Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLIII): Homeoffice

1 03 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Mittelalter war die Organisation noch verhältnismäßig schlicht. Einen Teil des Tages hockte der Fleischer, Grob- oder Hufschmied in der Werkstatt, in der restlichen Zeit erklärte er den Bereich einfach zur Wohn-, Schlaf- und Kranken-, Koch-, Wasch- und Lagerräumlichkeit. Hei, was jubilierte da der Sozialismus – kaum aus den Federn, schon konnte der Töpfer in den Ton greifen und die Volkswirtschaft ankurbeln. Kein Stau auf der Gasse zwischen Domplatz und Misthaufen, keine überteuerten Mieten in der City, weil die Patrizier ihren Grund und Boden um harte Taler an die Steuerberatungsgesellschaften zur Pacht gaben, um fünfstöckige Protzbauten aufzustellen mit Büros in bester Lage, groß genug, dass man sich darin um die eigene Achse drehen konnte. Zwischendurch sah man dem Nachwuchs beim Ableben zu, machte zum Ausgleich in der Mittagspause neuen, ließ die Milch sauer werden und führte auch ansonsten ein gottgefälliges Leben. So jedenfalls stand es in der Gebrauchsanweisung der Gesellschaft. Wie gut, dass noch keiner von ihnen das Homeoffice genannt hat.

In der schnöden neuen Welt hängt uns die Möhre vor der Nase: nehmt Euch einfach die Arbeit mit nach Hause, dann kommt der Berg auch zum Propheten, und natürlich sind es wieder die halb sozialistischen Kräfte, die den Rückfall in die Vorwelt als Fortschritt verkaufen will. Da freut’s die Chirurgieschwester und sie jubelt, weil sie sich am Feierabend fürs Wochenende noch mal schnell zwei Patienten in den Kofferraum packen darf, der Chefarzt hat’s abgesegnet. Der Anlagenmechaniker überlegt nicht lang, er sitzt mit Zange und Hanf auf dem Sofa und schraubt Heizungsrohre. Wie genau er den Schmodder in den Flughafenneubau in die Pampa Brandenburgs verlasten soll, hat ihm der Bundesminister für Selbstdarstellung und Arbeit nicht verraten. Aber es ist ja bald Wahlkampf, und da können wir jeden so behandeln, als sei er ein strategischer Einkäufer im Tapetengroßhandel, Eigenheim und Zweitwagen, Schrebergarten, aus.

Allenthalben quarrt die Politik nun nach der quasimessianischen Komplettlösung einschließlich Masern und Feiertag, denn sonntags, grinst der spätkapitalistische Sklavenhalter, gehört Eure Mutti mir. Spätestens wenn die Firma die zuschlagfreie Nachtschicht in der Lohnbuchhaltung als Wellness verkauft, hat sich die Rechtslage leicht nach rechts gelegt, mit der Ausweitung der Arbeitskampfzone auf das Gästeklo gehen dann auch die Betriebsräte sang- sowie klanglos unter, weil es sie nicht mehr geben wird. Allein deren Wahl dürfte zur Monty-Python-Nummer verkommen, weil im ausgeweiteten Teilzeitsyndrom kein Mensch mehr den Kollegen über den Weg gelaufen ist. Vielleicht erkennt er deren sinkende Lider noch über das zwangsangeschaffte Bildtelefon, mit dem nun regelmäßig der Zuchtmeister das Wohlbefinden der Truppe kontrolliert. Aber Zusammenhalt schafft das nicht. Und so war es auch gedacht.

Es ist vielmehr Kontrolle an der langen Leine, die uns verborgen bleibt, denn was dort rechtlich zusammengeschwiemelt wurde, ist nicht mehr als die mit Bausparerabitur und Paketband hastig in Form gequetschte Kostenkontrolle für manchen Unternehmer, der nun keine Büros mehr zahlen muss, keine Fahrtkostenzuschüsse, keine sanitären Anlagen und keine Mitarbeiterküche. Arbeitszeiten lassen sich leichter durchdrücken, das Ausloggen am Firmenlaptop zwecks Gang in die Keramik wird fluffig von der Sollzeit subtrahiert, und in naher Zukunft wird die Fachkraft für Arbeitssicherheit die Nasszellen kontrollieren und Arbeitsunfälle im Vorfeld verhindern, weil auch hier das Private rein politisch wird. Mit dem Homeoffice reißt der Arbeitnehmer (m/w/d) sämtliche Mauern seines Hauses nieder und macht aus der Bude eine Panoptikum, das Foucault die Schuhe ausgezogen hätte. Vermutlich werden bald die ersten Drohnen – die Anschaffung zum vorgeschlagenen Preis ist freiwillig, Zuwiderhandlungen führen jedoch zum Verlust des Arbeitsvertrages – zwischen Küche und Kinderzimmer surren, um die zwischenmenschliche Nähe zu suggerieren, weil der Boss sich immer mal wieder meldet. Meistens, wenn die Blagen krank sind und Vati deshalb nicht von seinem Recht auf Kinderbetreuung Gebrauch machen muss. Es wird keinen Absentismus mehr geben, und wer ein bissel hustet, kann sich gerne von der Couch aus mit dem neuen Finanzkonzept befassen, statt die Abteilung M&A mit seinem Rotz anzuschmieren. Sie lieben doch alle, alle Menschen.

Im Mittelalter wurde der Besuch von Nachbarn und Verwandten nebenbei erledigt, und wenn es hart war, ließ der Schneider die Gesellen schon mal ein Stündchen länger an der Hosennaht zurren, weil sie ohnehin unter der Werkbank pennten. Die Arbeitsbelastung stieg kontinuierlich, an Schlaf war nicht zu denken, aber das war für die Zeitgenossen kein Problem. Schlafen konnten sie, wenn sie tot waren. Als Arbeitszeitmodell für die digitale Gesellschaft eine verlockende Vorstellung, die der Deutsche schnell verinnerlichen wird. Es sei denn, das Internet bleibt so mittelalterlich, wie es ist.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDX): Die Helden der Arbeit

20 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es der Typ, der das Klo repariert hat. Kurz danach wurde das Klo erfunden und der Typ hier Klempner. Dann der Sanitärinstallateur. In der Spätphase des Kapitalismus etablierte sich dann der Anlagenmechaniker Gas Wasser Biomasse. Eine Rohrzange können sie alle nicht halten. Manche wissen nicht, wie ein Klo aussieht. Aber sie sind als Klimafachingenieure längst die dickste Hose von Doktor Haus und seinen Kellerasseln. Es folgt in Kürze der Senior Rohranflansching Master of Metal Science, wenn es nicht schon ein Executive Leader Ausguss Management ist. Mit nur einer Promotion wird’s langsam eng, da kann man höchstens noch Neurochirurg werden. Oder Astrophysiker. Aber den Leuten die Brühe aus der Schüssel pümpeln? Nix da. Die Helden der Arbeit wissen, wie das geht.

