Gernulf Olzheimer kommentiert (DCXXVII): Die Verschandelung der Landschaft

12 08 2022
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwo musste man die Felle zum Trocknen aufhängen, auch wenn die Sippe sich immerzu über den Anblick empörte. Links neben dem Höhleneingang würde der Aasgeruch früher oder später Tiere anlocken, die sich auch über den Buntbeerenstrauch hermachten, rechts daneben stand in regelmäßigen Abständen die Skulptur der Großen Mutter, die Rrts Sippe aus Gründen der Fruchtbarkeitssteigering anzubeten pflegte. In der Mitte versaute das Gestell der Belegschaft die Aussicht. Stress im Paradies! Ästhetisches Empfinden oder wenigstens die Vorstufe einer moralischen Selbstbespiegelung traf auf die praktischen Notwendigkeiten eines Lebens in der Gemeinschaft, die schafft und entsorgt. Wir können diese Welt kaum noch verändern, wir hatten sie, als wir ihre Oberfläche betraten, ja gründlich verändert vorgefunden. Woher also dieser Furor, das zu verhindern, und: wozu?

Selten las man, Dome und Kathedralen seien wichtig, wenn man darunter ganze Dörfer, ganze Landschaften wegklappen könne für Braunkohle, aber ein popeliges Kernkraftwerk darf man in die Gegend kloppen, Schnellstraßen, Klärwerke, als seien die Tempel der Abwasserentsorgung von Karl dem Großen persönlich geplant, entworfen und gebaut worden. Plötzlich und unerwartet mutieren die Apologeten des Fortschritts, die sonst an jeden Abwasserkanal einen Reaktor schwiemeln würden, wenn sie dafür einen Aufsichtsratsposten in die Rippen gestopft bekämen, zu Heimatschützern. Vernachlässigbare Hügel, ab und an mit Nadelwald begrünt, sind in der ad hoc kodifizierten Geschichte der Samtgemeinde Bad Gnirbtzschen schon immer eine Stätte der Naturschönheit gewesen, die jährlich bis zu anderthalb Wanderer aus dem Nachbarkreis anzieht, der noch nichts weiß von der Legende des Heiligen Humpelbert, dem einst ein sprechender Elch über den Weg gehumpelt sein soll – vielleicht sind sie am Stammtisch an dieser Stelle auch schon voll auf LSD, und wo sie schon einmal dabei sind, stricken sie fix die Historie der Perserkriege fertig, Da geht’s um höhere Interessen, Generationen übergreifendes Kulturgut, mindestens nationale Identität. Was nützt dagegen schon ein Windrad?

Wie ein einziger Zeitzeuge der Geschichtsschreibung den Teppich unter den Füßen wegziehen kann, ist auch das Phänomen der konservativen Raumordnung historisch sattsam bekannt. Auch gegen städtische Umbauten des Mittelalters haben sich die Bewohner beschwert, zumal dann, wenn sie für irgendeinen Bischofssitz ihre Wohnquartiere schleifen lassen mussten. Die Proteste wurden zwar von Kirche und weltlicher Obrigkeit geschmeidig weggeknüppelt, aber die Investitionen blieben, und wer bezahlte schon für die Architektur, wo noch nicht einmal klar war, dass sich halbes Jahrtausend später eine ganze Industrie an der puren Anwesenheit religiöser Zweckbauten bereichern würde. Wäre es nach landschaftlichem Nutzwert gegangen, sogar nach vorromantischen Kriterien hätte ein hübsches Haufendorf gegen das Trockenlegen von Sümpfen oder die Anlage von Stadtmauern gewonnen, die sich nur mit Mühe zurückbauen lassen, wenn jahrzehntelang kein Verteidigungsfall drohen will. Die Bauruine, die die Köln zum Improvisationsnotfall machte, hätte man nach heutigen Maßstäben für die beliebte Leerstandskombination aus Shoppingcenter mit Büroflächen plus Tiefgarage gecancelt. Irgendeiner muss ja daran verdienen, wenn es schon keiner bezahlt.

