Konsumlust

14 08 2013

„Entschuldigung, das ist doch Unsinn!“ „Finden Sie? Dabei vertreten Sie doch sonst auch immer genau das, was die Regierung sagt?“ „Aber Ihre Schlussfolgerungen sind vollkommen falsch.“ „Und das sagen gerade Sie?“

„Ich bleibe dabei. Deutschland geht es so gut wie nie zuvor.“ „Woran machen Sie das fest? Etwa an der gesteigerten Konsumlust der Bundesbürger?“ „Sie brauchen das gar nicht mit so einem ironischen Unterton zu sagen.“ „Käme mir nie in den Sinn.“ „Wir haben genug Arbeit. Es müsste sie bloß mal einer machen wollen.“ „Das ist sicher der Grund, warum für die Beseitigung der Flutschäden Ein-Euro-Jobber herangezogen werden.“ „Natürlich, das ist ja auch Arbeit, die zusätzlich entsteht.“ „Ah, richtig. Weil sie ohne die Flut nicht anfallen würde. Verstehe.“ „Sollen wir denn zusehen, wie die von der Flut beschädigten Gebiete unbewohnbar werden?“ „Die waren vor der Verwüstung durch die Neubauten auch unbewohnt, und die Folgen sehen wir jetzt.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ „Und warum schaffen wir keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze?“ „Die Leute wollen ja gar nicht arbeiten.“ „Also bekommen sie für die Arbeit, die sie trotzdem leisten, zum Ausgleich auch keinen Lohn?“ „Das ist doch gar nicht miteinander zu vergleichen!“

„Und wenn es so viel Arbeit gibt, warum gibt es dann immer noch so viele Arbeitslose?“ „Weil die Arbeit niemand machen will.“ „Ich dachte immer, weil die Arbeit keiner bezahlen will.“ „Falsch. Wer in diesem Land Arbeit finden will, findet auch Arbeit.“ „Weshalb wir auch derart viele Bürger mit Nebenjobs haben.“ „Richtig.“ „Und Sie denken, das sei ein Zeichen von Konsumlust.“ „Vollkommen korrekt.“ „Die Menschen wollen sich wieder etwas gönnen und menschenwürdig leben.“ „So weit würde ich noch nicht gehen, aber…“ „Sie meinen, die Bürger arbeiten für den Konsum.“ „Warum denn nicht? Wir leben schließlich in einer kapitalismuskonformen Demokratie, da wird das doch wohl erlaubt sein.“ „Und sie können sich das von ihren regulären Gehältern nicht leisten?“ „Das gibt der Markt eben nicht her.“ „Und sie brauchen dazu Zweitjobs?“ „Warum beschweren Sie sich? Es gibt doch genug Arbeit, wie Sie sehen.“ Dann arbeiten diese Menschen ja freiwillig?“ „Warum denn nicht?“ „Sie haben doch eben bestritten, dass Menschen freiwillig arbeiten?“ „Aber diese Menschen arbeiten ja, weil sie konsumieren können.“ „Und wenn man arbeitslosen Menschen eine Arbeit verschafft und sie dafür anständig bezahlt?“ „Wozu das denn? Die sind doch imstande und geben das ganze Geld sofort wieder aus!“

„Das finde ich jetzt ja schon sehr mutig von Ihnen, sich so entschieden für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark zu machen.“ „Wie bitte?“ „Sie haben doch eben gerade gesagt, dass Sie die Voraussetzungen dafür sehen.“ „Wer hat das wann gesagt?“ „Es findet doch jeder Arbeit, oder?“ „Wenn man will, ja.“ „Und wenn nun die einen den anderen die Arbeit wegnehmen?“ „Wer nimmt denn wem was weg?“ „Man könnte doch die Arbeit, die die einen zusätzlich machen, denen geben, die keine haben.“ „Aber die Leute wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Eben haben Sie noch das Gegenteil behauptet.“ „Weil die ja keine Arbeit haben, die bezahlt wird.“ „Es gibt doch genug Arbeit, die keiner macht, weil sie keiner bezahlt?“ „Man kann doch nicht alles bezahlen, so viel Geld haben wir doch nicht.“ „Sie erwarten aber, dass die Arbeit getan wird, wenn man sie bezahlt?“ „Natürlich.“ „Und weil die Leute so furchtbar gerne Geld haben, arbeiten sie auch noch zusätzlich?“ „Sicher, das würde doch jeder.“ „Also sind die einen zufrieden, weil sie mehr arbeiten können und etwas dafür bekommen, und die anderen sind unzufrieden, weil sie arbeiten müssen, aber nichts dafür bekommen?“ „Moment, das habe ich gar nicht…“ „Sie meinen, dass jeder gerne konsumiert und dafür freiwillig mehr arbeitet?“ „Weil die Leute eben arbeiten wollen – das war jetzt eine Fangfrage, oder?“ „Und Sie sind der Meinung, dass man auch Leute arbeiten lassen sollte, wenn es nicht bezahlt wird?“ „Aber die wollen doch gar nicht…“ „Dann arbeiten die einen freiwillig, aber die einen werden nicht dafür bezahlt.“ „Worauf wollen Sie jetzt hinaus?“ „Dass Arbeit und Geld nichts miteinander zu tun haben.“

„Also ich verstehe das immer noch nicht.“ „Wir haben eine Gruppe, die zu viel arbeitet, und eine, der die Arbeit fehlt.“ „Und was soll man dagegen machen? den einen die Arbeit wegnehmen und den anderen geben?“ „Warum nicht?“ „Das kann doch keiner bezahlen!“ „Das bezahlt doch schon jemand. Sie.“ „Ich?“ „Glauben Sie denn, der eine Euro für die Fluthelfer wird vom Papst gespendet?“ „Dann bezahle ich jetzt schon die, die gar nicht arbeiten?“ „Sie bezahlen sogar die, die arbeiten und davon gar nicht leben können.“ „Und was machen die alle mit dem Geld?“ „Konsumieren.“ „Ist das denn schlimm?“ „Wäre ich Sie, würde ich sagen: nein.“ „Und dann haben alle Arbeit?“ „Wen interessiert das? Die wollen doch alle gar nicht arbeiten.“ „Aber Sie haben doch gerade das Gegenteil… oh, Moment mal…“





Lagerhaltung

6 03 2013

„Das geht auch schneller!“ Ein Ruck fuhr durch die matten Gestalten im Lagerhaus, wie sie mit ihren Plastikkörben durch Regale und Förderbandstraßen hetzten, stets mit einem Blick über die Schulter, ob sie nicht gerade beobachtet würden.

„Dabei nützt das gar nichts“, erklärte mir Kelm. „Sie haben in ihrem Helm einen Chip, der den Aufenthaltsort verrät, die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegen, die Richtung, in der sie das tun, und wir haben einen Zentralrechner, der alle diese Daten zu einem lückenlosen Profil addiert. Hier entkommt keiner.“ Ich räusperte mich. „Wenn man bedenkt, dass diese Fabrik gegen jede erdenkliche Vorschrift verstößt…“ Er grinste. „Das ist korrekt, wenngleich auch erst nach der Gesetzesreform. Als diese Sache eingeführt wurde, war das alles noch vollkommen legal.“ Es gab einen Tumult unten in den Regalreihen; Sicherheitsbeamten fuhren mit ihren elektrischen Zweirädern in die Lagerzeilen, immer zwei Mann nebeneinander. „Vermutlich wieder eine der typischen Arbeitsverweigerungen aus individuellen Gründen.“ „Individuelle Gründe?“ Kelm nickte monoton. „Kreislauf. Oder ein Herzanfall. Wir können ja nicht auf alles Rücksicht nehmen.“

