Niedrig qualifiziert

5 12 2016

„… für mehr Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt sorgen wolle. Nahles sehe große Chancen durch noch mehr Lockerungen für die…“

„… die Bedürfnisse der Arbeitnehmer wieder in den Mittelpunkt stellen wolle. Die Möglichkeit, im Homeoffice arbeiten zu können, sei nun auch für Bautischler, Bestatter, Chirurgen sowie kaufmännische…“

„… ein Gesetz geben müsse, das Angestellten in Teilzeit eine Rückkehr in Vollzeit garantiere. Die Arbeitgeberverbände seien zuversichtlich, dass eine garantierte Rückkehr derselben Arbeitnehmer in die Arbeitslosigkeit mit Nahles ohne Probleme…“

„… dass die Arbeitszeit nicht mehr durch Tarifverträge begrenzt werden dürfe. So sei eine 70-Stunden-Woche für Pfleger auch heute schon durch Bereitschaftszeiten sehr gut zu…“

„… durch Überstunden und Überlastung am Arbeitsplatz vermehr erkranken würden. Dies sei nun durch flexibilisierte Krankheiten und…“

„… eine bessere telefonische Netzabdeckung für Arbeitnehmer im Homeoffice zu gewährleisten. So sei es auch für Klempner und Straßenbauer möglich, Aufträge unabhängig vom Standort zu…“

„… dass Zeiten der Nichtbeschäftigung grundsätzlich zu Weiterbildungen genutzt werden müssten. Laut eines Referentenentwurfs plane Nahles in der zu erwartenden Arbeitslosigkeit mit neunzig Prozent Rechtsstreit über Bewilligung und Finanzierung der Weiterbildung durch die Bundesagentur für Arbeit, die dann in den verbliebenen zehn…“

„… einen Anteil von einem Viertel Heimarbeit in Aussicht stellen wolle. In Absprache mit den Arbeitgebern sei dies bereits mit Krankheitszeiten und gesetzlichem Urlaub…“

„… eine Bildungsoffensive für alle in Aussicht stelle. So plane Nahles unbefristet Beschäftigte und Unternehmer präventiv zu Bewerbungskursen zu verpflichten, um nach dem Jobverlust so schnell wie möglich eine…“

„… durch Homeoffice bei den Arbeitnehmern eine bessere Kundenorientierung zu erreichen. Die Servicequalität in der Gastronomie lasse sich laut Nahles dadurch um bis zu fünf Prozent…“

„… nicht zahlen könne. Bereitschaftsdienst sei vielmehr durch eine Aufwandsentschädigung zu vergüten, der sich höchstens auf…“

… Telearbeit zu den Zukunftsmodellen gehöre, die Nahles fördern wolle. Arbeitnehmer in der Süßwaren- oder Klobürstenproduktion seien durch moderne Technologien wie Modem und Router von jedem Ort der Welt aus in der Lage, Maschinen zu programmieren, die ihre Arbeitsplätze komplett überflüssig…“

„… den Stundenlohn in den Pflegeberufen einschließlich der Aufwandsentschädigungen zu mitteln, so dass eine Bruttovergütung von weniger als vier Euro zur Sicherung der Wirtschaft…“

„… könne eine kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit auch im Homeoffice genutzt werden. Es stehe Arbeitnehmern selbstverständlich frei, ihre Wohnung außerhalb der Arbeitszeiten im Rahmen des jeweiligen Mietverhältnisses an Dritte…“

„… die Zahl der Aufstocker in Pflegeberufen voraussichtlich zunehmen werde. Nahles wolle gemeinsam mit den Arbeitgebern eine Kürzung der Löhne diskutieren, um mehr Anreize für Arbeitslose und Teilzeitbeschäftigte zu…“

„… sich moderne Telearbeit ohne geeignete Computer nicht verrichten ließe. Die Löhne seien nun so anzupassen, dass sich die Betroffenen ein geeignetes Gerät in weniger als dreißig Monatsraten zu je…“

„… werde die Ausweitung des Homeoffice in den niedrig qualifizierten Berufen sicher dazu führen, dass die Arbeitnehmer mehr Zeit für eigene Interessen bekämen, was zu einer Steigerung der Geburtenrate im…“

„… die Einführung von Nachtschichten in der Pflege Alleinerziehenden zugutekomme, die für die Erziehungsarbeit nur die Tage ganz frei und…“

„… gleichzeitig Homeoffice und die neue Freiheit einer Selbstständigkeit verbinden könne. Dies sorge beispielsweise dafür, dass früher abhängig Beschäftigte nun als Unternehmer einfach ihre Arbeit von ebenfalls mit Werkverträgen in ein Kleinunternehmen mit ebenfalls abhängig Beschäftigten und…“

„… auch den Arbeitsort besser auf die Bedürfnisse von Arbeitnehmern abstimmen solle. Nahles sei sicher, dass die Jobcenter innerhalb eines Jahres für jeden Erwerbslosen einen Arbeitsplatz innerhalb eines Umkreises von wenigen hundert…“

„… dass Homeoffice-Lösungen beispielsweise in manchen Wohnsituationen vertragsrechtlich nicht realisierbar seien. Nahles habe die Idee entwickelt, in diesen Fällen in der Nähe der Arbeitgeber kleine Arbeitsplätze zu schaffen, die die Arbeitnehmer als Mieter mit einer kreditbasierten…“

„… doch Korrekturen geben müsse. Das Bundesministerium gehe davon aus, dass es in einigen wenigen Einzelfällen Erwerbslose gebe, die nicht innerhalb eines Jahres einen Job in ihrem Landkreis finden würden, mit dem sie ihren Lebensunterhalt…“

„… davor warne, dass an den Bedürfnissen der Arbeitgeber vorbei gefördert werde. Da es bereits sehr viele überqualifizierte Arbeitssuchende gebe, müsse man in Zukunft auch vor überflexiblen…“

„… es alternative Jobförderungsmodelle geben müsse. Nahles habe den Jobbus erarbeitet, mit dem Erwerbslose zu Beginn einer Woche in drei zufällig ausgewählte Betriebe in mindestens fünfhundert Kilometern Entfernung gefahren würden, um sich mit ihren Bewerbungsunterlagen…“

„… die Höchstarbeitszeit von 48 Stunden ausweiten und gleichzeitig mehr Teilzeitjobs schaffen werde. Es sei ihrer Partei ja auch gelungen, mehr Teilzeitjobs und gleichzeitig mehr arme, überschuldete und…“

„… dass mehr Flexibilisierung auch mehr Eigenverantwortung mit sich bringe. Eine generelle Lockerung des Arbeitsrechts, von Angestellten auch nicht vertraglich vereinbarte Leistungen ohne Lohnausgleich verlangen zu können, dürfe nicht durch einseitige Besitzstandswahrung der…“

„… Lohnkosten und Lohnnebenkosten künftig wieder gemeinsam zu verrechnen, so dass auch der Nettolohn anteilig mit fünfzig Prozent vom Arbeitnehmer…“