Wo schon vom Fremdenverkehr die Rede war, gibt es Lokalpolitiker auf Stimmenfang, die einen Kreuzzug gegen Ampeln und Verkehrsschilder ankündigt haben, weil Senioren aus dem Umland beim Fotografieren von St. Mandy immer dieses Einfahrtsverbotszeichen vor der Linse haben? Schleift der Dezernent für freiheitliche Stadtsilhouetten am Friseursalon Schni-Schna-Schnippi das Schild, weil der Bömmel immer vor das Standbild von Erzherzog Paul dem Beschränkten ragt? Was ist mit Umgehungsstraßen, die das Landschaftsbild für Umwohnende nicht nur optisch, sondern auch akustisch und olfaktorisch zur Steißgeburt des schlechten Geschmacks adeln?

Der Hominide hat komische Angewohnheiten. Baut er einen Turm, um zu beweisen, dass sein Volk die höchsten Türme von allen bauen kann, gereicht das seiner klebrigen Narzisstenseele zur freudigen Genugtuung; jodeln Klänge vom Turm herunter, die mit seinem Lokalgeschmack nicht korrelieren, wähnt er das Ende seiner Kultur, zumindest aber die Implosion des Universums. Stellt er sich einen Mast auf, um in seiner Butze Lampen anzuknipsen, ist das unaufhaltsamer Fortschritt. Baut eins bodennah Platten an den Hang, damit der Gegenwartsmensch überhaupt etwas hat, was er aus der Leitung saugen kann, bedeutet es das Ende der siebzigjährigen Geschichte der Arbeitersiedlung Schaffenslust. Was auch richtig ist, der Bau der Kanalisation machte ja auch dem Brauch den Garaus, nach Sonnenaufgang seine Fäkalien aus dem Fenster zu kippen. Aber wer sind wir Zeitzeugen schon. Und was ist dagegen die Geschichte.





Die Karyatiden

16 01 2022

Zur Linken hebt ein Weib mit bloßen Brüsten
die schlanken Arme. Ihre zarte Hand
bedeckt den Scheitel, den ein Schleier band.
So schaut auf Menschen sie mit Schmerz und Lüsten.

Zur Rechten sieht man auf den Armen tragen
den Mann in voller Reife, wie er starrt
in angestrengter Kraft unter dem Bart
auf Volkes Treiben: Wägen oder Wagen.

Auf ihren Händen und auf seiner Elle,
da ruhen zwei verzierte Kapitelle,
die stützen einen weit und runden Erker.

Halb blicken sie einander an. Sie halten
ein Gleiches, auch in anderen Gestalten
macht Zweisamkeit die beiden vielfach stärker.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXIX): Großprojekte

12 10 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Eine Zusammenrottung von Deppen war sich einig; sie ballten sich zu einer Gebietskörperschaft zusammen und wiesen Parzellen als öffentlichen Baugrund aus. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Bauunternehmen, Planungs- und Architektenbüros gründen, eine Holding, deren Aktien wir uns wie Puderzucker in beliebige Körperöffnungen blasen können, und sie sprachen: Wohlauf, wir klotzen hier ein Einkaufszentrum mit Konzertsaal, Flughafen und Rennbahn ins Moos, das kein Schwein braucht, und sollte der ganze Kram in die Grütze gehen, so werden wir und einfach abwählen lassen, auf dass der Steuerzahler dafür blute. So ward das erste Großprojekt, und wir wissen zu Genüge, wie die Geschichte ausging.

Wie auch nicht – ein Großprojekt, meist so nötig wie ein kommunaler Brennholzverleih, ist zum Scheitern verurteilt, sofern nur eins der Kriterien erfüllt ist: Planung durch Politiker und/oder Spezialisten für Großprojekte, öffentliche Finanzierung, parallel verlaufende Aufwertung der städtischen Bausubstanz. Bereits Spurenelemente des Wahnsinns genügen, um die ganze Sache in Bausch und Bogen zu versaubeuteln. Wo immer sich Hohlbirnen heterogener Provenienz ins Gehege geraten, kann nichts Gutes werden. Rauchende Trümmer begleiten ihren Sturz.

