Spiritus Sanctionis

16 11 2016

Hier also geschah Tag für Tag das Jobwunder. Hier gab es Vollbeschäftigung. Die Menschen schlichen verängstigt durch die Flure, zogen ihre Schultern hoch und krallten sich an Aktendeckeln fest. Der Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Und das waren erst die Arbeitsvermittler.

„Sie hatten ganz recht“, begrüßte mich Schlönz, „da musste sich etwas ändern. Und wir haben ja nun auch wirklich etwas verändert. Ob es sich dann auch bewährt, das wird sich zeigen.“ Er öffnete die Tür zu einem kargen, aber hellen Büro. Der einzige Schmuck bestand aus einer Topfpflanze, die schon seit Jahren eine Weiterbildung zum Fossil machte. Aber das störte nicht. Ich nahm Platz. „Jedenfalls weht hier nun ein ganz anderer Wind, wie Sie sicher festgestellt haben. Früher war es hier kurz vor Dienstbeginn sehr laut und fröhlich, man stand zusammen und unterhielt sich angeregt, bis pünktlich um acht die Atmosphäre sich verfinsterte. Da kamen die Kunden.“ Er spielte selbstvergessen mit einem Bleistift. „Aber heute, das ist gar kein Vergleich. Sie haben es nun selbst gesehen, es sind geradezu umgekehrte Vorzeichen.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Und woran liegt das?“ Schlönz legte den Bleistift wieder in die Schale zurück. „Sie haben mich da auf eine Idee gebracht. Wir sanktionieren jetzt. Gnadenlos.“

Die Fallakte sah eindeutig aus. „Brömsemann“, buchstabierte ich, „hatte eine steile Karriere als Berater, bis ihm plötzlich die Arbeitslosigkeit…“ „Obdachlosigkeit“, korrigierte mich Schlönz, „wir hätten es fast geschafft, Brömsemann obdachlos zu machen. Hat leider nicht ganz geklappt, aber da er sich nicht gebessert hat, sehe ich da noch gute Entwicklungspotenziale bei ihm, sich in eine soziale Randgruppe einzugliedern.“ Der Akte nach hatte der Berater mehrmals Kunden Bescheide zugestellt, die weder eine Rechtsgrundlage noch eine vernünftige Berechnung hatten. „Da mussten wir natürlich eingreifen. Erst dreißig, dann sechzig, zum Schluss hundert Prozent Gehaltskürzung, weil er sich uneinsichtig zeigte. Und da wir jetzt ja eine neue Gesetzesgrundlage haben und Brömsemann sich absolut uneinsichtig zeigte, haben wir ihm wegen sozialwidrigen Verhaltens das gesamte Gehalt des vergangenen Jahres wieder gestrichen.“ Er sah durchaus befriedigt aus.

„Sie sanktionieren nun auch Berater“, stellte ich fest. „Richtig“, nickte Schlönz. „Leicht fiel uns der Schritt nicht, denn wir müssen dazu natürlich das Existenzminimum unserer Mitarbeiter in Frage stellen, aber was hilft’s? Wenn sie es bisher ohne jede Rücksicht getan haben, wozu denn dann auf sie Rücksicht nehmen?“ Das klang hart, aber nirgends unlogisch. Schlönz hatte wieder begonnen, mit dem Bleistift zu spielen. „Spiritus Sanctionis“, erklärte er. „Irgendeinen Zweck heiligt das Mittel schon.“

Die Akte Kunzpeter war nicht besser. Aus reinem Eigennutz hatte er eine junge Mutter immer wieder aufgefordert, sich auf Managerinnenposten zu bewerben, von ihr verlangt, im Lebenslauf zehn ausgedachte Fremdsprachen anzugeben und ein gut abgeschlossenes Studium völlig überflüssiger Fächer – Assyriologie und Betriebswirtschaftslehre – vorzutäuschen, freilich mit dem Ergebnis, dass ihr keiner glaubte oder aber, schlimmer noch, in einem persönlichen Vorsprechen auf die Schliche kam. Meist hatte Kunzpeter die junge Frau auch noch zu sich zitiert und Rapport verlangt, wenn sie als Generalsekretärin eines international agierenden Atom-, Gummi- oder Topfblumenkonzerns wieder nicht eingestellt worden war. „Er hat für die vielen Bewerbungen Pluspunkte erhalten“, erläuterte Schlönz. „Minuspunkte hat er bei der Bewerberin gelassen. Also haben wir uns entschlossen, ihm wegen des eigenmächtigen Vorgehens vorerst die Leistungen zu kappen. Er darf gerade Erfahrungen mit einem Ein-Euro-Job sammeln.“

Auch die Lohnbuchhaltung war erheblich umgestellt worden; dreißig bis vierzig doppelseitig bedruckte Blätter mit wirren Zahlenkolonnen, teils sorgsam in falscher Reihenfolge zusammengeheftet, warteten darauf, mit mehreren Wochen Verspätung versandt zu werden. „Und dann“, ergänzte Schlönz, „erwarten wir eine vollständige Offenlegung der Finanzen unserer Angestellten, bevor wir einen Teil des Gehalts überweisen. Es könnte ja sein, dass Sie etwas auf die Seite legen, ohne dass Sie zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehören, denen das gestattet ist.“ Brömsemann bekam aus dem vergangenen Jahr noch zwei Monatsgehälter, hatte auch schon den Klageweg beschritten, aber das war Schlönz egal. „Er kennt unsere Behörde. Er weiß, zahlen müssen wir irgendwann sowieso, aber wann, das bestimmen immer noch wir.“ Befriedigt lehnte er sich in seinem Sessel zurück.

„Ich hätte“, begann er wieder, „hier nun eine Aufgabe für Sie. Wir bräuchten ein paar Hundert Stellenanzeigen, auf die sich unsere Berater bewerben müssen, sanktionsbewehrt versteht sich, und das außerhalb ihrer Arbeitszeit. Sie haben doch immer so lustige Ideen, Feldstecher, Sternenbanner, Spiegeltrinker, das halt. Meinen Sie, Sie bekommen das hin?“





Uns geht’s ja noch gold

4 07 2016

„Super!“ „Da hat sich die jahrelange Arbeit ja echt gelohnt.“ „Wenn wir so weitermachen, dann haben wir es bis zur Wahl ein Stück weit fast geschafft.“ „Und das nennen Sie einen Erfolg?“ „Klar, was denken denn Sie?“ „Uns geht’s gut!“ „Richtig gut sogar!“ „Weil die Arbeitslosenzahlen im Sommer um ein paar Tausend absinken, machen Sie so einen Aufriss? Haben Sie noch alle Latten am Zaun!?“

„Also ich bitte Sie – Arbeitslosenzahlen…“ „Hihi, er ist leicht zu beeindrucken!“ „Hähä!“ „Geht es hier nicht um die Arbeitslosenzahlen?“ „Mein lieber Freund, Sie haben eines vermutlich grundlegend nicht verstanden. Nämlich alles.“ „Worum geht es denn dann?“ „Diese Frage!“ „Ach was, er ist einfach nur nicht vom Fach.“ „Oder war ein paar Jahrzehnte nicht in Deutschland.“ „Oder in einer deutschen Behörde.“ „Und wo ist da der Unterschied?“ „Sie haben doch mit der Verkündung der Arbeitslosenzahlen…“ „Um die geht’s doch gar nicht.“ „Mein Güte, ist der begriffsstutzig!“ „Es geht um die Statistik.“ „Um was!?“ „Es geht hier um die Arbeitslosenstatistik. Wer hier Arbeit hat oder welche Arbeit, was er verdient und warum, das interessiert bei uns doch kein Schwein.“ „Und was machen Sie dann den ganzen Tag?“ „Wir sind sehr engagiert dabei, die Arbeitslosenstatistik für den politischen Erfolg unserer Arbeit zu bearbeiten.“ „Wir legen hier nämlich das Maß aller Dinge fest.“ „Und an dem messen wir dann, wie groß unser Erfolg ist.“ „Sie beurteilen also selbst, ob Sie erfolgreich sind?“ „Natürlich, wir sind da ganz und gar unabhängig.“ „Von der Regierung?“ „Auch. Aber zunächst mal von der Realität.“

