Aufstocker

10 01 2013

„Gut eine Million, verteilt auf das Jahr. Oder bis zur Wahl, man will ja auf Nummer Sicher gehen. Dann wären wir erstmal aus dem Schneider. Nein, nicht Euro. Wo denken Sie hin? Arbeitslose! Oder haben Sie keine mehr vorrätig?

Wir haben hier eine der modernsten Behörden der Welt. Alles funktioniert, wir werden unseren Aufgaben gerecht, auch und gerade durch die von der Regierung beeinflusste Effizienzsteigerung. In der Verwaltung, nicht für die Arbeitsuchenden, oder was haben Sie gedacht? Wir sind eine Agentur, das ist modern, das ist zielgerichtet, das ist schon so gut wie alles – müssen wir uns da noch um Inhalte kümmern? Geben Sie uns irgendeinen gesetzlich vorgesehenen Bedarf, und wir definieren den weg. Schauen Sie mal, wir produzieren für den Export, die meisten Personalchefs haben noch nichts vom demografischen Wandel und vom Fachkräftemangel gemerkt und finden die Leute, die es offiziell gar nicht mehr gibt, der deutsche Euro ist stark, die Kanzlerin sitzt fest im Sattel – wir sind am Arsch!

Die Bundesagentur muss bis 2015 vollkommen umstrukturiert werden. Bisher sind wir modern und effizient und… wissen Sie ja. Hinterher soll es aber immer noch so aussehen, verstehen Sie? Eben, und wir sind ja nur eine Behörde. Wir müssen 17.000 Stellen abbauen. Aber die Stellen, die wir abbauen, die müssen wir dann ja als Arbeitslose hinterher wieder betreuen, und dann haben wir wieder zu wenig Stellen, dann haben wir zu viele Arbeitslose, und dann müssten wir wieder neue… so irgendwie. Das machen Sie mal einem Ministerialbeamten klar, der sieht nur Stellenstreichungen, und dann war’s das. Neuwahlen? Nee, alles machen die von der FDP ja nun auch nicht für Geld.

Vor allem stellen Sie sich mal vor, dass die ehemaligen Agenturmitarbeiter hier als Arbeitslose ankommen. Die wissen doch, wie der Hase läuft! Da kriegen Sie keinen Bescheid über den Tisch, ohne dass Ihnen das Gericht die Ohren lang zieht! Gut, wir sichern Arbeitsplätze in der Justiz, aber ist das wirklich alles? Können wir nicht noch viel moderner und effizienter sein?

Moderate Lohnsenkungen wären schon mal ein guter Anfang. Das müsste man vielleicht etwas besser verargumentieren. Instabile Märkte? Klingt schon mal gut. Gestiegene Managergehälter führen zu empfindlichen Sparmaßnahmen? Das ist prima. Das können wir kommunizieren. Vor allem endlich einmal eine Umverteilung von oben nach unten.

Wir haben ja auch unsere volkswirtschaftliche Verantwortung. Wir sind für den Arbeitsmarkt direkt verantwortlich, zumindest für die privaten Arbeitsvermittler. Und die Weiterbildungsindustrie. Das sind Arbeitsplätze! Und wenn Sie sich überlegen, dass wir noch viel moderner – egal, auf jeden Fall können wir die Zeitarbeitsfirmen nicht einfach so mit zu viel verfügbarem Personal zuschütten. Am Ende denkt die Wirtschaft noch, die könnten wieder Stellenanzeigen in die Zeitung setzen, ohne uns davon zu informieren. Das kann man doch einer modernen, effizienten Behörde nicht zumuten!

Das ist doch gar nicht so ungewöhnlich. Denken Sie an die schlechte Zeit nach dem Krieg. Nein, nach 1918 meine ich. Plötzlich diese Republik, und dann waren die ganzen Versorgungsposten alle weg, nicht mal Bürgerkrieg in Sicht, was macht man da? Stabsstellen einrichten, Hauptämter, Bürgerwehr, Reichsbutterrationierungshilfsunterinspektoren, und alle bekommen Geld vom Staat, den sie hassen, weil er für parasitäre Existenzen wie sie die Moneten zum Fenster rausschmeißt. Man hält sich über Wasser, irgendwie, und hofft, dass man als Aufstocker durchkommt. Bedingungsloses Grundeinkommen? Ja, das trifft es.

Das Weiterbildungsprogramm könnte man noch ausweiten. Die Ausbildung innerhalb der Agentur, sonst macht das ja keinen Sinn. Wir qualifizieren uns doch nicht unser Kapital vom Hals.

Es gäbe da noch eine Interimslösung. Aber ich weiß nicht, ob man das denken darf – das ist alles ganz logisch und vernünftig und entspricht weitestgehend den Tatsachen, deshalb ist es ja auch politisch nicht opportun. Also nur mal ins Unreine gedacht. Nicht böse sein. Wenn man die über 58, wenn man die nicht als Abfall, sondern als normale Arbeitnehmer –

Langfristig könnte uns möglicherweise der Euro-Backlash retten. Meinen Sie nicht, wir könnten langsam mal von der Krise profitieren? 20% Arbeitslose, davon träumen wir! Mit den Zahlen könnten wir unseren Personalbedarf verdreifachen! Das wird dann noch moderner und kompetenter und, naja, vielleicht irgendwie auch effizient. Man müsste mal sehen, ob wir nicht auch die Ausländer mit verwaltet. Die, die nach Deutschland kommen. Und die, wo wir noch nicht zuständig sind. Man denkt in großen Dimensionen, wenn man einmal angefangen hat. Und wenn wir genügend Fremdarbeiter auf dem Arbeitsmarkt haben, könnte man auch das Argument mit den deutschen Fachkräften ganz anders besetzen. Noch eine Kundenschicht mehr, wir könnten gleich viel differenzierter vorgehen. Ich sage Ihnen, wir haben hier in Deutschland paradiesische Zustände. Die Politik macht wirklich alles richtig. Wenn man mal von den Arbeitslosen absieht, dann haben wir hier bald Vollbeschäftigung.“





Der Puppendoktor

19 04 2012

Chantal saß einfach nicht gerade. Außerdem rutschte ihr ständig die Jacke von den Schultern. Bei der geringsten Berührung glitt sie von ihrem Drehstuhl, sank unter den Tisch der Pförtnerloge und blieb mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden liegen. „Sie ist noch nicht ausgereift“, murmelte Flörtzheimer. „Entweder liegt es an der Uniform, oder wir müssen etwas anderes nehmen als Silikon.“

Ihre Schwester hing über dem Treppengeländer. Flörtzheimer pumpte sie mit Hilfe eines Fußgerätes auf. „Unverkennbar“, sagte er mit schiefem Grinsen. „Wir haben sie ja früher alle mal für rein private Zwecke hergestellt. Aber die Zeiten sind schlecht, die Konkurrenz ist groß, wir mussten uns etwas anderes überlegen.“ Ich sah zu, wie die Kunststoffdame mit dem Blökmund sich langsam entfaltete. „Und Sie konnten nicht auf etwas anderes umsteigen?“ Er schüttelte den Kopf. „Die Lager waren ja noch voll“, antwortete er mit leisem Bedauern, „und irgendetwas mussten wir mit dem Zeug anfangen. Und da hatten wir die zündende Idee. Das heißt, ich hatte sie. Doktor Flörtzheimers Allzweckmodelle. Voilà!“ Und er ließ den Gummischlauch aus dem Ventil der Dame fluppen.

