Existenzminimum

24 08 2020

„… ein bedingungsloses Grundeinkommen als neoliberale Idee ablehne. Scholz werde den Umbau des Sozialstaates unter keine Umständen als…“

„… unter der Leitung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ein Modellprojekt starte, das 120 Bürgern drei Jahre lang einen Betrag in Höhe von 1.200 Euro auszahlen werde. Eine von der SPD unterstützte Studie könne das langfristige Comeback der Partei bedeuten, auch wenn dazu einige bisher vertretenen Positionen vollständig …“

„… müsse es zunächst mehr Arbeitsplätze in Deutschland geben, damit der Mindestlohn angehoben werden könne. Nur so sei der Sozialstaat reformierbar, der durch niedrige Sozialleistungen durch Arbeit Bürgern eine echte Teilhabe am…“

„… würde bei einem garantierten Einkommen niemand mehr bei der Müllabfuhr arbeiten. Scholz werde demnach bei der kommenden Wahl für den Deutschen Bundestag mit dem Slogan Wir wollen keine Verhältnisse wie in Sizilien eine wesentliche…“

„… dass schon Pofalla, Althaus und Oettinger unabhängig voneinander das Grundeinkommen für finanzierbar erachtet hätten. Die SPD habe sich von diesen teils sozialistischen, teils linksradikalen Personen aus naheliegenden…“

„… müsse zunächst der Mindestlohn angehoben werden, damit es wieder mehr Arbeitsplätze gebe, weil nur dies den Bürgern bei gleichzeitig niedrigen Sozialleistungen Anreize gebe, sich um Jobs zu…“

„… eine Gruppierung innerhalb der Partei klargestellt habe, dass es der Wahlkampfleitung nur um die vollkommen überzeugten Wähler gehe, dass die kategorische Ablehnung älterer SPD-Kader auch auf freiwilliger…“

„… werde nach Überzeugung fortschrittlicher sozialdemokratischer Arbeitsmarktexperten die Digitalisierung viele bisherige Berufe überflüssig machen, was zur Folge habe, dass nicht mehr genug Steuerzahler zur Finanzierung eines…“

„… könne Scholz natürlich nicht wissen, ob sich die Arbeitgeber gemeinsam auf eine möglichst langfristige Lohnkonstanz einigen würden. Diese würde zwar den sozialdemokratischen Prinzipien entsprechen, könne aber nur mit fiskalischer…“

„… sei das BGE in der Corona-Krise auch als zeitlich befristete Hilfe für Selbstständige und Freiberufler diskutiert worden. Scholz müsse aber als Finanzminister dagegenhalten, dass der Staat sich in absehbarer Zeit nicht noch eine Pandemie leisten könne, um eine derartige Umverteilung von Einkünften zu den…“

„… möglicherweise nicht für den Konsum, sondern für die Altersvorsorge verwendet werde. Diese mögliche Zweckentfremdung widerspreche jedoch der Idee eines Grundeinkommens, wie es die SPD in ihrem…“

„… nicht von der FDP oder der CDU mitgetragen würde, was für Scholz eine Koalition nicht nur erschweren, sondern möglicherweise auch als fast unmöglich…“

„… sei ein Betrag von 1.200 Euro nicht einmal geeignet, um durch ungedeckte Leerverkäufe oder missbräuchliches Dividendenstripping den Fiskus so nachhaltig zu betrügen, dass man von den Einnahmen ein Existenzminimum im Sinne des…“

„… und als neoliberal bezeichnet habe, da ein Grundeinkommen die Fortführung der bisherigen Marktwirtschaft voraussetze. Die SPD fordere aber eine sozialistische Alternative, die Arbeiter so gut bezahle, dass diese sich eine Villa im Tessin und einen eigenen…“

„… zwar korrekt sei, dass der Markt auch das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage regle, doch habe die SPD sei 1998 den Anspruch, den Arbeitsmarkt durch die Politik regeln zu lassen, die ihrerseits auf Zuruf der Wirtschaft einen…“

