Extrem

30 06 2020

„Und Sie sind…?“ Bevor ich noch der Dame am Empfang meine Karte hatte reichen könne, kam Minnichkeit aus dem Aufzug, mausgrau wie immer und noch ein bisschen tollpatschiger als sonst. „Wir freuen uns“, strahlte er. „Lassen Sie uns sofort in die Redaktion fahren, er erwartet Sie schon!“

Seit Trends & Friends, der leicht überkandidelten Agentur, hatte er nicht mehr so ein Vergnügen gehabt. Der Bürojob hatte ihn für ein paar Jahre beruhigt, doch nun zog es den Kreativen zurück in sein Metier. „Ich habe ihn entdeckt“, sagte Minnichkeit nicht ohne Stolz. „Wir sind so gut wie ausgelastet, es läuft großartig.“ Der Lift bimmelte, wir hatten das Stockwerk erreicht. Kaum rollten die Türen zur Seite, sahen wir ihn auch schon, wie er aufgeregt mit einem leeren Becher über den Flur stürmte. „Kaffee-Wahnsinn“, keuchte er, „schon wieder leer!“ Minnichkeit nickte. „Er ist in seinem Element. Eigentlich die ganze Zeit.“ „Und was ist noch mal genau seine Aufgabe?“ Der alte Freund zog die Brauen empor. „Er ist unser Schlagzeilenspezialist.“

Wir hatten uns schon im Büro niedergelassen, da kam der Spezialist zurück. „Super-Sommer“, verkündete er. „Was Sie jetzt gegen Monster-Hitze tun können!“ Und er kippte das Fenster. „Ich sehe“, bestätigte ich, „Sie sind ein Meister Ihres Faches.“ „Wir sind auch sehr zufrieden“, sagte Minnichkeit. „Ein komplett neues Geschäftsmodell, und es hat sofort wie eine Bombe eingeschlagen.“ „Business-Killer“, erklärte der Redakteur, „Wahnsinns-Umsatz im ersten Quartal – das Start-Up, das Sie kennen müssen!“ Ich schlug die Pressemappe auf. „Das sind also die Titel der letzten Wochen.“ Doch Minnichkeit rümpfte die Nase. „Ich bitte Sie, das machen wir an einem Vormittag!“

„Chaos-Wirtschaft!“ Offenbar hatte unser Schreiber wieder eine Eingebung. „Deutschland geschockt von Merkel-Plan!“ „Ich kann damit jetzt nicht viel anfangen“, bemerkte ich. Möglich, dass es neue Entwicklungen in der Europäischen Union gab, von denen ich noch nichts gelesen hatte. „So werden wir von Ekel-Ausländern abgezockt!“ „Da lag ich dann wohl falsch.“ Minnichkeit knetete die Hände. „Manchmal ist er ein bisschen, wie soll ich sagen – direkt.“ Ich nickte. „Sie richten sich ja auch nicht gerade an eine intellektuelle Zielgruppe.“ „Noch mehr Hartz IV!“ „Ist das jetzt gut oder schlecht?“ „Bezahlt Merkel Corona-Drosten?“ Ich merkte, dass ich eine Pause brauchte. Zum Glück war ihm auch der Kaffee ausgegangen. Wir konnten uns auf dem Balkon ein wenig die Beine vertreten. Dort draußen war die Sommerluft sogar angenehm.

„Klopapier-Terror“, stöhnte er und setzte sich wieder in seinen Drehsessel. „Ist Steuer-Irrsinn jetzt noch Deutschland?“ Ich nippte nur einen kleinen Schluck aus meiner Tasse, aber Minnichkeit lief rot an. „Wir hatten das doch gerade erst“, stöhnte er, „das kann doch jetzt nicht schon wieder… – “ „Hitler-Gold!“ Ich schielte nach dem Fenster. „Vielleicht ist es doch ein bisschen warm hier.“ Ich hatte recht, und der Werbekaufmann erklärte es mir sogleich. „Er läuft ab und zu heiß, dann bleibt er an einer Ecke hängen und wir müssen ihn langsam wieder beruhigen.“ Ich stellte die Tasse zurück auf den Tisch. „Scheint sich um die rechte Ecke zu handeln.“ Minnichkeit räusperte sich mit einer Art von Bestimmtheit, die ich von ihm gar nicht kannte. „Sie wissen, aus welcher Branche ich komme, und da muss man schon darauf achten, dass man sein Produkt auch verkaufen kann – wir würden doch sonst die Leser gar nicht erreichen.“ Ich lehnte mich zurück und wollte gerade antworten, aber ich kam nicht dazu. „Sex-Schock! Extrem-Ausländer! Wird Deutschland von Feministinnen vergewaltigt?“ „Ihr Problem“, antwortete ich kühl, „ist nicht Ihre Branche, Ihr Problem sind Ihre Kunden.“

Minnichkeit blieb eingeschnappt; er rührte noch ein bisschen in seiner Tasse herum, dann blätterte er wieder in der Mappe. „Wir müssen ja heute noch ein bisschen arbeiten“, sagte er schmallippig. „Von alleine macht sich das ja nicht, auch wenn es Ihnen so scheint.“ „Klinik-Skandal“, setzte der Redakteur ein. „Impf-Irrsinn! Merkel fordert neue Risiko-Milliarden für EU! Corona-Wurst tötet Rentner! Ist Autofahren bald verboten?“ „Vielleicht sollten Sie die Installation einer Klimaanlage in Erwägung ziehen.“ „Ruhig“, zischte Minnichkeit. „Das sind die besten Titel, die uns pro Stück mindestens…“ „Lügen-Virologe kriegt Geld vom Staat! Drama im Freibad – Kinder schwimmen in den Tod! Fußball-Entzug für Hartz-IV-Schnorrer! Asylanten fordern Milliarden für Drogen!“ Er hustete kräftig; nicht auszuschließen, dass es psychosomatisch war. „Randale-Migranten – Prügelstrafe jetzt! So viel Geld kosten uns Arbeitslose! Linke wollen alle Polizisten ins Lager schicken! Deutsch-Terror – Grüne schaffen Zigeunerschnitzel ab!“ „Schön“, lobte Minnichkeit, „sehr, sehr schön. Das ist einer der besten Tage seit langem, und ich muss sagen, ich bin wirklich zufrieden mit Ihnen.“ Fast hätte man sagen können, dass ein Lächeln über das Gesicht des Schlagzeilenproduzenten gehuscht wäre, aber vielleicht hatte ich mich auch nur getäuscht. „Wie Sie sehen, haben wir mit unserem Geschäftsmodell eine große Lücke im Journalismus geschlossen und sind auf dem Weg zum großen Erfolg.“ Ich lächelte. „Minnichkeit, nehmen Sie es mir nicht übel, aber dass jemand die Schlagzeilen zu Zeitungsartikeln…“ Er winkte ab. „Nein, Sie haben das nicht verstanden. Er liefert die Titel. Was die Zeitungen dann für Artikel schreiben, das ist nicht mehr unser Problem. Wie gesagt, ein ganz neues Geschäftsmodell.“





Vernichtungslager

28 05 2020

„Wozu brauche ich denn Beweise, dass der Mann je einen Hund hatte? Erstens kann man einen Hund auch quälen, wenn er einem nicht selbst gehört, und zweitens will das keiner wissen. Wozu auch.