In Reih und Glied lagerten die abwaschbaren Schönheiten, nach Farbe und Material sortiert, mit Seriennummer und Preisschildern versehen. „Das ist Shirley“, informierte er mich. „Hallo Shirley“, replizierte ich trocken. Flörtzheimer zog eine Augenbraue in die Höhe. „Spotten Sie nicht“, sprach er missgelaunt, „das ist ein deutsches Spitzenfabrikat. Bis 60 Grad in der Maschine waschbar, Echthaarperücke optional. Mit Sprachchip.“ „Sprachchip?“ „Jawohl“, triumphierte er, „das hätten Sie wohl nicht gedacht? Die Technik macht nicht Halt davor – warten Sie, ich…“ „Ich will das gar nicht hören“, rief ich, peinlich berührt, und presste mir die Hände auf die Ohren. Aber er schaltete sie Plastefrau einfach ein. „Sie haben nicht die erforderlichen Papiere für einen Antrag auf Einfuhrgenehmigung“, schnarrte die Stimme, „bitte kommen Sie in der nächsten Woche wieder, jedoch nicht vor Donnerstag.“ Er schüttelte Shirley. „Mitt-wochs ge-schlos-sen! Bit-te fü-gen Sie Ih-rem Schrift-wech-sel die…“ „Großartig“, staunte ich, „sie könnte sofort eine Zollstelle übernehmen.“ „Das ist der Sinn der Sache“, nickte Flörtzheimer. „Mit unserem Angebot haben wir den drohenden Fachkräftemangel sofort im Griff.“

Leider war Heidi etwas zu unflexibel für den Hosenanzug. „Möglicherweise macht der Hosenanzug sie aber auch unbeweglich“, mutmaßte Flörtzheimer. „Man hat da so seine Befürchtungen. Jedenfalls ist eine gewisse Starrheit für dieses Beschäftigungsfeld durchaus von Vorteil.“ „Wo genau wollten Sie Ihre Mitarbeiterinnen denn einsetzen?“ „Wir sind offen für Vorschläge“, entgegnete er. „Im Grunde ist doch heute alles möglich – wir leben im 21. Jahrhundert, in einer aufgeklärten Epoche, da sollte doch das Vorleben einer Mitarbeiterin keinen Einfluss mehr auf ihre Stellung…“ Flörtzheimer biss sich auf die Zunge. „Ich sehe“, gab ich zurück, „Sie sind ein großer Freund der Emanzipation.“

Während Lara sich bei der Oberbekleidung etwas geschickter anstellte, war Sabrina nicht einmal ansatzweise in ein Paar Schuhe zu bekommen. „Wir könnten Sie natürlich auch im mittleren Management verwenden, das ist bei der geplanten Frauenquote kein Problem. Eine Win-Win-Situation.“ Ich sah ihn fragend an. Flörtzheimer lächelte. „Einerseits hat man mit ihnen die Quote erfüllt, andererseits muss man sich nicht mit Frauen in Führungspositionen herumärgern. Und selbst die Kritiker werden sich bestätigt fühlen, dass es den Frauen so gut wir nichts nützt.“ Er stülpte einen Turnschuhe über ihren Fuß. Doch es gelang ihm nicht besonders gut. Und es sah zu dem Netzstrumpfaufdruck auf Sabrinas aufgepumpten Beinen auch nicht besonders gut aus. „Man könnte sie als Verkaufspersonal nehmen“, regte ich an. Flörtzheimer verstand erst nicht. „Sie meinen, um die Verkäuferdichte in einem Laden zu erhöhen?“ „Man muss ja sicherstellen, dass sie auch auf Nachfragen nicht reagieren.“ Er strahlte. „Sie haben das Prinzip begriffen!“

Eins der Regale war mit schwarzer Folie verhangen. „Das zeige ich Ihnen lieber nicht.“ Der Doktor mit den Puppen nestelte nervös an der Verkleidung. Ich nickte. „Wir sind doch erwachsene Menschen“, beruhigte ich ihn. „Sie zumindest.“ Er vollführte eine abwehrende Geste. „Es ist nur wegen der Patentrechte. Wir entwickeln etwas Neues, und da wussten wir noch nicht, ob das Kanzleramt schon – “

„Jedenfalls können Sie mit diesen Puppen auf die Schnelle den öffentlichen Dienst vollständig besetzen.“ Tief befriedigt sah Flörtzheimer in die Halle, sah auf die Shirleys, Laras und Chantals, die in Pappkartons und Klarsichthüllen in den Regalen lagerten, eine Armee von Sachbearbeiterinnen, allesamt aufblasbar. „Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten tatsächlich einen längeren Tarifstreik gehabt in diesem Frühjahr!“ Wehmütig blickte er die Regale entlang. „Aber wir werden uns durchsetzen. Unsere Puppen haben nämlich einen unschlagbaren Vorteil. Sie sind nahezu perfekt für die Verwaltung.“ „Sie meinen den Sprachchip?“ Flörtzheimer presste noch den letzten Lufthauch aus Chantals Schwester, faltete sie mit wenigen Handgriffen zusammen und stopfte sie in einen kleinen Stoffbeutel. „In jedem Amt“, triumphierte er, „in jeder Verwaltung gibt es eine Mittagspause, in der Sie plötzlich niemanden mehr finden. Alles ist weg, ausgeflogen, nicht am Platz. Glauben Sie, man bekäme das schneller hin als mit unseren Puppen?“





Lange Leitung

11 04 2012

Herr Breschke war verzweifelt. „Kommen Sie schnell“, wimmerte der Alte. „Dies Ding hier macht mich noch ganz verrückt. Meine Frau traut sich schon gar nicht mehr ins Wohnzimmer.“ „Rühren Sie sich nicht vom Fleck“, wies ich ihn an, „ich bin sofort da. Und legen Sie jetzt bitte trotzdem auf.“

Es war das Telefon. „Es vergeht keine Stunde“, stöhnte Breschke, „dann ruft schon wieder einer an. Ich weiß bald nicht mehr, was ich machen soll.“ Schon läutete der Apparat. Der pensionierte Finanzbeamte meldete sich ordnungsgemäß mit Vor-, Zunamen sowie der kompletten Rufnummer; vermutlich gab er nur aus Bequemlichkeit nicht auch noch die Anschrift an. „Nein, nicht Glützner! Sie haben sich verwählt, hier ist Breschke. Horst Breschke!“ „Das geht so den ganzen Tag?“ Er nickte verbittert. „Sie können auch nichts dagegen unternehmen – angeblich haben sie die Leitung extra neu geschaltet, aber das macht die Sache ja auch nicht besser. Meinen Sie, Sie könnten da etwas erreichen?“

Der Mitarbeiter in der Störungsstelle saß wohl nicht umsonst auf diesem Posten; er hatte ein gestörtes Verhältnis zum Verstand. „Sie können sich ja aussuchen, welche Anrufe Sie annehmen. Wenn es nicht die richtigen Anrufe sind, dann können Sie es einfach klingeln lassen.“ „Erstens“, ließ ich ihn wissen, „nervt dieses Klingeln, zweitens werden an diesen Anschluss ständig Anrufer durchgeleitet, die ganz andere Nummern gewählt hatten, was auf ein massives Versagen Ihrerseits schließen lässt – und drittens, woher soll man denn wissen, wer einen anruft?“ Dass das Gerät aussah, als wüsste es noch genau, dass es ein Fernsprechtischapparat sei, verschwieg ich an der Stelle lieber. Breschkes kieselgrauer Apparat mit Erdtaste atmete den Geist der sanft vom Staub überzogenen Amtsstube, in der die scheppernde Glocke und der klobige Hörer wie selbstverständlich in die muffige Stimmung der Ärmelschonerträger passten. „Immerhin“, brachte sich der Fernmelder in Erinnerung, „brauchen Sie ja nicht zu bezahlen für die Telefonate, da sie nicht selbst anrufen – wenn die Leitung den ganzen Tag lang besetzt ist, minimiert das Ihre Rechnung.“

„Was machen wir denn jetzt?“ Breschke war völlig verzagt. „Ich kann doch nicht ständig neben dem Telefon hocken und sagen, dass sie sich verwählt haben – und wenn es nun doch mal ein wichtiges Gespräch sein sollte, dann muss ich doch drangehen?“ Ehe ich antworten konnte, schrillte die Glocke. „3-99-53-24, Horst Breschke am Apparat“, meldete sich der Hausherr (wobei ein leichter Ruck seine Knochen durchzuckte), doch es gab keine angenehme Überraschung. „Nein, hier ist nicht die Praxis von Doktor Heidelberger, bitte schauen Sie doch ins Telefonbuch!“ Mutlos ließ er den Hörer auf die Gabel sinken. „Was sollen wir denn bloß unternehmen, es ist aussichtslos!“ „Nicht doch“, beschwichtigte ich ihn. „Ich habe da eine Idee.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis sich der Apparat wieder meldete. Ich riss den Hörer hoch. „Was nerven Sie schon wieder“, brüllte ich in die Muschel, „ich hatte doch gesagt: rufen Sie mich an, sobald Sie die Leiche beseitigt haben. Brauchen Sie dafür immer nur dreißig Sekunden!?“ Es knackte am anderen Ende der Leitung. Ich hängte ein. „Einer weniger“, konstatierte ich, tief befriedigt.