„… befürchte, dass bis zu sieben Milliarden Menschen einwandern würden, da sie spätestens als Asylbewerber einen Anspruch auf das bedingungslose Grundeinkommen geltend machen könnten. Für derartige Menschenmassen sei der Verwaltungsapparat nicht ausgelegt, so dass es zu massiven Fehlern in der Auszahlung des…“

„… seien bisher sämtliche Feldversuche mit bedingungslosen Lohnersatzleistungen nach ihrem Ende wieder in den ursprünglichen Verhältnissen aufgegangen, so dass ein neuerlicher Versuch mit der Gesamtheit der anspruchsberechtigten Bürger von vornherein zum…“

„… rechne Scholz bei einem BGE mit einer steigenden Zahl von Unternehmensgründungen, von denen jedoch viele nicht überleben würden. Eine wachsende Zahl von Insolvenzen schädige die Reputation des Wirtschaftsstandortes Deutschland allerdings so nachhaltig, dass nur durch eine Senkung der Unternehmenssteuern, die dann wieder für geringere Einnahmen im…“

„… werde sich die SPD nicht vor der Wahl in ideologiekritische Grundsatzdiskussionen begeben, um den Horizont ihres Kanzlerkandidaten zu verringern. Im neoliberalen Sinne sei ‚neoliberal‘ mehr als neoliberal und müsse daher als …“

„… strebe der Kanzlerkandidat neben dem Abbau der Staatsverschuldung und erheblichen Steuersenkungen für das oberste Einkommensdezil nicht auch noch eine Verbesserung der allgemeinen Befindlichkeit der Bürger an. Dies könnten im Falle einer Koalition die CSU beziehungsweise die…“

„… lehne Scholz auch den Borkenkäfer, Handcreme, dunkelrote Kleinwagen, Sojafleisch, Blasmusik im Freien sowie den Grönlandstrom ab und werde diese innerhalb der ersten hundert Tage seiner Kanzlerschaft mit allen Mitteln…“





Konsumlust

14 08 2013

„Entschuldigung, das ist doch Unsinn!“ „Finden Sie? Dabei vertreten Sie doch sonst auch immer genau das, was die Regierung sagt?“ „Aber Ihre Schlussfolgerungen sind vollkommen falsch.“ „Und das sagen gerade Sie?“

„Ich bleibe dabei. Deutschland geht es so gut wie nie zuvor.“ „Woran machen Sie das fest? Etwa an der gesteigerten Konsumlust der Bundesbürger?“ „Sie brauchen das gar nicht mit so einem ironischen Unterton zu sagen.“ „Käme mir nie in den Sinn.“ „Wir haben genug Arbeit. Es müsste sie bloß mal einer machen wollen.“ „Das ist sicher der Grund, warum für die Beseitigung der Flutschäden Ein-Euro-Jobber herangezogen werden.“ „Natürlich, das ist ja auch Arbeit, die zusätzlich entsteht.“ „Ah, richtig. Weil sie ohne die Flut nicht anfallen würde. Verstehe.“ „Sollen wir denn zusehen, wie die von der Flut beschädigten Gebiete unbewohnbar werden?“ „Die waren vor der Verwüstung durch die Neubauten auch unbewohnt, und die Folgen sehen wir jetzt.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ „Und warum schaffen wir keine sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze?“ „Die Leute wollen ja gar nicht arbeiten.“ „Also bekommen sie für die Arbeit, die sie trotzdem leisten, zum Ausgleich auch keinen Lohn?“ „Das ist doch gar nicht miteinander zu vergleichen!“