„Sie meinen also beispielsweise Erwerbslose über 58, die nicht mehr in der Statistik erscheinen?“ „Richtig, die kann man ja rausrechnen.“ „Man muss doch so eine Erhebung nicht künstlich aufblähen.“ „Und je weniger Arbeitslose es gibt, desto weniger muss man für sie auch einsetzen.“ „Haben Sie eine Ahnung, was man da für eine Mörderkohle sparen kann?“ „Vielleicht würden Sie ja noch mehr sparen, wenn Sie die Arbeitslosen über 58 einfach mal fördern?“ „Damit sie uns die Statistik versauen?“ „Eben, die kriegen doch nur noch Teilzeitjobs.“ „Befristet!“ „Und dann müssen wir denen das Gehalt aufstocken, weil es nicht reicht.“ „Machen Sie uns bloß den Erfolg nicht kaputt, Sie!“

„Gucken Sie mal hier, das ist nämlich ganz neu.“ „Krankheitstage?“ „Sommergrippe.“ „Ist der Abteilungsleiterin schon im Winter eingefallen.“ „Also wenn ein Arbeitsloser einen Tag im Monat krank gemeldet ist, wird er für den ganzen Monat aus den Arbeitslosenzahlen…“ „Sta-tis-tik!“ „Mein Gott, dann eben Statistik! da wird er dann für den ganzen Monat rausgestrichen, wenn er nur einen Tag krank war?“ „Theoretisch hätten wir ihm an dem einen Tag einen Job vermitteln können, aber er musste ja unbedingt arbeitsunfähig sein.“ „Da kann man nichts machen.“ „Dann vermitteln Sie ihm den Job doch einfach einen Tag später?“ „Das ist nicht unsere Aufgabe.“ „Eben, der soll sich selbst eine Arbeit suchen!“

„Und die geförderten Verhältnisse?“ „Da zahlen wir für zwei Jahre den Lohn.“ „Das ist doch ein reiner Mitnahmeeffekt.“ „Deshalb werden solche Leute auch hinterher sofort wieder entlassen.“ „Und dann zählen sie noch mal zwei Jahre lang als nicht arbeitslos?“ „Wir haben zwei Jahre lang kein Arbeitslosengeld für ihn gezahlt.“ „Sie haben sogar noch mehr bezahlt für ihn.“ „Aber er war zwei Jahre lang nicht arbeitslos, da ist er raus, und wir haben kein Arbeitslosengeld bezahlt. Die zählen dann doppelt.“ „Sie rechnen eine Person mehrfach in Ihre Arbeitslosenzahlen ein!?“ „Nein. Wer das behauptet, ist ein Lügner.“ „Gut, in Ihre Statistik.“ „Ja, da kommen wir der Sache schon näher.“

„Das haben wir jetzt nämlich so weit gebracht, dass wir einen ganz neuen Schlüssel entwerfen können. Nehmen Sie mal die Akte hier.“ „Der ist 59 Jahre alt.“ „Sehen Sie?“ „Dann fällt der eh raus.“ „Aber er ist in einer Umschulungsmaßnahme, und das können wir dann auf die Gesamtzahl umlegen.“ „Dann wird einfach jemand anders…“ „Wir haben so viele Arbeitslose, da kann man sich gar nicht mehr um Einzelschicksale kümmern.“ „Sind Sie etwa sozialromantisch veranlagt?“ „Pah, der ist bestimmt in der CDU.“ „Das eine muss das andere ja nicht ausschließen.“ „Und jetzt war er einen Tag lang krank?“ „Sehen Sie, der Mann setzt sich für die Belange der Arbeiterschaft ein: gleich noch einer aus der Statistik raus.“ „Der kriegt dann zur Belohnung einen Ein-Euro-Job.“ „Das bringt doch nichts.“ „Ja, ihm nicht.“ „Aber warum…“ „Uns schon. Da muss er nur eine Woche drinbleiben, aber das rechnen wir nach angefangenen Tagen.“ „Und dann?“ „Können wir noch einen von der Sorte aus der Statistik rauskegeln.“ „Und wenn ihn dann noch der Kollege als schwer vermittelbar einstuft…“ „… oder wenn wir ihn unter Sanktionsandrohungen zwingen können, freiwillig in Rente zu gehen…“ „… dann behalten seine statistischen Kennwerte natürlich bis zum normalen Renteneintrittsalter ihre Gültigkeit.“ „Der wird uns noch zehn Jahre lang den Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt sichern!“

„Also jedes Tief ist für Sie ein ganz neuer, bewundernswerter Rekord, den so keiner für möglich gehalten hätte.“ „Richtig.“ „Exakt so!“ „Und dann, ehe man sich versieht, ist die Zahl noch niedriger.“ „Das dürfen wir…“ „Mit einigem Stolz, mein Lieber!“ „… durchaus so sagen, ja.“ „Und was die Bürgerinnen und Bürger…“ „Sag ich doch: romantische Anflüge, der Bengel.“ „Igitt!“ „Dann habe ich Sie verstanden.“ „Echt?“ „Echt. Im Kern sind Sie wirklich Sozialdemokraten.“





Unkostenpauschale

7 01 2016

„… in Kürze bis zu 100.000 Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge schaffen könne. Nahles wolle damit die vollständige Integration der…“

„… könne nur gelingen, wenn der Mindestlohn wieder gekippt werde. Sinn befürchte, dass viele prekär Beschäftigte sonst neidisch würden auf Einwanderer, die sofort einen Job im…“

„… Kritik aus der Opposition zurückweise. Die Ein-Euro-Jobs seien zwar als politisches Instrument für Langzeiterwerbslose gedacht, diese jedoch könnten die Jobs aber ohnehin nicht annehmen, da sie ja arbeitslos…“

„… allein in Berlin mehr als eine halbe Million Arbeitskräfte fehlten, um Schnee vom den Gehsteigen zu räumen. Westerwelle habe dies als kollegialen Gruß an die Ministerin…“

„… es in Ostdeutschland vereinzelt noch Ortschaften ohne einen Döner-Imbiss gebe. Die dortige Ansiedlung von Betrieben könne nicht nur der Akzeptanz von Ausländern in den neuen Bundesländern einen weiteren…“

„… sich missverständlich ausgedrückt haben könnte. Die Formulierung ‚bis zu‘ sei auch bei zwei bis fünf Arbeitsgelegenheiten zutreffend, weiterhin gehe es sehr wohl um die Integration der Flüchtlinge, wenn auch in das deutsche Hartz-System. Der Sprecher der Arbeitsministerin sehe große Fortschritte in der…“

„… plädiere die Verteidigungsministerin für eine rasche Einbürgerung vor allem der jungen Männer zwischen 18 und 35, die eine zu erwartende Bodenoffensive mit ihren Ortskenntnissen als…“

„… sich der Deutsche Philologenverband gegen die übereilte Integration fremdrassiger Akademiker ausspreche. Solange ein muslimischer Immigrant nicht zwölf deutsche Mittelgebirge sowie die Lebensdaten von Christian Fürchtegott Gellert auswendig hersagen könne, sei seine Beschäftigung im hiesigen Frisörhandwerk ein unerträgliches…“

„… sich Weise in seiner Funktion als Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge auch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit schnell und unbürokratisch geeinigt habe, die Flüchtlinge in einem Rotationssystem in Integrationsmaßnahmen, Bewerbungstraining, Deutschkurse und krankheitsbedingte Ausfallzeiten zu verschieben, damit die Arbeitslosenstatistik keine nachweisbaren…“

