffen wie Graphit oder Holzkohle noch nicht nachgewiesen, obwohl er für kostenintensive…“

„… rechtliche Schritte angedroht habe. Kein Elektriker dürfe die Galvanotherapie ausüben, ohne vorher eine Ausbildung zum Metallbauer Fachrichtung Konstruktionstechnik zu…“

„… internationale Studien über den Einsatz homöopathischer Mittel nicht erfolgreich seien. Die französischen Kollegen hätten dieselbe Medikation bei Fersenschmerz in Verbindung mit schizoiden Schüben verabreicht, der in Deutschland für Patienten mit chronischem Nasenjucken und schwerer sexueller…“

„… fordere der Verband der Homöopathen, die Krankenkassen sollten nur noch da für eine schulmedizinische Therapie zahlen, wo noch keine Todesfälle…“

„… stets davor gewarnt habe, dass es zu einer Zweiklassenmedizin des nichtberuflichen Hilfspersonals kommen werde. So sei die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie derzeit von verbandsinternen Auseinandersetzungen zwischen den Kfz-Mechatronikern und dem…“

„… könne RTL den gesamten psychiatrischen Fachbereich in eigener Regie…“

„… die Prüfungsordnung viel zu rigide gehandhabt werde. So sei es für viele Interessenten immer noch möglich, ohne vorherige Ausbildung die Prüfung zum Heilpraktiker zu bestehen, während andererseits zahlreiche Absolventen privater Kurse die Prüfung nicht…“

„… viel besser geeignet seien, Substanzen ohne Wirkung und Geschmack zu produzieren. Die Herstellung von Placebos in vielen Konsistenzen sei für die Konditoren eine der leichteren…“

„… bleibe bei seiner Aussage, dass eine Doppelmitgliedschaft im Bundesverband Deutscher Bühnenmagier sowie einem Heilpraktikerverband auf keinen Fall…“

„… angemahnt habe, dass das Lied Heile, heile Gänschen weder von Tierzüchtern noch von der Geflügelindustrie als…“

„… werde die Innung der Maler und Lackierer sich erst nach einem verbandsinternen Votum an kosmetische Operationen wagen. Vorerst werde man sich mit Körperenergetisierung und Fern-Ops sowie homöopathischen…“

„… dass die Floristen bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen bereit seien. Es sei unstrittig, dass Misteltherapien bisher auch von nicht zugelassenen…“

„… sich zunehmend die Handwerksverbände zusammenschlössen, um ihren Mitgliedern das Führen des Titels Heilpraktiker zu untersagen. Dieses könne selbst bei Meistern für eine empfindliche Einbuße an Reputation und…“

„… es auch um Arbeitnehmerrechte und Verbraucherschutz vor nicht ausreichend qualifizierten Anbietern gehe. Die Bundesregierung folge dem Wunsch des Berufsverbands der Fußpfleger dahin gehend, dass erst durch eine vor der Fachkommission abgelegte Prüfung die Erlaubnis, sich in Deutschland als…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLII): Heilmittelchen

30 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was hatte es der naturbelassene Hominide doch leicht. Bei einfachen Sprunggelenksbeschwerden legte er durchgekaute Kräuter auf die Haut – mit der anwachsenden Hirnmasse wurde ihm langsam klarer, dass bereits das Kauen half, Schmerz und Schwellung von innen zu bekämpfen. Mit der Zeit lernte er Wirkstoffe und Anwendungen, Dosierung und Kontraindikationen zu beherrschen, bekam ein Gefühl für Wechselwirkungen und Toleranzen, und es erschloss sich ihm eine vollkommen neue Welt, in der er jeglicher Krankheit Herr wurde. Leider überlebte so auch jeder Klötenkasper, den sonst die Evolution aus dem Genpool genascht hätte. Und dieses geistige Gewölle fing an zu studieren, möllerte sich die Birne an der Wand ein und erfand feinstoffliche Aromatherapie, orthomolekulare Psychiatrie und Heilquanten, kurz: die Pseudomedizin der vielen Heilmittelchen.

Alles wäre halbwegs gut gewesen, hätte sich der postdiluviale Bildungsbürger weiter an pflanzliche Substanzen gehalten und seine Wehwehchen damit kuriert. Allein die Aufklärung lockte filigrane Symptome der Beklopptheit aus der Tiefe der Seelen, Hexenwahn und Kapitalismus – der Verwandtschaftsgrad ist noch nicht raus, aber sie sind Angehörige derselben Sippe – und führte den Wahnsinn methodisch fort.