Denn bei einem öffentlichen Träger, der ähnlich beweglich ist wie ein Öltanker auf hoher See, gilt Kompetenz so viel wie der Scheuklappenabstand der Referenten, Regierungs- sowie sonstiger Präsidenten. Wer Wissen vorweist, gilt automatisch als Sand im Getriebe der politisch getriebenen Entscheidungen, die von ganz anderen Faktoren befeuert werden; Gier und Eitelkeit sind nur die offenkundigsten. Sich ein Denkmal in die Fauna klotzen zu lassen geht nur ohne Kenntnis der Wirklichkeit und angrenzender Störfaktoren. Denn wer hätte heute noch die Zeit der Pharaonen, in aller Ruhe ein paar Pyramiden im Sand zu errichten. Und dann auch noch für die Ewigkeit. Schadet das der Baubranche? den Arbeitsplätzen? Und schlimmer noch, kostet es Wählerstimmen? Das lediglich aufs Überleben des Spitzenpersonals getrimmte Bewusstsein der Ichlinge lässt sich das aus Geld, Glanz und Gloria geschwiemelte Weltbild des elitären Hirnplüschs nun mal nicht zerreden. Schon gar nicht von denen, wie es können.

Die Faustregel aller einsturzgefährdeter Neubauten lautet: billige Planung führt zu teurer Durchführung. Wer immer alles billiger will, kriegt’s eben immer dicker am Ende. Und da in einer auf schnellen, aber oberflächlichen Erfolg getrimmten Leistungsgesellschaft der gewinnt, der eine möglichst billige Leistung vollmundig in die Gegend rülpst, ohne auch den Nachweis erbringen zu müssen, der wird für Lug und Trug belohnt. Dass nebenbei sich die Bürokraten selbst mit Hilfe von Strohmännern zu Bauherren erklären, macht die Sache nicht besser. Manisches Rausrechnen externer Effekte, wirtschaftliche Verflechtungen, weil sich die Dyskalkuliekranken für schwäbische Hausfrauen halten, Milchmädchenrechnungen mit Milliarden, die Beknackten halten Wissenschaft und Bürger für dümmer als sich selbst und walzen mit ihre fettigen Autorität alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt, Bäume, Rentner, Juchtenkäfer, notfalls ganze Regionen, die einen Flughafen brauchen wie einen zweiten Darmausgang.

Doch es ist nicht fachexterne Kommunikation – zwei Bauarbeiter wissen annähernd, was Phase ist, nur der neunmalkluge Neurochirurg in ihrer Mitte versteht nichts – sondern der Informationsaustausch zwischen den Fachidioten, der als illusorisch gilt. Es zählt der Konsens, und gibt es keinen, werden Gutachten großzügig überzuckert, Vergabe- und Prüfungsverfahren versehentlich vergessen, es fließt Geld, wo vorher nie welches, und letztlich gilt nur der einmal fest in den bröselnden Grund gestampfte Eröffnungstermin als wirklich verlässlich. Auch dann, wenn dazu die Erdrotation angehalten werden müsste. Das Ergebnis, liegt es auch sonst wo in der Zukunft verbaselt, es steht fest.

Denn der Bescheuerte blendet jegliche Konsequenzen seines Tuns aus. Das kindliche Gemüt vertraut darauf, dass die Klötzchen halten, und stapelt unbeirrt weiter. Gravitation ist eine Sache für Erwachsene und andere Spielverderber. Steht der Ruin vor der Tür, treten sie zu spät auf die Bremse. Sie wissen, dass sie eine Katastrophe konstruierten, aber da nicht sein kann, was nicht sein darf, schliddern sie in die Mutter aller Debakel. Ungebremst und mit Geräuschentwicklung.