„… den Einsatz als Berufssoldaten allerdings für nicht möglich halte. Der Wehrbeauftragte habe eigens darauf hingewiesen, dass die aus Syrien stammenden Kämpfer im Gegensatz zur in der Bundeswehr üblichen Praxis mit funktionsfähigen Waffensystemen und…“

„… man die Flüchtlinge dank ihrer Kenntnis der arabischen Sprache als Integrationshelfer einsetzen könne, was jedoch erst möglich sei, wenn sie durch Integrationshelfer Kenntnisse der deutschen…“

„… nicht ausgeschlossen, dass die FIFA-WM 2022 in Deutschland stattfinden könnte, wenn bis dahin ausreichend Arbeitskräfte für einen Umbau der…“

„… allerdings vorerst noch warten. Die zu Integrationshelfern bestimmten Syrer sollten nach Ansicht des BAMF erst dann ausgebildet werden, wenn endgültig geklärt sei, dass die bisherige Integration durch Integrationshelfer, die sie hätten integrieren sollen, so weit gescheitert sei, dass sie jetzt selbst als Integrationshelfer für die…“

„… geistig nicht herausragend ausgestattete Neubürger durch nochmals gezielte Zurückbildung zum Eintritt in die CSU vorzubereiten, deren Personal im Mittelbau nicht besser sein dürfe als an der Spitze der…“

„… den Mindestlohn nicht senken wolle, dafür jedoch die Ein-Euro-Löhne für Zuwanderer in eine für den Arbeitgeber steuerlich absetzbare Unkostenpauschale…“

„… werde wenigstens die Sicherheitsbranche von den Flüchtlingen profitieren. Nicht geklärt sei bisher, ob die als Ein-Euro-Arbeitsgelegenheiten geplanten Jobs auch für Nichtdeutsche…“

„… die im Ausland erworbenen Abschlüsse zwar vorerst nicht anerkennen könne, da die Industrie- und Handelskammern eine Verschlechterung der Qualität von Fußpflegern, Taxifahrern und…“

„… habe der Malerbetrieb Schwörk & Söhne im Mettmann bereits eine Helferstelle ausgeschrieben, diese jedoch wieder zurückgezogen, da sich zu viele einheimische Arbeitslose auf den Job…“

„… um angesichts der aktuellen Spannungen beruhigend auf das Verhältnis einzuwirken. So wolle der Vizekanzler in seiner Eigenschaft als Wirtschaftsminister darauf dringen, dass polnische Erntehelfer bevorzugt im…“

„… habe Nahles ihre Planung verteidigt, Neubürger vorrangig in prekäre Beschäftigung zu vermitteln, da diese so auch nur geringe Ansprüche gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung…“

„… die Einwanderer lieber durch deutsche Leiharbeitsunternehmen in Katar ein setzen wolle. So lasse sich nicht nur an Lohnkosten sparen, die überwiegend syrischen Arbeitnehmer würden auch in einem Kulturkreis beschäftigt, den sie bereits aus eigener Erfahrung…“

„… sich dafür einsetze, die bereits technisch qualifizierten Arbeitskräfte zu Bauingenieuren fortzubilden. Nach konservativer Schätzung sei bereits in der achten Generation der Neubürger mit einer Fertigstellung des Hauptstadtflughafens…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXVI): Mythos Vollbeschäftigung

8 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sobald die arbeitsteilige Gesellschaft an Fahrt aufgenommen hatte, wurde es unangenehm. Die einen sägten am Stiel, während die anderen mit der Axt noch nicht wirklich fertig waren. Wer wollte denn das Wirtschaftswachstum kontrollieren, den gefällten Baumbestand, die Möbel, Bohlen, Splitter im Auge des Brudervolks. Aus dem Boden fraß sich die Industrie, und Schluss war mit Lustig. Die Bretter kamen aus dem Sägewerk, die Schrankwand vom Discounter. Und da nutzte noch nicht einmal die gute Fee aus dem Märchenwald, Regal ist Regal. Die Industrie wird sich durchsetzen, wer sonst garantiert Vollbeschäftigung.

Was angesichts der globalisierten Wirtschaft und der angegliederten Arbeit für Klarheit sorgen sollte, aber so weit ist diese intellektuelle Elite eben noch nicht: natürlich ist der seit dem 18. Jahrhundert als spezielles Phänomen innerhalb der generelleren Armutsproblematik bekannte Typus virulent, vulgo: ein paar chronische SPD-Wähler sind noch immer nicht nüchtern genug gewesen, um der Vergewaltigung ein Ende zu setzen. Der verschwiemelte Rest lallt immer noch Blasen in die Luft, dass die aus hirnorganischen Gründen betroffenen Betriebe Karnevalströten auspacken und zum großen Lalula rüsten. Der große Traum von Arbeit als Sinnstifter einer bürgerlichen Existenz fräste sich ins Zentrum einer aus Protestantismus und Partikularinteresse geschnitzten Halbweltanschauung, die den Knecht der produktiven Revolution pro forma in den Himmel hob, zugleich ein Wolkenkuckucksheim für kapitalistisches Gewinsel im Auftrag der wahren Mächte, Geld und Gewehre. Von Wohlstand durch Leistung plärrt der Verein, wohl wissend, dass das für mehr als das abgehängte Drittel nicht gelten kann, wenn man selbst ein Stück abhaben will von einem Kuchen, der nicht vom Zusehen und nicht vom Gesundbeten wächst, sondern von der Kernkompetenz der Arbeiterführer: Krieg und Kriegsgeschrei, notfalls Krieg gegen die eigenen Leute, denn wo fühlte sich der Sozialist weniger fremd als im Grabenkampf, solange er nicht selbst bluten muss.

Das Dumme an der Schulbuchweisheit ist die lästige Wirklichkeit, die mit immer neuen Erfindungen für tatsächlichen Wohlstand sorgt, wenn auch nicht bei den Arbeitern. Das durchaus protestantischen Partikularinteresse, Arbeit als Fluch der produktiven Klasse zielgerichtet zu eliminieren, erweist sich letztlich als viel bessere Alternative zum Krieg, wenn auch das eine das andere nicht ausschließen muss. So wirbt das Kapital für sinkende Kosten, was letztlich nur durch die Marginalisierung des Arbeiters geht. Der große Glanz von innen, jenes Versprechen, den Lohnempfänger irgendwann von seiner Mühsal zu befreien, wird immer wieder wahr und sorgt für weiteren Wohlstand.

In einem Zeitalter, in dem von Maschinen gebaute Maschinen Maschinen bauen, die Maschinen bauen, verzichtet eine Gesellschaft nicht freiwillig auf Innovationen, die Backstraße und Brot billiger machen. Der Automat schickt sich langsam an, seine Macht strategisch zu planen. Längst kann er auf den Menschen verzichten – besser als sein Besitzer, der immerhin den Verbraucher für sein Brot eingeplant hat, falls er nicht im Haupterwerb Waffen baut. Da aber diese Gesellschaft sich am Mythos der Vollbeschäftigung weiter wärmt, denn ein anderes Leuchtfeuer ist nur durch leichte Drehung des ohnehin festgerosteten Schädels auszumachen, wird das Paradoxon offenbar: das Brot wird durch den Verzicht auf die Bäcker konkurrenzlos billig, es gibt nur keinen mehr, der es sich leisten kann. Als Rosskur empfiehlt die Kaste der Vorbeter, sämtliche Löhne zu senken, damit die Bäcker wieder in die Fabrik gehen. Sie finden nur keine, in der es noch einen Bäcker bräuchte. Zum Ausgleich essen sie wenigstens keinem mehr das Brot weg.