Ich schreibe das nicht selbst, ich lasse schreiben. Oder ich habe einen Chefredakteur, der schreiben lässt. Der gibt ihnen dann vor, was sie zu schreiben haben, und trägt keine Verantwortung dafür, weil er ja nicht selbst geschrieben hat. Und wir haben für die Schlagzeile dann ja auch keine Verantwortung, weil sie der Leser so will. Ist dieser Mann ein Tierquäler? ist erst mal nur eine Frage, wir lassen abweichende Ansichten selbstverständlich zu und verlangen nur, dass sich unsere Leser dazu in anderen Medien informieren.

Es gibt so viele Nachrichten auf der Welt, die nur schwer zu verstehen sind, das heißt: sie sind leicht zu verstehen, aber dazu man muss sie einordnen. Da machen wir doch lieber Nachrichten, die leicht verständlich sind. In einer ganz einfachen Welt, in der es das Böse gibt, das wir für die Leser stellvertretend bekämpfen. Was das Böse ist, das überlassen Sie besser uns. Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes Gut. Wo sie uns nützt.

Sie haben das schon ganz richtig verstanden, wir machen nicht die Schlagzeilen, wir machen Nachrichten. Die Nachrichten, für die sich die Leser interessieren, die in unserer Gesellschaft leben. Und wenn sie sich dafür interessieren, haben wir auch irgendwann die Gesellschaft, die wir uns vorstellen. Nämlich nur noch mit denen, die sich für unsere Nachrichten interessieren. Und das wird eine gute Gesellschaft sein, stellen Sie sich vor. Alle sind gegen Tierquäler, weil wir ihnen sagen, wer Tiere quält. Und wenn wir unser Produkt mit Reklame für billige Bratwurst subventionieren müssen, dann ist das eben eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Kein Grund, sich darüber aufzuregen. Worüber Sie sich aufregen sollen, das erfahren Sie schon von uns.

Das ist harte Arbeit, verstehen Sie das nicht falsch. Wir müssen immer genau wissen, auf wen wir die Meute hetzen. Da hat man einmal ein Herz für Kinder, und schon denken alle, damit seien auch die ganzen Neger mitgemeint, die sich hier bei uns einnisten. Die sollen gefälligst in Afrika bleiben und unsere Bodenschätze abbauen. Das muss man alles wieder mühsam mit schlecht verklausulierten Morddrohungen gegen Klimaaktivisten reinholen, sonst bricht der Umsatz weg. Manchmal verfängt das. Angst ist eine mächtige Triebfeder. Man muss nur mit ihr umgehen können, wie mit den anderen Werkzeugen, Hass oder Gier. Menschen sind sehr einfach, und sie ändern sich nicht. Das macht sie als Rohstoff so ergiebig.

Wir gehen strategisch vor. Dazu muss man der Öffentlichkeit immer mal wieder ein Stück Beute hinwerfen, abgehalfterte Imbissfuzzis, salafistische Pseudojournalisten, welke Blondchen, die an die Flacherde glauben. Jetzt war mal einer von unseren Lautsprechern dran. Dass er sich hat erwischen lassen, ist unerheblich. Er hat es nur übertrieben. Das sitzen wir aus. Wir sind ja nicht verantwortlich, wenn sich diese Gesellschaft radikalisiert. Unsere Gewinne sind sicher, und wenn sich eines unserer Opfer beschwert, steht es schnell in Opposition zur Gesellschaft. Und wenn sich die Gesellschaft eben radikalisiert, dann werden Sie als Radikaler nicht lange auffallen, weil der Rest der Gesellschaft Sie einholt. Praktisch, nicht wahr?

Es ist übrigens auch ganz ohne Krisen machbar, nur erleichtern sie uns das Geschäft erheblich. Sie brauchen auch keine insolvente Küchenhilfe oder diesen schizoiden Jammerlappen, der Aliens in der hohlen Erde gesehen hat. Uns reicht es, wenn wir diesen Abschaum in den Parlamenten installieren, weil sie von dort aus unser Geschäft betreiben: jede Krise abwarten und dann die Gesellschaft gegen die Vernunft aufhetzen. Das ist viel angenehmer, als erst Vernichtungslager zu bauen. Wir warten in Ruhe ab, bis sich das von selbst erledigt.

Es ist ja an sich nichts einzuwenden gegen den sogenannten mündigen Bürger, aber die politische Wirklichkeit zeigt oft, dass er die Zusammenhänge nicht versteht. Wenn man sich permanent in einer Art Krisenmodus befindet und die Gesellschaft von Demagogen destabilisiert wird, dann braucht es ein ordnendes Gegengewicht. Wir nehmen in diesem Zusammenhang unsere Rolle auch ernst. Natürlich können wir nichts für öffentliche Ausbrüche von Gewalt gegen Personen. Wir lehnen das auch grundsätzlich ab, wobei wir andererseits das gesunde Volksempfinden nicht als Ausdruck einer gesellschaftlich relevanten Meinung ablehnen. Was gesund ist, können wir fallweise den Lesern kommunizieren. Das beugt Missverständnissen nicht immer vor, aber damit muss man rechnen. Die Hauptsache ist, dass wir den Diskurs bestimmen. Die Leute regen sich eher über brennende Autos auf als über brennende Asylanten, auch dann, wenn sie sich wegen der Leute, deren Autos da brennen, selbst nie ein Auto werden leisten können. Dann muss man ihnen beibringen, dass die Asylanten kein Interesse haben, diesen linksextremistischen Terror zu stoppen. Womit sie sich natürlich ganz klar schuldig machen. Für alles weitere setzen wir auf die Tatkraft der Deutschen, die ihr politisches Schicksal gerne selbst in die Hand nehmen, statt es sich von einer selbstsüchtigen, korrupten Elite vorschreiben zu lassen.

