Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIV): Die Bio-Lüge

5 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt viele Distinktionsmerkmale, wenn sich der Hominide als Teil der besseren Gesellschaft zu erkennen geben will, auch und gerade da, wo er größten Wert darauf legt, dass nur Distinguierte einander erkennen am Augurenlächeln. Im Tier-Mensch-Übergangsfeld kam allmählich Schmuck als reine Sinnlosigkeit auf, wenigstens da, wo keine tierischen Artefakte von Mut und Geschicklichkeit zeugten, sondern sich die Primaten allerlei Tinnef aus Biomasse um den Hals legten. Und so ist es auch in der Jetztzeit, während höchst kultivierte Forst- und Studienräte mit ihren Zivilpanzern auf dem Discounterparkplatz den Gegenwert eines Kohlekraftwerks in die Atmosphäre rülpsen, landet im Kofferraum der gute Ökospargel, tiefgefroren und mit gutem Andenquellwasser befeuchtet, denn was wäre Weihnachten ohne ein bisschen Luxus?

Der moralisch erwachte Körnerfresser ist in der oberen Liga angekommen, und wer es kann, zeigt es auch. Natürlich gehört zur Klientel reststofffrei abbaubarer Neoliberaler der pestizidfreie Typ mit dem Ich-bremse-auch-für-Tiere-Sticker am Toches der Gemächtprothese. Ihre Gesprächsthemen sind zu drei Vierteln aus naturbelassenem Quark, gut garniert mit der Botschaft, dass sie selbstredend die Pinkeltaste auf dem Zweitklo im Landhaus – sehr verkehrsgünstig an der Ausfallstraße gelegen, mit Doppelgarage, keine fünfzig Kilometer vom Büro entfernt – mit repressionfrei geklöppelten Bömmeln schmücken, falls Gäste einen Liter Trinkwasser in die Kanalisation jagen wollen, ohne sich in Blut und Boden zu schämen. Das verfolgt sie bis tief in den Schlaf, noch neulich am Pool in der DomRep, natürlich Flug mit dem Billighuber, aber der Niedriglohnsektor will ja auch unterstützt werden, da haben sie sich gegenseitig in die Sprachlosigkeit philosophiert, warum man zu Hause nicht auch mal so bedürfnislos leben könne wie in der malerischen Armut der Kuffnucken, die einem für Euromünzen die veganen Plastesandalen säubern.

Natürlich geht der ökologische Besserwisser strikt gegen die Renegaten im engeren Umfeld vor. Wer noch immer keinen fair gehandelten Kaffee in die verbrauchsmateriallose Brühmaschine für den Gegenwert einer Solarstromanlage stopft, ist ein Nazi und wird auch dementsprechend behandelt, nebst Demonstration vor dessen Etagenwohnung und Sprechchören auf dem Elternabend. Seit Jahren hält sich das Gerücht, der Ex-Nachbar solle auf dem Balkon beim Verzehr einer Avocado beobachtet worden sein, was unter liberalen Weltverbesserern ungefähr so gut ankommt wie das Bekenntnis zur Kinderarbeit als betriebswirtschaftlich erstrangigem Controllingfaktor.

Aber das Bapperl, das man auf Gurken popelt, ist sein Fetisch, nur dann ist alles gut. Bio-Gemüse aus dem Flugbetrieb schwiemelt sich der Schnösel vergnügt hinters Zäpfchen, während konventionell angebaute Feldfrüchte nach EU-Standard ihm nicht auf den Teller kommen, weil vom Satan selbst mit saurem Regen gebenedeit. Die Ichlinge propagieren bei Fleischkonsum – so er nicht als Fortsetzung des Völkermordes mit anderen Mitteln vom Tisch ist – unumwunden für eine angeblich existierende Öko-Zucht und Schlachtung, als ob man Kälbchen zu Tode streichelt, die aber denselben Fußabdruck in die eine Erde stampft wie der Hühnergulag um die Ecke, der nicht minder abhängig ist vom Import billiger Fresschen, um die Preisspanne nicht an Überstreckung krepieren zu lassen. Der ökologisch behauchte Hobbykoch, der sich einmal im Monat zwei Hühnerbeine leistet und dazu ein komplettes Tier vom Bauern abholt, auf dem Liegerad oder per Gleitschirm, hat sich im Märchen verlaufen und ist mit dem Kopf am Zaun hängen geblieben.