Wieder bimmelte das Gerät. „Sie haben den Anschluss von Frau Doktor Meisenkeiser gewählt“, schnarrte ich, „Frau Doktor Meisenkeiser ist gerade nicht im Büro. Wäre sie im Büro, säße sie in einer sehr wichtigen Besprechung. Bitte bitten Sie per Briefpost um eine Postkarte, auf der Sie einen Rückruftermin im nächsten Quartal angeben.“ An der unterwürfigen Haltung des Anrufers stellte ich fest, es musste sich um einen Deutschen handeln. Breschke guckte interessiert. „Und das geht einfach so? Meinen Sie, ich könnte das auch?“ Da kam schon der nächste Anrufer. Ich jodelte in den Hörer. „Wissen Sie, was Sie jetzt gewonnen haben!? Sie bekommen nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nein: vier halbe…“ Da war die Leitung schon wieder frei.

„Ich bin Oberamtsrat Knolzinger“, rekapitulierte der Alte und starrte ganz gespannt auf den Apparat. Endlich klingelte es. Breschke hob ab. „Knolzinger, Abteilung IIIb/44, wünschenbitte.“ Lautlos schlichen die Sekunden, doch er hörte ganz wie vereinbart überhaupt nicht hin. „Abteilung IIIb/44“, fiel er dem Anrufer barsch ins Wort, wie er es wohl in seiner Amtszeit gelernt hatte, „Sie müssen erst einen Antrag auf Rückerstattung der nicht abziehbaren Aufwendungen bei den mindernden Rücklagen angeben, bevor Sie funktionsidentische Beträge der – hallo!?“ „Gut so“, lobte ich, „sehr gut gelaufen. Jetzt noch bei jedem Anruf Anrechnung auf alle einbringungsgeborenen Anteile bei Formwechsel einer Personengesellschaft anmahnen, dann werden Sie innerhalb kürzester Zeit den Schwarzen Peter an die Störungsstelle schieben. Das lässt sich keiner gefallen.“ Das Telefon läutete. Breschke sah mich mit funkelnden Augen an. „Lassen Sie sich nicht abhalten“, ermunterte ich ihn. „Knolzinger, Abteilung IIIb/44“, bellte er in den Hörer. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. „Sie sind falsch verbunden“, moserte der Amtmann, „wenn Sie Ihre Gewinnrücklage nicht als Jahresfehlbetrag ausgewiesen haben, kann ich leider nichts für Sie tun. Ich bin auch nicht Ihre Tante Martha, Sie sind hier bei Oberinspektor Knolzinger, und bevor Sie sich beschweren, stellen Sie lieber erst sicher, dass Sie nicht die falsche Rufnummer gewählt haben!“

Übrigens haben sie Breschkes Leitung nach drei Tagen repariert. Er hat allerdings gleich eine zweite Rufnummer angemeldet. Oberinspektor Knolzinger scheint ihm zu fehlen.





Taube Ohren

11 01 2012

„… dass die Verkehrssicherheit der Deutschen maßgeblich abhänge von der Benutzung von Kopfhörern im Straßenverkehr. Ramsauer unterstrich, dass die Zahl der Verkehrstoten im vergangenen Jahr um ein Viertel zugenommen…“

„… sich der Seniorenschutzbund über das geringe Interesse an Autounfällen beklagte. Immer mehr Autofahrer über 80 seien als Unfallbeteiligte mit den schwersten Folgen zu…“

„… dass gerade die neuen Bundesländer von der Entwicklung betroffen seien. Schon seit 1979 sei den Christdemokraten die aus dem Osten stammende Neigung zu tragbarer Musik…“

„… regte Bundesfinanzminister Schäuble an, die Geräte zu legalisieren, wenn im Gegenzug eine Steuer auf…“

„… keinen stichhaltigen Beweis. Die Untersuchung der Verkehrstoten habe ergeben, dass die Personen im Verlauf des letzten Jahrzehnts kontinuierlich jünger geworden seien, so dass es…“

„… müsse ein Leistungsschutzrecht auf mobil abgespielte Musik…“

„… zwar korrekt, dass Ramsauer ebenfalls im Jahr 2009 den kontinuierlichen Rückgang der Opfer gewürdigt habe. Dies jedoch sei erst kurz nach der Wahl der aktuellen Bundesregierung geschehen und daher unter einem ganz anderen Blickwinkel zu…“

„… könne eine Steigerung der Unfallgefährlichkeit schon deshalb noch nicht als gesichert gelten, da auch die Anzahl der Verkehrsunfälle ohne Beteiligung von Fußgängern seit 2005 zugenommen habe. Kanzleramtsminister Pofalla wertete dies als defätistische Propaganda gegen die Vorsitzende der CDU, die in ihrem…“

„… sich die von RTL II geplante Sendung Tatort Straßenverkehr nicht realisieren ließe. Es fehle nicht nur an einer strafrechtlichen Grundlage, auch sei der moraltheologische Ansatz für die Ex-Minister-Gattin nicht hinreichend…“

„… als positiven Trend sehen. Je mehr Senioren durch Verkehrsunfälle aus dem Rentenbezug fielen, desto stärker sei die Entlastung der Kassen in…“

„… nicht gelten ließ, dass nur 0,00075% der Bundesbürger bei Verkehrsunfällen tödlich verunglückten. Auch Terroranschläge habe es in den vergangenen Jahren so gut wie nie gegeben, dennoch sei die Gefahr, durch Terroranschläge zu sterben, gar nicht hoch genug…“

„… die Unfallopfer zwar ausschließlich Fußgänger gewesen seien, diese jedoch nicht alle nachweislich einen Kopfhörer bei sich getragen hätten. Die Mutmaßung der CSU-Landesgruppe, jugendlichen Menschen außerhalb des Freistaates sei generell alles zuzutrauen, könne weder als gerichtsfest noch als eine…“

„… schlug Westerwelle vor, Ein-Euro-Jobber als Hilfspolizisten für die Ergreifung von Kopfhörerverwendern im Straßenverkehr…“

„… könne laut Innenminister Friedrich nur eine sofortige Vorratsdatenspeicherung…“

„… ein generelles Tempolimit dagegen völlig kontraproduktiv. Nur Höchstgeschwindigkeit sei laut ADAC eine Garantie, dass sich Unfälle mit Kopfhörern genauso häufig ereigneten wie ohne…“

„… warnte Mißfelder vor voreiligen Schlüssen. Nicht der Einsatz der Ohrstöpsel sei die relevante Unfallursache, vielfach sei es die Verrohung der deutschen Jugend durch unpassenden Musikgenuss. Der Bundesvorsitzender der Jungen Union riet zu rein arischer Hörertüchtigung, die mit Richard Wagner oder Bushido zu…“

„… lasse der TÜV die Anregung Aigners prüfen, Fußgänger ab sofort nur noch mit Begleitperson auf die Straße zu lassen. Der Gedanke, Passanten mit einem Sicherheitsgurt zu versehen, wurde jedoch als zu kostenintensiv…“

„… habe Friedrich sichere Beweise, dass die Musikabspielgeräte als Kommunikationsinstrument fremdländischer Nachrichtendienste genutzt…“

„… gebe es sichere Anzeichen für die Verwendung von Kopfhörern im Straßenverkehr vor der Jahrtausendwende. Ramsauer schlug vor, zunächst ein grundsätzliches Verbot gesetzlich zu regeln und danach zu erforschen, seit wann die…“

„… dass 4.000 Tote pro Jahr eine alarmierende Zahl darstellten. Sollte sich der Trend verfestigen, so kündigte Sarrazin bereits in weniger als 600.000 Jahren ein völliges Aussterben der Deutschen…“

„… ein Nummernschild für Fußgänger nur dann sinnvoll, wenn es durch Überwachungskameras und elektronisch lesbare Funkchips zu…“

„… erst das Verbot von Kopfhörern. Es sei jedoch vorgesehen, Ausnahmegenehmigungen zu erteilen, die gegen eine großzügige Spende von der Partei jederzeit eine Genehmigung zum…“

„… durch die CSU-Landesgruppe. Solange weniger Bürger durch Kopfhörer verunfallten als von nationalbewussten Jugendlichen verprügelt würden, sei noch kein Handlungsbedarf zu…“

„… schon das Tragen von Ohrhörern als Akt der undeutschen Gesinnung zu verfolgen sei. Friedrich nahm aber die V-Personen des Verfassungsschutzes ausdrücklich von dieser Regelung…“

„… dass der Anstieg der Verkehrstoten zwar erst eine Prognose sei, Ramsauers Forderungen jedoch weiterhin auch ohne statistische Grundlage für die Bundesregierung verbindlich…“





Statistisches Mittel

10 01 2012

„Hatten Sie an etwas Bestimmtes gedacht? Wahlkampf oder Vorwahlkampf oder so? Oder ist bei Ihnen vielleicht demnächst Parteitag? War ja nur eine Frage. Hätte doch sein können. Wir haben für solche Zwecke ja schon etwas vorbereitet, damit wir eine schöne Arbeitsmarktstatistik hinkriegen.