Vor allem, wie sich der Schmodder halbwegs professionell anhört. War man früher noch geneigt, die Qualifikationen eines Hand- oder Kopfwerkers ins Kalkül zu ziehen, zählen heute dank der rapide absinkenden Wertschätzung für so manche Berufe allein die Schildchen an der Tür, die Aufsteller auf dem Tresen, die kryptische Stickerei auf Blaumann und Kittel, um dem Kartoffelschäler ein halbwegs ehrenvolles Dasein zurechtzuschwiemeln, wie es ohne preziösen Verbalschaum kaum ginge. Sie sind Glücklichmacher, Pizzaspeedy oder Quasselbacken, auch wenn sie Reklamationen bearbeiten, seifigen Teig in minderwertiger Pappe schichtbedingt über die rote Ampel jubeln oder dementen Rentnern im Callcenter Lebensversicherungen andrehen. Nur zu Superhelden aufgebrezelt scheinen sie ihr eigenes Elend zu ertragen, das sich in der kompletten Sinnlosigkeit ihres täglichen Tuns ergießt – fiele ihr Beruf durchs Raster, man würde sie vermissen wie Nagelpilz oder Investmentbanker.

Obwohl, nein – es hat ja nichts mit ihrem Tun zu tun. In den Arbeitsverträgen steht immer noch, dass sie subalterne Mitglieder einer Drückerkolonne sind, die wöchentlich die halbe Nation der komplett verdeppten Dämlacks mit Ziervogelhaftpflicht und ähnlichen Perlen der Versicherungsproduktion zu beglücken haben. In der Stellenanzeige hatte es noch Kommunikationskings und Rhetorikrambos gebraucht, Vertriebstennos und Supermänner der angewandten Beschisstechnik. Und Helden, vor allem: Helden. Weil ein derart beknackter Dreckjob nur dann zu überleben ist, wenn man sich nach dem psychisch bedingten Rauswurf in die nächste Runde stürzt und die Spirale einmal weiterdreht. Es geht nur noch um Superduper und Professionals, Genies und Götter, wo in Wahrheit Monster, Mumien und Mutationen sich die Klinke in die Pfote drücken.

Neben der grassierenden Verachtung für die Zielgruppe, die von einer insolventen Pissbude – neudeutsch: Start-up – zur nächsten tippelt, wird alles ab dem gesetzteren Alter aus der Schusslinie getreten. Wer würde sich als Silversmurf schon mit einer degenerierten Horde von TV-Glotzern messen im Superkräfte ablabern, als Media Information System Accountant der Cultural Approach Group? Ob letztere die Abreißkärtchen zum Museum locht oder soziologische Literatur abstaubt, will letztlich keiner mehr wissen. Solange das Branding stimmt, die von den Junior Pillpalle & Killefit Supervision Heroes in die Frontallappen tätowierten Muster des öffentlichen Drucks, jeden Scheißjob anzunehmen, um sich nicht mit dem gelangweilten Sadisten auf der anderen Seite des Arbeitsamtsschimmels zu belasten, solange wird der Wahnsinn als Methode gefeiert und die intellektuelle Nahtoderfahrung des Stellenmarktes als Normalzustand in einer Welt, die schon deshalb Roboter nicht als Arbeitnehmer für einfache Tätigkeiten nehmen könnte, weil sie dann niemanden mehr hätte, auf den sie angewidert herabschauen könnte.

Während es die Putzfrau über die Raumpflegerin bis zur Gebäudeunterhaltsreinigerin gebracht hat, dreht der Luftdruck ins Negative: die Schmutzfachkraft wird als wischendes Gewerbe an den Rand des öffentlichen Interesses gedrängt, als Junk & Trash Removal Assistant Manager gemoppt und gefeudelt, aber keiner wundert sich, warum er fürderhin seinen Mist selbst aufharken kann. Sie sind alle längst Social Media Consultants, die zu drölfzig Mann Bilder posten, wie ein Klempner das Rohr verdengelt, einer haut’s in WhatsApp, einer schmiert bei Facebook, einer twittert und einer weint, weil es allen anderen gewaltig an der Sitzfläche vorbeigeht. Sie verdienen alle nicht ansatzweise so viel wie der Anlagenmechaniker, werden nicht nach drei Tagen durch ein krähendes Jüngelchen ersetzt, das noch keine Kündigung für möglich hält, und sind trotzdem froh, trotz ihres makellosen Studienergebnisses in BWL und des Motorsägenscheins ab sofort im Kundencenter zu hocken. Tag für Tag. Um Langzeitarbeitslosen unter Abschlussdruck goldene Uhren zu verticken. Als Lieferhelden. Jippie.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVI): Home Office

24 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früh am Abend stand brüllend der Bulle vor dem Eingang zur Eigentumshöhle. Auf der Jagd war wieder etwas schief gegangen, natürlich nicht zum ersten Mal, und die züchtig waltende Hausfrau hatte wieder den ganzen Schlamassel. Immer dasselbe. Ständig brachte sich Ngg Arbeit mit nach Hause. Vermutlich entstand so das Home Office.

Während die Milch überkocht, darf Mutti die Quartalszahlen aufbügeln und auf den Rückruf des subalternen Controllingfuzzis warten, der noch nicht einmal bemerkt, wann die Kollegin außer Haus ist, und ihr gewohnheitsmäßig einen Festmeter Papier auf den Schreibtisch klotzt, den sie bei wöchentlicher Rückkehr mit steigendem Interesse an Zimmerbränden mustert. Seine externe Duftmarke setzt der Betrieb jeden Tag, und sei es durch unsinnige Kontrollaufträge, die die Fernkraft wie gewohnt abarbeitet. Wann immer der Piepser anschwillt, pfeift proportional der Blutdruck durchs Innenohr der externen Angestellten. Doch hier draußen hört einen keiner schreien.

Das Urbild der Werkstatt, da der Meister mit Familienanschluss zünftig schafft, es geistert noch durch dumpfe Schädel der bis heute amtierenden Vergangenheiten – das Einbrechen industrieller Produktion, den Wandel vom staubigen Kontor zum aseptischen Großraumgulag verdrängen sie, wo es in den Kram passt – und wird mit ebenso nebulösen Vorstellungen von technischem Fortschritt zu einem Brei von daher notwendiger sozialer Progression verschwiemelt. Sie ist im Grunde jedoch nicht viel mehr als die Verlagerung von Machtstrukturen ohne den notwendigen Ausgleich.

Bereits die Überwucherung der Arbeitswelt mit Teilzeitstellen schafft eine Form von Ausgrenzung, die jeden vernünftigen Betriebsablauf in ein Fest des Getriebesands verwandelt. Wer nichts vom Kollegen auf der anderen Schreibtischseite erfährt, weil er nachmittags nicht mehr im Büro ist, hemmt die reibungslose Kommunikation und ist nach Ansicht der meisten Unternehmensberater auch noch selbst schuld an seinem Dilemma – er könnte ja acht Stunden lang den Drehstuhl wärmen und jeden Atemzug des Vorgesetzten im Nacken spüren. Durch die Auslagerung auf entfernte Kontinente ist die Verständigung endgültig gekappt, unerreichbar weit hockt ein einzelner Mensch am Küchentisch und liest schütteres Wortkompott, muss sich jede Nachfrage über den Fernsprecher erkämpfen – daher Telearbeit – und harrt aus in verröchelnder Motivation, von der bald nur noch karger Schatten bleibt. Horden von Fachkräften kauern im fleckigen Feinripp, in unfarbenen Pyjamas oder kratzigen Bademänteln vor ihren digitalen Endgeräten, tippen die Apokalypse ein und wissen, dass sie niemals aus der Isolationshaft herauskommen werden.