„Und wenn es so viel Arbeit gibt, warum gibt es dann immer noch so viele Arbeitslose?“ „Weil die Arbeit niemand machen will.“ „Ich dachte immer, weil die Arbeit keiner bezahlen will.“ „Falsch. Wer in diesem Land Arbeit finden will, findet auch Arbeit.“ „Weshalb wir auch derart viele Bürger mit Nebenjobs haben.“ „Richtig.“ „Und Sie denken, das sei ein Zeichen von Konsumlust.“ „Vollkommen korrekt.“ „Die Menschen wollen sich wieder etwas gönnen und menschenwürdig leben.“ „So weit würde ich noch nicht gehen, aber…“ „Sie meinen, die Bürger arbeiten für den Konsum.“ „Warum denn nicht? Wir leben schließlich in einer kapitalismuskonformen Demokratie, da wird das doch wohl erlaubt sein.“ „Und sie können sich das von ihren regulären Gehältern nicht leisten?“ „Das gibt der Markt eben nicht her.“ „Und sie brauchen dazu Zweitjobs?“ „Warum beschweren Sie sich? Es gibt doch genug Arbeit, wie Sie sehen.“ Dann arbeiten diese Menschen ja freiwillig?“ „Warum denn nicht?“ „Sie haben doch eben bestritten, dass Menschen freiwillig arbeiten?“ „Aber diese Menschen arbeiten ja, weil sie konsumieren können.“ „Und wenn man arbeitslosen Menschen eine Arbeit verschafft und sie dafür anständig bezahlt?“ „Wozu das denn? Die sind doch imstande und geben das ganze Geld sofort wieder aus!“

„Das finde ich jetzt ja schon sehr mutig von Ihnen, sich so entschieden für ein bedingungsloses Grundeinkommen stark zu machen.“ „Wie bitte?“ „Sie haben doch eben gerade gesagt, dass Sie die Voraussetzungen dafür sehen.“ „Wer hat das wann gesagt?“ „Es findet doch jeder Arbeit, oder?“ „Wenn man will, ja.“ „Und wenn nun die einen den anderen die Arbeit wegnehmen?“ „Wer nimmt denn wem was weg?“ „Man könnte doch die Arbeit, die die einen zusätzlich machen, denen geben, die keine haben.“ „Aber die Leute wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Eben haben Sie noch das Gegenteil behauptet.“ „Weil die ja keine Arbeit haben, die bezahlt wird.“ „Es gibt doch genug Arbeit, die keiner macht, weil sie keiner bezahlt?“ „Man kann doch nicht alles bezahlen, so viel Geld haben wir doch nicht.“ „Sie erwarten aber, dass die Arbeit getan wird, wenn man sie bezahlt?“ „Natürlich.“ „Und weil die Leute so furchtbar gerne Geld haben, arbeiten sie auch noch zusätzlich?“ „Sicher, das würde doch jeder.“ „Also sind die einen zufrieden, weil sie mehr arbeiten können und etwas dafür bekommen, und die anderen sind unzufrieden, weil sie arbeiten müssen, aber nichts dafür bekommen?“ „Moment, das habe ich gar nicht…“ „Sie meinen, dass jeder gerne konsumiert und dafür freiwillig mehr arbeitet?“ „Weil die Leute eben arbeiten wollen – das war jetzt eine Fangfrage, oder?“ „Und Sie sind der Meinung, dass man auch Leute arbeiten lassen sollte, wenn es nicht bezahlt wird?“ „Aber die wollen doch gar nicht…“ „Dann arbeiten die einen freiwillig, aber die einen werden nicht dafür bezahlt.“ „Worauf wollen Sie jetzt hinaus?“ „Dass Arbeit und Geld nichts miteinander zu tun haben.“

„Also ich verstehe das immer noch nicht.“ „Wir haben eine Gruppe, die zu viel arbeitet, und eine, der die Arbeit fehlt.“ „Und was soll man dagegen machen? den einen die Arbeit wegnehmen und den anderen geben?“ „Warum nicht?“ „Das kann doch keiner bezahlen!“ „Das bezahlt doch schon jemand. Sie.“ „Ich?“ „Glauben Sie denn, der eine Euro für die Fluthelfer wird vom Papst gespendet?“ „Dann bezahle ich jetzt schon die, die gar nicht arbeiten?“ „Sie bezahlen sogar die, die arbeiten und davon gar nicht leben können.“ „Und was machen die alle mit dem Geld?“ „Konsumieren.“ „Ist das denn schlimm?“ „Wäre ich Sie, würde ich sagen: nein.“ „Und dann haben alle Arbeit?“ „Wen interessiert das? Die wollen doch alle gar nicht arbeiten.“ „Aber Sie haben doch gerade das Gegenteil… oh, Moment mal…“