Schuld sind die Kritiker, die zwar laut genug geschrien haben, aber: es waren Kritiker, auf die ein normaler Hohlrabi im höheren Dienst nicht zu hören hat. Möglicherweise hatten sie Recht, aber genau das ist ihr Vergehen. Sie haben sich nicht mit dem Aufsichtsrat unterhalten, keine Vorstände von der Klippe gestoßen, sie hatten keinen Erfolg mit ihrem Protest. Also können sie gar nicht Recht gehabt haben, sonst hätten sie sich ja durchgesetzt. So einfach ist das Synapsenpuzzle der Nachtjacken erklärt. Wir werden noch viele Bahnhöfe in den Sand setzen. Und wer weiß schon so genau, was unter den Pyramiden wirklich liegt.





Der Lällenkönig

29 01 2012

Er blickt herab im Prunk von Gold und Kronen,
dass ihn die Bürger sähen, wie er schütze
die Gassen und mit seinen Blicken nütze
der Wachsamkeit vor Teufel und Dämonen.

Bald sieht es aus, als würde er nur thronen
hoch über ihren Häuptern, dass mit Witze
er seine Augen rollt, die Zunge spitze
zum kleinen Basel, wo die Armen wohnen.

Es mag ein Scherz sein, Angst auch vor dem Bösen,
dass wir durch Blendwerk meinen, zu erlösen
uns von den Kräften der Begehrlichkeit.

Und scheint das Ornament des Bösen hässlich,
es ist der Glaube daran unerlässlich,
dass Ungeist selbst im Menschen nur gedeiht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CIV): Das Reihenhaus

13 05 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als bei der letzten Klimakatastrophe plötzlich die Wälder zurückklappten, linste der Hominide etwas doof in die Runde, bevor er in die Steppe steppte. Hie und da warfen Laubbäume Biomasse in die Gegend, der Himalaya knarzte aus der Kruste, aber sonst war die Sache ganz hübsch. Immerhin sah man auf der Freifläche jetzt schon eine Stunde vorher die Mammutherde antraben, wenngleich ohne schützende Vegetation die Witterung sich von oben herab äußerte. Lange vor Erfindung des ersten Abreißkalenders formulierte der Mensch im Miozän seine erste Bauernweisheit: man kann nicht alles haben. Nicht vor der Zivilisation, nicht außerhalb, und schon gleich gar nicht in der Zivilisation, was auch immer von ihr noch übrig sein mag nach dem Einzug ins Reihenhaus.

Sollte je intelligentes Leben auf der Abkürzung nach Al Kurud beim Sirius falsch abbiegen und in Flörsbachtal niedergehen, Existenz und Name der Doppelhaushälfte dürfte ausreichen, um den Aliens das bundesdeutsche Wesen einzuprägen nebst dem dringenden Wunsch, diesen Planeten nie wieder zu betreten. Hätte man nur rechtzeitig den Berufsirren damit konfrontiert, denn so wäre er nie in diese Wohnwabe geraten. Dicht an dicht zwischen zwei Brandschutzmauern gepfercht hockt der Honk wie im Schuhkarton, nur nicht so komfortabel, denn ein eigener Deckel wäre Luxus. Hier passt sich der Wohnmaschinenbenutzer an, gelber Balkon an gelbem Balkon, aufgereiht wie auf der Hühnerleiter und einkaserniert in die Verhaltensmaßregel des Duckmäusers: nicht auffallen, um keinen Preis. Kon- und Uniformität sind gefragt, wer hier auffallen will, tanzt aus der Reihe.