Ja, stellen Sie durch. Den Chefredakteur? Drei Prozent? An einem Tag? Das ist mir scheißegal, womit er das rechtfertigt. Lassen Sie es wie einen Unfall aussehen.“





Lügenpresse

3 10 2019

„… werde der Konzern BILD, BamS und Welt zu einem Produkt zusammenfassen, um den rapiden Verlust der Auflagen zu…“

„… auch den Unternehmensumbau mit sich bringen werde. Obwohl Mc Kinsey zunächst die Sprengung sämtlicher Immobilien einschließlich der Mitarbeiter empfohlen habe, werde sich Springer dennoch an einer gemeinsamen Lösung für die…“

„… Kosten in Höhe von 50 Millionen Euro eingespart werden. Lindner habe sich spontan für einen Rettungsschirm ausgesprochen, wenn wenigstens die Welt erhalten bleibe, allerdings stelle er die Bedingung, dafür zum Vizekanzler geschrieben zu werden, weil er sonst keine Bundesmittel für den…“

„… nicht ohne Widerstand hinnehmen werde. Döpfner habe die Proteste der Belegschaft mit dem Manifest Zusammenlegung jetzt! eindämmen wollen, was ihm aber augenscheinlich nicht ganz…“

„… noch keine genauen Pläne für Entlassungen aus Redaktion und Verlag existieren würden. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Stellenstreichungen nach Parteibuch vorgenommen würden, wobei noch nicht geklärt sei, welche Partei dabei den entscheidenden…“

„… dass nach einer Fusionierung regelmäßig beide Teile erheblich weniger wert seien als zuvor. Döpfner könne dies nicht bestätigen, die beiden Blätter seien bereits jetzt sowohl qualitativ als auch wirtschaftlich weiter unterhalb der…“

„… grundsätzlich jeder Mitarbeiter aufgerufen sei, sich eine seriöse Erwerbsarbeit zu suchen. Für viel Angestellte dürfte dies neben Callcenter und Unterhaltsreinigung vor allem eine Beschäftigung mit aufstockenden Leistungen als…“

„… die vorgesehenen 100 Millionen Euro an Entwicklungskosten für Prozesskosten und andere Schadenersatzforderungen eingeplant seien. Auf anderem Wege könne der Medienkonzern kein Produkt mehr im Portfolio der Lügenpresse sichern und habe auch keine Chance mehr auf eine wirtschaftlich erfolgreiche…“

„… nicht für alle Beschäftigten gelte. So habe man Reichelt und Poschardt bereits im Vorwege Abfindungen angeboten, da diese offensichtlich in ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr…“

„… dass der neue Finanzinvestor vor allem BILD als Live-Video-Marke auf dem deutschen Markt etablieren wolle. Der Content sei durch Leserreporter bereits gesichert, auch wenn sich das Verhältnis von Gewalt, Werbung und Pornografie erst durch eine Marktanalyse des…“

„… ein Presseerzeugnis ohne journalistische Relevanz herstellen zu wollen. Döpfner habe dies Verdikt des Branchenverbandes mit großer Freude gelesen und fühle sich endlich verstanden, da er schon viel Jahre lang auf diesen…“

„… werde es insbesondere den Chefredakteuren nicht besonders schwer fallen, sich im ALG-II-Bezug wiederzufinden, da diese charakterlich schon immer der Unterschicht…“

„… beispielsweise Sport- und Börsenartikel aus dem Internet kopieren und umschreiben solle. Die Redaktion werde dabei auch kostenneutral auf Inhalte aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen zurückgreifen, da diese viel verlässlicher seien als der…“

„… Publikumsaktionen anbieten wolle, um die Markenidentität weiterhin zu festigen. Vor allem die BILD-Abteilung wolle mit Meldungen zu gefährlichen Ausländern, Denunzierung potenziell erwerbsloser Nachbarn und anderen heimattreuen…“

„… sich der Investor KKR nur für zehn Jahre bei Springer einnisten und danach seine Anteile wieder verkaufen wolle. Ob dies zu einer echten Marktbereinigung führen werde, könne derzeit noch nicht mit…“

„… intellektuelle Meinungsmacher für den Welt-Teil gecastet worden seien. Döpfner habe nach Verhandlungen mit Dieter Nuhr und Erika Steinbach bereits festgestellt, dass diese auch sehr flexibel für die BILD-Bestandteile und den…“

„… man eine Qualitätslügenpresse mit rein werbefinanzierten Inhalten auf den Markt werfen werde. Dass Springer für das Produkt weiterhin Geld verlange, sei nur aus traditionellem…“

„… könne sich Gauland vorstellen, einen Teil der Führungskräfte rasch in einen Arbeitskreis für Propaganda und Volksaufklärung zu überführen, um die bisherige Zusammenarbeit auch jetzt zu…“

„… den Kleinanzeigenmarkt stark ausweiten wolle. Geplant seien etwa Kontaktanzeigen für national gesinnte Deutsche, die mit Unterstützung aus dem gewerblichem Sektor in die…“

„… auch exklusiven Content anbieten werde. So plane Döpfner eine Kooperation mit Reportern, die Verkehrsunfälle im Lifestream auf den…“

„… es im Vorstand nach dem erwiesenen Missmanagement zu keinen finanziellen Einbußen komme. Döpfner habe vielmehr angekündigt, dass die zukünftigen…“





AusgeBILDet

21 06 2012

„… zum 60. Geburtstag die deutsche Öffentlichkeit noch einmal nachhaltig von der Qualität des Blattes zu überzeugen. Verlag und Redaktion von BILD hätten bereits…“

„… zur reibungslosen Durchführung das Projekt ausschließlich mit absolut zuverlässigen Kräften bestückt habe. Die konzerneigene Personalagentur habe zur Vorsicht nur Kräfte mit einem IQ-Ergebnis unterhalb von 85 in die sensiblen Bereiche der…“

„… enthalte die Jubiläumsaktion nicht nur Werbung, sondern auch ernsthafte journalistische Inhalte. Schirrmacher habe das außerordentlich begrüßt, er wünsche dem Blatt bei dieser Premiere eine erfolgreiche…“

„… aus Gründen des Umweltschutzes dazu entschlossen, das Format der Postwegwurfsendung einzuführen, um die…“