So bestraft die wirtschaftliche Produktivität sich selbst, weshalb auch die Reichen ungestraft ihren Reichtum genießen; sie machen sich ja auch keiner Produktivität schuldig. Immerhin halten sie zur Befriedung der Massen an der Vollbeschäftigung fest, die dem Schiffschaukelbremser sein karges Brot sichert, stets davon ausgehend, dass er nur halbtags arbeitet, weil er für den Achtstundentag zu faul ist, und nicht etwa, weil keiner genügend Schiffschaukeln zum Bremsen hätte. Hauptsache, er hat Arbeit, wie geistlos sie auch sei. Aber wer würde von einer Religion, die bewusst auf tönernen Füßen stakst, ein in sich geschlossenes logisches Gebäude erwarten, das mehr zu beherbergen vermöchte als eben jene Vorbeter, die ohne das tägliche Hochamt, am Horizont Vollbeschäftigung auszumachen, auch bald arbeitslos wären. Erwartbar ist dies indessen nicht; die Maschine, die diese Maschine baut, die den Job erledigt, muss erst noch gebaut werden. Es gibt viel zu tun. Lassen wir’s liegen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXC): Die Fachkräftelüge

5 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unter gewissen Umständen – präpubertäres oder seniles Alter, erhöhte Blutalkoholkonzentration, religiöse motivierte Bewusstseinseintrübungen, hormonelle Aussetzer – mag die Signalverarbeitung unter der Kalotte des Hominiden nicht so gut sein wie sonst. Vereinzelte Exemplare neigen zu noch größeren Fehlleistungen, indem sie etwa Menschen nach Hautfarbe sortieren. Der durchschnittliche Depp schaltet den Denkapparat schon ab, wenn er weiß, dass er von echten Experten belehrt wird, klugen Typen, die so klug sind, dass sie ihre Klugheit gar nicht erst mehr unter Beweis stellen müssen. Die verkünden dann ewige Wahrheiten: Frauen können nicht Auto fahren, Spinat enthält Eisen, und Deutschland steht kurz vor dem Kollaps. Wegen des Fachkräftemangels.

Denkste. Wenn auch mediale Quakverstärker den Sums bis zum Ohrenbluten von sich geben, es wird durch Wiederholung und Lautstärke nicht wahrer, was die Vorzeigehonks der neoliberalen Sekte an Brauchtumsterrorismus veranstalten. Nichts davon lohnt sich aufzuschreiben, nichts davon zu merken für die Geschichte. Der Popanz wird aufgeblasen, damit man der Menge zeigen kann, wie ein aufgeblasener Popanz aussieht – die angemalte Hülle über etwas Heißluft. Und schon schwiemeln sich interessierte Kreise aus Lüge und Ideologie, wo auch immer der Unterschied bestehen mag, ein politisches Kampfinstrument zurecht. Früher hat man uns wenigstens noch erzählt, bald käme der Russe, um uns das Dosenbrot zu klauen, aber man ist ja heutzutage schon recht zufrieden mit dem Kleckerkram, den uns die Parlamentaster vor die Füße schmeißen.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Die Glasbläser von Murano, die Besten der Besten, sie wurden waren Gefangene auf ihrer Insel; jeder Fluchtversuch hätte zugleich ihre ganze Familie ins Verderben gestürzt. Wenig später erfand man den Kapitalismus und ging dazu über, Arbeitnehmer durch kleine Vorzüge auf ihrem Posten zu halten: Dienstwagen, größerer Schreibtisch, Schlüssel zum Privatklo, öffentliche Demütigung von Kollegen. In entarteten Zeiten müssen Manager mit sehr viel Geld geködert werden, um ganze Firmengruppen zu ruinieren und Steuermilliarden zu verbrennen. Man bemüht sich so oder so, immer wird der Markt von sich aus aktiv, um die Spezialisten an sich zu binden. Man heißt den Investmentbanker nicht zu gehen, sollte er im Drogenrausch exorbitante Gehaltsvorstellungen hervorlallen, man lässt ihn nicht einfach bei der Konkurrenz ein paar hundert Existenzen in die Scheiße reiten. Man ist da doch besorgt um den guten Ruf. Bevor aber das Gerücht aufkommt, dies gelte auch für wirklich relevante Gruppen wie Krankenschwestern und Klempner, es handelt sich um eine Schwimmhilfe, um über den Schwefelsee zu kommen. Nichts Sinnvolles.

Denn das Geschwafel vom fehlenden Personal ist nichts als Schwachsinnsbulimie, doppelt gekaut und frisch über die Stammtische gewürgt. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht die Arbeitskraft, sondern die Entkräftung der Arbeitenden. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt erzeugt den wünschenswerten Zustand, nämlich eine möglichst große Auswahl zwischen qualifizierten Bewerbern, die jedoch nur dann zur Verfügung stehen, wenn es immer genug Arbeitslose gibt. Und schon befindet sich ein System in Widerspruch zu sich selbst. Die Arbeitgeber versprechen ausreichend Arbeit, wenn der Gesetzgeber für ausreichend Arbeitslosigkeit sorgt. Es sind, man sieht’s, qualifizierte Kräfte am Werk. Logisch denkende Menschen hätten diesen Hirnplüsch nicht ohne Schädelimplosion erzeugt.

Öffentlich schwabbert die Lobbyeska wieder von den Ausländern (die im Wahlkampf dann rausgeschmissen werden müssen, weil sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen und die Renten und die Kitaplätze, die es aber eh nicht gibt), die man ins Land holen müsse, statt deutsche Schulabsolventen schlicht auszubilden. Ausländische Abschlüsse anzuerkennen ist aber kostspielig, langwierig und angesichts der perfektionierten Bürokratie eine lästige Unterbrechung des Gejammers. Wozu also das Geweine? Für die Galerie, die es noch glaubt.

Längst stolpert der Abbau der Qualifikation fröhlich nach vorne, wir schaufeln uns den Abgrund im Alleingang. Es werden durch Frühverrentung und das immer schnellere Ausscheiden arbeitsloser Ingenieure mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt getreten, als Hochschulabsolventen je eingestellt würden. Wer sich die Pulsadern aufnagt, braucht wohl nicht über Blutverlust zu jammern. Dazu schickt die Politik ebenjene Ingenieure in die Frittenbude, anstatt sie durch Zusatzqualifikationen und fachspezifische Tätigkeiten auf der Höhe der Zeit zu halten – die Verwaltung nimmt billigend in Kauf, dass Arbeitslose zu einem nachwachsenden Rohstoff werden. Sie sitzen in Mangelhaft.

Es fehlen keine Fachkräfte, es fehlt Personal, das für immer weniger Geld qualifizierte Arbeit leistet. Wer viel Geld dafür bekommt, steht nicht zur Verfügung. Meist leistet er unqualifiziertes Zeug dafür. Unter gewissen Umständen ist das ja durchaus erwünscht.





Lagerhaltung

6 03 2013

„Das geht auch schneller!“ Ein Ruck fuhr durch die matten Gestalten im Lagerhaus, wie sie mit ihren Plastikkörben durch Regale und Förderbandstraßen hetzten, stets mit einem Blick über die Schulter, ob sie nicht gerade beobachtet würden.