Natürlich freut sich die Wirtschaft über den Segen am anderen Ende der Leitung. Billige Arbeitskraft zu schlechten Konditionen wird als gut verkauft, wo immer Löhne nicht ausufernd steigen, das heißt: gar nicht. Die Politik ist entschlossen, den Schmodder noch zu fördern, vor allem da, wo sie damit gleichzeitig fordern kann. Dumpfdüsen jeglicher Couleur aus dem Regierungslager jodeln jahrein, jahraus das Loblied von noch mehr, immer mehr Fernarbeit, wohl wissend, dass nur die wenigsten Gewerke überhaupt Arbeit in die eigene Butze mitschleppen können. Macht aber nix, für den Wahlkampf reicht dann die launige Mär von der geplanten Steigerung, meist mit ausgedachter Quote derer, die angeblich unbedingt und sofort eine komplette Registratur im Bügelzimmer aufbauen wollten. Die Work-Life-Balance, jene Drahtseilnummer für hoffnungslose Romantiker, kippt aus reiner Gerechtigkeit auf die Restfamilie, die mit einer Halbgestalt zurechtkommen muss und nur widerwillig akzeptiert, dass Vati auch samstags nicht dem Nachwuchs gehört. So werden schon in jungen Jahren unschuldige Kinder Komplizen des übergriffigen Outsourcing, das sich bis ins traute Heim tentakelt. Samstags gehört Vati eben doch dem Controlling, und wenn nicht, ist er bald noch viel öfter tagsüber zu Hause. Aus dem einfachen Spagat wird mählich eine Doppelbelastung, die alle Knochen bricht.

So verausgabt sich ein selbstausbeuterischer Teil der Schäfchenherde in vorauseilendem Gehorsam für eine Arbeitgeberschaft, der das völlig wumpe ist. Ehen werden zerschmirgelt unter den Steinen der Freiheit, die sich andere nehmen, Karrieren im Morast des beharrlichen Schweigens versenkt, das sich spiralförmig ausweitet bis in den Schlaf der Vernunft. Früher gab es noch Kriegerwitwen die im Schlafraum Kugelschreiber schraubten, heute pinnt die Zielvereinbarung den Erfolg am Horizont fest. Wer hier allein ist, wird es lange bleiben. Wie an der Nabelschnur hängen seufzend die Erniedrigten an der Netzwerkstrippe, allein dies ist Hoffnung für die Schlachtopfer der technischen Machbarkeit. Denn angesichts der verhunzten Digitalisierung weiß der gemeine Mann: ohne vernünftiges Internet wird das sowieso nichts. Alles richtig gemacht.





Ordnungsliebe

4 05 2016

Minnichkeit lief rot an. „Vielleicht war das doch nicht das Richtige für mich“, stammelte er und knetete seine Finger. Nun also war er Personalchef, hatte keine Ahnung von seinem Beruf und tat das, was er dann immer tat: er rief schleunigst nach mir.

„Ich muss bis nächsten Monat drei neue Kräfte einstellen.“ Ihm lief der Schweiß den Kragen hinab. Die Unterlagen der Geschäftsführung hatten bereits feuchte Flecken. „Dabei habe ich noch nie – Sie kennen sich doch aus mit so was?“ Ich griff mir die Papiere. „Wenn Sie Stellenanzeigen meinen, dann ja. Oder wollten Sie mich etwa als Hausmeister engagieren?“ Minnichkeit sah geradezu beleidigt aus. Vielleicht wollte er mich ja auch als Vertreter für Gummimatten.

„Also wir bräuchten da einen Hausmeister“, begann er. „Gerne auch einen älteren Herrn, der die entsprechende Erfahrung mitbringt, dazu pünktlich, zuverlässig, ordentlich und…“ „Schmarrn“, ging ich dazwischen. „Sie machen das wirklich noch nicht besonders lange.“ „Merkt man das“, stöhnte der ehemalige Werbeassistent, „oder…“ „Natürlich, das kommt aus jedem Ihrer Knopflöcher. Wenn Sie Selbstverständlichkeiten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit betonen, haben Sie sich entweder keine Gedanken über den Bewerber gemacht oder aber noch keine über die Stelle. In Ihrem Fall tippe ich auf beides.“ Er trug wirklich einen sehr engen Kragen, wenigstens passte gerade ein Finger rein. „Und was die Ordnungsliebe betrifft, die findet man meist in Betrieben, in denen es sonst auf nichts anderes ankommt. Hauptsache, die Staubflocken liegen geometrisch ausgerichtet auf dem Boden. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf.“

Die Anforderungen der Geschäftsführung lasen sich nicht wie etwas, das einem Geschäftsführer aus dem Hirn geronnen war. „Bleistift gespitzt“, rief ich aus und setzte mich auf die Schreibtischkante, „wir versuchen es diesmal mit Ehrlichkeit. Wir suchen einen älteren, durchgehend schlecht gelaunten Ex-Handwerker, gerne mit Neigung zur Schlampigkeit und ausgeprägter Besserwisserei. Voraussetzungen sind anhaltender Nikotinkonsum, Busfahrerfrisur und partielle Schwerhörigkeit gegenüber Kollegen, die fließend in Renitenz gegen Vorgesetzte übergeht.“ Minnichkeit schluckte. „Sie glauben, dass das so durchgeht?“ Ich zeigt ihm das Blatt. „Wollen Sie mir ernsthaft erzählen, Sie suchen hier einen teamfähigen, freundlichen Mitarbeiter, der in Ihrem Laden die Wasserhähne wartet? Na also. Als nächstes?“

Einer der Buchhalter war in den Ruhestand gegangen, Ersatz musste her. „Erfahrung sollte er schon mitbringen“, betonte Minnichkeit. „Eine stressfeste und besonders versierte Allroundkraft für den…“ Fast hätte ich ihm den Mund zugehalten. „Also einen schmerzbefreiten Vollidioten, der in schöner Regelmäßigkeit das Chaos in Ihrer Bude beseitigt, während die Geschäftsführung keinen blassen Schimmer hat.“ „Selbstständige sorgfältige Arbeit ist aber auch…“ „Was“, antwortete ich mit drohendem Unterton, „hatte ich Ihnen gesagt über Ordnung und Sorgfalt? Wenn er den Beruf erlernt hat, sollte er von alleine wissen, was er mit den Belegen anfängt. Mehr kommt bei Ihnen ja auch nicht herum.“ Seinen Protest würgte ich ab. „Wenn Sie schon von selbstständiger Arbeit reden, dann heißt das bei Ihnen sicherlich, dass der Chef ihm die Papiere auf den Tisch schmeißt und sich nicht darum schert, was damit passiert. Für Flexibilität schreiben Sie am besten rein, dass er sich selbst beibringen kann, wie Ihre Firma arbeitet, weil es ihm keiner zeigen wird. Warum auch, es interessiert nämlich keinen, ob es sie in einem Monat noch gibt.“ Immerhin schrieb Minnichkeit mit. Es war nicht alles schlecht.