Eine ganze Industrie mit Tentakeln bis in die Werbewirtschaft lebt inzwischen von der Blödheit der Prä- bis Postgeronten, die nach der Lektüre der Apothekenfachperiodika jedes noch so beknackte Zeugs hinters Zäpfchen zwängen. Sie verkaufen den Heilungssuchenden Fischöl und Pollenpillen, Schlangenöl und Wässerchen jenseits von Gut und Böse. Geschickte Pharmazeuten drücken dem zahlenden Opfer gar Kürbis gegen nächtliche Pinkelattacken und Lavendeldrops für zügigen Schlaf in die Hand, wohl wissend, wäre Letzteres wirksam, könnte man sich Ersteres sparen. Die Koksgnome im weißen Kittel schachern fröhlich mit den Abfallprodukten der Forschung, anders ist ihr Umgang mit derlei Placebo und Zückerchen nicht zu deuten. Früher fuhren sie mit Planwagen über Land und priesen Brackwasser als Allheil-Tonikum gegen eingewachsene Fußnägel, Herz- und ähnliche Infarkte, schlechte Börsennachrichten und chronischen Hirnzellenauswurf. Heute schieben die Drecksäcke Schubladen auf und zu, um im Sekundenschlaf der Vernunft einer hilflosen Schar grundverdeppter Allesglauber Zink anzudrehen, das Nonplusultra der alternativen Medizin.

Weil Zink, sagt zumindest die Pseudomedizin, gegen eigentlich alles hilft, Allergie und Asthma, schwiemelnden Schweißfuß und Morbus Aua. So verkauft der durchschnittliche Pillendreher pro Tag den Gegenwert eines Kleinwagens an Zinkpastillen, obwohl er sein Examen nicht bestanden hätte, würde er den Schmadder, den er den Kunden hier auftischt, einem Pharmakologen ins Gesicht sagen. Vermutlich werden sie irgendwann die grassierende Zinkallergie der Bevölkerung entdecken und mit homöopathischen Nanozinkpartikeln kontern, damit sie wieder Salben, Tinkturen und Gelkapseln unters jammernde Volk jubeln können.

Man kann es den approbierten Mehlmützen nicht einmal anrechnen, dass sie größtenteils Unfug in Tüten ausgeben, der ungefähr so wirksam ist wie der Versuch, seinen Harndrang zur Schlafenszeit in eine Klangschale unterm Bett zu lenken. Da sie den offensichtlich kernhysterischen Patienten mehr oder weniger wirkungs- bis sinnlosen Schrott an die Backe packen, Pflästerchen und Sprühschaum, Creme und Murks-in-Wasser-Emulsionen, geleiten sie die Zweifelnden von einem Beschiss zum nächsten, währenddessen sich wenigstens die subjektive Befindlichkeit, größtenteils jedoch auch der objektive Status verschlechtert. Nach dem zwölften Zink-Magnesium-Kombipräparat mit Apfel-Qualle-Geschmack fegt der Apotheker dann die röchelnden Reste des reflexzonenresistenten Moribundus aus dem Laden und karrt ihn in die Notaufnahme. Vielleicht haben die ja einen besseren Blasentee.

Unterdessen schlägt die Fraktion professionell arbeitender Hypochonder gnadenlos zurück und zeigt den Pharmakolügnern, was eine Harke ist. Auf ihr Geheiß ballern sich Drogeriemärkte und Discounter die Regale voll mit Abführdragées und Pinkelpastillen für Untenrum, für die Omme gibt’s Gingkoglobuli, und wenn Kollege Alzheimer nach Retardkapseln quengelt, ist wohl auch etwas da. Warum in die Ferne schweifen? Wo der normale Konsument sich ohne Leidensdrückerkolonnen den Stoff holt, ist noch genug Platz für andere. Sollte dem Apotheker angesichts des Ansehens- und Einkommensverlustes der Kamm schwellen, empfiehlt sich frischer Ingwer, gerieben und mit Öl vermengt, wahlweise zur innerlichen Anwendung oder großflächig auf dem Kopf verschmiert. Und ansonsten hat er bestimmt noch ein Schächtelchen Zink im Haus.