Mit der Monotonie eines abstrakten Balletts kippten die Arbeiter den Inhalt ihrer Plastikkörbe auf den Tisch, wo sich das Förderband plötzlich beschleunigte, so dass sie nicht mehr mithalten konnten und hilflos neben den Waren herstolperten. So verpassten sie immer wieder ihren Anschluss, die Ware wurde vor ihnen eingebucht, und sie hatten ein Stück zu wenig im Soll. „Wir sind da human“, beruhigte mich Kelm, „bis zehn Stück kriegen sie einen Anschnauzer, und dann gibt es einen Punkt in der Personalakte.“ „Was bedeutet der Punkt?“ „Dass man die halbe Kündigung schon geschafft hat.“ Er sagte es mit ruhiger Stimme, ganz und gar unbeteiligt, und es schien ihn nicht zu bekümmern, dass einer der Arbeiter nicht einmal richtig laufe konnte. Seine Schuhe waren zu groß; ich hatte davon gehört, dass man den Lageristen für teures Geld gebrauchte Schuhe verkaufte, die nur in wenigen Größen vorhanden waren, aber dies schien mir doch zu grotesk. „Immerhin bewegen sich die Leute vorsichtig“, teilte mir Kelm mit, „man kann in den Dingern nicht gut rennen.“

Unterdessen hatten zwei Sicherheitsleute einen Lageristen abgeführt, der die Treppe heraufgelaufen war. Er befand sich nur ein paar Meter unter unseren Füßen, doch man verstand nicht, was sie sprachen; zu laut war der Lärm der Förderbänder, das dumpfe Stoßen der Kisten, das kreischende, wimmernde Heulen der elektrischen Motoren, wenn die Aufseher auf ihren Rädern durch die Halle sausten. „Nichts“, ließ Kelm mich wissen, „nichts von Belang. Er wäre morgen drei Monate hier, da müssen wir ihn leider rausschmeißen, sonst würde sich sein Gehalt um ein Drittel erhöhen.“ „Und dazu muss man ihn fast die Treppe herunterstoßen“, begehrte ich auf, „das ist doch unmenschlich.“ „Er war Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit“, gab Kelm ungerührt zurück. „Er hat die Regeln gemacht. Jetzt spielen wir mit ihm.“ „Was werfen Sie ihm vor?“ „Er hat nicht beide Seite des Handlaufs angefasst. Vorschrift ist Vorschrift, das wissen Sie so gut wie ich.“ „Ach was“, wandte ich ein, „wie sollte er das denn auch mit einem Korb in jeder Hand.“ Kelm schmunzelte. „Wie gesagt, wir haben die Regeln nicht gemacht. Sie sind alle selbst schuld.“

Die meisten hier arbeiteten ohnehin zur Probe. Zwei Wochen lang schoben sie Pakete hin und her, rissen sich die Finger an den Kartons auf, krochen in Regale und torkelten durch die Halle, ziellos, wache Zombies, die bereits eine halbe Stunde nach Schichtbeginn erschöpft waren, vertrocknet, verbogen, innerlich wie äußerlich zum Reißen spröde. Sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Aber wie stellt man sich dieses Arbeiten schon vor, wenn man bisher nie ernsthaft gearbeitet hat.

Eine ehemalige Familienministerin wurde wegen eines falschen Artikels angeschnauzt. Dort hinten bekam ein pensionierter Polizeipräsident die Gummiknüppel zu spüren, die der Wachschutz laut Einsatzplan gar nicht dabei hatte. „Wir hatten nach dem Auffüllen mit zwei Bundestagsmannschaften noch etwas Platz“, erläuterte Kelm, „und die besonders renitenten Fälle, bei denen auch keine demokratische Rückbildung mehr half, die haben wir gleich integriert. Es muss ja auch jemand die Drecksarbeit erledigen.“ „Was ist das da für ein Geschrei?“ „Unser ehemaliger Innenminister“, winkte Kelm ab, „er beschwert sich schon wieder, dass er von seinem Helm auf Schritt und Tritt überwacht wird, obwohl er als braver Untertan doch nie eine Pause macht, nicht die Bahnen der Flurförderfahrzeuge kreuzt und regelmäßig seine Kollegen verpfeift, wenn die langsamer gehen, als die Vorschrift befiehlt.“ „Und, hat er damit Erfolg?“ Kelm schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Und ich weiß auch ehrlich nicht, warum er sich ständig beklagt. Wer nichts zu verbergen hat, muss doch auch nichts befürchten, oder?“

Unten zogen die Scharen vorbei. „Und man kann sie wirklich nicht mehr erreichen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nichts zu machen. Sie würden nach zwei oder drei Wochen Tagen aus dem Betrieb kommen wie aus einem Abenteuerurlaub: es war ein angenehmer Nervenkitzel, aber jetzt ist es vorbei.“ „Man muss sie in diesem Lager lassen?“ Kelm nickte. „Man hat keine andere Chance. Das geht auch schneller.“





Usque ad absurdum

6 12 2012

„Wissen Sie, was das größte Problem an der Arbeitslosigkeit ist?“ „Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ „Die Arbeitslosen.“ „Sie meinen, die verursachen die Arbeitslosigkeit?“ „Richtig. Wenn es nicht so viele Arbeitslose gäbe, dann hätten wir das hier in Europa endlich im Griff.“

„Dann müsste man eigentlich die Jugendlichen nur endlich wieder arbeiten lassen, damit die Arbeitslosigkeit weg ist.“ „Richtig so! alle wieder auf Arbeit, dann geht es Europa besser!“ „Und warum sind dann ein Viertel der Jugendlichen in Südeuropa arbeitslos?“ „Weil es denen so schlecht geht.“ „Und deshalb sind die arbeitslos?“ „Weil es denen so schlecht geht. Die haben ja nichts, die sind doch alle arbeitslos.“ „Also geht es denen so schlecht, weil es denen so schlecht geht?“ „Wieso, das hat doch…“ „Oder sind die bloß arbeitslos, weil sie arbeitslos sind?“ „Das hat doch damit nichts zu tun.“ „Was?“ „Na das mit dem, und mit dem anderen, und so. Oder?“ „Was fragen Sie mich, Sie wissen das doch.“

„Auf jeden Fall ist es jetzt mal gut, dass die EU etwas gegen die Arbeitslosigkeit tut.“ „Was tut die denn schon?“ „Die werden jetzt innerhalb von vier Monaten jedem von den jungen Leuten eine Arbeit geben.“ „Warum das denn?“ „Damit die nicht mehr arbeitslos sind.“ „Und dann?“ „Dann geht es denen besser.“ „Und dann?“ „Sind sie nicht mehr arbeitslos.“ „Warum?“ „Ja, denen geht’s doch besser dann, oder? Und dann geht sind die nicht mehr arbeitslos, weil die Arbeitslosigkeit weg ist, weil es denen da besser geht.“ „Und Sie meinen, dass das wirkt?“ „Na sicher, sonst würde die EU doch nie so etwas versprechen.“

„Haben Sie sich eigentlich mal Gedanken gemacht, was man den Arbeitslosen anbieten könnte?“ „Na, Arbeit doch.“ „Welche?“ „Na, zum Arbeiten halt. Wo man dann arbeitet, damit es einem besser geht.“ „Aber eben war es doch noch genau andersherum?“ „Wie, andersherum?“ „Da hat man noch gearbeitet, weil es einem besser geht.“ „Wegen der Arbeit, ja.“ „Und wo bekommen Sie die her?“ „Vom Arbeitsmarkt eben.“ „Der hat also genug Arbeit?“ „Ja sicher, sonst würde die EU doch nie so etwas… sagen Sie mal, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ „Würde ich mir nie erlauben.“ „Auf jeden Fall sollen die mal ordentlich arbeiten, dann geht’s denen auch gleich besser.“

„Meinen Sie nicht, dass das schwierig werden könnte mit den Angeboten?“ „Wieso denn, die müssen doch einfach nur arbeiten wollen.“ „Es ist immerhin ein Viertel der Bevölkerung unter 25, woher sollen Sie denn die ganzen Arbeitsplätze nehmen?“ „Dann muss man da eben ein bisschen zusammenrücken. Man kann die Arbeitsplätze doch aufteilen.“ „Und wie stellen Sie sich das vor?“ „Ja, man kann doch, die Arbeit kann man doch aufteilen und mehr Arbeitsplätze schaffen. Das hat doch für alle Vorteile, weil es dann allen besser geht.“ „Und wenn es so große Vorteile bringen soll, warum wird es dann nicht schon längst gemacht?“ „Weil die eben nicht arbeiten wollen.“ „Und deshalb muss man denen die Arbeitsplätze anbieten, die erst noch neu geschaffen werden?“ „Eben, dann geht es denen auch gleich viel besser.“