„Und dann diesen Außendienstler“, erinnerte er mich. „Gummimatten?“ „Ich weiß nicht“, stotterte er, „das muss hier irgendwo stehen.“ „Dann ist es nicht wichtig, oder?“ Auf dem Papier war von Reisebereitschaft und unternehmerischem Denken die Rede. „Wir suchen also einen alleinstehenden Masochisten, der sein eigenes Auto für die Firma mitbringt und sieben Tage die Woche in schäbigen Hotels übernachtet, die Kunden über den Tisch zieht und sich nur blicken lässt, wenn ihm die Formulare ausgehen. Gehaltsvorstellungen?“ „Bei uns immer sehr attraktiv“, beeilte sich Minnichkeit. „Also für die Firma und nicht für den Angestellten, merken Sie sich das. Da kann man aber auch erwarten bei einem belastbaren Mitarbeiter – wie viele Überstunden machen Sie täglich?“ „Ich weiß nicht“, überlegte er. „Ist das denn wichtig?“ Jetzt tat er mir fast ein wenig leid, aber das Business ist nun einmal hart. „Mein Lieber, Sie werden einen hervorragenden Mann kriegen, leider eignet er sich nicht für die Stelle. Aber mit etwas Glück können Sie ihn hinterher als Hausmeister aufbrauchen. Oder Sie schreiben, dass Sie ein innovatives Unternehmen sind. Dann kriegen Sie wenigstens jemanden, der sich gerne in Erdbebengebieten aufhält und anderen beim Scheitern zusieht. Noch was?“ Minnichkeit nestelte an seiner Krawatte. „Ich weiß nicht“, flüsterte er heiser, „vielleicht noch eine Anzeige für einen neuen Personalchef?“





Bunte Pillen

18 03 2015

„… dass bis zu drei Millionen Menschen ihren Arbeitsalltag nur noch mit Hilfe verschreibungspflichtiger Medikamente bewältigen könnten. Dies sei lediglich die Quote der durch Untersuchungen bestätigten…“

„… könne der Vizekanzler die Existenzangst arbeitender Schichten verstehen. Er selbst sei auch nur Politiker geworden, um nie gezwungen zu sein, für sein Geld eine sinnvolle…“

„… lasse der neue Arbeitsbericht der Bundesregierung nicht auf gestiegenen Stress im Erwerbsleben schließen, sondern auf viel zu stark ansteigende Löhne, die es der Bevölkerung sogar erlaubten, kostspielige Drogen…“

„… es hohe gesundheitliche Risiken wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit gebe. Nahles habe dies als positive Veränderung zu mehr sozialverträglichem Frühableben gewertet und sei sicher, damit eine Entlastung des Arbeitsmarktes…“

„… habe sich Gabriel heftig gegen den Vorwurf verwahrt, in der SPD seien in den vergangenen Jahren leistungssteigernde Substanzen konsumiert worden. Der Vorsitzende habe betont, in seiner Partei habe es nie und zu keiner Zeit davor je eine steigerungswürdige…“

„… seien Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit die Regel, wie ein Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes gegenüber der…“

„… so Hartmann, dürfe man die Mindestlöhne nicht etwa für illegale Drogen erhöhen. Wenn sie kein Meth hätten, so der ehemalige innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, sollten sie doch Kuchen…“

„… habe seine Hausaufgaben gemacht, so Söder. Im Freistaat gelte man auch nach einem klinischen Exitus durch akute Alkoholvergiftung noch als nüchtern, weshalb die Statistik sich stark vom Bundesdurchschnitt…“

„… sei es kein Dauerkonsum. Die meisten Arbeiternehmer hätten angegeben, nur vor besonders schwierigen Situationen wie Montag, Nachtschicht, Wechselschicht, Doppelschicht, Überstunden oder…“

„… zugegeben habe, dass die Presseberichte des Deutschen Bundestages der Wahrheit entsprochen hätten. Lammert habe jedoch darauf hingewiesen, dass der Drogenkonsum der Parlamentarier nur deshalb ein solches Maß angenommen habe, damit man eine größere Verbundenheit mit der werktätigen Bevölkerung…“

„… empfehle Seehofer der Bevölkerung, mehr Betablocker einzunehmen, um als Alphamännchen weniger Angst vor Frauen zu…“

„… viele Betroffene die Medikamente im Internet bestellten. Dies sei zwar legal, so de Maizière, man müsse aber trotzdem sofort eine anlasslose Komplettüberwachung…“

„… als besondere Schwierigkeit der Pharmaindustrie ansehen müsse. Der Leistungsdruck in der Branche sei so hoch, weil die Gehälter so niedrig seien, dass sich Angestellte die von ihnen selbst produzierten Medikamente nur auf dem Schwarzmarkt…“

„… Antidementiva nicht mehr als kritische Substanzen zu behandeln. Schäuble habe in einer Langzeitstudie dreimal täglich ein Kilo Pillen geschluckt, ohne dass sich seine Erinnerung an die Schwarzgeldaffäre auch nur nennenswert…“

„… empfehle Nahles den Arbeitslosen, mehr Drogen einzunehmen bei der Stellensuche. Im Gegenzug wolle die Bundesagentur für Arbeit den Erwerbslosen die ALG-II-Sätze drastisch kürzen, da es nicht Aufgabe des Steuerzahlers sei, jedem unbeschäftigten Junkie einen kostenlosen…“

„… den Mindestlohn nicht umgehen wolle. Amazon habe sich im Sinne einer Win-Win-Lösung dazu entschlossen, die Hälfte der Löhne sofort in Aufputschmitteln zu…“

„… man die Einnahme rezeptpflichtiger Medikamente ähnlich der Spitzensteuersätze staffeln müsse, um die Leistungsträger nicht durch übermäßige Kontrollen zu viele…“

„… dass suizidale Grundtendenzen zu den häufigsten Nebenwirkungen der Stoffe gehörten. Gröhe sei sich jedoch sicher, dass ohne eine solche Stimmung die Union so gut wie chancenlos bei den kommenden Bundestagswahlen…“

„… vor Panikmache gewarnt habe. Da Drogendelikte inzwischen ins Bruttoinlandsprodukt einflössen, sei jeder Betäubungsmittelmissbrauch ein Teil des Aufschwungs, für den es wiederum viele neue…“

„… auch am Niedergang des Koalitionspartners gelegen haben könne. Nach Berechnungen des Bundeskriminalamts seien bis zu 97 Prozent des Kokainimports direkt zur FDP…“

„… würden die Medikamente oft nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit zeigen. Merkel habe in diesem Zusammenhang betont, dies entspreche ihrer Partei auch ohne jegliche chemischen…“

„… den Euro-Beitritt Deutschlands nicht mehr gelten lassen, da die wirtschaftlichen Kriterien sich im Nachhinein als Lüge herausgestellt hätten. Der Aufschwung werde der Bundesrepublik aberkannt wegen erwiesenen Dopings der arbeitenden Bevölkerung, die letzten zwanzig Jahre Wirtschaftsentwicklung müssten nun wiederholt werden, um zu einem gerechten Ergebnis zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXX): Die Grenzen der Arbeit

21 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt Berufe – Maschinenschlosser, Henker, Rübenzüchter – bei denen man sich nicht einfach Arbeit mit nach Hause nehmen kann, und es gibt solche – Rübenzüchter, Henker, Maschinenschlosser – bei denen das nicht wünschenswert wäre, für wen auch immer. Die Personalsachbearbeiterin im Zahnbürstenkonzern zieht sich ihren Job am Freitagabend aus wie einen Laborkittel, den man drei Nächte lang im Spind hängen lassen kann. Wer wollte ihr das verübeln? Höchstens der Aufsichtsratsvorsitzende, der sich einen Job nicht einmal anzieht, weil er für ihn austauschbar ist: heute Zahnbürsten, morgen Zigaretten, wer interessiert sich schon für mehr als Zahlen. Das aber ist nicht das Problem. Die Arbeit suppt ins Private, ihre Grenzen sind nicht mehr zu erkennen.