„Dabei nützt das gar nichts“, erklärte mir Kelm. „Sie haben in ihrem Helm einen Chip, der den Aufenthaltsort verrät, die Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegen, die Richtung, in der sie das tun, und wir haben einen Zentralrechner, der alle diese Daten zu einem lückenlosen Profil addiert. Hier entkommt keiner.“ Ich räusperte mich. „Wenn man bedenkt, dass diese Fabrik gegen jede erdenkliche Vorschrift verstößt…“ Er grinste. „Das ist korrekt, wenngleich auch erst nach der Gesetzesreform. Als diese Sache eingeführt wurde, war das alles noch vollkommen legal.“ Es gab einen Tumult unten in den Regalreihen; Sicherheitsbeamten fuhren mit ihren elektrischen Zweirädern in die Lagerzeilen, immer zwei Mann nebeneinander. „Vermutlich wieder eine der typischen Arbeitsverweigerungen aus individuellen Gründen.“ „Individuelle Gründe?“ Kelm nickte monoton. „Kreislauf. Oder ein Herzanfall. Wir können ja nicht auf alles Rücksicht nehmen.“

Mit der Monotonie eines abstrakten Balletts kippten die Arbeiter den Inhalt ihrer Plastikkörbe auf den Tisch, wo sich das Förderband plötzlich beschleunigte, so dass sie nicht mehr mithalten konnten und hilflos neben den Waren herstolperten. So verpassten sie immer wieder ihren Anschluss, die Ware wurde vor ihnen eingebucht, und sie hatten ein Stück zu wenig im Soll. „Wir sind da human“, beruhigte mich Kelm, „bis zehn Stück kriegen sie einen Anschnauzer, und dann gibt es einen Punkt in der Personalakte.“ „Was bedeutet der Punkt?“ „Dass man die halbe Kündigung schon geschafft hat.“ Er sagte es mit ruhiger Stimme, ganz und gar unbeteiligt, und es schien ihn nicht zu bekümmern, dass einer der Arbeiter nicht einmal richtig laufe konnte. Seine Schuhe waren zu groß; ich hatte davon gehört, dass man den Lageristen für teures Geld gebrauchte Schuhe verkaufte, die nur in wenigen Größen vorhanden waren, aber dies schien mir doch zu grotesk. „Immerhin bewegen sich die Leute vorsichtig“, teilte mir Kelm mit, „man kann in den Dingern nicht gut rennen.“

Unterdessen hatten zwei Sicherheitsleute einen Lageristen abgeführt, der die Treppe heraufgelaufen war. Er befand sich nur ein paar Meter unter unseren Füßen, doch man verstand nicht, was sie sprachen; zu laut war der Lärm der Förderbänder, das dumpfe Stoßen der Kisten, das kreischende, wimmernde Heulen der elektrischen Motoren, wenn die Aufseher auf ihren Rädern durch die Halle sausten. „Nichts“, ließ Kelm mich wissen, „nichts von Belang. Er wäre morgen drei Monate hier, da müssen wir ihn leider rausschmeißen, sonst würde sich sein Gehalt um ein Drittel erhöhen.“ „Und dazu muss man ihn fast die Treppe herunterstoßen“, begehrte ich auf, „das ist doch unmenschlich.“ „Er war Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit“, gab Kelm ungerührt zurück. „Er hat die Regeln gemacht. Jetzt spielen wir mit ihm.“ „Was werfen Sie ihm vor?“ „Er hat nicht beide Seite des Handlaufs angefasst. Vorschrift ist Vorschrift, das wissen Sie so gut wie ich.“ „Ach was“, wandte ich ein, „wie sollte er das denn auch mit einem Korb in jeder Hand.“ Kelm schmunzelte. „Wie gesagt, wir haben die Regeln nicht gemacht. Sie sind alle selbst schuld.“

Die meisten hier arbeiteten ohnehin zur Probe. Zwei Wochen lang schoben sie Pakete hin und her, rissen sich die Finger an den Kartons auf, krochen in Regale und torkelten durch die Halle, ziellos, wache Zombies, die bereits eine halbe Stunde nach Schichtbeginn erschöpft waren, vertrocknet, verbogen, innerlich wie äußerlich zum Reißen spröde. Sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt. Aber wie stellt man sich dieses Arbeiten schon vor, wenn man bisher nie ernsthaft gearbeitet hat.

Eine ehemalige Familienministerin wurde wegen eines falschen Artikels angeschnauzt. Dort hinten bekam ein pensionierter Polizeipräsident die Gummiknüppel zu spüren, die der Wachschutz laut Einsatzplan gar nicht dabei hatte. „Wir hatten nach dem Auffüllen mit zwei Bundestagsmannschaften noch etwas Platz“, erläuterte Kelm, „und die besonders renitenten Fälle, bei denen auch keine demokratische Rückbildung mehr half, die haben wir gleich integriert. Es muss ja auch jemand die Drecksarbeit erledigen.“ „Was ist das da für ein Geschrei?“ „Unser ehemaliger Innenminister“, winkte Kelm ab, „er beschwert sich schon wieder, dass er von seinem Helm auf Schritt und Tritt überwacht wird, obwohl er als braver Untertan doch nie eine Pause macht, nicht die Bahnen der Flurförderfahrzeuge kreuzt und regelmäßig seine Kollegen verpfeift, wenn die langsamer gehen, als die Vorschrift befiehlt.“ „Und, hat er damit Erfolg?“ Kelm schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Und ich weiß auch ehrlich nicht, warum er sich ständig beklagt. Wer nichts zu verbergen hat, muss doch auch nichts befürchten, oder?“

Unten zogen die Scharen vorbei. „Und man kann sie wirklich nicht mehr erreichen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nichts zu machen. Sie würden nach zwei oder drei Wochen Tagen aus dem Betrieb kommen wie aus einem Abenteuerurlaub: es war ein angenehmer Nervenkitzel, aber jetzt ist es vorbei.“ „Man muss sie in diesem Lager lassen?“ Kelm nickte. „Man hat keine andere Chance. Das geht auch schneller.“





Immer gut beraten

23 10 2012

Er blätterte meine Papiere durch. Dann spitzte er mit Bedacht seinen Bleistift, bevor er sich entschied, doch lieber einen Kugelschreiber zu nehmen. „Sie haben noch nie in der Gastronomie gearbeitet?“ Ich schüttelte den Kopf. „Oder hatten Sie schon Kontakt zum Kaufmannsberuf? Nicht? Was soll ich da nur für sie tun?“ Er hatte es nicht leicht mit mir. Aber ich war ja auch das erste Mal in meinem Leben beim Berufsberater.

„Sie sind also kein Jurist?“ „Nein“, antwortete ich, „wie Sie sehen. Wäre es nach meinem Onkel Albert gegangen, dann – aber wie gesagt, ich hatte andere Vorstellungen.“ Er grunzte befriedigt. „Kein Jurist. Wir müssen demnach nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen.“ Ein gewaltiger Stapel Papier lag auf seinem Schreibtisch; vermutlich handelte es sich um das Verzeichnis sämtlicher existierender Berufe. Er würde mich zum Hofzwerg weiterbilden oder mir eine Stelle als Pansenklopper und Hitzläufer vermitteln, während meine Noten höchstens zu einer Lehre als Pfeifenbäcker reichten. „Sin Sie wasserscheu? Na großartig, dann haben Sie hervorragende Aussichten als Dachdecker. Oder haben Sie schon einmal von einem Dachdecker gehört, der ertrunken ist?“ „Ich bitte Sie“, protestierte ich, „wir machen das doch hier nicht zum Spaß – schlagen Sie mir einen vernünftigen Beruf vor, mit dem ich auf ehrliche Art und Weise meinen Lebensunterhalt verdienen kann.“ Er wog den Kopf; gedankenverloren spielte er mit dem Kugelschreiber. „Ehrlich – tja, da müssen Sie wohl ein paar Abstriche machen. Man kann sich seinen Beruf heutzutage nicht mehr unbedingt aussuchen, man muss nehmen, was kommt, und die Zumutbarkeitsregelungen sind auch wesentlich erweitert worden.“ „Sie meinen, ich müsste jetzt als Arbeitsvermittler arbeiten?“ Er lächelte leise. „Keinesfalls. Ich würde Ihnen empfehlen, dass Sie jetzt einen entscheidenden Schritt in Ihrem Leben gehen und sich für einen neuen Beruf öffnen, der Ihre gesamte Existenz verändern kann.“ Ich blickte ihn fragend an. „Werden Sie Politiker.“