Sie können bei uns auch en gros bestellen. Das kommt Sie freilich etwas günstiger als einzelne Aufträge. Arbeitslosenzahlen? Haben wir da. Alles. Frisch aus der Agentur. Also jetzt nicht direkt die Arbeitslosenzahlen, sondern nur einige statistische Kennwerte. Wie die Arbeitslosenzahlen aussehen, das bestimmen ja gerade Sie mit Ihrem Auftrag. Wir sind da völlig flexibel. Wie Ihre Moralvorstellungen eben, nicht wahr.

Das IIb-F ist unser aktueller Standard. Das sind die sogenannten Arbeitslosen, die gerade nicht arbeiten, obwohl sie arbeiten wollten – ich kann Ihnen da gerne einmal eine Probe mitgeben, versuchen Sie die vielleicht einmal in einer Talkshow, gerne auch für Podiumsdiskussionen oder in der Bundespressekonferenz, das wird ja immer gerne genommen. Ist ein echter Allrounder. Das Besondere? Die wollen arbeiten, aber sie können eben gerade nicht. Aus diversen Gründen.

Nein, das IIc-F ist etwas völlig anderes. Die arbeiten nicht, aber von denen könnte man auch schon mal annehmen, dass die, wenn sie können wollten, dann nicht wollen könnten. Oder war’s umgekehrt? Wie gesagt, die wollen einfach nicht. Nehmen wir mal so an. Deshalb werden die aus der Kerngruppe gleich rausgerechnet. Dann muss man sich mit denen auch nicht mehr beschäftigen. Woher wir das wissen, dass die nicht wollen? Ja, die haben halt nicht das Gegenteil gesagt.

Üblicherweise ist man sowieso aus der Statistik raus, wenn man über 58 ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht. Die machen uns auch gar keinen Ärger mehr. Die sind nicht mehr arbeitslos, die haben sich daran gewöhnt. So wie man nur ein paar Jahre von diesen Politikerfiguren regiert werden muss, bis man nichts mehr merkt. Das geht schnell. Warten Sie, ich hätte da eine Idee. Wenn man grundsätzlich jeden nicht mehr als arbeitslos einstuft, der länger als zwölf Monate Hartz IV – Sie meinen, jeden, der überhaupt schon einmal Hartz IV bekommen hat? auch als Aufstocker? Das nenne ich konsequent.

Das Problem mit den Arbeitslosen über 58 ist ja, dass die über 58 sind. Wir könnten die zwar in die stille Reserve reinrechnen, oder wir bräuchten dazu ein negatives Personalüberhangmanagement. Aber eigentlich müsste man sie bis zur Rente mit 67 vorerst in einer anderen Kategorie parken.

Sie bekommen selbstverständlich auch gerne eine Anpassung im Bereich Bildungsniveau. Man könnte beispielsweise alle gering Qualifizierten automatisch rausrechnen, weil sie ja nicht dem nachgehen, was die Bundesregierung als Arbeit definiert. Noch besser, man könnte alle als gering qualifiziert einstufen, die schon mal die Arbeit verloren haben. Wahrscheinlich waren sie nicht ausreichend qualifiziert, sonst hätten sie den Job ja noch. Nicht gut? Ach so, ja. Wenn der Präsident rausfliegt, kriegt er natürlich Sonderkonditionen.

Die Bundeskanzlerin hatte da neulich einen sehr interessanten Vorschlag, von wegen: Arbeiter- und Bauernstaat. Da Bauern ja per Definition nicht arbeitslos werden können, sollte man nicht einfach alle, die nicht Arbeiter sind – nein, Sie haben recht. Zu kompliziert. Das kapieren die im Ministerium nie. Man müsste eben den Arbeitsbegriff völlig neu definieren. Das Paket IX-B ist schon nah dran. Es gibt ja Sachen, die keine Wertschöpfung haben und dennoch als Arbeit bezeichnet werden. Den Bodensatz, wenn Sie so wollen. Ein-Euro-Jobber, Investmentbanker, Guido Westerwelle. Man könnte jetzt beispielsweise alle Arbeitssuchenden als gewerbsmäßige Arbeitssucher umdefinieren, dann wäre man auf einen Schlag alle Sorgen los. Wie? Nein, da haben Sie natürlich recht. Man muss doch ein Druckmittel behalten.

Das Paket IV-4G ist besonders jugendorientiert. Haben wir aus Japan importiert, die sind für so was immer zu haben. Wer in der Arbeitslosenstatistik auftauchen soll, muss unbedingt vorher schon einmal gearbeitet haben. Toll, oder? Es gibt also ab sofort keine Jugendarbeitslosigkeit mehr. Und keine arbeitslosen Akademiker. Nein, auch nicht für prekäre Beschäftigung. Die fallen da gleich durchs Raster. Dann wissen die auch gleich, wo sie hingehören.

Sie können natürlich selbst aktiv mithelfen, die Statistiken zu verbessern. Arbeitsunfähigkeit ist ein Ausschlusskriterium für die Statistik. Wissen Sie, die richtigen Bedingungen müssen da her. Das richtige Umfeld zur allgemeinen sozialen Verbesserung. Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, Burnout – Sie, unterschätzen Sie mir den Burnout nicht, das ist eine ganz tolle Sache! Wenn wir weiterhin so viel Burnout haben, dann steigern sich die Selbstmordraten, und das heißt: weniger potenzielle Arbeitslose, weniger Kosten, und natürlich werden auch ein paar Wohnungen frei. Sorgen Sie für Stress. Angst vor der Arbeitslosigkeit. Stellenstreichungen, machen Sie Stellenstreichungen! Je mehr Stellenstreichungen, desto geringer die Arbeitslosenquote. Klingt logisch, oder?

Wir legen sofort los. Versprochen. Seien Sie ganz unbesorgt, bis zu Ihrer Gastrede auf dem Gewerkschaftskongress haben Sie genau die Arbeitsmarktzahlen, die Sie sich wünschen. Kein Problem. Wir arbeiten dran.“





Wächst, bläht und gedeiht

19 07 2011

„Es ist ja so schwer“, seufzte Börsig. „Allein die Vorgaben sind schon enorm kompliziert, aber wenn Sie auch noch ein bisschen kreativ sein wollen, wird’s richtig ekelhaft.“ Er hatte ein paar Blatt Papier auf dem Tisch ausgebreitet. „So hatte ich mir das vorgestellt. Aber es wird nicht funktionieren, meinen Sie?“ Ich maß die Skizze mit einem flüchtigen Blick. „Sehr übersichtlich, klarer Aufbau und sofort einleuchtend – man begreift, dass hier jemand mit Logik am Werk war, ja sogar mit gesundem Menschenverstand. Als Grundriss für eine neue Behörde ist das vollkommen untauglich.“

Er ließ die Schultern hängen. „Das hatte ich befürchtet“, murmelte Börsig. „Sie haben uns nicht viel Zeit gelassen, die neue Behörde aufzubauen. Meinen Sie, wir kriegen das irgendwie hin?“ Ich überflog noch einmal die Pläne. „Bis zur nächsten Wahl müsste das natürlich gemacht werden, denn das beste Personal bekommen wir unmittelbar danach.“ „Das sehe ich aber ganz anders“, widersprach Börsig. „Beim letzten Mal haben Sie es ja gesehen – gewisse Splitterparteien wollen die ganze Verwaltung ausdünnen, und wenn sie dann endlich an der Macht sind, haben sie nichts Besseres zu tun, um sich erst einmal mit Posten einzudecken.“ „Da sehen Sie es“, hielt ich ihm entgegen, „da sehen Sie es doch. Wenn man schon nichts kann…“ „Aber beim nächsten Mal dürfte es noch nicht einmal klar sein, ob diese Partei überhaupt noch gewählt wird.“ „Keine Sorge“, beruhigte ich ihn. „Dann werden sie sich erst recht um ein trockenes Plätzchen in der Verwaltung bemühen.“ Staunend nickte Börsig.

