Wirrtuell

7 11 2011

„Und es ist selbstverständlich alles drin, man muss es nur finden. Aber Sie werden sich schnell daran gewöhnen.“ Minnichkeit drückte mir das klobige Ding unangenehm fest auf die Nase und tippte auf der Fernbedienung herum. „Gleich müssten Sie wieder etwas sehen. Momentchen noch – hab’s sofort – jeden Augenblick!“ Ich klappte die Brille hoch. „Das geht so wohl viel schneller.“

Warum musste ich mich auch ausgerechnet für eine von Minnichkeits Produktneuheiten hergeben. „Sie werden schon sehen“, versicherte er mir, „das wird super interessant, und außerdem ist es noch äääh… also es wird Sie sehr interessieren, ganz bestimmt!“ Schon hatte ich die Sehhilfe mit den surrenden Lautsprechern in den Bügeln wieder im Gesicht. Links waberte es ein bisschen, da flackerte auf der rechten Seite eine Art Testbild auf: ein blaues Menü. „Und was passiert jetzt?“ „Sie müssen das mit der Fernbedienung auswählen“, sagte Minnichkeit kleinlaut. „Den Datenhandschuh haben sie nämlich noch nicht geliefert, und die Augensteuerung funktioniert auch noch nicht.“ „Großartig“, knurrte ich, „zwei Winzglotzen auf den Augen, aber mit einem Knopfkasten durch die Gegend laufen. Das nenne ich mal technischen Fortschritt!“

Langsam tastete ich mich durch die Korridore der Agentur Trends & Friends. Die Sicht der Brille war denkbar miserabel. Plötzlich stieß ich mit einer weichen Masse zusammen. „Also bitte“, murrte die Masse, „können Sie denn nicht aufpassen?“ Es war Maxim, der Reisefachmann. Ein Blick an der Brille vorbei – zugegebenermaßen nicht so ganz einfach, denn auch dazu musste ich an den Scheuklappen vorbeischielen – und ich hatte ihn erkannt, das heißt: ich hatte ihn fast erkannt. Sein Gesicht war durch einen breiten Balken verdeckt. „Was hat denn das wieder zu bedeuten?“ Minnichkeit schlug in der Bedienungsanleitung der Brille nach. „Das ist die Anpassung an die virtuelle Realität“, erläuterte er, „die Brille erkennt nicht, wer nicht eingespeist ist.“ Ich runzelte die Stirn. „Und ich dachte, das sei diese erweiterte Realität? Muss die Brille dann nicht mehr wissen als ich?“ „Doch, schon – aber sie kann ja nur wissen, was man ihr erst beibringt, oder?“

Eine knappe halbe Stunde später – Maxim hatte vom Schreibtisch aus eine Freundschaftsanfrage an meine Augenprothese geschickt, die ich mit einer Mail an seinen neu angelegten Brillen-Software-Account beantworten musste – begannen die Bügel unvermittelt an zu brummen. „Das ist Maxim“, schnarzte eine Computerstimme direkt in meinen Schädel hinein, „er will Dein Freund sein.“ Jeder Widerstand war zwecklos. „Und jetzt müssen Sie hier nur noch drücken, dass Ihnen das gefällt. Dann können Sie Maxim sofort erkennen. Nehme ich wenigstens an.“ Gereizt schielte in über die Brille hinweg zu Minnichkeit. „Was heißt, Sie nehmen es an?“ „Maxim könnte natürlich rein theoretisch noch nicht in der Gesichtserkennung erfasst worden sein, dann müssten Sie ihn nochmals mit einer Anfrage – also das Profil, und dann diese SMS zu der Mail – Sie verstehen das doch, oder?“

Zwischendurch kippte ich mir wegen der erbärmlichen Optik des Apparats einen ganzen Becher Kaffee auf die Schuhe; Maxim war wieder in seinem Büro verschwunden, nicht ohne den Ratschlag, die Blickmaschine auch im Freien zu probieren. „Aber nur kurz“, warnte Minnichkeit.