Was die Klinkerkolonnen so reizvoll reizlos macht, sind dann auch die feinen Unterschiede in der fruchtlosen Optik. Genauere Beobachter halten die Wohneinheiten anhand der Webfehler in den Küchengardinen auseinander, Anfänger haben immer noch Hausnummern, um sich in endlosen Reihen von Ziegelfassaden nicht zu verlaufen. Die isomorphen Stapelklötzchen lassen nur den Schluss zu, dass hier die konstitutiven Bestandteile eines Hochhauskomplexes in die Fläche gekotzt wurden. Man hockt einander auf der Pelle und hat jede Menge Möglichkeiten, Aggressionen aufzustauen. Was kann es Besseres geben für ein Volk, das Bratwurst und Stasi zu seinem Kulturerbe zählt?

Was die Bratwurst betrifft, schafft die räumliche Nähe der Kontrahenten über den Maschendrahtzaun hinweg genug völkerrechtswidrige Gehässigkeiten, um eine gesunde Selbstbehauptung im Bewusstsein des Bekloppten zu erzeugen. Dünner Grilldunst bereits reicht aus, um die übliche Spannung über dem Gartenzaun in eine prickelnde Eskalation zu verwandeln, in der jeden Augenblick mit dem Einsatz von Schusswaffen zu rechnen ist, ganz so, wie es den Sozialingenieuren der Neuzeit für die schaffende Mittelschicht vorgeschwebt haben muss in ihrem stetigen Ringen um Verbesserung der Lebensbedingungen durch Licht, Luft und Sonne – wann immer der Fahrstuhl nach unten gerade mal nicht defekt sein sollte.

Hundehaltung wäre hier vergeblich, bereits das verschwiemelte Quieksen eines Hamsterlaufrades wäre als Emser Depesche tauglich und beschwüre den Anfang einer blutigen Familiensaga für die kommenden Jahrhunderte herauf. Der Ortssatzung zuwider laufender Wäscheleinenbehang an Sonn- und Feiertagen, an denen bekanntlich heidnische Dämonen den Luftraum vorschriftswidrig zu durchkreuzen geneigt sind, Rasenmähen bis 13:01 oder Husten nach Einbruch der Dunkelheit werden von den Nachbarn als Angriff auf die öffentliche Ordnung empfunden, in heutigen Verhältnissen auch öfters als gefährlichen Eingriff in die innere Sicherheit des Planeten, der brutale Unterdrückung sowie strikte Strafen erfordert, sollte nicht das kosmische Gleichgewicht dadurch aus den Fugen geraten, dass der Rasen nicht gemäht ist. Dass sich über den Stickhusten sowieso vornehmlich Anlieger entfernterer Straßen beschweren, deren Hörhilfe just die Grätsche gemacht hat, stört nicht. Es geht, da in Deutschland, ums Prinzip.

Und da wäre sie, die Stasi. Wie im Locked-in-Syndrom, einigermaßen bei Bewusstsein und nicht ganz so verdeppt wie die Grützbirnen der jeweils anderen Behausungseinheiten, darf sich der Insasse der Reihenbutze an den Innenflächen seiner Bleibe ausleben, darf die Blümchentapete sogar schräg an die Wand pappen, sein home ist sein castle, er muss nur mit dem Gruppendruck und der schnell aus dem Ruder geratenden Dynamik eines Rudels Volleulen rechnen, sobald er sich nicht mehr an der dümmsten Dorfbratze des Wohnrudels orientiert. Die Reihenhaussiedlung ist öffentlicher Vollzug der Hausordnung, sonst nichts, und nur die Baustatik ist dafür verantwortlich, dass die Patrone nicht auf Balkonen klemmen und sich über Papierfähnchen echauffieren. So sind sie stolze Herren über die eigene Scholle, wenn sie es nur schaffen, die anderen Psychopathen an der Grundstücksgrenze rauszuwerfen. Was auch nicht leicht ist im Sinne der guten Nachbarschaft, aber das wissen wir ja seit dem Miozän: man kann nicht alles haben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XII): Fußgängerzonen