„Spitzen Sie den Bleistift“, begann ich. „Ich werde Ihnen ein paar Regeln diktieren für den Aufbau einer perfekten Behörde. Zunächst die Struktur. Haben wir eine hinreichend differenzierte Struktur in Ihrem Amt?“ „Da sitzen jeweils zwölf Beamte in einer Etage, und wenn wir den Ostflügel auch noch…“ „Ach papperlapapp“, fiel ich Börsig ins Wort. „Was hat das Gebäude mit Ihrer Behörde zu tun? So werden Sie nie aus allen Nähten platzen und kein Geld für einen Anbau, eine Aufstockung, einen Umzug und schließlich für einen vollkommen überteuerten Neubau in bester Lauflage rausholen.“ „Wir haben aber gar keinen Publikumsverkehr“, wandte er zaghaft ein. Mit einer Handbewegung wischte ich seine Bedenken vom Tisch. „Egal, auch eine geheime Dienststelle sollte ihre Bedeutung mit der guten Adresse unterstreichen. Es geht vielmehr um den Aufbau der Behörde. Wie viele Abteilungen haben Sie vorgesehen?“ „Wir haben bisher noch nicht darüber nachgedacht.“ „Drei Hauptressorts“, diktierte ich, „und zwar möglichst solche, die sich gegenseitig ins Gehege kommen. Beispielsweise Laubvermeidung und Baumschutz – Sie werden endlose Grabenkämpfe haben, Hauen und Stechen und ein miserables Betriebsklima.“ Börsig runzelte die Stirn. „Und wozu soll das gut sein?“ „Der Beamte an sich braucht das“, dozierte ich, „die Leute werden sich freiwillig in Ihre Behörde versetzen lassen. Nicht ist besser als dieser Aufbau – übrigens auch in der Vertikalen. Wie viele Verwaltungsebenen?“ „Tennmeyer, Ludwigsen, Eberberg – ich hätte drei Leute zur Verfügung.“ „Sie begreifen nicht?“ Ich runzelte die Stirn; hatte denn Börsig überhaupt Verwaltungserfahrung? „Sie müssen eine entsprechende Vertikale in jede ihrer Abteilungen einziehen, sonst ist das kein gutes Amt. Stellen Sie sich vor, ich würde einen Antrag zur Bewilligung einer Erteilung des Formulars auf Prüfung zur Kostenfestsetzung der gesetzlichen Pauschale einreichen – das Ding wäre nach drei Tagen wieder draußen!“ „Oh“, sagte Börsig und rieb sich die Nase. „Das hatte ich natürlich nicht bedacht.“ „Stellen Sie sich vor“, bohrte ich weiter, „es soll inzwischen in einzelnen Ämtern zu Pannen gekommen sein – man bearbeitet Anträge vor Ablauf der gesetzlichen Fristen! So etwas darf nicht einreißen, sonst ist die Verwaltung bald im Eimer!“

Flink kritzelte ich ein unübersichtliches Gewirr aus Kästchen und Pfeilen auf Börsigs Blätter. „Am wichtigsten ist natürlich, dass wir einen Dienstweg haben.“ „Sicher“, stimmte er mir zu. „Wenn man den Dienstweg einhält, kann der Bürger sich sicher sein, dass alles mit rechten Dingen zugeht.“ „Börsig“, stöhnte ich auf, „was hat man Ihnen denn bloß beigebracht? Wir brauchen wenigstens eine Dreigliederung der Einzelteile – übergeordnete, untergeordnete, gleichrangige Teile innerhalb einer Behörde. Sonst funktioniert das doch nie!“ „Und wie haben Sie sich die Aufgabenverteilung vorgestellt?“ „Die übergeordnete Abteilung stellt klar, dass sie übergeordnet ist, die untergeordnete verursacht Schwierigkeiten, indem sie auch die eindeutigsten Anweisungen nicht ausführen kann.“ „Und die Gleichrangigen?“ „Also bitte – irgendeiner muss durch Kompetenzgerangel die Behörde von einer sinnvollen Tätigkeit abhalten.“

Eifrig hatte er sich alles notiert. „Man könnte, um die Behörde schneller zum Laufen zu bringen, die Formularvordrucke ein bisschen vereinfachen, finden Sie nicht?“ Angewidert verzog ich das Gesicht. „Börsig, was habe ich Ihnen gesagt? Wo entstehen die nötigen Schwierigkeiten?“ „Beim Aktenverkehr“, gab er kleinlaut zurück. „Gut, was lernen wir daraus?“ „Für jeden Vorgang ein neues Formular“, spulte er ab. „Jeder Vordruck ist in einer anderen Dienststelle zu besorgen, wird in einer anderen Dienststelle geprüft, muss von einer anderen Dienststelle nachgeprüft, von einer anderen Dienststelle beglaubigt werden, wozu ein Stempel einer anderen Dienststelle zu besorgen ist.“ „Brav“, lobte ich. „Sehr gut. Und wie werden Formulare hergestellt?“ „Grundsätzlich in zu geringer Auflage, nicht lesbar und nur ohne das Beiblatt 43B, ohne das das ganze Formular überhaupt gar nicht erst angenommen werden darf.“ Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. Ein durchaus gelehriger Schüler.

„Dass das alles so schön einfach ist“, strahlte Börsig. „Ich wäre nie darauf gekommen, dass man so schnell ein Amt aus dem Boden stampfen kann.“ Geschmeichelt lächelte ich. „Im Vertrauen, Börsig: es geht noch besser. Organisieren Sie regelmäßig den Laden um. Lassen Sie die Abteilungen für Hühnerzucht und Aufsicht der Karnevalsvereine zusammenarbeiten, dann setzen Sie ihnen die Sektion Bibliothekswesen und Lärmschutz vor die Nase – und schließlich schieben Sie den ganzen Krempel in die Außenstelle für öffentliche Toiletten und Erforschung des Akkordeonbaus. Keiner wird sich mehr zurechtfinden. Nicht einmal mehr die Beamten werden wissen, was sie da tun.“ „Sie sind ein Genie!“ Ehrfürchtig blickte Börsig mich an. „Und damit halten wir das Amt am Laufen – wir schaffen ganz viele Abteilungen, jede mit einem Abteilungsleiterposten für Kompetenzkleinkriege und Bewerbungen, bei denen jeder am Stuhl seines Kollegen sägen kann, eine ganze Behörde voller hinterlistiger Mobber, die einander nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen.“ „Sie haben es begriffen“, frohlockte ich und schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Aber sagen Sie mal, um was für eine Behörde sollte es dabei eigentlich gehen?“ „Ich habe nicht genau nachgesehen“; sagte Börsig. „Irgendwas mit Bürokratieabbau.“





Recht und Gesetz

6 04 2011

Das Ding rumpelte und ächzte in allen Fugen. Vor dem Sichtfenster bog sich das Licht zusammen und verschwand in der Rotverschiebung. „Festhalten“, sprach Professor Trinkler, und es kam mir vor, als bräuchte er dazu Jahre und Jahrzehnte, so langsam erreichten seine Worte mein Ohr, aber das war ja auch nicht weiter verwunderlich. Schließlich saßen wir in den unbequemen Sitzen seiner Zeitmaschine.

Das Messgerät zeigte die maximale Krümmung der Raumzeit. „Mir wird übel“, stöhnte ich, denn der Kasten drehte sich unaufhörlich. „Warten Sie“, murmelte der Professor, „das Bose-Einstein-Kondensat steht kurz vor dem Phasenübergang. Wir sind da in zehn Sekunden… fünf… in drei…“ „Mir egal, machen Sie nur, dass diese elende Kiste nicht mehr rotiert. Mir ist übel!“ Trinkler rümpfte die Nase. „Machen Sie mir gefälligst keine Flecke ins 16. Jahrhundert. Die kriegt man möglicherweise nie wieder raus.“ Es schnarrte und zischte, dann stand alles still. Ein knarrendes Geräusch, und schon sprang die Ausstiegsklappe auf. „Es riecht wie auf einem Grillplatz“, konstatierte ich. „1511 scheint so anders gar nicht zu sein als die Gegenwart.“