Alternativlosmedizin

18 06 2013

„… sich die Grünen im Falle eines Wahlsieges dafür einsetzen würden, Homöopathie und andere alterativmedizinische Verfahren …“

„… endlich einen Beweis für die Wirksamkeit von Homöopathie, denn eine Regierungspartei würde sich bestimmt nicht für einen Zweig der Medizin einsetzen, wenn dessen Effizienz nicht…“

„… habe Künast betont, dass homöopathische Medikamente auch für gesetzlich Versicherte mit niedrigem Einkommen verfügbar sein sollten. Sie plane einen Gesetzesentwurf zur Herstellung von Globuli mit herabgesetzter Wirkstoffkonzentration, die an Patienten mit…“

„… wolle Trittin die Kirlianfotografie nur als diagnostisches Verfahren zulassen, wenn sie zur Visualisierung von mit Ökostrom erzeugten Spannungen…“

„… eine diskriminierungsfreie Neue Deutsche Heilkunde gefordert. Özdemir habe gefordert, dass auch Personen mit Migrationshintergrund Kurse im…“

„… die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung mit einem Forschungsauftrag zum Informationsgehalt in belebtem Wasser zu…“

„… setze die Fraktion der Bündnisgrünen auf therapeutische Vielfalt. Kuhn habe betont, er verstehe selbst nichts von dem Thema, wolle es aber im Bundestagswahlkampf vor allem als Verhandlungsmasse für eine schwarz-grüne Koalition…“

„… habe Claudia Roth zugegeben, dass sie einen Großteil ihrer Warzen durch Reiki…“

„… dafür Sorge zu tragen, dass Heilsteine nicht durch Kinderarbeit…“

„… müsse mit weiteren Einschränkungen bei der zahnmedizinischen Versorgung gerechnet werden, um holotrope Atemarbeit für breitere Bevölkerungsschichten …“

„… habe sich die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens dafür ausgesprochen, sämtliche Heilmethoden, die den Bedürfnissen der Patienten entsprechen, aus den Mitteln der Krankenversicherung…“

„… die tiergestützte Therapie auch in neuen gesellschaftlichen Zusammenhängen irgendwie ein Stück weit zuzulassen. Antje Vollmer wolle für Delfine, die beim Schwimmen mit verhaltensauffälligen Kindern besserverdienender Familien psychische Schäden davontrügen, ein kostenloses Angebot mit Katzenbildern und…“

„… seien jedoch bei der Cranio-Sacral-Therapie entstandene Schäden nur durch Vokalatmung zu heilen, worauf der Bundesverband Deutscher Handaufleger seinen Austritt aus der…“

„… vor dem Bundesverwaltungsgericht wie zu erwarten eine Niederlage kassiert habe. Der Versicherungsträger müsse daher auch die von der Klägerin entwickelte Watumba-Schreitanz-Therapie erstatten, bei der die Heilerin fehlsichtige Säuglinge und Asthmatiker mit gekauten Karotten und Streusand…“

„… dürfe rhythmische Massage nur dann angewandt werden, wenn die Rhythmik unterhalb der schulmedizinischen Nachweisgrenze…“

„… fordere Höhn eine völlige Freigabe der Drogen. So sollen Bach-Blütentherapeutika wie die Heckenrose nicht nur bei krankhafter Schicksalsergebenheit verschrieben werden dürfen, sondern auch bei leichten Fällen von…“

„… bundesweit einheitliche Qualitätsstandards einzufordern. Beck habe daher eine verbindliche Leistungsprüfung für Warzenbesprecher und…“

„… sich herausstellen werde, ob Kretschmann mit einer Volksabstimmung die Ausrichtung des Stuttgarter Bahnhofsneubaus nach Feng Shui…“

„… setze die Verkehrspolitik der Grünen vornehmlich auf die Anschaffung und Lagerung großer Mengen von Schüßler-Streusalz, da sich…“

„… nach einer Übergangsfrist ausschließlich Ohrkerzen nach der EU-Norm zu…“

„… gehöre es zum Konsens, dass die Wirkung zum größten Teil auf der Wunschvorstellung von Wirksamkeit beruhe. Trittin wolle daher mit homöopathischen Mitteln auch die Finanzkrise…“