Sie haben es durch die elektronischen Fußfessel der permanenten Erreichbarkeit geschafft, die ortsunabhängigen Personen in einen virtuellen Käfig zu locken und den Schlüssel wegzuwerfen. Die Lohnsoldaten wohnen nicht mehr auf dem Fabrikhof, sie dürfen die Individualität ihrer Existenz voll ausschöpfen. Dass sie es bis an den Rand der immateriellen Prekarisierung zu spüren bekommen, ist kein Zufall, sondern Methode. Denn Sklaven haben keinen Anspruch auf zeitsouveräne Lebensmuster wie Feierabend, Wochenende oder Urlaub, sie sind ein beliebig einzusetzender Wegwerfartikel auf dem Markt der billigen Ressourcen.

In der Stellenanzeige wurde das noch als human orientiertes Ganzheitlichkeitsgeschwiemel verkauft, in der Praxis riecht die Sache schon anders. Alles, was man von der Persönlichkeit verlangt, die der Kandidat gern voll in die Arbeitsmaterie einbringen darf, ist seine Zeit, abgesehen von seinen Nerven. Es beginnt subtil mit einem Meeting an der Grenze zum Arbeitsende. Eine oder zwei Stunden, maximal, aber mehr Mehrarbeit wird nicht verlangt, und schließlich ist es nur die Rufbereitschaft, die dem durchschnittlichen Nichtschwimmer im Haifischbecken das Privatleben versaut. Immerhin ganzheitlich, das will man nicht abstreiten.

Die Dumpfschnösel im Flexibilisierungswahn, die gerade eben zu blöd sind, um den eigenen Burnout an der Haustür kratzen zu hören, plärren natürlich die dritte Stimme im Hohelied der neuen Verwertungswelt – die erste tönt von Aktionären, die zweite speichelt hervor aus dem erfüllenden Management – und loben den Abteilungsleiter, der beim Tête-à-tête, wahlweise auch nach dem vollzogenen Auffahrunfall im Rettungswagen die Quartalszahlen ins Mobilgerät erbricht, weil sonst eine Aufsichtsratte schlechter schliefe. Im Dienste der wirtschaftlichen Schlacht sind wir allzeit bereit, den Feind zu schlagen; dumm nur, wenn wir merken, dass der Feind wir selbst sind.

Die Arbeit wird generell zum Projekt erklärt, mit einer Ziellinie versehen, als unter vorgegebenen Umständen ablaufender Prozess definiert. Wer sich nicht einpasst und durch die unternehmenspolitisch vorgegebene Individualität aufstößt, wird vor die Tür gesetzt. Die Mittel, um dem Leistungsdruck zu widerstehen, darf jeder selbst aufbringen. Wer hätte das gedacht.

Die strukturelle Ausbeutung beginnt meist mit einer Kleinigkeit, die noch am Wochenende erledigt werden darf – an dem heimischen Werkbank, am Computer an der eigenen Steckdose, mit eigenem Bleistift auf eigenem Papier. Eine Umdrehung weiter sitzen die Daumenschrauben bereits so gut, dass auch komplizierte Fälle werktags bis zum folgenden Morgen gelöst werden. Der Kurzstreckendenker hat sich längst an Einzelarbeit ohne das soziale Gefüge im Büro gewöhnt, da wird er auch schon aus seinem erzwungenen Workflow herausgelabert: der Vorgesetzte ruft an und ätzt, ob seine Domestiken nicht schon längst fertig sind, weil sie sonst am kommenden Tag störende Augenringe tragen würden. Die Differenz zum Tyrannenmord schrumpft mit jedem Mal.

Am Ende der Entwicklung werden die Lautsprecher nicht mehr wissen, welche Chancen sich denn hinter den Risiken verbargen. Doch, wir können das Risiko der Selbstorganisation so gut wie privatisieren, aber auch das heißt wieder nur, dass der Unternehmer ausbeutet, während der Arbeiter die posttraumatische Belastungsstörung mit sich selbst privatisiert und freundlicherweise seine Kündigung deswegen nicht weiter hinterfragt. Die Bescheuerten haben sich nicht rechzeitig genug überlegt, wie man es anstellt, in diesem Umfeld nicht permanent auf die Fresse zu fallen, und auf wen sollten sie ihr Versäumnis schon abwälzen.

Wie angenehm, dass immer mehr Spitzenkräfte sich den Schädel perforieren, vom Dach hüpfen oder sonst wie unaufgefordert das Atmen einstellen. Sie reagieren vor den Anforderungen des marktkonformen Terrors nicht anders als die anderen Arbeitnehmer, die irgendwann unter dem Druck kollabieren. Schön, wenn man nicht alleine ist. Und gut, wenn wenigstens einer mit leuchtendem Beispiel voranschreitet.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCV): Der Zwang zur Fröhlichkeit

10 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das evolutionäre Muster schlug sofort zu. Uga und Ngg kannten einander nur vom Sehen, doch sie kamen vom selben Stern. Der eine dachte vom anderen, der sei stärker, geschickter, männlicher. Der andere dachte das vom einen auch, und so begann das Dilemma. Sie zeigten einander das Gebiss. Freundlich beschwichtigten sie sich selbst und das Gegenüber, fletschten die Zähne und wahrten dabei nach Möglichkeit das Gesicht. Bis zu dem Augenblick, wo ihnen beiden simultan der Geduldsfaden riss und sie wie auf Kommando die Fäuste fliegen ließen. Hätten sie sich kurz berochen, die Nasen angewidert gerümpft, den Schwanz eingekniffen und ohne Gebeule das Feld geräumt, es hätte ein netter Tag werden können zwischen Wasserloch und Lagerfeuer dort am Rande der Savanne. Warum nur mussten sie so früh vor der arbeitsteiligen Gesellschaft schon den Zwang zur Fröhlichkeit erfinden?

Das Telefon klingelt und eine Dreckfresse auf Speed wünscht dem ahnungslosen Bürger so was von einem wundervollen, superschönen tippitoppi guten Tag. Einen Atemzug später salbadert er über das irre preiswerte Vorzugsangebot, und während man sich noch fragt, woher dieser Pickel am Arsch des Kapitalismus über die Rufnummern verfügt, unschuldigen Fernsprechteilnehmern den letzten Nerv zu zerschmirgeln, hat er auch schon dreimal um Entschuldigung geflennt und bietet an, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn’s denn gerade mal passt, sein Geschleime auf dem Cortex zu drapieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht ein subalterner Depp mit Springmesser im Anschlag in seinem Rücken und treibt ihn zur pathologisch guten Laune – einer, der selbst bester Stimmung seinem Chef rapportiert, wie duftomat er seine verschissene Existenz findet.