Die junge Frau war mit einen Hanfstrick an den Balken gefesselt. Sie zitterte vor Angst und Kälte. „Meine Güte“, stöhnte Trinkler. „Ich muss mich mit der Dilatation verschätzt haben. Wir sind ja im Mittelalter gelandet.“ Ich rollte mit den Augen. „In der Geschichtsstunde haben Sie wohl immer nur Schiffe versenken gespielt, was? Hexenwahn war immer noch eine Angelegenheit der frühen Neuzeit. He, guter Mann!“ Ich fasste den Handwerker am Arm. „Ob Er mir wohl sagen kann, wer der Kaiser ist?“ „Maximilian natürlich“, gab der biedere Kumpan zurück, „und Ihr ziehet Euch besser etwas Anständiges an, der Vogt nahet sich!“ Perplex sah Trinkler an sich herab. „Ist das denn nicht okay?“ „Sie hatten in Geschichte wirklich einen Blackout“, spottete ich, „Laborkittel und Turnschuhe wurden erst während der Reformation erfunden.“

Trinkler stürzte sich sofort auf den Beamten. „Euro Gnaden, wir kommen von weit her und sind im Auftrage der Herrschaft unterwegs. So saget, ist dies eine genehmigte Verbrennung?“ Der Vogt kratzte unter seiner Schaube ein paar Flöhe weg und zog eine Braue in die Höhe. „Das wüsste ich“, gab er zurück. „Die Regierung hier bin ich, es wird niemand verbrannt, wenn ich es nicht anordne.“ „Aber die Schadstoffemission ist…“ „Trinkler“, flehte ich, „Sie reden hier mit dem Vogt, wird sind im Heiligen Römischen Reich, und Ihre Formulare vom Bundesumweltministerium werden niemanden interessieren!“ „Ach was, man muss den Anfängen wehren. Wenn wir die Kohlendioxid-Belastung im Keim ersticken können, sollten wir es versuchen. Unsere Maschine gibt momentan nicht mehr als 500 Jahre her, aber das ist doch auch schon etwas.“ „Trinkler, nehmen Sie doch Vernunft an! Das ist ja lächerlich, wollen Sie jetzt Hexenverbrennungen nur noch mit Partikelfilter erlauben? Kümmern Sie sich lieber, dass sie nicht für irgendeinen Quark auf den Scheiterhaufen kommt!“ Er stampfte mit dem Fuß auf. „Nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir nicht befugt sind, uns in innenpolitische Konflikte zu kümmern. Sie wissen, nur Bußgeldbescheide.“

War der Vogt des Lesens nicht mächtig, hatte er sein Augenlicht eingebüßt, jedenfalls blinzelte er nur auf das amtliche Schreiben und beschied uns, die vermeintliche Hexe loszumachen. „Ihr könnt die Frau mitnehmen, aber schafft sie und ihren ganzen Kräuterkram aus der Stadt.“ Da wurde der Amtsschimmel hellhörig. „Kräuterkram? Moment, ich muss mal eben nachsehen, ob das überhaupt erlaubt ist.“ Und er durchwühlte die beiden Säcke, auf denen die völlig verängstigte Frau saß. „Fingerhut, Huflattich, Beinwell! Das ist ja interessant! Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich eine Genehmigung gemäß Gesetz über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung?“ „Trinkler“, knirschte ich, „das Heilpraktikergesetz wurde ein Jahrhunderte später erlassen, Sie Idiot!“ „Das könnte Ihnen so passen!“ Jetzt schmollte er. „Am Ende bekommen wir noch Ärger, wenn hier Homöopathie auf Krankenschein verschrieben wird!“ Ich zog ihn hoch. „Jetzt machen Sie mir keinen Ärger, schließlich wollten Sie nur einmal nach der Emission von Schadstoffen sehen. Alles andere ist nicht mehr unser…“ „Da!“ Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf und stierte in die Höhe. „Ich wette mit Ihnen, diese Regenrinne ist nicht gemäß der wasserrechtlichen Eignung von Bauprodukten durch Nachweise der zuständigen Landesbehörde installiert worden!“ Er war drauf und dran, das Haus zu stürmen. „Das darf man nicht durchgehen lassen! Jetzt stellen Sie sich vor, wir würden hier beide Augen zudrücken.“ „Es würde für die nächsten Jahrhunderte kein Schwein interessieren“, antwortete ich. Doch er hörte gar nicht mehr zu. „Das werde ich der Bauaufsicht melden, so geht das ja nun nicht!“ Schon begann er in seinen Block zu kritzeln, als sich gemessenen Schrittes eine weitere Amtsperson näherte. „Holla, was treibt Ihr da?“ „Oh, die Bauaufsicht!“ Trinkler kletterte vom Geländer herunter; offensichtlich hatte er vollkommen vergessen, wo er sich befand. „Wir müssen da mal ein ernstes Wort mit dem Besitzer reden, der erlaubte Abstand zwischen Schnittgerinne und Fassadenprofil scheint mir um mindestens elf Millimeter unterschritten, meinen Sie nicht auch? Und dem Geräusch hier könnte man auch auf Schweinehaltung in einem Wohnbezirk schließen – das müsste gegen die Gemeindesatzung verstoßen, nicht wahr? Ich finde, wir sollten hier ein Exempel statuieren und…“ Der Büttel hatte offensichtlich schlechte Laune. „Der große eiserne Kasten da hinten ist Euer?“ „Hübsch, oder?“ Trinkler war außer sich vor Stolz. Doch das war dem Wächter gleich. „Das kostet Euch einen Gulden, ersatzweise zwölf Tage Kerker! Wir wollen damit gar nicht erst anfangen, hier herrschen Zucht und Ordnung! Verstanden?“ „Aber was haben wir denn falsch gemacht“, stammelte der Professor, „was war es denn?“ Der Gendarm strich sich den Bart. „Ihr steht im Halteverbot.“





Die Achse der Blöden

16 02 2011

Der Instruktor hielt das Anschauungsmaterial in die Höhe. „Das“, verkündete er den Schülern, „ist ein Hühnerei.“ Einer der Zöglinge kratzte sich mit großem Umstand am Kinn. „Kann ich das noch mal sehen“, nuschelte er und griff danach – da lag das Ei schon am Boden. „So ungefähr dürfen Sie sich dann die praktische Arbeit vorstellen“, konstatierte Sübenkotte. „Es läuft wie am Schnürchen hier im Amt für Nahrungsmittelsicherheit.“

Oberregierungsrat Doktor Sübenkotte entfaltete umständlich den Lageplan seiner Behörde. „Hier unten“, erklärte er, „haben wir die Schulungsräume, siebenunddreißig an der Zahl, hier ist der Osttrakt, und dort befindet sich das Labor.“ Ich pfiff durch die Zähne. „So viele Räume? Sie müssen ja einen enormen Bedarf haben.“ Er nickte. „Das kann man so sehen. Schauen Sie, seitdem wir unsere Arbeit aufgenommen haben, ist der gesamte Bereich der Lebensmittelkontrolle auf ein komplett neues Fundament gestellt worden. Endlich haben wir eine vollumfängliche Sicherheit, die auch dem einfachen Verbraucher – entschuldigen Sie, was wollten Sie doch gleich wissen?“ „Die Anzahl der Räume“, half ich ihm ein. Sübenkotte nickte. „Das kann man so sehen. Wir haben das überschüssige Personal des Verfassungsschutzes und des Innenministeriums übernommen.“ „Und wie viele?“ „Alle, die für die Belange des Innern vollkommen überflüssig sind. Also schätzungsweise drei Viertel.“

Wir hatten einen anderen Ausbildungsraum betreten. In einem nachgebauten Hühnerstall gackerte vereinzeltes Federvieh umher, während in groteske Gummihosen gewandete Schüler im Sand herumstolperten. Einer schrie entsetzt auf – eine Henne hatte nach ihm gehackt. „Frau Lammbeck, die Ausbildungsleiterin für den Bereich Veterinär- und Zuchtwesen.“ Ich deutete eine Verbeugung an, doch die Lehrerin war sichtlich genervt und griff unvermittelt zu einem Huhn, das sie dem Eleven neben ihr unter die Nase hielt. Der junge Mann nahm allen Mut zusammen und begann, das Tier zu löchern: „Los, gesteh endlich! Willst du wohl? Du sollst endlich gestehen! Los jetzt!“ „Er hat doch dem armen Gickerl noch gar nicht gesagt, was es eigentlich gestehen soll?“ Triumphierend blickte der Hühnerschrecker mich an. „Jahaa, das denken Sie! Das ist aber ganz ausgebuffte Verhörtaktik!“

Während sich drinnen das Huhn auf den wehrlosen Lehrling stürzte – man hörte es noch lange gackern – führte mich Doktor Sübenkotte zum Osttrakt. „Das ist ja einigermaßen erstaunlich“, begann ich, „viele stellen sich am Beginn ihrer Ausbildung etwas an, aber dies hier?“ Er wehrte ab. „Aber nein, das sind durchaus keine Anfänger! Sie haben hier eben die Abschlussklasse gesehen, die Leute bereiten sich auf ihr Examen kommende Woche vor.“ Ich war verwirrt. „Aber der Mann war doch mit einem einzelnen Huhn völlig überfordert – wie soll der einen ganzen Geflügelzuchtbetrieb untersuchen, besser gesagt: wie soll dieser Typ die Kontrolle lebend überstehen?“ „Klar“, verteidigte sich der Behördenchef, „Sie haben da einen ganz anderen Zugang, aber Sie müssen berücksichtigen, dass das Personal im Innenministerium immer auf dem Stand des jeweiligen Innenministers sein muss. Zur besseren Kommunikation und für einen reibungslosen Ablauf der Terrorprävention.“ Nein, ich verstand kein Wort. Was hatten denn diese Hühner mit Terrorismus zu tun? „Wir nehmen die größten Idioten, die das Amt zu bieten hat, und bilden sie mehrere Semester lang zurück, bis sie auf dem Niveau von – verstehen Sie?“ Ja, ich verstand.