Es gäbe so viel spaßige Gelegenheiten, den Moralaposteln alles madig zu machen, Schokolade, Schnittblumen, Gewürze, Baumwolltextilien. Sie schmarotzen sich durchs Leben auf den Schultern von Giganten, und bis hier hat kein Zündschlüssel den Weg in die Körperöffnung ihres Zwölfzylinders gefunden, der als Statussymbol unter ihnen die Autobahn bis Wladiwostok entlang fräst. Wie sich der neoliberale Korpsgeist als soziales Engagement verkleidet, weil er weiterhin billiges Fertigfutter fürs Prekariat fordert, nutzt er die sorgsam in PVC eingesargte Bio-Gurke – der Keim lauert überall – als Knüppel aus dem Sack gegen alle die, die ihm seine Führerschaft im öffentlichen Diskurs streitig machen wollen, als zählte Vernunft noch etwas.

Dabei könnte sie helfen. Kapselkaffeeapparate mit grotesk hohen Steuern zu belegen wäre eins, aber jeden dieser Aluminiummessies sofort nach Erwerb der Müllmaschinen beim Verlassen eines Elektrosupermarktes mit gemischten Sprechchören zu empfangen, ihm das Ding zu entreißen und es ad hoc im Rinnstein zu zerkloppen, das wäre eine machbare Lösung, die dem moralischen Impetus der Berufsbetroffenen in nichts nachstünde. Sie werden sich zu wehren wissen. Ihre Anwälte sind gut, denn sie arbeiten zufällig für die Industrie der Grünwäscher. Man könnte ja wählen, aber am Ende erwischt man einen Kandidaten, der auf dem Balkon sitzt und Avocados isst.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCI): Das Bio-Etikett

21 06 2013

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da steht er, der Verbraucher, wie immer bar jeder Reflexion sowie meist neben sich und selten über den Dingen, aber schon mal taktisch günstig am Supermarktregal. Tiefkühlwasserleiche hätte er gerne, doch welche? Die delfinfrei gefangenen Quastenflosser im filetierten Stadium? Oder doch den von der Evolution praktischerweise als Kubus geformten Knochenfisch samt Zierpanade? Der Papper auf dem Plastpack informiert kurz, dass ein aus Fischfängern bestehendes Gremium sich dazu herabgelassen hat, die Belange der Fischfänger im Kontext allgemeiner Umweltaspekte sowie der aktuellen Ausrottung noch vorhandener Arten so zu gewichten, dass der Verbraucher ganz sicher sein kann, etwas Reelles für sein Gewissen zu kriegen. Jede Plakette nämlich. Oder existiert in den Weiten dieser mit Behämmerten nicht gerade sparsam ausgestatteten Galaxie jemand, der mehr verlangt hätte als dieses popelige Bio-Etikett?

Das Biest drückt zunächst nur aus, dass sich im Laufe vergangener Erdzeitalter eine wirre Zusammenrottung gut bezahlter Heckenpenner auf den zu diesem Behufe unten angebrachten Muskel gehockt haben, um mit großer Lärmentfaltung ansonsten nichts zu tun, was die Entropie erhöhen könnte. Allenfalls ist der im Beisein ihrer Bezugsperson aus Vollkorn geschwiemelten Hand, die die Überreste der Schöpfung durchgrabbelt, noch in einer 0,25-Punkt-Unterschrift in Gelb auf Violett zu entnehmen, dass es sich um eine Tochtergesellschaft der staatlich peruanischen Tempeltänzerfabrik handelt, die uns jene Form von Ablasshandel andient. Kauf mich, greint der Sticker den Honk an, ich bin nicht ganz so bäh wie der Mist neben mir! Kauf mich, dann drehe ich Dir das Fegefeuer um anderthalb Grad runter – das ist gut für die Ökobilanz!

Öko-Siegel, Umwelt-Engel, Recycling-Fleck, jeder Murks muss inzwischen mit dem Nachweis sachzwangreduzierter Nachhaltigkeit aufgebrezelt werden, und ja, es funktioniert: man kann bei jedem Ding irgendeine supidupi Umweltschutzmasche einstricken. Elektromäher? Jawoll, da braucht’s keinen knatternden Dieselrasierer im Garten. Benzinmaschine? Brillant, der spart ja fast im Alleingang ein Kernkraftwerk ein! Notfalls erfindet die Marketingabteilung irgendeinen Killefit, um die Grütze zu vergolden. Diese Tranfunzel hat beim versehentlichen Herunterfallen die Ökobilanz eines lecken Ölfasses im Naturschutzgebiet? Hurra, es ist eine Energiesparlampe! Man kann dem Auto an der Bahnschranke den Motor abwürgen – gut, konnte man vorher auch schon, kann man eigentlich mit jeder Karre, aber mit dem Superspritstoplogo an der Karosseriebacke geht das Teil doch viel besser weg. Da stört es dann auch keinen großen Geist, dass die Bio-Hähnchen im Gegensatz zu konventionell eingeknasteten Zuchtkadavern aus dem Bio-Hähnchen-Gulag kommen, mehr nicht.