„… nur bei anthroposophisch begründeten Indikationen zu verabreichen. Die Mehrheit der niedergelassenen Allgemeinärzte hätte sich allerdings dafür ausgesprochen, Aspirin auch weiterhin als Schmerzmittel zu…“

„… schwierige Fragestellung der forensischen Medizin. So müsse man nach homöopathischem Recht Autofahrern, die Rescue-Tropfen eingenommen hätten, die Fahrtauglichkeit absprechen, da diese hochwirksam alkoholisiert…“

„… die Ausrichtung grüner Finanzpolitik viel mehr auf das feministische Tarot zu…“

„… dass Heilpraktikern, die mit nicht in der EU zugelassenen Ohrkerzen arbeiteten, der sofortige Entzug der Zulassung…“

„… ob bei Personen, die von Lichtnahrung lebten, die ALG-II-Regelsätze automatisch um die Lebensmittelkosten vermindert…“

„… zu einem Kompromiss, dass auch importierte Ohrkerzen verwendet werden dürften, falls es nicht gleichzeitig zum Einsatz von Klangschalen…“

„… obwohl Göring-Eckardt angekündigt habe, auch Gesundbeten als anerkannte Therapieform in den Kanon der Pflichtleistungen aufzunehmen. Der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen habe dies vehement abgelehnt, da in einem säkularen Staat nicht einfach Hokuspokus mit staatlichen Subventionen…“





Chi heil

9 01 2013

Sigune humpelte. Möglicherweise hatte sie sich die Chakren verstaucht. „Bandscheibe“, hauchte die Nachbarin und stakste stocksteif den Ulmenweg entlang. „Doktor Klengel hat mir Ausgleichssport verordnet. Ich bräuchte nur eben einen, der mir die Tüte bis nach Hause trägt. Ob Du vielleicht – ?“

Nun war es noch ein gutes Stück Weg bis zur Bushaltestelle; allerdings machte die Rückenkranke keine Anstalten, das Verkehrsmittel zu besteigen, sie tastete sich weiter die Straße entlang. „Gleich sind wir da“, informierte sie mich. Mir schwante Übles. „Was bitte hat der Wunsch nach medizinisch indizierter Leibesertüchtigung mit dieser Bude zu tun?“ Sigune war entrüstet. „Sprich nicht so abfällig von Swami Vishnupaninanda! Ich bin mir völlig sicher, er wird ohne ein Wort erkennen, was mir fehlt!“

Sie zählt ja zu den innerlich erleuchteten Menschen – falls man dieses Neun-Watt-Niveau als Erleuchtung durchgehen lassen will. Sigune gießt ihre Topfpflanzen mit levitiertem, linksgerührtem Vollmondwasser und fengt ihr Mobiliar je nach Auffinden neuer Erdstrahlbündel shui, falls nicht Wasseradern sie davon abbringen. Ihre Kartoffeln werden nach Aszendenten geordnet, einen blau gehauenen Daumennagel hielt sie für den Beweis einer indigofarbenen Aura, und durchschnittliche Therapeuten, die sich mit ihr beschäftigen, gehen nach spätestens drei Sitzungen mit ihr zu einem Kollegen, der spontan seine Berufswahl überdenkt. Diese Enddreißigerin ist anders, und das ist gut so. Nicht auszudenken, hätte diese Frau Kinder.

Ätherisches Klingklang klongte durch den Laden, als sie die Tür zu dem kleinen, bis obenhin mit Kitsch vollgestopften Raum öffnete. Der Besitzer, bürgerlich Erwin Pacholke, musterte Sigune, wie sie ächzend den Sitz ihrer Lendenwirbel kontrollierte. „Rücken“, konstatierte er treffsicher. „Siehst Du!“ Trotz ihrer Schmerzen blickte sie mich triumphierend an. „Überzeugt mich kein bisschen“, gab ich zurück. „Er hätte erkennen müssen, dass Du gewaltig etwas am Kopf hast.“ „Was kann ich denn für Sie tun?“ Swami Dingsda verneigte sich dienstfertig. „Ich bräuchte etwas mehr Ausgleichssport, und da dachte ich…“ „Balance!“ Er griff wahllos in den Topf mit bunten Räucherstäbchen. „Ausgleich, innerer Friede, Moschus und Sandelholz, Einheit mit dem Universum und den Schwingungen des Körpers.“ „Pardon“, mischte ich mich ein, „auch wenn es nicht unbedingt so ausseht, es handelt sich um eine Bandscheibensache.“ Altklug zog er die Stirn in Falten. „Das ist natürlich rein psychosomatisch, deshalb müssen wir zuerst mit Aromen die negative Energie im feinstofflichen Leib neutralisieren.“ Sigune nickte. „Wie beim letzten Mal, als ich diese böse Erkältung bekam wegen der Nachwirkungen der Entschlackungskur. Das hat mir total geholfen.“ Swami Vishnupaninanda lächelte überlegen. Was man mit Kamillentee doch alles hinkriegt.