Naturbescheuert

18 10 2016

„… auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereitet sein müsse. Nahles wolle viel familienfreundlichere Alternativen zum jetzigen…“

„… in der Industrie auf harsche Kritik gestoßen sei, da Nahles offensichtlich nicht die leiseste Ahnung habe, wovon sie spreche. Ein Sprecher des Ministeriums habe dazu betont, die sei die Voraussetzung, um in einem SPD-geführten…“

„… mehr Digitalisierung gefordert habe. Es sei in der Bundesagentur für Arbeit nicht klar geworden, ob Berufe wie Maler, Koch oder Trockenbauer durch eine Anbindung ans Internet oder durch den Einsatz neuer Speichermedien…“

„… im Interesse der Arbeitnehmer sei, ihre Freizeit möglichst ungestört zu verbringen. Sie seien gehalten, sich keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen, was bei manchen Berufen wie Taxifahrer, Chirurg oder Bergmann zu einer familiären…“

„… die Digitalisierungsoffensive eher in der Schwerindustrie starten wolle. Nahles habe dazu vorgeschlagen, jedem Stahlarbeiter ein Notebook mit WLAN-Kabel und Diskettenlaufwerk zu…“

„… wenn Ruhezeiten betriebsbedingt nicht eingehalten werden könnten, die Arbeitnehmer mit einem Freizeitausgleich zu entschädigen seien. Dazu gebe es bisher vor allem befristete Stellen, die anschließend durch lange Zeiten der Arbeitslosigkeit einen sozial gerechten…“

„… und neue Wege der digitalen Vernetzung erproben müsse. Die Arbeitsministerin sehe Deutschland auf dem besten Weg, Weltmarktführer für Internetstrumpfhosen und…“

„… das Homeoffice als Alternative zur bisher vorherrschenden Anwesenheitspflicht in den Betriebsräumen durchsetzen wolle. Nahles habe für ihr Pilotprojekt mehrere Produktionsmitarbeiter in der Chemiebranche, Erzieherinnen und zwei…“

„… flexible Teilzeitmodelle in der Raumfahrt anbieten müsse. Die Sozialdemokraten würden eine Weltraumexpedition zum roten Planeten auch für alleinerziehende Mütter…“

„… die Pläne zur digitalen Vernetzung verteidigt habe. Das Ministerium habe darauf hingewiesen, dass das Internet schließlich auch im EU-Fischereiausschuss…“

„… die Arbeitgeber verpflichten wolle, das Homeoffice grundsätzlich zur wählbaren Option zu machen. Im Gegenzug sei Nahles bereit, starke Lohneinbußen mitzutragen, um eine sozial ausgewogene Verteilung des Risikos für den…“

„… eine Aufwertung der Pflegeberufe plane. Die Digitalisierung sei das geeignete Mittel, mehr junge Fachkräfte für die Tätigkeit zu begeistern, die mehr Aufgaben mit dem Smartphone…“

„… auch einen Eigenanteil zur Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit leisten müsse. Um einen der begehrten Teilzeitjobs zu bekommen, solle Frauen nahegelegt werden, sich scheiden zu lassen und neben der Erziehung der Kinder einen halben…“

„… setze das Arbeitsministerium auf künstliche Intelligenz. Um die Erfordernisse einer Software für einen Ministerposten auszuloten, habe man sich bereits zu Beginn der laufenden Legislaturperiode entschieden, eine naturbescheuerte Ressortleiterin als Referenzgröße…“

„… das Nahles-Teilzeit-Modell auch Vorzüge berge. So könne sich die Bundesagentur wieder auf die Vermittlung von Vollzeitzeitstellen nur für männliche, überwiegend kinderlose…“

„… müsse sich jeder, der beispielsweise in einer Bank oder Versicherung arbeite, wo vermehrt Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt würden, mit Weiterbildungsmöglichkeiten beschäftigen, um als Dirigent, Panzergrenadier oder Designer wieder in den Arbeitsprozess zu…“

„… allerdings auf den ALG-II-Satz angerechnet würde. Dennoch sei die Erhöhung des Kindergeldes für die Betroffenen ein ideelles Dankeschön, da sie mit ihrem Einsatz den Wirtschaftsstandort…“

„… fördere Nahles Gegenentwürfe zum Diktat der Industriegesellschaft. Durch kleine, dezentrale Betriebe in den Wohnquartieren könne eine bessere Work-Life-Balance erreicht werden, etwa durch mobile Bauchläden, die statt der abgewickelten Filialen von Kaiser’s Tengelmann eine höhere Lebensqualität für die…“

„… im internationalen Vergleich bestehen müsse. Das Arbeitsministerium schlage vor, die Industriestandards aus China zu übernehmen, um durch Textilien und IT-Produkte wieder zur EU-weit führenden…“

„… noch mehr Flexibilisierung verlangt werde. So solle eine Teilzeitstelle künftig nicht mehr als 450 Euro im Monat einbringen, was aber nicht durch die Zahl der Arbeitsstunden, sondern durch eine Absenkung der Löhne bis zum…“

„… nicht auf CETA und TTIP warten dürfe. Nahles plädiere für ein deutsch-gesamtafrikanisches Freihandelsabkommen. Die Bundesrepublik dürfe sich nicht nur zerstören lassen, indem sie sich statt ihrer bisherigen Standards ein anderes Modell aufdrängen lasse, sondern müsse ebenso ihre Art zu wirtschaften gegenüber den…“

„… erklärt habe, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Kompensation der Folgen von Robotik und Automatisierung viel zu früh komme. In alter SPD-Tradition wolle Nahles erst dann, wenn es gar keine Arbeitsplätze mehr in Deutschland gebe, einen Wandel in der…“





Das Ende der Arbeit

20 08 2015

Vermutlich hatten sie einen Choreografen für meinen Empfang engagiert. Der eine Mann öffnete die linke Tür, während der andere Mann die rechte Tür öffnete. Dann verbeugte sich der dritte, während der vierte mich begrüßte. Ein fünfter geleitete mich zum sechsten, der hinter dem Tresen saß und dem siebten winkte, der den Aufzugsknopf drückte. (Der achte sah nur zu, vermutlich lernte er gerade, wie man den Aufzug in die Halle holte.) Zu meinem Erstaunen war Schrumpeter selbst im Fahrstuhl.

