R.M.R. (Remix)

17 11 2019

Voller Apfel, Birne und Banane,
tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen,
wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen.
Tod und Leben in den Mund… Ich ahne…

Blumenmuskel, der der Anemone,
wenn sie den Morgen erproben, allein,
später, fällt nur ein Widerschein
bis in ihren Schoß, das Polyphone.

Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft,
plötzlich liegt er wie Ruhm in der Luft.
Tänzerin: o du Verlegung,

der unerschöpflich Eines, Reines, spricht, –
du, vor des Wassers fließendem Gesicht,
und der Wirbel am Schluss, dieser Baum aus Bewegung.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXII): Die Busfahrerfrisur

12 07 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jeder, und das heißt ja tatsächlich: jeder, in der Historie verzeichnete Charakter hatte sein typisches Gepräge, seine physiognomischen Wahrzeichen, an denen er eindeutig identifiziert werden konnte. Kleopatra sagte man einen Riechkolben von Anmut nach, auf den auch der gemeine Zyklop hin und wieder ein Auge warf. Kaiser Friedrich war als Kind in einen Topf voll gequirlter Tomate gefallen, mutmaßlich auf seinem ersten Trip in die Toskana, und hatte nicht genug Nudeln im Gepäck – der Kinnbewuchs sollte dementsprechend ausfallen. Das auf der Märchenmodelschule als dreifache Begabung aufgefallene Schneewittchen entpuppte sich später als regelmäßige Konsumentin von Puder, Lippenstift und Schaumtönung Nr. 23 mit Konzertflügelglanz – nicht Natur, aber verdammt stilsicher kombiniert. Was aber ist ihr Gegenteil, die perfekte Symbiose von Mensch und Material und dabei so gegen jeden Ansatz von Vernunft? Es gibt nur eins, was zugleich ehrfürchtiges Schweigen und sickernden Angstschweiß hervorruft. Es ist die Busfahrerfrisur.

Seit der Erfindung motorisierter Mehrsitzer, mit denen der deutsche Rentner im Schunkelzwang durch Sauerland und Schwäbische Schweiz gurken kann, werden diese Karossen durch einen Typ Mensch, nein: Mann gelenkt, der Gerüchten zufolge bereits als Embryo mit fusseligem Oberlippenbart im Fruchtwasser schaukelt wie ein Kegelverein im Anstieg der Kasseler Berge, angstfrei, da von der tiefen Sinnlosigkeit des Seins geborgen, und ohne jeden Anflug von Geschmack. Wenn die in Beige eingewickelte Trevirakarawane auf den Parkplatz vor der Autobahnraststätte kippt, ein letztes Zischen der Bremszylinderentlüftung noch im Innenohr, kurz bevor zwei weinrote Stiefeletten über einer mit leichtem Schlag ausgestatteten Stretchhose auf die Treppe gegenüber dem Fahrerbock steigen, ragt ein kotflügelgleicher Wulst in Kopfhöhe aus der Karre und kündigt das an, was die ersten Augenblicke der Kontaktnahme mit diesem fremden Stückchen Erde bestimmen wird. Es ist jene Haartracht, die in Ausführung und Symbolgehalt nur den Buslenkern zusteht und von diesen also weitergegeben wird, von Mund zu Ohr, von Generation zu Generation. Sie heißen Manfred oder Horst, und man glaubt es ihnen sofort, schon aus Furcht, das Gegenteil beweisen zu müssen.

Zur Anfertigung dieses Haardesigns wird der Schopf in einer Art Scherbewegung simultan nur nach oben und nur nach hinten geschoben – Kämmen ist nicht der korrekte Ausdruck für diese Art von Materialkaltverformung, die mit einer quasi homogenen Masse an Mähne eine an den Seiten trumpeske Ohrüberrollbügelwoge gestaltet, auf die eine Frontaltolle so aufgebracht wird, dass man nicht sagen kann, welches Bauteil von welchem in der bebensicheren Schwebe gehalten wird. Die Konstruktion dieses Haarschwalls verhöhnt jede Physik, keiner weiß, was Welle ist und was Teilchen. Man sagt, Monsieur Pompadour habe diesen Look erstmals aus den Überresten mehrerer Pferdeschwänze erfunden und sich zur ästhetisch korrekten Stirnbeule drei Pfund Kuchen auf die Kalotte gedübelt – noch Marie Antoinette soll den Stylingtipp an modisch desinteressierte Untertanen herausgegeben und dabei gründlich missverstanden worden sein.