Denn meist ist der Bio-Aufkleber eben nur dies: ein Aufkleber, der jenseits der Produktion in den Schmadder gepfropft wird, Made in Ökoland, hübsch und auffällig und daher hübsch auffällig, wie das penetrante Krokodil, mit dem Parias demonstrieren, dass sie sich nur Kinderarbeit aus Bangladesch leisten können. Vermutlich ist es jenes Insiderwissen, das die Angehörigen dieser sozialen Randgruppe als Monstranz der Komplettverkalkung vor sich hertragen. Wahlweise leistet man sich den breiteren Wagen für den tiefergelegten IQ, der gemäß Herstellerangabe auf 100 Kilometer einen Fingerhut Sprit spart, vorausgesetzt, man fährt mindestens die Hälfte der Strecke bergab mit Rückenwind, oder man tankt gleich den guten Biokraftstoff für den doppelten Nachhaltigkeitsheiligenschein, denn die Bimbos, die dank E10 verrecken, pusten ja auch kein Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre. So ist doch allen geholfen.

Erkennbar wird der Grad der Verdeppung, wo aus dem esoterischen Biotop nebenan meist derselbe Bubber aufquillt – nicht eben wenige huldigen dem Betrug in Gestalt frommen Geseiers, um sich danach über die nächsten als Bioeier verkloppten Batteriebollen besser echauffieren zu können. Da kommt doch die Ideologie gerade recht, und wie ließe sich die besser verscherbeln als ad hoc zusammengerührtes Religionssurrogat. Längst steuern Konzerne mit anthroposophischem Leitbild die Vermarktung der Pampe, Homöopathiker und Informationswasserköpfe, die über Hebammen und Teilzeittierheiler ihre Realitätsverweigerung in klingende Münze umsetzen: Quantenscheuermittel, Hautpflege aus energetisiertem Luftsauerstoff und in Trance verschüttelte Tütensuppen. Die vom Konsumenten gewünschte Erleuchtung kommt als sanfte Blendgranate, hinterlässt mittelschwere Schmauchspuren an der Schädelinnenseite, zeitigt aber keine erkenntnistheoretischen Langzeitfolgen. Bald werden sie herausfinden, dass das Bio-Obst in Wirklichkeit aus einer Garage in Bad Gottleuba-Berggießhübel stammt, wo es Apfel für Apfel und Birne für Birne auf den Fußboden geworfen wird, um Schmuckdellen in der Schale zu erzeugen, bevor eine geringfügig Beschäftigte der Aufkleber 100% Öko ankleistert. Sie werden es mit gutem Gewissen tun, denn es ist unbehandelter Naturholzfußboden. Mit Bio-Etikett.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXVI): Bio

21 09 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als der Hominide die Früchte des Feldes dankbar und guten Gewissens verzehren konnte. Der Baum der Erkenntnis war tabu, doch der Rest ließ sich je nach Reife und Aggregatzustand als Kalorienzufuhr verwenden. Jeder aß dasselbe, so er nicht durch Glück oder Tüchtigkeit Pilze fand, die satt machten (oder lustig, aber jedenfalls nicht tot) und knuspriges Getier, das für die Flucht anatomisch nicht gerüstet war. Mit der Erfindung des Handels in der arbeitsteiligen Gesellschaft, deren eine ernteten und jagten, während die anderen buken und brutzelten, trennte sich die Einheit. Korn blieb erschwinglich für die meisten, doch da sich andere süße Früchte leisten konnten, musste ein Statussymbol her. Es ward Abend, es ward Morgen, und es ward Bio.