„Ich hätte wenigstens eine Fußballmannschaft erwartet“, kicherte ich, doch er ließ sich nichts anmerken. „Wenn Sie damit auf unsere aktuellen Personalprobleme anspielen“, antwortete er, „die sind rein vorübergehender Natur. Die Leute arbeiten halt irgendwas, uns stehen derzeit zu wenig zur Verfügung.“ Gerade in diesem Institut, das sich ganz dem Ende der Arbeit verschrieben hatte, fiel das natürlich ins Gewicht; umso mehr erstaunte mich der Andrang im ersten Stock. Schrumpeter winkte ab. „Das ist, wie gesagt, nur der erste Stock. Oben steht der Seitenflügel leer, hier haben wir teilweise in jedem Zimmer nur eine Person sitzen, wir sind also längst nicht vollzählig.“

Anders in diesem kleinen Durchgangsraum, in dem exemplarisch zwei junge Damen sich konzentriert mit einer Beschäftigung beschäftigten. „Eine Abstraktion von Arbeit“, befand ich. Schrumpeter nickte entschieden. Die eine junge Dame stempelte Formulare und kreuzte hier oder da auf dem Papier ein Kästchen an, bevor sie den Bogen der anderen jungen Dame herüberreichte. Die andere junge Dame nahm es in Empfang, quittierte in einer Liste und schob dann das also in Empfang genommene Blatt in einen Aktenwolf. Nach jeweils dreißig Formularen war die Liste voll, und das Blatt wanderte zur ersten jungen Dame hinüber. Auch diese hatte einen elektrischen Vernichter unter dem Schreibtisch stehen und wandelte die soeben abgeschlossene Aufstellung in feine Papierstreifen. „Man muss erstmal sehen, ob und wie man diese Vorgänge wissenschaftlich beschreiben kann. Dann können wir immer noch sehen, ob man daraus seine Schlüsse ziehen soll.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Vielleicht wäre das ein Vorhaben für ein verwaltungswissenschaftliches Experiment“, schlug ich vor, doch Schrumpeter war skeptisch. „Zu konkret“, kritisierte er, „und am Ende könnte es zu greifbaren Ergebnissen führen.“

Das Ziel der Institution, so hatte mich das Bulletin des Beirats informiert, war durchaus hoch gesteckt. Hier sollte die Arbeit abgeschafft werden, ein für alle mal und ganz endgültig. Warum aber mühten sich die beiden jungen Damen, und warum hatte man eine ganze Garde von Empfangskräften aufgeboten, um mich in den Fahrstuhl zu geleiten? „Der Mensch braucht eine Beschäftigung“, dozierte Schrumpeter. „Die meisten, denen man das Ende der Arbeit in Aussicht stellt, sind überzeugt, dass sie selbst natürlich weiterarbeiten würden. Die meisten könnten nicht die Hände in den Schoß legen, sie müssten etwas Produktives tun.“ Ich betrachtet die beiden jungen Damen, wie sie etwas Produktives taten – und es kam doch nichts dabei heraus. Das, begriff ich, war sicherlich Arbeit im reinsten Sinne.

Im nächsten Zimmer setzte Oberregierungsrat Splettstößer mit bloßen Fingern kleine Kappen auf winzige Stifte. „Sein Soll liegt bei zehn Hubbeln pro Minute“, informierte mich Schrumpeter. Ich war irritiert. „Warum sagen Sie Hubbel zu den Nupsis?“ „Weil das Pinökel sind.“ Wie gut, dass sich hier Fachleute um die Materie kümmerten. „Der Versuch wird auch irgendetwas ergeben, ich weiß nur noch nicht, was. Vielleicht kriegen wir heraus, dass man gewisse Menschen mit jeglicher Art von Tätigkeit beschäftigen kann, ohne sie mit Arbeit zu langweilen.“ Ich nickte. „Er ist immerhin Oberregierungsrat.“

Wie ich erfuhr, hatte man bereits eine Reihe von Beobachtungen gemacht, mit denen noch niemand etwas anfangen konnte. Eine ganze Mannschaft saß angestrengt in einem kleinen Saal auf Holzstühlen herum, seit Tagen schon, und um sich die Zeit zu vertreiben, begannen einige von ihnen, Kartoffeln zu schälen. „Allerdings nur nebenbei“, Schrumpeter betonte dies, „als Nebenbeschäftigung und nicht im Sinne einer Arbeit. Es zeigt eine Flexibilität, die man vielleicht ausnutzen könnte: sie sind in der Lage, gleichzeitig zu sitzen und noch etwas anderes zu tun.“ Ich war begeistert. „Dergleichen ist mir bisher noch nicht untergekommen, vor allem nicht in deutschen Behörden.“ Schrumpeter nickte. „Das könnte die Verwaltung komplett umkrempeln. Wir müssen damit sehr vorsichtig umgehen.“

Der Personalabbau hatte offensichtlich noch nicht stattgefunden, denn ein gutes Dutzend sehr beschäftigter Männer half mir in den Mantel, hielt die Türen auf, drückte Lichtschalter und die Knöpfe des Aufzugs, der mich wieder in die Halle bringen sollte, wo die Empfangskraft von einem weiteren Mitarbeiter flankiert war, der darauf hinwies, dass es sich um eine Empfangskraft handelte. Beide Türflügel öffneten sich. Und schlossen sich wieder. Wie gut, dachte ich, dass sich hier keiner mit Arbeit von den wirklich wichtigen Dingen abhalten ließ.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXVI): Mythos Vollbeschäftigung

8 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sobald die arbeitsteilige Gesellschaft an Fahrt aufgenommen hatte, wurde es unangenehm. Die einen sägten am Stiel, während die anderen mit der Axt noch nicht wirklich fertig waren. Wer wollte denn das Wirtschaftswachstum kontrollieren, den gefällten Baumbestand, die Möbel, Bohlen, Splitter im Auge des Brudervolks. Aus dem Boden fraß sich die Industrie, und Schluss war mit Lustig. Die Bretter kamen aus dem Sägewerk, die Schrankwand vom Discounter. Und da nutzte noch nicht einmal die gute Fee aus dem Märchenwald, Regal ist Regal. Die Industrie wird sich durchsetzen, wer sonst garantiert Vollbeschäftigung.

Was angesichts der globalisierten Wirtschaft und der angegliederten Arbeit für Klarheit sorgen sollte, aber so weit ist diese intellektuelle Elite eben noch nicht: natürlich ist der seit dem 18. Jahrhundert als spezielles Phänomen innerhalb der generelleren Armutsproblematik bekannte Typus virulent, vulgo: ein paar chronische SPD-Wähler sind noch immer nicht nüchtern genug gewesen, um der Vergewaltigung ein Ende zu setzen. Der verschwiemelte Rest lallt immer noch Blasen in die Luft, dass die aus hirnorganischen Gründen betroffenen Betriebe Karnevalströten auspacken und zum großen Lalula rüsten. Der große Traum von Arbeit als Sinnstifter einer bürgerlichen Existenz fräste sich ins Zentrum einer aus Protestantismus und Partikularinteresse geschnitzten Halbweltanschauung, die den Knecht der produktiven Revolution pro forma in den Himmel hob, zugleich ein Wolkenkuckucksheim für kapitalistisches Gewinsel im Auftrag der wahren Mächte, Geld und Gewehre. Von Wohlstand durch Leistung plärrt der Verein, wohl wissend, dass das für mehr als das abgehängte Drittel nicht gelten kann, wenn man selbst ein Stück abhaben will von einem Kuchen, der nicht vom Zusehen und nicht vom Gesundbeten wächst, sondern von der Kernkompetenz der Arbeiterführer: Krieg und Kriegsgeschrei, notfalls Krieg gegen die eigenen Leute, denn wo fühlte sich der Sozialist weniger fremd als im Grabenkampf, solange er nicht selbst bluten muss.