Lob der Faulheit

9 11 2010

Knöllges schloss die Augen. Diskret hatte die Schwester die Teetassen wieder gefüllt und war zum Admiral gegangen. (Wir nannten ihn den Admiral, weil er einen blauen, uniformähnlichen Gehrock trug, über und über mit goldenen Knöpfen versehen, in dem er sich herrschaftlich vorkam und entsprechend bewundert werden wollte; wir taten ihm indes diesen Gefallen nicht.) Ich schlürfte von dem siedend heißen Gebräu. Im Kamin knisterte ein behagliches Feuer. Der Ausblick auf die sanft ansteigenden Hügel, bedeckt mit Rasen und Heide, beruhigte das Gemüt und machte angenehm schläfrig. Die Sonne sank. Alles war gut. „So lassen wir uns die Arbeit gefallen“, kicherte Knöllges, „nicht wahr, mein Lieber?“

Am anderen Ende des Ruhesaals lag eine Dame auf der Récamière. „Das Sanatorium ist für seine gute Luft bekannt“, schwärmte Knöllges. „Glauben Sie mir, Sie werden sich wie neu geboren fühlen.“ Ich teilte ihm mit, dass ich keine ganze Woche bliebe, sondern nur noch ein paar Stunden bis zum Abend. „Sie wollen wieder zurück? Wie schade!“ „Nun“, lächelte ich, „auch auf Sie wartet nächste Woche der Vorstand. Die kommende Saison will besprochen sein, und dann die Quartalszahlen, und es muss geklärt sein, wer der Nachfolger von Dr. Castellani wird.“ Er öffnete die Augen und seufzte. „Diese verfluchte Gartenzwergfabrik. Ich bekomme kaum noch Büroschlaf.“ Er nippte am Tee. „Wollten Sie sich nicht längst zurückgezogen haben?“ Knöllges nickte. „Ja, aber ich wollte vorher noch die ganze Firma umkrempeln. Und ich denke, es sollte gelingen. Ich werde die Arbeit abschaffen.“

Er hatte sich das Kissen in den Rücken gestopft und saß nun aufrecht, die Teetasse auf dem Schoß. „Sie wollen die Leute entlassen und nur noch am Aktienmarkt spekulieren, stimmt’s?“ Konsterniert blickte Knöllges mich an. „Wie kommen Sie denn darauf? Eine Welt ohne Gartenzwerge, das ist doch nicht vorstellbar!“ „Was wollen Sie denn machen? Den Angestellten Ihre Firma schenken?“ „Aber nein“, begehrte er auf. „Ich schaffe ganz einfach die Arbeit ab. Und dann werden wir noch besser.“

Die Schwester goss Tee nach. Knöllges saß nun ganz aufrecht. „Ich dachte es mir so: man sperrt die Leute acht Stunden am Tag ein, gibt ihnen ein festes Gehalt, damit sie nicht davonlaufen, und dann erwartet man von ihnen, dass sie erfinderisch und innovativ sind.“ „Sie meinen“, hakte ich ein, „man könne die Arbeit ganz abkoppeln von dem Geld, das man dafür bekommt? Ein bedingungsloses Grundeinkommen in Ihrem Unternehmen?“ Er schob sich lächelnd die Brille zurecht. „Sie haben mich verstanden. Ein Grundeinkommen ohne die ständige Sanktionsmöglichkeit, weil man die nachlässig oder fahrlässig formulierten Ziele des Unternehmens nicht erreicht hat oder sogar nicht erreichen konnte.“ „Sie haben ja ziemlich viel vor.“ Knöllges schmunzelte. „Sicher, aber die Steinzeit gibt mir Recht.“