„Warum müssen denn überhaupt alle arbeiten?“ „Damit es denen besser geht.“ „Wodurch denn?“ „Dann haben die mehr Steuereinnahmen, und die können auch wieder mehr Renten zahlen.“ „Aber die, die heute Renten bekommen sollten, die müssen doch längst auch wieder arbeiten, wenn sie etwas finden.“ „Eben. Dann kann man doch die Jugendlichen arbeiten schicken, und die Rentner bekommen wieder Renten.“ „Und dann geht es denen besser?“ „Die arbeiten ja dann.“ „Aber das Rentenalter wird doch jetzt schon erhöht.“ „Das ist gut, denn wenn die alle arbeiten, dann geht es denen doch auch viel besser.“

„Es wird nur nicht reichen.“ „Was wird nicht reichen?“ „Die Arbeit.“ „Weil die nicht…“ „Es gibt in Spanien nicht genug Arbeit.“ „Dann sollen die eben nach Italien gehen.“ „Die Italiener haben auch nicht genug.“ „Portugal?“ „Keiner hat genug Arbeit für die Jugendlichen. Weder in Griechenland noch in Ungarn.“ „Sehen Sie, dafür haben wir dann ja den Fachkräftemangel.“ „Damit die anderen Arbeit bekommen?“ „Wozu denn sonst?“ „Und weshalb ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland so hoch?“ „Weil hier keiner arbeitet.“ „Aha. Und warum arbeitet hier keiner?“ „Weil die Arbeitslosigkeit so hoch ist.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kommen bald jede Menge europäische Jugendliche nach Deutschland, die unsere Facharbeiterstellen besetzen.“ „Richtig. Und dann geht es uns allen…“ „Ich frage mich, wer hier wen für dumm verkauft. Wenn das funktionieren würde, warum haben wir es nicht schon längst gemacht?“ „Wo?“ „In Deutschland.“ „Weil es uns doch schon gut geht.“ „Uns geht es gut?“ „Ja, weil wir doch so viel arbeiten.“ „Aber dann dürften wir doch nicht so eine hohe Arbeitslosigkeit haben.“ „Dann müssen die halt irgendeine Beschäftigung kriegen.“ „Also keine Arbeit?“ „Das kommt doch darauf an, wie man Arbeit definiert.“ „Was schwebt Ihnen denn da so vor?“ „Vielleicht können die hier Schnee fegen.“ „Im Sommer?“ „Unsinn, im Sommer fegen die natürlich den Stadtpark.“ „Und wenn es keinen Stadtpark gibt?“ „Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich! Irgendeine Straße wird sich doch wohl finden, die man fegen kann.“ „Als festen Job?“ „Meinetwegen auch als Praktikum.“ „Warum als Praktikum?“ „Dann haben die Arbeit, und wenn sie mit 25 nach Hause kommen, dann geht es denen viel besser.“ „Und vorher dürfen die in Deutschland kostenlos die Straßen fegen.“ „Weil die dann Arbeit haben.“ „Dann habe ich Sie endlich verstanden.“ „Was?“ „Dass die hier arbeiten sollen.“ „Warum?“ „Weil es uns dann besser geht.“





Immer gut beraten

23 10 2012

Er blätterte meine Papiere durch. Dann spitzte er mit Bedacht seinen Bleistift, bevor er sich entschied, doch lieber einen Kugelschreiber zu nehmen. „Sie haben noch nie in der Gastronomie gearbeitet?“ Ich schüttelte den Kopf. „Oder hatten Sie schon Kontakt zum Kaufmannsberuf? Nicht? Was soll ich da nur für sie tun?“ Er hatte es nicht leicht mit mir. Aber ich war ja auch das erste Mal in meinem Leben beim Berufsberater.

„Sie sind also kein Jurist?“ „Nein“, antwortete ich, „wie Sie sehen. Wäre es nach meinem Onkel Albert gegangen, dann – aber wie gesagt, ich hatte andere Vorstellungen.“ Er grunzte befriedigt. „Kein Jurist. Wir müssen demnach nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.“ Ein gewaltiger Stapel Papier lag auf seinem Schreibtisch; vermutlich handelte es sich um das Verzeichnis sämtlicher existierender Berufe. Er würde mich zum Hofzwerg weiterbilden oder mir eine Stelle als Pansenklopper und Hitzläufer vermitteln, während meine Noten höchstens zu einer Lehre als Pfeifenbäcker reichten. „Sin Sie wasserscheu? Na großartig, dann haben Sie hervorragende Aussichten als Dachdecker. Oder haben Sie schon einmal von einem Dachdecker gehört, der ertrunken ist?“ „Ich bitte Sie“, protestierte ich, „wir machen das doch hier nicht zum Spaß – schlagen Sie mir einen vernünftigen Beruf vor, mit dem ich auf ehrliche Art und Weise meinen Lebensunterhalt verdienen kann.“ Er wog den Kopf; gedankenverloren spielte er mit dem Kugelschreiber. „Ehrlich – tja, da müssen Sie wohl ein paar Abstriche machen. Man kann sich seinen Beruf heutzutage nicht mehr unbedingt aussuchen, man muss nehmen, was kommt, und die Zumutbarkeitsregelungen sind auch wesentlich erweitert worden.“ „Sie meinen, ich müsste jetzt als Arbeitsvermittler arbeiten?“ Er lächelte leise. „Keinesfalls. Ich würde Ihnen empfehlen, dass Sie jetzt einen entscheidenden Schritt in Ihrem Leben gehen und sich für einen neuen Beruf öffnen, der Ihre gesamte Existenz verändern kann.“ Ich blickte ihn fragend an. „Werden Sie Politiker.“

Für einen Augenblick war ich recht konsterniert. „Sie können doch nicht einfach von mir verlangen, dass ich einen solchen Beruf ausübe – das geht doch nicht!“ Möglicherweise hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, möglicherweise aber auch zu deutlich. „Was verstehen Sie denn unter dem Bruttoinlandsprodukt? Und was unter der Staatsquote? Und wo ist der Unterschied zwischen beiden?“ Ich errötete heftig. „Ich sagte Ihnen doch schon, ich verstehe wirklich nichts davon.“ „Ach was“, antwortete er gutmütig, „die meisten Wirtschaftswissenschaftler wären bei solchen Spezialfragen auch schon mit ihrem Latein am Ende. Damit stehen zwei Dinge schon mal fest: Sie haben nicht die geringste Ahnung von diesem Thema.“ „Und was wäre das andere?“ Er kicherte. „Sie wären der geborene Wirtschaftspolitiker.“

„Warum muss ich ausgerechnet als Wirtschaftspolitiker keinen blassen Schimmer haben von der Materie?“ „Ahnungslos müssen Sie so oder so sein“, klärte er mich auf. „Ob Sie nun Wirtschaftsminister oder Gesundheitsminister werden, das merken wir an unserem Einstellungs- und Kompetenzprofil. Wir haben damit nur gute Erfahrungen gemacht.“ „Ich bin doch nicht die FDP“, protestierte ich, „oder glauben Sie ernsthaft, dass ich an einen anderen Laden vermittelbar wäre?“ Er lächelte und spielte mit dem Kugelschreiber. „Nein, das sehen Sie ganz falsch. Das geht völlig an der Realität vorbei, und sobald Sie einmal die Gelegenheit hatten, unsere schwierig bis gar nicht vermittelbaren Interessenten von der FDP in Augenschein zu nehmen, werden Sie verstehen, dass das nicht unserem Profil entspricht. In deren Kompetenzprofil gab es große Lücken.“ „Lassen Sie mich raten: die Kompetenz?“ „Genau“, gab er zurück. „Das andere war das Profil, wenn Sie es genau wissen wollen.“