Das Dumme an der Schulbuchweisheit ist die lästige Wirklichkeit, die mit immer neuen Erfindungen für tatsächlichen Wohlstand sorgt, wenn auch nicht bei den Arbeitern. Das durchaus protestantischen Partikularinteresse, Arbeit als Fluch der produktiven Klasse zielgerichtet zu eliminieren, erweist sich letztlich als viel bessere Alternative zum Krieg, wenn auch das eine das andere nicht ausschließen muss. So wirbt das Kapital für sinkende Kosten, was letztlich nur durch die Marginalisierung des Arbeiters geht. Der große Glanz von innen, jenes Versprechen, den Lohnempfänger irgendwann von seiner Mühsal zu befreien, wird immer wieder wahr und sorgt für weiteren Wohlstand.

In einem Zeitalter, in dem von Maschinen gebaute Maschinen Maschinen bauen, die Maschinen bauen, verzichtet eine Gesellschaft nicht freiwillig auf Innovationen, die Backstraße und Brot billiger machen. Der Automat schickt sich langsam an, seine Macht strategisch zu planen. Längst kann er auf den Menschen verzichten – besser als sein Besitzer, der immerhin den Verbraucher für sein Brot eingeplant hat, falls er nicht im Haupterwerb Waffen baut. Da aber diese Gesellschaft sich am Mythos der Vollbeschäftigung weiter wärmt, denn ein anderes Leuchtfeuer ist nur durch leichte Drehung des ohnehin festgerosteten Schädels auszumachen, wird das Paradoxon offenbar: das Brot wird durch den Verzicht auf die Bäcker konkurrenzlos billig, es gibt nur keinen mehr, der es sich leisten kann. Als Rosskur empfiehlt die Kaste der Vorbeter, sämtliche Löhne zu senken, damit die Bäcker wieder in die Fabrik gehen. Sie finden nur keine, in der es noch einen Bäcker bräuchte. Zum Ausgleich essen sie wenigstens keinem mehr das Brot weg.

So bestraft die wirtschaftliche Produktivität sich selbst, weshalb auch die Reichen ungestraft ihren Reichtum genießen; sie machen sich ja auch keiner Produktivität schuldig. Immerhin halten sie zur Befriedung der Massen an der Vollbeschäftigung fest, die dem Schiffschaukelbremser sein karges Brot sichert, stets davon ausgehend, dass er nur halbtags arbeitet, weil er für den Achtstundentag zu faul ist, und nicht etwa, weil keiner genügend Schiffschaukeln zum Bremsen hätte. Hauptsache, er hat Arbeit, wie geistlos sie auch sei. Aber wer würde von einer Religion, die bewusst auf tönernen Füßen stakst, ein in sich geschlossenes logisches Gebäude erwarten, das mehr zu beherbergen vermöchte als eben jene Vorbeter, die ohne das tägliche Hochamt, am Horizont Vollbeschäftigung auszumachen, auch bald arbeitslos wären. Erwartbar ist dies indessen nicht; die Maschine, die diese Maschine baut, die den Job erledigt, muss erst noch gebaut werden. Es gibt viel zu tun. Lassen wir’s liegen.





Pippifax

10 11 2014

„Wir sind da ganz Ihrer Meinung. Frau Nahles hat das auch ganz klar irgendwie so verstanden, worum es ging. Deshalb wollten wir jetzt mal sehen, ob wir nicht eine gemeinsame Linie unserer Ministerien finden könnten.

Wenn wir schon in einer Koalition sind, dann sollten wir doch auch zusammenarbeiten, nicht wahr? Das erspart uns viel – Arbeit, wollte ich sagen, aber Sie verstehen schon. Ja, wir haben verstanden, und gerade wir als SPD-geführtes Ressort sind uns dieser besonderen Verantwortung sehr wohl bewusst. Wir müssen uns um die Gewerkschaften kümmern. Sonst tanzen uns diese Schmarotzer ständig auf der Nase herum.

Der Genosse Sarrazin hat ja schon gute Dienste geleistet, das muss man ihm lassen. Das sozialdemokratische Profil für die kommenden Jahrzehnte derart zu schärfen, auch mit der ganzen dazugehörigen Einbettung in die deutsche Geschichte, das war eine echte Pionierarbeit. Wirklich eine großartige Leistung. Was meinen Sie, was das für uns für ein Schock war, als es hieß, er würde zur AfD gehen – jahrelange Aufbauarbeit zunichte, eine Protestpartei kassiert den Lohn und schlachtet ihn für die eigenen Stimmenanteile aus! Gut, nach unserem Leitbild muss halt jeder selbst sehen, wie er aus dem Quark kommt, und wer es nicht schafft, ist halt irgendwie auch ein Stück weit schuld. Aber das gilt doch nicht für uns selbst!

Es war ja auch nicht alles schlecht damals. Den Brüdern und Schwestern, die gerne republikflüchtig geworden wären, denen konnte man sagen: wartet noch ein Weilchen, bald kommt der Kapitalismus auch zu Euch, und den Sozialistenschweinen, die für jeden Scheißdreck streiken wollten, den hat man gesagt: geht doch nach drüben, wenn’s Euch in der Demokratie nicht passt. Deshalb ist das ja auch so verlogen, wenn die sich heute hinstellen und ganz einfach behaupten, die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen. Das gilt doch aber nur für eine Seite der Mauer, haben die das denn immer noch nicht kapiert?

Was ist denn so schlimm an einer einheitlichen Gewerkschaft? Wenn die alle Glück haben, handeln die auch einen schönen Einheitstarif für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus. Na gut, zwei. Einen Ost und einen West. Aber das kann doch nicht so tragisch sein, die Angela Merkel war auch mal im FDGB. Und heute ist sie Kanzlerin.

Einheitsgewerkschaft, wenn ich das schon höre. Unsinn ist das. Eine Einheitsgewerkschaft ist in diesem Land vollkommen unmöglich. Und genau deshalb brauchen wir eben auch ein Gesetz, das die Tarifeinheit erlaubt. Das ist viel effizienter, das ist endlich mal eine Reform, die sich auch auf die Lebensbedingungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konkret auswirken wird.

Also wenn Sie zu einer interdisziplinierenden… disziplinären, wollte ich sagen, interdisziplinären Maßnahme über die Ministeriumsgrenzen hinweg bereit wären, würden wir uns bemühen, auch mal ein Gesetz mit juristischem Sachverstand zu liefern. Das kennt man ja von uns. Also dass wir das bisher auch schon immer versprochen hatten.