Was die Aerodynamik dieses Keratinkeils betrifft, so würde eine sich jäh aus der Dichtung lösende Frontscheibe, die en bloc ins Innere des Truppentransporters zoscht, durch die in Planckzeit einsetzende Beschleunigung im Fahrzeugvorderteil ein ruckartiges Durchstoßen des vierdimensionalen Kontinuums bewirken. Viele wurden am 21. Oktober 2015 kurz gesehen, dann nie wieder. Es gibt Mutmaßungen, dass niedermolekular mit dem Kopfputz verschwiemelte Substanzen eine Viskosität jenseits von Kruppstahl erzeugen und die Spannkraft dieses Verbundwerkstoffs sich in der Nähe von Industriediamanten befindet. Aber das ist nicht Sinn und Zweck dieser Haarmode. Sie ist der aus dem Inneren gewachsene Integralhelm des immer leicht grundgenervten Fuhrmanns, die unkaputtbare Tarnkappe des ewig ganz links mit sechzig streckenstehenden Mobilhindernisses, die Emanation von Bewegtbeton. Eine ganze Welt prallt daran ab, kein Kantholz, kein Knüppel, keine Spaltaxt kann diesem Tothornpanzer je etwas anhaben. Mit fünfzig Knalldeppen in blendender Abendsonne über die A1 und dann schmackig Countrygewimmer aus der Bordbeschallung, damit man nicht beim Wegpennen von der Leitplanke filetiert wird – wer das sein Leben nennt, braucht weder eine Dauerwelle noch mit Bauschaum pfiffig nach oben gepopelte Strähnchen. Dieser tief in den Nacken wuchernde Wuchs hat der Welt dank formstabilisierender Sprühlackprodukte gut die Hälfte des Ozonlochs eingebrockt, die man mit Reisebussen allein nie hingekriegt hätte. Noch lebt der Glasfiberelvis und schwenkt Schmalzlocken in die wehrlose Umgebung, aber schon naht sich der servicebewusste Kutscher. Er trägt die Schläfen manierlich kurz, die Ohren frei, den Nacken sauber ausrasiert. Wahrscheinlich darf man demnächst während der Fahrt auch mit ihm sprechen. Es ist zum Weinen. Noch bleibt uns als Stilikone Darth Vader. Aber ist das ein Trost?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXL): Das Freibad

9 05 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Hygiene, selten als Selbstzweck praktiziert im Reich der mehrbeinigen Organismen, führt zu mancherlei putzigen Verhaltensweisen. Schweine suhlen sich im Matsch, Elefanten schniefen ihr Wannenbad, Hunde lecken sich an Stellen, an denen andere sich nicht einmal kratzen können. Seit der Hominide, die Art mit dem therapieresistenten Dachschaden, die sich für allein vernünftig hält, die Mitbewohner aus der Körperbehaarung entfernte, statt auf ihr Ableben zu warten, gewann die Sache einen leichten Drall. Wir hüpften nicht mehr ins Wasser, um uns den Pelz zu spülen, sondern taten die Sache aus Gründen der körperlichen Ertüchtigung. Die Ästhetik stand plötzlich im Vordergrund, jener materialisierte Wunsch, mit den Anzeichen der Vergänglichkeit auch diese Vergänglichkeit selbst loszuwerden. Es zieht den Jetztzeitler ins Freibad.

Weil Hallenbad nämlich jeder kann, erst recht der Städter, der einmal pro Woche mit der Straßenbahn zum Glasbetonbau fährt, sich Socken und Unterhemd auszieht, unter die Fußdusche humpelt und mit einer Kautschukkalotte in die Chlorsuppe hüpft, um dumpf seine Bahnen zu ziehen. Kein Ruf zurück zur Natur, nicht das Unbewusste zieht ihn hinan und ins Feuchte, er ist eingezwängt in die Schranken des Sports: schnurgerade die Kachelreihen, dräuend der Sprungturm, der mit seinem zehn Meter hohen Mahnmal die Leistungsfähigkeit der Verdübelten zelebriert – wer hier herunterhüpft, findet auch jeden Grund akzeptabel, in den Krieg zu ziehen.