Er zog eine Menge Profile aus dem großen Stapel. Je nachdem, was ich nicht verstand, bot sich mir eine enorme Karriere. „Wenn Sie schon einmal gearbeitet haben – also richtig, nicht nur so getan, als ob – dann können Sie leider das Sozialressort nicht mehr übernehmen. Höchstens den Fiskus. Oder vielleicht das Bauministerium. Je nachdem, was Sie alles nicht gelernt haben. Danach geht’s ja meist. Also abgesehen von den selbstverständlichen Kleinigkeiten.“ „Welche Kleinigkeiten?“ Ich blickte ihn fragend an. „Beziehungen natürlich“, erläuterte er mir, „haben Sie gedacht, wir würden Sie so ganz ohne Beziehungen einstellen?“

Sie würden mich als Bauminister eingestellt haben – ich wusste nicht im Geringsten, worum s sich handelt – oder als Staatssekretär im Bundesinnenministerium, letzteres übrigens nur, weil mir versehentlich nicht einfiel, was ein Pfund Federn wog. „Denken Sie an die Bezahlung“, lockte er, „außerdem haben Sie Pensionsansprüche.“ „Und wenn ich diesen Beruf wirklich nicht ausüben kann, was mache ich dann?“ „Sie werden etwas falsch machen, je falscher, desto besser. Sie haben ja, wie gesagt, Pensionsansprüche.“ „Ich möchte Sie nur ungern enttäuschen“, gab ich zurück, „aber ich fürchte, es wird nichts damit. Ich würde dann doch lieber einen richtigen Beruf.“ Das musste ihn verwirrt haben. „Aber Sie haben doch einen?“ „Nein“, begehrte ich auf, ich würde lieber – wie soll ich sagen – arbeiten. Verstehen Sie mich?“ Er legte widerwillig den Kugelschreiber beiseite. „Ich habe wirklich alles bei Ihnen versucht, aber wenn Sie durchaus nicht hören wollen, gut. Hier ist noch etwas als Tellerwäscher. Ich habe alles bei Ihnen versucht, damit Sie merken: Arbeit macht frei. Und noch freier sind Sie, wenn Sie gar nicht erst arbeiten müssen. Sie nehmen jemandem den Arbeitsplatz weg – damit müssen Sie ab jetzt leben.“





Statistisches Mittel

10 01 2012

„Hatten Sie an etwas Bestimmtes gedacht? Wahlkampf oder Vorwahlkampf oder so? Oder ist bei Ihnen vielleicht demnächst Parteitag? War ja nur eine Frage. Hätte doch sein können. Wir haben für solche Zwecke ja schon etwas vorbereitet, damit wir eine schöne Arbeitsmarktstatistik hinkriegen.

Sie können bei uns auch en gros bestellen. Das kommt Sie freilich etwas günstiger als einzelne Aufträge. Arbeitslosenzahlen? Haben wir da. Alles. Frisch aus der Agentur. Also jetzt nicht direkt die Arbeitslosenzahlen, sondern nur einige statistische Kennwerte. Wie die Arbeitslosenzahlen aussehen, das bestimmen ja gerade Sie mit Ihrem Auftrag. Wir sind da völlig flexibel. Wie Ihre Moralvorstellungen eben, nicht wahr.

Das IIb-F ist unser aktueller Standard. Das sind die sogenannten Arbeitslosen, die gerade nicht arbeiten, obwohl sie arbeiten wollten – ich kann Ihnen da gerne einmal eine Probe mitgeben, versuchen Sie die vielleicht einmal in einer Talkshow, gerne auch für Podiumsdiskussionen oder in der Bundespressekonferenz, das wird ja immer gerne genommen. Ist ein echter Allrounder. Das Besondere? Die wollen arbeiten, aber sie können eben gerade nicht. Aus diversen Gründen.

Nein, das IIc-F ist etwas völlig anderes. Die arbeiten nicht, aber von denen könnte man auch schon mal annehmen, dass die, wenn sie können wollten, dann nicht wollen könnten. Oder war’s umgekehrt? Wie gesagt, die wollen einfach nicht. Nehmen wir mal so an. Deshalb werden die aus der Kerngruppe gleich rausgerechnet. Dann muss man sich mit denen auch nicht mehr beschäftigen. Woher wir das wissen, dass die nicht wollen? Ja, die haben halt nicht das Gegenteil gesagt.

Üblicherweise ist man sowieso aus der Statistik raus, wenn man über 58 ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht. Die machen uns auch gar keinen Ärger mehr. Die sind nicht mehr arbeitslos, die haben sich daran gewöhnt. So wie man nur ein paar Jahre von diesen Politikerfiguren regiert werden muss, bis man nichts mehr merkt. Das geht schnell. Warten Sie, ich hätte da eine Idee. Wenn man grundsätzlich jeden nicht mehr als arbeitslos einstuft, der länger als zwölf Monate Hartz IV – Sie meinen, jeden, der überhaupt schon einmal Hartz IV bekommen hat? auch als Aufstocker? Das nenne ich konsequent.

Das Problem mit den Arbeitslosen über 58 ist ja, dass die über 58 sind. Wir könnten die zwar in die stille Reserve reinrechnen, oder wir bräuchten dazu ein negatives Personalüberhangmanagement. Aber eigentlich müsste man sie bis zur Rente mit 67 vorerst in einer anderen Kategorie parken.

Sie bekommen selbstverständlich auch gerne eine Anpassung im Bereich Bildungsniveau. Man könnte beispielsweise alle gering Qualifizierten automatisch rausrechnen, weil sie ja nicht dem nachgehen, was die Bundesregierung als Arbeit definiert. Noch besser, man könnte alle als gering qualifiziert einstufen, die schon mal die Arbeit verloren haben. Wahrscheinlich waren sie nicht ausreichend qualifiziert, sonst hätten sie den Job ja noch. Nicht gut? Ach so, ja. Wenn der Präsident rausfliegt, kriegt er natürlich Sonderkonditionen.

Die Bundeskanzlerin hatte da neulich einen sehr interessanten Vorschlag, von wegen: Arbeiter- und Bauernstaat. Da Bauern ja per Definition nicht arbeitslos werden können, sollte man nicht einfach alle, die nicht Arbeiter sind – nein, Sie haben recht. Zu kompliziert. Das kapieren die im Ministerium nie. Man müsste eben den Arbeitsbegriff völlig neu definieren. Das Paket IX-B ist schon nah dran. Es gibt ja Sachen, die keine Wertschöpfung haben und dennoch als Arbeit bezeichnet werden. Den Bodensatz, wenn Sie so wollen. Ein-Euro-Jobber, Investmentbanker, Guido Westerwelle. Man könnte jetzt beispielsweise alle Arbeitssuchenden als gewerbsmäßige Arbeitssucher umdefinieren, dann wäre man auf einen Schlag alle Sorgen los. Wie? Nein, da haben Sie natürlich recht. Man muss doch ein Druckmittel behalten.

Das Paket IV-4G ist besonders jugendorientiert. Haben wir aus Japan importiert, die sind für so was immer zu haben. Wer in der Arbeitslosenstatistik auftauchen soll, muss unbedingt vorher schon einmal gearbeitet haben. Toll, oder? Es gibt also ab sofort keine Jugendarbeitslosigkeit mehr. Und keine arbeitslosen Akademiker. Nein, auch nicht für prekäre Beschäftigung. Die fallen da gleich durchs Raster. Dann wissen die auch gleich, wo sie hingehören.

Sie können natürlich selbst aktiv mithelfen, die Statistiken zu verbessern. Arbeitsunfähigkeit ist ein Ausschlusskriterium für die Statistik. Wissen Sie, die richtigen Bedingungen müssen da her. Das richtige Umfeld zur allgemeinen sozialen Verbesserung. Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, Burnout – Sie, unterschätzen Sie mir den Burnout nicht, das ist eine ganz tolle Sache! Wenn wir weiterhin so viel Burnout haben, dann steigern sich die Selbstmordraten, und das heißt: weniger potenzielle Arbeitslose, weniger Kosten, und natürlich werden auch ein paar Wohnungen frei. Sorgen Sie für Stress. Angst vor der Arbeitslosigkeit. Stellenstreichungen, machen Sie Stellenstreichungen! Je mehr Stellenstreichungen, desto geringer die Arbeitslosenquote. Klingt logisch, oder?