„… bereits auf Interesse im Bundesministerium des Innern. Friedrich wolle die Daten der Haushalte, die auf eine Auslieferung der Zeitung verzichteten, gerne zu Vergleichszwecken mit den Ergebnissen der aus dem Volkszählungsfragebogen erhobenen Personalstammdaten…“

„… insbesondere der Sportteil einer besonderen Beliebtheit. Dennoch sei eine Aufstellung der spannendsten Elfmeter der deutschen Fußballgeschichte unter der Überschrift BILD hat mitgeschossen zunächst auf geteilte…“

„… nicht bestätigt, dass die Jubiläumsausgabe auf speziellem Papier gedruckt werde. Auf Anfrage erklärte die Hakle-Kimberly GmbH, keinerlei…“

„… keine rechtliche Relevanz in Bezug auf ein Verteilungsverbot. Auch die Aufschrift Post von Wagner sei keine hinreichende Bezeichnung, um den Status einer Massendrucksache formaljuristisch zu…“

„… betonte von der Leyen, man werde den ALG-II-Empfängern die Bruttokosten für eine BILD-Ausgabe rückwirkend vom Regelsatz abziehen. Entscheidend sei nicht, ob die Zeitung ausgeliefert worden sei, sondern die Frage, ob sie in die Nähe einer Bedarfsgemeinschaft…“

„… sei an der Sammlung historischer Headlines die geistig-politische Geschichte der BRD ablesbar. Mit Schlagzeilen wie Papst gewuppt oder BILD gewulfft könne das sich wandelnde Bewusstsein nachvollziehbar in die…“

„… werde für die Zustellung der 4.400 Tonnen Papier nicht die PIN AG genutzt. Man umgehe so die Verpflichtung, die Boni für das erfolgreiche Management der Aktion aus den eigenen Gewinnen an die Vorstandsmitglieder zu…“

„… die Gruppe um den Aktivisten Danny J. (21) angekündigt, am 23. Juni den größten Papierschwalbenteppich der Welt über Köln zu…“

„… habe man sich für BILD gewulfft entschieden, da Wulff gebildet überdies nicht den Tatsachen…“

„… dass Günter Wallraff diesmal als Journalist, Anzeigenverkäufer, Packer und Spediteur an der Ausgabe mitgearbeitet…“

„… in der Jubiläumsausgabe durch originellen Qualitätscontent zu überzeugen. Diekmann habe versprochen, Deutschlands faulsten Raubmörder zu zeigen; dabei handele es sich um einen bis dahin nicht bekannten Bürger, der noch keinen einzigen Raubmord…“

„… habe das Thüringer Oberlandesgericht dem Fabrikanten Gero T. (53) untersagt, flächendeckend Bratwurstproben in deutsche Briefkästen zu stecken. Dies sei nach Ansicht der Jenaer Richter schon durch die technische Art des Absatzes ein Anzeichen der Verteilung minderwertiger Güter, die der Bürger nicht zu dulden…“

„… stehe eine weitere Rüge aus für die Vermischung von Werbung und redaktionellem Inhalt. Die von Springer und der Deutschen Bank angebotene Volks-Hedgefonds sei nicht ausreichend als…“

„… ob BILD widerrechtlich Fotos aus dem Privatbesitz von Rudi Dutschke verwendet habe. Döpfner habe dies jedoch im Sinne des Leistungsschutzes für Presseverlage als späte Wiedergutmachung bezeichnet, da Dutschke ja erst durch Springer wirklich populär…“

„… bei einer solchen Menge nur zu schaffen, wenn die Briefzusteller eine 48-stündige Dauerschicht ohne Versicherungsschutz und Mehraufwandsentschädigung beschlössen. Der Vorstand der Deutschen Post AG teile unterdessen mit, bundesweit hätten sich sämtliche Arbeitnehmer spontan zu einer solchen Maßnahme entschlossen, um ihrer großen Verbundenheit mit dem Qualitätsjournalismus Ausdruck zu…“

„… werde ein Teil der Auflage aus produktionstechnischen Gründen an den Standorten Izmir und Antalya gedruckt, daher habe man sich entschieden, keine übermäßige Kritik an der Türkei zu formulieren. Das Blatt bediene ausschließlich die üblichen ausländerfeindlichen…“

„… brüste sich der Konzern widerrechtlich, die Postwurfaktion für das Springer-Blatt erfunden zu haben. In einer Anzeige habe das Unternehmen außerdem damit geworben, genauso unbemerkt Altöl in Magerquark zu verklappen oder Sendungen mit Markus Lanz in gebührenfinanzierte…“

„… wolle man im Falle einer zu großen Anzahl an strafbewehrten Unterlassungsverfügungen jedoch davon Abstand nehmen, die Zeitung in den Fußgängerzonen zu verteilen. Das BKA sei mit der Beschattung von Salafisten bereits am Rande seiner intellektuellen Leistungsfähigkeit, man könne die Beamten nicht auch noch schulen, den Unterschied zwischen BILD und Koran in einem…“





Drohnkulisse

17 01 2012

„… bei der wöchentlichen Demonstration vor Schloss Bellevue abhanden gekommen sein muss. Bundesinnenminister Friedrich bezeichnete den Einsatz von unbemannten Flugkörpern im zivilen Sektor als Lüge linksradikaler Kreise. Würde die Drohne nicht umgehend zurückgegeben, so werde die Polizei mit brutalstmöglichem…“

„… offensichtlich nach einem Schuhwurf am Rotor beschädigt worden, so dass die Lenkung nicht mehr einsatzfähig war. Wie der Flugkörper in den Besitz der Bürgerinitiative geraten sei, wollte der Polizeipräsident jedoch nicht…“

„… laut BKA nicht zur Ausspähung ziviler Ziele geeignet. Die Drohne sei zwar mit einer Reihe weder durch die Strafprozessordnung noch durch das Bundespolizeigesetz gedeckter Werkzeuge ausgestattet, doch würden diese ja sowieso nie…“

„… im Bezirk Neukölln zu einer größeren Polizeiaktion. Insgesamt 183 Beamten erlegten ein funkferngesteuertes Flugmodell mit Elektromotor, das zuvor in einer Höhe von 25 Metern über einem Sportplatz ein verdächtiges Brummen erzeugt habe, was Innensenator Henkel sofort als nicht mit dem Grundgesetz vereinbar erkannt haben solle. Er habe die sofortige Evakuierung des Bezirks angeordnet sowie NATO-Truppen zur Hilfe gerufen. Die Herausgabe der mutmaßlichen Flugbombe sei von den Einsatzkräften verweigert worden. Der 9-jährige Mehmet C. sei erkennungsdienstlich sonderbehandelt und dann gegen Auflagen…“