Das Freibad aber, ausgestattet mit Liegewiese und Kiosk, Sonnenschirm und Uferbefestigung, es gemahnt noch an die gute Zeit, in der sich der Beknackte in Ermangelung geistiger Beschäftigung ins Begleitgrün legen musste. Vielleicht kam bei Gelegenheit ein Reptil von lokaler Berühmtheit vorbeigeschwiemelt (die Leguane füllen in den ereignisarmen Sommermonaten meist die Badeseen der einwohnerreduzierten Regionen), vielleicht rülpste eine Naturgottheit unterirdische Faulgase aus dem Schlamm herauf und sorgte für den Kern einer oft variierten Sage. Im Kevin-Schmödder-Spaßbad von Knupfringen an der Wumpe mit der rhythmisch wabbernden Welle, die Kinder von acht bis achtzig ins nasse Grab zu befördern geeignet ist, muss man freilich auf diese Anregungen verzichten.

Damen, Kinder und Herren bevölkern das Etablissement, und noch ist nicht geklärt, wer die maßgebliche Plage ist. Was die Badegästinnen angeht, so ist spontane Erblindung gar nicht das schlimmste Los; wie bemitleidenswert sind jene Großkatzen, dass man sie von innen aus ihrem Fell herauskratzt und die Reste mit Endvierzigerinnen ausstopft, die ohne einen Ganzkörperschuhlöffel nie in diese Pelle gelangen könnten, es sei denn, sie würden hineingeboren. Massive Dellen in der Oberflächenstruktur rufen Gravitationsanomalien im äußeren Teil des galaktischen Spiralarms hervor, noch viele Lichtjahre entfernt krampft sich der Ereignishorizont ruckartig zusammen, sobald sich die Damenriege nach dem Verzehr von je zwei Stück Buttercreme mit Erdbeeren zu Wasser lässt – Veteraninnen der Colossus-Klasse, dekoriert mit der eisernen Badehaube in Schwarz-Weiß-Rot samt Blümchen – und einen Seegang verursacht, dass selbst die RMS Titanic knirschend auf die Schwemmfläche gehebelt würde. Der Rest liegt auf der Wiese und züchtet seinen Hautkrebs zwischen den Tätowierungen.

Kinder sind bauartbedingt laut. Das ließe sich nur durch rückwirkende Evolutionshemmer ändern.

Was das weibliche Publikum durch Übertreibung zu kompensieren sucht, stößt bei den männlichen Besuchern auf pathologische Realitätsverleugnung. Zwar nimmt die Qualität edelchirurgischer Eingriffe an der Schädelpartie konstant zu, doch manche der Schnittmusterbögen sehen noch immer aus, als hätte Berlusconi mit der Kettensäge und einer Flasche Grappa versucht, die Probeaufnahmen für einen neuen Jackass-Film zu überleben. Man vermisst die Reißverschlüsse, unter denen wir längst Fettabsaugventile vermuteten, Ösen fürs jährliche Festzurren der Fresse, Haken mit Klettverschluss fürs Brusthaarimplantat aus der Eigenkimme, all das Zeug, das Kassenpatienten nie erdulden dürfen. Auch hier rutscht das Gewebe, doch es folgt dem Trend gleichmäßig und von papierleichter Konsistenz, der Überhang der Kniescheiben gleitet mit dem Rest der Beinfleischverkleidung harmonisch auf die Knöchel hinab, weil kein gepumptes Pölsterchen die Sache von innen gegen die Epidermis quetscht. Gleiches mit Gleichem, darum quillt auch das Abdomen elegant über den Äquator der Badehose, die beißend in den Wanst schneidet. Ein fliehendes Toupet über schütterem Rückenflaum, notfalls eine Singlesträhne, die bis in Hüfthöhe angeklatscht den Querkämmer outet, mehr ist nicht vom starken Geschlecht zu erwarten. Alle anderen, die es noch ohne fremde Hilfe aufs Einmeterbrett schaffen, sind in der Schwimmhalle. Wo sie auch nicht mit der Vergänglichkeit konfrontiert werden. Und über die Hygiene reden wir dann ein anderes Mal.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXIX): Postmoderne Produktästhetik