Für einen Augenblick war ich recht konsterniert. „Sie können doch nicht einfach von mir verlangen, dass ich einen solchen Beruf ausübe – das geht doch nicht!“ Möglicherweise hatte ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, möglicherweise aber auch zu deutlich. „Was verstehen Sie denn unter dem Bruttoinlandsprodukt? Und was unter der Staatsquote? Und wo ist der Unterschied zwischen beiden?“ Ich errötete heftig. „Ich sagte Ihnen doch schon, ich verstehe wirklich nichts davon.“ „Ach was“, antwortete er gutmütig, „die meisten Wirtschaftswissenschaftler wären bei solchen Spezialfragen auch schon mit ihrem Latein am Ende. Damit stehen zwei Dinge schon mal fest: Sie haben nicht die geringste Ahnung von diesem Thema.“ „Und was wäre das andere?“ Er kicherte. „Sie wären der geborene Wirtschaftspolitiker.“

„Warum muss ich ausgerechnet als Wirtschaftspolitiker keinen blassen Schimmer haben von der Materie?“ „Ahnungslos müssen Sie so oder so sein“, klärte er mich auf. „Ob Sie nun Wirtschaftsminister oder Gesundheitsminister werden, das merken wir an unserem Einstellungs- und Kompetenzprofil. Wir haben damit nur gute Erfahrungen gemacht.“ „Ich bin doch nicht die FDP“, protestierte ich, „oder glauben Sie ernsthaft, dass ich an einen anderen Laden vermittelbar wäre?“ Er lächelte und spielte mit dem Kugelschreiber. „Nein, das sehen Sie ganz falsch. Das geht völlig an der Realität vorbei, und sobald Sie einmal die Gelegenheit hatten, unsere schwierig bis gar nicht vermittelbaren Interessenten von der FDP in Augenschein zu nehmen, werden Sie verstehen, dass das nicht unserem Profil entspricht. In deren Kompetenzprofil gab es große Lücken.“ „Lassen Sie mich raten: die Kompetenz?“ „Genau“, gab er zurück. „Das andere war das Profil, wenn Sie es genau wissen wollen.“

Er zog eine Menge Profile aus dem großen Stapel. Je nachdem, was ich nicht verstand, bot sich mir eine enorme Karriere. „Wenn Sie schon einmal gearbeitet haben – also richtig, nicht nur so getan, als ob – dann können Sie leider das Sozialressort nicht mehr übernehmen. Höchstens den Fiskus. Oder vielleicht das Bauministerium. Je nachdem, was Sie alles nicht gelernt haben. Danach geht’s ja meist. Also abgesehen von den selbstverständlichen Kleinigkeiten.“ „Welche Kleinigkeiten?“ Ich blickte ihn fragend an. „Beziehungen natürlich“, erläuterte er mir, „haben Sie gedacht, wir würden Sie so ganz ohne Beziehungen einstellen?“

Sie würden mich als Bauminister eingestellt haben – ich wusste nicht im Geringsten, worum s sich handelt – oder als Staatssekretär im Bundesinnenministerium, letzteres übrigens nur, weil mir versehentlich nicht einfiel, was ein Pfund Federn wog. „Denken Sie an die Bezahlung“, lockte er, „außerdem haben Sie Pensionsansprüche.“ „Und wenn ich diesen Beruf wirklich nicht ausüben kann, was mache ich dann?“ „Sie werden etwas falsch machen, je falscher, desto besser. Sie haben ja, wie gesagt, Pensionsansprüche.“ „Ich möchte Sie nur ungern enttäuschen“, gab ich zurück, „aber ich fürchte, es wird nichts damit. Ich würde dann doch lieber einen richtigen Beruf.“ Das musste ihn verwirrt haben. „Aber Sie haben doch einen?“ „Nein“, begehrte ich auf, ich würde lieber – wie soll ich sagen – arbeiten. Verstehen Sie mich?“ Er legte widerwillig den Kugelschreiber beiseite. „Ich habe wirklich alles bei Ihnen versucht, aber wenn Sie durchaus nicht hören wollen, gut. Hier ist noch etwas als Tellerwäscher. Ich habe alles bei Ihnen versucht, damit Sie merken: Arbeit macht frei. Und noch freier sind Sie, wenn Sie gar nicht erst arbeiten müssen. Sie nehmen jemandem den Arbeitsplatz weg – damit müssen Sie ab jetzt leben.“





Statistisches Mittel

10 01 2012

„Hatten Sie an etwas Bestimmtes gedacht? Wahlkampf oder Vorwahlkampf oder so? Oder ist bei Ihnen vielleicht demnächst Parteitag? War ja nur eine Frage. Hätte doch sein können. Wir haben für solche Zwecke ja schon etwas vorbereitet, damit wir eine schöne Arbeitsmarktstatistik hinkriegen.

Sie können bei uns auch en gros bestellen. Das kommt Sie freilich etwas günstiger als einzelne Aufträge. Arbeitslosenzahlen? Haben wir da. Alles. Frisch aus der Agentur. Also jetzt nicht direkt die Arbeitslosenzahlen, sondern nur einige statistische Kennwerte. Wie die Arbeitslosenzahlen aussehen, das bestimmen ja gerade Sie mit Ihrem Auftrag. Wir sind da völlig flexibel. Wie Ihre Moralvorstellungen eben, nicht wahr.

Das IIb-F ist unser aktueller Standard. Das sind die sogenannten Arbeitslosen, die gerade nicht arbeiten, obwohl sie arbeiten wollten – ich kann Ihnen da gerne einmal eine Probe mitgeben, versuchen Sie die vielleicht einmal in einer Talkshow, gerne auch für Podiumsdiskussionen oder in der Bundespressekonferenz, das wird ja immer gerne genommen. Ist ein echter Allrounder. Das Besondere? Die wollen arbeiten, aber sie können eben gerade nicht. Aus diversen Gründen.

Nein, das IIc-F ist etwas völlig anderes. Die arbeiten nicht, aber von denen könnte man auch schon mal annehmen, dass die, wenn sie können wollten, dann nicht wollen könnten. Oder war’s umgekehrt? Wie gesagt, die wollen einfach nicht. Nehmen wir mal so an. Deshalb werden die aus der Kerngruppe gleich rausgerechnet. Dann muss man sich mit denen auch nicht mehr beschäftigen. Woher wir das wissen, dass die nicht wollen? Ja, die haben halt nicht das Gegenteil gesagt.

Üblicherweise ist man sowieso aus der Statistik raus, wenn man über 58 ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht. Die machen uns auch gar keinen Ärger mehr. Die sind nicht mehr arbeitslos, die haben sich daran gewöhnt. So wie man nur ein paar Jahre von diesen Politikerfiguren regiert werden muss, bis man nichts mehr merkt. Das geht schnell. Warten Sie, ich hätte da eine Idee. Wenn man grundsätzlich jeden nicht mehr als arbeitslos einstuft, der länger als zwölf Monate Hartz IV – Sie meinen, jeden, der überhaupt schon einmal Hartz IV bekommen hat? auch als Aufstocker? Das nenne ich konsequent.

Das Problem mit den Arbeitslosen über 58 ist ja, dass die über 58 sind. Wir könnten die zwar in die stille Reserve reinrechnen, oder wir bräuchten dazu ein negatives Personalüberhangmanagement. Aber eigentlich müsste man sie bis zur Rente mit 67 vorerst in einer anderen Kategorie parken.

Sie bekommen selbstverständlich auch gerne eine Anpassung im Bereich Bildungsniveau. Man könnte beispielsweise alle gering Qualifizierten automatisch rausrechnen, weil sie ja nicht dem nachgehen, was die Bundesregierung als Arbeit definiert. Noch besser, man könnte alle als gering qualifiziert einstufen, die schon mal die Arbeit verloren haben. Wahrscheinlich waren sie nicht ausreichend qualifiziert, sonst hätten sie den Job ja noch. Nicht gut? Ach so, ja. Wenn der Präsident rausfliegt, kriegt er natürlich Sonderkonditionen.