Die Heckenpennerhorde, die weiland in der Biostunde Malstifte in den Frontallappen gestopft hat, sondert heute Bücher über genetische Marker zweitausend Jahre alter Völker ab oder rülpst ihre Kindervorstellungen über Synapsenverdellung durch das böse Internet in jede Kamera, die nicht rechtzeitig in Flammen aufgeht. Weil sie vom naturwissenschaftlichen Einmaleins so viel Ahnung hat wie eine Braunalge von Schnadahüpfel und munter Kinderglaube und Esoterik verquirlen. Urgrund des Bio-Wahns ist der hirnverdübelte Unsinn, man könne den Kuchen fressen und dabei doch aufbewahren, vulgo: den Kapitalismus bis in die Schlusszuckungen mitturnen, aber gleichzeitig gesund wie die Ahnen, pesti-, fungi-, herbizidfrei die Möhre mümmeln, aus eherner Scholle tapfer ins Maul. Schon die Ausgangsposition ist Mumpitz dritter Kategorie, denn gäbe es nicht Turbofarm und Fleisch-KZ, um den als Wohlstand deklarierten Müll in den Kommerzkreislauf zu klatschen, keine Kartoffel bedürfte einer zusätzlichen Taufe zum naturbelassenen Produkt – als diese suizidale Form der Nährstoffakkumulation noch nicht das Gesicht dieses Planeten verpickelte, gab es überhaupt nur naturbelassenes Gemüse, naturbelassenes Obst und naturbelassenes Getreide. Eine Perversion der sachzwangreduzierten Ehrlichkeit allemal, dass dies bis in die DNS aufgebohrte Nachzuchtmassaker als konventionelle Landwirtschaft gilt. Die Parallele ist dem konventionellen Krieg geschuldet, der zwar auch die ganze Menschheit ausrottet, aber nicht so hip ist wie die Nummer mit dem Atompilz.

Es ist ja nichts als physiologischer Aberglaube, dass bei Vollmond im Beisein einer Bezugsperson geerntete Pflaumen ein besseres Karma machen als die Discounterversion der Steinfrucht. Die Mitochondrien interessiert es nicht, woher die Proteine kommen, sie verarbeiten Frischmilch wie Fettklops. Alles andere ist Animismus im Gewand postmoderner Verdummung, weil der ideologisch gefestigte Hohlrabi, Kind des Effizienzwahns, auf mehr besteht, mehr Vitamine, mehr Eiweiße, mehr Bla vom Blubb. Eine normale Ernährung, so sie nicht nur Pommes und gedünstete Wellpappe beinhaltet, bietet ohnedies ein Überangebot aus Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen, die zum größten Teil unbehelligt in die Kanalisation rauschen – wozu also der zwanghafte Wunsch nach mehr von allem? Wenn nicht die kapitalistische Psychose nach unbegrenzbarem Wachstum der Schlüssel ist, was ist er dann?

Dass diese Vorstellung von Biologie mit dem tatsächlichen Leben nichts zu tun hat, wirft ein trübes Licht auf die Dumpfdüsen des Ökoterrors. Die Rübe an sich unterliegt einer arteigenen Schwankungsbreite der Qualität, die so groß ist, dass sie mit biologisch-dynamischen Sanktionen nicht einmal näherungsweise beeinflusst werden könnte. Das Gepopel im Gewächshaus ist, wenn überhaupt, Kosmetik an den Nachkommastellen, ein heroischer Kampf um ein paar Promille mehr Traubenzucker – falls nicht das Wetter andere Vorstellungen hat oder auf dem Transport sämtliche Nährstoffe hops gehen. Die grassierende Vorstellung, was biologische Prozesse sind, leisten und zeitigen, ist mechanistisch und kommt ohne Sachkenntnisse aus. Denn was erwartet man von den Bescheuerten, die nach Wirksamkeit fressen, nicht ohne Brot und Wasser mit Multifunktionalität auszustatten.