Auch im Freien fand der Unterricht statt. Aus dem Fenster beobachteten wir, wie plötzlich eine Horde von Männern in Trenchcoat und Schlapphut aus dem Gebüsch hervorbrach und sich johlend auf eine Palette Eier stürzte; müßig zu sagen, dass außer einer gewaltigen Menge Rührei auf dem Rasen nicht viel zurückblieb. „Der Angriff aus dem Hinterhalt ist eine der probatesten Strategien zur Überraschung des Feindes“, dozierte Sübenkotte. „Die Herren haben das doch schon recht hübsch demonstriert.“ Am anderen Ende des Gartens stampfte ein Trupp in ähnlicher Aufmachung durch etliche Stiegen mit Tomaten. „Wir kümmern uns im Amt für Nahrungsmittelsicherheit eben nicht nur um Eier, sondern eben auch um Obst und Gemüse. Eine rundum kompetente Behörde, die Sie als Verbraucher mit viel mehr Sicherheit ausstatten wird.“ Einer der Tomatenmänner, über und über mit rotbraunem Matsch bedeckt, zog einen Aufkleber aus der Manteltasche, den er an einer Holzkiste befestigte. „Damit“, informierte mich Sübenkotte, „haben die Tomaten die Einfuhrkontrolle bestanden und können ohne Bedenken für die Sicherheit der deutschen Verbraucher in den Handel kommen. Die Frau Aigner, die wäre wirklich stolz auf uns.“ „Moment einmal“, unterbrach ich ihn verwirrt, „was hat denn jetzt die Aigner mit Ihrem Schlapphutverein zu schaffen?“ Er lächelte. „Die sind ja nur Personal. In Wirklichkeit geht es uns doch hier um eins: richtig durchgreifen. Eine Kontrolle, die so richtig – was war jetzt doch gleich Ihre Frage gewesen?“ „Warum Sie das mit diesen Terrorverfassungsschützern machen.“ „Weil das bei denen ja auch alles so toll klappt, auch wenn die gar nichts dafür tun müssen – da fühlt sich der Bürger nämlich richtig sicher! Und dann ist das ja auch noch die Industrie da. Die wollen natürlich auch eine ganz scharfe Kontrolle, nur eben eine, bei der man nie Gammelfleisch oder Dioxin findet. Und das ist doch für einen echten V-Mann kein Problem. Die waren jahrelang Mitglieder in der NPD, ohne auch nur einen einzigen Nazi zu treffen, die kann man doch auf Gammelfleisch loslassen?“ Ich war konsterniert. „Und den ganzen Zauber verantwortet das Verbraucherschutzministerium?“ Sübenkotte protestierte heftig. „Wo denken Sie hin? Nein, wir lassen uns doch unsere Kompetenzen nicht streitig machen! Die Aigner hat einen klar umrissenen Aufgabenbereich, die darf das machen, was sie am besten kann: ankündigen. Mehr kann sie eh nicht.“ „Aber die Verbrauchersicherheit? Auf was soll ich mich denn jetzt verlassen, etwa auf Ihr Siegel?“ Er legte mir wohlwollenden die Hand auf die Schulter. „Das können Sie“, sprach der Oberregierungsrat im Brustton der Überzeugung. „Das können Sie – wenn Sie unser Qualitätssiegel sehen: Hände weg! Dann steht Ihrer gesunden Ernährung nichts mehr im Wege.“





Neue Akzente

16 03 2010

Seitdem die komplette Stadtverwaltung in diesem Klotz aus Beton, Stahl und Glas sitzt, kann man sich aber auch leicht verlaufen – neulich bereits hatte ich bloß den Antrag auf Entgegennahme des Vorbescheidsantrags für den Bauantrag der Unteren Bauaufsichtsbehörde abgeben wollen und war von der sauertöpfischen Amtsärztin belehrt worden, die Säuglingsimpfung könnte wesentlich beschleunigt werden, wenn ich schon einmal den Oberkörper frei gemacht hätte. „Der Grünflächenbereich gehört schon auch zur Wohngeldstelle“, bestätigte mir der Mann mit den Ärmelschonern, „aber wo genau die im Hafenamt jetzt sitzen, das dürfen Sie mich nicht fragen.“ Ich tat es trotzdem, wartete die Antwort gar nicht erst ab und lief aufs Geratewohl in den dritten Stock zu Schulbehörde und Gewässerschutz.

Natürlich war das Amtszimmer leer, und schon nach einer halben Stunde begann ich, das treffliche Panorama zu begutachten, das sich beim Blick aus dem Fenster bot. Dreimal zählte ich die Schindeln auf dem gegenüber liegenden Dach nach, da wurde unvermittelt die Tür aufgerissen. „Es tut mir Leid“, keuchte der Beamte, „der Fahrstuhl war außer Betrieb!“ Ich runzelte die Stirn. „Sie hätten doch wenigstens kurz durchklingeln können“, tadelte ich ihn. „Jetzt ist der ganze Zeitplan durcheinander. Na, machen Sie schnell, dann haben wir’s hinter uns.“ Dienstbeflissen nickte der Amtmann und wies mit der Hand auf seine Begleiter. „Herr Oberschmidt, Herr Alberti, und den Kollegen Rotwängler kennen Sie ja bereits.“ Ich nickte den dreien freundlich zu und bat sie, Platz zu nehmen, während ich mich hinter dem Schreibtisch niederließ – offenbar war ich in der Gewerbeanmeldung gelandet, die Papiere handelten sich um Jagdwesen und kommunale Statistik. „Sie haben sicherlich das Memo gelesen“, begann ich die Besprechung, „daher würde ich gern direkt in medias res gehen – haben Sie Fragen?“ Alberti meldete sich verschüchtert. „Dass wir die Arbeitssuchenden zu mehr Flexibilität ermuntern sollen, das war ja laut Dienstanweisung klar. Aber ich hatte nicht ganz verstanden, was das heißt: mehr Kreativität beim Finden neuer Berufsbilder.“

Ich sah ihn nachsichtig über den Rand meiner Brille hinweg an. „Mehr Kreativität – die Berufe liegen auf der Straße! Man muss sie nur aufheben und sinnvoll einsetzen.“ Lässig durchblätterte ich einen Ablehnungsbescheid zum Bewässern von Straßenlaternen. „Was fällt Ihnen denn zum Thema Entsorgungswirtschaft ein? Na, Oberschmidt?“ Er guckte hilflos in die Runde. „Müllmann? Gibt’s das nicht schon?“ „Eben“, versetzte ich und schlug mit der flachen Hand auf den Papierstapel. „Darum braucht’s hier neue Akzente. Müllschlucker!“ Sie glotzten mich entgeistert an. „Oder denken Sie an die Reinigungsbranche. Was wären wir bloß ohne Scheibenwischer? Allzweckreiniger?“ Rotwängler gluckste. „Und Beckenbauer und Zitronenfalter!“ Unter meinem eiskalten Blick erstarb jäh seine unangebrachte Fröhlichkeit. „Herr Kollege“, sagte ich schneidend, „Ihre albernen Späßchen machen Sie bitte nach Dienstschluss. Dazu ist das zu ernst.“