29 03 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manchmal sehen wir auf alten Bildern, wie sie dort lebten, die alten Menschen. Sie toasteten in alten Toastern, die wie Toaster aussahen. Ihre Telefone erkannte man sofort als Telefone, die Staubsauger sahen aus, wie Staubsauger aussehen. Sie waren nicht unbedingt unglücklich, diese Alten, obzwar ihre Semantik simpel blieb und seltsam funktional. Doch wer würde es ihnen verdenken, die Verwechslungsgefahr zwischen Spucknapf und Neutronenbombe lag bei knapp unter ε, sie hatten nie Angst, versehentlich einen Toaster anzuschalten und plötzlich Marschmusik aus der drahtlosen Waschmaschine zu hören, die dort stand, wo man normalerweise das Schlafzimmer vermutet hätte. Sie lebten beschwerdefrei, denn ihrer war das Reich der Vernunft. Keiner von ihnen hatte zu leiden wie wir unter der postmodernen Produktästhetik.

Ein paar durchgeknallte Hurratüten, die den Fehlleistungen der Damenschuhmode nur noch ein komatöses Lächeln zollen können, zelebrieren ihr Kopfaua an schlagfestem Kunststoff. Ein schräger Klops, hinten unten mit abgerundeten Ecken, einem Ex-Luftballon nicht unähnlich in der Ausstrahlung, entpuppt sich jählings als Reisewecker; elf von neun Probanden, die damit auf der Straße belästigt wurden, entdeckten darin wahlweise eine fossile Schneckenart oder den präkolumbianischen Gott der Magenkrankheiten. Die aufstrebende Keilform gibt den Blick auf ein seitenverkehrt im Innern gelagertes Zifferblatt frei, wo ein einziger Zeiger rotiert. Das Ding weckt zwar nicht, kostet aber dafür so viel wie ein italienischer Sportwagen. Wer einen Wecker will, der weckt, so der intellektuelle Aufstocker aus dem Zentralrat der Geschmacksgestörten, soll irgendeinen Murks für unter tausend Euro kaufen.

Frühere Epochen haben sich meist mit der Wirklichkeit darauf geeinigt, dass sich das Design am Menschen orientiert; der Haartrockner war meist so konstruiert, dass der Verwender ohne ein abgeschlossenes Philosophiestudium Vorderseite und Handgriff des Objekts erkennen und es intuitiv verwenden konnte, ohne sich die Flossen mehr als nötig zu verkokeln. Dann aber klumpte es im Weltgeist, aus der Koagulation wuchs Quadratquark und aus dem Quadratquark der Blödsinn einer Zitronenpresse, die keine Zitronen presst, sondern deren Saft großzügig in die Gegend schmaddert – eine vergoldete Krüppelqualle, deren einzige soziale Semantik darin besteht, lauthals in die Fauna zu blöken, dass der Besitzer ein profilneurotischer Popelpriester ist.

So ist die äußere Gestaltung der Dinge nicht nur, aber auch und dabei in allererster Linie eine Beleidigung des Auges, der Organs mithin, das neben poetischer Klarheit auch die Möglichkeit zur Orientierung in dieser komplexen Umwelt schätzt. Die Sachen sind demnach im Mummenschanz gefangene Ideale, die aufs Höhlengleichnis pfeifen. Kameras, die wie Diktiergeräte aussehen, die wie Taschenrechner anmuten, sind in Wahrheit als Fernbedienung verkleidete Rasierer. Ein Paar zusammengeklebter Pappdeckel spielt Computer, doch der exorbitante Preis rechtfertigt die Chose: es ist so hässlich, dass jeder einen haben will. Wenn es wirklich widerlich ist, ist es Kult.

Schlagend zeigt sich das Phänomen an dem rollenden Missstand, der als zeitgenössische Autos die Gegend verschandelt. Jegliche Verwirrung der Urteilskraft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um untaugliche Versuche handelt, als hätte ein übermüdeter Primat einen Klumpen Plaste im Heißluftkanal verkleckert. Das verschwiemelte Zeug, das bei der Operation entsteht, ist nicht mehr als das rostige Schnarchen im Schlaf der Vernunft. Der Anblick einer Rotte Kleinwagen auf dem Parkplatz macht einem jählings klar, wie abstoßend dieser beschissene Planet auf Außerirdische wohl wirken mag.