„Aber mal ernsthaft“, wandte ich ein, „Sie wollen mir doch wohl nicht weismachen, Sie hätten Ahnung von Sport. Oder würden Ihren Hokuspokus für eine orthopädische Rückenstärkung verwenden können.“ Immer noch hielt der Esoteriker die Nase in die Luft. „Gerade jetzt um diese Jahreszeit kann man viel für sein Chi tun.“ „Ski? mit dem Rücken soll sie Skifahren!?“ Pacholke war irritiert. „Aber nein, ich meine doch…“ „Also Tai-Chi. Gut, das dürfte gerade noch so hinhauen.“ „Lassen Sie doch Ihre albernen Scherze“, schimpfte er. „Wer hat denn mit dem Quatsch angefangen“, knurrte ich zurück. „Wir können es ja mit Meditation versuchen“, lenkte Sigune ein, „und dazu Ohrkerzen.“ „Sehr sportlich“, spottete ich, „Chi heil!“

Unterdessen hatte der Schmerz in ihrem Rücken zugenommen, sie hielt sich unauffällig an einem Stuhl fest und atmete flach. Swami Pacholke kniff die Augen zusammen „Man könnte natürlich mit auratischer Lichtarbeit beginnen, wegen der Schwingungen, aber das macht meine Schwägerin immer nur freitags.“ „Und ansonsten“, wimmerte Sigune. „Hundefriseurin“, murmelte der Okkultwarenhändler. „Das Kirschkernkissen“, jammerte sie, „hätte ich nur das Kirschkernkissen nicht weggeworfen“ „Kirschkernkissen!“ Swami Dingsbums verdrehte affektiert die Augen. „Diese abgeschmackte Volksmedizin! Gehen Sie mir weg mit dem Zeugs! Das ist doch reine Geldschneiderei, und außerdem nichts als Placebo!“ „Genug jetzt“, fiel ich ihm ins Wort. „Sie sind offensichtlich ein Dilettant, der sich nicht ansatzweise mit Medizin auskennt, sonst wüssten Sie, dass es hier nur einen wirksamen Ansatz geben kann.“ Er schnappte ein. „Wollen Sie mir meine Heilsteinmassage madig machen? Wissen Sie eigentlich, was mich das gekostet hat? Für die Kurse hätte ich zwei neue Reikigrade erwerben können!“ „Papperlapapp!“ Ich ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Sie haben die Wurzel dieser Erkrankung nicht erkannt, sonst würden Sie nicht mit Ihrem Duftzeugs daran herumdoktern. Was hier hilft, ist ausschließlich und allein eine Strahlenkonzentrationstherapie.“ Swami Erwin riss ungläubig die Augen auf. „Aber für eine energetische Bündelung bräuchte man ein Medium, und meine Schwägerin kann doch nur freitags!“ „Lieber Freund“, sagte ich herablassend und klopfte ihm auf die Schulter, „Sie haben ja nicht einmal die richtige Vorbeugemaßnahme empfohlen.“ Lässig knöpfte ich mein Tweedsakko auf. „Linksgewoben. Mondkalb. So etwas haben Sie ja gar nicht in ihrer Krimskramsbude.“ Gut möglich, dass kleine feinstoffliche Rauchwölkchen aus Pacholkes Ohren entwichen, ich hatte Sigune schon am Arm gepackt und aus dem Laden gezogen. Was für ein Anfänger, der nicht einmal eine biologisch-dynamische Jacke im Sortiment hat.