Der Admiral hatte sich schwerfällig erhoben und bat die Aufwärterin um ein weiteres Kissen für den Korbstuhl. Ich rührte in meiner Tasse. „Sie müssen sich die anthropologischen Konstanten vor Augen halten“, begann Knöllges. „Wir sind uns ja alle letztlich ähnlich: wir wollen uns entwickeln. Jeder von uns hat Ehrgeiz – zumindest die meisten von uns.“ „Also diejenigen, die weiterhin arbeiten, wenn man ihnen das Gehalt auch ohne Arbeit zahlen würde?“ „Nicht ganz“, berichtigte er mich, „ich meine die, denen eine Loslösung dieser beiden Größen voneinander eine Verbesserung brächte. Es sind die, die ohne den Zwang zur Arbeit erst richtig kreativ werden. Stellen Sie sich das vor, neuer Schwung auf dem Gartenzwerg-Sektor!“ Begeistert klatschte er in die Hände. Die Dame auf der Récamière zuckte zusammen. „Und doch“, wandte ich ein, „sind Sie ein Gegenbeispiel. Seitdem ich Sie kenne, ziehen Sie sich alle sechs Wochen von der Welt zurück und kommen hierher.“ „Jawohl!“ Knöllges strahlte geradezu. „Ein Lob der Faulheit, denn nur in der Muße kann ich arbeiten – dann, wenn ich nicht arbeiten muss.“

Vorsichtig stellte ich die Tasse ab. „Ist denn der Mensch nicht faul in seiner ganzen Natur?“ „Sicher nicht“, gab Knöllges zurück. „Denken Sie an die Steinzeit. Unsere Vorfahren hatten es schwer, sie mussten mit Wind und Wetter fertig werden, mit der unsicheren Ernährungslage, mit den wilden Tieren. Um sich zu behaupten, mussten sie Pfeilspitzen und Messer erfinden, Nadel, Ahle und Säge, Mahlstein und Feuerzeug. Die technischen Errungenschaften haben ihn immer weiter gebracht, bis in die Gegenwart.“ „Sie mussten das Beste aus ihrem Leben machen. Hätten sie nicht die Nadel erfunden, sie wären alle erfroren, weil sie nur unzureichende Kleider gehabt hätten. Sie gehorchten der Not und nutzten den Verstand, der den Menschen vom Tier unterscheidet.“ „Der den Menschen vom Tier unterscheidet“, stimmte Knöllges zu, „richtig. Aber warum dann Muschelketten? Wozu haben sie aus Knochen Flöten gefertigt und aus hohlen Bäumen die ersten Schlaginstrumente? Warum haben sie die Höhlen geschmückt mit kunstvollen Malereien?“ Ich zuckte die Schultern. „Sie waren Menschen wie wir.“ Das, gab ich zu, hätte ich auch gar nicht bezweifelt. „Oh doch“, lachte Knöllges. „Sie sind wie ein konservativer Politiker, der sich selbst eine Menge Vorteile herausnimmt und den Armen eine kategorische Arbeitspflicht auferlegt, weil er es für brandgefährlich hält, wenn Menschen die Chance auf Faulheit haben.“ „Haben wir das denn? Müssen wir nicht alle unseren Beitrag in dieser Gesellschaft leisten?“ Knöllges lächelt noch immer. „Faulheit, das ist nichts anderes als Zeit, die nicht primär ökonomischen Mehrwert schafft. Ob Sie dabei in der Sonne liegen oder für Ihren gehbehinderten Nachbarn einkaufen, das spielt keine Rolle.“ Ich schwieg. Er hatte Recht.

„Es ist immer dasselbe“, seufzte die Schwester. „Jetzt wird er sich wieder eine Zigarre anzünden wollen, die er hereingeschmuggelt hat, obwohl er ganz genau weiß, dass er hier nicht rauchen darf. Dann gibt es eine Diskussion, wir holen Fräulein Ingelore, dann grummelt der Admiral ein bisschen, und dann ist er wieder lieb. Alle drei Stunden. Sie können die Uhr danach stellen.“ „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, gluckste Knöllges, „vor allem, was die schlechten betrifft. Aber wie gesagt, es ist nicht die Faulheit, die den Menschen auszeichnet. Wir müssen sie nur mehr pflegen.“ Ich legte ein Stück Kandis nach. „Nehmen wir einmal an, es wäre doch so, wie die Kritiker behaupteten. Nehmen wir einmal an, der Mensch wäre an sich faul und nicht…“ „Es ist doch interessant“, fiel er mir ins Wort, und seine Stimme hatte einen harten, fast metallischen Klang angenommen, „dass das immer nur von den Eliten so behauptet wird – sie werfen den anderen eine Tiernatur vor, während sie für sich selbst die Vernunft des Aufgeklärten in Anspruch nehmen. Daraus resultiert ja auch die Ontologie der Arbeit, die man als Strafe betrachtet, als Druckmittel. Nur sie selbst, sie stehen in einem anderen Diskurs, der ihnen erlaubt, Arbeit als eine befriedigende Tätigkeit zu sehen.“ „Gut, soll alles sein.“ So leicht wollte ich ihn nicht auslassen. „Was aber, wenn der Mensch in Wirklichkeit doch faul wäre? Wenn es nun Acedia, die Trägheit des katholischen Herzens nicht wäre, sondern die protestantische Tugendethik, die uns anleitet? Wenn Kant nicht Recht hätte, dass das Phlegma uns davon abhielte, eine ungewollte und schädliche Arbeit zu tun oder gar das Böse?“ Knöllges ließ sich wieder behaglich in sein Kissen zurücksinken. „Dann müsste dieser Grad der Zivilisation einer kleinen Schar von Mutanten geschuldet sein, die sich gegen eine große Mehrheit normaler Menschen mit faulen Genen durchgesetzt haben.“