Wir legen sofort los. Versprochen. Seien Sie ganz unbesorgt, bis zu Ihrer Gastrede auf dem Gewerkschaftskongress haben Sie genau die Arbeitsmarktzahlen, die Sie sich wünschen. Kein Problem. Wir arbeiten dran.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXIV): Der Wellness-Imperativ

21 10 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Dasein besteht aus Gegensätzen. Tag und Nacht, Wachen und Schlaf, Nahrungsaufnahme und die Ergebnisse der Peristaltik in jeglicher Richtung sind einander Bedingung für das Ganzheitliche, das wir als Leben bezeichnen auf diesem durch die Weiten des Alls torkelnden Klumpen, der zahllosen Vollspaten eine Heimstatt bietet für ihre verpfuschte Existenz. Gerade noch entspannte der Dummbatz sein Resthirn im Fernsehsessel, da rufen Fließband und Schwiegerelternbesuch den mühseligen Teil der Sache wieder ins Bewusstsein zurück. Gebratene Tauben, so lernt der Zweibeiner, fliegen einem nur im Märchen ins offene Maul, und für das Paradies gibt es keinen gerichtsverwertbaren Beweis – vor das Vergnügen hat die Hausordnung in dieser Welt die Anstrengung gesetzt, von nichts kommt nichts. Nur scheint das System unter schweren Macken zu leiden, denn die Logik ist längst im Eimer. Nicht mehr Schaffe! plärrt einem die interne Instanz zu, Entspann Dich! keift das Über-Ich, und: Fühl Dich wohl! Ohne Imperativ scheint Wellness nicht zu funktionieren.

Alle Welt relaxt, spannt aus, ruht und rastet, legt die Füße hoch und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Falsch, jodeln die Fitnessfatzkes aus der Flimmerkiste, die der wehrlosen Pauschalrübe eins überbraten mit Ayurveda-Handstand zu indischem Klingklanggebimsel, doofem Duftorgelgeblök und autogenem Biovollkornschrotheilfasten. Der ganze Mensch wird von innen und außen vollgereinigt, schnellgefönt von verbaler Heißluft, aufgebrezelt aus Ruinen gegen Fußschweiß, Krampfadern und Schlaflosigkeit, geschmiert, verschraubt, motiviert und in sich selbst verankert, mit spirituellem Kitsch abgepappt und in die Tiefenentspannung versetzt, wo man ihm jeden Müll in die Synapsen kleckern lassen kann, und zum Schluss hält der Beknackte Til Schweiger für einen begnadeten Mimen, die Erde für eine Scheibe und sich selbst für einen wenigstens durchschnittlich begabten Hominiden, der ohne Blutverlust mit der Kuchengabel umgehen kann. Drei Tage im Tschakka-Bootcamp, und der bis dato klaglos spurende Arbeitnehmer ist ein seelisches und körperliches Wrack, reif für den Jahresurlaub im Schlaflabor.

Denn die gesamte Wellness-Industrie ist nicht mehr als die ebenso auf Leistung gedrillte Kehrseite der Erwerbsarbeit – hier wie dort wird unter Ausschluss logischer Denkprozesse eine Horde teilzeitintelligenter Nachtjacken gescheucht, gejagt und gequält, bis sie auf Kommando im Blubberbad schnarchen, wie sie noch kurz zuvor an der Stanzmaschine das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe geschwiemelt hatten. Zwang ist beides, beides Bestandteil im neoliberalen Turn einer Schmarotzerkaste im Effizienzwahn. Kategorisch brummt einem der Terror im Hirn herum: wer als Leistungsgesellschaftler erzogen wurde, kriegt den propagierten Plüsch nun mal nicht aus der Kalotte.

Das Ergebnis ist Freizeitstress in seiner dümmsten anzunehmenden Form, die Rekordjagd bei der Erholung. Wer schnarcht als erstes im Samadhitank? Wer knotet sich die Ohrläppchen beim Feldenkrais zusammen? Wer kriegt die Goldmedaille im Biofeedback? Wir entspannen uns zu Tode, letztlich geht nichts mehr ohne Doping über die Bühne, und so bembeln wir uns nach alter Sitte eins in die Birne, popeln Psychopharmaka in Krankenhausmengen hinters Zäpfchen und freuen uns, wenn der User IQ Underflow langsam in die Abszisse einwächst. An sich wollten wir immer erst schlafen, wenn wir tot sind, aber das setzt ein Leben voraus. Oder etwas ansatzweise Ähnliches. Wir landen ungebremst im Relax-Burnout, zugedröhnt mit Affirmation, hyperaktiv bis zum Anschlag, und nichts fürchten wir mehr und wollen wir doch mehr als den Moment, an dem die Grütze nachlässt.

Das tut sie auch, spätestens mit dem Heulen der Werkssirene lässt das Yes-We-Can-Gekreische der Yogatherapeuten mit ihren Ohrkerzen nach, der Flow hat uns erreicht. Auf geht’s zum Karōshi, der sozial verträglichen Lösung der Work-Life-Balance. Was verliehe diesem irdischen Geballer schließlich mehr Sinn als ein heroisches Ableben im Dienste des DAX. Und schon haben wir das gewünschte Paradoxon in der verpilzten Hirnrinde erzeugt: die Arbeitswelt wird zum kollektiven Freizeitpark, der die Anstrengungen der Egopolitur verkraften lässt, prima auf verschärften Wettbewerb ausgerichtet, wie ihn der konditionierte Nanodenker sowieso längst praktiziert. Wie Pawlows Pinscher lassen sich die Hirnvollwaschgangsopfer in den Kreislauf des Verderbens zurückstopfen, willig, da dumm, und sofort absetzbar von den Humankapitalisten. Eine ganze Schicht lässt sich billig erpressen mit der drohenden Globalisierung oder einer von Parasiten erzeugten Geldumschichtung und feiert den Zustand der finalen Depersonalisierung als erwünschtes Verhaltensideal.

Man sollte seinen Feierabend besser nutzen und sich freudvoll körperlich wie geistig ertüchtigen, sich bilden, stählen und stärken. Um so besser kann man dem Kompetenzimitat auf dem Chefsessel im richtigen Augenblick eins aufs Maul hauen. Der Wellness-Faktor ist unbeschreiblich.





Viehhandel

24 03 2011

„Herr Minnichkeit, wie bin ich erfreut, Sie hier zu sehen!“ Siegmund Seelenbinder setzte bereits zu einem artigen Diener an, als ich ihn lächelnd unterbrach. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich bin es gar nicht selbst. Minnichkeit schickt mich, um den Chef der Fashion-Abteilung einzukaufen.“ Sein Gesicht zuckte. „Ich muss um Verzeihung bitten. Aber wird sind auch noch nicht fertig, unsere Datenbank wird gerade frisch durchgeputzt. Sie werden einen Kandidaten bei uns finden – wir haben alles, was Sie suchen!“

Ich verkniff mir die Bemerkungen, als ich das Signet von ad hominem an den Türschildern entdeckte. Die Personalfirma hatte sich den Namen selbst gewählt, ich war dafür nicht verantwortlich. „Unser Unternehmen“, belehrte mich Seelenbinder, „arbeitet nach den modernsten Methoden und ist technisch up to date. Sie werden sicher keinen Konkurrenten finden, der sich mit uns vergleichen ließe.“ „Das glaube ich aufs Wort“; gab ich mit einiger Ironie zurück. „Wenn Sie vor allem ein Interesse an technischen Verfahren hegen, sind Sie bestimmt ein großartiger Personaldienstleister.“ Er rümpfte die Nase. „Höre ich da eventuell eine Spur von Kritik heraus?“ Seelenbinder öffnete die Tür und schob mich in den kleinen Raum. „Dann schauen Sie sich einmal das hier an. Und dann reißen Sie die Klappe auf – wenn Sie können.“