19 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nachdem die ersten Primaten sich entschlossen hatten, ihr Leben ebenerdig zu verbringen, war die Blüte des Städtebaus nur noch eine Frage der Zeit. In Jericho wurde die Stadtbefestigung erfunden, Çatal Hüyük entwickelte den jungsteinzeitlichen Grillspieß, der noch heute als Dönerduft durch die Innenstädte zieht, Ur platzierte Verwaltungsbauten mitten in der City, um beim täglichen Gang zum Amt für Auspeitschungsangelegenheiten einen Mitnahmeeffekt beim örtlichen Einzelhandel zu erzielen. Schlimm wurde es dann in Babylon, wo Bekloppte im Bauamt hockten und Prachtstraßen anlegten, um dem Ausfall von Volksaufläufen einen Riegel vorzuschieben. Die Sache wirkt noch heute.

Was sich seither gewandelt hat, ist höchstens das Material. Die fußläufigen Zonen unserer Städte bestehen nur noch optisch aus gestampftem Lehm in Verbindung mit Drahtgerüst, Holzschreddermüll und Stoffwechselendprodukten; dahinter verbergen sich hochtechnisierte Werkstoffe wie Waschbeton, in dessen verschwiemelten Schüsseln und Kästen sich struppiges Straßenbegleitgrün ungeschlechtlich mit den morschen Gehwegplatten paart, und Glas, das die übermütige Jugend zu nächtlicher Stunde im Rauschzustand beschmiert und zerdeppert, um der trostlosen Atmosphäre einen Hauch von Vitalität zu verleihen; schließlich gehört der Tod zum Leben. Auch ansonsten agiert der kreative Knallkopf seine Fieberfantasien meist auf öffentlichem Grund aus. Immerhin wird er von den klammen Kommunen dafür fürstlich bezahlt, Zahnstocher und ähnliches Getier überdimensional aus Aluminium zu fertigen und als Beleuchtungskörperimitate neben den Gehwegen zu montieren. So können die juvenilen Komasäufer mehr sehen, haben freies Schussfeld und bemerken die Ordnungskräfte frühzeitig.

Überhaupt bieten postmoderne Fußgängerzonen ein optimales Testfeld für psychologische Studien. Nirgends sonst wird das Massenverhalten der Behämmerten derart transparent nachvollziehbar. Mit chirurgischer Präzision beobachten Forscher, wie junge Mütter ihre Brut im Buggy zielgenau auf der Mittelspur parken, um kurz die kosmetische Gestaltung der Frontpartie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Die auftreffenden Partikel in Form von Radfahrern, Touristengruppen oder Ehegatten mit Plastetragetaschen zelebrieren ein Feuerwerk des wechselseitigen Anrempelns, Um- und Überfahrens sowie der kollektiven Aggression, die zunehmend körperlich wird. Nicht nur Konfliktforscher und Mitarbeiter renommierter Teilchenbeschleuniger finden hier ihr Arbeitmodell, auch die Entwicklung von Verkehrsleitsystemen und Staustufen wird hier zur Perfektion getrieben, den Erkenntnisgewinn über Massenpanik einmal ganz ausgenommen, denn keine Stampede tobender Büffel würde eine Herde grasender Lasttiere so nachhaltig als Zebrastreifen in den Steppenboden trampeln, wie es eine Rotte Konsumenten am verkaufsoffenen Samstag mit den Angehörigen des anderen Stamms bewerkstelligt.