„… bot der iranische Botschafter der Bundesregierung seine Mithilfe an. Teheran sei im Umgang mit westlichen Fabrikaten bereits geübt und könne die technischen…“

„… habe Sarrazin die rasche Aufklärung des in letzter Sekunde vereitelten Anschlags in Britz gelobt. Er kommentierte den Einsatz, er sei kein Rassist, aber…“

„… während BILD schon am Dienstag kompromittierende Fotos ankündigte. Die Redaktion und das Verlagshaus ließen jedoch offen, ob es sich dabei um Bilder des Bundespräsidenten oder um Fotografien einer anderen…“

„… mehrten sich die Anrufe über nächtliche Belästigungen. Allerdings berichteten zeitgleich Anwohner aus Zwickau, Bad Segeberg und Bremen von Motorgebrumm, das kaum von einer einzigen Drohne stammen…“

„… wies Uhl darauf hin, dass unbemannte Flugkörper ausschließlich zur Aufklärung bei Katastrophenfällen benötigt würden. Als solche bezeichnete der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Innenpolitik beispielsweise islamistisch motivierte Giftgaswolken und antikapitalistisches…“

„… verteidigte das BKA den Einsatz unbemannter Flugkörper. Nur mit Hilfe von Drohnen sei festzustellen, ob auf der Erdoberfläche Glatteis vorhanden sei, was teilweise schwerste Straftaten wie Fahrerflucht nach witterungsbedingten Auffahrunfällen erst ermögliche und sogar schon zu…“

„… auch in der Mittwochsausgabe des Boulevardblattes nicht enthüllt. Die in den Medien geäußerten Mutmaßungen über einen Foto-Angriff auf Schloss Bellevue seien jedoch vollkommen aus der Luft gegriffen. Springer-Vorstandsvorsitzender Döpfner habe jede Spekulation über angebliche Paparazzi-Bilder auf das Schärfste…“

„… kündigte Uhl an, man müsse in dieser Lage ganz Deutschland umgehend mit Schusswaffen und scharfer Munition ausstatten, um der drohenden Kriegsgefahr entschlossen entgegenzustehen. Nur durch Gewehre sei der Terror noch in den Griff zu kriegen, als CSU-Mitglied sehe er zudem eine Umsatzsteigerung in der Rüstungsindustrie mit sehr positiven…“

„… verteidigte das BKA den Einsatz unbemannter Flugkörper. Nur mit Hilfe von Drohnen sei festzustellen, ob sich während einer virtuellen Flugstreife in Google Street View die Bilder verändert oder durch rechtswidrige Raubkopien ersetzt…“

„… stimme Bosbach der Ausgabe von 450 Millionen Schnellfeuergewehren nur dann zu, wenn gleichzeitig durch ein Bundesgesetz zum Verbot von Killerspielen jede Gefahr von Gewalttaten so gut wie ausgeschlossen…“

„… hielte sich am Donnerstag das Springer-Blatt noch bedeckt. Aus gut unterrichteten Kreisen, die zuvor schon fliegende Untertassen über Burgwedel gesichtet haben wollten, habe man jedoch gehört, die belastenden Fotos sollten nicht den Bundespräsidenten selbst, auch nicht dessen Gattin zeigen, sondern die…“

„… verteidigte das BKA den Einsatz unbemannter Flugkörper. Nur mit Hilfe von Drohnen sei festzustellen, ob sich Problembären im deutschen Grenzgebiet…“

„… sei bei einer Flughöhe von 50 Metern wegen der Windverhältnisse zunächst nur der Einsatz einer Videokamera möglich. Der neue Prototyp verfüge jedoch schon über Streubomben. Niebel versicherte, er werde nur dem Export für Demokratie sichernde Mittel in demokratische Staaten wie Weißrussland und Nordkorea zustimmen, wenn der Testlauf im Mauerpark…“

„… verteidigte das BKA den Einsatz unbemannter Flugkörper. Nur mit Hilfe von Drohnen sei festzustellen, ob in den Innenstädten kriminelle Elemente durch Straftaten die innere Sicherheit zu gefährden bereit seien, beispielsweise durch das gezielte Abschießen von Drohnen mit…“

„… hatte die tageszeitung zwei Doppelseiten frei gehalten, um die Luftbilder von Kai Diekmann auf dem Anwesen eines Freundes in voller Auflösung zu drucken. Insbesondere die Nacktfotos des BILD-Chefredakteurs sorgten wegen der Unterschrift Schwänzchen klein hing allein dafür, dass sich Diekmann umgehend auf dem Anrufbeantworter der…“





BILD-Störung

1 02 2011

„Äch wäll Fäschstäbchen!“ Der Mann mit dem albernen Schnurrbart stampfte fest mit dem Fuß auf den Boden. Er war sichtlich erregt, durchlebte er doch einen besonders schlimmen Anfall. „Sait non onglaublächen drai Wochän hattä äch kaine Fäschstäbchen!“ Schaum stand ihm vor dem Mund. Immer ärger wütete er, allein ich musste mich nicht wirklich vor ihm fürchten. „Die Zwangsjacke hält das natürlich aus“, beruhigte mich der Pfleger. Ich atmete erleichtert auf. Und Professor Hüppelheim hatte nicht übertrieben; in seinem Institut waren die ganz schweren Fälle untergebracht.

