Um Gottes Willen

3 09 2012

„Beobachten Sie Ihn, vielleicht gibt es sich ja von selbst. Das ist erstmal nur eine Jugendfreizeit, und junge Leute sind nun mal leicht zu neue Ideen zu begeistern. Wenn Sie dann später das Gefühl haben, dass er seinen alten Freundeskreis vernachlässigt oder ganz andere Wertvorstellungen vertritt, als Sie ihm das beigebracht haben, dann können Sie sich immer noch bei uns melden. Vor allem sollten Sie die Regel weiter durchhalten: einmal pro Woche in die Kirche ist okay. Mehr nicht.

Diese Bundesverfassungsrichter wieder! Gut, die Kampagne gegen islamistische Jugendliche – nein, nicht gegen die Jugendlichen, sondern gegen den Islamismus als solchen, das wurde dann aber eine Kampagne gegen – ist ja auch egal, jedenfalls war das Diskriminierung, und jetzt müssen wir eben alle gleich behandeln. Wie, der Innenminister? Na, den hätten sie auch gleich behandeln müssen, gleich nach dem Amtsantritt, aber jetzt dürfen wir nicht mehr nach Religionen unterscheiden. Jetzt müssen sie alle bei uns anrufen. Was das soll, weiß zwar keiner mehr, aber das ist ja auch egal.

Radikalisierungsberatung? Ja, ich höre. Die neuapostolische Kirche? Die sind nicht direkt anglikanisch, aber sie haben nichts für die Ökumene übrig. Das liegt bei uns im Schubfach mit der armenischen apostolischen Kirche und der syrisch-orthodoxen Kirche von Europa. Da war halt noch Platz. Ich schicke Ihnen gerne mal einen Info-Flyer zu, da können Sie dann nachschauen, ob das etwas für Sie ist. Sie sind konfessionslos? Ach so, verstehe, Sie haben einen Migrationshintergrund. Und da haben Sie den Theravada-Buddhismus her? Nein, ist schon richtig so. Weil, wenn Sie jetzt zum Beispiel vorhätten, neuapostolische Terroristen zu werden, dann wäre ich Ihr Ansprechpartner.

Das ist natürlich zuerst eine Kampagne gegen schleichende Religiosität. Erst ist es spielerischer Kindergottesdienst, dann kommt der Pfarrer in die Kita, Erstkommunion, und schon wollen die Kurzen Messdiener werden. Nein, finde ich jetzt nicht direkt schlimm, wenn sich das in Grenzen hält, aber man muss eben aufpassen, dass das nicht überhand nimmt. Sonst haben wir demnächst eine Bibelszene hinter dem Bahnhof. Man merkt das zwar nicht so, aber wir haben eine Trennung von Religion und Staat. Auch wenn das manchen nicht passt.

Radikalisierungsberatung, guten Tag? Nein, da sind Sie falsch verbunden. Der Verfassungsschutz untersteht zwar auch dem Bundesinnenminister, zumindest theoretisch, aber wir sind nicht zuständig für Terror gegen religiöse Minderheiten. Wir sind nur zuständig, wenn die religiösen Minderheiten oder auch religiöse Mehrheiten andere religiöse Minder- oder mehr oder minder Mehrheiten terrorisieren. Wenn Sie terrorisiert werden, dann tut uns das Leid, aber da müssen Sie sich bitte direkt an die Bundesregierung wenden. Oder fragen Sie Ihren Anwalt, der weiß da noch besser Bescheid.

In der Werbung ist das doch nicht anders. Sie wollen möglichst sympathisch auftreten, Sie wollen als Marke souverän und werthaltig erscheinen, Ihr Produkt setzt Maßstäbe – darum nehmen Sie nur die klügsten Leute aus der besten Agentur. Wir haben Friedrich. Deshalb hat unsere Aktion eine klare psychologische Stoßrichtung. Angst.