Bis ich mich an den Knopf herangetastet hatte, war der Aufzug bereits verschwunden. „Wollen Sie nicht vielleicht ein paar Erledigungen machen“, fragte mein Begleiter, „ich habe Ihnen eine To-do-Liste einprogrammiert.“ „Damit Sie nicht selbst einkaufen müssen“, brummelte ich zurück. „Achtung“, schrillte der Signalgeber in mein Ohr. Mandy Schwidarski betrat die Agentur. Zumindest dem penetranten Parfüm nach war sie es, denn sehen konnte ich sie nicht. „Warum sehe ich nur Pixel“, fragte ich sie irritiert. „Haben Sie sich auch nicht einspeisen lassen?“ „Ich bin aus Versehen in diesen VIP-Modus hineingeraten“, antwortete sie. „Aber der Hersteller sagt, wenn mindestens 500 Personen das mit ‚Gefällt mir nicht‘ quittieren, werde ich herausgeworfen.“ Ich rutsche an ihr vorbei Richtung Treppengeländer. Plötzlich lief ich in etwas hinein. „Haben Sie mich denn nicht bemerkt“, schimpfte das Etwas; es stellte sich als Praktikant heraus. „Ich will hier einfach nur meine Papiere abholen und werde über den Haufen gerannt!“ „Das ist nämlich das Problem“, stotterte Minnichkeit. „Er ist schon nicht mehr im System.“ „Das darf doch nicht wahr sein“, antwortete ich verärgert und schlängelte mich an einer Batterie Schlingpflanzen vorbei. „Gehen Sie einfach in der Mitte“, sagte Mandy müde. „Sie werden es ja doch merken. Die Grünpflanzen sind nicht echt.“ „Wir haben sie abgeschafft“, bestätigte Minnichkeit, „und durch virtuelle ersetzt.“ Ich seufzte erleichtert auf. „Wenigstens etwas, die werden nicht welken.“ Minnichkeit betrachtete angestrengt den Boden. „Naja, Sie müssen die natürlich auch jeden Tag virtuell gießen. Ich weiß bloß nicht, wo die virtuelle Gießkanne abgeblieben ist.“

Da gab das Ding den Geist auf. Koordinaten flimmerten über die Brillengläser; offensichtlich befand ich mich mit dem kompletten Treppenhaus gerade im Landeanflug auf einen chinesischen Flughafen. Dann stand das Bild kopf. Schließlich nahm ich die Brille ab. „Großartig“, befand ich. „Was denn?“ Minnichkeit sah mich verständnislos an. „Wir stehen vor einem Durchbruch. Ich sehe in 3D. Und das ohne Hilfsmittel.“





Nicht wirklich

15 04 2010

„Und wie wähle ich die Optionen aus?“ Es irritierte doch sehr, dass das Menü direkt in die Datenbrille projiziert wurde; beständig hatte ich den Drang, mir selbst ins Auge zu pieken. „Das gibt sich schnell“, beruhigte mich Mašek. „Sie haben sich rasch an die Pupillensteuerung gewöhnt. Dann funktioniert es wie von selbst.“ Er reichte mir das klobige Gestell. Das also war sie, die erweiterte Wirklichkeit.

Die Kaiserallee war wie immer zur Mittagszeit recht belebt. Kleine Schilder teilten mir mit, dass es sich bei dem Geschäft mit dem Schriftzug Günzheimers Damenmoden im Fenster um eine Handlung für Damenmoden handelte, und kaum hatte ich den Kopf zu einer Ansammlung von Marktständen auf dem Alten Stadtmarkt gedreht, informierte der winzige Monitor an der Innenseite der Brille mich darüber, dass ich mich auf einem Marktplatz befände. Ich blinzelte nach rechts oben, um das Kreuzchen zu erwischen. Tatsächlich verschwanden die störenden Plaketten aus dem Stadtbild. Mašek hatte mir mitgeteilt, dass mein computerisierter Cortex zunächst alle Features aktiviert hatte, die man im täglichen Leben würde gebrauchen können. Er hatte mir nur nicht gesagt, wie man diesen Apparat abstellen könne – oder wenigstens den größten Unfug ausblenden.

Rechter Hand lag, was mich kaum erstaunte, die Pfarrkirche St. Peter. Ich nahm das Gebäude nur mit dem linken Auge wahr, rechts klappte eine Tafel auf. „Die neugotische Kreuzigungsgruppe wurde im Jahr 1958 von dem westfälischen Holzbildhauer Alois Brömseklötter restauriert“, teilte mir das System mit. „Die historische Orgel umfasst 37 Register.“ Um ein Haar hätte ich einen Passanten angerempelt, der aus der Seitenstraße kam. Wobei es natürlich zu fragen galt, ob ich ihn nun echt über den Haufen gerannt hätte oder aber rein virtuell.