Es war eine ganz normale Datenbank, aber ihre Ordnung war ungewöhnlich. „Die intrinsische Motivation ist ein bislang völlig unberücksichtigtes Kriterium. Wir wollten uns nicht damit abmühen, die Fähigkeiten eines Arbeitnehmers zu bewerten – die meisten Dinge lernt man sowieso erst in der Berufspraxis, Sie werden das kennen – sondern ihn nach dem Leistungsprinzip kategorisieren. Wer etwas leisten will, der soll es auch tun.“ Ich war sehr erstaunt. „Das ist ja lobenswert“, antwortete ich. „Meist wird diese Phrase ja nur in Sonntags- und Wahlkampfreden verwendet, denn wer hat heute noch Respekt vor einem Feuerwehrmann und nicht vor einem Investmentbanker?“ Seelenbinder zog eine Braue empor. „Sie sind Romantiker? Hätte ich mir ja denken können. Aber wir sehen das etwas anders. Bei uns haben Idealisten schlechte Karten. Sie sind absolut untauglich.“

Die Suchmaske spuckte binnen Sekunden ein Dutzend hoch motivierter Arbeitskräfte aus. „Der übliche Schrott“, spottete der Personaldompteur. „Die haben teilweise dreißig Jahre lang ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten müssen – inzwischen völlig unbrauchbares Pack, das für den normalen Arbeitsmarkt total verdorben ist.“ „Eine interessante Auffassung“, bemerkte ich, „nach der Doktrin dürfte es keine ordentliche Arbeitsbiografie mehr geben.“ „Gibt es auch nicht“, beschied mir Seelenbinder. „Wenn Sie sich dreißig Jahre lang in der Maschinerie geschunden haben, sind auch ihre Qualifikationen egal. Sie sind motiviert, idealistisch und total versaut für die modernen Anpassungen. Sie lieben die Arbeit.“ Ich betrachtete das Auswahlfeld. „Qualifizierte Beschäftigungen haben Sie nicht anzubieten?“ Seelenbinder schüttelte den Kopf. „Würden wir ja gerne, aber wenn wir auf einmal alle freien Stellen besetzten, dann hätte die Wirtschaft keinen Grund, den Fachkräftemangel zu beklagen.“ „Sie meinen also, ein unmotivierter Arbeitnehmer ließe sich in den Arbeitsprozess noch besser einspannen?“ Er nickte. „Wir setzen auf die träge Masse. Das Vieh ist besser als gar nichts.“

Die Datenbank gab derweil jede Menge Output von sich; Estrichleger wurden gesucht und Kellner, Feinpolierer und Stuckateure, lauter ehrenwerte Gewerke. „Es gibt ja kaum noch einen Anreiz für diese Leute“, beschied Seelenbinder. „Natürlich müssen wir mittlerweile von den üblichen Mustern abweichen – es lässt sich kaum noch erzählen, dass es mehr Arbeitsplätze als Arbeitslose gibt, aber das muss uns nicht stören. Wir erweitern einfach das Modell der Anreize. Wenn ein Kandidat zu schnell bereit ist, eine Arbeit zu verrichten, ist die Arbeit zu gut bezahlt – oder der Arbeitnehmer übermotiviert.“ Ich widersprach ihm heftig. „Sie verrechnen sich. Ihr Ansatz ist unlogisch. Einerseits wird von der öffentlichen Hand die Unterwerfung unter den Arbeitszwang gefordert, fernab jeder Qualifikation oder Qualifizierung, und dennoch betreiben Sie Ihren Viehhandel: ist die Arbeitsbereitschaft erst einmal erzwungen, kann man an den Konditionen immer noch drehen. Wie passt das zusammen?“ Seelenbinder lächelte herablassend. „Wir fassen die Gier dieser Gesellschaftsschicht, mehr als ihre Grundsicherung haben zu wollen, als verderblich auf. Gleiches Recht für alle – warum soll nicht ein Fabrikarbeiter mit denselben Vorverurteilungen zu kämpfen haben wie ein Manager?“ „Ich dachte es mir schon“, gab ich zurück. „Ist der Mensch schlecht, freut sich das Geschäft. Freie Geister hat eine Diktatur nicht gerne in ihren Reihen.“

Seelenbinder tippte ein paar Dinge in die Tastatur und wartete, bis der Computer die Ergebnisse ausspuckte. „Hervorragend“, jubelte er. „Wir können Ihren Fashion-Menschen sofort mit einem Dutzend Bewerber bestücken. Was wollen Sie?“ „Ich denke, ich…“ „Halt!“ Er machte eine beschwörende Geste. „Hier ist er: Erfahrung in subalternen Tätigkeiten, keine Berufsausbildung, keinerlei sozialversicherungspflichtige Arbeit, für qualifizierte Aufgaben vollkommen ungeeignet, charakterliche Defekte im Randbereich, absolut motivationsfrei – wollen doch mal sehen, was das ergibt.“ Er fingerte ein bisschen an den Tasten herum und erblich plötzlich. „Idealberuf: Politiker!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCVI): Leben im Standby-Modus

11 03 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was den niederen Lebewesen – Kammerlinge, Haplosporidia, Investmentbanker – eignet, ist ihre rein auf Fressen und Vermehrung ausgerichtete, mithin im Lichte des Individuellen geradezu vernachlässigbare Existenz. Erst mit dem Schlaf, schließlich mit der Muße dringt jene metaphysische Gabe in das Dasein ein, die sich in der Betrachtung der Lotosblüte vollendet zum reinen Sein, zur Sphäre der Freiheit von allem Niederen, das kaut, rülpst, verstoffwechselt oder sich in der Glotze reinzieht, wie ein paar Knalltüten in aufgemotzten Blechbüchsen unter brüllendem Lärm im Kreis fahren, um sich hinterher mit drittklassigem Sekt zu besprenkeln. Das Symbol der Weisheit ist nicht ohne Grund die Schildkröte, die weiß, wie kann das Leben in aller Ruhe an sich vorbeiziehen lassen, denn sie wird noch hier sein, wenn der Rest der Rampenturner sich bereits der friedvollen Ruhe der Biomasse angepasst haben werden. Wie anders der geschäftige, der hysterische Mensch, der sich aus freien Stücken in den Standby.Modus begibt.

Vor dem Erfolg kommt die Vorbereitung, mit gewissenhafter Hand legt der Schütze den Bolzen in die Armbrust oder schmiert Wachs auf den Ski, bevor er zu Tal brettert und sich die Gräten bricht – das Leben, zumal der bunte Haufen humanoider Talentdetonation, ist kein Instant-Ponyhof. Doch ist der Jetztzeitler selten an qualitativ hochwertiger Arbeit interessiert, er lässt sich seine Werke lieber eine Stufe billiger in die Gegend klatschen, legt höchstens bei Organtransplantationen noch sein Augenmerk auf eine gewisse Güte der Ausführung und ist ansonsten zufrieden, die Domestiken durch die Gegend scheuchen zu können. In permanenter Anspannung wünscht sich der Fürst den Untertanen, bereit zum Sprung, bis zum Knie in der Adrenalinsuppe. Die natürliche Regenerationsphase darf er sich gerne vorstellen, doch sie ist wie der Trojanische Krieg: sie hat stattgefunden, aber es mangelt an einem Beweis dafür. Der Arbeitnehmer hat sich längst daran gewöhnt, dass er wie durch ein unsichtbares Seil verbunden ist mit der Firma.

Das Seil ist die Nabelschnur, die andererseits den Homo oeconomicus auch wieder aussaugt, ihn zu allen Nachtzeiten mit Stromstößen hochpeitscht, die Kugelkette, die ihn in die Erde zurückdrückt, wenn er seine Freiheit auszuleben beginnt, und sein Marionettenfaden, der ihm ins Bewusstsein ruft, für wen er sich abzappelt. Kein Wachzeitrhythmus, keine dem Kalkül sich unterwerfende Größe und erst recht kein gesunder Menschenverstand lassen den Bekloppten zur Besinnung kommen, dass er seiner eigenen Beseitigung beiwohnt; vermutlich ist er selbst inzwischen von der Zwangshandlung so angefixt, dass er zum Junkie der Arbeitswelt wird.