Natürlich Angst. Sonst kriegen Sie die Leute zu nichts. Das ist eine Sicherheitspartnerschaft, und wie macht man eine Sicherheitspartnerschaft, wenn es nicht ausreichend Unsicherheit gibt? Dazu braucht man Angst. Nicht vor dem einzelnen, der ist ja ganz nett, der grüßt immer im Treppenhaus, die Kinder sind auch sauber und ordentlich gekleidet, die Erwachsenen arbeiten, alles im Lot. Aber die sind irgendwie anders, auch wenn man genau weiß, dass sie nicht anders sind. Die sind anders, weil die alle anders sind. Und wenn nicht, dann reicht es, dass wir sie als anders wahrnehmen. Und schon sind das keine normalen Menschen mehr. Das sind Fremde. Schläfer. Terroristen. Die gehören eigentlich mit Stumpf und Stiel –

Radikalisierungsberatung, grüß Gott? Haben Sie Ihrer Tochter erklärt, dass das möglicherweise mit starken Einschränkungen ihrer Freiheit verbunden sein wird? Vor der Ehe sowieso nicht, das ist klar, aber in der Ehe gelten auch strikte Regeln. Keine Verhütung. Und sie wird dann ihren Mann fragen müssen, ob sie in ihrem Beruf weiterarbeiten darf, falls sie überhaupt noch wird arbeiten dürfen. Einer muss sich ja um die Kinder kümmern, das macht eben nicht der Mann. Gut, das hört sich jetzt etwas überraschend an, aber beruhigen Sie sich, manche nehmen es in der Praxis etwas lockerer. Und die Frauen sind beim Vatikan etwas im Wert gestiegen, sie rangieren knapp oberhalb von Haustieren. Halb so schlimm, wenn man’s nicht anders gewohnt ist.

Wo waren wir stehen geblieben? Richtig, in der Parallelgesellschaft. Wir müssten eigentlich überall Terrorcamps wittern, wo sich zwei oder drei potenziell verdächtige Personen innerhalb derselben Stadt befinden. Haben Sie sich schon mal gefragt, was auf dem Katholikentag so alles erzählt wird? Wenigstens müssen Sie uns das nicht beibringen, wir haben immer noch genug Know-how, wie man Beweise schafft und Beweise verschwinden lässt.

Radikalisierungsberatung? Nein, das haben Sie falsch verstanden. Wir helfen, ja, aber wir sind – nein, wir sind gegen die Radikalisierung. Dagegen. Tut mir Leid, damit kann ich nicht dienen. Aber rufen Sie doch einfach mal bei der CSU an.“





Innendienst

23 09 2009

Ich zuckte heftig zusammen, als der Wachmann donnernd von seinem Stuhl hochsprang und mir ins Gesicht brüllte. „Sie werden sich daran gewöhnen“, beschwichtigte mich Krempp zu Greiffenklau mit einem sanften Lächeln, „das ist nur beim ersten Mal etwas exotisch, aber lassen Sie ein paar Monate ins Land gehen. Dann finden sich alle damit ab.“ Wir nahmen den Aufzug und fuhren in den ersten Stock. Die Glocke läutete. Der Lift hielt an. Der junge Offizier ließ mir mit einer artigen Handbewegung den Vortritt. Da waren wir also.

Eine hektische Stille lag im ganzen Gebäude. Man meinte, die Vorgänge in den Aktendeckeln knistern zu hören. Wir schritten den Korridor zum Besprechungszimmer ab, als plötzlich eine Tür aufflog. „Gazzekoppaniiiiiie – stillstann!“ Das kleine, rotgesichtige Männchen trug silbernen Stern mit Eichenlaub auf dem Schulterstück. „Augäääään – likks!“ Er hackte abrupt die Fersen aneinander und knallte die Tür wieder zu. Was war denn das? „Major Schlottberg, gerne genannt Major Neese. Er hat sich noch nicht so richtig im Bundesministerium des Innern eingelebt und, sagen wir mal: er tickt manchmal ein bisschen aus.“ Krempp zu Greiffenklau markierte eine wischende Bewegung vor seiner Stirn. „Er hat doch tatsächlich neulich verlangt, dass die ganze Abteilung vor der Kaffeepause im Hof antritt und abzählt. Natürlich war hinterher der Kaffee kalt, weil die Angestellten die Begrüßung nicht hinbekommen haben.“ Ich hatte es mir ungefähr so vorgestellt, dennoch war ich von den Auswirkungen ziemlich überrascht.