Doktor Klengel knipste seine Tasche zu. „Gute Idee“, sagte er, „sehr gute Idee von Ihnen, mein Lieber. Und wenn es bis morgen früh nicht geholfen hat, kleben Sie das zweite Wärmepflaster auf.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLVIII): Impfkritik

13 07 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das begrenzt, was unter der Kalotte suppt. Dem einen sagen Formel-Eins-Rennen nicht zu, der andere hat eine Abneigung gegen Mathe. Und doch eint uns, die aus dem gemeinsamen Fluchtpunkt der Primaten projizierte Diversifikation an halbwegs, vollständig und Teilzeitbeknackten, die selektive Akzeptanz des Weltbildes. Blind glauben wir an Bosonen und Kreiskolbenmotor, Laserkanone und Smartphone, doch Mikrobiologie und pharmazeutische Nutzanwendung sind noch Hokuspokus aus dem vergangenen Äon; eher fräße ein Büromane Pillen aus Dreck und Hundehaaren, als sich auf die Wirksamkeit einer Pille zu verlassen und den Unterschied zwischen dem Schamanen und dem approbierten Facharzt zu verstehen. Der reine Tor braucht nun mal nicht mehr als Wadenwickel und kalte Waschlappen, wenn Kollege Ebola an die Tür klopft. So ward Abend und Morgen und es entstand die Impfkritik.

Impfkritik ist zunächst ein normaler Auswuchs an mangelndem Urteilsvermögen, wie die üblichen Gelehrten ihrer Zeit Semmelweis’ Erkenntnisse der evidenzbasierten Hygiene für Tralafiti hielten. Nicht grundlos spricht die Wissenschaftstheorie von einem gleichnamigen Reflex, der logisches Denken mit Denkverboten konterkariert, um die mit dem Intellekt von Fischfutter gesegneten Kollegen aus der Nummer rauszukriegen. Was nicht zu sein hat, ist nicht – und wenn der ganze Schnee verbrennt.

Im einfachsten Fall sind die Gegner Vertreter mindestens esoterisch verbrämter Privatrealitäten. Eine halbwegs handhabbare Gruppierung ist die der religiös motivierten Gegner, die aus Angst vor der Spritze eine generelle Skepsis gegenüber einer Medizin entwickeln, die auch dann wirkt, wenn man nicht an sie glaubt. Kein Scientologe, kein universell oder ansonsten uriell Lebender braucht sich gegen Pocken pieken zu lassen.

Wesentlich unangenehmer wird es bei den pseudowissenschaftlich verschwiemelten Grützbirnen, die die karmagesteuerte Homöopathie samt teutonischer Mistelmedizin für den Mittelpunkt der rotierenden Reichsweltscheibe halten. Ein lässiger Griff in die braune Masse bringt rasch hervor, welcher Provenienz dieses kognitiv suboptimierte Gesabber ist, wie es weiland schon der Bettnässer von Braunau in seinen Tiraden wider die jüdische Schulmedizin unter sich ließ. Was immer das vorneuzeitliche Brauchtum an Rasseideologie hervorkotzt, hier ist es gut aufgehoben. Die im Endstadium dackeleske Verdrehung, die Impfung erst bei drohender Krankheit zur bewussten Entscheidung des Kassenpatienten zu machen, ist an weißem Rauschen im Hirnhöhe kaum mehr zu überbieten.

Geradezu possierlich ist doch, dass die weltumspannende Bewegung der Impfgegner streng nach Staaten geordnet eigene Kritikpunkte aus der Kimme kloppt – in Frankreich rennt man gegen die Tuberkulose-Impfung Sturm, auch wenn die seit einem halben Jahrhundert nicht mehr praktiziert wird, in Großbritannien hält man Medikamente gegen Masern, Mumps und Röteln, die auf dem Kontinent klaglos wirken, für Tod und Teufel – und sich nicht nur widerspricht, sondern zuverlässig bekloppt mit chauvinistischem Vokabular den Angehörigen des jeweils anderen Volkes Verrat und Korrumpiertheit vorwirft. Sonst hätte wohl auch die grassierende Verschwörungstheorie kaum Luft zum Atmen, wie immer sie sich zeigt, ob als Auslöser des plötzlichen Kindstodes (den es scheinbar nur in Italien gibt) oder als Faktor für posttraumatische Störungen nach Golfkriegseinsätzen (weil es diese Art von Grippeschutzimpfungen vermutlich nur in den US of A und nur in der Armee und nur während der Jahre gegeben haben muss, in der eine Kohorte von Soldaten ihre Temporallappen weich gespült hatte). Dumm nur, dass die Kinderkrankheiten im aufgeklärten Zentraleuropa da den Nachwuchs plätten, wo Anthroposophen und ähnliche Altnazis ihr Gesums unverhindert absondern können. Selbst harmlose Masern werden wieder zur tödlichen Gefahr; wenigstens ist das göttliche Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn die Kurzen krepieren.