„Im Grunde ein eher einfacher Fall“, winkte der Psychiater ab. „Diese Sorte hält sich für jemand anderen. Eine dissoziative Störung, er denkt eben, er sei Adolf Hitler. Andere halten sich für Karl den Großen oder Superman.“ „Und das nennen Sie einfach?“ Er nickte. „Identitätsstörungen sind nicht kompliziert. Nur Superman nicht, den müssen wir im Erdgeschoss aufbewahren. Er hüpft sonst immer vom Dach. Aber ich wollte Ihnen ja unseren neuen Fall zeigen.“ Professor Hüppelheim öffnete die verschlossene Glastür, und schon standen wir im Korridor, der zum Seitenflügel führte. „Er heißt Marvin Seemann und hat früher als Journalist gearbeitet.“ Ich grinste. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde mir das als Einlieferungsdiagnose schon ausreichen.“ Offenbar schien der Anstaltsarzt meinen Humor zu missbilligen; er runzelte die Stirn. Ich aber wollte es nun doch genauer wissen und fragte, was denn dem Patienten genau fehle. Er kicherte. „Das werden Sie schnell rausfinden.“

„Interview im Psycho-Trakt!“ Marvin Seemann fuchtelte hektisch vor meinem Gesicht herum. Er hüpfte wie ein Gummiball auf und ab und war gar nicht mehr zu bremsen. „Damit hatte S. nicht gerechnet – plötzlich Visite im Wohnbereich! Der Anstaltsleiter begleitete den Besucher, zeigte ihm alle Räumlichkeiten! Hier lebt S., hat in seinem Einzelzimmer zwei Stühle, Topfpflanzen, sogar ein Transistorradio!“ Wie angestochen gestikulierte der junge Mann. „Ich glaube“, sagte Hüppelheim trocken, „ich muss Ihnen nicht unbedingt erklären, wo er vorher seine Brötchen verdient hat.“ Zwar war ich nachhaltig verwirrt von Seemann, fing mich aber rasch. „Das ist wohl eine besonders üble Form der Kommunikationsstörung. Ist das heilbar?“ Zu meinem Erstaunen bejahte der Professor. „Er hat sich auch schon ziemlich gebessert in den letzten Monaten. Früher hat er den ganzen Fettdruck ja auch noch mitgesprochen.“

Der Pfleger stellte das Tablett mit Butterkuchen und Tee auf den Klapptisch und ging wieder. „Jetzt wird gefeiert – Super-Hüppi bringt Butterkuchen!“ Seemann hopste schon wieder durch den Raum. „Jetzt kommen Sie mal runter“, redete der Arzt auf ihn ein, „das wird auch langsam…“ „Das muss man in aller Deutlichkeit sagen dürfen!“ Seemann schlug mit der Faust auf den Tisch. Hüppelheim seufzte. „Gleich fängt er wieder mit der alten Leier an. Meinungsfreiheit.“ „Ist doch nichts Schlechtes“, tröstete ich ihn. „Aber nur als Grundrecht gegen die Staatsgewalt gerichtet, nicht gegen Idioten, die den ganzen Tag Unsinn brüllen.“

Irgendetwas hatte Seemann irritiert, er suchte erst den Tisch, dann das Tablett ab. „Aufgedeckt: So wird uns der Zucker abgezockt!“ Hüppelheim stöhnte. „Ich wusste es. Der Pfleger vergisst den Würfelzucker für seinen Tee, und ich habe dann das ganze Theater.“ Tatsächlich geriet der Ex-Schreiber in Rage. „Versinken wir alle im Chaos?“ Er tobte durch das kleine Zimmerchen und riss dabei fast den Tisch um. Ein Teller und etliche Besteckteile klirrten herunter. „So war es wirklich! Dieser Teelöffel fiel zu Boden!“ „Jetzt reißen Sie sich mal am Riemen“, brüllte der Psychiater. „Davon kriegen Sie auch keinen Zucker!“ „Das wollen wir ab jetzt nicht mehr hören“, röhrte Seemann, um sofort wieder über Tisch und Stuhl zu steigen. „Die Wahrheit über Professor Hüppelheim!“, johlte er, „Erschütternde Klinik-Beichte! Jetzt spricht der Irren-Arzt! Exklusiv!“

Während der Professor noch überlegte, ob er nach dem Pfleger klingeln sollte, klaute der Patient mir den Butterkuchen vom Teller und stopfte ihn in den Mund – dort, wo schon anderthalb Stücke steckten. „Aufgedeckt: Große Kuchen-Verarsche!“ Hüppelheim tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich werde nicht mehr fertig mit ihm“, stöhnte er, „die BILD-Störung ist unberechenbar.“ „Man müsste ihn irgendwie…“ „Psycho-Schock!“ Seemann kaute und war kaum zu verstehen. „Butterkuchen-Aus!“, quetschte er hervor, „Knast-Bestie frisst…“ Ich packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn kräftig. „Ekel-Kuchen!“, lallte er, „Killer-Knast!“ „Seemann“, raunzte ich, „Sie machen sich zum Affen! Das ist doch Unsinn!“ „Das muss man in Deutschland aussprechen dürfen!“, schnappte er zurück. Ich pfiff durch die Zähne. „Jetzt hab ich’s. Hüppelheim, gehen Sie schon mal an der Tür in Stellung, es wird sicherlich sehr schnell gehen. – Seemann, Sie sind ein Idiot! Hören Sie, ein Vollidiot!“ „Das wird man in Deutschland – wird man – darf man – wollen wir nicht mehr hören in – darf man in Deutschland nicht mehr…“ Er fiel in sich zusammen, und mit einem markerschütternden Schrei fuhr er hoch und hieb den Kopf auf den Tisch, wieder und wieder. „Schnell jetzt“, rief ich und schob Hüppelheim aus der Tür. Das Schloss schnappte zu und wir lehnten schwer atmend an der Wand. „Sie sehen“, keuchte der Professor, „das hinterlässt schwerste kognitive Schäden. Oder wie er es ausdrücken würde: ‚Diagnose: Behämmert!‘“





Keinhirnhasen

19 10 2010

Er war in Ungnade gefallen. Sie hatten ihm bis zuletzt zu helfen versucht, selbstverständlich nach ihren eigenen Spielregeln, aber ihm war nicht mehr zu helfen. Sie mussten Til Schweiger fallen lassen. Er war im falschen Augenblick ausgestiegen.

Noch tags zuvor hatte die Boulevardpresse das Propagandaspektakel rund um das Kinderschänder-Alibi bejubelt; vertragsgemäß war Schweiger erschienen, hatte sich für BILD ablichten und zitieren lassen. „Wo ist der empörte Aufschrei über diese widerlichen, armseligen Schweine“, fragte es betroffen aus dem Schauspielerdarsteller, „warum macht man sich mehr Gedanken um die Privatsphäre von einem Mann, der Kindern pornografische Fotos von sich schickt und sich dann mit ihnen verabredet?“ Verlag und Redaktion rieben sich die Hände, die Auflage sank nur unwesentlich mehr als prognostiziert. Der Unterschichtensender sah einer weiteren Folge mit Stephanie zu Guttenbergs Schrillshow entgegen. Medienrechtler hatten die Risiken abgeschätzt, ausgewogen und für tragbar erklärt, es würde sich um ein paar Hunderttausend Euro handeln, um ein bis höchstens zwei Menschenleben, kalkulierbare Kosten, wie sie dem Alltagsgeschäft entsprächen. Kein Grund zur Sorge. Niemand ließ sich aus der Routine bringen. Alles ganz geschmeidig.