Wir hatten das Zimmer erreicht; ein kleiner Raum mit Glastüren, Fenstern auf den Innenhof und vielen Grünpflanzen, einem Konferenztisch und Stahlrohrstühlen. Krempp zu Greiffenklau goss Wasser in zwei Gläser. „Sagen Sie“, fragte ich ihn, „wie ist es eigentlich dazu gekommen?“ „Nun“, begann er, „der Bundestag ist nur zur Hälfte daran Schuld. Sie haben wie stets alles durchgewunken, ohne die Gesetzesvorlagen zu lesen. Man macht sich im Parlament die Arbeit ja außerordentlich leicht, wenn es um verfassungsrelevante Fragen geht.“ „Aber wie ist dieses Gesetz denn überhaupt entstanden?“ Er seufzte tief auf. „Das ist es ja, es war eine Verkettung inkompetenter Umstände! Schauen Sie, der Verteidigungsminister hatte in der ganzen Aufregung – es war Wahlkampf, jeder redete von Afghanistan – ein paar Rabattmarken in seinem Schreibtisch gefunden. Von der Kanzlei, die auch der Wirtschaftsminister immer nimmt für seine Gesetze. Nun, alles sollte schnell-schnell gehen, es waren Juristen damit beauftragt, die sich gar nicht mit dem deutschen Recht auskannten, sie haben nur die Rabattmarken gesehen, und dann ist es auch schon passiert. Und jetzt haben wir den Schlamassel.“ Was genau war da passiert? „Diese Anwälte sollten ein Gesetz zum Einsatz der Bundeswehr im Innern formulieren, und weil sie nur auf die Rabattmarken geschielt haben – das Honorar war dann auch geringer – wurde daraus versehentlich ein Gesetz zum Einsatz der Bundeswehr im Bundesministerium des Innern. Im Ministerium! Wie konnte so ein Schnitzer bloß passieren!“ „Tja, immer noch besser als das Zugangserschwerungsgesetz“, warf ich mit einem süffisanten Grinsen ein, „bei Ihrem ist wenigstens auch das drin, was draufsteht.“

Er war sichtlich verärgert. „Stellen Sie sich einmal diese Blamage vor! Der Generalinspekteur war persönlich im Justizministerium und hat einen Tobsuchtsanfall bekommen. Natürlich wusste die Zypries wieder einmal von nichts. Stellen Sie sich die Kommentare im NATO-Hauptquartier vor, der blanke Hohn! Die Armee sei jetzt an die Aktenfront verlegt worden, wir würden mit der Gulaschkanone den Beschuss mit Kalorienbomben vornehmen – nicht auszuhalten! Da trösten einen die positiven Aspekte auch nicht mehr.“ Positive Aspekte? Ich konnte mir keinen vorstellen. „Doch, die gibt es durchaus. Stellen Sie sich einmal die Zeitsoldaten vor, vor allem die Mannschaftsdienstgrade. Wenn die ausscheiden, ist doch der Drops gelutscht – die können nichts, weil sie nichts gelernt haben, und brauchen für jeden Nagel, den sie in die Wand hauen sollen, einen eigenen Befehl. Auf dem Arbeitsmarkt haben Sie da keine Chance. Nehmen Sie dem Staatsbürger seine Uniform, dann ist aber Holland in Not!“ „Und damit wollen Sie die Soldaten retten?“ „Es bleibt uns ja nichts übrig“, sagte er verlegen, „hier lernen sie wenigstens am Objekt, wie Innere Führung funktioniert. In der Truppe wird ihnen ja meistens gar nicht erst erzählt, was politisch notwendig, militärisch sinnvoll und moralisch begründet ist.“

Vom Gang erscholl lautes Geschrei. „Aus dem Weg! Wenn ich Ihnen befehle, dass Sie grüßen, dann haben Sie zu grüßen!“ Krempp zu Greiffenklau wurde aschfahl. „Nicht schon wieder! Herrgott, nicht schon wieder das!“ Er riss die Tür auf und stürzte hinaus in den Flur. „Major Neese hat wohl wieder seine komischen fünf Minuten“, mutmaßte ich. „Allerdings“, murmelte der Offizier, „und es wäre besser, wenn Sie jetzt…“ Jählings begann der Kriegsheld wieder zu schreien. „Das ist mir scheißegal, was Sie meinen! Sie haben hier als Zivilist überhaupt nichts zu sagen! Sie stehen jetzt aus Ihrer verdammten Krüppelkarre auf und grüßen, und dann will ich, dass Ihre Beine zwei rotierende Scheiben bilden, die den Boden nur noch zur Richtungsänderung berühren, sonst reiße ich Ihnen den Arsch auf, dass Sie da einen Schützenpanzer quer einparken können! Abtreten!“