Im Grundgesetz steht erstmal nur das mit der Koalitionsfreiheit. Wir nehmen das als SPD auch hin, weil wir davon ja profitieren – wir haben die Freiheit, eine Koalition einzugehen, die die Opposition hier und da einschränkt, und wir nehmen das hin, ohne dagegen zu protestieren. Ich finde, die Lokführer könnten sich von unserer demokratischen Grundhaltung ruhig mal eine Scheibe abschneiden.

Schließlich leben wir in einer Demokratie, das müssen die Gewerkschaften zur Kenntnis nehmen, ob sie nun wollen oder nicht. Und die ist nun mal marktkonform. Das beruht auf der Entscheidung der Kanzlerin, die wurde von der Mehrheit des Bundestages gewählt, und der wurde gewählt von einer – Nichtwähler? weiß ich nicht, aber auf jeden Fall war das nach dem alten Wahlrecht, oder nach dem neuen, also auf jeden Fall demokratisch, und deshalb ist auch unser Parlament ein Rechtsstaat, und den kann keine Gewerkschaft beseitigen.

Umgekehrt kann das nämlich schon ganz anders aussehen. Wir sind uns doch wohl einig, dass der Aufschwung das Wichtigste für Deutschland ist, oder? Meinetwegen, dann eben das Wachstum, ich habe keine Ahnung davon. Ich sitze hier im Arbeitsministerium, wir beschäftigen uns mit Wirtschaft nur ganz am Rande. Wenn überhaupt. Und sozialdemokratisch ist, was Arbeit schafft.

Mit uns bleibt dieser Staat form- und lenkbar. Und wir werden auch nichts unversucht lassen, dass dieser Zustand so bleibt, Herr Kollege. Dafür haben wir lange genug darauf hingearbeitet, wir als Sozialdemokraten. Unsere Bildungsreform: Chaos in Schulen und Hochschulen, das massiven Bildungsabbau zur Folge hat. Unsere Reform des Arbeitsmarktes: Hartz IV. Finanzmarktreform: ein paar korrupte Zocker lachen sich tot, weil wir ihnen hinter vorgehaltener Hand den Mittelfinger zeigen. Fragen Sie doch mal Ihren Chef, den Innenminister, ob er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. So eine Grundrechtsreform braucht viele gute Ideen.“





Experten

21 09 2014

Es fährt in einem andern Land –
zum Beispiel in Paris –
ein kleines Auto vor die Wand.
Jetzt tut sich aber dies:

es braucht Experten, die den Fall
erklären, lang und breit
und ganz ausführlich. Denn der Knall
ist stark deutungsbereit.

Man braucht den Mann, der nur die Wand
rein baulich prüfend sieht.
Sodann gebietet Sachverstand,
der uns nach Frankreich zieht,

ob dies, Experte Nummer drei,
auch fahrzeugtechnisch stimmt.
Worauf ein vierter Herr dabei
den Schluss zusammennimmt.

(Der ist, wir wollen dies verkürzen,
bloß umgeschult von Luftabstürzen.)





Multitasking

4 03 2014

Petermann schaute wie eine Kuh, wenn es donnert. „Es tut mir furchtbar Leid“, sagt er mit einer Sanftmut, dass man sofort merkte, er hielt die junge Dame für komplett bescheuert. „Diese Herde stehen hier seit fünfzig Jahren, und wenn es nicht in Ihren Organisationsplan passt, suchen Sie sich doch bitte einen anderen Job, ja?“

Bruno Bückler – eben der, den Freunde und Kritiker ehrfurchtsvoll den Fürsten Bückler nannten, wie er in seinem Landgasthof Aal in Gelee und die süßsauren Gänsekeulen zubereitete – ballte die Fäuste, um nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Die Schnepfe raubt mir den letzten Nerv“, zischte er. „Kaum unterhält sich Hansi einmal mit einem Gewerkschaftsvertreter, schon schicken die einem diese Besserwisser vorbei.“ Der Angesprochene schmollte sichtlich. „Gar nichts habe ich“, schimpfte der Bruder, der für den Service zuständig war, „er hat sich meine Visitenkarte mitgenommen und dann einen von diesen Businesskaspern zu uns geschickt.“ Jedenfalls war das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Sie zeigte Petermann, der seit seiner Lehrzeit Entremetier und inzwischen die rechte Hand des Küchenmeisters war, wie man effektiv Petersilie hackt. „Sie kann es“, kommentierte Bruno, „zumindest theoretisch.“

Es war Frau Doktor Severin nicht zu erklären. „Wenn die Herde an der Längsseite stehen würden, könnten wir hier viel schneller arbeiten. Dann müsste ich die Speisen einfach nur auf den Teller legen.“ Brunos Schnurrbartspitzen gingen in leichte Vibration über. Sicher hatte er der Organisationsfee genau zugehört. „Und dann wird auch die Arbeit viel konzentrierter – Sie dort, was machen Sie da?“ Ihr neues Opfer war die Küchenhilfe, die flink einen Salat zupfte und auf den Tellern verteilte. „Sie müssen Ihre Arbeit viel besser organisieren“, teilte die Gewerkschafterin ihr mit. „Am besten bereiten Sie die Salate schon vormittags zu, und dann legen Sie die auf die…“ „Und wo stelle ich all die Teller hin?“ Sie ließ sich nicht durch Tatsachen verwirren. „Genau deshalb müssen wir diese rechtwinklige Anordnung auch ändern“, verkündete Frau Doktor Severin, „und jetzt habe ich hier noch einen Punkt zu den Hygienevorschriften.“

„Sie ist eine Katastrophe im Quadrat“, stöhnte Petermann. „Mehr als das“, knurrte Bruno Bückler, und sein Gesicht mit der gewaltigen Stirnglatze, die sich bis zum Nacken zog, lief so hummerrot an, dass seine zitternden Bartspitzen sich wie Fühler ausnahmen. „Sie hat von Arbeit nicht den leisesten Schimmer. Ich kann doch ihretwegen nicht die Gasleitungen aus den Wänden reißen.“ Auch mir bereitete die Dame Schwierigkeiten. „Ich will nicht wissen, was sie zu einem Salat sagte, der den ganzen Tag lang auf dem Teller vor sich hin trocknet.“ Sogar Hansi ließ kein gutes Wort an ihr. „Sie meinte, ich sollte erst die Getränke auftragen und dann erst die Speisen.“ „Macht man das nicht immer?“ „Aber nicht mit allen Gästen zusammen“, murrte Hansi. „Sie will hier einen Schichtbetrieb einführen, damit wir die Tische schneller wieder abräumen können.“

Die Gewerkschaftsdoktorin hatte keine Mühe gescheut, in der Küche lehnte die gesamte Brigade an der Wand. „Das Gemüse ist doch viel schneller fertig“, dozierte sie, „deshalb ist es für den Arbeitsablauf unerlässlich, dass wir die einzelnen Schritte darauf einrichten.“ Bruno verzog bereits schmerzhaft das Gesicht. „Danach nehmen wir uns die Fische vor und dann die Suppen.“ „Und den Braten?“ Petermanns sarkastischer Unterton hatte sich ihr nicht erschlossen. „Eine Suppe ist schnell aufgekocht, in der Zeit kann das Gemüse noch warm stehen.“ Hansi guckte Bruno an; Bruno guckte zurück. Mir schwante nichts Gutes.