Plötzlich fiepte es leise im linken Brillenbügel. „Sehen Sie die Plakatwand da drüben“, quäkte Mašek in mein Ohr, „mit der Wahlwerbung?“ Ich wandte den Kopf. Zwei Politikerköpfe lächelten schmierig vor sich hin. „Jetzt passen Sie auf!“ Im nächsten Augenblick rekelte sich eine Dame im Abendkleid auf dem rechten Aushang, während das linke Bild einen grinsenden Hund zeigte. Mašek lachte. „Guter Hack, oder? Wir tauschen einfach die Werbung aus, damit man sich diese Visagen nicht mehr anzutun braucht. Oder schauen Sie mal hier!“ Sofort darauf waren Sekt- und Hundefutterreklame verschwunden; an ihrer Stelle zeigte die Wand Jacopo de’ Barbaris Stillleben mit Rebhuhn und Eisenhandschuhen. Immerhin hatte er mir ein Trompe-l’œil in diese erweiterte Unwirklichkeit geklebt, das machte es auch nicht überzeugender, aber wenigstens ein bisschen stilvoll.

Eine junge Frau stand vor dem Zeitungskiosk. „Jacqueline Peyrefitte, 26, Fotografin“, belehrte mich die Brille. „Puis-je vous aider, Madame?“ Sie blickte mich völlig verständnislos an. „Est-ce que vous cherchez…“ Jetzt runzelte sie die Stirn. „Entschuldigen Sie mal, kennen wir uns? Warum reden Sie nicht Deutsch mit mir?“ Ich starrte hektisch in die Brille hinein – keine Antwort. „Bedaure“, wand ich mich, „ich hatte den Eindruck, als seien wir uns vielleicht irgendwo in Frankreich schon einmal begegnet.“ Bevor sie noch antworten konnte, meldete sich die Brille wieder. Jacqueline stammte aus Koblenz, was sie nicht hinderte, dem Justin-Bieber-Fanclub anzugehören. Oder sich ganz fürchterlich aufzuregen. „Belästigt Sie dieser Mann etwa?“ Polizeiobermeister Alexander Saltzmann (76 Kilo, Bandscheibenschaden, Raucher) betonte sein durchaus reales Auftreten. „Nicht wirklich“, antwortete ich und plinkerte ein Untermenü mit seinen letzten Geolokalisierungen an. „Aber wo wir gerade schon mal so nett plaudern, können Sie mir verraten, ob sich der Besuch in Madame Tamaras Domina-Studio lohnt? Und warum Sie gestern und letzten Mittwoch hinterher an der Tankstelle noch einen Blumenstrauß gekauft haben?“ Der Polizist lief rot an. Offenbar hatte Mašek zu tief gehackt.

Ein bisschen gespenstisch war es schon, was dieses Internet der schmutzigen Dinge so von sich gab. Die Sachen hatten keine eigene Intelligenz – oder konnten sie verhältnismäßig gut verbergen – und quasselten ohne Punkt und Komma auf mich ein. Die Brille versorgte mich nun schon zum dritten Mal mit demselben Wetterbericht, rasselte die Sonderangebote des Kaufhauses herunter, sobald ich an einem der vier Eingänge vorbeikam, und ließ mich wissen, dass die Blondine im Straßencafé, die angestrengt an mir vorbeischielte, Single und insolvent war. „Mašek“, flehte ich, „schalten Sie das ab. Das hält doch kein Mensch aus!“ Keine Antwort. Allem Anschein nach hatte man vergessen, auch die Kommunikation in dieser Wirklichkeit zu erweitern.

Da lag St. Peter, diesmal zur Linken. Und schon schnurrte das Informationsprogramm herunter, jetzt in der audiovisuellen Variante. „Das mittelalterliche Chorgestühl zeigt die typisch rheinischen Volutenwangen sowie eine reiche Verzierung mit Pelikanen und der Geschichte des…“ Mir musste etwas ins Auge geflogen sein, denn mein Plieren löste etwas aus. „Les miséricordes se présentent sous la forme de…“ Ich kniff die Augen wieder zusammen. „… funkcja tego dzieła nie ograniczała do użytku przez…“ Nichts. „Hún er þar með langþyngsta kirkjuklukka heims.“ Da nahm ich die Brille ab. „Tut mir Leid, Mašek“, murmelte ich. „Mir war da etwas ins Auge gekommen.“ Und schmiss das Ding in den Papierkorb.