Bio ist nichts mehr als das Distinktionsetikett einer bornierten Schicht mediokrer Waschlappen, die den Proletariern gegenüber elitär auftreten, während sie der Elite als Proleten erscheinen. Ihr Häppchen Stolz ziehen sie aus dem Aufpappschild, als kämen nicht beide Hühner, mit und ohne Heiligenschein, aus demselben Gockelgulag, wie auch Designerhose und Billigbuxe aus demselben Kinderarbeitsknast stammen, jeder weiß es, aber der kultivierte Konsument rümpft elegant die Nase und erklärt es zur bedauerlichen Notwendigkeit der Globalisierung. Dass der ganze Schmadder, der aus dem industriellen Gleichschaltungsprozess quillt, auch nur im Entferntesten etwas mit den hehren Zielen von Umweltschutz und Gesundheit zu tun hätte, ist folkloristischer Plüsch aus dem Kabinett der Gegenaufklärung. Es ist nicht viel mehr als moderner Ablasshandel, dessen Kassenzettel in quasireligiöser Verzückung als Persilschein der ethischen Unfehlbarkeit herumgereicht wird – wie jede andere Form aggressiv vorgelebter Demut ist auch dies nichts anderes als Dünkel aus Dummheit. Wie viele Liter Sprit hätte der ökologisch korrekte Bescheuerte im SUV verheizen können, wäre ihm das 100%-Hoffart-Siegel auf seinem Kartoffelsack nicht reißpiepenegal gewesen. Sie nehmen es nicht einmal ernst, dass sie sich gegenseitig von den Segnungen der Zivilisation – Klimakatastrophe, Ozonloch, Hungerkatastrophen und ähnlicher Zores – Absolution erteilen wollen, denn sie fallen auf die Mutter der plumpen Marketinglügen herein, kaufen aus ökologisch motivierter Blauäugigkeit Spargel aus den Anden und müssen sich Flugananas aus Feuerland hinters Zäpfchen schwiemeln, mit letzter Kraft verdrängend, dass der Beknackte für jedes Kilo rund um den Erdball rödelndes Gemüse ein Jahrhundert lang auf der Pinkeltaste knien müsste. Dass jeder Affe sei eigenes Bapperl auf die Banane batschen kann, macht die Sache natürlich gleich viel glaubwürdiger.

Sie werden ihren Biomüll kauen, bis er ihnen zu den Ohren rauspladdert. Sie werden kalt gepresstes Öl schlucken, in dem karzinogene Lösungsmittel jodeln. Tuberkeln und Listerien werden ihre Brut unter die Scholle pflügen, weil sie ihre Milch nicht wie jeder andere Querkämmer auch im Supermarkt kaufen wollen. Mit etwas Glück überlebt der Nachwuchs, bleibt aber doof. Was will man mehr. Denn irgendjemand muss ja schließlich den ganzen Bioquatsch weiter kaufen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLIII): Bio-Wahn

23 03 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher – als die Gummistiefel noch aus Holz waren und die Kinder zu Kaisers Geburtstag eine weniger auf die Nase kriegten – war grundsätzlich alles besser. Natürlicher. Gesünder. Die Kartoffeln waren dicker (und es gab noch Kartoffelkäfer), die Hühner konnten noch richtige Eier legen (und zehn Prozent der Bevölkerung konnten sie sich leisten) und die Welt war ganz einfach sauberer, vor allem der Dreck im Schweinestall und die Erde zwischen den Rüben. Damals. Jene ferne Zeit, die wir uns so verzweifelt nicht zurückwünschen, weil mit ihr Pocken, Zichorie und Zwickel wiederkämen. Und doch bräuchten wir sie eigentlich, weil es sonst die Nostalgie nicht gäbe und den unerfüllten Wunsch nach Reinheit, Unverdorbenheit, kurz: alles, was uns der kreative Umgang mit der Realität vorgaukelt. Man muss nicht fürs Wilhelm Zwo auf die Straße gehen, der Bio-Wahn tut’s auch.

Er grassiert, wo immer der Deutsche sich mit verdauungsfähigem Material aus dem Bereich des Organischen befasst. Bio-Ei, Bio-Möhre, Bio-Huhn und ähnliches Gepopel bietet der Handel feil, klar fasslich dank zweier untrüglicher Kennzeichen: einmal schreit das Schild biologisch-dynamisch und auch ansonsten quarkig in die Landschaft, und dann sieht man’s am Preis, der den Distinktionsgewinn der emissionsarmen Erbse eindrucksvoll ins Auge des Betrachters tackert. Wer zur ganzheitlich gedüngten Gurke greift, tut dies nicht zufällig, sondern für die Galerie. Bioware ist bewusstes Genießen. Wenn gleich auch meist nur den Neid der Betrachter an der Kasse.

Längst gerinnt das Biogezumpel zum sozialen Gegenbild, denn was sollte es auch sonst sein? Allein der Blick, was der Brauchtumsterrorismus dem Premium-Kunden in die Einkaufskörbe kippt, zeigt den intellektuell degenerierten Vollhonk in vollem Effekt. Brühwürfel und Boulette sind bio (unter Vernachlässigung anorganischer Komponenten wäre das nicht von der Hand zu weisen, aber woraus sollten sie auch sonst sein, wenn nicht aus Input für die Schleimhäute), Chips und Mineralwasser. Der Stammhirnverfall der Beknackten scheint an Fahrt aufgenommen zu haben, so die geistig nicht gesegneten Günstlinge ihre Barschaft für derlei Sülzwarenfabrikation hergeben. Ist nicht demnächst die Butter auch schon bio, weil sie auf natürlichem Wege ranzig wird?