Die Dame hatte sich Tee bestellt. Knöllges zog die Decke hoch und klemmte sie unter die Beine. „Schön, dass Sie den Sonntag hier verbringen. Von Zeit zu Zeit muss man das machen. Es entspricht ja auch eher dem jüdisch-christlichen Menschenbild.“





Der Preis des Geldes

21 10 2009

Die Masse auf dem Vorplatz kam nicht zur Ruhe. Spruchbänder flatterten im Nieselregenwind, die Arbeiter skandierten unaufhörlich vor sich hin. „Wir lassen uns nicht kaufen“, scholl es über das Gelände. Grobschmitt lächelte. „Sie sehen“, sagte er mit jovialem Unterton, „die Rechnung geht auf. Sie haben sich gründlich geirrt mit ihren sozialen Wunschvorstellungen, die Gewerkschaften und die Betriebsräte. Was Sie hier sehen, ist die Realität.“

Ich verließ den Balkon und trat wieder ins Sitzungszimmer. Der Anblick der demonstrierenden Werkskräfte hatte mich ratlos gemacht. „Und Sie glauben tatsächlich, dass das Geld die Wurzel allen Übels ist? Sie als Kapitalist?“ Er runzelte die Stirn. „Sie verkennen mich, mein Freund. Ich habe hier einen humanistischen Anspruch zu vertreten. Wir dürfen den Wert der Arbeit nicht mehr länger nur mit Geld bemessen. Ein völlig verkehrter Ansatz.“ Während ich mich in den Sessel sinken ließ, goss Grobschmitt alten Cognac in zwei Schwenker. „Sie sehen das bereits an der Natur des Menschen. Wenn man vor einem Kleinkind einen Bleistift auf den Boden wirft, hebt es ihn immer wieder auf – eine Verquickung aus Spiel und altruistischem Verhalten entsteht. Wenn Sie das Kind mit einem Klötzchen belohnen, hat es bald keine Lust mehr.“ „Sie verwechseln da etwas“, wandte ich ein, „das Kind spielt ja an sich schon gerne. Die Belohnung ist kontraproduktiv, weil sie keinen Mehrwert schafft.“ „Und wie erklären Sie es sich dann, dass sich die Leistungsbereitschaft nicht mit Mehrwert schaffen lässt?“ „Das müssen Sie mir erklären.“

Grobschmitt trank einen großen Schluck, als sein Sekretär den Raum betrat. „Wir haben Ärger. Die Genossenschaft.“ „Lassen Sie es gut sein, Dömmerle“, winkte er ab und zündete sich eine Zigarre an. „Mit denen werde ich nicht debattieren. Schließlich haben wir noch Tarifautonomie.“ Der Domestik buckelte sich rückwärts aus dem Zimmer. „Wo waren wir? Ja, also die Leistung. Manche glauben, man könne mit Geld die Motivation der Arbeitnehmer steigern. Doch das stimmt nicht. Wenn man Ihnen Geld für die Arbeit zahlt, werden Sie denken, dass Sie ausschließlich für Ihr Gehalt arbeiten. Ein fataler Irrtum, denn so werden Sie den Wert Ihrer Arbeit nicht mehr zu schätzen wissen.“ „Der Wert der Arbeit liegt also nicht in ihrem Gegenwert?“ „Natürlich nicht! Schauen Sie, das Arbeitsethos – man definiert sich heute ja mehr und mehr dadurch, überhaupt zu arbeiten. Fragen Sie mal einen Erwerbslosen, der wird Ihnen das gerne bestätigen.“ „Weil er mit den Almosen vom Staat nicht mehr satt wird“, fiel ich ihm ins Wort. „Ach Gott, Sie sind ja auch so ein Sozialromantiker!“