Er wird es nicht ohne Folgen. Unbeugsam wie Margarine wehrt er sich zunächst vor dem Dasein im Standby, stets per Fernbedienung anknipsbar, dabei einen bescheuert hohen Umsatz an Energie in die Gegend verpuffend, der sich nicht rechnet und nicht lohnt, doch irgendwann wird er weich und fängt an, Anrufbeantworter und Mailbox, Faxgerät und Briefkasten automatisch zu kontrollieren. Der Serotoninpegel kippelt, wenn nicht regelmäßig die Fußfessel seinen Bereitschaftsgrad testet, und bald schon hängt der seidene Faden der Selbstachtung an der Schlagader des Smartphones, das kalt wie der Rest des Anorganischen auf dem Nachttisch liegt, während sich der Blödmann fröhliche Hirnkirmes aus paranoiden Puzzleteilchen schwiemelt: Bin ich schon gefeuert? Komme ich mit mehr als zehn Sekunden sozialer Isolation überhaupt klar? Wird sich für mich noch jemand interessieren, wenn der Akku nach 36 Stunden plötzlich schlappmacht?

Die globalisierte Arbeitswelt nimmt derweil den Fetisch permanenter Abrufbarkeit hin wie ein Naturgesetz. Noch eine Generation, dann werden die Unternehmensberater ihren bildungsfreien Kunden die Mär von der genetischen Verwurzelung des Standby vorbeten und Karoshi zum Normalfall erklären. Sie werden es ihnen per SMS mitteilen.

Schon greift der Wichtigkeitswahn ins Private über, der Beknackte wähnt sich im Seitenaus, wenn er nicht einmal täglich gegruschelt, gestupst oder in den Gluteus gekickt wird. Erst der drahtlose Käfig scheint ihm pures Gold, in dem er seine beschissene Existenz zu führen vermag, und sein Schicksal ist besiegelt, wenn er erst verlernt hat, sich ohne künstliche Ablenkung auf Nahrungsaufnahme, Schlaf und Reproduktion zu konzentrieren – längst ist der Inkarnationsfreestyler dazu übergegangen, den Wert seiner täglichen Verrichtungen höher zu hängen als die eigentlichen Inhalte des Seins. Per Statusupdate wirft er dem genervtem Genpool vor, dass er sein Bäuerchen gemacht hat, weil er auf Reaktionen hofft. Immerhin hat er ein paar Süchtige mit Mobilmethadon versorgt, und sie werden sich nicht an den Bahndamm legen müssen, um alle drei Minuten vom Dezibelschwall in die Realität katapultiert zu werden.

Die Welt bräuchte eine Schocktherapie, einen globalen Ausfall aller Kommunikationskanäle, der die Menschheit wieder auf sich selbst zurückwerfen könnte. Aber sie würden es doch nicht merken. Die E-Mail, die es ihnen sagte, keiner läse sie.





Im Dutzend williger

13 12 2010

„Nehmen Sie doch noch ein paar Neger mit bei. Der Neger an sich ist ja gelehrsam und bei guter Anleitung zur Sauberkeit für den Publikumsverkehr geeignet. Ab zehn Stück machen wir Ihnen auch einen besonders guten Preis. Oder nehmen Sie gleich ein Dutzend aus dem gemischten Sortiment. Nigeria, Ghana, alles dabei. Brauchen Sie da was?

Für uns ist das Entsendegesetz schon eine große Erleichterung. Da haben die mal richtig gute Arbeit geleistet, wenn Sie mich fragen. Da werden sich jetzt viele einen Polen halten können, die das vorher – ach so, das meinen Sie. Nein, wir haben alles im Angebot. Wir sortieren da nur sehr gründlich. Der Pole beispielsweise, der ist gut geeignet für die Pflege. Stundenlöhne von zwei Euro und abwärts. Ja, da werden die sich auch umgewöhnen müssen, die fetten Jahre sind vorbei, in denen die noch für fünf Euro Spargel stechen konnten, die Konkurrenz ist jetzt da. Wenn Sie jetzt Rumänen sehen, die klauen Ihnen nicht mehr den Traktor, die fahren ihn. Hätte sich der Rüttgers auch nicht träumen lassen.

Für drei Euro? Da kriegen Sie eine examinierte Krankenschwester aus der Ukraine, die macht Ihnen die Pflege, aber tipptopp! Da werden sich die anderen warm anziehen müssen. So an die 130.000 pro Jahr werden es sein. Und alles neue Jobs, warten Sie nur ab, was die von der Leyen Ihnen vorbeten wird. Ein Loblied auf die fleißigen Ostler, die auch für einen Euro vierzig brutto noch arbeiten und nicht nach Feiertagszulage fragen. Da kommt’s ja gerade recht, dass die Ein-Euo-Jobs abgeschafft werden, die würden sonst das ganze Lohngefüge durcheinanderbringen. Oder können Sie sich etwa noch vorstellen, dass Sie sich von einer deutschen Hilfskraft pflegen lassen? Ich hätte da ständig das Gefühl, mit den Lohnkosten würde man der Mittelschicht etwas wegnehmen, die finanziert das ja schließlich.

Oder hier, Baugewerbe – da kriegen Sie jetzt von mir das volle Programm. Sie, ich sag’s Ihnen, das ist aber prima Ware! Hochbau, Tiefbau, Polier, alles inbegriffen. Ganzer Trupp, kostet die Stunde drei Euro sechzig. Aber brutto! Und gute russische Fachkräfte, alles erste Qualität! Nicht so ein tschetschenischer Schund wie bei den Vermittlern aus Weißrussland! Verlangen Sie nur erste Wahl, das lohnt sich. Das zahlt sich aus, wenn Sie zwanzig Cent mehr zahlen pro Stunde. Dafür ziehen die Ihnen in sechs Wochen einen kompletten Gebäudekomplex hoch, keine Schlechtwetterzulage und Wohnen im Zelt ohne Heizung und fließend Wasser. Was sagen Sie nun?

Sie sollten sortenrein einkaufen, verstehen Sie – die Neger sind im Hochbau ganz gut, Filipinos können Sie auch nehmen, oder sonst irgendwelche Fidschis. Papiere? Wenn wir erstmal das Gesetz haben, dann kriegen Sie die auch als Slowaken über die Grenze. Nur sortenrein, versteht sich. Das ist ganz wichtig für das Qualitätsmanagement. Stellen Sie sich mal vor, ein russischer Bautrupp und dann haben Sie da Portugiesen drunter, oder noch schlimmer: Polen. Da können Sie Ihre Hütte auch gleich abfackeln.

Richtig, die Arbeitssprache. Vorarbeiter müssen natürlich schon etwas Deutsch können. So was wie ‚Beweg Deinen Arsch‘ oder ‚Schneller‘, das sollten die schon verstehen. Geht ja nicht anders. Und was die ansonsten machen, ist egal. Die werden ja nicht fürs Reden bezahlt. Aber das ist eben gute deutsche Tradition: wenn wir Fremdarbeiter haben, dann immer gleich im Großgebinde. Es ist eine Frage der Motivation. Im Dutzend sind sie williger. Man kann sie besser lenken. Sie werden das merken.

Natürlich ist die Zeitarbeitsbranche unter Druck. Ist ja auch nicht mehr so einfach, plötzlich massiv unterboten zu werden. Das System mit staatlicher Hilfe war jetzt irgendwie auch zu störanfällig, nicht wahr. Gewerkschaften? Nichts mitgekriegt, die sind kaum in Erscheinung getreten. Nur mal so ganz verhalten im Wahlkampf. Aber sonst? Sie werden das bei den Arbeitslosenzahlen merken.

Betrachten Sie das als klassische Win-Win-Situation. Bisher haben sie bloß die prekär Beschäftigten gegen die Arbeitslosen ausgespielt und den unteren Mittelstand gegen die prekär Beschäftigten. Und alle zusammen gegen die Migranten. Jetzt können Sie sogar die Ausländer, die in Deutschland wohnen, gegen den die hetzen, die nur zum Arbeiten herkommen. Genial, oder? Ich finde das genial. Da können die gleich eine ganz andere Linie fahren, von wegen Freibiermentalität oder gesinnungsloser Wohlstand – nee, halt mal, das war doch das mit der Leistungselite. Sorry, war mein Fehler. Na egal, werden wir sowieso alles ganz anders hören, wenn die sich wählen lassen.