Eng angelehnt an die Seelenwissenschaftler erobert sich sein schmarotzender Kulturfolger das Areal. Mit harmloser Miene ergeht sich der Bürger im anheimelnden Mörtelambiente von Baustellen, aufgelassenen Kaufhäusern und der zielgerichteten architektonischen Banalisierung des Lebensraums, da versperrt ihm eine Gestalt den Weg und rülpst ihm Suggestivfragen entgegen. Ob man Kinder möge, sich für den Erhalt des Schlammkäfers einsetzen wolle oder einem herrenlosen Pottwal ein neues Heim in der Banlieue von Bad Bevensen zu finanzieren gedenke. Hat sich der Stalker endlich zu den wirklich wichtigen Fragen nach sexueller Präferenz und Vorurteilen gegenüber ausländischen Strafgefangenen vorgearbeitet, so reibt er dem hilflosen Opfer den Vertrag für ein Zeitschriften-Abonnement direkt unter die Nase. Im Treppenhaus des Sozialwohlblocks wäre die Tür längst zu und der Sicherheitstrupp würde die Keulen anspitzen. Hier aber ist die Prärie des Trading Down, wo nach und nach der Fachhandel dem Ramschabverkauf direkt vom Wertstoffcontainer weicht. Verstohlen sieht man Väter aus dem Erotikshop schleichen, wo noch gestern die Gemüsefrau Kraut und Rüben feilgeboten hatte. Spielhallen, Peepshows und Textilketten säumen das bröselnde Pflaster, doch kein Fluchtweg bleibt dem Desperado. Nur der Beton hört sein Weinen.

Schon holt eine neue Art von Nervensägen zum finalen Schlag aus: die Citymanager übernehmen das Regiment mit neuen Konzepten für immer mehr Steuergelder. Bunte Müllkübeln und postmoderner Gastronomie-Mix sollen das Verbleibsverhalten der Opfer kybernetisch auf Zack bringen, das nackte Grauen bekommt jährlich einen neuen Anstrich, um gestalterische Freiräume zu öffnen. Meist sind sie hinterher so offen, dass sich der an Kraftverkehr gewöhnte Städter zum Erwerb von Waschmaschine und Fernseher gleich in ländliche Regionen begibt, wo er ohne Sichtschutz und Speitüte auskommt. Sollte tatsächlich eine intelligente Form von Leben existieren, die die Bescheuerten aller Herren Länder unterwiesen hat, Marktflecken mit Kanalisation anzulegen – das kann sie nicht gewollt haben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (VIII): Mehrzweckhallen

22 05 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang menschlicher Nutzbauten befand sich das Plumpsklo, jener von einem Herzloch in der Tür veredelte Rückzugsraum für menschliche Geschäftigkeit, die aus ästhetischen Gründen nicht in unmittelbarer Nähe des Brotbackautomaten stattfinden sollte. Schnell kam der Hominide auf den Geschmack und schwiemelte sich funktionale Immobilien zurecht, die jeweils einer bestimmten Sinnhaftigkeit gewidmet waren: das Schlachthaus zur Erzeugung der beliebten Nackensteaks seit dem Beginn steinzeitlichen Grillwesens, Hallenbäder zur Ertüchtigung des Volks im wehrfähigen Alter sowie zur kontrollierten Nachzucht von Fußpilz und Filzläusen, schließlich Sakralbauten in diversen Formen, Farben und Höhen, um möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft das Menschenopfer am Feierabend simultan erleben zu lassen, begleitet von frommem Singsang und güldenem Gerät. Die Völker in ihrer Mannigfaltigkeit waren’s zufrieden und widmeten sich fortan ihrem eingewurzelten Drang, die Einfamilienhütten am Kralrand durch Jägerzäune, Klinkerfassaden und Walmdächer in den Zustand ultimativer Widerlichkeit zu hieven. Ohne Sinn und Verstand hockten die Architekten in ihren Erdlöchern; da schuf einer von ihnen die grausame Rache des bauenden Menschen an der Zivilisation – die Mehrzweckhalle. Der Niedergang des Planeten beschleunigte sich zusehends.

Seitdem der erste Mehrzweckbau den arglosen Benutzern zum Ausüben vielfältiger Bestimmungen übergeben wurde, hat sich nichts geändert. Seit der mittleren Eisenzeit reichen sich die Atmosphäre einer Klärgrube, der Geruch von Fleischproduktion und die Akustik einer Schwimmhalle lustig die Hände, was nicht weiter auffällt, wenn man sich zwischen Eingang und Ausgang verläuft, weil jene in die Hügellandschaft gehauenen Buden meist das Fassungsvermögen einer spätgotischen Kathedrale besitzen, was sich an vergleichbaren Temperaturen während der Heizperiode bemessen lässt.