Wie aber verfährt man mit den Berufsirren, deren Voodoo nicht für ein Studium der Betriebswirtschaft ausgereicht hat? Belfert man auf sie ein, um sie als Keimzwischenträger aus der Ernährungspyramide zu kippen? Begegnet man ihnen aus Respekt mit offenen Armen, aus gesundem Menschenverstand jedoch mit drei Lagen Latexhandschuhen? Weiträumiges Umfahren der Raumkrümmungsopfer bietet sich im Grundsatz immer an; wer schon geistig auf seinem eigenen kleinen Planeten lebt, darf sich auch gerne gesellschaftlich demgemäß ausgestoßen fühlen. Die Hauptsache ist, die religiösen Fundamentalisten, denen sowieso bald jede Gebetsabschussrampe untersteht, amalgamieren sich schnellstmöglich wieder mit der abbaubaren Biomasse. Wenn sie die Klappe halten, muss man ihnen auch nicht mehr böse sein. Bis dahin kann man das ganze arkane Gekasper gepflegt ignorieren. Wer hört schon auf Säuglinge.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXIII): Heilpraktiker

6 01 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zeichnet den Hominiden zweierlei aus. Zum einen begreift er die Endlichkeit des Seins und weiß sie in logische Zusammenhänge zu bringen – Vollkontakt mit dem frustrierten Mammut, Verzehr giftiger Pflanzen, intermittierendes Eindellen des Frontschädels, alles setzt der aktuellen Inkarnation ein mehr oder weniger rasches Ende. Der stets wache Erfindergeist ist das andere, die Neigung, gegen das Ableben allerhand Mittel und Wege zu sehen und von einer Generation zur nächsten zu kommunizieren. Der Mensch akzeptiert nicht die Geworfenheit, er lehnt sich kreativ dagegen auf, ihm mangelt es nicht an Ehrgeiz, im Experiment die Welt in ihre Schranken zu weisen. Als höchste, als letzte Instanz entwickelt er sich zum Arzt, der dem Tod die Stirn bietet. Immense Hürden auf dem Weg zum Mediziner nimmt, wer neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Begabung eine umfassende Allgemeinbildung sein Eigen nennen darf. Der Rest wird dann eben Klempner. Oder Heilpraktiker.

Die Heizdeckenverkäufer des Medizinbetriebs – ein idealer Beruf für alles, was bereits als Spülhilfe oder Anwalt versagt und dreimal den Taxischein nicht gerissen hat. Denn jedes Schimmelhirn darf sich in diese parasitären Dehnungsfuge zwischen Bademeister und Abdecker klemmen, da lediglich zwei Griffe zur Ausübung nötig sind: Handauflegen und Handaufhalten. Um die gröbsten Schäden am Material abzuwehren, stellt die Prüfung sicher, dass der angehende Quacksalber deutlich weniger an Kenntnissen besitzt als eine durchschnittliche Sprechstundenhilfe, um dem zurechnungsfähigen Teil der Population im letzten Augenblick die Flucht zu ermöglichen. Immerhin, zu seiner eigenen Sicherheit popelt er am Patienten unter der Auflage, die gravierenden Fälle zu erkennen – mit der Konsequenz, dass der Kurpfuscher nach gründlich versaubeutelter Kur alles leicht von der Backe kriegt, damit der richtige Arzt die gröbsten Schäden auf dem Weg zum Exitus ausputzen darf.