Manchmal, wenn der denkende Hominide des Charmes einer Raststättentoilette im Gegensatz zur strukturierenden Funktion der postmodernen Materialklöße inne wird, besinnt er sich auf seine geistigen Wurzeln, die dem Gebrauchsgegenstand die Fähigkeit zum Gebrauch zubilligt, und heckt eine Retrowelle aus. Autos sehen dann aus wie Autos, Telefone wie Telefone, die Bauform des Toasters kommt ohne jegliche ironische Distanz aus und erfüllt ihren informativen Zweck, der Welt unmissverständlich zu kommunizieren: ich bin keine Pfeife. Dennoch schwingt ein leiser Zweifel mit, welchen Stellenwert die symbolische Form in diesem Produkt einnimmt. Der dialektische Knoten ist nicht lösbar, ob der Gegenstand, den wir teurer bezahlen als den industriellen Sondermüll, uns nun privilegiert oder stigmatisiert. Es mag durchaus eine Verschwörung geben, man weiß nur nicht genau, wer sich gerade gegen wen verschworen hat.

Wohl dem, der in Besitz eines Toasters ist, wie ihn die Alten entworfen, gebaut und benutzt haben. Mit gehässiger Langlebigkeit lehren sie die heutige Generation, einen ephemeren Scherz vom Wert der Dinge zu unterscheiden. Sie werden noch das Brot bräunen, wenn die Lückenfüller der Jetztzeit bereits recycelt sind. Möglicherweise mehrfach.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVII): Postmoderne Inneneinrichtung

11 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Draußen, das ist da, wo die ganzen Spacken herumtapern, sich zielgerichtet vor einem an der Supermarktkasse aufbauen, durch derart garstige Kleidung auffallen, dass es ihres Körpergeruchs eigentlich gar nicht bedürfte, um in unangenehmer Erinnerung zu bleiben, oder aber sich von hinten nahen, um einem voll in die Hacken reinzumöllern und dann auch noch pampig zu werden, als seien sie Gesichtsschmerzfetischisten auf Prügelentzug. Draußen, das ist da, wo alles, was nicht als existent nachgewiesen ist, aber immerhin denkbar wäre, einem ab einer gewissen Luftfeuchtigkeit, Uhrzeit oder Adrenalinmenge schon einmal prophylaktisch am Arsch lecken könnte, bevor es den Zustand des Seienden beglaubigt betreten hat. Das Gegenteil von Draußen ist Drinnen: der Rückzugsraum ins Eigentliche, wo Kollegen, Kanzlerette und Konsumjunkies nichts zu suchen haben und erst recht nichts zu melden. Es sei denn, man muss nach draußen, um anderer Leute Häuser zu ertragen.

Schon Søren Kierkegaard, der komplett ohne Designermöbelkatalog, Farbberatung und Feng-Shui-Seminar erkannte, dass das Bewusstsein, von Flachmaten mit Vollmeise umgeben zu sein, ein furchtbares Gefühl von Einsamkeit erzeugt, ließ keinen Zweifel daran, dass Innerlichkeit zugleich ein Symptom für die Endlichkeit ist – wo Wände im Weg stehen, kann man sich die Flucht schon mal in die Haare schmieren. Nichts ist mit Sportschau, Nachmittagskaffee oder einfach mal Fressehalten, wenn Ästhetikterroristen aus der Nachbarschaft einem den Fluchtweg mit Minimalismus in Buche geflammt versperren. Zu Gast bei Freunden lässt man die Fleischersatz gewordene Profilneurose ohne nennenswerten Widerstand über sich ergehen und sagt auch nichts, wenn der Schmadder vor lauter Scheußlichkeit detoniert und an den Tapeten des Universums klebt. Man bleibt äußerlich, und das ist gemäß Kierkegaard eh ohne Bedeutung.

Der Magen des postmodernen Menschen hält eine Menge aus; je nach Altersklasse hat er sich im Eltern- oder Großelternhaushalt vom Brunftschrei des schlechten Geschmacks in den furnierten Hallkorridoren der Adenauer-Ära die Trommelfelle eindrücken lassen, röhrendes Rotwild, neckische Nöcke und Leda mit dem sterbenden Schwan in Öl auf Pressspanplatte haben seinen Ekel trainiert, die blubbernden Farborgien des Flokati-Dezenniums und die aseptische Heimeligkeit des Wohnklo-mit-OP-Trakt-auf-Krankenschein durchzustehen, bevor das Behausungsbrauchtum endgültig die komplett geräumte Dachgeschossbude zum Status quo und den Horror vacui zum No-Go erklärte: wer die Hose so dick hat, dass seine Klöten eine eigene Postleitzahl brauchen, schreddert Schrankwand und Ledersofas und deklariert die dadurch entstehende Öde zum Nonplusultra, das bei Gelsenkirchener Barock und ähnlichen Verwirrungen hilft. Ob der Beknackte nun in Stammheim, Neukölln oder auf der Veddel vegetiert, Hipness definiert sich aus dem Verhältnis von Mobiliar zu Grundfläche. Weniger ist mehr, noch weniger ist leer.