Ist es der neoliberale Zwang zur positiven Denke, die letztlich nichts anderes sagt als: man kann alles, und wer es erwartungsgemäß nicht schafft, ist eben auch selbst schuld? Oder etwa die defensive Haltung, die dem duckmäuserischen Deutschen ins Rückgrat gefräst wird, damit er ja nie im Sattel steht, sobald er sich unter die Radfahrer eingereiht hat? Die intellektuelle Schlichtbehausung der Managementbraunalgen schöpft aus vielen trüben Quellen, um sich ein Weltbild aus Stolz und ausgekauten Vorurteilen zurechtzuschwiemeln. Wer gut drauf ist, produziert zugleich hypermotivierte Kunden, die einem jeden Dreck im Doppelpack abkaufen, was wieder den Vertriebler und seinen Vorgesetzten, den Querkämmer mit dem Messer, motiviert, und diese ganze Fehlkonstruktion badet dann der nächste Trottel aus, der gutmütig den Hörer abnimmt.

Was in Arbeitswelt und Zivilisation an der Tagesordnung ist, um überhaupt die dialektische Entwicklung der Resthominiden in Gang zu halten, das wird unter einer Zuckerschicht weggekaspert: jegliche Konfrontation, jeder Konflikt, und sei er noch so sachlich, er verschwindet in einem Strudel aus sinnlosem Gelächel, Wellnessgesabber und der bandscheibenperforierenden Bückmechanik für marktradikale Kurzstreckendenker. Der Kunde hat eine Reklamation, weil der billige Schunder nicht ordentlich verpackt war? Callcentermäuse raspeln Verbalglutamat, als seien sie gerade in japanischer Unterwürfigkeit trainiert worden, nehmen den Schaden mit grinsebackenhafter Verbindlichkeit auf und jodeln hernach noch ein Pfund beste Grüße an die unbekannte Familie raus. Danach kotzen sie erstmal gepflegt unter den Tisch, weil sie die Spielregeln kennen: der Klumpatsch wird hinterher nicht besser verpackt sein, jeder Kunde kriegt diese Supersondervorzugsbehandlung, die reklamierte Ware wird wieder in einem zerknickten Stoßfänger ausgeliefert. Man könnte, wie in jeder geistig normalen Umgebung, den Käufer freundlich, aber nüchtern über den Fortgang der Sache in Kenntnis setzen, andere Möglichkeit: der Rest der Welt zieht endlich auch nach Berlin. Hier macht sich der Bekloppte nur verdächtig, wenn er die Kundschaft nicht grundlos zur Begrüßung anpöbelt.

Ganze Beraterrotten kotzen Optimierungsmüll über die Belegschaften, die auch ohne schon nicht mehr wissen, wie sie den Tag überstehen sollen. Es ist generell alles, was konfliktbehaftet sein könnte, ein potenzielle Krise, und Krisenkommunikation bedeutet heute, dem Partner klarzumachen, dass es diese verdammte Krise gar nicht gibt. Grinsend wie ein bekiffter Gaul. Wenn es nicht klappt, ist der Krisenkommunikator schuld und tippt eine vor Selbstbewusstsein überschwappende Kündigung, in der er bekannt gibt, dass er sich hinfort in einer anderen Pissbude neuen Herausforderungen stellen wird. Hätte er, höchstwahrscheinlich die Knalltüte mit dem Messer, nur einmal das Resthirn angeworfen und den Affekt entdeckt, die Triebkraft hinter der Maskenfassade, die das Unehrliche aufbricht, um die Auseinandersetzung zuzulassen. Wahrscheinlich ist es den Voodoojüngern lieber, die offene Auseinandersetzung zu ersticken, denn sonst würde sich ja etwas ändern. Und jeder Änderung könnte ein Nachdenken innewohnen, wer hier eigentlich wen verarscht. Und warum. Und dass es nicht damit getan ist, die Hackfressen aus der TV-Silvesterparty, die komplett verstrahlt irgendeinen Frohsinn unter sich lassen, mit dem Pflasterstein auszuknipsen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCII): Das Großraumbüro

19 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war im Pleistozän, wenige Jahrhunderte zuvor hatte es zu schneien begonnen, und Uga hockte mit dem Werkzeug am Feuer. Wenige Schritte entfernt unternahm ein Hominide die ersten Versuche in Richtung Metallurgie. Rechts davon schnitzte Rrt seine dreizehnte Knochenflöte, nicht, ohne sie einem ausführlichen Praxistest samt rhapsodischen Intermezzi in freien Rhythmen zu unterziehen. Der Nachwuchs wuchs nach und testete unterdessen die akustischen Variablen der Umwelt. Es war schließlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die arbeitsteilige Gesellschaft entstand, in der die Weber in der Weberei woben, während die Töpfer in der Töpferei töpferten. Ansonsten hätten die Beknackten, abgesehen von einer drohenden Unterversorgung mit so gut wie allen Erzeugnissen des täglichen Lebens, sich schnell einen kollektiven Knall eingefangen. Nur einmal noch haben sie sauber danebengegriffen, und das absichtlich. Sie erfanden das Großraumbüro.

Elf bis zwanzig Reihen zu je neun bis drölfzig Tischen mit mindestens zweieinhalb Stück Mensch hocken auf- und umeinander, tippen, wühlen im Papier, knödeln in ihre Hörsprechschädelklemmen und zucken im Sekundentakt zum Gefiepe der Telefone. Hektisch hacken die Tacker, schwabbern Callcenterfuzzis gegen den Lärmpegel an, der beständig wächst, so dass sie lauter reden, so dass der Pegel steigt, so dass sie lauter reden, so dass der Pegel steigt, und wenn sie nicht gestorben sind, dann rieselt zwischendurch die Wand unter dem Putz weg. Das wäre nur logisch.

Gäbe es jenes höhere Wesen, das wir verehren, es hätte sich das Großraumbüro nicht ausgedacht, eher sein Widerpart, der Vegetarier (Hörner, gespaltene Hufe und Quastenschwanz passen nun mal physiologisch nicht zu einem Fleischfresser) muss sich diese Foltermethode aus der trüben Fantasie geschält haben. Denn Arbeit kann nicht der Zweck dieser sozialen Zusammenrottung sein. Wer ansatzweise weiß, dass auch qualifizierte Kräfte im Meeting höchstens die geistige Leistung komatöser Klappstühle liefern, hat eine realistische Schätzung dessen, was die Fortsetzung der Krabbelgruppe mit anderen Mitteln einbringt. Man lernt seine Kollegen schneller kennen, vulgo: jeder Halbaffe geht einem sofort zielgerichtet auf die Plomben. Jede Idee wird zeitnah aufgegriffen, heißt im Klartext: es gibt nicht den Ansatz von Privatsphäre, was im Umkehrfall auch bedeutet, dass die extrovertierteren Teile der Belegschaft durch ihre pure Existenz den Rest der Räumlichkeit in die Nähe der Hirnembolie treiben. Jeder mischt sich ungefragt in jeden Mist ein, erklärt freihändig undokumentierte Funktionen der Buchhaltungssoftware, bringt damit en passant die ganze EDV eines Großkonzerns zum Abschmieren und erfreut sich damit ungeteilter Aufmerksamkeit. Was es an Körpergeruch zu erzählen gäbe, fällt ebenso in dies Ressort. Doch das ist es nicht.