Oft und gerne genommen bei gut und gläubigen Deppen ist die sanfte Medizin, derart sanft, dass jeder Nachweis schreiend vor der Messbarkeit wegrennt. Offenbar besteht die wissenschaftliche Medizin ausschließlich aus Amputation, Exzision, Vivisektion und wird auch bei Schnupfen oder Schlafstörungen angewandt. Ein komplementärer Therapieansatz – Komplementärmedizin ist im reinen Wortsinn zu verstehen als das Gegenteil aller Vorstellungen von Zivilisationsteilnehmern, die noch alle Tassen im Schrank haben – wie etwa Pendeln, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Homöopathie jedoch, ähnlich effektiv wie der Versuch, ein aus verleimtem Würfelzucker gebasteltes Modell des Petersdoms mit Hilfe böhmischer Ukulelenmusik in Rotation zu versetzen, hat die gewünschte Nebenwirkungslosigkeit. Und schadet er nicht der Krankheit, dann ist alles gut. Stoßen traditionelle Methoden auch oft an ihre Grenzen – es mag sich seit der Steinzeit bewährt haben, bei Migräne in Säbelzahntigerauswurf zu baden, authentisch ist die Angelegenheit jedoch nicht mehr zu lösen – so ist doch die Sanftheit der Heilmethode ein noch viel schöneres Placebo.

Es ist tatsächlich nicht viel mehr als der uralte Wunderglaube, dass der Schamane mit seinem Gesundgebete, der mittelalterliche Medicus in der verschwiemelten Irrationalität ein Mana festschraubt, das jenes höhere Wesen, das wir verehren, zwischenzeitlich leicht gelockert hatte, weil der Bekloppte sich im Raum-Zeit-Kontinuum verdödelt. Oder weil in der Apothekerzeitung die richtige Symptomatik abgedruckt war, die dem durchschnittlichen Masochisten für ein Selbstbau-Syndrom ausreicht. Der Beknackte geht im Schutz der eigenen finanziellen Möglichkeiten zur Hexe in den Hinterhof, denn wer nur lautstark behauptet, dass er heilt, wird schon Recht haben. Dass die Sache grotesk teuer ist, scheint den Deppen nicht zu stören, schließlich ist skrupellose Preisgestaltung im Medizinbetrieb als Qualitätsnachweis längst etabliert genug, dass sich auch Kurpfuscher an den Zug hängen dürfen.

Kraniosakrales Eigenuringurgeln, ayurvedisches Farbträumen, Geistheilung durch Therapiehamster, keine noch so beknackte Methode, die sich nicht als Elixier gegen Gebrechen jeglicher Art verscherbeln ließe. Das öffnet Raum für immer neue Geschäfte, in denen jeder seine Nische findet, wahlweise als transzendental-ganzheitliches Mysterium, exotisch angehauchter Ethnokitsch für Freizeitrassisten oder pseudowissenschaftliche Weichstapler, deren Aura-Kristall-Analyse-Spektral-Ohrkerzen-Gymnastik schon seit 5000 Jahren in Afrika praktiziert und demnächst durch atomare Frequenzspektrometrie bewiesen wird. Notfalls hält eine alternde TV-Matrone ihre Gesichtslederhaut in die Linse und bekennt sich dazu, mit Halbedelstein-Drainage und Voodoo-Transfusion das Bindegewebe rund um den Schließmuskel wieder in Form gebracht zu haben. Auch hier ist alles sanft, zauberisch, kurz: die Alternativmedizin ist nie mit Wundbrand und vereiterten Backenzähnen konfrontiert und jagt jede Krankheit en passant vom Hof. Der Bescheuerte fragt sich nicht, wozu es Heerscharen an Fachärzten gibt, festmeterweise Fachliteratur zur urologischen Diagnostik oder den Nobelpreis, er ist konditioniert, dem absurdesten Versprechen zu glauben.

Längst haben sich die Scharlatane die seelische Gesundheit der Bekloppten vorgenommen und jubeln ihnen Urschrei und Rebirthing als Pflaster gegen paranoide Schizophrenie unter. Ein Heer selbst ernannter Spezialisten bosselt wirr mit Zwölfzollnägeln und Gottvertrauen an den Dachschäden wehrloser Nachtjacken herum, ohne auch nur eine Stunde medizinisches Fachwissen in die trübe Birne geträufelt bekommen zu haben. Die Hälfte jener Geistheiler könnte selbst einen gebrauchen, die andere Hälfte wäre in den Fingern des Staatsanwaltes deutlich besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mischpoke, so sie sich nicht vorher an energetisiertem Wasser die Ruhr einfängt, der eigenen Branche in die Hände gerät, wo sie Bioresonanz-Haaranalyse, Darmpilz-Channeling oder Feng-Shui-Koniotomie gepflegt in die Biomasse überführen. Alle Zellen schwingen. Die kosmische Harmonie hat sie wieder. Deckel zu.