Es handelte sich, wie mir Petermann erzählte, um einen Wettbewerb. „Wer die meisten unsinnigen Regeln aus dem Büroalltag in den Arbeitsprozess zu integrieren versucht, gewinnt.“ Das leuchtete mir ein. „Und dann erzählen sie wieder, dass wir unsere Mails nur einmal am Tag abrufen dürfen, damit wir nicht zu schnell abgelenkt werden. Aber wer ruft schon in der Küche an oder ruft Mails ab?“ „Es sind halt Schreibtischtäter“, seufzte er, „und mit dieser Methode haben sie letztes Jahr fast ein Pflegeheim lahmgelegt, weil sie der Meinung waren, man könne sich immer nur um eine Sache kümmern, im Zweifel um den Papierkram.“ Ich war irritiert. „Aber das war doch ein Wettbewerb? Wer hat denn dann gewonnen.“ „Die Besserwisser natürlich“, antwortete er bitter. „Der Wettbewerb wird ja auch nur unter ihnen ausgetragen.“ Unterdessen hatte Frau Doktor Severin der gesamten Küche in der Theorie vollkommen schlüssig bewiesen, wie man Karotten kocht, während in der gleichen Zeit ein Spanferkel am Spieß gart. Mit einem Wutschrei warfen sich die Bücklerbrüder gleichzeitig auf sie und zerrten sie in die hinterste Ecke.

Alles lief wie immer. Unter scharfer Beobachtung schlugen die Beiköche eine Béarnaise auf, während der Chef Filetspitzen mit Armagnac flambierte. „Wo ist eigentlich…“ Bruno zog die Augenbrauen in die Höhe. „Da drüben.“ Sie schälte, zwar nicht freiwillig, aber immerhin, Kartoffeln. Viele Kartoffeln. Einen ganzen Sack Kartoffeln. „Dann werden wir sehen, ob sie Recht hat. Erst mal die ganzen Kartoffeln für diese Woche, danach das Gemüse. Vielleicht lernt sie danach unsere Arbeitsweise wieder zu schätzen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXX): Die Grenzen der Arbeit

21 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt Berufe – Maschinenschlosser, Henker, Rübenzüchter – bei denen man sich nicht einfach Arbeit mit nach Hause nehmen kann, und es gibt solche – Rübenzüchter, Henker, Maschinenschlosser – bei denen das nicht wünschenswert wäre, für wen auch immer. Die Personalsachbearbeiterin im Zahnbürstenkonzern zieht sich ihren Job am Freitagabend aus wie einen Laborkittel, den man drei Nächte lang im Spind hängen lassen kann. Wer wollte ihr das verübeln? Höchstens der Aufsichtsratsvorsitzende, der sich einen Job nicht einmal anzieht, weil er für ihn austauschbar ist: heute Zahnbürsten, morgen Zigaretten, wer interessiert sich schon für mehr als Zahlen. Das aber ist nicht das Problem. Die Arbeit suppt ins Private, ihre Grenzen sind nicht mehr zu erkennen.

Sie haben es durch die elektronischen Fußfessel der permanenten Erreichbarkeit geschafft, die ortsunabhängigen Personen in einen virtuellen Käfig zu locken und den Schlüssel wegzuwerfen. Die Lohnsoldaten wohnen nicht mehr auf dem Fabrikhof, sie dürfen die Individualität ihrer Existenz voll ausschöpfen. Dass sie es bis an den Rand der immateriellen Prekarisierung zu spüren bekommen, ist kein Zufall, sondern Methode. Denn Sklaven haben keinen Anspruch auf zeitsouveräne Lebensmuster wie Feierabend, Wochenende oder Urlaub, sie sind ein beliebig einzusetzender Wegwerfartikel auf dem Markt der billigen Ressourcen.

In der Stellenanzeige wurde das noch als human orientiertes Ganzheitlichkeitsgeschwiemel verkauft, in der Praxis riecht die Sache schon anders. Alles, was man von der Persönlichkeit verlangt, die der Kandidat gern voll in die Arbeitsmaterie einbringen darf, ist seine Zeit, abgesehen von seinen Nerven. Es beginnt subtil mit einem Meeting an der Grenze zum Arbeitsende. Eine oder zwei Stunden, maximal, aber mehr Mehrarbeit wird nicht verlangt, und schließlich ist es nur die Rufbereitschaft, die dem durchschnittlichen Nichtschwimmer im Haifischbecken das Privatleben versaut. Immerhin ganzheitlich, das will man nicht abstreiten.

Die Dumpfschnösel im Flexibilisierungswahn, die gerade eben zu blöd sind, um den eigenen Burnout an der Haustür kratzen zu hören, plärren natürlich die dritte Stimme im Hohelied der neuen Verwertungswelt – die erste tönt von Aktionären, die zweite speichelt hervor aus dem erfüllenden Management – und loben den Abteilungsleiter, der beim Tête-à-tête, wahlweise auch nach dem vollzogenen Auffahrunfall im Rettungswagen die Quartalszahlen ins Mobilgerät erbricht, weil sonst eine Aufsichtsratte schlechter schliefe. Im Dienste der wirtschaftlichen Schlacht sind wir allzeit bereit, den Feind zu schlagen; dumm nur, wenn wir merken, dass der Feind wir selbst sind.

Die Arbeit wird generell zum Projekt erklärt, mit einer Ziellinie versehen, als unter vorgegebenen Umständen ablaufender Prozess definiert. Wer sich nicht einpasst und durch die unternehmenspolitisch vorgegebene Individualität aufstößt, wird vor die Tür gesetzt. Die Mittel, um dem Leistungsdruck zu widerstehen, darf jeder selbst aufbringen. Wer hätte das gedacht.

Die strukturelle Ausbeutung beginnt meist mit einer Kleinigkeit, die noch am Wochenende erledigt werden darf – an dem heimischen Werkbank, am Computer an der eigenen Steckdose, mit eigenem Bleistift auf eigenem Papier. Eine Umdrehung weiter sitzen die Daumenschrauben bereits so gut, dass auch komplizierte Fälle werktags bis zum folgenden Morgen gelöst werden. Der Kurzstreckendenker hat sich längst an Einzelarbeit ohne das soziale Gefüge im Büro gewöhnt, da wird er auch schon aus seinem erzwungenen Workflow herausgelabert: der Vorgesetzte ruft an und ätzt, ob seine Domestiken nicht schon längst fertig sind, weil sie sonst am kommenden Tag störende Augenringe tragen würden. Die Differenz zum Tyrannenmord schrumpft mit jedem Mal.