In der Gegenwart hat der aufgeklärte Mensch den Priesterkönig, der neben Regenzauber und Wahrsagerei meist die Menschenopfer zu betreuen hatte, durch den gemeinen Bekloppten im Bauamt ersetzt. Das macht die Sache nicht besser, sofern der architektonisch arbeitende Behämmerte nur eine Tür weiter sitzt und weisungsgebunden den Beton in Brechreiz erregende Gestaltungen quält. Derart abhängig von Bauplan, Bezahlung und öffentlichem Druck greift die Grundrisshebamme ein ums andere Mal beherzt ins Klo, um sicherzugehen, dass die Steuergelder auch restlos darin verschwinden.

Bereits die frühe Planungsphase sieht eine Vollauslastung mit symphonischem Konzertbetrieb vor; dessen ungeachtet sind die Architekten auf der Klosetthäuschenstufe stehen geblieben und passen die Garderobengröße dem Rauminhalt eines WCs an, so dass hauptberuflich spielende Orchester Mehrzweckhallen auf dem Tourplan automatisch mit Totenkopfaufklebern markieren oder gleich von der Reiseroute eliminieren. Einen handelsüblichen Konzertflügel auf die Bühne zu verlasten scheitert daran, dass die Zugänge aus Holzfaserplatte in den Maßen zwei zu eins bestehen: zwei Meter hoch, ein Meter breit, Anschlag innen, damit man die Klinke dem Tuttigeiger in der letzten Reihe ergonomischer in den Hinterkopf rammen kann. Vermutlich war der Vollidiot, der der Bauaufsicht vorgesessen hatte, davon ausgegangen, dass der Saalbau mit derselben abnehmbaren Dachkonstruktion ausgerüstet sein würde wie das Balsa-Modell im Maßstab 1:150.

Doch auch der Bekloppte, der freiwillig seinen Fuß in die Arena setzt, kriegt sein Fett weg. Das einzige im Spannbeton verbaute Büfett ist an der Schmalseite – das zweite Drittel der zahlenden Gäste erhält zum Pausenende seichwarmen Schaumwein, die restlichen Alkoholiker müssen sich mit dem Orchesterpersonal solidarisieren, das meistens nicht einmal Kühlschränke zur rapiden Pegelangleichung vorfindet.

Nach zwei Jahren hat sich das erledigt. Die Kommune kürzt die Subventionen auf Null, weil sie festgestellt hat, dass die für den Kosten deckenden Betrieb erforderlichen elf Millionen Besucher pro Monat nicht mit legalen Mitteln zu schaffen sind. Ab dann werden drittklassige Liedermacher, Fußpflegerkongresse und Mannschaftssportturniere für die Einnahmen herangezogen, so dass noch Tage nach der Meisterschaft im Klötenrutschen das Parkett während Beethovens Tripelkonzert nach Altherrenausdünstung stinkt. Rockbands wären gerne gesehene Gäste, doch ist die Ausstattung mit Steckdosen in jeder Reihenhausgarage sinnvoller, von der Dachkonstruktion angesehen, die bereits bei einer Taschenlampe der Schwerkraft nachgeben und den fachgerechten Anbau kompletter Traversen zum Machtkampf mit der Versicherungsgesellschaft werden lassen. Kammermusik fällt weg, da die formschönen Schallsegel aus handgekauter Alufolie nicht höhenverstellbar sind. Startenöre stehen fortan dicht an der Rampe und kreischen wie krebsrote Vollversager auf dem NPD-Parteitag, um in der ersten Reihe gehört zu werden.

Und so wird früher oder später die Schutthalde ihrer eigentlichen Bestimmung übereignet und dient als Austragungsort obskurer Massenbespaßungen mit Thomas Gottschalk, bei denen im Schweißgeruch nicht weiter auffällt, wenn sich bei Johannes Heesters vor Ekel die Leichenstarre zu lösen beginnt.