Gehen wir mal aus davon, ja. Jedenfalls sieht alles danach aus, dass die neue Rechtspartei nicht stattfindet. Das macht diese Regierung, also die jetzigen, die so tun, als ob sie – machen die dann mit. Dann sind sie nämlich auch für die Integration der Migranten in die Mehrheitsgesellschaft wieder zuständig, und dann gibt’s wieder Konfrontation. Wie bei Rüttgers. Das schweißt zusammen, so als Volkskörper, verstehen Sie? Schon ein geschickter Schachzug, muss ich sagen.

Und was planen Sie, wenn ich fragen dürfte? Einen Pizza-Service? Na große Klasse, Mann! Volltreffer! Wenn die in Berlusconi-Land weiter so ihren Euro kaputt machen, dann kriegen Sie bald Original-Italiener im Sonderangebot – da sollen Sie mal sehen!“





Hartz V

8 04 2010

„Und das soll echt funktionieren?“ „Das hat keiner behauptet.“ „Warum machen wir es dann?“ „Weil die Bundesregierung die Idee auch nicht beknackter findet als den ganzen Müll, den sie bisher vom Stapel gelassen hat.“ „Na, dann können wir ja in eine glorreiche Zukunft schauen. Die Verhältnisse in diesem Land sind gesichert.“ „Machen Sie sich nur lustig, Sie werden schon sehen, wie das klappt.“

„Gut, dann noch mal von vorn: Sie wollen die Arbeitslosigkeit durch verbesserte Qualifikationen bekämpfen?“ „Nein, wir wollen die Qualifikationen durch verbesserte Arbeitslosigkeit…“ „Da sehen Sie, was Sie für einen Unsinn erzählen.“ „Ruhe! Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht, ich weiß schon sehr gut, was ich Ihnen erzähle. Wir verbessern Arbeitslosigkeit und können dadurch die Qualifikationen verändern.“ „Was bedeutet das praktisch?“ „Haben Sie dafür ein Beispiel?“ „Sicher, stellen Sie sich einmal eine Friseurin vor. Was kann eine Friseurin besonders gut?“ „Haare schneiden?“ „Sehen Sie, Sie haben den Sinn der Qualifikationsveränderung nicht begriffen. Es geht hier nicht um das Berufsbild, sondern um die Qualifikationen für den Beruf. Also nochmals: was kann eine Friseurin ganz besonders gut?“ „Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ „Sie hat ein genaues Farbempfinden.“ „Schön, woraus schließen Sie das?“ „Weil Färben und Tönen zu ihrem Berufsbild gehört.“ „Hm. Und das ist jetzt so ungeheuer qualifizierend, dass es sie von anderen Berufen unterscheidet? Was ist mit der Schneiderin, arbeitet die nur mit weißen Stoffen?“ „Lenken Sie nicht ab, das sind doch alles Feinheiten.“ „Worauf wollen Sie denn jetzt hinaus?“ „Schauen Sie, diese Friseurin ist doch auf Grund der Farbwahrnehmung hervorragend geeignet, als Lackiererin zu arbeiten.“ „Wie bitte?“ „Oder ein arbeitsloser Bäcker.“ „Weil der am Schwärzungsgrad feststellen kann, wie lang das Brot im Ofen verkokelt ist?“ „Sie sollen das nicht immer ins Lächerliche ziehen! Der Bäcker hat feinmotorische… also zumindest hat er keine schlechteren feinmotorischen Qualitäten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wahrscheinlich aber eher überdurchschnittliche.“ „Und das prädestiniert ihn nun zur Friseurin?“ „Vielleicht aber auch zum Lackierer.“ „Entschuldigen Sie, das ist doch – Sie wollen eine arbeitslose Friseurin zur Lackiererin machen, und dann wird ein arbeitsloser Bäcker Friseur? Was ist das denn für ein Blödsinn?“ „Wieso Blödsinn? Vielleicht ist die Friseurin die geborene…“ „Jetzt hören Sie aber mal auf! Wenn es einen Arbeitsplatz für sie gäbe, warum hat ihn die Friseurin nicht? Woher nehmen Sie Arbeitsplätze für Lackierer? Wissen Sie eigentlich, wie viele Lackierer arbeitslos sind?“

„Ich sehe schon, man kann mit Ihnen nicht vernünftig diskutieren. Natürlich wissen wir, dass es keine Arbeitsplätze gibt. Deshalb müssen wir auch die Arbeitslosigkeit verbessern, indem wir die Arbeit von den Arbeitsplätzen lösen.“ „Das ist Ihnen ja auch schon exzellent gelungen.“ „Werden Sie nicht komisch! Die Menschen müssen Berufsfreie werden.“ „Freie Berufswahl kann man sich doch nach den Arbeitsmarktgesetzen gar nicht mehr…“ „Sie wollen es wohl nicht verstehen? Berufsfrei!“ „Freie Berufe? Architekten, Ärzte, Anwälte?“ „Kapieren Sie doch! Berufsfreie! Frei, und zwar beruflich!“ „Freiberufler?“ „Meine Güte, sind Sie schwer von Begriff – Freie! Wie freie Journalisten oder freie Künstler, und diese Freiheit – eben beruflich! Freiheit als Beruf!“ „Sie meinen, es gibt dann nur noch Selbstständige?“ „Jeder hat dann die Chance, genau dem Beruf nachzugehen, der seinen Qualifikationen entspricht.“ „Das ist doch hirnrissig. Wie soll man denn als freier Bäcker arbeiten?“ „Entweder Sie finden eine Möglichkeit, Ihre Dienste einer Bäckerei anzubieten, oder Sie machen sich als Minipreneur…“ „Minipreneur? Was heißt denn das jetzt schon wieder?“ „Als Kleinunternehmer.“ „Und warum sagen Sie das dann nicht?“ „Weil sich das moderner anhört.“ „Aha. Und Ihr moderner Kleinunternehmer macht im Schlafzimmer seine eigene Backstube auf?“ „Sie werden doch wohl einen Ofen in Ihrer Küche haben!“ „Und woher bekommt der seine Aufträge, Ihr freiberuflicher Kleinbäcker?“ „Fragen Sie halt in der Nachbarschaft nach.“ „Vielleicht backen die Leute auch erstmal nur für den Hausgebrauch und bekommen einen Euro pro Stunde dafür?“ „Nein, ausgeschlossen.“ „Warum nicht?“ „Dann könnte man ihnen die Leistung ja gleich ohne Arbeit in die Hand drücken. Das geht Sie nur in bestimmten Branchen. Oder wenn Sie der FDP angehören.“

„Und wo sehen Sie Zukunftsmärkte?“ „Da, wo das Wachstum seit den Arbeitsmarktgesetzen der Agenda 2010 am stärksten und nachhaltigsten eingetreten ist. In der Arbeitsvermittlung.“ „Sie wollen die Arbeitslosen alle zu Arbeitsvermittlern ausbilden? Das ist doch absurd!“ „Keinesfalls. Sie müssen es generationsübergreifend sehen; die jetzigen Arbeitslosen können künftige Generationen von Arbeitslosen mit ihrer Erfahrung in der Arbeitslosigkeit sehr kompetent und zielstrebig aus der Arbeitslosigkeit heraus…“ „Sie faseln ja! Das hört sich ja an wie beim Verkaufsseminar für ein Schneeballsystem!“ „Wir müssen eben erst einmal einige Investitionen in den Arbeitsmarkt tätigen, bevor wir sehen, wie sich die Entwicklung…“ „Hartz, es langt jetzt! Ihre vier letzten Aufschläge waren schon unausgegorener Mist, jetzt nehmen Sie Ihr Konzept gefälligst wieder mit und hauen Sie ab. Hauen Sie ab! Und lassen Sie sich hier nicht mehr blicken, sonst beschwere ich mich bei Ihrem Bewährungshelfer!“