Am Ende der Entwicklung werden die Lautsprecher nicht mehr wissen, welche Chancen sich denn hinter den Risiken verbargen. Doch, wir können das Risiko der Selbstorganisation so gut wie privatisieren, aber auch das heißt wieder nur, dass der Unternehmer ausbeutet, während der Arbeiter die posttraumatische Belastungsstörung mit sich selbst privatisiert und freundlicherweise seine Kündigung deswegen nicht weiter hinterfragt. Die Bescheuerten haben sich nicht rechzeitig genug überlegt, wie man es anstellt, in diesem Umfeld nicht permanent auf die Fresse zu fallen, und auf wen sollten sie ihr Versäumnis schon abwälzen.

Wie angenehm, dass immer mehr Spitzenkräfte sich den Schädel perforieren, vom Dach hüpfen oder sonst wie unaufgefordert das Atmen einstellen. Sie reagieren vor den Anforderungen des marktkonformen Terrors nicht anders als die anderen Arbeitnehmer, die irgendwann unter dem Druck kollabieren. Schön, wenn man nicht alleine ist. Und gut, wenn wenigstens einer mit leuchtendem Beispiel voranschreitet.





Überrollspur

20 11 2013

Er tippte Schadenfallmeldungen ein, eine nach der anderen. Er wirkte fahrig und unkonzentriert, alle Augenblicke wippt sein Oberkörper ein wenig vor und zurück, als sei er ständig um Ausgleich bemüht. „Ich gebe ihm noch zehn Minuten“, konstatierte Siebels. „Und in spätestens einer Viertelstunde ist er weg vom Fenster.“ Den Kameramann störte das nicht. Vollkommen gleichmütig hielt er auf den Versicherungsangestellten.

„Sie lassen ihre Verbesserungen im Arbeitsleben inzwischen nicht mehr nur im Labor testen“, knurrte Siebels. Der große TV-Produzent hatte einen Deal hingekriegt, der selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich war. „Wir haben eine Sendung mit Freiwilligen. Sie unterwerfen sich den Einfällen des Managements, wir drehen den Mist und senden ihn.“ Er nippte ungerührt an seinem Kaffee, der wie immer kaum nach Kaffee und um so mehr nach warmem Plastik schmeckte. Ich war unangenehm berührt. „Sie senden also diese Menschenexperimente, ohne auf die Angestellten Rücksicht zu nehmen, sehe ich das richtig?“ Ebenso ungerührt antwortete er auch. „Fast. Wir nehmen keinerlei Rücksicht, aber auf die Manager. Sie sehen es nicht vorher, beispielsweise dieses Experiment mit der Arbeitszeit. Alle vier Stunden darf sich der Abteilungsleiter für zwanzig Minuten unter dem Schreibtisch für ein kleines Nickerchen zusammenrollen, macht zwei Stunden Schlaf pro Arbeitstag. Wir drehen es mit und zeigen die schönsten Momente.“

Der Abteilungsleiter, der glasig auf seinen Bildschirm stierte, hatte offensichtlich noch im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten der Prozedur zugestimmt; ihm winkte die Versetzung an einen Standort, der schon immer bessere Zahlen schrieb, und der Posten eines Generalbevollmächtigten, der eigenhändig Mitarbeiter kündigen darf. „Ein sehr verlockendes Angebot“, gestand ich. Siebels nickte. „Deshalb wollen sie auch nur die besten Leute einstellen, und das Bewerbungsverfahren ist hart.“ Die Unterlagen in seiner Mappe zeigten, dass es dem Vorstand längst nicht mehr nur auf die Zahl der Vertragsabschlüsse ankam; auch der Quotient an Versicherten, die man im Schadenfall ohne jede Entschädigung aus den Versicherungsschutz werfen konnte, war inzwischen zweitrangig. „Es wäre um ein Haar eine Fernsehshow mit Faustkampf und Gesangseinlagen geworden“, verriet Siebels und suchte nach seinen Pfefferminzdrops. „Nur hatte die Sache einen Nachteil, Bewerbungswettkämpfe dieser Art sind längst zu realistisch.“ „Das heißt, die Zuschauer wollen es nicht mehr sehen?“ Er schüttelte den Kopf. „Keiner will in diesen Programmen mehr Werbung schalten.“

Geräuschvoll fiel der Angestellte auf seine Tastatur. Das Chaos, das er dabei zwangsläufig hinterließ, bemerkte er kaum. Schlaftrunken hielt er sich an der Schreibtischkante fest. „Er hat noch eine gute Stunde“, rechnete ich nach, „und er ist seit vorgestern wach.“ „Ein tapferer Held“, mokierte sich der ungekrönte König des investigativen Fernsehfeatures. „Er kämpft unverdrossen für die beknackte Idee irgendwelcher Vollidioten, denen die Arbeit in ihrem Versicherungskonzern längst egal ist. Der Fehler daran ist, dass er gegen sich selbst kämpft.“

Der Mann klammerte sich immer noch an die Tischkante. Leise lallte er vor sich hin. Seine Finger zitterten erheblich, es war ihm so gut wie unmöglich, einen Stapel Papiere zu sortieren. Wahrscheinlich wusste er längst nicht mehr, was er gerade tat. Wie in Trance griff er auf dem Tisch um sich. „Es ist eine Milchmädchenrechnung“, erklärte Siebels. „Wir sind das Schlafen in Intervallen durchaus gewohnt, allerdings nur im Säuglingsalter. Wenn wir Hunger haben, wachen wir auf und schreien. Dann trinken wir uns satt, schlafen wieder ein, und die ganze Sache geht von vorne los.“ Er schleuderte den Kaffeebecher in den Papierkorb. „Die neoliberalen Theoretiker gehen von sich selbst aus, mehr nicht.“ „Dass sie einen bedürfnislosen Angestellten schaffen wollen?“ Siebels runzelte die Stirn. „Dass sie erwarten, alle anderen hätten wie sie den intellektuellen Horizont eines Säuglings.“

Es war wie ein Unfall, man mochte es nicht mit ansehen, konnte aber seine Augen nicht abwenden. Wie ein Getriebener langte er nach einem Bleistift, obwohl er ihn längst nicht mehr halten konnte. Was er dort tat, stand in keinem Verhältnis mehr zu seinem Einsatz. Er glaubte noch, auf der Überholspur zu sein, doch er befand sich längst auf der Überrollspur. Vermutlich würde er sich nach dem Experiment an nichts mehr erinnern können, und das war sicher auch so gewollt.