Die Bundeskanzlerin hatte da neulich einen sehr interessanten Vorschlag, von wegen: Arbeiter- und Bauernstaat. Da Bauern ja per Definition nicht arbeitslos werden können, sollte man nicht einfach alle, die nicht Arbeiter sind – nein, Sie haben recht. Zu kompliziert. Das kapieren die im Ministerium nie. Man müsste eben den Arbeitsbegriff völlig neu definieren. Das Paket IX-B ist schon nah dran. Es gibt ja Sachen, die keine Wertschöpfung haben und dennoch als Arbeit bezeichnet werden. Den Bodensatz, wenn Sie so wollen. Ein-Euro-Jobber, Investmentbanker, Guido Westerwelle. Man könnte jetzt beispielsweise alle Arbeitssuchenden als gewerbsmäßige Arbeitssucher umdefinieren, dann wäre man auf einen Schlag alle Sorgen los. Wie? Nein, da haben Sie natürlich recht. Man muss doch ein Druckmittel behalten.

Das Paket IV-4G ist besonders jugendorientiert. Haben wir aus Japan importiert, die sind für so was immer zu haben. Wer in der Arbeitslosenstatistik auftauchen soll, muss unbedingt vorher schon einmal gearbeitet haben. Toll, oder? Es gibt also ab sofort keine Jugendarbeitslosigkeit mehr. Und keine arbeitslosen Akademiker. Nein, auch nicht für prekäre Beschäftigung. Die fallen da gleich durchs Raster. Dann wissen die auch gleich, wo sie hingehören.

Sie können natürlich selbst aktiv mithelfen, die Statistiken zu verbessern. Arbeitsunfähigkeit ist ein Ausschlusskriterium für die Statistik. Wissen Sie, die richtigen Bedingungen müssen da her. Das richtige Umfeld zur allgemeinen sozialen Verbesserung. Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, Burnout – Sie, unterschätzen Sie mir den Burnout nicht, das ist eine ganz tolle Sache! Wenn wir weiterhin so viel Burnout haben, dann steigern sich die Selbstmordraten, und das heißt: weniger potenzielle Arbeitslose, weniger Kosten, und natürlich werden auch ein paar Wohnungen frei. Sorgen Sie für Stress. Angst vor der Arbeitslosigkeit. Stellenstreichungen, machen Sie Stellenstreichungen! Je mehr Stellenstreichungen, desto geringer die Arbeitslosenquote. Klingt logisch, oder?

Wir legen sofort los. Versprochen. Seien Sie ganz unbesorgt, bis zu Ihrer Gastrede auf dem Gewerkschaftskongress haben Sie genau die Arbeitsmarktzahlen, die Sie sich wünschen. Kein Problem. Wir arbeiten dran.“





Nullnummer

30 11 2011

„Ja spinnen Sie denn!? Sie können die Leute doch nicht einfach Laub kehren lassen!“ „Wieso denn nicht? Es ist Herbst, und bevor ich die einfach so in der Gegend…“ „Sie haben anscheinend überhaupt nichts dazugelernt! Mit dieser Einstellung muss unser Vaterland ja vor die Hunde gehen!“ „Jetzt regen Sie sich hier mal nicht künstlich auf. Wenn ich die Arbeitslosen in meinem Betrieb einsetze, dann sollen sie schließlich auch lebensechte…“ „Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank? Das sind Arbeitslose! Die haben nicht zu arbeiten wie normale Menschen, weil das Arbeitslose sind! Sind Sie immer so schwer von Begriff!?“

„Und meine Ausbesserungsabteilung? Warum haben Sie die noch nicht moniert?“ „Weil das ein komplett sinnloser Schmarrn ist.“ „Ich habe mir das nicht einfallen lassen. Das war das Amt.“ „Dann sollte es Sie auch nicht wundern, dass es völlig sinnlos ist.“ „Also bitte – für einen Euro in der Stunde dürfen die mit Klebefilm Schneeschaufeln reparieren und Geschenkpapier glattbügeln, bevor sie es in den Container schmeißen.“ „Ordnung muss sein. Dabei lernen die Arbeitslosen wenigstens ein paar Grundbegriffe.“ „Dass man Geschenkpapier vor dem Entsorgen bügelt?“ „Dass sich jede bezahlte Erwerbstätigkeit lohnt. Auch dann, wenn sie sich nicht lohnt.“ „Ich dachte, wenn es sich nicht um eine richtig bezahlte Tätigkeit handelt?“ „Nein, weil es ja nicht um den Erwerb geht. Die Leute sollen einfach nur ganz normal arbeiten.“ „Ich dachte, das sollen sie eben nicht?“ „Sollen sie ja auch nicht – wenigstens nicht für einen normalen Lohn.“ „Warum nicht?“ „Weil sie sonst den anderen Leuten ihre Arbeit wegnehmen würden, und dann wären die arbeitslos anstelle der Arbeitslosen, die dann von denen, die jetzt noch nicht arbeitslos sind, die Arbeit – ach, das ist mir alles zu komplex.“

„Diese Ein-Euro-Jobs sind also gedacht, den Arbeitslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern?“ „Nein, sie sollen nur wieder mit Arbeit konfrontiert werden.“ „Sie sollen also Arbeit als Druckmittel erfahren, damit sie freiwillig tun, wozu man sie vorher gezwungen hat?“ „Jetzt kapieren Sie es doch endlich: es geht hier nicht um Arbeit, ja? Es geht hier ums Arbeiten! Die Leute sollen endlich wieder begreifen, was Arbeit ist!“ „Also geht es doch um Arbeit?“ „Verdammt noch eins, jetzt bringen Sie mich doch nicht ständig aus dem Konzept mit Ihrer Wortklauberei!“

„Gut, dann andersherum. Sie sagen demnach, dass die Arbeitslosen sich durch das Arbeiten an das Arbeiten gewöhnen sollen.“ „Richtig.“ „Und wozu?“ „Was, wozu?“ „Warum können sie sich denn ans Arbeiten gewöhnen, wenn sie weder Arbeit verrichten sollen noch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen?“ „Hören Sie, das Problem ist doch nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Wettbewerbsneutralität.“ „Was heißt das denn nun wieder?“ „Dass man mit der Arbeit…“ „Sie meinen, mit dem Arbeiten?“ „Mit dem Arbeiten, genau. Ich komme selbst schon ganz durcheinander. Also dass sie mit ihrem Gearbeite den Wettbewerb nicht stören.“ „Wie Grundwasserneutralität für das Grundwasser?“ „Sie haben es kapiert.“ „Und das wirkt sich wie aus?“ „Na zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt.“ „Aber das bedeutet ja letztlich, dass dieses Arbeiten einen volkswirtschaftlichen Nutzen auch gar nicht haben – darf?“ „Exakt.“ „Dann erzählen Sie mir doch mal, wie jemand mit der Arbeitserfahrung überhaupt wieder Anreize spüren soll, die Volkswirtschaft willentlich zu befördern?“ „Muss er gar nicht. Es reicht ja aus, wenn er mit dieser Erfahrung beispielsweise freiwillig aus dem Transferleistungsbezug ausscheidet und so die Volkswirtschaft nicht noch weiter schädigt.“

„Und Sie haben auch von den vielen Fällen gehört, wo Ein-Euro-Jobber normale Pflegekräfte ersetzt haben?“ „Ja, ein arbeitsmarktpolitisches Instrument muss an seinen Wirkungen gemessen werden.“ „Das hieße ja, dass dies eine lohnende, nur leider nicht bezahlte Erwerbstätigkeit wäre.“ „Aber wo denken Sie hin? Man muss mit solchen Maßnahmen klar machen, dass Pflege keinerlei Stellenwert besitzt und dass man dafür die letzten Idioten einsetzen kann.“ „Das macht man den Arbeitslosen klar?“ „Nein. Den Pflegekräften.“