Schweigers Anwälte ließen in der Presseinfo verlauten, jede weitere Zusammenarbeit mit Verlag und Redaktion von BILD sei vorerst nicht mehr denkbar. Ihr Mandant müsse sich vor allem jetzt davor schützen, die zahlreichen in zu Guttenbergs Missbrauchsmissbrauch verwirklichten Straftatbestände billigend zu erscheinen; dies sei nicht der Fall. Er distanziere sich ausdrücklich von stern und BILD sowie von RTL II. Für Interviews stehe der Leinwandler nicht mehr zur Verfügung. Das Bundesverteidigungsministerium war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Kai Diekmann tobte.

Der Leitkulturbeauftragte des bundesdeutschen Präpotenzjournalismus, Franz Josef Wagner, gab den ersten Schuss ab. „Es macht mich schon sehr betroffen“, schrieb er, „wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die massenmediale Aufarbeitung von kinderpornografischen Inhalten zur besten Sendezeit mit den einträglichsten Werbeplätzen sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.“ Schweiger, so der Doyen der Gestrigen, sei ein besonders schwerer Fall; zwar habe er nie auf der Seite der Bösen gestanden, er habe allerdings – und das sei weitaus schlimmer – mit Springer gebrochen. Was nun folge, sei schrecklich, aber unvermeidbar.

Gleich folgenden Tages mokierte sich die Titelseite über Til Schweigers Vorliebe für jüngere Nachwuchsschauspielerinnen. „Sie könnte seine Tochter sein“, höhnte das Blatt süffisant und legte im Leitartikel nach: „Schweigers Neigung zu Keinhirnhasen ist ja nicht nur BILD aufgefallen. Morgen mehr!“

Im Anschluss blickte die Angetraute des Manta-Mimen von Seite 1, freilich ausgeschnitten aus einem Familienporträt, auf dem sie als 13-Jährige zu sehen war. „Das Sex-Monster hatte sie im Bett!“ Das war unter Abzug der Raum-Zeit-Krümmung nicht gänzlich verkehrt, führte jedoch zu einem einstweiligen Rechtsschutz, der BILD jede weitere Äußerung in dieser Sache untersagte. Schweiger hatte nicht mit der Fünften Kolonne gerechnet. „Seine Villa am Julius-Brölheim-Ring, das einzige Haus mit einer fliederfarbenen Fassade und Geranien auf dem Vordach, ist nicht zu verfehlen. Das Auto, ein silberner Kombi mit dem amtlichen Kennzeichen B-TS 1912, parkt meist auf dem Kiesweg, der zum Grundstück gehört.“ Die Leserreporter taten Ihres.

Als besonderes Schmankerl grub die Redaktion ein Leserfoto aus, das den Gesichtsgelähmten vor Jahren in einem Edelrestaurant beim Verzehr von Carpaccio zeigte. Ganz kurzfristig erst hatte sich BILD gegen eine Veröffentlichung im Rahmen der Kampagne für Fleisch ohne BSE-Gefahr entschieden, da der Rinderzüchter nicht genug zahlten wollte. „So lecker kann sicher sein“, hatte seinerzeit die Praktikantin gefabelt, „unser Lieblingsschauspieler schlemmt hauchzartes Kobe-Rind in Balsamvinaigrette – wenn Sie sich das leisten können, sind auch Sie in!“ In der Feder der Hauptstadtredaktion wurde daraus: „Hier frisst die Ekel-Bestie rohes Fleisch!“ Dem Bundesverteidigungsministerium war keine Stellungnahme zu entlocken.

Natürlich schloss sich im Verlauf der BILD-Aufgabe ein erläuternder Beitrag an, in dem der aus Sicherheitsgründen anonym zitierte Psychiater Chlodwig D. ausführte, dass der Verzehr von rohem Rindfleisch wie die Benutzung von Killerspielen oder etwa die Lektüre des SPD-Programms zu Hirnerweichung und seelischer Verrohung führen müsse. „Quasi alle Sittenstrolche haben irgendwann einmal rohes Fleisch verzehrt“, betonte D., es sei demnach nicht ausgeschlossen, dass es einer der Auslöser für Pädophilie sei.

Obwohl das Gesicht des Mannes unkenntlich gemacht wurde, konnte der 46 Jahre alte Akteur eindeutig identifiziert werden. Die gepixelten Bilder spärlich bekleideter Schulkinder, die man (wie eine spätere Recherche seitens des Deutschen Presserats ergab) nicht etwa von Guttenbergs Nagel, sondern gleich von der von der Leyen bekommen hatte, waren nach Aussage des Verlags selbstredend nur als Beispielillustrationen gedacht. Man denke nicht, dass sie am Zeitungskiosk als Aufreißer für potenzielle Kinderschänder dienen könne, die regierungsseitig verbreitete Anfixthese sei laut Koalitionsvertrag nicht mehr Teil der offiziellen Lesart. Man bedaure, dass bei der Bildbearbeitung versehentlich ein Bolzenschneider auf dem Tisch drapiert wurde, das sei Best Practice.

Ein älteres Foto, das das Ehepaar Schweiger samt Anhang zeigte – die Gattin bis auf einen halben linken Arm und etwas Haaransatz aus der Ebene geschnitten – brachte den Wendepunkt. Die Schlagzeilendrescher hatten ganze Arbeit geleistet, die Ausgabe erschien mit „Das Pädo-Monster macht mit den eigenen Kindern rum!“.Der Chef selbst erklärte den Komödiantiker zu seinem Thema und schloss seine Ausführungen, dass der Zweck in einer Leitkultur des christlichen Menschenbildes noch immer die Mittel zu heiligen habe, mit dem Bekenntnis zur geistig-politischen Wende: „Knallt ihn doch endlich nieder!“

Der Tathergang ließ sich aus den Spuren recht schlüssig rekonstruieren; Til Schweiger hatte sich eines Tricks bedient und einen ganz neuen, bei ihm noch nie gesehenen Gesichtsausdruck aufgelegt (die vernehmende Staatsanwältin sollte hernach zugeben, ihn fast nicht wiedererkannt zu haben) und damit das BILD-Gebäude betreten zu haben. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Das mediale Berlin war schockiert, schließlich habe doch Schweiger in den vergangenen Tagen nicht über mangelnde Medienpräsenz klagen können. Man konnte es sich nicht erklären, hoffte aber, dem Schauspieler werde dank seiner Bekanntschaft mit hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft nicht viel geschehen. Man erfuhr nichts. Das Bundesverteidigungsministerium nahm nicht Stellung.