Und da war es passiert. Eine Viertelstunde vor dem Ziel fiel er auf den Tisch. Unmittelbar darauf setzte ein ohrenbetäubendes Schnarchen ein. Der Kameramann zoomte seelenruhig den Schlafenden rein. Nichts Friedliches war in seinem Gesicht, sondern die verkrampfte Maske des Ohnmächtigen. „Meinen Sie, wir sollten das auch probieren? Ist das nicht für Kreative wie Sie auch geeignet, wenn man am Tag ein paar Stunden mehr Zeit zur Verfügung hat?“ „Allerdings“, kicherte Siebels, „allerdings – ich wüsste sofort, was ich mit drei Stunden mehr anfangen würde.“ Fragend blickte ich ihn an. Langsam drehte er sich zu mir. „Ich hätte endlich Zeit für ein Schläfchen.“





Konsumlust

14 08 2013

„Entschuldigung, das ist doch Unsinn!“ „Finden Sie? Dabei vertreten Sie doch sonst auch immer genau das, was die Regierung sagt?“ „Aber Ihre Schlussfolgerungen sind vollkommen falsch.“ „Und das sagen gerade Sie?“

„Ich bleibe dabei. Deutschland geht es so gut wie nie zuvor.“ „Woran machen Sie das fest? Etwa an der gesteigerten Konsumlust der Bundesbürger?“ „Sie brauchen das gar nicht mit so einem ironischen Unterton zu sagen.“ „Käme mir nie in den Sinn.“ „Wir haben genug Arbeit. Es müsste sie bloß mal einer machen wollen.“ „Das ist sicher der Grund, warum für die Beseitigung der Flutschäden Ein-Euro-Jobber herangezogen werden.“ „Natürlich, das ist ja auch Arbeit, die zusätzlich entsteht.“ „Ah, richtig. Weil sie ohne die Flut nicht anfallen würde. Verstehe.“ „Sollen wir denn zusehen, wie die von der Flut beschädigten Gebiete unbewohnbar werden?“ „Die waren vor der Verwüstung durch die Neubauten auch unbewohnt, und die Folgen sehen wir jetzt.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ „Und warum schaffen wir keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze?“ „Die Leute wollen ja gar nicht arbeiten.“ „Also bekommen sie für die Arbeit, die sie trotzdem leisten, zum Ausgleich auch keinen Lohn?“ „Das ist doch gar nicht miteinander zu vergleichen!“

„Und wenn es so viel Arbeit gibt, warum gibt es dann immer noch so viele Arbeitslose?“ „Weil die Arbeit niemand machen will.“ „Ich dachte immer, weil die Arbeit keiner bezahlen will.“ „Falsch. Wer in diesem Land Arbeit finden will, findet auch Arbeit.“ „Weshalb wir auch derart viele Bürger mit Nebenjobs haben.“ „Richtig.“ „Und Sie denken, das sei ein Zeichen von Konsumlust.“ „Vollkommen korrekt.“ „Die Menschen wollen sich wieder etwas gönnen und menschenwürdig leben.“ „So weit würde ich noch nicht gehen, aber…“ „Sie meinen, die Bürger arbeiten für den Konsum.“ „Warum denn nicht? Wir leben schließlich in einer kapitalismuskonformen Demokratie, da wird das doch wohl erlaubt sein.“ „Und sie können sich das von ihren regulären Gehältern nicht leisten?“ „Das gibt der Markt eben nicht her.“ „Und sie brauchen dazu Zweitjobs?“ „Warum beschweren Sie sich? Es gibt doch genug Arbeit, wie Sie sehen.“ Dann arbeiten diese Menschen ja freiwillig?“ „Warum denn nicht?“ „Sie haben doch eben bestritten, dass Menschen freiwillig arbeiten?“ „Aber diese Menschen arbeiten ja, weil sie konsumieren können.“ „Und wenn man arbeitslosen Menschen eine Arbeit verschafft und sie dafür anständig bezahlt?“ „Wozu das denn? Die sind doch imstande und geben das ganze Geld sofort wieder aus!“

„Das finde ich jetzt ja schon sehr mutig von Ihnen, sich so entschieden für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark zu machen.“ „Wie bitte?“ „Sie haben doch eben gerade gesagt, dass Sie die Voraussetzungen dafür sehen.“ „Wer hat das wann gesagt?“ „Es findet doch jeder Arbeit, oder?“ „Wenn man will, ja.“ „Und wenn nun die einen den anderen die Arbeit wegnehmen?“ „Wer nimmt denn wem was weg?“ „Man könnte doch die Arbeit, die die einen zusätzlich machen, denen geben, die keine haben.“ „Aber die Leute wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Eben haben Sie noch das Gegenteil behauptet.“ „Weil die ja keine Arbeit haben, die bezahlt wird.“ „Es gibt doch genug Arbeit, die keiner macht, weil sie keiner bezahlt?“ „Man kann doch nicht alles bezahlen, so viel Geld haben wir doch nicht.“ „Sie erwarten aber, dass die Arbeit getan wird, wenn man sie bezahlt?“ „Natürlich.“ „Und weil die Leute so furchtbar gerne Geld haben, arbeiten sie auch noch zusätzlich?“ „Sicher, das würde doch jeder.“ „Also sind die einen zufrieden, weil sie mehr arbeiten können und etwas dafür bekommen, und die anderen sind unzufrieden, weil sie arbeiten müssen, aber nichts dafür bekommen?“ „Moment, das habe ich gar nicht…“ „Sie meinen, dass jeder gerne konsumiert und dafür freiwillig mehr arbeitet?“ „Weil die Leute eben arbeiten wollen – das war jetzt eine Fangfrage, oder?“ „Und Sie sind der Meinung, dass man auch Leute arbeiten lassen sollte, wenn es nicht bezahlt wird?“ „Aber die wollen doch gar nicht…“ „Dann arbeiten die einen freiwillig, aber die einen werden nicht dafür bezahlt.“ „Worauf wollen Sie jetzt hinaus?“ „Dass Arbeit und Geld nichts miteinander zu tun haben.“

„Also ich verstehe das immer noch nicht.“ „Wir haben eine Gruppe, die zu viel arbeitet, und eine, der die Arbeit fehlt.“ „Und was soll man dagegen machen? den einen die Arbeit wegnehmen und den anderen geben?“ „Warum nicht?“ „Das kann doch keiner bezahlen!“ „Das bezahlt doch schon jemand. Sie.“ „Ich?“ „Glauben Sie denn, der eine Euro für die Fluthelfer wird vom Papst gespendet?“ „Dann bezahle ich jetzt schon die, die gar nicht arbeiten?“ „Sie bezahlen sogar die, die arbeiten und davon gar nicht leben können.“ „Und was machen die alle mit dem Geld?“ „Konsumieren.“ „Ist das denn schlimm?“ „Wäre ich Sie, würde ich sagen: nein.“ „Und dann haben alle Arbeit?“ „Wen interessiert das? Die wollen doch alle gar nicht arbeiten.“ „Aber Sie haben doch gerade das Gegenteil… oh, Moment mal…“