„Damit basteln Sie doch letztlich nichts anderes als einen Käfig für Arbeitslose. Sie dürfen nicht einmal niedrig qualifizierte Arbeit ausüben, sondern werden auch geradezu gezwungen, Steuergelder zu verballern.“ „Ich bin ja nicht schuld daran.“ „Und wozu brauchen Sie dann diese wirtschaftsfernen Maßnahmen?“ „Naja, für den Wahlkampf. Man muss dann immer ein paar Beispiele haben, mit denen man die Arbeitslosen als sozialen Ballast bezeichnen kann, die mit ihrem Arbeiten nicht einmal Arbeit verrichten.“ „Verstehe. Und was versprechen Sie sich davon?“ „Dass es möglichst wenige gibt, die arbeitslos werden wollen, weil sie sonst gefördert werden.“ „Ist das denn nicht gut?“ „Aber auf keinen Fall, aus der Arbeitslosigkeit kommen Sie nämlich nur raus, wenn Sie gar keine Maßnahmen bekommen.“ „Und wann bekommt man die nicht?“ „Wenn man nicht arbeitslos ist.“

„Gibt es denn wirklich einen richtigen Ein-Euro-Job, wie er sein soll?“ „Lassen Sie mich mal überlegen. Jemand, der nicht arbeitet, sich nicht mit Arbeit beschäftigt, keinen volkswirtschaftlichen Nutzen erbringt, im allerbesten Fall bloß keinen Schaden anrichtet, eine Entlohnung erhält, die in keinem Verhältnis zu der Tätigkeit besteht, und damit Erwerbsarbeit entwertet? Doch, das geht.“ „An wen haben Sie da gerade gedacht?“ „An Ursula von der Leyen natürlich.“





Viehhandel

24 03 2011

„Herr Minnichkeit, wie bin ich erfreut, Sie hier zu sehen!“ Siegmund Seelenbinder setzte bereits zu einem artigen Diener an, als ich ihn lächelnd unterbrach. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich bin es gar nicht selbst. Minnichkeit schickt mich, um den Chef der Fashion-Abteilung einzukaufen.“ Sein Gesicht zuckte. „Ich muss um Verzeihung bitten. Aber wird sind auch noch nicht fertig, unsere Datenbank wird gerade frisch durchgeputzt. Sie werden einen Kandidaten bei uns finden – wir haben alles, was Sie suchen!“

Ich verkniff mir die Bemerkungen, als ich das Signet von ad hominem an den Türschildern entdeckte. Die Personalfirma hatte sich den Namen selbst gewählt, ich war dafür nicht verantwortlich. „Unser Unternehmen“, belehrte mich Seelenbinder, „arbeitet nach den modernsten Methoden und ist technisch up to date. Sie werden sicher keinen Konkurrenten finden, der sich mit uns vergleichen ließe.“ „Das glaube ich aufs Wort“; gab ich mit einiger Ironie zurück. „Wenn Sie vor allem ein Interesse an technischen Verfahren hegen, sind Sie bestimmt ein großartiger Personaldienstleister.“ Er rümpfte die Nase. „Höre ich da eventuell eine Spur von Kritik heraus?“ Seelenbinder öffnete die Tür und schob mich in den kleinen Raum. „Dann schauen Sie sich einmal das hier an. Und dann reißen Sie die Klappe auf – wenn Sie können.“

Es war eine ganz normale Datenbank, aber ihre Ordnung war ungewöhnlich. „Die intrinsische Motivation ist ein bislang völlig unberücksichtigtes Kriterium. Wir wollten uns nicht damit abmühen, die Fähigkeiten eines Arbeitnehmers zu bewerten – die meisten Dinge lernt man sowieso erst in der Berufspraxis, Sie werden das kennen – sondern ihn nach dem Leistungsprinzip kategorisieren. Wer etwas leisten will, der soll es auch tun.“ Ich war sehr erstaunt. „Das ist ja lobenswert“, antwortete ich. „Meist wird diese Phrase ja nur in Sonntags- und Wahlkampfreden verwendet, denn wer hat heute noch Respekt vor einem Feuerwehrmann und nicht vor einem Investmentbanker?“ Seelenbinder zog eine Braue empor. „Sie sind Romantiker? Hätte ich mir ja denken können. Aber wir sehen das etwas anders. Bei uns haben Idealisten schlechte Karten. Sie sind absolut untauglich.“

Die Suchmaske spuckte binnen Sekunden ein Dutzend hoch motivierter Arbeitskräfte aus. „Der übliche Schrott“, spottete der Personaldompteur. „Die haben teilweise dreißig Jahre lang ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten müssen – inzwischen völlig unbrauchbares Pack, das für den normalen Arbeitsmarkt total verdorben ist.“ „Eine interessante Auffassung“, bemerkte ich, „nach der Doktrin dürfte es keine ordentliche Arbeitsbiografie mehr geben.“ „Gibt es auch nicht“, beschied mir Seelenbinder. „Wenn Sie sich dreißig Jahre lang in der Maschinerie geschunden haben, sind auch ihre Qualifikationen egal. Sie sind motiviert, idealistisch und total versaut für die modernen Anpassungen. Sie lieben die Arbeit.“ Ich betrachtete das Auswahlfeld. „Qualifizierte Beschäftigungen haben Sie nicht anzubieten?“ Seelenbinder schüttelte den Kopf. „Würden wir ja gerne, aber wenn wir auf einmal alle freien Stellen besetzten, dann hätte die Wirtschaft keinen Grund, den Fachkräftemangel zu beklagen.“ „Sie meinen also, ein unmotivierter Arbeitnehmer ließe sich in den Arbeitsprozess noch besser einspannen?“ Er nickte. „Wir setzen auf die träge Masse. Das Vieh ist besser als gar nichts.“

Die Datenbank gab derweil jede Menge Output von sich; Estrichleger wurden gesucht und Kellner, Feinpolierer und Stuckateure, lauter ehrenwerte Gewerke. „Es gibt ja kaum noch einen Anreiz für diese Leute“, beschied Seelenbinder. „Natürlich müssen wir mittlerweile von den üblichen Mustern abweichen – es lässt sich kaum noch erzählen, dass es mehr Arbeitsplätze als Arbeitslose gibt, aber das muss uns nicht stören. Wir erweitern einfach das Modell der Anreize. Wenn ein Kandidat zu schnell bereit ist, eine Arbeit zu verrichten, ist die Arbeit zu gut bezahlt – oder der Arbeitnehmer übermotiviert.“ Ich widersprach ihm heftig. „Sie verrechnen sich. Ihr Ansatz ist unlogisch. Einerseits wird von der öffentlichen Hand die Unterwerfung unter den Arbeitszwang gefordert, fernab jeder Qualifikation oder Qualifizierung, und dennoch betreiben Sie Ihren Viehhandel: ist die Arbeitsbereitschaft erst einmal erzwungen, kann man an den Konditionen immer noch drehen. Wie passt das zusammen?“ Seelenbinder lächelte herablassend. „Wir fassen die Gier dieser Gesellschaftsschicht, mehr als ihre Grundsicherung haben zu wollen, als verderblich auf. Gleiches Recht für alle – warum soll nicht ein Fabrikarbeiter mit denselben Vorverurteilungen zu kämpfen haben wie ein Manager?“ „Ich dachte es mir schon“, gab ich zurück. „Ist der Mensch schlecht, freut sich das Geschäft. Freie Geister hat eine Diktatur nicht gerne in ihren Reihen.“

Seelenbinder tippte ein paar Dinge in die Tastatur und wartete, bis der Computer die Ergebnisse ausspuckte. „Hervorragend“, jubelte er. „Wir können Ihren Fashion-Menschen sofort mit einem Dutzend Bewerber bestücken. Was wollen Sie?“ „Ich denke, ich…“ „Halt!“ Er machte eine beschwörende Geste. „Hier ist er: Erfahrung in subalternen Tätigkeiten, keine Berufsausbildung, keinerlei sozialversicherungspflichtige Arbeit, für qualifizierte Aufgaben vollkommen ungeeignet, charakterliche Defekte im Randbereich, absolut motivationsfrei – wollen doch mal sehen, was das ergibt.“ Er fingerte ein bisschen an den Tasten herum und erblich plötzlich. „Idealberuf: Politiker!“