Ich stellte das Glas hart auf den Tisch. „Mit welchem Anreiz wollen Sie beispielsweise einen Langzeiterwerbslosen wieder in den Arbeitsprozess integrieren, wenn nicht durch einen vernünftigen Lohn?“ „Sehen Sie, wieder so ein Denkfehler. Wenn jemand für seine Arbeit nicht viel mehr bekommt als ein Sozialfall, glauben Sie dann, dass er noch gerne arbeitet? Die Leute werden alle zu Erbsenzählern. Sie werden neidisch und erkennen den ethischen Wert ihrer Arbeit nicht mehr.“ „Das setzt zwingend voraus“, analysierte ich, „dass der Mensch an sich gerne arbeitet und deshalb eine Entlohnung sein Ethos beschädigt. Aber die meisten Menschen arbeiten, um davon leben zu können.“ Grobschmitt seufzte tief auf. „Ja, das ist ein Kreuz. Eine der großen Fehlentwicklungen.“ Und er schmauchte behaglich an seinem Lungentorpedo.

„Es gibt da eine völlig andere Studie“, begann ich, „die Kinder beobachtet hat, wie sie Spenden sammeln. Eine Gruppe bekam nichts, die zweite eine kleine, die dritte eine große Belohnung. Natürlich haben die Kinder mit der größten Belohnung am meisten gesammelt.“ Grobschmitt hakte sofort ein. „Aber die Kinder, die gar nichts bekamen, haben immer noch mehr erbracht als die, die nur eine kleine Gabe erhielten. Da sehen Sie es: der Idealismus ist wichtiger!“ „Nein, die These geht anders herum: entweder nichts zahlen – oder aber so viel, dass es ein Anreiz ist.“ „Das mag sein. Aber wir haben schließlich auch eine Verantwortung für die Arbeitnehmer zu tragen. Und deshalb muss man ihnen klarmachen, dass ihre Arbeit an sich schon wertvoll ist.“ „Das klingt wie ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen.“ „Nein, man muss es trennen. Wie Sex und Liebe. Schauen Sie, ich bin zwar verheiratet, aber ich…“ Er biss sich auf die Zunge.

„Was haben Sie also jetzt vor? Löhne kürzen? Die Arbeiter auf die Straße setzen?“ „Wir haben da ein Konzept ausgearbeitet“, erläuterte Grobschmitt, „sie haben die freie Entscheidung. Wenn sie weiter für uns arbeiten wollen, werden wir dem nicht im Weg stehen. Sie werden alle fristlos entlassen und sofort wieder eingestellt. Als Ein-Euro-Kräfte.“ „Ein Euro Stundenlohn für hoch qualifizierte Produktionsarbeiter?“ „Sie scherzen“, entgegnete er, „ein Euro im Monat. Oder wofür hat nach Ihrer Ansicht unsere hoch geschätzte Frau Kanzlerin den Kombilohn erfunden.“ Und er goss sich reichlich Cognac nach.

„Und das Management? Wie halten Sie es in der Vorstandsetage mit Ihrer Philanthropie?“ „Wie gesagt, man muss Arbeit und Geld trennen.“ „Und das bedeutet konkret was?“ Er lehnte sich behaglich im Sessel zurück. „Da wir nicht arbeiten, hat das Geld für uns eben eine ganz andere Bedeutung. Genug zahlen oder gar nichts, das ist schon richtig so. Genau deswegen haben wir uns entschieden, die Boni kräftig zu erhöhen.“