Um die Gruppendynamik der Laborratten vor der Tastatur zu untersuchen, empfiehlt es sich, den Flüssigkeitshaushalt der Probanden in den Fokus zu rücken. Holt einer sich einen Kaffee, holt sich die ganze Reihe einen Kaffee. Benutzt einer die Getränkerückgabestelle, entwässert binnen einer Viertelstunde das ganze Rudel. Wer noch immer Mietkosten und ähnliches Effizienzgefasel als Ausrede für die Hallenhaft nimmt, wäre rein buchhaltungstechnisch mit dem Home Office besser beraten. Warum lässt man die Arbeiter jeden Tag ein paar Kilometer durch die Landschaft rödeln, um sie am netzwerkfähigen Endgerät acht Stunden lang Dusselaufgaben erledigen zu lassen?

Der Gesindegulag ist nicht weniger als der Beweis, dass Foucaults Idee vom Überwachen und Strafen längst realisiert wurde, inklusive des idealen Panoptikums – um Kohle zu sparen, wird der Part der Aufseher wechselseitig von allen Kollegen übernommen, die einem bis auf die Knochen gucken, während der Chef seine pastorale Macht mit der Knute zärtlich unterstreicht. Es bedarf weder eines Wachdienstes, um die Faulen auszusortieren, noch kontinuierlicher Propaganda, die die Gehörgänge der Untertanen zuschwiemelt. Die kostengünstige Eigendressur macht die Knochen morsch, um sich besser unter das Joch des Produktivmantras biegen zu können, und fertig ist eine Population hirnloser Flusenlutscher, die sich das Bewusstsein ständiger Unterwerfung mit der Verlockung schöndenken, auch alle anderen im Visier zu haben. Dass sie billige Vollstrecker des normativen Zwangs sind, haben sie nicht auf dem Schirm. Hauptsache, sie können herumtrampeln, notfalls auf ihresgleichen. Das Wort Selbstdisziplin bekommt da einen Beigeschmack von Wahrheit.

Doch es rächt sich, und das ist nicht einmal schlecht. Nirgends, wo viele Kulis hocken, bleibt man verschont von Übersprungshandlungen, in diesem Fall jene der Viren. Die Gruppendynamik gilt auch bei Infektionen, hustet einer, liegt alsbald die halbe Belegschaft fiebernd, da die Klimaanlage in der Legehennenzone den Schmadder optimal verteilt und auf vorgetrocknete Schleimhäute einwirken lässt. Die seelisch verursachte Disposition zur Flucht ließe sich leicht errechnen, mit ihr auch der volkswirtschaftliche Schaden, den die Controllingkasper gerne unter den Tisch fallen ließen. Das Diktat zur uniformen Fließbandarbeit lässt sich außerhalb des Fließbandes nicht in die Tat umsetzen. Somit war der Pleistozänmensch klüger als der durchschnittliche Personalschlumpf der postindustriellen Ära. Und er hatte vermutlich seltener einen Burnout. Was für eine vorsintflutliche Gestalt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXVI): Burnout

1 03 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war zu einer Zeit, in der das Gesetz der Steppe galt, auch und vor allem in der Steppe: wer Mammut essen wollte, musste Mammut jagen. Und so liefen Uga, Ngg und Rrt über die Ebene, bestückt mit Pfeil, Speer und Bogen, auf dass sie wenigstens selbst wieder heil die Höhle wieder erreichen würden. Einträglich mochte man das Geschäft nun nicht nennen, doch wenigstens war es immer für eine Überraschung gut. Würde es am nächsten Tag genug Säbelzahntiger für alle geben? oder genug von ihnen für die Säbelzahntiger? Da passierte es, dass sich Rrt die Steinaxt an die Murmel marmelte, und neben neurologisch nicht uninteressanten Aussetzern entwickelte er die Idee, ständig mehr Mammut zu jagen, als eine Rotte adipöser Schnellschlinger vertilgen könnte, vom Erlös mählich mehr und mehr Mammon zu mehren, zum Schluss aber behäbig im Moos zu lagern und zuzusehen, wie die Hungerleider für eine Handvoll Beeren Bären erbeuten. Konsequent angewandt hätte dies Vorgehen zu einer vorzeitigen Blüte des Kapitalismus geführt (und wir hätten diese geistige Fehlinkarnation schon hinter uns gebracht), beim derzeitigen Stand des Hominiden führte er stracks in den Burnout. Wohin auch sonst.

Die Geschwindigkeit ist das Schibboleth der Jetztzeit. Wer sich noch immer für existenzfähig hält, wenn er zehn Minuten lang auf Börsenkurse warten muss, steht schon im Abseits. Wir sind von der Realität erschöpft, weil ihr Band breiter ist als unsere Ohren tief, und entfremden uns von ihr, weil wir mit der Pommesgabel Sand in einen Vulkan zu schaufeln meinen. Ab und an treten Gurus mit der Ausstrahlung einer kaputten Mikrowelle auf und plärren Motivationsmantras durchs Wartezimmer, aber keiner interessiert sich dafür. Warum auch, sie atmen bereits selbst den Geruch des Ausbrennens., den uns die Manager vorgelallt haben.

Dieser sozial nach oben gespülte Morast der Blendergesellschaft, der seine eigene Unfehlbarkeit mit Talent verwechselt, impft den Untertanen seine Fehlwahrnehmung ein: dass nur das Ausleben der eigenen Deformation in der Führungsrolle wirklich lebenswert sei. Dass aber die Abwesenheit von Führungsqualitäten den Beginn einer langen Feindschaft mit sich selbst markieren kann, fällt dem Nebenbeiarbeiter nicht ein und dem Normalo erst dann auf, wenn es zu spät ist. Einkommen und Status lassen kurz die psychischen Schwellkörper andicken, was bleibt, ist die Schwierigkeit, die neu gewonnene Macht bewältigen zu können oder zu wollen. Die postmoderne Leidensdrückerkolonne zwingt den schneller, höher und weiter optimierten Menschen in die permanente Spitzenposition, vielmehr: kurz davor, denn keiner wird in diesem imaginären Rennen gewinnen, wenn es eine Führungsebene gibt, die man durch den souveränen Sieg gefährden oder ausschalten könnte. So weit reichen die Reflexe der Deckschicht noch.

Die eklatanteste Verdeppung ist es doch, in der Überholspurgesellschaft von Embryonalturnen, Babychinesisch und Turboabitur die Leistungs- und Regenerationsfähigkeit der Biomasse als Zopf abzutun und sich neoliberalem Voodoo hinzugeben, weil der Klamauk mit den vorschriftsmäßigen Hirnschäden logischer aussieht als alle Grundrechenarten zusammen. In der Folge kratzt die Durchschnittsbevölkerung nicht etwa schneller ab, weil dummerweise der Stand der Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten nicht stehen blieb, und ein Apoplex kloppt nun die Bilanz sämtlicher Sekundenherztode in die Tonne – dumm ist, wer Dummes organisiert, und wenn das arbeitsfähige Volk dadurch immer schlechter versorgt wird und der Wirtschaft mehr Kosten aufs triefende Auge schwiemelt, schneidet sich die Generation der Henker die eigenen Flossen ab. Sie haben unser Mitleid sicher nicht nötig. Wer maßlosen Schmalzkonsum propagiert und Fettleibigkeit zum sozialen Ideal erklärt, darf sich auch nicht über das Geknatter platzender Arterien beschweren.