Man muss keine Geheimdienstausbildung genossen haben, um zu sehen, wie verbissen die Konsumopfer Margarine in die Luftlöcher von Graubrotscheiben kratzen, damit sie sich zum Jahresende den Stahlrohrhocker eines bulgarischen In-Designers leisten können – alles, was kein Einzelstück ist, würde die sorgfältig arrangierte Asymmetrie des Raums zerstören – neben dem eine billige Tàpies-Reproduktion im Heimwerkermarkt-Hinterglasrahmen die Peinlichkeit zu vertuschen sucht, die ein affektiert vor sich hin welkendes Anthurium ins Zimmer zaubert. So wohnlich ist es, dass keiner weiß, wo man die Champagnerflöte parken könnte – aber bestimmt saugen sich die Schöngeisterbahnfiguren die Snob-Brause aus der Pulle rein oder bieten gleich eine Nase Neuschnee an, falls sich Besuch in die Gegend verlaufen sollte.

Das verschwiemelte Wirrwarr auf abgehobelten Dielen demonstriert vordergründig, dass der Bonze von Besitzer eigentlich viel zu wichtig ist, um einer Bleibe überhaupt Beachtung zu schenken; möglich, dass er den kranken Gedanken nährt, wer so wenig Tisch und Stuhl besäße, könnte sich dafür auch mehrere Wohnungen leisten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Bekloppte im Wahn lustloser Tristesse inszeniert ein Eindruck-to-go um sich herum, damit auch ja keine Sau merkt, wie in der aufgebrezelten Kulisse ein sozialamputierter Jammerlappen vor sich hin leidet, weil ihn das Vorrücken der Scham an die tragenden Wände drückt, die er mit Regalen und Beistelltischchen zu verstellen vergessen hat. Da hockt er, winselt mit dem Stylisten um die Wette und hat nicht einmal eine Schublade, um den Neun-Millimeter-Schläfenlocher fürs Finale aufzuheben. Die Beziehung zur Außenwelt lässt selbst den Zahnbelag früher oder später absterben, und wer noch eine eigene Hütte hat, tritt rechtzeitig den Rückzug aus der Parkettsteppe an, bevor Trübsal in die eigenen Synapsen bläst. Lasst die Bescheuerten auf Kacheln kuscheln, wenn die Nacht hereinbricht. Das Mitgefühl setzt ein, sobald die gute, alte Reihenhausnormalität dafür wieder Platz lässt. Denn Drinnen ist das neue Draußen.





Abschließende Betrachtungen über das Wesen der Kunst

21 03 2009

Was ist Kunst? Die Frage stellt
man schon mal als Mann von Welt.
Manchmal muss man sich das gönnen.
Sprachlich kommt’s von Können. Kunst
ist viel mehr als blasser Dunst.
Doch was muss der Künstler können?

Malen Sie ein totes Reh,
hält man Sie schon für passé.
Keiner spricht mehr über Sie.
Wenn Sie mit den Farben kleckern,
hört man auf, Sie zu bemeckern
und hält Sie für ein Genie.

Wenn die Bilder umgedreht Sie
hängen, sagt man: Der versteht, wie
unsereiner Kunst betrachtet!
Drehen Sie die Bilder wieder,
schreibt die Presse Sie gleich nieder,
weil Normales sie verachtet.

Denken Sie sich neue Sachen
aus, die kein Mensch würde machen.
Hüpfen Sie auf einem Bein.
Und wenn das zu gar nichts führt,
Bleistift bricht und Kohle schmiert,
sagen Sie: Das soll so sein!

Geometrisch, dialektisch,
ob als Fettstück, ob als Ecktisch,
Kunst wird her- und ausgestellt.
Meistens ist der Krempel teuer,
taugt an Brennwert kaum fürs Feuer.
Kunst ist, was man dafür hält.