Geschenkt, es geht ja um den Gesundheits-, um den Lebensaspekt, warum der Hobbyöko lieber die natürliche Milch mit babylonisch sprechendem Dreckrand als den ultrahocherhitzten Kuhsaft kauft. „Du bist“, greint uns die verdeppte Esoteriktrulla aus der Volkshochschule entgegen, „was Du isst!“ Sobald wir den Mitochondrien beigebracht haben, die Eiweiße aus Tütennudeln und Sojaklops zu unterscheiden, holen wir uns den Nobelpreis von der Käsetheke. Sicher haben bis dahin Kohlrabi und Koriander die Kunst- und Naturdüngersorten auf niedermolekularer Ebene am Geschmack erkannt. Denn welcher Schnittsalat würde sich schon von Bescheuerten pflanzen lassen. Beim Schlangestehen um eine Hirnspende geht die wissenschaftliche Grundausstattung gerne zu Blut und Boden, denn wer würde sich schon an Tatsachen halten, wenn er sich sein Weltbild aus Wunschvorstellungen leichter zurechtschwiemeln könnte.

Ob die handverkratzten Äpfel, das manuell eingekotete Freilandei tatsächlich besser sind? Klar, denn im Gegensatz zur Fließbandproduktion konventioneller Vollwertkekse ist die Biotomate natürlich im Beisein der Bezugsperson in feuchter Watte gezüchtet worden, keinesfalls in der Grünzeugmanufaktur, sondern ebenso in halb automatischer, maschinengestützter Fertigung, bis zum Grenzwert der Industrienorm mit Herbiziden eingenebelt, genmanipuliert, aber eben bio, da nur mit natürlichen Schadstoffen belastet. Als ob die Güllephosphatjauche besser für die keuchenden Fließgewässer wären, als ob der Monokultur mit Ökomais die Artenvielfalt an der Krume nicht genauso scheißegal wäre. Aber Hauptsache, der appetitlich verschrumpelte Mangold in frühlingshaftem Braun passt zum Stickoxid-Profil des grün-alternativlosen Geltungsfressers, der in seinem paternalistischen Besserwisserwahn gleich noch die andere Hälfte der Bescheuerten umerzöge, bekäme er Rabattmarken für nachhaltig gammelnde Hass-Avocados.

Der Bio-Wahn inszeniert, wie eine brüllend doofe Soziokaste sich im eigenen Geschwurbel aus Pseudobetroffenheit und elitärem Konsumismus verrennt, immer mit dem hehren Gefühl, die ganze Menschheit gegen ihren Willen durch runzeligen Rucola zu retten. Gäbe es Bundesverdienstkreuze für die stoische Penetranz, mit der sich Vorzeige-Körnerfresser Welkwirsing in die Gemüsekiste kippen, Wasserrüben aus mehr Wasser als Rübe und Reste undefinierter Knollen zum Endverkaufspreis von Feingold, sie würden sich das Zeug gegenseitig in die Schlichtvisage knoten. Keinem fällt auf, dass selbst die Discounter der mittleren Unterklasse längst ihr eigenes Bio-Sortiment haben (Fertigmüsli mit natürlichem Industriezucker, Sellerie mit unbehandelter Schale, Fleischwurst von glücklichen Mastsauen), marketingtechnisch auf Strom- und Fluchtlinienform gefönt, dabei so niederpreisig, dass nur die Nachhut auf Niedrighirnniveau die Provenienz des Brathuhns aus dem Geflügelgulag leugnen könnte. Erst wenn der letzte mit Felsquellwasser aus den Anden gezogene Spargel biologisch-dynamisch per Flieger nach Nordhessen verlastet wurde, werden sie feststellen, dass man so viel Müll gar nicht trennen kann, um den Hirnplüsch auszugleichen, den sie da verzapfen. Aber wir werden uns daran gewöhnen. Solange das Zeug noch nicht als chinesischen Produktpiraterie aufgekippt ist, das seine Bio-Bömmel in Beijing im Hinterhof angepappt kriegt. Oder wenn auch integrierter Blumenkohl nachts im Kühlschrank wieder anheimelnd brummt und leuchtet. Hoffentlich grün.