Dinner for One

26 08 2009

Die Presse stand nicht still. Längst war alles abgeklärt, längst mussten auch die bösartigsten Schmierfinken resignieren und zugeben, dass Ulla Schmidt einfach nicht am Zeug zu flicken war. Doch einige von ihnen versuchten es immer noch. War da nicht noch ein Dienstflug? Die Redaktion raunte.

In der Chefetage bemühte man sich um ausgewogene Berichterstattung. Auf der einen Seite war der 60. Geburtstag Josef Ackermanns, den Angela Merkel mit dem Jubilar gemeinsam auf Kosten des Steuerzahlers begangen hatte, ein Privatereignis und von geringem Nachrichtenwert, auf der anderen Seite durfte man dem Chef der Deutschen Bank, der seit der Verfahrenseinstellung gegen eine Millionensumme ohnehin nicht mehr mit der Geldvermehrung, sondern vielmehr mit dem Kapitalverheizen beschäftigt war, nicht die milden Freuden des beginnenden Alters trüben. Man einigte sich darauf, die Fakten ganz objektiv zu unterschlagen. Dies war nach Mehrheitsmeinung des Chefredakteurs allemal rechtens.

Während die Reporter eifrig recherchierten, ob die Alarmanlage auf dem Grundstück der Bundesgesundheitsministerin scharf geschaltet war, telefonierte der Chefradakteur hektisch nach Bildern. „Bringt mir die Alte“, röhrte er ins Gerät, „ich schlachte sie ab morgen drei Tage lang! Kommt mir nicht ohne Bilder wieder!“ Zu gerne hätte er das Menü aus dem Kanzleramt auf die Klatschseite gepackt – das Geburtstagskind hatte mit 30 geladenen Gästen aus dem Kreis langjähriger Freunde ein exquisites Dinner genossen – aber die Staatsraison siegte. Wenn man Hans und Franz lesen ließe, womit die Bänker den Untergang ihrer angesägten Schlachtschiffe gefeiert hatten, würde am Ende das ganze Pack die öffentliche Hand für einen Partyservice halten und noch vor der Bundestagswahl Hummer ordern. Ob die Demokratie in diesem unserem Lande das aushielte, stand denn doch zu fragen.

Die Schnüffler blieben dran. Aber es gelang ihnen nicht, durch noch so abgefeimtes Fragen den Nachbarn ein falsches Wort zu entlocken. Der Schnappschuss einer Passantin, die gerade ein Schuhgeschäft verließ und nur von hinten zu sehen war, gab einige Hoffnung; doch stellte sich schnell heraus, dass die Frau, die da in einen Kleinwagen einstieg, nicht das Zielobjekt sein konnte. Die weißblonden Haare würde man photoshoppen können, doch die Dame trug einen Bolzenschneider in der Hand. Nichts zu machen.

Aus dem Kanzleramt drang durch, dass allein die Kellner 2100 Euro gekostet hatten. Man konnte sich in der Verwaltung diese Summe zunächst kaum erklären, fand dann aber einen schlüssigen Grund: wahrscheinlich hatten die Schaumweinschlepper erheblich unterhalb des von der Union angepeilten Mindestlohns gearbeitet. Der Chefredakteur pfiff durch die Zähne. Ja, auf Merkel war Verlass. Nur mit solcher Unerschrockenheit war Deutschland überhaupt noch zu wuppen.

Die kritischen Stimmen wurden lauter. Der eine oder andere Ressortchef meinte, man könne doch wenigstens die Privateinladung der CDU-Chefin als Besuch eines ausländischen Spitzenmanagers in die wahlkampftaugliche Richtung biegen. Doch er biss beim Chefredakteur auf Granit. Gerade jetzt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen sich jeder selbst der Nächste sei, dürfe man auf keinen Fall gegen Ausländer hetzen. Überdies war er viel zu beschäftigt, um sich der Sache anzunehmen; der Werbetext für das neue Volks-Handy wollte redaktionell abgeschliffen sein, und der Schlagzeile Prügelt die Terror-Schlampe blutig! über dem Artikel von der jungen Frau, die das Berliner Kammergericht wegen Mangels an Beweisen in Haft genommen hatte, fehlte noch der richtige Biss.

Der Politik-Chef nervte. Schon wieder kam er mit der Süssmuth-Story an. Hatte nicht der Ältestenrat die Bundestagspräsidentin entlastet, als man ihr vorhielt, sie habe die Flugbereitschaft der Bundeswehr missbraucht? Der Chefredakteur hielt dagegen, dies seien private Flüge gewesen – ein ganz anderes Kaliber; Ulla Schmidt aber stehe in Verdacht, sogar für öffentliche Termine den Flieger benutzt zu haben. Außerdem wolle man diese alte Geschichte von 1996 nicht mehr aufrühren, wie leicht geriete da das Gesundheitsministerium als Ganzes unter Generalverdacht. Und es ginge schon wieder gegen die Schweiz. Gerade im Wahlkampf aber könne man den Bürger nur durch gezielte Informationen zu den Personen des politischen Lebens aufklären. Die Akte Süssmuth ging auf dem Weg vom Archiv in die Redaktion ohnehin verloren. So hatte sich auch dies erledigt.

Verwirrt stellte die Redaktion fest, dass eine Presseagentur meldete, Merkel richte regelmäßig Geburtstagsgesellschaften aus. Volker Kauder zeigte sich außerordentlich verschnupft, er sei noch gar nicht gefragt worden. G. G. Anderson verbat sich eine Party im Kanzleramt. Ob es an der Gastgeberin lag, konnte nicht eruiert werden.

Das Kanzleramt gab indes die Rechnung für die Bänkerfete nicht heraus. Der Chefredakteur verteidigte das. Datenschutz, so mahnte er, sei ein hohes Gebot. Man habe deshalb schon bei Ursula von der Leyen auf eine präzise Berichterstattung wegen ihrer beiden Dienstwagen verzichtet. Zudem seien die Schmidt-Fotos immer noch nicht da. So könne das nicht weitergehen – solch eine Schlamperei mitten im Wahlkampf!