Dass neben dem physischen Verschleiß der permanente Radau der Außenwelt die Frontallappen ausleiert, wird auch nur von denen nicht bemerkt, die entweder zu alt oder zu blöd sind, um diese Realität mitzumachen, von der die andren so viel reden. Eine große Müdigkeit setzt ein, die am Tode hängt, zum Tode drängt, ein degenerativer Prozess in wechselnder Verkleidung. Die einen wählen konservativ, die nächsten nagen sich nur die Pulsadern auf, wieder andere funktionieren mit der Präzision einer elektrischen Pumpe. Das ansonsten gesunde Gefühl, einer sinnlosen Beschäftigung zu viel Zeit zu opfern und sie daher aufzugeben, ist unwirksam unter der Kontrolle der regierenden Sklaven des Risikokapitals, sie setzen lieber auf ihre Droge, den Drang, sich selbst und anderen etwas beweisen zu wollen. Dann kommt der Teufel raus. Dann laufen wir. Und den Letzten beißen die Hunde nur dann nicht, wenn er kapiert, dass er nicht die Selbstbilder einer zum Schiffbruch verdammten Zufallsgemeinschaft von Nichtschwimmern nachzutanzen braucht, um glücklich zu sein. Am Ende wissen wir, Mammut gammelt, wenn man es nicht frisch verzehrt. Welche Frage bliebe denn angesichts solcher Erkenntnisse noch offen?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXIV): Der Wellness-Imperativ

21 10 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Dasein besteht aus Gegensätzen. Tag und Nacht, Wachen und Schlaf, Nahrungsaufnahme und die Ergebnisse der Peristaltik in jeglicher Richtung sind einander Bedingung für das Ganzheitliche, das wir als Leben bezeichnen auf diesem durch die Weiten des Alls torkelnden Klumpen, der zahllosen Vollspaten eine Heimstatt bietet für ihre verpfuschte Existenz. Gerade noch entspannte der Dummbatz sein Resthirn im Fernsehsessel, da rufen Fließband und Schwiegerelternbesuch den mühseligen Teil der Sache wieder ins Bewusstsein zurück. Gebratene Tauben, so lernt der Zweibeiner, fliegen einem nur im Märchen ins offene Maul, und für das Paradies gibt es keinen gerichtsverwertbaren Beweis – vor das Vergnügen hat die Hausordnung in dieser Welt die Anstrengung gesetzt, von nichts kommt nichts. Nur scheint das System unter schweren Macken zu leiden, denn die Logik ist längst im Eimer. Nicht mehr Schaffe! plärrt einem die interne Instanz zu, Entspann Dich! keift das Über-Ich, und: Fühl Dich wohl! Ohne Imperativ scheint Wellness nicht zu funktionieren.

Alle Welt relaxt, spannt aus, ruht und rastet, legt die Füße hoch und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Falsch, jodeln die Fitnessfatzkes aus der Flimmerkiste, die der wehrlosen Pauschalrübe eins überbraten mit Ayurveda-Handstand zu indischem Klingklanggebimsel, doofem Duftorgelgeblök und autogenem Biovollkornschrotheilfasten. Der ganze Mensch wird von innen und außen vollgereinigt, schnellgefönt von verbaler Heißluft, aufgebrezelt aus Ruinen gegen Fußschweiß, Krampfadern und Schlaflosigkeit, geschmiert, verschraubt, motiviert und in sich selbst verankert, mit spirituellem Kitsch abgepappt und in die Tiefenentspannung versetzt, wo man ihm jeden Müll in die Synapsen kleckern lassen kann, und zum Schluss hält der Beknackte Til Schweiger für einen begnadeten Mimen, die Erde für eine Scheibe und sich selbst für einen wenigstens durchschnittlich begabten Hominiden, der ohne Blutverlust mit der Kuchengabel umgehen kann. Drei Tage im Tschakka-Bootcamp, und der bis dato klaglos spurende Arbeitnehmer ist ein seelisches und körperliches Wrack, reif für den Jahresurlaub im Schlaflabor.

Denn die gesamte Wellness-Industrie ist nicht mehr als die ebenso auf Leistung gedrillte Kehrseite der Erwerbsarbeit – hier wie dort wird unter Ausschluss logischer Denkprozesse eine Horde teilzeitintelligenter Nachtjacken gescheucht, gejagt und gequält, bis sie auf Kommando im Blubberbad schnarchen, wie sie noch kurz zuvor an der Stanzmaschine das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe geschwiemelt hatten. Zwang ist beides, beides Bestandteil im neoliberalen Turn einer Schmarotzerkaste im Effizienzwahn. Kategorisch brummt einem der Terror im Hirn herum: wer als Leistungsgesellschaftler erzogen wurde, kriegt den propagierten Plüsch nun mal nicht aus der Kalotte.

Das Ergebnis ist Freizeitstress in seiner dümmsten anzunehmenden Form, die Rekordjagd bei der Erholung. Wer schnarcht als erstes im Samadhitank? Wer knotet sich die Ohrläppchen beim Feldenkrais zusammen? Wer kriegt die Goldmedaille im Biofeedback? Wir entspannen uns zu Tode, letztlich geht nichts mehr ohne Doping über die Bühne, und so bembeln wir uns nach alter Sitte eins in die Birne, popeln Psychopharmaka in Krankenhausmengen hinters Zäpfchen und freuen uns, wenn der User IQ Underflow langsam in die Abszisse einwächst. An sich wollten wir immer erst schlafen, wenn wir tot sind, aber das setzt ein Leben voraus. Oder etwas ansatzweise Ähnliches. Wir landen ungebremst im Relax-Burnout, zugedröhnt mit Affirmation, hyperaktiv bis zum Anschlag, und nichts fürchten wir mehr und wollen wir doch mehr als den Moment, an dem die Grütze nachlässt.

Das tut sie auch, spätestens mit dem Heulen der Werkssirene lässt das Yes-We-Can-Gekreische der Yogatherapeuten mit ihren Ohrkerzen nach, der Flow hat uns erreicht. Auf geht’s zum Karōshi, der sozial verträglichen Lösung der Work-Life-Balance. Was verliehe diesem irdischen Geballer schließlich mehr Sinn als ein heroisches Ableben im Dienste des DAX. Und schon haben wir das gewünschte Paradoxon in der verpilzten Hirnrinde erzeugt: die Arbeitswelt wird zum kollektiven Freizeitpark, der die Anstrengungen der Egopolitur verkraften lässt, prima auf verschärften Wettbewerb ausgerichtet, wie ihn der konditionierte Nanodenker sowieso längst praktiziert. Wie Pawlows Pinscher lassen sich die Hirnvollwaschgangsopfer in den Kreislauf des Verderbens zurückstopfen, willig, da dumm, und sofort absetzbar von den Humankapitalisten. Eine ganze Schicht lässt sich billig erpressen mit der drohenden Globalisierung oder einer von Parasiten erzeugten Geldumschichtung und feiert den Zustand der finalen Depersonalisierung als erwünschtes Verhaltensideal.

Man sollte seinen Feierabend besser nutzen und sich freudvoll körperlich wie geistig ertüchtigen, sich bilden, stählen und stärken. Um so besser kann man dem Kompetenzimitat auf dem Chefsessel im richtigen Augenblick eins aufs Maul hauen. Der Wellness-Faktor ist unbeschreiblich.