„Sie meinen“, tastete sich Alberti vor, „wir könnten mit einer ganz neuen Nomenklatur die Arbeitssuchenden wieder besser in Lohn und Brot bringen?“ Er hatte es offenbar begriffen. Und ich ließ mich nicht lumpen. „Welches Orchester kommt heutzutage noch ohne einen Geigerzähler aus? Können Sie sich einen landwirtschaftlichen Betrieb ohne einen professionellen Feldstecher vorstellen?“ „Der kann dann auch eine Zusatzqualifikation als Kartoffelpuffer machen“, warf Rotwängler in die Runde. „Na sehen Sie“, meinte ich wohlwollend zu ihm, „Sie haben begriffen, worum es geht.“

Die Köpfe rauchten; binnen einer Viertelstunde entstand in unserer kleinen Runde eine epochale Ideensammlung zur Reform des Arbeitsmarktes. Kein deutscher Mischwald würde mehr ohne einen Raupenschlepper bleiben müssen, kein Arbeitsplatz in diesem Verwaltungszentrum ohne einen eigens dafür abgestellten Bildschirmschoner. Wer sowieso den ganzen Tag in verrauchten Kneipen herumsaß, würde künftig als Barhocker sein Brot verdienen, wer mit einem Zollstock umgehen könnte, hätte eine Chance, sich als Brotmesser zu verdingen. „Aber ob man daraus auch Vollzeitarbeit machen kann?“ Oberschmidts Einwand schien nicht ganz unberechtigt. Doch in synergetischer Teamarbeit kam der rettende Gedanke schnell. „Man müsste“, entwickelt ich meine Arbeitsmarktvision, „einfach zwei uhrzeitabhängige Halbtagsjobs miteinander verbinden – tagsüber Sonnenanbeter, nachts ein Sternenbanner.“ Der frenetische Applaus in der Runde gab mir Recht.

Der Funke war übergesprungen. Schon reichten die Verwaltungsfachleute ihre Berufsbilder von Briefbeschwerer und Deckenfluter, Mauszeiger, Sattelschlepper und Drahtzieher untereinander weiter. Befriedigt nickte ich die Vorschläge ab. Schließlich erhob ich mich von meinem Sessel, fasste die Ergebnisse der Dienstbesprechung in einem kurzen Schlusswort noch einmal zusammen und versprach, sie so schnell wie möglich in einer informellen Dienstanweisung über das Intranet an die zuständigen Abteilungen zu kommunizieren. Ein kurzer Händedruck, mit dem wir die Entente besiegelten, dann brach man in bester Laune auf. „Ach, ehe ich es vergesse“, fasste ich Rotwängler am Arm, „hier lag noch dieses Antragsschreiben herum. Könnten Sie das freundlicherweise auf dem Rückweg bei der Bauaufsicht einwerfen? Man weiß ja nie – wenn man hier nicht alles ständig im Auge behält, gibt es die größte Verwirrung.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLVI): Bürgerbevormundung

26 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, das Leben stellt uns vor Herausforderungen. Man muss Bananen schälen, bevor man sie sich via Startpunkt des Verdauungstrakts – und genau hier beginnt schon eine Diskussion, die mehr Nerven kostet, als eine Horde Hasenhirne hat – in die Figur drischt. Der döschige Primat schafft’s unfallfrei, ab einem gewissen Bildungsgrad sollte man davon ausgehen können, dass Jetztzeitler sich eine Schlauchbeere ebenso reinpfeifen. Doch wir haben nicht mit den Bekloppten gerechnet, die aus allen Löchern kriechen, Maden in Germany und sonst wo, geschaffen einzig, uns zu bevormunden. Sie hocken in verschmalzten Hinterzimmern und brüten über den Bananenschalenentfernungsverordnungen, Kauvorschriften, Schluckbestimmungen, damit bloß kein Bürger mit dem Zeugs tut, was ein unmündiger Säugling täte: die Nummer, die auch der Affe hinkriegt, weil ihn der Beknackte mit seiner Dienstanweisung nicht kümmert.

Der Bürger, kurz: das doofe Subjekt, das sich einbildet, handelnder Souverän zu sein, muss vor sich selbst geschützt werden. Der Weg beginnt mit dem Einzelfall; wenn jährlich dreizehn Kinder beim Verzehr von Hotdogs in den Vereinigten Staaten von Amerika ihr Leben lassen (hier kann man leicht unterscheiden: schaffen diese Kinder es ohne fremde Hilfe, so kann man ihren Eltern wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht eins auf die Birne möllern – sind die Eltern an der Erstickung ihrer Blagen beteiligt, sollte man ihnen noch extra die Nase tiefer legen), so muss es unbedingt eine nationale Initiative geben, um eine nicht lebensgefährliche Wurst im Brötchen zu entwerfen. Die Annahme, dass eventuell Dropouts im Genpool zu einer Grundblödheit führen, mit der für Pudel gedachte Aufgaben von Zweibeinern nicht gelöst werden können, ist für manche Aufsichtsführer kaum erträglich. Sie meinen es gut mit uns.

Und genau das ist das Problem. Längst haben die Kontrollfetischisten ihre Erfüllung gefunden und überziehen die Wehrlosen mit Instruktionen, Normen, Gesetzen zum Aufblasen von Luftballons, sie legen den Krümmungsgrad von Karotten fest und reglementieren den Glibbergehalt in Napfsülze, auf dass die Gallerte global gleich wabbelt und nicht in Albanien anders als in Nepal vom Teller suppt. Eine naturbelassene Banane ist dem Homo sapiens aus humanitären Gründen nicht mehr zuzumuten, und immer öfter munkelt man, eine derart massive Hirnverdübelung sei ein sicheres Zeichen dafür, dass es erstens eine Weltregierung gebe und dass sie zwotens aus den dämlichsten Arschlöchern dieses beknackten Planeten bestehe. Offenbar hat diese aus Illuminaten, EU-Schergen und Kindermädchen zusammengeschusterte Truppe sich dem Ziel verschrieben, den Bürger praxisnah in seine Komplettverdeppung zu überführen. Kein besserer Haushalt mehr, in dem nicht auf dem Heißluftgebläse stünde, dass es – so schröcklich kann’s gehen – Heißluft bliese. Kein Schuhlöffel mehr ohne Warnhinweis, dass das Verschlucken auf eigene Gefahr geschehe, generell aber nicht zum Standardprogramm gehöre. Nur noch wenige Jahre, dann haben wir den paradiesischen Zustand erreicht und erhalten grell blinkende Botschaften mit Sirene und Böllerschüssen, sobald wir dem Wasserhahn nahe kommen – damit wir bloß nicht vergessen, dass Wasser nass ist.

Die Weltregierung, oder wie auch immer diese Ansammlung intellektueller Lackschäden auch heißen mag, liebt uns. Genau das ist das Problem. Die Schimmelhirne schwiemeln sich ins Leben des geistig gesunden Bürgers hinein wie anstrengender Körpergeruch in ein Großraumbüro. Nachdem sie über die Luftverschmutzungsverordnung reguliert hat, welche Umweltgifte legal in den Standardapfel gelangen dürfen, klatscht sie aufgepumpte Balken in die Autowerbung, um kundzutun: Achtung, beim Erwerb eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor entstehen Folgekosten wegen Benzinverbrauchs. Wer derlei Dünnsinn den flach gebauten Bratzen auf die Denkhaut schmaddert, kann nur von der Hoffnung getragen sein, dass der bevormundete Bürger im Schnelldurchgang verblödet oder aber sofort und unwiderruflich in Schockstarre verfällt, weil er sonst die Prozedur durchschaut und mit Waffengewalt jede Diskussion darüber abkürzt. Ob wir uns wehren, wenn das Internet Sendezeiten und die Tageszeitung verschiebbare Balken hat für Tittenbilder am Katholikenkiosk? Man müsste dazu ja den Rasen betreten.

Und da sind wir auch schon. Willkommen in einer Welt, in der Schnaps ab 21 verkauft wird und daher kindersichere Flaschen braucht. In einer Welt, deren letztes Abenteuer es sein wird, Wetten abzuschließen, wann Reißnägel nicht mehr lose in der Plasteschachtel, sondern einzeln in Anti-Pieks-Hüllen im Baumarkt lagern. In einer Welt, in der Zigarettenschachteln als großes Contra gelten und der Raucher als die Verkörperung des Asozialen schlechthin – und in der die letzten Freien einem quarzenden Altkanzler zusehen, wie er die Fluppen im Gesicht eines faselnden Moderatorenbübchens ausdrückt. Selbst Schuld. Keiner hat den Döskopp zum Passivrauchen gezwungen.